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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 5,7-8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 5,7-8, 22. Dezember 1912 – kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56054 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56054</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Jakobus 5,7-8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">54</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 5,7-8 (4. Advent), 22. Dezember 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1588">KBA 1124</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" from="1912-12-22">22. Dezember 1912 – kein Datum</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-12-22">22. Dezember 1912</date>
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.5.7 Jak.5.8">Jakobus 5,7–8</ref>
                    <quote>
                                So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackersmann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis sie empfangen den Frühregen und Spätregen. Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                        <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Wie kommt die Mahnung zur <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> in diese schöne <term ref="kbga-terms-1987">Weihnachtszeit</term>? Gewiss haben Viele von euch heute etwas ganz Anderes erwartet. Man könnte sagen, es sei so gar nichts Festliches in diesem nüchternen Wort: Seid geduldig! und neben dem großen Weihnachtsevangelium könnte einem diese Belehrung fast nebensächlich erscheinen. Aber ich glaube, wir wollen uns das besser überlegen. Wenn wir uns gut besinnen, müssen wir uns sagen, dass die Geduld durchaus nichts Nebensächliches ist, sondern etwas sehr Großes und Weites, in dem viel Anderes enthalten ist. Und auch das ist nicht wahr, dass diese Mahnung nicht passe zu der <term ref="kbga-terms-2004">Weihnachtsfreude</term> und Weihnachtsstimmung, die uns jetzt stärker oder schwächer Alle erfüllt. Oder habt ihr nicht auch etwas gespürt von dem <hi rend="italic">festlichen</hi>, gehobenen, geheimnisvoll freudigen Ton, in dem <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in unsern Textworten davon redet, und von der weihnachtlichen Wärme, mit der er verheißt: die Zukunft des Herrn ist nahe? Jakobus ist freilich kein loderndes Feuer wie etwa <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>. Er redet von den höchsten Dingen gerne in den einfachsten Worten. Wer etwas tiefer sieht, wird darum doch nicht meinen, dass er von Alltäglichem rede. Seine stille Glut hat uns auch etwas zu sagen. Und seine schlichte Mahnung zur Geduld haben wir vielleicht <hi rend="italic">nötiger</hi> als wir denken. | </p>
                    <p>Es gibt ja so Viele und sicher auch unter uns, die können gerade die <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term> nie so recht aus ganzem Herzen mitfeiern. Nicht aus <term ref="kbga-terms-1471">Gleichgiltigkeit</term>, im Gegenteil, sie empfinden eine tiefe <term ref="kbga-terms-949">Sehnsucht</term>: wenn ich mich doch auch so recht freuen könnte über die Botschaft: <pb xml:id="p575" ed="pga"/> Christ ist geboren!<note xml:id="n01">
                            <p> Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-235">Strophe 1 des Liedes «O du fröhliche» von <persName ref="kbga-actors-2645">J. D. Falk</persName> und <persName ref="kbga-actors-1371">H. Holzschuher</persName> (RG 409; EG 44)</bibl>.</p>
                        </note> Sie haben wie eine Art Heimweh nach der <term ref="kbga-terms-2004">Weihnachtsfreude</term> ihrer Kinderzeit, die sie jetzt vielleicht an ihren eigenen <term ref="kbga-terms-1560">Kindern</term> wieder wahrnehmen. Aber sie selber kommen nicht dazu. Es ist auch nicht <term ref="kbga-terms-759">Unglaube</term>, wenigstens nicht das, was man gewöhnlich so nennt. Sie wissen, dass es etwas Schönes und Großes ist, was uns die Weihnacht bringt, die Kunde, dass Gott sich unser annehmen will, dass er uns einen Führer und <term ref="kbga-terms-280">Heiland</term> gesandt, der uns von <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> und <term ref="kbga-terms-177">Tod</term> befreien soll. Sie ahnen etwas von dem großen Licht, das da auch in ihr Leben hineinleuchten will. Aber es scheint in Wirklichkeit nicht für sie. Sie fühlen sich vom Heiland wie getrennt, und alle Weihnachtslieder und Weihnachtslichter können daran nichts ändern. Es ist etwas zwischen ihnen und Gott, der sie berühren möchte. |</p>
                    <p>Freilich nicht nur in der <term ref="kbga-terms-1987">Weihnachtszeit</term>, sondern im Grunde immer. Ich las jüngst die Lebensbeschreibung eines jungen Mannes, mit dem ich noch Student gewesen bin und der dann durch <term ref="kbga-terms-1480">Selbstmord</term> geendigt hat.<note xml:id="n02">
                            <p> Nicht ermittelt.</p>
                        </note> Es heißt dort von ihm, er habe eigentlich immer gelebt wie unter einer Glasglocke, er habe wohl Alles gesehen, was um ihn her vorgegangen sei, und habe sich seine Gedanken darüber gemacht, aber die Wellen des Lebens hätten ihn nie selbst berührt, er habe nichts wirklich erlebt, sondern er sei immer abgetrennt, einsam gewesen innerlich, wie in einer Gefängniszelle, obwohl es ihm durchaus nicht an Menschen fehlte, die ihm nahe standen und die ihn liebten. Aber er konnte sie nicht lieben, er konnte sich überhaupt nirgends gänzlich hingeben, er verdurstete, nicht aus Mangel an Wasser, aber weil er nicht trinken konnte. Das wurde zur tiefsten Ursache seines Untergangs. Es gibt viele solche Menschen. Wir haben uns wohl Alle schon zu Zeiten so unter der abschließenden Glasglocke gefühlt, so dass wir wohl sehen, aber nicht zugreifen und empfangen konnten. Und in der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit empfindet man es dann besonders schmerzlich, so abgeschlossen zu sein. Die Ursache eines so traurigen Zustandes liegt immer darin, dass wir keine <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> haben. Es hat sich irgend etwas zwischen Gott und uns hineingeschoben, so dass wir ihn eine Weile nicht mehr zu sehen vermögen, so dass seine Hand uns <pb xml:id="p576" ed="pga"/> gleichsam einen Augenblick loslässt. So etwas kommt wirklich oft <hi rend="italic">vor</hi> im Leben, eine Art Entfernung, <term ref="kbga-terms-1308">Entfremdung</term> von Gott und seinen Gütern. | </p>
                    <p>Auch für die Leser des Jakobusbriefs gab es solche Zeiten, wo sie unter schlechten, mächtigen Leuten und andern Übeln viel zu leiden hatten. Die Sonne Gottes schien sich zu verdunkeln. In solchen Zeiten heißt es: Warten, Ausharren, bis Gott sich über das trennende Hindernis hinweg wieder kundtut: ich bin immer noch da! bis wir seine Stimme wieder zu hören und seine Hand wieder zu fassen vermögen. Darum ermahnt dort <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>: <hi rend="italic">So seid nun geduldig, liebe Brüder</hi>, wartet, bis ihr Gott wieder sehen und verstehen und begreifen könnt, wenn ihr es jetzt nicht könnt – ihr wartet ja nicht umsonst, <hi rend="italic">denn die Zukunft des Herrn ist nahe!</hi> Wenn wir diese <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> nicht finden, die auf Gott warten kann, dann geraten wir in jenen traurigen, kalten, gefühllosen Zustand. Es trat ein solches Hindernis ein in unser Leben, wir fühlten uns bedrängt, des Atems beraubt, bedroht in unsrer innersten Seele, wir fragten: wo bleibt Gott? warum kommt er mir nicht zu Hilfe? aber statt nun ruhig sein Kommen zu erwarten, das ja nicht ausbleiben kann, wurden wir missmutig, kehrten uns ab von ihm, wir schnitten wie in einer Art Rache die Verbindung mit ihm ab, und nun standen wir da, trotzig, stolz, unzufrieden, aber auch kläglich elend in unsrer Einsamkeit, und von jetzt an war es so, dass Gott nicht mehr an uns herankam mit dem, was er uns zu sagen und zu schenken hatte. Und während uns Gott in dem Hindernis, das er uns schickte, einen <term ref="kbga-terms-1051">Segen</term> mitteilen wollte, wird durch unsre Ungeduld eine Strafe daraus. Nichtwahr, wenn wir an die Vielen denken, denen es schon so gegangen ist, und an uns selbst, wie wir uns auch schon zu Zeiten verrannt haben Gott gegenüber in Ungeduld und wie wir dann darunter litten, dann werden wir uns gestehen, dass das doch ein rechter Weihnachtswunsch ist, den wir uns gerne sagen lassen und zu Herzen nehmen wollen: So seid nun geduldig, liebe Brüder!</p>
