<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-47020">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">12.-15. Kapitel: Die große Störung</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 12.-15. Kapitel: Die große Störung, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47020 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 571–700.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47020</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">12.-15. Kapitel: Die große Störung</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 571–700</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">20</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1922">1922</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>chapter</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
       <body>
      <div type="paper">
        <div>
<pb ed="pga" xml:id="p571"/>
<head>12.-15. Kapitel<lb/>
DIE GROSSE STÖRUNG</head>
<head><hi rend="smallCaps">Das Problem der Ethik</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1 Röm.12.2">12,1–2</ref><note xml:id="n01"> 
In dem gesamten Abschnitt finden sich zahlreiche Reaktionen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> auf <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht</bibl>. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-08-12">12.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p510#p510">S. 510</ref></bibl>: « […] und nun wollen wir sehen, ob den Kapiteln 12ff. auch etwas über die Ethik des Telephons [vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489">Streiflicht, S. 279</bibl>], über Verkehr mit Franzosen [vgl. Streiflicht, S. 278] und dgl. zu entnehmen ist, was den Herrn <persName ref="kbga-actors-282">Alfred Dedo Müller</persName> zufrieden stellen könnte. [...] O Nummer der ‹<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>›! O <persName ref="kbga-actors-282">Alfred Dedo</persName>! O <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>! Welche Konfusion! [...] Welcher Pietismus<term type="begriffe" key="Pietismus"/>!» Und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
<date when="1921-08-13">13.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p511#p511">S. 511</ref></bibl>: «Und nun hat also der ‹deutsche <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>› [<persName ref="kbga-actors-282">Alfred Dedo Müller</persName>]  <hi rend="italic">und</hi> der Schweizer <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> scharf geschossen in den ‹<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wegen</orgName>.› A. D. läßt tief blicken: das bißchen Reichweite, das du in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> schon hast, scheint ihm bereits gefährlich. Und nun haben wir es also schriftlich, daß wir die religiössoziale<term type="begriffe" key="religiös, -sozial"/> Bewegung in Deutschland ruinieren! Besonders scheint ihn zu ärgern, daß seine Einwände gegen deine Position bei dir schon vorgesehen sind [vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p577#fn_n05">S. 577, Anm. 5</ref>]. Was für seltsame Erklärungen und Bilder zu deinen Religions- und Kirchenkapiteln im neuen Römerbrief!" Weiter <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-08-20">20.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p512#p512">S. 512</ref></bibl>: «Sieh dir auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1 Röm.12.2">12,1–2</ref> genau an; es ist wichtig für sich und in der Ökonomie des Ganzen. <persName ref="kbga-actors-282">Alfred Dedo</persName> ist mir gerade im rechten Augenblick in die Räder gelaufen.»</note></head>


<p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1 Röm.12.2">V. 1–2</ref> Ich ermahne euch nun, Brüder,</hi>
und das <hi rend="bold">auf Grund der Erbarmungen Gottes, eure Leiber zur Verfügung zu stellen als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: eure sachgemäße Gottesverehrung! und euch nicht zu fügen in die</hi>
bestehende <hi rend="bold">­Gestalt<ptr n="*" type="note" target="s1"/> dieser Welt, wohl aber in ihre</hi>
kommende <hi rend="bold">Verwandlung</hi><note n="*" type="original" xml:id="s1">Ich gebe der Lesart, die hier Infinitive hat, den Vorzug, weil es mir angesichts des sachlichen Gehalts der beiden Zeitwörter nicht wahrscheinlich ist, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bei seinem oft bewiesenen Sinn für Nuancen <hi rend="italic">diese</hi> «Ermahnung" als direkten Imperativ vorgetragen hat, und weil sich andrerseits die Imperative an dieser Stelle offenbar handlicher ausnehmen und also (obwohl die Infinitive syntaktisch die Kongruenz mit <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">V. 1</ref> herstellen!) eher als eine spätere Verwischung zu erklären sind als das Gegenteil.</note> <pb ed="pga" xml:id="p572"/> <hi rend="bold">durch Erneuerung eures Denkens, um also Einsicht zu bekommen in das, was der Wille Gottes ist, das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Ich ermahne euch nun, Brüder.»</hi> Was kann das hier neuerdings (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12 Röm.6.23">6,12–23</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.12 Röm.8.13">8,12–13</ref>) und mit Nachdruck auftretende Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> anderes bedeuten als die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/>, die der Gedanke an Gott<term type="begriffe" key="Gedanke, Gott"/> selbst für alles menschliche Tun bedeutet, mit der auch jedes <hi rend="italic">Gespräch über Gott</hi> unharmonischerweise endigen muss, sofern es etwa von Uneinsichtigen, die Sache aus dem Auge Verlierenden (und wer wäre das nicht?) geführt sein sollte? Das Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> bedeutet die ausdrückliche Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung"/> und Einschärfung, dass der Gegenstand solchen Gesprächs keine Objektivität, keine Über- oder Hinterwelt, keine Metaphysik<term type="begriffe" key="Metaphysik"/>, kein Schatz seelischer Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis, seelisches"/>, keine transzendente<term type="begriffe" key="transzendent"/> Untiefe ist, sondern das bekannte Leben des Menschen<term type="begriffe" key="Leben, des Menschen"/> in Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/>, und zwar dieses Leben, <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>sofern es durchaus gerade der solches Gespräch Führende selber von<note n="a" target="fn-a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sofern durchaus gerade der solches Gespräch Führende es von». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar. Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht notierte, deshalb oben nicht übernommene Streichung des «durchaus» im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) ist vermutlich ein Versehen des Setzers.</note> Minute zu Minute höchst notwendiger- und handgreiflicherweise zu leben hat und tatsächlich irgendwie lebt. Das Auftauchen des ethischen Problems<term type="begriffe" key="Ethik"/> bedeutet die Sicherstellung der oft betonten <hi rend="italic">Existentiali</hi><pb ed="A" n="411"/><hi rend="italic">tät</hi><term type="begriffe" key="Existentialität"/> der im Laufe dieses Gesprächs verwerteten Begriffe, die Gewährleistung, dass unsre bis zur Ermüdung wiederholte Formel «Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>!» nicht ein göttliches «Ding», nicht eine gegenüberstehende Idealität bezeichnet, sondern die unerforschliche göttliche <hi rend="italic">Relation</hi><term type="begriffe" key="Relation, göttliche"/>, in der wir uns als Menschen befinden. Am Sein, Haben und Tun des Menschen in der Welt in seiner ganzen Bewegtheit und Gespanntheit entstehen ja diese Begriffe und Formeln gerade in ihrer abstrakten Un-Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit, Un-"/> und Weltfremdheit<term type="begriffe" key="Weltfremdheit"/>, und schlimmer könnte ihre Abstraktion nicht missverstanden werden, als wenn sie etwa «losgelöst» von ihrem Gegenstand und nicht beständig rückbezüglich auf die Konkretheiten unsres Alltags aufgefasst würden. Lektüre von allerhand ausgesprochen <hi rend="italic">weltlicher</hi> Literatur<term type="begriffe" key="Literatur, weltliche"/>, der Zeitung<term type="begriffe" key="Zeitung"/> vor allem, ist zum Verständnis des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Verständnis des R."/> dringend zu empfehlen. Denn Denken ist, wenn es echt ist, Denken des Lebens<term type="begriffe" key="Denken, des Lebens"/> und darum und darin Denken Gottes<term type="begriffe" key="Denken, Gottes"/>. <pb ed="pga" xml:id="p573"/> Gerade im Blick auf das Leben muss es so verschlungene Wege gehen, in so unerhörte Fernen schweifen. Gerade in der verwirrenden kaleidoskopartigen Bewegtheit und Gespanntheit seiner Linien und nicht anders wird es dem Leben gerecht. Denn das Leben <hi rend="italic">ist</hi> nun einmal nicht einfach, nicht direkt, nicht eindeutig. Einfach, direkt und eindeutig ist immer nur die Oberfläche einzelner Erscheinungen, nie und nirgends aber ihre Tiefe, ihr Zusammenhang, die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>in der sich alles Erscheinende befindet<note n="b" target="fn-b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «in der alles Erscheinende sich befindet». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, die Realität, von der es Zeugnis gibt. Gerade als <hi rend="italic">dialektisches</hi> Denken<term type="begriffe" key="Denken, dialektisch"/> erfüllt also das Denken seinen Zweck als Frage nach Tiefe, Zusammenhang und Realität des Lebens,
seinen Zweck, Besinnung auf den Sinn des Lebens<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens"/> herbeizuführen, Sinngebung an das Leben zu ermöglichen. Wären seine Wege direkter, <hi rend="italic">weniger</hi> gebrochen, <hi rend="italic">leichter</hi> übersichtlich, so wäre das das sicherste Zeichen dafür, dass sie am Leben, d. h. aber an der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, in der sich dieses Leben befindet, vorbeigehen. Doktrinär ist nicht das sog. «komplizierte»<term type="begriffe" key="Denken, kompliziertes"/>, sondern das viel gerühmte «einfache» Denken<term type="begriffe" key="Denken, einfaches"/><note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 279</bibl>: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «hat das Einfache undurchdringlich kompliziert gemacht, sodaß es wirklich nur der ‹Gottesgelehrte› verstehen kann[,] und der Sache die Weite genommen, deren sie unbedingt bedarf».</note>, das immer schon zu wissen meint, was es doch nicht weiß. Echtes Denken<term type="begriffe" key="Denken, echtes"/> kann <hi rend="italic">darum</hi> die oft gewünschte Geradlinigkeit nicht haben, muss <hi rend="italic">darum</hi> so unmenschlich<term type="begriffe" key="Menschlichkeit, Un-"/> und weltfremd<term type="begriffe" key="Weltfremdheit"/> sein, weil es selber keine biologische Funktion, sondern die Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> bedeutet, deren Beantwortung die Möglichkeit aller biologischen Funktionen ist. Denn als Frage nach <hi rend="italic">dieser</hi> Antwort ist es selber nicht Akt, sondern <hi rend="italic">Voraussetzung.</hi> Daraus aber, dass es keine Voraussetzung an sich gibt, sondern nur die Voraussetzung des <hi rend="italic">Aktes</hi><term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Aktes"/><hi rend="italic"/>, ergibt sich jene gebrochene Linie des echten Denkens<term type="begriffe" key="Denken, echtes"/>, die ihm immer wieder den Vorwurf des Intellektualismus<term type="begriffe" key="Intellektualismus"/><note xml:id="n03"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 277</bibl>: «Wir meinen: es komme in <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eine gerade wegen ihrer Verhüllung sehr gefährliche Art des Intellektualismus zu uns.» <bibl corresp="kbga-bibls-489">S. 278</bibl> (im Original vollständig gesperrt): «Intellektualismus ist überall da, wo ein vorhandener Lebensimpuls im Denken stecken bleibt, wo ihm nicht der Weg ins Leben gebahnt wird, wo das Denken sich praktisch als Selbstzweck statt als dienendes Mittel zum Leben darstellt, wo der Drang nach lebendiger Verkörperung des Gedachten von der mit höchster Befriedigung ausgeübten Denkarbeit verschlungen wird.»</note> zuzieht. Es <pb ed="pga" xml:id="p574"/> muss aber diesem Vorwurf hier Rechnung getragen werden. Genau genommen schützt nämlich diese Apologie<term type="begriffe" key="Apologetik, des Denkens"/> <pb ed="A" n="412"/> des Denkens nur das <hi rend="italic">reine</hi> Denken, das Denken Gottes<term type="begriffe" key="Denken, Gottes"/> selbst. Wir aber kennen nur Denk<hi rend="italic">akte</hi>, die als solche selbstverständlich auch biologische Funktionen sind und nur sofern sie unanschaulich teilnehmen an der Reinheit der Voraussetzung, sind sie geschützt vor dem Verdacht, ihre Kompliziertheit möchte nicht mehr sein als Zufall und Schrulle, geschützt vor der Bevorzugung anderer, «einfacherer» Denkakte. Sofern nun auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> zunächst einen Denk<hi rend="italic">akt</hi><term type="begriffe" key="Denkakt"/> vollzieht und wir mit ihm, ist es <hi rend="italic">nicht</hi> in sich selbst gewiss, dass seine Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> gerechtfertigt ist als Widerschein göttlichen Denkens<term type="begriffe" key="Denken, Gottes"/>, haben wir <hi rend="italic">nicht</hi> ohne weiteres das gute Gewissen<term type="begriffe" key="Gewissen, gutes"/>, dass unser Denken ein Denken des Lebens<term type="begriffe" key="Denken, des Lebens"/> ist, können wir das Bedürfnis nach einer der paulinischen «Dogmatik»<term type="begriffe" key="Dogmatik, paulinische"/> nachklappenden besondern «Ethik»<term type="begriffe" key="Ethik"/> <hi rend="italic">nicht</hi>, wie es eigentlich unsre Meinung ist, als gänzlich überflüssig und sinnlos abwehren, müssen wir uns offenbar die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> durch das Problem der Ethik gefallen lassen. Das Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> erinnert uns eben daran, <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>dass es nicht der Denkakt als solcher, sondern sein unanschaulicher Ursprung, seine reine Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Denkaktes"/> ist<note n="c" target="fn-c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dass nicht
der [...] Voraussetzung es ist». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar. Bei der Ausführung der Korrektur im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) ist das «es» an seiner ursprünglichen Stelle versehentlich nicht getilgt worden. Dieses Versehen ist oben im Text bereinigt.</note>, die in ihrer Weltfremdheit<term type="begriffe" key="Weltfremdheit"/> dadurch gerechtfertigt ist, dass gerade sie der Fülle des Konkreten gerecht wird. Es erinnert uns an die Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>, die auch im höchsten Denkakt<term type="begriffe" key="Denkakt, höchster"/> in keinem Augenblick gegeben und selbstverständlich ist. Paradoxerweise<term type="begriffe" key="Paradox"/> muss es eben gerade der Anspruch <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>des sich ringsum und neben dem Denkakt ausbreitenden<note n="d" target="fn-d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «des ringsum  […] Denkakt sich ausbreitenden». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar. Bei der Ausführung der Korrektur im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) ist das «sich» an seiner ursprünglichen Stelle versehentlich nicht getilgt worden. Dieses Versehen ist oben im Text bereinigt.</note> alltäglichen Geschehens sein, der uns sagt, dass das Gespräch über Gott<term type="begriffe" key="Gott, Gespräch über G."/> nicht um des Gesprächs, sondern um Gottes willen stattfindet. Im gleichen Sinn, wie der Gedanke an Gott<term type="begriffe" key="Gott, Gedanke"/> alles menschliche Sein, Haben und Tun stört, muss das Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> dieses Gespräch stören, um es an seinen Gegenstand zu erinnern, aufheben, um ihm seine sachgemäße Beziehung zu geben, töten, um es lebendig zu machen. In die<pb ed="pga" xml:id="p575" break="no"/>sem Sinn also: «Ich ermahne euch, Brüder!» Lasst euch unterbrechen, ihr Mitdenkenden, Mitpilgernden, Mitanbetenden, unterbrechen in eurem Denken, damit es ein Denken <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Denken, Gottes"/> sei, unterbrechen in eurer Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/>, damit sie dialektisch <hi rend="italic">bleibe</hi>, unterbrechen in eurer Erkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, damit sie sei, was sie bedeutet: selber die große, die heilsame Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> und Unterbrechung, die Gott dem Menschen in Christus<term type="begriffe" key="Mensch, in Christus"/> bereitet, um ihn heimzurufen in den Frieden seines Reiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>!</p>
