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        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">§ 44,2 Der Mensch und die Menschheit</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: § 44,2 Der Mensch und die Menschheit, kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50006 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 558.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">§ 44,2 Der Mensch und die Menschheit</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [III/2] §44: Die menschliche Natur. 2. Der Mensch und die Menschheit, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1136">KBA 25018</ref>. </bibl>
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        <date type="creation">kein Datum</date>
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   <div type="paper">
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    <head>I. Die vollständigen Texteinheiten<lb/> § 44,2 Der Mensch und die Menschheit</head>
    <div type="abstract">
     <p>Dieses umfangreiche Fragment<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA
        25018</idno> (CD-ROM, Text Nr. 12); ein Gliederungsvorschlag findet sich in: Begleitheft,
      S. 9 (Anhang, <ref type="pub" target="../volume/50/p690#p690">S. 690</ref>).</note> aus der Vorlesung des Sommersemesters <date when="1944">1944</date> gehört wie der
      vorstehend abgedruckte Abschnitt (§ 43,2) zum zehnten Kapitel («Das Geschöpf»), also zur
      ersten Fassung der Anthropologie.</p>
     <p><hi rend="italic">Der dieses Kapitel ursprünglich abschließende § 44 trug den Titel «Die
       menschliche Natur».<note xml:id="n02">Diese und die folgenden Aussagen über den
        ursprünglichen § 44 fußen auf der Vorlesungsmitschrift von <persName ref="kbga-actors-7758">Sophie Apolant</persName> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p003#p003">S. 3</ref>).</note> Im Typoskript erhalten ist nur der hier wiedergegebene zweite
       Abschnitt. Ihm voran ging ein kurzer erster: «Die menschliche Natur als Problem der
       Dogmatik», dessen Titel geringfügig abgeändert in der endgültigen Fassung der Anthropologie
       zum Gesamttitel des neuen § 43 wurde;<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
         III/2, S. 1</bibl>: «Der Mensch als Problem der Dogmatik».</note> ihm folgte ein sehr
       ausgedehnter dritter: «Der Mensch als Seele und Leib», dessen Titel und Thema in der
       Endfassung als eigenständiger § 46 Aufnahme fanden.<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 391–524</bibl>.</note></hi></p>
     <p><hi rend="italic">Bezüglich des hier wiedergegebenen zweiten Abschnitts hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> über die
       Gründe, die ihn bewogen, ihn wegzulassen, explizit Auskunft gegeben. Im Vorwort zur
       Neufassung der Anthropologie beschreibt er, wie er sich den Weg zu einer «ordentlichen
       theologischen Lehre vom Menschen» schrittweise habe bahnen müssen, und fährt dann fort:
       «Einen in einer ersten Fassung vorhandenen Paragraphen ‹Der Mensch und die Menschheit› [...]
       habe ich fallen lassen, weil ich des theologischen Zugangs zu dieser Frage nicht sicher genug
        war.»<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2,
      S. VIII</bibl>.</note></hi></p>
     <p><hi rend="italic">So gelangte zu Lebzeiten <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> lediglich das biblisch-exegetische Fundament dieses Abschnitts, der lange
       Exkurs zur Auslegung des fünften Kapitels des Römerbriefes,<note xml:id="n06">Siehe unten,
         <ref type="pub" target="../volume/50/p429#p429">S. 429–470</ref>.</note> zum Abdruck, den
       <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1952 separat als Broschüre unter dem Titel «Christus und <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> nach Röm. 5» erscheinen
        ließ.<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-1274"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Christus und Adam nach Röm. 5</hi>
        (ThSt[B] 35), Zürich 1952; 2. Aufl.: ders., <hi rend="italic">Christus und Adam nach Röm. 5.
         Ein Beitrag zur Frage nach dem Menschen und der Menschheit</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Rudolf Bultmann. Ein Versuch, ihn zu verstehen / Christus und Adam nach
         Röm. 5. Zwei theologische Studien</hi>, Zürich 1964, S. 67–122</bibl>. Näheres dazu s. unten, <ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>.</note></hi></p>
    </div>

  
    <div>
     <head>§ 44,2 Der Mensch und die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term></head>
      <div>
        <div> 
     <p><pb xml:id="p413" ed="pga" rend="noPipe"/>Von wem reden wir, wenn wir christlich vom
      Menschen reden wollen? Wessen geschöpfliches Wesen entspricht jenem Sein im Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, jenem inneren Sein des Menschen, jenem
      gottebenbildlichen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Sein</term> des Mannes und der
       <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, von dem wir ausgegangen sind? Wir fragen
      zunächst nach der menschlichen Natur, sofern sie die Natur eines bestimmten <term key="Mensch, Subjekt"><hi rend="italic">Subjektes</hi></term> ist. Wer ist das Subjekt
      Mensch, das wir vor Augen und im Sinne haben, wenn wir jetzt nach der menschlichen Art fragen
      wollen? Es ist klar, dass wir damit schon nach dieser Art selber zu fragen begonnen haben.
      Diese Art gehört zu einem bestimmten Subjekt; als die seinige und nur als die seinige besteht
      sie und ist sie erkennbar. Fragen wir nach diesem Subjekt, so haben wir faktisch auch schon
      nach seiner Art gefragt. Es erfordert aber gerade das Problem des Subjektes Mensch besondere
      Aufmerksamkeit: dann jedenfalls, wenn wir christlich vom Menschen reden wollen. Wer gemeint
      ist, wenn vom Menschen die Rede ist, diese Frage darf nicht offen bleiben, sie kann auch nicht
      so oder anders beantwortet werden, wenn wir des Menschen Art recht verstehen wollen. Dass sein
      geschöpfliches Wesen seinem Sein im Worte Gottes entspricht, das bedeutet ja grundlegend und
      vor allem die große Aufforderung und Einladung, Frage und <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>, dass er selbst als Subjekt der sei, der er im Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> ist. Nicht seine Art als solche, sondern <hi rend="italic">er in</hi> dieser seiner Art ist der von Gott zur <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> Aufgerufene.
      Er als dieses bestimmte Subjekt wird diesem Aufruf gehorsam oder ungehorsam und eben damit
      auch sich selbst treu oder untreu und so gerettet oder verloren sein. Wer ist er?</p>
     </div>
     <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Die Erinnerung, dass er Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term>, Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> und so Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term> ist, war noch keine Antwort auf diese
      Frage. Sie bezeichnet des Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>.<note xml:id="n08">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p305#p305">S. 305–411</ref>: «Des Menschen Menschlichkeit».</note> Wir
      können zu deren Bezeichnung nicht höher und nicht tiefer greifen als mit dieser Erinnerung.
      Sie erklärt aber noch nicht, wer der im Gegenüber von Mann und Frau menschliche Mensch als <pb xml:id="p414" ed="pga"/> solcher ist – an wen wir <pb ed="A" n="1204"/> zu denken haben, wenn wir Mann oder
      Frau oder auch Mann und Frau miteinander sagen, wenn wir beide für sich und beide miteinander
      nun eben als Menschen ansprechen.</p>
     </div>
     <div>
     <p rend="margin-top"> Unsere Nachforschung nach der menschlichen Natur soll mit der
      Beantwortung dieser Frage nach dem Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> ihren
      Anfang nehmen.</p>
     <p>Blicken wir auf die Menschennatur <term ref="kbga-keywords-233"><hi rend="italic">Jesu</hi></term>, um uns von da aus weiter zurechtzufinden, dann stoßen wir auf die für die
      Frage nach dem menschlichen Subjekt überaus merkwürdige Tatsache, dass wir ihn ebensowohl als
       <hi rend="italic">diesen</hi> wie als <hi rend="italic">den</hi> Menschen erkennen und
      bezeichnen müssen. Anders ausgedrückt: ebensowohl als einen bestimmten Menschen für sich wie
      als den Vertreter und Träger der Menschheit überhaupt und als solcher. Sagen wir Jesus, so
      müssen wir <hi rend="italic">ganz allein ihn</hi> meinen, und gerade wenn wir ihn ganz allein
      meinen, können wir nicht umhin, uns selbst, aber nicht nur uns selbst, sondern <hi rend="italic">alle</hi> Menschen, jeden Einzelnen von ihnen, mitzumeinen. Indem gerade er mit
      keinem anderen Menschen zu vertauschen und zu verwechseln ist, gibt es keinen anderen
      Menschen, der nicht dazu jedenfalls bestimmt wäre, gerade in ihm zu sein: an seiner Existenz
      und Art teilzunehmen. Indem er der <hi rend="italic">Einzelne</hi> und der <hi rend="italic">Einzigartige</hi>
      <foreign xml:lang="el-GR">κατ’ ἐξοχήν</foreign> ist, verkörpert er auch die umfassendste und
      gründlichste menschliche <term key="Gemeinschaft, menschliche"><hi rend="italic">Gemeinschaft</hi></term> und <hi rend="italic">Gemeinsamkeit</hi>.</p>
     </div>
     <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Wir haben diese Sache bereits in einem früheren Zusammenhang berührt,<note xml:id="n09">Vgl. <ref type="pub" target="../volume/50/p305#p305">ebd</ref>.</note> aber doch
      erst berührt: wir fragten dort nach dem spezifisch Menschlichen des geschöpflichen Seins im
      Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, das wir vorher als das besondere Sein des
      Menschen inmitten der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> erkannt hatten.
      Wir hielten uns auch dort an das Menschsein Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term>
      und sagten: <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> heißt <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>, Zusammensein und Beziehung von Du
      und Ich, so gewiss der Mensch Jesus vom Mitmenschen her und zu ihm hin und so wirklich nur mit
      ihm zusammen Mensch ist. Was uns hier beschäftigt, ist die Natur des menschlichen Seins, die
      konkrete Beschaffenheit und Zuständlichkeit, in der ich als Mensch mir selbst Ich und dem
      Anderen Du [bin], in der der Andere mir Du und sich selbst Ich <pb ed="A" n="1205"/> ist, in
      der wir miteinander <term key="Mensch, und Menschheit">Mensch</term> sind – und nun also
      zunächst: das Subjekt, das in diesem Zusammensein hier und dort vorausgesetzt ist. Blicken wir
      mit der Frage nach diesem Subjekt auf den Menschen Jesus, dann ist von ihm offenbar noch mehr
      zu sagen als dies, dass er <term ref="kbga-keywords-233">Mensch</term>
      <pb xml:id="p415" ed="pga"/> und <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmensch</term> ist:
      er <hi rend="italic">und</hi> die, die in näherer und fernerer Umgebung mit ihm und bei ihm
      sind. Dass dem so ist, das ist in seinem eigenen Wesen begründet, zu welchem ursprünglich
      nicht nur er, sondern in ihm auch sie gehören. Er ist darum Mensch mit den anderen Menschen,
      Mensch von ihnen her und für sie, weil er selber wohl <hi rend="italic">ein</hi> Mensch, <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch, aber nicht nur das, sondern eben als solcher auch <hi rend="italic">der</hi> Mensch: das ursprüngliche Haupt, d. h. aber das ursprüngliche Subjekt
      jedes Menschen ist, der Mensch, ohne den kein Anderer Mensch wäre. Jesus ist nicht einfach die
      Menschheit; er ist ja konkret und für sich dieser Mensch. Er ist aber auch nicht einfach ein
      Mensch neben und unter anderen, sondern er ist als dieser konkret und für sich seiende Mensch
      – gewiss nur so, aber so allerdings sehr wirklich – auch die Menschheit. Eben darum ist es
      nicht zufällig, sondern notwendig, dass er in seiner ganzen Einzigkeit und Einzigartigkeit
      gerade nicht einsam, sondern nur mit dem Mitmenschen zusammen Mensch ist. Es ist ihm
      natürlich, sowohl einzig und einzigartig als auch jener umfassendsten und gründlichsten
      Gemeinschaft und Gemeinsamkeit teilhaftig zu sein. Er ist beides von Hause aus.</p>
     </div>
     <div>
     <p rend="margin-top">Gerade der Gegensatz des Besonderen und des Allgemeinen, der uns, wenn wir
      nach dem Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> fragen, unüberbrückbar und
      letztgültig zu sein scheint, gerade die ausschließende Entgegenstellung von Mensch und
      Menschheit erweist sich der menschlichen Natur Jesu gegenüber als undurchführbar. Wir sehen
      nicht die von Gott geschaffene Menschennatur, wenn wir es in dieser Frage mit einem
      Entweder-Oder zu tun [zu] haben meinen, wenn wir also das Subjekt Mensch entweder von einem
      allgemeinen Begriff der Menschheit oder von einer besonderen Anschauung des einzelnen Menschen
      her bestimmen zu müssen <term key="Mensch, und Menschheit">meinen</term>.</p>
     </div>
     <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Beides liegt nahe, aber <pb ed="A" n="1206"/> eben zu nahe. Beides
      scheint, je in seiner Weise, den Vorzug der Einfachheit für sich zu haben. Aber die
      Einfachheit, in der man hier so oder so wählt und vorgeht, ist die falsche Einfachheit einer
      Abstraktion. Von beiden dieser Standpunkte her lässt sich der andere trefflich kritisieren,
      dessen Beschränktheit und Gefährlichkeit sehr einleuchtend darstellen. Aber eben das böse
      Auge, mit dem man da jeweils von hier nach dort hinüberblickt, eben die schiefen Bilder, in
      denen man hier je den anderen Standpunkt allein sehen zu können meint, dürften schon an sich
      verräterisch sein dafür, dass jeweils auch auf der urteilenden Seite selbst nicht Alles zum
      Besten bestellt ist. Eben die Ruhelosigkeit, in der sich die Diskussion und der faktische
      Kampf zwischen den beiden hier so naheliegenden Stellungnahmen hin- und herbewegt, möchte ein
      Hinweis darauf sein, dass die wahre Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>, das
      wahre Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term>, weder von hier noch von dort aus
      wirklich gesehen ist.</p>
     </div>
      <div>
     <p rend="margin-top"><pb xml:id="p416" ed="pga" rend="noPipe"/>Die Aporie, in die man sich mit
      jenem Entweder-Oder verwickelt, ist nun freilich kein Beweis dafür, dass wir uns dieses
      Entweder-Oder entschlagen könnten. Das aber ist auch nicht aus der Welt zu schaffen: das Bild
      der menschlichen Natur <term ref="kbga-keywords-233">Jesu</term>
      <hi rend="italic">protestiert</hi> gegen dieses Entweder-Oder. Sie lässt sich in jene
      Entgegenstellung nicht einfangen. Im Blick auf sie kann man weder den Menschen gegen die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> noch die Menschheit gegen den Menschen
      ausspielen. Im Blick auf sie geht es nicht an, das Besondere zu Ungunsten des Allgemeinen oder
      das Allgemeine zu Ungunsten des Besonderen zu verherrlichen und also den Begriff der
      Menschheit als eine leere <term key="Naturalismus">naturalistische</term> oder <term ref="kbga-keywords-1379">idealistische</term> Idee oder die Anschauung des einzelnen Menschen
      als eine blinde Vorstellung,<note xml:id="n10">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p154#fn_n128">S. 154f., Anm. 128</ref>.</note> als eine Verwechslung
      zwischen allgemeiner Wahrheit und empirischem Zufall zu verdächtigen. Der theoretische und
      praktische Streit jener beiden <pb ed="A" n="1207"/> Standpunkte ist hier zu Ende, vielmehr:
      er kann hier gar nicht anfangen, weil er hier gegenstandslos und sinnlos ist. <hi rend="italic">Dieser</hi> Mensch ist <hi rend="italic">der</hi> Mensch. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch ist <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch. Wenn das im Blick auf jeden
      anderen Menschen eine unmögliche, weil nach ihrem Inhalt unbegreifliche und unanschauliche
      Aussage ist, so ist sie im Blick auf Jesus die allein mögliche, die dem Begriff und der
      Anschauung seines Menschseins allein genügende Aussage. Man könnte sich ihr nur dann
      verweigern, könnte also das Menschsein Jesu nur dann mit derselben Aporie belasten, von der
      die Frage nach der menschlichen Natur sonst allerdings auf der ganzen Linie belastet ist, wenn
      man die Regel der theologischen <term key="Anthropologie, theologische">Anthropologie</term>,
      zuerst auf ihn und erst dann und von ihm her auf uns zu blicken, durchbrechen und also mit
      einem im Blick auf uns Andere vorgefassten Menschenbild auch an ihn herantreten, ihn an
      unserem Maßstab messen wollte statt umgekehrt. Wenn wir es umgekehrt halten, dann müssen wir
      anerkennen, dass das Bild seiner <term ref="kbga-keywords-233">Menschennatur</term>
      protestiert gegen jenes Entweder-Oder.</p>
     <p>Von ihm aus gesehen wird es freilich erst sichtbar, wie sehr und wie gründlich wir in jenes
      Entweder-Oder verstrickt sind. Gerade die <hi rend="italic">Identität</hi> von Mensch und
      Menschheit <hi rend="italic">in <term key="Mensch, und Menschheit, Identität in Jesus Christus">Jesus</term></hi> ist offenbar das
      Problem ihrer <hi rend="italic">Nicht-Identität</hi>, ihres Widerspruchs und Widerstreites <hi rend="italic">in <term key="Mensch, und Menschheit, Nicht-Identität in uns">uns</term></hi>.
      Und wenn wir in ihm den gnädigen <term key="Gott, Gnädigkeit">Gott</term> erkennen, der dem
       <pb xml:id="p417" ed="pga"/> sündigen <term ref="kbga-keywords-750">Menschen</term>
      <term ref="kbga-keywords-809">zornig</term> und <term ref="kbga-keywords-1314">richtend</term>
      gegenübertritt, dann werden wir in der Nicht-Identität von Mensch und Menschheit, von der wie
      unser Sehen der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, so auch diese selbst, die
      sich nur so zu sehen vermag, belastet ist, deren Bestimmtheit durch die menschliche <term ref="kbga-keywords-64"><hi rend="italic">Sünde</hi></term> – und werden wir in jenem für uns
      unauflösbaren Entweder-Oder den unvermeidlichen <hi rend="italic">Konflikt</hi> erkennen, in
      welchem der sündige Mensch als solcher existieren muss. Er ist wirklich nicht zugleich <hi rend="italic">dieser</hi> und <hi rend="italic">der</hi>
      <term key="Mensch, und Menschheit">Mensch</term>. Er kann und wird das Eine immer nur auf
      Kosten des Anderen sein. Er kann und wird zwischen den beiden Grenzen des Besonderen und des
      Allgemeinen immer nur hin- und herrennen als zwischen den beiden entgegengesetzten <pb ed="A" n="1208"/> Mauern
      seines Gefängnisses. Er kann und wird hier immer nur agieren und reagieren. Er kann und wird
      hier immer nur von Sentiments und Ressentiments und darum immer nur in Einseitigkeiten, d. h.
      aber in Verkehrtheiten leben. Er kann und wird nur entweder dem Menschen oder der Menschheit
      den Vorzug geben und dementsprechend je gegen jenen oder gegen diese sich verfehlen. Von den
      zwei «Seiten» des Problems kann und wird er immer nur je die eine wählen, in vermeintlichem
      Besitz <hi rend="italic">der</hi> Einsicht in einer Richtung davoneilen, um sich eben damit
      nach der anderen zu entfernen und um, ob er heute in diese, morgen in jene Richtung eile, das
      Eine, was er meint, was er suchen und finden möchte, heute wie morgen in Wirklichkeit nicht zu
      suchen und nicht zu finden, ja nicht einmal zu meinen. Er weiß aber wirklich nicht aus sich
      selber, dass er dieses Eine immer verfehlen wird und nur verfehlen kann. Er weiß ja nicht aus
      sich selber, dass er sich im Gefängnis befindet. Er wird von sich aus vielmehr immer der
      Meinung sein, sich in höchster Freiheit zu befinden. Er wird sich also jeweils immer wieder
      mit neuer Entdeckerfreude und Entschlossenheit aufmachen, heute dorthin zu eilen, von woher er
      gestern gekommen ist, heute zu verbrennen, was er gestern angebetet, und heute anzubeten, was
      er gestern verbrannt hat,<note xml:id="n11">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p124#fn_n88">S. 124, Anm. 88</ref>.</note> um dann auch immer wieder
      neue Enttäuschungen zu erleben, neuer Bekehrungen bedürftig zu werden. |</p>
     <p>Es gehört gerade auch das zu der sündigen Bestimmtheit der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, dass der Mensch in seinem Bestreben, <hi rend="italic">dieser</hi> und <pb xml:id="p418" ed="pga"/>
      <hi rend="italic">der</hi> Mensch zu sein, obwohl er nicht beides zugleich sein, obwohl er
      sich selber in diesem Bestreben nur zerreißen kann, obwohl er die Leiden sieht, die er sich
      damit bereitet, kein Ende finden kann. Er müsste kein <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> sein, wenn er der Erkenntnis seiner <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>
      von sich aus fähig sein, wenn also ein Ablassen von jener hoffnungslosen Bemühung von ihm zu
      erwarten sein sollte. Dass jenes Entweder-Oder eine unheilvolle Verstrickung bedeutet, dass es
      der sündigen Bestimmtheit und nicht der schöpfungsmäßigen Beschaffenheit und Zuständlichkeit
      angehört, das ist uns in der menschlichen Natur <term ref="kbga-keywords-233">Jesu</term> und
      in ihr ganz allein offenbar: hier, wo jenes Entweder-Oder keinen Raum hat. Wo wir sonst <pb ed="A" n="1209"/> hinblicken, hat gerade dieses Entweder-Oder allein Raum. Von allen Orten, von denen her
      wir den Menschen sonst ansehen mögen, wird nicht einmal das sichtbar werden, dass es sich in
      jener Entgegenstellung um eine Not handelt. Überall sonst ist es ja nicht Gott, der dem
      Menschen gerade an der Stelle in den Weg tritt, von wo aus dieser jetzt dahin, jetzt dorthin
      laufen, jetzt in einem heiligen <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term>, jetzt in
      einem heiligen <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> sein Heil suchen möchte.
      Jede andere Begegnung wird unvermögend sein, ihn an dieser Stelle zu stellen, d. h. bedenklich
      zu machen, aufzuhalten und zur Umkehr aufzurufen. Jeder Mensch wird den anderen Menschen
      gerade an dieser Stelle nur bestärken in der Meinung, dass er hier wählen, hier zur Linken
      oder zur Rechten gehen und zu dem entsprechenden Streit gegen rechts oder links antreten
      müsse. Jeder Mensch wird den Anderen nur anleiten, sich mit neuer Kraft und mit der sicheren
      Aussicht auf neue Leiden auf den Weg zu begeben, der ihn nur im Kreis auf dessen Anfangspunkt
      zurückführen kann. Gott der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> – er, an dem der
      Mensch <term ref="kbga-keywords-750">gesündigt</term>, der ihn aber auch <term ref="kbga-keywords-51">rechtfertigen</term> will – er allein kann und wird hier entscheidend
      und wirksam Einspruch erheben. Und sein entscheidender und wirksamer Einspruch ist eben der
      Mensch <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term>. In ihm wird die Gegenstandslosigkeit und
      Sinnlosigkeit jenes Entweder-Oder sichtbar: als des Menschen Sünde nämlich, sofern Jesus des
      Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> auf sich genommen, sich für ihn
      verantwortlich gemacht, den Widerspruch und Widerstreit, in dem er sich befindet, an seiner
      Stelle so erlitten hat, dass alles unser Leiden daran nur noch die Erinnerung an das seinige
      ist, so also, dass der Mensch es in Wahrheit nicht mehr zu erleiden hat. Von der in Jesus
      geschehenen <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> her klagt uns unsere Sünde <pb xml:id="p419" ed="pga"/> an. Indem sie uns in ihm vergeben wird, wird es uns zur ernstlichen
      Vorhaltung gemacht, dass wir immer wieder wählen, immer wieder das tun zu müssen meinen,
      dessen schmerzliche Konsequenz doch von Jesus getragen und also von uns weggenommen ist. Wie
      kommen wir dazu, immer wieder in jenem Entweder-Oder zu leben und also zu sündigen, da Gott
      uns doch eben dies vergeben hat? Für den <pb ed="A" n="1210"/> sündigen <term ref="kbga-keywords-750">Menschen</term> ist jenes Entweder-Oder unaufhebbar, jener Konflikt
      unvermeidlich. Die in dem Menschen Jesus geschehene Vergebung überführt uns, dass wir solche
      sündige Menschen sind und dass wir uns darum in jenem Widerspruch und Widerstreit
      befinden.</p>
     <p>Der Mensch Jesus hat aber darum die Macht, uns unsere Sünde zu vergeben und uns eben damit
      als Sünder zu überführen und anzuklagen, uns eben damit die Gegenstandslosigkeit und
      Sinnlosigkeit jenes Entweder-Oder einleuchtend zu machen, weil er selbst ohne Sünde – nur mit
      unserer Sünde beladen, aber ohne eigene <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> – ist. Und
      das heißt eben hier: weil er an jener Entgegenstellung von Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> nicht beteiligt, weil sie in ihm überwunden
      ist. Das zeigt sich ja gerade darin wie in nichts sonst: dass er Gott für seine eigene Person
      damit Gehorsam leistet, dass er es auf sich nimmt, mit der Sünde aller anderen Menschen
      belastet zu werden, in seiner Person und indem er für sich selbst einsteht, zugleich auch für
      alle Anderen einzustehen bis zum allerletzten und also an ihrer Stelle zu leiden, was von
      Rechts wegen sie leiden müssten, so dass für sie nur eben noch jene Erinnerung als ihr eigenes
      Leiden übrig bleibt, dessen wirkliches Brennen sie nicht mehr treffen kann. Wer ist der, der
      im Namen und in der Vollmacht Gottes die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> vergibt,
      und zwar damit <term ref="kbga-keywords-199">vergibt</term>, dass er sich selbst für die
      Sünder <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">dahingibt</term>? |</p>
     <p>Wer ist dieser Mensch? Wer ist hier Subjekt der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>? <hi rend="italic">Dieser</hi> Mensch oder <hi rend="italic">der</hi> Mensch?
      Der Mensch oder die Menschheit? Man sieht doch sofort, dass diese Frage hier darum nichtig
      ist, weil gerade das Wählen zwischen diesen beiden Möglichkeiten hier offenbar nicht
      stattgefunden hat. Jesus konnte nicht er selbst und für sich sein als <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch, ohne sich eben damit mit <hi rend="italic">dem</hi> Menschen, mit allen
      Menschen identisch zu wissen und also ihre Sache und Verantwortung zu seiner eigenen zu
      machen. Und eben das konnte er wiederum nicht anders tun, als indem er für sich gerade <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch mit seiner eigenen besonderen Sache und Verantwortung <pb ed="A" n="1211"/>
      war. Ge<pb xml:id="p420" ed="pga" break="no"/>rade das Besondere schließt hier offenbar das
      Allgemeine und gerade das Allgemeine schließt hier offenbar das Besondere von Hause aus in
      sich. Das ist Jesu Sündlosigkeit, die ihm zur Vergebung der Sünden die Macht gibt. Das ist die
      menschliche Natur in diesem Menschen: er ist nicht nur <hi rend="italic">dieser</hi>, sondern
      ebenso von Haus aus auch <hi rend="italic">der</hi> Mensch. Er lebt und handelt gerade an der
      Stelle im Frieden, wo bei uns, den <term ref="kbga-keywords-750">Sündern</term>, der Konflikt
      stattfindet, die Diskussion und der Kampf immer wieder anfängt. Eben das befähigt ihn, uns den
       <term key="Frieden, Friede Gottes">Frieden</term> zu verkündigen und zu bringen. Es ist
      derselbe Friede, der eigentlich und zuerst in ihm ist. Eben so tritt uns also an dieser Stelle
      Gott der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> in den Weg, um uns die
      Gegenstandslosigkeit und Sinnlosigkeit jenes Entweder-Oder klar zu machen. Er tut es also auch
      in dem Sinn, dass wir hier, in Jesus, mit unserer eigenen Natur, wie Gott sie geschaffen hat,
      konfrontiert werden. Indem wir in Jesus <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> unserer
       <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> empfangen – in diesem machtvollen Erweis seiner
      Sündlosigkeit, der in ihm stattfindenden Identität von Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit, Identität in Jesus Christus">Menschheit</term> –, wird uns
      offenbar, was es mit seiner menschlichen <term ref="kbga-keywords-233">Natur</term>, was es in
      ihm mit dem Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> auf sich hat. Hier, in ihm
      jedenfalls, ist von jener Wegscheide und also von einer Möglichkeit oder gar Notwendigkeit,
      zwischen dem Menschen und der Menschheit zu wählen, keine Spur zu bemerken, obwohl es doch
      zweifellos diese beiden Momente sind, die auch seine Natur konstituieren, und obwohl ihre
      Identität weder die Zerstörung des einen noch die des anderen in sich schließt. Keines
      verschwindet ja hier im Anderen: der Mensch nicht in der Menschheit, aber auch die Menschheit
      nicht im Menschen. Man kann die in Jesus geschehene <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> nicht verstehen, ohne immer wieder seiner selbst als dessen, der sie
      vollbracht hat und noch vollbringt, zu gedenken. Man kann aber auch ihn selbst nicht
      verstehen, ohne ihn sofort in diesem seinem Vollbringen zu sehen. Und das heißt eben: man
      sieht die von ihm vertretene, in ihm vollständig dargestellte Menschheit nicht, ohne ihn als
      diesen Menschen – und man sieht wiederum ihn, diesen Menschen, nicht, weder seine Einzigkeit
      als <pb ed="A" n="1212"/> dieser noch die ihr entsprechende Einzigartigkeit, ohne zu sehen,
      dass und wie in ihm nun eben die ganze Menschheit in ihrer <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> und Gemeinsamkeit vertreten und
      dargestellt ist. Und wenn die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, so wie sie
      uns als die unsrige bekannt ist, in ihrer Friedlosigkeit und so in ihrem Kontrast <pb xml:id="p421" ed="pga"/> zu der seinigen die durch die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> bestimmte, die seinige aber – erkennbar eben daran, dass er sich mit unserer
      Sünde <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">belastet</term> – die sündlose ist, dann
      blicken wir eben hier durch das Medium der Sünde (nämlich unserer Sünde!) hindurch in das
      Geheimnis der von Gott geschaffenen <hi rend="italic">Menschennatur</hi>, dann ist eben der
      Mensch Jesus auch die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des wahren Subjektes
       <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term>, das nicht der Mensch <hi rend="italic">oder</hi>
      die Menschheit ist, sondern der Mensch <hi rend="italic">in</hi> der Menschheit, die
      Menschheit <hi rend="italic">im</hi>
      <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>.</p>
     <p>Die so beschaffene Menschennatur ist ja nicht etwa ein Privileg des Menschen Jesus, so dass
      wir neben der Erkenntnis, die wir im Blick auf ihn vorläufig gewonnen haben, noch nach einer
      anderen fragen müssten, in der es sich dann um den Menschen sonst und im Allgemeinen handeln
      würde. Man bemerke sogleich die contradictio in adiecto, die das bedeuten würde: Ist dies die
      Natur des Menschen <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term>: <hi rend="italic">dieser</hi>
      und <hi rend="italic">der</hi> Mensch zu sein, dann muss es schon so sein, dass eben in ihm
      das offenbar und erkennbar ist, was wir als menschliche Natur überhaupt, als die Natur aller
      Menschen zu verstehen haben.</p>
     <p>Dass <hi rend="italic">dieselbe</hi> Natur ganz <hi rend="italic">anders</hi> die seinige
      als die unsrige ist, das kann und darf allerdings nicht übersehen werden. Wir stehen mit ihm
      darin in einer Reihe, dass – wir werden nachher darauf zurückkommen – dieselbe Natur, die die
      seinige ist, auch die unsrige ist. Er steht aber mit uns darin nicht in einer Reihe, sondern
      uns allen gegenüber, dass dieselbe Natur anders die seinige als die <term key="Mensch, Natur">unsere</term> ist. Sein wirkliches <hi rend="italic">Privileg</hi> uns gegenüber beruht auf
      seinem Verhältnis zu <hi rend="italic">Gott</hi>, dem das unsrige wohl analog werden kann,
      aber nie gleich war und auch nie gleich werden wird. Und wenn das unsrige dem seinigen analog
      werden kann, so beruht auch das und gerade das auf <hi rend="italic">seinem</hi>
      Gottverhältnis, <pb ed="A" n="1213"/> vermöge dessen er als Träger derselben Menschennatur,
      die auch die unsrige ist, von uns verschieden war, ist und bleiben wird. Er allein ist nämlich
      nicht nur Mensch wie wir, sondern als solcher auch der ewige Sohn Gottes und also Gott selbst
      in persönlicher Einheit des göttlichen und des geschöpflich-menschlichen <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Wesens</term>. Ihn allein hat Gott, bevor und indem er
       <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> des Himmels und der Erde wurde, erwählt zu
      diesem Grund und Ziel seines <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term> mit dem Menschen: nämlich zur Voraussetzung seiner eigenen,
      persönlichen, unmittelbaren Gegenwart und Aktion inmitten der Geschöpfwelt.<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, § 33: Die Erwählung Jesu Christi
        (S. 101–214)</bibl>.</note> Er allein kann also der Mensch sein, der in <pb xml:id="p422" ed="pga"/> mitten der anderen Menschen nicht nur als Gottes Stellvertreter, Werkzeug,
      Beauftragter und Bevollmächtigter, sondern als Gott selbst, d. h. in unmittelbarer göttlicher
      Autorität und Wirksamkeit, mit allen Eigenschaften göttlichen Wesens ausgerüstet, offenbart,
      versöhnt und regiert, der als <hi rend="italic">dieser</hi> Prophet zugleich <hi rend="italic">der</hi> Prophet, als <hi rend="italic">dieser</hi> Priester zugleich <hi rend="italic">der</hi> Priester, als <hi rend="italic">dieser</hi> König zugleich <hi rend="italic">der</hi> König <term key="Jesus Christus, dreifaches Amt Christi">ist</term>.<note xml:id="n13">Die Lehre vom dreifachen Amt Jesu Christi als Prophet, Priester und König ist
       bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erstmals in seiner Göttinger Dogmatik-Vorlesung ausgeführt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-401"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">«Unterricht in der christlichen Religion»</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Die
        Lehre von der Versöhnung / Die Lehre von der Erlösung. 1925/1926</hi>, hrsg. von H.
       Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2003, <ref type="pub-" target="../volume/38/p075#p075">S. 75–197</ref></bibl>.</note> Er allein kann Haupt
      seines Leibes und Herr des ganzen Kosmos sein. Er allein kann als Mensch Macht haben, anderen
      Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> zu <term ref="kbga-keywords-199">vergeben</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.10">Mk. 2,10</ref>
      parr.]: die absolute Macht, sie zu Gott zu rufen, sie mit Gott zu <term ref="kbga-keywords-82">versöhnen</term>, sie dem Willen Gottes zu unterwerfen. Er allein ist, indem er Mensch und
      also selber in Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> ist, zugleich das Reich
      Gottes in eigener <term key="Jesus Christus, Reich Gottes in eigener Person">Person</term>.
      Das zu sein ist von aller Ewigkeit her er allein bestimmt, und das zu sein ist zu aller Zeit
      und wieder für alle Ewigkeit allein seine und keines anderen Menschen Sache. So ist er und nur
      er zugleich <hi rend="italic">dieser</hi> und <hi rend="italic">der</hi> Mensch, zugleich
      Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit, Identität in Jesus Christus">Menschheit</term>.
      In jener persönlichen Einheit des göttlichen und des menschlichen <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Wesens</term> und in der ihm entsprechenden
      göttlich-menschlichen Handlungsweise steht ihm schlechterdings kein anderer Mensch zur Seite.
      Sind neben ihm auch andere derselben Natur, die auch die seinige ist, teilhaftige Wesen, sind
      also auch andere Menschen Söhne und Kinder, Freunde, Knechte und Beauftragte des ewigen
      Gottes, Teilhaber oder doch Anwärter seiner <term key="Gnade, Jesu Christi">Gnade</term> und
      seines Heils, dann auf dem Grunde, der in ihm und allein in ihm gelegt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.11">1.Kor. 3,11</ref>], d. h. aber auf Grund und
      infolge seiner Existenz, seines göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarens</term>,
       <term ref="kbga-keywords-82">Ver<pb ed="A" n="1214" break="no"/>söhnens</term> und Regierens,
      dann in dem <term ref="kbga-keywords-434">Reiche</term>, das das seinige, ja das er selber
       <term key="Jesus Christus, Reich Gottes in eigener Person">ist</term>, dann eben in ihm, dann
      daraufhin, dass Gott in ihm auch sie <term ref="kbga-keywords-1077">erwählen</term>, mit ihm
      auch sie <term ref="kbga-keywords-1221">berufen</term> und <term ref="kbga-keywords-53">heiligen</term> wollte und noch berufen und heiligen will. Es kann und wird aber nie ihre
      Bestimmung und nie ihre Sache sein, selber jener Grund, selber Haupt und Herr, selber das
      Reich der Gnade zu sein. Ihre Bestimmung und Sache ist das Sein in der <term ref="kbga-keywords-947"><hi rend="italic">Analogie</hi></term> zu dem seinigen. Eben diese
      Analogie setzt aber voraus, <pb xml:id="p423" ed="pga"/> dass es dem seinigen <hi rend="italic">ungleich</hi> war, ist und bleiben wird. Das also ist das wirkliche Privileg
      des Menschen Jesus. Es bezieht sich nicht auf seine menschliche Natur als solche. Es bedeutet
      also nicht, dass diese nicht auch die unsrige ist. Es bedeutet aber allerdings, dass sie ganz
      anders die seinige als die unsrige ist.</p>
     <p>Wir werden vor allem sagen müssen: Sie ist auf Grund seines unvergleichlichen Seins in
      seinem Verhältnis zu Gott <hi rend="italic">zuerst</hi> seine und dann und daraufhin erst die
      unsrige. Sie ist <hi rend="italic">urbildlich</hi> in ihm, sie ist nur abbildlich in uns
      verwirklicht. Er ist der Mensch, wie Gott ihn wollte und schuf: im Frieden zugleich <hi rend="italic">dieser</hi> und <hi rend="italic">der</hi> Mensch, zugleich einer und der
      Vertreter und Träger der Menschheit, des gemeinschaftlichen und gemeinsamen Menschseins aller
      Menschen. Indem er so menschliches Subjekt ist, wie <hi rend="italic">er</hi> es ist: das
      göttliche Subjekt selbst, das sich als solches und ohne aufzuhören, eben dies zu sein,
      menschliche Subjektivität zu eigen gemacht <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">hat</term>, hat diese Letztere in ihm, Jesus, ihre ursprüngliche und eigentliche Gestalt, ist
      sie in ihm Gott angemessen und würdig, ist sie in ihm eben so, wie sie in ihrer
      Geschöpflichkeit dem schöpferischen Willen Gottes entspricht. Was sie in ihrer Wahrheit in uns
      ist, das ist sie unter Voraussetzung dessen, was sie in ihm ist. Sie ist auch in ihrer
      Verkehrung durch die menschliche <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, was sie ist, sie
      ist auch in ihrer für uns undurchdringlichen Verborgenheit unter Voraussetzung dessen, was sie
      ursprünglich in ihm ist. Wir haben also mit einem doppelten Geheimnis der menschlichen <term key="Mensch, Natur, Geheimnis">Natur</term> zu rechnen: Das eine, <hi rend="italic">kleinere</hi> besteht eben darin, dass sie uns durch unsere eigene sündige <hi rend="italic">Verkehrung</hi> verborgen ist. Das andere, <hi rend="italic">größere</hi> besteht darin,
      dass sie ursprünglich in <hi rend="italic">Jesus</hi> verborgen, dass sie gar nicht zuerst
      unsere, sondern zuerst seine Natur ist: verschlossen in jenem Grund und Ziel des <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term>, <pb ed="A" n="1215"/> in Gottes
      unmittelbarer Gegenwart und Aktion in diesem Menschen, verschlossen in seiner Erwählung zum
      Propheten, Priester und <term key="Jesus Christus, dreifaches Amt Christi">König</term>
      ohnegleichen. Dort und damals: in Gottes ewigem Ratschluss hinsichtlich des Menschen – und
      wieder dort und damals: in dem diesem Ratschluss entsprechenden göttlichen Werk in der Zeit
      fiel die Entscheidung darüber, dass menschliche Subjektivität dies ist: der Mensch in der <hi rend="italic">Menschheit</hi>, die Menschheit im <term key="Mensch, und Menschheit"><hi rend="italic">Menschen</hi></term>. Dort und damals wurde dieser Friede gestiftet und in
      diesem Friedenspakt die Konstitution des menschlichen <term key="Mensch, Subjekt">Subjektes</term> entworfen. Sie kann darum für kein an<pb xml:id="p424" ed="pga" break="no"/>deres Subjekt eine andere sein, weil kein anderes dem gleich sein, dem zuvorkommen, dessen
      Vorbildlichkeit sich entziehen kann, das dort und damals, das vor aller Zeit und dann auch in
      der Mitte der <term key="Mitte der Zeit">Zeit</term> nicht nur als Mensch vor Gottes Augen
      stand, sondern als Mensch der persönlichen Einheit mit Gott gewürdigt wurde. Wir haben also
      nicht etwa nur unser aktuelles und virtuelles Verhältnis zu Gott, wir haben auch unsere
      menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> als solche ganz und gar von Jesus her:
      unser Verhältnis zu Gott zweifellos nur in <term ref="kbga-keywords-947">Analogie</term> zu
      dem seinigen, gerade unsere menschliche Natur ebenso zweifellos in Gleichheit mit der seinigen
      – aber beide, das Analoge und das Gleiche bestimmt von Jesus her, weil eben er der ist, der
      als Grund und Ziel des von Gott dem Menschen zugedachten <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term> auch der Grund und
      das Ziel seiner <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel der Schöpfung">Erschaffung</term>
      ist: der Mensch, wie Gott ihn wollte, als er sein Schöpfer wurde, und wie er ihn will, indem
      er nicht aufhört, ihm auch als Schöpfer tätig zugewandt zu bleiben. Das ist das Erste, was von
      der anderen Art zu sagen ist, in der Jesus und in der wir derselben Natur teilhaftig sind: wir
      sind ihrer darum und nur darum teilhaftig, weil er ihrer zuerst teilhaftig ist.</p>
     <p> Der zweite Unterschied besteht darin, dass die menschliche Natur Jesu nun eben nicht die
      durch die menschliche <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> verkehrte und zerstörte und so
      verborgene, sondern die in ihrer ursprünglichen Gestalt <hi rend="italic">erhaltene und
       bewahrte</hi> menschliche Natur ist. Er besteht also in Jesu Sündlosigkeit. Man kann auch sie
      nur aus dem ihm und ihm allein vorbehaltenen Verhältnis zu Gott verstehen und erklären. Sie
      besteht also nicht in einer besonderen <pb ed="A" n="1216"/> Beschaffenheit seines
      menschlichen Wesens, durch die es dann doch als solches von dem unsrigen verschieden sein
      müsste. Sie hat mit irgend einer naturhaften Religiosität, mit irgend einer zwangsläufigen
      Güte, mit der die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> nun gerade in der Person
      Jesu ausgestattet worden wäre, nichts zu tun. Dass er der unsrige ist und dass wir die
      seinigen sind, das setzt voraus, dass er uns in allem, was zu unserer Natur gehört, gleich
      ist. Dass Jesus nicht sündigt, das besteht vielmehr gerade darin, dass er als der ewige Sohn
       <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term> sich nicht weigert, uns gleich, urbildlich der
      Träger unseres geschöpflich-menschlichen Wesens zu sein. Jesu Sündlosigkeit ist positiv: der
      Ernst der göttlichen <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> seiner Kreatur
      gegenüber – der Barmherzigkeit, in der Gott diese so wenig sich selbst überlassen wollte, dass
      er ihr nichts Geringeres als seine <pb xml:id="p425" ed="pga"/> eigene, persönliche,
      unmittelbare Gegenwart und Aktion in ihrer Mitte und also nicht weniger als sich selbst in
      seiner eigenen Menschwerdung zuwenden wollte. Wir stehen wieder vor diesem Grund und Ziel des
      göttlichen <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term>.
      Dass Gott die Welt also liebte, dass er seinen eingeborenen Sohn gab [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.16">Joh. 3,16</ref>], und dass Jesus dieser eingeborene Sohn
      Gottes, Gottes ernstliche Barmherzigkeit in Person ist, das ist es, was diesen Menschen vor
      der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und so seine menschliche Natur vor der
      Verkehrung bewahrt, der sie in der Person aller anderen Menschen verfallen ist. Sie konnte ihr
      auch in der Person Jesu verfallen, sofern sie eben auch in seiner Person geschöpfliche Natur
      und als solche von <anchor type="note" xml:id="fn-14"/>der
      Möglichkeit (vielmehr von<note n="14" target="fn-14" xml:id="n14">Tskr. jeweils «vor»; Änderung durch die Hrsg.</note> der Unmöglichkeit!) ihrer Verkehrung nicht
      einfach abgeschnitten war, wie man das von der Natur Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> sagen muss. Das Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> redet
      darum an verschiedenen Stellen sehr nachdrücklich von der Versuchlichkeit <term key="Jesus Christus, Versuchlichkeit">Jesu</term> und von der ihm faktisch widerfahrenen
       <term key="Jesus Christus, Versuchung">Versuchung</term>.<note xml:id="n15">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.13">Mk. 1,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1–11</ref> par.; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.28">Lk. 22,28</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.2.18">Hebr.
        2,18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.15">4,15</ref>.</note> |</p>
     <p>Jesus konnte aber darum wohl versucht werden, aber in der Versuchung nicht fallen und also
      nicht sündigen, weil er ja als Träger der versuchlichen menschlichen Natur deren Herr und
      Haupt, weil er nichts Anderes als der in der menschlichen Natur handelnde, sich offenbarende,
      versöhnende, regierende Schöpfergott selber war. Der Mensch in der Identität mit diesem
      Subjekt hätte ebenso leicht sich selbst auslöschen wie sündigen können. <pb ed="A" n="1217"/>
      Weil das <hi rend="italic">göttliche</hi> Subjekt in Jesus menschliche <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Subjektivität</term> angenommen hatte, darum konnte er
      wohl kraft seiner menschlichen Natur versuchlich sein und versucht werden, aber eben in dieser
      menschlichen Natur faktisch nicht sündigen. Darum wurde die menschliche Natur in ihm – im
      Unterschied zu uns in unserem anderen Verhältnis zu Gott – vor der sündigen Verkehrung
      bewahrt, in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten: erhalten jener <term ref="kbga-keywords-589">Friede</term> zwischen <hi rend="italic">diesem</hi> und <hi rend="italic">dem</hi> Menschen, erhalten der <hi rend="italic">Mensch</hi> in der Menschheit
      und die <hi rend="italic">Menschheit</hi> im <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>, erhalten diese Ganzheit der menschlichen <term ref="kbga-keywords-913">Existenz</term>. Nicht durch menschliche Fähigkeit und Leistung das Alles – wir sehen am
      Beispiel aller anderen Menschen, dass menschliche Fähigkeit und <pb xml:id="p426" ed="pga"/>
      Leistung dazu nicht genügen –, wohl aber durch Gottes ernstliche <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term>, wohl aber darum, weil Jesus als der fleischgewordene Sohn <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term> der Grund und das Ziel des göttlichen <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term> ist, in welchem
      Gott seinem Geschöpf in der Weise <term key="Gott, Treue">Treue</term> hält, dass auch das
      Geschöpf – er selber ist ja hier das Geschöpf – ihm wiederum Treue zu halten nicht umhin kann.
      Solche Erhaltung der von Gott geschaffenen Menschennatur gibt es also! Als ein
      naturnotwendiges Verhängnis werden wir ihre Verkehrung auf keinen Fall verstehen können. Wenn
      und indem Gott selbst ins Mittel tritt, wird sie aufgehalten, wird das Unmögliche, wie es sich
      gehört, unmöglich gemacht. Der ernstlichen Barmherzigkeit Gottes, seiner persönlichen,
      unmittelbaren Gegenwart und Aktion ist sie bestimmt nicht gewachsen. Die gleiche
      Menschennatur, die auch die unsrige ist, kann unter dieser Voraussetzung auch sündlos sein.
      Wir sagen: unter dieser Voraussetzung. Wir sagen konkret: als die Menschennatur <term ref="kbga-keywords-233">Jesu</term>. Es ist nichts Geringes, dass wir wenigstens das sagen
      dürfen. Jesus ist keine trostlose Ausnahme, Jesus ist Gottes unendliche <term key="Jesus Christus, Gottes unendliche Verheißung">Verheißung</term> und als solche an uns
      alle gerichtet. Aber eben: Jesus, <hi rend="italic">seine</hi> Menschennatur. Wir könnten von
      der unsrigen nicht dasselbe sagen: weder, dass sie sündlos ist, noch auch nur dies, dass sie
      sündlos sein kann. Das ist das Zweite, worin Jesus derselben menschlichen Natur ganz anders
      teilhaftig ist als wir.</p>
     <p>Das Dritte besteht schlicht darin, dass uns unsere Natur in Jesus <pb ed="A" n="1218"/> in
      ihrer urbildlichen und in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Gestalt nun eben nicht verborgen,
      sondern <hi rend="italic">offenbar</hi> ist. Dass sie in Jesus, einem Menschen wie <term key="Jesus Christus, Mitmensch">wir</term>, offenbar ist, zeigt, dass sie offenbar sein kann,
      dass sie also nicht etwa ihrem Wesen nach verborgen sein muss. Wesentlich und also schlechthin
      verborgen ist ja weder der Schöpfer noch das Geschöpf, sondern eigentlich nur das <term ref="kbga-keywords-174">Böse</term>, die von Gott verworfene und vom Licht geschiedene
      Finsternis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.4">Gen. 1,4</ref>], das durch
      den Schöpferwillen Gottes als unmöglich Erklärte, was dann auch sein Geschöpf ohne <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> nicht wählen und sein kann. Die menschliche Natur als
      solche ist nicht böse und darum auch nicht schlechthin verborgen; sie ist Gottes gutes <term key="Mensch, Natur, Gottes gutes Geschöpf">Geschöpf</term> und kann als solches offenbar
      werden. Wenn wir das nicht allgemein, wenn wir es im Blick auf uns selbst und alle anderen
      Menschen bestimmt nicht sagen können, so können wir es doch nicht unterlassen, es im Blick auf
       <pb xml:id="p427" ed="pga"/> Jesus mit aller Bestimmtheit zu sagen. Es braucht aber eben
      Jesus, damit sie faktisch offenbar werde. Wir werden sie, obwohl wir ihrer teilhaftig sind wie
      er, faktisch nie offenbaren und offenbar machen. Was durch uns und als das Unsrige sichtbar
      wird, das ist immer irgend eine Station des unheilvollen Streites des Menschen gegen die
      Menschheit, der Menschheit gegen den <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>. |</p>
     <p> Es braucht in einem doppelten Sinn Jesus dazu, um den <term key="Frieden, Gottes">Frieden</term>, zu dem und in dem der Mensch von Gott geschaffen ist, sichtbar zu machen.
      Seine <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> setzt einmal voraus, dass unsere Natur in
      dieser ihrer ursprünglichen Gestalt überhaupt vorhanden und auf dem Plan ist. Wir sahen: das
      ist die Voraussetzung, die in Jesus, aber auch nur in ihm erfüllt ist. Es kommt aber als
      Wichtigeres hinzu – hier müssen wir wieder auf Jesu besonderes Verhältnis zu Gott zurückgehen
      –, dass Offenbarung, gleichviel, ob es sich um die Offenbarung Gottes selbst oder um die der
      göttlichen Werke und Gerichte handele, selber ein göttliches <term key="Offenbarung, göttliches Werk">Werk</term> ist und also zur Voraussetzung hat, dass der
      Offenbarer mit göttlicher Autorität und Wirksamkeit handeln kann. Wir sahen ja, dass die
      ursprüngliche Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term> für uns nicht nur in dem
      kleineren Geheimnis der menschlichen <term ref="kbga-keywords-750">Sündhaftigkeit</term>,
      sondern vor allem und zuerst <pb ed="A" n="1219"/> in Jesus als dem fleischgewordenen Sohn
       <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term>, als dem Grund und Ziel des göttlichen <term key="Jesus Christus, Grund und Ziel des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term> verschlossen ist.
      Wie sie zuerst in ihm und dann und daraufhin erst auch in uns wirklich ist, so kann sie auch
      nur durch ihn als das hier allein kompetente göttlich-menschliche Subjekt für uns wahr, d. h.
      uns offenbar und sichtbar gemacht werden. Es geht nicht darum, dass wir irgend etwas, was wir
      dann für die menschliche Natur zu halten meinen, in ihm zu finden behaupten oder auch
      irgendwie gefunden haben. Es geht nicht darum, Jesus zu deuten. Es geht darum, dass er durch
      die Hülle jenes doppelten Geheimnisses hindurch, aus ihr heraus uns entgegenschreite, um uns
      durch sich selbst und in sich selbst seine Natur nun wirklich als die unsrige, als <hi rend="italic">die</hi> menschliche Natur zu zeigen und darzustellen. Das heißt <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> auch in dieser Sache. Sie ist auch hier Gottes
      eigenes, durch kein anderes zu ersetzendes und zu überbietendes <term key="Offenbarung, göttliches Werk">Tun</term>. Wir können Jesus auch darin nicht zur Seite
      treten, ihm nicht zuvorkommen und nicht mit ihm konkurrieren wollen. Wir wissen es durch ihn,
      dass der Mensch überhaupt der Mensch in der Menschheit, die Menschheit im Menschen ist – oder
      wir wissen <pb xml:id="p428" ed="pga"/> es gar nicht. Das ist das Dritte, was hinsichtlich der
      anderen Art zu bemerken ist, in der Jesus und wir der gleichen Natur teilhaftig sind.</p>
     <p> Es ist aber dieselbe menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, deren Jesus und
      deren auch wir teilhaftig sind. Sie ist tatsächlich nicht sein Privileg. Die eigentümliche
      Bestimmtheit dieser Natur selbst schließt es aus, dass sie das sein, dass sie nur <hi rend="italic">seine</hi> Natur sein könnte. Jesus ist <hi rend="italic">dieser</hi> und <hi rend="italic">der</hi> Mensch. Indem er so menschliches <term key="Mensch, Subjekt">Subjekt</term> ist, ist es unmöglich, dass er allein es so sei. Eben als <hi rend="italic">dieser</hi> ist er ja auch <hi rend="italic">der</hi>. Eben als <hi rend="italic">dieser</hi> wird er auch als <hi rend="italic">der</hi> offenbar, sichtbar und bekannt, wird
      es also offensichtlich, dass <hi rend="italic">der</hi> Mensch und also jeder andere Mensch so
      Subjekt ist wie er, wie <hi rend="italic">dieser</hi>. Jeder andere Mensch ist offenbar, wenn
      die menschliche Natur Jesu auch die seinige ist, seinerseits <hi rend="italic">dieser</hi> und
       <hi rend="italic">der</hi> Mensch, Mensch in der Menschheit, Menschheit im <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>. Dass die menschliche Natur <pb ed="A" n="1220"/> schöpfungsmäßig
      nur durch eines dieser beiden Momente oder nur durch diese beiden Momente in ihrem Widerstreit
      bestimmt sei, diese Annahme wird von da aus zum vornherein hinfällig; sie kann von da aus
      gerade nur auf ihre sündige <term ref="kbga-keywords-64">Verkehrung</term> angewendet werden.
      Die Diskussion und der Kampf jener beiden Standpunkte sind von da aus durchschaut in ihrer
      Vorläufigkeit. Gewiss auch verstanden in ihrer relativen, mit dem Stehen und Gehen des
      Menschen in der Sünde unvermeidlichen Notwendigkeit. Gewiss auch positiv gewürdigt als
      Symptome der Heimat, deren sich auch der in die Fremde gegangene Mensch nicht einfach
      entschlagen kann. Gewiss in allen ihren Stadien und Wendungen auch anerkannt als indirekte
      Kundgebung der trotz ihrer Verkehrung nicht verwandelten und nicht vernichteten menschlichen
      Natur. Aber bestimmt nicht mehr ernst genommen als Bestimmung der wahren Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>! Parteinahmen grundsätzlichen dogmatischen Charakters
      sind von hier aus nicht mehr möglich, höchstens gelegentliche, je dem Bedürfnis der Lage
      entsprechende, vorläufige und vorübergehende, höchstens unverbindliche Parteinahmen:
      dementsprechend, dass Verbindlichkeit von da aus wirklich keinem der beiden rivalisierenden
      Standpunkte zugemessen werden kann. Gerade <term ref="kbga-keywords-7">dogmatisch</term> und
      grundsätzlich kann von da aus nur für beide zugleich und für beide in ihrer strengen
      gegenseitigen Bezogenheit eingetreten werden.</p>
    </div>
  </div>
</div>
<!-- nächste Seite - Erläuterung über den Römerbrief 5.1–5.11 -->
 
    <div type="excursus">
     <p rend="margin-top"><pb xml:id="p429" ed="pga" rend="noPipe"/> Wir erläutern die biblische
      Grundlage unserer bisherigen Überlegung in Form einer Analyse der Stelle <hi rend="italic"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref></hi>.<note xml:id="n16">Den hier beginnenden langen Exkurs veröffentlichte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Jahr 1952 separat
       unter dem Titel <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-1274">Christus und Adam nach Röm. 5</bibl></hi> und 1964 in zweiter
       Auflage gemeinsam mit einer Studie zu <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName> (s. oben, <ref type="pub" target="#fn_n07">Anm. 7</ref>). In der
       «Vorbemerkung» zur zweiten Auflage teilt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit, bei dieser Studie handle es sich um «die
       Überarbeitung eines Textes, der ursprünglich einen Bestandteil eines nachher aus
       verschiedenen Gründen in Wegfall gekommenen Paragraphen (‹Der Mensch und die Menschheit›) der
       in Band III, 2 der ‹Kirchlichen Dogmatik› dargestellten Anthropologie bilden sollte» (<bibl corresp="kbga-bibls-1274"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>,
        <hi rend="italic">Zwei theologische Studien</hi> [<ref type="pub" target="#fn_n07">Anm. 7</ref>], S. 5</bibl>). Von einer «Überarbeitung»
       dieses Abschnittes (nicht: «Paragraphen») kann jedoch nur in minimalem Umfang die Rede sein,
       denn der 1952 (und 1964) gedruckte Text ist mit dem 1944 geschriebenen nahezu identisch.
       Verändert ist infolge der Herauslösung aus dem Kontext der erste Satz des Exkurses. Er ist
       1952/64 mit dem Anfang des zweiten folgendermaßen zusammengezogen: «Die Stelle <hi rend="italic"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref></hi> bildet mit <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">Röm. 5,1–11</ref> zusammen das erste Stück in einer
       Reihe von parallel gebildeten und aufgestellten, aber auch gegenseitig sich ergänzenden
       Entwicklungen des den ersten Teil des Römerbriefes beherrschenden Satzes <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16 Röm.1.17">Röm. 1,16–17</ref>, […].»
       Ansonsten weist der Drucktext von 1952/64 nur an wenigen Stellen Veränderungen oder Zusätze
       gegenüber dem Vorlesungstyposkript auf. Streichungen sind in diesem Abschnitt nicht häufiger,
       sondern eher seltener als sonst in den diesem Bande zugrundeliegenden Typoskripten.
       Vermutlich sind sie auch hier – wenigstens in ihrer Mehrzahl – schon gleich nach der
       Niederschrift oder nach dem Vortrag im Kolleg vorgenommen worden, und nicht erst acht Jahre
       später für den Druck. <p>Der Abdruck auch dieses Exkurses erfolgt hier, um den ursprünglichen
        Kontext zu wahren, nach dem Typoskript der Vorlesung, obwohl es die spätere, von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
        autorisierte Textfassung gibt. Die wenigen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1952/64 vorgenommenen Änderungen
        gegenüber dem Typoskript werden in Anmerkungen ausgewiesen. Dasselbe gilt für die
        Streichungen von Textpassagen, bei denen zu vermuten ist, dass sie erst anlässlich der
        Durchsicht für den Druck vorgenommen wurden.</p></note> Sie bildet mit <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">Röm. 5,1–11</ref> zusammen das erste Stück in einer
      Reihe von parallel gebildeten und aufgestellten, aber auch gegenseitig sich ergänzenden
      Entwicklungen des den ersten Teil des Römerbriefs beherrschenden Satzes <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16 Röm.1.17">Röm. 1,16–17</ref>, laut dessen das <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term>, die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
      der <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.25">Röm. 4,25</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18">5,18</ref> auch <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωσις</foreign>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">Röm. 5,16</ref> auch <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign> genannt), d. h. der endgültigen Rechtsentscheidung <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Gottes</term>, die <anchor type="note" xml:id="fn-17"/>für jeden, der sie im
       <term key="Glaube">Glauben</term> anerkennt, göttliche Errettungsmacht ist<note n="17" target="fn-17" xml:id="n17">Druck 1964: «jedem, der sie im Glauben anerkennt, als göttliche
       Errettungsmacht erkennbar und wirksam». In dem durch diese Änderung zustande gekommenen Satz
       hätte das voranstehende «die» allerdings getilgt werden oder das abschließende «ist» stehen
       bleiben müssen.</note>: <foreign xml:lang="el-GR">δύναμις θεοῦ εἰς σωτηρίαν</foreign>. Die
      Kapitel <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6">Röm. 6</ref>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7">7</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">8</ref> werden diese Reihe fortsetzen. </p>

     <p><pb ed="A" n="1221"/><pb xml:id="p430" ed="pga" rend="noPipe"/> Die Ausführungen des 5.
      Kapitels bewegen sich um folgende Erkenntnis, die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> zunächst sachlich entfaltet wird:
      Indem jene göttliche Rechtsentscheidung für uns dadurch kräftig<note xml:id="n18">Druck 1952
       und 1964: «einsichtig und kräftig».</note> wird, dass wir sie im Glauben anerkennen und
      begreifen (<foreign xml:lang="el-GR">δικαιωθέντες ἐκ πίστεως</foreign>), haben wir <term ref="kbga-keywords-1781">Frieden</term> mit Gott (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">v 1</ref>), hat unser Streit gegen ihn seine
      Grenze erreicht, so dass er nicht weiter gehen kann, ist die Herrschaft der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> über uns gebrochen. Dasselbe meint der Ausdruck <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">v 10</ref>: wir
      sind dann mit Gott versöhnt, oder <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.11">v 11</ref>: wir haben dann <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> empfangen. Jene Fremdherrschaft ist dann für uns zur Vergangenheit
      geworden, wird es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">v 21</ref> heißen. Die anschaulichste Beschreibung dieses Kräftigwerdens jener
      göttlichen Rechtsentscheidung ist das Wort <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">v 5</ref>, laut dessen die Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> selbst, seine Liebe zu uns, dann in unseren Herzen
      ausgeschüttet ist. Dass dies geschehen ist, das ist die Voraussetzung unserer künftigen
      Errettung vor dem <term ref="kbga-keywords-387">Zorngericht</term> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5 Röm.5.10">v 9 u. 10</ref>) und positiv
      gegenwärtig: unserer Hoffnung auf unsere Teilnahme an Gottes <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>, deren wir nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">3,23</ref> als <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> gänzlich und endgültig entbehren
      müssten. Eben das ist überall da geschehen, wo Gottes Rechtsentscheidung im Glauben anerkannt
      und ergriffen worden ist. Eben darum wurde diese, bzw. das sie offenbarende <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term>
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref> die göttliche Errettungsmacht
      genannt. Eben daraufhin rühmen wir uns solcher Hoffnung (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v 2</ref>). Sie wird uns nicht zuschanden
      werden lassen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">v 5</ref>). Denn unter jener Voraussetzung können wir uns auch in den uns in der
      Gegenwart widerfahrenden Bedrängnissen nur rühmen, weil uns diese nur beharrlicher machen, nur
      Bewährung verschaffen und auf diesem Umweg selber nur dazu beitragen können, uns erst recht
      zur Hoffnung aufzurufen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.3 Röm.5.4">v 3–4</ref>). Gottes <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term> hat aber für die Glaubenden darum solche Kraft, sie Gott gegenüber
      friedlich zu machen, sie mit Gott zu versöhnen, Gottes <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> in ihren Herzen auszuschütten, weil sie in Jesus Christus vollzogen ist. Er ist
      der Zugang zu der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, in der wir Stand gefasst haben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v
      2</ref>). Er ist es in einer Weise, die jedes Vergleichs spottet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.7">v 7</ref>). Denn darin erwies sich die
      Liebe Gottes zu uns (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.8">v 8</ref>), dass Christus für uns <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">starb</term>, da wir noch Schwache (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6">v 6</ref>), noch <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>
      (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.8">v 8</ref>), <pb ed="A" n="1222"/> ja noch Gottlose (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6">v 6</ref>), noch Feinde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">v 10</ref>) waren. Sie hat also
      nicht auf uns gewartet, sondern sie ist uns entgegen- und zuvorgekommen. In solcher souveränen
      Antizipation unseres Glaubens hat Gott uns durch das dahingegebene Blut des Christus <term ref="kbga-keywords-485">Gerechtigkeit</term> widerfahren lassen. Im Tode dieses seines <term ref="kbga-keywords-129">Sohnes</term> ist Gott für uns eingetreten im Trotz der Freiheit
      seiner <term ref="kbga-keywords-492">Gnade</term> und im Trotz gegen die scheinbar
      unüberwindliche Macht unseres Widerspruchs und Widerstandes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9 u. 10</ref>). So hat er <term key="Frieden, Gottes">Frieden</term> geschafft, so uns versöhnt, so seine Liebe gegen uns
      erwiesen. |</p>
     <p>Weil Gott in Jesus Christus so, nämlich in dieser <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> für uns, weil dies die durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> in unseren Herzen ausgeschüttete Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> ist – darum haben wir für unsere Zukunft nur das kühne Wort <foreign xml:lang="el-GR">σωθησόμεθα</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9 und 10</ref>), darum bleibt uns praktisch nur übrig, uns
      unserer Existenz zu rühmen. Auf den Tod des Sohnes Gottes folgt ja sein Leben als der <pb xml:id="p431" ed="pga"/>
      <term ref="kbga-keywords-393">Auferstandene</term> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">v 10</ref>). Indem wir die in ihm vollzogene
      göttliche <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term> glauben, werden wir
      von selbst an diesem seinem Siegeszug beteiligt. «Um wieviel mehr» (<foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign>) – so folgert <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in
      diesem Zusammenhang zweimal: «Da Christus für uns starb, da wir noch Sünder waren<hi rend="italic">, um wieviel mehr</hi> werden wir (auf Grund unserer damit objektiv schon
      vollzogenen Rechtfertigung) durch ihn gerettet werden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.8 Röm.5.9">v 8–9</ref>). «Da wir, als wir noch Feinde
      waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, <hi rend="italic">um wieviel
       mehr</hi> werden wir als die Versöhnten gerettet werden in seinem Auferstehungsleben» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">v 10</ref>).
      Hier ist die Logik dieser Folgerung explizit gemacht: ihr Gefälle ergibt sich daraus, dass
      Christus nicht nur gestorben, sondern auch auferstanden ist. Dass wir unserer Errettung
      entgegengehen und dass uns faktisch nur das Rühmen übrig bleibt, das ist damit gegeben, dass
      wir, mit ihm von seinem Tod her kommend, <anchor type="note" xml:id="fn-19"/>nicht anders als auch<note n="19" target="fn-19" xml:id="n19">Druck 1964: «nur auch».</note> mit ihm leben können.
      Insbesondere die erstaunliche Tatsache, dass der Glaubende sich seiner Existenz rühmen darf
      und muss, hat hier ihre Ursache und ihren Sinn. Wir rühmen uns «in Gott» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.11">v 11</ref>), wenn wir uns
      (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v 2</ref>) unserer Hoffnung rühmen, d. h. aber konkret: wir rühmen uns «durch unseren Herrn Jesus»,
      durch seinen Mund und seine Stimme, wir rühmen uns in dem <pb ed="A" n="1223"/> Ruhm, den als
      der von den Toten <term ref="kbga-keywords-393">Auferstandene</term> Er verkündigt. Dass er
      lebt, das ist das Siegel der in seinem Tod vollzogenen göttlichen <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term> und so die Kraft, die jenen <term key="Frieden, Gottes">Frieden</term>, die unsere <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term>, die die Ausschüttung der Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>
      in unseren Herzen zu einem Wendepunkt macht, hinter den wir nicht mehr zurückgehen können, von
      dem her es nur <hi rend="italic">eine</hi> Zukunft gibt, von dem herkommend wir uns nur rühmen
      können. Dass er lebt, das ist der göttliche Souveränitätsakt, in dessen Licht nicht zu leben
      und nicht zu denken uns unmöglich ist.</p>
     <p>Es ist deutlich, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Christus wie mit <hi rend="italic">Gott</hi> und seinem Werk <hi rend="italic">zusammen</hi>gesehen, so auch von
      ihm <hi rend="italic">unterschieden</hi> und also jedenfalls auch von seiner <hi rend="italic">menschlichen</hi> Natur geredet hat. Es ist ferner deutlich: er hat den Menschen Jesus in
      seinem <term ref="kbga-keywords-129">Sterben</term> und <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehen</term> auf die eine, sich selbst und alle anderen Menschen – hier zunächst die
      Glaubenden – mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf die andere Seite gestellt. Es
      ist deutlich, dass er von ihm als von einer (mit nichts zu überbietenden Schärfe als solche
      bezeichneten) menschlichen Einzelperson redet. Aber die Existenz dieser Einzelperson erschöpft
      sich nun doch nicht in ihrem Einzelsein. Eben die Existenz dieser Einzelperson ist vielmehr
      identisch mit einer göttlichen Rechtsentscheidung, die sich virtuell über eine unbestimmte
      Vielzahl anderer Menschen erstreckt, um in denen, die an ihn glauben, in einer über ihre
      Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlechterdings entscheidenden Weise offenbar und kräftig
      zu sein. Er <term ref="kbga-keywords-240">versöhnt</term> sie durch seinen Tod mit Gott, d. h.
      er stellt sie in seiner eigenen getöteten Person in den Frieden mit <term ref="kbga-keywords-1781">Gott</term>, <hi rend="italic">bevor</hi> und <hi rend="italic">ohne</hi> dass dieser Friede und also ihre Versöhnung im <term key="Glaube">Glauben</term>
      ihre eigene <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>
      <pb xml:id="p432" ed="pga"/> geworden ist. Wenn sie glauben, so <hi rend="italic">folgen</hi>
      sie damit nur der in ihm über sie gefallenen Vorentscheidung. Was aufs höchste ihre Sache ist:
      dass sie die Feinde Gottes, die sie waren, nun nicht mehr sind, dass sie der künftigen
      Errettung statt dem sicheren Verlorengehen in Gottes <term ref="kbga-keywords-387">Zorngericht</term> entgegengehen, dass <pb ed="A" n="1224"/> sie darüber hinaus die sichere
      Hoffnung haben, an Gottes eigener <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>
      teilzunehmen, dass sie sich ihrer Existenz in solcher Hoffnung nur rühmen können – das alles
      beruht nicht auf ihrem Beschluss und Verfügen: ihr Beschließen und Verfügen verlief vielmehr
      in gerade entgegengesetzter Richtung –, das alles wurde vielmehr ohne und gegen sie in Ordnung
      gebracht, indem er auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>
      <term ref="kbga-keywords-129">starb</term> und im Garten des <persName ref="kbga-actors-8342">Joseph von Arimathia</persName> aus dem Grab <term ref="kbga-keywords-393">erweckt</term>
      wurde. Indem sie an ihn glauben, erkennen und begreifen sie, dass eben diese <hi rend="italic">seine</hi> Geschichte in Wahrheit die ihrige ist: dass <hi rend="italic">ihre</hi>
      wesentliche Geschichte nur so etwas wie deren Nachzeichnung und Abbild sein kann. Eben er ist
      offenbar Gottes Liebe zu ihnen, und wenn diese Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> zu ihnen durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> in
      ihren Herzen ausgeschüttet ist, so kann das nichts Anderes heißen als dies, dass eben er <hi rend="italic">in ihnen</hi> ist, sie <hi rend="italic">in ihm</hi> sind, bevor sie danach
      gefragt waren, wie es mit ihrer Liebe zu <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> stehen
      möchte. Dann und daraufhin sind sie dann freilich auch danach gefragt. |</p>
     <p>Es bleibt aber doch wohl ganz wörtlich zu verstehen: sie rühmen sich auch jetzt «durch ihn»
      und nur durch ihn (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.11">v 11</ref>), im Nachklang des durch seinen Mund verkündigten neuen Ruhmes
      menschlicher <term ref="kbga-keywords-913">Existenz</term>. Sie hätten sich ihrer sonst und
      von sich aus nicht zu rühmen. So also steht es mit dieser menschlichen Einzelperson. Sie ist
      in der Weise Einzelperson, dass die anderen Personen nun doch nicht nur neben und mit ihr,
      sondern gerade in ihrer wesentlichsten Entscheidung, gerade hinsichtlich der Ordnung ihres
      Verhältnisses zu Gott auch und zuerst in ihr sind: so also, dass mit deren Sein und Tun, mit
      deren Leben und Sterben auch über sie beschlossen wird, was ihrem eigenen Beschließen zunächst
      einfach entgegen ist, was sie auch nachher in ihrem eigenen Beschließen nur anerkennen und
      ausführen können. Er führt ihre Sache, nicht nur <hi rend="italic">als ob</hi> sie die seinige
      wäre, sondern er führt in und mit seiner <hi rend="italic">eigenen</hi> Sache tatsächlich die
       <hi rend="italic">ihrige</hi>. Er tut es in dem Maß, dass man wohl fragen möchte, wo darüber
      seine eigene Sache und also er selber in seinem Einzelsein <pb ed="A" n="1225"/> und also in
      seiner Verschiedenheit von ihnen bleiben möchte. Es scheint aber eben dies sein Einzelsein in
      seiner Verschiedenheit von ihnen zu bezeichnen, dass er seine Sache so gänzlich unverschieden
      von der ihrigen sein lässt! Und im Übrigen bleibt ja die Reihenfolge des Ursprungs und der
      Würde zwischen ihm und ihnen bewahrt und unumkehrbar, bleibt seine Funktion die des Gebens und
      ihre die des Empfangens, seine die des Vorangehens und ihre die des <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolgens</term>, bleibt seine Stellung als Urbild und ihre als
      Abbild unvertauschbar, bleibt er mit keinem einzigen von ihnen zu verwechseln.</p>
     <p>Es ist nun aber doch erst die Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">v 12–21</ref>, in der diese Verhältnisse ganz klar werden.
      Diese zweite Hälfte des Kapitels unterscheidet sich von der ersten dadurch, dass die Linien
      jetzt weiter ausgezogen werden. Hier wird nämlich sichtbar, dass eben die besondere
      Anthropologie <hi rend="italic">Jesu <term key="Anthropologie, Jesu Christi">Christi</term></hi>: der Eine für Alle, <pb xml:id="p433" ed="pga"/> sie Alle in dem Einen,
      das Geheimnis auch des «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>» und also das Gesetz <hi rend="italic">aller</hi>
      <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> bildet. Bei der Vergangenheit, von der auch
      die Glaubenden herkommen und an der insofern auch sie Anteil haben, setzt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> jetzt neu ein und also bei der Gesamtheit <hi rend="italic">der</hi> Menschen, die er <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6 Röm.5.10">v 6–10</ref> dem Christus als Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, Gottlose, Feinde zunächst gegenübergestellt hatte.</p>
     <p>Man versteht den <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref> gewöhnlich als Anakoluth. Noch wahrscheinlicher dürfte es sein, dass
      er eine Art Überschrift darstellt: <hi rend="italic">Deshalb</hi> (<foreign xml:lang="el-GR">διὰ τοῦτο</foreign>) steht es so mit uns, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> beschrieben, <hi rend="italic">deshalb</hi> werden wir, am Auferstehungsleben Jesu Christi teilnehmend, gerettet werden,
       <hi rend="italic">deshalb</hi> rühmen wir uns «durch ihn» unserer Hoffnung – deshalb, weil
      wir uns schon als Schwache, Sünder, Gottlose und Feinde, schon als Kinder <pb ed="A" n="1226"/> und Erben
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und also auch in der Vergangenheit, aus der
      wir herkommen, nicht etwa einfach außerhalb des Bereiches der Wahrheit Jesu Christi, sondern
      faktisch im Stande einer bestimmten, wenn auch negativen Entsprechung zu seiner heilvollen
      Herrschaft befanden.<note xml:id="n20">Im Typoskript folgt ursprünglich ein Satz, der nicht,
       wie sonst üblich, mit Bleistift, sondern mit Tinte gestrichen wurde, was ein Hinweis darauf
       sein könnte, dass die Streichung erst zum Druck erfolgte: «‹Um wieviel mehr› – so wird es
       dann <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v. 15</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">17</ref> aufs Neue heißen: um wieviel mehr gilt das Eigentliche, das uns dort nur
       angezeigt (immerhin auch dort schon angezeigt!) war, um wieviel mehr haben wir Anlass, uns
       dieses Eigentlichen zu rühmen.»</note> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">V 12</ref> ist die Anzeige dieser negativen Entsprechung:
      «Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt eingedrungen ist und durch die Sünde der Tod
      und wie so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist daraufhin, dass auch alle gesündigt
      haben» – wie es also mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName></hi> und uns Allen stand<note xml:id="n21">Im
       Tskr. ursprünglich (mit Tinte verbessert): «steht».</note>: eben so steht es<note xml:id="n22">Im Tskr. folgt ursprünglich (mit Tinte gestrichen): «nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v. 1–11</ref>».</note> mit
       <hi rend="italic">Christus</hi> und uns Allen. <pb ed="A" n="1227"/> Deshalb ist es wahr,
      dass Christus schon in jener unserer fatalen Vergangenheit für uns <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">starb</term>, wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6">v 6</ref>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.8">8</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">10</ref> immer wieder betont
      wurde. Deshalb waren wir auch in jener Vergangenheit nicht einfach verlassen und verloren.
      Deshalb können wir jetzt getrost auch auf jene Vergangenheit zurückblicken – und «umso viel
      mehr» uns nun unserer Gegenwart und der von ihr aus sich eröffnenden Zukunft rühmen: Wir waren
      doch schon damals nicht in einer ganz anderen Welt. Wir unterstanden doch schon damals einer
      Ordnung, deren <hi rend="italic">Sinn</hi> freilich der des Reiches Christi gerade <hi rend="italic">entgegengesetzt</hi>, deren <hi rend="italic">Struktur</hi> aber der des
      Reiches Christi <hi rend="italic">gleichförmig</hi> war. Wir müssen und dürfen doch die
      Ordnung des Reiches Christi nachträglich auch in der Ordnung der <term key="Ordnungen, des Reiches Christi und der Welt Adams">Welt</term> <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> wiedererkennen. Uns
      kann doch nicht verborgen sein, dass wir uns schon damals, als die Schwachen, die <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, die Gottlosen, die Feinde, die wir da waren, auf einem
      Weg bewegten, dessen Gestalt bei aller Verschiedenheit seiner Richtung mit dem, auf dem wir
      uns jetzt bewegen, eine merkwürdige Ähnlichkeit, ja Gleichheit hatte. Zwischen unserem
      einstigen Sein <hi rend="italic">außer</hi> und unserem jetzigen Sein <hi rend="italic">in</hi> Christus besteht ein <hi rend="italic">natürlicher</hi> Zusammenhang. Es war, recht
       verstan<pb xml:id="p434" ed="pga" break="no"/>den, schon unser einstiges Sein außer Christus
      ein noch verborgenes, aber reales Sein in ihm. Im Blick darauf wagen wir es, zu bekennen, dass
      wir Frieden mit <term ref="kbga-keywords-1781">Gott</term> haben, wagen wir es, uns unserer
      künftigen Errettung zu rühmen: wir, die wir doch wahrlich auch jene Vergangenheit haben – wir,
      die wir doch mit denen, die damals Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>,
      Gottlose, Feinde waren, noch heute identisch sind. Uns kann diese unsere eigene Vergangenheit
      deshalb nicht schrecken, uns ist jenes <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> und
      jener Ruhm trotz unserer Vergangenheit, ja unter Einbeziehung unserer Vergangenheit deshalb
      erlaubt und geboten, weil eben <hi rend="italic">unsere Vergangenheit</hi> als solche, weil
      schon das Verhältnis zwischen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName></hi>
      <hi rend="italic">und uns</hi> Allen eben so geordnet war <hi rend="italic">wie unsere
       Gegenwart und Zukunft</hi>, wie das Verhältnis zwischen <hi rend="italic">Christus und
       uns</hi> Allen. Das ist es, was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref> überschriftartig angezeigt wird.</p>
     <p>Die Meinung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in der nun folgenden
      berühmten sogenannten Parallele zwischen «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Christus und Adam">Christus»</term> geht also nicht etwa dahin, dass das Verhält<pb ed="A" n="1228" break="no"/>nis zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns der Ausdruck unseres eigentlichen und
      ursprünglichen Wesens sei, dass wir in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> die anthropologische Grundwahrheit zu erkennen
      hätten, der sich dann das Verhältnis zwischen Christus und uns, erst nachträglich entstanden,
      eingefügt und angepasst hätte. Das Verhältnis zwischen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns</hi>
      offenbart gerade nicht die primäre, sondern die <hi rend="italic">sekundäre</hi>
      anthropologische Wahrheit und Ordnung. Die <hi rend="italic">primäre</hi> anthropologische
      Wahrheit und Ordnung, die sich in jenem Verhältnis nur spiegelt, wird vielmehr offenbar durch
      das Verhältnis zwischen <hi rend="italic">Christus und uns.</hi> <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> ist, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref> <foreign xml:lang="lat">expressis
      verbis</foreign> gesagt wird, <foreign xml:lang="el-GR">τύπος τοῦ μέλλοντος</foreign>, Gegenbild des
      Zukünftigen. Wie es <hi rend="italic">eigentlich</hi> und <hi rend="italic">ursprünglich</hi>
      um den Menschen steht, das haben wir also nicht dem<note xml:id="n23">Tskr.: «im»; von den
       Hrsg. in Übereinstimmung mit den Drucken 1952 und 1964 geändert.</note> Bilde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, sondern
      dem Bilde Christi zu entnehmen, das können wir im Bilde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> nur <hi rend="italic">vorgebildet</hi> finden. Es darf und kann also das Bild <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> nur nach dem Bilde Christi
      interpretiert werden und nicht etwa umgekehrt. |</p>
     <p>Das ist nun freilich unsere Vergangenheit: <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir alle, <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> in seinem Verhältnis zu
      uns, wir in unserem Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. Das ist
      nun freilich die Geschichte des Menschen und der Menschheit außer Christus: die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> eines
      Einzigen, des <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, des Menschen, der als solcher in seiner einzigen Person auch die ganze
       <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> ist und darstellt, in dessen
      Entscheidung und Schicksal die Entscheidungen und Schicksale, die Sünde und der Tod aller
      anderen, jedes einzelnen Menschen nach und neben ihm schon vorweggenommen sind. Dass sie alle
      auch für sich gesündigt haben und den Tod erleiden mussten und also alle auch ihre eigene
      Geschichte hatten und haben, ist auch wahr. Es ist aber wiederum wahr, dass die Existenz aller
      anderen Menschen nach und neben ihm nur die Wiederholung und Variation seiner Geschichte,
      seines Anfangs und seines Endes, seiner <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und seines
       <term ref="kbga-keywords-177">Todes</term> gewesen ist. Das ist unsere Vergangenheit. So
      waren wir Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sün<pb xml:id="p435" ed="pga" break="no"/>der</term>, Gottlose, Feinde: immer der Mensch in der Menschheit und immer die Menschheit
      im Menschen, immer der Eine und wir Anderen in nicht aufzuhebender Verschiedenheit des Einen
      gegenüber den Anderen, in nicht aufzuhebender Einheit der Anderen mit dem Einen. <pb ed="A" n="1229"/> Aber nun
      hat eben diese menschliche Geschichte außer Christus, nun hat eben diese unsere Vergangenheit
      keine selbständige Würde und Bedeutung. Nun ist sie gerade in dieser ihrer eigentümlichen
      Doppelgestalt nur das Gegenbild, das Gleichnis, der voranlaufende Schatten einer ganz anderen,
      nämlich der Geschichte, die zwischen dem einen Christus und den vielen Anderen als Geschichte
      der göttlichen <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und des durch sie dem Menschen
      zugesagten Lebens in der Gegenwart sich abzuspielen schon begonnen hat. Nun ist die Ordnung
       <hi rend="italic">jener</hi> Geschichte nur eine Spiegelung der <term key="Ordnungen, des Reiches Christi und der Welt Adams">Ordnung</term>, die in Wahrheit <hi rend="italic">dieser</hi> Geschichte eigentümlich ist. Nun kann also jene Ordnung nur von
      dieser zeugen. So haben wir also auch unser eigenes Menschsein, sofern es in unserer
      Beteiligung an der Geschichte <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> besteht und also nach deren Ordnung verläuft, so haben wir
      auch unsere düstere Vergangenheit als Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>,
      Gottlose, Feinde nicht als eine Wirklichkeit von selbständiger Würde und Bedeutung, sondern
      als indirektes Zeugnis von der Wirklichkeit Jesu Christi und der in ihm anhebenden
      ursprünglichen und eigentlichen Menschheitsgeschichte, des in ihm offenbarten wahren
      Menschseins zu verstehen. Nicht in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, sondern in <term key="Christus und Adam">Christus</term> ist die göttliche <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term> über den Menschen gefallen. Aber eben in ihm ist sie auch über
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, über unsere Beteiligung an seiner Geschichte und also über unsere düstere Vergangenheit
      gefallen. Eben indem wir Christus erkennen, wird uns auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> durchsichtig als zu ihm
      gehörig. Wie es zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns stand, so
      kündigt <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref> an, so steht es ursprünglich und eigentlich zwischen Christus und uns.</p>
     </div>
<!-- nächste Seite Röm. 5.12–21 -->
   
   
    <div type="excursus">

     <p rend="margin-top">Man darf sich nun das Verständnis dessen, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> weiter sagt, zunächst dadurch erleichtern, dass man
      von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref> aus vorwegnehmend <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> und dann <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">v 21</ref> weiterliest. Diese Verse enthalten nämlich
      zunächst die Parallele als solche. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18">V 18</ref>: «Wie es durch des <hi rend="italic">Einen</hi>
      Übertretung für <hi rend="italic">alle</hi> Menschen zur Verurteilung kam, so durch des <hi rend="italic">Einen</hi> Rechttat (<foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign>) zur
      freisprechenden und also lebensverheißenden Rechtsentscheidung (<foreign xml:lang="el-GR">δικαίωσις ζωῆς</foreign>) für <hi rend="italic">alle</hi> Menschen.» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.19">V 19</ref>: «Wie durch den
      Ungehorsam des <hi rend="italic">einen</hi> Menschen die <hi rend="italic">Vielen</hi> als
      Sünder vor Gott hinge<pb ed="A" n="1230" break="no"/>stellt wurden, so durch den Gehorsam des
       <hi rend="italic">Einen</hi> die <hi rend="italic">Vielen</hi> als Gerechte.» Und dann
      sachlich zusammenfassend <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">v 21</ref>: «Wie die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> herrschte
      (d. h. sich allgemein auswirkte) im Tode, so die Gnade vermöge der Rechtsentscheidung zum
      ewigen Leben durch Jesus Christus unseren Herrn.» Man muss zunächst diese Parallele als solche
      sehen. Hier und dort der Eine – hier und dort die Vielen, Alle. <hi rend="italic">Hier</hi>
      der <hi rend="italic">Eine</hi>, der mit seinem Sein, Tun und Erleiden die Gesamtheit dessen
      inauguriert, repräsentiert und offenbar macht, was die Vielen, was Alle nach und neben ihm, in
      Konformität mit ihm auch sein, auch tun und dementsprechend auch zu erleiden haben werden.
      Hier aber auch die <hi rend="italic">Vielen, Alle</hi>: keiner darum weniger schuldig und
      weniger <pb xml:id="p436" ed="pga"/> gestraft, weil er ja nicht selbst der Eine ist, vielmehr
      ein Jeder von ihnen sich selbst völlig wiederfindend in dem Sein, Tun und Erleiden jenes
      Einen, in seinem Bild sich selbst nur zu genau wiedererkennend. <hi rend="italic">Dort</hi>
      erst recht der <hi rend="italic">Eine</hi>, der doch als solcher zugleich für alle Anderen
      steht: auch er Inaugurator, Repräsentant und Offenbarer dessen, was durch ihn und mit ihm die
      Vielen, Alle auch sein, tun und empfangen werden. Und dort erst recht die <hi rend="italic">Vielen, Alle</hi>: keiner von ihnen darum weniger gerecht und gesegnet, weil er ja nicht
      selbst der Eine ist, vielmehr ein Jeder sich selbst in eigener Person wiederfindend und
      wiedererkennend in dem, was, für Alle und gerade auch für ihn einstehend, jener Eine ist, tut
      und empfangen hat. Ist in der Existenz des Einen <hi rend="italic">hier</hi> die Herrschaft
      der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und damit das <term ref="kbga-keywords-177">Todesschicksal</term> beschlossen über die Vielen, über Alle, so wieder in der Existenz des
      Einen <hi rend="italic">dort</hi> für Viele, für Alle die Herrschaft der in der göttlichen
       <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term> geübten <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und damit die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> des ewigen <term ref="kbga-keywords-726">Lebens</term>. So kann man sich
      die Verhältnisse an Hand von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">21</ref> zunächst übersichtlich machen. Die Parallele ist
      formal vollständig. Auch <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.21 1.Kor.15.22">1.Kor. 15,21–22</ref> hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zunächst einfach
      diese formale Parallele sichtbar gemacht: «Da der Tod durch <hi rend="italic">einen
       Menschen</hi> kam, kam auch die Auferstehung durch <hi rend="italic">einen Menschen</hi>.
      Denn wie in <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> Alle</hi> sterben, so werden in <hi rend="italic">Christus</hi> auch <hi rend="italic">Alle</hi> lebendig gemacht werden.» So befinden sich
      der Mensch <pb ed="A" n="1231"/> hier und der Mensch dort, so befinden sich die beiden Bereiche: <persName ref="kbga-actors-2144">«Adam</persName> und wir Alle» und «Christus und wir Alle» jedenfalls
      zum vornherein in dieser <term key="Christus und Adam">Nachbarschaft</term>, so können wir
      unserer Vergangenheit, unseres Seins in dem Bereich «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir Alle» jedenfalls nicht
      gewahr werden, ohne eben damit sofort auch der Nachbarschaft «Christus und wir Alle» gewahr zu
      werden. So steht unser Sein in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Sein in uns jedenfalls zum vornherein im Licht
      der Tatsache, dass wir formal in derselben Weise auch in Christus [sind] oder dass formal in
      derselben Weise auch Christus in uns ist.</p>
     <p><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat aber nicht nur diese formale <hi rend="italic">Parallele</hi> sichtbar gemacht. Noch könnte es ja, wenn man diese als solche
      ins Auge fasst, unentschieden scheinen, ob diese Parallelität sich nicht auch auf das
      inhaltliche Verhältnis erstreckt: unentschieden, ob es hier eine sachliche Priorität, eine
      innere Überlegenheit und dann auch einen äußeren Sieg der einen über die andere Seite geben,
      und unentschieden, welcher von diesen beiden Seiten solches zuzuschreiben sein möchte. Wie,
      wenn der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> und die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> ebenso mächtig, wie, wenn sie vielleicht zuletzt doch noch mächtiger sein
      sollten als die <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> und das Leben? Wie, wenn die Frage,
      ob wir die wahre <term key="Mensch, Natur">Menschennatur</term> in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> oder in Christus zu suchen haben, offen bleiben, und
      wie, wenn sie vielleicht doch dahin entschieden werden müsste, dass wir sie in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> zu suchen
      hätten, während sie in der Gestalt, in der sie uns in Christus sichtbar wird, nun doch nur
      eine – nun eben die christliche oder allgemeiner: die religiöse – Möglichkeit innerhalb der
      allgemeinen, in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> verkörperten <term ref="kbga-keywords-5">anthropologischen</term>
      Grundwahrheit darstellen würde? Wir hätten aber den Zusammenhang von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref> schlecht verstanden, wenn wir
      uns durch die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">21</ref> verlocken <pb xml:id="p437" ed="pga"/> ließen, die formale
      Parallele auch auf das sachliche Verhältnis der beiden Seiten auszudehnen. |</p>
     <p>Die Frage nach einer <hi rend="italic">Priorität</hi> und <hi rend="italic">Überlegenheit</hi> der einen Seite und die Frage, auf welcher Seite diese zu finden sei,
      bleibt in diesem Text – sie bleibt faktisch auch in den <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">21</ref> – <pb ed="A" n="1232"/>
      <hi rend="italic">nicht</hi> offen. Sie kann im Sinn des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nur in einem Sinn beantwortet
      werden. Es bleibt nicht bei der bloßen Nachbarschaft der beiden Bereiche. Es bleibt nicht
      dabei, dass von unserem Sein in Christus her ein gewisses Licht auch auf unser Sein in
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> fällt. Es bleibt nicht bei der Ungewissheit
      über das sachliche Verhältnis der beiden formal parallel gesehenen Seiten. Dass hier <hi rend="italic">formale Gleichheit</hi> besteht – die Gleichheit der auch durch die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> nicht vernichteten, nicht verwandelten menschlichen <term key="Mensch, Natur, durch die Sünde nicht vernichtet">Natur</term> –, das ist gewiss. Es ist
      aber gerade die Erkenntnis der höchsten <hi rend="italic">materialen Ungleichheit</hi> des
      ganzen Verhältnisses, in welcher das allein gewiss werden kann: die Erkenntnis der
      Ungleichheit nämlich, die darin besteht, dass Alles, was von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName></hi> und
      uns Anderen zu sagen ist, in <hi rend="italic">dem</hi> seine Wahrheit hat, was von <hi rend="italic">Christus</hi> und uns Anderen zu sagen ist: so also, dass wir <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> von Christus und nicht Christus von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> her zu verstehen</hi>
      <term key="Christus und Adam">haben</term>. So stehen sich nämlich <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> hier und Christus dort nicht gegenüber, als wären sie
      Figuren von gleicher Würde, als wären des Einen Sünde und des Anderen Rechttat Faktoren von
      gleichem Gewicht. Und so stehen sich auch die Vielen, die Gesamtheit hier und dort nicht
      gegenüber, als ob sie sich als Träger einer gleich gültigen Bestimmung auf einer Ebene
      befänden. Nur dass es sich hier wie dort um den <hi rend="italic">Menschen</hi> handelt, der
      so oder so seine wahre <term key="Mensch, Natur">Natur</term> offenbart, der in dieser seiner
      Natur so oder so unter der Ordnung Gottes seines <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
      steht – nur das ist ja das echt und letztlich <hi rend="italic">Gemeinsame</hi> zwischen den
      beiden Bereichen. Es besteht aber innerhalb dieses Gemeinsamen die entscheidende Differenz –
      und nur in ihr kann auch dieses Gemeinsame sichtbar werden –, dass<note xml:id="n24">Druck
       1964: «darin, dass».</note> die eine Seite nur das Gegenbild, das <term key="Gleichnis">Gleichnis</term>, der voranlaufende Schatten der anderen ist und also nur sekundär und
      unselbständig in ihrem Verhältnis zu dieser anderen, nur an ihr gemessen ihrerseits jenes
      Gemeinsame, die menschliche Natur, darstellen und offenbaren kann. «Der erste Mensch ist von
      der Erde, irdisch, der zweite Mensch ist vom Himmel», so hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
      <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.47">1.Kor. 15,47</ref> dieses Verhältnis
      bezeichnet. Christus ist oben, <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> <pb ed="A" n="1233"/> ist unten. Und gerade und nur darin
      ist auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> wahrer Mensch, dass er unten und nicht etwa seinerseits oben ist, dass er nur
      scheinbar gleich Christus ein Erster, das Haupt einer Menschheit werden kann. Und gerade und
      nur darin sind auch wir wahrhaft Menschen, dass wir mit <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> unten und nicht etwa oben sind, dass wir nur scheinbar in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> unser Haupt,
      nur scheinbar uns als Glieder an seinem Leib erkennen können. «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir» sind als Menschen
      dadurch gerechtfertigt und gerettet, dass weder <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> unser Haupt, noch wir seine Glieder sind,
      dass nicht «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir», sondern «Christus und wir» oben und zuerst sind: im Besitz der
      sachlichen Priorität und Über<pb xml:id="p438" ed="pga" break="no"/>legenheit, Sieger und
      Anwärter des Sieges. Dass «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir» in der Unterordnung unter «Christus und wir» <hi rend="italic">vorläufig</hi>, d. h. Christi und unsere eigenen Vorläufer sind, das
      konstituiert und erhält unsere menschliche Natur. In dieser ihrer Vorläufigkeit ist sie wahr
      auch in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, auch in allen seinen Kindern und Erben, auch in unserer Vergangenheit als
      Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, Gottlose und Feinde. Indem unsere Natur
       <hi rend="italic">vorläufig</hi> – nämlich Christus und unserem Sein in ihm, seinem Sein in
      uns voranlaufend – ist, kann und muss sie ihre Struktur behaupten auch in ihrer
      Verkehrung.</p>
     <p>Alles hängt also an der Erkenntnis dieser <hi rend="italic">Vorläufigkeit</hi> <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und
      unserer Adamskindschaft, Alles zunächst an der Erkenntnis der sachlichen Ungleichheit zwischen
       <hi rend="italic">ihm</hi> und <term key="Christus und Adam"><hi rend="italic">Christus</hi></term>, zwischen der Gemeinschaft, die wir mit <hi rend="italic">ihm</hi>, und
      der Gemeinschaft, die wir mit <hi rend="italic">Christus</hi> haben. Hier steht nicht Recht
      gegen Recht, sondern menschliches <term key="Recht, menschliches Unrecht">Unrecht</term> gegen
      göttliches <term key="Recht, göttliches">Recht</term> – nicht Wahrheit gegen <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, sondern menschliche <term key="Lüge">Lüge</term>
      gegen göttliche <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term>. Hier steht nicht einmal Macht
      gegen Macht, sondern menschliche <term ref="kbga-keywords-181">Ohnmacht</term> gegen göttliche
       <term ref="kbga-keywords-1067">Macht</term>. Hier steht zu allerletzt Gott gegen Gott<note xml:id="n25">Zum historischen Hintergrund dieser Sentenz vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5361"><persName ref="kbga-actors-627">E. Jüngel</persName>, <hi rend="italic">Nemo contra deum nisi deus ipse. Zum Verhältnis von
        theologia crucis und Trinitätslehre</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Ganz werden.
        Theologische Erörterungen</hi>, Bd. 5, Tübingen 2003, S. 231–252, dort bes.
       S. 231–234</bibl>.</note> – ein Gott dieser Welt etwa gegen Gott den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> –, sondern hier steht schlicht der <hi rend="italic">Mensch gegen</hi> den
      einen Gott, und von der anderen Seite gesehen derselbe eine <hi rend="italic">Gott für</hi>
      den <term key="Gott, für den Menschen">Menschen</term>. Eben darum kann hier die angesichts
      jener formalen Parallele sich erhebende Frage nicht offen bleiben und kann sie auch nur in
      einem Sinn beantwortet werden. Hier steht <pb ed="A" n="1234"/> eben – und das ist es, was der
      Text <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12–21">Röm. 5,12–21</ref> entscheidend
      deutlich machen will – der Mensch in der Weise gegen Gott, dass er auch mit seinem Gegensatz,
      mit seinem Unrecht, seiner <term key="Lüge">Lüge</term>, seiner <term ref="kbga-keywords-181">Ohnmacht</term> für Gott zeugen, dass er auch als <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und als <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Kind der Spiegel des göttlichen Werkes, der Vorläufer Christi
      sein muss. Er kann ja auch im <term ref="kbga-keywords-174"><hi rend="italic">Bösen</hi></term>, als «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir Alle» nur in demselben Strukturzusammenhang von Mensch
      und <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> existieren, der dann im <hi rend="italic">Guten</hi> als «Christus und wir Alle» seinen Sinn und seine Erfüllung finden
      wird. Er kann auch unter der Herrschaft der <term ref="kbga-keywords-64"><hi rend="italic">Sünde</hi></term> und des <term ref="kbga-keywords-177"><hi rend="italic">Todes</hi></term>
      als Mensch nur Bild und <term key="Gleichnis">Gleichnis</term> der Herrschaft der <term key="Gnade, Herrschaft der G."><hi rend="italic">Gnade</hi></term> und des <hi rend="italic">Lebens</hi> sein. Darin liegt die sachliche Ungleichheit in der vollen formalen Gleichheit
      zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Christus und Adam">Christus</term>. Darin sind «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir»
      letztlich und entscheidend unten und nicht oben, dass wir auch in unserer <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> und Strafe <hi rend="italic">nichts Originelles</hi>
      tun und erleiden, sondern nur in negativer Entsprechung auf «Christus und uns» <hi rend="italic">hinweisen</hi> können.</p>

     <p rend="margin-top">Dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es so meint, wird
      klar in dem großen Mittelstück des Abschnitts <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref>. Sein Inhalt ist der Satz, dass es sich
      in dem scheinbar ebenmäßig gestalteten Schematismus der beiden Aspekte des Menschen in
      Wahrheit um <pb xml:id="p439" ed="pga"/> die höchste und grundsätzlichste <hi rend="italic">Ungleichheit</hi> handelt. Man bemerke, dass er den Versen 18–19, in denen der Parallelismus
      entwickelt wird, <hi rend="italic">voran</hi>geht. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst hat also nicht, wie wir es,
      um Übersicht zu gewinnen, getan haben, zuerst die formale Gleichheit und dann die sachliche
      Ungleichheit der beiden Seiten ins Auge gefasst. Er sieht und sagt vielmehr zuerst, dass
      zwischen «Christus und uns» sachlich Alles <anchor type="note" xml:id="fn-26"/>so ganz anders<note n="26" target="fn-26" xml:id="n26">In den Drucken 1952 und 1964 hervorgehoben.</note> steht
      als zwischen «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Christus und Adam">uns»</term>: dass wir uns dort wirklich
      oben, hier unten befinden. Und erst in dieser Ungleichheit hat er dann auch die Gleichheit
      erkannt, erst aus ihr hat er dann den Parallelismus des <foreign xml:lang="el-GR">εἷς</foreign> und der <foreign xml:lang="el-GR">πολλοί</foreign> hüben und drüben, wie sie
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> – mit <foreign xml:lang="el-GR">ἄρα οὖν</foreign> neu anhebend – kontrastiert werden,
      gewissermaßen herausgelesen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat die hüben
      und drüben bestehende sachliche Ungleichheit in zwei äußerlich sich entsprechenden und
      inhaltlich sich ergänzenden Sätzen zusammengefasst.</p>
     <p>Der erste lautet <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15a</ref>: <foreign xml:lang="el-GR">οὐχ ὡς τὸ παράπτωμα, οὕτως τὸ
       χάρισμα</foreign>, wörtlich: «es verhält sich mit der Gnade nicht so wie mit der <pb ed="A" n="1235"/>
      Übertretung», d. h. die <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> ist nicht an der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> zu messen, ihr trotz der Gleichheit der formalen
      Verhältnisse sachlich nicht gleichzustellen. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">V 15b</ref> gibt sofort die Begründung dieses Satzes.
      Es ist zwar wahr, dass die Sünde (<foreign xml:lang="el-GR">παράπτωμα</foreign> = peccatum)
      des Einen, nämlich <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, das Sterben der Vielen
      nicht nur nach sich zog, sondern unmittelbar in sich schloss. Es ist wahr, dass damals und
      dort mit der Sünde auch der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> in die Menschenwelt
      einzog (v 12). Es ist also wahr, dass damals und dort die Vielen gestorben sind, noch bevor
      sie geboren waren. Dem steht aber die andere Wahrheit gegenüber, dass in der Gnade des anderen
      Einen, des Menschen <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term> nämlich, die Gnade Gottes auf
      diese Vielen, die in und mit der Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> schon Gestorbenen, überströmte. Warum
      «überströmte»? Die Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> ist eben nur die Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>. Die Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> aber ist die Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> und sein Geschenk. Darum eben: <foreign xml:lang="el-GR">ἐπερίσσευσεν</foreign>, sie überströmte, sie überwog, sie war größer als die Sünde. Darum
      besteht hier Ungleichheit bei aller Gleichheit: prinzipielle, entscheidende, unaufhebbare
      Ungleichheit, so gewiss eben in dem, was <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, und in dem, was Christus den Menschen <term key="Christus und Adam">brachte</term>, nicht mehr und nicht weniger als Gott und der Mensch
      in ihrer völligen Ungleichheit sich gegenüberstehen. Darum ist, wie der Hauptsatz sagte, das
       <foreign xml:lang="el-GR">χάρισμα</foreign> nicht am <foreign xml:lang="el-GR">παράπτωμα</foreign> zu messen; darum kann hier nur das Gegenteil in Frage kommen. Dass die
      Adamswahrheit vom Sterben aller Menschen in <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>
      ausgelöscht und nicht mehr in Betracht zu ziehen sei, wird<note xml:id="n27">Drucke 1952 und
       1964: «wird hier».</note> nicht gesagt, wohl aber, dass sie mit der ihr gegenüberstehenden
      Christuswahrheit von der auf alle diese Gestorbenen überströmenden Gnade nicht zu vergleichen,
      dass sie unten und diese oben sei, dass sie nur noch überragt und beleuchtet von dieser
      Geltung haben könne.</p>
     <p>Der zweite Satz lautet <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16a</ref>: <foreign xml:lang="el-GR">καὶ οὐχ ὡς δι’ ἑνὸς ἁμαρτήσαντος τὸ
       δώρημα</foreign>, wörtlich: «es verhält sich mit dem (uns durch die Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> gemachten) <pb xml:id="p440" ed="pga"/> Geschenk nicht
      so wie mit dem, was durch den sündigenden Einen über uns gekommen ist», d. h. die Gnadengabe
      ist nicht an der <term key="Sünde, Sündenfolge">Sündenfolge</term> zu messen; sie ist ihr
      trotz der formalen Gleichheit der Verhältnisse sachlich nicht gleichzustellen. Die Begründung
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16 Röm.5.17">v 16b–17</ref> ist hier ausführlicher <pb ed="A" n="1236"/> als <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15</ref>. Sie gliedert sich in zwei
      Gegenüberstellungen, von denen die erste die zweite und entscheidende offenbar vorbereiten
      soll. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">V 16b</ref> enthält dieses<note xml:id="n28">Drucke 1952 und 1964: «das».</note> Vorspiel: Was
      durch den sündigenden Einen, anhebend mit ihm selbst (<foreign xml:lang="el-GR">ἐξ
       ἑνός</foreign>), über uns gekommen ist, das ist seine Verurteilung (<foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign>), die notwendig zu seiner Bestrafung (<foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign>) führen musste. Wir sind in und mit ihm schuldig gesprochen und
      verdammt. Das ist die Sündenfolge. Was ihr praktischer Sinn ist, wird <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">v 17</ref> näher erklärt
      werden. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">V 16b</ref> wird ihr zunächst der ganz andere Verlauf der <term key="Gnade, Gnadenfolge">Gnadenfolge</term> gegenübergestellt. Die Gnade (<foreign xml:lang="el-GR">χάρισμα</foreign>) setzt genau dort ein, wo das Werk der durch den Einen in den
      Menschenkosmos eingedrungenen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> darin vollendet und
      gekrönt wird, dass wie der Eine faktisch auch Alle sündigten und also selber schuldig und
      verdammlich wurden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref>). Ihr Anknüpfungs- und Ausgangspunkt sind die <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα πολλῶν</foreign>, in denen sichtbar wird, dass sie nicht zu
      Unrecht, sondern zu Recht in und mit <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> schuldig gesprochen sind und so auch seine
      Verdammnis zu erleiden haben. Der Verlauf der Sündenfolge ist nicht erstaunlich: dass Sünde
      Verurteilung und Verurteilung Strafe nach sich zieht, ist einleuchtend. Es ist aber sehr
      erstaunlich, dass genau da, von wo aus nur diese Folge möglich scheint, mit dem Eingreifen der
       <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> eine ganz andere Folge, jener diametral
      entgegengesetzt, wirklich wird: <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα</foreign> – <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign>, Sünde – Freispruch, der Freispruch, nach welchem das dem
       <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> entsprechende <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> offenbar nicht mehr in Betracht kommt. «So gibt es jetzt also <hi rend="italic">kein</hi>
      <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> für die, die in Christus Jesus sind» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1">Röm. 8,1</ref>). Aber welches ist der Weg von
      dort nach hier: <foreign xml:lang="el-GR">ἐκ πολλῶν παραπτωμάτων εἰς δικαίωμα</foreign>? Wer
      müsste diese Folge nicht für unmöglich halten? Und eben dies: dass die <term key="Sünde, Sündenfolge">Sündenfolge</term> eine begreifliche, die <term key="Gnade, Gnadenfolge">Gnadenfolge</term> aber eine höchst unbegreifliche Folge ist, ist
      es, was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16b</ref> vorbereitend klargemacht wird. Die eigentliche Begründung des Satzes <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16a</ref> gibt
      doch erst <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">v 17</ref>. Man beachte die stilistische Korrespondenz zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15b</ref>: <foreign xml:lang="el-GR">εὶ γὰρ τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι</foreign>... Das Begreifliche hier und das Unbegreifliche <pb ed="A" n="1237"/>
      dort wird jetzt beim Namen genannt und beschrieben. Die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16b</ref> angezeigte äußere Ungleichheit
      der beiden Seiten soll jetzt von der Sache, d. h. von dem praktischen Sinn jener beiden Folgen
      her ans Licht gestellt werden. In was besteht jenes der Sünde und ihrer Verurteilung folgende
       <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign>? <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> antwortet: Es besteht in der Königsherrschaft des <term key="Königsherrschaft, des Todes">Todes</term>. Durch die Übertretung jenes Einen ist sie
      begründet worden und in Kraft getreten: um des Einen willen als Herrschaft auch über die
      Vielen, so gewiss ja eben auch die Vielen je ein Jeder für sich gesündigt haben. Der Satz:
      dass der Tod an die Herrschaft kam, ist mit dem Satz <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15b</ref>: dass Alle starben, nicht ohne
      weiteres identisch. Er bezeichnet das allgemeine Sterben nach seiner objektiven Seite als eine
      über die <pb xml:id="p441" ed="pga"/> Menschen gekommene Fremdherrschaft. Der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> gehört so wenig zur ursprünglichen Menschenwelt wie die
       <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>. Mit dem Eindringen der Sünde in die Welt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref>)
      fand auch der Tod seinen Durchgang zu jedem Menschen. Darin besteht die der Sünde folgende
      Verdammnis. Sie ist also weniger eine direkte Reaktion Gottes gegen das Tun der Menschen als
      eine von diesem mutwillig provozierte göttliche Preisgabe. Man denke an die im Richterbuch
      geschilderten Vorgänge: wenn Israel sich den
      fremden Göttern zuwendet, dann provoziert es damit sofort und per se seine Preisgabe an die
      feindselige Macht der fremden Völker. Es ist mit der Regierung auch der Schutz Gottes, den es
      zurückstößt, und wie gefährdet und hilflos es ist, muss jetzt offenbar werden. Das ist der
      praktische Sinn der <term key="Sünde, Sündenfolge">Sündenfolge</term>. Was durch den
      sündigenden Einen über uns gekommen ist, ist der unnatürliche Drang und Zwang des <term key="Tod, Zwang">Todes</term>, der da unvermeidlich wird, wo sich der Mensch dem Gehorsam
      gegen Gott <term ref="kbga-keywords-785">entzogen</term> hat. |</p>
     <p>Das also ist jenes <hi rend="italic">Begreifliche</hi> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16b</ref>: dieses<note xml:id="n29">Drucke 1952 und 1964: «das».</note> in seinem praktischen Sinn nun doch so ganz <hi rend="italic">Unbegreifliche</hi> dieser Fremdherrschaft. Dem steht nun als praktischer Sinn
      des <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign> dies gegenüber, dass alle die, die jene nach
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15b</ref> überströmende <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, die die <foreign xml:lang="el-GR">δωρεὰ τῆς δικαιοσύνης</foreign>, d. h. die von Gott frei geschenkte <term key="Gerechtigkeit, Gottes frei geschenkte">Gerechtigkeit</term> empfangen, gerade umgekehrt
      ihrerseits zu Anwärtern einer von ihnen selbst auszuübenden <term key="Königsherrschaft">Königsherrschaft</term> werden: <foreign xml:lang="el-GR">ἐν ζωῇ <pb ed="A" n="1238"/>
      βασιλεύσουσιν</foreign>, d. h. sie werden – jener Fremdherrschaft schon verfallen und also
      schon gestorben vermöge der auf die Sünde folgenden Verdammnis – jener <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> entrissen, in eine ganz andere Ordnung versetzt
      werden, deren Telos ihr eigenes souveränes Leben sein wird, an deren Ziel sie also statt als
      Sklaven als Herren dastehen werden. Es ist offenkundig, dass hier von derselben Sache die Rede
      ist, die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9">v 9</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">10</ref> unsere künftige Errettung, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v 2</ref> unsere Hoffnung auf Teilnahme an der
      Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> genannt wurde. Nun ist es so weit: wo
      an Stelle des <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> das <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign> tritt, da gibt es kein <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign>
      mehr. Aber mehr noch: das <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign> ist ja das <hi rend="italic">göttliche</hi>
      <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign>. Eben darum tritt mit ihm sofort positiv die
      Hoffnung, und zwar diese höchste, die Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes, die Hoffnung auf
      das <foreign xml:lang="el-GR">βασιλεύειν ἐν ζωῇ</foreign>, auf das eigentliche, das souveräne
      Menschenleben an die Stelle der Verdammnis. Und wie es nichts als natürlich ist, dass auf den
      göttlichen <term key="Mensch, Freispruch durch Gott">Freispruch</term> diese Hoffnung, <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> und Anwartschaft folgt, so ist diese selbst – so
      wunderbar sie ist, wenn man bedenkt, dass der Ausgangs- und <term key="Anknüpfungspunkt">Anknüpfungspunkt</term> jenes Freispruches die <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα τῶν
       πολλῶν</foreign> waren<note xml:id="n30">Drucke 1952 und 1964: «sind».</note> – doch nichts
      Anderes als der natürliche Stand des Menschen, nämlich des vor Gott gerechten <term key="Mensch, vor Gott gerechter M.">Menschen</term>. Was sollte etwa begreiflicher sein, als
      dass der Mensch, der vor Gott gerecht ist, in dieser höchsten Hoffnung lebt? So also steht es
      im Unterschied zu der <term key="Sünde, Sündenfolge">Sündenfolge</term> mit der <term key="Gnade, Gnadenfolge">Gnadenfolge</term>, d. h. mit dem <foreign xml:lang="el-GR">δώρημα</foreign>, das die unmittelbare Konsequenz der göttlichen <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> ist. Das ist jenes <hi rend="italic">Un<pb xml:id="p442" ed="pga" break="no"/>begreifliche</hi> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16b</ref>: dieses in seinem praktischen Sinn so
      höchst <hi rend="italic">Begreifliche</hi>! Die Ungleichheit der beiden Folgen ist am Tage und
      damit noch einmal die Ungleichheit der beiden Seiten: der <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>- und der <term key="Christus und Adam">Christuswahrheit</term>. Man bemerke wohl, dass die erstere auch hier
      nicht etwa geleugnet und ausgestrichen wird. Der Ort, von dem aus <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von beiden redet, befindet sich genau in der Mitte
      zwischen dem <foreign xml:lang="el-GR">ἐβασίλευσεν</foreign> und dem <foreign xml:lang="el-GR">βασιλεύσουσιν</foreign> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">v 17</ref>. Wohl aber hat er beide<note xml:id="n31">Drucke 1952 und
       1964: «beide Folgen».</note> in ihrer inneren Art erkannt und erklärt und damit beide an
      ihren Ort gestellt. Die theoretische Begreiflichkeit der Sündenfolge und die theoretische
      Unbegreiflichkeit der <term key="Gnade, Gnadenfolge">Gnadenfolge</term> – und wiederum die
      praktische <pb ed="A" n="1239"/> Unbegreiflichkeit der einen und die praktische
      Begreiflichkeit der anderen sind zu groß, als dass es nicht in die Augen springen müsste, was
      hier hüben und drüben so ganz anders, was hier oben und unten, was hier an erster und was hier
      an zweiter Stelle wahr und geltend ist. Es kann die Gnadengabe in der Tat nicht an der <term key="Sünde, Sündenfolge">Sündenfolge</term> gemessen werden. Nur das Gegenteil kann in Frage
      kommen.</p>

     <p>So also reihen sich die beiden Beweise dieser Ungleichheit: <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16 Röm.5.17">v 16–17</ref> aneinander. Der
      Nerv des ersten, kürzeren Beweises liegt darin, dass auf der einen Seite der Mensch, auf der
      anderen aber entscheidend Gott im Spiele ist. Der Nerv des zweiten, ausführlicheren Beweises
      liegt darin, dass sich infolgedessen auch die äußere und innere, die theoretische und die
      praktische Struktur der beiden Verhältnisse hüben und drüben bei aller formalen Gleichheit so
      ganz anders gestaltet.</p>

     <p rend="margin-top">Aber nun haben wir ein wichtiges Element gerade in diesem Mittel- und
      Hauptstück des Abschnittes noch nicht berücksichtigt, das in seiner ganzen Unscheinbarkeit
      geeignet ist, Alles noch einmal in ein neues Licht zu rücken. Es ist ja recht eigentlich das
      aus <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9">v 9</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">10</ref> an den entscheidenden Stellen von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">17</ref> wieder aufgenommene <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign>, das diesen Versen ihr eigentümliches Gesicht gibt
      und das offenbar für das Verhältnis der beiden Seiten und für den Sinn ihrer Gegenüberstellung
      konstitutiv ist. Das Merkwürdige an dieser Formel ist dies, dass sie zugleich verbindend und
      überbietend ist, dass sie Gleichheit der beiden Seiten voraussetzt und behauptet und nun
      gerade unter dieser Voraussetzung von ihrer Ungleichheit redet.</p>
     <p>Wo man einem Ersten ein Zweites mit der Wendung «um wieviel mehr» gegenüberstellen kann, da
      befindet man sich offenbar hüben und drüben im Bereich derselben Ordnung, nur dass diese hier
      in einer niedereren, dort in einer höheren Weise in Geltung steht und erkennbar ist. Stünde
      sie nicht auch hier in Geltung, so könnte sie dort nicht «umso viel mehr» in Geltung stehen.
      Wäre sie hier nicht sichtbar, so könnte sie dort nicht «umso viel mehr» sichtbar werden.
      «Hier» ist aber in unserem Fall der ganze Bereich der Adamswahrheit: nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> also das
      Sterben der Vielen in der Übertretung des Einen bzw. die <pb ed="A" n="1240"/> in der
      Übertretung des Einen in Gestalt der Aufrichtung der Todesherr<pb xml:id="p443" ed="pga" break="no"/>schaft über Alle hereingebrochene Verdammnis. Von dieser Adamswahrheit ist durch
      das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> jedenfalls auch <hi rend="italic">das</hi> gesagt, dass sie sich mit der Christuswahrheit zusammen im Bereiche einer und
      derselben <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> befindet, dass sie, wenn auch der
      Christuswahrheit untergeordnet, mit ihr zusammen in Geltung steht und erkennbar ist. Warum dem
      so sein kann und muss, das haben wir dem Gebrauch derselben Formel in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9">v 9</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">10</ref> zu entnehmen.
      Dort ist ja Alles klar: das als Erstes Genannte und gewissermaßen zur Linken Gestellte ist
      dort nichts Anderes als der Tod <term ref="kbga-keywords-129">Christi</term>, für uns –
      nämlich als das Werk unserer <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> – geschehen in
      der Zeit, da wir noch Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, Gottlose, Feinde
      waren. Da dies, so hieß es dort, als Erstes und zur Linken gilt, um wieviel mehr gilt das
      Zweite zur Rechten: dass wir durch ihn, nämlich durch sein Leben als der von den Toten <term ref="kbga-keywords-393">Auferstandene</term> die Aussicht und Hoffnung haben, gerettet und
      der Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> teilhaftig zu werden. Es steht
      also innerhalb derselben Ordnung, nämlich innerhalb des <hi rend="italic">einen</hi> Werkes,
      auf der Linie des <hi rend="italic">einen</hi> Weges Christi, in der <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Erniedrigung</term> und <term key="Jesus Christus, Erhöhung">Erhöhung</term> dieser <hi rend="italic">einen</hi> Person
      beides <hi rend="italic">zusammen</hi> in Geltung, und es ist in ihr<note xml:id="n32">Tskr.:
       «ihm»; von den Hrsg. in Übereinstimmung mit den Drucken von 1952 und 1964 korrigiert.</note>
      auch beides <hi rend="italic">zusammen</hi> erkennbar, obwohl es doch zweifellos nicht
      dasselbe, sondern in klarer Unterscheidung ein Erstes und ein Zweites ist und obwohl jenes
      Zweite noch viel mehr als jenes Erste gilt und erkennbar ist. |</p>
     <p>Was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> als Erstes zur Linken steht: die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und ihre Folge, das scheint nun freilich von
      dem, was hier als Zweites zur Rechten steht: von der Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> und ihrer Gabe, viel weiter entfernt, ja wohl
      (vielleicht wie die Finsternis vom Licht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.4">Gen. 1,4</ref>]) gänzlich von dieser geschieden zu sein. Aber das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> steht nun einmal verbindend und zusammenfassend, eine
      zusammenhängende <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> anzeigend, auch zwischen diesen
      Gegensätzen. Und offenbar weil und indem es zuerst dort (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref>) steht, kann und muss es auch
      hier zwischen den Gegensätzen von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> stehen. Weil der <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> und die Auferstehung Jesu <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term>, weil
      unsere <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> durch sein Blut einerseits und unsere
      Hoffnung in der Kraft seines Lebens andererseits zwei – allerdings sehr verschiedene – Momente
      einer einzigen Bewegung <pb ed="A" n="1241"/> sind, darum kann und darf es auch hier nicht nur
      Unterschied geben, darum können und müssen die Adamswahrheit und die <term key="Christus und Adam">Christuswahrheit</term> in der Tat miteinander in Geltung stehen und
      erkennbar sein. Darum und nur darum freilich! Von der Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> als solcher führt kein Weg
      hinüber zur Gnade Christi, vom <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> keiner zum <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign>, vom <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> keiner
      zur <foreign xml:lang="el-GR">σωτηρία</foreign>, vom <term ref="kbga-keywords-177">Tode</term>
      keiner zum Leben. Von links nach rechts hinüberblickend, könnten wir alle Aussicht nach drüben
      nur versperrt<note xml:id="n33">Drucke 1952 und 1964: «verrannt». Diese Korrektur erfolgte
       offensichtlich in Angleichung an das Goethe-Zitat, auf das <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier anspielt (<bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>,
        V. 11442 [Mitternacht])</bibl>; es lautet im Kontext: <q rend="block"><lg>
         <l>Der Erdenkreis ist mir genug bekannt, </l>
         <l>Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;</l>
         <l>Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, </l>
         <l>Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!</l>
        </lg></q></note>, alle Übergänge dorthin <pb xml:id="p444" ed="pga"/> nur verschlossen
      finden. Wäre es möglich und erlaubt, <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, seine <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und
      seinen Tod und wiederum in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> uns selbst und
      also unsere Vergangenheit, unsere eigenen Übertretungen, Gottes uns treffendes <term key="Gott, Urteil über den Menschen">Urteil</term> und seinen gegen uns ausbrechenden <term ref="kbga-keywords-809">Zorn</term> abstrakt und für sich, als einen in sich begründeten und
      abgerundeten Komplex zu betrachten, dann wäre es gewiss ein ebenso frevelhaftes wie
      ohnmächtiges Bemühen, in diesem Komplex als solchem auch nur eine Ähnlichkeit zu entdecken,
      vermöge deren<note xml:id="n34">Tskr.: «der»; Korrektur durch die Hrsg. in Übereinstimmung mit
       den Drucken 1952 und 1964.</note> er dann mit dem so ganz anderen Komplex der Gnade Jesu
       <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> und ihrer Gabe zusammengesehen und verglichen
      werden könnte. |</p>
     <p>Aber <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat in dieser Sache gerade nicht von
      links nach rechts hinübergeblickt, sondern umgekehrt. Er hat ja schon <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref> auf unsere
      düstere Vergangenheit <hi rend="italic">zurück</hi>geblickt und dann und<note xml:id="n35">Fehlt in den Drucken 1952 und 1964.</note> daraufhin sie mit unserer so ganz anderen
      Gegenwart und Zukunft in positive Beziehung gebracht. Eben von dieser Gegenwart und Zukunft
      her war es ihm nun freilich verwehrt, jene Vergangenheit als in sich begründeten und
      abgerundeten Komplex zu betrachten, konnte er unmöglich übersehen, dass ja mitten in jenem
      ersten Bereich selbst außer der Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und ihrer Folge, außer aller unserer Schwachheit,
       <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, Gottlosigkeit und Feindschaft auch die <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> Jesu Christi und in ihr unsere <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> Ereignis war. Er sah das Erste und das Zweite <hi rend="italic">darum</hi> in Beziehung und Zusammenhang, er sah <hi rend="italic">darum</hi>
      einen Weg vom Ersten zum Zweiten und für sich selbst und alle Glaubenden, obwohl jenes Erste
      auch seine und ihre Vergangenheit war, <hi rend="italic">darum</hi> eine <foreign xml:lang="el-GR">προσαγωγὴ εἰς τὴν χάριν ταύτην, ἐν ᾗ ἑστήκαμεν</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v 2</ref>), weil er das
      Erste vom Zweiten her gewissermaßen aufgebrochen und erschlossen sah. Und eben darum gab es
      für ihn nun auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> keine ab<pb ed="A" n="1242" break="no"/>strakte Adamswahrheit. Gerade
      die ihr gegenüberstehende <term key="Christus und Adam">Christuswahrheit</term> lässt es nun
      einmal nicht zu, jene für sich zu sehen, ihr sozusagen die Ehre anzutun, sie als einen seiner
      Eigengesetzlichkeit gehorchenden Kosmos für sich zu behandeln. |</p>
     <p>Man müsste die Christuswahrheit selbst und als solche übersehen oder vergessen, wenn man die
      von ihr her nun einmal durchbrochene und erschlossene Adamswahrheit als schlechthin lichtlos
      sehen und beurteilen wollte. Sie hat freilich kein eigenes Licht. Sie ist aber dadurch ins
      Licht gerückt, dass Jesus Christus von den Toten <term ref="kbga-keywords-393">auferstanden</term> ist. Und was in diesem Lichte sichtbar wird, das ist eben das <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term>, an welchem derselbe Jesus Christus um der Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>
      und um der Sünde aller Anderen willen gelitten hat und gestorben <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">ist</term>, an welchem er <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns mit Gott <term ref="kbga-keywords-240">versöhnt</term>, den göttlichen Freispruch über <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Mensch, Freispruch durch Gott">uns</term> ausgesprochen und eben damit die verschlossene
      Aussicht <pb xml:id="p445" ed="pga"/> und den versperrten Weg zum Leben für <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns
      aufgetan hat. Derselbe Jesus Christus ist also auch dort, schon dort, auch und schon in jenem
      ersten Bereich zur Linken, auch und schon inmitten des für unser Können und unsere Einsicht
      schlechthin in sich verschlossenen Sünden- und Todeskosmos. Er ist heimlich, in seiner <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Erniedrigung</term> auch und schon dort <term key="Jesus Christus, König">König</term>. Er bestreitet schon <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> das traurige Recht, eine
      besondere Wahrheit gegen ihn zu vertreten und geltend zu machen. Er bestreitet es auch allen
      Anderen, die in und mit und wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> gesündigt haben. Er tritt an <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und an unsere <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">Stelle</term> mit dem Anspruch, dem Recht und der
      Macht, unsere <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und unseren <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> zu seiner Sache zu machen und also jenen göttlichen <term key="Mensch, Freispruch durch Gott">Freispruch</term> auszusprechen und eben damit das
       <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> aus der Welt zu schaffen und statt dessen jene
       <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> in Kraft zu setzen. Weil sich die
      Christuswahrheit der Adamswahrheit <term key="Christus und Adam">gegenüber</term> in dieser
      Übermacht befindet, darum steht diese mit jener in <hi rend="italic">einer</hi>
      <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term>. Darum ist es legitim, dass der Gegensatz
      zwischen beiden durch das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> so
      merkwürdig relativiert wird. Und eben darum kann dann auch der formale Parallelismus zwischen
      dem <foreign xml:lang="el-GR">εἷς</foreign> und den <foreign xml:lang="el-GR">πολλοί</foreign>
      hüben und drüben, wie er nachher <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> entfaltet wird, relevant <pb ed="A" n="1243"/>
      werden. Er ist darum kein bloßes Wort- und Begriffsspiel, weil der eine Jesus Christus, indem
      er sich in seinem Tode am <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> an <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Stelle setzte,
      zu diesem tatsächlich in die engste Wechselbeziehung getreten ist und weil ja die Vielen, für
      die Jesus Christus in seinem Tod ebenso wie für <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> eintrat, überhaupt keine anderen sind als
      eben die, die in und mit und wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> gesündigt
      haben und sterben müssen. Den einen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und seine Vielen auf der einen und den einen Christus
      und die Seinigen auf der anderen <term key="Christus und Adam">Seite</term> zusammenzusehen
      und zu vergleichen, wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> mit dem <foreign xml:lang="el-GR">ὡς - οὕτως</foreign>
      geschieht, ist dadurch gerechtfertigt, ja notwendig gemacht, dass ihrem formalen Vergleich
      vermöge der in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> aufgezeigten Übermacht der Christuswahrheit die Realität der einen
      Ordnung zugrunde liegt, in der sich jene beiden Bereiche befinden. Ihre Nachbarschaft ist fest
      begründet: nicht von links nach rechts hin freilich, wohl aber und umso fester von rechts nach
      links hin und mit dem Ergebnis, dass es nun auch von links nach rechts hin keine
      Verschlossenheit geben, dass die verschlossenen Fenster und Türen auch in dieser Richtung weit
      aufgerissen sind. Eben von dieser Eröffnung und dem damit gegebenen durchgehenden Zusammenhang
      hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dann <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> legitimen Gebrauch
      gemacht.</p>
     <p>Das merkwürdige <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> will nun aber auch nach
      seiner anderen Seite gewürdigt sein. Die Formel ist ja nicht nur verbindend, sondern auch
      überbietend. Wo man einem Ersten ein Zweites mit der Wendung «um wieviel mehr»
      gegenüberstellen kann, da befindet man sich offenbar hier auf einer <hi rend="italic">unteren</hi>, dort auf einer <hi rend="italic">oberen</hi> Stufe derselben <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term>. Indem sie schon dort, auf der unteren Stufe, in
      Geltung steht und erkennbar ist, tut sie es erst recht und noch ganz anders dort, auf der
      oberen. Denn wenn sie schon hier, wo sie von einer bestimmten Problematik umgeben ist, gilt
      und erkennbar ist, wie sollte sie es nicht dann erst recht und umso viel mehr dort, wo diese
       Proble<pb xml:id="p446" ed="pga" break="no"/>matik in Wegfall kommt? «Dort» ist in unserem
      Fall die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> bezeichnete Christuswahrheit: die auf die Vielen, die in und mit und wie
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>
      <term ref="kbga-keywords-64">gesündigt</term> hatten und gestorben waren, in der <term key="Gnade, Jesu Christi">Gnade</term> des einen Jesus Christus überströmende <term ref="kbga-keywords-36">Gottesgnade</term>, das unbegreifli<pb ed="A" n="1244" break="no"/>che, aber<note xml:id="n36">Druck 1964: «aber ganz».</note> unmissverständlich und<note xml:id="n37">Druck 1964: «und
       ganz».</note> unwiderruflich verkündigte <foreign xml:lang="el-GR">δικαίωμα</foreign>, das in
      den <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα τῶν πολλῶν</foreign> seinen <term key="Anknüpfungspunkt">Anknüpfungs-</term> und Ausgangspunkt hat: die Anwartschaft auf jenes
      königliche Leben in der Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-1037">Gottes</term>, das an die
      Stelle des dem Menschen unvermeidlich drohenden <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign>
      getreten ist. Von dieser Christuswahrheit ist durch das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ
       μᾶλλον</foreign> nun auch <hi rend="italic">das</hi> gesagt, dass sie umso mehr gilt und
      erkennbar ist, als sie ja auch und schon in der ihr untergeordneten <term key="Christus und Adam">Adamswahrheit</term> gilt und erkennbar ist, als wir ihr – wenn auch
      von naheliegenden schwersten Fragen und Zweifeln umgeben – faktisch schon dort begegnen. «Um
      wieviel mehr» hier, wo sie ihren eigentlichen ursprünglichen Sitz hat, von woher sie ja jenen
      ersten, anderen Bereich durchbricht, erleuchtet und beherrscht! Sie ist hier umso mehr <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, als sie es faktisch auch dort ist, wo sie es auf den
      ersten Blick nicht zu sein scheint. Und so können und müssen wir ihrer hier umso gewisser
      sein, als wir ihrer faktisch, wenn auch indirekt und erst nachträglich, auch dort gewiss sein
      können und müssen.</p>
     <p>Wir greifen zum Verständnis nochmals auf den Gebrauch derselben Formel in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref> zurück. Die
      obere Stufe, das an zweiter Stelle Genannte und gewissermaßen zur Rechten Gestellte ist dort
      die <foreign xml:lang="el-GR">ζωή</foreign>, d. h. die Auferstehung <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> und die uns durch sie als Zukunft eröffnete Errettung
      im <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term>, aber auch unsere Hoffnung auf die Teilnahme
      an Gottes <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>: die Gnade, in der wir nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">v 2</ref>
      Fuß gefasst haben. Dieses Zweite zur Rechten, so hieß es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref>, sei darum umso wahrer, als ja
      schon das Erste zur Linken wahr sei: unsere <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term>
      durch den Tod <term ref="kbga-keywords-129">Christi</term>, da wir noch Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, Gottlose, Feinde waren. Auf den ersten Blick möchte
      man sagen, dass hier Alles in Dunkel gehüllt sei. Hier sind wir ja noch in der
      fürchterlichsten Unwissenheit: Sünder, die dessen nicht gewahr sind, dass Christus für sie
       <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">gestorben</term>, dass sie also versöhnte <term key="Mensch, Sünder, versöhnter S.">Sünder</term> sind – Sünder ohne Dankbarkeit für Gottes
       <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, Sünder gerade in der Auflehnung gegen sie, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, die selber «Kreuzige ihn!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.13 Mk.15.14">Mk. 15,13f.</ref>] rufen, die
      gerade die von Christus weggenommene <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> noch einmal
      begehen und die sich so gerade des durch ihn für sie erlittenen Todes – des <term ref="kbga-keywords-177">Todes</term>, dem sie also schon entrissen sind – <pb ed="A" n="1245"/> noch einmal
      schuldig machen. Das ist die wahrhaftig finstere Problematik, von der unsere schon dort und
      damals vollzogene <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> in Christus umgeben ist.
      Ihre eigentliche Finsternis und der Grund dieser unserer schrecklichen Unwissenheit besteht
      aber darin, dass dort scheinbar auch Christus selbst keineswegs triumphiert, sondern nur in
      seiner völligen <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Erniedrigung</term> gegenwärtig ist.
      Dort behält ja der sündige Mensch, dort behält die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>
      und der <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, dort behalten wir in unserer Undankbarkeit
      recht gegen ihn. Nichts hindert uns da daran. Nichts <pb xml:id="p447" ed="pga"/> geschieht
      da, um uns die Augen zu öffnen, um uns jener Unwissenheit zu entreißen. Die Sünde nimmt ihren
      Lauf, das <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> wird gesprochen und nicht widerrufen, das
       <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> folgt in nur zu begreiflicher Konsequenz.
      Christus leidet, stirbt und wird begraben…<note xml:id="n38">Anspielung auf den zweiten
       Artikel des Apostolikums (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK, S. 21,12f</bibl>.).</note> Aber
      wir haben vergessen und sollten gerade nicht vergessen, dass unsere eben hier geschehene
      Versöhnung darum nicht weniger, dass sie vielmehr gerade so, gerade inmitten der ganzen
      dunklen Wolke dieser Problematik, dass sie notwendig gerade hier wirklich und wahr ist. Ist
      etwa Christus weniger Christus, weil er hier nur in seiner Erniedrigung gegenwärtig ist? Ist
      er es nicht gerade hier völlig: in seiner völligen <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Erniedrigung</term>? Ist er es nicht eben darum, weil er hier in ganzer Einsamkeit der von
      Allen Preisgegebene ist? Wie sollte er es sonst für Alle sein? Wäre er der Erhöhte, wenn er
      nicht dieser Erniedrigte wäre? Muss er nicht auch in seiner <term key="Jesus Christus, Erhöhung">Erhöhung</term> immer wieder als dieser von Allen, auch von
      uns selbst, und so für Alle und für uns selbst Erniedrigte erkannt werden? Und wundern wir
      uns, dass wir uns ihm gegenüber hier in jener schrecklichen Unwissenheit gegenüberstehen
      sehen? Wären wir die <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, für die er sterben <term ref="kbga-keywords-129">musste</term> und gestorben <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">ist</term>, wenn wir ihm anders als so
      gegenüberstünden? Nein, es ist <hi rend="italic">gerade so</hi> schon und auch jenes Erste zur
      Linken wahr und durch das von jenem Zweiten zur Rechten her hereinbrechende Licht – durch das
      Licht der <term ref="kbga-keywords-274">Ostern</term> nämlich – an den Tag gebracht: In jener
       <hi rend="italic">Finsternis</hi> ist unsere <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term>
      geschehen, ist die göttliche <term key="Gott, Rechtsentscheidung">Rechtsentscheidung</term>
      vollzogen, ist <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> und unser Freispruch seiner Sünde und den <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα τῶν πολλῶν</foreign> zum Trotz gesprochen worden. Ganz und gar <hi rend="italic">gegen uns</hi> ist hier für uns ent<pb ed="A" n="1246" break="no"/>schieden worden. «Wir
      gingen alle in die Irre wie Schafe, ein Jeglicher sah auf seinen Weg; aber der Herr warf unser
      aller <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> auf ihn» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.6">Jes. 53,6</ref>). Dass hier <hi rend="italic">dies</hi> geschah, das ist’s,
      was diesen Ort so <hi rend="italic">finster</hi> macht. Aber dass dies zur Ehre Gottes und zu
      unserem Heil geschah, das ist das Licht der <term ref="kbga-keywords-274">Ostern</term>, das
      auch diesen Ort <hi rend="italic">hell</hi> macht. Und wenn nun von dort her auch dieser Ort,
      der Ort unserer düsteren Vergangenheit, hell wird und ist, «um wieviel mehr» dann der andere
      Ort, unsere durch die Osterbotschaft als solche konstituierte Gegenwart, von der her jene
      Helligkeit auch dorthin so fällt, dass wir indirekt und nachträglich erkennen und bekennen
      müssen, dass hier und gerade hier – ohne und gegen uns und so wahrhaft für uns, in der
      Erniedrigung <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Christi</term>, in der er in alle
      Ewigkeit unser <term ref="kbga-keywords-280">Heiland</term> und <term key="Jesus Christus, König">König</term> ist, in seinem Blut, in dessen Schmuck er auch als
      der <term ref="kbga-keywords-393">Auferstandene</term> und <term key="Jesus Christus, Erhöhung">Erhöhte</term> für uns eintritt – das entscheidende Werk
      geschehen ist, das dem ganzen Adamswerk in allen seinen Folgen in alle Ewigkeit schlechthin
      überlegen gegenübersteht. «Um wieviel mehr» ist unsere Errettung und unsere Hoffnung dort
      gültig und erkennbar, wo wir von eben dem Licht direkt umflossen sind, in welchem es indirekt
      klar wird, dass sie schon hier und gerade hier ihren Grund hat, der für alle Ewigkeit nicht
      mehr zu erschüttern ist!</p>
   

