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        <title type="volume" n="vol-57">Gespräche 1948–1952</title>
        <title type="content">Diskussionen an der theologischen Arbeitstagung in Herborn</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Diskussionen an der theologischen Arbeitstagung in Herborn, in: Gespräche 1948–1952, 27. März 1951 – 30. März 1951</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/57019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1948–1952, hrsg. v. Pfenninger, Michael (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2025, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1948–1952</title>
          <title type="text">Diskussionen an der theologischen Arbeitstagung in Herborn</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Pfenninger, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2025</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Erica Küppers: Die Herborner Theologen-Tagung mit Karl Barth, in: Bekennende Kirche auf dem Weg. Informations- und Nachrichtenblatt des Bruderrats der Evangelischen Kirche in Deutschland 2 (1951), Nr. 5 (15.5.1951), Sp. 1–18 </bibl>
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                <head>DISKUSSIONEN AN DER THEOLOGISCHEN<lb/> ARBEITSTAGUNG IN HERBORN</head>
                <head type="sub">1951</head>
                <div type="abstract">
 
    <p>Vom <date to="1951-03-30" from="1951-03-27">27.–30. März 1951</date> fand im Predigerseminar <placeName ref="kbga-places-691">Schloss Herborn</placeName><note xml:id="n01">Im ursprünglich Mitte des 13. Jahrhunderts gebauten <placeName ref="kbga-places-691">Herborner Schloss</placeName> waren nach der Gründung der Hohen Schule Herborn ab Ende des 16. Jahrhunderts die Bibliothek und die Dienstwohnungen der Professoren untergebracht, seit 1881 befand sich hier ein Theologisches Seminar, und seit 1947 befindet sich das Schloss im Besitz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die es als Predigerseminar bzw. Theologisches Seminar nutzt.</note> eine theologische Arbeitstagung mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> statt. Ausgehend von Vorträgen <persName ref="kbga-actors-1620">Helmut Gollwitzers</persName><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-1620">Helmut Gollwitzer</persName> (1908–1986), nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1950 Prof. für Systematische Theologie in Bonn.</note>, <persName ref="kbga-actors-1672">Hans-Joachim Iwands</persName><note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-1672">Hans-Joachim Iwand</persName> (1899–1960), 1945 Prof. für Systematische Theologie in Göttingen, 1952 in Bonn.</note> und <persName ref="kbga-actors-1953">Otto Webers</persName><note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-1953">Otto Weber</persName> (1902–1966), seit 1934 Prof. für Reformierte Theologie in Göttingen.</note> wurde über die bisher erschienenen sieben Teilbände der «<term ref="kbga-terms-2358">Kirchlichen Dogmatik</term>» diskutiert. Die Tagung wurde von <persName ref="kbga-actors-1708">Walter Kreck</persName><note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-1708">Walter Kreck</persName> (1908–2002), seit 1948 Direktor des Predigerseminars Schloss Herborn, 1952 Prof. für Systematische und Praktische Theologie in Bonn.</note> als Gastgeber organisiert; die Leitung lag bei <persName ref="kbga-actors-431">Ernst Wolf</persName>. Es handelte sich um die erste größere Zusammenkunft von Freunden und Schülern Barths sowie weiteren an seiner Theologie Interessierten in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.</p>

    <p>In seiner endgültigen Anfrage an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beschrieb <persName ref="kbga-actors-1708">Kreck</persName> den beabsichtigen Ablauf der Tagung und bat gleichzeitig um weitere Vorschläge:</p>
                    <p><hi rend="text-recte">Wir planen […] eine Arbeitstagung […], bei der wir mit Ihnen wieder einmal «wie einst» in Bonn oder anderswo die Sie und uns bewegenden Fragen besprechen können. […] Was die Tagung selbst betrifft, so dachten wir von uns aus daran, solche Fragenkreise zur <pb xml:id="p255" ed="pga"/> Sprache zu bringen, die Einzelnen in der Auseinandersetzung mit Ihrer Dogmatik auf den Fingern brennen, und zwar […] im Anschluß an ein Referat von <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> über «Schrift und Autorität» und Vogels über Christologie, u. U. auch eines Referates von <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> aus dem Problemkreis «Gesetz und Evangelium» (bzw. besser umgekehrt!). <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName> erbietet sich, u. U im Anschluß an den neuesten Dogmatikband III/4 seine Fragen zu stellen. Aber das alles liegt noch nicht endgültig fest, sondern wir hören gern auf Ihren Rat. Ich persönlich bin der Ansicht, es solle ja auch nicht ein Referat das andre jagen, sondern man solle lieber an wenigen Stellen «anbohren» und dem Gespräch miteinander gebührend Raum geben.<note xml:id="n06">Brief <persName ref="kbga-actors-1708">W. Krecks</persName> an Barth vom <date when="1950-12-11">11.12.1950</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9350.753</idno>). – Der vorgesehene Beitrag <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogels</persName> (1902–1989; zu dieser Zeit Prof. für Systematische Theologie in Berlin) wurde durch ein Referat von Otto Weber über «Schöpfung und Bund» ersetzt.</note></hi>
                    </p>
    <p>Dem Schreiben lag auch eine Liste mit potentiellen Teilnehmenden bei, an der in Barths und <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName> Handschrift Ergänzungen angebracht sind.<note xml:id="n07"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 9350.754</idno>.</note> An <date when="1950-12-31">Silvester 1950</date> sagte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu, und er hatte sich zuvor schon um seine Anreise gekümmert:</p>
                    <p><hi rend="text-recte"><date to="1951-03-31" from="1951-03-27">27.–31. März</date>, topp, es sei! <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> und ich, von meinem Sohn <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> […] in seinem Auto dorthin geführt, werden erscheinen. Ohne Garantie dafür, dass ich den intrikaten Diskussionsmethoden, die in Deutschland überhand genommen zu haben scheinen, gewachsen sein und mit der nötigen Lindigkeit<note xml:id="n08">Im Brief handschriftlich korrigiert aus «Kaltschnäuzigkeit».</note> zu antworten wissen werde! Aber ich werde mein Bestes tun, vor Allem wieder einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen und zu hören und dann nicht ganz unter die Räder zu kommen.<note xml:id="n09">Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-1708">Kreck</persName> vom <date when="1950-12-31">31.12.1950</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9250.245</idno>). Im selben Brief teilte er auch seine Wünsche nach einer Ergänzung der Teilnehmendenliste mit.</note></hi>
                    </p>
    <p>Zur Tagung, an der schließlich 70 Personen teilnahmen,<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">K. H. Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek met Karl Barth</hi>, in: KeTh 2 (1951), S. 139–153, dort S. 139</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5750"><persName ref="kbga-actors-3502">W. Scherffig</persName>, <hi rend="italic"> Barth in Deutschland</hi>, in: Die Zeichen der Zeit 5 (1951), S. 266-268, dort S. 266</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">H.-H. Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch 1951</hi>, in: ThZ 7 (1951), S. 151–155, dort S. 151</bibl>. Nach <persName ref="kbga-actors-1708">Krecks</persName> Auskunft hatte man mit dem großen Interesse an einer Teilnahme Probleme und musste, «um den Zweck des Ganzen nicht zu gefährden, und aus räumlichen Gründen, meist rigoros sein» (Brief an Barth vom <date when="1951-03-20">20.3.1951</date> [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9351.147</idno>]). 
      Die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vorab zugeschickte Liste mit den für die Tagung Angemeldeten umfasst 67 Namen (davon zwölf Frauen); Barth selbst und die mit ihm Anreisenden stehen auf dieser Liste allerdings nicht (vgl. <idno type="kba-objects-identifier">KBA 9351.119</idno>).</note> reisten <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaum</persName> in Begleitung von <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> und <pb xml:id="p256" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-1456">Rose Marie Barth</persName> mit einer Übernachtung in <placeName ref="kbga-places-31">Heidelberg</placeName> an.<note xml:id="n11">Vgl. <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> Barth, Einträge vom <date to="1951-03-27" from="1951-03-26">26. und 27.3.1951</date>.</note> In die jeweils auf die Vorträge folgenden Diskussionen pflegte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erst dann einzugreifen, wenn er darum gebeten wurde.<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek </hi>(<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 140</bibl>.</note> An drei Abenden gab es weitere Gespräche zu allgemeineren Themen.<note xml:id="n13">Vgl. <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> Barth: «Aussprache über Ost-West etc.» (Eintrag vom <date when="1951-03-27">27.3.</date>); «<persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> und Weiteres über Ost-West (<persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName>!)» (<date when="1951-03-29">29.3.</date>); «Tradition[?] Holland (<persName ref="kbga-actors-6019">Hebelotte Kohlbrugge</persName>) nachher[?] <persName ref="kbga-actors-87">Dehn</persName>» (<date when="1951-03-30">30.3.</date>).</note></p>
    <p>Im Nachgang zur Tagung, die – obwohl nicht öffentlich angekündigt – auf großes Interesse stieß, erschienen einige Artikel, die ein breiteres Publikum über die Diskussionen in <placeName ref="kbga-places-691">Herborn</placeName> informieren wollten. <persName ref="kbga-actors-3502">Wolfgang Scherffig</persName><note xml:id="n14"><persName ref="kbga-actors-3502">Wolfgang Scherffig</persName> (1913–2007), Student <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in Bonn, Pfarrer der Bekennenden Kirche, war ab 1947 Pfarrer in Düsseldorf.</note> schrieb in «<orgName ref="kbga-actors-10730">Die Zeichen der Zeit</orgName>» über das, 
      was «in jenen Tagen Geheimnisvolles hinter den dicken Mauern des alten Schlosses» geschehen sei.<note xml:id="n15"><persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth in Deutschland</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 266.</note> <persName ref="kbga-actors-1716">Erica Küppers</persName> verfasste einen ausführlichen Tagungsbericht für den Informationsdienst «<orgName ref="kbga-actors-10732">Bekennende Kirche auf dem Weg</orgName>»,<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-5752">E. Küppers, <hi rend="italic">Die Herborner Theologen-Tagung mit Karl Barth</hi>, in: Bekennende Kirche auf dem Weg. Informations- und Nachrichtenblatt des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2. Jg. (1951), Nr. 5 vom 15.5.1951, Sp. 1–18</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-1716">Erica Küppers</persName> (1891–1968), 1926 Lehrerin in Droyssig/Zeitz, Mitglied der Bekennenden Kirche, 1950 Gefängnisseelsorgerin im Frauengefängnis Preungesheim (Frankfurt/Main), gehörte dem Freundeskreis um <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaum</persName> an.</note> <persName ref="kbga-actors-1142">Kornelis H. Miskotte</persName><note xml:id="n17"><persName ref="kbga-actors-1142">Kornelis Heiko Miskotte</persName> (1894–1976), 1945 Prof. für Systematische Theologie in Leiden (NL).</note> informierte das niederländische Publikum in «<orgName ref="kbga-actors-10731">Kerk en Theologie</orgName>»<note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5753">ders., <hi rend="italic">Schepping en Verbond</hi>, in: KeTh 2 (1951), S. 194–205</bibl>.</note> und <persName ref="kbga-actors-408">Helmut Traub</persName><note xml:id="n19"><persName ref="kbga-actors-408">Helmut Traub</persName> (1904–1994), Student <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in Bonn, 1947/48 Pfarrer in Hamburg-Volksdorf, danach Mitarbeit in der Redaktion des «Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament».</note> <pb xml:id="p257" ed="pga"/> veröffentlichte einen Artikel in der Zeitschrift «<orgName ref="kbga-actors-3587">Unterwegs</orgName>»;<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">H. Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi>, in: Unterwegs 5 (1951), Nr. 2, S. 106–111</bibl>.</note> außerdem erschienen Berichte von <persName ref="kbga-actors-3519">Heinz-Horst Schrey</persName>,<note xml:id="n21"><bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>)</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-3519">Heinz-Horst Schrey</persName> (1911–1993) war zu dieser Zeit Privatdozent für Systematische Theologie in Tübingen.</note> 
