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        <title type="volume" n="vol-57">Gespräche 1948–1952</title>
        <title type="content">Fragebeantwortung in Budapest</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Fragebeantwortung in Budapest, in: Gespräche 1948–1952, 1. April 1948</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/57005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1948–1952, hrsg. v. Pfenninger, Michael (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2025, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1948–1952</title>
          <title type="text">Fragebeantwortung in Budapest</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Pfenninger, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2025</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Christliche Gemeinde im Wechsel der Staatsordnungen. Dokumente einer Ungarnreise 1948, Zollikon-Zürich 1948 </bibl>
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        <date type="creation" when="1948-04-01">1. April 1948</date>
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                <head type="sub">3</head>     
                <head>FRAGEBEANTWORTUNG IN BUDAPEST</head>
                
                    <head>1948</head>
                    <div type="abstract">
                    <p>Vom <date to="1948-04-05" from="1948-03-22">22. März bis zum 5. April 1948</date> besuchte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in Begleitung <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName> <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>, in dem zu diesem Zeitpunkt gegen die Ergebnisse der bisherigen Wahlen unter erheblichem <term ref="kbga-terms-2049">sowjetischem Druck</term> die Transformation zu einem sozialistischen Staat vollzogen wurde.<note xml:id="n01">Im November 1945 waren die Kommunisten mit einem Wähleranteil von 17% knapp nur drittstärkste Kraft geworden. Bei den nur noch halbfreien Wahlen – die bis dahin mit 57% stärkste «Partei der Kleinlandwirte, der Landarbeiter und des Bürgertums» war unter <term ref="kbga-terms-2049">sowjetischem Druck</term> zerbrochen – am 31. August 1947 waren die Kommunisten zwar stärkste Partei geworden, aber doch nur mit einem Anteil von 22,25%. Darauf erklärten sich die Sozialdemokraten unter massivem Druck zur im Juni 1948 vollzogenen Vereinigung mit den Kommunisten bereit, und zur Scheinwahl im Mai 1949 traten schließlich nur noch gleichgeschaltete Einheitslisten an. Nach dieser Wahl wurde die nun gegründete Volksrepublik Ungarn zu einem Einparteienstaat erklärt. Alle Zahlen nach: <bibl corresp="kbga-bibls-5574">D. Nohlen / Ph. Stöver (Hrsg.), <hi rend="italic">Elections in Europe. A Data Handbook</hi>, Baden-Baden 2010, S. 922</bibl>.</note> </p>
                    <p>Neben einer Predigt und verschiedenen Vorträgen hielt Barth am <date when="1948-04-01">1. April</date> auch eine Fragebeantwortung im Reformierten Gymnasium in <placeName ref="kbga-places-126">Budapest</placeName> ab, in der er «einen ganzen Vormittag lang öffentlich Fragen (zum Teil unheimlich konkrete Fragen!) zu beantworten versucht» hat,<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-5575"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Reformierte Kirche hinter dem «eisernen Vorhang»</hi>, in: ders.: <hi rend="italic">Christliche Gemeinde im Wechsel der Staatsordnungen. Dokumente einer Ungarnreise</hi>, Zollikon-Zürich 1948, S. 55–58</bibl>, dort S. 55. – Zum Ort vgl. <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> Barth, Eintrag vom <date when="1948-04-01">1.4.1958</date>: «Féléléte! (Gymnasium)» (zu: «Féléléte!» vgl. den Beginn des Editionstextes).</note> die ihm im Voraus schriftlich vorgelegt worden waren. Das von <persName ref="kbga-actors-3406">Barnabas Nagy</persName><note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-3406">Barnabas Nagy</persName> (1909–1969), 1933/34 Studium in Bonn bei Barth, 1937 Prof. für Systematische Theologie in Sárospatak, 1954 in Budapest, 1956 verhaftet, nach einer Intervention <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> 1957 freigekommen (vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959–1962, <ref type="pub-" target="../volume/25/p285#fn_n09">S. 285, Anm. 9</ref></bibl>).</note> mit vorbereitete Gespräch wurde durch eine Andacht von <persName ref="kbga-actors-3441">János Peter</persName><note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-3441">János Peter</persName> (1910–1999), 1936 Kaplan am Bethesda-Krankenhaus in Budapest, 1946 Leiter des Sekretariats des Staatspräsidenten, 1949–1956 Bischof der reformierten Kirche in Ost-Ungarn, 1961–1973 ungarischer Außenminister.</note> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.24">Mk. 9,24</ref>: «Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!» eingeleitet.<note xml:id="n05">Vgl. den Rundbrief von Fr. Herzogs vom <date when="1948-04-08">8.4.1948</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 98772.4</idno>); <persName ref="kbga-actors-9973">Frederick Herzog</persName> (1925–1995) studierte damals bei Barth in Basel und gab einen Bericht von der <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>-Reise an seine Freunde weiter.</note> </p>