     <p><pb xml:id="p448" ed="pga" rend="noPipe"/> Eben so ist nun auch das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> zu verstehen. Das Zweite zur Rechten, so
      heißt es auch an dieser Stelle, sei darum umso wahrer, weil ja schon das Erste zur Linken wahr
      sei: <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Sünde und in ihr die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> Aller, <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> und
      in ihm der unsrige, danach dann auch unser eigenes schuldiges Sündigen und verdientes Sterben.
      Wieder möchte man auf den ersten Blick stutzen, und wieder besteht begründeter Anlass dazu.
      Wäre ein «umso viel weniger» nicht besser am Platz als das strahlende «umso viel mehr» des
       <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>? Was weist hier nach oben, was nicht in
      größter Eindeutigkeit nach unten? Wo ist hier eine <foreign xml:lang="el-GR">προσαγωγὴ εἰς τὴν
       χάριν</foreign>? Hier sind offenbar die Schwachen, die <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, die Gottlosen, die Feinde zu Hause und unter sich, hier wartet der Zorn <term ref="kbga-keywords-809">Gottes</term> und nichts sonst. Hier scheint nur so etwas wie der
      eintönige Wechsel von Anklage und Drohung, wie er für so viele und endlose <term key="Propheten">Prophetenreden</term> des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> bezeichnend ist, <pb ed="A" n="1247"/> am Platz zu sein. «<persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir»
      ist, für sich gesehen, ein in seiner Unerschöpflichkeit schlechthin trostloses Kapitel. Wir
      sahen aber: dieses Kapitel ist eben nicht für sich zu lesen, wie ja auch das Alte Testament
      nicht für sich zu lesen ist. Wir dürfen auch hier die Nachbarschaft nicht vergessen, in der
      sich diese ganze Adamswahrheit befindet. Sie allein und für sich ist gar nicht Wahrheit. Sie
      ist es nur in ihrer Nachbarschaft mit der <term key="Christus und Adam">Christuswahrheit</term>, und das von dorther auch auf sie fallende Licht nötigt uns, zu
      sehen, wie die Abstraktion dieses Bereiches, der scheinbar endlose Wechsel von Anklage und
      Drohung, faktisch längst durchbrochen ist. Wer und was ist denn der nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">v 15</ref> laut der
      Christuswahrheit von Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> überströmte Mensch? Kein
      anderer als der, der laut der Wahrheit <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> in dessen <term key="Sünde, Sündenfall">Sündenfall</term> schon gestorben ist! So können und müssen wir in diesem jenen
      wiedererkennen. Wer sind die durch Gottes <term key="Mensch, Freispruch durch Gott">Freispruch</term>
      <term ref="kbga-keywords-51">Gerechtfertigten</term> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">v 16</ref>? Keine anderen als eben die
      Vielen mit ihren Übertretungen, in denen sie bewiesen haben, dass die <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> und Strafe <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> zu Recht auch ihre eigene ist! So können und müssen wir in diesen
      Verdammten jene Gerechtfertigten wiedererkennen. Wer sind die <foreign xml:lang="el-GR">βασιλεύσοντες ἐν ζωῇ</foreign><note xml:id="n39">Tskr. und Drucke irrtümlich: «<foreign xml:lang="el-GR">τῇ ζωῇ</foreign>»; korrigiert nach Urtext bzw. der sonst im Text geübten
       Zitierweise.</note> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">v 17</ref>? Keine Anderen als eben die, über die der Tod widerspruchslos
       <term key="Königsherrschaft, des Todes">König</term> wurde! So müssen wir in diesen
      Beherrschten jene künftigen Herrscher wiedererkennen. Auf dem Hintergrund des Gegensatzes von
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref> ist das keine eitle <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term>, sondern <hi rend="italic">können</hi> und <hi rend="italic">müssen</hi> wir das Alles behaupten. Von
       <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.10">v 9–10</ref><note xml:id="n40">Tskr. und Druck 1952: «9–11»; Korrektur der Hrsg. in Angleichung an
       den Kontext und in Übereinstimmung mit dem Druck 1964.</note> her gesehen <hi rend="italic">sind</hi> eben jene <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> und Sterbenden, jene
      Verdammten und Beherrschten nicht allein, sondern ist Jesus Christus gerade in ihrer Mitte,
      der Zöllner und Sünder Geselle [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt.
       11,19</ref>], der <term ref="kbga-keywords-129">Gekreuzigte</term> zwischen den beiden
      Schächern, der Mann, der sich in freiem Gehorsam gerade mit <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, gerade mit seinen Kindern
      und Erben als solchen solidarisieren wollte und bis aufs letzte solidarisiert hat. Und indem
      er mitten <pb xml:id="p449" ed="pga"/> unter ihnen ist, <hi rend="italic">wird</hi> ihr
      Eigensinn und ihre Eigenständigkeit, wird gerade die ganze Problematik dieses Bereiches selbst
      problematisch, wird der auf dieser Seite stehende Mensch durchsichtig und durch ihn hindurch
      sichtbar jener so ganz andere Mensch, <pb ed="A" n="1248"/> wird es eben unvermeidlich, in ihm diesen anderen
      Menschen wiederzuerkennen. Es ist natürlich wieder der <term ref="kbga-keywords-393">auferstandene</term> und erhöhte <term key="Jesus Christus, Erhöhung">Christus</term>, von
      dem her dieses durchdringende Licht auf jenen ersten <term key="Christus und Adam">Menschen</term> fällt. Aber eben der Auferstandene ist ja auch der Gekreuzigte, der sich mit
      jenem ersten Menschen solidarisiert hat. Eben darum ist sein Licht so durchdringend, offenbart
      es die <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> und Sterbenden als die, für die Christus am
      Kreuz eingetreten ist, offenbart es also die Gerechten und Lebenden in der an sich so
      undurchdringlichen Hülle dieser Sünder und Sterbenden. Kurzum: weil und indem auch die
      Adamswahrheit <hi rend="italic">transparent</hi> wird und als die in sich so trostlose
      Wahrheit der menschlichen Sünde und des menschlichen Todes die ihr überragend
      gegenüberstehende Christuswahrheit offenbart, <hi rend="italic">darum</hi> und <hi rend="italic">darin</hi> ist auch sie Wahrheit. Sie ist es in ihrer Beziehung nach oben und
      also nicht aus eigener Kraft, wohl aber vermöge der Kraft der Christuswahrheit, welche sich
      ihrerseits gerade in ihrer Beziehung nach unten als Wahrheit erweist: gerade darin also, dass
      sie jene transparent, zu ihrem eigenen Spiegel macht. |</p>
     <p>Und nun sind wir ja nicht darauf angewiesen, die <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> in diesem Spiegel zu erkennen. Nun kennen wir sie ja nicht nur in dieser
      ersten, von so viel Problematik umgebenen Gestalt. Nun ist sie uns ja in dieser
      problematischen Gestalt darum transparent und gespiegelt, weil wir im Glauben den <hi rend="italic">auferstandenen</hi> und <hi rend="italic">erhöhten</hi> Herrn, weil wir ihn als
      den <term ref="kbga-keywords-1261"><hi rend="italic">Sieger</hi></term> und <hi rend="italic">eben so</hi> als den zuvor für uns <term ref="kbga-keywords-129">Gekreuzigten</term> und
      Getöteten, weil wir <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns in ihm als die
       <term key="Mensch, freigesprochen durch Gott"><hi rend="italic">Freigesprochenen</hi></term>
      und der Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> Entgegeneilenden und <hi rend="italic">eben so</hi> als die zuvor Sündigenden und Sterbenden kennen dürfen. Nun leben
      wir ja zuerst und vor allem im vollen direkten Licht der Christuswahrheit, laut welcher der
      Eine nicht jener Gefangene, sondern der Befreier, laut welcher wir, die Vielen, nicht die mit
      ihm Gefangenen, sondern die durch ihn Befreiten sind. Nun kann es also nicht unsere Sache
      sein, uns entweder durch den in sich trostlosen Aspekt der Adamswahrheit erschrecken zu lassen
      oder ihn mutwillig ins Bessere umdeuten zu wollen. Nun ist er ja, so wie er ist, und also in
       sei<pb ed="A" n="1249" break="no"/>ner ganzen Trostlosigkeit schon aufgehellt. Nun <hi rend="italic">sehen</hi> wir ja eben in das Licht, von dem her er aufgehellt ist. Nun <hi rend="italic">gilt</hi> ja eben dort die Wirklichkeit und Wahrheit, die darum, weil sie dort
      gilt, schon hier gilt. Nun <hi rend="italic">ist</hi> ja Christus <term ref="kbga-keywords-393">auferstanden</term>, derselbe, der eben damit als der bestätigt ist,
      der schon in seinem Tode der Überwinder und unser <term ref="kbga-keywords-240">Versöhner</term> war. Nun <hi rend="italic">sind</hi> wir ja die in ihm Versöhnten und also
      seine Gerechtfertigten, die schon als die Sünder, die sie waren, nicht verurteilt und nicht
      verdammt werden sollten, die schon als Sterbende, ja Gestorbene, dem Tode nicht preisgegeben
      waren. Nun <hi rend="italic">ist</hi> ja nach jener Vergangenheit die Gegenwart, die
      Messiaszeit, angebrochen und also jene Vergangenheit ihrer Leerheit, ja Verlorenheit
      entrissen, zur Vorzeit dieser Zeit geworden. «Um wieviel mehr» ist und gilt das Alles an
      diesem seinem <pb xml:id="p450" ed="pga"/> eigentlichen ursprünglichen Ort, da es, von diesem
      aus gesehen, zweifellos schon in jener anderen verhüllten Gestalt ist und gilt! «Um wieviel
      mehr» ist es dort, auf jener oberen Stufe, erkennbar, da es doch schon hier, auf der unteren
      Stufe, mit all ihrer Problematik von der oberen her gesehen, zweifellos nicht einfach
      verborgen, sondern in seiner Weise ebenfalls offenbar ist! Ist es schon im Transparent und
      Spiegel gültig und erkennbar, «um wieviel mehr» da, wo es ohne Vermittlung und Hemmung aus und
      durch sich selbst gilt und erkennbar ist!</p>
     <p>Das also ist der <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> geführte Nachweis der großen <hi rend="italic">Ungleichheit</hi>
      zwischen Christus und <term key="Christus und Adam"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName></term>, zwischen unserer eigenen
      Einheit mit jenem und unserer Einheit mit diesem: der Nachweis, dass es sich hier und dort bei
      aller Gleichheit der Verhältnisse um <hi rend="italic">eine</hi>
      <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term>, aber in derselben Ordnung um eine <hi rend="italic">obere</hi> und um eine <hi rend="italic">untere</hi> Stufe handelt und dass die
      untere der oberen nur eben <hi rend="italic">vorangehen</hi>, nur eben auf sie <hi rend="italic">hinweisen</hi>, nur eben ihr <hi rend="italic">Vorbild</hi> und <term key="Gleichnis"><hi rend="italic">Gleichnis</hi></term>, nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref> nur eben ihr <foreign xml:lang="el-GR">τύπος</foreign> sein kann. Von diesem Nachweis aus kann dann <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18 Röm.5.19">v 18–19</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">21</ref>
      auch der Parallelismus der beiden Bereiche gesehen und beschrieben werden. Er muss darum
      beachtet sein, weil er die Zusammengehörigkeit der beiden Bereiche sichtbar macht und weil ja
      auch ihre Zusammengehörigkeit sich <pb ed="A" n="1250"/> nicht von selbst versteht. Eben auf
      sie hat ja auch das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> in seiner ersten,
      verbindenden Bedeutung hingewiesen. Aber innerhalb dieser Zusammengehörigkeit besteht eine
      Ungleichheit. Sie besteht darin, dass das vermeintlich Zweite das wahrhaft Erste, das
      vermeintlich Erste das wahrhaft Zweite ist. Sie besteht in der Originalität des oberen, in der
      Unselbständigkeit, in dem bloßen Zeugnischarakter des unteren Bereiches. Und das bedeutet
      praktisch eben dies: dass wir, wie es eigentlich und ursprünglich um den Menschen steht, nicht
       dem <anchor type="note" xml:id="fn-41"/>Bilde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, des gefallenen Menschen, sondern dem<note n="41" target="fn-41" xml:id="n41">Tskr.: «im»; Korrektur der Hrsg. in Übereinstimmung mit den Drucken
        1952 und 1964.</note> Bilde Christi, in welchem <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Fall gutgemacht ist, zu entnehmen, dass wir das Bild
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> nach dem Bilde Christi, dessen Vorbild es ist, zu korrigieren und zu interpretieren
      haben.</p>
     <!-- leerzeile -->
     <p>Eben dem Nachweis der <hi rend="italic">Ungleichheit</hi> in der Gleichheit zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>
      und <term key="Christus und Adam">Christus</term>, zwischen unserer Einheit mit jenem und
      unserer Einheit mit diesem dienen nun in unserem Abschnitt auch die Stellen über das <term ref="kbga-keywords-66"><hi rend="italic">Gesetz</hi></term> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13 Röm.5.14">v 13–14</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">20</ref>. Im Sinn und in
      der Meinung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat dieser Nachweis gerade
      hier seine größte Schärfe und Durchschlagskraft. Nicht umsonst gerade in diesem Zusammenhang
      wird <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> der <foreign xml:lang="el-GR">τύπος τοῦ μέλλοντος</foreign> genannt. Zwischen
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und Christus steht <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>. Und das bedeutet: zwischen den beiden Bereichen der
       <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und des <term ref="kbga-keywords-177">Todes</term>
      des Menschen hier und der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> dort steht als
      Grenze die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des Willens Gottes an sein Volk
       Israel<note xml:id="n42">In den Drucken 1952 und
       1964 hervorgehoben.</note>. Ob diese Grenze nicht die radikale Scheidung jener beiden
      Bereiche bedeutet, <pb xml:id="p451" ed="pga"/> ob sie also die ganzen übrigen Aussagen
      unseres Abschnittes, ja den Inhalt des ganzen fünften Kapitels nicht illusorisch macht? das
      ist die Frage, mit der sich <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in diesen Versen
      auseinandersetzt.</p>
     <p>Indem Gott sich seinem Volk Israel durch
       <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> – man muss aber bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier wie sonst an den Inhalt des ganzen Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> denken – offenbart, geschieht es, dass der Mensch
      mit ihm in eben der Weise konfrontiert wird, wie es laut <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> dem <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> widerfahren ist. Dass die Geschichte der Menschheit
      überhaupt die Geschichte des <term key="Bund">Bundes</term> Gottes mit dem Menschen ist, diese
      sonst heimliche Wahrheit ist hier: durch den Mund des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und der <term key="Propheten">Propheten</term>, in der Geschichte <pb ed="A" n="1251"/>
      Israels offenkundig. Wer sein Herr ist, das wird dem Menschen hier ausdrücklich und immer aufs
      Neue von diesem Herrn selbst gesagt und durch die tägliche Erfahrung des von diesem Herrn
      angeredeten Menschen bestätigt. Hier lebt er ja aufs Neue – wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> im <term key="Paradies">Paradies</term> – in der besonderen, ja besondersten Gegenwart <term key="Gott, Gegenwart">Gottes</term> und also an einem heiligen Ort. Hier ist er selber geheiligt durch Gottes ihm
      erwiesene Wohltat, aber auch durch Gottes ihn haltendes <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term>. Was ist die ganze Geschichte Israels Anderes<note xml:id="n43">Fehlt im Tskr.;
       Einfügung der Hrsg. in Angleichung an den folgenden Satz und in Übereinstimmung mit den
       Drucken 1952 und 1964.</note> als eine einzige Entfaltung des Zusammenseins Gottes mit <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>,
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> mit Gott? Und was ist die Adamsgeschichte Anderes als eine gewissermaßen auf einen
      Moment kontrahierte Darstellung der Geschichte Israels? Und was geschieht in dieser Geschichte
      hier genauso wie dort? Es geschieht dies, dass der Mensch durch die Stimme des Fremden [vgl.
       <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.5">Joh. 10,5</ref>] sich verlocken lässt,
      neben den ihm gewiesenen Weg hinaustritt, Gott <term ref="kbga-keywords-785">ungehorsam</term>
      und damit des <term ref="kbga-keywords-177">Todes</term> schuldig wird. Das ist es, was gerade
      die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des Willens Gottes in Israel, deren die ganze Welt der Völker vor ihm und in
      seiner Umgebung so nicht teilhaftig wird, zur Folge hat – was gerade da geschieht, wo die
      Geschichte der Menschheit als Geschichte des <term key="Bund">Bundes</term> Gottes mit dem
      Menschen nicht Geheimnis bleibt, sondern offenbar wird. Offenbar werden gerade hier die
       <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα τῶν πολλῶν</foreign>; offenbar wird gerade hier das
      unvermeidliche <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> des Menschen. Wo, in welcher Wendung und auf welcher Stufe der
      Geschichte Israels würde denn im Ergebnis etwas Anderes offenbar als des Menschen Sünde
       <foreign xml:lang="el-GR">ἐπὶ τῷ ὁμοιώματι τῆς παραβάσεως Αδάμ</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref>), in der
      schändlichen und heillosen Gleichheit mit der laut <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> begangenen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>? Wo wird denn gerade
      das so offenbar wie hier: dass sich die Geschichte der Menschheit bei allen Veränderungen und
      Fortschritten faktisch am Ort bewegt, dass sie in einer dauernden Variation eines und
      desselben unseligen Themas besteht? Gerade hier, gerade wo Gott den Menschen so besonders
      beiseite nimmt, ihm so besonders gegenwärtig und gnädig ist, so besonders deutlich macht, was
      er von ihm haben will, indem er sich selber ihm zu eigen gibt, gerade im Licht seines <term ref="kbga-keywords-66">Gesetzes</term> geschieht es, dass die Sünde <foreign xml:lang="el-GR">ἐλλογεῖται</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">v 13</ref>), wörtlich: als solche kon<pb ed="A" n="1252" break="no"/>statiert, registriert und aufs Konto gesetzt, wo es ein für allemal festgenagelt wird, <pb xml:id="p452" ed="pga"/> dass Gott <term key="Gott, Gnädigkeit">gnädig</term>, der Mensch
      aber ein <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> ist. Gerade hier gibt es kein Entrinnen
      vor dieser Feststellung. Gerade hier kommt dieses Verhältnis so heraus, dass seine für den
      Menschen so belastende Wahrheit unmöglich zu vertuschen oder zu beschönigen ist. Das Alte
       <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> ist darin Zeugnis von Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, dass es diese belastende Wahrheit ohne Vertuschung
      und Beschönigung, nackt und böse wie sie ist, herausstellt. Es ist darin Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>, dass es das Volk Israel als ein letztlich und im Grunde in allen seinen Gestalten verkehrtes und
      verlorenes Volk darstellt, dass es uns über den Menschen eben jenen Bescheid gibt, der in den
      endlosen Anklagen und Drohungen der <term key="Propheten">Propheten</term> seinen wahrhaft
      unmissverständlichen Ausdruck gefunden hat. Haben die anderen Menschen und Völker nach
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, hat die Menschheit vor Israel und in seiner
      Umgebung etwa nicht gesündigt? Sie hat es auch getan. Dass die <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> schlechter waren und sind als die Anderen, die Anderen besser als die Juden,
      hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> mit keinem Wort gesagt. Er hat vielmehr
      ausdrücklich erinnert: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἄχρι</foreign></hi>
      <foreign xml:lang="el-GR">γὰρ νόμου ἁμαρτία ἦν ἐν τῷ κόσμῳ</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">v 13</ref>): die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>
      <hi rend="italic">war</hi> in der Welt, <hi rend="italic">bevor</hi> das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> kam, bevor es in der Aussonderung <term key="Israel, Aussonderung">Israels</term> zu jener besonderen und sichtbaren Wiederholung der
      Adamsgeschichte kam. «Alle haben gesündigt», hieß es ja schon <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref>: auf das hin nämlich, in
      tatsächlicher Wiederholung dessen, dass <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> gesündigt hatte. Zu einer Überhebung der der
      Auszeichnung der Juden entbehrenden <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term>, zu einer
      Verachtung der mit dieser Auszeichnung geehrten, aber auch geschlagenen <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> besteht kein Anlass. Dementsprechend herrschte ja auch
      der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> schon <foreign xml:lang="el-GR">ἀπὸ Αδὰμ μέχρι
       Μωϋσέως</foreign> über die sündigenden Menschen, herrscht er auch in der heidnischen Umgebung
      Israels genauso wie in Israel (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref>). Also: die <foreign xml:lang="el-GR">παραπτώματα</foreign> geschahen und geschehen immer und überall, und so galt und gilt denn
      auch das <foreign xml:lang="el-GR">κρίμα</foreign> und das <foreign xml:lang="el-GR">κατάκριμα</foreign> immer und überall. Was in Israel besonders geschieht, was es vor seinen Vorgängern und Nachbarn
      auszeichnet, ist genau nur dies: hier wird der Gegensatz, dass Gott <term key="Gott, Gnädigkeit">gnädig</term>, der Mensch aber ein <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> ist, <hi rend="italic">offenkundig</hi>; hier findet jenes <pb ed="A" n="1253"/>
      <foreign xml:lang="el-GR">ἐλλογεῖν</foreign> statt; seine ganze Geschichte ist ein einziger
      Vollzug dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἐλλογεῖν</foreign>, dieses Konstatierens und
      Registrierens der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>.</p>
      </div>
      <!-- nächste Seite  -->
     
      <div type="excursus">
      
     <p>Das ist es, was man von der Geschichte der Menschen und Völker vor und neben ihm nicht sagen
      kann. Hier wird wohl auch gesündigt, und hier herrscht darum wohl auch der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>. Aber hier ist kein <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term>, keine <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des Willens Gottes, die
      dieses Sündigen als solches kennzeichnet und brandmarkt, die also die Menschen ausdrücklich
      belastet: <foreign xml:lang="el-GR">ἁμαρτία δὲ</foreign>
      <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">οὐκ</foreign></hi>
      <foreign xml:lang="el-GR">ἐλλογεῖται μὴ ὄντος νόμου</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">v 13</ref>). Hier können die Menschen
      ungestört ihren Idealen und Irrtümern leben. Hier kann sich ihre <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> als <term key="Kulturgeschichte">Kulturgeschichte</term><note xml:id="n44">Drucke 1952 und 1964: «Kulturgeschichte, <term key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term>».</note> und Staatengeschichte gestalten, wie sie kann und mag.
      Hier ist ihr nicht auferlegt, offen<note xml:id="n45">In den Drucken 1952 und 1964
       hervorgehoben.</note> um dieses Thema zu kreisen, offenkundig die Variation dieses und nur
      dieses Themas zu sein: Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und des ihr
      widerstrebenden Menschen <pb xml:id="p453" ed="pga"/>
      <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>. Hier kommt es – wie man will: zum Heil oder Unheil
      der Betroffenen – nicht heraus, dass sie faktisch eben doch um dieses Thema kreist. Hier kann
      dieses üble Verhältnis immer wieder vertuscht und beschönigt werden. Hier gibt es alle
      möglichen Formen nur zu wohl gelingenden Entrinnens: nicht vor dem Zorn <term ref="kbga-keywords-809">Gottes</term> – denn der brennt auch hier, dem konnte und kann die
      Menschheit faktisch nirgends und nie entrinnen –, wohl aber vor dem Wissen darum, vor dem
      verzehrenden Verständnis der faktisch erlittenen Lebensnot als einer Strafe und also als einer
      unvermeidlichen Not. Hier muss der Spalt, der durch die menschliche Existenz und so auch durch
      alle menschlichen Errungenschaften geht, nicht gesehen werden. Hier beweisen alle die
      triumphal gelingenden Unternehmungen, mittels derer der Mensch sich selbst zurecht- und
      scheinbar vorwärtszuhelfen weiß, die großen, vermeintlich progressiven Schöpfungen der <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term> und der <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>,
      dass dieser Spalt nicht gesehen, dass unter ihm nicht eigentlich gelitten wird, dass man sich
      seinem Anblick im schlimmsten Fall durch ein bisschen Tragik zu entziehen weiß, der doch die
      liberale Milderung und auch die ihr erlösend zur Seite tretende Komik nie lange fehlen wird.
      Hier kann man leben, <pb ed="A" n="1254"/> obwohl man auch hier sündigt und obwohl man auch
      hier sterben muss. So geht es zu, wo <foreign xml:lang="el-GR">ἁμαρτία οὐκ
       ἐλλογεῖται</foreign>; so kann und muss es zugehen, wo es kein <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> gibt. <foreign xml:lang="el-GR">᾿Επὶ τῷ ὁμοιώματι τῆς παραβάσεως
       ᾿Αδάμ</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref>) wird da eben <hi rend="italic">nicht</hi> gesündigt: wohl in
      faktischer Wiederholung seiner <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, aber nicht in
      offener, nicht in expliziter, nicht in bewusster Wiederholung der zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und Gott geschehenen Geschichte. Wo keine <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählung</term> ist, da kann auch nicht in Untreue gegen sie
      gesündigt werden. Wo keine <term ref="kbga-keywords-1221">Berufung</term> ist, da kann sie
      auch nicht vernachlässigt und durch <term ref="kbga-keywords-785">Ungehorsam</term> geschändet
      werden. Wo kein Heiligtum ist, da gibt es auch keine Entheiligung, keine Unheiligkeit. Wo Gott
      kein ausdrückliches <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> gegeben hat, da kann es auch
      nicht mit erhobener Hand<note xml:id="n46">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Num.15.30">Num. 15,30</ref>: ְ<foreign xml:lang="heb">המָרָ דיָבְּ</foreign> («mit erhobener Hand» =
       vorsätzlich); LXX: <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερηφανίας</foreign>.</note> übertreten werden.
      Wo keine <term key="Propheten">Propheten</term> sind, da kann auch jene Anklage und Drohung
      nicht laut werden. Die Situation ist dann wohl dieselbe und doch nicht dieselbe wie die <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>:
      dieselbe, weil das, was <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> getan, faktisch auch da getan wird – nicht dieselbe, weil es da
      ohne die Konfrontierung <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> mit Gott zwar nicht
      weniger schlimm ist, aber in voller Unwissenheit um sein Schlimmes getan wird.</p>
     <p>Die Frage, auf die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> im Blick auf diesen
      Sachverhalt antwortet, lautet<note xml:id="n47">Im Tskr. mit Tinte handschriftlich verbessert
       aus: «ist die Frage».</note>: ob die nicht zu übersehende Tatsache des <term ref="kbga-keywords-66">Gesetzes</term> und also der besonderen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des Willens Gottes in Israel
      nicht die endgültige Scheidung der beiden Bereiche der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und der <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> und also zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und
       <term key="Christus und Adam">Christus</term> bedeuten und also die Beziehung zwischen
      beiden, die beide umfassende <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> nicht zunichte
      machen möchte? Wo Gott sich offenbart, da kommt die Wahrheit an den Tag. Im Gesetz offenbart
      sich Gott. Und was im Licht <pb xml:id="p454" ed="pga"/> dieser Offenbarung Gottes als
      Wahrheit an den Tag kommt, das ist eben dieser Stand der Dinge zwischen Gott und dem Menschen.
      Wo Gott seinen Bund mit dem Menschen offenbart als den Sinn seines <term key="Bund, Sinn der Schöpfung">Schöpferwillens</term>, da eben rücken er und der Mensch so
      hoffnungslos auseinander. Wo seine <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> so groß, so
      besonders und explizit wird, wo es in der <term key="Erwählung, Israels">Erwählung</term> und
      Berufung <term key="Berufung, Israels">Israels</term>, in der Sendung des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> zu dieser außerordentlichen Auszeichnung des Menschen
      kommt, eben da kommt es doch nur zu einem besonderen Großwerden (<foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">v 20</ref>) der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, zu diesem
      ih<pb ed="A" n="1255" break="no"/>rem <foreign xml:lang="el-GR">ἐλλογεῖν</foreign>, ihrer unverhüllten und
      undiskutierbaren Feststellung. Es handelt sich offenkundig um das Optimum des guten göttlichen
      Willens gegen das Geschöpf: was sollte von Gott mehr und Besseres erwartet und verlangt
      werden, als dass er sich dem Menschen so zuwende, wie er sich als Bundesherr und Gesetzgeber
       Israels gerade diesem Volk unter Umgehung aller
      anderen zugewendet hat? Und gerade hier ist das Ergebnis nur dies, dass es sichtbar wird wie
      nirgends sonst, mit welcher Konsequenz (1000 Jahre lang!) der Mensch ihm den Rücken kehrt, mit
      welcher vergeblichen Mühe Gott seine Arme ausbreitet nach einem ihm offenkundig
      widerstrebenden und verkehrten Geschlecht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.2">Jes. 65,2</ref>]. Gerade hier kann Gott für den Menschen schließlich nur
      das übrig haben, was Israels <term key="Propheten">Propheten</term> ihm in jenem<note xml:id="n48">Drucke 1952 und 1964: «ihrem».</note> äußerlich und innerlich so weit
      überwiegenden Teil ihrer Botschaft im Namen Gottes zu sagen haben. Was ist – wenn das am
      grünen Holz geschieht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.31">Lk. 23,31</ref>]
      – für die Anderen zu erhoffen, die wie Israel gesündigt hatten und noch sündigen, die aber
      seiner Auszeichnung, die so großer Gnade nicht teilhaftig waren? Was für das Meer der <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term>, in deren Mitte Israel ja ohnehin nur ein unbeachtliches Häuflein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.41.14">Jes. 41,14</ref>] war? Hat Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> unter diesen Umständen einen anderen Sinn als den,
      seinen <term ref="kbga-keywords-809">Zorn</term> und dessen Gerechtigkeit offenbar zu machen,
      und muss man die Heiden vor und in Israel nicht beinahe glücklich preisen, dass ihnen solche
      Offenbarung und damit das entsetzliche Wissen Israels, seine unheilvolle <term key="Israel, Gottesknechtschaft">Gottesknechtschaft</term> erspart blieb, dass sie wenigstens
      blind und taub ihre Mythen träumen<note xml:id="n49">Druck 1964: «träumen, ihre Kulte
       feiern».</note>, ihren <term ref="kbga-keywords-382">politischen</term> Eroberungen und <term ref="kbga-keywords-1184">kulturellen</term> Fortschritten nachgehen, dem unabwendbar
      kommenden Verderben wenigstens unbewusst entgegenlaufen durften und dürfen, das ja auch
       Israel am Ende notorisch erwartet? Ist dem aber
      so, dann bedeutet das, dass Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> zwar zu
      bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort in besonderster und mächtigster Weise auf dem Plan und
      wirksam ist, dass aber seine Begegnung mit dem Menschen nur bestätigen kann, was ja schon im
       <term key="Paradies">Paradies</term> offenbar war: dass der Mensch der Bestimmung, für die er
      geschaffen ist, faktisch nicht fähig und nicht würdig, dass er von Gottes Gnade radikal
      geschieden ist. Zwischen ihm und seinem Gott gibt es dann <pb ed="A" n="1256"/> durch seine
      eigene <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> keine positive Beziehung. Es kann dann
      gerade das zur Verbindung beider zwischenhineingekommene <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> nur die endgültige und unübersteigbare Grenze zwischen beiden sein. <pb xml:id="p455" ed="pga"/> Gott ist und lebt und ist <term key="Gott, Gnädigkeit">gnädig</term>, der Mensch aber ist ohne Gott und gegen ihn und darum einem gnadenlosen <term key="Mensch, Dasein, gnadenloses">Dasein</term>, das nur im Verderben endigen kann,
      verfallen. Das ganze Kapitel <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5">Röm. 5</ref>, noch
      mehr: das ganze Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> konnte dann nicht oder eben
      nur auf Grund einer freundlichen – und gerade in ihrer Freundlichkeit fürchterlichen –
      Illusion geschrieben werden. Hat endlich und zuletzt nicht auch die höchste Gestalt der
      Gesetzesoffenbarung, die Erscheinung des <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> selber,
      nur dazu geführt, dass Israel auch ihn verworfen
      und <term ref="kbga-keywords-129">gekreuzigt</term> und eben damit den Gehalt und Sinn seiner
      ganzen Geschichte in solennem Abschluss bestätigt hat? Wie dann schon alles das, was schon das
      Alte <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> merkwürdig genug auch an <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> künftiger <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term>
      zu entfalten scheint, entweder gar nicht oder nur auf Grund solcher Illusion geschrieben sein
      konnte! Von welcher künftigen Gnade sollte je zu erwarten sein, dass sie, wie groß sie auch
      sei, etwas Anderes als immer wieder das entsprechende <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> nach sich
      ziehen werde?</p>
     <p>Was hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dazu zu sagen? Wir sehen, dass er
      den Sachverhalt als solchen <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">v 20a</ref> zunächst einfach zugegeben hat: <foreign xml:lang="el-GR">νόμος δὲ παρεισῆλθεν, ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα</foreign>. «Das Gesetz ist
      zwischenhineingekommen» – nämlich zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Christus und Adam">Christus</term>, zwischen den Menschen und Gott, zwischen die Sünde und die Gnade in der Tat
      hineingekommen. Es bildet hier tatsächlich die Grenze, «damit die Übertretung groß werde» –
      nicht kleiner also, sondern gerade groß: größer als da, wo das Gesetz, wo <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählung</term> und <term key="Bund">Bund</term>, wo <term ref="kbga-keywords-1221">Berufung</term> und <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> nicht
      sind, größer als in allen Bereichen außerhalb Israels, so groß, dass es objektiv unmöglich wurde, sie zu verkennen, so groß,
      dass sie in Gestalt der jüdischen <term ref="kbga-keywords-783">Art</term> und des jüdischen
      Schicksals ein weltgeschichtliches Faktum wurde, das auch der blindeste und taubste <term key="Heide / Heidentum">Heide</term>, das auch das entfernteste Volk der Erde, wenn sie es
      auch nicht verstehen, wenn sie es auch nur antisemitisch<note xml:id="n50">Druck 1964: <term key="Antisemitismus">«‹antisemitisch›»</term>.</note> missdeuten konnten, <pb ed="A" n="1257"/> jedenfalls als
      solches sehen, mit dem sie sich irgendwie auseinandersetzen mussten. Das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> ist zwischenhineingekommen, damit die Übertretung nicht
      verdeckt, sondern offenbar bleibe: so offenbar, wie sie als Übertretung <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> offenbar war. Der merkwürdige <term key="Gottesbeweis">Gottesbeweis</term>, den der Leibarzt Friedrichs des Großen seinem
      königlichen Herrn entgegengehalten haben soll<note xml:id="n51">Laut dieser von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> öfters
       erzählten Anekdote soll der Arzt <persName ref="kbga-actors-5669">J. G. von
        Zimmermann</persName> dem <persName ref="kbga-actors-557">König</persName> auf
       dessen Frage nach einem Beweis für die Existenz Gottes geantwortet haben: «Majestät, die
       Juden.» Nach <bibl corresp="kbga-bibls-5367"><persName ref="kbga-actors-10394">Fr. Freiherr von Lipperheide</persName>, <hi rend="italic">Spruchwörterbuch</hi>, Berlin
       1907, S. 428</bibl>, soll dieser Ausspruch dagegen von <persName ref="kbga-actors-1308">Voltaire</persName> stammen, und auch <persName ref="kbga-actors-7341">Graf
        Reventlow</persName> und General <persName ref="kbga-actors-10395">von Ziethen</persName> werden verschiedentlich als Urheber genannt.</note>, wurde für alle
      Zeiten geführt. Wie es aussieht, wenn der Mensch Gott widersteht, das hat Israel laut seiner eigenen heiligen Schriften in
      unzweideutigster und exemplarischer Weise ans Licht gestellt. Was sind alle positiven <term key="Gottesbeweis">Gottesbeweise</term>, wie sie von den <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term> in ihrer Unkenntnis oder Leugnung der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes zu führen versucht wor<pb xml:id="p456" ed="pga" break="no"/>den
      sind, neben diesem, der freilich nur negativ, in seiner Negativität aber gerade darum so echt
      und kraftvoll ist, weil er vom Menschen ja gar nicht beabsichtigt, sondern nur der faktische
      Reflex der göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> in einem Stück der
      menschlichen Geschichte ist? |</p>
     <p>Die in den Verlauf der übrigen <term ref="kbga-keywords-398">Weltgeschichte</term> nicht
      einzuordnende und doch auch nicht <anchor type="note" xml:id="fn-52"/>aus ihm<note n="52" target="fn-52" xml:id="n52"> Fehlt im Tskr.; Einfügung durch die Hrsg. in Übereinstimmung mit den
       Drucken 1952 und 1964.</note> wegzudenkende Existenz der <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term>, ihre den Anderen nie ganz zu verheimlichende Art und ihr von dem der Anderen
      immer verschieden bleibendes Schicksal beweist, dass eben in der Weltgeschichte, die als
      solche ganz allein das Feld menschlichen Denkens, Wollens und Vollbringens zu sein scheint,
      ein anderer, dem Menschen fremder Faktor des Menschen heimlicher, aber unmöglich zu
      übersehender überlegener Gegenspieler ist. Dass dieser Beweis zum Nachteil des Menschen
      geführt wird, der ihn ohne und gegen seinen Willen führen muss, ist am Tage. Der Jude ist das
      großgewordene <foreign xml:lang="el-GR">παράπτωμα</foreign>. Mehr und etwas Anderes als des
      Menschen Widerstand kann die jüdische Art und mehr und etwas Anderes als des Menschen
       Elend<note xml:id="n53">Vgl. die Überschrift des ersten Teils im Heidelberger Katechismus
       (1563): «Von des menschen elend»; <bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 683,16</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-440">RBKS 2/2, S. 176</bibl>.</note> kann das jüdische
      Schicksal nicht offenbar machen. Das <term key="Antisemitismus">antisemitische</term>
      Missverständnis ist naheliegend und wohl verständlich. Es ändert aber nichts daran, dass die
      Sendung des Juden offenbar darin besteht, gerade als Darsteller des menschlichen
       Widerstandes<note xml:id="n54">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, § 34, bes.
        S. 227–231.259f.286–291</bibl>.</note> und des menschlichen Elends den dem Menschen
      möglichen <term key="Gottesbeweis">Gottesbeweis</term> zu führen, und zwar echt und kraftvoll
      zu führen. Der sündige <term ref="kbga-keywords-750">Mensch</term> kann als solcher, er kann
      in seiner <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> und Strafe offenbar werden. Die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> kann groß werden, <pb ed="A" n="1258"/>
      <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign>, das ist es, was laut des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> und bestätigt durch die ganze weitere Existenz
       Israels auf Grund des Dazwischentretens des <term ref="kbga-keywords-66">Gesetzes</term> geschehen ist. Und eben das ist es, was geschehen
      musste. Eben dazu musste das Gesetz zwischenhineinkommen. Die Wunde musste offen bleiben,
      sonst konnte sie nicht geheilt werden. <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> musste
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> bleiben, sonst konnte er nicht versöhnt werden. Das ist es, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> mit dem ersten Satz von v 20 zugegeben – nein, als
      der Israelit, der er selber war, gegenüber dem Irrtum seines Volkes über seine <term key="Erwählung, Israels">Erwählung</term> und <term key="Berufung, Israels">Berufung</term>,
      aber zugleich auch gegenüber dem <term key="Antisemitismus">antisemitischen</term> Irrtum, der
      ja schon seiner Zeit nicht fremd war, kühn behauptet hat. Es musste so sein, dass gerade das
      Volk der besonderen Gnade <term key="Israel, Volk der besonderen Gnade Gottes">Gottes</term>
      und also das Volk, dem er das Gesetz gegeben hat, schlechterdings das und nur das
      fertigbrachte, die Sünde groß zu machen. Wo bleibt da aller Ruhm des erwählten <term key="Israel, Gottes erwähltes Volk">Volkes</term>? Ihm bleibt nur der Ruhm der Gnade Gottes,
      die es selbst offenkundig nie verdiente, der es selbst nie entsprach und gerecht wurde: durch
      keine Treue und Beständigkeit, durch keine Dankbarkeit, durch keine den Bund von seiner Seite
      bestätigende und erfüllende Gegenleistung.<note xml:id="n55">Bei diesen Aussagen könnte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
       erneut die Antwort des Basler Rabbiners <persName ref="kbga-actors-8094">Arthur
        Weil</persName> auf den <hi rend="italic">Weihnachtsbrief an unsere Juden</hi> vom <date when="1942-12-24">24.12.1942</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-127">O.Br. 1935–1942, <ref type="pub-" target="../volume/36/p423#p423">S. 423–426</ref></bibl>) vor Augen gestanden haben,
       in der er u. a. ausführte: «Das vieltausendjährige ‹Sch’ma Jisrael›-Bekenntnis war stärker
       als jedes andere. Wie tief muss der Glaube an den einzigen Gott, wie gross die Liebe zu ihm
       im Herzen unseres Volkes verankert sein, dass es stark genug gewesen ist, so viele und so
       furchtbare Leiden auf sich zu nehmen, um seinem Gotte die Treue zu halten. Stumm hat es
       gelitten, […], aber in seinem Glauben ist Israel nie wankend geworden, […]. Auch sind Israels
       Erlösungshoffnungen vor Allem bedingt durch sein eigenes Verhalten, durch seine eigene Busse
       und Besserung. […] Gerade in unserer unbeugsamen und unwandelbaren Treue zum einig-einzigen
       Gott lag in der Vergangenheit unsere religionsgeschichtliche Bedeutung, liegt in der Zukunft
       das Heil für Alle» (<bibl corresp="kbga-bibls-5253"><persName ref="kbga-actors-8094">A. Weil</persName>, <hi rend="italic">Israels Bekenntnis. Predigt, gehalten in der Synagoge zu Basel am <date when="1943-01-02">2. Januar 1943</date> / 25. Tebet 5703</hi>, S. 7f.</bibl>). Vgl. auch oben, <ref target="../volume/50/p103#fn_n76" type="pub">S. 103f., Anm. 76</ref>.</note> Ihm bleibt <pb xml:id="p457" ed="pga"/> gerade nur der Ruhm – der bleibt ihm allerdings –, dass es, sich
      selber zum Trotz, Gottes erwähltes und berufenes Volk ist und für alle Zeit sein wird. Wo
      bleibt aber auch alle Verachtung und aller Hass der anderen <term key="Juden / Judentum, Hass der Völker">Völker</term> gegen dieses eine? Was haben sie vor
      den <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> voraus als dies, dass sie eben <hi rend="italic">nicht</hi> Juden sind und als solche <hi rend="italic">nicht</hi> ausgezeichnet
      durch Gottes besondere Gnadenoffenbarung, darum dann auch <hi rend="italic">nicht</hi> so<note xml:id="n56">Im Druck 1964 hervorgehoben.</note> bloßgestellt, darum keiner so offenkundig
      bedenklichen Art, keines so offenkundig traurigen Schicksals teilhaftig, darum nicht
       Ahasver<note xml:id="n57">Zur Sage von <persName ref="kbga-actors-10396">Ahasver</persName>, dem «ewigen Juden», vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5362"><persName ref="kbga-actors-1874">H.-J. Schoeps</persName>, Art. «Ahasver», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> I,
       Sp. 191</bibl>. Anspielungen darauf finden sich auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 260.291</bibl>.</note>, darum irgendwo
      zu Hause, darum ungestört, wo der Jude immer gestört und darum auch störend ist. Aber was ist
      da zu verachten und zu hassen, wo der Jude doch offenkundig nur der Träger und Exponent, das
      öffentliche Zeichen eben der Art und eben des Schicksals ist, die heimlich, aber in Wahrheit
      auch ihre eigenen sind? Die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, die in der Existenz des
      Juden groß wird, ist ja ihre eigene <pb ed="A" n="1259"/> Sünde, nur dass es ihnen, den
      weniger Begnadeten, erspart blieb, dass sie auch in ihnen so groß, d. h. so offensichtlich
      wurde. Müssten sie den <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> nicht dankbar sein dafür,
      dass sie die Last der Gnade Gottes, unter der ja auch sie, wären sie an ihrer Stelle, nur
      zusammenbrechen könnten, an ihrer Stelle tragen?</p>
     <p>Aber dazu müssten sie das schon erkannt und verstanden haben, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">v 20b</ref> weiter<note xml:id="n58">Fehlt im Druck von
       1964.</note> sagt: <foreign xml:lang="el-GR">οὗ δὲ ἐπλεόνασεν ἡ ἁμαρτία, ὑπερεπερίσσευσεν ἡ
       χάρις</foreign>. «Gerade wo die Sünde groß wurde, wurde die Gnade übergroß.» Wo das nicht
      erkannt und verstanden wird, da bleibt auf Seiten des Juden die verstockte Behauptung seiner
      eigenen Vortrefflichkeit und auf Seiten des Nicht-Juden der <term key="Antisemitismus">Antisemitismus</term> letztlich die einzige Möglichkeit. Wer sieht denn ohne diese
      Erkenntnis, dass das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> zwischen Sünde und <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> hineingekommen ist, <pb xml:id="p458" ed="pga"/> um die
      Sünde groß zu machen? Der Jude sieht es ohne diese Erkenntnis darum nicht, weil er, im
      Widerstand gegen die Gnade verharrend, sich auch durch seine eigenen heiligen Schriften und
      durch die ganze Erfahrung seiner Geschichte unmöglich davon überzeugen lassen kann, dass
      Gottes Urteil ihn tatsächlich schuldig spricht. Und der Nicht-Jude sieht es ohne diese
      Erkenntnis darum nicht, weil er ohne Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Gnadenoffenbarung</term> dessen gar nicht gewahr sein kann, dass das, was im israelitischen
      Bereich geschieht, die Aufdeckung der menschlichen Sünde gegen Gott und so die Führung des
       <term key="Gottesbeweis">Gottesbeweises</term> ist. Ohne die Erkenntnis, dass die Gnade eben
      da übergroß wurde, wo die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> so groß wurde, können
       <term ref="kbga-keywords-783">Jude</term> und Nicht-Jude sich nur als Blinder und Blinder
      gegenüberstehen.</p>
     <p>Was aber heißt das, dass die Gnade übergroß – eben da übergroß wurde, wo die Sünde so groß
      wurde? <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> muss hier nach dem ganzen Zusammenhang des Kapitels vor Allem an Eines gedacht
      haben: Eben aus dem durch das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> seines Widerstandes
      gegen Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und also der menschlichen Sünde
      überführten Volk Israel, eben aus diesem Volk, das
      seinem <term key="Bund">Bundesherrn</term> und Gesetzgeber von seiner Seite nichts als das
      Gegenteil von Treue und Gehorsam entgegenzubringen hatte, eben aus diesem bis auf den Boden
      abgehauenen und abgestorbenen Wurzelstock<note xml:id="n59">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.5.24">Jes. 5,24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.13">9,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.10.33 Jes.10.34">10,33f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hos.9.16">Hos. 9,16</ref>.</note>
      ist, schlechthin wunderbar, von<note xml:id="n60">Druck 1964: «ist, von»</note> Gott nun eben
      in seiner Mitte zum Sein und Leben erweckt, das neue <pb ed="A" n="1260"/> Reis Jesus Christus aufgegangen [vgl.
       <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.11.1">Jes. 11,1</ref>]: er<note xml:id="n61">Druck 1964: «Er ist es».</note>, der in seinem <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> die
       <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> des israelitischen und jedes anderen Menschen
      trägt, aber auch hinwegträgt, als Schuld vor Gott endgültig offenbar, aber auch zunichte macht
      und also in seiner Person die <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> aller geschehenen
      und noch geschehenden <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, und positiv: <anchor type="note" xml:id="fn-62"/>der <hi rend="italic">gerechte</hi> Mensch <term key="Jesus Christus, der gerechte Mensch">ist</term> – er, der in seiner <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term> die Strafe des israelitischen und jedes anderen
      Menschen, den <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>, nachdem er ihn erlitten hat,
      aufgehoben hat, so dass er jetzt nicht mehr erlitten werden muss, und also in seiner Person
      das Unterpfand der <term key="Jesus Christus, Unterpfand der Erlösung">Erlösung</term> aus
      aller erlittenen und noch zu erleidenden Not, der <hi rend="italic">lebende</hi> Mensch <term key="Jesus Christus, der lebende Mensch">ist</term><note n="62" target="fn-62" xml:id="n62">
       Druck von 1964: «Er ist der <hi rend="italic">gerechte</hi> Mensch – er, der in seiner
       Auferstehung die Strafe des israelitischen und jedes anderen Menschen, den Tod, nachdem er
       ihn erlitten hat, aufgehoben hat, so daß er jetzt nicht mehr erlitten werden muß. Er ist in
       seiner Person das Unterpfand der Erlösung aus aller erlittenen und noch zu erleidenden Not,
       der <hi rend="italic">lebende</hi> Mensch.»</note>. Das ist das Übergroßwerden der <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> da, wo die Sünde so groß wurde. Denn eben da geschah
      dieses Übergroßwerden. Jesus Christus war ein <term key="Jesus Christus, war Jude">Jude</term>. Das ist die Wahrheit, die mit einem Schlag allen jüdischen <term key="Juden / Judentum, Hochmut">Hochmut</term> und alle <term key="Antisemitismus">antisemitische</term> Verachtung zunichtemacht. Jesus Christus war ein Jude, auch er also
      unter das Gesetz getan [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.4">Gal. 4,4</ref>], auch
      er an den Ort gestellt, wo der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> gegenüber auf
      des Menschen Seite nur die Sünde offenbar werden kann. Aber man muss das <pb xml:id="p459" ed="pga"/> anders sagen: er allein stand ja <hi rend="italic">ganz</hi> und <hi rend="italic">eigentlich</hi> da: er war <hi rend="italic">der</hi> Jude, keiner war es wie er, weil
      keiner als er nun eben freiwillig und von sich aus in seiner Person den Menschen verkörpert
      hat, der sich Gott widersetzt und darum den Zorn <term ref="kbga-keywords-809">Gottes</term>
      erleiden muss. Es gibt eine Stellvertretung <term key="Israel, Stellvertretung">Israels</term>
      für alle anderen Völker und Menschen. Aber was ist sie schon neben der Stellvertretung <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">Christi</term> für Israel, neben seinem Bekenntnis zu
      der jüdischen Sendung? Alle anderen Juden haben sie schließlich nur erlitten. Er aber und er
      allein hat sie freiwillig und von sich aus auf sich genommen. Er war nicht nur Israel, sondern
      er wollte es sein: eben das unter das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> getane und
      durch das Gesetz seiner Sünde angeklagte und überführte Israel. Und ebenso war er Israels <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term>,
       <hi rend="italic">der</hi> israelitische Mensch, auf den die ganze Geschichte Israels von
      einer Generation zur anderen gewartet und gezielt hatte und den doch kein israelitischer Vater
      als seinen Sohn erzeugen, der nur Gottes <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term> sein und
      als solcher in Israel<note xml:id="n63">Druck 1964: «das Haus <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>».</note>
      <hi rend="italic">hinein</hi>gepflanzt werden konnte als Anfang <pb ed="A" n="1261"/> des
      neuen und eigentlichen Israel. So, in dieser eminenten Weise, war er <term key="Jesus Christus, war Jude">Jude</term>. Indem er sich dem Gesetz, unter das auch er getan
      war, unterwarf, erfüllte er es. Er unterwarf sich ihm aber damit, dass er sich zu der
      jüdischen Art und dem jüdischen Schicksal, d. h. aber zu der in Israel offenbar gewordenen
      menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und auch zu dem Recht ihrer an Israel
      offenbar gewordenen Strafe<note xml:id="n64">Drucke 1952 und 1964: «Folge».</note> bekannte,
      indem er beide zu seiner Sache machte, um sich also als Sünder schuldig sprechen zu lassen und
      zu sterben und um eben damit als der Sohn <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term>, der er
      war, beide, die Sünde und ihre Strafe<hi rend="sup">64</hi>, aus der Welt zu schaffen. Das
      hat kein anderer Jude, das hat er ganz allein getan: gerade er als <hi rend="italic">der</hi>
      Jude sondergleichen, als «Jesus von Nazareth, <hi rend="italic">König</hi> der Juden» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.19">Joh. 19,19</ref>]. So wurde die <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> übergroß, so wurde sie es gerade da, wo die Sünde durch
      das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> so unvergleichlich groß, nämlich sichtbar, wo
      sie als <foreign xml:lang="el-GR">ὁμοίωμα παραβάσεως</foreign>
      <foreign xml:lang="el-GR"><persName ref="kbga-actors-2144">Ἀδάμ</persName></foreign> für alle
      Zeit unwidersprechlich offenbar geworden war.</p>
     <p>Man muss aber zum Verständnis von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">v 20</ref> zweifellos noch in eine andere Dimension blicken:
      Auch die viel berufene Verwerfung Christi durch die <term key="Juden / Judentum, Verwerfung Christi">Juden</term> bekommt von hier aus ein besonderes
      Gesicht. Man kann und muss die Erscheinung Christi gewiss auch als die letzte und höchste
      Gestalt der dem Volk Israel zugewendeten <term ref="kbga-keywords-8">Gesetzesoffenbarung</term> verstehen. Jesus selbst hat sich ja oft genug in eine Reihe mit
       <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName> und mit allen vor ihm
      aufgetretenen und von Israel verworfenen und
      getöteten <term key="Propheten">Propheten</term> gestellt. Noch einmal streckt Gott jetzt
      seine Hände aus. «Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie werden sich vor
      meinem Sohne scheuen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.37">Matth. 21,37</ref>).
      Auch der Anfang des Hebräerbriefs (<ref type="can" subtype="bible" target="Heb.1.1">1,1</ref>) sieht die Sache von dieser Seite: «Nachdem Gott vor
      Zeiten zu vielen Malen und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten,
      hat er am letzten dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn, den er zum Erben eingesetzt hat.»
      Und nun ist es wohl wahr, dass sich die Juden ja auch an diesem <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term> und Erben und gerade <pb xml:id="p460" ed="pga"/> an ihm vergriffen, dass sie
      gerade ihren eigenen <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> erst recht verworfen haben.
      Es ist also, von dieser Seite gesehen, wohl wahr, dass Israel sich in eben <pb ed="A" n="1262"/> dem Augenblick,
      wo die <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> übergroß wurde, nun noch einmal und erst
      recht als das Volk erwiesen hat, in welchem die Sünde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> groß wurde. Es ist schon so, dass es gerade hier in solennem Abschluss noch
      einmal bestätigt hat, was der Sinn und Gehalt seiner Geschichte unter dem <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> von Anfang an gewesen war: die Herausstellung des
      Kontrastes zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Willen. Die Idee, dass es darum von
      Gott verflucht und von den Menschen zu hassen und zu verachten sei, ist doch aus demselben
      Grunde so nichtig wie möglich. Schon von jener ersten Seite her gesehen konnte es ja gar nicht
      anders sein, als dass gerade das Volk der <term key="Israel, Volk der Offenbarung">Offenbarung</term> sich selbst noch einmal so betätigte und kennzeichnete. Dass der Mensch
      im Bunde mit Gott der schlechthin versagende Teil, dass er der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> radikal unwürdig ist, das konnte in dem Augenblick, wo
      Gott diesen <term key="Bund">Bund</term> besiegelte, indem er sich selbst für die Menschen
      einsetzte und hingab, das konnte in dem Ereignis des Überströmens seiner Gnade nicht weniger,
      das musste gerade hier ganz und endgültig sichtbar werden: so sichtbar, dass die ganze dunkle
      Geschichte des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> von hier aus nur wie ein
      Vorspiel erscheinen möchte. Was Israel in der Verwerfung <term key="Juden / Judentum, Verwerfung Christi">Christi</term> getan hat, hat jenen Sachverhalt
      sichtbar gemacht. Es hat ihn aber eben nur <term key="Israel, Stellvertretung">stellvertretend</term> sichtbar gemacht. Es hat hier wie in seiner ganzen Geschichte nur das
      getan, was jedes andere Volk, wäre es seines merkwürdigen Vorzugs teilhaftig gewesen, auch
      getan hätte. |</p>
     <p>Und nun hat ja das Ganze noch jene zweite Seite: damit die Gnade übergroß werde, d. h. damit
      die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>
      aus der Welt geschafft würden, <hi rend="italic">musste</hi> ja Christus als Sünder verurteilt
      werden und <term ref="kbga-keywords-129">sterben</term>. Dazu musste ja Gott sich selbst
      einsetzen und hingeben: um <term ref="kbga-keywords-485">Gerechtigkeit</term> barmherzig und
      um <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> gerecht walten zu lassen, um sich des
      Menschen anzunehmen gegen Sünde und Tod und um ihm gegenüber zugleich seine eigene Ehre als
      sein Herr und Schöpfer zu wahren. Eben dazu musste Gott selber ins Mittel treten und sich als
      Sünder verklagen und töten lassen. Eben das ist es, was in Jesus Christus <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">geschehen</term> ist. Und eben so ist die <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> in ihm übergroß geworden. Ihr <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> besteht darin, <pb ed="A" n="1263"/> dass Gott sich an seiner
      Willenskundgebung im Gesetz als solcher nicht genügen ließ, ja in und mit dem tausend Jahre
      lang unermüdlich verkündigten <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> selber nur das
      Größere ankündigte: sein eigenes versöhnendes <term ref="kbga-keywords-240">Einstehen</term>
      für die ihm widerstrebenden und darum mit Elend geschlagenen Menschen. Das tausendjährige
      Vorspiel der israelitischen Schande war doch eben, weil es zugleich die Geschichte jener
      unermüdlichen Treue <term key="Israel, Treue Gottes">Gottes</term> war, zugleich das Vorspiel
      der Aktion, in der Gott die israelitische, d. h. die heimlich und im Grunde allgemeine
      menschliche Schande auf sich selber nehmen und so beseitigen, so sich selbst und den Menschen
      zu Ehren bringen wollte. Man versteht von da aus, dass auch das Alte Testament als solches nie
      ganz ohne jenen Rand von <term key="Altes Testament, Verheißung">Gnadenverheißung</term>
      bleiben konnte. Das <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> besteht <pb xml:id="p461" ed="pga"/> darin, dass er auch
      die menschliche Treue und Pflicht im Rahmen des <term key="Bund">Bundes</term> nicht den
      Menschen zu leisten überlässt – was der Mensch hier leistet, das verdient diesen Namen nicht,
      das bestätigt nur immer aufs Neue, dass Gott ihm <term ref="kbga-keywords-809">zürnen</term>
      musste –, sondern in seinem Sohn selber leistet. Eben dazu muss er aber in seinem Sohne an des
      Menschen Stelle <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">treten</term> und also des
      Menschen Schande auf sich nehmen und erleiden. Gott will sie abgewälzt haben. Ein Anderer als
      er selbst genügt aber dazu nicht, um sie abzuwälzen. Gott will nicht den Tod des Sünders,
      sondern dass er sich bekehre und lebe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.33.11">Hes. 33,11</ref>]. Eben dies, dass er sich bekehre und lebe, kann aber nur Gottes eigenes
      Werk sein, und zum Vollbringen dieses Werkes ist Gott selbst als Sünder und Sterbender an des
      Menschen Stelle getreten. Von dieser Seite gesehen haben die Juden mit der Kreuzigung <term ref="kbga-keywords-129">Christi</term> zweifellos den guten, gerechten und barmherzigen
      Willen Gottes vollstreckt. Sie taten es als höchst unwürdige, höchst verwerfliche Werkzeuge.
      Sie taten es, indem sie sich selbst und – in ihrer Weise <term key="Israel, Stellvertretung">stellvertretend</term> – den Menschen überhaupt noch einmal und endgültig als Übertreter,
      als Gegenstand verdienter Verdammnis erwiesen. Aber sie taten es. Das <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der Sünde, das ihr Werk war, war unentbehrlich, wenn es
      zu dem <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> kommen sollte. Und eben dieses <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign>
      <pb ed="A" n="1264"/> haben sie fertiggebracht. Nicht eine durch die gratia <term key="Gnade, gratia praeveniens">praeveniens</term> angeregte und mit ihr zusammenwirkende Tat
      guten Willens auf Grund des intakt gebliebenen liberum <term key="Mensch, liberum arbitrium">arbitrium</term>,<note xml:id="n65">«<foreign xml:lang="lat">Gratia praeveniens</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">liberum arbitrium</foreign>» sind
       elementare Begriffe der katholischen Kirchenlehre und wurden festgehalten und bekräftigt
       u. a. im Tridentinischen Konzil; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1525.1553</bibl> bzw.
        <bibl corresp="kbga-bibls-25">1521.1555</bibl>.</note> sondern dieses <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> war die
      Bewegung des Menschen in dem Augenblick, da Gott <term key="Gott, Versöhner">versöhnend</term>
      an seine Stelle trat. Und eben das musste hier die Bewegung des Menschen sein, so gewiss es in
      diesem Augenblick darum ging, dass Gott sich selbst mit der menschlichen Schande bedecken
      ließ, so gewiss er sie, ohne dass er sie auf sich nahm, auch nicht siegreich von sich selbst
      und vom Menschen abwälzen konnte. Hier musste der Mensch offenbar aktiv eingreifen und
      mitwirken. Und eben das ist es, was er getan hat, indem Israel Christus <term key="Juden / Judentum, Verwerfung Christi">verwarf</term> und damit allerdings das Maß seiner
      Übertretungen voll machte. Jawohl, da handelte es als das von Gott verfluchte <term key="Israel, von Gott verfluchtes Volk">Volk</term>, hässlich und verächtlich im höchsten
      Grad. Man darf aber nicht vergessen, jetzt auch das noch hinzuzufügen: gerade da, wo Gott
      seinen Fluch über den Menschen in der Weise ernst werden lässt, dass er ihn in seinem Sohn auf
      sich selbst <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">nimmt</term> und also selber hässlich
      und verächtlich wird, gerade da hat jenes Volk so gehandelt. Und gerade zum Vollzug dieses
      Tausches, gerade um den ganzen Fluch und mit ihm alle Hässlichkeit und Verächtlichkeit des
      Menschen auf den Sohn Gottes zu werfen, musste Israel dort genau so handeln, wie es tatsächlich gehandelt hat. |</p>
     <p>Die Anklage gegen die Juden wegen der Verwerfung <term key="Juden / Judentum, Verwerfung Christi">Christi</term> ist entscheidend darum nichtig,
      weil sie entweder ins Leere stößt oder aber Gott selber trifft. Indem sie so handelten, wie
      sie es taten, wurden sie ja von der Schuld und <pb xml:id="p462" ed="pga"/> Strafe dieses
      Handelns dadurch <term key="Israel, Freispruch durch Gott">freigesprochen</term>, dass Gott
      für sie schuldig und gestraft wurde. Und damit sie dadurch, dass Gott sich für sie schuldig
      sprechen und strafen ließ, freigesprochen werden könnten, mussten sie so handeln, wie sie
      taten. Wo es aus diesem Grunde keine Entschuldigung gibt, da gibt es aus demselben Grund keine
      Anklage und keine Verdammnis. «Wer wird die Auserwählten Gottes anklagen?» hat der Jude
       <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> an späterer Stelle ausgerufen und dabei
      bestimmt auch an sein Volk, das erwählte Volk der Sünder und Sterbenden par excellence,
      gedacht. «Gott ist es ja, der sie gerecht spricht. Wer wird <pb ed="A" n="1265"/> sie
      verdammen? Christus ist es ja, der gestorben, noch mehr, der auferweckt worden ist, der zur
      Rechten Gottes ist, der für uns eintritt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.33 Röm.8.39">Röm. 8,33f.</ref>). Das bedeutet aber: genau da, wo der Stolz des
      Juden auf seine <term key="Israel, erwähltes Volk">Auserwählung</term> in der Wurzel getroffen
      wird, genau da ist auch der <term key="Antisemitismus">Antisemitismus</term> in der Wurzel und
      ein für allemal erledigt. Man kann nur noch da Jude und man kann auch nur noch da Antijude
      sein wollen, wo man des entscheidenden Tausches zwischen Gott und Mensch, wo man des <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> in
      dem <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign><note xml:id="n66">In den Drucken 1952 und
       1964 irrtümlich: «<foreign xml:lang="el-GR">περισσεύειν</foreign>».</note> der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, dessen Werkzeug gerade die Juden gewesen sind, aus
      irgend einem Grunde nicht gewahr geworden ist. Jenseits dieser Wasserscheide gibt es
      hinsichtlich des Verhältnisses von <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> und Nicht-Juden
      nur noch die Erwägungen, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9 Röm.11">Röm.
       9–11</ref> vorgetragen hat.</p>
     <p>Der inhaltsschwere <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">Vers 20</ref> weist aber schließlich sicher noch in eine dritte Richtung. Wenn
       <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vom <foreign xml:lang="el-GR">περισσεύειν</foreign><note xml:id="n67">In den Drucken 1952 und 1964 irrtümlich: «<foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign>».</note> oder <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der Gnade geredet hat, dann stand ihm immer zugleich mit dem <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> und der Auferstehung <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> als der überlegen abschließenden Aktion der Selbsthingabe und
      Selbstverherrlichung Gottes die abschließende Durchbrechung jener Beschränkung vor Augen, in
      der Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Willensoffenbarung</term> sich bis dahin scheinbar nur
      an das eine Volk Israel und gar nicht an die
      anderen Völker, gar nicht eigentlich an die Menschheit als solche gewendet hatte: die <hi rend="italic">Ausgießung des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term></hi>
      <hi rend="italic">auf alles Fleisch</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joel.3.1">Joel 3,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.17">Act.
       2,17</ref>]. <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> und Auferstehung <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> bedeuten nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott
      nun sichtbar aufgehört hat, nur der <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> und nicht auch
      der <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term> Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29">Röm. 3,29</ref>], nur drinnen und nicht auch – und zwar als eben derselbe,
      der er drinnen war – draußen zu sein. Alle Türen und Fenster sind nun auch in dieser Hinsicht
      aufgestoßen. Was immer wirklich und wahr war, das ist nun – durch den nun ausgegossenen Geist
       <term ref="kbga-keywords-179">Gottes</term> – offenbar: der <term key="Bund">Bund</term> hat
      – so heimlich seine Gestalt zunächst gewesen ist – von Anfang an und in seinem Wesen <hi rend="italic">alle</hi> Menschen erfasst; Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>
      galt und gilt <hi rend="italic">allen</hi> Menschen. Um eine stellvertretende Treuhänderschaft
      hat es sich bei jener merkwürdigen Auszeichnung gerade des einen Volkes <term key="Israel, Stellvertretung">Israel</term> gehandelt. Nicht nur sei<pb ed="A" n="1266" break="no"/>ne, sondern <hi rend="italic">aller</hi> Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> ist also in der
      Geschichte Israels und schließlich in seiner Verwerfung Christi offenbar geworden. Und nicht
      nur für seine, sondern für <hi rend="italic">aller</hi> Menschen Sünde ist Gott selbst
      eingetreten, indem er sich in der Verwer<pb xml:id="p463" ed="pga" break="no"/>fung Christi
      durch die <term key="Juden / Judentum, Verwerfung Christi">Juden</term> zuschanden machen
      ließ. Nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden gilt also auch das <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der göttlichen <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term>. |</p>
     <p>Aber wo ist hier das verbindende Glied? Wie kommen hier die <term ref="kbga-keywords-109"><hi rend="italic">Heiden</hi></term> herein? Das <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der menschlichen Sünde scheint ja auf den ersten Blick doch nur die
      Sache der Juden, <hi rend="italic">ihrer</hi> Auseinandersetzung mit <hi rend="italic">ihrem</hi>
      <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> zu sein. Wie kann dann das <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der Gnade die Sache aller Menschen werden? Die
      Antwort ergibt sich aus den <term key="Passionsberichte">Passionsberichten</term> der <term ref="kbga-keywords-1519">Evangelien</term>. Nach ihnen ist es nämlich von zentraler
      Bedeutung, dass die Kreuzigung <term ref="kbga-keywords-129">Christi</term> nun doch nicht
      direkt das Werk der Juden, sondern, von den Juden allerdings veranlasst, in ihrem Vollzug
      gerade nicht das ihrige, sondern das des römischen Statthalters <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> und seiner Untergebenen und also der Heiden gewesen
      ist. Dass die Juden Jesus zur Kreuzigung «<hi rend="italic">überlieferten</hi>»<note xml:id="n68">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.1">Mk. 15,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.2">Mt. 27,2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.1">Lk. 23,1</ref>.</note>, das ist ja der der Sache entsprechende technische
      Ausdruck des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term> für das, was sie ihrerseits
      dort getan haben. Ihre Sünde wurde darin groß, dass sie Jesus aus dem Bereich des heiligen
      Volkes hinausstießen, ihn den Unreinen da draußen preisgaben. Und von diesen Unreinen, den
      Nicht-Erwählten, Nicht-Berufenen, von denen, die nach <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.12">Eph. 2,12</ref><note xml:id="n69">Tskr. irrtümlich: «1,12».</note> «ohne
      Gott in der Welt waren», nicht in, sondern <hi rend="italic">vor</hi> den Toren <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalems</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.12">Hebr. 13,12</ref>] ist er dann faktisch an den Galgen gehängt worden. Und
      eben so<note xml:id="n70">Im Druck 1964 hervorgehoben.</note> kam er zuerst und entscheidend
      zu den Heiden: in der Weise also, dass auch sie – als die Henker des jüdischen Messias
       also<note xml:id="n71">Fehlt im Druck 1964.</note> – an dem <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der Übertretung Israels <term key="Heiden / Heidentum, Beteiligung an Israels Übertretung">beteiligt</term> wurden. So also
      auch sie: auch sie nicht etwa auf Grund einer positiven Befähigung und Bereitschaft. Dass sie
      nicht besser waren als die <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term>, kam jetzt an den Tag.
      Gerade das flagrante Sündigen auf der Linie von <persName ref="kbga-actors-3688">Kains</persName> Brudermord [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.4.8">Gen.
       4,8</ref>], gerade die großen, sichtbaren Greuel der <term key="Geschichte, Greuel">Weltgeschichte</term> waren ja von jeher viel mehr die Sache der anderen Völker als die der
       Israeliten gewesen. Von diesen war <pb ed="A" n="1267"/> mehr
      verlangt als von jenen, und ohne das Licht dieser Mehrforderung würde man nachträglich
      zweifeln können, ob die <term key="Propheten">Propheten</term> mit ihren maßlosen Anklagen und
      Drohungen ihrem Volke nicht doch vergleichsweise Unrecht getan haben möchten, weil es im
      Verhältnis zu anderen gewiss weniger schlimm oder doch nicht schlimmer dasteht. |</p>
    
