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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,13b</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,13b, 8. Oktober 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51028 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 318–328.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,13b</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">318–328</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,13b, 8. Oktober 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1524">KBA 1059</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-10-08">Sonntag, den 8. Oktober 1911</date> 
                        <lb/>(17. nach Trinitatis)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Matthäus 6,13b</ref>
                            <quote>
                                Erlöse uns von dem Bösen!
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Wenn die <term type="Sachen" key="Christen, früherer Jahrhunderte">Christen</term> früherer Jahrhunderte das gebetet haben: Erlöse uns von dem Bösen!, dann haben sie dabei ganz unbedenklich und selbstverständlich an «<hi rend="italic">den</hi>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, der Böse">Bösen»</term> gedacht, nämlich an den Feind Gottes, den gefallenen Engel, den Geist aus dem Abgrund, an den <term type="Sachen" key="Satan">Satan</term> oder <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term>. Heutzutage ist es eine missliche Sache geworden, vom <term type="Sachen" key="Teufel, Rede vom T. heute eine missliche Sache">Teufel</term> zu reden. In Predigten und religiösen Ansprachen wird er nur noch selten und vorsichtig genannt. Wie ich gehört habe, hat jüngst in einer schweizerischen Kirchenbehörde sogar eine Abstimmung stattgefunden darüber, ob der Teufel in einer amtlichen Druckschrift verkommen dürfe oder nicht. Manche Leute und Kreise haben ihn förmlich <term type="Sachen" key="Teufel, heute förmlich abgeschafft">abgeschafft</term>, meinen Wunder, was sie damit für eine <term type="Sachen" key="Teufel, Abschaffung des T. als Heldentat der Aufklärung">Heldentat</term> von <term type="Sachen" key="Aufklärung">Aufklärung</term> vollbracht hätten, und merken nicht, wie sie damit ihrer selbst spotten. Wieder Andre haben sich dann für den Teufel zur Wehr gesetzt, als ob mit ihm die heiligsten Güter des <term type="Sachen" key="Glaube, heiligste Güter des Gl.">Glaubens</term> bedroht wären. Ich denke nicht daran, mich in eine Streiterei darüber einzulassen. Wir haben hier Wichtigeres zu tun. Wohl aber möchte ich erinnern an das, was <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, der auch ziemlich aufgeklärt war, einmal über die Abschaffung des <term type="Sachen" key="Teufel, Abschaffung">Teufels</term> gesagt hat:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Er ist schon lang ins Fabelbuch geschrieben;</l>
                            <l>Allein, die Menschen sind nichts besser dran,</l>
                            <l><hi rend="italic">Den</hi> Bösen sind sie los, <hi rend="italic">die</hi> Bösen sind geblieben.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 2507–2509 (Hexenküche)</bibl>; i. Orig. nicht hervorgehoben.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Es wird wohl so sein, dass es sich beim <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> um eine Tatsache handelt, der man wohl in verschiedenen Zeiten verschiedene Namen geben kann, die aber als Tatsache nicht abzuschaffen ist. Ob man sagt: <hi rend="italic">der</hi> Böse oder <hi rend="italic">die</hi>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, der Böse und die Bösen">Bösen</term> oder <hi rend="italic">das</hi> Böse. Bös bleibt Bös, die Tatsache ist <pb xml:id="p319" ed="pga"/> da, und so können wir mit oder ohne Teufel im Einklang mit den <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> aller Zeiten beten: Erlöse uns von dem Bösen!</p>
