Ein Wort zum Neuen Jahr
EIN WORT ZUM NEUEN JAHR1
[Neujahr 1962]
Liebe Mitbürger und Mitchristen in der Nähe und in der Ferne!
Laßt uns aufrichtig sein: die Sorge, ja Angst, in der auch wir Schweizer in dieses neue Jahr eintreten, ist, tief in uns verborgen, stärker als die guten Wünsche und Hoffnungen, die wir uns ja auch heute, wie gewohnt, gegenseitig zurufen mögen. Der Horizont der uns heute umge|272benden Weltverhältnisse könnte ja kaum dunkler sein. Wird die wilde Bewegung, die die Völker heute ergriffen hat, aufzuhalten sein? Wird es einen Schutz geben vor den Mitteln, mit denen sie sich und uns alle heute bedrohen? Ob unsere Demokratie, unsere Neutralität, unser Wohlstand, unsere Wehrbereitschaft — ob wir alten und jungen Schweizer und Schweizerinnen dem Sturm, wenn er, schlimmer als alle früheren, losbrechen sollte, standhalten werden?
Ganz sicher werden dann nur feste Herzen standhalten [vgl.
Wir haben im vergangenen Jahr eine neue, freilich altbekannte Nationalhymne bekommen.3 Ich meine, daß darin etwas zu viel von Morgen|273rot, Nebelmeer, Alpenfirn und dergleichen die Rede ist. Aber ein Satz darin ist gut. Er lautet: «Betet, freie Schweizer, betet!» Der Schweizer, der jetzt betet, ist ein freier Schweizer, hat ein festes und also ein liebendes, offenes, vertrauendes Herz, das auch 1962 durchhalten wird. Unser Vater im Himmel! Geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Es geschehe dein Wille! auf Erden wie im Himmel! [