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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 4,3-9 (Ostern)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 4,3-9 (Ostern), 12. April 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 188–199.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Markus 4,3-9 (Ostern)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 188-199</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 215</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 4,3-9 (Ostern), 12. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1657">KBA 1193</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-04-12">12. April 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-04-12">12. April 1914</date>
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          <head type="event">Ostern</head>
         
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.1 Mk.16.4">Markus 16,1–4</ref>
              <quote>… sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von
                           des Grabes Tür? <hi rend="text-recte">Und sie sahen hin</hi> und wurden gewahr,
                           daß der Stein abgewälzt war, <hi rend="text-recte">er war aber sehr groß</hi>.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>«<hi rend="italic">Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?</hi>» Diese bange, ratlose
                  <hi rend="italic">Frage</hi> kennen wir auch. Diese Frage müssen wir kennen, wenn uns
               die frohe Osterbotschaft etwas bedeuten soll. Auf den Ostertag bringen die meisten
               Zeitungen schöne religiöse Leitartikel. Es ist ein alter Brauch so. Auf die
               Festzeiten erinnern sich auch die Zeitungen wieder einmal daran, daß [es] einen
               lieben Gott gibt. In diesen Leitartikeln steht dann gewöhnlich viel vom Gesang der
               Amsel, von Knospen und Blüten, von der wiedererwachenden <hi rend="italic">Natur</hi>. Es
               nimmt mich wunder, wieviele von den Tausenden von Zeitungslesern landauf landab beim
               Lesen von solchen Artikeln etwas verspüren von Trost und Kraft, etwas verspüren von
               der erlösenden Macht der Osterbotschaft. Mir kommt es immer ein wenig grausam vor,
               den Menschen so den Frühling vorzuhalten, die Auferstehung der Natur nach dem langen
               Winterschlafe. Was sollen wir denn damit, bloß damit? Freilich ists wahr: das ist ein
               wunderbarer, herrlicher Vorgang, was wir jetzt da draußen sich vollziehen sehen, wie
               sich Alles zu regen beginnt unter den Wirkungen der Frühlingssonne, wie jeder Baum
               und jedes Beet bereits die ersten Spuren des neuen keimenden Lebens zeigt, wie in
               Feld und Wald an die Stelle des trüben, winterlichen Graus lebhaftere Farben zu
               treten beginnen. Ja, das ist wunderbar, und wir wollen unsere Augen weit auftun, um
               dieses ganze Frühlingswunder recht tief in uns aufzunehmen. Aber das ist es ja
               gerade: die Natur aufersteht, die Natur zeigt sich eben jetzt wieder von ihrer
               herrlichsten Seite: als unendliches, unwiderstehliches Leben,
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                in der Natur nehmen wir gerade jetzt wieder Gott wahr — das wußten schon unsere
               heidnischen Vorfahren, von ihnen stammt ja das Osterfest, das ursprünglich ein reines
               Naturfest war und erst später mit dem Fest der Auferstehung Christi verbunden worden
               ist.</p>
        <p>Aber wie steht es denn mit uns <hi rend="italic">Menschen</hi>? müssen wir uns fragen,
               gerade wenn wir Gottes wunderbares Walten in der Natur sehen. Ist denn bei uns auch
               ein solches Leben und Blühen, ein solches Wiedererwachen und Auferstehen? Ist es denn
               für uns so selbstverständlich, daß wir [an] all dem Glück und all der Schönheit, die
               jetzt da draußen im Werden ist, teilnehmen werden? Denn damit werden wir uns doch
               nicht begnügen wollen, daß wir jetzt wieder draußen arbeiten und spazierengehen
               können. Das ist Alles recht schön, aber was hilft es uns, wenn wir den Winter in der
               Seele mit hinaustragen? Was wir brauchen, ist ein Lebensfrühling, eine
               Lebensauferstehung. Kennen und haben wir so etwas? Wenn wirs nicht kennen und haben,
               dann stehen wir eigentlich im Frühling der Natur da wie arme Kinder, die der
               Weihnachtsbescherung der Reichen durchs Fenster zusehen dürfen. Wir müssen die Amsel
               beneiden um ihren sorglosen Jubel und den Baum und das Gras um ihr saftiges,
               unaufhaltsames Treiben und die weißen Wölklein am Himmel um ihren heiteren, hohen
               Weg. Die haben es gut! Die sind wahrhaftig auferstanden! Die wissen, was Leben ist.
               Wer aber wälzt <hi rend="italic">uns</hi> den Stein von des Grabes Tür? Wer aber bringt
                  <hi rend="italic">uns</hi> Auferstehung, Auferstehung, die wir nicht bloß mit ansehen,
               sondern selber erleben dürfen, wir Menschen so gut wie die Vögel, die Mücken, die
               Bäume, die Blumen?!</p>
        <p>Oder müssen wir uns nicht so fragen? Es sind solche unter uns, die haben einen Winter
               voll schwerer <hi rend="italic">Sorgen</hi> hinter sich. Viel Trauriges haben sie erleben
               müssen, manche halbe Nacht haben sie gewacht und nachgedacht über eigenen oder
               fremden Kummer. Nun kommt der Frühling ins Land mit all seiner Pracht, aber sagt
               selber: ist ein Leid darum weggeweht? Tragt ihr es nicht noch immer in euch herum?
               Kann es nicht jeden Augenblick wieder dastehen und eure Seele verfinstern mit seiner
               Last und Bitter<pb xml:id="p190" ed="pga" break="no"/>keit? O wir möchten ja so gern leben, nicht wahr, fröhlich und kraftvoll leben, wie
               jetzt da draußen Alles zu leben beginnt, wir tragen eine so große Sehnsucht in uns
               nach Frieden und Seligkeit, aber wenn nun ein solcher dunkler Punkt da ist in unserem
               Leben: eine Geldsorge, eine Familiensorge, eine Gemütssorge, was soll uns da der Ruf
               zur Freude? Wir können ja nicht, wir stehen da wie jene Frauen, die dem Leichnam
               ihres Herrn die letzte Ehre antun wollten und zum voraus seufzten: es wird nicht
               gehen! Der Stein auf dem Grab ist zu schwer! Es ist zu schwer, klagst du auch, ich
               kann es nicht vergessen, ich kann nicht darüber hinwegkommen, kann mich nicht damit
               abfinden. Mein Unglück liegt schwer und groß meiner Seligkeit im Wege.</p>
        <p>Wieder Andere, die haben mit <hi rend="italic">schwierigen, unangenehmen Menschen</hi> zu
               tun, müssen sich vielleicht allerlei Böses sagen und antun lassen, vielleicht
               fortwährend, immer wieder. Ach, wir glauben es ja schon, nicht wahr, daß Gott unser
               Vater ist, aber wie kann uns doch oft ein solches anderes Kind des Vaters das Leben
               im Hause verleiden, wie schwer ist es manchmal, so recht ernst zu machen damit: er
               ist mein Bruder, sie ist meine Schwester! ich muß ihnen vergeben, ich darf nicht
               aufhören, ein Licht zu sein in der dunklen Welt, auch wenn der Andere noch so schlimm
               wäre. Wenns dann so immer weiter geht und immer schlimmer wird statt besser, wenn
               dann so die große Müdigkeit über uns kommt, daß wir diesem anderen Kind des Vaters im
               Himmel zuschreien möchten: ich habe dich satt, du, du … mit deinen ewigen Torheiten
               und Quälereien — wie müssen wir da leiden, leiden je näher uns ein solcher Mensch
               vielleicht steht. Und nun hören wir von der Auferstehung in der Natur — sehr schön,
               nicht wahr, aber die schönste Natur könnte einem verleiden, wenn man so jemand neben
               [?] sich hat oder immer wieder mit einem zu tun haben muß, der es darauf abgesehen
               hat, Alles in Gift und Galle zu verwandeln. Da stehen wir, ratlos: wer wälzt uns den
               Stein von des Grabes Tür? Wer macht, daß da etwas Anderes, Besseres entsteht? Wer
               erlöst uns von dem Druck, den ein solcher böser, feindseliger Mensch für uns bedeuten
               kann?</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p191" ed="pga"/> O überhaupt, wenn die Menschen <hi rend="italic">einander nicht verstehen,</hi> wenn sie
               so aneinander vorbeidenken und vorbeireden, was ist das für eine Plage! Ja, wenn es
               noch bleiben würde bei dem «aneinander vorbei», aber es bleibt fast nie dabei, es
