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12. Juni 1918
Ich schicke dir da, bevor es an Bäschlin abgeht, das Vorwort, damit du dieses wichtige Stück mit deinem bewährten Takt und Geschmack prüfest auf hochmütige, unvorsichtige etc. Stellen, die durchaus noch weg sollten, oder auch auf Lücken. Die Arbeit an |281 der 2. Fassung ist nun in vollem Gang und das 1. Kapitel geht bereits ab. Wie anders sieht mich alles diesmal an als das erstemal, eigentlich noch viel fremder und geheimnisvoller. O heie! Das merke ich jetzt schon: es bleibt noch unendlich viel Unverstandenes zurück für spätere Entdecker, die mein Buch
📖 in die Hand nehmen werden, wie ich etwa den Tholuck
📖. Eigentlich ist der Ton des Vorworts viel zu zuversichtlich für die Unsicherheit, in der ich mich dem Brief und der Sache gegenüber befinde. Und nun steht viel saure Arbeit bevor. Bis jetzt mußte alles ganz neu ausgearbeitet werden, und wer weiß, wie mich dann das Ende des Briefes wieder ansehen wird. Wahrscheinlich könnte ich jahrelang kehrum umschreiben, nun muß ich aber auf den 15. Okt. spätestens fertig sein. Da werden einige Sonntagserleichterungen sehr nötig und dienlich sein. Wollen wir an einem der nächsten Sonntage tauschen? Wenn mir nur nicht die Kinderlehre bei dir so ein Stachel im Fleisch wäre!
Wir waren […] von Sonntag bis Dienstag in Bern, zur Verlobungsfeier,1 wobei es mit dem neuen Schwager sofort sehr heimelig und gut wurde. Er gehört trotz Cohen oder vielleicht gerade darum durchaus zu uns, keinesfalls zu Ragaz und Gerber. Ich erwarte viel von seiner feinen bedächtigen Art, wie sie die Berner haben. […] Heiner sprach diesmal gemäßigt, sein und mein Buch2 wurden mit zwei feindlichen Minenstollen verglichen, in denen man den Andern nur schürfen und klopfen hört, ungewiß in welcher unheimlichen Tiefe, ungewiß wer zuerst in die Luft fliegen wird. […] Karl Lindt hörte ich eine Religionsstunde im städtischen Gymnasium geben unter bösen Buben, aber überlegen und sachlich. Bei Schädelin stürmische Gespräche über Ragaz, den er gegen mich verteidigen zu müssen behauptet. […] Bei Bäschlin vernahm ich, daß der Verkauf unsrer Predigten
📖 befriedigend, aber noch nicht eben glänzend sei. […] So waren es recht muntere Tage. Wir freuten uns auch einfach über das Stadtleben an sich. […]
Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite