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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 11,25-30</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 11,25-30, 13. Oktober 1912 – kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56044 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56044</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 11,25-30</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">44</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 11,25-30, 13. Oktober 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1578">KBA 1114</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" from="1912-10-13">13. Oktober 1912 – kein Datum</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-10-13">13. Oktober 1912</date>
                    </dateline>
                        <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.25 Mt.11.30">Matthäus 11,25–30</ref> 
                            <quote>Jesus sprach: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, dass du Solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbaret. Ja, Vater, denn also ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater. Und niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater, und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.</quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> ist den Klugen und Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbar. <hi rend="italic">Das Evangelium ist einfach</hi>.<note xml:id="n01">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1310">
                                    <persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des Christentums. Sechzehn Vorlesungen vor Studierenden aller Fakultäten im Wintersemester 1899/1900 an der Universität Berlin</hi>, Leipzig 1900<hi rend="sup">3</hi>, S. 33</bibl>: «Die Größe und Kraft der Predigt Jesu ist darin beschlossen, daß sie so einfach und wiederum so reich ist – so einfach, daß sie sich in jedem Hauptgedanken, den er angeschlagen, erschöpft, und so reich, daß jeder dieser Gedanken unerschöpflich erscheint […].»</p>
                        </note> So sagt Jesus und dankt Gott dafür. Nachher beschreibt er es in kürzesten Worten, was dieses Evangelium ist und bringt. Ich möchte heute von der <term ref="kbga-terms-1879">Einfachheit des Evangeliums</term> reden.</p>
                    <p>Erlaubt mir, dass ich diesmal mit einigen ganz persönlichen Erfahrungen beginne. Es mögen jetzt bald elf Jahre her sein, dass ich mich im Laufe eines ungemein anregenden Konfirmandenunterrichts dazu entschloss, Theologie zu studieren. Ich sage ausdrücklich: Theologie zu studieren, und nicht: ich entschloss mich, Pfarrer zu werden. Daran dachte ich gar nicht oder nur wenig, und dann eher mit einer gewissen Angst vor der Aussicht, alle Sonntage eine Predigt halten zu müssen. Aber an die <term ref="kbga-terms-10">Theologie</term>, an die Wissenschaft von den göttlichen Dingen dachte ich, als der Entschluss in mir reifte und als ich <pb xml:id="p451" ed="pga"/> dann, als ich von der Konfirmation<note xml:id="n02">
                            <p> Barth wurde am <date when="1902-03-23">23. März 1902</date> konfirmiert (Abbildung der Konfirmationsurkunde: <bibl corresp="kbga-bibls-1311">
                                    <hi rend="italic">Karl Barth – Bilder und Dokumente aus seinem Leben</hi>, hrsg. von P. Zocher [Gesamtausgabe, Abt. VI], Zürich 2018, S. 24</bibl>). </p>
                        </note> nach Hause kam, meinem <persName ref="kbga-actors-21">Vater</persName> die Erklärung gab: Ja, ich will! Nach dieser Wissenschaft hatte ich ein großes Verlangen. Denn ich hatte eine ganze Menge Fragen auf dem Herzen über das, was ich im Unterricht gehört. Unser Pfarrer<note xml:id="n03">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-2">Robert Aeschbacher</persName> (1869–1910), seit 1894 Pfarrer an der <placeName ref="kbga-places-279">Nydeggkirche</placeName> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, seit 1907 am <placeName ref="kbga-places-993">Berner Münster</placeName>.</p>
                        </note> hatte uns wohl Antworten gegeben darauf, aber ich wollte lieber selber antworten, selber erkennen, selber denken können. Ich fragte mich: was denn eigentlich Gott sei und wie man ihn erkennen könne; ich fragte mich nach der <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> des <term ref="kbga-terms-807">Christentums</term> gegenüber den andern <term ref="kbga-terms-211">Religionen</term>, ich fragte mich, wie das zu verstehen sei: Christus der <term ref="kbga-terms-235">Sohn Gottes</term>, wie die <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> entstanden sei, was man von den <term ref="kbga-terms-1880">Wundergeschichten</term> zu halten habe, wie die <term ref="kbga-terms-1881">Welt entstanden</term> sei und wie sie <term ref="kbga-terms-1882">enden</term> werde, was es mit dem <term ref="kbga-terms-1585">Leben nach dem Tode</term> auf sich habe, und so Manches andre. Das wollte ich wissen und darum wollte ich Theologie studieren. Zweieinhalb Jahre später konnte ich dann damit anfangen. Und richtig: es kam Alles, wie ich es wünschte: ich hörte von den Religionen aller Völker der Erde, ich hörte von den verschiedenen Bücher[n] des alten und des neuen Testamentes, ich