22. Februar 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Der Expreßbrief [aus München] ist heute unter Jubel von Groß und Klein ins Haus gebracht worden. Ich bin aber bald erschrocken, als ich öffnete und sah, wie nahe mir die Drucker auf den Fersen sind. Ich werde nun übermorgen korrigierend durch das Großherzogtum Baden fahren und dann von Marburg aus die Bögen samt dem 5. Kapitel 📖 gen München schicken.

Vielen Dank für deine Hinweise zu 5,12f. […] Das ἵνα damit V. 20 ist natürlich betont, darf aber nicht gepreßt werden (ich bin schon fast bis zum Äußersten gegangen!), sonst könnte man bei Kap. 6 und 7 auf einmal in der Patsche sitzen und zuviel gesagt haben. Wir gehen haarscharf an verschiedenen alten Ketzereien vorbei, nicht nur in diesem Punkt, und müssen Achtung geben, daß wir nicht mit irgend einer gar zu schneidigen Formulierung hängen bleiben. Das Geschrei über Gnostizismus wird ja sehr wahrscheinlich bei dieser neuen Auflage lauter als je anheben. Es ist wirklich eine Kanufahrt auf dem Niagara.

472Nochmals innigen Dank für deine Handreichung. Ich sinne schon jetzt an einem schönen Satz, in welchem deiner höchst handgreiflichen Mitwirkung im Vorwort 📖 ein Denkmal gesetzt werden soll. Du hast ja auch aus den neuen Druckbogen gesehen, daß ich deine Sätze meistens einfach wörtlich abschreibe. Für künftige Lizentiaten eine dankbare Fundgrube! Und nun bin ich schon an den letzten Zurüstungen zur Reise. Morgen Mittwoch bin ich in Basel. Auf Donnerstag Abend habe ich mich in Marburg angekündigt. Am Freitag gehts vielleicht mit Halt bei Pfarrer Schlunck in Melsungen (dem Renitenzmann!) nach Göttingen. Dort predige ich, «mit Freuden» willkommen geheißen, am 27. über — «der Herr wäget die Geister»1 [Spr 16,2]. (Ich bin schließlich auf diese Predigt2 gestoßen als auf die zugleich neutralste und sachlichste und bin eben daran, sie noch mit einigen Vorsichtsmaßregeln und Palisaden gegen Stange und Titius zu versehen! Im Ganzen ist nicht viel zu ändern.) Dienstliche Mitteilungen würden mich dort erreichen von Freitag bis Montag bei Pfarrer Heilmann. Am Montag Abend habe ich mich bei Freund Herpel angezeigt. Am Dienstag würde ich wenn nötig nach Erlangen fahren zu Prof. Müller und käme Dienstag Abend oder Mittwoch nach München. Mach doch ja, daß ich dich dort vorfinde, gelt? […] Unbedingt mußt du hinkommen, Dostojewski hin und her. Ich nehme die Karamasoff 📖 mit auf die Reise und lasse mir dann gerne von dir Aufklärungen geben. […]

Die Göttinger Sache kommt mir oft gänzlich unmöglich vor. […] Und nun naht schon die Stunde, da ich mich in den Expreß werfe, seltsam fragwürdige Situation! Deine Teilnahme und Freundschaft ist mir in diesen trüben Stunden ein großer Trost. Und wie werde ich erst in Zukunft deines Zuspruchs bedürfen; auf irgend einer Klippe werde ich ja sicher endigen.

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite
Dein
Karl

Dank für deine Predigt. Sie ist gut. Und so lasse ich mir ein Gemeindeblatt gefallen!!

Sachfußnoten

1
Veröffentlicht unter dem Titel «Das große»; in: K. Barth / E. Thurneysen, Komm Schöpfer Geist!, München 1924, S. 14–23 📖. ↩
2
Zuerst gehalten in Safenwil am 17.10.1920.↩