                    <p><pb xml:id="p024" ed="pga" rend="noPipe"/> Nach der Reise veröffentlichte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die «Dokumente einer Ungarnreise» in einer eigenen Broschüre, unter ihnen auch den Teil des von Charlotte von Kirschbaum angefertigten Protokolls dieser Fragebeantwortung, der sich um das Thema «<term ref="kbga-terms-160">Staat</term>» dreht.<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-5576"><hi rend="italic">Aus der Diskussion in Budapest am Vormittag des 1. April 1948</hi>, in: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Christliche Gemeinde im Wechsel der Staatsordnungen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>), S. 47–54</bibl>.</note>
                    </p>
                    <p>Die vollständige originale Mitschrift <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName> ist nicht erhalten. Daher bildet dieser Abdruck die Grundlage der nachfolgenden Edition.</p>
                </div>
                <div>
                
                    <head>Aus der Diskussion in Budapest am Vormittag des 1. April 1948</head>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> <p>Verehrte Versammlung! Als ich vor 12 Jahren 14 Tage in <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName> war<note xml:id="n07">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>-Reise vom <date to="1936-10-11" from="1936-09-26">26. September bis 11. Oktober 1936</date> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-275"><persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>, <hi rend="italic">Brief über unsere Herbstreise in den Osten (Ungarn und Siebenbürgen 1936)</hi>, eingeleitet und erläutert von Á. Ferencz (Schriftenreihe der Karl Barth-Gesellschaft, H. 5), Bünde 2000</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5692">V.u.kl.A. 1935–1937, <ref type="pub" target="../volume/55/p533#p533">S. 533–599</ref>, bes. <ref type="pub" target="../volume/55/p533#p533">S. 533–539</ref> und <ref type="pub" target="../volume/55/p578#p578">S. 578–581</ref></bibl>.</note> und ich dann dieses Land wieder verließ, da hatte sich mir von allen den Worten der schwierigen ungarischen Sprache nur <hi rend="italic">ein</hi> Wort unvergesslich eingeprägt, und dieses Wort heißt – wenn ich es richtig ausspreche – Felelete! (Fragebeantwortung). Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich gerade dieses Wort behalten habe, weil es schon damals der schwierigste Teil meiner Aufgabe war. Es ist leichter, Vorträge zu halten als Fragen zu beantworten, wenn man die Fragenden nicht kennt und auch die Situation nur so kennt, wie ein Fremder sie kennen kann. Ich bitte also Geduld mit mir zu haben, wenn ich nicht alle Erwartungen erfüllen werde. Ich will mein Bestes tun, aber ich gestehe, dass ich mit einigem Zögern an die Aufgabe herantrete, weil ich die Befürchtung habe, diese und diese Frage nicht recht zu verstehen oder auch sie nur zu gut zu verstehen und dann etwas zu sagen, was zur Linken und zur Rechten zu neuen Fragen Anlass geben <pb xml:id="p025" ed="pga"/> könnte. Es wird mir also heute Morgen ein besonderes Maß an Weisheit und Vertrauen nötig sein, und ich bitte auch Sie, von dem, was ich sagen werde, einen sinnvollen und vernünftigen Gebrauch zu machen.</p>
                    <p>Ich will zunächst versuchen, auf eine Gruppe von Fragen einzugehen, in denen es sich um den <hi rend="italic">Staat</hi> handelt.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Gehört der <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> nach christlichem Verständnis in den Bereich der <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term> oder in den Bereich der <term ref="kbga-terms-1269">Erlösung</term>?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Der Staat gehört in die Ordnung der <term ref="kbga-terms-1269">Erlösung</term>. Es ist kein Zufall, dass die Stelle, an der der Staat im <term ref="kbga-terms-48">Credo</term> sichtbar wird, im zweiten Artikel steht («gelitten unter <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName>»)<note xml:id="n08">Nach dem zweiten Artikel des Apostolikums.