      <persName ref="kbga-actors-10728">Wilhelm Schneemelcher</persName>,<note xml:id="n22"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">W. Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung mit Karl Barth</hi>, in: EvTh 10 (1950/51), S. 565–572</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-10728">Wilhelm Schneemelcher</persName> (1914–2003), 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, 1947 Pfarrer in Stöckheim (Niedersachsen), 1953 ao., 1956 o. Prof. für Neues Testament in Bonn.</note> <persName ref="kbga-actors-10729">Gerhard Wintermann</persName><note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-5756">G. Wintermann, <hi rend="italic">Herborner Tage mit Karl Barth. Zu Karl Barths 65. Geburtstag am 10. Mai 1951</hi>, in: JK 12 (1951), S. 260–264</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-10729">Gerhard Wintermann</persName> (1911–1996), Student <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in Bonn, 1947 Pfarrer in Großenkneten.</note> und <persName ref="kbga-actors-9595">Hans-Heinrich Wolf</persName><note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-5757">H.-H. Wolf, <hi rend="italic">Theologisches Gespräch in Herborn</hi>, in: EvW 5 (1951), S. 244–345</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-9595">Hans-Heinrich Wolf</persName> (1911–1987), Student <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in Bonn, 1946 Dozent für Systematische Theologie in Bethel.</note> sowie ein Artikel im «<orgName ref="kbga-actors-4787">Kirchenblatt für die reformierte Schweiz</orgName>».<note xml:id="n25"><bibl corresp="kbga-bibls-5758"><hi rend="italic">Gespräch deutscher Theologen mit Karl Barth</hi>, in: KBRS 107 (1951), Nr. 9 vom 26.4.1951, S. 138f.</bibl></note></p>
    <p>Bei den Teilnehmenden fand die Tagung ein überwiegend positives Echo. <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName> formulierte in ihrem Bericht: «Das Schönste an den Herborner Tagen war das gemeinsame sich Mühen um die uns alle bewegenden Fragen und die Freiheit und Offenheit, in der hier Kritik geübt und aufgenommen wurde.»<note xml:id="n26"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 16</bibl>.</note> Nach <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName> war es eine «reine Arbeitstagung, auf der um die eine Wahrheit heiß gerungen wurde.»<note xml:id="n27"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22)</ref>, S. 565</bibl>.</note> Es sei mit Recht darauf hingewiesen worden, «dass sich auf dieser Tagung Bekennende Gemeinde zusammengefunden habe. Was könnte besseres über diese Tage gesagt werden?»<note xml:id="n28"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><ref type="pub" target="#fn_n22">A.a.O.</ref>, S. 572</bibl>.</note> Auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> eigenes Fazit fiel positiv aus. An <persName ref="kbga-actors-1672">H.-J. Iwand</persName> schrieb er: </p>
                    <p><hi rend="text-recte">Auch ich habe von Herborn ausgezeichnete – eigentlich, einiges Kopfschütteln über Diese und Jene eingerechnet – doch nur gute Eindrücke mit nach Hause genommen. Es war doch auf allen Seiten ein großer Ernst zu bemerken. Die jüngere Generation muss nun eben wohl in ihrer Weise (auch im Schatten ihrer besonderen Belastungen) Einiges repetieren bzw. neu lernen, was wir hinter uns gebracht zu <pb xml:id="p258" ed="pga"/> haben meinen und doch schließlich auch immer wieder ab ovo lernen müssen. Hoffentlich bleibt es ja nicht bei dem, was jetzt für nicht Wenige (die Württemberger waren da besonders typisch) eine Versuchung zu sein scheint: bei der Ausrichtung der Theologie nach Maßgabe eines affektiven Reagierens gegen eure – zum Ausderhautfahren gewiss reichlich Anlass gebende – <term ref="kbga-terms-1149">kirchlich-theologische Reaktion</term>. Ohne sie hätte ja auch <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> lange nicht diese Resonanz gefunden. Ich freute mich aber doch wieder an Vielem, was mich, als ich noch dauernd unter euch Deutschen lebte, immer gefreut hat. Es ist ja schon wahr, dass ihr eine <term ref="kbga-terms-2334">«unglückselige» Nation</term> seid, aber, du liebe Zeit, wo ist die Nation, die man eine glückselige nennen könnte. Und ihr seid jedenfalls eine interessante, eine an- und aufregende, eine erstaunlich und doch auch erquicklich vulkanische, fabulierende und doch auch lernbegierige Nation, was man so wirklich nicht von allen anderen sagen kann. Kurz: bei einer so zusammengesetzten und aufgemachten Zusammenkunft und Gemeinschaftsarbeit würde ich bei späterer Gelegenheit gerne auch wieder dabei sein. Die Sache hat mich richtig neu in Fahrt gebracht.<note xml:id="n29">Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> vom <date when="1951-09-24">29.4.1951</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9251.84</idno>).</note></hi>
                    </p>
    <p>Die Rückfahrt von <placeName ref="kbga-places-691">Herborn</placeName> führte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und die mit ihm Reisenden am <date when="1951-03-31">31. März 1951</date> über <placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt am Main</placeName>, wo alle an der Trauung von <persName ref="kbga-actors-1620">Helmut Gollwitzer</persName> und <persName ref="kbga-actors-1619">Brigitte Freudenberg</persName><note xml:id="n30"><persName ref="kbga-actors-1619">Brigitte Gollwitzer</persName>, geb. Freudenberg (1922–1986), war nach der 1938/39 geglückten Flucht mit ihren Eltern in die Schweiz schon 1945 nach Deutschland zurückgekehrt und arbeitete seitdem als Gemeindehelferin in Frankfurt am Main.</note> teilnahmen; abends um 23 Uhr kam man wieder in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> an.<note xml:id="n31">Vgl. <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> Barth, Eintrag vom <date when="1951-03-31">31.3.1951</date>.</note></p>
    <p rend="margin-top">Ein eigentliches Gesprächsprotokoll der Tagung liegt nicht vor. So musste für diese Edition zur Rekonstruktion der Gespräche auf die veröffentlichten Berichte sowie auf einen Brief <persName ref="kbga-actors-154">Götz Harbsmeiers</persName><note xml:id="n32"><persName ref="kbga-actors-154">Götz Harbsmeier</persName> (1910–1979), 1945 Pfarrer in Reiffenhausen bei Göttingen, 1952 Dozent für evang. Religionslehre an der Pädagogischen Hochschule Lüneburg, 1962 Prof. für Praktische Theologie in Göttingen.</note> zurückgegriffen werden, mit dem er <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>, der aufgrund eines Kuraufenthalts an der Teilnahme gehindert war, über den Ver<pb xml:id="p259" ed="pga" break="no"/>lauf informierte.<note xml:id="n33">Vgl. den Brief <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeiers</persName> an <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> vom <date when="1951-04-30">30.4.1951</date>, in: <bibl corresp="kbga-bibls-5759">R. Bultmann, <hi rend="italic">Briefwechsel mit Götz Harbsmeier und Ernst Wolf 1933–1976</hi>, hrsg. von W. Zager, Tübingen 2017, S. 258–264</bibl>.</note> Alle Berichte setzen unterschiedliche Schwerpunkte, manche sind in reiner Berichtsform gehalten, andere bieten auch längere als Zitat gekennzeichnete Äußerungen aus den Diskussionen. Im Folgenden wird versucht, mit Hilfe einer Kompilation aus den vorliegenden Berichten einen Eindruck vom Ablauf der Tagung und dem Gang der Diskussionen zu vermitteln. Die Quelle, aus der ein Textteil stammt, ist – jeweils dem Abschnitt vorangestellt – in eckigen Klammern angegeben. Um der Übersichtlichkeit willen sind in der Regel Absätze, zumindest aber ganze Sätze aus den einzelnen Berichten wiedergegeben. Bei Passagen, zu denen mehrere Berichte in der Tendenz übereinstimmende, in Einzelheiten aber mitunter abweichende Angaben bieten, ist, um der Kürze willen und um zu viele Dopplungen zu vermeiden, der im Ganzen aussagekräftigste Bericht als Grundlage gewählt; trotzdem vereinzelt auftretende Dopplungen oder Überschneidungen sind bei dem gewählten Verfahren unvermeidlich. Selbstverständlich kann es sich – wie bei allen vorliegenden zeitgenössischen Berichten – in dieser Edition nicht um eine auch nur annähernd vollständige Wiedergabe der dreitägigen Gespräche handeln.</p>
    <p>Auf die Aufnahme der in mehreren Berichten enthaltenen Passagen zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Wirken in Deutschland nach 1945 und zum Zustandekommen der Herborner Tagung wird hier verzichtet. Ebenso sind die teils langen Zusammenfassungen der jeweils zu Beginn eines Tages gehaltenen Vorträge in der Edition ausgelassen bzw. durch nur kurze Angaben ersetzt, da es in der Wiedergabe der Gespräche keine direkten Bezugnahmen auf den – wörtlich in den Berichten auch gar nicht enthaltenen – Text dieser Vorträge gibt. Alle Überschriften sind dem Bericht von <persName ref="kbga-actors-1716">Erica Küppers</persName><note xml:id="n34"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>)</bibl>.</note> entnommen.</p>
</div>


<div><pb xml:id="p260" ed="pga"/>
                    <head>Die Herborner Theologen-Tagung mit Karl Barth<lb/>
                    [Zusammenstellung aus den vorliegenden Berichten über die Tagung]</head>
                    <p rend="asHead"><hi rend="italic">1. Tag: Bindung und Freiheit der <term ref="kbga-terms-1219">Exegese</term></hi></p>

                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n35"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 106</bibl>.</note>] Ausgangspunkt in der <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-1211">hermeneutischen Frage</term></hi> war eine Gegenüberstellung von exegetischen Regeln <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> (aus Kirchliche Dogmatik, I[/2], 505–23<note xml:id="n36">Es handelt sich um § 19, Abschnitt 1: «Die Schrift als Zeugnis von Gottes Offenbarung» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 505–523</bibl>).</note>) mit <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName> Aufsatz: Das Problem der Hermeneutik (ZThK., 1950, 1, 47ff.<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-1268"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Das Problem der Hermeneutik</hi>, in: ZThK 47 (1950), S. 47–69</bibl>.</note>).</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-9595">Wolf</persName>:<note xml:id="n38"><bibl corresp="kbga-bibls-5757"><persName ref="kbga-actors-9595">Wolf</persName>, <hi rend="italic">Theologisches Gespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 24</ref>), S. 244</bibl>.</note>] Als Prof. <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> (<placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>) die Verhandlungen des ersten Tages mit einem Referat über «Das theologische Problem der Autorität der Hl. Schrift» eröffnet hatte, kam es sehr bald dazu, dass man Gegensatz oder Übereinstimmung zwischen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151"><hi rend="italic">Barth</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-512"><hi rend="italic">Bultmann</hi></persName></hi> an einzelnen Punkten behutsam abtastete, wobei der Gegensatz besonders scharf heraustrat an der Frage: was bedeutet Ostern?</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>:<note xml:id="n39"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>), S. 566f</bibl>.</note>] In der <hi rend="italic">Diskussion</hi> kam es zu Erörterungen über das Wesen <term ref="kbga-terms-2335">theologischer</term> und wissenschaftlicher (d. h. <term ref="kbga-terms-2336">historisch-kritischer</term>) Exegese. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Trennung dieser beiden Arten von Exegese, wie sie <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> durchführen möchte, nicht möglich ist, vor allem nicht bei <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>, der ja als Theologe ernst genommen werden muss. Andererseits wurde die Ablehnung jeder historisch-kritischen Arbeit an der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> (als Einmischung in eine fremde Sache) als Kurzschluss abgewiesen, da ja die Frage nach den theologischen Konsequenzen der historisch-kritischen Exegese in keiner Weise bisher geklärt ist und sicher ein lohnendes Objekt der theologischen Überlegungen wäre. In diesem Zusammenhang wurde auch die These <persName ref="kbga-actors-103">Ebelings</persName> über das Entsprechungsverhältnis von reformatorischer Rechtfertigungslehre und historisch-kritischer Methode (Zeitschr. f. Theo. u. Kirche, 1950, <pb xml:id="p261" ed="pga"/> S. 1ff.<note xml:id="n40"><bibl corresp="kbga-bibls-5760">G. Ebeling, <hi rend="italic">Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die protestantische Theologie und Kirche</hi>, in: ZThK 47 (1950), S. 1–46</bibl>; <persName ref="kbga-actors-103">Gerhard Ebeling</persName> (1912–2001), zu dieser Zeit Prof. für Kirchengeschichte, später für Systematische Theologie in Tübingen.</note>) als nicht ganz klar kritisiert. Demgegenüber wurde allerdings betont, dass sie angesichts einer Geschichtstheologie und heilsgeschichtlicher Spekulationen und Konzeptionen in neuester Zeit ihre Berechtigung habe. Jedenfalls ist – wie <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> betonte – Bultmann nur zu verstehen, wenn man sich darüber klar ist, dass sich bei ihm die Frage des Rechtes der historischen Kritik mit einer existentialen Systematik verbindet, wobei ein am <term ref="kbga-terms-362">modernen Menschen</term> orientierter <term ref="kbga-terms-911">Wissenschaftsbegriff</term> eine erhebliche Rolle spielt. Bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ist eine andere Linie aufweisbar. Bei ihm ist die <term ref="kbga-terms-2337">allgemeine Hermeneutik</term> eine Folge der <term ref="kbga-terms-2338">biblischen</term> und nicht umgekehrt.</p>