               heißt dann gewöhnlich: gegeneinander. Es ist ja kein Unglück, im Gegenteil, daß es
               Menschen von verschiedener Denkungsart und Gemütsweise, von verschiedenen Interessen
               und Richtungen gibt, im Gegenteil, diese Verschiedenheiten könnten die Quelle von
               viel Reichtum und Glück sein, wenn wir sie recht auffassen würden. Aber wie fassen
               wir sie auf? Wir meinen: der da drüben, den ich jetzt nicht verstehen kann, der muß
               ein Böser, Wüster sein, — gegen mich, mir z’Leid redet und handelt er, jetzt will ich
               auch wieder etwas gegen ihn, ihm z’Leid tun, der solls schon merken. Und dann werden
               oft bei Anlaß der kleinsten Sachen die größten Kriege geführt, nur weil man sich
               nicht die Mühe nimmt, einander zu verstehen, auch in der Verschiedenheit zu
               verstehen. Was ist das für eine Plage! Wie muß da Alles darunter leiden, wenn es so
               zugeht! Liebe Gemeinde, ich denke jetzt an Manches, was gerade wir im vergangenen
               Winter miteinander erlebt haben. Wollen wir uns jetzt an der Ostern trösten mit
               Vogelsang und Blumenduft, um uns dann beim nächsten Anlaß wieder gleich schlecht zu
               verstehen? Ich meine, gerade wenn man solche Erfahrungen von Unverständnis und
               Mißverständnis miteinander gemacht und darunter gelitten hat, dann sieht man sich
               sehnsüchtig nach einer höheren, besseren Botschaft um. Soll es immer so weitergehen?
               Soll es immer so bleiben, daß die Menschen einander nicht verstehen <hi rend="italic">wollen</hi>, daß sie gegeneinander statt miteinander gehen <hi rend="italic">wollen</hi>? Verschiedenheiten der Ansichten und der Interessen wird es ja immer
               geben, auch unter uns, aber was hilft uns hinweg über die unnützen Streitigkeiten,
               bei denen niemand etwas gewinnt, sondern nur Alle verlieren, über die
               Schulbubenkämpfe um Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, über das Kriegführen mit
               vergifteten Pfeilen, wo der Haß und die Leidenschaft an die Stelle der ruhigen,
               klaren Überlegung, an die Stelle der Grundsätze und Überzeugungen tritt, wer befreit
               uns von alledem? Wer wälzt
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                uns den Stein von des Grabes Tür? Wer bringt uns den Gottesfrieden des gegenseitigen
               Verständnisses und Zusammenarbeitens?</p>
        <p>Und dann denke ich weiter an die unzähligen Menschen, die den <hi rend="italic">Frieden
                  mit sich selber nicht haben</hi>. Wir haben im vergangenen Winter den traurigen
               Fall erlebt, daß Einer aus unserer Mitte freiwillig seinem Leben ein Ende gemacht
               hat. Das Traurige an einem solchen Fall ist nicht das bittere Ende — die meisten
               Leute meinen es zwar, aber sie irren sich —, sondern das ist das Traurige, daß man da
               gewahr wird, wie Viele im Grunde, ohne daß man es ahnt, auf unguten, unglücklichen
               Wegen gehen, die unglücklich sind, auch wenn es nicht immer zu einem solchen Ende
               kommt. Wie Viele mögen unter uns sein, die so innerlich tief unglücklich, tief
               zerrissen sind! Sie sind in irgend einer Richtung in die Irre gegangen, haben sich
               selbst eine schwere Kette angelegt, und nun reiben sie sich wund an dieser Kette,
               möchten los davon und können es doch nicht, spüren es, das ist mein Unglück! und
               haben doch nicht die Kraft, sich zu befreien. Und in ihrer Seele ist eine Sehnsucht,
               ein brennendes Heimweh, sie sehen Andere, die mit sich selbst besser in Ordnung sind,
               die Freude haben können an ihrem Leben, und sie möchten sie beneiden, hassen beinahe.