</note> und nicht im ersten Artikel. Es kommt sachlich hinzu, dass wir, wenn wir den Staat verstehen als eine Veranstaltung der Weisheit und Geduld Gottes und Gottes Werk nicht aufspalten in verschiedene Departemente, sondern als <hi rend="italic">eines</hi> sehen, den Staat in strengem Zusammenhang mit der <term ref="kbga-terms-115"><hi rend="italic">Barmherzigkeit</hi> Gottes</term> verstehen werden. Gott will dafür sorgen, dass seine Barmherzigkeit Raum haben darf auf Erden. Das ist ja der Sinn der Schöpfung überhaupt, dass <pb n="48" ed="A"/> es ein <foreign xml:lang="lat">theatrum gloriae suae</foreign> (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>)<note xml:id="n09">Lateinisch für: «Schauplatz seines Ruhmes»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-453"><persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <hi rend="italic">De Aeterna Dei praedestinatione</hi> (1552), CR 36 (= Calvini Opera 8), col. 249–366, dort col. 294</bibl>.</note> gebe. Im Bereich der <term ref="kbga-terms-328">Natur</term> soll es eine Ordnung der <term ref="kbga-terms-36">Gnade Gottes</term> geben, dieser Raum wird durch den <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> garantiert. Wenn wir das vom Neuen Testament her recht verstehen, dass dort der Staat in Zusammenhang gebracht wird mit den himmlischen Mächten und Gewalten, so werden wir wissen, dass diese nicht allmächtige Herren, sondern vielmehr Christus untertan sind, so dass wir uns grundsätzlich auch im Staat im <term ref="kbga-terms-2070">regnum Christi</term> befinden, das freilich sein <term ref="kbga-terms-2071">Zentrum in der Kirche</term> hat. Es wird kein Zufall sein, dass es schon sprachlich eine Affinität gibt zwischen dem inneren und dem äußeren Kreis. Christus wird der <term ref="kbga-terms-753">Messias</term>, der <term ref="kbga-terms-2051"><hi rend="italic">König</hi> Israels</term> genannt, der das <hi rend="italic">Reich</hi>, die basileia, gebracht hat. Und es ist die Erwartung der Christen die <hi rend="italic">Polis</hi>, sie selber aber werden <hi rend="italic">Bürger</hi> und Hausgenossen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.19">Eph. 2,19</ref>] genannt, das Alles sind politische Begriffe, die selbstverständlich im kirchlichen Verständnis einen figürlichen Sinn bekommen, aber die doch zeigen, dass dieser politische Bereich in einem <term ref="kbga-terms-1176">Bezug zum kirchlichen</term> steht. Wir haben schon die <term ref="kbga-terms-237">Schöpfung</term> von der <term ref="kbga-terms-1269">Erlösung</term> her zu verstehen und ja nicht etwa umgekehrt.</p>
                        </sp>
                        <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker><pb xml:id="p026" ed="pga" rend="noPipe"/>  Frage:</speaker> <p>Ist nach christlicher Erkenntnis anzunehmen, dass es jemals eine <term ref="kbga-terms-2050">staatenlose Gesellschaft</term> geben wird?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Nach christlicher Erkenntnis ist hier zweifellos Nein zu sagen. Man müsste eine geradezu grotesk optimistische Auffassung vom Menschen haben, wenn man das glauben wollte, und nur Träumern und Phantasten kann das in den Sinn kommen. Die Menschen, die den Staat nicht mehr nötig haben, das sind die Menschen im <term ref="kbga-terms-434">Reiche Gottes</term>, der einmal Alles in Allem sein wird. Solange wir aber im Glauben leben und nicht im Schauen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref>], da werden wir genau so wie die <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> (im neuen Jerusalem wird auch sie ein Ende haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.22">Apk. 21,22</ref>]) auch den <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> nötig haben. Wer das abstreitet, weiß nicht, was er sagt.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Was ist unter dem Begriff des <term ref="kbga-terms-1393">Rechtsstaates</term> zu verstehen?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Das ist eine umfassende Frage. Ich will versuchen, sie kurz und deutlich zu beantworten. Erinnern wir uns, was unter <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> überhaupt zu verstehen ist. Staat ist ein von Menschen unternommener Versuch der Ordnung des äußeren Lebens der Menschen, in welcher Übergriffe Einzelner der Gesamtheit gegenüber, aber auch der Gesamtheit den Einzelnen gegenüber verhindert werden sollen. Und zwar — und das gehört zum Wesen des Staates — wird diese Ordnung garantiert durch äußere <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-2052">Macht</term></hi>. Man kann diesen Begriff vom Begriff des Staates nicht trennen, aber man darf ihn auch nicht lösen von dem Anderen, dass der Staat getragen sein muss von der freien Verantwortung der Men<pb n="49" ed="A" break="no"/>schen, die ihm zugehören. Der Staat kann den Menschen nicht wie eine Kappe über den Kopf gezogen werden, es gibt vielmehr ein recht verstandenes <foreign xml:lang="fre">l’Etat c’est moi</foreign>!