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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 8,34.36</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 8,34.36, 7. Mai 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51012 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 143–157.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 8,34.36</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">143–157</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 8,34-36, 7. Mai 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1508">KBA 1043</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-05-07">Sonntag, den 7. Mai 1911</date> 
                        <lb/>(Jubilate)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.34">Johannes 8,34.</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.36">36</ref>
                            <quote>
                                Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
                                <lb/>So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p> Vor acht Tagen, als eben die Wogen der Erregung wegen des <placeName ref="kbga-places-1446">Kursaals</placeName> am Höchsten gingen,<note xml:id="n01">Im <date when="1911-04">April 1911</date> hatte der Schweizer <orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrat</orgName> die Schließung des «Cercle des Ètrangers» im Genfer <placeName ref="kbga-places-1446">Kurhaus</placeName> angeordnet, weil dort entgegen dem Spielbankverbot der Schweizer Bundesverfassung Glücksspiele stattfanden; gegen diese Entscheidung erhob sich in der Genfer Bevölkerung, aber auch in den höchsten politischen Kreisen der Stadt, ein Sturm der Entrüstung. Die Vorgänge und Reden, auf die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Folgenden Bezug nimmt, sind ausführlicher geschildert in zwei Artikeln, die er dazu für die «<orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName>» und das «<orgName ref="kbga-actors-4787">Kirchenblatt für die reformierte Schweiz</orgName>» geschrieben hat: <bibl corresp="kbga-bibls-1667"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Pour la dignité de Genève</hi>, in: V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p310#p310">S. 310–319</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1668">ders., <hi rend="italic">Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche</hi>, in: a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p320#p320">S. 320–328</ref></bibl>.</note> hat die bekannte hiesige Zeitung «<orgName ref="kbga-actors-10321">Le Genevois</orgName>» einen Artikel gebracht,<note xml:id="n02">Ein Abdruck des Artikels <bibl corresp="kbga-bibls-5251"><hi rend="italic">Le règne de Tartufe</hi> (gez.: Trilby) findet sich a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p323#p323">S. 323</ref></bibl>.</note> dessen Inhalt ich euch in Kürze mitteilen will. «Kann man von einer Kuh den Gesang der Nachtigall erwarten?», hieß es da. «Oder kann man einen Vogel melken? Ebenso wenig darf man vom Menschen ein moralisches Leben verlangen. Es liegt nun einmal in seiner Natur die Neigung zum <term type="Sachen" key="Alkohol">Alkohol</term>, zur <term type="Sachen" key="Sinnlichkeit">Sinnlichkeit</term> und zum <term type="Sachen" key="Spiel, Hazard">Hazardspiel</term>. <foreign xml:lang="fre">Que voulez vous y faire?</foreign><note xml:id="n03">Wörtliches Zitat aus dem in der vorigen Anmerkung genannten Artikel Trilbys, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier ansonsten in einer freien Übersetzung wiedergibt.</note> Es ist so. Die übergroße Mehrzahl der Menschen will<note xml:id="n04"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «wollen».</note> nun einmal nichts davon wissen, dass man sich das Leben versauern müsse, um am Tag nach seinem Tod mit der Freude anzufangen. Die sogenannten moralischen Gesetze haben immer nur dazu gedient, diesen Tatbestand zu verschleiern. Moralisch leben würde nur heißen, seinen Neigungen im <pb xml:id="p144" ed="pga"/> Geheimen zu frönen. Wir sind eben nur zur Heuchelei fähig. Und darum heißt <term type="Sachen" key="Moral">Moral</term> predigen nichts Anderes, als uns zu immer ärgeren Heuchlern zu machen. Mehr kommt bei der Moral und dem Predigen nicht heraus.» – |</p>
                <p>Man kann dem Mann dankbar sein, dass er so deutlich geredet hat. Was er geschrieben hat, ist aber auch sonst bemerkenswert. Er anerkennt zuerst gleichsam ganz von Weitem, dass ein Leben, nach den sittlichen <term type="Sachen" key="Gesetze, sittliche">Gesetzen</term> eingerichtet, an sich denkbar und lebenswert wäre. Aber dann fügt er rasch hinzu: Lasst uns in Ruhe damit, wir kommen tatsächlich ohne Wein, Weib und Spiel doch nicht aus und wollen lieber das eingestehen, als <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Sittlichkeit</term> heucheln. Ich sage, das heißt deutlich und mit einer gewissen erfreulichen Ehrlichkeit geredet, wie es nicht immer der Fall ist bei denen, die für Interessen und Instinkte von der Art kämpfen, wie sie der «<orgName ref="kbga-actors-10321">Genevois</orgName>» und seine Freunde von der Gasse damals vertreten haben. Aber ich weiß einen andern Mann, der in jenen Tagen noch einen Schritt weiter gegangen ist. Aus dem Munde des höchsten Magistrats unsres Kantons<note xml:id="n05">Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-4884">Jules Perréard</persName> (1862–1930); 1905–1913 Genfer Großrat, 1906–1912 Regierungsrat, 1911 Präsident des Regierungsrates.</note> konnte man inmitten von 8000 beifalltobenden Menschen den Standpunkt vertreten hören, es handle sich in dem Kampf für <term type="Sachen" key="Tingeltangel">Tingeltangel</term> und <term type="Sachen" key="Spiel, Rösslispiel">Rösslispiel</term> nicht nur um die Interessen der vielleicht an sich ein wenig bedauerlichen Schwachheit der menschlichen <term type="Sachen" key="Menschheit, Schwachheit seiner Natur">Natur</term>, wie es jener Artikelschreiber hinstellt, sondern um das herrliche <hi rend="italic">Prinzip</hi> der <term type="Sachen" key="Freiheit"><hi rend="italic">Freiheit</hi></term> und des <term type="Sachen" key="Fortschritt"><hi rend="italic">Fortschritts</hi></term>. Diese Prinzipien seien erschüttert worden durch das Verbot des <term type="Sachen" key="Alkohol, Absinthverbot">Absinths</term>.<note xml:id="n06">Ein Absinth-Verbot war am <date when="1910-10-07">7. Oktober 1910</date> in allen Kantonen der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> in Kraft getreten; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2819"><persName ref="kbga-actors-4708">J. Grellet</persName>, Art. «Absinth», in: HBLS I, S. 71f.