8. März 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Herzlichen Dank für Brief und Kurier. Hierseits ist nichts entsprechend Wichtiges eingegangen. […] Ich lege bei: die Rezension von Dehn,1 […] eine Nummer der Frankfurter Zeitung mit einem Wetterleuchten aus unbekannter Ecke. […]

Hier ist wenig geschehen, seit wir uns trennten. Am Römerbrief 📖 noch gar nichts. Die Predigt über die Sadduzäerfrage entstand z.T. erst am Sonntag Morgen in Notizenform. Dann war Reitzenstein zu Besuch da. Wir hörten eine dunkle Dichtung von ihm und brachten das Doppelkonzert von Bach wieder einmal zur Aufführung. Dann habe ich Ludendorff2 und Scheidemann3 in einem Zug durchgelesen, mit gespanntester Anteilnahme an der Entstehung des Wracks, auf das wir nun vielleicht uns begeben sollen. Es sind beides, wenn auch sehr verschieden, höchst instruktive Bücher zur Erkenntnis der Gerichtsluft, in der wir leben. Scheidemann übertraf meine schlimmsten Erwartungen; |474 aber auch er ist in seiner Weise ein in sich geschlossener Kreis. Beachte, was er über Michaelis und den Prinzen von Baden sagt, in denen das Christentum in fragwürdigster Weise seinen Schildkrötenpanzer eben so streift. Man sollte noch viel mehr solche Bücher lesen und zwar von A-Z; die Hiobfrage ist doch schauerlich deutlich auch in dem menschlichen zoologischen Garten.

Ein merkwürdiges Zwischenspiel hat gestern Abend in einer vielstündigen Sitzung des Arbeitervereins, kaum begonnen, seinen Abschluß gefunden. Die Wackern wollten mich im April kumuliert als Großrat4 portieren! Der Präsident kam am Samstag zu mir in der etwas kühnen Erwartung, die Aussicht auf diesen kurulischen Stuhl werde mich sicher dazu bringen, den andern Stuhl in Göttingen (von dem mittlerweile das Gerücht durch das ganze Dorf gegangen) auszuschlagen, oder ich werde doch bereit sein, die sozialistische Liste mit meinem «geachteten und beliebten» Namen durchzureißen und ein Mandat zu erobern. Du kannst dir denken, daß mein politisches Äderchen einen Augenblick anschwoll und das «Gelüsten», wie Kutter sagen würde, an mich herantrat, im Lauf des Sommers meinen Abschied von der Schweiz auch in dieser Weise zu feiern (im Großratssaal in Aarau irgendwie frondierend gegen die freisinnigen Großräte Haller, Zimmermann und Preiswerk, Mitglied einer Kommission für die Korrektion der Wyna5 oder ein Kleinviehversicherungsgesetz, «kleine Anfragen» an die Regierung richtend und dergl. mehr!). Ich habe dann aber männlich widerstanden und mich begnügt, abgesehen von meiner Kandidatur energisch in die Verhandlungen einzugreifen, was sehr nötig war, denn der Sumpf bei den Sozialisten ist groß. Es kam so weit, daß einer vorschlug, den Arbeiterverein aufzulösen, worauf ich nach dem Gewitter, das ich zuerst hatte ergehen lassen, begütigend erklären konnte: Nein, das nicht, aber … Es kam auch wieder zu der weinerlichen Aufforderung des Präsidenten, die Genossen sollten doch fleißiger zur Kirche gehen, worauf ich wieder abwinken mußte: auch das seis nicht! Endlich baten mich zwei der Vorgeschlagenen, die durchaus nicht annehmen wollten, mit ihren Frauen (!!), die besonders zu wider|475streben scheinen, Rücksprache zu nehmen, was ich denn auch zusagte. […]

Vale! […] Mit herzlichem Gruß dir und Marguerite
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
G. Dehn, Rezension über Barth, Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke 📖; Barth / Thurneysen, Zur inneren Lage des Christentums 📖; Barth / Thurneysen, Suchet Gott, so werdet ihr leben!, in: Aufwärts, 7.1.1921 📖.↩
2
E. Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 1921. 📖↩
3
Ph. Scheidemann, Der Zusammenbruch, Berlin 1921 📖↩
4
= Abgeordneter im Großen Rat, dem kantonalen Parlament.↩
5
Ein Flüßchen im Aargau.↩