                    <p>Zum andern ist die Frage nach der <term ref="kbga-terms-2339">Sachlichkeit der Exegese</term> nicht zu trennen von der das Verstehen begründenden Mitmenschlichkeit: Bei Bultmann geht es um <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> qua Existenz, bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> qua <term ref="kbga-terms-264">Gebot Gottes</term>.</p>
                    <p>Diese <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschlichkeit</term> – so wurde betont – wird bei Barth z. B. in seiner Auslegung von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1">Gen. 1</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2">2</ref> entfaltet, wo er die Kategorie des <term ref="kbga-terms-751">Bundes</term> der der <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term> überordnet und dabei dann die Einzelheiten aus dem Ganzen der <term ref="kbga-terms-110">Heiligen Schrift</term> heraus erklärt. Es ist nicht zu übersehen, dass er dabei oft zu denselben Ergebnissen kommt wie die <term ref="kbga-terms-634">historisch-kritische Bibelwissenschaft</term>.</p>
                    <p>In diesem Zusammenhang wiederholte Barth seine Mahnung an die Exegeten, nicht zu vergessen, dass es nicht auf die kleinsten Einheiten ankäme, sondern auf die Auslegung ganzer biblischer Bücher, wie sie uns nun einmal überliefert sind.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeier</persName>:<note xml:id="n41"><bibl corresp="kbga-bibls-5759">Brief <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeiers</persName> vom 30.4.1951 (<ref type="pub" target="#fn_n33">Anm. 33</ref>), S. 259f.</bibl></note>] Aufschlussreich und bezeichnend war‚ was <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> daraufhin sagte, dass <persName ref="kbga-actors-1706">H.-J. Kraus</persName><note xml:id="n42"><persName ref="kbga-actors-1706">Hans-Joachim Kraus</persName> (1918–2000), 1948 Habilitation und Privatdozent für Altes Testament in Bonn.</note>, <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, mit Begeisterung die Feststellung traf: Die alttestamentliche Wissenschaft sei nun zu den gleichen Ergebnissen wie Barth hinsichtlich <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term> und <term ref="kbga-terms-751">Bund</term> gekommen: «Schön, schön, wenn das so ist. Das freut mich, das freut mich sehr. So etwas Ahnung von der <term ref="kbga-terms-1219">exegetischen Wissenschaft</term> habe <pb xml:id="p262" ed="pga"/> ich ja auch. Manches interessiert mich sogar davon. Ganz ohne komme ich ja auch nicht aus. Einiges habe ich ja auch von meiner Studentenzeit noch im Kopf. Und einiges lerne ich durch meine Kollegen dazu. Aber wo wären wir, wo wäre ich, wenn wir uns auf die sogenannten Ergebnisse der kritisch-historischen Exegeten verlassen hätten? Es war doch ganz gut, zeitweilig gar keine Notiz von ihnen zu nehmen. Ebenso gut, wie es schlecht ist, dass die Exegeten kaum einmal eine und meist gar nicht meine Dogmatik lesen.»</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>:<note xml:id="n43"><bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 152</bibl>.</note>] In der Diskussion grenzte sich <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName></hi> deutlich ab, weil er in ihm den letzten Ausläufer der von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName><note xml:id="n44"><persName ref="kbga-actors-360">Friedrich D. E. Schleiermacher</persName> (1768–1834), einflussreichster evangelischer Theologe des 19. Jahrhunderts.</note> herrührenden subjektivistischen Tradition in der Theologie sieht und hinter seinen Bemühungen die alte Frage nach dem «<term ref="kbga-terms-2340">historischen Jesus</term>» vermutet, die seit <persName ref="kbga-actors-1078">Martin Kähler</persName><note xml:id="n45"><persName ref="kbga-actors-1078">Martin Kähler</persName> (1835–1912) veröffentlichte 1892 eine grundlegende Kritik der historischen Leben-Jesu-Forschung: <bibl corresp="kbga-bibls-5761"><persName ref="kbga-actors-1078">M. Kähler</persName>, <hi rend="italic">Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus</hi>, Leipzig 1892</bibl>.</note> abgetan sein sollte. […] Gegenüber der Front von rechts, den <term ref="kbga-terms-2341">Fundamentalisten</term> und <term ref="kbga-terms-1317">Biblizisten</term>, grenzte sich Barth aber ebenso deutlich ab und wollte nicht für einen naiven Fundamentalismus in Anspruch genommen werden. Jedenfalls kamen alle diejenigen, die von Barth nun ein offizielles Verdikt gegen Bultmann erwartet hatten oder gar die Forderung einer Exkommunikation, nicht auf ihre Rechnung und fanden in Barth keinen Kronzeugen für eine kirchliche Verdammung <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName>.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 8f.</bibl></note>] <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> fand es auch bedenklich, das Ganze der christlichen Botschaft in der <term ref="kbga-terms-52">Rechtfertigungslehre</term> zu sehen und sie zum Maßstab für die echte Kanonizität einer neutestamentlichen Schrift zu machen. Es hat nämlich nach einigen neuesten Veröffentlichungen jüngerer Theologen manchmal den Anschein, als ob ein neuer <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-2343">Kanonsbegriff</term></hi> herausgestellt werden sollte: kanonisch ist, was Christum treibet.<note xml:id="n47">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2268"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi unnd Judas</hi> (1522), WA.DB 7, 384,25–27</bibl>: «Und daryn stymmen alle rechtschaffene heylige bucher vber eyns, das sie alle sampt Christum predigen und treyben, Auch ist das der rechte prufesteyn alle bucher zu taddelln, wenn man sihet, ob sie Christum treyben, odder nit».</note> Und das handliche Kriterium dafür ist die pauli<pb xml:id="p263" ed="pga" break="no"/>nische oder lutherische Rechtfertigungslehre. Auch nach Karl Barth ist der <hi rend="italic">Kanon</hi> grundsätzlich <hi rend="italic">unabgeschlossen</hi>. Die <term ref="kbga-terms-576">Kirchen der Reformation</term> haben den ihnen überlieferten Kanon nicht einfach hingenommen, sondern «eine ganze Reihe der seit tausend Jahren als kanonisch anerkannten alttestamentlichen Schriften als <term ref="kbga-terms-2342">Apokryphen</term> ausgeschieden». Wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dem neutestamentlichen Kanon gegenüberstand, ist bekannt. Er hat seiner Auffassung z. B. auch dadurch Ausdruck gegeben, dass er im Inhaltsverzeichnis seiner September-Bibel von 1522 den Hebräer-, Jakobus- und Judasbrief und die Offenbarung ohne Nummerierung an den Schluss stellte.<note xml:id="n48">Vgl. dazu <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-5762"><hi rend="italic">Vorrhede auff die Epistel zu den Ebreern</hi>, WA.DB 7, 344,2f.</bibl>: «BIs her haben wyr die rechten gewissen hewbt bucher des newen testaments gehabt»; sowie die Einschätzung des Jakobusbriefs in der <bibl corresp="kbga-bibls-5763"><hi rend="italic">Vorrhede</hi> zum Neuen Testament von 1522 (WA.DB 6, 10,33f.)</bibl>: «Darumb ist sanct Jacobs Epistel eyn rechte stroern Epistel gegen sie [die Paulusbriefe], denn sie doch keyn Euangelisch art an yhr hat», und in der <bibl corresp="kbga-bibls-2268"><hi rend="italic">Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi unnd Judas</hi>, WA.DB 7, 386,17–19</bibl>: «Darumb will ich yhn nicht haben ynn meyner Bibel ynn der zal der rechten hewbtbucher, will aber damit niemant weren, das er yhn setz und hebe, wie es yhn gelustet, denn es viel guter spruch sonst drynnen sind».</note> Aber er hat es doch auf Grund seiner Privatansicht nicht unternommen, diese Schriften tatsächlich vom Kanon auszuschließen.</p>
                    <p>Kein Leser der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> wird ja von allen ihren Teilen in gleicher Weise angesprochen werden. Vielleicht wird sogar der größte Teil der alt- und neutestamentlichen Schriften sich ihm bis an sein Lebensende nicht als Zeugnis von Gottes Offenbarung erweisen. Aber er wird deswegen nicht endgültige Urteile über die Zugehörigkeit zum Kanon fällen, zumal er es oft erlebte, dass Texte plötzlich für ihn lebendig wurden, die ihm bisher stumm blieben. Die Kirche sagt: das sind die Schriften, die wir lesen wollen und dürfen, in der Erwartung, dass uns darin das Zeugnis von Gottes Offenbarung begegnet. Und sie fordert ihre Glieder auf, diese Erwartung zu teilen.</p>
                    <p>Es ist gut, dass im Kanon so vieles bereit gestellt ist. Jedes kann zu seiner Zeit zum Reden kommen. Nach einem paulinischen Zeitalter wird es gut sein, wieder besonders auf den Jakobus-Brief zu hören. <pb xml:id="p264" ed="pga"/> Aber ein Machtspruch von irgendeiner Instanz, jeder professorale Papalismus ist abzulehnen. Die Ausscheidung einer Schrift aus dem Kanon müsste ein <hi rend="italic">kirchlicher</hi> Akt sein. Wenn die Wissenschaft z. B. zu dem Ergebnis käme, ein Text (etwa der Judasbrief) wäre so ausgesprochen frühplatonisch, dass der Respekt vor ihm es fordern könnte, ihm nicht Gewalt anzutun, sondern ihn aus dem <term ref="kbga-terms-2343">Kanon</term> auszuweisen, so dürfte doch die Wissenschaft nur dazu <hi rend="italic">raten</hi>, nicht darüber entscheiden. Aber auch die <term ref="kbga-terms-2344">Kirche ist dem Kanon gegenüber</term> nur Zeuge und Wächter, nicht Garant seiner göttlichen <term ref="kbga-terms-2345">Autorität</term>.</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Prof. <persName ref="kbga-actors-1708">Kreck</persName></hi> wirft die Frage auf: ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> außer dem Satz, dass der Kanon sich selbst beweist, sich kraft der <term ref="kbga-terms-2345">Autorität</term>, die er hat, Gehör und Gehorsam verschafft, etwa noch eine andere Begründung für die Rechtmäßigkeit des Offenbarungsanspruchs anerkenne, <hi rend="italic">ohne</hi> die Dialektik von <term ref="kbga-terms-8">Offenbarung</term> und <term ref="kbga-terms-2346">Verhüllung</term>: nämlich die <term ref="kbga-terms-2348">Erscheinung</term> des Auferstandenen in den 40 Tagen (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.1.3">Apg. 1,3</ref>), als die <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> ihn von Angesicht zu Angesicht schauen und ihn betasten durften. Geschieht hier nach Barths Meinung ein eindeutiger Durchbruch? Wird Christus hier direkt, unparadox offenbar? Wie ist es aber dann möglich, dass etliche, obgleich sie ihn sahen, zweifelten? (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.17">Matth. 28,17</ref>). Man kann ihn also als Auferstandenen sehen und doch nicht glauben?</p>
                        <p>An der Antwort auf diese Frage spürte man, wie <hi rend="italic">Barth hier</hi> mit ganzer sachlicher Leidenschaft beteiligt ist. Hier kommt es für ihn wirklich zu einer Überbietung jener Dialektik von <term ref="kbga-terms-8">Offenbarung</term> und <term ref="kbga-terms-2346">Verhüllung</term>.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n49"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 106f.</bibl></note>] «Christus ist auferstanden» ist gewissermaßen eine «undialektische» Aussage, an der alle <term ref="kbga-terms-1334">dialektische Theologie</term> ihr Ende findet. Hier wird Offenbarung <term ref="kbga-terms-820">Geschichte</term>. «‹Er ist auferstanden›, das ist, wenn Sie so wollen, mein Axiom, aber ein theologisches Interesse habe ich nicht. Das liegt ganz anders. In meiner ganzen Entwicklung habe ich gelernt, den Gedanken im Gegensatz zu allem anderen zu entwickeln: <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-837">Gott ist Gott</term> – und das in harter Gegenständlichkeit</hi>. Ich finde (im Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bis <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>) keinen anderen Grund als die <term ref="kbga-terms-274">Ostergeschichte</term>: dieses ‹objektive› Geschehen im <term ref="kbga-terms-2177">Raum</term> und in der <term ref="kbga-terms-1008">Zeit</term>, in dem es der Mensch auf Erden gegenständlich mit Gott zu tun bekommt, in dem Gott dem Menschen begegnet.