<note xml:id="n10">Französisch für: «Der Staat bin ich!»; dem französischen König <persName ref="kbga-actors-1380">Louis XIV.</persName> (1638–1715) als Ausdruck seines absolutistischen Herrschaftsverständnisses zugeschriebener Satz (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 397f.</bibl>).</note>
                    </p>
                    <p>Ein <term ref="kbga-terms-2053">rechter Staat</term> wird der sein, in dem die Begriffe: <term ref="kbga-terms-2054">Ordnung</term>, <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term>, <term ref="kbga-terms-1958">Gemeinschaft</term>, <term ref="kbga-terms-1366">Macht</term> und <term ref="kbga-terms-2055">Verantwortung</term> im Gleichgewicht stehen, wo keines dieser Elemente verabsolutiert wird, so dass es die anderen beherrscht. Ein Staat, in welchem nur die <term ref="kbga-terms-1298">Freiheit des Individuums</term> gelten würde, wäre kein Rechtsstaat, sondern ein im Abgleiten in die <term ref="kbga-terms-2056">Anarchie</term> begriffener Staat. Wenn in einem Staat die <term ref="kbga-terms-2052">bloße Macht</term> vorherrscht, dann ist er nicht Rechtsstaat, sondern <term ref="kbga-terms-2057">Ty<pb xml:id="p027" ed="pga" break="no"/>rannei</term>. Oder wenn in einem Staat allein das Prinzip der <term ref="kbga-terms-1958">Gemeinschaft</term> sich durchsetzen wollte, so hätten wir einen <term ref="kbga-terms-2058">Ameisen</term>-, aber keinen Rechtsstaat. Der rechte Staat ist der Staat, in dem keine solchen Übertreibungen stattfinden, sondern in dem diese Elemente in einem gewissen Ausgleich stehen.</p>
                    <p>Sie sehen, man kann im Grunde nur angeben, in welcher <hi rend="italic">Richtung</hi> der <term ref="kbga-terms-2053">rechte Staat</term> zu suchen ist und in welcher nicht. Es ist selbstverständlich: es hat noch nie einen vollkommenen <term ref="kbga-terms-1393">Rechtsstaat</term> gegeben und wird ihn bis zum jüngsten Tage nicht geben. Das ist der Sinn und auch der Unsinn der Weltgeschichte, dass diese Elemente sich in einer Bewegung befinden, bei der man sicher von einem besseren und einem schlechteren Staat sprechen kann, aber niemals von einem absolut guten und – Gott sei Dank! – auch nicht von einem absolut schlechten Staat.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Wie verhalten sich die Schriftstellen <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.13">Apk. 13</ref> zueinander?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Es ist eine merkwürdige Sache, dass wir im Neuen Testament diese beiden Stellen haben, beide unter der Zahl 13, die sich so seltsam anschauen. Die alte Christenheit hat offenbar hier keinen Widerspruch gesehen und etwa gemeint, eine dieser Stellen streichen zu müssen. Sondern sie hat bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gelesen, dass es keine exousia gibt, welche nicht von Gott ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.1">Röm. 13,1</ref>], und sie hat <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.13">Apk. 13</ref> gelesen, dass dieselbe Staatsordnung die Gestalt des Tieres aus dem Abgrund annehmen kann. Ein und derselbe Staat, der römische Staat <persName ref="kbga-actors-1387">Neros</persName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-1387">Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus</persName> (37–68), römischer Kaiser, der für die Christenverfolgung in Rom im Jahr 64 verantwortlich war.</note>, wird im Neuen Testament bezeichnet als <term ref="kbga-terms-1278">Ordnung Gottes</term> und als <term ref="kbga-terms-2059">Tier aus dem Abgrund</term>. Das sind die beiden Pole, zwischen denen wir den Staat in der Zeit zu sehen haben. Wir haben mit <hi rend="italic">Beidem</hi> zu rechnen, aber <hi rend="italic">zuerst</hi> doch offenbar mit <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref> und <hi rend="italic">dann</hi> als mit dem großen Fragezeichen auch mit <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.13">Apk. 13</ref>. Dass diese beiden Aspekte bestehen: die gute ordinatio Dei einerseits und die corruptio hominum andererseits, das ist kein hoffnungsloses, aber