                    <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <p>Was ist das, <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term>?</hi> Wir wollen nicht an etwas Zahmes, Lahmes denken bei diesem Wort. Es gibt Menschen, die sind zwar <term ref="kbga-terms-1279">träg</term> und unbeweglich und regen sich über nichts auf, aber von der rechten Geduld wissen sie doch gar nichts, und es gibt Andre, die sind lebhaft, <pb xml:id="p577" ed="pga"/> feurig, raschen Geistes, und doch sind sie voll von der echten, rechten Geduld. Die Worte, die in der deutschen Bibel übersetzt sind: so seid nun geduldig! lauten eigentlich: so habt nun einen <hi rend="italic">großen</hi> <hi rend="italic">Sinn!</hi><note xml:id="n03">
                            <p> Das griechische «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Μακροθυμήσατε</foreign>» in <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.5.7">Jak. 5,7</ref> ist eine aus den Worten <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μακρο</foreign> (groß) und <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θυμός</foreign>, das im homerischen Griechisch unter anderem «Gesinnung» oder «Sinn» bedeuten kann (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1503">Fr. Büchsel, Art. «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θυμός</foreign>…», in: ThWNT III, S. 167–173, dort S. 167</bibl>), zusammengesetzte Verbform.</p>
                        </note> Und an diese Bedeutung wollen wir uns halten. Geduld haben heißt einen großen Sinn, heißt große Gedanken haben. <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-2018">Ungeduld</term></hi> ist immer etwas Kleinliches, Kindisches, Kurzsichtiges. Wir stoßen uns an jenen Hindernissen des Lebens, wir nehmen sie auf, «als widerfahre uns etwas Seltsames», wie es anderswo in der Bibel heißt [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.12">1.Petr. 4,12</ref>]. Wir verstehen sie nicht, das heißt, wir verstehen nur das, dass sie uns beschwerlich sind und uns Mühe machen. Wir nageln uns selber fest auf den Gedanken: Warum muss jetzt mir so etwas passieren? das ist ein kleiner Gedanke, der aus einem kleinen Sinn stammt. Wir gleichen dann Einem, der vor einer Mauer steht und nun wirklich nichts mehr als Mauer zu sehen vermag. Und so kleinlich wird dann auch unser Benehmen. Wir lehnen uns in einem gehässigen <term ref="kbga-terms-1106">Zörnlein</term> dagegen auf, dass es uns nicht nach <term ref="kbga-terms-1909">Wunsch</term> geht, rennen wohl gar mit dem Kopf gegen die Mauer und wundern uns noch, dass dadurch nichts besser wird. Das ist die <term ref="kbga-terms-2018">Ungeduld</term>: das Denken und Tun eines kleinen Sinnes. |</p>
                    <p>Und nun ist die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term></hi>, der große Sinn, so recht das Gegenteil davon. Auch wenn wir geduldig sind, spüren wir die Hindernisse, das Peinliche und Schwere des <term ref="kbga-terms-56">Lebens</term>. Aber wir kleben nicht daran. Wir sehen sie, aber unsre Blicke werden nicht gefangen von ihnen. Wir leiden unter ihnen, aber sie dürfen uns nicht so in Anspruch nehmen, als gäbe es außer ihnen nichts Anderes mehr in der Welt. Wir lassen uns nicht festnageln auf den Gedanken: es geht mir bös! Sondern wir wissen, dass es etwas gibt, das größer und wichtiger ist als das, was uns jetzt so unangenehm vorkommt. Wie man über die Vorberge hinweg die weißen Schneeberge sieht, so sehen wir über das Schmerzliche der <term ref="kbga-terms-364">Gegenwart</term> hinweg auf <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term>, das uns die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term> sicher bringen muss, wenn wir nur in der Gegenwart nicht von Gott lassen. «Wir wissen, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sind, die an uns soll geoffenbart werden», so hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> diesen Gedanken ausgedrückt [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">Röm. 8,18</ref>]. |</p>
