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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 49</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 13,45-46</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 13,45-46, 25. September 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53051 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53051</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 49: Predigt: Matthäus 13,45-46</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">51</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 13,45-46, 25. September 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1492">KBA 1027</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-09-25">25. September 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-09-25">Sonntag, den
                            25. September 1910</date> <date rend="right">(18. nach Trinitatis)</date>
                        </dateline>
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                            <hi rend="italic">Lausanne</hi></placeName>, <date when="1910-10-02">2. Oktober
                            1910</date><note xml:id="n01">Barth predigte in der
                            Unabhängigen deutsch-evangelischen Gemeinde in <term type="Sachen" key="Lausanne, Unabhängige deutsch-evangelische Gemeinde">Lausanne</term> in Vertretung des dortigen Pfarrers 
                                <persName ref="kbga-actors-453">Wilhelm Arnold</persName>
                            (1873–1938). Die Anfrage kam wohl recht plötzlich und
                            verursachte ein wenig Durcheinander. Barth hatte seine am
                            25. September gehaltene Predigt wie üblich bereits nach Hause
                            geschickt und musste sie nun dringend zurückfordern: «Sendet mir
                            doch <hi rend="italic">umgehend</hi> die Predigt wieder, ich muss am Sonntag
                            Arnold in Lausanne vertreten (!!)» (Postkarte an seinen Vater vom
                            28.9.1910 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9210.91</idno>]). – Vom Tag in Lausanne schrieb Barth
                            dann wenig später: «Sonntags war ich also in Lausanne […].
                            Die Kirche ist dort platschvoll, besonders beängstigend viel junge
                            Mädchen, da ganze Pensionate hingeführt werden und den Raum im Nu
                            füllen. Auch sonst ein ganz andres Publikum als bei uns, Viele mit
                            der bekannten Kopfneigung. Sie singen aber gut und es ist jedenfalls
                            eine erfreuliche Gemeinde» (Brief an seine Eltern vom 4.10.1910 
                            [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9210.92</idno>]).</note>
                        </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45 Mt.13.46">Matthäus 13,45–46</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Das Himmelreich ist gleich einem
                                    Kaufmann, der gute Perlen suchte. Als er aber eine kostbare
                                    Perle fand, verkaufte er Alles, was er hatte, und kaufte
                                    sie.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Ihr habt’s gehört: ein Kaufmann geht auf Reisen, um Perlen
                    einzukaufen. Er findet im Besitz eines andern eine Perle, deren Wert er so
                    hoch einschätzt, dass er sein ganzes Vermögen zu Geld macht, und er erwirbt
                    sie. Das ist die Geschichte, die Jesus einmal erzählt hat mit dem
                    Hinzufügen: So ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>, so geht’s zu, wenn das in Kraft und Gewalt
                    tritt. Es ist eine sehr ordinäre Geschichte. Denn auch das, was dabei die
                    Meisten von uns auf den ersten Blick befremden könnte, das hitzige Vorgehen
                    des Kaufmanns, der Alles auf eine Karte setzt, ist in Wirklichkeit nichts
                    Außerordentliches. Wer etwas davon weiß, wie es auf der Börse oder auch nur
                    im Betrieb eines En gros-Geschäftes<note xml:id="n02">Veraltet
                        für: Großhandel.</note> zugeht, würde uns davon erzählen können, dass
                        <pb xml:id="p594" ed="pga"/> dort dergleichen scheinbar oder wirklich gewagte
                    Unternehmungen sehr oft vorkommen. Der Grundsatz: «Ohne großes Risiko keinen
                    großen Gewinn» ist da weiter nichts Wunderbares. Und darum ist er eine
                    banale Erscheinung, dieser Kaufmann, der da seinem Profit in etwas
                    auffälliger <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Weise nachgeht. Wenigstens hat man
                    sich daran gewöhnt, das <term type="Sachen" key="Geschäftsleben">Geschäftsleben</term>, seine Sorgen und Aufregungen banal und reizlos,
                    wo nicht unschön zu finden. Auch bei vielen von denen, die mitten drin
                    stehen, kann man bemerken, dass sie sich von ihrem Beruf innerlich leer
                    gelassen fühlen, dass sie ihn betreiben, weil es eben so sein muss, während
                    sie das eigentliche Leben anderswo suchen. Um wieviel mehr die Andern, die
                    das Kaufmannsleben nur von außen sehen, das Büroleben, die Gleichgiltigkeit
                    gegen alle geistigen Werte, das ewige Sich-Drehen um Geld und Gewinn, das
                    der Beruf mit sich bringt. Denen müssen «Geschäft» und «Schönheit» als
                    unvereinbare Begriffe erscheinen, und es ist schon viel, wenn sie
                    anerkennen, dass «Geschäft» und «Aufrichtigkeit» miteinander bestehen
                    können. Und so braucht es schon merkwürdige Augen, um in dem alltäglichen
                    Bild jenes Kaufmanns etwas Besonderes zu sehen. Der Mann geht eben seinem
                    Geschäft nach. Er wendet sein Vermögen an die Perle nicht aus künstlerischem
                    Vergnügen an dem kleinen Gegenstand, sondern weil er hofft, dadurch mehr als
                    das aufs Spiel Gesetzte wieder einzubringen. Das ist gemeine <term type="Sachen" key="Wirklichkeit, gemeine">Wirklichkeit</term> und nichts
                    dahinter.</p>
                <p>Aber nun hat Jesus solch merkwürdige Augen gehabt, die doch etwas dahinter
                    fanden, nicht trotzdem, sondern gerade <hi rend="italic">weil</hi> es ordinäre, banale
                    Wirklichkeit ist. Er hat im Geschäftsleben etwas <hi rend="italic">gesehen</hi>, und
                    zwar nicht irgend etwas, sondern das Himmelreich. Mit der höhern und
                    intimern Wertung des Kaufmannsberufs, wie sie sich auch in andern seiner
                    Gleichnisse zeigt, steht er ja nicht allein. Ich erinnere an <persName ref="kbga-actors-986">
                            <hi rend="italic">Gustav Freytags</hi></persName>
                    berühmten Roman «Soll und Haben»,<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2787">
                                <persName ref="kbga-actors-986">G. Freytag</persName>, <hi rend="italic">Soll und
                            Haben</hi>, Roman in 3 Bänden, Erstausgabe Leipzig 1855.</bibl> Der Roman
                        war bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein ein Bestseller und gilt als
                        Beispiel für den bürgerlichen Realismus, aber auch für literarischen
                        Antisemitismus, denn der Antagonist des braven und wohlerzogenen
                        Kaufmanns ist ein als ehrgeizig und morallos beschriebener Jude.</note>
                    der, als er erschien, Vielen vorgekommen ist wie eine Offenbarung der
                    eigentümlichen Poesie <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> des Bürolebens. Und in
                    neuester Zeit war es besonders <persName ref="kbga-actors-706">
                            <hi rend="italic">Friedrich Naumann</hi></persName>, der darauf
                    aufmerksam gemacht hat, dass in <pb xml:id="p595" ed="pga"/> dem Leben und Weben
                    von Industrie und Handel, von Produktion und <term type="Sachen" key="Geschäftsleben">Geschäft</term> eine innere Schönheit und
                    Bedeutsamkeit verborgen sei, die man nur wahrnehmen müsse.<note xml:id="n04">In seiner Skizze <hi rend="italic">Politik, Idealismus und
                            Christentum bei Friedrich Naumann</hi> vom 22. Juli 1914 schrieb
                        Barth zu Naumanns Position: «Das Gedeihen der Industrie ist nicht nur
                        Vorbedingung des ökonomischen Wohls der Massen, sondern auch ihrer
                        persönlichgeistigen Hebung. Entstehung einer neuen spezifisch
                        maschinenzeitalterlichen Persönlichkeit, dargestellt im Unternehmer und
                        im bessern Arbeiter» (<bibl corresp="kbga-bibls-311">V.u.kl.A. 1914–1921, <ref type="pub-" target="../volume/48/p050#p050">S. 50</ref></bibl>). Barth bezog
                        sich dabei auf <bibl corresp="kbga-bibls-2788">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName>, <hi rend="italic">Neudeutsche Wirtschaftspolitik</hi> (1906),
                        in: ders., <hi rend="italic">Werke</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Schriften zur Wirtschafts-
                            und Gesellschaftspolitik</hi>, hrsg. von Th. Schieder, Köln und
                        Opladen 1964, S. 71–534, dort
                        S. 86–107.314–323.354–403</bibl>.</note> Uns ist es heute
                    selbstverständlich geworden, im Bilde der schaffenden Natur Worte des Lebens
                    zu lesen, weil uns ein Jahrhundert und mehr von großen und kleinen Dichtern
                    dazu erzogen hat. Aber auch die <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>
                    in diesem Sinn hat erst entdeckt werden müssen, das <term type="Sachen" key="Mittelalter">Mittelalter</term> wusste mit verschwindenden
                    Ausnahmen noch nichts von der Natur, seine Malerei und seine Dichtung
                    schweigen davon, und es war eine große Neuerung für das Bewusstsein der
                    Menschen, als es im 17. und 18. Jahrhundert anders wurde. Vielleicht
                    bereitet sich in Bezug auf die Würdigung der menschlichen <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> eine ähnliche Veränderung vor.
                    Und man kann sagen, dass in dieser wie in jener Hinsicht ein sehr moderner
                    Zug durch die Reden Jesu geht. Er hat weder die Natur noch die <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> gering geachtet, wie es viele
                        <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> heimlich oder offen
                    meinen tun zu müssen, sondern er hat sie ohne weiteres als Transparente
                    betrachtet, durch die er beständig das ewige Licht leuchten sah. Das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> ist gleich…
                    pflegte er zu sagen, und dann zeichnete er mit sicherer Hand ein Stück
                    Leben, Naturleben oder Menschenleben, und sagte dazu: so geschieht’s,
                    so geht’s zu, das ist die Wirklichkeit, wie ihr sie alle vor Augen
                    habt. Warum seid ihr so unverständig und seht nicht die Wirklichkeit <term type="Sachen" key="Wirklichkeit, Gottes">Gottes</term>? Sie offenbart
                    sich in dem, was <hi rend="italic">ist</hi>, damit ihr erkenntet das, was
                        <hi rend="italic">werden</hi> soll. Sie offenbart sich in Tatsachen, damit
                    Tatsachen in euch entstünden. Nichts ist bezeichnender für Jesus als der
                    Umstand, dass er das, wozu er die Leute führen wollte, nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> einkleidet in romantische Märchenerzählungen,
                    wie es wohl die alten Griechen taten, sondern in einfache Berichte über das
                    wirkliche Leben, die jedermann auf ihre Logik und Zuverlässigkeit prüfen
                    konnte. <pb xml:id="p596" ed="pga"/> Man kann diesen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Realismus">Realismus</term> modern nennen, man tut
                    aber besser, es umgekehrt auszudrücken. Das menschliche Bewusstsein besinnt
                    sich heutzutage wieder auf die gesunde, nüchterne und doch echt
                    künstlerische Welt- und Lebensbetrachtung, wie sie für Jesu einzigartiges
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, einzigartiges Selbstbewusstsein">Selbstbewusstsein</term> schon vor 2000 Jahren selbstverständlich
                    war.</p>
                <p>So müssen wir nun auch das Bild vom Kaufmann verstehen. Jesus hat da
                    hineingegriffen ins volle Menschenleben, das jeder lebt und das doch nicht
                    jedem bekannt ist, und wo er es packte, fand er es interessant,<note xml:id="n05">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-647"> <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Eine
                            Tragödie</hi>, V. 167–169 (Vorspiel auf dem Theater)</bibl>; s.