ein sehr ernstes Problem. Zwischen diesen zwei Polen muss das Ereignis werden, was wir <term ref="kbga-terms-2072">politische Verantwortung</term> <pb n="50" ed="A"/> nennen. Von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref> ist auszugehen. Von diesem Befehl her kommend sieht der Christ die Wirklich<pb xml:id="p028" ed="pga" break="no"/>  keit, wie sie ist, und bekommt vielleicht Anlass zu erschrecken und zu fragen und sich zu erinnern, dass am Ende der schiefen Ebene, auf der der Staat sich befinden mag, das Tier aus dem Abgrund wartet. Aber weder der Staat in seiner reinen Gestalt als <term ref="kbga-terms-1278">Ordnung Gottes</term>, noch der Staat in seiner schlechthin teuflischen Verkehrung wird uns je sichtbar sein. Diese beiden Pole sind die Grenzen, zwischen denen die Wirklichkeit sich bewegt. Nur die Träumer und Schwärmer können wähnen, sich in einer <term ref="kbga-terms-2060"><foreign xml:lang="lat">civitas Dei</foreign></term> zu befinden, vielleicht einer civitas alten Stils mit gottgesandten Königen und tausendjährigen Reichen, in denen die Könige auf Thronen sitzen und die Priester rechts und links ihnen huldigen, vielleicht auch in einer civitas neuen Stiles: der kommenden Gesellschaft, in der alle Menschen zu ihrem Recht kommen, in der Freiheit herrscht und alle Fragen gelöst sind, in der der böse Feind überwunden ist. Das sind Träumereien. Aber wohlverstanden: Es wird auch immer eine Träumerei sein, wenn wir meinen, das <term ref="kbga-terms-2059">Tier aus dem Abgrund</term> lebendig auf der Straße herumlaufen zu sehen!! Das ist uns zum Glück erspart. Es gibt eine <term ref="kbga-terms-711">Hölle</term>, aber als Rand, als Grenze, es gibt aber nicht eine Hölle, die wir sehen können. Jesus Christus ist hinuntergefahren in die <term ref="kbga-terms-1584">Hölle</term><note xml:id="n12">Nach dem zweiten Artikel des Apostolikums.</note> und hat für uns diese Hölle verschlossen und ein Siegel darauf gedrückt. Wir haben nicht mehr damit zu rechnen, dass die höllische Gestalt Wirklichkeit wird. Das ist das Zeichen des <term ref="kbga-terms-2070">regnum Christi</term>, dass in dieser Zeit alles seine Grenzen hat, im Guten und im Bösen. Ich würde empfehlen, beide Kapitel sehr aufmerksam und sehr ernst zu lesen und sich klar zu machen, dass wir zwischen beiden leben, um dann unsere Situation nicht in einer Weise zu dramatisieren, die uns nicht zukommt, sondern <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-2061">nüchtern</term></hi> zu sein.</p>
                    <p>(Es gibt ein Sprichwort, das lautet: «Wenn es dem Esel zu wohl wird, so geht er auf das Eis, um zu tanzen.»<note xml:id="n13">Deutsches Sprichwort zur Bezeichnung eines Menschen, der sich unnötigerweise einer Gefahr aussetzt, weil er sich zu sicher fühlt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich II, S. 371</bibl>).</note> Ich könnte nicht sagen, dass es mir zu wohl sei im Moment, ich möchte auch nicht tanzen, und ich hoffe, auch nicht einfach ein Esel zu sein, aber aufs glatte Eis muss ich mich nun allerdings begeben!! Denn die Fragen, die Sie mir stellen, werden immer brennendere und gefährlichere Fragen. Bisher haben <pb xml:id="p029" ed="pga"/> sie sich noch im theologischen, im dogmatischen und exegetischen Raum bewegt; das wird jetzt nicht mehr der Fall sein.)</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>  <speaker>Frage:</speaker> <p>Wie soll sich der Christ verhalten zu einem Staat, der das Recht nicht achtet, zu einem vielleicht <term ref="kbga-terms-2062">gottlosen Staat</term>, der sich aber ausgibt als ein Freund der Kirche und der doch auf Grund seiner Weltanschauung früher oder später als Feind der Kirche <pb n="51" ed="A"/> offenbar werden muss? Wie soll sich die <term ref="kbga-terms-308">Kirche verhalten</term> zu einem Staat, der sie vorläufig und taktisch gelten lässt, aber für die Zukunft ihr den Kampf ansagt? –</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker><p> «Nachtigall, ich hör’ dein Schlagen.»<note xml:id="n14">Ein in der berlinerischen Variante «Nachtigall, ick hör’ dir trapsen» bekannteres und weiter verbreitetes deutsches Sprichwort, das wohl auf das Lied «Frau Nachtigal» zurückgeht; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3718">L. A. von Arnim / Cl. von Brentano, <hi rend="italic">Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder</hi> (1806–1808), Stuttgart 1979, Bd. 1, S. 87f.</bibl> Es drückt aus, dass man eine Sache bereits im Voraus bemerkt hat. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich III, S. 1066f.</bibl></note> Ich möchte zu den folgenden Fragen – es sind eine ganze Reihe ähnlicher eingegangen – eine ernste und gewichtige Antwort zunächst ganz allgemein geben, die dahin lautet: In dem Maße, als es «irgendwo» so ist, dass der Staat ein solches Gesicht hat, wie es in diesen Fragen beschrieben wird, wird für den Christen keine andere Möglichkeit bestehen, als sich an das Wort zu halten: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.5.29">Act. 5,29</ref>]. Das sei die eherne Grundlage alles Weiteren.</p>