                    <p><pb xml:id="p578" ed="pga" rend="noPipe"/> Aber wir können dann noch weiterdenken. <term ref="kbga-terms-829">Das Gute</term> folgt nicht erst auf <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term>. Wir können zur Einsicht kommen, dass schon das, was uns jetzt böse scheint für uns, uns in Wirklichkeit gut ist. <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> ist nicht bloß die Aussicht auf eine bessere <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>! Die rechte Geduld ist die ernste Anerkennung: Es ist gut so, wie es ist! Nicht als ob wir immer verstehen könnten, warum es gut ist – das können wir in sehr vielen Fällen durchaus nicht. Aber das ist die rechte Geduld, dass wir Alles ansehen mit dem Gedanken, mit der Frage: Wozu ist es <hi rend="italic">gut?</hi> statt uns über das Traurige oder Verdrießliche dabei aufzuhalten. Das können wir. Auch im schwersten Unglück fehlt es doch nie an Anzeichen, die Gott uns gibt, damit wir es glauben und behaupten sollen: es ist gut so! Es kommt nur darauf an, dass wir diese Anzeichen wahrnehmen. Es hat Einer das feine Wort ausgesprochen: Jede Wolke hat ihren silbernen Rand.<note xml:id="n04">
                            <p> Die Herkunft dieses Sprichworts ist nicht sicher geklärt. Der häufiger anzutreffende Hinweis, es stamme aus dem Chinesischen, erscheint eher fraglich: Zeitgenössisch schreibt in Bern etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1499">N. N., <hi rend="italic">Der Brand der Tokioer Geishastadt</hi>, in: Der Bund, Jg. 62, Nr. 206 vom 3.11.1911 (Abendblatt), S. 3</bibl>: «Nach einem englischen Sprichwort hat selbst die dunkelste Wolke einen silbernen Untergrund.» – Und in <bibl corresp="kbga-bibls-1500">
                                    <persName ref="kbga-actors-9130">H. Sayers</persName>, <hi rend="italic">Prize Poems and others</hi>, Hammersmith 1890, S. 20</bibl>, findet sich das Gedicht: «Every cloud has a silver lining».</p>
                        </note> Von Gottes Seite ist Alles licht! Ja, das ist’s. Jede Wolke hat ihren silbernen Rand und verrät dadurch, dass hinter ihr etwas Anderes ist, nämlich die leuchtende Sonne. Die Geduld hält sich nicht an die schwarze Wolke, sondern sie späht nach dem silbernen Rand, und wenn er noch so dünn und fein wäre. Er muss da sein. Denn von Gottes Seite ist Alles licht. Das schwarze Dunkel der Wolke ist nur ihre eine Seite. Sie hat eine andre Seite, da ist sie blendend weiß und schön. Das heißt geduldig sein, wenn man fest an die andre Seite denken kann, auch ohne dass man sieht, oder wenn nur eine Andeutung davon, ein silberner Rand von uns aus zu sehen ist. |</p>
                    <p>Ihr versteht nun, dass die <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> wirklich in einem großen Sinn besteht. Ja, es braucht einen großen, königlichen, beherrschenden Sinn, um an den Übeln des <term ref="kbga-terms-56">Lebens</term> nicht anzurennen, sondern darüber hinwegzusehen, von der <term ref="kbga-terms-364">Gegenwart</term> auf die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>, von dieser Seite auf die andre, sich nicht irre machen zu lassen durch das, was vor Augen ist, sondern sich festzuhalten an dem, was versprochen ist. «Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht dessen, das man <hi rend="italic">hoffet</hi>, und <pb xml:id="p579" ed="pga"/> nicht zweifeln an dem, was man <hi rend="italic">nicht siehet</hi>», heißt es im Hebräerbief [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref>], und das könnte auch von der Geduld gesagt sein. –</p>
                    <p>Und jetzt wollen wir uns Alle fragen, ob wir diese <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> haben oder wie viel oder wie wenig wir davon haben. Das ist zum Beispiel ein <hi rend="italic">alter Mann</hi>,<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Von hier ab hat Barth an einigen Stellen, lautmalend in zumeist griechischen Buchstaben, zwischen oder in den Zeilen und mitunter schwer zu entziffern, notiert, wer ihm vor Augen stand. Hier: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Φραου</foreign> [?] <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Fιλξλιν</foreign> [?] <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">αουφ δερ Πλαττε</foreign>». Die letzten drei Worte meinen «auf der Platte», eine südlich vom Ort gelegene Siedlung.</p>
                        </note> der noch bis vor Kurzem nicht genug sein Vergnügen am Leben bekunden konnte. Warum? er hatte sich bis in seine alten Tagen eine ziemlich leidliche Gesundheit erhalten. Aber nun hat ihn vielleicht die Influenza betroffen und, weil er schon so alt ist, etwas heftiger als andre. Und nun ist seine Unruhe groß, und er muss studieren und stellt dem lieben Gott eine detaillierte Rechnung auf: ich war immer ein <term ref="kbga-terms-1719">Braver</term>, ich habe immer den <term ref="kbga-terms-1776">Armen</term> <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> getan, es konnte sich Niemand über mich beklagen, und nun muss es mir so ergehen? Warum? Warum muss gerade <hi rend="italic">ich</hi> so <term ref="kbga-terms-1774">krank</term> werden? Das ist <term ref="kbga-terms-2018">Ungeduld</term>. Der bleibt kleben an dem Unangenehmen der Gegenwart und studiert daran, statt darüber hinauszusehen. Wir haben es wohl Alle schon so gemacht, so oder ähnlich. Und ihr wisst, wie man dann mit jedem Seufzer und Gebrumm nur noch tiefer hineinkommt ins Elend. |</p>