                        oben <ref type="pub" target="../volume/53/p381#fn_n03">S. 381, Anm. 3</ref>.</note> interessant genug, um es seinen
                    Leuten zu zeigen: Seht ihr ihn, wie er die kostbare Perle entdeckt? Und seht
                    ihr ihn, wie er Alles dafür einsetzt, nachdem er sie gefunden? So
                    geht’s zu, wo das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> gesucht und gefunden wird. Und nun wollen wir es
                    auch versuchen, dies Bild mit den hellsehenden Augen Jesu zu sehen.</p>
                
                <p rend="margin-top">Die erste Merkwürdigkeit dieses Bildes fand er in dem
                    Vorgang, da der Kaufmann beim Suchen nach guten Perlen auf eine solche von
                    unermesslichem Wert stößt. Er sieht ihn bei Perlenfischern und Juwelieren
                    seine Einkäufe machen, sieht, wie sein Vorrat allmählich wächst und wie er
                    doch unermüdlich weiter geht. Und nun legt ihm eines Tages einer seiner
                    Geschäftsfreunde eine Perle in die Hand, deren Beschaffenheit ihn erst
                    stutzig macht, er sieht näher hin, und fieberhaft <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>läuft es
                    ihm in den Kopf<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, dass, was er da vor Augen hat, mehr wert ist als Alles, was er <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> bis jetzt gesehen und gesammelt. Dieser
                    gespannte Übergang vom Suchen zum Finden, vom Guten zum Besten, hat Jesus
                    Freude gemacht, und er sagte davon: Das Himmelreich ist dem gleich.</p>
                <p>Er war also offenbar der Meinung, es liege in diesem an sich nicht
                    außerordentlichen Vorgang die Beziehung auf ein menschliches Grunderlebnis,
                    und indem er seine Zuhörer auf den Vorgang aufmerksam machte, wollte er sie
                    einladen, dies Erlebnis <hi rend="italic">selbst</hi> zu <hi rend="italic">machen</hi>. Das
                    Erlebnis besteht darin, dass die Menschen Gott entdecken, sein Leben, seinen
                        <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term>, seine <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term>, seine
                        <term type="Sachen" key="Gott, Wirklichkeit">Wirksamkeit</term>. Und das
                    ist nicht bloß eine Möglichkeit und ein frommer Wunsch, <pb xml:id="p597" ed="pga"/> sondern eine Tatsache, wie die Entdeckung des Kaufmanns eine Tatsache
                    ist. Denn das Himmelreich ist da, nicht als eine schöne Sehnsucht fürs
                    Jenseits, nicht von Menschen ausgedacht und konstruiert, sondern von Gott
                    auf die Erde unter die Menschen gestellt, und die Stürmer reißen es an sich,
                    wie Jesus ein andermal gesagt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.12">Mt. 11,12</ref>], die Hungernden und Dürstenden, die
                    Suchenden und Verlangenden strecken die Hand danach aus in heißer
                    Entdeckerfreude wie der Kaufmann nach der kostbaren Perle.</p>
                <p>Die Menschen, die so etwas erlebt haben – und <hi rend="italic">Alle</hi> sollen
                    es erleben, meine Freunde, denn Gottes ist das Reich und die Kraft und die
                    Herrlichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>]
                    – das sind Menschen, die <hi rend="italic">gute Perlen gesucht haben</hi>. Ohne
                    das wäre die Entdeckung der wertvollsten Perle im Gleichnis unverständlich.
                    Sie kommt dem Kaufmann ganz ungewollt und unerwartet, wie sich ja im <term type="Sachen" key="Geschäftsleben">Geschäftsleben</term> solche
                    Überraschungen etwa einstellen, aber die Überraschung trifft ihn mitten im
                    Geschäftsleben, an der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, und
                    sie gehört, obwohl überraschend, in sein Fach. Und dieser Zusammenhang
                    zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Bilde des entdeckenden Kaufmanns ist
                    es, der Jesus Freude gemacht hat. Es ist wichtig, dass wir das beachten.
                    Denn man hört das Gleichnis oft so <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> erklären und
                    anwenden, als ob der Kaufmann vorher Nüsse gesucht habe und dabei plötzlich
                    auf eine Perle gestoßen sei. Man sagt dann, das seien die Menschen, die dem
                        <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> und der Weltlust
                    nachjagten, also Dingen, die eigentlich wertlos seien, und dabei dann das
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> als das Einzige,
                    Notwendige entdeckten. Aber es steht etwas Anderes da. Und es geht auch bei
                    der Entdeckung Gottes, die Jesus im entdeckenden Kaufmann abgebildet sah,
                    anders zu.</p>
                <p>Die Menschen, die Gott finden mit dem freudigsten Erstaunen über eine
                    Tatsache, die ihre kühnsten Ahnungen übertrifft, das sind Menschen, die
                    schon vorher <hi rend="italic">etwas tatsächlich <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term></hi>
                    <hi rend="italic">gesucht haben</hi>, wie der Mann dort seine Perlen. Es war nicht
                    Gott, was sie suchten, von ihm wussten und ahnten sie nichts. Sie kannten
                    vielleicht das Wort «Gott», sie bestritten die Möglichkeit nicht, dass es so
                    etwas geben könne, aber was sie suchten, war etwas Anderes. Es war etwas
                    Großes und Gutes, und wie jene andern Perlen des Kaufmanns gleicher Art und
                    Natur waren wie die wertvollste, die er später fand, so war das, was sie
                    suchten und fanden, in innigster Beziehung zu Gottes Art und <pb xml:id="p598" ed="pga"/> Wesen, aber sie wussten von dieser Beziehung nichts, weil sie
                    von Gott nichts wussten. Und darum begnügten sie sich mit dem Andern und
                    suchten seiner immer mehr habhaft zu werden. Die Bibel nennt dieses Andere,
                    das wir Menschen suchen, bevor wir Gott gefunden haben oder wenn uns der
                    gefundene Gott wieder undeutlich wird, die «<hi rend="italic">eigene
                        Gerechtigkeit</hi>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">Röm. 10,3</ref>]. Heutzutage würde man dieselbe Sache
                    vielleicht «persönliches <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben»</term> nennen.<note xml:id="n06">Zur zeitgenössischen
                        Wertschätzung dieses Begriffs vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p417#p417">S. 417f.</ref></note> In uns erwacht das
                    Streben, etwas zu werden und zu sein, etwas Beständiges, Daseiendes zu
                    erwerben, was auch im Unglück, auch angesichts des Todes Wert und Geltung
                    behält. Wir haben gemerkt, dass das etwas Inneres sein muss, dass es darin
                    bestehen muss, dass <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> die <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> in unserm Denken und Handeln das Regiment
                    übernimmt, dass wir nach ihren ewigen Gesetzen vorwärtsschreiten. Bevor
                    diese Gesetze in uns erwachen und befehlen, sind wir noch Kinder, Träumende,
                    Schlafwandelnde. Indem sie ihre Existenz in uns kundgeben, fangen wir an zu
                    leben im eigentlichen Sinn. Unser Leben bekommt Ziele und Aufgaben, wir
                    nehmen uns zusammen, was wir tun und denken, tun und denken wir zur
                    Vertiefung und Bereicherung und Erweiterung unsrer <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>. Wir sehen das vor uns, wozu
                    gerade wir bestimmt sind, und unsre Bestimmung wird unser Lebensinhalt. Das
                    heißt seine Gerechtigkeit suchen. Und das ist doch wahrhaftig kein wertloses
                    Treiben, sondern gerade das, was wir sollen, das, wozu wir geschaffen sind.