                <p> Aber wer oder was ist denn nun dieser <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, der Böse">Böse</term> oder dieses Böse, das wir damit meinen? Ich ging diesen Sommer einmal am Ufer eines Flusses und freute mich des schönen Morgens und der lieblichen Aussicht. Ich dachte eine schöne Stunde dort zu verleben. Aber kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen die Luft etwas erwärmt, so erhoben sich aus den sumpfigen Ufern des Flusses unzählige Fliegen, umgaben mich in dichtem Schwarm, setzten sich mir ins Gesicht und auf die Hände und ließen mir keine ruhige Sekunde mehr, bis ich endlich zornig wegging. Wie ich da so mit diesen unverschämten Tieren kämpfte, kam es mir plötzlich in den Sinn, dass die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> zur Zeit Jesu den <term type="Sachen" key="Teufel, Beelzebub">Teufel</term>
                    <hi rend="italic">Beelzebub</hi>, zu deutsch <hi rend="italic">Fliegenbeherrscher</hi>, nannten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.24">Mt. 12,24</ref>], und ich verstand auf einmal, wie treffend und sinnreich doch dieser Name war. Ja, da haben wir ein Bild des Bösen, wie es leibt und lebt, wenn wir es uns vorstellen wie einen Schwarm von Fliegen, der sich von allen Seiten zudringlich an uns heranmacht, der unermüdlich immer wieder kommt, der durch die Masse kleiner Belästigungen wirkt. Und wie die Fliegen mir an jenem Morgen die Stimmung verdorben haben – was mir freilich nicht hätte passieren sollen –, so verdirbt uns das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> das Leben, indem es uns innerlich nie zur Ruhe kommen lässt. Es ist die Störung des schönen Morgens, es ist der Krieg im Frieden, der Tintenklecks in einem saubern Buche, es ist die scheinbar unermüdliche Nachtseite des Lebens, die uns dies Leben oft zu verleiden droht. Wir meinen oft zu Zeiten, es sei verschwunden, und zu andern Zeiten wohl gar, wir hätten es beseitigt und gefesselt, aber dann müssen wir nachher umso empfindlicher spüren, dass es lebt, oft gerade in unsern göttlichsten Augenblicken und Stunden, dass es lebt, überall und nirgends, in uns selber und in den andern Menschen, als der Feind <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Feind Gottes">Gottes</term>.</p>
                <p> Weil es so ist, darum redet auch das Gebet des <term type="Sachen" key="Unser Vater">Herrn</term> offen und ehrlich von ihm: <hi rend="italic">Erlöse uns von dem Bösen!</hi> Es ist gut, dass es offen und ehrlich genannt wird. Es wäre nicht gut, wenn wir beten würden für Gottes heiligen Namen, für sein Reich, für das Geschehen seines Willens, für das tägliche Brot aus seiner Hand, für die Vergebung der Schulden und den siegreichen Kampf mit der Versuchung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.13">Mt. 6,9–13</ref>], es wäre nicht gut, so zu beten, ohne dabei der Tatsache zu <pb xml:id="p320" ed="pga"/> gedenken, dass es eine Macht gibt in uns und den andern Menschen, die will die Erfüllung aller dieser Gebete aus Leibeskräften <hi rend="italic">hindern.</hi> Es hat zu allen Zeiten wohlmeinende Menschen gegeben, die meinten es besser zu machen, indem sie gutmütig oder vornehm so taten, als ob das Böse gar nicht da wäre. Sie sagten den Andern eben, sie sollten nur <term type="Sachen" key="Vertrauen, zu Gott">Vertrauen</term> haben zu Gott oder zu der Güte ihrer eigenen <term type="Sachen" key="Mensch, Güte der menschlichen Natur">Natur</term>, dann brauchten sie an das Böse gar nicht zu denken. Das kann sehr wohlmeinend und fromm gesagt sein, aber es steckt doch eine Täuschung dahinter. Jawohl, wir dürfen und sollen Vertrauen haben zu Gott und zu dem Guten, für das wir unsrer Natur nach angelegt und bestimmt sind, und wir dürfen in solchem Vertrauen dem Bösen trotzen. Aber dem Bösen <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, dem B. trotzt man nicht in vornehmer Gleichgültigkeit">trotzen</term>, heißt nicht: tun, als ob es nicht da wäre, und das Vertrauen zu solchem Trotz gewinnt man nicht in gutmütiger und vornehmer Gleichgiltigkeit gegen den Feind, sondern im scharfen Kampf mit dem Feind. An diesen Kampf erinnert uns die letzte Bitte Jesu: Erlöse uns von Bösen!, die wir in seinem Gebet nicht vermissen möchten, gerade weil sie uns so menschlich und natürlich aus dem Herzen geredet ist.</p>
                <p>Aber nun muss gleich noch etwas Anderes betont werden: Die Bitte: Erlöse uns von dem Bösen!, so wichtig und umfassend sie ist, ist von allen Bitten Jesu <hi rend="italic">die letzte.</hi> Jesus hat also nicht angefangen: Unser Vater im Himmel! Erlöse uns von dem Bösen! Das ist wichtig. Es gibt viele Christen, bei denen fängt nicht nur das Gebet, sondern ihr ganzes Christentum an mit diesem Gedanken. Und das gibt dann so ein merkwürdiges <term type="Sachen" key="Christentum, ein aus Angst vor dem Bösen bestehendes Chr. ist ein merkwürdiges Chr.">Christentum</term>, das so anfängt. Ein Christentum, das aus lauter Angst vor dem Bösen besteht und aus lauter Kampf mit dem Bösen, als ob das unsre eigentliche Aufgabe in der Welt wäre, das Böse zu <term type="Sachen" key="Christen, Hauptaufgabe ist nicht das Bestreiten des Bösen">bestreiten</term>, und nicht vielmehr die, uns des Guten zu freuen und das Gute aus allen Kräften zu <term type="Sachen" key="Christen, Hauptaufgabe ist die Verbreitung des Guten">verbreiten</term>. Es ist ja so leicht begreiflich, wie man auf diesen irrtümlichen Weg gelangen kann. Man hat vielleicht auch einmal seine Zeit gehabt, wo man sich des Guten und Schönen freute als eines göttlichen Geschenkes und wo man ein Christ sein wollte, weil man Freude am <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> und Schönen hatte. Aber dann hat man Enttäuschungen durchgemacht: mit seinen eigenen Kräften, mit den andern Menschen, mit der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> überhaupt, man hat das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> kennengelernt, und nun verschob sich das Bild vom <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, das man sich machte, immer mehr. Man wollte festhalten an Gott, aber die <pb xml:id="p321" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Freude, an Gott">Freude</term> an Gott verseierte<note xml:id="n02">«Verseiern» ist eine heute nur noch wenig gebräuchliche mundartliche Abwandlung von «versiegen», «austrocknen». Zieht man den Umstand in Betracht, dass in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> deutscher Schreibschrift einige Buchstaben nicht immer völlig eindeutig voneinander zu unterscheiden sind, könnte auch gelesen werden: «versauerte».</note>, wenn ich so sagen darf, man hatte nicht mehr Freude an Gottes guten <term type="Sachen" key="Gott, gute Werke">Werken</term>, sondern Freude am Kampf gegen das Böse, und um dieser seiner Freude willen war man jetzt Christ. Es gibt so Viele, die eine solche innere Entwicklung durchgemacht haben, und wenn die Bitte: Erlöse uns von dem Bösen! uns Allen aus dem Herzen kommt, so kommt ihnen <hi rend="italic">nur</hi> diese aus vollem Herzen. Die Angst vor dem Bösen, der Kampf dagegen, die Flucht davor, das sind Angelegenheiten, die sie verstehen und bei denen sie dabei sind. Es ist ein <term type="Sachen" key="Christentum, unglückliches Chr. besteht aus Misstrauen">Christentum</term>, das vor Allem immer im Misstrauen besteht gegen alles mögliche Unrecht, das man meint wahrzunehmen in seinem eigenen Jammer, aber dann und erst recht auch bei den andern Menschen. Mit diesem Misstrauen plagt man dann sich selbst und die andern Leute, man ist unglücklich dabei und weiß doch nicht, wie sich davon befreien. Man betet: Erlöse uns von dem Bösen!, aber man vergisst, dass man diese Bitte nicht <hi rend="italic">allein</hi> beten kann, dass sie sich nur erfüllt, wo man vorher rechtschaffen an Gottes Willen und Reich und ans tägliche Brot gedacht und darum gebetet hat. |</p>
                <p>Muss ich erst noch sagen, warum dies Christentum nicht das rechte ist? Aus drei Gründen: man macht sich damit <hi rend="italic">erstens</hi> die Sache viel zu leicht. Die Christen, die nur über das Böse in der Welt klagen und dagegen eifern können, das sind immer <term type="Sachen" key="Christen, klagende und eifernde">Enttäuschte</term>, sagte ich. Sie sind irgendwie irre geworden am <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> in der Welt und bei den Leuten und in sich selbst, sie getrauen sich auch nicht mehr recht, an den Sieg des Guten zu glauben und dafür einzutreten. Und nun begnügen sie sich, sich über das Böse zu verdrießen. Sie fragen bei allen Menschen und allen Dingen, mit denen sie zu tun haben, zuerst: was ist ungut daran? Etwas Ungutes finden sie dann natürlich überall, und so gehen sie ärgerlich durch die Welt und meinen, Gott einen Dienst damit zu tun. Ich sage: Das ist das rechte Christentum nicht, weil man es sich dabei viel zu leicht macht. Es ist nämlich viel schwerer, für das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute Einsatz für das G ist schwerer als der Kampf gegen das Böse">Gute</term> einzutreten als gegen das Böse zu kämpfen. |</p>
                <p><pb xml:id="p322" ed="pga" rend="noPipe"/><hi rend="italic">Zweitens</hi> aber ist die gewaltige Gefahr bei dieser Art die, dass man sich auf das Gröblichste täuscht über das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term>, gegen das man sich ereifert. Um das Böse zu erkennen, muss man zuerst gebetet haben: Dein Wille geschehe! Sonst passiert es uns, und das passiert uns sehr oft, dass wir als das Böse das bekämpfen, was nicht gerade unser Wille ist. 90 von 100 von allen Klagen, die wir über die «Bosheit» unserer Menschen führen, gehören hieher. Und weiter: wie viel von dem, was wir als böse ansehen in den Gedanken und Handlungen der Andern, würde ein ganz andres Aussehen gewinnen, wenn wir nicht das kindliche Vorurteil hätten, unsre kleinen Begriffe über Gut und Böse seien auch die Begriffe, die Gott davon hat. Wie kann man oft gerade ältere Leute klagen hören, wir lebten in einer bösen <term type="Sachen" key="Welt, böse">Welt</term>, und das, was sie böse nennen, besteht doch nur darin, dass allerlei anders geworden ist seit 50 Jahren. <hi rend="italic">Anders</hi>, als gerade du es gewohnt bist, ist noch lange nicht <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, anders ist noch lange nicht böse">bös</term>, <hi rend="italic">modern</hi> z. B. ist noch nicht <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, modern ist nicht gleich böse">bös</term>, und auch, was dir unbegreiflich ist, ist deswegen noch nicht <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, uns Unbegreifliches ist deshalb noch nicht böse">bös</term>.</p>
                <p><hi rend="italic">Drittens</hi> und vor Allem aber täuscht man sich schlimm über sich selber, wenn man so das Unser <term type="Sachen" key="Unser Vater">Vater</term> umkehrt und innerlich lebt vom Gegensatz zum Bösen. Denn wer kritisiert und bekämpft, der muss selbst auf einem festen Boden stehen. Und das tut der, der rechtschaffen betet um das, was in den vorangehenden Bitten des Unser Vater steht. Wer mit Gott geredet hat über all jene Dinge und wer darüber mit sich selbst geredet hat, der hat dann auch klare Erkenntnis des Bösen und weiß, was er meint, wenn er Gott bittet: Erlöse uns davon! Aber wer <hi rend="italic">nur</hi> ans Böse denkt, der hat eben keinen festen Boden, um wahr und klar über das Böse zu <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Klarheit über das B. nur auf dem Boden des Guten">denken</term>. Sein Kritisieren und Kämpfen, so gut es gemeint sein mag, wird ihm zum Schaden. Denn nicht nur streitet er gegen Dinge, die vielleicht gar nicht böse sind, sondern er merkt nicht, dass die wirkliche Bosheit auf seiner Seite ist. Er sieht den Splitter in des Bruders Auge und wird nicht gewahr des Balkens in seinem eigenen Auge [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.3">Mt. 7,3</ref>]. Wir müssen ja nicht meinen, dass das damit anders werde, dass wir beim Klagen über das Böse und über die Bösen rasch hinzufügen: ich bin auch ein <term type="Sachen" key="Sünde">Sünder</term>, wir haben alle unsre Fehler, usf. Das macht eine faule Sache nicht besser. Es bleibt dabei, dass wir nach Gottes <term type="Sachen" key="Ordnung, Gottes">Ordnung</term> erst zuletzt um die Erlösung vom Bösen zu beten haben. Und das ist nicht nur eine Ordnung des <term type="Sachen" key="Gebet">Gebets</term>, sondern eine Ordnung unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>.</p>
                <p><pb xml:id="p323" ed="pga" rend="noPipe"/>Wenn wir gebetet haben um all das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, das Jesus uns bei Gott suchen heißt, wenn wir unsre <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> erhoben haben in die herrliche Welt, in die diese Bitten uns hineinblicken lassen, und wenn unsre Hände an der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> sind, um das zu fördern, worum wir bitten, <hi rend="italic">dann</hi> darf und soll über unsre Lippen der Seufzer kommen: Ach ja Herr, wir suchen wohl, was du uns schenken willst, und wir möchten es wohl in Empfang nehmen. Aber sieh, da<note xml:id="n03"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «das».</note> ist etwas, das hindert uns am rechten Sehen deiner Geschenke und hindert uns erst recht am Empfangen, und dies Hindernis ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term>. Das Böse lässt es nicht zu, dass dein Name bei uns geehrt werde, dass wir würdig seien, deine Kinder zu heißen. Das Böse lässt es nicht zu, dass dein <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> komme, dass dein Regiment Platz greife in unserm Leben. Das Böse ist da als ein <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Gegenwille">Gegenwille</term>, der es nicht zulässt, dass dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Das Böse tritt zwischen dich und uns, wenn du uns unser tägliches Brot geben willst, so dass wir essen, doch nicht satt werden, weil, was wir essen, nicht deine Gabe ist. Das Böse hindert uns, unsern <term type="Sachen" key="Schuldiger">Schuldigern</term> zu vergeben, und weil wir nicht vergeben, haben wir auch keine Vergebung. Und das Böse lässt uns die Versuchung nicht bestehen, sondern in die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> hineinfallen. Wir empfinden und erfahren gerade, wenn wir tief und ernstlich beten, dass eine Kraft und Macht da ist, die schafft <hi rend="italic">gegen</hi> das <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term>, die ist vorhanden in uns und um uns oft wie ein verborgener Felsgrund, der den aufgehenden Samen an der Sonne verdorren lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.8.6">Lk. 8,6</ref>], oft wie loderndes Feuer, das unsre Gedanken heiß und schwül macht, oft wie ein mächtiger Wasserstrom, der alles Andre mit sich fortreißt. Je tiefer wir eindringen in die Wunder göttlichen Lebens, desto aufdringlicher macht diese Kraft sich geltend. Herr, erlöse uns davon! Erlöse uns von dem Bösen!</p>
                <p> Was ist <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">böse</term>? Wir wollen keine weitschweifige Beschreibung machen. Sondern wenn wir in kurzen Strichen das Bild dessen zeichnen wollten, was uns hindert an der Erfüllung unsrer Gebete, dann würde es etwa so aussehen: Dieses Hindernis ist vor Allem <term type="Sachen" key="Faulheit">immer</term>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Faulheit"><hi rend="italic">Faulheit</hi></term>. Um mit Gott zu leben, muss man aufstehen, muss heraus aus allerlei Gewohnheiten des Denkens und Handelns, und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Gegen dies Aufstehen wehrt sich etwas Zähes, <pb xml:id="p324" ed="pga"/> Schleimiges in uns. Es will nicht mit, sondern es will liegenbleiben. Dieses Zähe, Klebrige ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, etwas Zähes und Klebriges in uns">Böse</term>. O wie oft haben wir es gespürt in unserm Innern, wenn es einen Schritt vorwärts gehen sollte mit uns, wie wir dann blöde die Augen aufschlugen, um sie gleich wieder zu schließen, weil wir zu faul waren. O wie oft kann man es spüren, wenn im öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Leben</term> etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> sich durchsetzen möchte, vielleicht in Erziehungsfragen oder in hygienischen Dingen, vielleicht dass es sich um einen sozialen Fortschritt handelt oder um eine Vertiefung und Verfeinerung religiöser Ansichten. Da ist es doch so oft, wie wenn sich ein Riese in seinem Bett auf die andre Seite wälzte. Es ist, als ob man ein ungeheures Gähnen hörte durch alle Zeitungen und durch alle Gespräche der Leute: Lasst uns in Ruhe! In meiner Jugend hat man davon noch nichts gewusst und wir leben auch noch! Wir wollen nicht! Das ist die <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term>. Und das ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Faulheit">Böse</term>, denn das ist der radikale Gegensatz vom Geist des Unser <term type="Sachen" key="Unser Vater">Vaters</term>. Das ist der <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term>, wenn man’s denn so ausdrücken will.</p>
                <p> Zweitens ist das Böse <term type="Sachen" key="Lüge">immer</term>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Lüge"><hi rend="italic">Lüge</hi></term>. Mit Gott kann man nicht anders reden und leben denn in der tiefsten Wahrhaftigkeit. Man muss sich da ganz wahr und klar eingestehen, was er von uns will, und ganz wahr und klar sein in der Beurteilung der eigenen Kräfte. Aber mit dieser Wahrhaftigkeit braucht man nur einmal ernst gemacht zu haben, um zu erfahren, wie stark die Gegengeister sind in unserm Innern. Nach der Erzählung am Anfang der Bibel fing die <term type="Sachen" key="Sünde, des ersten Menschenpaares">Sünde</term> des ersten Menschenpaares damit an, dass sie räsonierten: Sollte Gott gesagt haben? [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.1">Gen. 3,1</ref>] Damit war die Lüge da. Wir verändern den <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Willen</term>, die Gebote <term type="Sachen" key="Gebot, Gottes G.">Gottes</term> solange, bis sie uns passen, und erfüllen sie dann mit der gewichtigen Gebärde des wahren Gottesdienstes. So haben die alten <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israeliten</term> Rinder geopfert und Feste gefeiert, statt Gerechtigkeit zu üben am Nachbarn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.5.21 Am.5.24">Am. 5,21–24</ref>]. So haben die <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> zur Zeit Jesu die Hände gewaschen zur Ehre Gottes, statt der Witwen Häuser zu schonen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.11.37 Lk.11.39">Lk. 11,37–39</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.20.46 Lk.20.47">20,46f.</ref>]. So haben sich die Christen aller Zeiten ereifert für die reine <term type="Sachen" key="Lehre, reine L. des Glaubens">Lehre</term> des Glaubens, statt Liebe am <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Bruder</term> zu üben. So haben wir heute ein <term type="Sachen" key="Kirche, Kirchenwesen">Kirchenwesen</term>, das immer noch überreich ist an allerlei geschäftlichen, formellen, juristischen, feierlichen Dingen, denen man den Gesamttitel: religiöses und kirchliches <term type="Sachen" key="Leben, religiöses und kirchliches">Leben</term> gibt<note xml:id="n04">In bestimmten Abständen wurde damals in einigen Kantonalkirchen, so etwa in <placeName ref="kbga-places-233">Bern</placeName>, ein «Bericht über das religiöse, kirchliche und sittliche Leben» veröffentlicht; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-511"><persName ref="kbga-actors-2994">C. Stuckert</persName>, <hi rend="italic">Kirchenkunde der reformierten Schweiz</hi> (Studien zur praktischen Theologie, 4/2), Gießen 1910, S. 163</bibl>. Zu den entsprechenden Berichten aus dem <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> – im dafür von den Pfarrern zu beantwortenden Fragenkatalog war der Abschnitt «Religiöses und sittliches Leben» enthalten – vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p718#fn_n03">S. 718, Anm. 3</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-311">V.u.kl.A. 1914–1921, <ref type="pub-" target="../volume/48/p702#p702">S. 702–716</ref></bibl>.  Die Rede vom «religiös-kirchlichen Leben» o. ä. war jedoch im Blick vor allem auf Kasualien und sonstige kirchliche Vollzüge zeitgenössisch durchaus üblich und weit darüber hinaus verbreitet.</note> und die doch mit dem Fortschreiten des <pb xml:id="p325" ed="pga"/> Geistes <term type="Sachen" key="Gott, Geist">Gottes</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> nur auch gar nichts zu tun haben. Das sind Lügen. Und was sollen wir erst reden von den <term type="Sachen" key="Lüge">Lügen</term>, die wir uns leisten, wenn es sich um uns selbst und unser Können handelt, wie wir das eine Mal fälschlich stark auftreten und das andre Mal fälschlich bescheiden, nur nie so, wie wir wirklich sind. Wie wir uns hinaufschrauben lassen in unserm Selbstvertrauen und dann wieder hinunter, statt stracks unsern Weg zu gehen, auf das Rechte vertrauend und für das Rechte schaffend! Das ist Lüge. Und das ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Lüge">Böse</term>. Das ist <hi rend="italic">der</hi>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, der Böse">Böse</term>. Jedenfalls das, was Gott entgegensteht. Denn Gott ist die <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term>.</p>
                <p> Der dritte Zug im Bilde des Bösen ist <term type="Sachen" key="Diebstahl">der</term>
