26. Januar 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Ich habe euch gestern einen etwas schlottrigen Brief geschrieben und möchte Einiges nachholen. Zuerst wegen des letzten Kränzlis an sich. Wir waren nicht so ganz befriedigt diesmal. Es kam uns die Sache ein bißchen zerfahren vor. […] Sollte nicht die Zeit jeweilen noch besser ausgenützt werden? Vor allem die Stunden vor dem Anfang der Exegese z. B. durch unaufhaltsames Predigtenvorlesen seitens des Gastgebers? Dabei kommt ja immer etwas heraus, bei dem plaudernden Herumstehen und Büchertitelbesichtigen nicht immer. Sollte nicht dem jeweiligen Gastgeber die Verantwortung für eine gewisse Initiative und Leitung der Verhandlungen überbunden werden, was dann auch verhindern könnte, daß eine Diskussion so in lauter Privatgespräche zerfällt wie die über S. Horne. Von einer Vorlesung bei Tisch wie in den |174 Klöstern will ich vorläufig absehen, aber auch da müßte vielleicht eine gewisse Wachsamkeit platzgreifen, die nicht notwendig Ungemütlichkeit bedeuten würde. […] Ich habe in allen diesen Punkten auch schon schädlich gewirkt, und darum getraue ich mir, offen davon zu reden. […]

Da lies Wiesers Brief. Er zappelt auch in diesen unsern Nöten. Von der mystischen Verklärung des Begriffs «Aargau» habe ich ihm dringend abgeraten. Für den Vortrag 📖 eines Kapitels «Paulus» dagegen zugesagt und bin nun, kräftig angespannt, wieder ganz eingetaucht in ἐπίστευσεν und ἐλογίσθη und δικαιοσύνη [Röm 4,3] und was da Alles dahintersteckt. Auch im 4. Kapitel entfalten sich die bedeutendsten und aktuellsten Dinge, die ich dann dem kritischen Blick der Basler aussetzen will. — Den Vortrag bei euch ersorge auch ich. Ich weiß so gar nicht, ob «es» irgendwie kommen wird. Bis jetzt habe ich nur Ahnungen.

Und nun seid zum zweiten Mal herzlichst begrüßt von eurem durch Alles mitbedrängten und -belasteten
K. B.

Heute Morgen in der Unterweisung über Heimat, Heimweh, Heimatschutz etc. nach Nellys Zeugnis gemütvoll geredet. Nächste Woche folgt das Aber!