hörte von der wechselvollen <term ref="kbga-terms-1812">Geschichte des Christentums</term> im Lauf der Jahrhunderte, ich hörte von den Philosophen, den großen Denkern aller Zeiten, die der Wahrheit nachgeforscht haben gleichsam bis an ihre Wurzeln. Ich hörte von Meinungen und Ansichten aller Art, den gläubigen und ungläubigen, orthodoxen und freisinnigen. Ich schrieb mir Alles gewissenhaft in viele Hefte und studierte sie zu Hause wieder durch. Und daneben las ich noch allerlei <term ref="kbga-terms-1459">Bücher</term>. Ich war nun reich an allerlei Antworten auf meine Fragen und war ziemlich stolz auf meine Wissenschaft. Ich dachte, wer über die Religion nicht so gut Auskunft wisse wie ich, der sollte wenigstens schweigen und nicht darüber reden. Bibelstellen wie der heutige Text, dass das Evangelium den Unmündigen offenbar, den Weisen und Klugen aber verborgen sei, waren mir verdrießlich. Oder ich dachte, das sei nicht so wörtlich zu verstehen, denn die christlichen Anschauungen der Unmündigen, der <pb xml:id="p452" ed="pga"/> Ungebildeten schienen mir auch gar zu wenig fein und tief, als dass ich sie hätte über meine theologischen Gedanken stellen wollen. |</p>
                    <p>Aber es war mir doch nicht ganz wohl mit meiner Wissenschaft. In stillen Stunden kam ich mir oft vor wie ein großes Bauernhaus mit allen möglichen Zimmern, Scheunen, Ställen und Estrichen, in denen wieder alles Mögliche aufbewahrt wird: Altes und Neues, Schönes und Wüstes, Brauchbares und Unbrauchbares. Ich musste mich fragen: Wozu dienen eigentlich all die schönen Dinge, die ich da in meinem Kopf aufspeichere? Ist das Alles das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term>, das ich später <term ref="kbga-terms-1846">predigen</term> soll? Dieser Gedanke machte mich doch ziemlich unruhig; ich sagte mir: dann müssten ja die Leute, denen ich dann predigen soll, alle auch <term ref="kbga-terms-10">Theologie</term> studieren, womöglich etwas Griechisch verstehen, damit sie begreifen, was ich will? Und der Verdacht stieg in mir auf, mein Bauernhaus voll der verschiedensten <term ref="kbga-terms-1883">Gelehrsamkeiten</term> möchte weder für mich selbst noch für Andre etwas Erfreuliches und Nützliches sein. Und dann kam die Zeit, wo ich anfing, eine große Entdeckung zu machen. Und das<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> findet sich ein zweites, von den Hrsg. gestrichenes «das».</p>
                        </note> war die Entdeckung, dass das <term ref="kbga-terms-1879">Evangelium etwas <hi rend="italic">Einfaches</hi></term> sei, dass die <term ref="kbga-terms-1884">göttliche Wahrheit</term> nicht ein verzwicktes, schwieriges Gebilde von hunderterlei Sätzen und Meinungen und Vermutungen sei, sondern eine schlichte, klare Erkenntnis, die jedem Kinde zugänglich ist. Ich weiß noch deutlich, wie diese Einsicht über mich kam, während ich ein Buch studierte, dessen Inhalt war, es gebe nichts Gutes in der Welt und außer der Welt, außer dem guten Willen.<note xml:id="n04">
                            <p> <bibl corresp="kbga-bibls-1309">
                                    <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Grundlegung zur Metaphysik der Sitten</hi> (1785), Akademie-Ausgabe, Bd. 4, Berlin 1903/11, S. 385–463, dort S. 393</bibl>: «Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein <hi rend="italic">guter Wille</hi>.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 246</bibl>.</p>
                        </note> Der <term ref="kbga-terms-1885">gute Wille</term> sei die Wahrheit, das Göttliche im Leben. Daran hielt ich mich. Es war nicht viel, aber es war etwas und es konnte etwas daraus werden. Es war nichts Schwieriges, nichts Verwickeltes, sondern etwas Einfaches. Von da aus lernte ich das <term ref="kbga-terms-1887">Christentum</term> verstehen als etwas ganz Einfaches. Aus dem Bauernhaus mit den vielen Kammern und Räumen und all dem geheimnisvollen und nicht geheimnisvollen Inhalt wurde mir allmählich ein einziger, weiter, hoher <pb xml:id="p453" ed="pga"/> Raum, in dem ich Alles übersehen konnte, wie man etwa hier in der Kirche jeden Gegenstand ohne Schwierigkeiten sehen kann. Der Wirrwarr von Fragen und Meinungen in meinem Kopfe begann, ein Ende zu nehmen, und an seine Stelle traten drei oder vier große Hauptfragen: Was Gott sei? Was Jesus für uns bedeutet? Was das <term ref="kbga-terms-4">Ziel unsres Lebens</term> sei? Wie wir dieses Ziel erreichen? Neben diesen Hauptfragen wurde mir vieles Andre, was mich beschäftigt und beunruhigt hatte, worauf ich auch wohl stolz gewesen, nebensächlich, ja sogar gleichgiltig. Aber auf diese Hauptfragen lernte ich allmählich Antwort geben, nicht fix und fertig, aber ich wusste, in welcher Richtung ich die Antwort zu suchen habe. Und das ist merkwürdig, die Erkenntnisse, die mir so allmählich zur Hauptsache wurden, das war keine <term ref="kbga-terms-911">Wissenschaft</term>, nichts Hebräisches, nichts Griechisches und keine <term ref="kbga-terms-1046">Philosophie</term>, sondern ungefähr gerade das, was man in einer guten <term ref="kbga-terms-1886">Sonntagsschule</term> den Kindern sagt. Ich verlor vollständig die Meinung, die ich als Schüler gehabt, als gehöre zu unserm Christentum ein Haufe von umständlichen, verzwickten Einsichten. Ich stellte es mir zur Regel auf: Je einfacher, umso besser. Die Freude an der Wissenschaft kam mir dadurch nicht abhanden; ich studierte sogar fleißiger und mit mehr Freude als vorher, aber was ich in den Büchern und bei den Professoren von jetzt an suchte, das war gerade die rechte Erkenntnis des Einfachen. Tiefer, klarer, bestimmter werden in <hi rend="italic">dieser</hi> Erkenntnis, das wurde mein Ziel. Ich bin noch lange, lange nicht fertig damit, ich werde mein Leben lang nicht damit fertig sein, aber ich weiß, wo mein Weg durchgeht. Und wenn mich heute jemand fragen würde, was ist das Christentum? ich würde ihm antworten:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                        <l>Drum sag ich’s noch einmal: Gott ist die Liebe!</l> 