               Sie vermehren ihre Qual, indem sie ihrer Unzufriedenheit da und dort Luft machen oder
               indem sie sie zu betäuben suchen. Sie sinken tiefer und tiefer, werden innerlich
               einsam und einsamer. O ich wiederhole: es braucht dann nicht immer gerade zum
               Äußersten zu kommen, es kommt ja in den meisten Fällen nicht dazu, aber wie unsäglich
               traurig ist doch nur schon das, wenn einem Menschen sein Leben innerlich verleidet
               ist, sein Leben, das kostbare, reiche Ackerfeld, das ihm von Gott zum Pflügen, Säen
               und Ernten übergeben worden ist. So viel könnte ihm das Leben sein, und er weiß
               nicht, was damit anfangen, verzehrt sich in einem aufreibenden Krieg mit sich selbst.
               Heraus, heraus aus diesem Zustand des Unfriedens! seufzt er, wer wird mir
               heraushelfen? Wo finde ich das Andere, Bessere, das ich nötig habe? Wer wälzt mir den
               Stein von des Grabes Tür?</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p193" ed="pga"/> Und noch Andere sind da, die so seufzen, jetzt in der Schönheit des Frühlings ganz
               besonders, solche, denen <hi rend="italic">der Tod</hi> einen lieben Menschen weggenommen
               hat. Da draußen wird Alles neu, kommt Alles wieder in wunderbare Fülle, was im Winter
               starr und tot zu sein schien, Eins ums Andere stellt sich wieder ein wie alle Jahre,
               aber <hi rend="italic">es</hi> ist nicht mehr da, das Andere, das du so gern hattest, das
               dir so nötig war. O, das Schöne da draußen tut dir wohl, nicht wahr, aber zugleich so
               weh, — gerade weil es so schön ist, mußt du immer an das denken, was dir fehlt, an
               die Lücke, die in deinem Leben entstanden ist. Du bist vielleicht gestern abend,
               vielleicht heute morgen an dem Grabe gestanden, in das du deine Freude und deine
               Hoffnungen hast legen müssen, hast frische Blumen hingebracht und geseufzt darüber,
               daß du nicht auf andere Weise dem Verstorbenen nahekommen, ihm etwas Liebes sagen
               oder tun konntest. Wie soll ich je wiederfinden, was ich verloren habe? wie soll ich
               je zur Ruhe kommen nach dieser grausamen Erschütterung? wer kann mir helfen? ja: wer
               wälzt mir den Stein von des Grabes, von dieses Grabes Tür, so daß ich wiederbekomme,
               was mir genommen ist?</p>
        <p>Die Osterbotschaft, die christliche Osterbotschaft, nicht die heidnische, liebe
               Gemeinde, gibt uns Antwort auf diese Fragen. Was sagt sie uns? Kurz und gut: <hi rend="italic">der Stein ist abgewälzt</hi>, Jesus Christus gestern und heute derselbe
               und in Ewigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.8">Heb. 13,8</ref>]!