</bibl></note> Heute greife man uns den <foreign xml:lang="fre">Cercle des <term type="Sachen" key="Genf, Kursaal (Spielcasino)">étrangers</term></foreign><note xml:id="n07">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>.</note> an, morgen werde man uns mit Maßregeln gegen die öffentlichen Häuser kommen.<note xml:id="n08">In <hi rend="italic">Pour la dignité de Genève</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>) hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nach einem gleichnamigen Artikel aus der Genfer Zeitung <bibl corresp="kbga-bibls-5250">«La Suisse. Dernières Nouvelles de la Nuit» (Jg. 14, Nr. 101, 29.4.1911, S. 9)</bibl> folgenden Satz <persName ref="kbga-actors-4884">Perréards</persName> zitiert: «<foreign xml:lang="fre">demain nous aurons la question des femmes, car nous verrons reprendre la campagne pour la suppression des maisons de tolérance</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1667">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p316#p316">S. 316</ref></bibl>).</note> Gegen Alles das gelte es nun aufzustehen wie ein Mann. Also wieder diese Dreieinigkeit von <term type="Sachen" key="Alkohol">Alkohol</term>, <term type="Sachen" key="Spiel, Hazard">Hazard</term> und <pb xml:id="p145" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Sinnlichkeit">Sinnlichkeit</term>. Der «<orgName ref="kbga-actors-10321">Genevois</orgName>» erklärt sie als unvermeidliche Neigungen unsrer Natur, der Herr <term type="Personen" key="Perréard, Jules">Staatsratspräsident</term> stempelt sie zu bedrohten Heiligtümern eines freien Volkes. Man will nicht nur machen, was man will, sondern sieht die wahre <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und den wahren <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> darin, dass jeder immer mehr machen kann, was er will, während alle Einschränkung<note xml:id="n09"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «Einschränkungen»; von den Hrsg. in Angleichung an die Verben des Satzes geändert.</note> dieser <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> unserer hellen Zeiten unwürdig ist und in die finstere Epoche <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> gehört.</p>
                <p>Was haben wir dazu zu sagen, meine Freunde? Wir haben dazu zu sagen, was <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> dazu gesagt haben würde: <hi rend="italic">Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht, wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei</hi>. Wir wiederholen dies Wort nicht, weil es in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> steht, und auch nicht darum, weil wir als <term type="Sachen" key="Mômiers"><foreign xml:lang="fre">Mômiers</foreign></term><note xml:id="n10">«Mucker»; Spottname für die Anhänger der Genfer Erweckungsbewegung. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p312#fn_n07">S. 312, Anm. 7</ref></bibl>, und a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p321#p321">S. 321</ref>: «So hießen bis jetzt die Freikirchlicher und Pietisten – Stündeler würde man in der deutschen Schweiz sagen –, […].»</note>, und wie man uns sonst noch genannt hat, einmal gewöhnt sind, so zu reden, sondern weil in diesem Wort ein ewiges Gesetz des menschlichen <term type="Sachen" key="Gesetze, des menschlichen Lebens">Lebens</term> enthalten ist, gegen das man protestieren, lärmen, pfeifen und Brandreden halten und dem man sich doch nicht entziehen kann, weil es sich an den Menschen vollzieht mit derselben Exaktheit und Sicherheit, mit der es nach den Gesetzen der sichtbaren <term type="Sachen" key="Gesetze, der Natur">Natur</term> Herbst und Frühling wird.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Das Wort <term type="Sachen" key="Sünde">«<hi rend="italic">Sünde</hi>»</term> ist meines Wissens in den Kämpfen, die uns bewegt haben und noch bewegen, weder von der einen noch von der andern Seite gefallen. Und doch habe ich noch keine Angelegenheit des öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Lebens</term> hier oder anderswo erlebt, wo man mit solcher Bestimmtheit und Klarheit wie diesmal sagen konnte: es handelte sich um einen Kampf für oder gegen die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>. – |</p>
                <p> In andern Fällen sind oft <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> und <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term> wunderlich genug auf beide Seiten verteilt, so dass es einem anständigen und feinfühligen Menschen schwerfallen muss, Partei zu ergreifen, will er sich nicht selber einseitig und borniert vorkommen. Man vertritt in solchen Fäl<pb xml:id="p146" ed="pga" break="no"/>len seine Sache gegen Gegner, die man zwar als im Irrtum befindlich, aber als ehrenhafte und edelgesinnte Menschen beurteilen kann. Man kämpft in solchen Fällen mit dem stillen Bewusstsein, dass, unter einem bestimmten Gesichtspunkt gesehen, auch der Gegner Recht hat, man sagt sich vorsichtig: meine Ideen sind zwar <hi rend="italic">meine</hi> Wahrheit, aber nicht die <hi rend="italic">ganze</hi> Wahrheit. Man fühlt sich im letzten Grund mit dem Gegner einig darin, dass man mit ihm das Rechte will und streitet bloß um die richtige Form, das Rechte auszudrücken und durchzusetzen. Ich denke da besonders an Kämpfe auf geistigem Gebiet, an den Streit der sogenannten <term type="Sachen" key="Weltanschauungen">Weltanschauungen</term>, an die sogenannten <term type="Sachen" key="Atheismus / Atheisten">Atheisten</term>, <term type="Sachen" key="Materialismus / Materialisten">Materialisten</term> und <term type="Sachen" key="Ungläubige">«Ungläubigen»</term>, an Leute wie <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, mit denen sich mancher Pfarrer alle Sonntage meint herumschlagen zu müssen. Ich glaube nicht, dass dabei etwas Anderes herauskommt, als dass die Zuhörer das Gefühl bekommen: gottlob, ich bin weder ein <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> und <term type="Sachen" key="Sünder">Sünder</term> noch ein <term type="Sachen" key="Atheismus / Atheisten">Atheist</term> und <term type="Sachen" key="Ungläubige">Ungläubiger</term>, und dieses Gefühl ist jedenfalls im <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> nicht als christlich vorgesehen. Es handelt sich da um verschiedene Anschauungen, nicht um die Stellung zur ewigen <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewige">Wahrheit</term>. Denn diese Wahrheit ist keine Anschauungsweise, meine Freunde, sondern ein Zustand der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, eine Lebensrichtung. Es gibt sogenannte <term type="Sachen" key="Ungläubige, sogenannte">Ungläubige</term>, die diese Lebensrichtung haben, und es gibt sogenannte <term type="Sachen" key="Gläubige, sogenannte">Gläubige</term>, die sie durchaus nicht haben. – |</p>