     <p>Aber wie dem auch sei, und wie man auch die Schuld am Tode <term ref="kbga-keywords-129">Jesu</term> zwischen den Juden und den <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term> verteilen
      mag: bei der <term key="Jesus Christus, Verurteilung">Verurteilung</term> und Tötung Jesu
      treten nun jedenfalls auch die <hi rend="italic">Heiden</hi>, und gerade sie zweifellos als
      die <hi rend="italic">flagranten</hi> Sünder, als seine <hi rend="italic">direkten</hi>
      <term key="Heiden / Heidentum, direkte Mörder Jesu Christi">Mörder</term> auf den Plan und in
      Aktion. Der erste Heide, der mit dem Sohn Gottes zu tun bekommt, heißt <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>. Er spricht das Urteil, durch das jener zum Sünder
      gemacht wird und laut dessen er sterben muss. Er befiehlt seine Ausführung. Er setzt die Wache
      an sein Grab. <pb xml:id="p464" ed="pga"/> Er schließt den Akt verantwortlich ab, den die
       <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> in ihrer Weise ebenso verantwortlich eröffnet
      hatten. So hat er seine Hände nur heuchlerisch und vergeblich in Unschuld gewaschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.24">Mt. 27,24</ref>]? Vielleicht doch nicht so
      einfach! Das Wort <ref type="can" subtype="bible" target="Luk.23.34">Luk. 23,34</ref>: «Vater,
      vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» gilt nach dem Zusammenhang nicht den Juden,
      die erst nachher aus dem Hintergrund wieder hervortreten, sondern gerade den Heiden, die die
       <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> direkt vollzogen haben. Es passt ja auch nur
      für sie, d. h. nur für jene von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13 Röm.5.14">v 13–14</ref>
      geschilderte Situation derer, die zwar sündigten, die aber ohne das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> ihrer <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> auch
      nicht überführt sein konnten, deren Finsternis sich im Finstern nicht als solche verraten
      konnte. Sie wussten in der Tat nicht, was sie taten. Und eben für sie wird nun gebetet, dass
      ihnen, was sie taten, vergeben sein möchte. So ist Christus auch für sie, auch für die in
      ihrem Tun groß gewordene Sünde gestorben? So hat er auch ihre Sünde und ihren <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> aus der Welt geschafft? Eben das war in der Tat die
      Meinung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und die des ganzen Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term>, eben das war in der Tat die Wendung, die den <term ref="kbga-keywords-273">Aposteln</term> am Tag der <term ref="kbga-keywords-391">Pfingsten</term> als solche offenbar geworden ist. Es gibt verschiedene Gründe für die
      Tatsache, dass der Name <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> im <term key="Credo">Credo</term> steht. Einer davon besteht
      sicher darin, dass er der Heide war, der Jesus aus den Händen der Juden entgegengenommen hat.
      Von diesem <pb ed="A" n="1268"/> Augenblick an ist der Messias der Juden bereits das, als was
      ihn die <term key="Missionspredigt">Missionspredigt</term> erst viel später proklamieren wird:
      der <term key="Jesus Christus, Weltheiland">Weltheiland</term>. |</p>
     <p>Eine Tat guten Willens seitens der <term ref="kbga-keywords-109">Heidenwelt</term> war es
      gewiss nicht, was da getan wurde. Im Gegenteil: in <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> und in dem für ihn so kläglichen Ergebnis jener Begegnung mit Jesus haben
      sich die Heiden – als hätten sie noch in allerletzter Stunde die ganze Geschichte Israels für sich nachholen müssen – in aller Form zu diesem
      verfluchten <term key="Israel, von Gott verfluchtes Volk">Volk</term> gestellt, seiner
      Hässlichkeit und Verächtlichkeit sich teilhaftig gemacht. In der merkwürdigen Person des
      <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> sind – gewissermaßen unmittelbar vor Torschluss – auch die Nicht-Juden noch gerade
      gründlich genug in den Bereich der ihrem Ziel und Ende entgegenlaufenden <term ref="kbga-keywords-8">Gesetzesoffenbarung</term> geraten, um an dem <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der Übertretung ihrerseits in aller Form beteiligt zu werden, um das
      Selbstverständliche unzweideutig zu machen, dass sie, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13 Röm.5.14">v 13–14</ref> gezeigt, nicht schlechter,
      aber wirklich auch nicht besser waren und sind als die <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term>. Auch sie sind nun offenkundig Werkzeug jenes guten, gerechten und barmherzigen
      Willens Gottes, in welchem er sich selbst für den Menschen dahingeben, in welchem er also die
      ganze menschliche Schande, um sie vom Menschen abzuwälzen, auf sich selbst nehmen wollte. Auch
      sie werden nun aus Zuschauern Mitwirkende in diesem entscheidenden Geschehen: auch sie als
      Sünder – wie sollten sie es anders sein? –, aber sie mit dem Erfolg, dass auch sie in die
      Absicht und den Sinn dieses Geschehens, d. h. aber in die von Gott selbst vollzogene <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> des Kosmos mit ihm selber einbezogen werden. Dass
      diese Versöhnung keine religiöse Winkelangelegenheit, sondern die Versöhnung des Kosmos ist,
      eben das wird sichtbar, indem die <term key="Passionsgeschichte">Passionsgeschichte</term>
      nicht nur <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> und <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> gute Freunde werden
      [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.12">Lk. 23,12</ref>], sondern auch <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
      und die <pb xml:id="p465" ed="pga"/> jerusalemischen Kirchenmänner und Theologen sich noch
      einmal in die Hände arbeiten lässt. Von jetzt an kann gesagt werden, dass auch die <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term>, die ohne <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term>
      sind, daran keine Entschuldigung haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">Röm. 1,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.12">2,12</ref>] – von jetzt
      an aber auch das Wichtigere: dass es auch gegen sie keine Anklage, auch für sie keine
      Verdammnis gibt. <pb ed="A" n="1269"/> Beides darum nicht, weil jetzt auch sie in aller
      Öffentlichkeit an dem <foreign xml:lang="el-GR">πλεονάζειν</foreign> der Übertretung
      teilgenommen haben. «Wo aber die Übertretung groß wurde, eben da ist auch die Gnade übergroß
      geworden.» An dem <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερπερισσεύειν</foreign> der <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> haben nun auch sie Anteil. Gott ist nun offenbar nicht
      nur als der Juden, sondern auch als der Heiden Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29">Röm. 3,29</ref>]. <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName> gehört schon ins <term key="Credo">Credo</term>. Die Ausgießung des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term> auf
      alles Fleisch wurde objektiv möglich durch das, was mit seinen schuldig-unschuldigen Händen
      dieser <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName> getan hat. Der auch unter
      den Händen der Unreinen gelitten hat, ist in der Tat nicht nur für die Reinen, sondern auch
      für die Unreinen gestorben, auch für sie <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">auferstanden</term>. Er ist in der Tat der Fürsprecher für alles Fleisch. Nicht erst die
      Missionspredigt schafft diesen Sachverhalt. Die <term key="Missionspredigt">Missionspredigt</term> kann ihn nur anzeigen.</p>
     <p>Was haben uns die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">Verse 13</ref>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">14</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">20</ref> gezeigt? Sie haben davon geredet, dass es zwischen den
      zwei großen Bereichen der <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName></hi>wahrheit und der <hi rend="italic">Christus</hi>wahrheit allerdings eine für den Menschen unübersteigbare <hi rend="italic">Grenze</hi> gibt. Gott hat sich des Menschen angenommen. Das hat er getan, indem er Israel
       <term key="Israel, Erwählung">erwählte</term> und ihm sein <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> gab. Das hat er darin getan, dass er aus Israel und in Israel seinen eigenen
      Sohn Mensch werden ließ und unter das Gesetz stellte. Eben diesem besonderen Tun Gottes
      gegenüber hat sich der Mensch, der <term key="Jude / Judentum">Jude</term> zuerst, aber auch
      der Nicht-Jude [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.9 Röm.2.10">Röm. 2,9f.</ref>],
      allerdings als unzulänglich erwiesen. Eben indem Gott sich des Menschen im Besonderen und
      Besondersten annahm, hat sich der Mensch gerade und erst recht aufs Neue als der <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> bestätigt, der er von Anfang an gewesen ist. Er wird
      diese Grenze von sich aus in der Tat nicht überschreiten. Weiter als bis zur <term key="Mensch, Verwerfung Jesu Christi">Verwerfung</term> und <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> des <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> Israels, der auch der
      Welt <term key="Jesus Christus, Weltheiland">Heiland</term> ist, wird er es in der Tat nicht
      bringen. Gott aber hat diese Grenze überschritten. Wo der Mensch versagte, da hat Gott nicht
      versagt, da ist er zugunsten des versagenden Menschen selber ins Mittel getreten, da hat er
      gutgemacht, was der Mensch böse gemacht hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.50.20">Gen. 50,20</ref>]. Das ist das Geheimnis seiner <term ref="kbga-keywords-8">Gesetzesoffenbarung</term> in Israel; das ist das Geheimnis von deren
      Abschluss und Vollendung in Jesus Christus. Gott nimmt des <pb ed="A" n="1270"/> Menschen
      Übertretung damit ernst, dass er sie auf sich nimmt, dass er an seiner <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">Stelle</term> Sünder und Sterbender wird und beide: die
       <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und den <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>,
      daran, dass er sie sich zu eigen macht, vergehen lässt. Zwischen der Adamswahrheit und der
      Christuswahrheit besteht also dieser <term key="Christus und Adam">Unterschied</term>: es
      gibt, weil jene Grenze besteht, von dort keinen Übergang nach hier, es gibt aber eben an
      dieser Grenze einen Übergang von hier nach dort. So sind die beiden Bereiche geschieden und
      gerade da, wo sie geschieden sind, auch nicht geschieden. <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> schließt Christus aus. Aber
      Christus schließt <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> ein. <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> wird nicht Christus. Aber Christus wird, ohne aufzuhören
      Christus zu sein und gerade indem er es ist, auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. In <pb xml:id="p466" ed="pga"/> seinem
      Gegenüber zu Christus wird also auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, der Sünder und Sterbende, zum Christuszeugen, zum
       <foreign xml:lang="el-GR">τύπος τοῦ μέλλοντος</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">v 14</ref>). Das ist es, was gerade an der
      durch das Gesetz bezeichneten Grenze der beiden Bereiche sichtbar wird. Und so ist die
      Erinnerung an das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> keine Aufhebung dessen, was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5">Röm. 5</ref> im Übrigen von der die ganze
      Adamswahrheit überragenden und umfassenden größeren <term key="Christus und Adam">Christuswahrheit</term> gesagt wird. So ist gerade diese Erinnerung vielmehr die stärkste,
      im Sinn des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sicher die entscheidende
      Begründung der Erkenntnis, dass wir <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> von <hi rend="italic">Christus</hi>, uns selbst von
      unserer Einheit mit <hi rend="italic">ihm</hi> her zu verstehen haben und nicht umgekehrt.</p>
     <p rend="marging-top">Jesus Christus ist das Geheimnis und die Wahrheit auch des sündigen und sterbenden Menschen
      und also das Geheimnis und die Wahrheit der <hi rend="italic">menschlichen <term key="Jesus Christus, Wahrheit der menschlichen Natur">Natur</term></hi> als solcher. Das ist
      es, was wir aus <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref>
      zu lernen haben. Wir versuchen es nun zusammenzufassen. Wir haben gesehen, wie Jesus Christus
      schon nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> eine scharf umrissene Einzelperson ist, als solche aber auch für eine
      unbestimmte Vielzahl Anderer schlechthin einsteht, ihre Entscheidung und Geschichte in der
      seinigen vertritt und vorwegnimmt, so also, dass diese Anderen, ohne darum aufzuhören, auch
      ihrerseits bestimmte Einzelpersonen zu sein, in ihrer Entscheidung und Geschichte nur die
      seinige wiederholen, nur die in ihm über sie gefallenen Beschlüsse aus<pb ed="A" n="1271" break="no"/>führen, ihre Sache
      nur als die seinige zur Gestaltung bringen können, weil er gerade ihre Sache zuvor zu der
      seinigen gemacht hat. Keine Vermischung und keine Vertauschung zwischen ihm und ihnen kann
      hier stattfinden, aber auch keine Abstraktion und Trennung. Er in seiner Besonderheit ist der
      Ihrige, und so können sie in ihrer Besonderheit nur die Seinigen sein. Und gerade dies
      garantiert die Unzerreißbarkeit ihres Zusammenhanges mit ihm, dass der Unterschied zwischen
      ihm und ihnen darin unverwischbar ist, dass er ein Unterschied der Ordnung und der Würde ist,
      dass er als der Gebende und sie als die Empfangenden, er als das Haupt und sie als die
       Glieder<note xml:id="n72">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.12 1.Kor.12.20">1.Kor. 12,12–20</ref> in Verbindung mit <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.23 Eph.5.24">Eph. 5,23f.</ref></note> voneinander verschieden
      sind und bleiben müssen. Aber <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> hatte doch direkt nur von Jesus Christus und den an ihn
       <hi rend="italic">Glaubenden</hi> geredet. Das ist die Schranke der dort angestellten
      Betrachtung. Läse man jenen ersten Teil des Kapitels für sich, so könnte man immer noch der
      Meinung sein, als ob die Anschauung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von
      der exklusiven und inklusiven Bedeutung der Menschheit <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> sich doch nur auf dessen Sein in dem bestimmten Zusammenhang zwischen ihm und
      den zum <term key="Glaube"><hi rend="italic">Glauben</hi></term> an ihn Berufenen und im <hi rend="italic">Glauben</hi> an ihn mit ihm Vereinigten erstrecke. Man könnte dann der Meinung
      sein, als ob es nicht angehe, von dem aus, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gewissermaßen in Deutung des
       religiösen<note xml:id="n73">Drucke 1952 und 1964: «‹religiösen›».</note> Verhältnisses
      zwischen Christus und den Christen<note xml:id="n74">In den Drucken 1952 und 1964
       hervorgehoben.</note> gesagt hat, auf ein Verhältnis zwischen Christus und dem <hi rend="italic">Menschen</hi> als solchem zu schließen, in der <pb xml:id="p467" ed="pga"/>
      Menschheit Christi geradezu den Schlüssel zum Geheimnis des <hi rend="italic">Menschen</hi>
      als solchen zu suchen. Eben hier hat uns nun <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">v 12–21</ref> entschieden weitergeführt.
      Diese Verse unterscheiden sich offenbar dadurch von den vorangehenden, dass grundsätzlich
      dieselbe Betrachtung, die dort gewissermaßen nur esoterisch angewendet wurde, sich auf einmal
      nach außen richtet und statt <term ref="kbga-keywords-464"><hi rend="italic">kirchen</hi>geschichtlich</term><note xml:id="n75">Im Tskr. nicht hervorgehoben; von den
       Hrsg. in Analogie an das folgende «<hi rend="italic">welt</hi>geschichtlich» und in
       Übereinstimmung mit den Drucken 1952 und 1964 korrigiert.</note> ganz unzweideutig <term ref="kbga-keywords-398"><hi rend="italic">welt</hi>geschichtlich</term>, statt auf Christus
      und die Christen beschränkt, ganz unzweideutig auf Christus und die <hi rend="italic">Menschen
       überhaup</hi>t ausgedehnt wird. Man beachte wohl, dass vom <term key="Glaube">Glauben</term>
      und sogar von der Gabe des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term> in diesen
      Versen nicht mehr die Rede ist. Man beachte wohl, dass die erste Person Pluralis, in der
      <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> <pb ed="A" n="1272"/> beständig geredet wird, hier mit Ausnahme des allerletzten Wortes von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">v 21</ref> einer
      sehr allgemeinen dritten Person Platz gemacht hat. Von irgend einer Einschränkung auf eine
      bestimmte Gruppe von Menschen, im Blick auf die das Gesagte etwa allein gelten würde, kann
      hier gar keine Rede mehr sein. «Religiöse» Voraussetzungen werden hier nicht einmal
      angedeutet. Gerade die überragende und umfassende Christuswirklichkeit, von der hier die Rede
      ist, erscheint hier in allen vorkommenden Formulierungen einfach als ein Raum und Bereich, in
      welchem sich die Menschen als solche befinden, in welchem sie auf Grund dessen, was der eine
      Christus ist, etwas Bestimmtes sind, empfangen und haben, in welchem sie durch ihn unter die
      Herrschaft bestimmter objektiver Voraussetzungen gestellt sind: die <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> überströmt auf sie; sie wird ihnen zum <term key="Mensch, Freispruch durch Gott">Freispruch</term>; sie werden vor Gott als Gerechte
      hingestellt; sie werden zu Anwärtern künftigen Königtums. Kurzum: <hi rend="italic">die Gnade
       herrscht</hi>, wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.21">v 21</ref> noch einmal heißt. Und das Alles in jener genauen Korrespondenz zu
      dem, was auch im Raum und Bereich der Adamswirklichkeit einfach geschieht: <hi rend="italic">genau so, wie dort die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term></hi>
      <hi rend="italic">im <term ref="kbga-keywords-177">Tode</term></hi>
      <hi rend="italic">herrscht</hi>, genau so, wie dort nach <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> Alle Übertreter sind und als solche vergehen müssen. Nach dem
      Spezifischen, was den <hi rend="italic">Christen</hi> zu einem besonderen Menschen macht, wird
      hier gerade <hi rend="italic">nicht</hi> gefragt. Man hört nur, was es für den Menschen als
      solchen bedeutet, dass seine Adamswirklichkeit nicht für sich steht und gilt, dass sie
      vielmehr von der Christuswirklichkeit überragt, eingeschlossen, beleuchtet, in Dienst gestellt
      ist. Es ist schon das Verhältnis zwischen Christus und dem Menschen als solches, im Blick auf
      das hier – über das hinaus, was wir <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> zu hören bekommen – gefragt und geantwortet wird.
       <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> meinte sich offenbar keiner müßigen und
      keiner willkürlichen Spekulation schuldig zu machen, wenn er an dieser Stelle zu dieser <hi rend="italic">weiteren</hi> Betrachtung <hi rend="italic">desselben</hi> Gegenstandes
      überging. Haben wir das <foreign xml:lang="el-GR">διὰ τοῦτο</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">v 12</ref> richtig verstanden,
      dann hat er vielmehr gerade jene besondere Betrachtung des Verhältnisses zwischen Christus und
      <anchor type="note" xml:id="fn-76"/>den Glaubenden<note n="76" target="fn-76" xml:id="n76">Drucke 1952
       und 1964: «dem Glauben».</note> damit konsolidieren wollen, dass er sie <pb xml:id="p468" ed="pga"/> in den Zusammenhang dieser weiteren und allgemeinen stellte: <hi rend="italic">Deshalb</hi> steht es mit uns, den <pb ed="A" n="1273"/> Glaubenden, so, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref>
      beschrieben, <hi rend="italic">weil</hi> es mit uns als Menschen so steht, wie nun <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">v 12–21</ref>
      gezeigt ist: weil wir uns nämlich schon als Menschen und also konkret als <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Kinder und
      Erben – als Schwache, <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term>, Gottlose und Feinde also,
      wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> geheißen hatte – nicht außerhalb, sondern <hi rend="italic">innerhalb</hi> des
       <hi rend="italic">Reiches Christi</hi> befinden. Wir sind <hi rend="italic">zu
       Christus</hi><note xml:id="n77">Im Druck 1964 irrtümlich nicht hervorgehoben.</note> gekommen
      und also Glaubende, also Christen geworden, weil und indem wir <hi rend="italic">von
       Christus</hi> schon herkommen und etwas Anderes als glauben gar nicht tun, etwas Anderes als
      Christen gar nicht werden können! |</p>
     <p>Was in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> über Christus und die Christen gesagt wurde, ist gerade nicht bloß eine
      «religiöse» <term key="Wahrheit, «religiöse»">Wahrheit</term>: nicht bloß Wahrheit für
      besonders Veranlagte, Geeignete und Geführte, sondern, ob sie es wissen oder nicht, für <hi rend="italic">alle</hi> Menschen, so gewiss sie alle <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Kinder und Erben, seiner Art und seines Schicksals teilhaftig sind. Das ist
      es, was die Christen so sicher macht, wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> angegeben wurde: das Christliche ist
      gerade nicht irgend ein <term ref="kbga-keywords-211">«Religiöses»</term>. <hi rend="italic">Das Christliche</hi> ist abgesehen von aller Religiosität heimlich, aber in radikaler <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>
      <hi rend="italic">das allgemein <term key="Mensch, das Christliche ist das allgemein Menschliche">Menschliche</term></hi>. So gibt
      es kein Menschliches außerhalb oder oberhalb des Christlichen, von dem her dieses dann wohl
      auch problematisiert, angefochten, überboten und aufgehoben werden könnte. Es gibt ein
      Menschliches außerhalb und oberhalb des «Religiösen», aber nicht außerhalb oder oberhalb des
      Christlichen. So kann umgekehrt <hi rend="italic">gerade das Menschliche nur vom Christlichen
       her verstanden</hi> werden. Denn Christus steht oben und ist Erster, <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> steht unten und ist
       <term key="Christus und Adam">Zweiter</term>. Und so <hi rend="italic">ist gerade das
       Christliche das allgemein Menschliche</hi>, während das, was man gewöhnlich dafür hält, das
      Adamsmäßige, das Besondere ist, das jenem auf alle Fälle untergeordnet ist, das nur im
      Zusammenhang mit jenem Raum und Geltung hat und nur im Zusammenhang mit ihm verstanden werden
      kann. Diese große grundsätzliche Umkehrung ist es, die <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">v 12–21</ref> in aller Folgerichtigkeit
      vollzogen wird. Sie ist für alle Bereiche der Erkenntnis und des Lebens so folgenschwer wie
      nur möglich. Und man kann es vor allem nicht gut als müßig bezeichnen und nicht gut
      unterlassen, von hier aus auf die entscheidende Bedeutung der menschlichen Natur <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term>
      <pb ed="A" n="1274"/> hinzuweisen.</p>
     <p>Dies ist es, was wir aus <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref> im Besonderen zu
      lernen haben: Wir finden nach diesem Text auch und schon im Menschen, wie er ist, und also in
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, in dem Gott widerstrebenden und dem entsprechend dem <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term> verfallenen Menschen, die Ordnung: dass er, indem er dieser einzelne Mensch ist,
      zugleich in sich selber die Menschheit <term key="Mensch, und Menschheit">darstellen</term>
      und verantworten muss, wie denn auch die Menschheit als solche sich je nur in diesem und
      diesem einzelnen Menschen darstellen und verantworten kann. Was <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> war, das sind auch wir,
      sind Alle, die nach ihm und mit uns Menschen heißen. Und was wir und alle Menschen sind, das
      war und ist schon der eine <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. Der Mensch ist
      zugleich Dieser und nur Dieser, jetzt und hier in strengster Einzelheit und als <pb xml:id="p469" ed="pga"/> solcher zusammen mit allen Anderen ihrer aller höchst
      verantwortlicher Darsteller und Repräsentant. Er ist immer für sich, immer für Alle. Ist es
      so, können wir darauf bauen, von hier aus weiterdenken? Ist die wahre Menschennatur auf alle
      Fälle diese: das Sein des Menschen in der Menschheit, der Menschheit im <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>, wie sie uns in dem Verhältnis zwischen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und
      den vielen Seinesgleichen begegnet? Wir erkennen das zunächst nur im Blick auf <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und
      Seinesgleichen und also auf den Menschen, wie er ist, in seinem sündigen und sterbenden Wesen,
      wie es uns in uns selbst und allen Anderen vor Augen steht. Haben wir ihn trotzdem recht
      verstanden, wenn wir ihn so verstehen? Könnte nicht Alles auch<note xml:id="n78">Fehlt in den
       Drucken 1952 und 1964.</note> ganz anders sein: etwa so, dass es in Wirklichkeit nur eine
      ideale oder auch physische Einheit des Menschengeschlechts und innerhalb dieses Ganzen nur
      belanglose Exemplare oder Individuen – oder umgekehrt: dass es nur lauter Einzelne gäbe, die
      je für sich und als solche das Schicksal und die Aufgabe hätten, das Menschliche je in sich
      selber zu verwirklichen, während die Vorstellung einer Menschheit eine bloße Fiktion wäre?
       <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref> weist uns
      entschieden in jene andere Richtung. Denken wir von diesem Text her, dann werden wir jeden
       <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> links und jeden <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> rechts liegen lassen müssen. Der wirkliche
      Mensch, wie er hier gesichtet ist, erlaubt weder diese noch jene Deutung.</p>
     <p>Wie aber kommt dieser Text dazu, uns so bestimmt <pb ed="A" n="1275"/> in jene andere
      Richtung zu weisen, obwohl doch auch er ausdrücklich von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und also vom korrupten Menschen
      redet, im Blick auf den so bestimmte Aussagen über die wahre Natur des Menschen doch sehr
      problematisch erscheinen könnten? Woher nimmt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> die Autorität, gerade aus dem Bild des korrupten <term key="Mensch, korrupt">Menschen</term> mit dieser Bestimmtheit das herauszulesen, dass der
      Mensch in der Menschheit, die Menschheit im <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>
      ist? Wir haben gesehen: <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wagt diese Aussage darum, weil er diesem Bild gegenüber das
      andere, das Bild Christi, sieht und kennt. Nicht als eine andere Möglichkeit, die nun mit
      jener ersten konkurrieren würde! Dann bliebe noch immer der Zweifel, der hier nach dem Tenor
      von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.11">v 1–11</ref> gerade ausgeschlossen sein muss. Der formalen Korrespondenz und Gleichheit der
      beiden Bilder entspricht vielmehr nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> und noch mehr nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">v 13</ref>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">14</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">20</ref> ihre
      sachliche Ungleichheit. Christus hat mehr, <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>
      hat weniger Recht und Macht in diesem Gegenüber. In diesem Ungleichgewicht, in dieser
      Disproportion, und nur so werden sie überhaupt vergleichbar. So ist also <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> an Christus zu
      messen und nicht umgekehrt.<note xml:id="n79">Im Tskr. ist ab hier eine halbe Seite gestrichen
       worden. Offensichtlich geschah dies schon während der Niederschrift, denn der ursprünglich
       letzte auf S. 1275 beginnende Satz findet auf S. 1276 keine Fortsetzung.</note>
      <pb ed="A" n="1276"/> Wird aber <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> an <term key="Christus und Adam">Christus</term>
      gemessen, dann ergibt sich, dass sein Bild gerade insofern Wahrheitsgehalt hat, als es uns die
      menschliche Natur in jenem bestimmten Verhältnis von Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> sichtbar macht. Was auch in diesem Bild auf
      die Rechnung der eingetretenen Verkeh<pb xml:id="p470" ed="pga" break="no"/>rung und
      Zerstörung der menschlichen Natur zu setzen sein möge: dieses Verhältnis als solches
      jedenfalls gehört zu ihrem von der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> nicht berührten
      geschöpflichen Bestand und Wesen. Denn dieses Verhältnis wird ja auch in dem dem Bilde <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>
      übergeordneten Bilde Christi sichtbar. Mit wichtigem Unterschied allerdings: <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> ist nicht
      der menschgewordene Sohn Gottes. So kann er nicht wie dieser als Mensch zugleich über allen
      Menschen sein. So kann er als der Eine die Vielen, als Mensch die Menschheit nur als Einer
      unter Anderen vertreten, so kann er für alle Anderen und für Jeden von ihnen nur in demselben
      Sinn einstehen, wie jeder Andere auch für ihn einsteht, so gibt es also zwischen ihm und ihnen
      keine unumkehrbare Reihenfolge der Ordnung und Würde, so kann er also nicht ihr Herr und Haupt
      sein, ihre eigene Entscheidung und Geschichte nicht regierend bestimmen, so nimmt er sie in
      seiner Entscheidung und Geschichte nur insofern vorweg, als er als Erster, mit ihnen, Mensch
      ist, <foreign xml:lang="lat">primus inter pares</foreign>. Das <foreign xml:lang="el-GR">πολλῷ μᾶλλον</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">v 15–17</ref> markiert
      diesen Unterschied. Wenn man ihn in Rechnung zieht, so bleibt doch als Gleichheit zwischen
      <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <term key="Christus und Adam">Christus</term> übrig: die Einheit des Einen und der
      Vielen, seiner Tat und ihrer Taten, seines Standes und des ihrigen. Eben in dieser Einheit ist
      Christus Mensch gewesen wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. Eben in dieser Einheit ist <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> also das Vorbild und
      Gleichnis Christi, obwohl er ihm in der Stellung des Herrn und Hauptes, die Christus in dieser
      Einheit einnimmt, schon formal nicht entspricht und als sündiger Mensch auch sachlich nur in
      der Verkehrung entsprechen kann. Diese Einheit als solche gehört aber nicht zu der Verkehrung,
      sondern zum Ursprünglichen seiner Natur. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
      behauptet also nichts Willkürliches und er täuscht sich also nicht, wenn er diese Einheit auch
      auf Seiten <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> einfach als gegeben voraussetzt.
      Er tut es daraufhin, dass er sie in Christus vorausgegeben<note xml:id="n80">Drucke 1952 und
       1964: «<hi rend="italic">voraus</hi>gegeben».</note> gefunden hat. Eben <pb ed="A" n="1277"/>
      darin, worin Christus nicht nur Gottes Sohn, aber auch nicht sündiger <term ref="kbga-keywords-750">Mensch</term> wie <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und wir alle, sondern wahrer <term ref="kbga-keywords-233">Mensch</term> schlechthin ist – eben darin haben wir die wahre,
      menschliche Natur in ihrem von Gott gewollten und geschaffenen Bestand und Wesen zu erkennen.
      Zu ihr gehört jedenfalls diese Einheit von Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>. Wir befinden uns, wenn wir nach dieser Natur fragen und wenn wir diese
      Frage zunächst<note xml:id="n81">Fehlt in den Drucken 1952 und 1964.</note> mit dem Hinweis
      auf diese Einheit beantworten, insofern auf festem Boden, als <hi rend="italic">auch der
       sündige <term ref="kbga-keywords-750">Mensch</term></hi>, den wir allein kennen,
       jedenfalls<note xml:id="n82">Drucke 1952 und 1964: «gerade».</note> hinsichtlich dieser
      Einheit <hi rend="italic">die menschliche Natur <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term></hi>
      <hi rend="italic">widerspiegelt</hi> und also nicht aufgehört hat, der wahre Mensch zu <hi rend="italic">sein</hi> und uns das Bild des wahren Menschen zu <hi rend="italic">zeigen</hi>.</p>
  </div>
<!-- nächste Seite -->
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    <div>
      <div>
     <p rend="margin-top">Wir wissen also, woher wir kommen, wir haben das Vertrauen, uns auf dem
      Wege christlicher Erkenntnis zu befinden, wenn wir jetzt dazu <pb xml:id="p471" ed="pga"/>
      übergehen, über die menschliche Natur unter dem besonderen Gesichtspunkt der Frage nach ihrem
      Subjekt eine Reihe von Sätzen aufzustellen. Es soll schlicht darum gehen, den Menschen in
      dieser seiner <hi rend="italic">Einheit</hi> von Mensch und <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> zu verstehen. Es handelt sich um je zwei korrespondierende Sätze über die
      Einheit der menschlichen <term ref="kbga-keywords-913"><hi rend="italic">Existenz</hi></term>
      als Existenz des <hi rend="italic">Einzelnen</hi> und der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi>
      und über die Einheit der menschlichen <hi rend="italic">Art</hi> als <hi rend="italic">eigene</hi> und als <hi rend="italic">gemeinsame</hi> Art.</p>

     <p rend="margin-top">1. <hi rend="italic">Der Mensch ist je der einzelne <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term></hi><hi rend="italic">, der doch gerade als solcher
       nur in der Gemeinschaft der Menschheit existiert</hi>. Die Existenz des Menschen besteht
      darin – mit dieser Feststellung können wir jedenfalls einsetzen –, dass er wissend und wollend
      je dieser Eine und kein Anderer ist: der <hi rend="italic">einzelne</hi> Mensch, ich Ich, du
      Du, Ich nicht mit dir, Du nicht mit mir, Ich und Du auch mit keinem Dritten identisch, Ich
      nicht mit dir, Du nicht mit mir und Ich und Du auch mit keinem Dritten zu vertauschen, Ich und
      Du und jeder Dritte je für sich, und zwar wesentlich und also unbedingt für sich. Der Mensch
      wäre noch nicht oder nicht mehr Mensch, wenn er nicht je dieser, der Einzelne, wäre. Jeder
      Angriff auf seine Einzelnheit, jeder Versuch, ihn mit einem Anderen zu identifizieren, ihn als
      mit einem Anderen vertausch<pb ed="A" n="1278" break="no"/>bar zu behandeln, wäre eine Bedrohung seiner Menschlichkeit.
      Und mit jedem Verzicht auf seine Einzelnheit würde der Mensch etwas tun, was bedeuten würde,
      dass er sich selbst mit dem Verlust seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> bedrohte. Aber mehr als Bedrohung ist hier von Anderen wie von ihm
      selbst her nicht möglich. Das Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> müsste
      aufgehoben werden, wenn es aufhören könnte, je der einzelne Mensch zu sein.</p>
     <p> Dass er als solcher der menschlichen <term key="Mensch, und Menschheit">Gemeinschaft</term>
      angehört, diese vieldimensionierte Tatsache kann daran, dass er dieser Einzelne ist, auf
      keinen Fall auch nur das Geringste ändern.</p>
     </div>

     <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Es ist wahr, dass der Mensch, biologisch-physiologisch gesehen, auch
      einfach je ein Exemplar der menschlichen <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term>, und zwar
      mehr oder weniger deutlich unterschieden ein Exemplar einer der verschiedenen sogenannten
      Rassen dieser Gattung, je der Angehörige eines bestimmten <term key="Mensch, in der Gesellschaft">Volkes</term> und innerhalb dieses <term ref="kbga-keywords-428">Volkes</term> eines bestimmten Stammes und endlich – hier wird seine
      Zusammengehörigkeit mit Anderen in dieser Sicht in der Regel relativ am deutlichsten – der
      Angehörige einer bestimmten <term ref="kbga-keywords-796">Familie</term>, der Erbe bestimmter
       <pb xml:id="p472" ed="pga"/> Vorfahren, das Kind bestimmter Eltern ist. Es ist also wahr,
      dass er je in einem bestimmten Blutzusammenhang und mit all den damit gegebenen
      Eigentümlichkeiten, Merkmalen, Vorzügen und Belastungen ist, der er ist. Und es ist – in
      geschichtlich-geistiger Sicht jetzt – wieder wahr: Er existiert unter bestimmten, mit seinem
      besonderen zeitlich-räumlichen Ort gegebenen Vorbedingungen, wie sie durch die Ursprünge,
      Entscheidungen, Wandlungen und Schicksale seiner näheren und ferneren menschlichen Umgebung
      geschaffen sind. Er existiert in einem jener unter gewissen religiösen Voraussetzungen durch
      politische Willensbildung so oder so zustande gekommenen Ordnungszusammenhänge, die man <term ref="kbga-keywords-160">Staaten</term> nennt, und in der Abgrenzung und Beziehung seines
      Staates zu anderen Zusammenhängen derselben Art, im übergreifenden Zusammenhang von bestimmten
      staatengeschichtlichen Perioden, die hintergründlich so oder so immer auch mit <term key="Religionsgeschichte">religionsgeschichtlichen</term> Wendungen und Abschnitten mehr oder
      weniger <pb ed="A" n="1279"/> zusammenfallen. Er existiert mehr oder weniger bewusst, aber sicher nicht
      unberührt, im Zusammenhang der bestimmten wissenschaftlichen und künstlerischen <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term> und <term ref="kbga-keywords-1386">Bildung</term>
      seiner Zeit und seines Raumes. Er existiert als Angehöriger eines gesellschaftlichen Standes,
      einer bestimmten Klasse und also unter der Herrschaft oder doch unter dem Einfluss von deren
      Verhältnissen, von deren primitiven oder ausgebildeten Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten
      und Vorurteilen, mit den ihr entsprechenden Ansprüchen für sich selbst und an sich selbst, mit
      ihrer besonderen <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term> oder Unmoral. Er existiert
      jedenfalls auch als das Produkt der ihm zufällig oder nicht zufällig von seiner Umgebung
      zugewendeten intellektuellen und lebensmäßigen Erziehung, nicht zuletzt auch der Erziehung,
      die ihm im Blick auf jene religiösen Hintergründe des geschichtlichen Lebens, die ihm also im
      Zusammenhang mit seiner Existenz in irgend einer religiösen Gemeinschaft zuteil geworden ist
      und noch zuteil wird. Er existiert endlich auch in all den scheinbar noch freier gebildeten
      besonderen Gesinnungs- und Zweckgemeinschaften, an denen er auf Grund mehr oder weniger freier
      Wahl mehr oder weniger beteiligt sein mag und ohne die und deren rückwirkenden Einfluss er nun
      doch nicht er selber, dieser Mensch <term key="Mensch, in der Gesellschaft">wäre</term>. So
      existiert der Mensch in der Menschheit. Er tut es vielleicht in vielen oder allen Beziehungen
      im Widerspruch gegen sie. Es gibt einen durchaus nicht wirkungslosen Widerspruch des Einzelnen
      sogar gegen seinen Blutzusammenhang, gegen die ihn im weiteren und engeren Zusammenhang
      umfassende biologisch-physiologische <term key="Mensch, Gattung">Gemeinschaft</term>, um
      wieviel mehr gegen alle jene geschichtlich-geistigen Bindungen. Widerspruch ist auch
      Beziehung, ist auch nur eine Form des Seins in der Gemeinschaft. Ein Entrinnen aus dem Sein in
      der Gemeinschaft ist unmöglich. Auch jeder Fluchtversuch kann es nur bestätigen. Der Mensch
      ist in der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>. Er ist, indem er mit ihr
      verbunden und indem er ihr verpflichtet ist. Er ist, was er ist, indem er durch sie bedingt
      ist, er ist, indem er durch sie beansprucht ist. Wir werden darauf noch zurückkommen.</p>
     </div>


     <div>
     <p rend="margin-top"><pb xml:id="p473" ed="pga" rend="noPipe"/> Er ist aber – und das muss
      zuerst in aller Schärfe gesehen und gesagt <pb ed="A" n="1280"/> sein – auch in der weiteren
      und engeren Gemeinschaft der Menschheit nur so, dass er wesentlich und also unbedingt,
      ursprünglich und also auch letztlich dieser <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> und
      also kein Anderer ist: Ich und also nicht Du und kein Dritter, Du und also nicht Ich und kein
      Dritter, dass er unaufhebbar für sich ist. Das ist seine <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> auch in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft kann sie wohl problematisieren.
      Er selbst kann sie wohl problematisieren. Sie kann ihm aber nicht abgenommen und nicht geraubt
      werden, und er selbst kann sie nicht dahingeben. Sie bestätigt sich, auch wenn sie von der
      Gemeinschaft her aufzuheben versucht wird; sie bestätigt sich auch in seinem eigenen Versuch,
      sie fahren zu lassen. Die menschliche <term key="Mensch, Person">Person</term> selbst und als
      solche kann ja nicht aufhören, Person zu sein. Nur Gott, der sie geschaffen hat, könnte sie
      aufheben. Von ihm gehalten ist sie unaufhebbar. |</p>
     <p> Das biologisch-physiologische Exemplar Mensch ist in all seiner bis zur Vollkommenheit
      gehenden Ähnlichkeit mit Anderen nun eben dieses und kein anderes, dieser um seine Einzelnheit
      wissende und sie wollende, dieser die Eigentümlichkeiten, Merkmale, Vorteile und Belastungen
      seines allgemeinen und besonderen Blutzusammenhangs schlechthin für sich verkörpernde Mensch.
      Lebt er sein Leben auch in der vollkommensten Entsprechung mit anderen Exemplaren derselben
       <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term> und <term ref="kbga-keywords-1388">Rasse</term>,
      desselben <term ref="kbga-keywords-428">Volks-</term>, <term key="Mensch, in der Gesellschaft">Stammes-</term> und <term ref="kbga-keywords-796">Familienzusammenhangs</term>, als Kind
      unter Kindern derselben Eltern, so ist und bleibt es doch sein Leben, für sich beginnend,
      verlaufend und endigend im Raum und in der Zeit. Lebe ich schon von dieser Seite gesehen nur
      im Zusammenhang mit dem großen Wir, unter den Bedingungen und Gesetzen, die für uns Alle
      gelten und denen auch ich mich auch nicht im Kleinsten entziehen kann, so heißt das doch
      nicht, dass mein Leben in unserem Leben aufgeht und verschwindet. Ich kann auch im
      umfassendsten Wir meines biologisch-physiologischen <term key="Mensch, Existenz, physisch-biologisch">Seins</term>, ich kann auch im Bereich der
      allgemeinsten <term key="Gesetzlichkeit, natürlich-biologische">Gesetzlichkeit</term> des von
      dieser Seite gesehenen Ablaufs meiner Existenz nicht aufhören, Ich zu sein. Mein ist bei aller
      nachweisbaren Bedingtheit und Entsprechung meine Erzeugung und meine Geburt, die ganze
      Entwicklung und Geschichte meines Organismus mit der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit, der
      Gesundheit oder Krankheit <pb ed="A" n="1281"/> auch der feinsten <pb xml:id="p474" ed="pga"/>
      Verästelungen aller seiner Organe, mein ist sein Leben ebenso wie sein vielleicht schon mit
      meiner Geburt anhebendes und schließlich zu vollendendes Sterben. Ich bin der Mann – nicht
      etwa nur darum, weil das Alles in so besonderer, nun eben in meiner Art mein ist, davon ist
      später zu reden –, sondern zuerst und vor allem darum, weil niemand mir bestreiten, weil auch
      ich selbst mir das nicht abstreiten kann, dass ich Alles, was ich als Exemplar der Gattung
      Mensch in irgend einer der Besonderheiten ihrer Gestalt bin, durchmache und erleide,
      ursprünglich und also auch letztlich ganz mit mir selbst auszumachen habe. Eine Vertauschung
      zwischen mir und irgend einem Anderen kommt schon in dieser Sicht bei allem offenkundigen
      Zusammenhang zwischen mir und allen Anderen nicht in Frage. Schon dem Exemplar Mensch bleibt
      diese erste und letzte <term key="Mensch, Einzelner">Selbständigkeit</term>.</p>
     <p> Das gilt nun aber erst recht von seiner geschichtlich-geistigen <term key="Mensch, Existenz, geistig-historisch">Existenz</term>. Die Bedingungen, unter denen er
      auch hier existiert, sind überall mit Händen zu greifen. Aber sie sind <hi rend="italic">ihm</hi> gestellt. Sie sind auch hier und hier erst recht genau genommen nur Vorbedingungen
      zu der Bedingung, die er selber ist. Das große Wir umfasst ihn von allen Seiten; aber der hier
      umfasst wird, heißt Ich oder Du, ist Dieser oder Jener, der, indem er sich selbst als Einer
      von den Wir begreifen und betätigen muss, darum nicht aufhört, Dieser oder Jener zu sein. Er
      ist betroffen durch die Ursprünge und Entscheidungen, durch die Wandlungen und Schicksale
      seiner menschlichen Umgebung. Er ist in Anspruch genommen durch den religiös-politischen
      Zusammenhang seines Staates, der allgemeinen Staatengeschichte und der besonderen seiner Zeit,
      und seine Sache wird es nun, diesem ihn Betreffenden standzuhalten, diesem an ihn gerichteten
      Anspruch willig oder unwillig, positiv oder widerstrebend, angemessen oder unangemessen Genüge
      zu tun. So steht es auch mit den Ansprüchen und Einflüssen der ihn umgebenden Kultur, so auch
      mit denen seines Standes und seiner <term key="Mensch, in der Gesellschaft">Klasse</term>. Die
      Räume und Zeiten sind nie bloß die der Anderen; indem sie die der Anderen sind, werden sie
      notwendig auch seine eigenen, nach deren besonderer Füllung, gerade indem <pb ed="A" n="1282"/> sie scheinbar
      übermächtig von den Anderen besorgt wird, nun doch auch er gefragt ist, an deren Füllung
      gerade er sich nun auf alle Fälle so oder so beteiligen wird. Gerade die allgemeine <term key="Religionsgeschichte">Religions-</term>, <term ref="kbga-keywords-398">Staaten-</term>
      und <term key="Kulturgeschichte">Kulturgeschichte</term> wird an seinem Ort und zu seiner Zeit
      durchaus seine ei<pb xml:id="p475" ed="pga" break="no"/>gene Geschichte. Sie wird es auch
      dann, wenn er ihr unwissend und unwillig, auch wenn er ihr gleichgültig oder widerstrebend
      gegenübersteht. Er ist es, dem sie so oder so zu seiner Geschichte wird. Und wenn er das
      Produkt seiner Erziehung ist, so muss doch auch das bedeuten, dass gerade er sie
      entgegennimmt, sie sich gefallen lässt; in größter Abhängigkeit von ihr ist und bleibt doch er
      es, der von ihr abhängig ist, der sich durch sie bestimmen und leiten lässt. Keine Übermacht
      der Verhältnisse von außen und keine Schwachheit und Nachgiebigkeit von innen kann daran etwas
      ändern, dass er als dieser <term key="Mensch, Einzelner"><hi rend="italic">Einzelne</hi></term> in diesen Verhältnissen und also<note xml:id="n83">Im Tskr. steht – bis
       ganz an den Rand geschrieben – lediglich «als»; Ergänzung durch die Hrsg.</note> in der <term key="Mensch, Menschheit">Menschheit</term> ist. Seinen Ort und seine Zeit kann ihm kein
      Anderer, kann ihm kein <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektiv</term>, dem er zwangsläufig
      oder auch freiwillig angehören mag, wegnehmen, wie er ihm auch von sich aus nimmermehr
      entfliehen kann. Ich kann wohl im Kollektiv sein, ich kann aber nicht in ihm verschwinden: ich
      kann das auch nicht im allerkleinsten Teil, auch nicht in der nebensächlichsten Beziehung; ich
      kann das auch dann nicht, wenn das Kollektiv es noch so dringlich von mir verlangte, und auch
      dann nicht, wenn ich selber noch so schwach oder noch so willig dazu wäre. Ich kann nicht zur
      bloßen Nummer werden, auch wenn ich es wollte, geschweige denn, dass mich jemand dazu machen
      könnte. Immer weiß und will ich mich ja auch im <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektiv</term> als Dieser, an dessen Stelle kein Anderer sein kann. Immer bleibt ja das
      Schlagwort, dass kein Mensch unersetzlich sei, mindestens darin völlig unwahr, dass kein
      Mensch sich selbst ersetzlich ist. Er kann ganz und gar mit den Anderen und ganz und gar wie
      die Anderen denken, reden, handeln, seine eigene Art mag als solche bis nahe zum Nullpunkt hin
      bedeutungslos werden. Er kann aber nicht aufhören, selbst zu denken, zu reden, zu handeln. Er
      kann sich selbst auch in dieser Hinsicht nicht auslöschen und nicht vergessen. Er befindet
      sich auch in der größten Gleichförmigkeit mit Anderen im Vollzug eines persönli<pb ed="A" n="1283" break="no"/>chen Aktes.
      Er denkt, redet und handelt auch dann in eigener Verantwortung, wenn er diese auf Andere
      abschiebt, d. h. auch dann, wenn er von seiner eigenen <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortlichkeit</term> nichts wissen will. Er weiß ja auch dann jedenfalls darum, dass er
      nichts davon wissen will, und <pb xml:id="p476" ed="pga"/> eben dieses Nichtwissen will er
      dann auch. Eben in diesem Wissen und Wollen ist er aber auch dann er selbst, dieser <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>. Die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>,
      er und nur er zu sein, ist unverlierbar. Sie kann von außen bedroht werden. Der Mensch kann
      dieser Drohung gegenüber schwach und nachgiebig sein. Er wendet sich dann aber gegen sich
      selbst. Es ist ihm nicht etwa bestimmt, hier schwach und nachgiebig zu sein, sein Sein als
      Einzelner selbst in Gefahr zu bringen. Ihm ist es vielmehr bestimmt, sein Sein als Einzelner
      und also seine Freiheit gegen jene Bedrohung zu verteidigen. Gerade dass er sie offenkundig
      nicht verlieren kann, zeigt, dass er seine Bestimmung in dieser Richtung zu suchen hat.
      Freiheit – die Freiheit des Einzelnen in der Gemeinschaft, seine Freiheit, ohne
      Beeinträchtigung des umfassenden Wir und gerade in dieser Umfassung Er zu sein – ist nicht
      eine Sache, die der Mensch haben oder auch nicht haben, betätigen oder auch lassen kann. Er
      steht und fällt damit, dass er sie hat und <term key="Mensch, steht und fällt mit seiner Freiheit Er zu sein">betätigt</term>. Er ist in dem
      Maß Mensch, als er das tut. Er ist es in dem Maß nicht, als er das nicht tut.</p>
     <p> Wir haben aber schon in diesem ersten Satz mehr gesagt als das. Es ginge nicht an, bei der
      Feststellung stehen zu bleiben, dass die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> des
      Einzelnen in der Gemeinschaft und der Gemeinschaft gegenüber unverlierbar und notwendig zu
      verteidigen ist. Wir müssen nun auch positiv feststellen, dass gerade der einzelne Mensch als
      solcher und also seine unverlierbare Freiheit nur in der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi>
      der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> existiert. Die Existenz des Menschen
      besteht darin, dass er als einzelner <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> in dieser
      Gemeinschaft ist. Er ist schlechthin Dieser, der kein Anderer ist, der auch in keinem Wir
      untergehen und verschwinden kann. Er kann aber eben als Dieser nur in der Gemeinschaft, er
      kann Ich oder Du nur im Wir sein. Die Gemeinschaft begrenzt, bedrängt <pb ed="A" n="1284"/>
      und bedroht ihn also nicht nur in seiner Einzelnheit, sondern gerade in ihr ist diese wahrhaft
      begründet. Nur der in der Gemeinschaft der Menschheit stehende Mensch ist wahrhaft Mensch und
      also auch einzelner Mensch: er selbst in jener nicht aufzuhebenden <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term key="Mensch, Selbständigkeit">Selbständigkeit</term>. Er wäre es noch nicht oder nicht mehr, wenn er etwa ausschließlich
      Einzelner, im strengen Sinn des Begriffs Privatperson, wenn er etwa der Einzige sein könnte.
      Wieder wäre es eine Bedrohung seiner Menschlichkeit, wenn er der Versuchung, sich selbst als
      Einziger zu gehaben, nachgeben oder wenn er Anderen, die er sich so gehaben wollen sieht,
      damit entge<pb xml:id="p477" ed="pga" break="no"/>gentreten wollte, dass er dasselbe tut. Aber
      um mehr als um einen undurchführbaren Versuch kann es sich auch bei diesem Gehabenwollen nicht
      handeln. Das Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> müsste aufgehoben werden, wenn
      es wirklich aufhören könnte, der einzelne Mensch in der menschlichen <term key="Mensch, und Menschheit">Gemeinschaft</term> zu sein.</p>
     <p> Gerade indem er der Einzelne ist, ist er in der menschlichen Gemeinschaft. Er kann schon in
      seiner physischen <term key="Mensch, Existenz, physisch-biologisch">Existenz</term> nur lauter
      gemeinschaftliche Elemente des menschlichen Geschlechts im weiteren Sinn und seiner besonderen
      Gestaltung bis herunter zu seinem besonderen Stammbaum verkörpern. Er verkörpert sie neu,
      besonders und einmalig. Das ist das merkwürdige Zeichen seiner <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnheit</term> schon im physischen Bereich, dass er dasselbe wie alle Anderen bestimmt
      für sich und anders als jeder Andere verkörpert. Er kann und wird aber doch nichts Anderes als
      dasselbe wie jeder Andere nun eben neu, besonders und einmalig verkörpern. Er ist schon
      physisch nicht dazu fähig und bestimmt, Einziger zu sein, als <term key="Mensch, Übermensch">Über-</term> oder <term key="Mensch, Untermensch">Untermensch</term><note xml:id="n84">Die
       Rede vom «Übermenschen» begegnet signifikant bei <bibl corresp="kbga-bibls-326"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach Zarathustra.
         Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden,
        hrsg. von G. Colli / W. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 14</bibl>: «Ich lehre
       euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan,
       ihn zu überwinden? […] Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine
       schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder
       eine schmerzliche Scham. […] Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist
       in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als
       irgend ein Affe. […] Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der
       Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!» <p>Von «Untermenschen» – als
        Gegenbegriff gegen <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName> «Übermenschen» bereits vorher durchaus verbreitet – sprach
        insbesondere die nationalsozialistisch-rassistische Propaganda in Bezug auf die Völker der
        <placeName ref="kbga-places-1425">Sowjetunion</placeName>; vgl. etwa die von <bibl corresp="kbga-bibls-5366"><persName ref="kbga-actors-3277">Heinrich Himmler</persName>
        herausgegebene Hetzbroschüre: <hi rend="italic">Der Untermensch</hi>, hrsg. vom Reichsführer
        SS, Berlin [1942]</bibl>.</p></note> aus dem Zusammenhang des Menschengeschlechts und seines
      besonderen Kreises innerhalb des Ganzen herauszutreten. Es gibt schon im Physischen wohl
      Ausnahmen, d. h. Anomalien, Defekte und Hypertrophien, Verkümmerungen und Entartungen. Sie
      bewegen sich aber alle innerhalb einer bestimmten Grenze. Sie bedeuten nicht, dass der
      betreffende mit ihnen behaftete Einzelne ihretwe<pb xml:id="p478" ed="pga" break="no"/>gen
      aufhörte, Mensch im allgemeinen und in seinem besonderen Umkreis des Menschengeschlechts <pb ed="A" n="1285"/> und also so und also gerade nicht als Einziger dieser einzelne Mensch zu
      sein. Sie fallen wohl auf, es ist aber bezeichnend und auch ganz in Ordnung, dass sie von
      jeher vorwiegend negativ aufgefallen sind, Entsetzen, Furcht und Mitleid und nicht etwa
      Bewunderung und Neid erregt haben. Das ist darum in Ordnung, weil sie als Ausnahmen auf jene
      Grenze hinweisen. Sie haben aber diese Grenze faktisch noch nie überschritten. Auch der
      sogenannte Krüppel ist als solcher nicht weniger ganzer Mensch, d.  h. vollkommenes Glied der
      menschlichen Gemeinschaft als der sogenannte normale Mensch. Auch er ist es nur besonders, und
      eben das ist ja auch von dem sogenannten Normalmenschen zu sagen. Was aber dieser in seiner
      physischen Existenz Besonderes ist, ist erst recht nicht dazu hinreichend, dass er auch nur
      seine fernsten, geschweige denn seine nächsten Vorfahren und Verwandten ganz verleugnen
      könnte. Und dass er seine Erzeugung und Geburt, sein Leben und Sterben so ganz für sich hat,
      ändert ja nichts daran, dass er in dem Allem, wie besonders neu und einmalig es auch für ihn
      in seinem Fall sein mag, den allgemeinen Gesetzen unterworfen ist wie jeder Andere und dass
      ihm das Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit in demselben großen Lebenszusammenhang
      widerfährt, in welchem in näherem und fernerem Umkreis auch alle Anderen in ihrer Einzelnheit,
      auch sie ganz für sich mutatis mutandis derselben Widerfahrnisse teilhaftig sind. Von seinen
      Vorfahren und zuletzt von seinen Eltern her, neben seinen Brüdern und Schwestern und in der
      Regel für seine Kinder hat er seinen Organismus und auf alle Fälle – wenn auch durch Räume und
      Zeiten getrennt von diesen Nächsten und Nahen und noch weiter von den Fernen und Fernsten –
      jedenfalls <hi rend="italic">mit</hi> diesen Allen, <hi rend="italic">wie</hi> sie Alle. Er
      könnte auch das Neue, Besondere und Einmalige, das ihn als diesen Einzelnen kennzeichnet,
      nicht sein ohne das Allgemeine, in dessen Grenzen es neu, besonders und einmalig ist. Er ist
      nicht außerhalb, sondern nur innerhalb jenes ihn umfassenden Lebenszusammenhangs dieser <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>. |</p>
     <p> Das Alles gilt nun aber erst recht, wenn wir an den geschichtlich-geistigen Aspekt der
      menschlichen <term key="Mensch, Existenz, geistig-historisch">Existenz</term> denken. Dass der
      Mensch je für sich existiert, das kann doch auch hier nur heißen, dass er <pb ed="A" n="1286"/> je für sich, je
      als Dieser oder Jener, je an seinem Ort und zu seiner Zeit <pb xml:id="p479" ed="pga"/>
      Mensch, d. h. aber eben das ist, was alle Anderen auch sind, und also das allgemeine
      menschliche Wesen verwirklicht und gestaltet. Er tut es sicher neu und besonders. Er ist
      sicher auch als geistig-geschichtliches Wesen so Mensch, wie es vor ihm kein Anderer gewesen
      ist, nach ihm kein Anderer sein wird. Er ist als Dieser oder Jener an seinem Ort und zu seiner
      Zeit einmalig, unwiederholbar und unersetzlich. Er kann und wird aber bei aller Neuheit,
      Besonderheit und Einmaligkeit seines Menschseins darum nicht der Einzige sein, weil er sich
      auch als Dieser und Jener an seinem Ort und zu seiner Zeit jedenfalls im Umkreis des
      Menschlichen befindet, der als solcher nicht unendlich, sondern bestimmt und begrenzt und in
      dem als solchem er nicht allein, sondern unter und neben Anderen ist, die gleich ihm selbst je
      für sich in der Verwirklichung und Gestaltung des allgemein menschlichen Wesens begriffen
      sind. Er kann nur mit ihnen zusammen für sich, ein Einzelner sein. Er kann sich selbst in
      seiner Einzelnheit nur wissen und wollen, indem er das weiß und will, was auch jeder andere
      Mensch – auch er in seiner Einzelnheit – ebenfalls wissen und wollen muss. Er kann es also
      grundsätzlich nur mit den anderen Menschen zusammen, grundsätzlich nicht etwa ohne oder gegen
      sie wissen und wollen. Ein Ich oder Du, das in wirklicher Privatheit als das Ich oder Du eines
      Einzigen nur sich selbst wüsste und wollte, wäre als solches nicht menschlich. Ein
      egoistischer <term ref="kbga-keywords-1558">Mensch</term> im strengen Begriff ist ein
      hölzernes Eisen. Der Mensch ist gerade in seiner <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnheit</term> nicht einzig. Er verwirklicht und gestaltet gerade in seiner Einzelnheit
      das gemeinschaftlich <term key="Mensch, und Menschheit">Menschliche</term> und also die
      menschliche Gemeinschaft. |</p>
     <p> Die scheinbaren Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Man kann gerade unter einem
      «großen» <term key="Mensch, «großer»">Menschen</term>, dem man das Prädikat der Einzigkeit
      zuzuschreiben wohl versucht sein möchte, doch nur einen solchen Menschen verstehen, der nun
      eben für sich und in seiner Person das gemeinschaftlich Menschliche in irgend einer Richtung
      besonders groß, sichtbar, eindrücklich und wirkungsvoll dargestellt und eben mit dieser
      Darstellung die menschliche Gemeinschaft <pb ed="A" n="1287"/> in irgend einem Bezirk
      besonders groß, sichtbar, eindrücklich und wirkungsvoll gemacht hat. Er ist also nicht darin
      groß, dass er abseits von dem, was aller Menschen Sache ist, etwas für sich gefunden, gewonnen
      und entfaltet hätte, sondern er ist es darin, dass er im Umfang dessen, was aller Menschen
      Sache ist, einen allen oder den meisten <pb xml:id="p480" ed="pga"/> Anderen bisher so nicht
      bekannten Schatz gemeinschaftlichen Gutes ans Licht, und zwar für sie ans Licht gehoben, dass
      er sich um das gemeinschaftlich Menschliche und damit um die menschliche Gemeinschaft verdient
      gemacht hat. Gerade große Menschen sind jedenfalls in ihrer Größe keine Privatpersonen, keine
      Einzigen. Das ist ein Satz, der dadurch nur bestätigt werden kann, dass sie neben ihrer Größe
      manchmal tatsächlich auch ein weniger großes Privatleben haben. Und wenn man andererseits von
      Menschen redet, die im <term ref="kbga-keywords-174">Bösen</term> «groß» sind, so versteht man
      darunter mit Recht solche, die sich gerade an dem gemeinschaftlich Menschlichen und damit an
      der menschlichen Gemeinschaft in besonders ausgezeichneter und folgenschwerer Weise vergriffen
      und damit die Anderen in besonders nachdrücklicher Weise zur Besinnung auf das allgemein
      Menschliche und zur Verteidigung der menschlichen Gemeinschaft aufgerufen und damit letztlich
      – wenn auch indirekt und wider Willen – noch immer beiden gedient haben. Privatpersonen können
      gerade solche Verbrecher an der Menschheit umso weniger sein, je mehr sie es offenbar sein
      möchten. Der Einzelne kann der geschichtlichen Gemeinschaft so wenig entrinnen, wie er seiner
      geschichtlichen Einzelnheit beraubt werden oder sich selber entäußern kann. Er ist immer nur
      in der Gemeinschaft der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>. Wie er es ist, ist eine
      Frage für sich. Aber dass er es ist, ist keine Frage. Was er für sich hat, das hat er immer
      nur in irgend einer Form von Teilnahme am Allgemeinen, und was er für sich tut, das ist immer
      irgend eine Form von Gemeinwerk. Er hört und er antwortet. Er empfängt und er gibt. Er ist von
      Anderen her und zu Anderen hin. In der Mitte zwischen diesen beiden Bewegungen oder in der
      Mitte dieser einen Bewegung und nur da ist er für sich, ist er der freie Einzelne. Er kann
      sich als solcher nur in dieser Bewegung üben. <term ref="kbga-keywords-1619">Erziehung</term>
      heißt Einübung in dieser Bewegung. <pb ed="A" n="1288"/> Ihr kann sich aber auch der
      Unerzogene und also Uneingeübte keineswegs entziehen. Indem er neben und mit, so oder so von
      Anderen her und für <term key="Mensch, und Menschheit">Andere</term> lebt, indem er an seinem
      Ort und zu seiner Zeit in der Geschichte ist, ist er wohl oder übel, schlecht oder recht, in
      der Ausübung dieser Bewegung begriffen, empfängt und schafft er Kultur, ist er dem Staat
      unterworfen und ist er selber der den Staat bauende <term key="Mensch, in der Gesellschaft">Bürger</term>, unterliegt er religiösen Einflüssen und übt er selber solche aus. Es gibt
      Vereine, aus denen man austreten, und andere, aus denen man nur <pb xml:id="p481" ed="pga"/>
      unter höchst gewaltsamen und gefährlichen Operationen austreten kann. Aus dem Verein als
      solchem, d. h. aus der menschlichen Gemeinschaft kann man überhaupt nicht austreten, so gewiss
      man unverbrüchlich dieser einzelne Mensch ist. Denn eben als dieser einzelne Mensch kann ein
      Jeder nur das sein, was der Andere in seiner Einzelnheit auch sein muss. Eben als dieser
      einzelne <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> muss er sich also – und wäre er ein
      Räuber in einer Räuberhöhle oder ein <term key="Anarchismus">Anarchist</term> in einem
      Anarchistenklub – notwendig mit der menschlichen Gemeinschaft auseinandersetzen, notwendig zu
      ihrer neuen Begründung und Erhaltung beitragen. Sie wird als notwendige Bestimmung der
      menschlichen Natur auch da offenbar, wo sie unerwünscht ist und wo sie geleugnet wird. Sie ist
      so notwendig, dass auch ihre Leugnung immer zu irgendwelchen Gemeinschaftsakten führt, anders
      als in irgendwelchen Gemeinschaftsakten gar nicht wirksam vollzogen werden kann und also auf
      die Bestätigung dessen, was man leugnen möchte, hinauslaufen muss. Der Einzelne kann im
      Verhältnis zu den Anderen lieben oder hassen oder gleichgültig sein, er kann sie zurückstoßen
      oder aufnehmen, er kann ihnen dankbar oder undankbar begegnen, er kann für sie fruchtbar
      werden oder steril bleiben, er kann ihren Beistand verschmähen oder nutzbar machen, er kann
      ihnen seinerseits Beistand oder Hemmung bedeuten, und was er empfängt und was er gibt, kann
      gut oder schlecht sein. Nur Eines kann er nicht, auch wenn er es noch so gerne wollte: Er kann
      nicht wirklicher Einzelgänger, er kann kein echter <term ref="kbga-keywords-1558">Egoist</term> werden. Er kann das immer nur werden wollen. Er unternimmt dann aber einen
       <pb ed="A" n="1289"/> Versuch, zu dessen Durchführung es nur untaugliche Mittel gibt. Er kann aus seinem
      geschichtlichen Zusammenhang mit den Anderen nicht <term key="Mensch, und Menschheit">heraustreten</term>. Er kann das gemeinschaftlich Menschliche, das so oder so bestimmt auch
      er verwirklicht und gestaltet, und die menschliche Gemeinschaft, in der so oder so bestimmt
      auch er sich bewegt, nicht aus der Welt schaffen. Wie nur Gott die Person aufheben könnte, so
      könnte auch nur Gott die Gemeinschaft aufheben: Gott, der dem Menschen, indem er ihn erschuf,
      auch diese Bestimmung seiner Natur gegeben hat: indem er Ich sagt, auch Wir zu sagen, gerade
      der Einzelne nur in dieser Umfassung zu sein.</p>
     <!-- <div type="ditigal_division"> -->
     </div>

