<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53043">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 41</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 2,8-13 (II)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 2,8-13 (II), 5. Juni 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53043 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53043</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 41: Predigt: Jakobus 2,8-13 (II)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">43</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,8-13 (II), 5. Juni 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1484">KBA 1019</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1910-06-05">5. Juni 1910</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p470" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>41</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-06-05">Sonntag, den
                            5. Juni 1910</date> <date rend="right">(2. nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.8 Jak.2.13">Jakobus 2,8–13<note xml:id="n01">Predigttext: s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p454#p454">S. 454.</ref>
                                </note>
                            </ref> <span>
                                <idno>II</idno>
                            </span>
                        </cit>
                    </epigraph>
              
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir haben uns vor 14 Tagen mit der Frage nach dem Wesen des königlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetzes</term> beschäftigt, von
                    dem in unsern Textworten die Rede ist. Wir fanden es in der Pflicht der
                    Liebe, in deren Befolgung und Erfüllung ein Menschenleben allein <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>sinnvoll und wertvoll<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     werden kann. Wir standen vor dem merkwürdigen Punkt in der
                    Entwicklung des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, den wir passieren müssen, wenn es gut kommen soll, dem
                    Punkt, wo der <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term>
                    verschlungen werden soll von der Freiheit und wo umgekehrt die Freiheit sich
                    doch wieder zu nichts Anderem gestalten kann und soll <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> als zum Gehorsam im höchsten oder im tiefsten Sinn. Die Pflicht
                    der Liebe, der gegenüber <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>
                    und Gehorsam eins und dasselbe werden sollen in uns, das ist das königliche
                    Gesetz. So hat es Jesus gelebt und gelehrt und hat uns damit das Höchste und
                    Letzte gesagt, was Gott uns zu sagen hat. So haben wir es überkommen als ein
                    vielfach verschüttetes und verborgenes und doch unverwelkliches und
                    unverlierbares Erbe <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> und des deutschen Idealismus<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Idealismus"/>. So erwächst unserm Geschlecht
                    angesichts dieses Königsgesetzes die Aufgabe:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Was du ererbt von deinen Vätern hast,</l>
                            <l>Erwirb es, um es zu besitzen.<note xml:id="n02">
                                    von<bibl corresp="kbga-bibls-647"> <persName ref="kbga-actors-136">J. W. Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster
                                        Teil</hi>, V. 682f. (Nacht)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber es scheint, dass der Weg, den ich vor 14 Tagen
                    eingeschlagen habe, um euch diese Gedanken deutlich zu machen, an
                    verschiedenen Stellen über Stock und Stein geführt hat, denn es ist mir von
                    verschiedenen Seiten gesagt worden, die Predigt sei schwer oder gar nicht
                    verständlich gewesen.<note xml:id="n03">In den im KBA erhaltenen
                        – wenigen – Briefen, die Barth zwischen dem 22. Mai und
                        dem 5. Juni geschrieben hat, sind solche Einwände gegen die Predigt
                        nicht erwähnt.</note> Nebenbei gesagt: Ich bin für solche Einwände <pb xml:id="p471" ed="pga"/> und Beschwerden sehr empfänglich und dankbar. Je
                    weniger wir hier oben theologische Selbstgespräche halten und je mehr ihr
                    alle mitdenken und mitsuchen helft, umso besser auch für uns Alle. Was nun
                    diesen besondern Fall anlangt, so war ich einen Augenblick recht verblüfft
                    darüber, dass euch die Sache offenbar nicht so klar und selbstverständlich
                    vorgekommen ist wie mir. Aber bei näherer Besinnung musste ich mir dann
                    sagen, dass eure widerstrebende Empfindung doch ganz normal und erklärlich
                    sei. <hi rend="italic">Erstens</hi> darum, weil das 19. Jahrhundert, dessen Kinder wir
                    Alle sind, in Bezug auf diese Gedanken vielfach <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>ein
                    Jahrhundert des Rückschritts, der Reaktion gewesen ist<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, bei allen Fortschritten der Wissenschaft und der Technik. Wenn wir
                    über Gesetz und Freiheit nachdenken und reden, dann geht es uns ungefähr so,
                    wie wir auch unwillkürlich denken und sagen, dass die Sonne <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> sich um die Erde drehe, trotzdem wir wissen, dass
                    seit der Entdeckung des <persName ref="kbga-actors-1096">Kopernikus</persName> nicht daran zu zweifeln ist, dass das Umgekehrte
                    richtig ist. So können wir es auch nicht denken und fassen, dass <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>das ganze <term type="Sachen" key="Gesetz, aus der Freiheit">Gesetz</term> aus der ganzen Freiheit hervorgehen soll<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd" target="fn-d"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     und die ganze <term type="Sachen" key="Freiheit, aus dem Gesetz">Freiheit</term> wieder aus dem ganzen Gesetz, obwohl die einfache
                    Besinnung auf die Art Jesu uns sagt, dass es so und nicht anders sein muss.