                      <pb xml:id="p265" ed="pga"/> Was heißt schon ‹glauben›? Wir glauben <hi rend="italic">‹in deum›</hi>. Hier steht und fällt alles. Und dieses ‹Credo in deum› – wie soll es anders aufrechterhalten sein als so, in der Ostergeschichte? Es geht mir nicht dabei um etwas Aufweisbares oder um eine Sicherung. Gerade das nicht. Aber die Aussage: ‹Christus ist auferstanden› ist nicht aufzulösen in das ‹<term ref="kbga-terms-252">Kerygma</term>›. Es hängt alles daran zu erkennen, dass bei der Ostergeschichte nicht primär von der Entstehung des Kerygmas die Rede ist, sondern von der <term ref="kbga-terms-2347">Geschichte Gottes</term>. Wenn der Bultmannsche Satz ‹Christus ist ins Wort auferstanden› nicht negativ gemeint ist, wenn er allein aussagen will, <hi rend="italic">dass die <term ref="kbga-terms-392">Auferstehung</term> sofort Botschaft werden muss</hi>, ist er annehmbar. Zu beachten ist hierbei selbstverständlich, dass schon die den Glauben schaffenden <term ref="kbga-terms-2348">Theophanien</term> des Auferstandenen – und nicht umgekehrt! – stets verbunden sind mit dem Wort und den ‹Schriften›.» (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.)</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n50"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 10</bibl>.</note>] Immer wieder wurde bedauert, dass <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> selbst verhindert war, der Einladung nach <placeName ref="kbga-places-691">Herborn</placeName> zu folgen. Man war nicht sicher, ob seine Schüler ihn richtig interpretierten. Das Beste über ihn sagte <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-154">Götz Harbsmeier</persName></hi> […].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>:<note xml:id="n51"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>), S. 567</bibl>.</note>] Wenn zum Schluss der Diskussion <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeier</persName> betonte, dass <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> darum weiß, dass sein Vorverständnis vom <term ref="kbga-terms-252">Kerygma</term> her in Frage gestellt wird und dass er weiter mit einer scheuen Selbstbeschränkung nur sein Gebiet betreut und sich immer bewusst bleibt, dass der Auferstandene nicht ein Geschöpf des Glaubens, sondern der <term ref="kbga-terms-983">Glaube</term> ein Geschöpf des Auferstandenen ist, so war dieses Votum – wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Schlusswort betonte – kein illegitimer und unklarer Versöhnungsversuch, sondern ein echtes Friedenswort […].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeier</persName>:<note xml:id="n52"><bibl corresp="kbga-bibls-5759">Brief Harbsmeiers vom 30.4.1951 (<ref type="pub" target="#fn_n33">Anm. 33</ref>), S. 262f.</bibl></note>] Diese ganze, längere Rede […] hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mir – sichtlich bewegt und erfreut – abgenommen und erklärt, dies sei das Ereignis des Tages. Das wolle er sich sagen lassen. So solle ich auch nur weiter mit <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> machen. «Meinen Segen dazu haben Sie!» Er hat mir dann noch die Hand geschüttelt vor dem Plenum. – Ich bin über diesen Ausgang der Diskussion über Bultmann sehr glücklich. <pb xml:id="p266" ed="pga"/> Denn es waren sehr böse Worte gefallen, auch gegen <persName ref="kbga-actors-1549">Hermann Diem</persName>, dem Barth zurief: «Und da solltest du, Hermann Diem, auch nicht mittun. Ich sehe in dieser ganzen Bultmann-Geschichte nichts anderes als letzten Endes doch <term ref="kbga-terms-1397">Atheismus</term>.»<note xml:id="n53"><persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeier</persName> berichtete <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> habe ihm später in einem persönlichen Gespräch gesagt, «[e]s sei ihm […] sehr peinlich, daß er die Andeutung gemacht habe, Bultmann ende schließlich beim Atheismus. Und ich solle das auf keinen Fall als seine definitive Meinung weitergeben» (<bibl corresp="kbga-bibls-5759">Brief Harbsmeiers vom 30.4.1951 [<ref type="pub" target="#fn_n33">Anm. 33</ref>], S. 263</bibl>).</note> – Natürlich ist auch über meinen Aufsatz über die Acta<note xml:id="n54"><bibl corresp="kbga-bibls-5764"><persName ref="kbga-actors-154">G. Harbsmeier</persName>, <hi rend="italic">Unsere Predigt im Spiegel der Apostelgeschichte</hi>, EvTh 10 (1950/51), S. 352–368</bibl>.</note> fürchterlich geschimpft worden. Es wurden aber keine Argumente vorgetragen! Barth meinte nur: «Der <persName ref="kbga-actors-154">Harbsmeier</persName> sagt zwar <persName ref="kbga-actors-1745">Lukas</persName>. Aber er meint den <persName ref="kbga-actors-249">Lilje</persName><note xml:id="n55"><persName ref="kbga-actors-249">Hanns Lilje</persName> (1899–1977), 1947 Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche, 1949 stellvertretender Vorsitzender des Rates der EKD.</note>! Und das geht so nicht. Man kann doch nicht auf dem Rücken des heiligen Lukas die kirchlich-theologischen Gegensätze in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> austragen.» Darüber konnte ich nur lachen.</p>
                    <p>Erfreulich ist noch, dass <persName ref="kbga-actors-6696">Paul Schempp</persName><note xml:id="n56"><persName ref="kbga-actors-6696">Paul Schempp</persName> (1900–1959), 1930 Mitgründer der «Kirchlich-Theologischen Sozietät», die sich der Theologie <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> verpflichtet fühlte, seit 1945 Pfarrer und Religionslehrer in Stuttgart.</note> mir tapfer beigestanden hat, indem er die Formel «<term ref="kbga-terms-837">Gott ist Gott</term>» angriff, ebenso wie «Er ist auferstanden». «Das schreien die Pfaffen jetzt von allen Kanzeln.<note xml:id="n57">Ostersonntag war 1951 am <date when="1951-03-25">25. März</date>; das Gespräch fand nur drei Tage später statt.</note> Das besagt aber doch gar nichts. Da lobe ich mir den <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>, der da einfach fragt, was das denn eigentlich heißen soll.»</p>
                    <p>Darüber war nun wiederum <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> schrecklich böse. Dieses also war der erste Tag.</p>

                    <p rend="asHead">
                        <hi rend="italic">2. Tag: Evangelium und Gesetz</hi>
                    </p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>:<note xml:id="n58"><bibl corresp="kbga-bibls-5750"><persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth in Deutschland</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 267</bibl>.</note>] Der zweite Tag mit dem Thema «<term ref="kbga-terms-699">Evangelium und Gesetz</term>» war im Grunde die Fortsetzung der 1935 durch die <pb xml:id="p267" ed="pga"/> <orgName ref="kbga-actors-8298">Gestapo</orgName> verhinderten Aussprache nach dem Barmer Vortrag.<note xml:id="n59">Gemeint ist der gleichnamige Vortrag, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Anfang Oktober 1935 auf Einladung in <placeName ref="kbga-places-162">Wuppertal-Barmen</placeName> halten sollte; unmittelbar vor dem Beginn teilte man ihm mit, er habe Redeverbot und hätte auch gar nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Er musste unmittelbar darauf seinen für zehn Jahre letzten Besuch auf deutschem Boden beenden; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5765">V.u.kl.A. 1935–1937, <ref type="pub" target="../volume/55/p172#p172">S. 172–220</ref></bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-1672">Iwands</persName> einleitendes Referat war eine Aufforderung an die <term ref="kbga-terms-1041">lutherische Theologie</term> zu einem radikalen Umdenken. Das alte Schema der <term ref="kbga-terms-52">Rechtfertigungslehre</term>, wonach das Gesetz den Menschen zerknirsche, das Evangelium ihn aufrichte und tröste, müsse verlassen werden; denn hier werde der von der Verkündigung angesprochene Mensch zum Drehpunkt des Wortes Gottes. Wer so vom Menschen her denke, für den müsse allerdings die Einheit des <term ref="kbga-terms-707">Wortes Gottes</term> in «zwei Worte» auseinanderfallen. Nach diesem Schema führe das <term ref="kbga-terms-180">Gesetz</term> den Menschen zum eigentlichen Existenzverständnis «ich bin ein verlassener Sünder», woraufhin das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> diesen untröstlichen Sünder in die schützenden Arme des «Christus für uns» leite. Hier werde die vom Gesetz gewirkte <term ref="kbga-terms-128">Sündenerkenntnis</term> zu einem Vorverständnis des Glaubens und greife damit gefahrdrohend in die <term ref="kbga-terms-553">Christologie</term> ein.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>:<note xml:id="n60"><bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 153</bibl>.</note>] <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName></hi> (<placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>) interpretierte <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> so, dass jede Theologie, die ihren Ausgangspunkt beim Menschen nehme, sei es in einer <term ref="kbga-terms-2349">Uroffenbarung</term> wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4">Althaus</persName></hi>,<note xml:id="n61">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5701"><persName ref="kbga-actors-4">P. Althaus</persName>, <hi rend="italic">Grundriß der Dogmatik</hi>, 2. Teil, Erlangen 1932, S. 15</bibl>: «Notwendig ist es nämlich, das biblische Gotteszeugnis, die in Christus gründende Gotteserkenntnis <hi rend="italic">in ihrer Beziehung auf die Ur-Offenbarung</hi> darzustellen. Wir würden in Christus <hi rend="italic">Gott</hi> nicht erkennen können, wenn wir nicht in der Ur-Bezogenheit unserer Existenz auf Gott zu Christus kämen, wenn uns nicht ‹zuvor› in unserem Dasein als solchem die Dimension ‹Gott› erschienen wäre. In diesem Sinne ist alles Erkennen Gottes in Christus ein <hi rend="italic">Wieder</hi>-Erkennen.»</note> oder einem existentialen Vorverständnis wie <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>, oder einer neulutherischen <term ref="kbga-terms-2350">Gesetzestheologie</term> wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName></hi>,<note xml:id="n62">Das Gesetzesverständnis <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogartens</persName> (1887–1967) und seine daraus folgende Nähe zu deutsch-christlichem Gedankengut hatte wesentlich mit zum definitiven Bruch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> mit Gogarten beigetragen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-567">K. Barth, <hi rend="italic">Abschied</hi> [1933], in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/55/p492#p492">S. 492–515</ref>, dort S. 502f.</bibl></note> Theologie des Gesetzes sei, indem sie den Menschen zum Angelpunkt mache, und nicht Gott. Barth wollte mit <pb xml:id="p268" ed="pga"/> seiner Umkehrung zeigen, dass es im Glauben nicht um die <term ref="kbga-terms-913">Existenz des Menschen</term>, sondern um Gottes <term ref="kbga-terms-1040">Wohlgefallen</term> und <term ref="kbga-terms-28">Ehre</term> geht.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>:<note xml:id="n63"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>), S. 568</bibl>.</note>] <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> schloss mit zwei Fragen an <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>:</p>
                    <p>1. Wenn Barth meint: Wenn man einmal gesagt habe <term ref="kbga-terms-699">Evangelium und Gesetz</term>, dann könne man auch sagen <term ref="kbga-terms-698">Gesetz und Evangelium</term>, ist dann die Gefahr gegeben, die vom Gesetz her immer wieder aufbrechen kann?</p>
                    <p>2. Bedeutet die Umkehr der Reihenfolge von Gesetz und Evangelium, dass die Frage der poenitentia überflüssig wird, oder muss sie «umgebaut», d. h. an anderer Stelle der Theologie eingebaut werden?</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n64"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 107f.</bibl></note>] Wenn man so wirklich <term ref="kbga-terms-699">Evangelium und Gesetz</term> sagen muss, so wird es darin aber auch <term ref="kbga-terms-698">Gesetz und Evangelium</term> heißen dürfen, denn «die <term ref="kbga-terms-790">Kraft der Sünde</term> ist das Gesetz» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.56">1.Kor. 15,56</ref>]. […] Gibt es da nicht auch das Gesetz als Feind? Gibt es nicht auch ein Abwenden von <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und ein Hinkehren zu Christus? Es gibt doch Tränen und Seufzen, die erst dort getrocknet und gestillt werden.</p>
                    <p><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, freudig zustimmend, antwortete: «Ja, es gibt diese Tränen und dieses Seufzen – doch, wie gesagt, nur in jener Ordnung; dann, wenn das <term ref="kbga-terms-766">Gesetz als Form des Evangeliums</term> verstanden ist, dann, wenn mit dem <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.119">119. Psalm</ref> zu jubeln ist, dass im Gesetz die ganze <term ref="kbga-terms-186">Güte Gottes</term> beschlossen ist – dann gilt auch, dass das Gebot nicht ein zweiter Bereich ist. Dann – und das ist etwas ganz anderes, als was von <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> und von der <term ref="kbga-terms-5">Anthropologie</term> her gesagt wird –, dann kann auch von ‹desperatio› geredet werden; denn es stellt sich immer wieder heraus, dass wir die Gottlosen immer wieder sind. Denn Gottes heiliges gutes Gesetz, die lex tota, die Gestalt des Evangeliums, ist ja das <term ref="kbga-terms-388">Gericht</term> über den Menschen, das nicht andere, sondern uns selbst trifft. In der <term ref="kbga-terms-2351">Existenztheologie</term> aber, gerade auch da, wo scheinbar tiefste Ironie und Selbstverdammung herrscht, bleibt es beim Pseudoernst. Nur vom <term ref="kbga-terms-129">Kreuz Christi</term>, von dem auferstandenen Gekreuzigten her, heißt es: aus der Tiefe schreie ich, Herr, zu Dir [Ps. 130,1]. Hier fließen Demütigung und Gericht aus der <term ref="kbga-terms-390">Gnade</term>: all Sünd’ hast du getragen.<note xml:id="n65">Vgl. den Beginn aller Strophen des Liedes<bibl type="song" corresp="kbga-songs-75"> «O Lamm Gottes, unschuldig» (nach dem altkirchlichen «Agnus Dei») von <persName ref="kbga-actors-1349">Nikolaus Decius</persName> (EG 190; RG 437)</bibl>:  