                    <p>Es braucht nicht so zu sein. Ich kenne einen Andern,<note place="footnote" n="b" type="textcritical" xml:id="nb">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt eingeklammert: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Σαμουελ Ἱλφικερ</foreign>; gemeint ist: Samuel Hilfiker.</p>
                        </note> der ist auch in hohem Alter und ist gar nicht immer gesund gewesen und hat überhaupt viel Schweres hinter sich. Aber der hat sich eine Stelle aus der Offenbarung Johannes im 7. Kapitel zur Lieblingsstelle gemacht und kann sie auswendig und sagt sie sich laut auf, wenn er krank im Bett liegen muss, jene Stelle, wo die Rede ist von denen, die da kommen aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und helle gemacht im Blute des Lammes, und wo es dann zuletzt heißt: das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.7.17">Apk. 7,17</ref>] Das ist <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term>, das ist der große Sinn, der den Blick von dem <term ref="kbga-terms-603">Leiden</term> der <term ref="kbga-terms-364">Gegenwart</term> hinweglenkt auf das, was man nicht sieht und was doch da ist. Ich bin schon an beiderlei Krankenbetten gewesen, an <pb xml:id="p580" ed="pga"/> solchen, wo die Geduld Meister war, und an solchen, wo sie fehlte. Und auch von andern vom Unglück Betroffenen habe ich schon beiderlei gesehen, Geduldige und Andre. Aber ich kann denen von euch, die es noch nicht wissen sollten, sagen, dass das etwas ausmacht, ob man einen großen oder einen kleinen Sinn mitbringt in die Zeiten des Unglücks. |</p>
                    <p>Es gibt aber noch andere solche Lebenshindernisse, für die es <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> braucht, außer <term ref="kbga-terms-1774">Krankheit</term> und anderm <term ref="kbga-terms-1769">Unglück</term>. Eines der schlimmsten sind <hi rend="italic">widrige Menschen</hi>. Das sind Hindernisse, über die wir oft einfach nicht wegkommen, vor denen uns die Geduld ausgeht. Da ist Einer und der hat es darauf abgesehen, dir z’Leid zu werken,<note xml:id="n05">
                            <p> «Z’Leid werken» steht im Schweizerdeutschen für: «kränken», «schaden», «Übel wollen».</p>
                        </note> wo er nur kann. Man hat manchmal solch guten Freund. Du weißt, wo er dir etwas ungünstig auslegen kann, da tut er’s sicher, wo er dir einen Stein in den Weg legen kann, da versäumt er es gewiss nicht. Du siehst es ihm förmlich an, wie er darauf passt,<note xml:id="n06">
                            <p> «Passen» oder «bassen» steht im Schweizerdeutschen für: «lauern», «auf etwas warten», «abpassen».</p>
                        </note> dir wieder eine Falle zu stellen. Geduld? Und da ist ein Anderer, und bei dem ist’s nicht <term ref="kbga-terms-1753">Bosheit</term>, sondern boshafte <term ref="kbga-terms-1630">Dummheit</term>, die ihn dazu anleitet, irgend etwas Törichtes immer wieder zu sagen und zu machen. Er kann nichts lernen und will nichts vergessen. Vielleicht ist’s nicht nur Einer so, sondern Viele. Und du ringst die Hände und weißt nicht, wo ein und aus. Geduld? Und wieder ein anderer oder eine andere wären nicht so übel, «nicht die Ungeschicktesten», wie man sagt, sie haben allerlei gute Eigenschaften, man kann mit ihnen reden, aber daneben haben sie etwa vier oder fünf furchtbare <term ref="kbga-terms-2005">Vorurteile</term> und <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term>, über die sie nicht hinwegkommen und vor denen man wieder steht wie vor der Mauer. Wenn man jung ist, flüchtet man sich und sucht sich andre Gesellschaft, wenn man älter wird, geht das nicht mehr so einfach. Man muss miteinander auskommen. Geduld? Ja, woher nehmen! Nichtwahr, wir wissen das, dass wir solchen widrigen Menschen gegenüber die Geduld <hi rend="italic">sehr</hi> schnell verlieren. Auch