1. Januar 1962

Ein Wort zum Neuen Jahr

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EIN WORT ZUM NEUEN JAHR1

[Neujahr 1962]

Liebe Mitbürger und Mitchristen in der Nähe und in der Ferne!

Laßt uns aufrichtig sein: die Sorge, ja Angst, in der auch wir Schweizer in dieses neue Jahr eintreten, ist, tief in uns verborgen, stärker als die guten Wünsche und Hoffnungen, die wir uns ja auch heute, wie gewohnt, gegenseitig zurufen mögen. Der Horizont der uns heute umge|272benden Weltverhältnisse könnte ja kaum dunkler sein. Wird die wilde Bewegung, die die Völker heute ergriffen hat, aufzuhalten sein? Wird es einen Schutz geben vor den Mitteln, mit denen sie sich und uns alle heute bedrohen? Ob unsere Demokratie, unsere Neutralität, unser Wohlstand, unsere Wehrbereitschaft — ob wir alten und jungen Schweizer und Schweizerinnen dem Sturm, wenn er, schlimmer als alle früheren, losbrechen sollte, standhalten werden?

Ganz sicher werden dann nur feste Herzen standhalten [vgl. Hebr. 13,9]. Fest sind die Herzen von Menschen, die heute nicht hassen, wo die Meisten hassen, sondern lieben, wo nur Wenige lieben. Fest sind die Herzen von Menschen, denen Geben seliger ist als Nehmen [vgl. Apg. 20,35]: denen Brot für die Brüder2 bereit zu stellen heute wichtiger erscheint, als, um sich selbst zu verteidigen, nach neuen, noch schrecklicheren Waffen zu greifen. Fest sind die Herzen von Menschen, die darauf vertrauen, daß auch alles das, was vermöge unserer menschlichen Torheit heute geschieht und noch geschehen mag, in der festen Hand des gnädigen Gottes seine Grenze und sein Ziel hat. Die festen Herzen solcher Menschen werden auch im Jahr 1962, was es uns auch bringe — sie werden in Ewigkeit standhalten.

Wir haben im vergangenen Jahr eine neue, freilich altbekannte Nationalhymne bekommen.3 Ich meine, daß darin etwas zu viel von Morgen|273rot, Nebelmeer, Alpenfirn und dergleichen die Rede ist. Aber ein Satz darin ist gut. Er lautet: «Betet, freie Schweizer, betet!» Der Schweizer, der jetzt betet, ist ein freier Schweizer, hat ein festes und also ein liebendes, offenes, vertrauendes Herz, das auch 1962 durchhalten wird. Unser Vater im Himmel! Geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Es geschehe dein Wille! auf Erden wie im Himmel! [Mt. 6,9f.].

Sachfußnoten

1
Ansprache über Radio Beromünster.↩
2
«Brot für Brüder» heißt die kirchliche Hilfsorganisation für die Dritte Welt, das schweizerische Gegenstück zu «Brot für die Welt» in Deutschland.↩
3
Nachdem es in der Schweiz bis dahin keine offizielle Nationalhymne, sondern verschiedene Lieder, die abwechselnd bzw. konkurrierend faktisch eine entsprechende Funktion ausübten, gegeben hatte, beschloß der Bundesrat am 12.9.1961, den «Schweizerpsalm» (1841) von L. Widmer (1808–1868) 🎵 provisorisch bis zum 31.12.1964 als Nationalhymne für die Armee und für den Einflußbereich der schweizerischen diplomatischen Vertretungen im Ausland einzuführen. (Am 13.7.1965 wurde dieses Provisorium unbefristet verlängert.)
Die 1. Strophe lautet:
Trittst im Morgenrot daher,
seh’ ich dich im Strahlenmeer,
dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpen Firn sich rötet,
betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland!
Der Anfang der 3. Strophe lautet:
Ziehst im Nebelflor daher,
such’ ich dich im Wolkenmeer,
dich, du Unergründlicher, Ewiger!
↩