                    <q rend="block">
                    <lg>
                    <l>O Lamm Gottes, unschuldig / am Stamm des Kreuzes geschlachtet,</l>
                    <l>stets gefunden geduldig, / obwohl du warest verachtet:</l>
                    <l>All Sünd hast du getragen, / sonst müssten wir verzagen.</l></lg></q></note> Natürlich geht es mich ganz ernsthaft an, weil du, du <pb xml:id="p269" ed="pga"/> getragen hast. Eben das heißt es, dass der Satz ‹<term ref="kbga-terms-837">Gott ist Gott</term>› ein und alles ist.»</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>:<note xml:id="n66"><bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 153</bibl>.</note>] <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> bezeichnete die Theologie, die von dem <term ref="kbga-terms-2352">Menschen unter dem Gesetz</term> ausgeht, als «<term ref="kbga-terms-2353">tragische Theologie der norddeutschen Tiefebene</term>»,<note xml:id="n67"><bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 150</bibl>, fügte dem auch von ihm zitierten Ausspruch hinzu: «Davon haben <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> und viele andere Lutheraner sich abgewendet: ‹Es gibt nichts Schöneres als einen reformierten Lutheraner›» («Daar heeft Iwand en menig ander lutheraan zich van afgewend. ‹Es gibt nichts Schöneres als ein reformierter Lutheraner›».)</note> wie er sich auch deutlich von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift «De servo arbitrio»<note xml:id="n68"><bibl corresp="kbga-bibls-1326">WA 18,551–787</bibl>.</note> und der Entgegensetzung von <term ref="kbga-terms-698">Gesetz und Evangelium</term> als richtendem und vergebenden <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term> distanzierte. Dem wurde allerdings besonders von lutherischer Seite nicht wenig widersprochen […].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10729">Wintermann</persName>:<note xml:id="n69"><bibl corresp="kbga-bibls-5756"><persName ref="kbga-actors-10729">Wintermann</persName>, <hi rend="italic">Herborner Tage</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n23">Anm. 23</ref>), S. 262</bibl>.</note>] Doch handelt es sich hier nicht nur um eine Eigentümlichkeit der lutherischen Tradition: wie ein Teilnehmer aus Holland, Prof. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName></hi> aus <placeName ref="kbga-places-83">Leyden</placeName> sachkundig berichtete, entspricht die Reihenfolge <term ref="kbga-terms-698">Gesetz und Evangelium</term> weithin auch reformierter Tradition, und der erste Teil des <term ref="kbga-terms-89">Heidelberger Katechismus</term> handelt denn auch «Von des Menschen Elend».</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n70"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 12</bibl>.</note>] Auch hier konnte <persName ref="kbga-actors-1706">H.-J. <hi rend="italic">Kraus</hi></persName> als Alttestamentler <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bestätigen. Vom <term ref="kbga-terms-568">Alten Testament</term> her sei es geradezu widersinnig, das Gesetz dem Evangelium vorzuordnen. Das Erste ist die Zusage: «Ihr <hi rend="italic">seid</hi> das erwählte Volk». Indem der <term ref="kbga-terms-752">Gnadenbund</term> verkündigt wird, gilt: Du <hi rend="italic">kannst</hi> dem <term ref="kbga-terms-60">Gebot</term> gehorsam sein. <hi rend="italic">Thora</hi> bedeutet nicht so sehr «Gesetz», als <hi rend="italic">Wegweisung Gottes</hi>, in der der Bund bewahrt wird. Gott gibt sein Gebot, «dass Du das Leben erwählest». Ihn zu lieben und seiner Stimme zu gehorchen, «das ist Dein Leben!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.30.19 Dtn.30.20">5.Mose 30,19f.</ref>). Darum der überströmende <term ref="kbga-terms-769">Lobpreis des <pb xml:id="p270" ed="pga"/> Gesetzes</term>, wie er aus vielen Psalmen klingt (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.119">Psalm 119</ref>!). Und selbst aus dem prophetischen Gerichtswort spricht die suchende Gnade, die zur Umkehr ruft.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>:<note xml:id="n71">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 149</bibl>: «Sommigen verdedigten den Deus absconditus; zo Gollwitzer, in zoverre als deze niet àchter de revelatus dreigt en alle heilszekerheid verstoort, maar veeleer náást de revelatus bestaat voor de ervaring der mensen. [...] Er is geen donkere God achter de geopenbaarde. Dat is immers juist de reden waarom Luther later de praedestinatie ging verwerpen. Aldus Gollwitzers correctie.»</note>] Manche verteidigten den «<term ref="kbga-terms-2223">Deus absconditus</term>», so auch <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName>, insofern er nicht hinter dem «revelatus» droht und alle Heilssicherheit aufhebt, sondern neben dem «revelatus» für die Erfahrung der Menschen existiert. […] Es gibt keinen dunklen Gott hinter dem geoffenbarten. Genau das ist ja der Grund, warum <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> später die <term ref="kbga-terms-116">Prädestination</term> ablehnte. So die Korrektur von Gollwitzer.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n72"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 12f.</bibl></note>] <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName></hi> hatte, bei aller Zustimmung zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, die Besorgnis, dass in Barths <term ref="kbga-terms-2358">Dogmatik</term> ein System gebaut und alles zu prinzipiell durchgeführt werde. Wenn man die Reihenfolge: <term ref="kbga-terms-699">Evangelium – Gesetz</term> zum Prinzip macht, bedeutet das nicht ein Vorwegnehmen der <term ref="kbga-terms-35">Gnade</term>, als ob wir schon im Voraus ihrer gewiss wären? – Im biblischen Zeugnis stehen <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> und Gnade in hartem Gegensatz; die Versöhnung beider muss <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden. Wir haben es ernst zu nehmen, dass Gott selbst tötet und verdammt, wie er auferweckt und freispricht. Kommt bei Barth die Härte dieses Widerspruchs, die Demütigung unseres Denkens darunter, genügend zur Geltung? Wenn Barth die <term ref="kbga-terms-1091">Verwerfung</term> von der <term ref="kbga-terms-1077">Erwählung</term> her, die <term ref="kbga-terms-1905">Finsternis</term> vom <term ref="kbga-terms-1904">Licht</term> her, <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> als das <term ref="kbga-terms-2354">Nichtige</term> zu verstehen sucht, wird damit nicht doch der Versuch gemacht, das dunkle Geheimnis der <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> aufzuhellen?</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1708">Krecks</persName></hi> Frage ging in dieselbe Richtung: die <term ref="kbga-terms-2355">apokatastasis panton</term> (die Wiederherstellung <hi rend="italic">aller</hi> Dinge, die Allversöhnung) wird zwar von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht behauptet; aber die Linien drängen doch darauf hin. Ist damit <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> nicht eingeordnet in die <term ref="kbga-terms-2319">Heilsgeschichte</term>? Wie sind aber dann Worte zu verstehen wie dies: «wer nicht glaubt, wird verdammt werden»? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.16">Mk. 16,16</ref>] oder wie das von <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> gesagte: «wehe <pb xml:id="p271" ed="pga"/> dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird. Es wäre ihm besser, dass er nie geboren wäre» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.24">Matth. 26,24</ref>)? Kann <term ref="kbga-terms-1077">Erwählung</term> und <term ref="kbga-terms-1091">Verwerfung</term> so systematisch verklammert werden, dass die Möglichkeit des Verworfenwerdens kaum mehr ins Blickfeld kommt?</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>:<note xml:id="n73">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5749"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Controvers-gesprek</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 150.152</bibl>: «Uit Karl Barth’s antwoorden, tekenen wij het volgende aan: […]». – Die oben angeführten Zitate stehen auch bei Miskotte in Deutsch und sind lediglich orthographisch angepasst.</note>] Aus den Antworten <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> können wir das Folgende entnehmen: […] «Das ist kein guter Vorwurf; dass ich konsequent bin, statt den Leuten Brocken hinzuwerfen! Prinzip, Schema, System, Konsequenz, darf es das unter dem <term ref="kbga-terms-2356">Humor Gottes</term> nicht geben? Was davon tauglich ist, wird jedenfalls ein Hinweis sein können auf Gott, der ein Gott der Ordnung und des Friedens ist.» – «Das ist gar verdächtig, dass man die <hi rend="italic">Architektonik</hi> verdächtigt. Will man die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> darauf ertappen, dass sie (leider!) auch schön sei? Darf eine <term ref="kbga-terms-7">Dogmatik</term> nicht schön sein, wenn sie nun einmal so an den Tag tritt von der unverfügbaren Mitte aus?» – «Sie müssen es mir nicht übel deuten, dass ich solche Einreden Ihnen nicht mit Dank abnehme: ich dürfte doch um ein bisschen Dankbarkeit bitten.» – «Viele sehen in der <term ref="kbga-terms-2358">K. D.</term> ein <term ref="kbga-terms-832">Nomos</term>, […].» – «Man findet Nomos überall, wo man selbst so dran ist, es erwarten zu müssen, und dann muss man gewiss das Gefundene (Erfundene) überall hineininterpretieren.» – «Aber es ist alles viel freier gemeint und steht viel gelöster da.» – «Was bei ‹<term ref="kbga-terms-2354">das Nichtige</term>›<note xml:id="n74">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/3, S. 327–425 (§ 50: Gott und das Nichtige)</bibl>.</note> über die Gebrochenheit der <term ref="kbga-terms-1254">theologischen Erkenntnis</term> gesagt ist, das gilt über die ganze Linie; das schließt nicht aus, dass die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> auch als <term ref="kbga-terms-1626">Schönheit</term> erscheint, als Abglanz der ewigen Herrlichkeit.»</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n75"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 109f.</bibl></note>] Abschließend sagte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> unter Hinweis auf das Gesetz des Geistes, dass es doch wohl auf alle Fälle falsch sei, das <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> als Rechtfertigungsmittel zu verstehen. «…Vorausgesetzt, dass es <term ref="kbga-terms-487">christliche Theologie</term> gibt, inwiefern darf es dann nicht auch Systematik geben? Mein ganzes Bemühen ist, Gott in seinem Wort zu verstehen, nun wirklich in seinem Wort, das viele Dimensionen hat – <pb xml:id="p272" ed="pga"/> aber in ihm Gott zu verstehen. Auf der ganzen Linie steht als Letztes der Hinweis auf das uns unverfügbare Sein Gottes. Diese Frage nach Gott, nach dem <term ref="kbga-terms-2196">Immanuel</term>, dem Gott mit uns, kann ich nicht aufgeben, sichtbar zu machen. Wenn überhaupt <term ref="kbga-terms-7">Dogmatik</term>, dann geht es um diese Frage und um diese Antwort. Deshalb habe ich weder Interesse an einer Harmonisierung noch an Diastasen … Es ist keine wirkliche Anklage erhoben worden. Alle haben nur gesagt: <hi rend="italic">könnte</hi> nicht ein Unglück geschehen? Aber da es mir nicht auf illegitime Harmonisierungen ankommt, ist für mich die letzte Sicherung Gott selbst. <hi rend="italic">Den</hi> kann ich nicht einschließen! Deshalb bleibt die <term ref="kbga-terms-252">Verkündigung</term> offen. <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-837">Gott ist Gott</term></hi>, Gott ist der Schließende. Deshalb darf nicht beherrschend sein der Begriff der Gnade, sondern Gott muss herrschen, Gott, der in der Tat auch verdammt, aber auch tröstet. Mich interessiert der <term ref="kbga-terms-2484">verdammende</term> und <term ref="kbga-terms-1054">tröstende <hi rend="italic">Gott</hi></term> selber. An der Hand des Wortes frage ich diesen verdammenden und tröstenden <hi rend="italic">Gott</hi>. Ich möchte Gott selber nicht aus den Augen verlieren. Das würde ich aber tun, wenn ich auf alle Fälle Trost s<term ref="kbga-terms-817">agen </term>würde. Aber ich höre bei Euch immer eine geheime Liebe zum Gegensatz. Nein, nicht dem Gegensatz, sondern dem Kyrios – dem Herrn –,  der über dem Gegensatz steht, muss die ganze Liebe gehören, auch die des Dogmatikers. Nicht bei den Gegensätzen, noch bei ihrer Verbindung, sondern an ihrem Jenseits muss er sein Herz haben… Warum macht Ihnen die dogmatische Bewegung nach dem inneren Leben Gottes Not? Ich versuche das Wesen G<term ref="kbga-terms-2357">ottes ja nur</term> nach seinem Wort au<term ref="kbga-terms-50">szul</term>egen, und ich finde in <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1">Eph. 1</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1">Kol. 1</ref> die gleiche Bewegung. Ist das ein illegitimer Rückgriff? <hi rend="italic">Wenn ich sein Wort habe, dann habe ich ihn selber!</hi> … Ihr vermisst den deus absconditus. Und nun werde ich mich unbeliebt machen! Ich habe nie verstanden, warum ‹De servo arbitrio› die herrlichste Schrift <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sein soll. Dieser ‹deus ab<term ref="kbga-terms-2223">sconditus› – die</term>ser verborgene Gott – ist ein Ungeheuer schlechthin.<note xml:id="n76"><bibl corresp="kbga-bibls-5753"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Schepping en verbond</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>), S. 200</bibl>, berichtet – allerdings dem dritten Tag zugeordnet – von den Reaktionen auf diesen Ausspruch Barths : «Es gibt einige, die zu <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Lehre vom <hi rend="italic">‹Deus absconditus›</hi> zurückkehren, um sie zu verteidigen und sie gegen Barths ‹Panchristismus› ins Feld zu führen. Die alte Frage von Natur und Gnade […] kommt in immer neuen Formen noch vor; […]. Besonders als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Gott aus ‹De servo arbitrio› ein <hi rend="italic">‹Ungeheuer›</hi> genannt hat, schien das Bestürzung zu geben» («Er zijn er, die op Luthers leer van de <hi rend="italic">‹Deus absonditus›</hi> terugkomen, om die te verdedigen en in het veld te voeren tegen het ‹panchristisme› van B. De oude vraag van natuur en genade […] komt in telkens andere vormen naar voren; […]. Vooral als B. de God van ‹De servo arbitrio› ein <hi rend="italic">‹Ungeheuer›</hi>, ein monster heeft genoemd, blijkt dat onsteltenis te geven»).</note> Schlimmer als <pb xml:id="p273" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Ihm kann man keinen heiligen Raum sichern. Auch von der Heiligen Schrift her ist das unmöglich. Durch die Schrift sind wir an den ‹deus re<term ref="kbga-terms-2486">velatus› – den</term> offenbarten Gott – gewiesen – und ist kein anderer Gott.<note xml:id="n77">Anspielung auf die zweite Strophe des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">«Ein feste Burg ist unser Gott» (1529) von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (EG 362; RG 32)</bibl>: 