                <p>In dem Fall dagegen, von dem wir reden, kann von einer bloßen Verschiedenheit der Anschauungsweise, von einem gleichberechtigten, eventuell besseren Gegner in keinem Sinn die Rede sein, sondern hier handelt es sich klipp und klar darum, was gelten soll in unserm <term type="Sachen" key="Leben, privates">privaten</term> und öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Leben</term>, die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> oder die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Es heißt jetzt nicht für oder gegen <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> und <persName ref="kbga-actors-150">Häckel</persName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-150">Ernst Haeckel</persName> (1834–1919), Zoologe, Philosoph und Freidenker, der über seine auf den Ideen <persName ref="kbga-actors-2013">Darwins</persName> beruhende Abstammungslehre die sozialethische Diskussion um 1900 stark beeinflusste.</note> und die moderne <term type="Sachen" key="Ethik, moderne">Ethik</term>, sondern für oder gegen die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>. Eben weil die Frage aber so heißt, sollen wir von vornherein dagegen geschützt sein, dass wir uns als <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> neben unsre Gegner stellen mit dem zufriedenen Gefühl: Ich gerecht, du ungerecht. Ich kann zu dem <term type="Sachen" key="Materialismus / Materialisten">Materialisten</term>
                    <persName ref="kbga-actors-150">Häckel</persName> sagen: ich habe <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> und du hast <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term>, aber ich kann nicht zu einem Menschen, den ich sündigen sehe, sagen: ich bin ge<pb xml:id="p147" ed="pga" break="no"/>recht und du bist ungerecht. Wenn es heißt: für oder gegen die Sünde, dann ist unsre eigene Person in keinem einzigen Fall geborgen im Schatten frommer Denkungsart, sondern sie ist durchaus mit in Frage. Wir haben es deshalb hier weder mit den Herren Staatsräten, noch mit dem Genfer Gassenpöbel, noch mit den Croupiers und Hintermännern des <placeName ref="kbga-places-1446">Kursaals</placeName> als solchen zu tun, sondern einzig und allein mit der <hi rend="italic">Sünde</hi>, die sich da in so selten deutlicher Weise Luft gemacht hat und in der wir ebensowohl unsre als ihre Sünde zu erkennen haben. Denn es <hi rend="italic">ist</hi> die <hi rend="italic">Sünde</hi> und nichts Anderes, was sich da Luft gemacht hat, daran ist keinen Augenblick zu zweifeln. Die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> aber ist nicht das fatale Hirngespinst einiger <term type="Sachen" key="Mômiers"><foreign xml:lang="fre">Mômiers</foreign></term>, die das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> nicht kennen, sondern die sehr reale Macht der <term type="Sachen" key="Sünde, Gedankenlosigkeit">Gedankenlosigkeit</term>, der <term type="Sachen" key="Sünde, Faulheit">Faulheit</term> und der <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht">Selbstsucht</term>, die wir alle Tage an uns selbst und an Andern wahrnehmen können, wie sie an der Arbeit ist, die Menschen zu entmündigen, ihren <term type="Sachen" key="Geist">Geist</term> und <term type="Sachen" key="Körper">Körper</term> zu zerrütten, den <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> und das höhere Leben der <term type="Sachen" key="Leben, höheres L. der Völker">Völker</term> zu hemmen und zu zerstören. Nenne man sie mit einem andern Namen, diese Macht, wenn man will, aber mache man sich klar, dass sie da ist.</p>
                <p>Erstens als die Macht der <term type="Sachen" key="Sünde, Gedankenlosigket"><hi rend="italic">Gedankenlosigkeit</hi></term>. «Sie wissen nicht, was sie tun», haben wir am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> gehört.<note xml:id="n12">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p115#p115">S. 115-128<!--[Nr.&#x200A;63/08]--></ref>, die Predigt vom <date when="1911-04-14">14. April 1911<!--[Nr.&#x200A;63/08]--></date>.<!--[Nr.&#x200A;63/08]--></note> Die Sache, von der wir reden, bietet gerade für diese Seite der Sünde das schlagendste Beispiel. Wer es einmal beobachtet hat, mit welch steinerner Gleichgiltigkeit der Croupier am Spieltisch seine Arbeit besorgt, weiß, was ich meine. Und der Mann ist schließlich nur ein Symbol des Ganzen. Die Gedankenlosigkeit ist ja geradezu das Prinzip des <term type="Sachen" key="Spiel, Hazard">Hazardspiels</term>. Zum <term type="Sachen" key="Sport">Sport</term> braucht’s Übung und Gewandtheit, zum <term type="Sachen" key="Spiel, Schach">Schachspiel</term> braucht’s Nachdenken und Aufmerksamkeit, sogar zum <term type="Sachen" key="Spiel, Kartenspiel">Kartenspiel</term> ist einige Geistesgegenwart nötig, aber wenn einer bei <term type="Sachen" key="Spiel, Rössli">Rössli</term> und <term type="Sachen" key="Spiel, Boule">Boule</term> angelangt ist, so heißt das, dass er seinen Geist in die Ferien geschickt hat, wenn er überhaupt welchen hatte, denn dazu braucht’s nichts, aber auch gar nichts als ein tüchtiges Stück Geld und den nötigen Stumpfsinn, um ein Vergnügen zu finden an dem Bauen auf die Wechselfälle des blinden, törichten <term type="Sachen" key="Zufall">Zufalls</term>. Man kann das harmlos finden, man kann sagen, es liege eine Erholung für den angestrengten Geist in zeitweiliger völliger <term type="Sachen" key="Sünde, Gedankenlosigket">Gedankenlosigkeit</term>. Aber man möge sich einmal <pb xml:id="p148" ed="pga"/> fragen, wie <hi rend="italic">oft</hi> die Fehltritte unsres Lebens damit angefangen haben, dass wir beschlossen, nur einmal so recht gedankenlos zu sein. Wir tun diesen Schritt von der Würde unsrer <term type="Sachen" key="Menschenwürde">Menschheit</term> herunter nie ungestraft; es ist tatsächlich die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, die schon hier anfängt. Und was die Erholung betrifft, die angebliche, so ist es eine merkwürdige Tatsache, dass nicht die großen, vielbeschäftigten Denker, sondern gerade die’s am Wenigsten nötig hätten, ihre Erholung darin suchen, die <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> in dieser oder jener Weise zeitweilig zu beurlauben. Sehen etwa die Leute, die den <placeName ref="kbga-places-1446">Kursaal</placeName> besuchen, die vornehmen und die geringen, sehen sie aus, als ob sie an Überanstrengung ihres Geistes litten? Und wir, wenn wir uns in anderer Weise laufen lassen, wenn wir uns dem <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term> überlassen, den Launen unsrer <term type="Sachen" key="Leidenschaften">Leidenschaften</term>, dem Hin- und Hergeschwätz der <term type="Sachen" key="Mensch, Mitmensch">Mitmenschen</term>, dem Getriebe des <term type="Sachen" key="Leben, Getriebe des L.">Lebens</term>, statt uns zusammenzunehmen und über unser Leben zu herrschen, geschieht das, weil wir in solchen Augenblicken zu viel oder zu wenig <term type="Sachen" key="Geist">Geist</term> und Gedanken haben? Machen wir uns doch nichts vor! Wir wissen ganz gut und ganz abgesehen von allen <term type="Sachen" key="Gesetz, Moralgesetz">Moralgesetzen</term>, dass das nicht so sein sollte, und wenn wir’s doch tun, so geschieht es uns ganz recht, wenn wir uns selber wie jener Artikelschreiber mit der Kuh vergleichen, die keine Nachtigall ist. In der Tat. Das Bild ist gut gewählt.</p>
                <p>Zweitens ist die Sünde die Macht der <term type="Sachen" key="Sünde, Faulheit"><hi rend="italic">Faulheit</hi></term>. Die gehört mit der Gedankenlosigkeit eng zusammen. Im <placeName ref="kbga-places-1446">Kursaal</placeName> und sonst. Die Leute, die sich um die Roulette versammeln, sind entweder solche, die soviel Geld haben, dass sie nicht mehr wissen, was damit anfangen, oder solche, die zu wenig haben und sich auf mühelose Weise welches verschaffen möchten. Auf alle Fälle sind sie Faulenzer: sie warten darauf, dass der <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term> ihnen etwas gebe, statt zu arbeiten. Das ist wieder menschlich ungemein verständlich, darin hat der <term type="Personen" key="Trilby">Artikelschreiber</term> ebenfalls recht. Wenn wir uns laufen lassen, wie ich sagte, dann heißt das eben, dass wir die Dinge an uns herankommen lassen, statt selbst die Dinge in Angriff zu nehmen. Wir sagen dann auch: «<foreign xml:lang="fre">que voulez vous y faire?</foreign> wir sind einmal so!», lassen uns treiben und beeinflussen und tyrannisieren von unsern <term type="Sachen" key="Instinkt">Instinkten</term> und erwarten von ihren Zufälligkeiten das große <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>. Wenn ich zu Hause sitze und ins Blaue starre, ob mir eine gute <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> vielleicht durch den <term type="Sachen" key="Geist">Geist</term> zugetragen werde, statt mich hinzusetzen und zu arbeiten, dann heißt das, dass <pb xml:id="p149" ed="pga"/> ich <term type="Sachen" key="Spiel, Roulette">Roulette</term> spiele, auf Deutsch, dass ich faul bin. Wenn ein Arbeiter sein Geld ins Wirtshaus trägt und denkt, in kranken oder alten Tagen werde sich die Sache dann schon von selbst machen, dann heißt das wieder Roulette spielen, auf Deutsch: faul sein. Wenn eine Mutter es versäumt, ihre Kinder nicht nur zu nähren und zu kleiden, sondern zu Menschen zu erziehen, die etwas taugen, in der Hoffnung, das werde sich dann schon finden, wenn sie größer seien, die spielt <term type="Sachen" key="Spiel, Roulette">Roulette</term>, die ist auf Deutsch faul. Wir spielen, meine Freunde, überall da, wo wir uns leben lassen, statt selber zu leben.<note xml:id="n13">Was es heißt, selbst zu leben, statt gelebt zu werden, hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausführlicher entfaltet in der Predigt vom <date when="1911-02-26">26. Februar</date>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p074#p074">S. 74</ref>.</note> Und wir sind in diesem Spiel Spieler und Rössli zugleich: wir setzen unser <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> auf den <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term> und wir werden herumgewirbelt, dass es eine Art hat, und es geschieht uns recht so. Ein solches Leben nennt die <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term>
                    <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, weil es der <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> ist.</p>
                <p>Und die Sünde ist drittens die Macht der <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht"><hi rend="italic">Selbstsucht</hi></term>. Und damit kommen wir zur Hauptsache. Selbstsüchtig ist der Mensch, der sich selbst für den <placeName ref="kbga-places-295">Rheinstrom</placeName> hält und Alles Andre, Menschen und Dinge, für die Flüsse und Bäche, die nur dazu da sind, den <placeName ref="kbga-places-295">Rhein</placeName> immer breiter und majestätischer werden zu lassen. Die allermeisten von uns sind solche Menschen, und dass es so ist, das ist das schwere Leiden, an dem wir laborieren. Wir betrachten die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, nicht als selbständige Wesen, nicht in ihrem eigenen <term type="Sachen" key="Mensch, Eigenwert">Wert</term>. Statt dass wir ihnen Respekt und Interesse entgegenbringen, fragen wir: was werde ich von ihnen haben? und behandeln sie demgemäß. Wenn wir berufen sind, irgend eine Stellung unter den Andern einzunehmen, dann fragen wir nicht: Was kann ich jetzt für Andere, für das Ganze tun?, sondern wir betrachten die Sache ganz unter dem Gesichtspunkt unsrer persönlichen Zänkereien und Stänkereien. Die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, von dieser Seite gesehen, ist immer eine Sorte <term type="Sachen" key="Sünde, Größenwahn">Größenwahn</term>, und es leidet Mancher daran, der sich für geistig sehr normal hält. Und jetzt ist’s, wie wenn man diesen Größenwahn der <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht">Selbstsucht</term> express noch in einem Treibhaus kultivieren wollte, wenn man die Leute zu einem Spiel verführt, dessen ganze Pointe darin besteht, dass neun verlieren, damit einer gewinne. Gerade als ob wir’s nötig hätten, uns noch extra zu der Lebensrichtung erziehen zu lassen, <pb xml:id="p150" ed="pga"/> die spricht: Die Andern da sollen nur tapfer ihre Fränkli einsetzen, sie sollen nur arbeiten, sich plagen, mir schon recht, die Hauptsache ist, dass ich womöglich der bin, der zum Schluss einkassiert. Als ob wir’s nötig hätten, uns so recht wie auf dem Theater den Gedanken vordemonstrieren zu lassen, dass das große <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> darin bestehe, dass einem der große Croupier des sogenannten <term type="Sachen" key="Schicksal, sogenanntes">Schicksals</term> Geld und Ehre und Vergnügen und Annehmlichkeiten aller Art zuspiele, während die neun andern lange Gesichter machen können. Ich habe es nicht nötig, es erst noch zu beschreiben, wie klein und erbärmlich und verächtlich der Mensch vor sich selbst und den Andern wird, wenn ihn <hi rend="italic">diese</hi> Lebensrichtung und <hi rend="italic">dieser</hi> Gedanke beherrschen. Ihr wisst das selber.</p>