                        <l>Gott ist die Liebe! Er liebt auch mich.<note xml:id="n05">
                                    <p> Refrain des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-229">«Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen» von <persName ref="kbga-actors-1394">A. D. Rische</persName></bibl> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p427#fn_n01">S. 427f., Anm. 1).</ref>
                                    </p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>Seitdem ich mit meiner Wissenschaft bei diesem <term ref="kbga-terms-1887">einfachen Christentum</term> der <term ref="kbga-terms-1886">Sonntagsschule</term> gelandet bin, seitdem ich bei allem Studieren, Lesen, Nachdenken nur danach verlange, in dieses Einfache noch tiefer einzudringen, seitdem habe ich dann auch Freude daran bekommen, <term ref="kbga-terms-137">Pfarrer</term> zu sein und Andern dieses Christentum lieb zu machen.</p>
                    <p><pb xml:id="p454" ed="pga" rend="noPipe"/> Ich habe von mir geredet, jetzt möchte ich <hi rend="italic">von euch</hi> reden. Ich möchte euch von Herzen gönnen, dass ihr das auch Alle verstehen lernen würdet, warum Jesus Gott seinem Vater, dem <term ref="kbga-terms-423">Herrn Himmels und der Erde</term>, gedankt hat dafür, dass er <term ref="kbga-terms-62">seine Wahrheit</term> den Klugen und Weisen verborgen, den Unwürdigen offenbar gemacht hat, dass ihr verstehen lernen würdet das <term ref="kbga-terms-1887">
                            <hi rend="italic">einfache</hi> Christentum</term>, das <term ref="kbga-terms-1879">
                            <hi rend="italic">einfache</hi> Evangelium</term>. Es sind Solche unter euch, die verstehen es schon, besser als ich, die sind Sonntagsschulchristen geblieben oder wieder geworden, die könnten ihren <term ref="kbga-terms-73">Glauben</term> in drei oder vier Sätzlein aussprechen. Denen möchte ich heute nur sagen, dass sie recht haben und dass sie beim einfachen Christentum bleiben und darin zunehmen möchten. Die Andern möchte ich heute einladen, wieder zum einfachen Christentum zurückzukehren, wenn sie sich davon entfernt haben. Ich habe nämlich die Beobachtung gemacht, dass viele liebe Freunde aus <term ref="kbga-terms-1641">meiner Gemeinde</term> ganz in derselben Lage sind wie ich als Schüler und junger Student. Sie haben auch den Kopf voller Fragen, über die sie nachgedacht oder Bücher gelesen haben, und das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> ist ihnen unvermerkt auch zu einer recht hohen, schwierigen Sache geworden. |</p>
                    <p>Es sind, soviel ich merke, besonders zwei Dinge, die euch beschäftigen. Das Eine ist die Frage, wie es sei mit dem <term ref="kbga-terms-1585">Leben nach dem Tode</term>, das Andre ist Frage, wie es sei mit dem <term ref="kbga-terms-1882">Ende der Welt</term> oder doch der Erde, mit der <term ref="kbga-terms-271">Wiederkunft Christi</term> und was damit zusammenhängt. Ich bin zwei Arten von Leuten begegnet: solchen, denen diese Fragen wirklich <hi rend="italic">Fragen</hi> sind, das heißt, solchen, die gerne wissen möchten, was sie drüber denken sollen, die damit nicht zu Rande kommen und die sich darüber beunruhigen. Die sind dann manchmal enttäuscht, wenn sie in der Predigt gar nichts über diese Fragen zu hören bekommen und wenn sie vielleicht gar noch die Erfahrung machen müssen, dass der Pfarrer darüber nicht mehr und nicht weniger weiß als sie selber, dass er ihnen zur Lösung dieser Fragen nicht helfen kann. |</p>
                    <p>Dann gibt’s aber noch Andere, die haben nicht nur Fragen auf dem Herzen, sondern auch <hi rend="italic">Antworten</hi>, fix und fertig sogar. Die wissen genau Bescheid, wie es nach dem Tode sein wird, im <term ref="kbga-terms-966">Himmel</term> und in der <term ref="kbga-terms-711">Hölle</term>, die wissen bestimmt, dass wir jetzt in den letzten Zeiten stehen und können aufzählen, was noch Alles kommen muss bis zur <term ref="kbga-terms-271">Wiederkunft</term> des <term ref="kbga-terms-1263">Menschensohnes</term> auf den Wolken des Himmels. Ja, <pb xml:id="p455" ed="pga"/> da bin ich auch schon mehr als einmal dagestanden wie ein armer Mann mit leeren Händen und musste meinen Freunden sagen: denkt, ihr wisst viel mehr als ich, von Allem, was ihr da vorbringt, habe ich keine Ahnung, ich habe sogar schon sehr lange gar nicht mehr darüber nachgedacht. Ich weiß nur, dass <term ref="kbga-terms-37">Gott die Liebe</term> ist. Das ist wenig, nicht wahr? – |</p>