                    <q rend="block">
                    <lg>
                    <l>Mit unsrer Macht ist nichts getan, / wir sind gar bald verloren;</l> 
                    <l>es streit’ für uns der rechte Mann, / den Gott hat selbst erkoren.</l>
                    <l>Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ,</l>
                    <l> der Herr Zebaoth, / und ist kein andrer Gott,</l>
                    <l> das Feld muss er behalten.</l></lg></q></note> Woher dann der Gräuel noch? Wenn das die Klage sein soll – dann bin ich gut verstanden… Und zu dem Vorwurf der zu großen Systematisierung: Darf es nicht unter der großen Geduld <term ref="kbga-terms-482">Gottes, unter</term> seinem Humor e<term ref="kbga-terms-2356">in th</term>eologisches System oder so etwas geben? Ein Ernstmachen damit, dass er der Gott der Ordnung, des Friedens ist? Das darf man mir nicht zum Vorwurf machen, dass ich konsistent und konsequent rede. Es ist doch kein Vorwurf, dass meine D<term ref="kbga-terms-2358">ogmatik so ‹sc</term>hön› <term ref="kbga-terms-2359">sei, </term>dass ‹alles stimme›. Darf eine Dogmatik denn nicht so sein? Ich bin bereit, mich im Weltger<term ref="kbga-terms-1268">icht berich</term>ten<note xml:id="n78">Gemeint ist: «berichtigen».</note> und richten zu lassen. Aber hier und bis dahin habe ich – die unverfügbare Mitte freilassend und wohl wissend, von wem ich rede – mein Handwerk gut zu üben. Ich möchte um ein bisschen Nachsicht, ein wenig Dankbarkeit bitten. Es betrübt mich ein wenig, wenn man mir so kommt: es gehe nicht, es bleibe ja nichts dunkel. Wir haben in der Kirche doch ein bisschen klares Denken nötig! – Das ist das Formelle. Aber der Hauptpunkt ist: Gott ist Gott – das muss deutlich werden. Das ist kein Begriff zur Meisterschaft, den gibt es nicht. ‹Soli De<term ref="kbga-terms-2149">o gloria› – und</term> das allein.»</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n79"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 13</bibl>.</note>] Auf die Frage nach den ethischen Konsequenzen betonte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> noch einmal: die <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-2361">christliche Ethik</term></hi> ist vom <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term>, von Christus her, zu begründen, unter immer wechselnden Ge<pb xml:id="p274" ed="pga" break="no"/>sichtspunkten. (Auch die Ethik muss ständig in Bewegung bleiben.) Die Frage lautet: was wird für uns verbindlich, <hi rend="italic">weil</hi> <term ref="kbga-terms-36">Gott uns <hi rend="italic">gnädig</hi></term> ist? Das Evangelium ist voll Weisung.</p>

                    <p rend="asHead"><hi rend="italic">3. Tag: Schöpfung und Bund</hi></p>

                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>:<note xml:id="n80"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>), S. 570</bibl>.</note>] Mit einem Referat von Prof. D. <persName ref="kbga-actors-1953">Otto <hi rend="italic">Weber</hi></persName> (<placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>) über die Schöpfungslehre Karl Barths (nach Kirchliche Dogmatik III,1) wurden die Verhandlungen des 3. Tages, die unter dem Thema: <hi rend="italic">Schöpfung und Bund</hi> standen, eröffnet. Weber wollte mit seinem Einleitungsreferat keine Gegenposition zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> aufstellen, sondern nur kurz die wichtigsten Punkte des Bandes III,1 herausheben.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n81"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16)</ref>, Sp. 14</bibl>.</note>] In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <term ref="kbga-terms-2362">Schöpfungslehre</term> zeigt sich (ähnlich wie bei der <term ref="kbga-terms-1243">Erwählungslehre</term>) in besonderer Weise, dass er ständig den in <hi rend="italic">Christus</hi> offenbaren Gott vor Augen hat. Er kann also unmöglich von einem <term ref="kbga-terms-25">Schöpfergott</term> reden, der nicht zugleich der <term ref="kbga-terms-2488">Erlöser</term> wäre. Darum sieht er die <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term> im Zusammenhang mit dem <term ref="kbga-terms-752">Gnadenbund</term>. «Schöpfung ist Gnade»; denn von Gott aus könnte auch nichts sein. Die Schöpfung gehört zur Durchführung des Gnadenbundes, sofern sie den Raum erstellt, in dem die Geschichte des Gnadenbundes sich abspielt. So kann man sagen: die <term ref="kbga-terms-2363">Schöpfung ist der äußere Grund des Bundes</term>, der <term ref="kbga-terms-2318">Bund ist der innere Grund der Schöpfung</term>.</p>
                    <p>Hier hatte <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName></hi> noch einmal, gerade auf Grund der Übereinstimmung in Bezug auf den <term ref="kbga-terms-553">christologischen</term> Ansatz, einen tiefgreifenden Protest anzumelden.<note xml:id="n82"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName> verweist in ihrem Bericht an dieser Stelle auf <bibl corresp="kbga-bibls-5855"><persName ref="kbga-actors-414">H. Vogel</persName>, <hi rend="italic">Ecce Homo. Die Anthropologie Karl Barths</hi>, in: VF. Theologischer Jahresbericht 1949/50, Lieferung 1–2, S. 102–128</bibl>.</note></p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>:<note xml:id="n83">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5753"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Schepping en verbond</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>), S. 198</bibl>: «Van de zijde der oudtestamentici kwam voorlopig de meest zakelijke reactie. Man merkte op dat in Bultmann’s leer van de ‹Entweltlichung› als moment der openbaring, geen ernst gemaakt wordt met de <hi rend="italic">contingentie der historie</hi> en der openbaring in de historie; wel heeft <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beter dan Wilhelm Vischer ingezien dat een christologische interpretatie van het O.T. niet Jesus als verklarings-principe mag hanteren, met voorbijgang van het ‹Selbstverständnis der A.T. Autoren›. Wanneer dit laatste tot gelding komt, wordt de weg afgesneden tot een te eenzijdig, punctueel verstaan van het verbond als de grond des levens. […] De amerikaanse hoogleraar (van herkomst een armeniër) verdedigt het ‹calvinisme›, en de daar centraal-gestelde soevereiniteit Gods; ‹History is the history of grace›, is ‹awful-anthropocentric›. Gelijk bij Ritschl maar drie grootheden voorkommen n. l. God en mens en de wereld als ‹the environment only›, zo is het ook nog bij Barth. God staat náást de mens, en de mens staat in het midden; [...]. Zo wordt de moderne mens niet geholpen, integendeel hij wordt gesterkt in zijn self-inversion, in zijn self-obsession. Het gaat nooit en nergens om de mèns; het gaat enkel om Gòd. Dat klinkt hard, maar daarin worden wij van onze ziekelijke egocentriciteit verlost.»</note>] Von Seiten der Alttestamentler kam vorerst die sachlichste Antwort. Man stellte fest, dass in <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName> Lehre von <pb xml:id="p275" ed="pga"/> der «Entweltlichung» als Moment der Offenbarung nicht Ernst gemacht wird mit der <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-2364">Kontingenz der Geschichte</term></hi> und der <term ref="kbga-terms-452">Offenbarung in der Geschichte</term>; jedoch erkannte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> besser als <persName ref="kbga-actors-823">Wilhelm Vischer</persName><note xml:id="n84">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2698"><persName ref="kbga-actors-823">W. Vischer</persName>, <hi rend="italic">Das Christuszeugnis des Alten Testaments</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Das Gesetz</hi>, München 1934</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5766">Bd. 2: <hi rend="italic">Die Propheten</hi>, Erste Hälfte: <hi rend="italic">Die frühen Propheten</hi>, Zollikon-Zürich 1942</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-823">Wilhelm Vischer</persName> (1895–1988), 1947 Prof. für Altes Testament in Montpellier, zuvor Pfarrer in Basel.</note>, dass eine <term ref="kbga-terms-2365">christologische Auslegung</term> des Alten Testaments nicht mit Jesus als Erklärungsprinzip hantieren darf, mit einer Umgehung des «Selbstverständnisses der AT-Autoren». Wenn Letzteres zum Tragen kommt, wird der Weg zu einem allzu einseitigen, zugespitzten Verständnis des Bundes als Lebensgrund abgeschnitten. […]</p>
                    <p>Der <persName ref="kbga-actors-10733">amerikanische Professor</persName> (armenischer Herkunft)<note xml:id="n85">Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-10733">Joseph Haroutunian</persName>; s. unten, <ref type="pub" target="#fn_n91">Anm. 91</ref>.</note> verteidigt den <term ref="kbga-terms-155">Calvinismus</term> und die dort zentrale <term ref="kbga-terms-1244">Souveränität Gottes</term>; «History is the history of grace» ist «awful-anthropocentric». So wie bei <persName ref="kbga-actors-339">Ritschl</persName> nur drei Größen vorkommen, nämlich Gott und Mensch und die Welt als «the environment only», so ist es auch noch bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>. Gott steht neben dem Menschen, und der <term ref="kbga-terms-3">Mensch</term> steht in der Mitte; […]. So wird dem <term ref="kbga-terms-362">modernen Menschen</term> nicht geholfen, im Gegenteil, er wird in seiner «self-inversion», in seiner «self-obsession» gestärkt. Es geht nie und nirgends um den Menschen; es geht allein um Gott. Das klingt hart, aber darin werden wir von unserer krankhaften <term ref="kbga-terms-1558">Egozentrik</term> befreit.»</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n86"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 110</bibl>.</note>] Am dritten Tage wurde die Diskussion […] bewegt von der Frage <persName ref="kbga-actors-414">H. Vogels</persName> nach dem Ich als dem Einzelnen, der in <pb xml:id="p276" ed="pga"/> der <term ref="kbga-terms-5">Anthropologie</term> Barths fehle, da <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Menschen nur als <term ref="kbga-terms-2138">Mann <hi rend="italic">und</hi> Frau</term> kennt und in diesem Doppeltsein die <term ref="kbga-terms-1951">Gottebenbildlichkeit</term> sieht. Sie ist nie verlorengegangen (nach Barth), da sie nie menschlicher Besitz war, sondern in der «analogia relationis» besteht.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>:<note xml:id="n87"><bibl corresp="kbga-bibls-5750"><persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth in Deutschland</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 267f.</bibl></note>] Der <hi rend="italic">dritte Tag</hi> brachte […] einen weiteren temperamentvollen Angriff <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogels</persName>: 1. Wie steht es mit Barths <term ref="kbga-terms-651">Eschatologie</term>, wenn man seiner Lehre vom Urstand des Menschen zustimmt? 2. Was versteht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> unter Seligkeit und Verdammnis? 3. Was ist bei Barth Sünde? 4. Was ist die «Gottebenbildlichkeit» des Menschen, wenn sie nur in dem Gegenüber von <term ref="kbga-terms-2138">Mann und Frau</term> gesehen wird, und der Einzelne nicht mehr zu seinem Recht kommt? Im Ganzen ging es um die gleiche Frage wie an den Vortagen: ob die Theologie vom Menschen oder von Gott her denken müsse, ob das Selbstverständnis des Menschen (<persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>!), die <term ref="kbga-terms-6">Selbsterkenntnis</term> und Verzweiflung des Menschen unter dem Gesetz (lutherisches Schema) und schließlich bei Vogel das Interesse an dem Menschen als «Einzelnen» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>!), an seiner neuen «Seinsweise» in der <term ref="kbga-terms-392">Auferstehung</term> usw. ein besonderes Thema der Theologie sein dürfe? Die drei Tage standen hier in einer ungewollten, aber deutlich spürbaren inneren Einheit.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n88"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 110f.</bibl></note>] Vogel aber will gerade im Ernstmachen mit der Stellvertretung Christi (und von den Ich-bin-Stellen her) den Einzelnen in seiner Existenz begründet wissen und jeder Auslöschung dieses Ich-seins widerstehen. Gehe es doch um die Erlösung des einzelnen Menschen in Christus, wie auch um seine Verdammung. Deshalb genügt Vogel auch nicht die Bezeichnung der ewigen Verdammung als «<term ref="kbga-terms-2354">das Nichtige</term>», wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> es nennt. Hiergegen wurde vorerst eingewandt, dass es ein Eingeständnis des menschlichen Seins nicht gebe. In dieser Frage schon liege drohend das katholische Missverständnis.<note xml:id="n89">Nach <bibl corresp="kbga-bibls-5753"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Schepping en verbond</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>), S. 200</bibl>, meinten einige der lutherischen «[D]isputanten», dass sich in dieser Sicht Vogels «das Uranliegen des katholischen Denkens meldet» (auch im Original in Deutsch). Einer von ihnen – <persName ref="kbga-actors-1913">Karl Gerhard Steck</persName> (1908–1983; seit dem Studium in Bonn mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verbunden) – habe «sehr krass» («heel kras») gesagt und damit die reformatorische Position <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> als auch <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> beschrieben: «wenn der Heilige Geist einzieht, muss der menschliche Geist ausziehen, es gibt keinen eigenständigen Ort des Menschen, und gerade darin besteht sein Heil» (auch im Original in Deutsch).</note> <pb xml:id="p277" ed="pga"/> Die einfache Gegenüberstellung von menschlichem Sein und «Christus pro nobis» muss zur Wechselbeziehung und zum Cirkulus werden, wenn hier nicht das «pro nobis» gewissermaßen in Gott selbst begründet wird. Ohne Zweifel – und das gilt auch gegen <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> – ist Gott nicht eingeschlossen in sein Wort, sondern bleibt Herr seines Wortes. </p>
