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19. Juli 1920
Da — der Kompromißvorschlag [Herpels], wie ich mirs dachte. […] Es sollte mich wunder nehmen, wenn wir ihn verschieden auffaßten. […] Mich sieht das Ding nicht gut an. Welch ein Chaos von Fragen und von Leuten, die reden, reden, reden wollen! Was sollen wir unter ihnen? Was wir bis jetzt zu bemerken haben, das wissen sie aus unsern Büchern und Briefen zur Genüge. Es wird dafür gesorgt sein, daß sie nicht ganz wider den Stachel löcken können, daß ihnen unsre Gedanken auch ohne uns gelegentlich wie Prügel zwischen die Beine fahren werden. Mit uns weiter nachzudenken, vorwärts zu arbeiten, dazu haben sie keine Lust. Unsere Rolle bestünde tatsächlich nur darin, ihnen zu ihren «Haupterörterungen» das Hochamt zu lesen, wobei du als Referent über den Kolosserbrief nicht einmal vorgesehen bist und auf |414 unsere weitern Vorschläge von Schweizern überhaupt nicht Rücksicht genommen wird. — Bei dieser Lage fühle ich keinen Antrieb hinzureisen. Was wollten wir dort Anderes tun, als sie von ihren «Haupterörterungen» tunlichst abzulenken? Vielleicht steht es ja wirklich so, daß sie nun zunächst an ihren brennenden Fragen die Hände sich wärmen müssen, wie wir ja durchaus durch das Stadium […] Karl v. Greyerz-Ragaz hindurchmußten. Die Gewissenserleichterung, daß die «Frage nach Gott» doch auch zur Geltung komme, dürfen wir ihnen nicht verschaffen, wo es so deutlich ist, daß sie uns überhaupt nur als Korrektiv dabei haben wollen. So kann ich jene Stelle in Kierkegaards «Richter»1 nicht verstehen. Unsere Abwesenheit wird ihnen deutlicher sagen als alles, was wir vorbringen könnten, daß wir unsern Beitrag zur Bewegung nicht als Randglosse, als freundliche oder auch etwas unheimliche Morgen- und Abendandacht auffassen. Was ihnen in dieser Form beizubringen ist, wird ihnen der Kolosserbrief selbst auch beibringen. Wir aber können diese Form nicht gutheißen. Die Idee, uns ausgerechnet über das Thema «Sollen wir politisch handeln?» als Diskussionsredner anzukündigen, ist einfach grotesk. — Oder siehst du alles ganz anders, milder, möglicher an? Wenn nicht, so übernimm doch bitte wieder unsern Antwortbrief, dem ich mich dann anschließe. Es eilt aber, sonst setzen sie uns auf irgendeine Liste. Ich will, wenn du mich nicht gründlich eines Besseren belehren solltest, ganz und gar nichts mit der Geschichte zu tun haben. […]
[…] Bei uns wimmelt es: zwei Ferienbuben aus Zürich, Gipser und Tapezierer in Sicht für unser Schlafzimmer, am Freitag also Merz, der heute die Grenze überschreitet. Arge Hitze. Gestern abend Schluß der Epheserbriefbesprechungen; wir kehren nun zu Matth. 20 zurück, wo wir letzten Herbst stehen blieben. Dostojewski, «Die Dämonen»
📖. 2.Kor. 5 beendigt mit zwei Predigtenα, die du einmal einsehen kannst. In der Vorbereitung zu Kolosser stecke ich schon ziemlich tief; vielleicht führe ich sie nun zu anderm Zwecke durch.
Herzlichen Gruß euch Beiden!