                    <p>Wenn das <hi rend="italic">gesagt</hi> und <hi rend="italic">gehört</hi> ist, dann möchte ich eine zweite, etwas leichtere Antwort hinzufügen: in einer solchen Situation kommt es für uns Christen vor allem darauf an, die Ruhe und den <term ref="kbga-terms-2063">Humor</term> nicht zu verlieren. Denn – ich darf jetzt auf das zurückblicken, was ich vorhin ausgeführt habe – nicht wahr, einen vollkommenen, einen christlichen Staat werden wir bis zum <term ref="kbga-terms-1075">jüngsten Tag</term> nicht antreffen und auch nicht den teuflischen Staat. Wir werden uns immer in der Mitte bewegen. Und so wird man als Christ auch dann, wenn der Staat beginnt, in seinem Gesicht Züge zu zeigen von jenem <term ref="kbga-terms-2059">Tier aus dem Abgrund</term>, nicht gleich nach der ultima ratio greifen: Ja oder Nein? Zustimmung oder <term ref="kbga-terms-1293">Martyrium</term>?, sondern man wird dann gerade als Christ die Freiheit haben, ein wenig abzuwarten und sich die Dinge im Einzelnen zu besehen. Es kann keinen Staat geben, der der Ordnung Gottes entlaufen kann. Dort, bei <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref>, muss man anfangen <pb xml:id="p030" ed="pga"/> und nicht bei <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.13">Apk. 13</ref>. Warum sich nicht an das halten, was auch in einem bedrohlichen und gefährlichen Staat noch oder vielleicht schon wieder vorhanden ist an Ordnung? Der <term ref="kbga-terms-2064">Christ lebt zuerst aus dem Ja</term> und dann erst aus dem Nein. Ich bin kein Loyalist und bin bereit, auf den Tisch zu schlagen. Aber der Anlass muss <hi rend="italic">klar</hi> sein. Und ich fürchte, dass in diesen Fragen die Unruhe eines Misstrauens steckt, das nicht christlich ist. So dass ich gerne den Fragestellern die Hand auf die Schulter legen möchte und fragen: «Fährmann, sag’s mir ehrlich: Ist’s denn so gefährlich?»<note xml:id="n15"> Vgl. Strophe 4 des Volksliedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-333">«Als wir jüngst in Regensburg waren»</bibl>:
                    <q rend="block">
                    <lg><l> Schiffsmann, lieber Schiffsmann mein,</l>
                    <l> sollt’s denn so gefährlich sein?</l>
                    <l> Schiffsmann, sag’ mir’s ehrlich,</l>
                    <l> ist’s denn so gefährlich?</l></lg></q></note> 
                    <hi rend="italic">Heute</hi> schon? Es <hi rend="italic">könnte</hi> noch schlimmer werden – ich kenne die Logik dieser Sache auch. Aber gilt es denn nicht auch in dieser Sache, dass wir nicht sorgen sollen für den morgenden Tag [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.34">Mt. 6,34</ref>], sogar wenn Anlass bestünde, besorgt zu fragen: Was werden sie morgen machen? 
                    Treten wir ihnen <hi rend="italic">heute</hi> offen und ruhig entgegen, dann dürfen wir beten: «Gib uns unser Brot heute für morgen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.11">Mt. 6,11</ref>] (wie die exakte Übersetzung lautet!<note xml:id="n16">Die Übersetzung des griechischen Wortes <foreign xml:lang="grc">ἐπιούσιος</foreign>, das nur an dieser Stelle begegnet, ist umstritten; die traditionelle Übersetzung mit «täglich» wird in der Forschung weitestgehend abgelehnt. 
                        Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5577"><persName ref="kbga-actors-10501">W. Foerster</persName>, Art. «ἐπιούσιος», in: ThWNT II, S. 587–595</bibl>, der einer anderen Übersetzung den Vorzug gibt (a.a.O., S. 595): <hi rend="italic">«Das Brot, </hi>das wir brauchen<hi rend="italic">, gib uns heute (Tag für Tag)»</hi>, aber einer Übersetzung, die der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als exakt bezeichneten nahekommt, ebenfalls ein gewisses Recht einräumt: «So ist die Übersetzung <hi rend="italic">für den folgenden Tag</hi> gegenwärtig die verbreitetste» (a.a.O., S. 589). Zur auch über den Zeitpunkt dieses Gesprächs andauernden Kontroverse vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5578"><persName ref="kbga-actors-6886">A. Debrunner</persName>, <hi rend="italic">«Epiousios» und kein Ende</hi>, in: Museum Helveticum 9 (1952), S. 60–62</bibl>.</note>). 