               Warum müssen wir von Jesus reden, wenn wir hören wollen, wie wir frei werden können
               von dem ungeheuren Druck, der in dieser Welt auf uns lastet, von den bitteren Fragen,
               die uns von allen Seiten umgeben? Weil in Jesus <hi rend="italic">der Anfang eines
                  Menschenlebens</hi> unter uns erschienen ist, das selber frei ist von diesem
               Druck, von diesen Fragen. Ein Menschenleben, das siegreich war, das triumphiert hat
               über all das Traurige, Bange, Kleinliche der Welt! Auch die Natur kann zu uns reden
               von Gott, ganz gewiß, und sie tut es auch, aber ihr Wort dringt doch nicht bis in die
               tiefste Tiefe der Seele, sie bleibt uns, so sehr sie unser Herz bewegen kann, im
               letzten Grunde fremd. Ein Menschenleben mit seinem Kampf gegen Not und Sünde kann von
               Waldesrauschen und Blumenpracht wohl <milestone xml:id="m13" unit="page"/>
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                tief beeinflußt werden, es kann in ihnen wohl wahrhaftig Gottes Stimme vernehmen,
               aber damit es erlöst werde vom Bösen, daß es Gott nicht nur von Weitem wahrnehme,
               sondern ihn aufnehme und bei sich behalte, dazu muß Gott menschlich und nicht bloß
               natürlich mit ihm reden. Das tut er dann auch durch das Leben und Sterben Jesu. Da
               sehen wir einen Menschen mitten drin stehen in allen Schwierigkeiten und
               Widerwärtigkeiten, auch in allem bitteren Leid des Erdenlebens, wie wir es ja so gut
               kennen. Das ist ja etwas vom Ersten, was wir an Jesus bemerken können, daß er alles
               Schwere und Unangenehme des Lebens selber durchgemacht hat, das Meiste hundertmal
               schwerer, als was wir etwa zu tragen und durchzumachen haben. Wir haben die hinter
               uns liegende Passionszeit wieder dazu benützen können, um ihm auf seinem Leidensweg
               Schritt für Schritt zu folgen und uns zu überzeugen, daß er zum Seufzen und
               Verzweifeln auch allen Anlaß gehabt hätte. Aber wir haben dabei auch von Schritt zu
               Schritt gesehen, wie Jesus in Allem überwunden hat. Er ist bei Allem, was er
               durchzumachen hatte, nicht ein Anderer geworden, nicht ein Schwächerer, nicht ein
               Schlechterer, er hat der Welt keinen Schritt breit nachgegeben. Er ist geblieben, der
               er war, das göttliche Leben, das [in] ihm war, hat sich behauptet in Allem und trotz
               Allem. Wer Ohren hat zu hören, der hört schon durch die ganze Lebens- und
               Leidensgeschichte Jesu hindurch wie einen feinen reinen Ton die Osterbotschaft: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Jesus meine Zuversicht</l>
                                <l xml:space="preserve">und mein Heiland ist im Leben!<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-songs-89" type="song">Lied 344 (EKG 330): «Jesus meine Zuversicht …», Berlin 1653, Strophe 1.</bibl></note></l>
                            </lg>
                        </q>
                    </p>
               <p>Wer Augen hat zu sehen, der sieht schon lange voraus: im Leben dieses Menschen
               da können alle Anstrengungen der feindlichen Gewalten, da kann schließlich auch Tod
               und Grab nichts, gar nichts zu bedeuten haben. Da quält Einen die Frage nicht mehr:
               Wer wälzt den Stein von des Grabes Tür? Denn da mögen die
               <pb xml:id="p195" ed="pga"/>
                Menschen lange hingehen und ihn ins Grab legen und das Grab verschließen und
               versiegeln, Gott hat dieses Grab geöffnet, noch bevor es geschlossen war, Gott gibt
               dem Tode keine Gewalt über diesen seinen Sohn, er lebt und wird leben in Ewigkeit.
               Die Tat Gottes, die in diesem Leben und Sterben geschah, war etwas so Großes,
               Kraftvolles, daß sie leuchten und wirken <hi rend="italic">mußte,</hi> mochten gleich die
               Menschen Alles unternehmen, um sie zu löschen und zu hindern, mochte gleich die Welt
               noch so dunkel und widerspenstig sein. Jesus stand über der Sünde, über der Welt,
               aber darum stand er auch von vornherein über der Vergänglichkeit, mochte gleich sein
               Leib ins Grab gelegt werden.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Was haben die Jünger und Jüngerinnen Jesu erlebt</hi> von jenem
               merkwürdigen dritten Tag seit seinem Tode? Eigentlich nichts Anderes, als daß ihnen
               die Augen aufgingen, daß sie begriffen, was sie längst hätten begreifen sollen.