                    Aber die Schwierigkeit der Sache beruht, wie ich meine, zum Wenigsten auf
                    der Schwierigkeit der Gedanken. Man kann <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>die
                    Zusammenhänge<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, die ich das letzte Mal zu entwickeln versucht habe, durchgedacht und
                    verstanden haben, <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>um nachher<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     zu entdecken, dass der Berg der eigentlichen Schwierigkeit immer noch
                        <hi rend="italic">vor</hi> einem liegt. Ich gestehe euch offen, dass es mir selbst
                    so geht. Man hat sich die Gedanken der innern Freiheit und des innern
                    Gesetzes angeeignet, man merkt deutlich: nun bin ich auf der richtigen Spur,
                    in dieser Richtung geht der Weg, der zu Gott führt, man freut sich, die
                    Spuren dieses Weges deutlich wiederzufinden bei den Führern und Helden der
                    Menschheit, man spürt etwas von dem Rauschen des verborgenen <pb xml:id="p472" ed="pga"/> Stromes der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, der unter dem Geröll und Geschiebe des Menschenlebens
                    und der Menschengeschichte seinen ewigen Gang geht. Aber nun kehrt man aus
                    den Gedanken über die geheimnisvolle Herrlichkeit des lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gottes</term> zurück zu den
                    Gedanken des Alltags, wie man aus der Kirche oder aus den Feierstunden in
                    der Naturwelt zurückkehrt zu den Bedürfnissen und Angelegenheiten des
                    häuslichen oder beruflichen Lebens, die man am Morgen hinter sich gelassen
                    hatte. Man erfährt dann an sich selbst etwas von dem spöttischen Doppelsinn
                    des Wortes, das <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> den Faust beim Anblick der feiernden Menge am
                    Sonntagnachmittag ausrufen lässt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht</l>
                            <l>Sind sie Alle ans Licht gebracht.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi>
                                    (Anm. 2), V. 927f. (Vor dem Tor).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das Licht, in das wir da gebracht sind, ist aber nichts
                    Anderes als das nüchterne Tageslicht <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>des sogenannten
                    wirklichen Lebens<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> mit den unerträglichen Komplikationen und
                    Widersprüchen, in das es unser Denken und Handeln sofort wieder versetzt.
                    Für die einen wird dann angesichts dieses Tageslichtes das ewige Licht <term type="Sachen" key="Gott, ewiges Licht Gottes">Gottes</term> eine schöne,
                    freundliche Erinnerung, die aber nur in der Kirchen ehrwürdiger Nacht noch
                    Bedeutung hat, während draußen andre Gesetze gelten. Die andern kommen doch
                    nicht davon los, dass das, was sie erkannt und gesehen, das
                        <hi rend="italic">ewige</hi> Licht war, d. h. das Licht, das unser ganzes Leben
                    bestrahlen und erfüllen soll, aber umso gewaltiger erhebt sich vor ihnen die
                    Aufgabe, das ganze <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> und die
                    ganze <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> in ihrem ganzen
                    Leben zu würdiger Gestaltung zu bringen. Jedenfalls stehen wir Alle, gerade
                        <hi rend="italic">wenn</hi> wir die Aufgabe, die uns obliegt, durchschaut und
                    verstanden haben, vor der bohrenden und peinlichen Frage: Was nun? Die
                    Schwierigkeit dieser Frage besteht aber gerade darin, dass es eine Frage des
                    Willens und Lebens ist, viel mehr als eine Frage des reflektierenden
                    Verstandes. Ich meine mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, das ist im
                    letzten Grund die Schwierigkeit, die Manchen von euch unsre letzte
                    Betrachtung hat schwer verständlich oder unverständlich erscheinen lassen,
                    und ich wiederhole es, dass ich diese Schwierigkeit ebenso lebhaft empfinde
                    wir ihr. Eben darum aber <pb xml:id="p473" ed="pga"/> sage ich zum Voraus, dass
                    ihr auch heute keine restlos befriedigende Antwort erwarten dürft. Es steht
                    bei diesem Gegenstand so, wie es in unsrer evangelischen Kirche bei allen
                    ernsthaften und großen Gegenständen steht und stehen muss: Die endgiltige,
                    restlos befriedigende <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> muss
                    jeder sich selbst halten, und je gründlicher er es damit nimmt, desto mehr
                    wird er entdecken, dass dazu nicht mehr und nicht weniger als ein ganzes
                    Menschenleben von Nöten ist. Das ewige Licht soll heraus aus der Kirchen
                    ehrwürdiger Nacht und hinein ins wirkliche <term type="Sachen" key="Leben, wirkliches">Leben</term>, um da das wirkliche, giltige Licht
                    zu werden, von dem das Tageslicht nur ein schwacher Widerschein ist. <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>Gott soll Mensch werden<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Gott, soll Mensch werden"/>. Diese Aufgabe
                    ist nicht zu lösen mit Predigen und Zuhören, <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> sondern nur dadurch, dass man sie tut und lebt. Ich will versuchen, dazu
                    noch einige <anchor type="note" xml:id="fn-i"/>Hilfslinien zu ziehen<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni" target="fn-i"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, die Zeichnung müsst <anchor type="note" xml:id="fn-j"/>ihr selbst anlegen und
                        ausführen<note type="textcritical" n="j" xml:id="nj" target="fn-j"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>.</p>
                <p rend="margin-top">Zuerst ist zu reden von der Anwendung und Erfüllung des
                    Gesetzes der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>,
                    dann von dem <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term>
                    und Urteil, dem Gott uns gemäß eben diesem Gesetz der Freiheit unterwirft.