                <p> Und nun? Haben wir im <term type="Sachen" key="Spiel, Hazard">Hazardspiel</term>, dessen Erhaltung die 8000 vom vorletzten Freitag um der Würde <placeName ref="kbga-places-67">Genfs</placeName> willen gefordert haben, haben wir darin eine Erscheinungsform der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> vor uns oder ist das eine diskutierbare Frage? Ich meine, wer – nicht die Andern! sondern: sich selbst zu beurteilen weiß, der weiß auch, was er davon zu halten hat. Er wird darin die Motive der <term type="Sachen" key="Sünde, Gedankenlosigkeit">Gedankenlosigkeit</term>, der <term type="Sachen" key="Sünde, Faulheit">Faulheit</term>, der <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht">Selbstsucht</term> wiedererkennen, die er in seinem eigenen Innern zum Schaden seiner <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, seines <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> wirksam sieht, er wird sich sagen: Dies Ding gehört zu <hi rend="italic">den</hi> Dingen, die <hi rend="italic">nicht sein sollen</hi>, und er wird demgemäß Partei ergreifen. Denn hier ist der Punkt erreicht, wo die Neutralität eine <term type="Sachen" key="Neutralität als Unwahrhaftigkeit">Unwahrhaftigkeit</term> würde.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber wir müssen der Sache noch weiter nachgehen. <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> hat gesagt: <hi rend="italic">Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht</hi>. Und weil man die Lebenswahrheit dieses Wortes an der Affäre, von der wir reden, studieren kann, wie sonst kaum in dieser Klarheit, darum habe ich sie auf die Kanzel gebracht. Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht! Jesus hat nicht gesagt: wer <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> tut, dem geht’s schlecht, wer Sünde tut, der kommt in die <term type="Sachen" key="Hölle">Hölle</term> oder dergleichen. So würde ein moderner <term type="Sachen" key="Evangelisten">Evangelist</term> reden. Jesus sieht die Strafe der <term type="Sachen" key="Sünde, Strafe der S.">Sünde</term> darin, dass der, der sie haben wollte, sie haben muss. So hat auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> am Anfang des Römerbriefs die Folge der Sünde darin gefunden, dass Gott die Menschen <hi rend="italic">dahingegeben</hi> hat in ihrer Herzen Gelüste [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.24">Röm. 1,24</ref>]. Die <pb xml:id="p151" ed="pga"/> Sünde ist ihre eigene <term type="Sachen" key="Sünde, ist ihre eigene Strafe">Strafe</term>. Ich glaube, solange wir das nicht verstanden und uns angeeignet haben, wissen wir noch gar nicht, was es mit der Sünde auf sich hat und warum wir gegen sie Ernst machen müssen. Wir werden dann immer offen oder heimlich argumentieren wie jener wunderbare <term type="Personen" key="Trilby">Philosoph</term> im «<orgName ref="kbga-actors-10321">Genevois</orgName>», es lohne sich nicht, es sich wegen der Aussicht auf den <foreign xml:lang="fre">Lendemain de la mort</foreign> hier sauer werden zu lassen.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5251">Trilby, <hi rend="italic">Le règne de Tartufe</hi></bibl> (<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>): «<foreign xml:lang="fre">Déplorable ou non, le fait est que vous n’arriverez jamais à obtenir des hommes qu’ils se rendent l’existence amère afin que le lendemain de leur mort ouvre pour eux une ère de bénédictions et de joies</foreign>.»</note> Wir müssen aber einsehen, dass es tatsächlich die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> ist, die unser Leben sauer und erbärmlich macht und dass das Gericht über die Schlechtigkeit nicht hintendrein kommt, sondern in der Schlechtigkeit selbst liegt, dadurch eben, dass sie den Menschen schlecht macht. Es braucht zu dieser Einsicht keine einzige theologische Argumentation, sondern wir können einfach die Tatsachen unsres Falles reden lassen.</p>
                <p>Ich sagte, der Anfang der Sünde überhaupt und in diesem besonderen Fall sei die <term type="Sachen" key="Sünde, Gedankenlosigket"><hi rend="italic">Gedankenlosigkeit</hi></term>. Nun ist der Gewalthaufe gekommen, die obersten Magistrate der Republik haben sich an die Spitze gestellt und haben erklärt: diese Sache ist unser Palladium und Heiligtum, diese Sache ist unsre Sache. Was ist der Erfolg gewesen: Ein Triumph der Gedankenlosigkeit, der unsre <term type="Sachen" key="Genf">Stadt</term> vor der ganzen <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> lächerlich gemacht hat. Ich brauche bloß an die von jedem Sinn und Witz verlassenen Refrains und Laterneninschriften zu erinnern, an denen das Volk sich an jenem Abend erfreut hat, an das blöde Evangelium von den <term type="Sachen" key="Mômiers"><foreign xml:lang="fre">Mômiers</foreign></term>, denen man das Handwerk legen müsse, während einige noch hellere Geister verlangten, man müsse sie ins Wasser werfen, an den stürmischen Beifall, den diese für die Dummen berechnete Parole bei den Tausenden gefunden hat. Ich erinnere daran, wie man während zweieinhalb Stunden Reden gehalten hat, ohne einen einzigen wirklichen Gedanken vorzubringen, sondern lauter Phrasen und Gewäsch, das das Papier nicht wert war, das man nachher damit bedruckt hat. Ich erinnere an das Wort eines höchstgestellten <term type="Personen" key="Fazy, Henri">Magistraten</term>, den sein Alter hätte klüger machen dürfen, es sei der Tag dieser Demonstration das Herrlichste, was er in seiner 40jährigen Karriere erlebt.<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1667"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Pour la dignité de Genève</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>), <ref type="pub-" target="../volume/22/p317#p317">S. 317f.</ref></bibl>: «Endlich der zweite Hauptclou, […]: <foreign xml:lang="fre"><persName ref="kbga-actors-4668">Henri Fazy</persName>, l’honorable magistrat</foreign> (das sind sie alle, alle ehrenwert). Er ergeht sich in kräftiger Wiederholung des Bernermotivs, des Mômiersmotivs und des Geldsackmotivs und erklärt, daß er […] in den 40 Jahren seiner politischen Karriere keine Manifestation von solcher Pracht wie die heutige erlebt habe.»