                    Gott aber hat den Menschen geschaffen nach <hi rend="italic">seinem</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, imago Dei">Bilde</term> [Gen. <term type="Sachen" key="Gen. 1,27">1,27</term>], und in diesem unserm Suchen
                    sucht er uns, das ist <hi rend="italic">er</hi>, der uns da in der Arbeit hat. Es sind
                    gute Perlen, die eigene <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, das werdende Leben der Persönlichkeit. Wie der
                    Kaufmann nicht auf der faulen Haut lag, sondern an der Arbeit war, als er
                    die kostbare Perle fand, so müssen die Menschen zu solchem Suchen erst
                    geweckt und erzogen werden, wenn Gottes <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> für sie Sinn und Wert bekommen soll. Es
                    hat seinen guten Grund, dass weder unter den Indianern noch unter den Negern
                    ein Jesus aufgetreten ist, sondern unter den <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term>, unter dem Volk, das wie kein
                    anderes in diesem Verlangen nach Gerechtigkeit lebte. Ein Mensch, der Gott
                    finden will, muss den guten Perlen nachgegangen sein, muss ernst gemacht
                    haben mit sich selbst, und wenn das nur darin bestünde, dass er gelernt hat,
                    sich selbst und <pb xml:id="p599" ed="pga"/> seine innere Lage richtig zu
                    beurteilen. Vorher erscheint ihm Gott nicht als der <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Lebendige</term>, <term type="Sachen" key="Gott, Allmacht">Allmächtige</term>.</p>
                <p>Aber wenn man sagen kann, dass in dem Streben nach der Gerechtigkeit des
                    eigenen Lebens Gott uns sucht, dann heißt das wie gesagt keineswegs, dass
                    wir Gott suchen oder gar Gott finden. <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Die guten
                    Perlen und die kostbare Perle ist sehr zweierlei. Man kann da sehr
                    schmerzliche Enttäuschungen und deprimierende Erfahrungen machen, wenn man
                    meint, Gott zu finden, zu kennen, zu haben in dem bisschen Gerechtigkeit und
                    höherer Lebensenergie, die man in gewissen Zeiten meint auftreiben zu
                    können. Der Kaufmann wäre ein Narr gewesen, wenn er sich eines Tages
                    eingebildet hätte, eine seiner alltäglichen Perlen sei etwas Besonderes, wie
                    das, was ihm später in die Hände fiel. Gott bewahre uns davor, uns und unser
                    Tun mit Gott und seinem <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willen</term>
                    zu verwechseln, es kann und wird uns sonst passieren, dass wir tags darauf
                    in etwas hineingeraten, was mit Gott nicht das Geringste zu tun hat. In
                    diesem Fall waren zur Zeit Jesu die <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term> und <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term>, und zu dieser Zunft gehören <hi rend="italic">wir</hi>,
                    wenn wir meinen, wir seien etwas, wo wir doch nichts sind. Von der Freude
                    jenes Perlensuchers erfahren wir dann nichts. Diese Freude erlebt nur der,
                    der unverdrossen gute Perlen, <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, persönliches Leben sucht, weiter sucht, immer im
                    Bewusstsein, dass er nichts getan, als was er zu tun schuldig war [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.10">Lk. 17,10</ref>].</p>
                <p>Das ist nun die Entdeckerfreude, die Jesus im Kaufmann abgebildet sah. Wieder
                    kann ich an die Darstellung <persName ref="kbga-actors-9300">Burnands</persName> erinnern, die uns diesen entscheidenden Moment <figure n="^#20-4"/> schildert.<note xml:id="n07">«Das Gleichnis von
                        der kostbaren Perle» (s. Abb. 4), vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2784">
                                <hi rend="italic">Die Gleichnisse Jesu.