                    <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Diebstahl"><hi rend="italic">Diebstahl</hi></term>. In unserm Verhältnis zu Gott und den Menschen sind wir Alle Verwalter. Alles Gute, was wir haben können, haben wir nicht für uns selbst, nicht für unsern Privatgebrauch, sondern um damit zu helfen und zu dienen. Und nun besteht das Böse oder der Diebstahl darin, dass wir uns das von Gott Anvertraute aneignen, als wäre es unser. Das machen wir alle Tage, ohne uns viel dabei zu denken. Es gehört auch zu dem Bösen, das wir erst scharf erkennen, wenn wir uns den Blick und das <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> haben schärfen lassen für unsre Aufgaben, wie es eben im Unser <term type="Sachen" key="Unser Vater">Vater</term> geschieht. Dann entdecken wir, wie wir dem lieben Gott ein kostbares anvertrautes Gut <term type="Sachen" key="Diebstahl, an Gott">stehlen</term>, nämlich die <term type="Sachen" key="Zeit, von Gott anvertrautes Gut">Zeit</term>, wie wir Tag für Tag und Monat für Monat zubringen, ohne innerlich vorwärts zu kommen, ohne etwas Nützliches zu leisten. Das ist nicht nur eine Unterlassung, das ist Diebstahl, denn vor Gott ist jede Minute wertvoll. Es kann die <term type="Sachen" key="Ewigkeit, in jeder Minute kann die E. sein">Ewigkeit</term> darin sein. Wir entdecken dann weiter, wie wir Diebe sind an den uns anvertrauten Gaben und Kräften. Jedes von uns hätte mit den seinen sein bestimmtes Pöstlein in der großen Haushaltung Gottes. Stattdessen lassen wir sie liegen oder wir brauchen sie, <pb xml:id="p326" ed="pga"/> um damit Schaden zu stiften. Und wie sind wir erst Diebe an unsern <term type="Sachen" key="Diebstahl, an den Mitmenschen">Mitmenschen</term>, die von uns vielfach so Großes erwarten und denen wir dann nur so wenig sind. Wie halten wir zurück mit der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, die wir ihnen schuldig sind, und mit der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, die wir ihnen machen sollten. O wenn wir Alles herausgeben und verarbeiten und verwerten würden, was Gott uns hat zuteilwerden lassen in unserm Leben an Sonnenschein, an Erkenntnis, an ernsten Erfahrungen und an Erweisen seiner Freundlichkeit, wenn wir herausrücken würden mit unsern Schätzen, um unsre Brüder zu speisen und die Welt ein klein wenig besser zu machen, wie ganz anders würde es in unsrer Umgebung aussehen. Aber das tun wir eben nicht, wir halten zurück damit, wir <term type="Sachen" key="Leben, für uns statt für Gott">leben</term> so oder so für uns statt für Gott. Wir sind <term type="Sachen" key="Diebstahl">Diebe</term>. Das ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, das B. ist Diebstahl">Böse</term>. –</p>
                <p>Ich will nicht <hi rend="italic">mehr</hi> sagen zu seiner Beschreibung. Aus den Grundzügen, die ich genannt, folgt Alles Andre, das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">böse</term> ist. Ich habe nicht besondere Fehler und Laster genannt, sondern einfach die <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Grundzüge des B.">Grundzüge</term>, die wir aus unserm eigenen Leben kennen und die auch den Besten nicht fehlen. Sie sind nicht äußerlich sichtbar, aber innerlich wirksam. Es ist die innere <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term>, die innere <term type="Sachen" key="Lüge">Lüge</term>, es ist der <term type="Sachen" key="Diebstahl">Diebstahl</term>, den keine Polizei fassen kann. Aber gerade weil sie innerlich sind, sind sie so folgenschwer. Gerade darum haben wir hier das Böse vor uns, das wir meinen, wenn wir Gott bitten: Erlöse uns von dem Bösen!</p>
                <p> Die Erlösung von dem <term type="Sachen" key="Böses / das Böse Erlösung vom B. ist die Erfüllung des Guten">Bösen</term> ist die Erfüllung all des Guten, um das wir vorher gebeten haben. Wir dürfen bei dieser letzten Bitte ja nicht denken, dass <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term>, <term type="Sachen" key="Lüge">Lüge</term> und <term type="Sachen" key="Diebstahl">Diebstahl</term> einfach so aus unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> verschwinden und einen leeren Raum hinter sich lassen sollen, etwa wie wenn wir mit Sack und Pack aus unsrer Wohnung ausziehen. Das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, marschiert nicht einfach ab">Böse</term> ist ein Feind, der nicht einfach abmarschiert, sondern der aus seiner Stellung hinausgedrängt werden muss durch einen stärkeren <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, muss durch einen stärkeren Gegner verdrängt werden">Gegner</term>. Dieser stärkere Gegner ist das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, stärkerer Gegner des Bösen">Gute</term>, das in unser Leben eindringt, die Ehre <term type="Sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, der Wille <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term>, die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> fürs tägliche Brot, die <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> der Schulden, der Sieg in der <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>. Wir haben jetzt in einer ganzen Reihe von Predigten davon geredet, wie man sich diese Kräfte aneignet und zunutze macht.