464
2. Februar 1921
Hier endlich ein weiterer Vorstoß, unternommen mit schwerster Artillerie, in neuen Uniformen und mit Zuzug von Reserven von der Ostfront, um wie gewohnt irgendwo um das ὑπὲρ ἡμῶν herum stecken zu bleiben. Daß es um ein Gelindes besser ist als in der 1.Auflage
📖 und auch etwas kürzer, ist ein kleiner Trost. Und daß mein Abrakadabra von Sein und Nicht-Sein auch besser ist als das populär sein wollende Gewäsch Ragazens über Blumhardt,1 ist auch ein schwacher Trost. Wir sitzen doch alle in einer Wanne.
Was magst du zu meiner Nachricht wegen Göttingen gedacht haben? Als heute Morgen kein Brief von dir da war, hofften wir bestimmt, dich alsbald mit irgend einer Expreßgelegenheit in persona hier eintreffen zu sehen. […] Du kannst dir denken, wie es in mir und in Nelly mit mir rumort. Alle nur möglichen Bilder entrollen sich: der (zum Glück nicht umständliche wie bei dir in Leutwil) «Abbau» hier, der Umzug mit Grenzschikanen, die Reise mit drei bis vier Unmündigen, die Ankunft in dem ehemaligen «Gasthaus», das laut Brief für den zukünftigen Professor bereit sei, und dann öffnet sich wie ein gähnender Schlund die Notwendigkeit, einem unbestimmten Haufen oder Häuflein deutscher Theologiestudenten Mitteilungen, irgendwelche (was nur für — und über was doch nur auch?) Mitteilungen zu machen. Ende in der freien Luft, offenkundig, an diesem Hauptpunkt. Daneben dann: Definitiver Schluß mit allen klassischen Mittagessen, Kinder, die nicht genug Milch kriegen, in meiner Pfeife echtes Buchenlaub, Abgabe eines Drittels unserer Batzen an die verwünschten Westler, von denen sie ja z.T. auch herkommen sollen, Teilnahme von Markus und Stöffeli am nächsten Krieg. Weiter: seltsame Existenz als Säule reformiert-konfessioneller Bestrebungen, leise nahender Geruch von Konsistorialrätlichkeit, Bönzlein unter Bonzen, neue bedrohliche Nähe von «Patmos» (Rudi Ehrenberg!), Verwicklungsmöglichkeiten unübersehbarster |465 Art. Weiter freilich auch: erfreulicher Übergang zu einer gewissen Weltlichkeit, heraus aus dem schweizerischen toten Winkel (o wie werde ich noch heulen nach meinem stillen Safenwil!), endlich ein Publikum, zu dem eine dialektische Beziehung möglich ist, sensationell merkwürdiges Zusammenwirken mit Stange, Bertholet, Kühl2 (sonst weiß ich noch nicht wer dort ist), Ausblick über die deutsche Tiefebene, Fahrten mit Expreßzügen nach allen Richtungen, Besichtigung des nicht mehr allzu fernen Meeres, Nelly redete schon von einer Sommerreise nach Norwegen!! Und ich träumte, schon bevor dieser Brief kam, ich sei in voller Fahrt auf einem Hamburg-Amerika-Dampfer irgendwie gegen Westen. Das alles, das Mögliche und das Unmögliche, vor uns von Nebelschwaden umgeben, so staunen wir jetzt vor uns hin und sind doch darin eigentlich vom ersten Moment an einig gewesen, wenigstens vorläufig nicht Nein zu sagen, sondern die Eindrücke abzuwarten, die ich bei einer demnächst, d.h. nach dem entscheidenden 7. Februar stattfindenden Reise von Ort, Menschen und Situation zu gewinnen hoffe. Auf alle Fälle würden wir, wenn die Anfrage offiziell würde, erst auf nächsten Winter hingehen, damit unser Nr. 4 noch den Safenwiler Sommer hat, der Römerbrief
📖 noch fertig wird, und ich ein wenig Zeit habe, mir zu überlegen, was «Systematische Theologie» wohl sein mag. Irgendwie ein besserer Konfirmandenunterricht, wa? Ich müßte übrigens auch ein wenig als Historiker funktionieren, denk für reformierte Kirchengeschichte!! Ja was noch alles, Märchen aus 1001 Nacht!
Hier sende ich dir allerhand mit Dank zurück. Sieh Röm. 5,1–11 genau durch, ob alles klappt. Ich schreite unterdessen weiter zu Adam und Christus.
Wenn aus der ganzen Sache nichts würde, welche Entlastung! Oft ists mir wie ein böser Traum!
Mit herzlichem Gruß dir und Marguerite