     <div type="excursus">
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p482" ed="pga" rend="noPipe"/> Man bemerke, dass wir den
       Satz, dass der Mensch je der einzelne <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> ist, durch
       das nun Gesagte nicht umgestürzt und auch nicht eingeschränkt haben. Dieser Satz gilt, und er
       gilt ohne jede Einschränkung. Wir haben ihn aber präzisiert. Wir haben uns klargemacht, wie
       und inwiefern der Mensch je der einzelne Mensch ist. Wir haben zur Erklärung dieses Satzes
       das Mehrere gesagt, dass eben die menschliche Einzelnheit die menschliche Gemeinschaft in
       sich schließt, eben der einzelne Mensch nur in der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> existiert. Jener Satz bedarf nämlich solcher Erklärung. Der <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> als die Lehre von allerlei mechanischen oder
       organischen menschlichen Ganzheiten, an welchen der einzelne Mensch nur als Sandkorn oder
       Zelle Anteil habe, hat sich in unseren Tagen verdächtig und mehr als verdächtig gemacht. Ihm
       haben wir hier nicht das Wort geredet. Ihm werden wir auch nachher nicht das Wort reden, wenn
       wir in Umkehrung des Gedankengangs geradezu von der Menschheit her zum einzelnen Menschen
       vorzudringen haben werden. Er bedeutet zweifellos eine Verkennung der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>. Wer den Menschen nicht in vollem, uneingeschränktem Ernst
       als den einzelnen Menschen sieht, der sieht ihn überhaupt nicht, und wenn er noch so gewaltig
       von den großen menschlichen Zusammenhängen und Ganzheiten redete. Der beste Beweis für die
       tiefe Unmenschlichkeit des Kollektivismus besteht darin, dass er sich in unseren Tagen ja
       gerade dadurch so unmöglich gemacht hat, dass er, seiner angeblichen Intention zuwider,
       gerade das gemeinschaftlich Menschliche nur mit Füßen zu <pb ed="A" n="1290"/> treten und so gerade die
       menschliche Gemeinschaft nur in unerhörtestem Umfang zu zerstören wusste. Es wäre aber
       unbesonnen, dieser heute wieder einmal manifest gewordenen Verirrung mit einer Lehre
       entgegenzutreten, die nun doch nur in einer weiteren Umdrehung des Rades, in einer Rückkehr
       zu dem <term ref="kbga-keywords-322">individualistischen</term>
       <term key="Liberalismus">Liberalismus</term> bestehen würde, dem sich der Kollektivismus
       unserer Tage seinerzeit so unbesonnen entgegengeworfen hat. Vergessen wir nicht, dass jener
       in seiner Weise ebenso böse war wie das, was heute jedenfalls in seiner schlimmsten Gestalt
       zu Grabe getragen wird.<note xml:id="n85">Im Frühsommer 1944, als dieser Abschnitt
        geschrieben bzw. vorgetragen wurde, war es der <orgName ref="kbga-actors-10397">Roten Armee</orgName> bereits gelungen, die <orgName ref="kbga-actors-10398">deutsche
        Wehrmacht</orgName> wieder weitestgehend aus dem eigenen Staatsgebiet zurückzudrängen und den Krieg
        nach Ostmitteleuropa zu verlagern. Bereits im Herbst 1943 waren die Alliierten auf dem
        italienischen Festland gelandet, und die Invasion in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> stand unmittelbar bevor. Die
        Niederlage <orgName ref="kbga-actors-8359">Deutschlands</orgName> und damit der Untergang des <orgName ref="kbga-actors-8272">Nationalsozialismus</orgName> zeichneten sich also
        deutlich ab.</note> Es darf jetzt gerade nicht alles wieder ungefähr so werden, wie es
       vorher war. Wir dürfen jetzt also gerade nicht zu einer Auffassung vom Menschen zurückkehren,
       in der der Einzelne zwar vermeintlich zu neuer Ehre gebracht, das gemeinschaftlich
       Menschliche und also die menschliche Gemeinschaft aber, in der allein er der Einzelne sein
       kann, aufs Neue vergessen würde. Dann würde ja gerade der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>, dessen Bedeutung und Würde wir jetzt wieder haben schätzen lernen, nicht
       zu neuer Ehre, sondern bestimmt nur zu neuer <pb xml:id="p483" ed="pga"/> Unehre gebracht.
       Der Kollektivismus ist wie jeder <term key="Kollektivismus, Irrtum">Irrtum</term> nicht ohne
       eine <foreign xml:lang="lat">particula <term key="Kollektivismus, particula veri">veri</term>.</foreign> Sie besteht eben
       darin, dass der Einzelne – nicht als Sandkorn oder Zelle, sondern als die eigene, neue,
       besondere einmalige Person, die jeder einzelne Mensch in unaufhebbarer Freiheit ist – nur in
       der Gemeinschaft, der Mensch nur in der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>
       existiert. Es wäre nicht gut, wenn man dem <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> gegenüber – darum, weil er diese Wahrheit nur in Gestalt eines
       verderblichen Irrtums auf den Plan zu führen wusste – nur reagieren, wenn man ihn nicht zum
       Anlass nehmen würde, dasselbe, was er verkehrt sagte und machte, besser und recht zu sagen
       und dann auch zu machen. Das Rechte besteht aber eben in der Präzisierung und Erklärung jenes
       Satzes vom Einzelnen: in der Erkenntnis, dass er nur insofern wirklich für sich sein, sein
       Leben haben, seine Verantwortlichkeit wahrnehmen kann in jener Unersetzlichkeit, die des
       Menschen Bestimmung ist, als er von der engeren und weiteren Menschheit her und für sie ist –
       in der Erkenntnis, dass er ganz allein in der Gemeinschaft und in keiner Hinsicht außer ihr,
       nie wirklich ohne und <pb ed="A" n="1291"/> gegen sie der freie Mann, die freie Frau ist,
       dass er gerade dem unerschütterlichen Gesetz der Freiheit nur in dieser Gebundenheit gerecht
       werden kann. Es wird, wenn der Angriff auf das menschlich Besondere, dessen erschütterte
       Zeugen wir nun gewesen sind, einmal endgültig abgeschlagen ist, gerade um seiner wirklichen
       Entdeckung und dauernden Erhaltung willen einer ganz neuen Zuwendung zum menschlich
       Allgemeinen bedürfen, ohne das es auch kein Besonderes gibt, und einer ganz neuen Zuwendung
       des Einen zu den Anderen, den Vielen, ohne die der Eine auch nicht wahrhaft der Eine sein
       kann.</p>
       </div>
      </div>
    </div>
<!-- nächste Seite -->
 <div>
  <div>
       <div>
      <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2. Der Mensch ist die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term></hi>
       <hi rend="italic">als Gemeinschaft aller Menschen, die doch als solche nur je im einzelnen
        Menschen existiert</hi>. Der Mensch ist nicht nur Dieser, der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>. Er ist auch <hi rend="italic">der</hi> Mensch. Mensch heißt und ist auch
       die Menschheit als Gemeinschaft aller Menschen. Und das ist nicht nur Ergänzung und Erklärung
       des Satzes vom Einzelnen. In diesem Sinn hat uns die Sache vorhin beschäftigt. Wir haben es
       aber mit einem Satz zu tun, der in selbständiger Geltung und gleicher Würde neben jenem
       ersten steht. Man kann und muss – und darum handelt es sich jetzt – den Menschen mit gleichem
       Ernst wie vom Einzelnen auch von der Menschheit her begreifen, wobei der Begriff dann
       umgekehrt als vorhin einer Richtigstellung unter dem Gesichtspunkt, dass der Mensch der
       Einzelne ist, bedürfen wird. – Dass wir einen Einzelnen als Menschen ernst nehmen, ansprechen
       und behandeln, das hängt davon ab, dass wir in ihm nicht nur <hi rend="italic">diesen</hi>
       Menschen erkennen, sondern gleichzeitig <hi rend="italic">den</hi> Menschen wiedererkennen,
       in seiner menschlichen Person die Gemeinschaft aller Menschen, ihn für <pb xml:id="p484" ed="pga"/> sich in seiner Einzelnheit als besondere Darstellung der Menschheit. Diese zweite
       Bestimmung ist so konkret, so inhaltlich, so unentbehrlich wie die erste. Es wäre also nicht
       etwa am Platze, sie im Gegensatz zu jener als bloße «Idee» zu verdächtigen. Es wäre auch
       nicht am Platze, sie bloß als sekundär anzusehen und zu behandeln. Sie kann gewiss keinen
       Primat beanspruchen. Es gibt aber auch keinen Primat des Satzes vom Einzelnen. Hier gilt
       vielmehr strenge Reziprozität. Wer im Menschen nur den Einzelnen und nicht auch die
       Menschheit sieht, der sieht ihn so wenig als Menschen wie der, <pb ed="A" n="1292"/> der ihn
       nicht als Einzelnen sehen wollte. Das Subjekt <term key="Mensch, Subjekt">Mensch</term> ist
       Träger dieser <hi rend="italic">beiden</hi> Prädikate.</p>
      <p> Wir verstehen unter Menschheit zunächst wieder die physische <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term>. Dass es eine solche gibt: ein in sich ebenso einheitliches wie von anderen
       Gattungen verschiedenes Menschengeschlecht, das ist eine für den Begriff der menschlichen
       Natur nicht gleichgültige, sondern wichtige Feststellung. Sie bedeutet, dass der Mensch schon
       als organisches Lebewesen wie je für sich, so auch als eines von vielen gleicher Art und mit
       ihnen unter grundsätzlich den gleichen inneren und äußeren physischen Bedingungen existiert.
       Dass diese Zugehörigkeit sich auf eine von anderen verschiedene Gattung bezieht, besagt, dass
       auch der einzelne <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> an dieser Verschiedenheit
       unveräußerlichen Anteil hat. Und dass die Gattung, der er angehört, in sich einheitlich ist,
       besagt, dass der Anteil jedes einzelnen Menschen an der Art der menschlichen <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term> grundsätzlich der gleiche ist wie der jedes anderen.
       Wer «Mensch» sagt, meint im Blick auf jeden einzelnen Menschen einen bestimmten, und zwar
       grundsätzlich einen und denselben biologisch-physiologisch erfassbaren Wirklichkeitskomplex.
       Es gibt schon hier «Grenzen der Menschheit»<note xml:id="n86"><bibl corresp="kbga-bibls-1392">Titel eines Gedichtes von
         <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (1781; Berliner Ausgabe, Bd. 1,
        S. 330f.)</bibl>.</note>, die nach außen ebenso Unterscheidung und also Ungleichheit wie nach innen
       Nicht-Unterscheidung und also Gleichheit und also die Gemeinschaft aller Menschen in dem
       doppelten Sinn bezeichnen: als ihre Gemeinschaft gegenüber allen anderen Wesen und als ihre
       Gemeinschaft untereinander. Das sind scheinbar Selbstverständlichkeiten, es hängt aber alles
       davon ab, dass sie gesehen sind und gelten. |</p>

      <p><pb xml:id="p485" ed="pga" rend="noPipe"/> Der Unvertauschbarkeit jedes <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> gegenüber jedem Anderen entspricht zunächst die
       Unvertauschbarkeit des gemeinschaftlich <term key="Mensch, und Menschheit">Menschlichen</term> gegenüber der Art aller anderen Wesen. Indem der Mensch im Kosmos lebt
       und ihm als eines seiner Phänomene angehört, gibt es Annäherungen, Ähnlichkeiten, Analogien
       hüben und drüben, aber das Alles in der bleibenden Ungleichheit zwischen seinem und allen
       anderen Wesen. Redet man von «vegetierenden» oder gar von «vertierten» Menschen, vom
       «hölzernen» oder gar vom «versteinerten» Wesen dieses und jenes Menschen, gibt es im
       Mär<pb ed="A" n="1293" break="no"/>chen die entsprechenden Verwandlungen hinüber und herüber und gibt es ähnliche
       Redensarten und Berichte auch von dem Verhältnis des Menschen nach oben: von allerlei
       Übergängen zwischen der menschlichen <term ref="kbga-keywords-913">Existenz</term> und der
       der <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term> und reinen Geister, so ist das Alles gerade
       darum bedeutsam, weil wir darin die Sprache, die Phantasie und die Dichtung eben mit jener
       die Menschheit konstituierenden Grenze nach außen beschäftigt sehen: nicht mit deren
       Aufhebung, sondern mit deren Unaufhebbarkeit. In dem Allem spiegelt sich ja doch das
       Erstaunen, Befremden, ja Entsetzen des Menschen vor der Möglichkeit seines Ausbruchs in eine
       andere Seinsgemeinschaft, des Einbruchs einer anderen Seinsgemeinschaft in die seinige. Was
       in dem Allem gilt und sichtbar wird, ist nicht die Möglichkeit, sondern gerade die im
       einzelnen Grenzfall nur umso offenbarere Unmöglichkeit solcher Ausbrüche und Einbrüche: nicht
       die Identität, sondern die absolute Nichtidentität der menschlichen und jeder anderen Art.
       Der Mensch als <term key="Mensch, Einzelner">Einzelner</term> kann mit dieser Möglichkeit
       spielen. Er kann sogar allen Ernstes zum Attentäter gegen jene Grenzen werden. Der Mensch als
        <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, die Menschheit im Menschen aber wird
       sich gegen jenes Spiel verwahren, gegen die entsprechenden Attentate zur Wehr setzen. Die
       Zusammengehörigkeit und Solidarität schon des physischen Menschengeschlechts als solchen muss
       und wird sich auch im Urwald, auch im Irrenhaus und an ähnlichen Orten, wo ihre
       Problematisierung zu drohen scheint – sie muss und wird sich gerade an solchen Orten immer
       wieder erst recht durchsetzen. Noch die menschliche Leiche und der seit Jahrhunderten
       vertrocknete Schädel eines Unbekannten ist ihr Zeugnis, geschweige denn die Gestalt irgend
       eines lebenden Menschen. Sie gehört zur menschlichen <term key="Mensch, Natur, unzerstörbar">Natur</term>, die als solche unzerstörbar ist. Wer ihre Bezeu<pb xml:id="p486" ed="pga" break="no"/>gung auch nur gelegentlich überhört, sehe zu, wo seine eigene Menschlichkeit
       hinzukommen im Begriff ist. |</p>
      <p> Noch wichtiger ist aber die Erkenntnis der prinzipiellen <term key="Mensch, prinzipielle Gleichheit untereinander">Gleichheit</term>
       <hi rend="italic">innerhalb</hi> der menschlichen Gemeinschaft schon in ihrer physischen
       Differenzierung. Es entspricht der <term key="Mensch, Selbständigkeit">Selbständigkeit</term>
       jedes Einzelnen aufs Genaueste dies: dass er prin<pb ed="A" n="1294" break="no"/>zipiell –
       obwohl er es bestimmt anders ist – nicht mehr und nicht weniger Mensch ist als jeder Andere,
       dass aber unter derselben Voraussetzung seiner Eigenheit jeder Andere auch für ihn nicht mehr
       und nicht weniger Mensch ist als er selber. Die menschliche Gemeinschaft ist schon in
       physischer Hinsicht keine undifferenzierte, sondern eine höchst differenzierte Gemeinschaft.
       Der Versuch, das zu leugnen, würde schon im ersten Ansatz undurchführbar sein, und insofern
       könnte auch der Kampf gegen die «Gleichmacherei» nur offene Türen einrennen. Er wäre aber
       insofern ein böser, die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> verkennender und
       verletzender Kampf, als er etwa bestreiten wollte, dass alle hier in Frage kommenden
       Differenzen nur relative Bedeutung haben können. In der einen <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> sind die Menschen männlichen und weiblichen
       Geschlechtes, sind die Angehörigen dieser oder jener Rasse, sind die Glieder dieser oder
       jener Familie, sind die gesunden und die kranken, die starken und die schwachen, die begabten
       und die unbegabten Individuen zwar in verschiedener Gestalt, aber nicht in verschiedenem,
       sondern in gleichem Sinn und Maß Menschen: die Einen nicht mehr, die Anderen nicht weniger.
       Die Differenzen sind stark genug, um das Wiedererkennen des Gleichen, des gemeinschaftlich
        Menschlichen<note xml:id="n87">Tskr. irrtümlich: «Menschen».</note> in Jedem und in Allen
       zur Frage werden zu lassen und um diese Frage immer wieder offen zu halten. Man kann und muss
       das ganze menschliche Leben und Zusammenleben als ein fortgesetztes und immer neues
       Aufgeworfensein dieser Frage und als eine Reihe fortgesetzter Versuche ihrer Beantwortung, ja
       als ein ganzes bewegtes System von Beantwortungen dieser Frage verstehen. Wir brauchen noch
       gar nicht an die großen fundamentalen Unterschiede der Geschlechter und der Rassen zu denken:
       das gemeinschaftlich Menschliche und also die wesentliche Gleichheit aller <term key="Mensch, prinzipielle Gleichheit">Menschen</term> liegt faktisch gar nirgends auf der
       Hand; sie offenbart sich auch gar nirgends so, dass sie nicht neuer <pb xml:id="p487" ed="pga"/> Offenbarung immer wieder bedürftig wäre. Es ist verständlich genug, dass sie oft
       und weithin verhüllt sein kann, oft und weithin allen Ernstes und unter Schmerzen gesucht
       werden muss – wobei sie ja immer nur gleichzeitig im Anderen <pb ed="A" n="1295"/> und im
       Suchenden selbst neu gefunden werden kann. Sie kann oft und weithin überhaupt nicht gesehen,
       sondern nur vorausgesetzt und in Rechnung gestellt – nur geglaubt werden. Unglaube an dieser
       Stelle wäre aber gleichbedeutend mit Unnatur. Eine prinzipiell negative Beantwortung jener
       Frage ist nicht nur im allgemeinen, sondern in jedem besonderen Fall unmöglich. Die
       prinzipielle Überhebung eines Geschlechts, einer Rasse, einer Familie, einer Begabung über
       die anderen kann immer nur die prinzipielle Problematisierung gerade des überheblichen Teils
       bedeuten. Ich selbst bin bestimmt umso weniger Mensch, je mehr ich mir selbst zubillige, es
       in einem höheren Sinn und Maß als ein anderer zu sein, je weniger ich ihm gegenüber zu der
       Wiedererkenntnis seines und meines gleichen Wesens durchzudringen willig bin. Ich kann den
       Anderen mit solcher Unwilligkeit letztlich nicht antasten, ihm das, was er ist, dadurch, dass
       ich es verkenne und missachte und ihn entsprechend misshandle, nicht <term key="Mensch, Unantastbarkeit seines Wesens">nehmen</term>. Ich kann ihn letztlich nur
       betrüben und verwirren; eben damit betrübe und verwirre ich aber vor allem mich selber. Mit
       der Einheit des Menschengeschlechts lässt sich nicht spaßen. Wo ich ihr gegenüber versage,
       indem ich mich dem gleichen Wesen des Anderen, dem gemeinschaftlich Menschlichen auch in ihm
       verschließe, da bin ich selbst in der fatalen Annäherung an die Grenzen der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> begriffen und habe Anlass, umzukehren, bevor
       sich die beleidigte menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> vor allem an mir
       selbst allzu bitter gerächt hat. Es geht nicht um die Leugnung der Differenzen in der
       menschlichen Gemeinschaft: sie sind gerade in physischer Hinsicht unaufhebbar und nicht zu
       übersehen. Es geht aber um die Erkenntnis, dass jede größte und kleinste physische Differenz
       zwischen Mensch und Mensch nur Anlass und Aufforderung sein kann, gerade in der Differenz die
       Gemeinschaft zu sehen und diese – nicht unter Auslöschung, sondern unter Überbrückung der
       Differenz – immer neu aufzurichten. Es geht um die ernstliche Erkenntnis und Betätigung der
        <term key="Mensch, Solidarität">Solidarität</term> unter den ernstlich verschiedenen
       Menschen. Nur in dieser Solidarität kann und wird sich dann auch das einzelne menschliche
        <term key="Mensch, Subjekt">Subjekt</term> als solches wahrhaft behaup<pb ed="A" n="1296" break="no"/>ten können.</p>

      <p><pb xml:id="p488" ed="pga" rend="noPipe"/> Wir verstehen unter Menschheit aber noch mehr
       als die physische <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term>. Es gibt eine
       biologisch-physiologisch nicht zu erfassende geschichtlich-geistige Einheit und Gemeinschaft
       aller <term key="Gemeinschaft, menschliche, historisch-geistige">Menschen</term>. Der Mensch
       aller Zeiten und Räume unterscheidet sich dadurch von allen anderen Wesen, dass er nicht nur
       das Resultat der ihm vorgegebenen äußeren und inneren physischen Bedingungen, sondern auch
       das ist, was er unter Voraussetzung dieser Bedingungen in jeweils mehr oder weniger
       kräftiger, so oder so gearteter Betätigung seiner Vernunft und seines Herzens aus sich selber
       gemacht hat und noch zu machen im Begriff steht. Er lebt nicht nur in der <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term> und unter ihren <term key="Naturgesetze">Gesetzen</term>, vielmehr: zu seiner besonderen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>
       gehört auch dies, dass er auch in der von ihm selbst gestalteten <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> lebt. Der Mensch ist, indem er am Werk ist. Und
       indem er am Werk ist, entstehen Gestalten, die die sich selbst überlassene Natur, die auch
       der sich selbst überlassene Ablauf seiner physischen Existenz nicht hervorbringen würde. Es
       sind Gestalten, zu deren Hervorbringung er eine <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>
       besitzt, die nicht in seinem Organismus begründet ist, sondern in einem bestimmten Gebrauch
       seines Organismus – und das ist eben die Betätigung seiner Vernunft und seines <term key="Mensch, Vernunft und Herz">Herzens</term> – Ereignis wird. Es sind Gestalten, für deren
       Hervorbringung er selber – er als Herr jenes Organismus und seines Gebrauches –
       verantwortlich ist. Die Geschichte ist das Nebeneinander und Nacheinander der Ereignisse
       dieser Freiheit, der Ereignisse, in denen der Mensch diese besondere <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> übernimmt. Und nun ist die Menschheit über die
       physische Einheit des <term key="Mensch, Gattung">Menschengeschlechts</term> hinaus die
       Einheit dieser <term key="Gemeinschaft, menschliche, historisch-geistige">Geschichte</term>.
       Sie ist als Einheit damit gegeben, dass die Menschen – wie verschieden auch immer – in allen
       Zeiten und Räumen in derselben Freiheit handeln, dieselbe erstaunliche Verantwortung
       übernehmen, von demselben Organismus in grundsätzlich derselben Weise Gebrauch machen und in
       seinen Hervorbringungen, wie verschieden sie auch unter sich sein mögen, dieselbe menschliche
       Vernunft und dasselbe menschliche <term key="Mensch, Vernunft und Herz">Herz</term> an den
       Tag legen. |</p>
      <p>Die geschichtlichen Hervorbringungen des Menschen scheinen wohl fast so differenziert zu
       sein <pb ed="A" n="1297"/> wie das physische <term key="Mensch, Gattung">Menschengeschlecht</term> und wie der dieses umgebende und in sich schließende größere
       Kosmos. Es scheint – nach der Fülle der Gestalten zu schließen, für deren Hervorbringung der
       Mensch die <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> über<pb xml:id="p489" ed="pga" break="no"/>nommen hat und immer wieder übernimmt – die menschliche <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> wohl unerschöpflich zu sein. Es ist aber in allen
       Hervorbringungen und Gestalten auch der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> nie
       ein anderer, sondern immer wieder derselbe Mensch am Werk. Es ist <hi rend="italic">ein</hi>
       Problem, das von jeher und überall Alle in Anspruch genommen hat, <hi rend="italic">eine</hi>
       Kraft, in der sie sich ihm Alle entgegenwarfen, <hi rend="italic">eine</hi> Sehnsucht, die
       sie dabei Alle bewegte, <hi rend="italic">eine</hi> Grenze, die sie dabei, ob sie um sie
       wussten oder nicht, ob sie sie hier oder dort zu sehen meinten, Alle umschloss. Es gibt nur
        <hi rend="italic">eine</hi> menschliche Sache in aller <term key="Kulturgeschichte">Kultur-</term> und Staatengeschichte, auch in aller <term key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term>, und so auch in allen <term key="Mensch, Lebensgeschichte">Lebensgeschichten</term>. Und so ist alle diese Geschichte in Wahrheit nur <hi rend="italic">eine</hi>
       <term key="Geschichte, alle G. ist in Wahrheit nur eine G.">Geschichte</term>. Und eben diese
       ist an irgend einer Stelle des Ganzen, in irgend einer eigentümlich verkürzenden, aber auch
       erleuchtenden Zusammenfassung und Wiederholung des Ganzen, <hi rend="italic">jedes</hi>
       Menschen Geschichte. Man tritt seiner <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnheit</term>,
       Besonderheit und Einmaligkeit nicht zu nahe, wenn man sagt, dass alle und jede Taten und
       Vollbringungen menschlicher <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortlichkeit</term>, die je geschehen sind, noch geschehen und
       geschehen werden, auch jeden Einzelnen angehen, auch seine Sache sind. |</p>
      <p> Die Auffassung ist oberflächlich, als ob die <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, soweit wir nicht sicht- und greifbar an ihr beteiligt sind, nur ein
       Bilderbuch oder ein Roman sei, letztlich unbeteiligt zu lesen oder auch nicht zu lesen, weil
       wir ja nicht dort, sondern hier, nicht damals, sondern heute seien. Wir waren auch schon
       dabei, als die Pyramiden gebaut, als <persName ref="kbga-actors-2359">Cäsar</persName>
       ermordet, als <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName> Konfessionen geschrieben,
       als der dreißigjährige Krieg ausgefochten, als die Umdrehung der Erde um die Sonne entdeckt,
       als die «Zauberflöte»<note xml:id="n88">Von <bibl corresp="kbga-bibls-2100"><persName ref="kbga-actors-281">Wolfgang Amadeus
         Mozart</persName> 1791 komponierte Oper (KV 620)</bibl>.</note> komponiert und als der
        «Faust»<note xml:id="n89"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Eine Tragödie</hi> (= <hi rend="italic">Faust I</hi>), im Druck erschienen 1808</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi> (= <hi rend="italic">Faust II</hi>), 1832 (postum veröffentlicht)</bibl>.</note> gedichtet wurde.
       Und wir waren auch dabei, wo und wann immer – und wäre es auf der fernsten Südseeinsel –
       gearbeitet und gebetet, gelacht und geweint, gedacht und geträumt, gestritten und gelitten
       wurde. Wir waren auch dabei, so gewiss dieselbe menschliche <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verant<pb ed="A" n="1298" break="no"/>wortung</term>, in der wir zu
       unserer Zeit und an unserem Ort unser Leben leben, keine anderen sind als die, die damals und
       dort, <pb xml:id="p490" ed="pga"/> im Werk jener Anderen und darum so ganz anders Ereignis
       wurden. Weil dem so ist, darum ist es möglich, noch in den Dokumenten und Monumenten des
       fernsten und fremdesten geschichtlichen Handelns und Widerfahrnisses dieselbe menschliche
       Vernunft und dasselbe menschliche <term key="Mensch, Vernunft und Herz">Herz</term>
       wiederzuerkennen, die auch unsere eigenen sind. Aber die Geschichtskenntnis und erst recht
       die <term ref="kbga-keywords-1213">Geschichtswissenschaft</term> spielt hier nur eine
       sekundäre Rolle. Sie ist nur der Exponent eines tiefer liegenden ontischen Sachverhaltes.
       Nicht erst das geschichtliche Wiedererkennen schafft die geschichtliche Gemeinschaft, sondern
       weil es geschichtliche <term key="Gemeinschaft, menschliche, historisch-geistige">Gemeinschaft</term> gibt, darum ist geschichtliches Wiedererkennen möglich. Wir waren und
       sind dabei in einem ganzen Strom <term ref="kbga-keywords-398">geschichtlicher</term>
       Wirklichkeit, von der wir nie wissen werden, ohne dass sie darum weniger auch für uns
       grundlegend, entscheidend, begrenzend und bestimmend war und ist: einfach darum, weil es
       schon in ihr um die eine Sache des Menschen ging und geht, die auch die unsrige ist.
        «<foreign xml:lang="lat">Homo sum, nil humani a me alienum <term key="Mensch, homo sum, nil humani a me alienum puto">puto.»</term></foreign><note xml:id="n90"><bibl corresp="kbga-bibls-2770"><persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName>, <hi rend="italic">Heautontimorumenos</hi>, 1. Akt, 1. Szene, V. 25</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 326</bibl>.</note> Das ist vielleicht nur das Wort
       eines aufgeschlossenen Zuschauers des ihn im kleineren und größeren Kreise umgebenden
       menschlichen Seins gewesen. Das scheint ja zunächst nur zu sagen, es gäbe nicht Menschliches,
       was dem Menschen nicht als solches – in unserer Sprache zu reden – «interessant» wäre. |</p>
      <p>Aber nehmen wir den Mann beim Wort: «nil humani a me alienum» – meint er es nur? könnte er
       auch Mensch sein ohne diese Meinung? Muss er nicht notwendig der Meinung sein, dass er als
       Mensch etwas Anderes als dies gar nicht meinen könne? Und nehmen wir uns selbst beim Wort:
       Was ist «Interesse», wenn nicht eben Dabei-, ja Mittendrinsein? Wo ein Mensch denkt, handelt
       und leidet, lebt und stirbt, da <hi rend="italic">kann</hi> er keinem Anderen ganz «fremd»
       sein, da <hi rend="italic">ist</hi> jeder Andere, ob er es wisse und ob es ihn «interessiere»
       oder nicht, faktisch mitten drin und dabei, da geht es in dieser oder jener Gestalt, in Kraft
       oder Schwachheit, in Schönheit oder Hässlichkeit, im Guten oder Bösen um dessen eigene Sache.
       Da hat eben irgend Einer – vielleicht ein Nächster und Bekannter, vielleicht auch ein
       Fernster und <pb ed="A" n="1299"/> Unbekannter – das gemeinschaftlich <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschliche</term> nun eben in seiner <pb xml:id="p491" ed="pga"/> Weise erlebt und gestaltet, und dass das geschehen ist und geschieht, das <hi rend="italic">kann</hi> für keinen Anderen vergebens und gleichgültig sein. Da hat das
       gemeinschaftlich Menschliche in der <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> des Ersten faktisch unwiderruflich eine
       bestimmte Gestalt angenommen, in der es nun auch für den Zweiten und für jeden Weiteren die
       Wirklichkeit ist, mit der auch er sich in seiner eigenen Freiheit und Verantwortung –
       dieselbe Sache für sich erlebend und aus sich heraus gestaltend – auseinandersetzen
       muss. |</p>
      <p> Was kann ich als Mensch wollen und vollbringen? Mir ist aufgegeben – und ich kann mich der
       Aufgabe nicht entziehen, auch wenn ich es wollte –, die eine Sache der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> nun eben zu meiner Zeit und an meinem Ort zu
       erkennen, zu ergreifen, aufzunehmen und weiterzubewegen. Eben dabei treffe ich aber, bewusst
       oder unbewusst, willig oder unwillig, dankbar oder enttäuscht, erfreut oder entsetzt, aber
       vom ersten Schritt an und in jeder Beziehung höchst real, mit dem Wollen und Vollbringen
       aller Anderen zusammen. Eben die Sache des Menschen wird jetzt sichtbar und greifbar meine
       Sache: dieselbe, die doch die Sache des Menschen war, bevor sie sichtbar und greifbar die
       meinige war, und die die Sache des Menschen sein wird, auch wenn sie in diesem Sinn die
       meinige nicht mehr sein wird, dieselbe, die vor mir die Sache so vieler Anderer war, neben
       mir die Sache so vieler Anderer ist und nach mir wieder die Sache so vieler Anderer sein
       wird. Eben in meinem eigensten Wollen und Vollbringen, eben in dem, worin ich Mensch und also
       am Werk bin, trete ich also unvermeidlich ein in die menschliche <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>. Alles, was vor mir die Frage, die
       Sorge, die Last, die Hoffnung aller Anderen gewesen, Alles, was neben mir alle Anderen
       beruhigt und beunruhigt und nach mir alle Anderen beruhigen und beunruhigen wird, das ist
       jetzt, in meiner Existenz zu meiner Zeit und an meinem Ort, in nuce, in irgend einer
       Verkürzung und Zusammenfassung, aber sachlich und grundsätzlich in größter Vollständigkeit,
       mein eigenes Problem geworden. Ich bin jetzt an der Reihe. Aber eben: an der Reihe und also
       nicht <pb ed="A" n="1300"/> außerhalb, sondern in der Gemeinschaft der Menschheit. Ich selbst
       bin jetzt die Menschheit. Alle Staaten-, <term key="Kulturgeschichte">Kultur-</term> und
        <term key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term> ist jetzt in einem Nu meine
       eigene Geschichte, Sache meiner <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>. Wie könnte sie mir da fremd sein, gerade [wo]
       sie meine eigene Sache wird? Wie könnte ich da allein sein, gerade indem <pb xml:id="p492" ed="pga"/> ich für mich Mensch bin? Wie könnte ich nur einzelner <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> sein, da ich ja gerade als Mensch und also in meinem
       Werk in eigener Person die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> bin? Und um
       wieviel mehr gilt das Alles, wo mir meine Beteiligung an der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, mein Sein in der Gemeinschaft auch sichtbar und greifbar wird, wo mir
       die Menschheit in bestimmten Menschen, in meinem <term key="Nächster">Nächsten</term> auch
       konkret konfrontiert wird! Um wieviel weniger kann mir der Nächste ein Fremder sein, da mir
       ja auch der Fernste kein Fremder ist! Um wieviel weniger kann ich mich, da ich auch am
       Fernsten faktisch interessiert bin, am Nächsten wissentlich und willentlich desinteressieren
       – auch wenn er mir zufällig oder nicht zufällig praktisch doch auch ein Ferner oder Fernster
       sein sollte? Dass der Mensch den Menschen als solchen liebe wie sich selbst [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.19.18">Lev. 19,18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.31">Mk. 12,31</ref> par.], dass der Eine in dem Recht und in
       der Würde des Anderen sein eigenstes Anliegen finde, dass Einer des Anderen Last sich zu
       eigen mache und trage [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.2">Gal. 6,2</ref>],
       dass Einer für Alle und in concreto je für den Anderen und nur so dann auch für sich selbst
       stehe – es hilft nichts: das gehört schon zu der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, der man sich wohl widersetzen, der man aber nicht entfliehen, derer man
       bestimmt nicht ungestraft spotten kann. |</p>
      <p> Auch die geistig-geschichtlich verstandene menschliche <term key="Gemeinschaft, menschliche, historisch-geistige">Gemeinschaft</term> ist nun freilich
       keine amorphe Masse, sondern eine gegliederte Gestalt, und so bedeutet die Teilnahme an ihr
       für Jeden bestimmt auch dies, dass er an einer ihrer Gliederungen teilnimmt. Keiner ist
       unmittelbar nur in der Menschheit im Ganzen. Für einen Jeden, der in der Menschheit ist,
       bedeutet gerade das vielmehr – wir kommen nachher darauf zurück –, dass er zu bestimmter Zeit
       und an bestimmtem Ort in einem <term ref="kbga-keywords-428">Volk</term> und <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> und Stamm sich <term key="Mensch, in der Gesellschaft">befindet</term> – diese alle von ihresgleichen verschieden und getrennt und diese alle auch
       in sich aufs mannigfaltigste differenziert. Das sind die Formen der <pb ed="A" n="1301"/>
       Menschheit, die gewissermaßen zwischen ihn in seiner <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnheit</term> und sie in ihrer Ganzheit hineintreten, gerade wie er zum physischen
       Menschengeschlecht nun doch nur durch die Vermittlung seines Geschlechts, seiner Rasse und
       Familie gehören kann. Und wer in der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> und
       also in der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> ist, der nimmt je nach seiner
       Zeit und seinem Ort besonderen Anteil an den Fortschritten oder Rückschritten oder auch
       Stillständen der allgemeinen Natur, vielleicht an einem ihrer erstaunlichen Aufschwünge,
       vielleicht an einer <pb xml:id="p493" ed="pga"/> ihrer ebenso erstaunlichen Katastrophen, am
       Wandel jener vermittelnden Menschheitsformen, vermöge dessen das Eine in den verschiedenen
       Zeiten und Räumen auch im selben <term ref="kbga-keywords-428">Volk</term>, <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> oder Stand für Jeden immer wieder etwas Anderes
       ist. |</p>
      <p>Das Alles bedeutet aber nicht nur die notwendige Vermittlung, in der das gemeinschaftlich
       Menschliche jedem Einzelnen Gegenwart wird, sondern auch Trennung, ja Scheidung des Einen von
       dem Anderen und also zugleich die Verwirklichung <hi rend="italic">und</hi> die
       Problematisierung ihrer Gemeinschaft untereinander. Ein notwendiger, aber bedrohlicher
       Wettlauf scheint hier stattzufinden: Wird die besondere Gliederung, in der dieser einzelne
       Mensch in der Menschheit und selber in nuce die Menschheit ist, ihm wirklich dazu und nur
       dazu dienen, ihm das gemeinschaftlich Menschliche als solches nur eben in besonderer Gestalt
       zu vergegenwärtigen? Oder wird sie ihm nicht umgekehrt zur Versuchung werden, sich diesem
       gemeinschaftlich Menschlichen zu entfremden zugunsten eines Menschlichen, das nun doch nur
       ein besonderes und insofern ein «allzu» Menschliches<note xml:id="n91">Vgl. den Titel von
         <bibl corresp="kbga-bibls-4969"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsches</persName> Schrift <hi rend="italic">Menschliches, Allzumenschliches</hi> (1878)</bibl>.</note>, ein irgendwie borniert Menschliches
       und insofern dann überhaupt nicht mehr das wahrhaft Menschliche wäre? Merkwürdig genug: Eben
       die besonderen Bindungen, in denen die menschliche Gemeinschaft konkret wird, können sie auch
       sprengen und auflösen. Eben da, wo sich der Mensch mit dem Menschen als seinem <term key="Nächster">Nächsten</term> zusammenfindet und zusammenschließt, eben da kann er ihm,
       sofern das mit einem Ausschluss des ferneren und fernsten Menschen zunächst irgendwie
       verbunden ist, in dessen Gestalt zum Fremden werden. Eben da, wo das Werk, das den Menschen
       zum Menschen macht, als gemeinschaftliches Werk vom Einzelnen allein angefasst <pb ed="A" n="1302"/> werden
       kann – in der Gemeinschaft seines besonderen <term ref="kbga-keywords-428">Volkes</term>,
        <term ref="kbga-keywords-160">Staates</term> und Standes <term key="Mensch, in der Gesellschaft">also</term> und an seiner besonderen Stelle inmitten des
       dauernden Wandels der menschlichen Dinge –, eben da droht ihm die Isolierung und Abschnürung
       gegenüber der Sache der Menschheit, sofern diese nun doch nicht nur der Gegenstand des Werkes
       dieser besonderen Gemeinschaft, sondern über deren Grenzen hinaus die Sache aller Menschen
       sein will: auch die Sache der Menschen ganz anderer Völker, <pb xml:id="p494" ed="pga"/>
       Staaten und Stände, auch die Sache des an ganz anderer Stelle in jenem Wandel der
       menschlichen Dinge lebenden, liebenden und leidenden Menschen. |</p>
      <p>Man kann und muss das ganze Leben und Zusammenleben der Menschen bestimmt auch von diesem
       ebenso unvermeidlichen wie bedrohlichen Wettlauf her verstehen: Wir wissen alle sehr wohl,
       dass wir das Eine, das wir allein mit allen Anderen zusammen, und indem<note xml:id="n92">Tskr.: «in dem»; Änderung durch die Hrsg.</note> wir selbst für alle Anderen stehen, zu
       wollen und zu vollbringen haben, praktisch nur im engeren Kreis unserer Zeit und unseres
       Ortes und also in der besonderen geschichtlichen Gliederung, in deren Raum wir Menschen sind,
       wollen und vollbringen können. Wir wissen also sehr wohl, dass wir es praktisch nicht wollen
       und vollbringen können, ohne uns zu bescheiden, dass in der Beschränkung allein sich der
       Meister zeigen kann.<note xml:id="n93">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p400#fn_n130">S. 400, Anm. 130</ref>.</note> Wir wissen sehr wohl,
       dass wir nur die Wahl haben, das Werk, das uns zu Menschen macht, entweder gar nicht oder
       dann in jenem von anderen Räumen getrennten, ja zunächst geschiedenen Raum aufzunehmen. Wir
       wissen aber ebensowohl, dass wir jede absolute Ausscheidung jenes engeren aus dem weiteren
       Kreis, jede endgültige Beschränkung, jede Verwechslung unseres besonderen Raumes mit dem des
       Menschlichen als solchen, das in allen Räumen dasselbe ist, alsbald mit der Preisgabe und dem
       Verlust unserer <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> auch in unserem
       eigenen engeren Kreis bezahlen müssen. Wir wissen das wirklich ebensowohl wie jenes: Wir
       hören ja auch als noch so bewusste Glieder dieses <term ref="kbga-keywords-428">Volkes</term>, dieses <term ref="kbga-keywords-160">Staates</term>, dieses <term key="Mensch, in der Gesellschaft">Standes</term>, wir hören ja auch mitten in dem vielleicht
       überwältigenden Wahn von der allein seligmachenden Bedeutung gerade unseres geschichtlichen
       Ortes und Augenblicks nicht auf, Menschen zu sein, und was immer wir auch im engsten Kreis
       wollen und <pb ed="A" n="1303"/> vollbringen können, kann immer nur eine nun eben so oder so
       konkretisierte Gestalt menschlichen Werkes sein. Wir leben im Wettlauf zwischen diesem und
       jenem Wissen, vielmehr zwischen dieser und jener, zwischen unserer engeren und unserer
       weiteren Bestimmung zur menschlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>. Es gehört zur Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>,
       dass er sich in diesem Wettlauf befindet. Es gehört nämlich zu <pb xml:id="p495" ed="pga"/>
       seiner Natur, dass er in dieser Sache zu <hi rend="italic">laufen</hi> hat, dass er die
       menschliche Gemeinschaft und in ihr auch den Sinn seines einzelnen <term key="Mensch, Einzelner">Menschseins</term> in seinem Werk <hi rend="italic">suchen</hi> und
        <hi rend="italic">finden</hi>, <hi rend="italic">finden</hi> und <hi rend="italic">suchen</hi>, dass er in seinem Werk zu seiner Zeit und an seinem Ort und also im engen und
       engsten Kreis und also im Raum der ihm damit zugewiesenen geschichtlichen Gliederung das Werk
       des Ganzen, in Gemeinschaft mit einigen Menschen das Werk aller <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>
       <hi rend="italic">wollen</hi> und <hi rend="italic">vollbringen</hi> muss. |</p>
      <p>Es gehört aber nicht zu seiner Natur, es liegt nicht im Wesen dieser Ordnung, dass dieser
       Wettlauf unentschieden bleibe, oder dass er zugunsten des Besonderen, zu Ungunsten des
       Allgemeinen endige. Es liegt vielmehr im Wesen dieser Ordnung, dass im Besonderen selbst das
       Allgemeine die Oberhand habe und behalte. Wir sagen nicht: neben dem Besonderen, sondern <hi rend="italic">im</hi> Besonderen. Es kann nicht darum gehen, dass der einzelne Mensch sich
       selber transzendiere und in irgend einer Traumgestalt außerhalb seines eigenen notwendig
       beschränkten Kreises auch noch in anderen Kreisen lebe, die nun einmal nicht die seinigen
       sind. Es geht aber darum, dass gerade sein eigener notwendig beschränkter Kreis neben vielen
       anderen seinesgleichen nur innerhalb des ihn und sie alle umfassenden Kreises der Menschheit
       und ihrer <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> sein und diesen größeren Kreis auf
       keinen Fall durchbrechen kann. Es geht darum, dass gerade dieser sein engerer Kreis, den zu
       verlassen ihm weder geboten noch erlaubt noch möglich wäre, ohne dass er aufhörte, dieser
       Einzelne zu sein, als solcher nun eben die gerade ihm zugewiesene Stätte ist, wo gerade sein
       Wollen und Vollbringen des gemeinschaftlichen Werks des Menschen in jenem größeren Kreis
       Ereignis werden soll. Gerade das absolut Menschliche, was jeden Menschen allein zum Menschen
        <term key="Mensch, Menschlichkeit">macht</term>, existiert eben – und das ist es, was durch
       die geschicht<pb ed="A" n="1304" break="no"/>liche Gliederung der Menschheit gebieterisch
       angezeigt ist – nicht für sich, sondern nur je in diesen Gliederungen, je in den engeren und
       engsten Kreisen, in denen dann auch der einzelne <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term>
       je sein besonderes Feld hat. Es existiert also nur im relativ <term key="Mensch, Menschlichkeit, absolute M. existiert nur im relativ Menschlichen">Menschlichen</term>. Daraus folgt aber gerade, dass kein relativ Menschliches, keine jener
       geschichtlichen Gliederungen und kleineren Kreise sich selbst im Verhältnis zu den anderen
       absolut-, sich ihnen entgegensetzen, sich ihnen gegenüber absondern und isolieren kann. Es
       hängt vielmehr die Mensch<pb xml:id="p496" ed="pga" break="no"/>lichkeit alles Besonderen in
       der Menschheit, es hängt die Menschlichkeit jedes <term ref="kbga-keywords-428">Volkes</term>, <term ref="kbga-keywords-160">Staates</term> und Standes, jeder
       geschichtlichen Situation daran, dass die ihnen zugehörigen und in ihr verbundenen Menschen
       bei aller Treue, in der sie ihnen zugehörig und in der sie dann auch untereinander verbunden
       sind, ihrer Relativität bewusst bleiben, auf absolute Selbstbehauptungen, Trennungen und
       Scheidungen sich gerade nicht versteifen, der Versuchung, sich dem Menschlichen darum zu
       entfremden, weil es für sie nur hier und so Heimat bedeutet, gerade nicht nachgeben. Jede
       solche Heimat wird dann legitim bewohnt, jede besondere menschliche <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> ist in ihrer Existenz dann absolut
       gerechtfertigt, jeder Treue und Hingabe des Einzelnen wert, berechtigt zu jedem Anspruch und
       zur Forderung jeglichen Opfers, wenn sie in besonderer Form die allgemeine menschliche
       Gemeinschaft darstellt, wenn es in besonderer Weise auch in ihr um dasselbe geht, um welches
       es in jeder anderen legitimen Heimat und Sondergemeinschaft auch gehen muss. Eben darin wird
       sie auch die Garantie ihres Bestandes haben. Eben dann ist sie ja notwendig auch in ihrer
       Besonderheit. Wo es um die Sache der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, wo
       es gerade im Besonderen um das Allgemeine geht, da ist auch jede Besonderheit, da ist auch
       das Relative als solches absolut gerechtfertigt, und keine Behauptung der Eigenständigkeit
       solcher Sondergemeinschaft kann dann kräftig, keine Teilnahme an ihrem Leben kann dann
       intensiv genug sein. Sie bezeuge diese ihre Rechtfertigung dadurch, dass gerade das
       allgemeine <term key="Menschenrecht, allgemeines">Menschenrecht</term> und gerade die
       allgemeine <term key="Menschenwürde, allgemeine">Menschenwürde</term>, gerade das Anliegen
       und das Werk jedes Menschen in ihr besonders hell <pb ed="A" n="1305"/> zur Darstellung
       komme. Eine andere Rechtfertigung des Relativen als diese absolute kommt freilich nicht in
       Frage. |</p>
      <p> Ist die besondere <term key="Gemeinschaft, menschliche, Begründung der besonderen in der allgemeinen">Gemeinschaft</term> nicht darin begründet, dass sie eine Form der Menschheit ist, dann ist
       sie gar nicht begründet. Setzt sie sich selbst in ihrer Besonderheit absolut, tritt sie aus
       dem umfassenden Kreis des Menschlichen heraus, hört sie auf, eine Gliederung des Ganzen zu
       sein und so in ihrer Beschränktheit für das Ganze zu stehen, will und betätigt sie ihre
       Eigenheit um ihrer Eigenheit, ihre Exklusivität um ihrer Exklusivität willen, wird ihr das
       allgemeine <term key="Menschenrecht, allgemeines">Menschenrecht</term> und die allgemeine
        <term key="Menschenwürde, allgemeine">Menschenwürde</term> verächtlich oder auch nur
       gleichgültig, weil sie in ihrer Existenz für sich die Sache erblickt, die sie zu behaupten
       und zu verteidigen hat – woher nimmt sie dann ihre <pb xml:id="p497" ed="pga"/>
       Existenzberechtigung? In welcher Ehre kann sie sich dann den anderen Gemeinschaften gegenüber
       geltend machen? Mit welcher Autorität sich dann ihren einzelnen Angehörigen gegenüber
       behaupten, wie dann deren Treue und deren Opfer in Anspruch nehmen? In <hi rend="italic">der</hi> Gemeinschaft kann ja auch kein einzelner <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> seine wirkliche <term key="Mensch, Heimat">Heimat</term> haben, in der gerade
       das Menschliche nicht zu Hause ist. Ihr kann er sich nicht schuldig wissen. Ihr kann er nicht
       zur Treue und zum Opfer verpflichtet sein, gegen sie muss er sich vielmehr so oder so zur
       Wehr setzen. Als ihr Glied könnte er ja gerade sein Werk als Mensch nicht wollen und
       vollbringen. Ihr zugehörig und verpflichtet könnte er sich in diesem Werk nur gestört und
       gehemmt sehen. Ihr zugehörig wäre er von dem Leben gerade abgeschnitten, in dessen
       Zusammenhang er allein für sich leben kann. Eine solche Gemeinschaft kann also keinen Bestand
       haben. Sie trägt den Keim der Auflösung in jedem einzelnen ihrer Glieder in sich, und eben
       daran gehen <term ref="kbga-keywords-428">Völker</term> und <term ref="kbga-keywords-160">Staaten</term>, Stände und Klassen und ganze <term ref="kbga-keywords-1184">Kulturstufen</term> tatsächlich zugrunde, eben das bezeichnet die Grenze und das Ende aller
       geschichtlichen Situationen, dass Gemeinschaften, die in ihrer Relativität notwendig, echt
       und beständig sein könnten, ihrer Eigenheit und Exklusivität <term key="Gemeinschaft, menschliche, Exklusivitätsanspruch zerstört ihre Legitimität">verfallen</term>, sich selbst absolut setzen und eben damit ihre Legitimität Anderen
       gegenüber und ihren Sinn innerhalb der größeren <pb ed="A" n="1306"/> Gemeinschaft verlieren.
       Ihre tatsächliche Zerstörung kann dann immer nur eine Frage der Zeit sein, und sie könnte nur
       dadurch aufgehalten werden, dass sie ihre fatale Eigenständigkeit aufgäben und wieder zur
       menschlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> zurückkehrten, d. h.
       aufs Neue zur Darstellung <hi rend="italic">der</hi> menschlichen Gemeinschaft würden. Dass
       der Mensch immer auch die Menschheit <term key="Mensch, und Menschheit">ist</term>, das ist
       zu wahr, als dass sich nicht jeder Widerspruch und jeder Vorbehalt, der ihn für eine andere
       Gemeinschaft im Gegensatz zu dieser in Anspruch nehmen möchte, eben an dieser anderen
       Gemeinschaft rächen müsste. Es gibt wohl viele <hi rend="italic">Gestalten</hi> menschlicher
        <term key="Gemeinschaft, menschliche, viele Gestalten">Gemeinschaft</term>. Es gibt aber in
       allen ihren Gestalten nur <hi rend="italic">eine</hi> menschliche <term key="Gemeinschaft, menschliche, nur die eine">Gemeinschaft</term>. Die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> wird nie mitgehen, sie wird da immer Widerspruch einlegen
       und Widerstand leisten, wo ihr in dieser Hinsicht Gewalt anzutun versucht wird.</p>
      <p>Aber nun bedarf auch unser zweiter Satz der Durchführung und Vollendung. «Der Mensch ist
       die Menschheit.» Wir haben aber gerade <pb xml:id="p498" ed="pga"/> unter «Menschheit» keinen
       bloßen Sammelnamen, keinen leeren Allgemeinbegriff zu verstehen, sondern das Allgemeine, das
       nur im Besonderen, ja Besondersten, und also die Gemeinschaft aller Menschen, die als solche
       nur je im <hi rend="italic">einzelnen</hi>
       <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term> existiert. Es ist wahr – das haben wir nun
       zu Ehren gebracht –, dass der Einzelne nur in der Gemeinschaft wirklich Mensch ist. Es ist
       aber wieder wahr – das muss nun erklärend hinzugefügt sein, wenn jenes Erste tatsächlich in
       Ehren stehen soll –, dass eben die menschliche Gemeinschaft nur im Einzelnen wirklich ist.
       Haben wir den Menschen die Menschheit genannt, so haben wir gerade vom einzelnen Menschen
       mehr gesagt als dies, dass er von der Menschheit von außen umfasst, in seiner Einzelnheit
       begrenzt, relativiert und bedingt sei. Wir haben damit das Größere, das Positive gesagt, dass
       gerade die Menschheit schlechterdings je der einzelne Mensch ist. Gerade indem er als solcher
       für sich und besonders ist, ist er allgemein menschlich. Gerade indem er dieser Mensch ist,
       ist er der Mensch. Gerade indem er selber umfasst, ist er umfasst. Wer könnte ihn begrenzen,
       relativieren und bedingen, wenn er <pb ed="A" n="1307"/> selber es nicht täte? Was könnte
       hier außer ihm gelten, wenn es nicht auch in ihm selber gelten würde? So kehren wir jetzt in
       vertiefter Erkenntnis und mit verstärktem Nachdruck zu dem Punkt zurück, von dem wir in
       unserem ersten Satz ausgegangen sind: «Der Mensch ist je der <hi rend="italic">einzelne</hi>
       <term key="Mensch, Einzelner">Mensch.»</term></p>
      <p> Es hat seinen guten Grund, wenn schon das einzelne Exemplar der menschlichen Gattung bei
       aller Ähnlichkeit mit allen anderen, bei aller durch eine übergreifende Gesetzlichkeit
       geordneten Entsprechung seiner Existenz zu der jedes anderen Menschen sich bewusst ist und
       bleibt, sein eigenes Leben zu leben und Alles und Jedes, was sein Sein in dieser Bedingtheit
       mit sich bringt, letztlich ganz allein mit sich selbst ausmachen zu müssen. Es beruht dieses
       Bewusstsein von der ersten und letzten Selbständigkeit des Einzelnen darum auf keiner Willkür
       und Überhebung, es befindet sich das um seine Einzelnheit wissende, seine Einzelnheit wohl
       oder übel auch wollen müssende Atom, als das man das menschliche Exemplar im Zusammenhang der
       menschlichen Gattung schließlich verstehen könnte, darum in keinem Irrtum, weil ja eben die
        <term key="Mensch, Gattung, nur je im Einzelnen wirklich">Gattung</term> in ihrer ganzen
       unübersehbaren Wirklichkeit nur je in ihren Exemplaren wirklich ist. Dass jeder einzelne
       Mensch an sich auch nicht existieren, innerhalb der Gattung <pb xml:id="p499" ed="pga"/> auch
       fehlen könnte, ändert nichts daran, dass die faktisch existierenden einzelnen Menschen der
       Gattung als solcher nicht fehlen dürfen, dass gerade sie als solche die Gattung sichtbar
       machen und darstellen, dass das allgemein Menschliche gerade in ihnen und nur in ihnen seine
       Wirklichkeit hat. Ein einziger Einzelner, der jene physische Einheit des Menschengeschlechts
       nicht bestätigen würde – ein Einziger, in welchem die Unvertauschbarkeit der menschlichen und
       der pflanzlichen oder tierischen oder mineralischen Physis und die Gleichheit der Physis
       aller Menschen wirklich aufgehoben wäre, müsste und würde auch das Menschengeschlecht als
       solches in Frage stellen. Das Menschengeschlecht als solches steht und fällt damit, dass
       jeder Einzelne die Grenze des <term key="Mensch, Grenze des Menschlichen">Menschlichen</term>
       – und wäre es auch als scheinbare Ausnahme von der Regel – bestä<pb ed="A" n="1308" break="no"/>tigt, dass es identisch und ganz auch in jedem Einzelnen ist. Eben um diese
       Identität und Ganzheit wissen wir, wenn wir so genau wissen, dass unser Geborenwerden, Leben
       und Sterben so ganz unsere eigene und keines Anderen Sache ist, und wenn wir es auch nicht
       anders wollen können, als dass dem so sei. Alles, was die menschliche Physis ausmacht, ist
       eben für Jeden, der faktisch als einzelner <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term>
       existiert, ganz und gar, einmalig in sich geschlossen, <hi rend="italic">seine</hi> Sache.
       Alles, was außer ihm menschlich ist, ist jetzt in nuce in ihm und wäre auch außer ihm nicht
       menschlich, wenn es jetzt nicht in nuce gerade in ihm wäre. Er ist jetzt das
       Menschengeschlecht: niemand kann es ihm rauben, dass er es jetzt sein darf; niemand kann ihn
       davon entlasten, dass er es jetzt sein muss. Denn das Menschengeschlecht als solches bedarf
       jetzt zu seinem Bestand gerade seiner: der Bestätigung der menschlichen Physis gerade in
       seiner Existenz. Alles, was das Menschengeschlecht als solches begrenzt, relativiert und
       bedingt, darf und muss jetzt notwendig auch seine Begrenzung, Relativierung und Bedingung
       werden. Gerade er darf und muss sie jetzt wissend und wollend um sich selbst wiederholen, sie
       selbst ins Werk setzen und erleiden. Die Ganzheit der <term key="Mensch, Gattung">Gattung</term> existierte nicht, wenn sie jetzt nicht auch gerade als die seinige
       existierte.</p>
      <p> Aber der physische Aspekt des Menschen kann ja auch hier nur andeuten, was auch hier erst
       die geschichtlich-geistige Wirklichkeit des Menschen in seiner Eigentlichkeit sichtbar macht.
       Die Menschheit ist, von dieser Seite gesehen, das in der gemeinschaftlich menschlichen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> unternommene Werk des Menschen. Wir <pb xml:id="p500" ed="pga"/>
       sahen: dass er dieses Werk zu seiner Zeit und an seinem Ort aufnimmt, dass er in diese
       Werkgemeinschaft eintritt, dass jenes Werk zu seiner Zeit und an seinem Ort ganz das seinige
       wird, das macht den Einzelnen zum <term key="Mensch, Einzelner">Menschen</term>. Wir müssen
       aber den Blick nun auch hier in die umgekehrte Richtung lenken, um vollständig zu sehen: Jene
        <term key="Gemeinschaft, menschliche, Werkgemeinschaft der Einzelnen">Werkgemeinschaft</term> existiert faktisch nicht für sich, sondern nur je in den Einzelnen,
       die sie aufnehmen, die sich die gemeinschaftliche Sache des Menschen zu eigen machen. <pb ed="A" n="1309"/> Man kann freilich auch hier mit Recht sagen, dass jeder Einzelne nicht
       existieren und für das Bestehen der Gemeinschaft, für das Geschehen ihres Werkes entbehrlich
       sein könnte. Man kann das aber wiederum nur von dem faktisch nicht existierenden Menschen
       sagen. Der faktisch existierende Mensch ist für das faktisch unternommene und im Gang
        begriffene<note xml:id="n94">Tskr.: «begriffliche»; Korrektur durch die Hrsg. in Aufnahme
        einer Randmarkierung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>.</note> Werk der menschlichen Gemeinschaft so unentbehrlich wie
       jedes einzelne Exemplar für den Bestand des physischen <term key="Mensch, und Menschheit">Menschengeschlechts</term>. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch wäre nicht, wenn nicht <hi rend="italic">dieser</hi>, wenn nicht je <hi rend="italic">jeder</hi> faktisch existierende
       Mensch wäre. Die menschliche <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> wäre nicht, wenn sie nicht auch die meine und
       die deine wäre. Das menschliche Werk geschähe nicht, wenn es nicht zu unserer Zeit und an
       unserem Ort auch von dir und mir unternommen würde. Es geschieht allein in der unermesslichen
       Differenzierung, in der es in seinem Vollzug immer je dieses und dieses Menschen Werk ist,
       und uns fehlt der Standort, von dem aus wir irgend eines Menschen noch so bescheidenes Werk
       als entbehrlich bezeichnen könnten. Es steht im Großen wie im Kleinen, beim Lieben wie beim
       Hassen, beim Aufbauen wie beim Zerstören, beim geistigen wie beim materiellen Wirken, in der
       Arbeit wie in der Ruhe, beim Genießen wie in der Enthaltung – es steht immer und überall, wo
       ein einzelner Mensch an das Unternehmen herantritt und in dem Unternehmen begriffen ist,
       seinen menschlichen Lebenstag zu erfüllen, das Ganze des menschlichen Anliegens und Werks in
       Frage und auf dem Spiel. Er, dieser Einzelne, ist jetzt der <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term>. Das heißt aber: er ist jetzt an der Reihe: nicht nur als «Ring in der
       Kette»<note xml:id="n95">Vgl. die <bibl corresp="kbga-bibls-1392">letzte Strophe von <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Gedicht «Grenzen der Menschheit» (<ref type="pub" target="#fn_n86">Anm. 86</ref>)</bibl>: <q rend="block"><lg>
          <l>Ein kleiner Ring / Begrenzt unser Leben,</l>
          <l>Und viele Geschlechter / Reihen sich dauernd </l>
          <l>An ihres Daseins / Unendliche Kette.</l>
         </lg></q></note> – das freilich auch, aber nicht nur das. Dass er <pb xml:id="p501" ed="pga"/> am Werk der menschlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> teilnimmt, heißt nicht nur, dass irgend ein Teilstück dieses Werks nun
       eben seine Sache, seine Sorge, seine <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term>,
       Angelegenheit seiner besonderen <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>, seines
       Vermögens und seines Versagens ist. Das ist auch wahr: Anteil heißt auch Teil. Dass Jedes
       sich nicht für Alle schickt<note xml:id="n96">Vgl. den Beginn der 2. Strophe von <bibl corresp="kbga-bibls-1608"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Beherzigung» (1776/77; Berliner
        Ausgabe, S. 46</bibl>): «Eines schickt sich nicht für alle!»</note>, ist in dem Sinn richtig, dass
       nicht Jedes in der gleichen Ausdehnung und Gestalt, nicht Jedes unter dem gleichen
       Vorzeichen, mit demselben Gewicht, in derselben Direktheit aller Sache sein kann. Der Mensch
        <pb ed="A" n="1310"/> ist gewiss nicht in dem Sinn die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, dass er Alles, was Alle um ihn her denken, sagen und tun, direkt und
       explizit mitzudenken, mit zu sagen und mitzutun hätte. Er hat ja das Menschenleben als sein
       eigenes, an seinem Ort und zu seiner Zeit zu leben. Aber eben sein eigenes Menschenleben als
       solches ist nicht nur ein Ausschnitt und Teil aus einem menschheitlichen Gesamtleben; eben
       seine eigene menschliche <term ref="kbga-keywords-913">Existenz</term> ist als solche nicht
       nur die eines Sandkorns oder einer Zelle, die nun eben nur an ihrer Stelle, nur in ihrem
       Verhältnis zu Anderen, nur im übergreifenden Zusammenhang eines Ganzen ihre Funktion hätte.
       Wer als Mensch «funktioniert», der funktioniert bei aller Beschränkung seiner Zeit und seines
       Ortes selbständig und unmittelbar: nicht ohne, nicht gegen die Menschheit – das kann faktisch
       keiner –, aber auch nicht nur <hi rend="italic">in</hi> der Menschheit, nicht nur als
       untergeordneter Spezialist für irgend ein menschheitliches Sonderanliegen, sondern zu seiner
       Zeit und an seinem Ort und also in seiner Beschränkung selber als Träger und Vertreter des
       Ganzen der Menschheit. Er trägt nicht nur irgendetwas bei zu ihrem Werk – das ist auch wahr,
       aber das sagt nicht Alles: sein Beitrag ist als solcher eine Wiederholung des Ganzen. Er wird
       in seinem höchst beschränkten Leben und in der Leistung seines höchst bescheidenen Beitrags
       direkt oder indirekt faktisch an Allem vorbeikommen, Alles in irgend einer Form berühren und
       in sich aufnehmen, er wird faktisch explizit oder implizit zu Allem irgendwie Stellung nehmen
       müssen, was irgendwo <pb xml:id="p502" ed="pga"/> und irgend einmal irgend eines Menschen
       echt menschliches Anliegen und Werk gewesen ist. |</p>
      <p> Wir müssen jenes Wort nun noch einmal und auch von dieser Seite aufnehmen: «homo sum, nil
       humani a me alienum <term key="Mensch, homo sum, nil humani a me alienum puto">puto»</term><note xml:id="n97">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n90">Anm. 90</ref>.</note>. Das will sagen: Es wartet alles echt Menschliche irgendwo und
       irgendeinmal auf Jeden, der selber Mensch ist, wenn nicht als Antwort, dann doch als die
       Frage, auf die Andere geantwortet haben, wenn nicht als Erkenntnis, dann doch als das Rätsel,
       vor dem jetzt auch er steht, wenn nicht als Tat, dann doch als die Möglichkeit dazu, die auch
       die seinige ist, wenn nicht als sein Besitz, dann doch als sein Entbehren und Begehren. So
       oder so ist die ganze Last und die ganze Lust mensch<pb ed="A" n="1311" break="no"/>lichen Seins jetzt schlechterdings
       die seinige. So oder so ist gerade er jetzt tatsächlich unersetzlich, sind die Augen aller
       Zeitgenossen, aber auch aller vergangenen und künftigen Geschlechter jetzt in höchster
       Erwartung gerade auf ihn gerichtet. Was in der <term key="Freiheit, Wesen des Menschen">Freiheit</term>, die das Wesen des geschichtlichen Menschen ausmacht, und in der kühnen
        <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>, die für dessen Werk so bezeichnend ist,
       geschehen wird, das ist jetzt die an ihn gerichtete Frage, deren Beantwortung nicht nur für
       ihn, sondern in ihm für den Menschen, die ganze Menschheit, jeden anderen Menschen
       entscheidend ist. Der Menschheit Würde ist jetzt in seine Hand gegeben.<note xml:id="n98">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2485"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Gedicht «Die Künstler»
        (Erstdruck 1789; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 173–187), V. 
        443ff. (S. 186)</bibl>: <q rend="block"><lg>
          <l>Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, </l>
          <l>Bewahret sie! </l>
          <l>Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben! .</l>
         </lg></q>
       </note> So wichtig ist gerade er! Jeder <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> ist
       wichtig, und keiner ist es mehr, keiner weniger als der Andere! Jeder ist zu seiner Zeit und
       an seinem Ort ganz wichtig! Man merke: nicht diese Behauptung ist hochmütig, sondern die
       entgegengesetzte, dass der Eine mehr, der Andere weniger wichtig, dass Jeder nur teilweise
       wichtig sei. Gerade aus dieser scheinbar demütigen Auffassung ergeben sich immer wieder die
       falschen Überheblichkeiten, während die rechte <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term>
       des Einzelnen sich daraus ergibt, dass er sich selber, nämlich als Vertreter des Anliegens,
       das das aller Menschen <term key="Mensch, Einzelner, Vertreter des Anliegens aller Menschen">ist</term>, ganz wichtig nimmt. Gerade dann und nur dann wird er sich ja auch der Grenzen
       seiner Einzelnheit bewusst werden und bleiben. Es wird ihm <pb xml:id="p503" ed="pga"/> ja
       gerade dann nicht verborgen bleiben können, wie unendlich viel er in seiner einzelnen
       Existenz dem schuldig bleibt, was gerade in seiner Einzelnheit nun eben von ihm gefordert
       ist. Gerade dann wird er sich, indem er an der Reihe ist, um so williger in die Reihe
       stellen, als Ring in der Kette und nur als das funktionieren wollen. Der Anspruch und die
        <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term>, dass er mehr ist als das, bleiben darum doch
       und sie bleiben gerade dann zu Recht bestehen. |</p>
      <p> Von hier aus wird dann aber weiter zu erwägen sein: Die wirkliche menschliche
       Gemeinschaft, in der kein Einziger ersetzlich, die die Sache jedes Einzelnen ist, über die im
       Leben jedes Einzelnen selbständig entschieden wird, hat das Kriterium ihrer <term key="Gemeinschaft, menschliche, Kriterium ihrer Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> darin,
       dass sie ihrerseits keine Sache für sich, nicht bloß die Sache Einiger oder Vieler, sondern
       die Sache Aller und also auch die jedes Einzelnen ist. Sie wäre dann <pb ed="A" n="1312"/>
       nicht wirkliche menschliche Gemeinschaft, wenn sie auch nur einen Einzigen, sein Anliegen und
       sein Werk, sein Leben mit seiner Last und seiner Lust, mit seinem Vermögen und seinem
       Versagen grundsätzlich übergehen und ausschließen, wenn sie sich auch nur einem Einzigen als
       eine solche Sache darstellen würde, die ihn nichts angehe oder durch die seine eigene Sache
       gefährdet oder gar zunichte gemacht werde. Ist der Einzelne nur insofern Mensch, als ihm
       nichts Menschliches grundsätzlich fremd ist, so ist auch die Menschheit nur insofern
       menschlich, als ihr Werk keinem Einzelnen ein grundsätzlich fremdes sein kann. Muss Einer für
       Alle stehen, um Mensch zu sein, so müssen auch Alle, um menschlich zu sein, für Einen
       stehen. |</p>
      <p> Die menschliche <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> ist nicht uferlos, sie ist
       nicht in allen ihren Gestalten und Hervorbringungen menschlich. Sie ist es wohl in allen
       ihren Gestalten und Hervorbringungen nur begrenzt. Sie besteht jedenfalls in ihrem ganzen
       Verlauf immer auch in der Problematisierung ihrer eigenen Menschlichkeit. Diese tritt aber
       zweifellos immer und überall da ein, wo das menschliche Werk von Einigen oder Vielen so
       unternommen und ausgeführt wird, als hätten sie dabei nicht die Sache zu vertreten, die auch
       die jedes Einzelnen ist, als könnte menschliche Größe sichtbar, menschliche <term ref="kbga-keywords-1366">Macht</term> entfaltet, menschliches <term ref="kbga-keywords-337">Recht</term> aufgerichtet, menschliche <term key="Menschenwürde">Würde</term> geltend
       gemacht werden, ohne dass das Alles den Sinn eines Dienstes an jedem Einzelnen bedeutet: so
       vielleicht, dass gerade die Existenz des Einzelnen, seine <pb xml:id="p504" ed="pga"/> Größe,
       seine Möglichkeiten, sein <term key="Menschenrecht">Recht</term> und seine <term key="Menschenwürde">Würde</term> dabei missachtet und niedergetreten werden dürften. Wo und
       sofern das geschieht, da ist das menschliche Werk unmenschlich. Es verleugnet dann seinen
       Sinn und Ursprung als Gemeinschaftswerk. Der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>,
       an dem es dann vorbeigeht, den es dann ausschließt und ausschaltet, wird dann zu seinem
       Ankläger und Richter. Gerade ihm in seiner Einzelnheit darf es nicht fremd sein; gerade ihn
       muss es zur Teilnahme aufrufen; gerade er muss in der <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>, in der es
       unternommen und ausgeführt wird, seine eigene wiedererkennen; gerade er muss es als auch für
       ihn unternommen und ausgeführt verstehen können. Kann er das nicht, weil es <pb ed="A" n="1313"/> gerade so unternommen und ausgeführt ist, dass er es nicht kann, dass die
       Gemeinschaft ihm nur als Feind begegnet, dann ist auch die ihm so begegnende Gemeinschaft
       keine echte menschliche Gemeinschaft. Sie muss, um echt menschlich zu sein, so beschaffen
       sein, dass sie den Einzelnen <term key="Gemeinschaft, menschliche, muss den Einzelnen gewinnen">überzeugt</term>, dass auch er
       ihr angehört, und ihn dafür gewinnt, ihr von sich aus angehören zu wollen. Ihr Werk darf ihm
       also nicht bloß imponieren, geschweige denn, dass es ihn bloß einschüchtern und erschrecken,
       ihn bloß demütigen wollen dürfte. Mit ihrem Werk muss grundsätzlich auch ihm gedient <term key="Gemeinschaft, menschliche, dienende Funktion">sein</term>. Dann und nur dann kann und
       darf die Gemeinschaft von ihm verlangen, dass er auch ihrem Werk diene. Dann und nur dann ist
       es die Menschheit, die ihn in seiner Einzelnheit, die seine Hingabe und sein Opfer für sich
       in Anspruch nimmt. Dann und nur dann ist der Anspruch, den Viele oder Einige an den Einzelnen
       zu richten haben, legitim und vollgültig. Dann und nur dann fällt er ja mit dem Anspruch
       zusammen, den der Einzelne, um Mensch zu sein, an sich selbst zu richten hat. |</p>
      <p> Wir sind damit noch einmal auf das Problem der besonderen Gemeinschaften zurückgekommen.
       Dass es <term ref="kbga-keywords-428">Völker</term>, <term ref="kbga-keywords-160">Staaten</term> und Stände in der Mehrzahl gibt, das hat darin seinen Grund und sein Recht,
       dass die Menschheit nur je in den einzelnen <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term> existiert. Der Differenzierung des Menschen in der Existenz der Einzelnen
       entspricht die Differenzierung der menschlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> in jenen besonderen Gemeinschaften. Indem die Einzelnen nach ihren
       Zeiten und Orten verschieden sind, können, müssen und dürfen auch ihre Gemeinschaften
       verschiedene sein. Die <hi rend="italic">Einheit</hi> aller Einzelnen in der Menschheit
       relativiert freilich, wie wir sahen, diese Verschiedenheit, <pb xml:id="p505" ed="pga"/>
       verbietet es, irgend eine jener besonderen Gemeinschaften für absolut zu halten. Indem sie
       die Einheit aller <hi rend="italic">Einzelnen</hi> ist, macht sie sie in ihrer Relativität
       doch auch notwendig. Sie behauptet sich als Einheit gerade in dieser der Einzelnheit der
       Menschen angemessenen Vielheit von Einheiten. Aber eben von diesen vielen Einheiten ist nun
       besonders nachdrücklich zu sagen, dass sie die Sache der Menschheit nur zugunsten und nicht
       etwa zu Ungunsten je des Einzelnen darstellen und vertreten können. Der Mensch ist nicht um
       seines Volkes, Staates und Standes, sondern <term key="Volk, um des Menschen willen geschaffen">Volk</term>, Stand <pb ed="A" n="1314"/> und <term key="Staat, um des Menschen willen geschaffen">Staat</term> sind – als besondere
       Darstellungen des Menschheitsganzen – um des Menschen willen geschaffen. Wir hörten: sie
       können mit ihrem besonderen Gemeinschaftswerk nur der Sache der Menschheit dienen. Das
       Kriterium dieser Bestimmung und die Probe aufs Exempel bestehen darin, dass sie sich dem
       Einzelnen gegenüber nicht als Selbstzweck gebärden, ihn gerade nicht als bloßes Aufbauelement
       und Mittel ansprechen und behandeln, sondern gerade im <term key="Gemeinschaft, menschliche, dienende Funktion">Dienst</term> an seinem Wohl und Wehe, an
       seinem <term key="Menschenrecht">Recht</term> und seiner <term key="Menschenwürde">Würde</term>, gerade im Dienst seines Werkes ihre eigene Existenz sichtbar machen und
       rechtfertigen. Ihre Selbständigkeit und Freiheit anderen Gemeinschaften gegenüber ist dann
       notwendig, ihre Erhaltung und Verteidigung nach außen ist dann der Mühe wert, wenn ihr
       eigentlicher Inhalt die <term key="Mensch, Selbständigkeit">Selbständigkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> der von ihnen<note xml:id="n99">Tskr.: «von ihr»;
        Änderung durch die Hrsg.</note> umfassten einzelnen Menschen ist, wenn sie dazu behauptet
       wird, um das Werk dieses <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> in seiner besonderen
       Verantwortung nach außen in Schutz zu nehmen. Ihre besondere Ehre steht und fällt mit der
       Ehre jedes Einzelnen ihrer Angehörigen, Glieder, Bürger und Genossen. Die Gerechtigkeit und
       Heiligkeit ihrer <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> ist dadurch gewährleistet, dass
       sie jedem Einzelnen, der ihr unterworfen ist, gegenüber den Übergriffen der Anderen, aber
       auch seiner eigenen Bosheit und Torheit gegenüber Lebensraum, Sicherheit,
       Bewegungsmöglichkeit verschafft, jedem Einzelnen nicht mehr, aber auch nicht weniger als
       seine Chance bietet. Und es wird das Kriterium dieses Kriteriums immer auch darin bestehen,
       dass sie ihm auch alle diese Fürsorge und Wohltat nicht etwa ungefragt zuwendet, nicht etwa
       über seinen Kopf weg aufdrängt, sondern dass er selbst zur Behauptung ihrer Freiheit und
       Ehre, zur Aufrichtung und Gestaltung <pb xml:id="p506" ed="pga"/> ihrer Ordnung aufgerufen,
       dass er an der Bildung, Erhaltung und Durchführung der Gemeinschaft aktiv beteiligt, dass die
       Gemeinschaft selbst das Werk der Gemeinschaft und also grundsätzlich auch das Werk jedes
       Einzelnen ist. Echte geschichtliche <term key="Gemeinschaft, echte menschliche">Gemeinschaft</term> – die gerechte und heilige Gemeinschaft, die den Einzelnen befreit,
       ehrt und ins Recht setzt – kann ihm nie bloß als mächtiges Mysterium oder als mysteriöse
       Macht begegnen, sie kann ihm nie bloß verhängt und vorgegeben sein. Echte Gemeinschaft
       appelliert vielmehr in aller Offen<pb ed="A" n="1315" break="no"/>heit und Aufrichtigkeit an die Einsicht und an den
       guten Willen des <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term>; sie erwartet gerade von ihm,
       dass auch er sie wolle und baue; sie legt sich vertrauensvoll in seine Hand, weil sie weiß,
       dass sie gerade als Gemeinschaft seine eigenste Sache ist und dass sie, wenn sie nicht seine
       Sache wäre, unmöglich Bestand haben könnte. Eben diese Sicherung ihrer Menschlichkeit nach
       innen wird dann auch die sicherste Gewähr dagegen sein, dass sie jener Unmenschlichkeit nach
       außen, jener für sie selbst tödlichen Verabsolutierung verfallen könnte, in welcher ein <term ref="kbga-keywords-428">Volk</term> oder <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, ein
       Stand oder eine Klasse oder eine <term ref="kbga-keywords-380">Gesellschaft</term> sich
       selbst mit der Menschheit verwechselt und also sich selbst von allen Anderen abzuschließen
       oder sich selbst über und gegen alle Anderen erheben zu dürfen meint. Echte <term key="Gemeinschaft, echte menschliche">Gemeinschaft</term>, deren Sinn in der Sorge <hi rend="italic">für</hi> die Einzelnen <hi rend="italic">durch</hi> die Einzelnen <term key="Gemeinschaft, menschliche, Sorge für den Einzelnen durch die Einzelnen">besteht</term>,
       kann dieser Gefahr nicht verfallen. Ihr steht ja die Menschheit in der Person jedes einzelnen
       Menschen grundsätzlich und dauernd vor Augen. Und eben darin hat sie ihren Bestand, dass sie
       sie nicht aus den Augen verliert. So wird sie sie auch in den anderen Gemeinschaften
       wiedererkennen. So wird ihr der Mensch auch in der Gestalt anderer, fremder Gemeinschaft zu
       ehrwürdig sein, als dass sie ihn durch absolute Entgegenstellung ihres eigenen Werkes zu dem
       dieser anderen Gemeinschaft beleidigen und verletzen möchte. So wird sie, gerade indem sie
       die Menschheit in ihrem eigenen Raume darstellt, ihrer Darstellung in anderen Räumen eben den
       Respekt entgegenbringen, den sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Sie wird sich mit letzter
       Entschlossenheit zur Wehr setzen, wenn es ihr von außen oder von innen her verwehrt werden
       sollte, diese Darstellung in ihrem eigenen Raum ins Werk zu setzen. Sie wird aber eben damit
       nicht dem Streit, sondern dem Frieden dienen. Ist und bleibt sie nur selber menschlich und
       also mit der Sorge für die <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> durch die <term key="Gemeinschaft, menschliche, Sorge für den Einzelnen durch die Einzelnen"> Ein<pb xml:id="p507" ed="pga" break="no"/>zelnen</term> für sich vollauf beschäftigt, dann kann es
       nicht anders sein, als dass sie auch in den Akten der notwendigen Abwehr an die
       Menschlichkeit aller <pb ed="A" n="1316"/> Menschen, an den menschlichen Sinn aller
       menschlichen Gemeinschaften appellieren, sie durch das Faktum ihrer eigenen Existenz an das
       Eine Notwendige [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>]
       erinnern und also ihre Gegensätze untereinander, wie es sich gehört, relativieren wird. Das
       Bestehen solcher Gemeinschaft ist, gerade indem sie sich weder nach innen noch nach außen
       verabsolutiert, absolut gerechtfertigt. Zu ihrer Erhaltung darf und muss gerade vom Einzelnen
       Alles gefordert werden. Er steht und fällt gerade als Einzelner damit, dass es solche
       Gemeinschaft gibt.</p>
       </div>

