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8. Dezember 1918
Brunners Briefe habe ich aufmerksam gelesen, wovon ein paar Randglossen zeugen. Mein erster und letzter Eindruck ist ein gewisses Bedauern; ich hätte eigentlich eine etwas andere Äußerung zu deinem Römerbrief
📖 erwartet. Hat er eigentlich wirklich zugehört? Statt dessen kommt er sofort mit seinen Schachteln daher und probiert, ob dein «Wurf», wie er das nennt, in die eine oder andere passe. Er ist von vornherein überzeugt, daß die Prädestination (er meint natürlich wieder die des Einzelnen) ein «gottloser Gedanke» ist, er handhabt die Himmelsleiter des sittlichen Stufenbaus als notwendigstes Requisit des modernen Menschen. Er ist im Geheimen wahrscheinlich ein Mystiker und offensichtlich ein ausgekochter Individualist und läßt sich das durch keinen Römerbrief in Frage stellen. Er versucht sogar in krampfhaften Selbstgesprächen die ganze pietistische Askese und Seelenanalyse auf eine neue Weise zu übernehmen. Das alles ist ihm natürlich nicht wei|307ter anzurechnen, aber es verhindert eine ernsthafte sachliche Diskussion, in die mit Brunner einzutreten, immerhin möglich zu sein schien. Vorläufig hat ihn der Römerbrief einfach erheblich gestört, und er versucht diese Störung abzureagieren. Du wirst nicht viel anderes können als ihm freundlich und beharrlich sagen, daß Paulus sich seine Einwände: Humanismus! Ethik! Freiheit! Entwicklung! auch schon überlegt und deswegen u. a. den Römerbrief
📖 geschrieben habe. Es läßt sich denken, daß man Brunners Überlegungen in globo ablehnt, ohne sie Stück für Stück zu überlegen. Er ist einer unserer gescheitesten Freunde, und es könnte sich zwischen dir und ihm ein laufendes Seegefecht auf weite Distanz entwickeln. Es wären da wichtige Dinge zu verhandeln: er stellt die Frage nach einem kosmologischen oder ontologischen Denken und rührt damit an den Begriff des «Ursprungs», der nach unserer Auffassung die beiden Reihen aus sich entläßt. Er lehnt die Prädestination ab und wird sich daher unsrerseits die Frage gefallen lassen müssen, wie er von der Realität eines souverän handelnden Gottes denkt. Lad ihn doch zu einem Religionsgespräch ein!
Ich lege eine Karte von Gelzer bei um ihres ganzen cachet willen. Ja, so können wir einander noch lange nicht schreiben — mir ist nicht ganz wohl dabei. Von mir bekommst du bald zwei gedruckte Predigten. Die Landesstreikpredigt muß auf direkten Wunsch der Kirchenpflege und auf deren Kosten verbreitet werden, nach ihrer Meinung zur Beruhigung der Bevölkerung. […]
Würde sich wirklich im Johannesevangelium die Aussicht auf Fichte und Eckehardt eröffnen? Steht nicht auch dort alles in jenem Lichte, das bei Paulus so deutlich leuchtet? Wenn nur wir dieses Licht wieder recht sähen!
Hier noch ein schönes Wort von Bengel:
«Eine Ente kann nicht untersinken, solange sie die Füße beisammenhält. So war Davids Herz. Es kam zwar allerlei Ungerades dazwischen, aber sein Herz blieb allzeit richtig, und darum hat es ihm nicht gefehlt.»
Herzlich