<p><hi rend="italic">«Auf Grund der Erbarmungen Gottes»</hi> ermahne ich euch. Also kein anderes Buch wird hier aufgeschlagen und nicht einmal eine andere Seite. Keine «Praxis» <hi rend="italic">neben</hi> der Theorie soll hier empfohlen, sondern festgestellt soll hier werden, dass eben die «Theorie», von der wir herkommen, die <hi rend="italic">Theorie der Praxis</hi><term type="begriffe" key="Theorie der Praxis"/> ist. Von den «Erbarmungen Gottes»<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/> haben wir geredet, von Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, <pb ed="A" n="413"/> Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> – in vielen verschiedenen Brechungen immer dasselbe Licht vom unerschaffnen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>. Durchaus das Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/>, durchaus die Frage: Wie können wir leben? Was sollen wir tun? und nicht eine seltsame Lust an abgelegenen Dingen oder am Denken an sich hat uns dazu geführt, unsern Blick immer wieder jenem unanschaulichen Blickpunkt, jenem Lichte, da niemand zukann<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>], zuzuwenden. Die gegenwärtige Lage (in Rom<term type="begriffe" key="Rom"/> im ersten Jahrhundert und allerorten zu allen Zeiten) in ihrer ganzen Konkretheit ist ja (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18 Röm.1.32">1,18f.</ref>) der Ausgangspunkt gewesen, von dem aus wir unsern viel verschlungenen Gedankenweg betreten haben. Die <hi rend="italic">Welt</hi><note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Welt».</note><hi rend="italic">, wie</hi> sie ist, in der wir zu wollen und zu handeln haben, ist uns zum Anlass geworden, darüber nachzudenken, <hi rend="italic">was</hi> sie ist, d. h. aber, wie wir in ihr leben, was wir in ihr tun sollen. Und nun ist uns als ihr Wesen eine große ungelöste Frage entgegengetreten und als die <hi rend="italic">Antwort</hi> in <hi rend="italic">dieser</hi> Frage Christus<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort,, Jesus Christus"/>, das Erbarmen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>. Eben darum, weil uns die «Erbarmungen Gottes» als die Antwort in <hi rend="italic">dieser</hi> (der großen, der ungelösten!) Frage entgegengetreten sind, müssen sie uns zur «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/>, d. h. aber für uns (als <hi rend="italic">diese</hi> Antwort in <hi rend="italic">dieser</hi> Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>!) zur erst recht und grundsätzlich verschärften Aufstellung <hi rend="italic">der</hi> Frage werden, von der wir ausgingen. Die «Erbarmungen Gottes»<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/> werden, ohne ihre Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/> aufzugeben, zur letzten Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, der Diesseitigkeit"/> der ihr gegenüberstehenden Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/>. <hi rend="italic">Wieder</hi> stehen wir vor dem Pro<pb ed="pga" xml:id="p576" break="no"/>blem der Diesseitigkeit unsers Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Diesseitigkeit"/>, <hi rend="italic">wieder</hi> (und nun <hi rend="italic">unausweichlich</hi> darauf hingewiesen) vor der Frage des Lebens, Wollens und Handelns; <hi rend="italic">Beziehung</hi> Gottes zum Menschen<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, <hi rend="italic">Aufhebung</hi> der menschlichen Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Diesseitigkeit"/>, radikalster <hi rend="italic">Angriff</hi><term type="begriffe" key="Angriff, radikalster auf alles Gegenüberstehende"/> auf alles Gegenüberstehende, Zweite, Andere ist ja, wie wir immer wieder gesehen haben, der Sinn ihrer Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/>, der Sinn der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>. Aber eben in ihrer ganzen <hi rend="italic">Jenseitigkeit</hi><term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/> werden sie als «Ermahnung» diesseitig. Der Ort, von dem aus diese «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> stattfindet, kann also auf keinen Fall eine jener menschlichen Anhöhen sein, von denen aus wohlmeinende Schulmeister zu moralisieren, berufene und unberufene Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/> ihre Blitze<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>):
«Blicke».</note> zu schleudern, eingebildete und wirkliche Märtyrer<term type="begriffe" key="Märtyrer"/> ihr Wehe über die Menschheit zu rufen pflegen. Er ist, wenn er je eine Kirche sein sollte, auf alle Fälle die ihrer letzten und unverbrüchlichen Solidarität mit der sog. Schädelwelt<note xml:id="n04"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 273</bibl>: «Sie [<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>] treten durchaus als Wissende, als Glaubende, als Bejahende, als Ergriffene auf. Darum ist die Frage unentrinnbar: ‹Wovon seid ihr ergriffen, wie ist das neue Leben beschaffen, davon ihr redet? Worin besteht denn nun eigentlich der Unterschied zwischen dem Menschen, der durch das große Nein hindurchgegangen ist, und dem Diesseitsmenschen<term type="begriffe" key="Diesseits"/>? Ißt und trinkt, redet und handelt ein solcher Mensch anders als ein an die Schädelwelt verkaufter? Wie verkehrt ein solcher Erlöster mit seinem Feinde, wie reagiert er auf das Böse, wie erledigt er seine Geschäfte, wie steht er zum Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, wie treibt er Politik<term type="begriffe" key="Politik"/>  […]?›»</note> bewusste, die <hi rend="italic">nur</hi> auf Gott hoffende Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, auf Gott hoffende"/>. Es ist, wenn es zu<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «zur».</note> <hi rend="italic">Ethik</hi><term type="begriffe" key="Ethik"/> kommen soll, nichts anderes möglich, als <hi rend="italic">Kritik</hi> alles Ethos<term type="begriffe" key="Kritik, alles Ethos"/>, d. h. aber ein grundsätzliches, womöglich immer in Winkeldrehungen von 360° sich vollziehendes Bewegen der Problematik unseres Lebens an jedem ein<pb ed="A" n="414" break="no"/>zelnen seiner gegebenen Punkte. Das bedeutet vor allem größte Zurückhaltung in allen positiven und negativen Bewertungen und Beurteilungen des dem Menschen möglichen Wollens und Handelns, nicht etwa darum, weil sie zu radikal, sondern darum, weil sie zu wenig radikal ausfallen könnten. Was von jenen Anhöhen herunter-, was aus den triumphierenden Kirchen<term type="begriffe" key="Kirche, triumphierende"/> heraustönt, das ist nie und nimmer die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/>, die der Menschheit not tut. Es ist <hi rend="italic">diesseitige</hi> Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit, diesseitige"/>, Menschliches, allzu Menschliches<term type="begriffe" key="Menschliches, allzu Menschliches"/>, und wenn es sich <pb ed="pga" xml:id="p577"/> noch so transzendent<term type="begriffe" key="transzendent"/> gebärdete. Wer nicht in der Lage ist, etwas «gegen» andere zu sagen, ohne gleichzeitig sich selbst zu erledigen, der schweige in der Gemeinde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.28">1.Kor. 14,28</ref>]. Innerhalb der ethischen Problematik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> sind viele Worte zu wenig besser als ein einziges zu viel. Das entscheidende Wort kann hier immer nur der Aufweis des tatsächlichen <hi rend="italic">Bestehens</hi> dieser Problematik (in Allem und für Alle!) sein. Das entscheidende Wort muss das radikale Wort<term type="begriffe" key="Wort, radikale"/> sein, und radikal ist nur <hi rend="italic">das</hi> Wort, das (scheinbar «theoretisch», in Wirklichkeit eminent und allein «praktisch»<note xml:id="n05"> <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 277</bibl>: Man findet «bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> alle Bedenken, die gegen seine Art vorgebracht werden können, <hi rend="italic">theoretisch</hi> irgendwie berührt». Aber es hat für ihn «kein <hi rend="italic">praktisches</hi> Gewicht».</note>), alle (vermeintlichen!) Mittelglieder überspringend, direkt auf das Erbarmen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> verweist als auf den einzig zureichenden Grund und Zielpunkt der Problematik unsres Lebens<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/>, <hi rend="italic">das</hi> Wort, das gerade in seinem Radikalismus selber das Wort des <hi rend="italic">Erbarmens</hi><term type="begriffe" key="Wort, des Erbarmens"/>, das <hi rend="italic">verstehende</hi>, das das Einzelne, Nächste, Konkrete in seinem Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des konkreten Wortes"/> und eben darin das Universale, das Existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/>, das nie und nirgends Konkrete, das Wesentliche verstehende Wort<term type="begriffe" key="Wort, verstehende"/> ist. «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> ist nie nur Forderung, «Ermahnung» ist Geltend<hi rend="italic">machen</hi> der <hi rend="italic">Gnade</hi>
als Forderung<term type="begriffe" key="Gnade, als Forderung"/>, Gelten<hi rend="italic">lassen</hi> dessen, was ist, wie es ist, um deswillen, was es nicht ist. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> heißt: nicht richten, weil schon gerichtet <hi rend="italic">ist.</hi> Gnade heißt: Selbstverständlichkeit des schlechten Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen, schlechtes"/> mitten in den Verrichtungen der schlechten Welt, aber gerade <hi rend="italic">in</hi> dieser Selbstverständlichkeit des schlechten Gewissens die unerhört neue Möglichkeit eines (nie und nirgends «guten»!) <hi rend="italic">getrösteten</hi> Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen, getröstetes"/>. «Ermahnen» heißt also als Geltendmachen<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Geltendmachung». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> der Gnade (mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> gegen den Franziskanismus und <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoi</persName>) das Vorausgegebene sehen, aufdecken, ansprechen <hi rend="italic">im</hi> Gegebenen, nie und in keinem Sinne als ein Abgesondertes, an und für sich daneben oder darüber Existierendes. «<foreign xml:lang="lat">In medio inimicorum regnum Christi est, ut Psalmus dicit</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n06"> <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Brief an <persName ref="kbga-actors-2507">Georg Spenlein</persName>, Augustiner in Memmingen, vom 8.4.1516, <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 1, 36,53f.</bibl>; vgl. auch <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-9703">Michael Dressel</persName>, Augustinerprior in Neustadt a.d. Orla, vom 23.6.1516, <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 1, 47,27-31</bibl>, in dem er sich ebenfalls auf <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.109.2">Ps. 109,2</ref> Vg bezieht.</note> Ermah<pb ed="pga" xml:id="p578" break="no"/>nen kann man also nur von dort aus, wo Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> und Zöllner<term type="begriffe" key="Zöllner"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk. 18,9–14</ref>] ganz und gar in einer Reihe stehen, wo von Seiten<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «seitens». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> dessen, der sich unterwindet, Ermahner zu sein, keinerlei Scheidung der Schafe von den Böcken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.31 Mt.25.46">Mt. 25,31–46</ref>] stattgefunden hat oder beabsichtigt ist, wo seinerseits gar keine Anmaßung etwa eines sog. «Christusimpulses»<term type="begriffe" key="«Christusimpulses»"/><note xml:id="n07"> Den Ausdruck «Christusimpuls» hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wiederum bei <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName> gefunden. <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName> schreibt im Rückblick auf die neue Offenheit zwischen deutschen und schweizerischen Religiös-Sozialen<term type="begriffe" key="religiös, -sozial"/> im Frühjahr 1919, <bibl corresp="kbga-bibls-489">Streiflicht, S. 274</bibl>: «Es war wirklich ein ganz merkwürdiges Aufgeschlossensein, wir empfanden es als das Abfallen alter, wohl jahrhundertealter Hemmungen. Es war eine tiefe Sehnsucht nach <hi rend="italic">tätiger</hi> Hingabe an den Christusimpuls erwacht, man fühlte eine neue und tiefe Verantwortung für die Weltgestaltung.» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489">S. 277</bibl>: «<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> besinne sich doch, ob von seinen Anregungen <hi rend="italic">allein</hi> irgend ein Tun, eine Auswirkung des Christusimpulses ausgehen könnte, worauf in unserer Lage einfach alles ankommt, jedenfalls dann, wenn wir wirklich die Wahrheit Christi der Welt und besonders auch den wirtschaftlichen Nöten der Gegenwart gegenüber geltend machen wollen.»</note> und also gar kein moralisches Ressentiment<term type="begriffe" key="Ressentiment, moralisches"/> gegen <pb ed="A" n="415"/> einen <persName ref="kbga-actors-806">Tirpitz</persName><note xml:id="n08"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p037#fn_n02">S. 37, Anm. 2</ref>.</note> z. B. oder gegen einen <persName ref="kbga-actors-902">Bethmann-Hollweg</persName><note xml:id="n09"> <persName ref="kbga-actors-902">Theobald von Bethmann Hollweg</persName> (1856–1921), Reichskanzler 1909-1917. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-08-18">18.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3436">S. 511f.</ref></bibl>: «Ich habe dieser Tage als passende Speise die Lebenserinnerungen von <bibl corresp="kbga-bibls-3498"><persName ref="kbga-actors-806">Tirpitz</persName> [<hi rend="italic">Erinnerungen</hi>, Leipzig 1920<hi rend="sup">2</hi>]</bibl> zu mir genommen, wo das Pendel menschlicher Unbedenklichkeit nun gerade nach der andern Seite ausschlägt als bei unsern Gönnern <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>, <persName ref="kbga-actors-282">Alfred Dedo</persName> etc. Aber wo und wie man in die in sich sehr klaren Gedankengänge <persName ref="kbga-actors-806">Tirpitzens</persName> mit moralischen Argumenten dreinfahren und Halt! gebieten könnte, das ist wirklich nicht einzusehen. Man kann nur die Tragik konstatieren, die darin liegt, daß dieser titanische Gedankengang schließlich zusammenbrechen mußte - an dem zähen Widerstand, den ihm die ­- Moral in Person des auf beiden Seiten hinkenden Herrn <persName ref="kbga-actors-902">Bethmann Hollweg</persName> entgegensetzte. <hi rend="italic">Figuren</hi> auf einem ganz andern Schachbrett offenbar beide. Röm. 9-11 ist wahrscheinlich noch viel unheimlicher wahr, als es bei allem Geschreibe darüber je darzulegen ist.»</note> oder auch gegen einen <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName><note xml:id="n10"> Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> eingehenden Beschäftigung mit <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName> und der russischen ­Oktober-Revolution vgl. z. B. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1919-04-13"><choice><sic ed="pga">13.4.1920</sic><corr type="misprint" resp="sm">13.4.1919</corr></choice></date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p324#p324">S. 324</ref></bibl>: «Dazu eine Serie von <orgName ref="kbga-actors-8745">Bolschewiki</orgName>-Abenden im ­Arbeiterverein mit Betrachtungen über die Lenin’schen Vorder- und Hintergründe.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Manuskripte dazu werden in den <bibl corresp="kbga-bibls-311"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="../texts?facet-volume=48">Vorträgen und kleineren Arbeiten 1914–1921</ref></hi> in der Abt. III der Gesamtausgabe</bibl> veröffentlicht.</note> vorliegt, wohl aber die Einsicht, dass <pb ed="pga" xml:id="p579"/> die in die Augen springende Problematik solcher Gestalten ganz und gar ihre Parallele hat in der aus Gründen in den Ausmaßen etwas bescheidener geratenen eigenen Lebensproblematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/>, dass sie nur Schattenbild ist einer noch ganz andern Problematik, vor deren Unheimlichkeit jeder Mensch nur verstummen kann. Ermahnung<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> ist also überall da nicht möglich, wo der Ermahner einen Programmentwurf und eine entsprechende Anklageschrift schon in der Tasche hat. Unverkennbar verrät sich alles vermeintliche Ethos, das von den Höhen der <hi rend="italic">Menschheit</hi> herunter predigt, an dem gänzlich mangelnden, obwohl heiß erstrebten absoluten Ton seines Auftretens, an der sich überschlagenden, heiser krächzenden, wenig imponierenden Stimme, die nur von dem Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/> des bösen <hi rend="italic">und des guten</hi> Menschen<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">und</hi> des guten Menschen». Der <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) entspricht dem<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> und von dem Gericht, unter dem <hi rend="italic">aller</hi> Titanismus steht, immer neues Zeugnis ablegen kann. Ermahnung ist nur da möglich, wo des Menschen Recht darauf begründet ist, dass er – unrecht hat, also nur «auf Grund der Erbarmungen Gottes<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/>.»</p>