       <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Wir haben es also kaum nötig, uns gegen den Verdacht zu verwahren, als ob
       wir mit dem zuletzt Gesagten nun doch dem <term ref="kbga-keywords-322"><hi rend="italic">Individualismus</hi></term> das Wort geredet hätten. Der Satz von der Identität des
       Menschen mit der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, von dem wir
       ausgegangen sind, gilt ohne Einschränkung. Eben jede Einschränkung dieses Satzes haben wir
       jetzt dadurch ausgeschlossen, dass wir erklärt haben: die Menschheit existiert nur im
       einzelnen Menschen. So ist gerade der Einzelne in seiner menschlichen <term key="Mensch, Einzelner">Besonderheit</term> der Träger des allgemein Menschlichen. Der
       Individualismus ist im Gegensatz dazu die systematische Vernachlässigung des allgemein
       Menschlichen zugunsten der menschlichen Besonderheit des Einzelnen, die Bagatellisierung oder
       auch Diskrimination der Gemeinschaft zugunsten einer Menschlichkeit, die wesentlich <term key="Individualismus, Menschlichkeit als Privatsache">Privatsache</term> wäre, wesentlich in
       der Aufrichtung und Durchsetzung der <term ref="kbga-keywords-1366">Macht</term> und Ehre,
       des <term key="Menschenrecht">Rechtes</term> und der <term key="Menschenwürde">Würde</term>
       des Einzelnen als solchen bestünde. <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> ist
       die Lehre und der praktische Versuch eines Lebens, dessen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> entweder in gar
       keinem oder nur in einem dunklen, fakultativen, gelegentlichen, unverbindlichen Zusammenhang
       mit der Freiheit und Verantwortung der Anderen besteht. Individualismus ist dann immer auch
       der grundsätzliche Selbstvorbehalt des Einzelnen gegenüber allen besonderen <term key="Individualismus, Selbstvorbehalt des Einzelnen gegen die Gemeinschaft">Gemeinschaften</term>: nicht der notwendige Vorbehalt <hi rend="italic">der</hi>
       Gemeinschaft gegenüber <hi rend="italic">den</hi> Gemeinschaften, sondern wirklich der
       Selbstvorbehalt des Einzelnen, der seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> grundsätzlich auch ohne und gegen die Gemeinschaft als solche haben
       und behaupten zu können wähnte. Auch der Individualismus bedeutet eine schwerste Verkennung
       der menschlichen <term key="Individualismus, Verkennung der menschlichen Natur">Natur</term>.
       Man sieht nicht den wirkli<pb ed="A" n="1317" break="no"/>chen Menschen, wenn man den
       Einzelnen nicht in der Gemeinschaft und wenn man nicht gerade in ihm die Gemeinschaft sieht.
       Seine Einzelnheit in abstracto – und wäre sie noch [so] tief und lebendig erfasst und
       verwirklicht – macht ihn noch nicht zum Menschen. Auch der Individualismus ist eine zutiefst
       unmenschliche <term key="Individualismus, Unmenschlichkeit">Lehre</term>, die die großen
       Worte <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> immer nur missbräuchlich für sich ins Feld führen wird. Und wie die
       Selbstwiderlegung des <term key="Kollektivismus, Selbstwiderlegung">Kollektivismus</term>
       darin besteht, dass er menschliche <pb xml:id="p508" ed="pga"/> Gemeinschaft aufrichten
       möchte und, dieser seiner Intention zuwider, immer auf die Missachtung gerade des
       gemeinschaftlich <term key="Kollektivismus, Missachtung des gemeinschaftlich Menschlichen">Menschlichen</term> hinausläuft, so hat sich der Individualismus auf die Länge noch immer
       damit gestraft, dass er, indem er das Individuum durch Beseitigung seines Schutzes durch die
       Gemeinschaft und seiner Bindung an die Gemeinschaft befreien wollte, der Atomisierung und
       damit indirekt doch wieder der Indifferenzierung der Einzelnen, ihrer Vermassung, <term key="Individualismus, dient letztlich der Vermassung">diente</term> und damit dem
       Kollektivismus in irgendeiner neuen Form den Weg bereitete. Eben das war z. B. die Leistung
       des individualistischen <term key="Liberalismus, des 19. Jahrhunderts">Liberalismus</term>
       des 19. Jahrhunderts. Hätte er den Einzelnen wirklich so frei gemacht, wie er es im Gegensatz
       zu dem älteren <term key="Kollektivismus, vor 1789">Kollektivismus</term> der Jahrhunderte
       vor <date when="1789">1789</date> zu wollen und zu können behauptete, dann hätte schon die französische <term key="Französische Revolution">Revolution</term> nicht in so paradoxer Folgerichtigkeit in
       den <term key="Bonapartismus">Bonapartismus</term> umschlagen, dann hätte ihm erst recht die
       noch viel radikalere Reaktion des neuesten <term key="Kollektivismus, neuester">Kollektivismus</term> unmöglich folgen können. Man kann ihm den Vorwurf nicht ersparen,
       dass diese Umschläge darum unvermeidlich waren, weil er die wirkliche <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> des Einzelnen im Zusammenhang der ihn schützenden
       und bindenden, ihn tragenden und auch von ihm selbst <term ref="kbga-keywords-305">verantwortlich</term> zu tragenden Gemeinschaft nicht einmal gewollt, geschweige denn ins
       Werk gesetzt hat. Man kann also schon dem ersten <term key="Napoleon Bonaparte"><persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName></term>, man kann auch schon den dem <term key="Liberalismus">Liberalismus</term>
       in seiner Blütezeit widerstehenden <term key="Konservative">«Konservativen»</term>, d. h. den
       Nachfahren jenes älteren <term key="Kollektivismus, vor 1789">Kollektivismus</term>, nicht
       absprechen, dass sie sich ihm gegenüber mindestens teilweise im Recht befanden. Und man wird
       erst recht die historische Gerechtigkeit nicht verkennen können, die in Gestalt der
       Tyranneien des neuesten <term key="Kollektivismus, neuester, Tyrannei">Kollektivismus</term>
       endlich und zuletzt über ihn gekommen <pb ed="A" n="1318"/> ist. Er selbst hat ihn gezüchtet
       und hervorgebracht. Vom Individualismus aus gibt es nur einen Weg, und der führt direkt in
       den <term key="Individualismus, führt in den Kollektivismus">Kollektivismus</term>, genau so,
       wie der eine offene Weg vom Kollektivismus her notwendig zum Individualismus <term key="Kollektivismus, führt in den Individualismus">führt</term>. Eben weil die Dinge hier so
       ineinander verhängt sind, wäre jede solche Antwort auf den Individualismus unbesonnen und
       unfruchtbar, die offen oder versteckt in einer kollektivistischen Lösung bestehen
       würde. |</p>
      <p>Es war ein nicht genug zu beklagender Irrtum, als die politische <term key="Philosophie, politische">Philosophie</term> – und leider auch <term key="Theologie, politische">Theologie</term>!<note xml:id="n100">Wörtliche Aufnahme von
         <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
          <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 356 (Nacht)</bibl>.</note> – im Deutschland der
       <orgName ref="kbga-actors-8747">Weimarer Republik</orgName> im Gegenschlag gegen den
       individualistischen Liberalismus des 19. <term key="Liberalismus, des 19. Jahrhunderts">Jahrhunderts</term> nichts Besseres zu tun wusste, als hinter die französische <term key="Französische Revolution">Revolution</term> zurückzugreifen und unter dem Titel der
        <term key="Schöpfungsordnungen">«Schöpfungsordnungen»</term> ungefähr das ganze Requisit des
       autoritären <term ref="kbga-keywords-1382">Staates</term> und der ständischen <term key="Gesellschaft, ständische">Gesellschaft</term> von anno dazumal als das Heil in aller
       Not anzupreisen.<note xml:id="n101">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kritik an der Rede von Schöpfungsordnungen vgl.
        <bibl corresp="kbga-bibls-473"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das erste Gebot als theologisches Axiom</hi>, in: V.u.kl.A.
         1930–1933, <ref type="pub" target="49012">S. 209–241</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p225#p225">S. 225</ref></bibl> (a.a.O., <ref type="pub" target="#fn_n38">Anm. 38</ref>, zahlreiche Literaturhinweise); ders.,
         <bibl corresp="kbga-bibls-617"><hi rend="italic">Theologische Existenz heute II</hi>, in: a.a.O., <ref type="pub" target="49018">S. 364–382</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p373#p373">S. 373</ref></bibl>.
        – Der Hinweis auf die «ständische Gesellschaft» scheint auf <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName> anzuspielen,
        der den Begriff «Stand» in Zusammenhang mit den «Schöpfungsordnungen» gebraucht. Vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-102"><persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Politische
         Ethik. Versuch einer Grundlegung</hi>, Jena 1932, S. 166–170</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-278"><hi rend="italic">Wider die Ächtung der Autorität</hi>, Jena 1930, S. 17–20</bibl>.</note> Und die Narrheit derer
        <pb xml:id="p509" ed="pga"/> war nicht geringer, sondern noch größer, die <date when="1940">1940</date> auch bei uns
       bereits nach dem rettenden <term key="Landammann">«Landammann»</term> zu rufen begannen.<note xml:id="n102">«Landammann» war der Titel des Vorsitzenden des jeweiligen eidgenössischen
        Vororts, der die Tagsatzung leitete und den diplomatischen Verkehr mit dem Ausland leitete.
        In der «Mediationszeit» ab 1803, als die <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> faktisch von <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> abhängig war, wurde
        der «Landammann der Schweiz» als Oberhaupt der nominellen schweizerischen Zentralgewalt zum
        direkten Ansprechpartner <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons</persName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5368">H.
        Stadler, Art. «Landammann», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Bd. 7, S. 562</bibl>;
         <bibl corresp="kbga-bibls-5369">A. Fankhauser, Art. «Landammann der
        Schweiz», in: a.a.O., S. 562f.</bibl>). Vereinzelt tauchte der Wunsch nach einer solchen
        Führungsfigur im Zweiten Weltkrieg wieder auf, als die Schweiz nach der Kapitulation
        Frankreichs im Juni 1940 auf allen Seiten von den Achsenmächten eingeschlossen war und in
        der Bevölkerung Defätismus um sich zu greifen begann; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5370"><persName ref="kbga-actors-6100">W. Rings</persName>, <hi rend="italic">Schweiz im Krieg 1933–1945. Ein Bericht</hi>,
        Zürich 1974, S. 180–185.203f.235–240</bibl>. Als Ausdruck einer solchen Stimmung kann wohl auch der
        <bibl corresp="kbga-bibls-5375">1941 gedrehte Film «Landammann Stauffacher»</bibl> gelten, der zur Zeit der legendenumwobenen
        Schlacht am <placeName ref="kbga-places-1406">Morgarten</placeName> spielt, der ersten militärischen Auseinandersetzung zwischen der
        <orgName ref="kbga-actors-8387">Eidgenossenschaft</orgName> (<orgName ref="kbga-actors-9698">Uri</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8346">Schwyz</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-10399">Unterwalden</orgName>) und den <orgName ref="kbga-actors-8812">Habsburgern</orgName>.</note> Man hätte nämlich
       aus den deutschen Vorgängen wirklich gelernt haben sollen, dass der wirkliche Gewinner im
       Spiel eines solchen <term key="Konservativismus">Neokonservativismus</term> nur Einer sein
       konnte: der neuere, der radikale <term key="Kollektivismus, neuester">Kollektivismus</term>,
       der sich alle jene Metternichiaden<note xml:id="n103">Der Name des Fürsten <persName ref="kbga-actors-689">Klemens Wenzel von Metternich</persName>, seit
        1809 österreichischer Außenminister und spätestens seit 1813 führender Staatsmann Europas,
        steht synonym für die wesentlich von ihm herbeigeführte und gestaltete Restauration des
        europäischen Staatensystems nach dem endgültigen Sturz <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons</persName> 1815. Metternich bekämpfte
        alle konstitutionellen und reformerischen Tendenzen und knüpfte dabei an die ständischen
        Strukturen des absolutistischen Zeitalters an.</note> der deutschen <term key="Ethik, deutsche Ethiker">Ethiker</term> und <term key="Theologie, deutsche Theologen">Theologen</term> hohnlachend gefallen ließ, bis er ihrer zu seiner nun doch auch jenen
        <term ref="kbga-keywords-415">Romantikern</term> nicht ganz erwünschten Erledigung des <term key="Liberalismus">Liberalismus</term> nicht mehr bedurfte. Es kann sich, wenn der Irrtum
       des <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> wieder einmal offenkundig ist,
       wirklich nicht darum handeln, sein Anliegen zu verraten, die auch ihm (wie dem <term key="Kollektivismus, particula veri">Kollektivismus</term>!) eigene <foreign xml:lang="lat">particula <term key="Individualismus, particula veri">veri</term></foreign> fallen zu lassen. Er kann nicht damit
       geschlagen werden, dass sein Hinweis auf den <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term>
       unterboten, sondern nur dadurch, dass er überboten, d. h. in vertiefter und gegründeter Form
       erst recht aufgenommen wird. Liberaler als die Liberalen muss der <term key="Liberaler als die Liberalen denken">denken</term> und reden, der die falschen Götter
       des 19. <term key="Götter, falsche G. des 19. Jahrhunderts">Jahrhunderts</term> als solche
       durchschaut hat und wirksam gegen sie vorge<pb xml:id="p510" ed="pga" break="no"/>hen will.
       Das bedeutet aber, dass es hinsichtlich der Anschauung <pb ed="A" n="1319"/> von der
       menschlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> im Ganzen und
       hinsichtlich des Verständnisses aller ihrer einzelnen Gestalten keine Ruhe mehr geben darf,
       bis es gedanklich und lebensmäßig klar ist, dass eben die Gemeinschaft nicht anderswo als im
       einzelnen Menschen wirklich ist, dass eben er zugleich ihr wesentlicher Gegenstand, aber auch
       ihr wesentlicher Träger, dass sie ganz gerade für ihn und ganz gerade durch <term key="Gemeinschaft, menschliche, ganz für und ganz durch den Einzelnen">ihn</term> ist. Dass
       der individualistische Liberalismus das nicht realisieren konnte oder wollte, das ist sein
       großer historischer <term key="Liberalismus, des 19. Jahrhunderts, historischer Irrtum">Irrtum</term>, den er heute büßen muss. Mit diesem Irrtum belastet darf er nicht
       wiederkommen, wenn nicht alles Blut, das er nun seit dreißig Jahren gekostet,<note xml:id="n104">Anspielung auf den Beginn des Ersten <term ref="kbga-keywords-170">Weltkriegs</term> im August 1914.</note> umsonst geflossen sein soll. Von diesem Irrtum
       befreit uns aber kein alter und kein neuer <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term>: er könnte und würde uns in diesem Irrtum letztlich nur bestärken
       können. Von ihm befreit uns nur die Erkenntnis, in der der <term key="Liberalismus">Liberalismus</term> ernst genommen wird, wie er sich selbst nie ernst nahm: die Erkenntnis
       der Menschheit, die als solche gerade und nur im einzelnen <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term> existiert.</p>
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      <p rend="margin-top">3. <hi rend="italic">Der Mensch hat je seine eigene <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Art</term></hi><hi rend="italic">, die doch gerade
        als solche nur die gemeinsame Art der <term key="Mensch, Einheit von eigener und gemeinsamer Art">Menschheit</term></hi>
       <hi rend="italic">sein kann.</hi> Der Mensch <hi rend="italic">ist</hi> in einer bestimmten
        <hi rend="italic">Art</hi>, nämlich in der Einheit je seiner eigenen und der gemeinsamen
       Art. Das ist das Problem unseres dritten und vierten Satzes. Was wir im ersten und zweiten
       Satz festgestellt haben, ist nun vorausgesetzt. Es handelt sich hier wir dort um den Menschen
       als <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> und in der <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>, nun aber nicht mehr um das Dass,
       sondern um das <hi rend="italic">Wie</hi> seines Seins unter dieser doppelten Bestimmung. Wie
       ist er Einzelner? Wir antworten: je in seiner <hi rend="italic">eigenen</hi> Art. Wie ist er
       in der Gemeinschaft? Wir antworten: in der <hi rend="italic">gemeinsamen</hi> Art der
       Menschheit. Wir haben nun auch diese Antworten je für sich und in ihrer Zusammengehörigkeit –
       wir haben nun auch die eigene Art des einzelnen Menschen und die gemeinsame Art der
       menschlichen ­Gemeinschaft als die <hi rend="italic">Einheit</hi> zu verstehen, in der der
       Mensch Mensch <term key="Mensch, Einheit von eigener und gemeinsamer Art">­ist</term>.</p>
      <p><pb ed="A" n="1320"/> Unser Ausgangspunkt sei auch hier das Zunächstliegende und also das je <hi rend="italic">Eigene</hi> des <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term>. Die menschliche Art ist
       nicht <hi rend="italic">nur</hi>, sie ist aber <hi rend="italic">auch <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term></hi><hi rend="italic">:</hi> die
       Art eines Jeden, die so die Art keines Anderen ist. Dass ich Ich, dieser Einzelne und als
       solcher Mensch bin, das beruht nicht auf meiner Eigenart. Meine Eigenart beruht aber auf <pb xml:id="p511" ed="pga"/> meiner Einzelnheit. Ich würde ja, auch wenn ich jeder Eigenart
       entbehrte, mit keinem Anderen identisch sein. Ich brauche meine Eigenart auch dazu nicht, um
       mich selbst zu erkennen und mich in meiner Einzelnheit von Anderen zu unterscheiden. Ich bin
       aber faktisch nicht dieser Einzelne, ohne zugleich und als solcher diese Eigenart zu haben.
       Ich bin (in genauer Parallele zur <term key="Mensch, Selbständigkeit">Selbständigkeit</term>
       meiner <term ref="kbga-keywords-913">Existenz</term>) in <hi rend="italic">meiner</hi> Weise,
       die (in genauer Parallele zu meiner Nicht-Identität mit jedem Anderen) so wenig die Weise
       eines Anderen, wie eines Anderen Weise die meinige sein kann. Meine Eigenart ist zweifellos
       so etwas wie eine Äußerung, eine Bezeugung meiner Einzelnheit als menschliche Person.
       Vielleicht nur so etwas wie deren Kleid, in dessen Umrissen und Falten die Gestalt meines
       Körpers sich ebenso abzeichnet wie verbirgt. Vielleicht doch auch so etwas wie deren Bild, in
       dem ich als Einzelner in irgend einem Genauigkeitsgrad jedenfalls sichtbar bin. In wie weit
       sichtbar? in welcher Tiefe? in welchem Genauigkeitsgrad? Das Alles mag dahinstehen. So wie
       ich mir selbst – ohne Kleid oder Bild, ohne Anschauung und Begriff von meiner Eigenart, ohne
       dass ich mich meines Gesichts im Spiegel zu vergewissern brauche – sichtbar bin, kann mich
       meine Eigenart bestimmt nicht sichtbar machen. Sie ist nur die <hi rend="italic">Äußerung</hi> und <hi rend="italic">Bezeugung</hi> meiner Person. Sie offenbart sie nur
       indirekt und relativ. Insofern hat das Wort «<foreign xml:lang="lat">Individuum est ineffabile</foreign>»<note xml:id="n105">Die Herkunft der Wendung «<foreign xml:lang="lat">Individuum est ineffabile</foreign>» (Das Individuum ist unaussprechlich)
        ist ungeklärt. Sie wurde durch <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Brief an
         <persName ref="kbga-actors-658">Lavater</persName> vom August 1780 bekannt. Dort heißt es:
        «Hab ich dir das Wort / Individuum est ineffabile / Woraus ich eine Welt ableite, schon
        geschrieben?» (in: <bibl corresp="kbga-bibls-5365"><hi rend="italic">Briefe von Goethe an Lavater. Aus den Jahren
         1774–1783</hi>, hrsg. von H. Hirzel, Leipzig 1833, S. 101–104, dort S. 104</bibl>). – «Man könnte
        geneigt sein, dieses Zitat, obwohl seine Herkunft noch im Dunkeln liegt, als eine polemische
        säkularisierte Form des alten und bekannten Wortes ‹<foreign xml:lang="lat">Deus est ineffabilis</foreign>› anzusehen»
         (<bibl corresp="kbga-bibls-3674">T. Borsche, Art. «Individuum, Individualität
        III. Neuzeit», in: HWP 4, Sp. 310–323, dort Sp. 312</bibl>.)</note> seine Richtigkeit. |</p>
      <p> Aber eben als die indirekte und relative Offenbarung des Individuums ist dessen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> nicht von ihm zu trennen. Ich
       bin nicht Ich, ohne diese meine Eigenart zu haben. Und eben in ihr wird es sichtbar –
       indirekt und relativ sichtbar, aber sichtbar! –, dass ich ein <term key="Mensch, Einzelner">Einzelner</term>, dieser mit kei<pb ed="A" n="1321" break="no"/>nem Anderen identische und
       vertauschbare Einzelne bin. In ihr verrate ich mich allen Anderen als ihresglei<pb xml:id="p512" ed="pga" break="no"/>chen: als Einer, der wie sie Mensch, nämlich dieser
       besondere Mensch ist. An ihr können sie mich als solchen erkennen. Sie ermöglicht es ihnen,
       mir einen Namen zu geben. Wenn ich ihnen – so gewiss sie nicht mit mir identisch sind, so
       gewiss sie mich also nicht von innen erkennen können – nicht so sichtbar bin, wie ich mir
       selbst sichtbar bin, so bin ich ihnen umgekehrt in meiner Eigenart unverhältnismäßig viel
       sichtbarer, als ich es mir selbst bin. Was weiß ich schließlich von dem ganzen Bild, in
       welchem meine Person nach außen, für Andere, sichtbar ist? Mit diesem Bild habe nicht ich
       [mich], mit ihm haben sie sich auseinanderzusetzen: ich höchstens indirekt, sofern ich
       unvermeidlich in ihre Auseinandersetzung mit mir verwickelt bin und in dieser
       Auseinandersetzung vermutlich direkt oder indirekt auch allerlei über meine Eigenart zu hören
       und zu bedenken bekomme. In meiner Eigenart gehe ich die Anderen an. Eben in meiner Eigenart
       bin ich ihnen jedenfalls zugänglich. Eben über sie haben die Anderen jedenfalls Übersicht,
       und zwar die bessere, als ich selber habe. Ob sie sie darum wirklich sehen oder ob sie mit
       offenen Augen an den offenen Tatsachen vorübergehen, das ist freilich eine andere Frage. Und
       erst recht, ob und wie sie sie verstehen, interpretieren und erklären: aus der Nähe oder aus
       der Ferne, genau oder ungenau, in richtiger oder unrichtiger Analyse und Kombination ihrer
       einzelnen Züge, in gerechter oder ungerechter Würdigung ihrer Totalität. Das ist sicher: es
       ist eben diese meine den Anderen grundsätzlich übersichtliche Eigenart, in der ich ihnen als
       ihresgleichen, als Einer, der wie sie selbst ein einzelner <term key="Mensch, Einzelner">Mensch</term> ist, erkennbar bin; es ist meine Eigenart, die die Gemeinschaft zwischen
       ihnen und mir von ihrer Seite aus möglich <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, ermöglicht erst Gemeinschaft">macht</term>. Gerade
       so, wie es die Eigenart jedes Anderen ist, in der ich ihn – wie ich sie auch sehe und
       verstehe – als Einzelnen erkenne und auf Grund derer es mir von mir aus möglich ist, mit ihm
       in Gemeinschaft zu treten. Wären wir <pb ed="A" n="1322"/> ohne Eigenart, dann wären wir zwar
       trotzdem je wir selbst, diese Einzelnen, ein Jeder in seiner unaufhebbaren und unaufgebbaren
        <term key="Mensch, Selbständigkeit">Selbständigkeit</term>. Wir würden uns dann aber gerade
       in dieser Einzelnheit gegenseitig verborgen und unzugänglich sein; wir würden dann ein Jeder
       in seiner Einzelnheit schlechterdings für sich sein müssen; Gemeinschaft untereinander wäre
       dann unmöglich. Indem wir nicht nur Individuen, sondern individuell <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">sind</term>, nicht nur Einzelne, sondern eigenartig
       ein Jeder in seiner Einzelnheit, ist <pb xml:id="p513" ed="pga"/> dafür gesorgt, dass
       Gemeinschaft möglich ist. Denn indem der Einzelne in seiner Eigenart wenigstens indirekt und
       relativ sichtbar wird, geschieht es, dass jeder Einzelne dem Anderen als seinesgleichen
       offenbar werden kann. Der Mensch ohne Eigenart wäre noch nicht oder nicht mehr Mensch, so
       gewiss er ohne Eigenart für die Gemeinschaft ausfallen müsste. Seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> steht und fällt ja damit, dass seine
        <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> mit anderen Menschen realisierbar,
       und also damit, dass er diesen Anderen als ihresgleichen sichtbar und zugänglich ist. Eben
       dafür ist dadurch gesorgt, dass jeder Mensch faktisch seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> hat. Das ist die Feststellung
       unseres dritten Satzes, die wir zunächst zu entfalten, nachher zu präzisieren haben.</p>
      <p> Wir beginnen wieder mit dem <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Physischen</term>: jeder Mensch hat sein <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term>, das
       bei aller, in gewissen Fällen allergrößten Ähnlichkeit unter allen anderen nicht
       seinesgleichen hat. Es ist sinnvoll, hier als pars pro toto gerade das Gesicht zu nennen. Die
       physische Eigenart jedes Einzelnen erstreckt sich ja auf seine ganze <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term>. Für die wissenschaftliche Technik der
       Identifikation eines bestimmten Menschen mögen seine Hände noch wichtiger sein als sein
       Gesicht. Man spricht aber gewiss nicht umsonst vom «Aussehen» eines Menschen. Das Bild seiner
       ganzen physischen Individualität ist zusammengefasst in der eigentümlichen Art, in der er –
       und das geschieht eben dort, wo er sich selber in der Regel nicht zu sehen pflegt, in seinem
       Gesicht nämlich – aus sich heraussieht. Und eben indem er in seiner ganz bestimmten und in
       dieser Bestimmtheit unnachahmlichen Weise aus sich heraussieht, eben in der Gestalt und <pb ed="A" n="1323"/> Bewegung seines um seine Augen konzentrierten Gesichtes begegnet er dem
       Gesicht von uns Anderen, macht er sich selbst für uns sichtbar. Diese Sicht ist vieldeutig.
       Das Gesicht, auch die Augen, auch der noch so sprechende Mund eines Menschen können uns
       darüber, wer er nun eigentlich ist, täuschen. Gerade in seinen Augen, gerade in seinem
       Gesicht, konzentriert sich auch das Rätsel jedes <term key="Mensch, Einzelner, Rätselhaftigkeit">Individuums</term>. Gerade indem wir ihm ins
       Gesicht sehen, wird auch die Erinnerung unvermeidlich, dass er sich so, wie er für sich
       selbst ist, nicht ausspricht, dass uns seine Einzelnheit aus seiner Eigenart nur in irgend
       einer Annäherung erkennbar werden kann. Es gibt Gesichter, die uns auf den ersten Blick und
       vielleicht je länger je mehr missfallen. Es gibt andere Gesichter, die uns mindestens
       befremden und müde machen. Es gibt andere, die es an sich ha<pb xml:id="p514" ed="pga" break="no"/>ben, dass sie uns überhaupt nicht interessieren. Eben das sind die besonders
       rätselhaften Gesichter. Aber sind es nicht gerade die rätselhaften Gesichter, die uns am
       deutlichsten darauf aufmerksam machen, <hi rend="italic">dass</hi> da Einer – wer er auch sei
       – aus sich heraussieht, sich eben damit auch uns sichtbar macht? Je rätselhafter die Sache
       uns scheint – und sie ist im Grunde auch in den uns vertrautesten und anziehendsten
       Gesichtern nicht weniger <term key="Mensch, Einzelner, Rätselhaftigkeit">rätselhaft</term>!
       –, umso mehr sind wir offenbar auf ihre Kontingenz, auf den je einzelnen <term key="Mensch, Einzelner">Menschen</term> gestoßen, der da in seiner Eigenart ausdrücklich und
       wieder in seiner Eigenart (und bestände sie auch nur in seiner Langweiligkeit!) uns
       eindrücklich wird. |</p>
      <p> Wir kommen schon nicht darum herum, dass jedes <term key="Mensch, Gesicht">Menschengesicht</term> als solches eine für sich selbst sprechende Tatsache ist: sprechend
       von einem besonderen Menschensein, das so das keines Anderen ist, und von einer besonderen
        <term key="Mensch, Lebensgeschichte">Menschengeschichte</term>, die so kein Anderer hinter
       sich hat. Weil dieser Mensch dieses Sein, weil er diese Geschichte hinter sich hat, darum
       sieht er so aus, wie er aussieht. Ob ich um sie weiß und ob ich sie zu deuten weiß, ist eine
       sekundäre Frage. Ich bin aber durch sein Aussehen, indem ich ihm, und wäre es noch so
       verständnislos, in die Augen sehe, ich bin gerade <pb ed="A" n="1324"/> dann, wenn ich ihm
       zunächst und vielleicht endgültig nur verständnislos in die Augen starren kann, genötigt,
       mich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass er, mit seinem Sein und mit seiner Geschichte
       hinter sich, in seiner ganzen Andersheit jedenfalls genauso wie ich selber auch da ist. Dass
       er sich mit seinem Gesicht – ob dessen Anblick mir sympathisch und erfreulich oder
       verwunderlich, unheimlich oder auch einfach uninteressant ist – als meinesgleichen anmeldet,
       daran ist nichts zu ändern. Indem er <hi rend="italic">so</hi> da ist, offenkundig <hi rend="italic">anders</hi> als ich selber, ist er <hi rend="italic">für mich da.</hi> Wie
       würde ich erst staunen, wenn ich Augen dafür hätte, dass an der Individualität seines
       Gesichtes natürlich seine ganze <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term>
       teilnimmt, dass sein Gesicht schließlich nur die mir auffallendste, aber vielleicht nicht
       einmal die objektiv bemerkenswerteste Eigentümlichkeit ist, in der er mit seinem Sein, mit
       seiner <term key="Mensch, Lebensgeschichte">Geschichte</term> hinter sich, vor mir steht, für
       mich da ist. Überall, in der Totalität und in allen Einzelheiten seiner physischen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Gestalt</term>, bestimmt dieselbe <term key="Kontingenz">Kontingenz</term> die<note xml:id="n106">Tskr. «der»; Korrekturvorschlag
        von den Hrsg.</note> Existenz dieses und nur dieses <term ref="kbga-keywords-913">Menschen</term>: Das Ganze, von <pb xml:id="p515" ed="pga"/> dem seine Augen, sein Gesicht
       ja wirklich nur ein Teil sind, eine einzige, zusammenhängende Runenschrift, die vielleicht in
       ihrem größten und wichtigsten Teil nie von einem Anderen gesehen, geschweige denn gelesen,
       geschweige denn gedeutet, geschweige denn richtig gedeutet worden ist oder je gesehen,
       gelesen, gedeutet werden wird und die doch als objektiv sprechende Tatsache da ist, in
       wahrhaft verschwenderischer Fülle, in jedem Blutstropfen und Gewebeteil Zeugnis und Bild
       dessen ist, dass hier Einer in seiner Weise – in der Weise, die so nur die seinige ist –
       Mensch ist wie alle Anderen. So existiert der Mensch schon im Physischen: aussehend so wie je
       nur er, dieser Einzelne, aussieht und gerade darin grundsätzlich einsichtig, gerade so vor
       aller Augen – unübersehbar viel deutlicher, als er faktisch je von einem geschaffenen Auge
       gesehen werden wird – als Einer, als dieser <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>,
       einsichtig als Mensch also – weil er ja eben nur in seiner Einzelnheit als Mensch erkennbar
       werden kann, in seiner Einzelnheit aber notwendig als Mensch <pb ed="A" n="1325"/> erkannt
       werden muss. Indem schon die menschliche <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Physis</term> – beachtet oder nicht
       beachtet, recht oder schlecht gedeutet – nicht nur in Individuen, sondern individuell
       existiert und also den Begriff des menschlichen Exemplars, aber auch die Begriffe der
       menschlichen <term ref="kbga-keywords-1388">Rassen</term> und <term key="Mensch, Menschentyp">Typen</term> zwar nicht aufhebt, wohl aber problematisch macht, ist sie die mächtigste
       Manifestation eben der Persönlichkeit, in welcher der Mensch Mensch, in welcher er für andere
       Menschen ihresgleichen, in welcher er gemeinschaftsfähig ist.</p>
      <p> Die dargelegte Einsicht wiederholt und verschärft sich, wenn wir auf die
       geschichtlich-geistige Seite der menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-historisch">Existenz</term> hinüberblicken.
       Was uns im <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term> und in der ganzen <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term> eines Menschen anschaut, das ist ja nicht nur
       die eigentümliche Struktur eines physischen Organismus, seiner Teile, Glieder und Elemente,
       sondern in, mit und unter dieser leiblichen Struktur der ebenso eigentümliche
       Realzusammenhang eines bestimmten seelisch-geistigen Wesens. Jeder ist auch darin dieser und
       nur dieser, jeder sieht auch darin so aus, wie nur er aussieht, dass er auch nach dieser
       anderen Seite seiner Existenz: hinsichtlich der Art, in der er von jenem leiblichen
       Organismus Gebrauch macht und unter ihm leidet, hinsichtlich der Art, wie er ihn beherrscht
       und von ihm beherrscht wird, so dran ist wie unter Allen kein Anderer. Sein Einzelnsein,
       seine Persönlichkeit <pb xml:id="p516" ed="pga"/> manifestiert sich auch in dem besonderen
       Gleichgewicht und Ungleichgewicht, in der besonderen Stärke und Schwäche seiner seelischen
       Möglichkeiten, Antriebe und Hemmungen, in der besonderen Verteilung seiner größeren oder
       geringeren geistigen Veranlagungen und Gaben, in der besonderen Kraft und Schwachheit seines
       Verstandes, seines Willens und Gefühls, in der besonderen Art seiner Reaktionen auf die ihm
       von außen zustoßenden Erfahrungen, in der besonderen Richtung, Qualität und Intensität seiner
       Interessen, d. h. seiner aktiven Teilnahme am Leben anderer Menschen und an der Existenz der
       Außenwelt überhaupt, in der besonderen Mischung, in der die sogenannten Temperamente<note xml:id="n107">Die klassische, antike Temperamentenlehre kategorisiert die Menschen nach vier
        Grundtypen (Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker, Choleriker). Sie gilt als
        wissenschaftlich überholt, fand und findet in zahlreichen Varianten und Abstufungen aber
        Aufnahme in der philosophischen und psychologischen Diskussion; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5364">M. Kutzer / Fr.
         Böhling / L. Riebold, Art.
        «Temperament», in: HWP 10, Sp. 981–997</bibl>.</note> gerade die seinigen sind, in der besonderen
       Gestal<pb ed="A" n="1326" break="no"/>tung gerade seines Charakters, wie er sich teils unter ihm vorgegebenen, teils
       unter von ihm selbst geschaffenen Bedingungen herausgebildet hat. |</p>
      <p>Alles das ist es ja, wonach wir eigentlich fragen, wenn wir einem Menschen fragend in die
       Augen sehen. Das meinen wir, wenn wir wissen möchten, «wer» er eigentlich ist. Wir müssen uns
       freilich klar sein darüber, dass wir auch hier im Grunde immer nur fragen können, <hi rend="italic">wie</hi> er ist. Denn auch das Alles ist an sich noch immer nicht er selbst.
       Wer er selbst ist, das wird er, auch indem er auf dieser höheren <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-historisch">Ebene</term> so ist, nicht
       aussprechen, das wird auch auf dieser höheren Ebene nicht direkt, sondern nur
       annäherungsweise, vieldeutig und missverständlich zur Sprache kommen. Immerhin, wir haben
       ganz recht: wer er ist, das wird auch auf dieser höheren Ebene und auf dieser erst recht –
       wenn nicht zur Aussprache, so doch zur <hi rend="italic">Sprache</hi> kommen, wenn nicht
       direkt offenbart, so doch indirekt bezeugt und abgebildet werden. Indem jeder Mensch auch
       sein seelisch-geistiges <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-seelisch">Aussehen</term> und also Gesicht hat, indem er sich auch in dieser Hinsicht äußert, indem
       sein ganzes Leben, soweit es uns übersichtlich ist, uns Gelegenheit gibt, gerade in dieser
       Hinsicht ein Bild von ihm zu gewinnen, wird er uns – und das in einer viel durchgreifenderen
       Weise, als wenn wir es <pb xml:id="p517" ed="pga"/> bloß mit seinem leiblichen <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term> zu tun hätten – sichtbar, kann die Auseinandersetzung
       mit ihm Gestalt gewinnen und fruchtbar werden. Wird nun sein leiblicher <term key="Mensch, Leiblichkeit">Aspekt</term> nicht doch bloß zu einem Kommentar zu dem Aspekt,
       den er uns, vermittelt durch jenen, hier bietet? Wie er ist, das gibt uns der Mensch kund –
       und wer er ist, das bezeugt er uns eben damit, dass er in seiner bestimmten Weise, die nur
       die seinige ist, spricht und schweigt, arbeitet und spielt, lacht und weint, dies tut und
       jenes unterlässt, diesen oder jenen Menschen sich zugesellt, hier dabei und dort nicht dabei
       ist, – indem er in, mit und unter dem Allem seine besondere seelisch-geistige <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-seelisch">Art</term> verrät und vor uns
       ausbreitet. |</p>
      <p>Wieder wird es eine offene Frage sein, ob und in<pb ed="A" n="1327" break="no"/>wieweit das mit dem Erfolg geschieht,
       dass er von den Anderen in dieser seiner Eigenart faktisch gesehen, verstanden und geschätzt
       wird. Es gibt zweifellos viel wenig beachtete, wenig verstandene und besonders auch viel
       wenig geschätzte menschliche <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term>.
       Es kann die Eigenart eines Menschen gerade darin bestehen, möglichst wenig aus sich
       herauszugehen, seine Eigenart und also sein geistiges Gesicht möglichst, vielleicht sogar
       unter der Maske einer von ihm nur angenommenen, ihm gar nicht eigenen Eigenart zu verhüllen:
       er tut dann nur so, als ob er so und so einer wäre, und ihm wird es dann wohl widerfahren,
       dass er weder in seiner eigenen noch in der von ihm eingenommenen Eigenart gesehen und
       verstanden wird. Es kann auch das zu seiner Eigenart gehören, dass er sich den meisten
       Anderen mehr unsympathisch als sympathisch machen, dass er darum von ihnen mehr gefürchtet
       als geliebt werden wird. Etwas Undurchsichtiges behält aber des Menschen geistiges wie sein
       leibliches <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Undurchsichtigkeit">Gesicht</term>
       auf alle Fälle. Wer wäre mit der Erkenntnis der Eigenart irgend eines Anderen auch bei der
       nächsten Bekanntschaft mit ihm je so fertig geworden, dass sie ihm nicht immer wieder
       Überraschung bereitete, dass er sich um sie nicht immer wieder bemühen müsste? Und wer wäre
       umgekehrt mit dem Versuch, seine Eigenart den Anderen sichtbar und verständlich zu machen, je
       zu Ende gekommen? Das ist ja jedes menschliche <term key="Mensch, Leben als Versuch sich verständlich zu machen">Leben</term>: eine Reihe von
       Versuchen, uns den Anderen in je unserer Eigenart sichtbar und verständlich zu machen. Was
       wir damit meinen und wollen, ist nicht mehr und nicht weniger als die Gemeinschaft mit ihnen,
       zu deren Herstellung wir ihnen durch Bekundung unserer eigenen Art bezeugen müssen, wer wir
       sind. Und was wir in der Herstellung <pb xml:id="p518" ed="pga"/> der Gemeinschaft mit den
       Anderen suchen, ist nicht mehr und nicht weniger als unsere eigene <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. So ist es wahrhaftig nötig, dass jener
       Versuch unternommen und jedenfalls nicht ganz umsonst unternommen werde. Das wäre – wenn ein
       solches möglich wäre – ein gänzlich misslungenes <term key="Mensch, Leben, misslungenes">Menschenleben</term>, dem es etwa dauernd und gänzlich versagt bliebe, sich in seiner
       Eigenart sichtbar und verständlich zu ma<pb ed="A" n="1328" break="no"/>chen. Das ist darum
       immer ein böses Altwerden, wenn der Mensch darin müde und resigniert wird: sich den Anderen
       sichtbar und verständlich zu machen. |</p>
      <p> Aber das Rätsel des einzelnen Menschen in seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Rätselhaftigkeit">Eigenart</term> bekundet sich auch
       da und gerade da – es muss sich auch da und gerade da bekunden –, wo die Ausbreitung seiner
       Eigenart vor aller Augen, mit seinem Willen, ohne oder gegen ihn, noch so gewaltig und
       erfolgreich ist. Je mehr er in irgend einer Einseitigkeit oder auch Vielseitigkeit, in irgend
       einer Schärfe oder auch Stumpfheit, in irgend einer Stärke oder auch Schwachheit seiner
       Anlage und Begabung, seiner Talente und seines Habitus, in irgend einer Bestimmtheit seines
       Denkens, Wollens und Fühlens, in irgend einer Sonderbarkeit seines Vorgehens nach außen oder
       seines Rückzugs auf sich selbst, in irgend welchen Konturen seines geistigen Gesichts
       «auffällt», d. h. aus der Reihe der Anderen herausfällt – je mehr er sich dabei entweder dem
       Grenzwert des <term key="Genie">Genies</term> oder dem entgegengesetzten des <term key="Wahnsinn">Wahnsinns</term><note xml:id="n108">Vgl. oben, <ref target="../volume/50/p051#fn_n49" type="pub">S. 51, Anm. 49</ref>.</note> (oder auch beiden
       zugleich) nähert, desto stärker wird das Rätsel, das er aufgibt. Desto mehr fordert er
       heraus, d. h. desto mehr zwingt er zur Auseinandersetzung mit ihm, desto mehr ruft er der
       Verwunderung und der Kritik – der Bewunderung vielleicht, aber vielleicht auch dem Abscheu.
       Irgendwo und irgendwie sind und bleiben wir uns aber Alle rätselhaft in unserer Eigenart. Und
       irgendwo und irgendwie sollen und müssen wir uns auch rätselhaft bleiben. Dass wir uns
       einander sichtbar und verständlich machen, kann und darf, wenn es seinen Sinn nicht verfehlen
       soll, nicht dazu führen, dass wir uns nicht mehr erstaunlich sind, weil uns unsere
       beiderseitige Fremdheit ganz und gar verloren gegangen wäre. Kann doch alles Sichtbar- und
       Verständlichwerden unserer Eigenart nur dazu dienen, zur Herstellung unserer Gemeinschaft mit
       den Anderen unsere Einzelnheit, unsere Persön<pb xml:id="p519" ed="pga" break="no"/>lichkeit
       zu bezeugen. Eben diese Bezeugung macht es aber nötig, dass die Bekundung unserer Eigenart
       bei aller Ausbreitung eine Grenze hat, dass wir nicht aufhören, einander auch in unserer
       Eigenart rätselhaft zu sein. Um uns dieses Rätsel aufzugeben, müssen wir uns in unserer
       Eigen<pb ed="A" n="1329" break="no"/>art <hi rend="italic">bekunden</hi> und also ausbreiten. Eben die Bekundung und
       Ausbreitung unserer Eigenart würde aber zur Bezeugung unserer Einzelnheit vergeblich sein,
       wenn wir uns nicht auch in ihr <hi rend="italic">rätselhaft</hi> wären und immer wieder
       würden. Denn eben indem wir in der gegenseitigen Bekundung unserer Eigenart zu <hi rend="italic">keinem</hi> Ende kommen, eben indem wir <hi rend="italic">nicht</hi>
       miteinander fertig werden, begegnen wir uns, wie es der Sinn alles gegenseitigen Sichtbar-
       und Verständlichwerdens ist, als <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>, die als
       solche und also im Suchen nach Gemeinschaft untereinander Menschen sind. |</p>
      <p> Es hat darum schon seinen Sinn, wenn man von jeher gerade jene Grenzwerte des <term key="Genie">Genies</term> und des <term key="Wahnsinn">Wahnsinns</term> als die Bekundungen
       eigenartigster und gerade so geheimnisvollster Eigenart im Schein einer gewissen Heiligkeit
       gesehen hat. Genie und Wahnsinn zeigen die Ausbreitung menschlicher Eigenart zugleich mit der
       Entfaltung ihrer höchsten <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Rätselhaftigkeit">Rätselhaftigkeit</term>. Man darf nicht vergessen, dass sich die menschliche Eigenart
       notwendig zwischen diesen beiden Grenzen bewegt, an ihnen beiden in größerer oder kleinerer
       Nähe oder Ferne Anteil haben <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Genie und Wahnsinn als Grenzen">muss</term>. Wer ihn
       etwa gar nicht hätte: wer etwa zu der erfreulichen Vermutung, er möchte ein Genie, oder
       (und!) zu der traurigen Vermutung, er möchte wahnsinnig sein, gar keinen Anlass böte, wer so
       normal wäre, dass seine Selbstdarstellung den Anderen schlechterdings durchsichtig wäre und
       einleuchten müsste, so normal, dass man nun doch mit ihm fertig werden könnte, dessen
       Eigenart wäre nicht menschlich, dessen Eigenart würde nämlich bezeugen, dass er kein
       Einzelner, keine Person ist, wie er dann auch für die Gemeinschaft ohne Weiteres ausfallen
       würde. Es gibt aber zum Glück keinen Menschen – und die sind es am allerwenigsten, die es am
       liebsten hätten, dass es anders wäre –, dessen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> sich nicht zwischen jenen beiden Grenzen befände und auch an beiden
       irgendwelchen Anteil, die also nicht auch etwas von der Art des <term key="Genie">Genies</term> und etwas von der Art des <term key="Wahnsinn">Wahnsinns</term> an sich
       hätte.</p>
      <p>Aber es ist an der Zeit, dass sich das Blatt auch hier wendet. Wie die Existenz des <term ref="kbga-keywords-913">Menschen</term> sich nicht darin erschöpft, dass er je dieser <pb xml:id="p520" ed="pga"/>
       <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> ist, so erschöpft sich auch seine Art nicht in
       seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term>. Vielmehr: wie wir
       gerade den Einzelnen in seiner Einheit <pb ed="A" n="1330"/> zu verstehen hatten, so müssen
       wir nun auch von der ihm als Einzelnem eigenen Art sagen, dass sie als solche nur die
       gemeinsame Art der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, gemeinsame Art der Menschheit">Menschheit</term>
       sein kann. Ist meine Art die meine und nur die meine, so ist sie doch menschliche und keine
       andere Art, so gewiss ich als Einzelner Mensch bin und also in der Gemeinschaft der <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> existiere. Indem ich als Einzelner in meiner
       Weise bin, die die keines Anderen ist, wie auch keines Anderen Weise die meinige sein kann,
       bin ich in meiner Weise menschlich und also so, wie alle anderen Menschen auch sind. Indem
       ich meine Einzelnheit, indem ich mich als diese Person äußere und bekunde in meiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term>, indem ich in diesem Kleid oder Bild
       für Andere sichtbar und verständlich werde, wird Einer wie sie sichtbar: nicht ihresgleichen,
       sofern seine Art nicht die ihre, die ihre nicht die seine – und nun doch ihresgleichen,
       sofern ihre und seine eigene Art in aller ihrer Verschiedenheit eine ist, ihre
       Verschiedenheit doch nur in deren <term key="Mensch, und Menschheit, Verschiedenheit nur als Variation">Variation</term> besteht.
       Ich bin dasselbe ganz anders, ganz anders dasselbe wie sie: ich bin menschlicher Art. |</p>
      <p> Das ist eben die menschliche Art in der Fülle ihres Begriffs: Einheit in der <term key="Menschheit, Einheit in der Verschiedenheit">Verschiedenheit</term>, Verschiedenheit in
       der <term key="Menschheit, Verschiedenheit in der Einheit">Einheit</term>. Sie bekundet sich
       – darauf müssen wir jetzt den Ton legen – trotz, nein, in, mit und unter ihrer Eigenart und
       also Verschiedenheit auch als Einheit, als die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term>. Auch der Bestimmtheitsgrad dieser
       Bekundung ist eine offene Frage. In der Direktheit, in der sich der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> selbst als solcher und eben so als Mensch, in seiner
       Teilnahme am Sein der ganzen <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> bekannt
       ist, kann er Anderen nicht bekannt sein. Jener Satz muss von Rechts wegen durch den anderen
       ergänzt werden: «non solum <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Individuum est ineffabile">individuum</term> sed
       etiam humanum est <term key="Mensch, Menschlichkeit, Humanum est ineffabile">ineffabile</term>». Nicht nur das besonders, sondern auch das allgemein Menschliche wird
       als solches nicht oder eben nur indirekt und relativ offenbar, kann durch die <term ref="kbga-keywords-470"><hi rend="italic">Humanität</hi></term>, d. h. durch die gemeinsame
        <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>, an der jeder Einzelne in seiner Eigenart
       teilnimmt, nur geäußert und bezeugt werden. Aber eben die Humanität als die indirekte und
       relative Offenbarung der Menschheit gehört untrennbar zu dieser, wie sie auch in jedem
       einzelnen Menschen wahr und <pb ed="A" n="1330a"/> wirklich ist. Eben in seiner Humanität wird er selbst
       sich dessen bewusst, dass er nicht Individuum irgend einer, sondern gerade der menschlichen
        Ge<pb xml:id="p521" ed="pga" break="no"/>meinschaft, dass er als <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch <hi rend="italic">ein</hi> Mensch, an seinem Ort und zu seiner Zeit der
       Träger und Repräsentant der <term key="Mensch, Einzelner, Träger und Repräsentant der Menschheit">Menschheit</term> ist.
       Menschheit ist nicht ohne <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, wie der Einzelne
       nicht ohne <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> ist. Es bedarf
       dessen, dass der Mensch sich nicht nur seiner Individualität, sondern in, mit und unter ihr
       auch seiner Humanität bewusst sei, damit er sich als Mensch <term ref="kbga-keywords-6">erkenne</term> und dementsprechend dann auch als Mensch denke, rede, handle und sich
       erhalte. Und es bedarf dessen, dass er in, mit und unter seiner Individualität auch seine
       Humanität sichtbar und verständlich mache, damit er Anderen als ihresgleichen, als Einer, der
       in seiner Besonderheit Mensch ist wie sie, sichtbar und verständlich werde. Es bedarf nicht
        <hi rend="italic">nur</hi>, es bedarf aber <hi rend="italic">auch</hi> des Allgemeinen, des
       Menschlichen in der Art, wie es auch das ihrige, wie es das aller Menschen ist, damit es zum
       Erkennen zwischen diesem Menschen und den <term key="Mensch, und Menschheit">Anderen</term>
       komme. Wäre ich den Anderen nur ungleich, dann wäre Gemeinschaft zwischen ihnen und mir so
       unmöglich wie dann, wenn ich ihnen etwa nur gleich wäre. Es bedarf zur Herstellung der <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> der gemeinsamen <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term> ebenso wie der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">besonderen</term>; es muss dazu gerade im Besonderen
       und Besondersten – nicht irgendwo hinter und über ihm, sondern als Bestimmung gerade des
       Besonderen und Besondersten als solchen – das Allgemeine und Allgemeinste in irgend einem Maß
       und Grad sichtbar sein. Die offenbleibende und nur von Fall zu Fall zu beantwortende Frage
       kann nur das Maß und den Grad dieser Sichtbarkeit betreffen. Viel schuldhafte und schuldlose
       Verschlossenheit auf der einen, viel harmlose und bösartige Verkennung auf der anderen Seite,
       viel Beschränktheit hier und viel Unverständnis und Missverständnis dort ist auch in dieser
       Hinsicht möglich. Ein Aufgehen der Rechnung, ein wunderbares Zusammensein von Individualität
       und <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> in völliger Deckung ist von keinem
       Einzelnen zu erwarten, und die ebenso wunderbare Entdeckung solchen Zusammenseins durch die
       Anderen ist von diesen besser nicht in Aussicht zu nehmen. |</p>
      <p>Aber das ist sicher: <pb ed="A" n="1331"/> wer Mensch ist, der hat irgendwo und irgendwie
       gerade in seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> auch die
       gemeinsame menschliche <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>, der kann, darf und
       muss von den Anderen auch auf sie angesprochen werden. Und es ist gerade das, worin er
       eigenartig ist, sicher in irgend einer Tiefe, und wäre es auch nur die des Widerspruchs, in
       dem er sich befindet, auch das Gemeinsame, das auch ihn als Men<pb xml:id="p522" ed="pga" break="no"/>schen kennzeichnet und verpflichtet, um wiederum die Anderen auch ihm gegenüber
       zu verpflichten. Wären wir ohne <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, dann wären
       wir zwar trotzdem Träger und Repräsentanten der Menschheit – nicht die Humanität macht uns ja
       zu Menschen, sondern als Menschen sind wir durch sie, die gemeinsame menschliche Art,
       ausgezeichnet –, wir würden uns aber, dieser Auszeichnung entbehrend, als Menschen
       gegenseitig ebenso verborgen und unzugänglich sein wie dann, wenn wir nicht als Einzelne
       durch unsere <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term>
       ausgezeichnet wären. Es würde auch dann ein Jeder als Monade ohne Fenster<note xml:id="n109"><bibl corresp="kbga-bibls-5363"><persName ref="kbga-actors-1114">G. W. Leibniz</persName>, <hi rend="italic">La
         Monadologie</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Monadologie und andere metaphysische
         Schriften</hi>. <hi rend="italic">Französisch-deutsch</hi> (PhB 537), hrsg. von U. J.
        Schneider, Hamburg 2002, S. 110–150, dort S. 112 (§ 7)</bibl>: «<foreign xml:lang="fre">Les Monades n’ont point de
        fenêtres, par lesquelles quelque chose y puisse entrer ou sortir</foreign>.»</note> für sich
       existieren müssen. Gemeinschaft wäre auch dann unmöglich. Indem wir nicht nur Menschen,
       sondern, ein Jeder in seiner Besonderheit, auch menschlich sind, ist dafür gesorgt, dass
       Beziehung und Gemeinschaft möglich ist. Denn indem unsere Eigenschaft als Träger und
       Repräsentanten der <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Menschheit">Menschheit</term> in unserer Menschlichkeit wenigstens indirekt und relativ sichtbar und
       verständlich wird, geschieht es, dass die Fenster vom Einen zum Anderen jedenfalls aufgehen
       können, dass zwischen hüben und drüben jedenfalls keine unübersteigbare Kluft befestigt ist.
       – Das ist, zunächst grundsätzlich formuliert, die Präzisierung unseres dritten Satzes, die
       notwendige Durchführung der Erkenntnis, dass der Mensch je seine eigene <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Art</term> hat.</p>
      <p> Wir veranschaulichen sie uns zuerst wieder nach der physischen Seite. «Jeder Mensch hat
       sein Gesicht.» Ja, aber eben sein <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term>, das so das
       keines Anderen ist, nun doch in ganz bestimmter Ähnlichkeit mit Anderen. Sein Gesicht vor
       allem in irgend einer neuen Kombination der Züge und des Ausdrucks seiner Eltern und
       Voreltern, als irgend eine besondere Variation des <term key="Mensch, Menschentyp">Typus</term>, der wieder anders variiert schon in früheren Generationen und neben ihm von
       den näheren und ferneren Ver<pb ed="A" n="1332" break="no"/>tretern derselben Generation
       seiner <term key="Mensch, und Familie">Familie</term> auch sichtbar ist. Wie sieht er aus?
       Gewiss so, wie nur er und sonst keiner vor und neben ihm, und nun doch auch so, wie gerade in
       seinem nächsten Blutszusammenhang viele Andere auch ausgesehen haben und noch aussehen, so
       dass sein Zusammenhang mit ihnen in die Au<pb xml:id="p523" ed="pga" break="no"/>gen springt,
       so dass er unter Umständen, bei wenig naher Bekanntschaft und genauer Betrachtung nämlich,
       Gefahr laufen kann, für einer von ihnen gehalten, mit einem von ihnen verwechselt zu werden.
       Was sieht eben aus ihm heraus? Gewiss sein Sein und seine Geschichte, die so nur die seinigen
       sind, und nun doch gerade in seinem Sein in seiner Geschichte in merkwürdiger Mischung immer
       auch sein Vater und seine Mutter, aber vielleicht auch noch viel mehr ein Urahn oder eine
       Urahne, von denen er wohl gar nichts weiß, ohne deren Existenz er aber doch nicht wäre, ohne
       deren Art er also auch seine Eigenart nicht hätte, längst vom Schauplatz abgetretene
       Personen, die sich nun doch die Freiheit zu nehmen scheinen, gerade in seiner höchst
       persönlichen Existenz und Art, die ganz und gar seine Sache ist, noch immer auf dem Plan zu
       sein: die Freiheit, unverkennbar gerade aus seinen Augen zu schauen – vielleicht auch ein
       Bruder oder eine Schwester oder ein anderer mehr oder weniger entfernter oder naher
       Generationsgenosse, dem gegenüber er sich vielleicht höchst fremd fühlt und der sich nun
       doch, ob es ihm passt oder nicht, herausnimmt, in den Zügen und im Ausdruck seines Gesichtes
       in größter Nähe und Beziehung sichtbar hinter und neben ihm zu stehen. Kann jemand nur schon
       im Blick auf seine offenkundige oder heimliche Familienähnlichkeit sagen, dass sein <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term>, sein Aussehen, seine und nur seine Sache sei? Er kann
       und muss es wohl sagen: seiner Eigenart wird er ja bei aller Familienähnlichkeit sicher nicht
       entbehren. Aber eben der Begriff der Eigenart, die je jedes Einzelnen eigene Sache ist, muss
       schon im Blick auf das physische Antlitz eines Jeden dahin erläutert und vertieft werden: sie
       existiert nun doch nur als eine besondere Gestalt der Art seiner familiären Umgebung; sie
       bekundet also in ihrer Besonderheit immer auch deren Allgemeines. Er hat gerade in seiner
       eigenen auch die gemeinsame Art, und er muss gerade mit <pb ed="A" n="1333"/> seiner eigenen
       Art in Ehren oder Unehren, ob es ihn freut oder nicht, auch die gemeinsame Art vertreten und
       verantworten, die vermöge seiner Erzeugung und Geburt durch bestimmte Eltern und vermöge des
       Blutszusammenhangs, in welchem er sich damit befindet, in besonderer Variation auch die
       seinige ist. Seiner Eigenart zum Trotz? Nein, gerade seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> hat er ja nicht anders denn als
       Einer, als Dieser in seiner Familie, gerade in, mit und unter seiner Eigenart macht er ja
       auch deren gemeinsame Art sichtbar. Wer ihn in seiner Individualität <pb xml:id="p524" ed="pga"/> sieht, der muss wohl oder übel, zu seiner Erquickung oder zu seinem Verdruss auch
       das Stücklein <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> sehen, das nun eben in der Art
       seiner Familie und Sippe, in deren unabsehbarer Verhängtheit mit Anderen in ihm zur
       Darstellung kommt. Wer sich mit ihm auseinandersetzt, der muss sich faktisch zugleich (und
       gerade indem er ganz ihm zugewendet ist) auch mit der Art der Vielzahl derjenigen Menschen
       auseinandersetzen, denen er mehr oder weniger, offenkundig oder heimlich familien- und
       sippenmäßig ähnlich ist. |</p>
      <p>Und nun ist ja nicht nur das Gesicht <foreign xml:lang="lat">pars pro toto</foreign>, so dass das, was von der
       Familienähnlichkeit eines <term key="Mensch, und Familie">Menschen</term> gilt, von seiner
        <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term> überhaupt und als solcher zu sagen ist.
       Nun ist ja die Familienähnlichkeit nur eine von den gerade für die physische Eigenart des
        <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Menschen</term> bestimmenden
        Ähnlichkeiten.<note xml:id="n110">Im Tskr. ist ab hier eine knappe halbe Seite gestrichen
        worden. Offensichtlich geschah dies schon während der Niederschrift, denn der ursprünglich
        letzte auf S. 1333 beginnende Satz findet auf S. 1334 keine Fortsetzung. Inhaltlich bringt
        der dort weitergeführte Text kaum eine größere Veränderung, allerdings fehlt der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
        hier eingeführte Begriff der «<foreign xml:lang="lat">natio</foreign>» im ursprünglichen Passus auf S. 1333 noch.</note>
       <pb ed="A" n="1334"/> Der Begriff der <term key="Nation / Nationalität">«<foreign xml:lang="lat">natio</foreign>»</term>, der
       streng genommen einfach vom Geborenwerden redet und darum bei den Römern auch der Name der
       Geburtsgöttin war, hat wohl schon früh nicht nur über den Einzelnen, sondern auch über dessen
       nächste Familie hinaus auf das Geschlecht, den Volksstamm, den Menschenschlag, die Rasse,
       kurzum auf die Familie im weiteren Sinn, auf die größeren und umfassenderen
       Blutszusammenhänge und die mit ihnen gegebenen allgemeineren Bestimmungen der Eigenart jedes
        <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Einzelnen</term> hingewiesen. <term key="Humanität, ist immer auch Nationalität">Humanität</term> ist in jeder ihrer
       individuellen Ausprägungen immer auch Nationalität, in seltenen Fällen in gewissen Gegenden
       der Erde wohl auch heute noch eine relativ bestimmte Nationalität, in den meisten Fällen wohl
       längst eine Kombination und Mischung mehrerer und vielleicht sehr vieler und verschiedener
        <term key="Nation / Nationalität, Kombinationen und Mischungen">Nationalitäten</term>. Indem
       Einer in einer bestimmten ihm und nur ihm eigenen Weise aussieht, kann es nicht anders sein,
       als dass, ob er es weiß und will oder nicht, ob er sich dessen schämt oder ob er darauf stolz
       ist, auch sein Volk (der Berner, der Basler, der Engländer, der Deutsche) oder vielmehr: der
       ganze kleine <term key="Völkerbund">Völkerbund</term>, der in Wahrheit in ihm vereinigt ist
       (der Kelte oder Römer mit dem Ale<pb xml:id="p525" ed="pga" break="no"/>mannen und Burgunder
       z. B. und diese wieder in ihrer späteren Vereinigung mit noch ganz anderen Nationen), dass
       die Natur dieses Volkes mit ihren Merkmalen auch seiner Geschichte mehr oder weniger bestimmt
       und deutlich, aber sicher sehr real aus ihm heraussieht. Was ist er in seiner Eigenart? Ein
       ganzes Stück Menschengeschlecht, ein ganzes wandelndes Stück <term ref="kbga-keywords-398">Menschengeschichte</term>, ein wahrer Zusammenlauf von Menschheit, sichtbar nun eben in
       seinem Schicksal, von ihm als seine persönliche Last und Freude, als sein Reichtum und als
       seine Beschränktheit mitzutragen. Mit wem hat sich der auseinanderzusetzen, der nun gerade
       ihm begegnet? Sicher mit ihm und nur mit ihm in der individuellen Fassung <hi rend="italic">seiner</hi>
       <term key="Humanität, des Einzelnen">Humanität</term>, aber eben in <hi rend="italic">seiner</hi> Humanität offenbar auch mit seiner so oder so differenzierten <term key="Nation / Nationalität">Nationalität</term>, eben in <hi rend="italic">seiner</hi>
       Humanität offenbar auch mit jenem ihm nicht nur über die Schulter, sondern aus den Augen
       blickenden Zusammenlauf von <term key="Mensch, Natur">Menschennatur</term> und <term ref="kbga-keywords-398">Weltgeschichte</term>. Man abstrahiere von die<pb ed="A" n="1335" break="no"/>sem national
       Allgemeinen, wo bleibt dann auch das Besondere, wo bleibt dann gerade die physische Eigenart
       des <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Individuums</term>? Denn was bin
       ich, was bist du, was sind wir alle in unserer Eigenart, worin wir uns nicht in den
       nationalen, unübersehbar weiten Zusammenhängen ähnlich, worin wir nicht auch Träger und
       Repräsentanten ihrer relativ gemeinsamen <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Nationalität">Art</term> wären? Wo
       bliebe gerade unsere Individualität, wenn die bekannte Möglichkeit etwa ausgeschlossen wäre,
       dass die Angehörigen einer bestimmten Nation oder Nationengruppe, wenn die nähere
       Bekanntschaft und genaue Aufmerksamkeit etwa fehlt, die Individuen der anderen miteinander zu
       verwechseln pflegen? Wir müssen uns dieses Risiko schon gefallen lassen, denn ohne das könnte
       es auch nicht sichtbar werden, dass wir faktisch doch einer unvertauschbaren Individualität
       teilhaftig und, daran erkennbar, Individuen sind. Gerade was die <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> problematisch macht, gerade
       die <term key="Nation / Nationalität">Nationalität</term>, begründet sie auch. Und wir hätten
       dasselbe zu sagen, wenn wir, von den Zusammenhängen der <term key="Mensch, und Familie">Familien</term>, <term key="Mensch, und Volk">Völker</term> und <term key="Mensch, und Rasse">Rassen</term> abgesehen, auch noch mit gewissen, diese quer
       durchlaufenden Unterschieden und Zusammenhängen bestimmter Typen physiologischer Konstitution
       zu rechnen hätten. |</p>
      <p> Wer ist ein <term key="Mensch, Menschentyp">«Typ»</term>? Gerade der offenbar, der in
       besonders sichtbarer Weise einen Typus, eine auch ihm, aber gerade nicht nur ihm, sondern mit
       ihm auch einer ganzen Schicht naher, ferner und fernster anderer <pb xml:id="p526" ed="pga"/>
       Menschen ebenso eigentümliche Gestalt menschlicher Physis vertritt. Wer hat ein <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term>? Wer eine Statur? Gerade der offenbar, der in der
       seinigen «klassisch» ist, d. h. eine bestimmte, in allen Familien und Völkern noch einmal
       besonders sich abzeichnende Klasse darstellt – gerade der, von dem es sich, weil er so
       «klassisch» aussieht, eventuell lohnen kann, eine Karikatur zu zeichnen. Was heißt
       individuell? Gerade das Humane, das das physische Individuum auch abgesehen von seiner
       Familien- und Volkszugehörigkeit damit sichtbar macht, dass es eine bestimmte allgemeinere
       Möglichkeit humaner Leiblichkeit in seiner Weise verkörpert. Denn in, mit und unter dem
       Familiären und Nationalen, in, mit und unter dem Typischen ist es ja doch immer <pb ed="A" n="1336"/> das alle
       diese Zusammenhänge und Unterschiede letztlich umgreifende Humane als solches, das durch das
       Individuum individuell verkörpert <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Menschheit">wird</term>. Kreise im
       größten Kreis der Menschheit sind ja alle jene engeren Kreise – und schon darum nur unter
       Irrtum und Missverstand gegeneinander auszuspielen. Kreise im größten Kreis der gemeinsam
       menschlichen Art sind darum auch die besonderen Arten der Familien, Völker und Typen. Und
       wenn die Eigenart eines Jeden in seiner besonderen Teilnahme an der gemeinsamen Art, in
       seiner besonderen Vertretung und Verkörperung dieser gemeinsamen Art jener engeren Kreise
       besteht, so besteht sie eben darum in einer besonderen Gestaltung der gemeinsamen Art der
       Menschheit als solcher. Diese ist es zuletzt, die gerade in ihrer Brechung, aber auch
       Reflexion durch seine Zugehörigkeit zu jenen engeren Kreisen, die, alles Familiäre, Nationale
       und Typische durchstrahlend und überstrahlend, gewaltig und unübersehbar gerade aus seinen
       Augen sieht: so aus seinen Augen, wie sie es vorher noch nie getan, neben ihm nirgends tut
       und nach ihm nie mehr tun wird – aber in, mit und unter seiner Individualität, in, mit und
       unter seiner familiären, nationalen und typischen Bestimmtheit sie, die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, mit ihrer allgemeinen, allen Menschen
       eigenen, alle Menschen verbindenden Art: königlich sie, die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>. Was heißt individuell? Gerade das <hi rend="italic">eine</hi> humanum
       offenbar, gerade das <hi rend="italic">eine</hi> Menschliche, das jedes Gesicht aus jeder
        <term key="Mensch, und Familie">Familie</term>, jedem <term key="Mensch, und Volk">Volk</term> und jedem <term key="Mensch, Menschentyp">Typus</term> zum menschlichen Gesicht
       macht, sofern es nun eben in diesem besonderen <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term>
       seine einmalige Gestalt gewonnen hat. Wer bin ich? mit wem hat sich der auseinanderzusetzen,
       der nun eben mir begegnet? mit einem Men<pb xml:id="p527" ed="pga" break="no"/>schen
       offenbar, mit einem Wesen, das in seiner besonderen Weise Vertreter und Repräsentant nicht
       nur eines Teiles der Menschennatur und der Weltgeschichte, sondern ihrer Ganzheit <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Menschheit">ist</term> und das gerade
       darin seine Besonderheit hat, dass es dieses Allgemeinste nun eben so und nicht anders
       sichtbar macht. Was ist Einer, dieser in seiner Art Einzige? Gerade der offenbar, der
       einzigartig das Eine darstellt, was den Menschen zum Menschen macht. </p>
      <p><pb ed="A" n="1337"/> Wir haben das Alles zunächst nur im Blick auf die physische Seite der
       menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Art</term> gesagt. Es
       konnte nicht anders sein, als dass wir dabei implizit bereits auch von der anderen, ihrer
       geschichtlich-geistigen <term key=" Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-historisch">Seite</term> reden mussten. Der physische und der seelisch-geistige Mensch sind ja, wie wir
       später hören werden, nicht zwei, sondern einer. Wer vom Einen redet, muss immer auch schon
       vom Andern reden. Wir wenden uns nun aber explizit nach jener anderen Seite. Alles eben
       Gesagte kehrt wiederholt und verschärft wieder. Der Mensch ist auch in dieser Hinsicht je so
       dran wie unter allen kein anderer. Er ist aber auch und gerade in diesem seinem einmaligen
       Sodransein der Offenbarer und Vertreter des allgemeinen menschlichen Dranseins. Hat er in der
       besonderen Gestalt, Kombination und Mischung seiner inneren Möglichkeiten, seiner
       Veranlagungen und Gaben, seiner Reaktionen und Interessen, seiner Temperaments- und
       Charakterzüge nicht <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">seinesgleichen</term>, so
       hat er doch darin seinesgleichen, dass dieselben Möglichkeiten in anderer Gestalt,
       Kombination und Mischung auch die anderer Menschen sein können, so haben sie doch in der
       Eigenart anderer Menschen, und wäre es auch nur in Gestalt von Entgegensetzungen oder gar nur
       in Gestalt gewisser Hohlräume, ihre sehr realen Entsprechungen. Die Anderen werden sich ja
       durch die Bekundungen seines Innenlebens ebenso wie durch den Anblick seines physischen
       Gesichts mindestens an etwas erinnert fühlen, was auch ihnen bekannt sein könnte. Sie werden
       einer irgendwie nicht ganz unsachgemäßen Antwort auf die ihnen durch sein Sosein vorgelegte
       Frage jedenfalls nicht zum vornherein, nicht grundsätzlich unfähig sein. Wie denn auch er
       selbst, indem er sich in seiner seelisch-geistigen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-seelisch">Eigenart</term> kundgibt – sogar
       dann, wenn er dabei einen der Grenzwerte des <term key="Genie">Genies</term> oder des <term key="Wahnsinn">Wahnsinns</term> darzustellen hätte –, bestimmt mit der Möglichkeit rechnen
       wird, sich den Anderen sichtbar und verständlich machen zu können. Auch die ausge<pb xml:id="p528" ed="pga" break="no"/>sprochenste Eigenart steht schon insofern im Zusammenhang
       mit einer gemeinsamen <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>. Sie ist ja eben
       Äußerung und Bezeugung, Kleid oder Bild des Individuums. Sie ist in irgend einem und in <pb ed="A" n="1338"/> der Regel ja auch im konkretesten Sinne des Wortes <term ref="kbga-keywords-933"><hi rend="italic">Sprache</hi></term>. Indem ich so bin, wie ich
       bin, spreche ich. Ich will mich vernehmlich machen und ich zähle darauf, dass ich vernommen
       werden kann, weil irgend etwas Gemeinsames dem Anderen, zu dem ich spreche, schon bekannt
       ist, bevor ich zu ihm spreche. Ich appelliere auch in der größten Extravaganz meiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Appell an die gemeinsame menschliche Art">Individualität</term> an dieses Gemeinsame. Ich tue es vielleicht praktisch umsonst oder
       nur mit teilweisem Erfolg. Ich kann aber nicht aufhören, an dieses Gemeinsame zu appellieren.
       Es müsste denn sein, dass ich jener Altersresignation verfallen wäre, in welcher ich dieses
       Appellierens als solchen praktisch müde geworden wäre. Ich würde mir aber auch dann, auch in
       der größten Enttäuschung und Verbitterung solcher Resignation nicht verhehlen können, dass
       ich an jenes Gemeinsame appellieren <hi rend="italic">könnte</hi>; und gerade darin würde ja
       meine Enttäuschung und Verbitterung ihren Grund haben, dass ich mir eingestände, nicht mehr
       zu können, was ich doch faktisch <hi rend="italic">können</hi> könnte. Die gemeinsame Art,
       die meine Eigenart und die der Anderen miteinander verbindet, ist also eine Tatsache, ohne
       die ich gerade meine Eigenart nicht realisieren könnte und ohne die mir auch kein Anderer in
       seiner Eigenart begegnen könnte, wie unfruchtbar auch meine Äußerung in ihrer Begegnung mit
       der des Anderen oder die Äußerung des Anderen in ihrer Begegnung mit mir verlaufen mag. Eben
       diese an sich verborgene (im Dasein des <term key="Mensch, Dasein">Individuums</term> und im
       Dasein der <term key="Menschheit, Dasein">Menschheit</term> als solcher verborgene) Tatsache
       hat nun aber auch ihre sehr sichtbaren Entsprechungen in der geschichtlichen
       Selbstdarstellung des Menschen. Sie sind weithin dieselben, von denen wir schon im Blick auf
       die physische Art des Menschen zu reden hatten. |</p>
      <p>Wir erben von unseren Eltern und Voreltern bekanntlich nicht nur gewisse Züge unseres
       Gesichts, unserer Statur und Konstitution, die in ihrer neuen und einmaligen Gestalt,
       Kombination und Mischung unsere physische <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Individualität</term> ausmachen. Wir
       pflegen vielmehr auch in seelisch-geistiger Hinsicht nicht allzu weit vom Stamm zu
        fallen<note xml:id="n111">Aufnahme der Redewendung «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm»,
        die eben die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier ausgeführte große Ähnlichkeit von Großeltern, Eltern und Kindern
        umschreibt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich I, S. 93</bibl>.</note>, es pflegen auch die inneren Möglichkeiten der
       Eltern und <pb xml:id="p529" ed="pga"/> Voreltern in uns, ihren Kindern und Kindeskindern, in
       irgend einer <pb ed="A" n="1339"/> Ähnlichkeit, vielleicht in einer annähernd genauen
       Wiederholung, vielleicht in einer einleuchtenden Ergänzung, vielleicht in einer seltsamen
       Überbietung oder Unterbietung, Verstärkung oder Abschwächung, vielleicht auch in Form
       scharfer Opposition wiederzukehren. Man kann seinem Vater in großer selbständiger und damit
       selbstverständlicher Einigkeit nachfolgen, man kann dazu verurteilt sein, ihn bloß nachahmen
       zu müssen, man kann sich dem Vater zeitlebens entziehen und entgegenwerfen müssen – es ist
       doch immer auch der Vater, den man in seiner eigenen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, familiäre Prägung">Eigenart</term> darstellen wird.
       Auch die Mutter! Auch die Großväter und Großmütter usw.! Und in irgend einer Form ist das,
       was ein Jeder für sich darstellt, immer auch das, was ganz anders die Geschwister in ihrer
       Art auch darstellen. Es ist immer auch der habitus meiner Familie, in welchem ich den Anderen
       erfreulich oder lästig, hilfreich oder widerwärtig bin. Niemand kann die Art seiner Sippe
       verleugnen, und wer klug ist, wird sie auch nicht verleugnen wollen, so gewiss er wiederum
       nicht klug wäre, wenn er sich ihrer Art und der Grenzen ihrer Art nicht bewusst wäre, sich
       dadurch nicht warnen, sich nicht gerade dadurch zu seiner besonderen, so nun doch nur ihm
       eigenen Verantwortung aufrufen ließe. Wenn er selbst sie nicht sähe und bedächte, so sehen
       sie doch die Anderen, und der wäre ein geschlagener Mann, der seine eigene, besondere
       Verantwortung vergäße und nun etwa agierend und reagierend nur der Sohn seiner Eltern, nur
       das Glied seiner Sippe wäre. Gerade indem ihm im Guten und Bösen deren gemeinsame Art
       auferlegt ist, empfängt und hat er seine Eigenart. Er muss schon erwerben, was er von seinen
       Vätern ererbt hat, um es zu besitzen.<note xml:id="n112">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust
          I</hi>, V. 682f. (Nacht)</bibl>: Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es
        zu besitzen.</note> Er muss es schon selber bewähren und betätigen. Aber eben was er selber
       bewährt und betätigt, wird immer auch das von seinen Vätern Ererbte sein. Er hat seine <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortlichkeit</term>, die ihm niemand abnehmen kann; er tritt
       aber eben mit ihr ein in die besondere Linie menschlicher Verantwortlichkeit, auf der vor ihm
       schon seine <term key="Mensch, und Familie">Väter</term> standen, kämpften und litten. Er
       wird ihnen auch geistig-seelisch ähnlich sein und nur in dieser Ähnlichkeit dann auch sein
       Eigenes besitzen. |</p>