</note> Wahrhaftig, es hat sich da gezeigt, dass <pb xml:id="p152" ed="pga"/> eine gedankenlose Sache auch nur gedankenlos vertreten werden kann, dass, wer Sünde tut, der Sünde Knecht ist. Es ist nicht nötig, für Alles das noch eine besondere Strafe in Aussicht zu nehmen. Wer so lebt und redet und handelt wie diese Leute, der ist gestraft genug. Es ist die Selbstauflösung des Lebens in der traurigsten Form, was sich da gezeigt hat. Und täuschen wir uns nur nicht. Wir vollziehen dieselbe Selbstauflösung an uns in den Momenten und Zeiten unsres Lebens, wo wir uns in irgend einer Weise in einen Geisteszustand begeben, der darin besteht, dass der <term type="Sachen" key="Geist">Geist</term> aufhört. Indem wir’s taten, empfanden wir das <term type="Sachen" key="Gericht">Gericht</term>, das in unsrer Tat lag. Es ist noch nie etwas Gutes aus solchen Momenten hervorgegangen, wohl aber sind es die dunklen Flecken in unsrer <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term>, und ihre Spuren reichen hinein in unsre <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term> und <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>; denn wer <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> tut, der ist der Sünde Knecht.</p>
                <p>Die zweite Seite der Sünde, die ich nannte, war die <term type="Sachen" key="Sünde, Faulheit"><hi rend="italic">Faulheit</hi></term>. Sie besteht darin, dass wir unser Leben vom <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term> regieren lassen, statt vom guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term>, das heißt von dem lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>. Und wieder besteht nun die Strafe dafür recht eigentlich darin, dass Gott uns und unser Tun ganz gehörig dem Zufall überlässt, dass er seinen <term type="Sachen" key="Geist, Gottes">Geist</term> der <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> und des <term type="Sachen" key="Wollen">Wollens</term> von uns zurückzieht und uns, wie ich schon sagte, während wir zu spielen meinten, selbst zu Spielbällen werden lässt. Oder heißt das nicht zum Spielball werden, wenn man, um seine Sache zu vertreten, dazu verurteilt ist, stundenlang hinter einer Trommel und einer Laterne herzulaufen, in dumpfem Drang einer unterbewussten Erregung, wenn man dazu verurteilt ist, sich aus einer Persönlichkeit in ein Stück von 8000 zu verwandeln, einen Abend lang als einer von 8000 nicht zu denken oder zu arbeiten, sondern sich heranzitieren, sich in Vorurteilen bestärken, sich als ein Stück Sturmbock für die wohlbewussten Interessen einiger <foreign xml:lang="fre">Faiseurs</foreign><note xml:id="n16">Frz. bzw. veralteter deutscher Sprachgebrauch für: «Macher», «­An­stifter».</note> gebrauchen zu lassen? Heißt das nicht, für seine <term type="Sachen" key="Sünde, Faulheit">Faulheit</term> mit <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term> bestraft wer<pb xml:id="p153" ed="pga" break="no"/>den, wenn die, die für die Andern verantwortlich sein sollten, selber hineingerissen werden in die dumpfen Instinkte der <term type="Sachen" key="Instinkt, dumpfer I. der Masse">Masse</term>, wenn aller Unterschied verloren geht zwischen Führenden und Geführten, weil in Wirklichkeit keiner führt, sondern beide geführt und zwar an der Nase geführt werden, die Unteren von den Oberen und die Oberen von den Untern? Von einem faulen Baum sind nur faule Früchte zu erwarten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.18">Mt. 7,18</ref>]. Die Faulheit verteidigen, heißt selber faul werden. Was der Mensch säet, das wird er ernten [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], und wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.</p>
                <p>Und nun haben wir drittens das tiefste Wesen der Sünde in der <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht"><hi rend="italic">Selbstsucht</hi></term> gefunden. Und wieder muss es jetzt heißen: Wer selbstsüchtig ist, der ist der Selbstsucht Knecht. Die <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> straft sich selbst damit, dass sie es schließlich zu nichts Anderem bringt als zu Taten und Worten der Selbstsucht. Indem die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> ihren Gipfel erreicht, wird sie ihre eigene Strafe. Das können wir an uns selbst schlechterdings alle Tage erleben. Es mag wohl so aussehen, als ob wir manchmal auch aus selbstsüchtigen Motiven, aus <term type="Sachen" key="Eitelkeit">Eitelkeit</term> und <term type="Sachen" key="Habsucht">Habsucht</term> zum Beispiel, etwas wirklich <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> ausrichteten; aber tatsächlich ist es nicht so. Auch in den besten Taten, die die Selbstsucht scheinbar hervorbringt, lauert die Schlange, die uns schließlich stechen wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.15">Gen. 3,15</ref>]. Ich kann mich mein Leben lang scheinbar mit dem Wohl Anderer beschäftigen, wenn ich das doch nur tue, um mich selbst zu kultivieren, so wird das eines Tages zum Vorschein kommen, und ich bin gerichtet. Die Demaskierung bleibt nicht aus, meine <term type="Sachen" key="Sünde, Selbstsucht">Selbstsucht</term> wird eines Tages hüllenlos als Selbstsucht dastehen und daran ihre Strafe finden. Eine solche Demaskierung haben wir in der letzten Woche miterlebt. Oder ist es da etwa nicht zum Vorschein gekommen, dass das bedrohte Heiligtum, um das man jammerte, nichts Anderes als der Geldsack war? Die angeblich angegriffene Freiheit war tatsächlich das angegriffene Interesse. Man redet von öffentlichem Wohl, aber man meint in sehr durchsichtiger Weise sein eigenes Wohl. So haben sich dieselben Leute für den <term type="Sachen" key="Alkohol, Absinth">Absinth</term> und für die öffentlichen Häuser zur Wehr gesetzt, angeblich im Namen der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, in Wirklichkeit, weil man sich nicht in seinen Annehmlichkeiten und in seinen Einnahmen stören lassen wollte. Ganz offen ist es auch diesmal gesagt worden: die <foreign xml:lang="fre">dignité de <placeName ref="kbga-places-67">Genève</placeName></foreign> besteht darin, dass wir uns ungeniert lustig machen können und dass die Fremden zu uns <pb xml:id="p154" ed="pga"/> kommen, um recht viel Geld da zu lassen. Dem haben alle andern Rücksichten zu weichen. Man will nicht das, was recht ist, man macht nicht die <term type="Sachen" key="Erziehung"><hi rend="italic">Erziehung</hi></term> der Menschen zum obersten Gesichtspunkt, sondern ihre Belustigung und Bereicherung, man will, was einem passt. Man kommt aus der <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> nicht mehr heraus, man ist der Sünde Knecht geworden und hat vor den Ohren der ganzen <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> bekennen müssen: wir sind das, und wir wollen das bleiben. Wirklich, eine ärgere Strafe als dieser innere Zustand ist nicht wohl auszudenken, und ich meine, sie ist umso ärger, je wohler es den Leuten in diesem Gesinnungssumpf zu sein scheint.