                    Dann brauchen wir uns das Heute nicht schon umdüstern zu lassen durch das Morgen. «Alle <pb n="52" ed="A"/> eure Sorgen werfet auf ihn!» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.7">1.Petr. 5,7</ref>] Was hat die <term ref="kbga-terms-249">christliche Gemeinde</term> im <term ref="kbga-terms-73">Glauben</term> zu fürchten? Was kann ihr ein solcher Staat tun? Davon bemerken wir im Neuen Testament gar nichts: von einer <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-846">Angst</term></hi> der Gemeinde vor dem Staat. Und darum möchte ich allen lieben Freunden, die diese Fragen gestellt haben, sagen: Lasst uns nicht Angst haben. Man könnte heute in der ganzen Welt Angst haben. Der ganze Westen, das ganze <term ref="kbga-terms-2032">Abendland</term> hat Angst, <pb xml:id="p031" ed="pga"/> Angst vor dem Osten. Man soll nicht <term ref="kbga-terms-846">Angst</term> haben. Dann kann man mit ruhigem Gewissen in den morgigen Tag gehen. Das Morgen wird vielleicht ganz anders sein als wir meinen. Es sind schon große Gefahren nur am Horizont gestanden, im Leben des Einzelnen und im Leben der Völker. Es ist Alles in Gottes Händen. Wir sollen sicher <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-1745">Widerstand</term></hi> leisten, wenn es nottut, aber warum nervös und mutlos sein? Aus dieser Stimmung heraus werden wir gewiss auch in diesem Staat nicht das Rechte tun.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Gibt es eine Erfüllung der Bürgerpflicht auch ohne Zugehörigkeit zu einer Partei?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Dazu sage ich, dass es dies unter allen Umständen sehr wohl geben kann. Dass es im politischen Leben <term ref="kbga-terms-1374">Parteien</term> gibt, das ist eigentlich eine sekundäre Erscheinung des staatlichen Lebens. Parteien sind ein <term ref="kbga-terms-2065">notwendiges Übel</term> und können leicht genug ein sehr großes Übel werden. Dann erfüllt man seine Bürgerpflicht am besten, indem man sich fernhält. Ja, es gibt unter Umständen eine notwendige Betätigung der Bürgerpflicht im Protest gegen jede Parteinahme.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Kann ein <term ref="kbga-terms-2066">Christ sich jeder Partei</term>, auch einer nicht-christlichen Partei anschließen?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Ich glaube überhaupt nicht, dass man das Recht hat, von «<term ref="kbga-terms-2067">christlichen Parteien</term>» zu reden. Es gibt so wenig christliche Parteien wie es einen <term ref="kbga-terms-2073">christlichen Staat</term> gibt. Staat und Partei sind Organe, an welchen alle teilnehmen können, ohne dass nach ihrem Glauben gefragt ist. Das ist der Unterschied zwischen ihnen und der Kirche. Sogar wenn eine Partei aus lauter Christen bestünde, könnte sie im politischen Bereich ihre Christlichkeit nicht betätigen als solche. Das wäre eine Illusion. – Aber freilich: Kann ein Christ sich <hi rend="italic">jeder</hi> Partei anschließen? darauf ist zu sagen: Ein Christ wird sich der Partei anschließen, in der er am meisten das verwirklicht sieht, was wir als das Streben nach dem <term ref="kbga-terms-2053">rechten Staat</term> beschrieben haben. Eine solche Partei wird nicht absolut recht haben, aber ein bisschen mehr vielleicht als eine andere. Darum wird der Christ ohne Enthusiasmus, aber in nüchterner Überzeugung sich zu dieser Partei stellen. – Ich könnte mir nur <pb n="53" ed="A"/> einen Fall einer Partei denken, in die ein Christ unter keinen Umständen eintreten darf: einer Partei, die nicht nur eine Partei wäre, sondern heimlich eine Kirche, die verlangt, dass der Mensch seine Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen ihrem Ideal unterordnet. <pb xml:id="p032" ed="pga"/> Solche Parteien hat es schon in der alten Geschichte gegeben und gibt es auch in der Gegenwart. In eine solche «Kirchenpartei» <term ref="kbga-terms-2066">kann der Christ nicht</term> gehen, denn in Bezug auf die Kirche ist er bereits «versorgt». Er könnte sich vielleicht wohl an den praktischen Zielen einer solchen Partei beteiligen, aber ihre Weltanschauung würde er nicht teilen können. Er wird mit freundlichem Lächeln dieser Einladung nicht folgen.</p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Hat der <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> das Recht, seine Bürger zu zwingen, in <term ref="kbga-terms-2068">eine [be]stimmte Partei</term> einzutreten?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Hier kann ich nur mit einem runden Nein antworten. Der Staat würde in diesem Verlangen nicht <term ref="kbga-terms-2053">rechter Staat</term> sein. Denn man kann einer Partei nur beitreten, wenn man in der Erkenntnis steht, dass hier das Rechte geschieht. Wenn der Staat die Bürger in eine Partei zwingen wollte, so würde er seine eigene Grundlage angreifen. Er würde ja seine Bürger zwingen, zu lügen. Wie kann der Staat erwarten, dass er von einer solchen Gesellschaft wirklich getragen wird? Hier also muss ich ein rundes Nein sagen. Und: <foreign xml:lang="fre">Honni soit qui mal y pense</foreign>!<note xml:id="n17">Ursprünglich altfranzösisches Sprichwort: «Ein Schelm (wörtlich: Verachtet sei), wer Böses dabei denkt» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 411f.</bibl>).</note>