      <p><pb xml:id="p530" ed="pga" rend="noPipe"/> Dazu hinzu tritt dann das umfassende <pb ed="A" n="1340"/> geschichtlich-geistige Erbe des <term key="Mensch, und Volk">Volkes</term> oder
       der Völker, aus denen er geboren oder in deren Mitte er oder schon seine Vorfahren als
       relative Fremdlinge aufgewachsen sind und gebildet wurden. Er hat mit seiner Familie sein –
       genau besehen vielleicht sehr zusammengesetztes – <term ref="kbga-keywords-1732">«Vaterland»</term>, seinen Bereich, dessen <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>
       und <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term> ihn in seiner Eigenart zum vornherein an
       einen bestimmten Platz gestellt <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, nationale Prägung">hat</term>, von dem er [sich]
       wohl weit, vielleicht sogar endgültig entfernen kann, der ihn aber dennoch geprägt hat, von
       dem her seine Veranlagungen und Neigungen zum vornherein in eine gewisse Bahn, seine
       Reaktionen und Interessen zum vornherein in gewisse Grenzen gewiesen sind. In der Sprache
       seines Vaterlandes lernt der Mensch sprechen. Man bedenke, was nur schon das bedeutet – da ja
       eben meine Eigenart meine <term ref="kbga-keywords-933">Sprache</term> ist! –, dass ich von
       meiner Wiege an vielleicht nun eben baselbieterisch<note xml:id="n113">Dialekt des Kantons
         <placeName ref="kbga-places-6">Baselland</placeName>.</note> oder französisch oder
       chinesisch schon gestammelt und später geredet habe. Der ganze Reichtum, vielleicht auch die
       ganze Misere der besonderen Natur und Kultur und Geschichte meines Vaterlandes sind eben
       damit zum vornherein auch die meinigen geworden. Und Alles, was mein und so nur mein ist,
       werde ich immer nur haben, indem ich eben damit auch des gemeinsamen Reichtums und der
       gemeinsamen Misere meines <term ref="kbga-keywords-1732">Vaterlandes</term> teilhaftig bin.
       Alles, was durch Natur, <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term> und <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> die Art meines Volkes ist, wird sich so oder so
       notwendig auch in mir reflektieren, und gerade ich bin nun, ob es mir passt oder nicht, ob
       ich zur Treue (zur <term key="Vaterland, Liebe">«Vaterlandsliebe»</term>) mehr oder weniger
       geneigt bin, auch für dieses Gemeinsame verantwortlich, darf mich wegen Eigenschaften
       bewundern und lieben und muss mich wegen anderer Eigenschaften auslachen und verachten
       lassen, in denen<note xml:id="n114">Tskr.: «der»; korrigiert durch die Hrsg.</note> ich doch
       nur Repräsentant meines Volkes und wer weiß wie vieler Völker, nur Kind meines Landes <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Nationalität">bin</term>, das ich mir
       nicht ausgesucht und das nun doch so sehr das meinige ist, dass ich mir das Herz ausreißen,
       dass ich mich selbst aufheben müsste, um es wirklich verleugnen zu können. «Deine <term ref="kbga-keywords-933">Sprache</term> verrät dich» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.73">Mt. 26,73</ref>] – wirklich <hi rend="italic">dich</hi> und nicht nur
       deine Herkunft. Denn eben der bist du, der diese Herkunft hat, der in dieser Herkunft, in der
       damit gegebenen Gemeinsamkeit und nur in <pb ed="A" n="1341"/> ihr seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, nationale Prägung">Eigenart</term> hat. |</p>

      <p><pb xml:id="p531" ed="pga" rend="noPipe"/> Und nun gibt es ja bekanntlich außer den
       physischen und wie sie quer durch alle jene Unterscheidungen und Zusammenhänge der <term ref="kbga-keywords-796">Familien</term> und <term ref="kbga-keywords-428">Völker</term>
       hindurch gerade auch psychologische und charakterologische <term key="Mensch, Menschentyp">Typen</term>: bestimmte Gruppen und Zusammenhänge auch aller jener inneren Möglichkeiten.
       Nun bin ich, indem ich dieser bin, immer auch in dem Sinn so und so Einer, dass mein innerer
       und irgendwie nach außen sichtbarer Haushalt in einer bestimmten Ordnung verläuft, deren
       Gesetze in dem Haushalt bestimmter Anderer ebenso sichtbar werden, so dass ich wohl oder übel
       mit ihnen zusammengehöre, mit ihnen zusammen eine Gruppe bilde. Ich habe nun – neben allem
       Anderen und als ob es daran nicht genug wäre! – in meiner Eigenart wohl oder übel auch noch
       die gemeinsame Art des introvertierten oder extravertierten, des visuellen oder des
       akustischen, des motorischen oder des eidetischen Typus und wie das alles heißt, zu
       vertreten: gar nicht beiläufig etwa, auch das gar nicht so, dass ich meine Zugehörigkeit zu
       meinem Typus gelegentlich auch verleugnen könnte, gar nicht so, dass Andere mir gegenüber von
       dieser Tatsache abstrahieren könnten, sondern gerade in meiner Eigenart habe ich notwendig
       auch diesen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Prägung als Typ">Typus</term>, muss
       ich mich jederzeit und in jeder Hinsicht auch als Vertreter dieses Typus ansehen und anreden,
       erklären, kritisieren und karikieren lassen. Denn indem ich mich kundgebe, gebe ich auch
       diesen <term key="Mensch, Menschentyp">Typus</term> kund. Als Figur für mich stehe ich wohl
       oder übel uniformiert auch in dieser Reihe. |</p>
      <p> Wir müssen aber gerade hier noch in ganz andere Dimensionen blicken. Das Gemeinsame, das
       die Eigenart eines Jeden konstituiert, ist selbstverständlich auch das Gemeinsame der im
       eigentlichen Sinn geschichtlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche, geistig-historische">Gemeinschaften</term>, in denen er steht: Ihn bilden und formen die bestimmten politischen
        <term key="Ordnungen, politische">Ordnungen</term> oder Unordnungen seiner Umgebung. Ihm
       wird von daher z. B. das Bewusstsein seiner eigenen freien <term key="Mensch, Verantwortlichkeit, politisch-gesellschaftliche">Verantwortung</term> für das
       öffentliche Ganze oder umgekehrt ein Gefühl demütiger Unverantwortlichkeit gegenüber den ohne
       sein Zutun aus irgend einer Höhe herunter stattfindenden <pb ed="A" n="1342"/> Regelungen der
       öffentlichen Angelegenheiten oder auch eine fröhliche Gleichgültigkeit oder eine finstere
       Lethargie dieser ganzen Sphäre gegenüber zum vornherein in bestimmtem Maße mitgegeben <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, politische Prägung">sein</term>. Ihn bilden und
       formen ferner – nicht notwendig zuerst, aber oft genug doch sehr eingreifend – die
       sogenannten wirtschaftlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, wirtschaftlich-materielle Prägung">Verhältnisse</term>, <pb xml:id="p532" ed="pga"/> d. h. die Bedingungen, unter denen er an
       der Erarbeitung und Gewinnung, an der Verteilung und am Genuss der materiellen Lebensmittel
       und Güter der Erde Anteil, teilweise oder gar nicht, gerechten oder ungerechten Anteil hat.
       Er wird gewiss nicht derselbe Mensch sein, je nachdem seine Existenz unter einem primitiven
       oder entwickelten, unter einem dürftigen oder gehobenen Standard sowohl der geistigen und
       körperlichen Anstrengung als auch der Lebenshaltung steht, je nachdem ob er dabei entweder
       relativ auf sich selbst gestellt oder von Anderen abhängig – und wenn abhängig: ob er zu den
       Ausbeutern oder zu den Ausgebeuteten gehört, und wiederum je nachdem, ob die betreffenden
       Verhältnisse sich zu seiner Zeit und an seinem Ort gerade im Gleichgewicht oder im Zustand
       revolutionärer Verschiebungen und Umwandlungen befinden und ob er sich in diesem Fall auf
       dieser oder auf jener Seite der Barrikade oder vielleicht immer noch in einem relativ
       geschützten Winkel abseits des in Gang befindlichen wirtschaftlichen Kampfes befindet.
       Wieviel Verschiedenheiten des geistigen Gesichtes des Menschen ergeben sich schon allein aus
       den auf diesem Feld notwendig sich ergebenden Gemeinsamkeiten. Ihn bilden und formen aber –
       wieder in einer besonderen Überschneidung mit allen anderen Ebenen – auch die seinen
       besonderen Ort und seine Zeit beherrschenden geistigen Bewegungen oder Stillstände. Sein
       Geist ist gerade in seiner Eigenart bestimmt auch <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Prägung durch den Zeitgeist">Zeitgeist</term>, d. h.
       ihn bilden und formen durch die Medien seiner Erziehung, seiner Lektüre und seines Umgangs
       auch die jeweils triumphierenden oder doch «in der Luft liegenden» <term ref="kbga-keywords-477">moralischen</term>, <term ref="kbga-keywords-211">religiösen</term>
       und <term ref="kbga-keywords-324">ästhetischen</term> Ideen: die Einen durch ihre
       Anwesenheit, die Anderen nicht minder durch ihre vielleicht ebenso eklatante Abwesenheit. Ihm
       ist eine allgemeine Richtung des Sinnes und Geschmacks mitgegeben, innerhalb derer er einen
       vielleicht weiten <pb ed="A" n="1343"/> Spielraum hat, in der er aber, wenn nicht große Dinge
       dazwischen treten, wahrscheinlich im Ganzen verharren wird. Er wird die Luft ausatmen, die er
       eingeatmet <term key="Mensch, atmet die Luft aus, die er eingeatmet hat">hat</term>:
       verändert im Durchgang durch seine Lungen, aber dieselbe Luft, d. h. er wird die gemeinsame
       Art seiner Jahrzehnte, besonders die seiner jüngeren Jahrzehnte schwerlich je loswerden; er
       wird mindestens einiges ausgesprochen Zeitgeistige, das er gewissermaßen mit der Muttermilch
       zu sich genommen, nie ganz vergessen und unterdrücken können, sondern in seiner eigensten
       Eigenart persönlich <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Prägung durch den Zeitgeist">vertreten</term> und
       der er<pb xml:id="p533" ed="pga" break="no"/>staunten Jugend späterer Jahrzehnte gegenüber
       verantworten müssen. |</p>
      <p> So ist ein Jeder geprägt von allen Seiten. Wir haben ja von lauter Gemeinsamkeiten
       gesprochen, denen so oder so jedermann, jeder einzelne Mensch, unterworfen ist. Die Zahl der
       möglichen Überkreuzungen und Kombinationen dieser Gemeinsamkeiten, die Zahl der möglichen
       Variationen scheint fast unendlich zu sein. Sie ist offenbar genauso unzählbar wie die der
       menschlichen Individuen und also auch der menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, unendliche Vielgestalt">Individualitäten</term>.
       Wann und wo sollte die Kreuzung und Kombination von Familien- und Volkseigentümlichkeiten,
       von gemeinsamen Merkmalen der psychologischen Typen, von Bestimmtheiten durch politische,
       wirtschaftliche und geistige Voraussetzungen auch nur in einem Individuum genau dieselbe sein
       können wie in irgend einem anderen? Wie sollte da dieselbe Individualität auch nur ein
       einziges Mal wiederkehren können? Sie so wenig wie das einzelne Individuum! Gerade die
       vollständige Erwägung aller in Frage kommenden Gemeinsamkeiten zeigt offenbar im hellsten
       Licht, wie jeder Einzelne auch ganz eigenartig ist. Nur eine beschränkte, z. B. eine stur nur
       auf die psychologischen Typen oder stur nur auf die soziologischen Ordnungen gerichtete
       Betrachtung könnte das Individuum und seine Individualität in Frage stellen wollen. Gerade
       für eine wirklich rundumgehende Betrachtung der gemeinsamen menschlichen <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term> wird es unübersehbar: der Einzelne ist in der
       Tat auch <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">einzigartig</term>. |</p>
      <p>Wir betonen jetzt aber die andere Seite: Es bedarf schon der rundumgehenden Betrachtung
       seiner gemeinsamen menschlichen Art, um gerade seine Einzig<pb ed="A" n="1344" break="no"/>artigkeit sichtbar zu machen.
       Es ist jedes Individuum gerade in seiner Eigenart – seiner Einmaligkeit unbeschadet, gerade
       in seiner Einmaligkeit! – ein facettenartiges System von Teilnahme an einer Vielzahl von
       menschlichen Gemeinsamkeiten. Und nun ist ja keine dieser menschlichen Gemeinsamkeiten eine
       Wirklichkeit für sich. Nun bilden sie ja alle tatsächlich einen Kreis, in welchem sie wohl
       als Kreissegmente verschieden sind, in welchem sie aber auch zusammengefasst werden und
       ineinander übergehen. Nun ist ja keine dieser Gemeinsamkeiten ohne alle anderen. Nun wird ja
       in ihnen allen zuletzt <hi rend="italic">eine</hi> Gemeinsamkeit sichtbar: die gemeinsame Art
       der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term>. Und eben indem der Einzelne in
       seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> in <pb xml:id="p534" ed="pga"/> bestimmter Überschneidung und Kombination an jenen vielen
       Gemeinsamkeiten teilnimmt, nimmt er auch teil an der <hi rend="italic">einen</hi>, in der
       jene alle zusammentreffen. Eben indem er seine Eigenart darin hat, jene vielen
       Gemeinsamkeiten in seiner Person vertreten und verantworten zu müssen, hat er sie notwendig
       auch darin, in seiner Person jene <hi rend="italic">eine</hi> Gemeinsamkeit, d. h. aber die
        <term key="Humanität, die eine menschliche Gemeinsamkeit">Humanität</term> – jetzt als
       Inbegriff der geschichtlich-geistigen <term key="Humanität, Inbegriff der geistig-historischen Menschenart">Menschenart</term>
       verstanden – zu vertreten und zu verantworten. So wie gerade in ihm hat sie sich noch
       nirgends dargestellt, und so wie in ihm wird sie es auch nie wieder tun. Das ist seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, je einmalige Ausprägung der Humanität">Individualität</term>. Aber gerade seine Individualität ist nun auch die Darstellung der
       Humanität in ihrer Einheit und Ganzheit, ihrer Zielstrebigkeit und ihrer Grenzen, ihrer
       Stärke und ihrer Schwäche, ihrer Größe und ihres Elends<note xml:id="n115">Vgl. oben, <ref target="../volume/50/p193#fn_n143" type="pub">S. 193, Anm. 143</ref>.</note>. Nichts, was
       zu ihrer Problematik gehört, gehört nicht auch zu seiner ganz besonderen Lebensproblematik.
       Niemandem, der Mensch ist, ist nicht auch er, und niemand, der Mensch ist, ist nicht auch ihm
       verbunden und verpflichtet. Er hat seine Freude und Sorge, er hat seine Macht und seine Last,
       er hat seine Mitte und seine Grenzen nicht ohne die, die mit ihm <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term> waren, sind und sein werden; wie auch sie die
       ihrigen nicht ohne ihn haben können. Er und sie haben von Natur Alles gemein: gerade wie er
       und wie jeder von ihnen von Natur das Seinige haben.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Wir haben also unseren dritten Hauptsatz: dass der Mensch je seine eigene
       Art hat, mit der nun gegebenen Präzisierung nicht zurückgenommen und <pb ed="A" n="1345"/>
       nicht eingeschränkt. Wir haben die Eigenart des <term key="Mensch, Einzelner">Individuums</term> nicht geleugnet und auch nicht relativiert zugunsten irgend einer
       allgemeinen oder allgemeinsten Art. Es gibt, dem verkehrten System des <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> entsprechend, eine Tendenz, mit dem
       Individuum auch die <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> zu
       bagatellisieren, sie wohl gar als einen Mangel hinzustellen und zu behandeln, eine <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> engeren oder weiteren Umfangs anzupreisen und zu
       verherrlichen, deren Entfaltung bedeuten müsste, dass die Individualität in dem Maß, als jene
       wachsen würde, abzunehmen hätte. Es ist klar, dass diese Tendenz so falsch und verwerflich
       ist wie der <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> als solcher. Sie tritt in
       Wirklichkeit gerade der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> zu nahe, die sie
       offenbar erheben und schützen möchte. Wir streiften schon vorhin die Möglichkeit, auf Grund
       derer es theoretisch zu dieser Tendenz kommen kann und muss. Das tritt dann ein, wenn irgend
       eine jener Gemeinsamkeiten für die eine, die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term> gehalten und allen anderen gegenüber
       absolut gesetzt wird: wenn der <term key="Physiologie">Physiolog</term>, <pb xml:id="p535" ed="pga"/> der <term ref="kbga-keywords-355">Psycholog</term>, der politische oder
       wirtschaftliche <term key="Soziologie">Soziolog</term>, wenn der im Besonderen der <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term> zugewendete <term key="Geisteswissenschaft">Geisteswissenschaftler</term> seinen Aspekt vom Menschen für das Ganze hält und zu
       halluzinieren beginnt: als wäre der Mensch das und nur das, als was er ihn unter seinem
       besonderen Aspekt zu sehen bekommt. Dann entstehen allerdings notwendig die Theorien, in
       denen das arme Geschöpf nur physischer Organismus oder nur eine Summe von seelischen
       Funktionen und Abläufen, oder nur Staats- oder Wirtschaftsobjekt oder auch nur Vernunftwesen
       ist und in allen diesen Phantasiegestalten dann tatsächlich nur als Exemplar, als Fall, als
       Nummer gewürdigt werden kann, gerade in seiner Individualität aber uninteressant bleiben muss
       oder nur noch als die Einheit in allerlei Statistik interessant sein kann. Es sind die leider
       auf allen Gebieten der Wissenschaft vom <term key="Humanwissenschaft">Menschen</term>
       beheimateten Schulmeister, unter deren knöchernen Händen die Theorien entstehen, für die die
        <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> zum negligendum, zum
       pudendum oder schließlich wohl gar zum negandum wird, in deren Reden und Büchern man gerade
       da, wo der wirkliche Mensch sichtbar werden müsste, auf das große Loch stößt, das dadurch
       geschaffen ist, dass sie ihre Sache im Blick auf irgend eine gemeinsame menschliche <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term> viel zu gut machen wollten, eben <pb ed="A" n="1346"/> damit für
       das <term key="Mensch, Einzelner">Individuum</term> und seine Individualität blind wurden und
       eben darum dann auch die eigentlich gemeinsame Art des wirklichen Menschen nicht mehr sehen
       und Anderen nicht mehr zeigen konnten. Auf diesem Wege wird Schulmeisterei immer und
       notwendig zu einer inhumanen Angelegenheit: sie, die gerade so human sein möchte! |</p>
      <p>Die noch gefährlichere praktische Schulmeisterei ist freilich das Werk der Gleichmacherei
       und Einebnung, in das zu verfallen die geschichtlichen Gemeinschaften immer wieder in
       Versuchung stehen: Angefangen mit der Erziehungsgemeinschaft einer <term ref="kbga-keywords-1172">Schule</term>, für die der Lehrer kein Lehrer, sondern eine mit
       Anderen seinesgleichen zu einem «Lehrkörper» zusammengeschlossene «Lehrkraft», der Schüler
       kein Schüler, sondern ein Stück «Schülermaterial» und die Lehre keine Lehre, sondern der
       «Lehrstoff» ist, mit dem das «Schülermaterial» durch die «Lehrkräfte» möglichst gleichmäßig
       ausgestopft wird, damit in der Existenz der so Ausgestopften das «Lehrziel» erreicht werde.
       So kann die <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term> in gewissen ihrer Formen zu dem
       bekannten Moloch werden, für den vom Menschen nur noch die produzierende «Hand» oder
       «Arbeitskraft» mit ihren verschiedenen Leistungen und Ansprüchen übrig bleibt, ein
       Maschinenteil, als das<note xml:id="n116">Tskr.: «der»; Änderung durch die Hrsg.</note> ein
       Jeder durch jeden Anderen sofort ersetzbar ist. So war jedenfalls in früherer Zeit das <term key="Militär">Militär</term>, die Kaserne, die Uniform, der Drill eine zutiefst inhumane
       Angelegenheit, sofern man den besten Soldaten in demjenigen zu erziehen glaubte, der seine
       Eigenart am gründlichsten zu verleugnen und abzulegen lernte. So hat der <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> – nicht nur der autoritäre, sondern auch der
       demokratische Staat, der Staat als solcher – immer eine Neigung, die öffentliche Gemeinschaft
       und Ordnung und also ein wichtiges Stück <pb xml:id="p536" ed="pga"/>
       <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> auf Kosten der Eigenart seiner Bürger
       aufzurichten, öffentliches Wesen gegen das private auszuspielen, wo Alles darauf ankäme,
       gerade den Privatmann durch das öffentliche Wesen zu schützen, ihn selbst und als solchen für
       das öffentliche Wesen zu gewinnen und in Anspruch zu nehmen. Gerade die Humanität ist aber
       auch praktisch immer die<note xml:id="n117">Tskr.: «der»; Änderung durch die Hrsg.</note>
       Leidtragende, wo sie auf Kosten der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> geltend zu machen und durchzusetzen versucht wird. Nicht <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> in mensch<pb ed="A" n="1346a" break="no"/>licher Gemeinsamkeit
       wird dann gebaut, sondern <term ref="kbga-keywords-1497">Masse</term> mit einer
       unmenschlichen Massenart wird dann gezüchtet. Die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> setzt sich solcher Vergewaltigung gegenüber damit durch, dass sie entflieht:
       dass, wo die Gemeinschaft sich der Individualität gegenüber jener Übergriffe schuldig macht,
       unter dem Namen Menschen, jenen theoretischen Phantasiegestalten entsprechend, ein Haufe von
       unmenschlichen Schreck- und Jammergestalten auf dem Plan bleibt. Ein wirklicher Massenmensch
       würde als solcher ein wirklicher <term key="Mensch, wirklicher Massenmensch wäre Unmensch">Unmensch</term> sein. Ein Glück, dass die menschliche Natur in der Regel nicht ganz, ja
       grundsätzlich überhaupt nicht zu entfliehen pflegt, dass die Degradierung des <term key="Mensch, Einzelner">Individuums</term> zur Nummer und die Behandlung der Individualität
       als einer Störung sich praktisch noch nie hat durchsetzen lassen. Was nun freilich nicht
       hindert, dass wir schon den mannigfaltigen Versuchen, sie so zu behandeln, je und je die
       fürchterlichsten Zerstörungen gerade aller <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> zu
       verdanken haben. |</p>
      <p>Man darf aber auch dieser Gefahr gegenüber nicht bloß reagieren, d. h. nach der
       entgegengesetzten Möglichkeit greifen wollen. Es hat schon seine Richtigkeit mit der
       Präzisierung, die wir auch unserem dritten Hauptsatz angedeihen ließen. Es will schon bedacht
       sein, dass gerade des Menschen eigene Art als solche nur die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term> sein kann. Die <term key="Physiologie">Physiologie</term>, die <term ref="kbga-keywords-355">Psychologie</term>, die <term key="Soziologie">Soziologie</term>, die <term key="Kulturwissenschaft">Kulturwissenschaft</term> haben also schon recht, wenn sie uns von allen Seiten an die
       großen Gemeinsamkeiten der menschlichen Existenzweise erinnern, wenn sie uns sagen, dass
       alle, auch die größte Eigenart, auch die des <term key="Genie">Genies</term> und des <term key="Wahnsinn">Wahnsinns</term>, darin besteht, in irgend einer Brechung alle jene
       Gemeinsamkeiten, eine jede in ihrer besonderen Gesetzlichkeit, zu reflektieren. Und so haben
       praktisch auch die geschichtlichen Gemeinschaften, in deren Zusammenhang allein wir, wie wir
       früher sahen, Individuen sind, wohl recht, wenn sie uns als Individuen und also in unserer
        <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> in Anspruch nehmen. Sie
       verlangen von uns – nicht, wie man es gewöhnlich sagt, dass wir uns in unserer Individualität
       durch sie beschränken lassen, sondern vielmehr: dass wir gerade unsere Individualität als
       Humanität und also nicht gegen, sondern für sie entfalten und zur Darstellung bringen
       möchten. Wir würden nicht nur uns selbst, sondern auch <pb ed="A" n="1347"/> den
       Gemeinschaften nicht gerecht, wenn wir unsere Individualität ihnen gegenüber preisgeben oder
       auch nur einschränken würden. Individualität ist nichts, was preisgegeben oder auch nur
       eingeschränkt werden kann und darf. Dass wir uns als Individuen und in unserer Individualität
       der Gemeinschaft einordnen, dass wir un<pb xml:id="p537" ed="pga" break="no"/>sere
       Individualität als Humanität verstehen, entfalten und darstellen und also der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> der Gemeinschaft zugute kommen lassen, darum geht
       es. Dazu hilft uns aber keine «Revolte im Erziehungshaus»<note xml:id="n118">Anspielung auf
        den Titel eines auf autobiographischen Erlebnissen in einer Erziehungsanstalt beruhenden
        sozialkritischen Dramas, das auch Vorlage für einen – heute verschollenen – Stummfilm von
        1930 war und zeitgenössisch für kontroverse Diskussionen sorgte: <bibl corresp="kbga-bibls-5371"><persName ref="kbga-actors-10400">P. M. Lampel</persName>, <hi rend="italic">Revolte im
         Erziehungshaus. Schauspiel in drei Akten</hi>, Berlin 1929 (Emsdetten 1954)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5372">W. Müller-Scheld, <hi rend="italic">Fall Lempel. Studie</hi>, Idstein/Ts. 1930</bibl>.</note>. Dazu hilft uns überhaupt keine <term key="Revolte">Revolte</term>; Revolten pflegen immer nur als Umkehrungen der Inhumanität des betreffenden
       Erziehungshauses und also selber inhuman zu <term key="Revolte, selbst inhumane Umkehrung der Inhumanität">verlaufen</term>. Was hier nötig
       und hilfreich ist, ist die Befreiung des <term key="Mensch, Einzelner">Individuums</term> zu
       der Erkenntnis, dass es in seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> das verloren für sich ein Weltall bildende Atom zu seinem Heil nicht
       ist, sondern als Verkörperung so vieler Gemeinsamkeiten von allen Seiten gehalten und
       getragen [ist] durch den Zusammenhang seiner Art mit der Art so vieler besonderer
       menschlicher Leidens- und Freudengenossen – und auch außerhalb der relativen
       Abgeschlossenheit dieser engeren Verbindung durch den Zusammenhang seiner Art mit der Art
       aller <term key="Mensch, und Menschheit">Menschen</term>. Gerade indem es diese Zusammenhänge
       entdeckt und sich darein findet, in diesen Zusammenhängen zu leben, wird es gefeit gegen die
       Angst, als ob ihm seine eigene Art durch die Gemeinschaft genommen werden könnte, wird es
       darauf verzichten lernen, aus dieser Angst heraus gegen die Gemeinschaft als solche reagieren
       zu müssen. Es wird ja dann gerade seine Individualität durch die gemeinsame Art der
       Gemeinschaft konstituiert und garantiert finden. Es wird ja dann gerade von so vielen und
       zuletzt und zuhöchst von allen Anderen sich selbst bestätigt und bestärkt finden. Es wird
       dann die Gemeinschaft auch dann suchen und wollen, wenn es sich in der Lage sieht, sich gegen
       ihre Übergriffe zur Wehr setzen zu müssen. Es wird sich ihr nie grundsätzlich und endgültig
       entgegenwerfen. Es wird auch das nur tun, um der gemeinsamen Art erst recht gewiss zu werden
       und die Ehre zu geben. Und gerade so wird es wahrhaft zu sich selbst kommen und bei sich
       selbst bleiben. <pb ed="A" n="1348"/> Man bemerke: es gibt gerade für das <term key="Mensch, Einzelner">Individuum</term> in seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> in seinem Verhältnis zur <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> und ihrer Gemeinsamkeit keinen Weg als
       diesen. Es kommt Alles darauf an, dass es diesen finde und gehe. Die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> erlaubt es, ihn zu finden und zu gehen. Sie fordert es aber
       auch. Sie erlaubt keinen anderen Weg. Insofern muss es also auch bei der Präzisierung unseres
       dritten Satzes sein Bewenden haben.</p>
         </div>
        </div>
      </div>
        <!-- nächste Seite  -->
<div>
  <div>
    <div>
      <p rend="margin-top">4. <hi rend="italic">Der Mensch hat die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term></hi><hi rend="italic">, die doch gerade
        als solche nur je seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term></hi>
       <hi rend="italic">sein kann</hi>. Dieser vierte Satz entspricht unserem zweiten. Wir beginnen
       nun dort, wo wir im dritten <pb xml:id="p538" ed="pga"/> Satz geendigt haben, um dort zu
       endigen, wo wir in jenem Zusammenhang begonnen haben. Die Erinnerung an die Humanität ist
       wichtiger, als dass wir dabei stehen bleiben dürften, sie als Korrektiv und Füllung des
       Begriffs der Individualität zu verwenden. Auch sie, wie schon der ihr zugrunde liegende
       Begriff der Menschheit, hat selbständige <term key="Humanität, selbständige Würde">Würde</term>. Wer die Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term> sehen will, der
       muss in gleichem Ernst die gemeinsame Art der Menschheit wie die je eigene Art jedes
       Einzelnen sehen und anerkennen. Der Mensch hat beide: keine ohne die andere, die eine in und
       mit der anderen. Wir müssen ihn nun auch noch ganz von seiner <hi rend="italic">gemeinsamen</hi> Art her zu verstehen versuchen. Wir verstehen unter der gemeinsamen Art
       der Menschheit alles das, was den Menschen von anderen Wesen abgrenzt und eben darum mit
       anderen Menschen verbindet. <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> ist, allgemein
       gesagt, die Äußerung, das Kleid oder Bild der Menschheit, wie <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> die Äußerung, das Kleid oder
       Bild des Einzelnen ist. Humanität ist einmal der Inbegriff derjenigen Merkmale menschlicher
       Existenz, in denen jene Abgrenzung und jene Verbindung gegeben ist. Humanität ist aber auch
       der Inbegriff derjenigen Entscheidungen, in denen jene Gegebenheit vom Menschen selbst
       aufgenommen, bejaht, gewollt und in seiner eigenen Tat bestätigt wird. Achten wir mehr auf
       die gegebenen Merkmale, dann stehen wir vor dem <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">physischen</term>, achten wir mehr auf die vom
       Menschen selbst zu vollziehenden Entscheidungen, dann stehen wir vor dem
       geschichtlich-geistigen Aspekt seiner gemeinsamen <term key="Menschheit, gemeinsame Art, geistig-historisch">Art</term>. Der Mensch existiert in der
       Einheit seiner Gegebenheiten und <pb ed="A" n="1349"/> seiner Entscheidungen. Wir berühren
       damit bereits die Problematik unseres nächsten Abschnitts.<note xml:id="n119">Der «nächste
        Abschnitt», § 44,3 im ursprünglichen Typoskript, trug den Titel «Der Mensch als Seele und
        Leib»; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p412#p412">S. 412</ref>.</note> Aber
       wir brauchen sie hier noch nicht zu entfalten. Eben in seinen Gegebenheiten und
       Entscheidungen und in deren Zusammenhang und Einheit hat der Mensch eine gemeinsame <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>, die Art aller Menschen.</p>
      <p> Wir können uns hinsichtlich der Gegebenheiten und also hinsichtlich der physischen Art des
        <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Menschen</term> hier kurz fassen.
       Menschliche Art ist jedenfalls auch die Art einer bestimmten, allen anderen gegenüber
       distinkten und in sich selbst konstanten Art von <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term> und der mit dieser gegebenen Bedingtheit des seelisch-geistigen
        Existenz<pb xml:id="p539" ed="pga" break="no"/>bereichs, auf dem die Entscheidungen fallen.
       Menschliche Art hätte der nicht, als Mensch wäre also der nicht erkennbar, der dieser Art von
       Leiblichkeit nicht oder nicht vollständig teilhaftig wäre. Wir haben der Tatsache der
       Variationen dieser Art bereits mehrfach gedacht. Sie bewegen sich in weiten Grenzen. Die
       Grenzen sind so weit, dass die Erkenntnis der Distinktheit und Konstanz der Art und also die
       Erkenntnis des Menschen in diesem und jenem angeblich menschlichen Individuum oder in dieser
       oder jener Gruppe angeblicher Menschen an gewissen äußersten Punkten dieser Grenzen nicht
       selbst-evident ist, sondern einer gewissen Überprüfung und Verifizierung bedarf. Aber an
       welcher Grenze gäbe es keine Grenzfälle? Sieht man sie genau an, so pflegen sie als nur
       vermeintliche Ausnahmen die Regel zu bestätigen. Und sieht man von ihnen ab, so ist zu sagen,
       dass der Versuch, die Distinktheit und Konstanz und also die äußere und innere Einheit der
       menschlichen Art ernstlich zu problematisieren, sich noch immer als ohnmächtig erwiesen hat.
       Dass die Angehörigen weit entfernter Völkerschaften gelegentlich bei ihrer ersten Begegnung
       über ihre Menschlichkeit gegenseitig in Unsicherheit waren, mit Wesen einer höheren oder
       niederen Natur es zu tun [zu] haben meinten, beweist nichts. Solche Irrtümer pflegen sich
       aufzuklären. Gerade dem ganz naiven und dann wieder dem ganz exakten Blick pflegt der Mensch
       dem Menschen auch in dessen fremdartigster Gestalt bald offenbar zu werden. Die Variationen
       bewegen sich in weiten, aber immerhin in bestimmten <pb ed="A" n="1350"/> Grenzen. Und
       innerhalb dieser Grenzen ist die menschliche Leiblichkeit in allen ihren wesentlichen
       Merkmalen, aber auch in ihrem Zusammenhang mit dem seelisch-geistigen Bereich eine und
       dieselbe in allen Varianten der Zeit und des Ortes, in allen <term ref="kbga-keywords-1388">Rassen</term> und <term ref="kbga-keywords-428">Völkern</term> und demgemäß auch in der
       Differenzierung der Existenz aller einzelnen Menschen. Der Mensch hat die mit dieser
       einheitlichen Leiblichkeit gegebene gemeinsame <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Art</term>. Er hat Anteil an deren Vorteilen und
       Nachteilen. Er realisiert ihre Möglichkeiten. Er unterliegt ihren Notwendigkeiten und
       Gefahren. Er hat an jedem anderen Menschen schon darin seinen, je nachdem, glücklichen oder
       unglücklichen, beneidenswerten oder bedauerlichen, aber in allem Entscheidenden in der
       gleichen Situation befindlichen Gefährten. Er kann und muss sich schon in dieser Hinsicht mit
       ihm verständigen, vielleicht verbinden, vielleicht entzweien, aber jedenfalls in ein Ver<pb xml:id="p540" ed="pga" break="no"/>hältnis setzen. Er findet und hat in ihm schon in dieser
       Hinsicht seinen <term ref="kbga-keywords-800">Mitmenschen</term>. Miteinander essen und
       trinken, miteinander unter einem Dache wohnen, miteinander jung sein und alt werden,
       miteinander nach Gesundheit und Leben begehren, Krankheit, Unfall und Tod aber vermeiden
       wollen, wie die allen gemeinsame leibliche Art es mit sich bringt, das sind die primitivsten,
       aber gerade darum auch grundlegenden, das sind eben die allgemein gegebenen Formen der <term key="Humanität, grundlegende Formen">Humanität</term>: die Formen, von denen wir bei allem
       Weiteren herkommen, denen wir bei allem Weiteren auch immer wieder entgegengehen, die
       selbstverständlichen Voraussetzungen, die auch immer wieder die letzten Ziele sind. Wenn der
       Mensch dem Menschen begegnet, dann wird es – und wenn ihre sonstige Fremdheit gegenseitig
       noch so groß wäre – unter allen Umständen klar, dass sie hinsichtlich der Art ihrer
       Leiblichkeit, ihrer Bedürfnisse und Nöte ihresgleichen sind und im Frieden oder im Streit
       jedenfalls dasselbe meinen und wollen müssen.</p>
      <p>
       <term key="Humanität, höhere Formen">Humanität</term> ist aber in ihren weiteren und höheren
       Formen die allen Menschen gemeinsame Art, unter Voraussetzung jener Gegebenheiten in <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> zu <term key="Humanität, Leben in Entscheidung">leben</term>. Menschliche Art hätte der nicht, als Mensch wäre also der nicht erkennbar,
       der zwar in Gestalt menschlicher <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Leiblichkeit</term> lebte, dem aber nicht mindestens die Möglichkeit, dies in Gestalt
       eigener Entscheidungen zu <term key="Menschheit, gemeinsame Art, Entscheidungsmöglichkeit">tun</term>, zu eigen wäre. Unmenschlicher Art wäre der mindestens <pb ed="A" n="1351"/>
       verdächtig, dessen Lebensäußerungen die Anderen verkennen, die von ihnen mit dem Ablauf eines
       Mechanismus oder mit den Reaktionen eines pflanzlichen oder tierischen Organismus verwechselt
       werden könnten. Wir warten schon beim Kind in der Wiege, wir warten auch bei dem in Narkose
       Versetzten und wir warten noch beim sterbenden Menschen auf Entscheidungen: auf die <term ref="kbga-keywords-933">Sprache</term> vor allem oder auf äquivalente Zeichen seines eigenen
       Verstehens und Wollens, auf solche Kundgebungen, in denen er in seiner Leiblichkeit sich
       selbst vernehmbar macht. Das ist ja die menschliche <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>: die Weise, in der sich der Mensch als solcher vernehmbar macht, die Weise, in
       der er aus sich selbst heraustritt, die Weise, in der er seiner Umwelt gegenüber in <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> irgendwelche – und wären es auch nur die
       andeutungsmäßigsten – <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortungen</term> übernimmt. Das tut
       ein Jeder in seiner – wir tun es aber vor allem auch in einer uns allen gemeinsamen Weise.
       Worauf wir bei jedem Menschen warten, das sind Lebensäußerungen, in denen er sich von denen
        <pb xml:id="p541" ed="pga"/> des Tiers und der Pflanze unterscheidet, um sich eben darum mit
       uns Anderen in Beziehung und in ein Verhältnis zu setzen. Indem er sich so äußert, indem er
       spricht und nicht nur stöhnt oder brüllt, indem er will und nicht nur eine instinkthafte
       Bewegung vollzieht, indem er handelt und damit ein über seine leibliche Existenz
       hinausgehendes Faktum schafft, erkennen wir ihn, wie individuell und originell das Alles
       geschehe, als unseresgleichen. Und weiter: wir warten darauf, dass er das Alles nicht nur für
       sich, sondern eben in bestimmten Beziehungen zu uns Anderen tue. Wir erwarten und wünschen,
       dass er uns erkenne, dass er nicht nur rede, sondern mit uns rede, dass er unsere
       Lebensäußerungen beachte und darauf eingehe und antworte. Wir warten in dem Maß, als wir
       einen Menschen als zurechnungsfähig behandeln dürfen, noch weitergehend darauf: dass er uns
       gelten lasse und auf uns Rücksicht nehme; noch mehr: dass er an unserem Ergehen teilnehme,
       dass er mit uns lache und weine, spiele und arbeite, dass er unser äußeres und inneres Leben
       irgendwie mit uns teile, dass er also auf uns höre: auf die Rat<pb ed="A" n="1352" break="no"/>schläge, die wir ihm zu geben, auf die Ansprüche, die wir an ihn zu stellen haben, dass er
       sich in gewisse Regeln finde, unter denen uns das Zusammenleben mit ihm vorstellbar ist, und
       dass er in diesem Zusammenleben gewisse Schranken innehalte, gewisse Pflichten auf sich
       nehme. Wir gehen aber noch weiter, je mehr wir ihn als Menschen ernst nehmen, immer in der
       selbstverständlichen Annahme, dass wir das auch ihm, dass wir es jedem Menschen gegenüber
       nicht nur können und dürfen, sondern auch müssen, weil wir ihn anderen Falles als Menschen
       nicht ernst nehmen würden. Wir locken ihn gewissermaßen immer weiter aus sich heraus. Wir
       erwarten und verlangen auch das von ihm, dass er selbständig und von sich aus sich äußere,
       dass er etwas Eigenes sage aus seiner eigenen Besinnung und Erkenntnis heraus, dass er sich
       Ansprüche nicht nur stellen, Pflichten nicht nur auferlegen lasse, sondern dass er sich
       selbst beanspruche, seine Pflicht aus sich heraus erkenne, ergreife und erfülle. Wir erwarten
       von ihm, dass er in jeder Hinsicht auf seine eigenen Füße trete, wir erwarten und verlangen,
       dass er zu unserem Zusammenleben seinen eigenen, besonderen Beitrag freiwillig leiste. Wir
       erwarten, dass wir ihn dazu erziehen können – und die gegenseitige <term ref="kbga-keywords-1619">Erziehung</term> des Menschen durch den Menschen ist eine Sache,
       die in der Jugend nur ihren Anfang, aber nicht ihr Ende hat –, und verfolgen <pb xml:id="p542" ed="pga"/> Tag für Tag, Jahr für Jahr mit Freude oder auch mit Sorge, als was
       er sich herausstellt, d. h. welche Figur und Rolle nun gerade er unter uns übernehmen und
       durchführen werde. Wir erwarten zuletzt und zuhöchst auch immer das, dass er uns in dem allem
       liebenswürdig werden und uns selbst seinerseits lieben möchte. Die auf einen Menschen
       gerichteten Erwartungen können nach Ort und Zeit, Volk, Familie und Typus, politischer,
       wirtschaftlicher und geistiger Art und so natürlich auch nach der Individualität der
       Erwartenden so verschieden wie möglich sein und erst recht verschieden die Art, in der ihre
       Erwartungen vom einzelnen Menschen gerechtfertigt und nicht gerechtfertigt werden. Die
       Erwartung selbst und als solche, die Erwartung menschlicher <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> ist die Voraussetzung gemeinsam menschlicher <term key="Menschheit, gemeinsame Art, Entscheidungsmöglichkeit">Art</term>, die Jeder einem Jeden
       gegenüber zu machen gar nicht umhin kann. Wer einem Menschen begegnet, der rechnet damit,
       <pb ed="A" n="1353"/> dass auch er nicht nur der Gegebenheit menschlicher <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Physis</term> teilhaftig ist, sondern in
       Entscheidungen <term key="Humanität, Leben in Entscheidung">lebt</term>, d. h. dass auch er
       dessen jedenfalls fähig ist, aus sich herauszugehen und nicht nur für sich, sondern so oder
       so mit ihm zu leben. Indem ich aus mir herausgehe und mit Anderen lebe, werde und bin ich
       human, habe und betätige ich die gemeinsame menschliche <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term>. |</p>
      <p> Es ist eine weitere Frage, ob ich das im Guten oder im Bösen tue. Es ist also eine weitere
       Frage, ob die von mir betätigte <term key="Humanität, im Guten oder im Bösen">Humanität</term> unter ein positives oder unter ein negatives Vorzeichen zu stehen kommt.
        <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> als solche gehört ja nur zur menschlichen
        <term key="Mensch, Natur">Natur</term>. Sie ist ja als solche nur die Form, in der ich je
       gut oder je böse bin: die Form, die übrigens als Gottes Geschöpf gut ist und bleibt, auch
       wenn ich in dieser Form ihrem guten Sinn zuwider böse sein sollte. Ich werde diese gute Form
       dann schänden. Ich werde sie aber auch dann nicht zerstören, nicht beseitigen und aufheben
       können. Ich werde auch in meiner bösen Humanität, auch in meiner <term key="Humanität, Inhumanität">Inhumanität</term> also, noch immer human sein, in aller
       Verkehrung noch immer die gemeinsame menschliche Art vertreten und sichtbar machen. Das Werk
       Gottes, und das ist meine <term key="Humanität, Werk Gottes">Humanität</term>, wird in mir
       und durch mich gerechtfertigt sein, auch wenn ich als ihr Schänder gerichtet werde. Und das
       bedeutet, dass wir nicht legitimiert sind, die Humanität auch des inhumansten Menschen in
       Frage zu stellen. Wir sind und bleiben vielmehr aufgefordert, auch ihn mit jener Erwartung zu
       umgeben. Was <pb xml:id="p543" ed="pga"/> das ihm gegenüber bedeutet, muss Sache besonderer
       Überlegung sein. Dass er als Mensch in Form von Entscheidungen <term key="Mensch, Leben in Form von Entscheidungen">lebt</term>, und dass wir ihm die
       entsprechende Erwartung und <term ref="kbga-keywords-1619">Erziehung</term> schuldig sind,
       das könnte von uns nur unter Schändung unserer eigenen Humanität preisgegeben werden, das
       wird gerade der auch ihm gegenüber nicht preisgeben, der sich dessen bewusst ist, wie sehr
       auch er selbst in Gefahr steht, die gute Form seiner Humanität im Bösen statt im <term key="Humanität, im Guten oder im Bösen">Guten</term> zu füllen. |</p>
      <p> Und es ist erst recht eine weitere Frage, ob ich die gemeinsam menschliche Art im Rahmen
       der oder jener besonderen Gemeinsamkeiten betätige. Ich tue es ja zweifellos nicht nur in
       meiner persönlichen Eigenart. Wir sahen: Was da sichtbar wird, wo der <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> sich <term ref="kbga-keywords-26">entscheidet</term>
       und <pb ed="A" n="1354"/> also in seiner eigenen freien <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> aus sich herausgeht, um so oder so mit den Anderen zusammen zu leben,
       was in seinem besonderen großen oder kleinen, wichtigen oder unwichtigen Lebenswerk sichtbar
       wird, das ist nicht nur seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term>, sondern gerade in seiner Individualität auch die Art seines Ortes
       und seiner Zeit, seines Stammes, seiner psychologischen Klasse, seiner geschichtlichen
       Gruppe. Er zeigt und verantwortet in der Art seiner Person zugleich die Art dieser vielen
       Zusammenhänge, ohne die er nicht dieser Einzelne wäre. Aber wie das keine Einschränkung
       seiner Individualität bedeutet, so auch keine Minderung seiner <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>. Im Gegenteil: wie sollte er gerade human sein, wenn nicht in Gestalt
       dieser besonderen, enger gefassten und zu verstehenden Humanitäten, in der Form also, die
       durch seinen Zusammenhang mit jenen <term key="Gemeinschaft, menschliche, physisch">natürlichen</term> und geschichtlichen <term key="Gemeinschaft, menschliche, historisch-geistige">Gemeinschaften</term> bedingt ist? Eben
       in Gestalt dieser Humanitäten ist nun eben er human; eben in der Einzelgestalt und
       Vielgestalt, in der ihn jene besonderen Gemeinschaften mit ihren besonderen Erwartungen
       umgeben, und eben in der entsprechenden Einzelgestalt und Vielgestalt, in der er ihren
       Erwartungen durch seine Entscheidungen mehr oder weniger gerecht wird, hat er seinen Anteil
       an der einen Humanität, die von jenen in einzelner und vielfacher Gestalt vertreten,
       teilweise verhüllt, aber teilweise auch reflektiert wird. |</p>
      <p>Ich werde mich also grundsätzlich gerade meiner besonderen Humanität nicht etwa zu schämen
       haben, und es kann auch keinen Sinn haben, sich die Besonderheit, in der ein Jeder in seinem
       natürlichen <pb xml:id="p544" ed="pga"/> und geschichtlichen Zusammenhang human ist,
       gegenseitig zum Vorwurf zu machen. Es nehme ein Jeder sich selbst und es nehme ein Jeder den
       Anderen gerade in seiner besonderen Humanität absolut ernst als den Träger und Vertreter der
       einen <term key="Mensch, Einzelner als Träger und Repräsentant der Menschheit">Gestalt</term>, die sich einzeln und vielfach in den besonderen Humanitäten gestaltet, als
       deren Träger und Vertreter ein Jeder sich zunächst darstellt. Wir sahen, wie sie zur
       Versuchung und zur Gefahr werden können. Sie reflektieren ja nicht nur, sondern sie verhüllen
       auch die gemeinsame Art der Menschheit. Sie können sich auch an deren Stelle setzen und sie
        <pb ed="A" n="1355"/> verdecken und leugnen wollen. Wir sahen aber auch, dass die Versuchung
       und Gefahr nicht unüberwindlich ist. Wir sahen, wie gerade die Treue gegen die besondere Art
       die Treue gegen die allgemeine nicht aus-, sondern einschließt. Wo uns die <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> ruft, und wäre es die Gemeinschaft in
       ihrer beschränktesten Form, da ruft uns in irgend einer Nähe oder Ferne immer auch die
       Menschheit. Und wo gemeinsame Art in irgend einer Gestalt, und wäre sie noch so sonderbar,
       auch in uns sich bewähren will, da haben wir durch irgend ein dichtes oder lockeres Medium
       hindurch immer auch die alle jene Gestalten umfassende, weil ihnen allen zugrunde liegende
        <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> zu bewähren. Es gibt zu besonderer Zeit und
       in bestimmtem Umfang notwendige Emanzipationen jenen besonderen Humanitäten gegenüber: keine
       von diesen kann unbedingte <term key="Gemeinschaft, menschliche, keine unbedingte Bindung">Bindung</term> unter allen Umständen bedeuten. Es gibt aber keine Emanzipation gegenüber
       der allgemeinen <term key="Humanität, keine Emanzipation ihr gegenüber">Humanität</term>, die
       sich in jenen reflektiert, auch wenn sie in ihnen verhüllt ist. Es gibt keine auch nur
       vorübergehende Entlassung aus der Treue, in der wir ihr verpflichtet sind. Es gibt faktisch
       auch keine Möglichkeit, sich dieser Verpflichtung ganz zu entziehen. Und so können auch alle
       Emanzipationen im engeren Kreis immer nur der Treue dem weiteren gegenüber dienen wollen.
       Entbehren sie dieser Rechtfertigung, dann sind sie bestimmt ungerechtfertigt. Und die Regel
       wird nie die Emanzipation, die Regel wird immer das Aushalten sein: die Humanität an Ort und
       Stelle, wo zu ihrer Betätigung bei aller Behinderung sicher immer auch noch Raum sein wird.
       Aber wie dem auch sei: Wo die Individualität eines Menschen sich entfaltet, ob es im Frieden
       oder im Streit gegen die gemeinsame Art seiner Umgebung, unter Beachtung oder unter
       Durchbrechung der ihm von daher auferlegten Regeln, im Rahmen einer Tradition oder als
       Kundgebung eines mehr oder we<pb xml:id="p545" ed="pga" break="no"/>niger neuen Habitus
       geschehe, da wird auf alle Fälle – im Guten oder im Bösen, im Rahmen dieser oder jener
       engeren oder weiteren Gemeinsamkeit – die Art sichtbar werden, die jedes, die aller Menschen
       Art <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, je einmalige Ausprägung der Humanität">ist</term>. Es ist <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, was da offenbar werden
       wird. Jeder Andere wird diesen Menschen umso besser und <pb ed="A" n="1356"/> notwendiger als
       seinesgleichen erkennen, je mehr er gerade in der Weise, die nur die seinige sein kann, aus
       sich selbst heraus- und ihm entgegengeht. |</p>
      <p> Die scheinbar so einleuchtende Entgegensetzung des Besonderen gegen das Allgemeine ist
       gerade in ihrer Anwendung auf das Problem der menschlichen Art völlig nichtig. Es ist einfach
       nicht wahr, dass das allgemein Menschliche umso weniger sichtbar werde und zur Geltung komme,
       je mehr eines Menschen besondere Art Gestalt gewinnt. Das gerade Gegenteil ist wahr. Gerade
       der seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> im größten Maß
       entfaltende, gerade der im Guten oder im Bösen, im Rahmen dieser oder jener besonderen
       Gemeinsamkeit originelle, bedeutende, große <term key="Mensch, «großer» M.">Mensch</term>
       wird als solcher gerade das allgemein Menschliche nur umso mehr offenbar machen. Man wird
       gerade in ihm gerade die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term> nur umso deutlicher in Erscheinung treten und wirksam werden sehen. Wie
       und durch was fällt er den Anderen auf? Um weswillen wird er von Vielen oder Allen in seiner
       Umgebung bewundert, geliebt, gefürchtet, gehasst, aber jedenfalls beachtet? Jawohl, wegen
       seines Besonderen und also wegen der Art, die so nur die seinige ist, aber eben das offenbar
       darum, weil sie in ihr ihre eigene so wiedererkennen, wie es in der weniger auffallenden
       Individualität anderer, der gewöhnlichen Menschen nicht der Fall ist: weil er ihnen in großem
       Format, in eindrücklicher, in sprechender Gestalt sichtbar macht, wie sie selber sind, wie
       jeder Mensch ist: das Bewundernswerte und Liebenswürdige, das Fürchterliche und Hässliche der
        <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, an der auch sie teilnehmen, deren <term key="Humanität, Dialektik">Dialektik</term> die <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term> ihres eigenen Lebens ist. Es ist das ihnen allen zutiefst Wohlbekannte, es
       ist das Menschliche, das auch in ihnen, den gewöhnlichen Menschen, zur Aussprache und
       Darstellung drängt, obwohl es in ihnen solcher Aussprache und Darstellung wie in jenen Großen
       nicht fähig ist, es ist also merkwürdigerweise gerade das Gewöhnliche, das den ungewöhnlichen
       Menschen <term key="Mensch, «großer» M., wird durch das Gewöhnliche ungewöhnlich">ungewöhnlich</term> macht. In seinem Wort und Werk entdecken die Anderen, wie ungewöhnlich
       gerade der vermeintlich Gewöhnliche, wie groß gerade das vermeintlich Kleine der <pb xml:id="p546" ed="pga"/> menschlichen Art ist, die auch ihrer aller eigene Art ist. Darum
        <pb ed="A" n="1357"/> wird der große Mensch den Anderen «interessant», d. h. darum kann es
       gar nicht anders sein, als dass er ihnen auffällt, darum können sie sich der Tatsache gar
       nicht entziehen, dass sein Wort und Werk sie angeht. Darum fasziniert er sie. Darum imponiert
       er ihnen. Darum gewinnt und hat er <term key="Mensch, «großer» M., Autorität">Autorität</term> über sie. Darum fühlen sie sich aufgerufen, ihm nachzueifern oder auch ihm
       zu widerstehen, sich ihm zuzuwenden oder auch ihn zu fliehen. Darum müssen sie sich selbst in
       ihrem bescheideneren Format unaufhaltsam entweder in Gleichförmigkeit oder in Gegenförmigkeit
       zu ihm entfalten. Das Alles sind ja nur verschiedene Gestalten der Tatsache, dass er sie
       interessiert, dass sie sich mit ihm auseinandersetzen müssen, dass sie mit ihm verbunden
       sind. Sie sind aber darum mit ihm verbunden, weil er gerade in seiner Eigenheit auch ihr
       Eigenstes ans Licht bringt, weil er sich ihnen gerade in seiner Besonderheit als Vertreter
       der allgemeinsten und so auch ihrer eigenen Sache darstellt. Sie müssen sich mit ihm
       beschäftigen, sie müssen ihn lieben oder hassen, sie müssen es ihm gleichtun oder nicht
       gleichtun, weil seine Sache als die allgemeinste auch die ihrige ist. Die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term>, die über die Gegebenheit des Leiblichen
       hinaus das Leben in <term key="Humanität, Leben in Entscheidungen">Entscheidungen</term> ist
       – eben sie kann gerade der seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> aufs höchste entfaltende <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term> nur umso kräftiger bestätigen. Gerade Individualität ist offenbar in ihrem
       Wesen <term key="Individualität, ist in ihrem Wesen Humanität">Humanität</term>.</p>
      <p> Wir müssen aber auch diesen Satz umkehren, um ihn durchzuführen und zu vollenden: Gerade
       Humanität ist in ihrem Wesen <term key="Humanität, ist in ihrem Wesen Individualität">Individualität</term>. Es kann gerade die gemeinsame Art der Menschheit als solche nur je
       die Eigenart je des einzelnen Menschen sein. Individualität ist also keine Negation und auch
       keine Einschränkung und Minderung der Humanität. Das Prinzip der <term key="Individuation">Individuation</term> ist weder in der <term ref="kbga-keywords-1369">Materie</term> noch in
       einem anderen abschätzig zu beurteilenden Grund zu suchen.<note xml:id="n120">Das Prinzip,
        nach dem die «Form» (forma) für das Allgemeingültige und die «Materie» (materia) für die
        individuellen Ausprägungen verantwortlich seien, geht zurück auf <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> (vgl. etwa ders., <bibl corresp="kbga-bibls-1830"><hi rend="italic">Metaphysik
         I</hi>, V,6; VII, 8</bibl>) und wurde in der Scholastik aufgenommen, etwa bei <bibl corresp="kbga-bibls-5373"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, <hi rend="italic">De ente et
         essentia</hi>, cap. II: «<foreign xml:lang="lat">Sed quia individuationis principium materia est, […]</foreign>» (ders., <hi rend="italic">Opera omnia</hi>, tom. XLIII, p. 371,67)</bibl>.</note> Ihr Prinzip liegt nicht
       irgendwo außerhalb der Humanität, <pb xml:id="p547" ed="pga"/> so dass die Humanität, um rein
       zu sein oder zu erscheinen, von ihr gewissermaßen gesäubert werden müsste. Sondern die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> selbst und als solche fordert sie. In der Humanität
        <pb ed="A" n="1358"/> selbst und als solcher ist sie begründet. Die Humanität selbst und als
       solche ist nicht irgendwo außerhalb, sondern in der Individualität, wie ja auch die
       Menschheit schlechterdings nur im einzelnen Menschen <term key="Mensch, und Menschheit">selbst</term> und nicht irgendwo außer und über ihm ist.</p>
      <p> Im physischen Bereich ist das ohne Weiteres klar: wie die Gattung nur in den Individuen
       existiert, so die Einheit, die Distinktheit und Konstanz der menschlichen <term key="Mensch, Leiblichkeit">Leiblichkeit</term> nur in der Fülle von deren individuellen
       Gestalten. Auch das Gegebene, von dem wir als Menschen vermöge unserer Physis und mit deren
       Bedeutung für den von ihr unabtrennbaren geistig-seelischen Bereich immer herkommen und dem
       wir auch immer wieder entgegengehen – auch dieses Gegebene ist in seiner ganzen
       Einheitlichkeit nicht nur verschieden nach Gruppen und anderen besonderen Zusammenhängen,
       sondern differenziert je das jedem einzelnen Menschen mit seinem <term key="Mensch, Gesicht">Gesicht</term> und seiner Konstitution besonders Gegebene. Und eben als dieses einem jeden
       Menschen besonders <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Gegebene</term>
       und nur so ist es als physische Humanität dem <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Menschen</term> überhaupt gegeben. Gerade wer von
       der gemeinsam menschlichen Art redet, muss sich auch im physischen Bereich klar sein darüber,
       dass er sie letztlich und eigentlich immer nur in der eigensten Art anschauen und begreifen
       wird, in der sie je in diesem und diesem Individuum wirklich ist. Wissenschaft vom <term key="Humanwissenschaft">Menschen</term> würde ihren Gegenstand schon in diesem Bereich gar
       nicht ins Auge bekommen oder wieder aus dem Auge verlieren, wenn sie nur generell und nicht
       immer wieder speziell und höchst speziell sehen und verstehen wollte. Physische <term key="Anthropologie, physische">Anthropologie</term> würde dann mit einem Organismus und mit
       dessen Elementen, Organen und Funktionen, mit dessen Gesundheit und Krankheit, mit dessen
       Leben und Tod wie mit lauter Abstraktionen und Gespenstern, wie mit lauter Prädikaten ohne
       Subjekt, aber gerade nicht mit dem wirklichen Menschen beschäftigt sein. Der wirkliche Mensch
       und seine Art ist schon im Leiblichen je dieser Mensch und seine schlechterdings einmalige
       Art. In ihm und nur in ihm kann und wird dann auch jene Einheit, Distinktheit und Konstanz
       der gemeinsamen Art menschlicher <term key="Menschheit, gemeinsame Art, physisch">Leiblichkeit</term> sichtbar werden. </p>