               Vorher glaubten sie an die Macht der bösen Welt, jetzt glaubten sie an die Macht
               Gottes. Vorher glaubten sie an die Macht des Todes, jetzt glaubten sie an die Macht
               des Lebens, des Lebens, das sie in Jesus kennengelernt hatten. Vorher hatten sie nur
               das vor Augen, daß das Schlechte es gewonnen hatte auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> und daß ihr Meister
               gestorben war, jetzt konnten sie das völlig übersehen, und sie hatten nur noch das
               vor Augen, wie ihr Meister in vollkommener Treue gegen Gott gesiegt hatte bis zum
               letzten Atemzug, gesiegt über das Schlechte. Vorher hatten sie gemeint, der
               Gekreuzigte sei eben leider auch ein schwacher Mensch gewesen, der in der Not des
               Lebens erliegen mußte, jetzt erkannten und verstanden sie: der Gekreuzigte ist der
               Sohn Gottes, gestern und heute derselbe und in Ewigkeit
                [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.8">Hebr. 13,8</ref>].</p>
        <p>Wie ist ihnen das Bewußtsein gekommen in jenen Ostertagen? Durch ein Wunder Gottes,
               das ist ganz sicher, aus sich selber hatten sie diese Einsicht nicht gewonnen,
               sondern Gott mußte es hell werden lassen vor ihren Augen und in ihren Herzen. Wie das
               geschehen ist, das ist allerdings für uns schwer begreiflich, jene Erzählungen des
               Neuen Testaments sind in ein fast undurchdringliches Dunkel gehüllt für unsere Augen,
               und wir müssen es den
               <pb xml:id="p196" ed="pga"/>
                Gelehrten überlassen, sie im Einzelnen zu erklären. Man tut Unrecht, sich darüber
               aufzuregen, ob sie als äußerlich wahrnehmbare oder aber als geistige, innerliche
               Vorgänge aufzufassen sind. Man kann sich ruhigen Blutes für das Eine oder das Andere
               entscheiden, und es hat fromme Männer gegeben, die das Eine, und fromme Männer, die
               das Andere getan haben. Wer den Frieden Gottes kennt und hat, wird sich um die
               Auferstehung Jesu nicht zanken mögen. Das, worauf es für uns ankommt, das ist, daß
               wir das grenzenlos Neue verstehen, das dort den Jüngern und Jüngerinnen Jesu
               aufgegangen ist: das, daß Jesus wahrhaftig Meister sei über Sünde, Welt und Grab,
               über Teufel und Tod. Jetzt erst war es ihnen gewiß: Gott war in Christus 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]! ja, jetzt erst
               war ihnen Gott so recht gewiß geworden. «Der Stein ist abgewälzt», ach, das bedeutet
               viel mehr, als daß sie das Grab Jesu offen und leer fanden — der Stein ist abgewälzt,
               das heißt: Alles Widrige, Traurige, Böse in der Welt kann das Licht und die Kraft
               Gottes, die in Jesus erschienen sind, nicht hemmen. Jesus Christus hat dem Tod die
               Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>].</p>
        <p>Und was sagt uns nun die Osterbotschaft? Sie sagt uns: Jesus ist der Anfang eines
               solchen siegreichen, unvergänglichen Menschenlebens <hi rend="italic">auch für uns</hi>,
               für Alle, die an ihn glauben, für Alle, die sich von ihm durchs Leben und zum Vater
               führen lassen. Groß und hoch stehen alle jene Fragen und Schwierigkeiten vor uns, von
               denen wir geredet. Wir sehen um uns her so manches Menschenleben vergiftet,
               verbittert, verwüstet, zerstört. Wir sehen so viel Unrecht in der Welt, so viel
               offene und geheime, grobe und feine Gewalttat. Wir sehen so viel Tränen weinen, die
               wir nicht trocknen können, so viele traurige Tatsachen, vor denen wir mit einem
               schmerzlichen Achselzucken stehen bleiben müßten, wenn wir nun nicht etwas Höheres
               kennen würden. Wir kennen aber etwas Höheres, und wir brauchen nicht seufzend vor
               alledem stehen zu bleiben. Das Höhere ist eben jenes siegreiche, unvergängliche