<p><hi rend="italic">«Eure Leiber zur Verfügung zu stellen»</hi>, dazu ermahne ich euch. Wir erinnern uns, an entscheidender Stelle (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.13">6,13</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">19</ref>) gesehen zu haben, dass Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> als Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> uns nichts anderes übrig lässt, als mit unsern «Gliedern» Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> zu leisten, sie dem gegen uns selbst erhobenen göttlichen Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch, göttlicher"/> «zur Verfügung zu stellen». Durchaus gerade der «Leib», die «Glieder» sind beansprucht. Denn der Mensch selbst, der anschauliche, der geschichtliche Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, geschichtlicher"/>, den wir allein kennen, ist eben der Leib<term type="begriffe" key="Leib"/>. Ihm widerfährt nun «auf Grund der Erbarmungen Gottes» die ganze Infragestellung und Beschlagnahme durch den neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> in Christus<term type="begriffe" key="Mensch, in Christus"/>. Gerade diese Begründung und Richtung der ethischen Aufgabe<term type="begriffe" key="Ethik, Aufgabe"/>, gerade ihre unaufhebbare Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/> ist es, die ihr Ernst und Kraft verleiht. Es bleibt vor ihr dem Menschen keine Rückzugsmöglichkeit. Ein bloß innerlicher, bloß seelischer, bloß gedanklicher Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> etwa ist ausgeschlossen. Denn «Innerlichkeit»<term type="begriffe" key="Innerlichkeit"/>, «Seele»<term type="begriffe" key="Seele"/>, «Denken»<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> ist angesichts dieser Fragestellung entweder (von unten gesehen) eine von den höheren Funk<pb ed="pga" xml:id="p580" break="no"/>tionen des «Leibes», was eine ernsthafte Abgrenzung von den «niederen» Funktionen <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>dieses Leibes und ihr Zurückbleiben in Ungehorsam<note n="k" target="fn-k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dieses Leibes, ein Zurückbleiben der Letzteren in Ungehorsam».</note> unmöglich macht, oder aber (von oben gesehen) nichts anderes als der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> in Christus<term type="begriffe" key="Mensch, in Christus"/>, von dem eben die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> ausgeht, der sich der alte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alte"/> des «Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>» nicht entziehen kann. Also gerade im Blick auf die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, auf die «Erbarmungen Gottes», die kein Mensch verdient hat noch verdienen kann, auf die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/> vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>, <pb ed="A" n="416"/> die jedes Menschen alleinige Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> ist, bekommt die göttliche Relation<term type="begriffe" key="Relation, göttliche"/>, in der er sich befindet, ihre Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> fordernde und erzwingende Absolutheit, das Ethos die<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «diejenige». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> eschatologische<term type="begriffe" key="eschatologisch"/> Spannung, ohne die es nicht Ethos ist. Gnade heißt göttliche Unduldsamkeit<term type="begriffe" key="Gnade, als göttliche Unduldsamkeit"/>, Ungenügsamkeit, Unersättlichkeit. Gnade heißt, dass weniger als alles nicht angenommen wird. Gnade ist der Feind jedes, auch des unentbehrlichsten Interims<term type="begriffe" key="Gnade, der Feind jeden Interims / Interim"/>. Gnade ist die Axt an der Wurzel des guten Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen, gutes"/>, dessen sich der Bürger<term type="begriffe" key="Bürger"/> in Amt<term type="begriffe" key="Amt"/>, Beruf<term type="begriffe" key="Beruf"/> und Politik<term type="begriffe" key="Politik"/> so gerne erfreuen möchte, und das ihm die menschenfreundliche Weichheit des modernen Luthertums<term type="begriffe" key="Luthertum, modernes"/><note xml:id="n11"> Möglicherweise ein Echo auf <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 281</bibl>: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «umgibt die reformierte Welt. Seine Freunde <hi rend="italic">sind</hi>
religiös-sozial<term type="begriffe" key="religiös, -sozial"/>.  […] Wir aber sind Lutheraner, uns ist von Jugend auf die Welt, wie sie ist, als gottgewollte und unabänderliche Ordnung dargestellt worden. Bei uns hat die dumpfe und das ganze Leben praktisch beherrschende Ergebung in den gegenwärtigen Weltzustand nur ein ganz ungenügendes und praktisch nahezu bedeutungsloses Gegenwicht gefunden: die <hi rend="italic">tatenlose</hi> Hoffnung auf eine bessere Welt.»</note> immer wieder zu verschaffen weiß. Kein tolleres Missverständnis als das, zu hoffen oder zu befürchten, Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> könnte ein Ruhebett für «Theoretiker»<term type="begriffe" key="Theoretiker"/> und Mystiker<term type="begriffe" key="Mystiker"/> werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.15 Röm.6.16">6,15–16</ref>). Kein hinterlistigerer Verteidigungsversuch des mit Recht um seine Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, des Menschen"/> besorgten (moralischen!) Menschen als der, angeblich um jenes lutherische Missverständnis zu vermeiden, Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> auf innerweltliche Zweckbegriffe statt auf den Begriff der kritischen Negation<term type="begriffe" key="Negation, kritische"/> aller Zwecke, auf Güter und Ideale statt auf die Vergebung der Sünde<term type="begriffe" key="Vergebung, der Sünden"/> zu begründen. Keine törichtere Maßregel allzu sprungbereiter, allzu sehr nach Ethik schreiender Neubekehrter als die, die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> zu verdächtigen, aus Begnadigung <pb ed="pga" xml:id="p581"/> und Betätigung des Menschen zwei getrennte Funktionen zu machen und jenseits der Gnade zu sog. «Lebensversuchen»<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/> überzugehen. Sicherer als so kann man nicht dafür sorgen, dass der «Leib» wieder eigenen Rechtes wird. Eine andere, eine <hi rend="italic">wirkliche</hi> und wirklich <hi rend="italic">ethische</hi> Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung, ethische"/> des Menschen außer der durch Gnade gibt es nicht, und nur dadurch, dass der Gesichtspunkt der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gesichtspunkt der G."/> durch alle Instanzen hindurch festgehalten wird, kann der <hi rend="italic">absolute</hi> Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, absoluter auf den Menschen"/> auf den Menschen, der der Sinn aller Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Sinn der E."/> ist, gewährleistet werden.</p>
<p><hi rend="italic">«Als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: eure sachgemäße Gottesverehrung.»</hi> Welches kann bei der allgemeinen Lage zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott, und Mensch"/> der Sinn des eben geschilderten <hi rend="italic">primären ethischen Handelns</hi><term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/>, einer «sachgemäßen Gottesverehrung» sein? Er wurde früher (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">6,19</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.22">22</ref>) bezeichnet als «Heiligung»<term type="begriffe" key="Heiligung"/>. Dieser Begriff ist nun näher zu deuten. Etwas <hi rend="italic">heiligen</hi> heißt es für Gott aussondern, bereitstellen, es ihm darbringen und anbieten, wie es schärfer in dem Begriff <hi rend="italic">Opfer</hi><term type="begriffe" key="Opfer"/> bezeichnet ist. Die auf Grund der Erbarmungen Gottes<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/> an den Menschen gerichtete Ermahnung<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> lautet dahin, seinen Leib<term type="begriffe" key="Leib"/>, d. h. aber sein sinnlich-anschaulich-geschichtliches Dasein als «Opfer» zur Verfügung zu stellen. Opfer bedeutet <hi rend="italic">Preisgabe</hi>, Verzichtleistung des Menschen zugunsten der Gottheit<term type="begriffe" key="Gottheit"/>, bedingungslos gemachtes Geschenk. Ist er selber Gegenstand <pb ed="A" n="417"/> dieser Preisgabe, Verzichtleistung und Schenkung, so kann sein Opfer nichts anderes sein als die rücksichtslose Anerkennung jener Infragestellung und Beschlagnahme, die ihm von Seiten<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «seitens». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> des unerforschlichen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/> widerfährt; <hi rend="italic">das</hi> Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, das er durch die immer zu erneuernde, nie erledigte Rückkehr zu Gottes Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> und Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> zu bringen hat, <hi rend="italic">das</hi> Opfer, dessen Härte und Größe wir uns am besten am Gedanken der doppelten Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, wie wir ihn Kap. 9–11 kennen gelernt haben, klar machen. Es führt uns also die «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> in primärer Handlung auf den zurück, in dessen Namen allein ermahnt werden kann. Das Problem der «Ethik»<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> ist identisch mit dem der «Dogmatik»<term type="begriffe" key="Dogmatik, Problem der D."/>: <foreign xml:lang="lat">Soli Deo gloria!</foreign><term type="begriffe" key="Soli Deo gloria!"/> Alles <hi rend="italic">sekundäre</hi> ethische Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> aber, von dem nachher einiges zu sagen ist, muss sich an dieses primäre anschließen, aus ihm hervorgehen, aus dem Zusammenhang mit ihm seinen Charakter als «lebendig, heilig, Gott wohlgefällig», als – gut, d. h. als unter <pb ed="pga" xml:id="p582"/> dem Telos des Lebens stehend (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.23">6,23</ref>) empfangen. Wobei folgendes wohl zu beachten ist: Ein Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> ist nicht etwa eine menschliche Handlung, in der sich der Wille Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> vollstreckte in dem Sinn, dass der Opfernde durch sein Handeln ein Organ Gottes<note xml:id="n12"> Gegen <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p468#p468">S. 468</ref></bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">Röm. 12,1</ref>): «Vernünftig, d. h. logisch und sachlich Gott gegenüber werden wir erst, wenn wir [...] das Organ, durch das die Welt auf mich und ich auf die Welt wirke, zu einem <hi rend="italic">göttlichen</hi> Organ werden lassen.»</note> würde. Ein Opfer ist vielmehr eine <hi rend="italic">Demonstration</hi> zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/>, von Gott gefordert (denn Gott will geehrt sein), aber an sich eine menschliche Handlung so gut oder so schlecht wie irgend eine andere. Gott bleibt allein Gott<term type="begriffe" key="Gott, bleibt allein G."/> auch dem größten Opfer gegenüber, und sein Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> geht nach wie vor seinen eigenen Weg. Nur ein Kind könnte meinen, ein Maifeierumzug <hi rend="italic">sei</hi> die Arbeiterbewegung<term type="begriffe" key="Arbeiterbewegung"/>, für die er doch nur demonstrieren kann, was einen klassenbewussten Arbeiter nicht hindern wird, seine Teilnahme an solcher Demonstration als höchst geboten anzusehen. Also:
<hi rend="italic">Notwendige</hi> und <hi rend="italic">geforderte</hi> Demonstration, aber auch <hi rend="italic">nur</hi> das, ist alles Ethos, auch das primäre Ethos der gebrochenen Linie, der gebeugten Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung, gebeugete"/> des erbarmenden Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>. Es gibt keinen «Lebensversuch»<term type="begriffe" key="Lebensversuch, keinen"/>, und wenn sein Ethos von noch so hoher Qualität wäre, bei dem etwa ein Einswerden des Willens Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> mit dem Menschenwillen oder umgekehrt ein Aufgehen <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>des zweiten im ersten, ein Erfülltwerden des ersten durch den zweiten<note n="n" target="fn-n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «des letztern im erstern, [...] des erstern durch den letztern». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> stattfände. <hi rend="italic">Anlass</hi> ist alles menschliche Handeln oder Nicht-Handeln, um auf das allein wirklich dieses Namens werte <hi rend="italic">göttliche Handeln</hi><term type="begriffe" key="Handeln, göttliches"/> hinzuweisen. Eiserne Regel<term type="begriffe" key="eiserne Regel"/> auch für die Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/>: <hi rend="italic">kein</hi> Zusammenfallen von Akt und Voraussetzung! Wo das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> im «organischen Wachsen»<note n="o" type="textcritical" xml:id="no">Druckmanuskript: «in ‹organischem Wachsen›».</note><note xml:id="n13"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p485#p485">S. 485</ref></bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.11">12,11</ref>), wo sich zwar nicht wörtlich die Wendung «organisches Wachsen» findet, aber doch die Rede ist von «Hingabe an das stille Wachstum des Gottesreiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>».</note> oder ehrlicher, aber noch anmaßender gesagt: im «Bau» <hi rend="italic">gesehen</hi> wird, da ist’s nicht das Reich Gottes, sondern der Turm zu Babel<term type="begriffe" key="Turm zu Babel"/>. Es gibt nur den großen allgemeinen «Lebensversuch», an dem wir unter Furcht und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] alle in unsrer Weise laborieren, bei dem <pb ed="pga" xml:id="p583"/> sich aber der Wille Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> <pb ed="A" n="418"/> und der des<note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «und des». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Menschen nie auch nur auf Haaresbreite berühren oder decken. Die Reinheit des Ethos selber fordert es (wir meinen uns auch darin mit <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> durchaus zu begegnen!), dass auch hier keine Vermengungen von Himmel und Erde stattfinden. Denn die Reinheit des Ethos hängt an seinem Ursprung, sein Ursprung aber muss dadurch gesichert werden, dass wir trotz alles romantischen Drängens dabei verharren, Gott Gott<term type="begriffe" key="Gott, Gott nennen"/> und Mensch Mensch zu nennen<term type="begriffe" key="Mensch, Mensch nennen"/>. Die dadurch bedingte Bremsung, Enttäuschung und Entmutigung des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Entmutigung des M."/> kann <hi rend="italic">nur</hi> vom Guten sein. Möge dieser Mensch an seiner «Entmutigung» begreifen lernen, worum es geht, <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>wenn sich das ethische Problem<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/> meldet<note n="q" target="fn-q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «wenn das ethische Problem sich meldet».</note>, wenn er es etwa vorher noch nicht gewusst haben sollte. Es gibt innerhalb des großen allgemeinen «Lebensversuchs»<term type="begriffe" key="Lebensversuch, grosser allgemeiner"/> nur die Möglichkeit, Demonstrationen durchzuführen: Handlungen, die als bedeutungsvolle Hinweise und Zeugnisse zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> <hi rend="italic">bestimmt</hi> sind. Ob sie der Ehre Gottes tatsächlich <hi rend="italic">dienen</hi>, das ist, weil sie <hi rend="italic">seiner</hi> Ehre dienen sollen, ganz und gar <hi rend="italic">ihm</hi> zu überlassen. <hi rend="italic">Er</hi> nimmt an und verwirft. «<hi rend="italic">Er</hi> wird einen jeden bezahlen nach seinen Werken» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>) nach <hi rend="italic">seiner</hi> Wahl und Schätzung. Zu diesen Demonstrationen zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre,, Demonstration zur"/> gehören außer dem primären ethischen Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> <hi rend="italic">alle</hi> aus ihm fließenden, sich daran<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «daran sich». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> anschließenden sekundären