Solche, die Krankheit und anderes wüstere Unglück wirklich geduldig mit großem Sinn und großen Gedanken zu ertragen wissen, auch solche werden oft sehr rasch nervös und aufgeregt und kleinlich, ungeduldig, wenn nun das <pb xml:id="p581" ed="pga"/> Hindernis in böswilligen, blöden oder verstockten <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> besteht. Wir meinen dann manchmal fast ein göttliches Recht zu besitzen, die <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> wegzuwerfen. Aber dieses Recht besitzen wir in Wirklichkeit durchaus nicht. Sondern wenn irgendwo, so würde es gerade hier gelten, den widrigen Menschen gegenüber einen großen Sinn zu bewähren. Ich erwähnte schon, dass Jakobus seine Leser zur Geduld ermahnen musste gegenüber der Bedrückung, die sie durch große, vornehme Leute erfahren. |</p>
                    <p>Und jener junge Mann, von dem ich erzählte, der sich zuletzt das Leben nahm, litt gerade daran, dass er sozusagen alle Menschen um sich herum verachtete. Er hatte ein außerordentlich scharfes Auge für Alles, was fehlerhaft und lächerlich war an ihnen, und wo wäre Solches nicht zu finden? Er lebte davon zu kritisieren, zu verspotten, das Gemeine und Hässliche herauszufinden und an den Pranger zu stellen. Daran ist er zu Grunde gegangen. Er verrannte sich in eine gewisse Verachtung der Menschheit und wurde dadurch gefühllos und einsam. Er sah wohl die Hindernisse, aber nicht darüber hinweg. Er sah wohl die <term ref="kbga-terms-1753">Bosheit</term> und <term ref="kbga-terms-1630">Dummheit</term> der Menschen, aber er hatte nicht die Geduld, den großen Sinn, nach dem silbernen Rand der Wolken zu spähen. Und damit strafte der Arme sich selbst. Es ist nicht nötig, dass wir in dieser Sache klein denken, wenn es auch wirklich <hi rend="italic">sehr</hi> schwer ist, darin groß zu denken. Aber es ist möglich. Auch den widerwärtigsten Menschen kennen wir doch wohl nur von einer Seite. Er hat auch noch eine innere, eine verborgene Seite, eine Seite gegen Gott zu. Da heißt es nun einen großen Sinn haben und über <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> hinweg an <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> an und in einem Menschen glauben und sich über jedes Anzeichen davon freuen und sich beständig nach solchen Anzeichen umsehen. Dazu braucht es viel Selbstüberwindung und in manchen Fällen mag es wohl als ganz unmöglich erscheinen. Aber die Erfahrung ist schon oft gemacht worden, dass die <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> es gewonnen hat auch den allerungefreutesten<note xml:id="n07">
                            <p> «Ungefreut» steht im Schweizerdeutschen für: «unerfreulich».</p>
                        </note> <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> gegenüber. Wenn man groß von ihnen denkt, kann man das Gute gleichsam aus ihnen hervorholen, fast gegen ihren Willen. Ich weiß wohl, dass es unendlich oft misslingt. Wir wollen dann den Fehler am rechten Ort suchen, wollen es uns zur Regel machen, dass es nicht an den Menschen fehlt, <pb xml:id="p582" ed="pga"/> sondern uns an wirklicher Geduld, an tiefer, überwindender Zuversicht zum Guten, Göttlichen in den Andern. Wenn uns ein Mensch zuwider ist und zuwider bleibt, dann wollen wir uns das als eine Niederlage ins Schuldbuch schreiben. Es stimmt dann etwas nicht. Die Geduld müsste es auch da gewinnen. |</p>
                    <p>Nun noch ein anderes Hindernis oder eine andre Art von Hindernissen: ich meine die, die <hi rend="italic">in uns selbst</hi> entstehen. Ich denke da ganz besonders an jüngere Leute, in deren <term ref="kbga-terms-1431">innerm Leben</term> plötzlich eine Art Damm entsteht und den natürlichen Fluss der Entwicklung ganz unbegreiflich verhindert. Wir wollen jetzt nicht davon reden, wie diese Hindernisse entstehen – sie kommen auch bei alten Leuten vor; genug sie sind da, und es entsteht ihnen gegenüber eine ganz merkwürdige Art von <term ref="kbga-terms-2018">Ungeduld</term>, eine ganz lahme, zahme Ungeduld meistens, wo nur der eine Gedanke da ist: es geht nicht! und dieser Gedanke äußert sich in einer stillen, mürrischen oder traurigen Unzufriedenheit. Da ist ein junger Bursche,<note place="footnote" n="c" type="textcritical" xml:id="nc">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt eingeklammert: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Π. Ζιμμερλι</foreign> (P. Zimmerli).</p>