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Und nun wollen wir vor diesem Bild der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und <term type="Sachen" key="Sündenknechtschaft">Sündenknechtschaft</term>, in dem wir so oder so unser eigenes Bild wiedererkennen, nicht lange <term type="Sachen" key="Moral">Moral</term> predigen. Das Moralische ist selbstverständlich, nämlich die <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des <term type="Sachen" key="Erkenntnis, des Moralischen">Moralischen</term>. Dass es <hi rend="italic">nicht recht</hi> ist, <term type="Sachen" key="Gedankenlosigkeit">gedankenlos</term>, <term type="Sachen" key="Faulheit">faul</term> und <term type="Sachen" key="Selbstsucht">selbstsüchtig</term> zu sein, das braucht nicht bewiesen zu werden, das wissen die Redner und Schreier vom vorigen Freitag ganz genau, das wissen wir Alle. Aber am <hi rend="italic">Tun</hi> des Moralischen hapert’s bei ihnen und uns, <hi rend="italic">das</hi> ist nicht selbstverständlich. Und darum richten wir jetzt angesichts jenes fatalen Zusammenhanges zwischen Sünde und <term type="Sachen" key="Sündenknechtschaft">Sündenknechtschaft</term>, unter dem wir Alle leiden, das Wort auf, das aus diesem Zusammenhang herausführt, weil es uns sagt, wie es zum <hi rend="italic">Tun</hi> des Moralischen kommt. <hi rend="italic">Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.</hi> Wenn der Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term> einen Menschen ergreift, ihn zu seinem Eigentum macht, in ihm redet und handelt, dann ist jene Kette gebrochen, die da heißt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Das eben ist der Fluch der bösen Tat,</l>
                            <l>Dass sie fortzeugend Böses muss gebären.<note xml:id="n17">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2780"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Piccolomini</hi>, 5. Aufzug, 1. Auftritt</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>In steter Notwehr gegen arge List </l>
                                                <l>Bleibt auch das redliche Gemüt nicht wahr – </l>
                                                <l>Das eben ist der Fluch der bösen Tat, </l>
                                                <l>Dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
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                <p rend="noindent">Dieser Mensch ist dann nicht mehr unter dem Bann, der mit mathematischer Notwendigkeit böser Ursache böse Wirkung folgen <pb xml:id="p155" ed="pga"/> lässt, er ist dann nicht mehr böse und darum des <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> Knecht. Sondern es ist jetzt eine neue freie Ursache in sein Leben hineingetreten. Und wie die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> nur Sünde verursachen kann in hoffnungsloser Logik der Tatsachen, so trägt die neue freie Ursache, die mit dem Sohn Gottes in unser Leben tritt, notwendig die Wirkungen der <term type="Sachen" key="Freiheit, Wirkungen der F.">Freiheit</term> in sich. Die Sünde macht uns zum Knecht der Sünde. Der Sohn Gottes macht uns recht frei.</p>
                <p> Er macht uns aber darum frei und er ist darum der Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term>, weil er selbst frei ist. Was dieses Wort «frei» bedeutet, geht uns auf, wenn wir sein Bild neben unser eigenes, das wir eben kennengelernt haben, stellen. – |</p>
                <p>Neben unsre Gedankenlosigkeit die lebendige, ununterbrochene Richtung seines innern Bewusstseins: <hi rend="italic">Ich kenne den Vater</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.15">Joh. 10,15</ref>]. Dieser eine, Alles umspannende Gedanke ist der Ausgangspunkt wie das Ziel seines Lebens gewesen. Er erkennt den Vater der <term type="Sachen" key="Gott, Vater der Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und der <term type="Sachen" key="Gott, Vater der Liebe">Liebe</term> in seinem eigenen Innern, und von daher bekommt sein Leben Inhalt, Weg und Aufgabe. Er erkennt den Vater im Leben der stummen <term type="Sachen" key="Gotteserkenntnis, im Leben der stummen Natur">Natur</term>, in den Vögeln und Lilien, die nicht säen und ernten und doch ihre Nahrung finden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.26">Mt. 6,26</ref>]. Er erkennt ihn in den verborgenen Regungen der Menschenseelen und kann ihnen darum sagen: Ich verurteile dich nicht [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.11">Joh. 8,11</ref>]! und: Du bist nicht ferne vom Reich Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>]. Er erkennt ihn aber auch in dem, was wir als ein dumpfes Schicksal beurteilt hätten, in seinem <term type="Sachen" key="Leiden, Jesu Christi">Leiden</term> und <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterben</term>, und sagt von seinem Todesgang, dass er gerade jetzt zu seiner Herrlichkeit eingehe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.26">Lk. 24,26</ref>]. Um diesen einen Gedanken seines Lebens: ich kenne den Vater! hat er wohl gekämpft und gerungen, aber er hat ihn keinen Augenblick in Urlaub geschickt, wie wir es tun, und darum ist sein Leben ein gedankenvolles Leben gewesen. – |</p>
                <p> Neben unsrer <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term>, die den <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term> walten lässt statt den guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term>, stellen wir den Zug seines Charakters, der in dem Wort zum Ausdruck kommt: <hi rend="italic">Ich muss wirken die Werke des, der mich gesandt hat</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.9.4">Joh. 9,4</ref>]. Mit diesem Wort ist aller Zufall und alles Sichgehenlassen ausgeschaltet. Es gibt für ihn nur das Regiment <term type="Sachen" key="Gott, Regiment">Gottes</term> und den guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term>, und Beides ist für ihn nicht zweierlei: es heißt jetzt nicht mehr Natur hier – Geist <term type="Sachen" key="Natur, und Geist">dort</term>, Äußeres hier – Inneres dort, denn er hat das Regiment <term type="Sachen" key="Gott, Regiment">Gottes</term> in seinen Willen aufgenommen, sein Wille ist <pb xml:id="p156" ed="pga"/> gut, weil er will, was Gott will, und in diesem freudigen Bewusstsein kann er in tiefster Wahrhaftigkeit sagen: Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.27">Mt. 11,27</ref>]. Und darum war sein Leben ein Leben der Tat und der Arbeit. – |</p>