Handlungen. Und eben darin besteht die Legitimität des Anschlusses der letzteren an das erste<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «erstere».</note>, ihre Qualifikation als «gut» also, dass sie die Preisgabe des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Preisgabe des M."/>, seiner Macht und seines Rechtes und also das Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> und die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> verkündigen, dass sie lauter Rekurse sind auf das <hi rend="italic">göttliche</hi> Wählen oder Verwerfen<term type="begriffe" key="göttliches Wählen und Verwerfen"/> und auch als solche nicht mehr als Gleichnisse und Zeugnisse sein wollen und wiederum in ihrer Bedeutung auch als solche jederzeit dem <hi rend="italic">göttlichen</hi> Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> anheimgestellt sind. Denn immer wieder (von unten gesehen: in unendlicher Reihe, von oben gesehen: ein für allemal) ist nur <hi rend="italic">das</hi> das «lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfer», das nicht <hi rend="italic">mehr</hi> als Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, nicht <hi rend="italic">mehr</hi> als Demonstration sein will, und das nicht einmal durch solches Nicht-<hi rend="italic">mehr-</hi>sein-Wollen die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> antastet. Was da genannt mag <pb ed="pga" xml:id="p584"/> werden an Pflichten, Tugenden und Gütern, es liegt auf dieses Messers Schneide<term type="begriffe" key="Messers Schneide"/>, es hängt an diesem Faden, ob der Mensch, der sie übt und pflegt, bereit ist, <hi rend="italic">wirklich</hi> zu opfern, d. h. aber <hi rend="italic">nur</hi> zu opfern, <hi rend="italic">nur</hi> zu demonstrieren und eben <hi rend="italic">damit</hi> Gott die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> zu geben. Denn was darüber ist, das ist vom Übel [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.37">Mt. 5,37</ref>], und wenn es die Heiligkeit und Reinheit einer Märtyrerjungfrau wäre. Wer hier Gott für einen zu harten Herrn<term type="begriffe" key="Gott, harter Herr"/> hält, als dass er ihm diese «sachgemäße Gottesverehrung» darbringen möchte, der kehre um, denn er hat <hi rend="italic">zu viele</hi> Güter [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.22">Mt. 19,22</ref> par.]! </p>
<p><pb ed="A" n="419"/> Und daraus ergibt sich nun von selbst, warum und inwiefern das auf Grund der Erbarmungen Gottes<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/> geforderte Ethos auf die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> des Menschen (<hi rend="italic">jedes</hi> Menschen!) hinauslaufen muss. Ich ermahne euch, <hi rend="italic">«euch nicht zu fügen in die Gestalt dieser Welt, wohl aber in ihre Verwandlung»</hi>. Vom Sinn der <hi rend="italic">sekundären</hi>, die gebrochene Linie veranschaulichenden ethischen Handlungen<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> ist hier offenbar die Rede. <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>Wogegen sollen sie demonstrieren und wofür?<note n="t" target="fn-t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Gegen was sollen sie demonstrieren und für was?». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Damit, dass sie grundsätzlich Handlungen des geopferten, also des nicht-siegreichen, nicht-triumphierenden, nicht-rechthabenden Menschen sind (was übrigens nicht verhindert, dass sie die Form von Sieg, Triumph und Recht durchaus haben können!), ist alles gesagt. Die «Welt», von der hier die Rede ist, ist <hi rend="italic">diese</hi> Welt, <hi rend="italic">dieser</hi> «Äon», die Welt der Zeit, der Dinge und des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/>, die uns allein bekannte und allein vorstellbare Welt, in der wir leben, die Welt, in der wir mit dem «Leibe<term type="begriffe" key="Leib"/>» (zu dem selbstverständlich auch ein allfälliger Astralleib<term type="begriffe" key="Leib, Astral-"/><note xml:id="n14"> Nach der Lehre der Anthroposophie ist jeder physische Leib von einem Ätherleib und einem Astralleib umgeben und ist dieser letzte offen für Einwirkungen aus der geistigen Welt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3698">K. Baral, Art. «Anthroposophie», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 1, Sp. 529f</bibl>.</note> gehören würde) unabtrennbar und unabgrenzbar eins sind, in der also der Mensch (<anchor type="note" xml:id="fn-u"/>samt allen seinen möglichen und denkbaren zwischenweltlichen Verlängerungen<note n="u" target="fn-u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «aller seiner möglichen und  […] Verlängerungen unbeschadet!». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>) der Mensch ist<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> und bleibt. Diese Welt hat eine «Gestalt», ein Schema, ein Grundgesetz. Es besteht in dem allgemeinen Drang zum (geschaffenen!) Licht, zum Leben, zur Fülle, zur Zeu<pb ed="pga" xml:id="p585" break="no"/>gung und also zum Gezeugten, zum – <hi rend="italic">Geschöpf</hi><term type="begriffe" key="Geschöpf"/>. In dem Drang nach Genuss, Besitz, Erfolg, Wissen, Macht und Recht, nach einer als erstrebbar und erreichbar vorgestellten Vollkommenheit<term type="begriffe" key="Vollkommenheit, vorgestellte"/>, nach – dem <hi rend="italic">Werk</hi> also, sofern der Mensch, der Geniale (genialis heißt laut Wörterbuch «hochzeitlich», genius noch deutlicher geradezu «das liebe Ich»!<note xml:id="n15"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich anscheinend auf <bibl corresp="kbga-bibls-3699"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9700">Stowassers</persName></hi> <hi rend="italic">Lateinisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch</hi>, umgearbeitet von M. Petschenig, Wien/Leipzig 1916<hi rend="sup">4</hi>, S. 346</bibl>: «So wird der Genius in gewissen Phrasen Stellvertreter des eigenen Ich».</note>) das geheimnisvolle Zentrum dieses Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> sein soll<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv">Druckmanuskript: «sollte».</note>. Vielleicht verfehlen wir uns am wenigsten, wenn wir die «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> inhaltlich bestimmen als das «Schema des <hi rend="italic">Eros</hi>»<term type="begriffe" key="Eros"/>. Diese «Gestalt» der Welt tragen wir <hi rend="italic">alle</hi> in <hi rend="italic">allen</hi> unsern Handlungen <hi rend="italic">alle</hi> Tage bis an der Welt Ende. Nur keine Illusionen, als ob es etwa ethische Handlungen<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> gäbe, die ohne diese Gestalt, die unbekleidet, d. h. nicht «erotisch» als Liebe, Redlichkeit, Reinheit, Tapferkeit u. dergl. auftreten würden. So wenig es ein reines Denken<term type="begriffe" key="Denken, reines"/> gibt als <hi rend="italic">Akt</hi>, so wenig ein reines Wollen. So gewiss jeder Denk<hi rend="italic">akt</hi> als solcher Wähnen ist, so gewiss ist jeder Willens<hi rend="italic">akt</hi> als solcher Libido<term type="begriffe" key="Libido"/>, Begierde. Aber auch keine Unterschätzung unserer Lage darf stattfinden. Gibt es Keinen, der die Gestalt dieser Welt nicht trüge, so gibt es
auch Keinen, der sie trägt, ohne im primären ethischen Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> des Opfers<term type="begriffe" key="Opfer"/> eben darum bereits begriffen zu sein. Denn «die Gestalt dieser Welt vergeht» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.31">1.Kor. 7,31</ref>). Das Ziel jenes allgemeinen Lebensdranges ist sein <hi rend="italic">Ende.</hi> Der Zeugung <pb ed="A" n="420"/> unmittelbar gegenüber steht der <hi rend="italic">Tod.</hi> Was geschaffen ist, ob Geschöpf oder Werk, ist für die <hi rend="italic">Zeit</hi> geschaffen. Wenn Geschöpf<term type="begriffe" key="Geschöpf"/> oder Werk in ihrer höchsten Schönheit zu uns reden (<persName ref="kbga-actors-281">Mozart</persName>!), dann, gerade dann ist’s tiefste <hi rend="italic">Wehmut</hi>, die da redet. Wer wüsste das <hi rend="italic">nicht?</hi> Wer wüsste <hi rend="italic">nicht</hi>, dass unser «Leib» der «Leib des Todes»<term type="begriffe" key="Leib, des Todes"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">7,24</ref>) und dass in Wahrheit kein anderes Handeln uns übrig bleibt als das Abstellen seines «Betriebes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.13">8,13</ref>)? Wer hätte <hi rend="italic">nicht</hi> die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an die Welt des Todes"/>, dass dieses Handeln geboten ist, und wer wäre <hi rend="italic">nicht</hi>, indem er sich erinnert, schon in diesem Handeln begriffen? Wer wäre also <hi rend="italic">nicht</hi> existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> ein schon Geopferter? Wir brauchen bloß zu dem, was uns als tiefste Problematik und darum als tiefste Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, tiefste"/> bedrängt, ebenso existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ja zu sagen, wie wir existentiell davon bedrängt sind <pb ed="pga" xml:id="p586"/> (und wen wüssten <hi rend="italic">wir</hi>, der hier nicht Ja sagt? – Es kennt der <hi rend="italic">Herr</hi> die Seinen!),<term type="begriffe" key="«Es kennt der Herr die Seinen»"/> so gehorchen wir der «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/>, so beginnt das sekundäre ethische Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> unmittelbar mit diesem primären, so geschieht es, dass wir uns «in die Gestalt dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> nicht fügen, wohl aber in ihre Verwandlung». 
Wo Eigenart, Eigenwille, Eigenmacht, Eigenrecht des Menschen zusammenbricht, wo er der Geopferte ist und nichts sonst (was vielleicht in einem Moment höchster Lebensbejahung und -entfaltung der Fall sein kann!), da handelt er ethisch, denn da ist das Ende der Welt<term type="begriffe" key="Ende, der Welt"/> und die Auferstehung der Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/>. Das Ethische einer Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> besteht in dem, was in ihr leuchtet – wir haben Gründe, uns «nur» negativ auszudrücken – von Überwindung des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Überwindeung des M."/>, denn <hi rend="italic">das</hi> fügt sich unzweideutig nicht in die Gestalt dieser Welt, wohl aber in ihre Verwandlung. Es gibt aber keine Handlung, <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>die sich etwa an sich<note n="w" target="fn-w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die etwa an sich sich». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> nicht fügen würde in die Gestalt dieser Welt, obwohl es Handlungen gibt, die beinahe an sich den Charakter des göttlichen Protestes<term type="begriffe" key="Protest, göttlicher"/> gegen den großen Irrtum<term type="begriffe" key="großer Irrtum"/> an sich tragen. Und es gibt keine Handlung, <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>die sich etwa an sich<note n="x" target="fn-x" type="textcritical" xml:id="nx"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die etwa an sich sich». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> fügen würde in die Verwandlung dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Verwandlung der W."/>, obwohl es Handlungen gibt, die so transparent sind, dass sie das Licht des kommenden Tages beinahe erscheinen lassen. Es bleibt aber dabei, dass alle Handlung als solche nur (aber was sagen wir «nur»?) <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> und <hi rend="italic">Zeugnis</hi><term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ist vom Handeln Gottes<term type="begriffe" key="Handeln, göttliches"/>, das, weil es das Handeln <hi rend="italic">Gottes</hi> ist, nur (aber was sagen wir «nur»?) in der<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «die».</note> Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> und nie in der Zeit sich ereignen kann. Also aufgewirbelter Staub «nur», durch den die