<note xml:id="n05">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p241#p241">S. 241-283</ref>.<ref type="pub" target="../volume/51/p298#p298">298-317</ref>, die vorangehenden sechs Predigten zu den Unser Vater-Bitten, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> – mit einer Unterbrechung durch die Bettagspredigt – seit dem <date when="1911-08-13">13. August 1911</date> gehalten hatte.</note> Die Erlösung vom Bösen ist nun die Rückseite von <pb xml:id="p327" ed="pga"/> alldem. Wenn all das geschieht und kommt, worum wir gebetet, dann geht das Böse. So ist diese letzte Bitte wie ein starker Strich unter alle vorhergehenden. Wir bekennen damit: Herr, es fehlt uns viel von dem, was wir erreichen sollten. Wir möchten wohl gehen, aber wir sind müde. Gib uns Kraft, die Müdigkeit zu überwinden! Erlöse uns von dem Bösen!</p>
                <p>Die Erlösung von dem Bösen haben die Menschen nicht erlebt, solange ihnen bloß gesagt wurde: ihr sollt dies nicht tun und jenes lassen! Denn es ist böse! Da konnte der Feind wohl auf Augenblicke weichen, aber er kehrte wieder zurück in den leeren Raum, wenn die Drohung vorbei war. Da waren die Menschen abwechselnd eingeschüchtert und übermütig, wie man es bei den Kindern sehen kann in manchen Häusern, wo ungeschickt erzogen wird. Die <term type="Sachen" key="Propheten, Israels Pr. waren keine Erlöser">Propheten</term> Israels und die <term type="Sachen" key="Philosophen, griechische Ph. waren keine Erlöser">Philosophen</term> <placeName ref="kbga-places-812">Griechenlands</placeName> sind den Menschen keine Erlöser geworden, so gewaltig sie mit dem Feind gekämpft haben. Die Erlösung vom Bösen haben sie erlebt, als sie einmal rein und unzweideutig einen <hi rend="italic">guten</hi> Menschen kennenlernten. Das hat gewirkt, mehr als alle Verbote und Drohungen. Das war die Erlösung durch Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, erlebte Erlösung durch den unzweideutig guten Menschen">Christus</term>. In ihm spürten sie eine Kraft, die unaufhaltsam das Böse aus ihnen hinausdrängte. Das war so, weil er getrieben war nicht von der Angst und der Abneigung vor dem Bösen, sondern von der Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, getrieben von der Liebe Gottes">Gottes</term>. Die Dunkelheit ist schlechterdings auf keine andre Weise zu vertreiben als dadurch, dass es <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> wird.</p>
                <p>Meine Freunde! So wollen wir, wenn wir unter den Störungen des <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> seufzen in unserm eigenen <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> und im Leben der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, nicht über das Böse klagen, sondern auf diesen Jesus sehen und ihn auf uns wirken lassen. Er ist das <term type="Sachen" key="Jesus Christus, das Licht, das die Dunkelheit bricht">Licht</term>, das die Dunkelheit bricht. Und wenn wir betend unsre Hände erheben um Erlösung vom Bösen, soll das heißen, dass wir diese Hände ausstrecken nach den Kräften des ewigen <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Lebens</term>, dass wir sie durch uns hindurchgehen und zu den Menschen reden lassen. Wir wollen es dann machen, wie Er es gemacht hat, wir wollen das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> überwinden, indem wir das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> tun. Dann <pb xml:id="p328" ed="pga"/> gehen wir der Erlösung entgegen. Und dann kommt der erlösende <term type="Sachen" key="Erlösung, der erlösende Gott kommt uns entgegen">Gott</term> uns entgegen.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-94">Nr. 39: «Aus meines Herzens Grunde», nach <persName ref="kbga-actors-8801">G. Niege</persName>, Strophen 1 u. 2 (RG 564; EG 443 [jeweils mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-224">Nr. 234: «Aus irdischem Getümmel» von <persName ref="kbga-actors-3970">K. J. Aschenfeldt</persName>, Strophen 1–3.</bibl>
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</TEI>