                    <p>Man muss also nicht zu schnell sagen: die Klugen und Weisen, von denen Jesus im Textwort redet, seien die <term ref="kbga-terms-137">Pfarrer</term>, die Gstudierten<note xml:id="n06">
                            <p> Schweizerdeutsch für: «die Studierten», «diejenigen, die studiert haben».</p>
                        </note> und Gebildeten – und die Unmündigen, das seien die übrigen Leute. Er kann manchmal so sein. Aber es kann auch umgekehrt sein: dass die Ungstudieren die Klugen und Weisen sind, die nach Allem fragen und die Alles wissen, und der Pfarrer ist der Unmündige, der von den göttlichen Dingen gerade soviel weiß, als er seinerzeit in der <term ref="kbga-terms-1886">Sonntagsschule</term> gelernt hat.</p>
                    <p>Ich möchte nun einige <hi rend="italic">Gründe</hi> nennen, weshalb wir Alle, Pfarrer und andre Leute, gut tun, Unmündige zu sein im Christentum, das heißt: Solche, die nichts wissen wollen und nichts zu wissen meinen als das <term ref="kbga-terms-1879">einfache Evangelium</term>. Der erste Grund geht eigentlich schon für alle Übrigen. Er lautet: <hi rend="italic">Wir können nichts wissen</hi> von den göttlichen Dingen als das, was wir unmittelbar erkennen und unmittelbar nötig haben: <term ref="kbga-terms-112">Gott unser Vater</term>. <term ref="kbga-terms-978">Jesus unser Weg zum Vater</term>. Unser Leben im Dienst für Gott und unsre <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>. In solchem Dienst <term ref="kbga-terms-589">Friede</term>, <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> und <term ref="kbga-terms-726">ewiges Leben</term>. In solch ein paar simplen Sätzlein kann man Alles ausdrücken, was wir vom <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> wissen. Was solch ein paar Sätzlein – es können auch ein paar mehr oder weniger sein – sagen, das wissen wir aus Erfahrung. Dass diese Sätzlein wahr sind, das können wir sofort probieren, indem wir es einen Tag, und wenn’s nur einer wäre, probieren, mit ihnen Ernst zu machen. Dann leuchtet es unmittelbar in uns auf: Ja so ist’s: Gott der <term ref="kbga-terms-112">Vater</term>! Jesus der <term ref="kbga-terms-280">Heiland</term>! Unser Leben <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>! Und in der Liebe Seligkeit! Das sind Dinge, deren wir ganz sicher werden können, so sicher wie der Tatsache, dass 2 x 2 = 4 ist. Aber woher wollen wir mehr wissen als das? Woher sollen wir etwas wissen von Dingen, von denen wir notwendigerweise <hi rend="italic">keine</hi> <term ref="kbga-terms-131">Erfahrung</term> haben können, von Dingen, für die unser <term ref="kbga-terms-962">Verstand</term> einfach nicht geschaffen ist? Woher? frage ich.|</p>
                    <p><pb xml:id="p456" ed="pga" rend="noPipe"/> Nun, da ist mir zum Beispiel in der vergangenen Woche ein Buch ins Haus gebracht worden mit der Bemerkung, das sei ein schönes Buch, das ich auch lesen müsse. Ich danke der betreffenden Besitzerin recht herzlich für ihre Freundlichkeit, aber ich muss nun ihr und Andern, die es vielleicht gelesen oder lesen wollen, sagen, dass ich dieses Buch sehr unnütz finde. Es handelt nämlich von einer sogenannten <hi rend="italic">Somnambule</hi>, das heißt, von einer armen nervösen Frauensperson, die in einem krankhaften Halbschlafzustand Reisen machte in die Hölle, auf den Mond, auf verschiedene Sterne, auf die Sonne und schließlich in das neue Jerusalem. Was sie unterwegs sah, das erzählte sie dann fortzu<note xml:id="n07">
                            <p> Schweizerdeutsch für: «immerfort», «ständig».</p>
                        </note> ihren sie umgebenden Angehörigen, die Alles gewissenhaft aufschrieben.<note xml:id="n08">
                            <p> Es handelt sich um: <bibl corresp="kbga-bibls-1308">
                                    <hi rend="italic">Reisen in den Mond, in mehrere Sterne und in die Sonne. Geschichte einer Somnambüle in Weilheim an der Teck im Königreich Württemberg. Ein Buch in welchem alle über das Jenseits wichtige Aufschlüsse finden werden</hi>, hrsg. von einem täglichen Augenzeugen und Freunde der Wahrheit und der höheren Offenbarung, …, Stuttgart 1903 <hi rend="sup">18</hi></bibl>. – Das erstmals in Augsburg 1834 erschienene Buch «hat den somnambulen Zustand der 16jährigen Philippine Demuth Bäuerle zum Gegenstand». Zum Inhalt und zur Einordnung dieses Buches, das bereits 1861 «eine Menge Auflagen erlebt» hatte und «nur zu sehr verbreitet» war, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1307">
                                    <persName ref="kbga-actors-9096">M. Perty</persName>, <hi rend="italic">Die mystischen Erscheinungen der menschlichen Natur</hi>, Leipzig / Heidelberg 1861, S. 271–273, Zitate: S. 271</bibl>.</p>
                        </note> Das ist ja nun recht interessant für Solche, die sich mit merkwürdigen Seelenzuständen und dergleichen beschäftigen. Da habe ich auch allerlei daraus lernen können. Aber das Buch will nicht das, sondern es will Aufschluss geben über das Jenseits, über das Leben der Seelen nach dem Tode, über die Orte der Verdammnis und der Seligkeit usw. Wollen wir uns für solche Fragen den Träumen und Verzückungen eines nervösen Weibleins anvertrauen oder wollen wir uns nicht lieber sagen, von unserm gesunden Verstand sagen lassen: davon wissen wir nichts, davon können und davon wollen wir nichts wissen? |</p>