                            Illustriert von Eugène Burnand</hi>, mit Vorwort und
                        Bilderklärungen von D. Koch, Stuttgart [1911]<hi rend="sup">2</hi>,
                        S. 71</bibl>. Vgl. auch oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p581#fn_n02">S. 581, Anm. 2</ref>.</note> Was nicht gesucht noch gekannt war, ist
                    plötzlich da. Das ist die Freude des Gichtbrüchigen in <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.12">Mk. 2,12</ref> par.], die Freude des
                        <persName ref="kbga-actors-6227">Zachäus</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.8">Lk. 19,8</ref>], die Freude der großen
                    Sünderin [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.7.37 Lk.7.38">Lk. 7,37f.</ref>]. Das Volk, das im Finstern wandert, siehet ein großes Licht
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.1">Jes. 9,1</ref>]. Wir entdecken da
                    aber, um es kurz zu sagen, dass <hi rend="italic">Gott <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">gerecht</term></hi>
                    <hi rend="italic">ist und nicht wir</hi>. Da ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>, wo das uns aufgeht. Da kann aber
                    auch erst von einem Finden Gottes selbst die Rede sein, vorher haben wir uns
                    bloß Gedanken über ihn gemacht. Vorher sind wir auch niemals frei vom 
                    <!-- Bild einbauen -->
                    <figure rendition="simple:display">
                        <head> <pb rend="noPipe" xml:id="p600" ed="pga"/></head>
                        <graphic url="../images/53/Abb-4.jpg"/>
                        <figDesc> 
                            <hi rend="italic">Abb. 4: Eugène Burnand, «Das Gleichnis von der kostbaren Perle» (s. Anm. 7).</hi>
                        </figDesc>
                    </figure>
                     Zweifel an diesen Gedanken. Nun zeigt er sich uns als
                    der <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Lebendige</term>, und er
                    zeigt sich, indem er <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> uns zu verstehen gibt, dass
                        <hi rend="italic">er</hi> die Gerechtigkeit ist und nicht wir und unser Tun. Etwas
                    Ähnliches haben ja freilich die alten <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israeliten</term> auch schon gekannt und angenommen,
                    wir sehen es als eine tiefe Gewissheit bei einzelnen ihrer <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> und <term type="Sachen" key="Psalmisten">Psalmisten</term>, aber dann dicht daneben wieder jenes
                    erschütternde Verzagen an Gottes Gerechtigkeit, wovon das Buch Hiob ein
                    Zeugnis ist. Wo die eigene <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, sei sie so rein als sie wolle, zum tatsächlichen
                    Lebensinhalt wird, da kann Gottes Gerechtigkeit nicht zur Gewissheit werden,
                    und dieser Mangel zeigt sich dann in den Stunden, wo es mit uns selbst und
                    unserm Können zu Ende ist.</p>
                <p>Das ist aber die Entdeckung der köstlichen Perle, wenn es uns eines Tages
                    inmitten des redlichen Kampfes um unsres Lebens Vervollkommnung und
                    Gerechtigkeit befreiend ins Herz dringt: Ach, es kommt nicht auf dich an, du
                    kleiner Mensch, dein Wollen und Können, deine Gerechtigkeit und dein
                    persönliches Leben sind hässlich und unbedeutend, darauf kannst weder du
                    selbst noch andre dich <pb xml:id="p601" ed="pga"/> stützen, das ist kein
                    Lebensinhalt. Aber nun sieh: die Gerechtigkeit, die du suchtest und ahntest,
                    das ist die ewige Macht, die <hi rend="italic">da ist</hi>, weit über deiner Person,
                    ohne deinen Willen, oft gegen deinen Willen. Sie ist das, was allen Dingen
                    zugrunde liegt, auch dir selbst und deinem Suchen. Sie ist <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">
                            <hi rend="italic">Gott</hi></term>, der
                        <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">lebendig</term> ist, auch
                    wenn du tot oder scheintot bist. Du gehörst ihm an, er zieht und trägt und
                    befreit dich, er hat dich berufen aus der Finsternis zu seinem wunderbaren
                    Lichte [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.9">1.Petr. 2,9</ref>]. Er
                    kann und er tut, was du nicht kannst und nicht tust, er ist das, was du
                    nicht bist, aber er ist auch die Macht über Alles.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Luft, die alles füllet,</l>
                            <l>Drin wir immer schweben,</l>
                            <l>Aller Dinge Grund und Leben,</l>
                            <l>Meer ohn’ Grund und Ende,</l>
                            <l>Wunder aller Wunder,</l>
                            <l>Ich senk’ mich in dich hinunter.<note xml:id="n08">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Aus Strophe 5 des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von
                                    <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 174; RG 162,4; EG
                                    165,5).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Und weil er die ewige <term type="Sachen" key="Gott, Allmacht">Allmacht</term> ist, ist er die ewige <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>, du gehörst zu ihm, und da
                    ist nichts, gar nichts, was von ihm dich scheiden könnte! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.39">Röm. 8,39</ref>]</p>
                <p>Das ist das Finden Gottes, wenn wir beim Suchen des eigenen Lebens des ewigen
                    Lebens gewahr werden. Ich wiederhole es: Gott suchen, wie man das heutzutage
                    oft nennt,<note xml:id="n09">Vgl. nur etwa die Buchtitel: 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2789">
                                <persName ref="kbga-actors-9301">P. Rosegger</persName>,
                            <hi rend="italic">Der Gottsucher</hi>, Leipzig 1903<hi rend="sup">20</hi></bibl>; 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2790">
                                <persName ref="kbga-actors-9302">G. Schüler</persName>,
                            <hi rend="italic">Gottsucher Lieder</hi>, Leipzig [1908]</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2791">
                                <persName ref="kbga-actors-9303">W. Richter-Reichhelm</persName>, <hi rend="italic">Für Gottsucher. Eine Handreichung
                            für Kleingläubige, eine Stärkung für Schwache und ein Wegweiser für
                            Suchende in Predigten</hi>, Gr.-Lichterfelde / Berlin 1904</bibl>; 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2792">
                                <persName ref="kbga-actors-9304">G. Wagner</persName>, <hi rend="italic">Vom
                            Christentum. Kanzelreden, zugleich ein Betrachtungsbuch für
                            Gottsucher</hi>, Kempten 1910</bibl>.</note> können wir im Grunde nicht.
                    Wir können wohl wie die Athener einen Altar aufrichten mit der Inschrift:
                    dem unbekannten Gotte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>], aber gefunden wird er wie die kostbare Perle von denen,
                    die ihn nicht suchen, aber ohne Wissen von ihm seinen Willen tun möchten.
