21. November 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich habe in der Tat Zeichen großer Entrüstung angetroffen in meinen beiden Dörfern. Der Geldbaron von Dürrenäsch ist sogleich, nachdem er in den Wirtshäusern von der «Brandrede» des Pfarrers vernommen hatte, zum Kirchenpflegspräsidenten gesprungen und wollte ihn scharf machen, was aber nicht gelang. Ich habe nun mit diesem abgeredet, die Predigt drucken zu lassen, um klarzulegen, was ich gesagt habe. Das Gespräch mit ihm lief in einer heftigen Streitrede über den Sozialismus aus, natürlich ohne sichtbares Ergebnis.

Zu einer Proklamation bin auch ich noch nicht gekommen. Es ist mir aber fraglich geworden, ob es möglich sein werde, etwas Deutlicheres zu sagen, als es das Predigtlein der Zürcher Religiössozialen oder der akademische Aufruf der Zürcher Studenten1 ist. Vielleicht müssen wir uns doch mit dem Wort von der Kanzel und dem gewissen Aufruhr, den es erzeugt hat, begnügen. […]

Herzlich
deine
Leutwiler

Sachfußnoten

1
In der Zeitung «Vorwärts» vom 21.11.1918 📖.↩