      <p><pb xml:id="p548" ed="pga" rend="noPipe"/> <pb ed="A" n="1359"/> Dasselbe gilt erst recht von der allen Menschen
       gemeinsamen Art, in Entscheidungen zu <term key="Humanität, Leben in Entscheidungen">leben</term>. Gerade nach dieser, der geschichtlich-geistigen Seite der menschlichen
       Existenz ist die Anschauung und der Begriff der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> unmöglich zu gewinnen, ohne dass wir sofort den Einzelnen und seine <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> ins Auge fassen. Dass er aus
       sich herausgehe, sich uns Anderen zuwende und mit uns in Beziehung und Gemeinschaft trete,
       das ist ja der Inbegriff der <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term>, die wir von
       ihm erwarten. Darin, dass er als Einzelner und also in seiner Eigenart bei sich selbst
       seiend, nicht bei sich selbst bleibend, aber von sich selbst herkommend, auf uns zugeht,
       darin wird seine Humanität, wird die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term> in ihm wie in jedem Anderen sichtbar.
       Gerade seine Individualität ist also nicht nur kein Hindernis, sondern schlechterdings
       unentbehrliche Bedingung dieses Geschehens. Wir rechnen damit, dass er aus sich herauskomme.
       Wir rechnen aber offenbar gerade darum erst recht damit, dass er bei sich selbst sei. Wie
       sollte er sonst aus sich herauskommen, zu uns kommen können? Und wir werden auch damit
       rechnen müssen, dass er jeweils wieder zu sich selbst zurückkehre, um von da aufs Neue aus
       sich heraus und zu uns zu kommen. Wir rechnen ja, wenn wir einen Menschen als Menschen, in
       seiner <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> anschauen und begreifen, nicht nur mit
       einer einzigen <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>, sondern mit einer ganzen
       Folge und Reihe von solchen. In dieser Folge und Reihe lebt er menschliches Leben und eben
       darum auch darin, dass er immer wieder bei sich ist. Er muss immer wieder Er und es muss
       seine Art immer wieder seine Eigenart sein, damit gerade er als Mensch und also als humanes
       Wesen uns nicht nur einmal erscheine, sondern dauernd vor Augen stehe. Gerade seine Eigenart
       darf nicht verdampfen, darf sich nicht abschleifen und verlieren, indem er aus sich
       herauskommt. Er ist ja Dieser und kein Anderer, und wenn wir ihn erwartungsvoll, in freudiger
       oder besorgter Spannung auf das, was herauskommen möchte, umgeben, wenn wir mit ihm zu leben
       versuchen, wenn wir ihn also in jenes gegenseitige <term ref="kbga-keywords-1619">Erziehungswerk</term> mehr oder weniger hoffnungsvoll einbeziehen, so würde er uns dann
       jedenfalls gründlich <pb ed="A" n="1360"/> enttäuschen, so würden wir ihm dann nur völlig rat- und tatlos
       gegenüberstehen können, wenn nun wirklich nur ein «es» und nicht in Gestalt irgend eines «es»
       Er selbst herauskäme und mit seinem «es» so oder so für uns und unter uns da wäre. Wir meinen
       Ihn – gewiss ihn <pb xml:id="p549" ed="pga"/> für uns und mit uns, ihn in seiner Beziehung
       und in seinem Verhältnis zu uns, aber Ihn, wenn wir einen Menschen als Menschen erkennen und
       grüßen, mit einem Menschen als Menschen zu verkehren versuchen. Eben als Er und also eben als
       Mensch könnte er aber für uns nicht erkennbar sein, wenn er uns nicht in jenem Kleid oder
       Bild seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> begegnete,
       wenn er als Er gestalt- und formlos, mit irgend einem Anderen zu verwechseln wäre. Und käme
       Er nicht heraus, dann würde eben faktisch nichts herauskommen, kein Wort und kein Werk, in
       welchem seine Teilnahme an der gemeinsam menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Bedingung der Humanität">Art</term> und also seine
       Teilnahme an dem freien, verantwortlichen Handeln der Menschheit für uns Ereignis würde. Wir
       würden dann nichts mit ihm anfangen können. Er stünde dann außerhalb der Gemeinschaft. Denn
       Gemeinschaft entsteht und erhält sich nur, indem die Humanität des Einzelnen sichtbar wird.
       Gerade die Humanität des Einzelnen kann aber nur in seiner Individualität sichtbar <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Bedingung der Humanität">werden</term>. Hätte er
       keine, dann müsste er uns als Einzelner und also auch in seiner Humanität verborgen bleiben,
       dann könnte auch Gemeinschaft mit ihm nicht entstehen, oder sie müsste im Versuch des
       Entstehens sofort wieder zusammenbrechen. |</p>
      <p> Es ist darum, gerade wo es sich um das Problem der menschlichen Art handelt, absurd, das
       Allgemeine dem Besonderen entgegenzustellen. Es ist nicht wahr, dass das allgemein
       Menschliche sich umso herrlicher offenbare, je mehr die menschliche Individualität des
       Einzelnen zurücktrete, verblasse, ihre Konturen verliere und schließlich wohl gar erlösche
       und verschwinde. Es ist vielmehr das <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Bedingung der Humanität">Gegenteil</term> wahr. Es
       bedeutet vielmehr gerade die schwache und unvollkommene Entwicklung der besonderen Art eines
       Menschen das höchst Bedauerliche und für ihn höchst Gefährliche, dass das allgemein
       Menschliche in ihm nur dunkel und verworren offenbar werden kann. Es würde im Grenzfall der
       völlige Mangel oder die völlige <pb ed="A" n="1361"/> Beseitigung seiner Eigenart mitnichten
       den Triumph der gemeinsamen Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term>,
       den endlich erfolgten Durchbruch und Sieg der wahren <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> bedeuten, auch dann nicht, wenn das betreffende angeblich menschliche
       Wesen ein wahrer Ausbund normalster, vollständigster und harmonischster Entfaltung aller
       denkbaren Seelenkräfte, ein wahres Monument reiner <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>, <term ref="kbga-keywords-465">Tugend</term> und anderer geistiger Größe
       wäre. Solche von aller Individu<pb xml:id="p550" ed="pga" break="no"/>alität entbundene
       Vollkommenheit ist das, was die Toren sich unter Humanität vorzustellen pflegen. Es wäre aber
       gerade das mit solcher individualitätsfreier Vollkommenheit ausgestattete Wesen ein zutiefst
       unseliges, ein unmenschliches Wesen. Gerade Humanität würde seine Art überhaupt nicht
       sichtbar machen. Gerade für die Gemeinschaft würde es in seiner ganzen Vollkommenheit
       vollständig ausfallen. Denn Individualität ist nicht Schranke, sondern <foreign xml:lang="lat">conditio sine qua non</foreign>
       der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Bedingung der Humanität">Humanität</term>.
       Individualität ist nicht bloß deren Form, die auch fehlen und fallen könnte und die im
       optimalen Fall tatsächlich fallen müsste. Sondern Individualität ist der Humanität so
       unentbehrlich wie die Humanität der <term key="Humanität, Bedingung der Individualität">Individualität</term>. Individualität ist die Integration der <term key="Individualität, Integration der Humanität">Humanität</term>. Ist diese nicht
       individuell, dann ist sie auch nicht Humanität, sondern ihr eigenes Gespenst. Kommt Er,
       dieser Mensch, nicht heraus in seiner Art, dann kommt auch «es», das, was er vielleicht für
       uns und mit uns zusammen sein könnte, nicht heraus. Es kommt dann nichts heraus oder eben nur
       das für die Gemeinschaft Bedeutungslose: ein Wort, das nichts sagt, die leere Vokabel und
       Phrase, die darum nicht vernommen werden kann, weil sie gar nicht gesprochen ist, ein Werk,
       das nichts ausrichtet, ein bloßer Ablauf, der Anderen so gleichgültig bleiben muss wie dem,
       der seine<note xml:id="n121">Tskr.: «ihre»; Änderung durch die Hrsg.</note> Ursache ist. Was
       dann herauskommt, ist die Langeweile, ist das im schlechtesten Sinn des Wortes
       Überflüssige. |</p>
      <p> Humanität ist immer <term key="Humanität, Originalität">originell</term>. Humanität wird
       immer damit Ereignis, dass ein Mensch in seiner eigensten Weise aus sich selbst herauskommt:
       zu den Anderen, aber eben aus sich selbst heraus zu den Anderen kommt. Man braucht kein
       großer <term key="Mensch, «großer» M.">Mensch</term> zu sein, um originell zu sein. Auch die
       Größe der großen Menschen besteht nur darin, dass sie <pb ed="A" n="1362"/> intensiv und
       extensiv <hi rend="italic">besonders</hi> originell sind. Sie haben darin ihre Funktion,
       gerade das Allgemeine besonders sichtbar zu <term key="Mensch, «großer» M., macht das Allgemeine besonders sichtbar">machen</term>. Sie sind
       auf keinen Fall darum zu beneiden. Sie sind so groß, wie sie <hi rend="italic">sind</hi>,
       vielleicht auch nur so groß, wie sie ihrer Umgebung <hi rend="italic">erscheinen.</hi> Sie
       haben aber auf alle Fälle schon dafür schwer zu bezahlen. Es ist nach Allem, was man von
       ihnen weiß, sehr viel leichter, ein gewöhnlicher als ein ungewöhnlicher oder auch nur
       vermeintlich ungewöhnlicher Mensch zu sein. Wir dürfen ihnen gegenüber ferner <pb xml:id="p551" ed="pga"/> nicht dem Wahn verfallen, als wäre Originalität nur ihre besondere,
       ihre aus irgend einem Grund auffallende <term key="Humanität, Originalität">Originalität</term>. Die sinnloseste Reaktion auf ihre Existenz ist sicher jede Art von
       Minderwertigkeitsgefühl. Wer sich von ihnen erdrücken, sich hinsichtlich der Entfaltung
       seiner eigenen Individualität durch sie entmutigen und abschrecken lässt, der hat ihre Größe
       bestimmt nicht verstanden. Wir sahen ja: was kann die Existenz eines großen Menschen Anderes
       bedeuten als die hervorgehobene Erinnerung an die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>, die die Sache Aller ist und die so oder so auch in der Individualität
       aller Anderen zur Darstellung kommen muss und will? Und die schlimmste Äußerung jenes
       Minderwertigkeitsgefühls würde natürlich darin bestehen, statt in aller Kleinheit und
       Gewöhnlichkeit die Hand selbst an den Pflug zu legen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.62">Lk. 9,62</ref>], mit ihrer Größe und Ungewöhnlichkeit wetteifern und statt
       unseres eigenen Bildes irgend eine Kopie irgend eines großen <term key="Mensch, «großer» M.">Menschen</term> auf die Szene führen zu wollen. Ihm ist damit nicht gedient. Dem Sinn
       seiner Existenz ist damit nicht entsprochen; eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihm hat
       damit nicht stattgefunden, wirklicher Respekt ist ihm damit nicht erwiesen. Und unser eigenes
       Ziel geht darüber verloren, unsere eigene Möglichkeit, originell zu sein, wird damit
       verspielt, dass wir uns die Originalität eines Anderen, und wäre er auch noch so groß, zum
       Vorbild nehmen. Wozu uns die Individualität des großen Menschen, wozu uns die Individualität
       des Mitmenschen überhaupt dienen soll, das ist der Aufruf, unsere Humanität, an die sie uns
       erinnert, in unserer eigenen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, Erinnerung an Humanität">Individualität</term> zu
       Ehren zu bringen. Hier <pb ed="A" n="1363"/> oder nirgends sind wir durch sie beansprucht.
       Hier oder nirgends müssen, dürfen wir ihrem Anspruch standhalten: ungefragt, ob als kleine
       oder als große, als gewöhnliche oder als ungewöhnliche Menschen. Wir werden unserer Länge
       keine Elle zusetzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.27">Mt. 6,27</ref>].
       Seien wir zufrieden, dass wir sie auch um keine Elle verkürzen können. Tätige Humanität – und
        <term key="Humanität, höhere Formen, immer eine Tätigkeit">Humanität</term> ist ja auf
       dieser oberen Stufe so oder so immer eine Tätigkeit – wird im Guten wie im <term key="Humanität, im Guten oder im Bösen">Bösen</term> immer darin bestehen, dass ein Jeder
       seines Daseins Kreise erfüllt.<note xml:id="n122">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-117"><persName ref="kbga-actors-136">J. W.
         von Goethes</persName> Gedicht «Das Göttliche», Strophe 6 (Berliner Ausgabe, Bd. 1,
        S. 332)</bibl>: Nach ewigen, ehrnen / Großen Gesetzen / Müssen wir alle / Unseres Daseins / Kreise
        vollenden.</note>
       <hi rend="italic">Wie</hi> er sie erfüllt? Danach ist er gar sehr gefragt. <pb xml:id="p552" ed="pga"/> Ob es ihm gefällt oder nicht gefällt, dass es gerade <hi rend="italic">seines</hi>
       <term key="Mensch, Dasein">Daseins</term> Kreise sind, danach ist er nicht gefragt. Und es
       ist ihm gut, einzusehen, dass er darauf auch nicht zu antworten braucht.</p>
       </div>

       <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Wir haben auch mit dem jetzt präzisierend Gesagten keinen Rückzug
       angetreten, an unserem vierten Hauptsatz: dass der Mensch die gemeinsame Art der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Menschheit</term> hat, keinen Abstrich vorgenommen. Es ist
       wohl wahr, dass jede Betonung der menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> an eine mögliche und oft genug auch verwirklichte Bedrohung der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> mindestens unangenehm erinnern kann. Individualität
       ist ja oft genug – von demselben <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term>, der es
       liebt, den Einzelnen gegen die Gemeinschaft auszuspielen – als abstraktes Prinzip verstanden
       und der gemeinsam menschlichen Art einschränkend oder gar negativ entgegengestellt worden.
       Dem haben wir hier nicht das Wort geredet. Dem haben wir uns hier vielmehr in aller Form
       widersetzt. Es wäre ja ein Verbrechen – und eben der Individualismus ist immer mehr oder
       weniger weit auf dem Wege dieses Verbrechens –, die gemeinsame Art der Menschheit durch die
       Eigenart des Einzelnen in Frage zu stellen, sie in dieser auch nur teilweise, geschweige denn
       ganz aufgehen und verschwinden zu lassen. Abstrakte Individualität ist das Prinzip zielloser
        <term key="Individualismus, abstrakter I. ist Prinzip zielloser Revolution">Revolution</term>, sinnloser Auflösung, unfruchtbarer Zerstörung. Verkündigung der
       abstrakten Individualität bedeutet in jedem Fall – auch in dem Fall, wo zur <term key="Emanzipation">Emanzipation</term> gewissen Traditionen und Regeln gegenüber Anlass und
       relatives Recht vorhanden ist – das Herausbrechen des Individuums aus der <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>, in welchem sich auch das relative Recht
       solcher Emanzipation <pb ed="A" n="1364"/> praktisch in <term key="Emanzipation, relatives Recht und praktisches Unrecht">Unrecht</term> verwandelt. Sie
       bedeutet in jedem Fall – auch da, wo die geltend gemachte Individualität noch so groß und
       bedeutend ist – den fatalen Schritt von der <term key="Menschheit, gemeinsame Art">menschlichen</term> in irgend eine unmenschliche Art. Sie bedeutet in jedem Fall – auch in
       ihren milderen und gemäßigten, auch in ihren ästhetischen und religiösen Formen – die
       Inthronisation des Gottes <term key="Dionysos"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term><note xml:id="n123">Hier und im
        Folgenden spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an auf die Gegenüberstellung des Appolinischen und des Dionysischen
        bei <bibl corresp="kbga-bibls-4200"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Die Geburt
         der Tragödie aus dem Geiste der Musik</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15
        Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin 1999, S. 9–156</bibl>.</note>,
       in dessen Reich die vermeintliche Sklavenbefreiung das Erste, die Aufrichtung des brutalen
       Rechtes des vermeintlich Stärkeren das Zweite, der Freudenrausch der vermeintlich
       Überlegenen, Weisen und Reichen das Dritte, das große, endlich und zuletzt auch die
       vermeintlichen Herren der Erde selbst verzehrende Schadenfeuer das Vierte und Letzte ist.
       Nicht aller <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> macht es ohne Weiteres
       deutlich, dass er dahin führt. Er wird es in der Regel zu verdecken, aber wieder in der Regel
       doch nur teilweise zu verdecken wissen. Er wird es nie ganz unterlassen können, an die die
       Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term> gefährlich bedrohende prinzipielle <term key="Wildheit">Wildheit</term> zu ap<pb xml:id="p553" ed="pga" break="no"/>pellieren. Und
       eben von dieser Wildheit wird dann auch durch die Nähte und Falten des ästhetischen oder
       frommen oder auch bürgerlichen Gewandes, in das er sich weithin verbergen mag, immer etwas
       hervorblicken. Und irgend etwas von den wüsten, tödlichen Folgen dieser Wildheit wird sich
       da, wo er sich durchsetzt, immer geltend machen. Er ist – ob weiter oben oder unten, spielt
       prinzipiell keine Rolle – auf der schiefen Ebene, auf der sich bewegend er von Anfang an der
       böse Aufruhr um des <term key="Individualismus, böser Aufruhr um des Aufruhrs willen">Aufruhrs</term> willen ist. Er ist der Todfeind der <term key="Individualismus, Todfeind der Humanität">Humanität</term> und da am meisten, wo er in
       ihrem Namen auftritt, mit ihren Titeln sich schmückt. Und es versteht sich von selbst, dass
       gerade die wahre Individualität, für deren Recht, Würde und Größe einzutreten er vorgibt,
       unter seinen Händen nur leiden, nur zunichte werden <term key="Individualismus, macht wahre Individualität zunichte">kann</term>. Wer mit dem
       Individualismus ernst macht, der beraubt sich gerade des Raumes und der Luft, in dem
       Individualität allein sich entfalten und zur Geltung kommen könnte. Wie kann er aus sich
       herausgehen und von da auch wieder zu sich selbst zurückkehren, wenn es ein wirkliches Außen
       für ihn <pb ed="A" n="1365"/> gar nicht gibt, wenn er im Grunde und im Ernst nur sich selbst
       hat: als <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> ohne Gemeinschaft, in seiner Eigenart
       ohne die gemeinsame Art, die diese darstellen, in deren Zusammenhang sie ihre Sichtbarkeit
       und Funktion haben könnte? Der Individualist stellt sich dahin, wo es grundsätzlich keine
       Begegnung und kein Zusammensein, kein Fragen und kein Antworten gibt: in die Finsternis, in
       der er, indem er nur sich selbst sucht, gerade sich selbst unmöglich finden [kann], sondern
       notwendig verlieren muss. Der Individualist ist nie in der Lage, zu halten, was er sich
       selbst und Anderen verspricht. Es waren immer die Individualisten selbst, die die echte Sache
       der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> zuerst verdunkelt und
       in Verdacht gebracht, die den Reaktionen der Gegenseite, irgend eines nicht weniger
       misslichen Antiindividualismus immer wieder gerufen, die mit ihrem Unrecht das
       entgegengesetzte Unrecht relativ immer wieder ins Recht gesetzt haben. Aber eben weil dem so
       ist, müssen wir uns noch einmal in Acht nehmen, dass wir uns nicht etwa in Reaktion gegen die
       hier unstreitig drohende Gefahr dieses entgegengesetzten Unrechts schuldig machen. Eben darum
       war es unvermeidlich, dass wir unserem Hauptsatz über die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> den erklärenden Nebensatz folgen ließen, in welchem wir den Begriff der
       Humanität nicht gegen, sondern durch den der Individualität zu interpretieren versuchten.
       Gegen <term key="Dionysos"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term> ist nun gerade nicht <term key="Apollo"><persName ref="kbga-actors-2267">Apollo</persName></term> auf den Plan zu rufen. Gegen <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> hilft nun gerade nicht <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>. Wie man ja auch umgekehrt mit <persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-2267">Apollo</persName>, mit <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> nur ohnmächtig reagieren kann. Es war die große geschichtliche Leistung
       des klassischen <term key="Griechentum / Gräzität">Griechentums</term>, seiner <term key="Philosophie, klassische griechische">Philosophie</term>, seiner Kunst, seiner
       Lebensweisheit, dass es in seinem, bekanntlich auch in Land- und Seeschlachten ausgefochtenen
       Kampf gegen das Barbarentum, d. h. gegen die <term key="Wildheit">Wildheit</term> und die von
       ihr verübte Destruktion und Auflösung, dem Einzelnen die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term>
       die Humanität entgegenstellt, dass es gegen <term key="Dionysos"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term> in der Tat
        <term key="Apollo"><persName ref="kbga-actors-2267">Apollo</persName></term> auf den Plan gerufen hat. Es hat dies in einer so
       denkwürdigen, so nachhaltigen Weise getan, dass <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> im landläufigen und engeren Sinn des Begriffs bis auf diesen Tag mit
       Gräzi<pb ed="A" n="1366" break="no"/>tät nahezu gleichbedeutend geworden ist. |</p>

      <p><pb xml:id="p554" ed="pga" rend="noPipe"/>
       <term key="Humanismus"><hi rend="italic">Humanismus</hi></term> im Sinn des griechischen
       Versuchs der Überwindung des <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term><note xml:id="n124">Tskr.: «Idealismus»; Korrektur durch die Hrsg. in Aufnahme eines Randvermerks
         <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>.</note> ist das Unternehmen, den
       Menschen schlechterdings von der aller Individualität überlegenen, aller Individualität Maß
       und Form gebenden, alle Individualität in sich begreifenden und relativierenden Einheit des
       ihn mit der Gottheit verbindenden <term key="Logos">Logos</term> her zu verstehen. Logos
       heißt <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>, und Vernunft ist ontisch und noetisch
       verstanden die allgemeine, für alle gemeinsam gültige und allen gemeinsam einsichtige <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> des menschlichen Seins, an der jeder <term key="Mensch, Einzelner">Einzelne</term>, an der alle <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> nur eben teilnehmen kann. Humanität
       im Sinn der <term key="Griechentum / Gräzität">Gräzität</term> ist Vernünftigkeit.<note xml:id="n125">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5155"><persName ref="kbga-actors-204">K. Jaspers</persName>, <hi rend="italic">Psychologie der Weltanschauungen</hi>, Berlin 1919, S. 274</bibl>: «Die klassische
        Veranschaulichung eines Weltbildes, das Gesetz und Ordnung in zeitloser Notwendigkeit
        darstellt, ist die attische Weltanschauung als der Gipfel aller der griechischen Bewegungen,
        die dasselbe wollten. Der Kosmos ist geschlossen, nicht endlos, hat Maß und Grenze, wie das
        menschliche Dasein sie haben soll. Er ist vollkommen und gesetzmäßig, zugleich Logos und
        Schicksal, Vernunft und Gerechtigkeit.»</note> Humanismus im Sinn des griechischen Versuchs,
       Humanität zu verkündigen und aufzurichten, ist in dieser umfassenden Bedeutung des Begriffs
        <term key="Logizismus">Logizismus</term>, <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term>,
        <term key="Rationalismus">Rationalismus</term>. Man muss sich, um ihn gerecht zu würdigen,
       vergegenwärtigen: er ist der große, geschichtlich nicht nur damals, sondern immer wieder
       verständliche Gegenschlag gegen den Individualismus. Es war wirklich verständlich, dass sich
       schon dem Zerfall des «wilden» <foreign xml:lang="lat">saeculum <term key="Saeculum obscurum">obscurum</term></foreign><note xml:id="n126">Der Ausdruck «<foreign xml:lang="lat">saeculum obscurum</foreign>» geht auf die <bibl corresp="kbga-bibls-5376"><hi rend="italic">Annales
         ecclesiastici</hi> des italienischen Kirchenhistorikers <persName ref="kbga-actors-10401">Caesar Baronius</persName></bibl> (1538–1607) zurück. Baronius bezeichnete damit den Zeitraum
        zwischen 880 und 1046, über den es wegen fehlender Quellen kein sicheres Wissen geben könne;
        in dieser Bezeichnung spiegelt sich zugleich die Unzufriedenheit des Verfassers mit der Lage
        der römischen Kirche unter den deutschen Kaisern in dieser Zeit. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5344">H. Zimmermann, Art. «Saeculum obscurum», in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 8, Sp. 1425</bibl>.</note>, dass sich dann wieder dem «wilden» <term ref="kbga-keywords-18">Mittelalter</term> und dass sich noch einmal dem «wilden» <term key="Barock">barocken</term> 17. Jahrhundert der Humanismus, und das heißt konkret der <term key="Rationalismus">Rationalismus</term> entgegengeworfen hat. Es wird immer verständlich
       sein, wenn sich gegenüber jeder durch den Individualismus verursachten Destruktion und
       Zersetzung der <term key="Humanismus">Humanismus</term> aufs Neue zu Worte melden wird. Es
       pflegt dann immer ein Aufatmen durch die Zeitgenossen zu gehen, es pflegt dann immer von der
       Wiederkehr eines goldenen Zeitalters geträumt zu werden, wenn es wieder einmal so weit ist,
       dass das Allgemeine gegenüber dem Besonderen zu neuen Ehren kommt, dass <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term> und also <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term>, Maß und Form als Befreiung von all den angeblichen Befreiungen des <term key="Mensch, Einzelner">Individuums</term> und der <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> wiederkehren. Man pflegt sich
       dann dessen zu freuen, dass wenigstens die Aussicht, dass der Mensch doch noch einmal <term key="Mensch, Menschlichkeit">menschlich</term> werden <pb xml:id="p555" ed="pga"/> könnte,
       wieder offen wird. Man sehe wohl zu, was man tut, wenn man sich, und wäre es im Namen des
        <term ref="kbga-keywords-807">Christentums</term>, dem <term key="Griechentum / Gräzität">Griechentum</term>, dem Humanismus und also dem <term key="Rationalismus">Rationalismus</term> widersetzen zu sollen <pb ed="A" n="1367"/> meint.<note xml:id="n127">Vermutlich hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName> vor Augen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1413"><persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Illusionen. Eine
         Auseinandersetzung mit dem Kulturidealismus</hi>, Jena 1926</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-5343"><hi rend="italic">Der
         Zerfall des Humanismus und die Gottesfrage. Vom rechten Ansatz des theologischen
         Denkens</hi>, Stuttgart 1937</bibl>.</note> Man sehe wohl zu, ob man dabei nicht doch bloß die
       Geschäfte des <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> besorgt, gegen <term key="Apollo"><persName ref="kbga-actors-2267">Apollo</persName></term> sich verwahrend, im Dienste des Gegengottes <term key="Dionysos"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term> steht. Man könnte sich sonst der griechischen Linie gegenüber auf einmal in
       schwerstem Unrecht befinden. Aber wir haben uns hier weder auf der barbarischen noch auf der
       griechischen, weder auf der dionysischen noch auf der apollinischen Linie bewegt. |</p>
      <p> Der <term key="Humanismus">Humanismus</term> ist keine wirkliche Überwindung des <term key="Humanismus, keine wirkliche Überwindung des Individualismus">Individualismus</term>. Er
       reagiert nur gegen ihn. Er unterschlägt zu viel, was ungestraft nicht unterschlagen werden
       kann. Er weiß zu wenig vom Besonderen, wenn er es zu einer bloßen Erscheinungsform des
       Allgemeinen degradiert, wenn er Dieses zum Absoluten erhebt, um Jenes nur als Relatives
       gelten zu lassen. Er weiß zu wenig vom Einzelnen und seiner Eigenart, um dem Unternehmen,
       dieses als abstraktes Prinzip zu behandeln, würdig und wirksam entgegentreten zu können. Er
       macht sich selbst der <term key="Humanismus, Abstraktion">Abstraktion</term> schuldig, indem
       er die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> als die in Gestalt der gemeinsamen
       Vernunft zu erfassende Einheit menschlichen Seins zum Prinzip erhebt, das Prinzip der <term key="Individuation">Individuation</term> aber nur als Negation zu behandeln weiß. Er hat
       eine fatale Affinität zum <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term>; er ist
       vielleicht doch nur dessen <term key="Humanismus, Edelform des Kollektivismus">Edelform</term>. Er übersieht vor lauter Menschheit den <term key="Humanismus, übersieht vor lauter Menschheit den Menschen">Menschen</term> – bis zur
       Verachtung manchmal. Er züchtet heimlich auch schon den Massenmenschen. Er ist irgendwo
       zutiefst lieblos und <term key="Humanismus, lieblos und humorlos">humorlos</term>: kalt wie
       der Marmor, in dem er einst seine schönsten Gestalten geschaffen hat. Er hat, diesen
       Gestalten gleich, keine Augen. Und wie kann es dann anders sein, als dass er gerade dem <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term>, den er überwinden möchte, doch wieder
       vorarbeitet: teils durch Vernachlässigung seines echten Problems, teils dadurch, dass er in
       seinen letzten Zuspitzungen selber in Individualismus umschlägt. Das ist ja das Merkwürdigste
       am geschichtlichen Phänomen des Humanismus: dass er so oder so gerade das, was er austreiben
       möchte, früher oder später wieder zu bringen pflegt. So geschah es schon in der späteren
        <term ref="kbga-keywords-17">Antike</term>, so im <term ref="kbga-keywords-18">Mittelalter</term>, so in der <term ref="kbga-keywords-1209">Renaissance</term>, so in der
       Wandlung der <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term> zum Sturm und <term key="Sturm und Drang">Drang</term>, so im Ausgang des <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term>
       <pb ed="A" n="1368"/> in der <term ref="kbga-keywords-415">Romantik</term>, bei <persName ref="kbga-actors-3679">Hölderlin</persName> und <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>. Eine verlässliche Remedur hat der <term key="Humanismus">Humanismus</term> trotz aller Hoffnungen, die er erweckte, noch nie gebracht. Er konnte sie
       nicht bringen. Im Gegenteil: als die eine Abstraktion musste er zunächst notwendig<note xml:id="n128">Tskr.: «notwendig auch»; durch die Hrsg. geändert in Aufnahme eines
        Korrekturzeichens am Rand.</note> immer wieder auch der anderen rufen. Es wäre also
       allerdings unbeson<pb xml:id="p556" ed="pga" break="no"/>nen, sich, um der Gefahr des
       Individualismus zu entgehen, auf diese, die griechische Linie zu begeben. Wir haben es darum
       unterlassen, das Allgemeine gegen das Besondere auszuspielen, die menschliche <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigenart</term> in der menschlichen <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Gemeinsamkeit</term> aufgehen zu lassen. Es gibt hier, der
       Gefahr des <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> gegenüber, nur eine legitime
       und durchgreifende Befreiung, und die liegt in der Erkenntnis, dass die Furcht vor dem Gott
        <persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName> so unangebracht ist wie die vor dem
       Gotte <term key="Apollo"><persName ref="kbga-actors-2267">Apollo</persName></term>. Sie ist darum unangebracht, weil beide wohl Götter,
       aber nicht Gott sind, in besonderem Blick auf <term key="Dionysos"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term> gesagt:
       weil er keine göttliche Macht über den Menschen hat, weil das abstrakte Prinzip der
       Individualität, das als solches die <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> verneinen
       könnte, nur eine Scheinwirklichkeit ist, deren Behauptung so sinnlos ist wie der Versuch, ihr
       durch Entgegenstellung eines anderen, ebenfalls nur vermeintlichen Gottes, des abstrakten
       Prinzips der Humanität, widerstehen zu wollen, um ihr als deren Negation eben damit neue
       Konsistenz zu geben usw. in ewigem <foreign xml:lang="lat">circulus vitiosus</foreign>. Eben weil sie als abstraktes Prinzip
       nichtig ist, braucht die Individualität um der Humanität willen nicht gefürchtet zu werden.
       Nichtig als abstraktes Prinzip, ist die Individualität richtig und wichtig als echte und
       unveräußerliche Bestimmung menschlicher Art, der menschlichen Natur also. Dass die Humanität
       gerade in der Individualität wohl aufgehoben ist, dass man gerade um der Humanität willen die
        <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> nicht ernst genug nehmen
       kann, dass sie – nicht als abstraktes Prinzip, sondern als humane, die allgemeine menschliche
       Art besonders darstellende und vertretende Individualität – die Glorie der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> ausmacht: dieselbe Glorie, die man gewiss auch als
       Humanität, aber eben, aller humanistischen <term key="Humanismus, Abstraktion">Abstraktion</term> zuwider, nur als die individuell dargestellte und vertretene <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> verstehen kann – das ist <pb ed="A" n="1369"/> die
       befreiende Erkenntnis, in der wir dem <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term><note xml:id="n129">Im Tskr. gestrichen und durch «ihm» ersetzt;
        diese Korrektur <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> wurde rückgängig gemacht,
        weil den Hrsg. der Rückbezug des «ihm» nicht so eindeutig erschien, wie es wohl bei
         <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> der Fall war.</note> wie dem <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> (auch in seiner Gestalt als <term key="Humanismus">Humanismus</term>!) gegenüber die gebotene Höhe und Distanz gewinnen, von
       der aus wir zwar beide verstehen werden, von der aus wir aber weder mit dem einen noch mit
       dem anderen gehen, von der aus wir uns an ihrem als tief unfruchtbar durchschauten Streit
       nicht mehr beteiligen können. Also: gerade weil wir auch dem Gott <term key="Dionysos, Schreckensherrschaft"><persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName></term> und seiner Schreckensherrschaft
       gegenüber einen gesicherten Standort haben, muss es auch bei der Präzisierung unseres vierten
       und letzten Satzes, in welcher wir der Individualität noch einmal ihr Recht zugesprochen
       haben, sein Bewenden haben.</p>
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      <p rend="margin-top">Wir erinnern uns nun noch einmal des Weges, auf dem wir zu diesen nun
       abgeschlossenen zweimal zwei Sätzen über den Menschen und die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term> gekommen sind. Wir sind angesichts der
        christologi<pb xml:id="p557" ed="pga" break="no"/>schen Wurzel der <term key="Anthropologie, christliche Wurzel">Anthropologie</term>, d. h. angesichts der
       menschlichen Natur <term ref="kbga-keywords-233">Jesu</term> darauf aufmerksam geworden, dass
       mit der abstrakten Entgegensetzung von Mensch und Menschheit ein letztes Wort über den
       Menschen sicher nicht gesagt sein kann. Jesus ist nicht in diesem Streit. Er ist zugleich <hi rend="italic">dieser</hi> und <hi rend="italic">der</hi> Mensch. Wer ihn sieht, der muss in
       ihm den Menschen und die Menschheit, den <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> und
       die <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>, <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">eigene</term> und gemeinsame menschliche <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term> zusammensehen. Wer ihn sieht, dem muss
       jedenfalls die Gegenstandslosigkeit und Sinnlosigkeit jenes Entweder-Oder, wie tief und
       unübersehbar wir uns auch in dieses verstrickt finden mögen, sichtbar werden. Es erscheint
       von ihm her gesehen als das, was es ist: als die sündige Gestalt der menschlichen <term key="Mensch, Natur, sündige Gestalt">Natur</term>. Jesus ist ohne <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>. So verkörpert er die menschliche Natur anders als in
       dieser Gestalt, in ihrer Art und nicht in ihrer Unart. Wir sahen: sie ist, weil er Jesus,
       weil er der Sohn <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term> ist, ganz anders die seinige als
       die unsrige: zuerst die seinige und dann die unsrige, erhalten und bewahrt als die seinige,
       wo sie als die unsrige zerstört, und offenbar als die seinige, wo sie als die unsrige
       verborgen ist. Sie ist aber als diese Natur und gerade auch vermöge der Vorzüge, in denen sie
       die seinige ist, <pb ed="A" n="1370"/> nicht nur die seinige. Sondern wir erkennen in ihm
       auch unsere eigene Natur: die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, die durch
       die Sünde keine andere geworden ist: die Natur <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, in der das Verhältnis des <foreign xml:lang="el-GR">εἷς</foreign> zu den
        <foreign xml:lang="el-GR">πολλοί</foreign> oder <foreign xml:lang="el-GR">πάντες</foreign>,
       wie es auch in Christus ist, auch in der Sünde und trotz der Sünde erhalten ist, so dass er
       <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">Röm. 5,14</ref> ausdrücklich als der <foreign xml:lang="el-GR">τύπος τοῦ μέλλοντος</foreign>
       bezeichnet wird. Als diesen Typus Jesu Christi haben wir die menschliche, die adamitische
       Natur in unseren vier Sätzen ernst zu nehmen und zu verstehen versucht. Dass wir sie, so wie
       sie uns als unsere eigene Natur vor Augen steht, durch die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> zerstört und <term key="Mensch, Natur, sündige Gestalt">verdunkelt</term>, in
       jenen heillosen Widerstreit verwickelt finden, das hat sich uns in allen Stadien unserer
       Überlegungen deutlich genug aufgedrängt und Mühe genug gemacht. Wir standen ja immer aufs
       Neue vor dem in uns, in der menschlichen <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> als
       solcher unauflöslichen Entweder-Oder. Wir haben aber vertraut darauf, dass das in uns
       unauflösliche Entweder-Oder in Jesus Christus aufgelöst [ist] und darum auch in uns und für
       uns kein letztes Wort bedeuten kann. Wir haben darum das letzte Wort, das freilich nicht
       durch uns, wohl aber durch Christus für uns gesprochen ist, als solches wörtlich genommen <pb xml:id="p558" ed="pga"/> und also versucht – der ganzen Verwirrung, in der wir uns selbst
       und in der wir die ganze menschliche <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>
       vorfinden, zum Trotz –, den Menschen und die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, den <term key="Mensch, Einzelner">Einzelnen</term> und die <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term>, des Menschen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">eigene</term> und des Menschen gemeinsame <term key="Menschheit, gemeinsame Art">Art</term> nun wirklich zusammen zu sehen.</p>
      <p>Es war indirekt biblisch-theologische Arbeit, was hier getrieben wurde. Wer etwa, weil er
       hier keine Bibelsprüche mehr hörte und auch dem Namen Jesu nicht mehr ausdrücklich begegnete,
       alles nicht verstanden hätte, könnte wohl der Meinung sein, als sei nun überhaupt keine
       theologische Arbeit getrieben worden. Die Sprache, in der wir von unserer eigenen Natur
       allein sprechen konnten, musste offenbar unsere eigene Sprache, die Sprache des mit sich
       selbst beschäftigten Menschen sein. Man kann den Pelz nicht waschen, ohne ihn nass zu
        machen.<note xml:id="n130">«Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ ihn nicht nass» steht
        redensartlich dafür, dass man ein Vorhaben ankündigt, dafür aber zu schwache oder
        ungeeignete Mittel einsetzen möchte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich IV, S. 1147</bibl>.</note> Man kann das, was das
       Licht Christi für die Erkenntnis der von Gott geschaffenen menschlichen <term key="Natur, menschliche">Natur</term> bedeutet, nicht aufzeigen, ohne sich auf deren durch
       die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> bedingte Problematik in großer Genauigkeit und
       Vollständigkeit einzulassen. Die Erkenntnis selbst, die wir im Blick auf diesen Gegenstand
       und darum in dieser Sprache entwickelt und vorgetragen haben, war vom ersten bis zum letzten
       Wort theologische, biblische, und zwar aus der Mitte der <term key="Bibel">Bibel</term>
       geschöpfte Erkenntnis. Was ein nicht biblisch-<pb ed="A" n="1371" break="no"/>theologisches
       Denken über den Menschen und die <term key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, über
        <term ref="kbga-keywords-322">Individualismus</term> und <term ref="kbga-keywords-1303">Kollektivismus</term> ans Licht bringt, pflegt nicht umsonst etwas sehr Anderes zu sein als
       das, was wir mit unseren vier Sätzen ans Licht bringen durften.</p>
       
       
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 </text>
</TEI>