marschierende Kolonne sich bemerkbar macht, Einschlagstrichter «nur», an dem es erkennbar ist, dass hier eine Granate explodierte, Höhle im Berg «nur», die schließlich nur zu definieren ist als der Ort im Berg, wo der Berg nicht mehr ist, ist jede noch so echte «Haltung», jede noch so weit- und tiefgreifende «Betätigung», sind alle noch so dringend als Beweis des Geistes und der Kraft<term type="begriffe" key="Beweis, des Geistes und der Kraft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] <pb ed="A" n="421"/> empfohlenen und gewünschten «Taten und Tatsachen»<term type="begriffe" key="«Taten und Tatsachen»"/><note xml:id="n16"> Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-3622"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Warum ich meine Professur aufgegeben habe?</hi>, in: Neue Wege, Jg. 15 (1921), S. 283–293, dort S. 290</bibl>, wo <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>, ohne Namen zu nennen, seinen Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> berührt: «Gilt es aber nicht, dafür [scil. für das Durchbrechen auf einen neuen Weg der Vertretung der Wahrheit Gottes] auf Gott zu warten? – Ich kann diese Losung, die im rechten Zusammenhang auch eine große und notwendige Wahrheit bedeutet, hier nur für verhängnisvoll halten. Es ist umgekehrt: <hi rend="italic">Gott wartet auf uns.</hi> Er ist bereit, uns neue Kräfte, neues Licht zu schenken, uns Quellen, Ströme wunderbarer Hilfe zu erschließen, wenn wir wagen, im Glauben einen Schritt in seine neue Welt hinein zu tun – ihm entgegen! Er bedarf der Menschen, um sich kund zu tun. Nur mit ihnen zusammen will er sein Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> bauen.  […] Nicht eine Reichs-Gottes-Theologie hilft uns, und sei sie noch so geistreich und schlagfertig, sie schadet vielmehr erst recht und lenkt von Gott und den wahren Kräften seines Reiches ab, sondern bloß <hi rend="italic">Taten, Tatsachen</hi> – Taten Gottes, zu denen glaubende und liebende Menschen ihm Gelegenheit geben, Tatsachen, die auf diese Weise allein zustande kommen, die einer Welt, die aus <hi rend="italic">Verzweiflung</hi> nur an Gewalt, Geld und Genuß glaubt, aber im Grunde so gern an etwas anderes glauben möchte, zeigen, daß Geist, Glauben und Liebe Wirklichkeiten sind und sie darin die Wirklichkeit Gottes erleben läßt.»</note>. So<pb ed="pga" xml:id="p587" break="no"/>fern dabei notwendig neue Positivitäten entstehen, neue Standpunkte, Rechthabereien, motorische Kräfte (vor dem alten Weltwagen)<note xml:id="n17"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 275</bibl>: «Nein, der Weltwagen braucht tatsächlich <hi rend="italic">neue</hi> motorische Kräfte.»</note> in die Erscheinung treten (und das geschieht jeden Augenblick!), fügen sich auch solche Handlungen (also gerade das so gravitätisch betonte «Tatsächliche» solcher Handlungen!) durchaus in die Gestalt dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/>, nicht aber in ihre Verwandlung. Der <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch"/> mit seiner triumphierenden «Sache» oder auch mit seinem «Leiden», der <hi rend="italic">Mensch</hi> mit dem Genuss seines Erfolges oder auch seiner Tragik, der frohmütig zunehmende oder auch schwermütig abnehmende, der profitierende oder auch allerlei opfernde, der lebende oder sterbende <hi rend="italic">Mensch</hi> allein ist es ja, der sich auch in den herrlichsten «Taten und Tatsachen»<term type="begriffe" key="«Taten und Tatsachen»"/> betätigt. Der <hi rend="italic">Mensch</hi> kann ja bei allen diesen Möglichkeiten in seiner Genialität, in seiner «Hochzeitlichkeit»<term type="begriffe" key="«Hochzeitlichkeit»"/>, in seinem «lieben Ich»<term type="begriffe" key="Ich"/> noch ganz sicher, unangefochten und unerschüttert sein. Das schwere Bedenken, das sich auch von dieser Seite gegen die Möglichkeit des «Freitodes<term type="begriffe" key="Freitod"/>»<note xml:id="n18"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p485#fn_n37">S. 485, Anm. 37</ref>.</note> erhebt, braucht wohl bloß angedeutet zu werden. Es können ja einfach <hi rend="italic">alle</hi> diese Möglichkeiten (und je höher sie steigen, je endgültiger ihr Charakter ist, desto wahrscheinlicher!) <hi rend="italic">prometheische</hi> Möglich<pb ed="pga" xml:id="p588" break="no"/>keiten sein. Wie könnte da der Ernst und die Kraft des Ethos, der Ernst und die Kraft der großen Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> in «Taten und Tatsachen»<term type="begriffe" key="«Taten und Tatsachen»"/> liegen? Es gibt aber Handlungen, aus denen das Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> leuchtet, der <hi rend="italic">geopferte</hi> Mensch und darum <hi rend="italic">nicht
der Mensch</hi> in irgend einer neuen positiven oder negativen Menschlichkeit, sondern <hi rend="italic">Gottes</hi> Eigenart<term type="begriffe" key="Gott, Eigenart/-wille"/>, Eigenwille, Eigenmacht, Eigenrecht – Gott der <hi rend="italic">Herr</hi><term type="begriffe" key="Gott, der Herr"/>. Und dieses Leuchten <hi rend="italic">stört</hi> den Menschen, den Idealmenschen<term type="begriffe" key="Idealmenschen"/> nach dem Schema <persName ref="kbga-actors-673">Ludendorff</persName>-<persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName> <hi rend="italic">und</hi> den Idealmenschen nach dem Schema <persName ref="kbga-actors-553">Foerster</persName>-<persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName><note xml:id="n19"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> könnte zu dieser Aufstellung zweier Schemata von Idealmenschen veranlasst sein durch <bibl corresp="kbga-bibls-1772"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Die Schweiz vor der Lebensfrage. Zur Abstimmung vom 16. Mai</hi>, in: Neue Wege, Jg. 14 (1920), S. 182–188</bibl>. <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> diskutiert hier die Frage, ob für die Schweiz<term type="begriffe" key="Schweiz"/> der Beitritt zu dem 1919-1920 gegründeten <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName><term type="begriffe" key="Völkerbund"/> geboten sei oder nicht. Dabei werden <persName ref="kbga-actors-673">E. Ludendorff</persName> (1865–1937), einer der höchsten deutschen Heerführer im 1. Weltkrieg, und <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName> aufgeführt als Gegner eines Beitritts (S. 187), denen <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> und <persName ref="kbga-actors-553">F. W. Foerster</persName> als Befürworter gegenüberstanden.</note>, denn es ist der Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, auf den Menschen"/> auf den Menschen überhaupt, auf <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, auf den Genialen (und wer wäre nicht genial?), der Angriff, den wir alle so sehr fürchten, weil wir alle so sehnsüchtig darauf warten, weil wir alle wohl wissen, dass uns nichts Besseres widerfahren könnte, als endlich von unsrer – Genialität erlöst zu werden. Es ist die sich ankündigende Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/> vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>. Und noch einmal: Wo findet die nicht statt? bei wem könnte man mit <hi rend="italic">dieser</hi> «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> nicht auf williges Gehör rechnen? wer stünde hier als Gegner auf der andern Seite? Hier sind alle Angreifer, weil alle Angegriffene. Hier bekommen alle Recht, weil alle Unrecht. Ein stärkerer Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, auf die Bollwerke des Teufels"/> auf die Bollwerke des Teufels<term type="begriffe" key="Teufel"/> als der hier geführte ist überhaupt nicht denkbar; es dürften aber bei diesem Angriff auch etliche vermeintliche Bollwerke Gottes<term type="begriffe" key="Gott, vermeintliche Bollwerke des G."/> unter Krachen zum Einsturz kommen. Was hier geschieht, <pb ed="A" n="422"/> «fügt sich nicht in die Gestalt dieser Welt, wohl aber in ihre Verwandlung».</p>
<p>Was aber können wir dafür tun, dass in unsern Handlungen das Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, die Überwindung des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Überwindeung des M."/> und darum die Herrlichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> leuchte? Dass sie nicht leere Schalen seien, sondern reife volle Früchte? Wozu kann man den Menschen in dieser Richtung ermahnen, einladen, auffordern? Dazu, wir haben es schon gesagt, Ja zu sagen zu der Problematik seines Daseins, die seine Wahrheit ist. Man <pb ed="pga" xml:id="p589"/> kann ihn zum primären ethischen Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/>, man kann ihn – man kann vor allem sich selbst – zur <hi rend="italic">Buße</hi><term type="begriffe" key="Buße"/> ermahnen. Dieses primäre Handeln aber, an das alles sekundäre sich anschließen muss, aus dem es seine Leuchtkraft gewinnt, ist <hi rend="italic">«die Erneuerung eures Denkens, um also Einsicht zu bekommen in das, was der Wille Gottes ist, das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene»</hi>. Also doch wieder das Denken? Jawohl das Denken! Die primäre ethische Handlung ist ein ganz bestimmtes <hi rend="italic">Denken</hi><note xml:id="n20"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 278</bibl>: Bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ist «das Hauptinteresse darauf gerichtet», «den neuen Lebensimpuls im Denken und Spekulieren sich auswirken zu lassen, statt mit aller Energie seine lebendige Verkörperung zu suchen».</note>. Buße heißt <hi rend="italic">Um-</hi>Denken<term type="begriffe" key="Denken, Um-Denken"/>. Die Schlüsselstellung des ethischen Problems<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/>, der Ort, wo die Drehung geschieht, die auf ein neues Tun hinweist, ist dieses Um-Denken. Wir wiederholen: auch das Denken spielt sich in der Sphäre der Relativität ab, auch es ist nie an sich Gerechtigkeit, die vor Gott<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> gilt; auch das, dass etwa Gott in uns denke, ist eine grandiose Illusion romantischer Philosophen<term type="begriffe" key="Philosophen, -romantische"/> – nein nur die Spitze der Demonstration zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> kann es bilden, keine Schöpferkraft wohnt ihm inne, und das <foreign xml:lang="lat">esse</foreign> im <foreign xml:lang="lat">nosse</foreign><term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> ist allein Gottes Wort und Werk<term type="begriffe" key="Wort, Gottes / Werk, Gottes"/>: zu jener Teilnahme am <hi rend="italic">reinen</hi> Denken<term type="begriffe" key="Denken, reines"/> kann man also den Menschen <hi rend="italic">nicht</hi> ermahnen. Es gibt aber einen Denkakt<term type="begriffe" key="Denkakt"/>, der eine Verheißung hat, einen Denkakt, der freilich nicht als solcher, aber als Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, Selbst-"/> seiner selbst und jedes Aktes identisch ist mit jener «sachgemäßen Gottesverehrung»<term type="begriffe" key="Gottesverehrung"/>, mit jener ein für alle Mal gebeugten Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung, gebeugete"/> Gottes und an den sich, sofern er sich vollzieht <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>und sich also als Akt aufhebt<note n="z" target="fn-z" type="textcritical" xml:id="nz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «und also als Akt sich aufhebt». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, die «Einsicht in das, was der Wille Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> ist», die Weisheit der Wahl für den Augenblick, der rechte «Weg»<term type="begriffe" key="Weg"/> von selbst anschließt. Es gibt nämlich ein Denken des Gedankens<term type="begriffe" key="Denken, des Gedankens"/> Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, <hi rend="italic">Ewigkeit</hi><term type="begriffe" key="Ewigkeit"/><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">.</ref> Es fällt zusammen mit jener Bejahung der tiefsten Problematik unsres zeitlichen Daseins. Wenn wir in der <hi rend="italic">Frage</hi> nach seinem Sinn den letzten, endgültig <hi rend="italic">letzten</hi> Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, letzter"/> unsres zeitlichen Daseins erkennen, dann denken wir in tiefster Erschütterung den Gedanken Ewigkeit. Darum ist die tiefste Problematik unsres Daseins zugleich seine tiefste Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, tiefste"/>. <pb ed="pga" xml:id="p590"/> Das Denken dieses Gedankens ist das <hi rend="italic">erneuerte</hi> Denken<term type="begriffe" key="Denken, erneuertes"/>, es ist das Um-Denken<term type="begriffe" key="Denken, Um-Denken"/>, es ist die Buße<term type="begriffe" key="Buße"/>. Wir wissen, dass es, gerade sofern <pb ed="A" n="423"/> es <hi rend="italic">verheißungsvoll</hi> ist, sofern
es als Denk<hi rend="italic">akt</hi> sich selbst <hi rend="italic">aufhebt</hi>, sofern es teilnimmt am <hi rend="italic">reinen</hi> Denken<term type="begriffe" key="Denken, reines"/> Gottes<term type="begriffe" key="Denken, Gottes"/> <hi rend="italic">selbst</hi>, sofern es also ein «lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges», ein <hi rend="italic">angenommenes</hi> Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> ist, zeitausfüllend <hi rend="italic">nie</hi> stattfindet, wir wissen aber, <hi rend="italic">dass</hi> es «stattfindet», weil es die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, im Denken der Gedanken"/> im Denken aller andern Gedanken ist. Und insofern, im Blick auf die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> und das Werk Gottes<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/>, von dem «die sich untereinander anklagenden oder auch entschuldigenden Gedanken Zeugen sind» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.15">2,15</ref>), kann man den Menschen dazu ermahnen. Man kann und soll ihn einladen und auffordern, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun. Man kann ihn bitten, dieser ihm nur zu wohlbekannten Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, im Denken der Gedanken"/> aller seiner Gedanken nicht auszuweichen, sondern sie zu bedenken, dem <hi rend="italic">Worte</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gehör, dem <hi rend="italic">Werke</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> Raum zu geben. Und das genügt. Die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> genügt, auch für die Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/>! Genügt: als die Drehung in der Schlüsselstellung, die auf ein neues Tun hinweist, auf jene Handlungsmöglichkeiten zunächst, die schon an sich den Charakter des göttlichen Protestes<term type="begriffe" key="Protest, göttlicher"/> gegen den großen Irrtum<term type="begriffe" key="großer Irrtum"/>, die Transparenz für das Licht des kommenden Tages in hohem Grade besitzen. <anchor type="note" xml:id="fn-aa"/>Genügt, den Menschen in seiner verfluchten Sicherheit zu erschüttern und seiner seligen Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, durch den neuen Menschen in Christus"/> durch den neuen Menschen in Christus<term type="begriffe" key="Mensch, in Christus / Mensch, neuer"/> zuzuführen. Genügt, ihn aus seinem Schlaf des Gerechten<term type="begriffe" key="Schlaf des Gerechten"/> aufzuwecken und zu einem Geopferten zu machen. Genügt, ihn<note n="aa" target="fn-aa" type="textcritical" xml:id="naa"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Genügt, um den Menschen  […]. Genügt, um ihn  […]. Genügt, um ihn». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> «das Gute, das Wohlgefällige, das Vollkommene»: <hi rend="italic">das</hi> Handeln, das göttlicher Wertschätzung begegnet, aus dem die Überwindung des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Überwindeung des M."/> und die Herrlichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> leuchtet, <hi rend="italic">nicht ganz</hi> verfehlen zu lassen. Die wohlfeilen <hi rend="italic">und</hi> die berechtigten Einwände des Anti-Intellektualismus<term type="begriffe" key="Intellektualismus, Anti-"/> treffen <hi rend="italic">dieses</hi> Denken <hi rend="italic">nicht.</hi> Denn im Denken des Gedankens<term type="begriffe" key="Denken, des Gedankens"/> «Ewigkeit»<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Gedanken der E."/><note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der Ewigkeit». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ist auch die Möglichkeit, durch das Denken irgend eines Gedankens gerecht zu sein, aufgehoben. Über intellektualistische <hi rend="italic">Un</hi>art aber sich zu ereifern<note xml:id="n21"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr020#pr020">S. XX­-XXI</ref>.</note>, hat schon darum keinen Sinn, weil wir auch hier allzumal Sünder sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">3,23</ref>]. Ethos muss sich durch Logos<term type="begriffe" key="Logos"/> so <pb ed="pga" xml:id="p591"/> gut wie Logos durch Ethos an den Ursprung, an das Problem der <hi rend="italic">Existentialität</hi><term type="begriffe" key="Existentialität"/> seiner Akte erinnern lassen. Darum eben die ­Notwendigkeit, gerade im Blick auf das wirkliche Leben<term type="begriffe" key="Leben, wirkliche"/> das <hi rend="italic">Wort</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> zu hören und zu reden. Darum die Notwendigkeit, gerade im Gedanken an die Frage: Was sollen wir tun? das scheinbar so müßige <hi rend="italic">Gespräch</hi> über Gott<term type="begriffe" key="Gott, Gespräch über G."/> zu führen. Darum gerade angesichts einer Welt voll drängender praktischer Aufgaben, angesichts des «Unfalls auf der Gasse»<note xml:id="n22"> Der Ausdruck, leicht variiert übernommen aus dem Aufsatz von <persName ref="kbga-actors-282">A. D. Müller</persName>, lässt noch einmal erkennen, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich in diesen Ausführungen auseinandersetzt mit <persName ref="kbga-actors-282">Müllers</persName> Vorwurf einer Vergleichgültigung der Ethik. Bei <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName> heißt es (<bibl corresp="kbga-bibls-489">Streiflicht, S. 282</bibl>): «Man kann die Ergänzung, die wir Deutschen brauchen, gar nicht präziser bezeichnen als <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName> es einmal in Form eines Urteils über die Brüder Gerlach, den General <persName ref="kbga-actors-9702">Leop. v. Gerlach</persName> und den Präsidenten <persName ref="kbga-actors-9701">Ludwig von Gerlach</persName> tut: ‹Wenn wir drei hier aus dem Fenster einen Unfall auf der Straße geschehen sähen, so wird der Herr Präsident daran eine geistreiche Betrachtung über unsern Mangel an Glauben und die Unvollkommenheit unserer Einrichtungen knüpfen; der General wird genau das Richtige angeben, was unten geschehen müsse, um zu helfen, aber sitzen bleiben; ich würde der Einzige sein, der hinunter ginge oder Leute riefe, um zu helfen.