                    So entspricht es den Gedanken unsres Textes, und so entspricht es zweifellos
                    auch der Ordnung der Sache. Man könnte dieselbe Ordnung auch so ausdrücken:
                    wir beschäftigen uns mit dem Charakter unsres Handelns, dann mit dem Wert
                    oder Unwert, der ihm im Lichte der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> zukommt. Beide Mal haben wir es also mit der <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>Naturgeschichte des guten Willens<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk" target="fn-k"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Wille, guter"/> zu tun, dessen Reinheit und
                    allgemeine Giltigkeit wir das letzte Mal betrachtet haben.</p>
                <p> Wenn wir uns heute über <term type="Sachen" key="Gesetz, Anwendung">Anwendung</term> und Erfüllung des <term type="Sachen" key="Gesetz, Erfüllung">Gesetzes</term> besinnen wollen, dann tritt uns
                    gleich am Anfang unsres Textabschnitts und am Anfang unsrer eigenen innern
                    Erfahrung die <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term>
                    entgegen, dort das Wort und hier die Sache. Wenn ihr Ansehung der Person
                    übt, dann tut ihr <term type="Sachen" key="Sünde, Ansehung der Person">Sünde</term>, sagt uns <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>. Wenn ihr Halbe seid und nicht Ganze, dann tut ihr <term type="Sachen" key="Sünde, Halbheit">Sünde</term>, sagt uns die innere
                        <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term>, wenn wir
                    wenigstens gelernt haben, aufmerksam uns selbst zu beob<pb xml:id="p474" ed="pga" break="no"/>achten. Ich habe vor einigen Wochen in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> eine Predigt gehört, in der sich der Redner
                    eine halbe Stunde lang bemühte zu beweisen, es sei nichts mit diesem
                    Gedanken der Sünde, es handle sich dabei um einen traurigen Irrtum, den die
                        <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> und später
                    besonders die <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> aus dem
                    finstern Mittelalter übernommen hätten. Im religiösen <term type="Sachen" key="Leben, religiöses">Leben</term> der Gegenwart sei vielmehr der
                    sogenannte <term type="Sachen" key="Optimismus">Optimismus</term> am Platz,
                    man müsse nicht zurückblicken auf so düstere Sachen wie <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> und Sünde, sondern vorwärts auf die guten
                    Dinge, die man erst tun und erleben wolle. Entwicklung, das sei das wahre
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>.<note xml:id="n05">Barth hielt sich vom 15.–18. April 1910
                        in Zürich auf und notierte am Sonntag, 17. April, in seinen
                        <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref>: «Predigt von Pflüger über neue Moral». <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-729">Paul Pflüger</persName>
                        (1865–1947), war seit 1898 Pfarrer der Arbeitergemeinde Zürich
                        III (Aussersihl); er galt in seiner Gemeinde als «roter Pfarrer», war
                        1895 als einer der ersten Pfarrer der Schweiz der Sozialdemokratischen
                        Partei beigetreten und betätigte sich seit 1900 in kantonalen und
                        städtischen Ämtern auch politisch.</seg>
                        </note> Das war nun Alles sehr gut
                    gemeint, aber ich muss gestehen, dass ich <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> es mit
                    denkbar geringster Erbauung mitangehört habe, denn wenn in dem berühmten
                    religiösen <term type="Sachen" key="Leben, religiöses">Leben</term> der
                    Gegenwart etwas nötig ist, so ist es das, dass man einander nicht so
                    ungereimte und oberflächliche Dinge vortrage und dass man merkt, wie töricht
                    es ist, immer zuerst nach der Modernheit und dann erst nach der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> eines Gedankens zu fragen.
                    In diesem Fall speziell liegt die Sache doch recht einfach. Ich habe euch
                    das letzte Mal am Schluss in Anlehnung an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den innern Zustand eines Menschen
                    geschildert, in dem das <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Gesetz</term> der Freiheit regiert. Freie Königskinder nennt der
                    Reformator die rechten Menschen und <term type="Sachen" key="Christen, freie Königskinder">Christen</term>.<note xml:id="n06">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                            <hi rend="italic">Von der Freiheit eines Christenmenschen</hi>, WA 7,
                        36,20–27</bibl>: «Und Christus Matt. 17. Da von seynen Jüngern ward
                        tzynß pfennig gefoddert, disputiert er mit St. Peter, ob nit künigs
                        kynder frey weren zynß zu geben, […]. Das ist ein feyn exempell
                        zu dißer lere, da Christus sich und die seynen freye künigs kinder
                        nennett, die keynis dings bedurffen, und doch sich unterlessit
                        williglich, dient und gibt den tzynß.»</note> Aber nun mussten wir eben
                    konstatieren, dass dieser Zustand bei uns keineswegs erreicht ist, vielmehr
                    als eine <hi rend="italic">Aufgabe</hi> vor uns liegt. So hat auch Luther seine
                    Schilderung verstanden. Warum entspricht die Wirklichkeit dem <term type="Sachen" key="Ideal, und Wirklichkeit">Ideal</term> nicht? Warum
                    sind wir nicht, was wir sein sollen? Die <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term> steht im Weg, sagte schon <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, sagte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, sagten die <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term>, sagten alle <pb xml:id="p475" ed="pga"/>
                    Leute, die den Dingen auf den Grund gingen und nicht obenhin redeten. Sie
                    meinten damit den bösen <term type="Sachen" key="Wille, böser">Willen</term>, der im Menschen ist und der es nicht zur <term type="Sachen" key="Gesetz, Anwendung">Anwendung</term> und Erfüllung des <term type="Sachen" key="Gesetz, Erfüllung">Gesetzes</term> kommen lässt oder
                    doch nur zu Halbheiten. Wenn man dem lieber einen andern Namen gibt, so ist
                    nichts dagegen zu haben, aber um die Sache selbst soll man sich nicht
                    drücken wollen. Denn es ist durchaus nicht gleichgiltig, ob man meint, man
                    könne sich zum ganzen rechten Menschen entwickeln wie der Schmetterling aus
                    der Puppe, oder ob man merkt, dass es da Widerstände zu überwinden und zu
                    brechen gibt. Wo kein Gegensatz und keine Frage ist, da ist auch keine
                    Aufgabe, wo aber keine Aufgabe ist, da ist auch keine Antwort. Nimmt man es
                    aber mit der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> genau, so
                    wird wohl auch der rechte <term type="Sachen" key="Optimismus, rechter ">Optimismus</term> dabei nicht zu kurz kommen.</p>
                <p>So wollen wir versuchen, die Wurzeln dieses <hi rend="italic">Gegensatzes</hi> in uns
                    bloßzulegen, und wenn uns das gelingt, dann sehen wir vielleicht auch den
                    Weg zu seiner <hi rend="italic">Überwindung</hi>. Die Erkenntnis <anchor type="note" xml:id="fn-l"/>des
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Negativen und des Positiven<note type="textcritical" n="l" xml:id="nl" target="fn-l"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     darf eben in den letzten großen Fragen des innern Lebens nicht
                    nebeneinander stehen, sondern es muss die positive Erkenntnis aus der
                    negativen hervortreten wie bei der photographischen Platte, von der wir bei
                    einem frühern Anlass geredet.<note xml:id="n07">Siehe oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p325#p325">S. 325f.</ref></note>
                    </p>
                <p>
                    <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> charakterisiert die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> oder die Übertretung des <term type="Sachen" key="Sünde, Übertretung des Gesetzes">Gesetzes</term>
                    dadurch, dass er sagt, <hi rend="italic">der Mensch fehle dabei in einem Stücke</hi>,
                    er mache irgend eine Ausnahme von der Regel. Er richtet seine Mahnung an
                    Leute, die das ganze Gesetz zu halten, ja die als Christen auch das
                    königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term> der
                        <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Liebe</term> zu erfüllen meinen.