                        </note> gesund und kräftig und nicht ungeschickt, aber sein inneres Hindernis ist eine ungeheure <term ref="kbga-terms-1279">Trägheit</term>. Er mag nicht nachdenken, er mag nichts Bestimmtes wollen, er mag nicht einmal einen <term ref="kbga-terms-1461">Beruf</term> ergreifen. Er wird schließlich wie ein Blatt vom Winde irgendwohin getrieben werden, er verzichtet ja darauf, selbst etwas zu machen aus seinem Leben. Kein Wunder, wenn er immer ein unzufriedenes Gesicht macht. Durch solche geistige Trägheit <hi rend="italic">wird</hi> man in der Tat unglücklich. Die Trägheit, die ja uns Menschen allen mehr oder weniger anhaftet, muss mit <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term>, das heißt, durch einen großen, überlegenen Sinn überwunden werden. Man darf nicht davor stehen bleiben und denken: es geht nicht! ich mag eben nicht! |</p>
                    <p>Andre sagen: ich kann nicht. Da ist ein junges Mädchen.<note place="footnote" n="d" type="textcritical" xml:id="nd">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt eingeklammert: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Σχαεδελιν</foreign> (Schädelin).</p>
                        </note> Es hat schöne Gaben, es hat auch den Gedanken im Kopf: aus mir könnte etwas werden, und alle Wege sind geebnet, dass das geschehen kann. Das trifft nicht immer Alles zusammen. Aber im letzten Augenblick, wo es sich entschließen und energisch das Neue anpacken sollte, klappt es zusammen wie ein Taschenmesser, zweifelt an seinen Fähigkeiten, an seiner Kraft, das Vorgenommene durchzuführen, und nach kläglichem Zaudern und Zögern heißt es schließlich: nichts! Der kleine ungeduldige Gedanke: ich kann nicht! hat es gewonnen und <pb xml:id="p583" ed="pga"/> nicht der große geduldige Gedanke des Zutrauens zu sich selber, den ein Mensch, wenn er ihn einmal aufrichtig gehabt hat, auch behalten darf. Was Wunder, wenn von da eine gewisse stöckische <term ref="kbga-terms-1910">Traurigkeit</term> über einem solchen Leben waltet! |</p>
                    <p>Und noch ein anderes inneres Hindernis: ein erwachsener Mann, der es gut haben könnte,<note place="footnote" n="e" type="textcritical" xml:id="ne">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt eingeklammert:: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Φορστερμαγγελ</foreign> [?].</p>
                        </note> er hat auch Freude am <term ref="kbga-terms-795">Arbeiten</term> und an <term ref="kbga-terms-1271">Selbstvertrauen</term> fehlt es ihm gar nicht, im Gegenteil. Aber der Damm, der bei ihm die natürliche Entwicklung unterbricht, ist ein ganz törichter, gefährlicher <term ref="kbga-terms-1908">Glust</term><note xml:id="n08">
                            <p> «Glust» steht im Schweizerdeutschen für: «Gelüste», «Lust», «Lüsternheit».</p>
                        </note>. Er ist ihm zuerst ein paar Mal unterlegen, und dann geschah es öfter, und es wird immer häufiger geschehen, er weiß es. Und er weiß auch, wie gefährlich dieser Glust ist, er sieht an Andern die Folgen, und bereits beginnen sie sich bei ihm selbst zu zeigen. Aber Widerstand leisten? Nein, der Glust ist eben stärker: ich will nicht! Er verrennt sich in dieses: Ich will nicht! von dem er weiß, dass es sein Verderben ist, er leidet darunter, bekommt etwas <term ref="kbga-terms-1818">Misstrauisches</term>, Feindseliges, <term ref="kbga-terms-1953">Trotziges</term> selbst gegen seine nächsten <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>. Es ist die Gefahr da, dass er sich in sein Hindernis verbohrt und dabei ein trauriges Ende findet. Oder wird er den Ausweg finden, den großen Gedanken, der über den Glust Meister wird, so stark der ist? Gott sei Dank, es sind doch sehr Viele auch vor diesen innern Hindernissen, vor der <term ref="kbga-terms-1279">Trägheit</term>, der Mutlosigkeit, der verirrten <term ref="kbga-terms-1635">Leidenschaft</term> <hi rend="italic">nicht</hi> erschreckt, sondern haben gelernt, frei und froh darüber hinwegzusehen. Sie haben es erfahren, dass auch solche innern Dämme oft von Gott selbst in unserm <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> eingerichtet werden als Aufgabe, die wir lösen sollen. Wohl dem, der dann nicht ungeduldig wird und versagt, sondern zur Stelle ist und über das Hindernis in seiner eigenen Seele