› Wer hilft uns den Schritt von der Studierstube auf die Straße, von der Spekulation zur Hingabe [...] zu tun?» <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName> würdigt dann <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Theologie als heilsames «Gegengewicht» gegen einen «faden Pragmatismus», wirft ihm aber vor, er führe in die entgegengesetzte «Gefahr» hinein, «im Denken, in der philosophischen Begründung, in der bloß geistigen Verarbeitung, in der metaphysischen Vertiefung ‹des Unfalls auf der Straße› stecken zu bleiben» (<bibl corresp="kbga-bibls-489">ebd.</bibl>). Dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «Straße» durch «Gasse» ersetzt, könnte veranlasst sein durch einen Ausspruch von <persName ref="kbga-actors-1182">W. Raabe</persName>, auf den sich <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName> kurz zuvor (<bibl corresp="kbga-bibls-489">S. 275</bibl>) beruft: «Seht nach den Sternen und habt Acht auf die Gassen.»</note>, angesichts der Tageszeitung – der <hi rend="italic">Römerbrief</hi><term type="begriffe" key="Römerbrief"/>, der «Paulinismus»<term type="begriffe" key="Paulinismus"/>. Wäre mit «Taten und Tatsachen»<term type="begriffe" key="«Taten und Tatsachen»"/> etwas «getan», das alles könnte, wie die Schnellfertigen meinen, «in der Tat» unterlassen werden. Es ist aber, wie wir gesehen haben, <pb ed="A" n="424"/> damit nichts «getan». Darum eben die Ermahnung<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> zur Erneuerung des <hi rend="italic">Denkens</hi><term type="begriffe" key="Denken, erneuertes"/>, zum Um-Denken<term type="begriffe" key="Denken, Um-Denken"/>, zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> – eine Ermahnung, der man gehorchen und der gehorchend man etwas tun kann. Wobei wir noch einmal einschränkend, nein, unterstreichend feststellen, dass das <hi rend="italic">letzte</hi> Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> der hier notwendigen <hi rend="italic">Belehrung</hi> von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> gesprochen wird. <hi rend="italic">Er</hi> ist die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> der Dogmatiker<term type="begriffe" key="Dogmatik"/> <hi rend="italic">und</hi> der Ethiker<term type="begriffe" key="Ethik"/>.</p> 
</div>  


<div>
<pb ed="pga" xml:id="p592"/> 
<head><hi rend="smallCaps">Die Voraussetzung</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3 Röm.12.8">12,3–8</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3">V. 3a</ref> So sage ich auf Grund der mir gegebenen Gnade zu jedem von euch, er wolle sich in seinem Sinn nicht auf eine Höhe begeben, die keinen Sinn hat, sondern darauf sinnen, besonnen zu sein.</hi></p>
<p>Dies ist die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/>: «Es fängt damit an, daß Gott die <hi rend="italic">Liebe</hi> ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Liebe"/>, die den Menschen liebt, und dann zeigt es sich, daß <hi rend="italic">Gott</hi> der ist, der geliebt werden will. Freilich ist Gott kein Egoist, aber er ist das unendliche Ego, das unmöglich umgebildet werden kann, um dir zu gefallen, sondern <hi rend="italic">du</hi> mußt umgebildet werden, um <hi rend="italic">ihm</hi> zu gefallen. … Wie der Pfeil des geübten Schützen, wenn er von der Bogensehne fliegt, sich nicht Ruhe gönnt, bis er am Ziele ist: so ist der Mensch von Gott zu Gott als dem Ziele geschaffen und kann nicht eher Ruhe finden als in Gott. … Sobald ich das, was ich sage, existentiell ausdrücken will, also das Christliche in die Wirklichkeit setze: dann sprenge ich gleichsam das Dasein, das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, Christentum"/> ist sogleich da» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>).<note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-1694"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Buch des Richters, S. 104</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 23, S. 446</bibl> [NB 20:99]) und S. 143f. (SKS 22, S. 316 [NB 13:72]).</note> Sofern der Mensch dieser unerhörten Störung ausgesetzt ist, ist er in der Lage, zu «ermahnen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>) und sich ermahnen zu lassen. Als solcher Mensch redet <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>). Die ihm <hi rend="italic">«gegebene Gnade»</hi> ist (hier wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">5,2</ref>) das paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox"/> Faktum seines Apostolats<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/>, seine eigentümliche Lage, «extraordinär herauskommandiert»<note xml:id="n24"> <bibl corresp="kbga-bibls-1694"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Buch des Richters, S. 64</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 25, S. 344</bibl> [NB 29:84]).</note> zu sein als «Spion im höchsten Dienste» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-1694"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Buch des Richters, S. 53</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 20, S. 424</bibl> [NB 5:138]).</note>. <anchor type="note" xml:id="fn-ac"/>Solche Menschen setzt er aber auch als Hörer voraus, und<note n="ac" target="fn-ac" type="textcritical" xml:id="nac"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Auf solche Menschen rechnet er aber auch als Hörer, und». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> was immer zwischen ihnen verhandelt wird, ist Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an die Störung"/> an das Stattfinden dieser unerhörten Störung. «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> ist darum der <hi rend="italic">ganze</hi> Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Ermahnung durch den R."/>. Dass Gott Gott ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>, das ist die Voraussetzung der Ethik<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Ethik"/>, und alle ethischen Setzungen sind nur ethisch als Erläuterungen dieser nie schon bekannten, nie ein Weitereilen, ein zur Tagesordnung Schreiten erlaubenden Voraussetzung.  Sie selbst will sich bekannt machen. Sie selbst will weitereilen. Sie selbst will die Tagesordnung bestimmen und  aus<pb ed="pga" xml:id="p593" break="no"/>führen. Wer ist <pb ed="A" n="425"/> berufen, von Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> zu reden und zu hören? Wer als Erstes und Letztes sagen und sich sagen lassen kann, dass es wohlgetan ist, <hi rend="italic">«sich nicht auf eine Höhe zu begeben, die keinen Sinn hat».</hi> Wir wissen, was das für Höhen sind, aber wir wissen es nie genug (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>). Kaum zum Absitzen genötigt, haben wir den Fuß schon wieder im Steigbügel eines neuen Pferdes. Kaum aus der Fassung gebracht, haben wir schon wieder eine «Sache». Kaum belehrt, fangen wir schon wieder an, zu belehren. Kaum desillusioniert über Historismus<term type="begriffe" key="Historismus"/> und Psychologismus<term type="begriffe" key="Psychologismus"/>, droht uns in «Bibel<term type="begriffe" key="Götze, «Bibel» als G."/>», «lebendiger Gott» und «Todesweisheit<term type="begriffe" key="Götze, «Todesweisheit» als G."/>» schon ein neuer Götze<term type="begriffe" key="Götze, «lebendiger Gott» als G."/> zu erstehen. Wer kann merken, wie oft er fehle? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.19.23"><choice><sic ed="pga">Ps. 19,23</sic><corr type="misprint" resp="sm">Ps. 19,13</corr></choice></ref>]. Es scheint, dass wir uns zu unsrer Beschämung immer auf einer solchen Höhe befinden müssen, immer, wie wir hörten, in einer Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>. Wo man redet und hört, was von Gott aus über
unser Leben zu sagen ist, da entsteht ja die Kirche (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.6">9,6</ref>). Welche Kirche? Die Wahrscheinlichkeit ist unendlich, dass es wiederum die Kirche ist, in der der Mensch irgendwie «auf der Höhe» sein will. Und dann kann das, was von Gott aus über unser Leben zu sagen und zu hören wäre, notorisch <hi rend="italic">nicht</hi>, d. h. immer nur uneigentlich gesagt und gehört werden, je eigentlicher, je «wesentlicher» es tönt. Das Ende dieser Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K."/>, das Ende aller «Höhen» mit allen Baalen<term type="begriffe" key="Baal"/> und Ascheren<term type="begriffe" key="Aschera"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.21.3">2.Kön. 21,3</ref>] ist die unanschauliche, die unmögliche Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>. Sofort müssen wir uns also klar sein darüber, dass auch die Mahnung, <hi rend="italic">«darauf zu sinnen, besonnen zu sein»</hi>, auf keine mögliche menschliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, unanschauliche"/> einer seelischen Haltung zielt, sondern auf den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/>, da wir vor <hi rend="italic">Gott</hi> erniedrigt und im Unrecht sind, um von <hi rend="italic">Gott</hi> erhöht<term type="begriffe" key="Gott, erniedrigt und erhöht"/> zu werden und recht zu bekommen. Aber darum ist die Mahnung nicht überflüssig. Als sekundäre ethische Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> kann es von höchster Bedeutung sein, uns das Wissen anzueignen: es hat keinen Sinn, sich auf jene Höhe zu begeben! Sofern unser Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> <hi rend="italic">titanisch</hi><term type="begriffe" key="titanisch"/> ist (und wann wäre menschliches Sich - Mühen <hi rend="italic">nicht</hi> titanisch?), sofern es, auch wenn wir uns dabei ausdrücklich um «Gott» mühen, das unverkennbare Kainsmal des Kampfes<term type="begriffe" key="Kampf, Kainsmal des K."/> ums Dasein an sich trägt, sofern dabei (offenbar unvermeidlich das alles!) Fahnen aufgepflanzt, Firmen begründet, Türme errichtet werden, muss es zerbrechen an der Störung, die der ganzen «Gestalt dieser Welt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>) droht, zerbrechen am Gesetz des Todes<term type="begriffe" key="Gesetz, des Todes"/>, dem nichts entgehen kann, was sich etwas zu sein <pb ed="pga" xml:id="p594"/> dünkt. Es kann aber geschehen, dass es nicht umsonst ist, wenn wir das wenigstens <hi rend="italic">wissen</hi>, wenn wir nicht ablassen, es uns wie mit Hammerschlägen immer wieder einzuprägen, wenn wir also «darauf <hi rend="italic">sinnen</hi>, besonnen zu sein». Titanisch<term type="begriffe" key="titanisch"/> wäre freilich auch die heidnische Tugend der <hi rend="italic">«Besonnen</hi><pb ed="A" n="426" break="no"/><hi rend="italic">heit</hi><term type="begriffe" key="Besonnnenheit"/><hi rend="italic">»</hi>, und wenn sie im christlichen<note n="ad" type="textcritical" xml:id="nad">Druckmanuskript: «christlichsten».</note> Gewande aufträte. Nicht auf sie etwa kann also dieses «Sinnen» gerichtet sein. Es kann aber das Wunder geschehen, dass aus dem sekundären menschlichen Tun der Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gottes Recht"/> an Gottes Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> das Licht eines «Besonnen<hi rend="italic">seins</hi>» leuchtet, das nicht aus dem Menschen, nicht aus dieser Welt ist. Es kann, wenn wir der «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> gehorchen, geschehen, dass die Nebel menschlicher Einbildung, Rechthaberei und Eitelkeit, mit denen ein Mensch sich umgibt und mit denen ihn andere umgeben, <hi rend="italic">zerreißen</hi>, dass der Zirkus, in dem man sich um die Wette auf dem hohen Trapez produziert, plötzlich <hi rend="italic">aus</hi> ist, dass das Gleichnis menschlichen Denkens, Wollens und Tuns<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> <hi rend="italic">redet</hi> und <anchor type="note" xml:id="fn-ae"/>dass sich <hi rend="italic">an</hi> diesem Menschen in seiner ganzen Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> <hi rend="italic">Gott</hi> verherrlicht<term type="begriffe" key="Verherrlichung, Gottes"/><note n="ae" target="fn-ae" type="textcritical" xml:id="nae"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «daß <hi rend="italic">an</hi> diesem Menschen  […] <hi rend="italic">Gott</hi> sich verherrlicht».</note>. Es ist das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, wenn das geschieht und gesehen wird. Wir können dieses Wunder nicht <hi rend="italic">tun</hi>, wir können aber darauf <hi rend="italic">zielen</hi>, wir können unablässig bedenken, wie sinnlos unser Dasein auf der höchsten Höhe ist, sofern dieses Wunder nicht geschieht. Es ist verheißungsvoll, das zu
bedenken; denn damit bedenken wir, und das ist’s, worauf alles ankommt, das Recht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> und kehren zurück auf den Ursprung alles Ethos.</p>
<p><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3 Röm.12.6"><hi rend="bold">V. 3</hi>b-<hi rend="bold">6</hi>a</ref> Es wird aber jene Abwehr des Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/> und diese Zurückwendung zum Ursprung (die Voraussetzung der Ethik<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Ethik"/>) merkwürdigerweise gerade durch den seiner Zweideutigkeit zu entkleidenden Begriff des <hi rend="italic">Individuums</hi><term type="begriffe" key="Individuum"/> sichergestellt. Besonnen<term type="begriffe" key="Besonnnenheit"/> zu sein ermahne ich euch, <hi rend="bold">im Hinblick auf das Ziel des Glaubens, das Gott einem Jeden zugewiesen hat. Denn wie wir an einem Leibe viele<note n="af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="bold">vieler</hi>».</note> Glieder haben, wenn auch nicht alle Glieder dieselbe Verrichtung haben, so sind wir in unsrer Vielheit ein Leib in Christus, wenn wir uns auch als Einzelne zueinander verhalten wie Glieder und also auf Grund der uns gegebenen Gnade verschiedene Begnadungen haben</hi>.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p595" rend="noPipe"/>Der Sinn des hier verwendeten Gleichnisses<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> von <hi rend="italic">Leib</hi> und <hi rend="italic">Gliedern</hi><term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> ist bei genauerer Betrachtung nicht die romantisch-konservative, dem katholischen Kirchenbegriff<term type="begriffe" key="Kirche, katholische,, Kirchenbegriff"/> und allen seinen Derivaten zugrunde liegende Anschauung von dem <hi rend="italic">Teil</hi>charakter der einzelnen menschlichen Persönlichkeit, von ihrer Relation zu einem aus vielen «Andern» zellenförmig gebauten organischen Lebenszusammenhang. So gedeutet, redete das Gleichnis von einem (vermutlich erst noch unscharf gesehenen) naturwissenschaftlichen und soziologischen Phänomen, nicht aber, wie es bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zum vornherein zu erwarten ist, vom Himmelreich<term type="begriffe" key="Himmelreich"/>. Auf Grund dieser Deutung des Gleichnisses wäre die Mahnung, «auf Besonnenheit<term type="begriffe" key="Besonnnenheit"/> zu sinnen», nicht zwingend, nicht ethisch. Woher sollte gerade der Begriff des <pb ed="A" n="427"/> Organismus<term type="begriffe" key="Organismus"/> und der organischen Bestimmtheit seiner Teile, so anschaulich er (wenigstens auf den ersten Anblick!) das beschreibt, was <hi rend="italic">wir</hi> Leben heißen, die Bedeutsamkeit haben, den Menschen in seine Schranken zu weisen und an Gott zu erinnern? Woher nehmen wir den Begriff der christlichen Korporation, die als solche dem Einzelnen gegenüber das Recht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> zu vertreten behauptet, woher die «Gemeinde»<term type="begriffe" key="Gemeinde"/>, die Pluralität, die – Masse der Gläubigen<term type="begriffe" key="Gläubige"/> als Instanz zwischen Gott und dem Menschen? Gerade weil diese Deutung des Gleichnisses<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> so einleuchtend, die ihr zugrunde liegende Doktrin<term type="begriffe" key="Doktrin"/> über das Verhältnis von Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> so naheliegend ist (<hi rend="italic">so</hi> naheliegend, <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>dass ihr auch die Protestanten<term type="begriffe" key="Protestantismus"/> selten<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dass auch die Protestanten ihr selten».