                    Denen offenbart er sich und zeigt ihnen, dass <hi rend="italic">sein</hi>
                    <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> der ewige, allmächtige,
                    allwirksame ist. Sie verstehen, dass er sie lieb hat und dass sie sicher und
                    gewiss sein dürfen, nicht aus ihrem Verdienst, sondern aus lauter <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term>.<note xml:id="n10">Vgl. die Auslegung zum Ersten Artikel in: <bibl corresp="kbga-bibls-1595">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Der kleine
                            Katechismus</hi></bibl>: «und das alles aus lauter väterlicher,
                        göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und
                        Wirdigkeit» (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK, S. 511,3–5</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1595">BSLK.NE, S. 870,15f.</bibl>).</note>
                    </p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p602" ed="pga"/> Wenn man die Evangelien liest, hat man den bestimmten Eindruck, dass die
                    Menschen, denen es dort ging wie dem Kaufmann, vom Suchen zum Finden kamen,
                    wenn sie Jesus kennenlernten. Sie machten mit ihm eine doppelte Erfahrung,
                    zuerst, dass er ihnen in seinem ganzen Wesen turmhoch überlegen sei, und
                    dann, dass ihnen jetzt, wo sie das gesehen, geholfen sei, dass sie jetzt
                    ruhig und sicher werden dürften. Wir können uns das wohl erklären: die zu
                    ihm kamen, das waren solche Perlensucher, nicht solche, die meinten, fertig
                    gesucht zu haben wie die Pharisäer, sondern Hungernde und Dürstende nach der
                    Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>],
                    solche die sich geistlich arm wussten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], solche, die verzagten an ihrer Bestimmung und
                    zweifelten an sich selbst, ohne dass sie an dem Worte «Gott», das man ihnen
                    vorhielt, Kraft und Freude fanden. Aber nun begegnete ihnen das, wonach sie
                    sich sehnten, ganz anders, viel größer als sie es gesucht, nicht in einem
                    alten oder neuen Buch, an das man zuerst glauben muss, um es zu verstehen,
                    sondern als eine offenkundige Tatsache im Leben eines, der ein Mensch war
                    wie sie auch. Sie konnten es einfach sehen: das <hi rend="italic">ist</hi>
                    Gerechtigkeit, was <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> im Innern dieses <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gerechtigkeit">Mannes</term> waltet,
                    sein Dasein <hi rend="italic">hat</hi> den Grund, der uns noch fehlt. Sie spürten ihm
                    an, dass hinter seinem Reden und Tun etwas stand, was größer war als er
                    selbst, das Größte, das es überhaupt geben kann und dem er doch mit Leib und
                    Seele vertrauensvoll angehörte. Und die das sahen, bekamen selbst Vertrauen
                    zu diesem Größern, zu dem Gott, der hinter Jesus stand und dem er
                    diente.</p>
                
                <p rend="margin-top">Aber wenn wir verstehen wollen, was im tiefsten Innern dieser
                    Perlenfischer vorging, und wenn wir Verlangen danach tragen, uns selbst in
                    ihre Reihen zu stellen, dann müssen wir auf das andre in der Geschichte vom
                    Kaufmann achten: Er verkaufte Alles, was er hatte, und kaufte die kostbare
                    Perle. Dieser Zug gehört mit dem Vorangehenden unmittelbar und unlösbar
                    zusammen. Auf dem Bilde Burnands<note xml:id="n11">Siehe oben,
                        <ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 7 und Abb. 4</ref>.</note>
                    sieht man es dem Gesichte des Kaufmanns deutlich an, dass die Entdeckung der
                    Perle und der Entschluss sie zu besitzen, koste es, was es wolle, 
                    <pb xml:id="p603" ed="pga"/> einem und demselben Augenblick angehören. Wie das
                    Finden mit dem Suchen zusammenhängt, so das Haben mit dem Finden. Jesus
                    wollte also nicht sagen: Wenn ihr Gott gefunden habt wie der Mann die
                    kostbare Perle, dann macht es nachher so wie er. Er beschreibt nicht einen
                    Wunsch oder Befehl an seine Leute, sondern eine Tatsache: Wo Gott gefunden
                    wird, <hi rend="italic">da geht’s so zu</hi>, da gibt man das hin, was man hat,
                    um Gott zu haben. Und um deutlich zu sein, können wir ergänzen: wo es nicht
                    so zugeht, wo man das, was man hat, nicht verkauft, da ist auch Gott nicht
                    gefunden. Der Kaufmann setzt sein ganzes Vermögen ein, um die Perle zu
                    haben. Und das ist die Wirklichkeit des <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term>.</p>
                <p>Wir haben uns eben darauf besonnen, was das war, was jene Menschen, von denen
                    das Neue Testament erzählt, vom Suchen zum Finden kommen ließ, so dass Jesus
                    es als eine vorliegende Tatsache konstatieren konnte: So wird Gott gefunden.