                    <p>Oder da sind die Bücher der sogenannten <orgName ref="kbga-actors-9093">Vereinigung <hi rend="italic">ernster Bibelforscher</hi>
                        </orgName><note xml:id="n09">
                            <p> Die «<orgName ref="kbga-actors-9093">Ernsten Bibelforscher</orgName>» sind eine von <persName ref="kbga-actors-9094">Charles Taze Russell</persName> (1852–1916) Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Gemeinschaft, aus der sich später die «<orgName ref="kbga-actors-9095">Zeugen Jehovas</orgName>» abspalteten.</p>
                        </note>, die, wie es scheint, in den letzten Wochen auch in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> kolportiert worden sind. Ein lieber Freund hat mir drei davon <pb xml:id="p457" ed="pga"/> geschickt, drei dicke Bände, viele hundert Seiten, schön rot gebunden. Sie enthalten lauter Dinge, von denen wir nichts wissen können. Da ist Gottes Weltplan dargelegt, bis aufs Pünktlein genau, wie es war und wie es sein wird, sogar Zeichnungen sind dabei, wie eines nach dem Andern kommen muss, ferner der Beweis, dass wir gegenwärtig am Ende der Endzeit stehen und dass es im Jahre 1914 aus sein wird, ferner ausführliche Beschreibungen über das Kommen des tausendjährigen Reiches Gottes und Vieles, Vieles Andre.<note xml:id="n10">
                            <p> Es wird sich um drei der ersten sechs Bände der von den «<orgName ref="kbga-actors-9093">Ernsten Bibelforschern</orgName>» herausgegebenen Schriftenreihe, der sogenannten «Schriftstudien» handeln, die alle von <persName ref="kbga-actors-9094">Ch. T. Russell</persName> verfasst wurden; im ersten und im zweiten Band geht Russel dabei ausführlich auf die besondere Bedeutung des Jahres 1914 ein: <bibl corresp="kbga-bibls-1305">Ch. T. Russell, <hi rend="italic">Der Plan der Zeitalter</hi> (Anbruch. Eine Handleitung für Bibelforscher, Teil 1), Brooklyn / Elberfeld-Barmen 1909 (erste amerikanische Auflage: 1886)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1306">ders., <hi rend="italic">Die Zeit ist herbeigekommen</hi> (Millennium. Tages-Anbruch, Teil 2), Elberfeld 1910 (erste amerikanische Auflage: 1889)</bibl>.</p>
                        </note> Man fragt sich erstaunt, woher die ungenannten Verfasser Kunde haben mögen von so großen Dingen, und siehe da: 
                        Einiges meinen sie aus der Bibel nehmen zu können, Einiges aus zweifelhaften amerikanischen Büchern, wieder Andres aus der Bauart der großen Pyramide bei <placeName ref="kbga-places-1088">Kairo</placeName> in <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName>, von der behauptet wird, sie sei von König <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek von Kanaan</persName> erbaut worden, und zwar genau im Mittelpunkt der Welt, und sie sei in ihrer Anlage eine genaue Darstellung aller vergangenen und zukünftigen Dinge. Liebe Freunde! Wollen wir solcher und ähnlicher amerikanischer Pyramidenweisheit Gehör schenken, 
                        die sich Alles und Jedes aus den Fingern zu saugen und dicke Bücher darüber zu schreiben weiß, oder wollen wir nicht lieber Unmündige sein und uns an den halten, der gesagt hat: Niemand kennet den Vater denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.27">Mt. 11,27</ref>] |</p>
                        <p>Aber nun könnte man mir kommen und sagen, dass doch die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term></hi> allerlei bringt, was mehr, weit mehr ist als das, was ein Sonntagsschüler lernen und begreifen und was man unmittelbar als wahr erfahren und erkennen kann. Sollen wir denn auch von den Weissagungen im Buch Daniel und in der Offenbarung des Johannes und von den Andeutungen in den andern Büchern über die letzten und jenseitigen Dinge sagen: Ich weiß das nicht, oder sollen wir dem nicht <pb xml:id="p458" ed="pga"/> vielmehr nachforschen mit allem Fleiß, um dahinter zu kommen, wie es gemeint sei? Darauf will ich schon antworten: Freilich sollen und dürfen wir in der Bibel forschen, auch im Buch Daniel und in der Offenbarung, obwohl es andre Bücher in der Bibel gibt, die viel, viel wichtiger sind für uns als diese, und obwohl <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, der doch auch etwas von Christentum verstand, gerade von der Offenbarung gesagt hat, sein Geist könne sich in das Buch nicht schicken, er könne es nicht hoch achten, es sei weder apostolisch noch prophetisch, es diene nicht zur Erkenntnis und Predigt Christi.<note xml:id="n11">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1304">
                                    <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Das Neue Testament. 1522. Vorrede auf die Offenbarung S. Johannis:</hi></bibl> «Myr mangellt an disem buch nit eynerley, das ichs wider Apostolisch noch prophetisch hallte, […]. Endlich, […], meyn geyst kan sich ynn das buch nicht schicken, Und ist myr die ursach gnug, das ich seyn nicht hoch achte, das Christus, drynnen widder geleret noch erkandt wirt» (WA.DB 7, 404,5f.25–27).</p>
                        </note> Das Letztere mag zuviel gesagt sein, aber das ist sicher: Die Bibel und auch die Offenbarung ist uns von Gott nicht dazu gegeben, um uns allerlei unsren <term ref="kbga-terms-962">Verstand</term> übersteigende Erkenntnisse zu eröffnen. 