</note> entgehen!), kann sie (im Widerspruch auch zur ersten Auflage dieses Buches muss es gesagt sein!<note xml:id="n26"> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p476#p476">S. 476</ref></bibl>: «Also wird unsere Gemeinschaft nicht das Bild eines <hi rend="italic">Aggregats</hi>, eines Sandhaufens bieten, sondern, gleichviel ob unser Verhältnis zueinander durch mehr oder weniger bestimmte Regeln geordnet ist, das Bild eines <hi rend="italic">Organismus</hi>, dessen einzelne Teile in sich vollendet <hi rend="italic">sind</hi>, was gerade <hi rend="italic">sie</hi> sein müssen, ja sogar in sich vollendet je das Ganze repräsentieren und charakterisieren – und doch <hi rend="italic">nichts</hi>, gar nichts <hi rend="italic">für sich</hi> sind, sondern im lebendigsten Zusammenhang untereinander stehen. Der Geist, der uns zusammengeführt, gibt uns von selbst diese Anschauung einer realen Lebenseinigung als Norm unseres Zusammenseins an die Hand.»</note>) <hi rend="italic">nicht</hi> richtig<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922²): «die richtige».</note> sein. Sie würde aus der paulinischen Linie gänzlich herausfallen. Gott delegiert sein Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht,, deligiert es nicht"/> gegenüber dem Menschen an kein noch so geistig <pb ed="pga" xml:id="p596"/> gedachtes <hi rend="italic">mittelbares</hi> Gebilde. Nicht auf dem Umweg über «das Ganze», sondern in eigener Not und Hoffnung steht der Mensch vor der Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/>. Nicht «Teil» ist der Einzelne, sondern selber das Ganze. Gewiss muss seiner Unbesonnenheit, seiner Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/> eine Schranke gesetzt werden, aber nicht in einer Potenzierung seiner entelechialen Naturbedingtheit<term type="begriffe" key="Natur, des Menschen,, entelechiale Naturbedingtheit"/> kann diese Schranke bestehen, sondern gegenübertreten muss zu diesem Zweck dem menschlich Gleichen das ewig Ungleiche <hi rend="italic">Gottes.</hi> Das Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> von Leib und Gliedern<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> kann jenen naturphilosophischen Sinn <hi rend="italic">nicht</hi> haben.</p>
<p>Gewiss soll dieses Gleichnis den Einzelnen an die «Gemeinde»<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> erinnern, d. h. an die <hi rend="italic">andern</hi> Einzelnen. Denn eben am Problem des <hi rend="italic">Andern</hi> entsteht das Problem der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/>, die Frage: Was sollen wir tun? Aber nicht die empirischen «anderen» Einzelnen als solche sind hier gemeint als Subjekt und Objekt der «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/>. Gemeint sind hier die Andern, sofern auch sie gerade in ihrer undurchsichtigen unerforschlichen Andersheit Glaubende<term type="begriffe" key="Gläubige"/>, von der Not und Hoffnung der Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/> Bedrängte, als Einzelne in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der zu Glaubende"/> begründet sind. Gemeint ist das reine transzendentale Ich<term type="begriffe" key="Ich, transzendentale"/>, das unanschaulich das Subjekt jedes anschaulich konkreten Du ist. Schon der Begriff der Zeit, an dem für unser Bewusstsein dieses Du, das empirisch-wirkliche Individuum, der konkrete Einzelne als der Ein-Malige<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/> entsteht, zeigt deutlich, dass dieser als solcher nur ein Gleichnis, der «Anlass» für den <hi rend="italic">Ewig-</hi>Einzelnen, <hi rend="italic">Existentiell-</hi>Wirklichen<term type="begriffe" key="existentiell"/> sein kann. Was aber wiederum nicht heißen darf, dass er dieses Gleichnis, dieser Anlass nicht wirklich <hi rend="italic">ist</hi>, dass dieses transzendentale Ich, gerade <hi rend="italic">weil</hi> es das <hi rend="italic">ewige</hi> Ich<term type="begriffe" key="Ich, ewige"/> ist, nicht in <hi rend="italic">jedem</hi> zeitlichen Moment <hi rend="italic">gegenwärtig</hi> ist. Nein, der barmherzige Samariter<term type="begriffe" key="barmherzige Samariter"/> <pb ed="A" n="428"/> hat recht gesehen: gemeint ist der <hi rend="italic">«Nächste»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.9 Röm.13.10">13,9–10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.28 Mk.12.31">Mk. 12,28–31</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.25 Lk.10.37">Lk. 10,25–37</ref>). Der Nächste aber ist <hi rend="italic">«jeder</hi> Mensch, denn durch seine Verschiedenheit von andern ist er nicht dein Nächster, auch nicht durch das, worin er innerhalb der Verschiedenheit von andern dir gleich ist. Dadurch, daß er vor <hi rend="italic">Gott</hi> dir gleich ist, ist er dein Nächster<term type="begriffe" key="Gott, ist Nächster"/>, <hi rend="italic">diese</hi> Gleichheit aber hat unbedingt <hi rend="italic">jeder</hi> Mensch und hat sie <hi rend="italic">unbedingt»</hi> (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>).<note xml:id="n27"> <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Leben und Walten, 1. Abth., S. 82</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 9, S. 67</bibl>).</note> Nun erst wird es ganz klar, was die ethische Aufgabe<term type="begriffe" key="Ethik, Aufgabe"/>, zu sinnen darauf, besonnen zu sein, im Verhältnis zum andern für den einzelnen, der sich ihm gegen<pb ed="pga" xml:id="p597" break="no"/>über sieht, bedeutet. <anchor type="note" xml:id="fn-ai"/>Niemals und nirgends ist es das <hi rend="italic">direkt</hi> Einzusehende und Wahrnehmbare am Andern, die Komplexheit und Mannigfaltigkeit und imponierende Vielheit von Anders<hi rend="italic">heiten</hi>, in der er, der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/> auf die Szene tritt, niemals die <hi rend="italic">direkt</hi> anschauliche Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> mit der äußern Autorität ihrer Zahl, ihrer Bedürfnisse, ihres Zusammenhangs, oder auch mit der sog. innern Autorität ihrer formulierten oder nicht formulierten Bekenntnisse, ihrer Lebensanschauung, ihrer Tradition und Vergangenheit – niemals ist es (und darum lehnen wir den katholischen Kirchenbegriff<term type="begriffe" key="Kirche, katholische,, Kirchenbegriff"/> scharf ab!) dieses <hi rend="italic">Direkte</hi>, was den Einzelnen ethisch bestimmen kann, niemals ist es <hi rend="italic">ein</hi> Anderer oder sind es <hi rend="italic">die</hi> Andern, die ihn «ermahnen» können. <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi><term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> muss es sein, was ihm in der Gemeinde gegenübertritt, d. h. aber <hi rend="italic">der Andere</hi><term type="begriffe" key="Andere, der"/> in der vollen Existentialität der Andersheit schlechthin: der Nächste, der <hi rend="italic">Eine.</hi> Denn Gemeinschaft ist <hi rend="italic">weder</hi> Aggregat <hi rend="italic">noch</hi> Organismus. Sie ist keinerlei Gegebenheit, sondern ursprüngliche Synthesis, Beziehung und Begriff aller Gegebenheiten und Andersheiten in ihrer letzten <hi rend="italic">unanschaulichen Einheit:</hi><note n="ai" target="fn-ai" type="textcritical" xml:id="nai">Im<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> ist als gestrichener Text eine Vorstufe dieser Zeilen erhalten: «nicht so, als ob dieser Andere mit der imponierenden Vielheit und Komplexität von Andersheiten, in der er dem Einzelnen gegenübertritt, nicht so, als ob die Gemeinde mit der Autorität ihrer
Zahl, ihrer Bedürfnisse, ihres Zusammenhangs den Einzelnen richten, d. h. ethisch bestimmen könnte. <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> muss es sein, was in der ‹Gemeinde› dem Einzelnen gegenübertritt und so im ‹Andern› nicht <hi rend="italic">ein</hi> Anderer, nicht <hi rend="italic">die</hi> Anderen, sondern <hi rend="italic">der</hi> Andere in der vollen Existentialität der Andersheit schlechthin, d. h. aber <hi rend="italic">der Eine.</hi> Denn Gemeinschaft ist <hi rend="italic">weder</hi> Aggregat <hi rend="italic">noch</hi> Organismus».</note> sie ist <foreign xml:lang="lat">communio</foreign><term type="begriffe" key="communio"/>, also in keinem Sinn Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, Beschränkung oder Verwischung der Andersheit der Einzelnen, sondern die gerade die Andersheit jedes Einzelnen fordernde, jeder Andersheit ihren Sinn gebende Einheit, sie ist – der Eine jenseits jedes Andern. Und so ist der Eine, das Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/> weder Einer <hi rend="italic">neben</hi> Andern noch ein bloßer Zellteil <hi rend="italic">an</hi> einem Andern; er ist der <foreign xml:lang="lat">sanctus</foreign><term type="begriffe" key="sanctus"/>, der Inbegriff der Andersheit des Einen gegenüber <hi rend="italic">jedem</hi> Andern, er ist die keimfreie, jede Hierarchie und darum jede Zersetzung ausschließende Begründung der Gemeinschaft, wie die Gemeinschaft ihrerseits das von jeder Willkür befreite Individuum begründet: <foreign xml:lang="lat">communio – sanctorum</foreign><term type="begriffe" key="communio, sanctorum"/>! Es gibt keine andre <foreign xml:lang="lat">communio</foreign>, und es gibt keine andern <foreign xml:lang="lat">sancti</foreign>. Es ist ja der «Leib» weder die Summe der einzelnen Glieder<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> noch ihre gegenseitige Bedingtheit, <pb ed="pga" xml:id="p598"/> sondern das, was ihnen summierend und bedingend gegenübersteht, das <hi rend="italic">Individuum</hi><term type="begriffe" key="Individuum"/> also, und als solches eine schlechthin unanschauliche, jedem Glied <hi rend="italic">und</hi> ihrer Gesamtheit <hi rend="italic">und</hi> ihrer organischen Bedingt<pb ed="A" n="429" break="no"/>heit schlechthin transzendente Größe. Gerade was die Glieder in ihrer anschaulichen, unter sich disparaten <hi rend="italic">Einzelnheit</hi> sind und tun, das sind und tun sie in Beziehung zu der jedem einzelnen und ihnen allen transzendenten unanschaulichen <hi rend="italic">Einheit</hi> des «Leibes». <hi rend="italic">Diese transzendente, unanschauliche Einheit des Individuums</hi> (in dem Begriffe Leib – Individuum<note n="aj" type="textcritical" xml:id="naj">Druckmanuskript: «Leib=Individuum».</note> begegnen sich Bild und Sache!) <hi rend="italic">gegenüber jedem Einzelnen und allen Einzelnen</hi> ist der Sinn des Gleichnisses. So sind die «Gläubigen»<term type="begriffe" key="Gläubige"/> (die Menschen in ihrer Beziehung zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>) gerade als Einzelne (also nicht etwa im Erlöschen, sondern im Erwachen ihrer Einzelnheit!) <hi rend="italic">ein</hi> Leib, <hi rend="italic">ein</hi> Individuum in Christus<term type="begriffe" key="Leib, in Christus"/>, nicht ein Haufe von Individuen also, aber auch nicht ein Gesamtleib oder Massenindividuum (nicht «das Ganze»!), sondern <hi rend="italic">das</hi> Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>, <hi rend="italic">der</hi> Eine, <hi rend="italic">der</hi> neue <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/><note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Mensch».</note> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.12 1.Kor.12.13">1.Kor. 12,12–13</ref>). Dieser <hi rend="italic">Eine</hi> ist’s, der «Leib des <hi rend="italic">Christus</hi>»<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/>, der uns im Problem des <hi rend="italic">Andern</hi>, in der <hi rend="italic">Gemeinde</hi> der Gläubigen<term type="begriffe" key="Gemeinde, der Gläubigen"/> entgegentritt. Und wir erinnern uns, dass der «Leib des Christus» der <hi rend="italic">gekreuzigte</hi> Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.4">7,4</ref>), um sofort die kritische Schärfe des hier als Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Ethik"/> der Ethik auftretenden Begriffs des Individuums zu erkennen. Ist der gekreuzigte Christus das <hi rend="italic">«Ziel des Glaubens</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Ziel des"/><hi rend="italic">, das Gott einem Jeden</hi> (und zwar Jedem gerade in seiner Einzelnheit!) <hi rend="italic">zugewiesen hat»</hi>, haben wir <hi rend="italic">«auf Grund der Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> (die den Menschen tötet, um ihn lebendig zu machen!) <hi rend="italic">verschiedene Begnadungen»</hi>, handelt es sich also für jeden Einzelnen (gerade in seiner Einzelnheit!) um das «Anziehen des Herrn Jesus Christus» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.14">13,14</ref>), des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch,neuer"/>, ist der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/>, der immer neben dem Einzelnen steht, der aufgehobene Finger, der ihn durch seine Andersheit an den noch <hi rend="italic">ganz</hi> Andern erinnert, ist Gemeinde <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi><term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/><hi rend="italic"/>, Gemeinschaft aber <hi rend="italic">Einheit, diese</hi> Einheit, die Einheit <hi rend="italic">des</hi> Menschen und <hi rend="italic">der</hi> Menschen in dem unerforschlichen Gott<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/>, der der Herr über Leben und Tod<term type="begriffe" key="Gott, Herr über Leben und Tod"/> ist – dann ist offenbar gerade für den Einzelnen kraft dieser Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an die Individuität"/> an seine «Individuität» aller Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/>, alles «auf der Höhe sein» ausgeschlossen,  das «Sinnen aufs Besonnensein», d. h. aber<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal">Druckmanuskript: «aber d. h.».</note> das Bedenken, dass Gott allein auf  der <pb ed="pga" xml:id="p599"/> Höhe ist, ebenso schlechthin geboten als <hi rend="italic">das</hi> ethische Tun<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/>. Die Beugung des Menschen, seine absolute Sachlichkeit, zu der ihn keine Mehrheit, kein Bedürfnis, keine geschichtliche Autorität, kein mystisch-zwischenweltlicher Kirchenorganismus<term type="begriffe" key="Organismus, Kirchen-"/> im Ernst veranlassen kann, wird dann zwingendes und notwendiges Gebot<term type="begriffe" key="notwendiges Gebot"/>. Denn es biegt kraft dieser Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gottes Recht"/> die sekundäre ethische Handlung des Sich - Besinnens zurück zur primären, zu ihrem <hi rend="italic">Anfang</hi> und nimmt mit ihrem Anfang Teil an der Kraft <pb ed="A" n="430"/> und Würde ihres <hi rend="italic">Ursprungs.</hi> Es erfüllt dann die mit solcher Besinnung vollzogene <hi rend="italic">Demonstration</hi> ihren der Handlung selber transzendenten <hi rend="italic">Zweck.</hi> Es steht dann das Individuum vor <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Individuum, vor Gott"/>, unerhört gestört in seiner «Individualität», gestört, wie der Mensch nur von Gott gestört werden kann, und gerade darum und darin unter dem Zeichen des Sieges und der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>.</p>
<p><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.6 Röm.12.8">V. <hi rend="bold">6</hi>b<hi rend="bold">‒8</hi></ref> Wir <hi rend="italic">haben verschiedene</hi> «Begnadungen»: Vielleicht Einer <hi rend="bold">das prophetische Wort</hi> (möge er es <hi rend="bold">dem Glauben gemäß</hi> reden!). <hi rend="bold">Vielleicht</hi> Einer <hi rend="bold">den Sinn für das Dienende</hi> (möge er ihn haben <hi rend="bold">für das Dienende!). Vielleicht</hi> Einer <hi rend="bold">als Lehrer</hi> (möge er’s sein <hi rend="bold">zur Belehrung!). Vielleicht</hi> Einer <hi rend="bold">als Prediger</hi> (ja möge es <hi rend="bold">zur Predigt</hi> <hi rend="italic">kommen!</hi>). <hi rend="bold">Wer auszuteilen hat: in Einfalt! Wer eine Autoritätsstellung hat: im Ernst! Wer Barmherzigkeit übt: in Heiterkeit!</hi></p>