                    Wir haben keine andre <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Erklärung dafür als den
                    einzigartigen Eindruck von der Person Jesu, den sie gehabt haben müssen. In
                    ihm sahen sie eine bessere <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> als ihre eigene
                    erfüllt gegenwärtig, menschlich nahe und menschlich wirklich, und das machte
                    sie getrost.</p>
                <p>Und wenn wir nun diese Erklärung ihrer Finderfreude noch vertiefen, wenn wir
                    zugleich dem eigentlichen Inhalt des Gleichnisses, jenem Übergang vom Finden
                    zum Besitzen, von der <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term>
                    zur <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> auf den Grund kommen
                    wollen, wenn wir wissen wollen, wie <hi rend="italic">bei uns</hi> sich die Dinge
                    gestalten in der Stunde oder den Stunden, da Gott sich von uns finden lässt,
                    dann müssen wir von der Person Jesu gleich noch mehr sagen. Das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> lässt sich von seiner
                    Person nicht trennen, in ihm sahen es jene, in ihm sehen wir es.</p>
                <p>Er verkaufte Alles, was er hatte, und kaufte die Perle. Das ist das Geheimnis
                    Gottes, und das ist das Geheimnis der Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geheimnis der Person">Jesu</term>. In seinem Innern
                    war das Himmelreich, und es geschah dort, was er im Tun des Kaufmanns
                    abgebildet fand. Er war der vollkommene <term type="Sachen" key="Jesus Christus, vollkommener Mensch">Mensch</term>, er war im
                    Besitz aller guten Perlen. Sein inneres Leben war gerecht, d. h. es war zu
                    dem entfaltet, wozu es bestimmt war, es gab da keine Schlacken und
                    Schranken. Er war im höchsten Grad das, was wir eine starke, reiche, in sich
                    geschlossene und doch nach allen Seiten offene <term type="Sachen" key="Jesus Christus, vollendete Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>
                    nennen. Er wusste auch, dass das eine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollkommenheit">Vollkommenheit</term>, ein Leben
                    göttlicher Art war, d. h. dass es etwas Höheres <pb xml:id="p604" ed="pga"/> und
                    Besseres gar nicht geben könne. Aber nun sehen wir mit Staunen, dass er
                    keinen Augenblick daran gedacht hat, sich dieser Tatsache als eines Gutes zu
                    freuen, er wollte nicht <hi rend="italic">Gott genießen</hi>, der Alles das in ihm
                    gewirkt, sondern er stellte das Alles als Werkzeug wieder in Gottes Hand, er
                    wollte damit <hi rend="italic">nur</hi> Gott <hi rend="italic">dienen</hi><note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         an den Menschen.<note xml:id="n12">Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1793">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>,
                            <hi rend="italic">Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther
                            dargestellt</hi>, Stuttgart / Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>,
                        S. 170</bibl>: «Nach der Predigt Jesu kommt der Mensch zu einem Zusammenleben
                        mit seinem Gott in einem Reiche Gottes, das Jesus bringt, das aber auf
                        jeden Fall nur da ist, wo lautere Liebe in Personen auflebt und an
                        Personen wirksam wird. Denn nur in solcher Liebe und solchem Wirken
                        herrscht Gott.»</note> Und das war für ihn nicht, wie es bei uns so oft
                    geht, eine neue raffinierte Weise, seine eigene Person und Gerechtigkeit zu
                    vertiefen, zu bereichern, sondern ihm kam es darauf an, <hi rend="italic">Gott walten zu
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, ließ Gott walten">lassen</term></hi>. Seine Speise war es, nicht selig zu werden,
                    sondern den Willen zu tun des, der ihn gesandt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.34">Joh. 4,34</ref>].</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>
                    <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat an einer berühmten
                    Stelle seines Briefs an die Philipper von ihm gesagt: «Obwohl er in
                    göttlicher Gestalt war, hielt er’s nicht für einen Raub – für
                    einen persönlichen Gewinn –, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte
                    sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch
                    und an seinem Verhalten als ein Mensch erfunden, erniedrigte sich selbst und
                    ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz» [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.6 Phil.2.8">Phil. 2,6–8</ref>]. Das
                    ist das Geheimnis der Person Jesu, und das ist das Geheimnis der kostbaren
                    Perle und ihrer Gewinnung. – |</p>
                <p> Das Geheimnis der Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geheimnis der Person">Jesu</term>. Denn was die
                    Menschen dort in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> und
                        <placeName ref="kbga-places-1064">Judäa</placeName> zu ihm hingezogen hat,
                    vom armen Blindgebornen, der ihn anrief: Jesu, du Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Davids">Davids</term>, erbarme dich meiner!
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.47">Mk. 10,47</ref>] bis zum
                    vornehmen Gelehrten <persName ref="kbga-actors-2312">Nikodemus</persName>,
                    der des Nachts zu ihm kommt, vorsichtig fragend: Meister, wir wissen, dass
                    du bist ein Lehrer von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lehrer von Gott">Gott</term> gekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.1 Joh.3.2">Joh. 3,1f.</ref>], was sie anzog und erstaunte<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     und überwältigte, das war jenes Übermächtige, Überpersönliche,
                    absolut Giltige seiner Art, das nur einem Menschen eigen sein kann, der
                    seinen Lebensinhalt darin gefunden, dass er <hi rend="italic">keinen</hi>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>eigenen Lebens<pb xml:id="p605" ed="pga" break="no"/>inhalt<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd" target="fn-d"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen; das
                            voranstehende «keinen» wurde mit Tinte und dann auch mit Bleistift
                            unterstrichen.</note>, <hi rend="italic">keine</hi> eigene Gerechtigkeit, <hi rend="italic">keine</hi>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>persönliche Seligkeit<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen; das
                            voranstehende «keine» wurde mit Tinte und dann auch mit Bleistift
                            unterstrichen.</note>
                     mehr will, sondern nur noch Gott, nur noch seinen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willen</term>, seine ewige <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>. Er verkaufte
                        <hi rend="italic">Alles</hi>, was er hatte, und kaufte die Perle!</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Was genannt mag werden</l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">Droben und auf Erden</hi>,</l>
                            <l>Alles reicht nicht zu.</l>
                            <l>Einer nur kann geben</l>
                            <l>Freude, Ruh’ und Leben,</l>
                            <l>Eins ist not, nur du!</l>
                            <l>Hab ich dich nur wesentlich,</l>
                            <l>So mag <hi rend="italic">Leib und Seel’</hi> verschmachten,</l>
                            <l>Ich will’s doch nicht achten.<note xml:id="n13">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-107">Strophe 4 des Liedes «Allgenugsam Wesen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 247; RG 661).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das war Jesus. Er entäußerte sich selbst und ward gehorsam
                    bis zum <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Tode</term>, bis