                    </p>
                    </sp>
                    <p><lb/></p>
                    <sp>
                        <speaker>Frage:</speaker> <p>Darf man einer <term ref="kbga-terms-1374">Partei</term> beitreten, um seine Stelle zu behalten?</p>
                    </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>]:</speaker> <p>Ich habe in <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName> neuerdings zwei Worte gelernt: Igen (Ja) und Nem (Nein). Auch in diesem Falle kann ich nur sagen: «Nem». Das darf man nicht tun. Denn es ist nicht gut und geraten, etwas wider sein <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> zu tun. Ich bin der Meinung, dass man in der christlichen <term ref="kbga-terms-249">Gemeinde</term> hier ganz klar und eindeutig antworten sollte. Es mag viele Gründe geben, diese Antwort zu umgehen. Und ich habe alles Verständnis für Jeden, der unter einem übermächtigen Druck es dennoch tut. Wir Menschen tun beständig viel, von dem wir wissen, dass Nein dazu gesagt ist. Aber ich glaube, es wäre unbarmherzig, wenn ich auf diese Frage antworten würde: Vielleicht darf man, vielleicht darf man nicht. Hier gibt es <term ref="kbga-terms-26">kein Ja und Nein</term>, hier gibt es nur ein Nein, und Alles, was dann noch zu sagen sein mag, muss auf dem Hintergrund dieses Nein stehen. Denn wer das tut, der bricht irgendwo sein eigenes <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term>. Und es ist nicht gut, mit einem ge<pb xml:id="p033" ed="pga" break="no"/>brochenen Gewissen herumzulaufen. Ich habe diesen Vorgang in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> miterlebt vor 15 Jahren und weiß, von was ich rede, wie viele tausende und tausende von gebrochenen Menschen da herumgelaufen sind. Und was hilft es der Partei, wenn diese Menschen <pb n="54" ed="A"/> sie täuschen? Diese Partei tut nicht gut daran, sie sollte es sich verbitten, solche Mitglieder aufzunehmen. Ein Staatswesen, in welchem die politischen Meinungen auf diesem Boden sich bilden, steht notwendig auf einem hohlen Boden, der einmal zusammenbrechen wird. Ich glaube, dass ich im letzten Grunde, wenn ich hier Nein sage, auch den <term ref="kbga-terms-2069">weltlichen Menschen</term> den besseren Rat gebe. Es führt auch im Einzelleben zu keinem guten Ende. Ich bin Ausländer und kehre in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zurück, aber auch wenn ich ein Ungar wäre, würde ich nichts Anderes sagen können. Hier gilt es nun zu bewähren: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.5.29">Act. 5,29</ref>]. Männer und Frauen, die auf ihren Füßen stehen: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders»<note xml:id="n18">Anspielung auf die Worte, mit denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf dem <orgName ref="kbga-actors-8339">Reichstag von Worms</orgName> 1521 die Verweigerung seines Widerrufs abgeschlossen haben soll: «Ich kann nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir, Amen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1980">WA 7, 838,2–9</bibl>). Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-99"><persName ref="kbga-actors-287">K. Müller</persName>, <hi rend="italic">Luthers Schlußworte in Worms 1521</hi>, in: <hi rend="italic">Philothesia. Festschrift für P. Kleinert</hi>, hrsg. von A. Harnack u. a., Berlin 1907, S. 269–289</bibl>.</note>, werden auch für den neuen Staat gut sein. Jeder Staat, auch der neue <orgName ref="kbga-actors-8530">ungarische Staat</orgName>, braucht gerade solche Männer und Frauen.</p>
                    <p>Verehrte Anwesende, erlauben Sie mir eine Zwischenfrage: Habe ich nun wohl genug heißes Eisen angerührt?<note xml:id="n19">Deutsches Sprichwort, das der in mittelalterlichen Gottesgerichten angewandten «Eisenprobe» entlehnt ist: Wer ein «heißes Eisen» anfasst oder berührt, behandelt eine heikle, diffizile oder delikate Angelegenheit (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich II, S. 373</bibl>).</note> Können wir uns anderen Fragen zuwenden? Sie haben gemerkt, dass ich nicht ausweichen will. Wir haben das konkrete Leben fast zum Greifen deutlich gespürt. Wollen wir uns jetzt noch mit einigen Fragen aus der inneren, der theologischen Sphäre beschäftigen?…</p>
                    </sp>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