                    Aber ihr <hi rend="italic">übt Ansehung der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, mit Ansehung der Person">Person</term></hi>,
                    sagt er ihnen, und meint damit jene unterschiedliche Behandlung des Armen
                    und des Reichen im Gottesdienst. Es handelt sich also bei dem einen Stück,
                    in dem sie fehlen, um eine ganz geringfügige Sache, jene kleine Szene war
                    vielleicht gar nicht von Allen bemerkt, jedenfalls von den Wenigsten
                    überlegt worden. Da könnte es wohl erstaunen<note type="textcritical" n="m" xml:id="nm"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, dass <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> mit so grobem Geschütz kommt und gleich das Wort Sünde
                    braucht, dass er gleich auf die oberste Instanz <pb xml:id="p476" ed="pga"/>
                    verweist, auf Gott und sein Gesetz, statt ihnen vielleicht eine Belehrung
                    über christliche Schicklichkeit zu geben. Dass er fortfahren kann, wie wenn
                    es sich um Mord oder Ehebruch handeln würde: <hi rend="italic">Der da sprach: Du sollst
                        nicht ehebrechen, sprach auch: Du sollst nicht töten. Wenn du nun zwar
                        nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein Übertreter des Gesetzes
                        geworden</hi>. Wie gesagt: Die feierliche und umständliche Behandlung
                    einer so unbeträchtlichen Angelegenheit kann uns auf den ersten Blick fast
                    schwerfällig und überflüssig vorkommen. Wozu der Lärm? denken wir, der arme
                    Mann, der dort keinen Stuhl bekam, hat die kleine Unbequemlichkeit gewiss
                    längst verschmerzt, und es ist kein Unglück daraus entstanden. Aber wenn wir
                    so reden, so beweist das nur, dass wir <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>noch
                    vorkopernikanisch denken<note type="textcritical" n="n" xml:id="nn" target="fn-n"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, wie ich das am Anfang nannte, dass wir noch meinen, die Sonne bewege
                    sich um die Erde, dass wir noch der Ansicht sind, Gottes Gesetz sei eine
                    Tafel von zehn oder hundert oder tausend <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>
                    Geboten. Dass man Mord und Ehebruch mit starken Worten tadelt, das begreifen
                    und billigen wir; denn da handelt es sich um das <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Sechstes Gebot">6.</term> und <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Siebtes Gebot">7. Gebot</term>, die im 20. Kapitel des
                    2. Buches Mose deutlich, schwarz auf weißes Papier gedruckt, vorliegen [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.13 Ex.20.14">Ex.20,13f.</ref>]. Und diese
                    Dinge sind überdies durch ein gewisses moralisches <term type="Sachen" key="Moral">Allgemeingefühl</term> als <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">böse</term> bezeichnet und werden als böse
                    empfunden von jedermann. Aber in welchem Gebot, auf welcher Tafel, in
                    welcher Gesetzessammlung steht etwas geschrieben oder gedruckt davon, dass
                    man Reiche und Arme gleich behandeln solle, wenn es sich um das Anbieten
                    eines Sitzplatzes handelt? Und welches moralische Allgemeingefühl enthält
                    Vorschriften über so bestimmte Punkte? Und nun geht <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hin und nennt das Vorgehen der Christen,
                    das ihm in diesem bestimmten Punkt missfällt, mit dürren Worten <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, nennt die Christen selbst
                    Übertreter des Gesetzes und droht ihnen nachher mit Gottes <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term>. Ist das nicht
                    kleinlich und pedantisch?, müssen wir da denken. Wo käme man hin, wenn man
                    so subtil und streng sein wollte?</p>
                <p>Meine Freunde! Wenn wir diesen unsern vorkopernikanischen<note type="textcritical" n="o" xml:id="no"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     Widerspruch gegen die Gedanken des Jakobus recht deutlich aussprechen
                    und vor uns hinhalten, wie ich’s eben getan habe, dann sind <pb xml:id="p477" ed="pga"/> wir vielleicht auf dem Wege, die Natur der Sünde und
                    eben damit dann die Natur des <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Gesetzes</term> der Freiheit und des <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term>, den<note type="textcritical" n="p" xml:id="np"> Mskr.: «das»; von den Hrsg. geändert.</note>
                     es fordert, recht zu verstehen. Es ist nämlich offenbar, dass wir bei
                    diesem Widerspruch heimlich die Vorstellung eines Gesetzes haben, das etwas
                    ganz Anderes ist als das Gesetz der Freiheit, das aus dem Glauben an Gott
                    hervorgeht. Wir denken uns dies Gesetz dann etwa so: Du sollst nicht töten,
                    nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht das und das und das; dazu kommen
                    gewisse Gebote des moralischen und konventionellen Allgemeingefühls: man
                    soll arbeiten, nicht unmäßig sein, Wohltätigkeit üben und das und das und
                    das. Diese sittlichen <term type="Sachen" key="Gebote, sittliche">Gebote</term> und Forderungen stehn nun in unserm Innern. Man könnte
                    sie mit den Maschen eines großen Fischernetzes vergleichen. Da kommt die
                        <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> zu irgend einem
                    groben und deutlichen Vergehen in unser <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Leben;
                    davor werden wir durch die Maschen des Netzes glücklich bewahrt, das <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Sechstes Gebot">6.</term>, <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Siebtes Gebot">7.</term> oder <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Achtes Gebot">8. Gebot</term> oder die
                    allgemeine moralische Gewöhnung hindern uns nachzugeben. Aber nun kommt ein
                    Fall, der eine feinere sittliche Unterscheidung erfordern würde, ein
                    Gründling gleichsam, der nun zwischen den Maschen des Netzes ungehindert