                    zu dem Ausruf: Mein Gott, mein Gott, warum hast du <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> mich verlassen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.34">Mk. 14,34</ref> par.] Und es war ihm ernst mit diesem Ausruf: Die guten
                    Perlen, Alles, was er hatte, waren verkauft um der einen kostbaren Perle
                    willen. Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, Gottes ewiges, inneres Leben waren das
                    Übermächtige in ihm, nicht die Angelegenheiten seiner Seele. Und das haben
                    die Menschen ihm angespürt, damals und seit 2000 Jahren immer wieder. Und
                    die es spürten, sagten: Wir sahen seine <hi rend="italic">Herrlichkeit</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Und Paulus fährt
                    an jener Stelle mit Recht fort: «Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm
                    einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich
                    beugen sollen alle Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der
                    Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei
                    zur Ehre Gottes des Vaters» [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.9 Phil.2.11">Phil. 2,9–11</ref>]. Er entäußerte sich
                    selbst, er verkaufte, was er hatte, er ließ Gott wirken. Das ist das
                    Geheimnis seiner Macht, seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geheimnis der Person">Eindrucks</term>.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p606" ed="pga"/> Und das ist das Geheimnis der kostbaren Perle und ihrer Gewinnung für uns
                    Menschen, zu denen er <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>als ein älterer Bruder<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     gekommen ist und kommt, um uns das Leben zu lehren<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> drückt es dort sehr
                    schlicht aus: Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.5">Phil. 2,5</ref>]. Das ist das A und
                    Z eines lebendigen Lebens.</p>
                <p> Wo uns die größere Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term> begegnet in einer <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> reiner Liebe, die
                    groß ist, weil sie nicht groß sein will, da entdecken wir die kostbare
                    Perle. Vielleicht begegnet uns das, indem wir uns aufmerksam in das Neue
                    Testament versenken, indem uns seine Erzählungen und Gedanken den lebendig
                    vor Augen stellen, von dem es redet. Vielleicht begegnet es uns in Menschen
                    unsrer Umgebung, an denen wir etwas spüren von dem Übermächtigen, das in
                    ihnen lebt, seit sie aufgehört, sich selber zu leben. Vielleicht strahlt es
                    uns entgegen aus einem einzigen Blick eines Menschen, dem auf langer
                    Lebenswanderung Gott zu groß geworden, oder es bannt unser Auge durch einen
                    Satz, eine Wendung eines Briefes, einer Zeitung, eines Buches, die uns in
                    die Hände kommen. Wer <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> könnte und wollte die
                    Möglichkeiten erschöpfen, wie die Perle, wie Gott entdeckt wird. Es ist
                    allemal Leben, das an Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> entzündet ist, das
                    uns da vor Augen tritt, es ist Christus, der sich selbst entäußert und
                    segnend durch die Zeiten geht als der Herr zur Ehre Gottes des Vaters.</p>
                <p>Und wo diese Begegnung stattfindet, da fängt im Menschen das an, was der
                        <rs type="person" ref="kbga-actors-313">Apostel</rs> nennt: gesinnt werden
                    wie Jesus Christus auch war. Da fängt der Glaube an oder die <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu. Und das bedeutet,
                    dass er seine Zuversicht und seine Gewissheit nicht mehr auf seine eigene
                        <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> abstellt,
                    sondern auf die Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>, die größer und weiter und verlässlicher ist als Alles,
                    was er selbst auftreiben könnte. Das bedeutet die Umwertung aller
                        Werte,<note xml:id="n14">Zu diesem Schlagwort Nietzsches
                        vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p343#fn_12">S. 343f., Anm. 12</ref>.</note> die damit eintritt, dass die Frage: was denke
                        <hi rend="italic">ich?</hi> was will <hi rend="italic">ich?</hi> sich verwandelt in die
                    Frage: was denkt und will <hi rend="italic">Gott?</hi> Das bedeutet, dass Sicherheit
                    in unser Leben kommt, weil unser Leben nicht mehr etwas für sich ist,
                    sondern seinen Gehalt darin findet, ein Stückchen ewiges <pb xml:id="p607" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> zu sein. Das bedeutet
                    überhaupt, dass das Ich aus dem Mittelpunkt rückt und Gott und seine
                    Angelegenheiten hinein. Er verkaufte Alles, was er hatte, und kaufte die
                    Perle.</p>
                <p>Gottes Gerechtigkeit <hi rend="italic">wird unsre Gerechtigkeit</hi>. Das ist das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>. Und damit ist schon
                    gesagt, dass es nun nicht zu Ende ist mit unserm Gerecht-Werden und
                    Lebendig-Werden, mit der Erfüllung unsrer Bestimmung. In der kostbaren Perle
                    ist der Wert der früher gesuchten guten Perlen enthalten, und mehr als das.
                    Unsre <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, der
                    Ansatz dazu, sie wird, was sie werden soll, wenn wir Gott gefunden und Jesus
                    nachfolgen. Ihre Entwicklung geschieht nun nach dem Grundgesetz des <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term>: Wer sein Leben in
                    dieser Welt behalten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um
                    meinet- und des Evangeliums willen, der wird es gewinnen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.35">Mk. 8,35</ref> par.]. Sie wird befreit
                    von all dem Verworrenen, Unguten, Traurigen, das sie erfüllt und erfüllen
                    muss, solange sie im Grunde nur mit ihrer eigenen Verfeinerung und
                    Bereicherung beschäftigt ist. Sie sucht im tiefsten, reinsten <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Sinn nicht mehr das Ihre, sondern was der
                    Andern, was Gottes ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.4">Phil. 2,4</ref>]. Sie sagt mit dem <rs type="person" ref="kbga-actors-313">Apostel</rs>: «Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern
                        <hi rend="italic">Christus</hi> lebet in mir» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>]. Und so erfüllt sie in der höchsten Weise
                    gerade <hi rend="italic">ihre</hi> Bestimmung, weil sie gerade <hi rend="italic">ihre</hi>
                    Bestimmung im Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>
                    und nicht in sich selbst gefunden. Wir bekommen das, was wir zu einem guten
                    Leben brauchen: Gehorsam, Pflichttreue, Opfersinn, Vertrauen in die Zukunft,
                    Mut im Leiden, Ruhe im Tode, wenn wir nicht mehr danach fragen, was
                        <hi rend="italic">wir</hi> brauchen, sondern was Gott will.</p>
                <p>Ihm allein die Ehre!<note xml:id="n15">In der lateinischen Form
                        «Soli Deo <term type="Sachen" key="soli Deo gloria">gloria»</term> ein
                        besonders mit <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvin</persName> und seiner Theologie in Verbindung gebrachtes Motto
                        der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term>.</note> Das
                    ist die Botschaft des <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term>.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-140">Nr. 278: «Gott ist getreu» von <persName ref="kbga-actors-1379">E. Liebich</persName>, Strophen 1–3 (RG
                            689 [mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-162">Nr. 270: «Was Gott tut, das ist wohlgetan» von <persName ref="kbga-actors-1840">S. Rodigast</persName>,
                            Strophen 1–3 und 4.6 (RG 684; EG 372).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.10 Joh.12.36">Johannes 12,20–36</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