                        Die <term ref="kbga-terms-1888">Bibel ist nicht ein Kramladen von Geheimnissen</term>, und wenn noch so viele eifrige Bibelleser sie dafür ansehen. Sondern die Bibel will uns zu Christus führen und durch Christus zu Gott, die Bibel will uns Glauben, Liebe und Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] einflößen, nicht indem sie unsern Verstand und unsre Phantasie beschäftigt, sondern indem sie unser <term ref="kbga-terms-1466">Herz</term>, unser <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term>, unsern <term ref="kbga-terms-989">Willen</term> berührt und weckt, indem sie uns treu und wachsam und freudig macht durch die eine einfache frohe Botschaft: 
                        Gott will etwas mit uns haben! Gott nimmt sich unser an! <hi rend="italic">Das</hi> sagt uns die Bibel klar und deutlich, <hi rend="italic">darum</hi> ist sie <term ref="kbga-terms-183">Gottes Wort</term>; denn Gott will, das[s] wir <hi rend="italic">das</hi> wissen sollen. Wenn wir aber darüber hinaus schnausen und schneuggen<note xml:id="n12">
                            <p> Sowohl «Schnausen» als auch «Schneuggen» (oder: «Schnaiggen») steht im Schweizerdeutschen für: «Schnüffeln», «Herumstöbern» oder «Naschen».</p>
                        </note> in der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> nach Dingen, die uns bloß Wunder nehmen, dann missbrauchen wir sie, und wenn wir noch so viele Stellen anführen können für unsre Meinungen und Fündlein. Es sind aber doch bloß <hi rend="italic">unsre</hi> Meinungen. |</p>
                    <p>Und so bleibt es dabei, dass wir von Allem, was über das Einfache, das wir erfahren können, hinausgeht, sagen müssen und dürfen: Ich weiß es nicht! und wenn es zehnmal in der Offenbarung stünde. Was <pb xml:id="p459" ed="pga"/> wir <hi rend="italic">wissen</hi> können von den jenseitigen, von den letzten Dingen, was wir davon wissen <hi rend="italic">müssen:</hi> das ist die Aufforderung Jesu: Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.41">Mt. 26,41</ref>] und das ist das Gebet Jesu: Dein Reich komme! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>] Oder kannst du ehrlicherweise sagen, dass du es nötig hast, <hi rend="italic">mehr</hi> zu wissen? – |</p>
                    <p>Der zweite Grund, weshalb wir nicht ein kluges, weises, vermitteltes Christentum pflegen wollen, ist der: Jesus hat gesagt: kommet her zu mir <hi rend="italic">Alle</hi>, die ihr mühselig und beladen seid! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>] 
                        Wer wollte sich nicht zu diesen «Allen» rechnen? Mühselig und beladen sind wir durch die Sorgen des <term ref="kbga-terms-56">Lebens</term>, durch das <term ref="kbga-terms-603">Leid</term>, das uns Andre zufügen, durch die <term ref="kbga-terms-1400">Angst vor dem Tode</term>, durch die <term ref="kbga-terms-1889">Tyrannei unsrer eigenen Sünde</term>. Jesus sagt uns: Kommet her zu mir <hi rend="italic">Alle!</hi> Es ist etwas so Großes um dieses: Alle! und wir wollen es uns nicht nehmen lassen. Es heißt nicht: Kommet her zu mir Alle, die ihr das innere Licht habt, so dass ihr alle Geheimnisse der Bibel verstehen könnt! Kommet her zu mir, die ihr eine schöne Idee im Kopf habt über <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek</persName> und <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und über die große Pyramide in <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName>! Kommet her zu mir, die ihr Auskunft wisst darüber, wie es im Himmel und in der Hölle aussieht. Ach, wenn es so hieße, dann könnten ja die Allerwenigsten zu Jesus kommen und sich durch ihn zu Gott führen lassen. Denkt, wenn wir Alle jene drei dicken Bände der «<orgName ref="kbga-actors-9093">ernsten Bibelforscher</orgName>» durchlesen müssten und gar noch verstehen, um <term ref="kbga-terms-278">rechte Christen</term> zu heißen! Denkt, wenn wir Alle zuerst zu einer Somnambule gehen müssten, um <term ref="kbga-terms-817">Trost</term> und <term ref="kbga-terms-71">Gewissheit</term> zu haben im Leben und im Sterben!<note xml:id="n13">
                            <p> Vgl. <hi rend="italic">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-439">Heidelberger Katechismus</bibl></hi>, Frage 1 (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 682,20</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-20">RefBS 2/2, S. 175,32</bibl>).</p>
                        </note> Ja, wenn das so oder ähnlich wäre, dann könnten ja <hi rend="italic">nur ganz Wenige</hi> am <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> haben. Vielleicht unter den unverheirateten Personen diejenigen, die nichts oder wenig zu tun haben, die gescheit genug sind, um solche Ideen zu begreifen, und doch nicht gebildet genug, um solche Ideen abzulehnen. Aber die Vielen, Vielen Andern? Die Männer der harten <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term>, die Hausfrauen und <term ref="kbga-terms-796">Familienmütter</term>, die Vielen, die einfachen Gemütes sind und über dergleichen nachzudenken nicht gewohnt sind? Ja, die haben doch einfach keine Zeit und keine Lust, über die <term ref="kbga-terms-1794">Entrückung</term> nachzudenken und über die erste und zweite <term ref="kbga-terms-392">Auferstehung</term> und über die Einrichtung <pb xml:id="p460" ed="pga"/> des <term ref="kbga-terms-966">Himmels</term>? Sollen sie darum verloren sein? Und die Vielen, die etwas gebildeter sind und die zu solchen Ideen wenig sagen, aber im Stillen die Achseln darüber zucken. Sollen sie für das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> verloren sein und das Evangelium für sie, weil sie für diese Art Weisheit nicht zu haben sind? |</p>