               Menschenleben Jesu. Dieses Menschenleben ist Gottesleben, eben weil es so
               unvergleichlich ist.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p197" ed="pga"/> Und dieses Hohe, dieses Gottesleben ist für uns da. Es muß hinein in unsere Seelen,
               hinein in unser Leben, das ist die rechte Antwort auf alle Fragen. Natürlich, solange
               wir Jesus bloß von ferne betrachten, bloß ihn bewundern, bloß über ihn nachdenken und
               dergleichen, so lange ist er für uns nicht lebendig, darum auch nicht wirksam, darum
               auch nicht ein Segenspender. Wir müssen ihn kennen lernen, wie ihn die Jünger an
               jenem Ostertage kennen lernten, wir müssen das Vertrauen zu ihm fassen, daß
               wahrhaftig Gott durch ihn redet und bei ihm war, und dann müssen wir ihm gehorchen
               als dem Boten Gottes an uns. Den christlichen Osterglauben kennt nur der, der diese
               Umwandlung an sich erfahren hat. Nicht ein vollkommener Mensch braucht er zu sein,
               aber einer, der einmal Ernst gemacht mit dem Wunsch, Jesus nachzufolgen, d. h. ihm zu
               gleichen, sich zu Gott und zu den Brüdern so zu stellen, wie er es getan hat. Da muß
               der eigene Wille, die Eitelkeit, die Leidenschaft daran glauben, da muß ein großer,
               stiller Gehorsam eingezogen sein in unser Herz. Wo ein Mensch diese Umwandlung
               durchmacht, der bekommt dann auch die rechte, die wahre Osterfreude. Sein Leben wird
               eine kleine Fortsetzung des unvergänglichen, siegreichen Lebens Jesu. <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">«Jesus, er mein Heiland, lebt;</l>
                                <l xml:space="preserve">Ich werd auch das Leben schauen,</l>
                                <l xml:space="preserve">Sein, wo mein Erlöser schwebt.</l>
                                <l xml:space="preserve">Warum sollte mir denn grauen?</l>
                                <l xml:space="preserve">Lässet auch ein Haupt sein Glied,</l>
                                <l xml:space="preserve">Welches es nicht nach sich zieht?»<note xml:id="n02"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-89">Lied 344, Strophe 2</bibl>; vgl. <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>.</note></l>
                            </lg>
                        </q>
                    </p>
               <p>Dieses gewaltige «Ich auch!» ist etwas, was uns keine noch so schöne
               Naturbetrachtung ersetzen kann. Gott mußte uns in Jesus einen solchen Bruder
               schicken, der uns deutlich und unmißverständlich dieses «Ich auch!» zurufen konnte.
               «Ich lebe, und ihr sollt auch leben!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.19">Joh. 14,19</ref>], das ist die christliche Osterbotschaft.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p198" ed="pga"/> Wenn wir sie gehört haben, dann heißt es auch für uns: <hi rend="italic">Der Stein ist
                  weggewälzt</hi>. Sünde, Not, Welt und Tod verlieren ihre gewaltige Bedeutung. Noch
               sind sie da, aber wir glauben nicht mehr an sie. Noch sind sie da, aber wir halten
               sie nicht mehr für Götter, die wirkliche Macht über uns haben könnten. Noch seufzen
               wir unter den <hi rend="italic">Sorgen</hi> und Kummern dieses Lebens, aber sie erdrücken
               uns nicht mehr, wir sehen darüber hinaus, wir haben einen festen Grund [?] und Boden
               unter den Füßen, wo wir stehen können. Noch leiden wir darunter, wenn man uns <hi rend="italic">Unrecht</hi> tut, aber wir sehen Unrecht und Beleidigung, die uns
               zugefügt werden, nicht mehr an als etwas Entsetzliches, wir fühlen uns nicht mehr im
               Innersten erschüttert, wenn einmal so etwas vorkommt, sondern wir lernen uns darüber
               hinwegzusetzen, wir lernen vielleicht sogar allmählich das Schwerste: Böses mit Gutem
               vergelten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.17">Röm. 12,17</ref>].