                    <p>Von hier aus begründet auch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> seine <hi rend="italic">Antwort:</hi><note xml:id="n90">Im Original ohne Hervorhebungen.</note>
                    </p>
                    <p>«Mein Denken kreist um die <term ref="kbga-terms-28">Glorie Gottes</term>, in der auch unser <term ref="kbga-terms-1567">Heil</term> inbegriffen ist. Mir genügt – innerhalb der vollen Sterblichkeit des menschlichen Lebens – als Inbegriff aller <term ref="kbga-terms-276">Hoffnung</term>, mich an Gott zu halten. Mit mir geht es zu Ende, aber Gott ist meine Zuversicht. Ich kann mir unter ‹meinem <term ref="kbga-terms-2425">Sein</term>› gar nichts denken, aber alles im Blick auf den Auferstandenen. Er ist die <term ref="kbga-terms-392">Auferstehung</term>… Gott ist mein <term ref="kbga-terms-2167">Jenseits</term>. Wessen anders kann man sich freuen? Gibt es einen anderen Inbegriff unseres eigenen Eschatons – unseres Jenseits? Die ganze Fülle <term ref="kbga-terms-651">eschatologischer</term> Aussagen ist in der ontischen (und nicht noetischen) Aussage gefasst: <hi rend="italic">Gott ist unser Jenseits</hi>. In ihm ist alles. Deshalb genügt auch der Ausdruck des <term ref="kbga-terms-2354">Nichtigen</term> als Bezeichnung des von Gott Nicht-gewollten, Nicht-gewählten, Übergangenen. Die Verdammnis als Ausdruck der Nichtigkeit ist dort, wo Gott nicht hinsieht. Das ist das Furchtbare, dort stehen zu müssen, wo Gott nicht hinsieht und wo ich selbst auch nicht sein kann. Diese beiden Aussagen erhalten ihre ganze Fülle und ihr Gewicht daher, dass der <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-519">offenbarte Gott Christus</term> und seine <term ref="kbga-terms-1022">Gemeinde</term></hi> ist. Und dieser ‹<term ref="kbga-terms-2490">Christus totus</term>› ist das Urbild der Geschöpflichkeit.» Letzteres richtete sich auch gegen Prof. <persName ref="kbga-actors-10733">Haroutunian</persName><note xml:id="n91"><persName ref="kbga-actors-10733">Joseph Haroutunian</persName> (1904–1968), amerikanisch-armenischer reformierter Theologe, 1940–1962 Prof. am McCormick Theological Seminary in Chicago.</note> (<placeName ref="kbga-places-98">Chicago</placeName>), der im Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-414">Vogel</persName> meinte, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu wenig von Gott und zu viel vom Menschen gesprochen habe. Es sei in der <term ref="kbga-terms-10">Theologie</term> allein von Gott die Rede, um alles andere hinwegzuschieben. </p>
                    <p><pb xml:id="p278" ed="pga" rend="noPipe"/>«Nein! Denn <term ref="kbga-terms-117">Gottes Wort</term> heißt Jesus Christus; und das heißt <term ref="kbga-terms-111">Gott <hi rend="italic">und</hi> die Menschen</term>. Und deshalb, weil es eben <hi rend="italic">nur</hi> um Gott geht, geht es nicht nur um Gott, weil es Gott – aber Gott! – wirklich um den Menschen geht» (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>). Von dorther ist es wichtig, dass Barth eine «neue Seinsweise», eine Erhöhung der <term ref="kbga-terms-233">Menschheit Christi</term> als solche, eine Verklärung ablehnte. Jesus wurde als <term ref="kbga-terms-393">Auferstandener</term> offenbar in seinem Gewesensein. Es ist geradezu von keiner neuen Seinsweise die Rede; es kommt nach der Auferstehung nicht zur Fortsetzung der Geschichte Jesu. <hi rend="italic">Derselbe</hi> Christus, den sie <term ref="kbga-terms-129">getötet</term> und ins Grab gelegt hatten, begegnet den <term ref="kbga-terms-272">Jüngern</term>. «Verklären» heißt nicht eine Verwandlung, sondern dass dieses Sterbliche, dieses Verwesliche anziehen muss Unsterblichkeit und Unverweslichkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>:<note xml:id="n92">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5753"><persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName>, <hi rend="italic">Schepping en verbond</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>), S. 202–205</bibl>: «De antwoorden van <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> waren uitvoeriger dan bij de vorige onderwerpen: […]<lb/>   3. Wanneer de O. Testamentici voorkeur hebben voor een ‹Geschichte der Bünde› i. p. v. ‹des Bundes› laat zich dat horen. Maar als gesproken wordt van een dynamische lijn, een strekking in deze bondssluitingen en beloften, dan komen we toch voor de vraag: <hi rend="italic">welke lijn?</hi> en is deze lijn niet hetzelfde, wat men eerst als speculatief heeft afgewezen n. l. het Verbond als grond der schepping, als basis van de geschiedenis van God met zijn volk? Wat men tot karakterisering van de inhoud van het verbond aanvoeren wil, het kan alles overwogen en geplaatst worden, b. v. ook ‹Erziehung› – 
                      ‹wenn nur der Erzieher und das Kind die Hauptsache ist, und immer von vorne an, wie es ja in jeder Erziehung stattfindet› […]<lb/>   6. Het <hi rend="italic">‹Nichtige›</hi> [...] is het ‹Nicht-gewählte› en dáárom ‹nichtig›, onder de negatie, de werkzame, geestelijke negatie Gods. ‹Darum ist die <hi rend="italic">Verdammnis:</hi> in dem Nichtigen stehen, dort stehen, wo Gott nicht hinsieht.› Ook hier moeten we alle ruimte en tijd-idolen achter ons laten. [es folgen die deutschen Zitate wie oben im Text]<lb/>  7. Men moet bij de analogia relationis niet blijven staan, maar doorstoten tot de analogia <hi rend="italic">operationis,</hi> waarvan de analogia fidei, het menselijk, persoonlijk, vrij handelen, in geloof en gehoorzaamheid en gebed, de kroon is. ‹Aber beide sind unumkehrbar, es gibt kein denkbares Kontinuum.› […] Met deze beide theologische analogiebegrippen ‹machen wir ein [sic!] <hi rend="italic">Flankenmarsch</hi> um die natürliche Theologie herum und ihre Front wird von hinten aufgerollt.› – ‹Wirklich, Brunner hat recht: es ist ein neues hineingekommen in der K. D., 
                      aber gerade von der anderen Seite her, von einem noch mehr beharrlichen Lauschen auf das Geheimnis des Wortes und nicht von einem halbschlächtigen Anerkennen von Seins-Kategorien her.› Vandaaruit komt de waarlijk grootse, alomvattende <hi rend="italic">controverse</hi> <hi rend="italic">met Rome</hi> op gang; daar liggen de tegenstellingen helder; […].»</note>] Die Antworten <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> waren ausführlicher als bei den vorherigen Themen: […] </p>
                    <p><pb xml:id="p279" ed="pga" rend="noPipe"/> 3. Wenn die Alttestamentler eine «Geschichte der Bünde» anstelle von «<term ref="kbga-terms-751">des Bundes</term>» bevorzugen, lässt sich das hören. Wenn man aber von einer dynamischen Linie, einem Zug in diesen Bundesschlüssen und <term ref="kbga-terms-72">Verheißungen</term> spricht, dann stellt sich uns doch die Frage: <hi rend="italic">welche Linie?</hi> und ist diese Linie nicht dasselbe, was man zuerst als spekulativ abgewiesen hat, nämlich der <term ref="kbga-terms-2318">Bund als Grund der Schöpfung</term>, als Basis der <term ref="kbga-terms-2347">Geschichte Gottes</term> mit seinem Volk? Was man zur inhaltlichen Charakterisierung des Inhalts des Bundes auch anführen will, es kann alles erwogen und eingeordnet werden, z. B. auch «<term ref="kbga-terms-1619">Erziehung</term>» – «wenn nur der Erzieher und das Kind die Hauptsache sind, und immer von vorne an, wie es ja in jeder Erziehung stattfindet». […]</p>
                    <p>6. Das <hi rend="italic">«<term ref="kbga-terms-2354">Nichtige</term>»</hi> [...] ist das «Nicht-gewählte» und darum «nichtig», unter der Negation, der wirksamen, geistlichen Negation Gottes. «Darum ist die <hi rend="italic">Verdammnis:</hi> in dem Nichtigen stehen, dort stehen, wo Gott nicht hinsieht.» Auch hier müssen wir alle Raum- und Zeitvorstellungen hinter uns lassen. «Wieder ist also der Gottesbegriff, <hi rend="italic">dieser</hi> Gottesbegriff entscheidend; es gibt nichts Schrecklicheres als übergangen zu sein von dem Gott des <term ref="kbga-terms-751">Bundes</term>, von dem Gott der <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term>, der eben jetzt und immerdar so und nicht anders Gott ist.» – «Die Gebrochenheit des <term ref="kbga-terms-2366">theologischen Denkens</term> ist wahrhaftig mit Händen zu greifen. Das bedeutet aber nicht, dass in Gott ein tragischer Dualismus herrscht, ein Paradoxon sich auftut, eine Aporie west.»</p>
                    <p>7. Man darf nicht bei der «<term ref="kbga-terms-2367">analogia relationis</term>» stehen bleiben, sondern muss zur «<term ref="kbga-terms-2491">analogia <hi rend="italic">operationis»</hi></term> übergehen, deren Krone die «<term ref="kbga-terms-2492">analogia fidei</term>» ist, das menschliche, persönliche, freie <term ref="kbga-terms-2482">Handeln</term> in <term ref="kbga-terms-73">Glaube</term> und <term ref="kbga-terms-376">Gehorsam</term> und <term ref="kbga-terms-90">Gebet</term>. «Aber beide sind unumkehrbar, es gibt kein denkbares Kontinuum.» […] Mit diesen beiden Analogiebegriffen «machen wir einen <hi rend="italic">Flankenmarsch</hi> um die <term ref="kbga-terms-65">natürliche Theologie</term> herum, und ihre Front wird von hinten aufgerollt». – «Wirklich, <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> hat recht: es ist ein Neues hineingekommen in die <term ref="kbga-terms-2358">K. D.</term>, aber gerade von der anderen Seite her, von einem noch beharrlicheren Lauschen auf das Geheimnis des Wortes und nicht von einem halbschlächtigen Anerkennen von Seinskategorien her.»<note xml:id="n93">Soeben war <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Rezension von KD III/2 erschienen: <bibl corresp="kbga-bibls-5767"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Der neue Barth. Bemerkungen zu Karl Barths Lehre vom Menschen</hi>, in: ZThK 48 (1951), S. 89–100</bibl>. – Vgl. zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Reaktion: <bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Brunner, <ref type="pub-" target="../volume/33/p377/#fn_n01">S. 377, Anm. 1</ref></bibl>.</note> Von dort aus <pb xml:id="p280" ed="pga"/> beginnt die wirklich große, umfassende Auseinandersetzung mit <term ref="kbga-terms-190">Rom</term>; dort sind die Widersprüche deutlich; […].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>:<note xml:id="n94"><bibl corresp="kbga-bibls-5755"><persName ref="kbga-actors-10728">Schneemelcher</persName>, <hi rend="italic">Theologische Arbeitstagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>), S. 572</bibl>.</note>] Die Diskussion klang aus in einem Votum von <persName ref="kbga-actors-6696">Schempp</persName> (Es kommt nicht darauf an, die Gräben zu messen, auch im consensus, der einen dissensus nicht ausschließt, muss man sich an der Gnade Gottes genügen lassen!) und in dem Hinweis auf offene Fragen, die in Zukunft zu klären sein werden. Dazu gehört die Frage nach der Bedeutung der «<term ref="kbga-terms-2367">analogia relationis</term>» und weiter die Frage nach der <term ref="kbga-terms-2369">Lehre von den zwei Regimenten</term>, die nicht tot und abgetan sei, sondern in neuem Licht von der neuen Grundlage aus aufzuarbeiten sei. Hier wird die Arbeit fortzusetzen sein: Es geht um das Problem, wie die Übersetzung und Befreiung des <term ref="kbga-terms-2370">theologischen Erbes der Reformation</term> für uns wirksam zu machen ist (<persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName><note xml:id="n95">Ein solches Wort zum Schluss der Diskussion wird wohl vom Tagungsleiter <persName ref="kbga-actors-431">Ernst Wolf</persName>, nicht vom ebenfalls anwesenden und berichtenden <persName ref="kbga-actors-9595">Hans Heinrich Wolf</persName> gesprochen worden sein.</note>).</p>

                    <p rend="asHead"><hi rend="italic">Politische Fragen</hi></p>

                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n96"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 14f.</bibl></note>] Dass die Theologie eine sehr lebensnahe Sache ist und bis in unsere konkreten Entscheidungen hineinwirkt, wurde an den Abenden deutlich, wo das Gespräch lockerer verlief und sich auch den <term ref="kbga-terms-382"><hi rend="italic">politischen</hi> Fragen</term> zuwandte. Das war besonders der Fall an dem einzigen Abend, den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-300">Martin Niemöller</persName></hi><note xml:id="n97"><persName ref="kbga-actors-300">Martin Niemöller</persName> (1892–1984), deutscher evangelischer Theologe, als Pfarrer in Berlin-Dahlem führender Vertreter der Bekennenden Kirche, 1938–1945 Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau, 1945–1955 Mitglied im Rat der EKD, 1947–1964 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.</note> in unserer Mitte verbringen konnte.<note xml:id="n98">Laut <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> Barth war dies am dritten Abend (<date when="1951-03-29">29.3.</date>) der Fall (s. <ref type="pub" target="#fn_n13">Anm. 13</ref>).</note>
                    </p>