                    durchschwimmt, weil sie für ihn zu groß sind;<note xml:id="n08">Der Gründling ist ein Karpfenfisch, der ausgewachsen etwa 10 cm groß
                        wird und in nord- und westeuropäischen Flüssen und Seen verbreitet
                        ist.</note> er ist weder in den Zehn <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Geboten</term> noch in irgend einer Sammlung von
                    Gesetzen und Regeln vorgesehen, und so entscheiden wir dann nach <term type="Sachen" key="Entscheidung, nach Belieben">Belieben</term> ohne
                    Halt und <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>Orientierung an einer objektiven Größe<note type="textcritical" n="q" xml:id="nq" target="fn-q"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Ihr wisst aber, dass gerade jene feineren sittlichen <term type="Sachen" key="Entscheidung, feinere sittlich">Entscheidungen</term>
                    zwischen <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gut</term> und <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> im Leben der Meisten
                    von uns viel häufiger sind als die andern, bei denen man sein Handeln
                    einfach nach Schnur und Regel bestimmen kann. Es gibt da freilich
                    Unterschiede unter den Menschen: Bei den einen ist das Netzwerk der
                    moralischen <term type="Sachen" key="Moral, Regeln">Regeln</term>, nach
                    denen sie sich richten wollen, enger, feiner gestrickt, detaillierter, bei
                    den Andern sind bloß einige grobe, große Maschen da, die dann entsprechend
                    auch nur für die ganz großen Fische genügen. Aber das ist doch bei Allen
                    gleich: Der freie Raum zwischen den Maschen ist unendlich viel größer als
                        <anchor type="note" xml:id="fn-r"/>der Flächenraum, den die Schnüre des Netzes <pb xml:id="p478" ed="pga"/> zu bedecken vermögen<note type="textcritical" n="r" xml:id="nr" target="fn-r"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, oder um das Gleichnis anzuwenden: Weitaus der größte Teil unsres
                    Denkens und Handelns ist keineswegs durch das Gesetz bestimmt, sondern wir
                    entscheiden da nach <anchor type="note" xml:id="fn-s"/>Motiven und Regeln, die mit dem Gesetz
                    des Guten<note type="textcritical" n="s" xml:id="ns" target="fn-s"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Gesetz, des Guten"/> nichts zu tun haben. Ich
                    will gar nicht erst davon reden, dass es oft genug vorkommt, dass auch die
                    groben und feinen Maschen, wie sie da sind, sich auseinander zu biegen
                    verstehen und einen großen Fisch durchlassen, bevor wir’s uns
                    gedacht.</p>
                <p>Ich halte mich nur an die Tatsache, dass das Gesetz, das wir dann in unserm
                    Leben gelten lassen, aus einer Reihe von Geboten und Verboten besteht, denen
                    wir Gehorsam leisten, während wir das Übrige, was durch diese Gebote und
                    Verbote nicht bestimmt ist, der freien <term type="Sachen" key="Entscheidung, nach Belieben">Entscheidung</term> überlassen.
                    Solcher Gehorsam hat nun zweifellos seinen hohen und guten Wert bei der
                    Erziehung der Kinder, denen <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> durch ausdrückliche
                    Bestimmungen über das, was sie tun und lassen sollen, die selbständige
                    Entscheidung vorläufig abgenommen werden soll und die durch den ihnen so
                    auferlegten äußern <term type="Sachen" key="Gehorsam, äußerer">Gehorsam</term> zum innern <term type="Sachen" key="Gehorsam, innerer">Gehorsam</term>, der frei und selbständig entscheidet und handelt, erst
                    gebildet und entwickelt werden sollen. Ja, ich gehe noch weiter und sage,
                    dass es auch für den erwachsenen Menschen gut und wünschenswert ist, wenn
                    ihm eine Reihe der wichtigsten sittlichen Gedanken gleichsam in Fleisch und
                    Blut übergegangen sind, als <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>sittliches Knochengerüst<note type="textcritical" n="t" xml:id="nt" target="fn-q"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, möchte ich sagen. Und wie die Naturwissenschaftler uns belehren,
                    dass das Skelett der Tiere umso feiner und komplizierter wird, je höher ein
                    Tier in der Stufenleiter der natürlichen Entwicklungsreihe steht, so kann
                    man wohl auch die Kulturhöhe eines <term type="Sachen" key="Mensch, Kulturhöhe">Menschen</term> ermessen an der <anchor type="note" xml:id="fn-u"/>Ausgebildetheit und Feinheit seines moralischen Knochengerüsts<note type="textcritical" n="u" xml:id="nu" target="fn-u"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, an seinem fertigen Besitz ausdrücklicher sittlicher Forderungen und
                        <term type="Sachen" key="Mensch, Sittlichkeit">Schranken</term>.</p>
                <p>Aber nun wohlverstanden: Wie das Knochengerüst der unentbehrliche Halt des
                    Körpers ist, aus dessen Lebenskräften es geworden und gewachsen ist, so ist
                    es <anchor type="note" xml:id="fn-v"/>für sich allein betrachtet das Symbol des Todes<note type="textcritical" n="v" xml:id="nv" target="fn-v"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. <pb xml:id="p479" ed="pga"/> Und wie das Netzwerk der bestimmten
                    sittlichen <term type="Sachen" key="Gebote, sittliche">Gebote</term> und
                    Verbote für die Erziehung und Entwicklung des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> im Menschen und in der Geschichte der
                    Völker gut und nötig ist, so ist es für sich allein gesehen ein <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>Zeichen des Todes und nicht des Lebens<note type="textcritical" n="w" xml:id="nw" target="fn-w"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Denn das ist der Tod, wenn ein Mensch, der nicht mehr Kind, sondern
                    zu bewusstem Dasein erwacht ist, sagt: ich will gut sein, will das Gesetz
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottes</term> erfüllen, und
                    meint damit die grobe oder feine Reihe von Geboten und Verboten, die seiner
                    Zeit und seiner <term type="Sachen" key="Mensch, Kulturhöhe">Kulturhöhe</term> entspricht. Wenn der Gehorsam gegen das Gesetz für
                    ihn bedeutet: sich einrichten nach jenen Geboten und Regeln. Ich habe am
                    Bilde vom Fischernetz erläutert, wie das dann zugeht, wie der weitaus größte
