1. Dezember 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Es wird dich als ersten Mitschuldigen am Römerbrief 📖 auch interessieren, die drei Briefe Brunners zu lesen, die heute in einem Couvert ankamen! Er will im «Kirchenblatt» rezensieren1 und hat dazu die bisher erschienenen Bogen bekommen. Ich verstehe nicht alles. Was ist das z. B. mit dem Kosmologischen und Ontologischen? Es überrascht mich, daß ich in der Tat bisher mit seinen beiden Haupt-Göttern Eckehardt und Fichte nichts Positives anzufangen wußte. Ich las darin und war nachher so klug wie vorher. Wie gehts dir eigentlich mit ihnen? Fichte steht sehr schön gebun|305den bei dir, hast du ein Verhältnis dazu wie offenbar auch Kutter? Die Bemühungen Brunners, alles unter eine Wölbung zu bringen, sind mir nicht recht sympathisch. Was soll ich ihm auch auf das «Selbstgespräch» im 2. Brief antworten? Er nimmt einen so seltsam eifrig beim Rockknopf. Erklär mir ihn ein wenig, damit ich, wenn es sein soll, in ernsten Verkehr mit ihm kommen kann.

Was für eine elende Sache das Kapitel am Donnerstag! Diese ratlose Pfaffheit! Das Beste war noch, wie wir P. durch unser Eintreten für [den freisinnigen] W. und die Andern in der Helvetia durch unsern Bolschewismus ärgern konnten. Welche Tragikomödie mitten in der Götterdämmerung.

Ja die Entente! Nun ist der Teufel sichtlich zu ihnen übergegangen. Aber nur nicht diese einfachen Konstruktionen Kutters gegenüber so komplexen Vorgängen! Wollen wir nicht wie Oeri2 eine Amerika-Reise antreten, um unter dem Platzregen von 200000-300000 Toasten (ists menschenmöglich?) festzustellen, wie die da drüben eigentlich sind? Das sollten wir doch wissen, nicht? […] Oder wollen wir lieber nach Palästina? Dort sollten wir doch eigentlich auch einmal gewesen sein. Ich nährte jüngst ein ganzes Mittagessen mit dem entsprechenden Reiseplan und führte nachher mit den Kindern den voraussichtlichen Kamelsritt auf. […]

Heute Morgen habe ich nach schwerster Not über Joh. 1,1 gepredigt und will nächsten Sonntag fortfahren. Kinderlehre wie gewohnt verunglückt. Das kann ich einfach nicht. Heute Abend Fortsetzung von Apg. 2 [im Blaukreuzverein]. Schicke mir wieder einmal von deinen Predigten. Ich werde schon dahinterkommen.

Wie stehen wir eigentlich zum Johannes-Evangelium? Wahrscheinlich würde sich von da aus die Aussicht auf Eckehardt und Fichte ergeben, die Brunner jetzt bei «meinem» Paulus vermißt.

Treulichst und herzlichst
dein
K. B.

Sachfußnoten

1
E. Brunner, «Der Römerbrief» von Karl Barth. Eine zeitgemäß-unmoderne Paraphrase, in: Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, Jg. 34 (1919), S. 29–32 📖; wieder abgedruckt bei J. Moltmann (Hrsg.), Anfänge der dialektischen Theologie, Teil l, München 1962, S. 78ff. 📖↩
2
Albert Oeri (1875–1950), Chefredaktor der «Basler Nachrichten».↩