               Noch leiden wir unter der <hi rend="italic">Uneinigkeit</hi> und den Gegensätzen unter den
               Menschen und unter ihren fatalen Folgen. Aber wir lassen uns dadurch nicht
               enttäuschen und nicht verbittern. Wir fangen nicht an mitzuzanken, wo Alles zankt,
               wir werden nicht hingehen und die auch mißverstehen wollen, die uns mißverstanden
               haben, wir ziehen uns auch nicht einfach zurück und überlassen die Anderen ihrem
               Schicksal, sondern wir können warten, bis sich die Wogen etwas gelegt haben, einmal
               werden sie es ja sicher tun, und unterdessen suchen wir in aller Stille zu tun, was
               dem Frieden, dem wahren Frieden, dem Frieden Gottes unter den Menschen dienlich ist.
               Noch müssen wir auch unsere eigene <hi rend="italic">persönliche Schwachheit</hi>
               beklagen, immer wieder, aber darin unterzugehen, fürchten wir nicht, wir halten uns
               kühn an Gottes Hand und wissen im Voraus: ich kann wohl straucheln und fallen, aber
               nicht liegen bleiben, das nicht. Meine Freudigkeit, zu Gott zu gehören, ist stärker
               als all die Gewichte, die mich nach unten, nach rückwärts ziehen wollen. Noch bin ich
               nicht von allen Ketten der Sünde los, aber ich spüre, wie sie sich lösen, und schon
               jetzt hindern sie mich nicht mehr, zu Gott zu gehören. Und auch das gibts immer noch,
               auch für Menschen, die die Osterbotschaft gehört und aufgenommen haben, daß sie <hi rend="italic">an Gräbern stehen</hi> und um
               <pb xml:id="p199" ed="pga"/>
                ihre Lieben klagen müssen. O ja, aber nicht als solche, die keine Hoffnung haben
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.4.13">1.Thess. 4,13</ref>].
               Nicht als solche, die ihren Lieben nachjammern müssen mit dem Gedanken: aus und
               fertig. Nein, wir sind schon jetzt in Gott mit ihnen verbunden. Kennen und haben wir
               etwas von jenem Leben Jesu, dann kennen und haben wir das, was dem Tod seinen Stachel
               nimmt. Der Tod liegt dann unter uns. Und so sind wir betrübt und doch froh, wir
               sehnen uns nach unseren Abgeschiedenen und können doch nicht im Ernst daran denken,
               sie zurückzurufen. In Gott leben sie ja Alle. Und Gott ist gegenwärtig. Sind sie uns
               da nicht auch gegenwärtig, jetzt schon, bis wir einst ganz mit ihnen eins sein werden
               in Gott?</p>
        <p>So fällt Licht auf die Schwierigkeiten unseres Lebens von der Osterbotschaft aus. Der
               Stein ist weggewälzt für den, der mit Jesus durchs Leben geht. O wenn wir diese
               Fragen kennen aus unserem Leben, und wir kennen sie ja alle so gut, wir tragen alle
               so viel davon in uns herum, dann wollen wir zu ihm, dem Fürsten des Lebens, gehen, zu
               ihm, der größer war als all das, was uns je Mühe macht. Und dann wollen wir mit ihm
               gehen und wollen lernen, bescheiden lernen, <hi rend="italic">auch</hi> groß zu werden,
                  <hi rend="italic">auch</hi> hineinzuwachsen in das siegreiche, unvergängliche Leben,
                  <hi rend="italic">auch</hi> jubeln zu dürfen mit so vielen seiner Schüler und Freunde:
               Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg, der Tod ist verschlungen in den
               Sieg. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat in Jesus Christus 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.55 1.Kor.15.57">1.Kor. 15,55–57</ref>].</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