                    Teil unsres Lebens von den Maschen dieses Netzes von Geboten und Regeln
                    naturgemäß nicht erreicht wird und wie die kleinen, manchmal auch die großen
                    Fische das Netz passieren trotz der Maschen. Einen solchen Fall haben wir
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> z. B. in der im Jakobusbrief erwähnten
                    Szene vom Armen und Reichen vor uns, von der den Christen zu ihrem und
                    unserm Erstaunen gesagt wird, dass dabei <hi rend="italic">gesündigt</hi> worden sei,
                    während sie und wir befriedigt konstatieren zu können glaubten, es sei doch
                    noch lange keines der Zehn Gebote verletzt dadurch, dass einem armen Mann
                    kein Stuhl angeboten wird.</p>
                <p> Was ist denn das, was <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    hier <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term> nennt und von
                    dem ich soeben gesagt habe, dass uns dabei der Tod im Nacken sitzt, wenn wir
                        <hi rend="italic">so</hi> argumentieren? Es ist das: All die guten Gebote und
                    Verbote, nach denen wir uns da einrichten oder einzurichten behaupten,
                    stehen dabei in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> als ein <hi rend="italic">fremdes</hi> Element, dem wir uns zwar
                    unterwerfen, das wir uns aber nicht angeeignet haben. Wir gehorchen ihnen
                    zwar, aber wir gehorchen ihnen, wie die Schulkinder den Ordnungen der Schule
                    und des Lehrers gehorchen, nämlich so, dass unser innerster Wille eigentlich
                    auf ganz Anderes gerichtet ist als auf diesen Gehorsam, so, dass der <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>verborgene Motor unsres<note type="textcritical" n="x" xml:id="nx" target="fn-x"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     Lebens sein Wirkungsfeld keineswegs in diesem <term type="Sachen" key="Gehorsam, Regel-Gehorsam ohne innere Beteiligung">Gehorsam</term>
                    sucht und findet, wenn wir uns auch nicht oder nur selten mit ihnen in
                    Widerspruch setzen. Wir denken uns dann unwillkürlich, dass diese Gebote
                    nichts mit unsern eigentlichen Intentionen und Interessen zu tun haben, sie
                        <pb xml:id="p480" ed="pga"/> gehören nicht zu uns, sondern wir finden uns mit
                    ihnen ab, eben wie ein Schulkind sich mit den Geboten und Verboten seines
                    Lehrers abfindet. Wir führen doppelt Buch: in der einen Rechnung stehen die
                    sittlichen Forderungen und Schranken, die uns durch unsre Erziehung und
                    Umgebung selbstverständlich auferlegt sind und denen wir uns ebenso
                    selbstverständlich für gewöhnlich nicht entziehen, in der andern stehen wir
                    selbst mit dem, was uns eigentlich beschäftigt und interessiert. Mit einem
                    Wort: Die sittlichen <term type="Sachen" key="Gebote, sittliche">
                            <hi rend="italic">Gebote</hi></term>, die wir kennen und für gewöhnlich auch
                    anerkennen, sind <hi rend="italic">nicht</hi> unser <hi rend="italic">Eigentum</hi>, und der
                        <hi rend="italic">Gehorsam</hi>, den wir ihnen leisten, ist <hi rend="italic">nicht</hi> der
                    Gehorsam unsres Willens, unsrer <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">
                            <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi></term>.</p>
                <p>Mit dieser doppelten Buchführung kann nur ein Kind eine Zeit <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> lang froh und zufrieden dahinleben, sobald es
                    heranwächst zum Mann und zur Frau, hört das auf. Denn es erwächst dann zu
                    dem wachen, selbständigen <term type="Sachen" key="Mensch, selbständiges Bewusstsein">Bewusstsein</term>, das den
                    Menschen vom Tiere oder von der Pflanze unterscheidet. Aber das fällt ihm
                    nicht mühelos in den Schoß als die selbstverständliche Frucht einer
                    natürlichen Entwicklung, sondern es wird für ihn eine Quelle der
                    Beunruhigungen und Kämpfe, aus denen heraus erst das geboren werden und
                    wachsen muss, was des Menschen innere Bestimmung ist. Denn dies Bewusstsein,
                    das den Menschen erst zum Menschen macht, verlangt vor Allem innere <term type="Sachen" key="Bewusstsein, verlangt innere Einheit">
                            <hi rend="italic">Einheit</hi></term> des Denkens und des Willens. Es erträgt
                    es nicht auf die Länge, dass unser Wille im tiefsten Grund seinen eigenen
                    Weg geht, vorbei an jenen sittlichen Geboten, die als ein fremdes Eigentum
                    in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>
                    aufgerichtet sind. Ja, wenn es sich bei diesen Geboten um konventionelle
                        <term type="Sachen" key="Konventionen">Regeln</term> der Schicklichkeit
                    handeln würde, wie man sie etwa in den sogenannten Anstandsbüchern liest,
                    wie man sie den Kindern durch die Schulordnung beizubringen sucht, oder um
                    die Ordnungen und Formalitäten, wie sie z. B. im geselligen Verkehr der
                    Studenten giltig sind. Dergleichen Regeln wirft man später mehr oder weniger
                    lachend von sich, wenn man dadurch gelernt hat, was sie einem etwa lehren
                    können. Aber etwas Anderes ist es um die sittlichen Gebote, von denen wir
                    hier reden. Von den Zehn <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Geboten</term> können wir uns nicht in dieser Weise <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, kein einfacher Dispens möglich">dispensieren</term>,
                    das spüren wir unmittelbar, besonders nicht von den Zehn Geboten in der
                    gereinigten und vertieften Auffassung, die durch das Christentum die unsrige
                    geworden ist. Wir spüren es, wie in diesen schlichten, fast groben
                    Grundzügen eines <pb xml:id="p481" ed="pga"/> guten Lebens ein ewiger Besitz der
                        <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, ewiger Besitz der Menschheit">Menschheit</term> niedergelegt ist, den man nicht abschütteln kann,
                    ohne seine Menschenwürde aufzugeben, spüren in diesen Geboten die Majestät