                    <p>Mühselige und Beladene, wie Jesus sie zu sich eingeladen, ja, solche gibt’s überall, aber die Leute, die für die überirdischen Wissenschaften empfänglich sind, die sind selten,
                        wunderselten. Nun könnte man freilich einwenden und sagen: ja, <hi rend="italic">das ist’s</hi> gerade! Jesus habe ja gesagt: die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, und Wenige sind es, die ihn finden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.14">Mt. 7,14</ref>], und diese Wenigen seien eben die, die überirdische Gwunder<note xml:id="n14">
                            <p> 
                        Schweizerdeutsch für: «Neugier».</p>
                        </note> und überirdische Erkenntnis haben. Ja, das Erste hat Jesus freilich gesagt, aber das Zweite nicht. Nicht die Köpfe sollen wir uns zerbrechen, um durch die enge Pforte des <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreichs</term> einzugehen, sondern unser <term ref="kbga-terms-989">eigener Wille</term> muss zerbrochen werden. Nicht das hohe Wissen macht uns tauglich, dort hineinzugehen, sondern das schlichte Tun des <term ref="kbga-terms-76">Willens Gottes</term>, und dazu braucht es keine geheime Wissenschaft. Und nicht danach trifft Gott seine Auslese unter uns, ob wir Bescheid wissen in den göttlichen Geheimnissen, sondern danach, ob wir uns in die Nachfolge Jesu stellen. Dazu sind die Mühseligen und Beladenen geeignet und keine Andern, dazu braucht es nur das, dass wir uns mit leeren Händen immer wieder vor Jesus hinstellen und uns von ihm beschenken lassen. Wir alle. Es braucht nichts Besonderes dazu. Keine geistlichen Bücher. Keinen geistlichen Gwunder. Kein geistliches Studieren von jener überirdischen Art. Wir bekommen es Alle umsonst. Und das ist gerade das Schöne. Was das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> von uns will und was das Evangelium uns schenkt, ist der <term ref="kbga-terms-1885">gute Wille</term>, die <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term>.</p>
                    <p>Und nun noch ein dritter Grund für das <term ref="kbga-terms-1887">einfache Christentum</term>. Man könnte ja sagen: das Schönste wäre doch, sich für die göttlichen Geheimnisse zu interessieren und dann daneben auch so ein <term ref="kbga-terms-278">rechter Christ</term> des <term ref="kbga-terms-1466">Herzens</term> und <term ref="kbga-terms-596">Gewissens</term> und der <term ref="kbga-terms-1691">Tat</term> zu sein. Ja – es ist so eine Sache mit diesem «daneben». Ich fürchte, den Meisten, die sich auf solche Dinge einlassen, werden sie einfach eine <hi rend="italic">Ablenkung von der Hauptsache</hi>, nämlich von der <term ref="kbga-terms-14">Erkenntnis Gottes</term> in Christus und von <pb xml:id="p461" ed="pga"/> dem Leben in seiner <term ref="kbga-terms-757">Nachfolge</term>. Oder woher kommt es, dass oft gerade in Häusern, wo man sich am Meisten mit den Geheimnissen abgibt, nicht weniger, sondern mehr Unerfreuliches vorkommt als in andern? Wollen wir nicht statt der Offenbarung Johannes, um von nichtbiblischen Schriften zu schweigen, ein wenig mehr die <term ref="kbga-terms-749">Bergpredigt</term> studieren, das heißt, das Eine, was not ist, das, was wir brauchen zum Glauben, zur Liebe, zur Hoffnung? Ich weiß ja, dass es auch treue, aufrichtige, tätige Christen gibt, die gerade an den Geheimnissen besondere Freude haben. Aber wir wollen doch ein ehrliches Wort miteinander reden: Seht, die Freude an den Geheimnissen und die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> am <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> ist noch ganz zweierlei. Das Studieren über diesen Dingen, wenn es auch nichts geradezu Schlechtes ist, ist doch jedenfalls auch durchaus nichts besonders <term ref="kbga-terms-457">Frommes</term> und Christliches, und wenn man dabei noch so viel in der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> blättert. Sondern die das tun, die tun es entweder, um ihre Zeit auszufüllen, oder aber weil es sie eben interessant dünkt, weil das ihr Gemüt beschäftigt und angenehm aufregt, weil es ihnen allerlei Gedanken und Bilder gibt. Das Vermögen dazu ist ungefähr ganz dasselbe, das wir haben, wenn wir ein Märchenbuch lesen. Das Erstaunliche, Unerhörte, Übernatürliche nimmt uns gefangen. Wir fühlen uns in eine andre, schönere Welt versetzt, wir lassen mit angenehmem Gruseln allerlei schreckliche und gewaltige Gedanken über uns ergehen. Das ist nichts Schlechtes. Warum soll man nicht auch einmal ein Märchenbuch lesen? Und wer sich mit dem Studium geheimnisvoller Dinge abgeben will, um seinen Geist zu beschäftigen, der soll es eben tun. Aber er soll sich klar sein: ich unterhalte mich jetzt, er soll sich nicht einbilden, dass er sich auf extra göttlichen Wegen befinde, er soll sich deutlich sagen: das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term>, christliche Gedanken, Vertiefung ins <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term>, ist etwas ganz, <hi rend="italic">ganz</hi> Anderes! Die Fragen, wie es <term ref="kbga-terms-1585">nach dem Tode</term> sein wird, wie und wann sich die <term ref="kbga-terms-271">Wiederkunft Christi</term> ereignet, welches der Weltplan Gottes sei und wie es mit der <term ref="kbga-terms-1882">Welt ein Ende</term> nimmt, das mögen interessante und merkwürdige Fragen sein, aber es ist für dich vollständig gleichgiltig, ob du darauf zu antworten weißt oder nicht. 