                    <p>Auch in diesem Kreise musste <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> die Frage beantworten, warum er 1938 gegenüber dem <term ref="kbga-terms-161">totalen Staat</term> so anders reagiert habe als <pb xml:id="p281" ed="pga"/> heute. 1938 hat er in dem Brief an Prof. <persName ref="kbga-actors-1664">Hromádka</persName><note xml:id="n99"><persName ref="kbga-actors-1664">Josef L. Hromádka</persName> (1889–1969), tschechischer Theologe, Prof. für Systematische Theologie in Prag. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an Hromádka von 1938, in dem er die Tschechen zum bewaffneten Kampf gegen die deutsche Aggression aufrief, ist abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5849">O.Br. 1935–1942, <ref type="pub-" target="../volume/35/p113#p113">S. 113–115</ref></bibl>.</note> in Prag zum Kriege aufgerufen, weil <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitler</persName> den Krieg eindeutig wollte; spätestens ab 1938 wollte er ihn unter allen Umständen. Darum rief Barth damals, als die Welt sich noch über Hitler täuschte, zur Gegenwehr auf. Heute dagegen geht es um jeden Preis um den <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>. <persName ref="kbga-actors-5630">Stalin</persName> will jedenfalls <hi rend="italic">heute</hi> den Krieg <hi rend="italic">nicht</hi>, weil er ihn sich nicht leisten kann.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>:<note xml:id="n100"><bibl corresp="kbga-bibls-5754"><persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, <hi rend="italic">Gott ist Gott</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n20">Anm. 20</ref>), S. 111</bibl>.</note>] Die Situation ist nicht wie 1938, wo es um offenen Wahnsinn und klaren Kriegswillen gegangen ist. <persName ref="kbga-actors-5630">Stalin</persName> dagegen ist ein beachtlicher Denker, und das Problem des <term ref="kbga-terms-437">Sozialismus</term> ist eine ernsthafte Forderung an uns. Wir sollten also dem Widersacher willfährig sein, solange wir noch mit ihm auf dem Wege sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.25">Mt. 5,25</ref>].</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>:<note xml:id="n101"><bibl corresp="kbga-bibls-5751"><persName ref="kbga-actors-3519">Schrey</persName>, <hi rend="italic">Das Herborner Religionsgespräch</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 154</bibl>.</note>] Die Freunde aus der Ökumene stellten die Frage, ob die Kirche in Deutschland eine ausschließlich deutsche Lösung befürworten könne, wie es im Falle <persName ref="kbga-actors-300">Niemöllers</persName> den Anschein habe, ohne dadurch ihre Mitkirchlichkeit in der <term ref="kbga-terms-206">Ökumene</term> zu verleugnen. Müssen nicht die Entscheidungen im Raum der deutschen Kirche zugleich ökumenische Entscheidungen sein, und kann es hier eine Pluralität der Entscheidung geben? <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> vertrat die Ansicht, es sollten diese Fragen aus der Ökumene die <term ref="kbga-terms-673">deutsche Kirche</term> nicht allzu sehr bedrängen, denn die Mitkirchen existieren in verschiedenen Räumen und mit verschiedenen Problemen. So sei heute für <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> das Gebotene, nicht <term ref="kbga-terms-2330">wieder aufzurüsten</term>, sondern sich um eine unbewaffnete <term ref="kbga-terms-2371">Neutralität</term> zu bemühen.</p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>:<note xml:id="n102"><bibl corresp="kbga-bibls-5752"><persName ref="kbga-actors-1716">Küppers</persName>, <hi rend="italic">Herborner Theologen-Tagung</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), Sp. 15f.</bibl></note>] Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3266">Heinemann</persName></hi> haben wir überhaupt keine andere Wahl. Es sei vollkommen wahnsinnig, vom Krieg irgendetwas für uns zu erhoffen, denn die erste Schlacht würde an den <placeName ref="kbga-places-295">Rheinbrücken</placeName> stattfinden, und zwar zwischen unseren Frauen und Kindern, die hinüberdrängen, und den vom Westen einmarschierenden Truppen!</p>
                    <p><pb xml:id="p282" ed="pga" rend="noPipe"/>
                        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName></hi> erinnerte daran, dass während des letzten Krieges von den meisten Kanzeln der Bekennenden Kirche nicht für den Sieg gebetet und nicht für Siege gedankt worden sei. Wir hatten nicht das gute Gewissen dazu. Haben wir es heute, um den Deutschen die Waffen in die Hand zu geben? Wir müssen uns doch darüber klar sein, dass für uns ein Verteidigungskrieg so gut wie unmöglich ist. Wenn man den Vertriebenen Waffen gibt, wie will man hindern, dass sie versuchen, ihre Heimat zurückzuerobern? Oder sind wir jetzt wirklich soweit, dass wir bereit sind, unsere Schuld und ihre Folgen zu tragen und die Wirklichkeit anzuerkennen, die wir selbst verschuldet haben, statt immer noch auf eine Wiedereroberung der Ostgebiete zu warten? – Im Unterschied zu den Kirchenleitungen und auch zum Bruderrat, der sich nicht einig war, haben nach <persName ref="kbga-actors-1672">Iwands</persName> Urteil die Bruderschaften der Bekennenden Kirche – hervorgegangen aus den früheren «Illegalen», d. h. den Jungtheologen, die von der offiziellen Kirche nicht anerkannt, sondern, ohne Gewährleistung einer gesicherten Zukunft, von der Bekennenden Kirche ordiniert und in ihr Amt eingewiesen wurden – in der Abrüstungsfrage eine große Leistung vollbracht. Z. B. mit dem Flugblatt «An die Gewehre? Nein!», mit dem sie sich uneingeschränkt hinter <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> stellten.<note xml:id="n103">Das Flugblatt beinhaltete das <bibl corresp="kbga-bibls-5768"><hi rend="italic">Wort des Bruderrates der EKiD zur Wiederaufrüstung</hi> vom 29. September 1950 (Abdruck: KJ 77 [1950], S. 167f.)</bibl>, die <bibl corresp="kbga-bibls-5769"><hi rend="italic">Handreichung an die Gemeinden zur Wiederaufrüstung</hi> vom 4. Oktober 1950 (a.a.O., S. 169–174)</bibl>, den auf den 4. Oktober 1950 datierten <bibl corresp="kbga-bibls-5770">Offenen Brief Niemöllers an Adenauer (a.a.O., S. 174f.)</bibl> sowie den <bibl corresp="kbga-bibls-5771"><hi rend="italic">Offenen Brief von Vertretern der Bruderschaften der Bekennenden Kirche</hi> an Adenauer vom 4. Oktober 1950 (a.a.O., S. 176)</bibl>; zur Reaktion darauf vgl. a.a.O., S. 196–210 sowie <bibl corresp="kbga-bibls-5772">J. Vogel, <hi rend="italic">Kirche und Wiederbewaffnung. Die Haltung der Evangelischen Kirche in Deutschland in den Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik 1949–1956</hi> (AKZG.B 4), Göttingen 1978, S. 134f.</bibl></note> Dies Flugblatt hat viel Ärgernis erregt und ist doch für viele ein Gewissensaufruf geworden.</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-300">Martin Niemöller</persName></hi> führte aus: die einst gelernte Weisheit «Krieg ist das letzte Mittel der Politik» sei ihm zweifelhaft geworden. Ist der <term ref="kbga-terms-1283">Krieg</term> heute überhaupt noch ein sinnvolles Mittel, d. h. ist er geeignet, den Menschen zu dienen? Denn <term ref="kbga-terms-382">Politik</term> ist doch Dienst am Menschen. Ein Krieg zwischen <orgName ref="kbga-actors-8732">Russland</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8455">Amerika</orgName> kann wegen der räumlichen und kräftemäßigen Unbegrenztheit eigentlich nie ein Ende nehmen. Wenn man aber erkannt hat, dass er den Menschen nichts nützen 
                        <pb xml:id="p283" ed="pga"/> kann, muss man alle Kräfte anspannen, um einen anderen Weg zu gehen. Das versucht die <orgName ref="kbga-actors-9623">EKiD</orgName> seit <orgName ref="kbga-actors-10734">Eisenach</orgName>.<note xml:id="n104">An der <orgName ref="kbga-actors-10734">Kirchenversammlung von Eisenach</orgName> (<date to="1948-07-13" from="1948-07-09">9.–13. Juli 1948</date>) war die Grundordnung der <orgName ref="kbga-actors-9623">Evangelischen Kirche in Deutschland</orgName> verabschiedet worden.</note> Und dazu hat Niemöller in einem Augenblick, wo der Friede aufs höchste gefährdet schien, aufgerufen, und dieser Ruf hat einen Widerhall gefunden. – Politische Entscheidungen sind immer relativ, nie absolut. Nur weil es dabei um Menschen geht, bekommen sie absolute Bedeutung. Und Politik ist Dienst am Menschen in einer <hi rend="italic">vergehenden</hi> Welt. Wenn es gelingt, den Frieden auch nur um drei Tage noch zu erhalten, ist damit schon etwas getan. Wenn z. B. <persName ref="kbga-actors-5771">Schumacher</persName><note xml:id="n105">Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-5771">Kurt Schumacher</persName>, der SPD-Vorsitzende und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag.</note> dazu hilft, warum sollen wir uns nicht zu diesem Zweck zusammentun? Vielleicht wird er es nach drei Tagen leid; dann findet sich wohl jemand anders, der zu dem Samariterdienst bereit ist. Jetzt hoffen wir, dass die Vier-Mächte-Konferenz etwas von diesem Dienst verwirklichen wird.<note xml:id="n106">Anfang März 1951 hatten in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> Vorverhandlungen für eine Außenministerkonferenz der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs begonnen, auf der Deutschland betreffende Fragen verhandelt werden sollten. Zu einer Einigung kam es jedoch schon in diesen Pariser Verhandlungen nicht, so dass sie schließlich im Sommer ohne Ergebnis abgebrochen wurden. Stattdessen tagte im September 1951 in <placeName ref="kbga-places-95">Washington</placeName> eine Konferenz allein der drei Westalliierten, auf der beschlossen wurde, den westdeutschen Teilstaat, die Bundesrepublik Deutschland, in eine europäische Ordnung zu integrieren, sie an der Verteidigung Westeuropas zu beteiligen und das Besatzungsstatut bis zum Abschluss eines Friedensvertrages mit dem ganzen Deutschland durch einen «Deutschlandvertrag» zu ersetzen. Eine Viermächtekonferenz kam erst vom <date to="1954-02-18" from="1954-01-25">25. Januar bis zum 18. Februar 1954</date> in Form der <orgName ref="kbga-actors-10777">Berliner Außenministerkonferenz</orgName> zustande.</note> Ob diejenigen, die uns helfen, Christen sind oder nicht, braucht uns nicht zu kümmern. Der Samariter im Gleichnis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.25 Lk.10.37">Lk. 10,25–37</ref>] war ja auch kein Christ.</p>
                    <p>Von verschiedenen Seiten wurde der Friedenswille <persName ref="kbga-actors-5630">Stalins</persName> bezweifelt. Er wolle zwar jetzt nicht den Krieg, aber er wolle auch nicht den Frieden. Er brauche die Feindschaft der übrigen Welt. Dazu äußerte sich <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></hi> abschließend: Ich traue dem Friedenswillen Stalins auch nicht unbedingt. Aber ich bleibe zunächst stehen bei dem Satz: er <pb xml:id="p284" ed="pga"/> will <hi rend="italic">jetzt</hi> den Krieg <hi rend="italic">nicht!</hi> Zu allem weiteren bin ich jetzt nicht gerufen. Denn es geht um das <hi rend="italic">Heute</hi>. Ich spiele nicht mit fernen Möglichkeiten. Jedes Reden von dem, was <persName ref="kbga-actors-5630">Stalin</persName> eventuell später tun würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte und sich Erfolg davon versprechen würde, fördert den <term ref="kbga-terms-1283">Krieg</term> und ruft ihn geradezu herbei. Das aber ist christlich nicht zu verantworten. – Heute würde ich als Deutscher den Menschen in <placeName ref="kbga-places-1457">Westdeutschland</placeName> sagen: könnt ihr es denn wirklich verantworten, dies arme Westdeutschland, das eben anfängt, etwas aufzuatmen, in die westeuropäische Rüstung einzuspannen? – Als Christ <hi rend="italic">muss</hi> man dazu reden, auch auf die Gefahr hin, von allen Seiten angeschrien zu werden. <persName ref="kbga-actors-300">Martin Niemöller</persName> hat es gewagt. Und es kommt nicht darauf an, ob wir ihn in allen seinen Äußerungen immer verstehen konnten. Aber <hi rend="italic">das</hi> war die Linie, die gehalten werden musste! Um die <term ref="kbga-terms-114">Freiheit des Gewissens</term> brauchen wir dabei keine Angst zu haben. Wir sind nicht katholisch. Die Äußerungen eines Kirchenpräsidenten sind also nicht verbindlich wie die Weisungen eines Bischofs.</p>
                    <p>Die Frage nach der <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-529">Bekennenden Kirche</term></hi>, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu Beginn der Tagung aufgeworfen hatte, sei für ihn im Grunde schon beantwortet: <persName ref="kbga-actors-300">Martin Niemöller</persName> <hi rend="italic">ist</hi> die BK, sofern er als Einzelner es wagte, gegen den Strom zu schwimmen und aus seiner <term ref="kbga-terms-2372">christlichen Verantwortung</term> zu reden und zu handeln. («Gäbe es doch ein paar hundert solcher Männer!») Ebenso <persName ref="kbga-actors-3266">Heinemann</persName>: Auch <hi rend="italic">da</hi> war BK, als er zum Zeichen seines Protestes gegen den Kurs <persName ref="kbga-actors-1423">Adenauers</persName> sein Amt zur Verfügung stellte.<note xml:id="n107">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/57/p250/#fn_n48">S. 250f., Anm. 48</ref> und <ref type="pub" target="../volume/57/p250/#fn_n49">49</ref>.</note>
                    </p>
                    <p>[Bericht <persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>:<note xml:id="n108"><bibl corresp="kbga-bibls-5750"><persName ref="kbga-actors-3502">Scherffig</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth in Deutschland</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 268</bibl>.</note>] Alle Spannung der Tage löste sich in einem <hi rend="italic">Schlussabend</hi>, an dem <persName ref="kbga-actors-87">Günther Dehn</persName><note xml:id="n109"><persName ref="kbga-actors-87">Günther Dehn</persName> (1882–1970), zu dieser Zeit Prof. für Praktische Theologie in Bonn, mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eng verbunden seit dessen Eintreten für ihn im sogenannten «Fall Dehn» 1931/32 (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-179">O.Br. 1909–1935, <ref type="pub-" target="../volume/35/p158#p158">S. 158–164</ref> und <ref type="pub-" target="../volume/35/p170#p170">S. 170–183</ref></bibl>).</note> als Senior des Kreises mit unübertrefflichem Humor seine ersten Begegnungen mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> erzählte. Eine merkwürdig ferne Zeit, diese <term ref="kbga-terms-2373">zwanziger Jahre</term>!</p>
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