                <p> Schließlich und zuoberst aber tritt vor unsre <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Selbstverleugnung">Selbstverleugnung</term>, die spricht: <hi rend="italic">Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren war</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.10">Lk. 19,10</ref>]. Vor dieser einen Pflicht und Aufgabe gegenüber den Menschen muss nun Alles zurücktreten, was der <term type="Sachen" key="Versucher">Versucher</term> auch ihm zugeflüstert, das Verlangen nach <term type="Sachen" key="Besitz">Besitz</term> und <term type="Sachen" key="Ehre">Ehre</term>, die Furcht vor <term type="Sachen" key="Verfolgung">Verfolgung</term> und <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term>. Er fühlt sich als Schuldner gegenüber den unsterblichen <term type="Sachen" key="Seele, unsterbliche S. der Menschen">Seelen</term> der Menschen. Er weiß, dass er diese Schuld nur einlösen kann, indem er alle Wünsche für seine Person energisch in die zweite Linie stellt. Er sagt nicht, ich will neben meinen sonstigen Angelegenheiten auch noch ein gutes Werk an den Menschen tun, sondern er gibt sich selbst, er macht das Werk an den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Werk an den Menschen">Menschen</term> zu seiner Lebensangelegenheit. Es gibt da nicht wie bei uns diese Zweiteilung: Hier ich und dort der Andre, und darum auch nicht unsre Unterscheidung zwischen dem, was mir hilft oder schadet, und dem, was dem Andern hilft oder schadet. Sondern er macht sich mit dem Andern eins. Er wirft das <term type="Sachen" key="Recht, Jesu Christi">Recht</term> und die <term type="Sachen" key="Wahrheit, Jesu Christi">Wahrheit</term>, die in ihm leben, ohne Nebengedanken, ohne interessierte Vorsicht und Zurückhaltung hinein in die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> der Andern, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten, zuletzt in der Tat seines <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Todes</term>. Und darum ist sein Leben ein Leben der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>.</p>
                <p>Und nun komme man uns, meine Freunde, mit der Behauptung, <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> bestünden darin, dass man ungeniert <term type="Sachen" key="Gedankenlosigkeit">gedankenlos</term>, <term type="Sachen" key="Faulheit">faul</term> und <term type="Sachen" key="Selbstsucht">selbstsüchtig</term> sein dürfe!! Wir haben gesehen, wie dieser Satz sich selber richtet, weil, wer Sünde tut, der Sünde Knecht ist. Aber er löst sich auf in Luft und Rauch, wenn wir ihm in Jesus das Bild der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Bild der Freiheit">Freiheit</term> gegenüberstellen. Und was sollen wir erst sagen zu dem andern, es sei eine Heuchelei, den natürlichen Banden der Freude entgehen zu wollen?! Wahrhaftig, wir können ihn umkehren und sagen: es ist eine Heuchelei, dergleichen zu behaupten. So könnte ein blinder <term type="Sachen" key="Heiden">Heide</term> reden oder einer, der die erkannte <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> nicht kennen will. Denn wer von der Tatsache, dass ein Mensch wie <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> gelebt hat, auch nur hat läuten hören, muss wissen, dass es möglich ist, frei und zwar recht frei zu werden. Das ist ja gerade das, was wir an Jesus <pb xml:id="p157" ed="pga"/> haben, dass wir an ihm sehen dürfen, dass ein offenes Nein gegen die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und ein offenes Ja für das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> auf <hi rend="italic">dieser</hi>
                    <term type="Sachen" key="Erde / Erdball">Erde</term>, in <hi rend="italic">diesem</hi>
                    <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> – es handelt sich wahrhaftig bei Jesus nicht um den <foreign xml:lang="fre">Lendemain de la mort</foreign> – möglich und wirklich ist. Indem wir ihn erkennen, macht er uns frei. Um ein Ja und um ein <term type="Sachen" key="Ja und Nein">Nein</term> handelt es sich, ich wiederhole es. Wir <hi rend="italic">können</hi> es aussprechen, denn der Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term> ist nicht ferne einem jeglichen unter uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27">Act. 17,27</ref>]. Aber wir <hi rend="italic">sollen</hi> es auch, wir sollen heraus aus der Heuchelei der Redensarten und <term type="Sachen" key="Kompromisse, Heuchelei der K.">Kompromisse</term>, hinein in die ganze <term type="Sachen" key="Wahrheit, ganze">Wahrheit</term>, in die rechte <term type="Sachen" key="Freiheit, rechte">Freiheit</term>. Und wenn die Angelegenheit, von der wir sprachen, geholfen hat, uns die Augen zu öffnen für dieses Können und Sollen, dann können wir Gott dankbar sein dafür, dass sie gekommen ist. Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.</p>
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                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-52">Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName>, Strophen 1–3 (RG 243; EG 328 [jeweils Textabweichungen; in EG: «Dir, dir, o Höchster, will ich singen»])</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-266">Nr. 300: «Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder» von <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>, ­Strophen 1.2.5.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Nr. 157: «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 2–3 (RG 32; EG 362)</bibl>
                    </listBibl>
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                <div>
                    <head>Lesungstexte:</head>
                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.17 Eph.5.16">Eph. 4,17–5,16</ref> u. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.10 Eph.6.17">6,10–17</ref></item>
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