                    des sittlichen <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Majestät des sittlichen Geistes">Geistes</term>
                    selbst, der man sich nicht entziehen darf, ohne geistlos im schlimmsten Sinn
                    zu werden. Umso schlimmer für uns, wenn wir das spüren und wenn wir dabei
                    doch konstatieren müssen, dass diese Gebote ein Fremdkörper sind in unserm
                    Innern, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> dass der Strom unsres wirklichen,
                    eigentlichen Lebens mit den kleinen und großen Fischen, die er trägt,
                    zwischen den Maschen ihres Netzes hindurchgeht, dass unser Wille in Wahrheit
                    etwas Anderes ist als Gehorsam gegen ihre Forderungen. Und sowie wir dessen
                    einmal gewahr werden, dass unser Wille und Geist <hi rend="italic">etwas Anderes</hi>
                    ist als der gute Wille und Geist, der aus jenen Forderungen unverkennbar zu
                    uns redet, müssen wir auch konstatieren, dass unser Wille <term type="Sachen" key="Wille, böser">böse</term> ist, denn sowie wir auch
                    nur im geringsten Grade auf den guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term> und Geist aufmerksam geworden sind, müssen wir uns sagen,
                    dass jene Forderungen im Unterschiede zu allen konventionellen
                    Schicklichkeitsregeln nicht in erster Linie unsre Gebärden und Handlungen,
                    sondern <hi rend="italic">uns selbst</hi> in Anspruch nehmen, dass wir sie in
                    Wirklichkeit <hi rend="italic">nicht</hi> befolgen, solange sie nicht unser Eigentum
                    sind, ja solange sie nicht als absolute und <anchor type="note" xml:id="fn-y"/>kategorische
                    Gebote aus unserm eigenen Innenleben hervorgegangen sind, wie die Knochen
                    wachsen und sich bilden<note type="textcritical" n="y" xml:id="ny" target="fn-y"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     aus der <term type="Sachen" key="Lebenskraft">Lebenskraft</term> des
                    Körpers heraus. Und wir müssen dann konstatieren, dass unser Wille solange
                        <hi rend="italic">böse</hi>, <hi rend="italic">sündig</hi> ist, als das Gesetz, dem wir
                    gehorchen wollen, bloß ein Netzwerk ist mit engern oder weitern Maschen und
                    nicht eine eherne Mauer.</p>
                <p> Zu dieser Erkenntnis hat <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    seine Christen aufrufen wollen, als er ihnen sagte, in scheinbar so
                    übertreibender Weise sagte, sie hätten <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term> getan, indem sie dort den Armen und den
                    Reichen in jener Bagatellsache ungleich behandelten. Ihr meint Christen zu
                    sein, sagt er ihnen, ihr meint, Gottes Gesetz zu kennen, aber dabei tut ihr,
                    als ob Gottes Gesetz ein menschliches <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches und menschliches">Gesetzbuch</term> sei, mit
                    dessen Paragraphen man sich gerade so knapp wörtlich abzufinden pflegt,
                    bedacht darauf, die günstigste Auslegung zu finden, <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>wenn
                    kein Alinea<note xml:id="n09">«Alinea» (vom Lat.: «a linea»)
                        steht in der Typografie für «Absatz», «neue Zeile».</note> a) und <pb xml:id="p482" ed="pga"/> b) da ist<note type="textcritical" n="z" xml:id="nz" target="fn-z"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, die den Fall vorsehen, was ein Christ zu tun habe, wenn ein armer
                    Mann keinen Stuhl hat. Dass Mord und Ehebruch gleicherweise gegen Gottes
                    Gesetz verstoßen, das wisst ihr, aber wenn ihr behauptet, nichts davon zu
                    wissen, wie <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> es mit jener kleinen
                    Unfreundlichkeit steht, weil davon nichts geschrieben und geboten ist, dann
                        <hi rend="italic">tut ihr Sünde</hi>, denn das beweist, dass Gottes Gesetz noch
                    nicht die grundgewaltige Einheit eures Lebens geworden ist, eine <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. ist ein Ganzes">Einheit</term>,
                    die keine Lücken kennt, weder große noch kleine, sondern dass euer Wille,
                    euer innerstes persönliches <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> noch seine eigenen Wege geht, Wege, die an Gott vorbei
                    führen, und das sind eben die Wege der Sünde.</p>
                <p>Meine Freunde! Wenn wir diese Gedanken des Jakobus verstanden haben, wenn wir
                    es empfunden und gemerkt haben, dass er damit das zufriedene Christenleben
                    seiner Leser oder Zuhörer allen Ernstes hat <hi rend="italic">beunruhigen</hi> wollen
                    und dass sie auch uns beunruhigen sollen, dann sind wir heute dem
                    Verständnis des Gesetzes der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> vielleicht doch einen Schritt näher gerückt. Denn wenn
                    es des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> Meinung ist, dass
                    das das Wesen der Sünde, des <hi rend="italic">bösen <term type="Sachen" key="Wille, böser">Willens</term></hi> sei, wenn wir Gottes Gebote <hi rend="italic">wörtlich</hi><note type="textcritical" n="aa" xml:id="naa"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         nehmen, um sie <anchor type="note" xml:id="fn-ab"/>
                        <hi rend="italic">nicht ernst</hi><note type="textcritical" n="ab" xml:id="nab" target="fn-ab"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                        
                    <term type="Sachen" key="Sünde, Gebote wörtlich aber nicht ernst nehmen">nehmen</term> zu müssen, so wird er offenbar den Willen
                        <hi rend="italic">gut</hi> nennen, der Gottes Gebote ernst nimmt, d. h. der sie
                    versteht und ergreift als den zusammenhängenden lückenlosen Ausdruck des
                    guten göttlichen <term type="Sachen" key="Gebote, Ausdruck des guten göttlichen Geistes">Geistes</term>, der
                    dann unsern Geistern nicht mehr gegenübersteht als fremdes Element, sondern
                    in ihnen Wohnung genommen hat, so dass es von Tag zu Tag mehr heißen soll:
                    Siehe da, eine Hütte Gottes unter den Menschen! 