hinwegsehen und dann auch hinwegschreiten lernt. –</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">So seid nun geduldig</hi>, liebe Brüder! sagt uns Jakobus. O wie Viele leiden bitter darunter, dass sie das nicht vermögen, geduldig, mit großem Sinn den mancherlei Hindernissen des Lebens entgegenzutreten. Was ist das für eine unbefriedigende Weihnachtsfeier, wenn man ein ungeduldiges Jahr, ein Jahr des Aufbegehrens gegen das <term ref="kbga-terms-1769">Unglück</term>, des <pb xml:id="p584" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-1106">Zornes</term> gegen die <term ref="kbga-terms-1753">bösen Menschen</term>, der kläglichen Nachgiebigkeit gegen sich selbst hinter sich hat. Ja, haben wir nicht allerlei von solcher <term ref="kbga-terms-2018">Ungeduld</term> hinter uns, meine Freunde! Müssten wir nicht <hi rend="italic">Alle</hi> uns da und dort sagen, das geht <hi rend="italic">mich</hi> auch an, so habe ich es auch schon gemacht? Wird uns nicht Allen die <term ref="kbga-terms-2004">Weihnachtsfreude</term> vergällt durch den Gedanken an unsre mannigfache Ungeduld? Ja, wir wollen alle diese Fragen ernst nehmen, aber noch wichtiger ist, dass es bei uns anfange, anders zu werden, dass wir die <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term>, den großen, weiten, siegreichen Sinn lernen, wenn wir ihn noch nicht haben. Wenn ein solcher Anfang da ist, dann kann aus unsrer Weihnachtsfreude, der rechten, innerlichen, doch noch etwas werden. Und umgekehrt, die Weihnacht kann uns jetzt gerade zu einem solchen Anfang von Anderswerden helfen. |</p>
                    <p>
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> gibt keine Beschreibung davon, wie man das machen müsse, um geduldig zu werden. Und doch zeigt er einen Weg dazu. Er macht ein kleines Gleichnis: wie das sei, die rechte Geduld. <hi rend="italic">Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen</hi>. Die Zeit des Frühregens und die Zeit des Spätregens sind in <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> die beiden Hälften der kühleren Jahreszeit, der Sinn des Gleichnisses ist also der: ein Landmann weiß auf die Frucht zu warten auch im Winter; er kennt die Naturordnung; der Anblick des tiefen Schnees und der steinhart gefrornen Scholle können ihm doch keine Zweifel erwecken am Leben des darunter verborgnen Samens, das sich zur rechten Zeit schon offenbaren wird. <hi rend="italic">So seid auch ihr geduldig</hi>, sagt Jakobus. Er sieht in der <term ref="kbga-terms-2006">Naturordnung</term> ohne Weiteres <term ref="kbga-terms-1353">Gottes Ordnung</term> und überträgt sie auf das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> des Menschen. Er ist darin ein getreuer Jünger Jesu, der es gerade so gehalten hat. Der Weg, den er zeigt, heißt also: Tut, was Gottes Ordnung ist in der ganzen <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>. Das ist das, was ich am Anfang die Einfachheit, die Nüchternheit des Jakobus nannte. Aber sein Rat ist gut. Es kommt nur darauf [an], dass wir ihn ausführen: <hi rend="italic">Stärket eure Herzen!</hi> sagt er uns. Das will sagen: Prägt euch diese Gottesordnung, das ewige Gesetz des Wartens und der <term ref="kbga-terms-1893">Erfüllung</term> ein. Nun, dazu hilft uns das <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsevangelium</term> von der heilsamen <term ref="kbga-terms-36">Gnade Gottes</term>, die unter uns erschienen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Tit.2.11">Tit. 2,11</ref>]. Ich sagte es ja schon: wir müssen uns durch Geduld vorbereiten auf die Weihnacht! Aber es steht auch so: Die Weihnachtsbotschaft soll uns zur rechten <term ref="kbga-terms-2017">Geduld</term> <pb xml:id="p585" ed="pga"/> verhelfen. Denn der <term ref="kbga-terms-280">Heiland</term>, den sie verkündigt, ist der rechte Meister der Geduld, des großen Sinnes gewesen. Aus seiner «Fülle» haben wir auch diese Lebensgabe zu nehmen. Und so möge er sie einem jeden von uns geben in diesen Tagen, wie es sie nötig hat. Er schmelze unsre Eiskrusten, er besiege unsern <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term>, er zerbreche unsern Widerstand und bringe uns Alle herum aus dem Kleinen ins Große.</p>
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                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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