                        Die Frage, auf die es ankommt, von der Leben und Sterben abhängt, ist die Frage: <persName ref="kbga-actors-1814">Simon Petrus</persName>, hast du mich lieb? [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.16">Joh. 21,16</ref>] und auf diese Frage kannst du nicht als Kluger und Weiser antworten, sondern nur als Unmündiger. Da musst du die Antwort geben, die du in der <term ref="kbga-terms-1886">Sonntags<pb xml:id="p462" ed="pga" break="no"/>schule</term> 
                        und in der <term ref="kbga-terms-131">Erfahrung</term> deines <term ref="kbga-terms-596">Gewissens</term> gelernt hast. Da wird nichts Anderes von dir verlangt, als was Jesus verlangt hat, als er sagte: Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">Mt. 11,29</ref>]. 
                        Keine Geheimnisse. Keine Künste. Aber lernen vom <term ref="kbga-terms-280">Heiland</term>. Ihn fragen, wie man ein <term ref="kbga-terms-1766">reines, freies Gewissen</term> bekommt. Ihn fragen, wie man sein <term ref="kbga-terms-603">Leid</term> und seinen Kummer zu tragen hat. Ihn fragen, was wir <term ref="kbga-terms-800">unsern Brüdern und Schwestern</term> schuldig sind und wie wir mit ihnen sein sollen. Ihn fragen, was der <term ref="kbga-terms-57">Sinn</term> und die Bedeutung und das <term ref="kbga-terms-4">Ziel unsres Lebens</term> ist. Und dann das Joch, das heißt, das Schwere, Harte, Ernste auf sich nehmen, das man auf sich nehmen muss, wenn man von ihm Antwort, erlösende Antwort bekommen will. Und schließlich die Erfahrung, dass sein Joch sanft und seine Last leicht ist, dass es nicht so schwer ist, ein lebendiger <term ref="kbga-terms-277">Christ</term> zu sein, sondern dass wir da erquickt werden, dass uns da geholfen wird, dass wir vorwärts kommen, dass <term ref="kbga-terms-112">Gott unser Vater</term> ist. Seht, dieses <term ref="kbga-terms-1890">Lernen in der Schule Jesu</term>, dieses Probieren und diese Erfahrung, das ist das Christentum. Bist du schon soweit darin, dass du Zeit zu verlieren hast mit Geheimnissen, die dich nichts angehen, mit dem Studieren von Dingen, die dich jedenfalls nicht besser, nicht Jesus ähnlicher machen? Wenn du schon so weit bist, wenn du Zeit zu verlieren hast, dann studiere nur weiter!</p>
                    <p>Nichtwahr, meine Freunde, es versteht mich Niemand so, als wollte ich sagen, man brauche oder dürfe über das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> nicht nachdenken. Ja nicht! Ohne <term ref="kbga-terms-1501">Nachdenken</term> geht’s nicht. Aber über die rechten, nötigen, dringenden Dinge wollen wir nachdenken, hier in der Kirche und jedes für sich zu Hause. Das will sagen: wir wollen nachdenken nicht als die Klugen und Weisen, die wissen wollen oder zu wissen meinen, was niemand wissen kann, sondern als die Unmündigen, die nichts zu wissen begehren, als was Gott uns in Christus offenbart hat, und das ist die <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term>. O, da tut sich ein weites, großes Feld auf für uns Alle zum Studieren und Nachdenken. Da gibt’s im Leben Jesu immer neue Lichter, immer neue Kraftquellen zu entdecken, aus denen die Liebe Gottes zu uns kommt. Und da gibt’s in unserm Leben, in unserm Familien- und Volksleben immer neue Gelegenheiten und Orte zu entdecken, wo das <term ref="kbga-terms-1904">Licht</term> und die <term ref="kbga-terms-999">Kraft Jesu</term>, wo die Liebe Gottes hindringen muss. Wollen wir nicht <hi rend="italic">diesen</hi> Geheimnissen, den Geheimnissen der Unmündigen, unsre Aufmerk<pb xml:id="p463" ed="pga" break="no"/>samkeit zuwenden? Oder meinst du noch immer, das sei zu wenig hoch und schön? Nein, nicht wahr? Es ist größer und schöner als alles Andre. Wir müssen nur einmal anfangen mit <hi rend="italic">diesem</hi> Studieren, mit <hi rend="italic">diesem</hi> Nachdenken. Dann merken wir’s.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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