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.3">[Apk. 21,3</ref>]</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">So redet und so handelt wie Leute, welche durch das Gesetz der Freiheit
                        gerichtet werden sollen!</hi> Die Gedanken über den Wert und Unwert
                    unsres Handelns, die in diesem Satz und dem nächstfolgenden verborgen sind,
                    werden uns das nächste Mal zu beschäftigen haben, so dass wir also ein
                    drittes Mal auf diesen inhaltsreichen Text zurückkommen werden. Wir wollen
                    hoffen, dass sich uns da neue Einblicke in die Tiefe der christlichen
                    Wahrheit auftun.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p483" ed="pga"/> Aber als Abschluss des heute Gesagten und als Überleitung zum nächsten Mal
                    möchte ich euch noch eine kleine, sehr einfache Erinnerung mitteilen, eine
                    Illustration zu der Aufforderung, zu <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> reden und
                    zu handeln wie Leute, die durch das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> sollen gerichtet werden.</p>
                <p>Als ich in die Schule und ins Gymnasium ging, da hat sich ein guter Lehrer
                    viele Jahre lang bemüht, mir die Kunst des Geigenspiels beizubringen.<note xml:id="n10">Zu Barths Geigenunterricht vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">
                                <persName ref="kbga-actors-1513">Busch</persName>, S. 37</bibl>. –
                        Laut <persName ref="kbga-actors-1513">Eberhard Busch</persName> berichtete Barth ihm über 50 Jahre später folgendes
                        von diesem Unterricht: «Er habe die ihm dabei gestellten Aufgaben nicht
                        recht begriffen und sei auch schlicht faul gewesen. […] –
                        Ob er denn am Ende gar nichts spielen konnte? – Ja, einen
                        gewissen Erfolg hatte die Bemühung doch. Gegen Ende seiner Schulung sei
                        er bis zum E-Dur-Violin-Konzert von Bach vorgedrungen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1234"><persName ref="kbga-actors-1513">E. Busch</persName>,
                            <hi rend="italic">Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebücher 1965–1968</hi>,
                        Göttingen 2011, S. 632</bibl>).</note> Aber seine und meine Bemühungen sind
                    leider gescheitert, und ich habe es bis zuletzt nur zu einem unschönen,
                    jämmerlichen Kratzen gebracht. Es zeigte sich nämlich, dass die Arbeit
                    meines rechten Handgelenks, das den Bogen führen sollte, unerfreulich war
                    und blieb. Wer etwas von der Musik versteht, weiß aber, dass gerade auf das
                    Handgelenk ungefähr Alles ankommt. Ich habe die Stellung der Hand und der
                    Finger nachgemacht, wie mein Lehrer es mir zeigte und wie es in den
                    Violinbüchern abgebildet ist, aber es gab doch keinen schönen Ton. Endlich
                    habe ich die Sache aufgegeben und denke noch jetzt mit Beschämung an diese
                    Versuche zurück. Andre lernen das, was ich in sechs Jahren nicht lernte, in
                    einem halben, sie haben’s von innen heraus und machen’s frei
                    und selbstverständlich. So wie’s mir damals gegangen ist, so geht es
                    uns mit Gottes Gesetz, solange unser <term type="Sachen" key="Gehorsam, äußerlicher">Gehorsam</term> eine nachgemachte,
                    äußerliche Mechanik ist, deren Sinn uns innerlich fremd ist. Die Gebote und
                    Vorschriften, nach denen wir unser Leben einrichten wollen, mögen trefflich
                    und unübertrefflich sein, solange wir ihrem innern Geist, der sie erst zu
                    einem wertvollen Ganzen macht, heimlich mit verschränkten Armen
                    gegenüberstehen, wie es mir dort mit dem Geist des Violinspiels ergangen
                    ist, solange ist auch unser <term type="Sachen" key="Gehorsam, äußerlicher G. ist Tatlosigkeit">Gehorsam</term> in
                    Wirklichkeit Tatlosigkeit, in Wirklichkeit <term type="Sachen" key="Gehorsam, äußerlicher G. ist Sünde">Sünde</term>.</p>
                <p>Und wenn wir durch diese Erkenntnis vor die geheimnisvolle Tatsache geführt
                    werden, dass unser verborgenstes inneres Leben anders <pb xml:id="p484" ed="pga"/>
                    sein müsste, damit Gottes Gesetz <hi rend="italic">wirklich</hi> von uns angewendet
                    und erfüllt werde, dann stehen wir auf dem Punkte, auf dem uns der tiefe
                    Gedanke des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und der <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> deutlich wird, dass
                    der <term type="Sachen" key="Mensch, gerecht allein aus Gnade">Mensch</term>
                    gerecht werde <hi rend="italic">allein aus <term type="Sachen" key="sola gratia">Gnade</term></hi>.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ich kann nicht selbst der Sünde steuern,</l>
                            <l>Das ist <hi rend="italic">dein</hi> Werk, du Quell des Lichts.</l>
                            <l>Du musst von Grund aus mich erneuern,</l>
                            <l>Sonst hilft mein eignes Wirken nichts.</l>
                            <l>O Geist, sei meines Geistes Leben!</l>
                            <l>Ich kann mir selbst nichts Gutes geben.<note xml:id="n11">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-97">Strophe 3 des Liedes «O Gott, o Geist, o Licht des
                                    Lebens» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 151;
                                    RG 510).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">
                        <anchor type="note" xml:id="fn-ac"/>Die Gnade aber ist die Freiheit<note type="textcritical" n="ac" xml:id="nac" target="fn-ac"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>.</p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-48">Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph.
                            Nicolai</persName>, Strophen 1–2 (RG 653; EG 70 [mit größeren
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-51">Nr. 214: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                            Strophen 1–2 und 3–5 (RG 83; EG 299 [je mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7">Römer 7</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