<p>Das Individuum, der Eine, Christus konstituiert die Gemeinde als Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/>. Das bedeutet: Die Beugung vor Gott und die absolute Sachlichkeit des Einzelnen begründen die Einheit der Verschiedenheiten und nichts sonst. Die vermeintliche Tugend der «Toleranz», ohne deren Übung wir freilich alle nicht auskommen, muss also in ihrem eigentlichen, gemeinschaft<hi rend="italic">zerstörenden</hi> Charakter, als Abwehrgeste gegen die göttliche Störung<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> mindestens <hi rend="italic">begriffen</hi> werden. Der Eine, in dem wir eins sind, ist die Intoleranz selber. Er will herrschen. Er will siegen. Er will Alles. Er ist die Störung <hi rend="italic">jedes</hi> Familientages, <hi rend="italic">jedes</hi> Kirchenfriedens, <hi rend="italic">jeder</hi> «gemeinsamen Sache» – gerade weil und indem er der Friede über <hi rend="italic">jeder</hi> Entfremdung, Zerklüftung und Parteiung ist. Also nicht: «Jedem das Seine!»<note xml:id="n28"> Zu den römischen Quellen der Maxime «<foreign xml:lang="lat">Suum cuique</foreign>» und zu ihrer Bedeutung in Preußen als Wahlspruch <persName ref="kbga-actors-9713">Friedrich I</persName>. vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 384</bibl>.</note> kann die ethische Aufgabe<term type="begriffe" key="Ethik, Aufgabe"/> sein, sondern: Jeder das Eine! Denn was bewahrt die Gemeinde vor dem Zerfall,  was sichert das Problem des Andern vor den Missverständnissen des Kampfes ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums"/>, wenn uns nun,  solange <pb ed="pga" xml:id="p600"/> wir Menschen sind, Gnade immer nur als <hi rend="italic">verschiedene</hi> «Begnadigung»<term type="begriffe" key="Begnadigung"/><note n="am" type="textcritical" xml:id="nam"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Begnadung».</note>, der ganz Andere<term type="begriffe" key="Andere, der ganz"/> immer nur in der Andersheit des Individuums<term type="begriffe" key="Individuum"/> <hi rend="italic">da drüben</hi>, wenn uns also in Jedem in der Tat immer nur <hi rend="italic">«das Seine»</hi> begegnet? Die Feststellung, dass es so ist? Eine treffliche psychologische Feststellung. Möge sie bis auf den Grund gehen, bis auf die Einsicht, dass Mensch und Mensch <hi rend="italic">immer</hi> im Streit liegen, dass es zwischen den Individualitäten keine <hi rend="italic">(keine!)</hi> Versöhnung gibt. Aber Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie"/> ist nicht Ethik, je ehrlicher sie ist, um so weniger. Hier hilft nur die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an die Individuität"/>, dass Jeder gerade <hi rend="italic">als</hi> Individuum, gerade <hi rend="italic">in</hi> der unerhörten Singularität seines Individuumseins <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> ist der Einheit des Menschen in Gott<term type="begriffe" key="Einheit, des Menschen in Gott"/>, dass also Jeder als Einzelner nur das Einzige sein, das Einzige wollen<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sein, wollen».</note> und tun kann, nicht trotz, sondern <hi rend="italic">wegen</hi> <pb ed="A" n="431"/> der Verschiedenheit <hi rend="italic">seiner</hi> Begnadung. Das Einzige aber besteht für Jeden in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Krisis"/> der Krisis vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/>, in der er sich in Christus (in dem Einen!) befindet. Nicht in seinem Starksein, sondern in seinem Schwachsein, nicht in seinem Besitzen, sondern in seinem Entbehren, nicht in seinem Rechthaben, sondern in seinem Unrechthaben, in seinem Heruntersteigen von jeder Höhe, auf der er sich etwa mit dem Seinen befindet, damit Gott allein auf dieser Höhe groß sei, in der Umbiegung jeder sekundären ethischen Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> also zur primären auch hier. Ist das grundsätzlich begriffen (aber wann wäre das je begriffen?), ist das «Seine» grundsätzlich gebeugt unter das Eine, hat ein Jeder <hi rend="italic">seine</hi> «Begnadung»<term type="begriffe" key="Begnadigung"/> als Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> erkannt, <hi rend="italic">seine</hi> Kraft, <hi rend="italic">seinen</hi> Besitz, <hi rend="italic">sein</hi> Recht Gott zur Verfügung gestellt (aber wo wäre das je schon geschehen?), dann mag Jeder «auf Grund der Gnade» das Seine, sein Verschiedenes, als seine <hi rend="italic">«Begnadung»</hi> auffassen. Dann mag – unter der großen Kautele: <hi rend="italic">«Vielleicht!»</hi>, die Jeden an die Gnade, an das «Eine» erinnert – das «Seine» eines Jeden zu Ehren kommen. Ja, und dann <hi rend="italic">kommt</hi> es zu Ehren! Dann konstituiert nicht nur der Eine, sondern auch<note n="ao" type="textcritical" xml:id="nao">Druckmanuskript:
«nun».</note>, im Blick auf den Einen, die <hi rend="italic">Viel</hi>heit der Glieder, der Einzelnen, die Gemeinde als Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/>. Und <hi rend="italic">was</hi> für eine Gemeinde! Nur zögernd wagen wir es, hier dem Texte zu folgen, denn hier rückt der Fluchtpunkt der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> dem Bilde wieder einmal unheimlich nahe. Da <hi rend="italic">ereignen</hi> sich <pb ed="pga" xml:id="p601"/> nun «sekundäre ethische Handlungen»<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> voll Gewicht und Bedeutung. Da greift die zweckvolle Demonstration über vom «Sinnen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3">12,3a</ref>) aufs Reden von Zeugen, deren <hi rend="italic">Reden</hi> wirklich <hi rend="italic">Zeugnis</hi> ist. In dieser «Gemeinde»<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> scheinen ja überhaupt nur solche Zeugen, nur Handelnde, Aktive, Kombattanten, scharf Schießende in Betracht zu kommen. Lauter – Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> scheinen hier vorgesehen, aber noch einmal: <hi rend="italic">was</hi> für Pfarrer! Da ist von menschlichen Bedürfnissen überhaupt nicht die Rede, sondern nur von dem einen Bedürfnis Gottes<term type="begriffe" key="Bedürfnis, Gottes"/>, dem alle sich zu fügen haben. Da fährt wie eine Kugel aus dem Rohr ein Jeder seine Bahn, darf es, muss es, kann es, weil er ein Ziel, <hi rend="italic">das</hi> Ziel hat. Da tut keiner «Teilarbeit», da gibt es keine Disziplinen und Ressorts, da tut Jeder, indem er das Seine tut, das <hi rend="italic">Eine</hi>, das das <hi rend="italic">Ganze</hi> ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Vielleicht»</hi> Einer als Träger des <hi rend="italic">«prophetischen Wortes»</hi><term type="begriffe" key="Wort, prophetisches"/>. Wir behüten uns mit Recht vor Allem, was uns mit der Allüre des Prophetischen<term type="begriffe" key="Prophetie"/>, mit dem Anspruch der Vertretung des «<hi rend="italic">ganz</hi> Andern» entgegentritt. Wir sind schmerzlich gewöhnt daran, jene Allüre in sich selbst zusammenbrechen<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «zusammenzubrechen». Korrektur nach<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note>, das <hi rend="italic">ganz</hi> Andere<term type="begriffe" key="Andere, das ganz"/> immer wieder kompromittiert zu sehen durch etwas <hi rend="italic">sehr</hi> Anderes. <pb ed="A" n="432"/> Aber das dringende Anliegen bleibt, dass Einer komme und uns in der Tat das «ganz Andere» in seiner nicht zu brechenden Fremdheit vor Augen stelle. <hi rend="italic">Ist</hi> «vielleicht» ein Einzelner, sein Eigenes, Verschiedenes gebeugt unter das «Vielleicht» der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, redend «dem Glauben<term type="begriffe" key="Glauben"/> gemäß», in <hi rend="italic">der</hi> Sachlichkeit Gott gebend, was Gottes ist, dass Gott reden kann durch ihn, als ob er<note n="aq" type="textcritical" xml:id="naq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="italic">er</hi>».</note> <hi rend="italic">nicht er</hi> wäre – <hi rend="italic">ist</hi> er als solcher der Eine, dann ist seine Prophetie<term type="begriffe" key="Prophetie"/> die einzige ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, neben der es keine andre gibt, die keiner Ergänzung, keines Gegengewichtes bedarf. Denn weil ihre Einzigheit Einheit bedeutet, bedeutet sie, dass sie genügt und dass die Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/> des Einzelnen ausgeschlossen ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Vielleicht»</hi> Einer, der den <hi rend="italic">«Sinn für das Dienende»</hi>, für das Helfen, für das Praktische hat. Paradoxerweise<term type="begriffe" key="Paradox"/> kann auch die Betätigung dieses Sinnes die einzige ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/> sein, und der Einzelne, der sie hat ohne Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/>, der Eine. Wir haben Grund vor der Parole: Dienen<term type="begriffe" key="Dienen"/>! Helfen! Praxis! zu erschrecken. Immer wieder wird sie ja von <persName ref="kbga-actors-9393">Martha</persName> ausgegeben, die um keinen Preis <hi rend="italic">hören</hi>, sondern, ach ja, «die<pb ed="pga" xml:id="p602" break="no"/>nen» will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.40">Lk. 10,40</ref>]. Aber das Anliegen, dass den Menschen geholfen werden muss, besteht trotzdem zu Recht. Dienen<term type="begriffe" key="Dienen"/> heißt zeitliche Wunden verbinden, um die ewige Wunde, die sich nicht schließen darf, offen zu halten, der Leiber gedenken, damit die Seelen nicht verderben, nicht vorübergehen an dem unter die Räuber Gefallenen wie jener Priester<term type="begriffe" key="Priester"/> und Levit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.31 Lk.10.32">Lk. 10,31–32</ref>]. Denn gerade für den <hi rend="italic">priesterlichen</hi> Menschen, dem alles an der Erkenntnis <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key=" Erkenntnis, Gottes "/> liegt, ist die Frage: Wer ist denn mein Nächster<term type="begriffe" key="Nächster"/>? keine Frage mehr. Helfen ist das tätige Sehen dessen, was Priester und Levit nicht sehen wollten. Praktisch ist, was den Menschen unweigerlich in die «Theorie», in das Schauen seiner <hi rend="italic">großen</hi> Not und Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> hineinführt. «Vielleicht» <hi rend="italic">ist</hi> der Einzelne, der nichts tut, als dass er den Menschen <hi rend="italic">dient</hi>, aber wirklich in ihrer <hi rend="italic">Not</hi>, wirklich in ihrer <hi rend="italic">Bedrängnis</hi>, wirklich in der <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis"/> ihres Daseins ihnen dient, vielleicht <hi rend="italic">ist</hi> er, gehört habend, dass man auch als Praktiker nicht recht haben kann, der Diener <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Diener Gottes"/>, der barmherzige Samariter<term type="begriffe" key="barmherzige Samariter"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.33 Lk.10.35">Lk. 10,33–35</ref>], d. h. aber <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName>, die das gute Teil erwählt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], und wiederum ist dann auch <hi rend="italic">sein</hi> Tun genügend und gefahrlos.</p>
<p><hi rend="italic">«Vielleicht»</hi> Einer <hi rend="italic">«als Lehrer»</hi><term type="begriffe" key="Lehrer"/>. Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> von Christus, das Wort Gottes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> als «Lehre»?! Theologie als Wissenschaft<term type="begriffe" key="Theologie, als Wissenschaft?"/>?! Wir meinen die Fragezeichen zu kennen, die hier zu setzen sind. Wir setzen sie mit. Wir hören <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>: «Professor darin, daß Christus gekreuzigt wurde.»<note xml:id="n29"> <bibl corresp="kbga-bibls-1694"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Buch des Richters, S. 136</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 23, S. 301</bibl> [NB 18:72]).</note> Wir hören <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>: Theologen «die Dümmlinge der menschlichen Gesellschaft».<note xml:id="n30"><bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 173f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 209</bibl>).</note> Nein, es geht wirklich nicht! Aber wiederum: «Vielleicht»! Das <hi rend="italic">Anliegen</hi> der <pb ed="A" n="433"/> Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> <hi rend="italic">besteht</hi> jedenfalls, gerade angesichts des großen Fragezeichens, so gewiss dieses Fragezeichen das – Ausrufzeichen der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> ist. Wir bedenken die fast unvermeidliche Möglichkeit, dass bei seiner Erledigung das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> durch unser Reden <hi rend="italic">und</hi> durch unser Schweigen – dies wäre «gegen» <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> zu sagen – verraten wird. Das Anliegen aber <hi rend="italic">besteht:</hi> erstens sich durch die <hi rend="italic">Bibel</hi><term type="begriffe" key="Bibel"/> belehren zu lassen über den Sinn des Wortes Gottes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> in dem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, des Gottes- und Menschenwortes"/>, wo es seine Quelle verlässt und Menschenwort wird, zweitens den unversöhnlichen Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz,, von Christentum und Kultur"/> des «Christentums» (also<note n="ar" type="textcritical" xml:id="nar">Druckmanuskript: «als».</note> des Repräsentanten <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen<pb ed="pga" xml:id="p603" break="no"/>wortes) zu aller menschlichen Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/> <hi rend="italic">und</hi> Unkultur<term type="begriffe" key="Kultur, Un-"/> durch ehrliche Darstellung seiner 1900jährigen Niederlage <hi rend="italic">«historisch»</hi> aufzudecken, drittens möglichst untumultuarisch und darum <hi rend="italic">«systematisch»</hi> die dem Menschen als solchem gesteckten Grenzen abzuschreiten und dabei unermüdlich festzustellen, was die ihm durch jenes gegensätzliche, immer unterliegende Menschenwort und durch seine eigene Begrenztheit gestellte Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/> für ihn bedeutet, viertens Jedem, der sich unterwindet, Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> zu werden, die dringende Warnung vor Illusionen, Sicherheiten und Menschendienst, die dringende Mahnung zur Sachlichkeit als <hi rend="italic">«praktische»</hi> Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, praktische"/> mit auf den Weg zu geben. Auch Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> könnte merkwürdigerweise nicht nur eine, sondern die einzige ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/> sein. Auch der Einzelne, der «als Lehrer zur Belehrung» wirkte, könnte – der Eine sein.</p>
<p><hi rend="italic">«Vielleicht»</hi> Einer <hi rend="italic">«als Prediger»</hi><term type="begriffe" key="Prediger"/>, als Ermahnender, Tröstender, Einladender. Hier ist offenbar des «Pfarrers» insbesondere zu gedenken. Der Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> als einzige ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>? Wer staunte da nicht? Aber was gibt’s da zu staunen? Offenbar doch nur das, dass etwa Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, etwas<note xml:id="n31"> Irrtümlich statt «etwa»?</note> biblische Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, biblische"/>, Gemeinnützigkeit<term type="begriffe" key="Gemeinnützigkeit"/>, kirchliche Tradition<term type="begriffe" key="Tradition, kirchliche"/>, persönliches Erleben<term type="begriffe" key="Erleben, persönliches"/> notwendige, zwingende Themata sein sollten. In der Tat nicht. Wohl aber die Verlegenheit, die <hi rend="italic">Gott</hi> dem Menschen bereitet, die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, die er von <hi rend="italic">Gott</hi> hat. <hi rend="italic">Ist</hi> «vielleicht» ein Einzelner unter Furcht und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] auf <hi rend="italic">dieses</hi> Thema gestoßen, <hi rend="italic">ist</hi> es ihm existentiell so wichtig geworden, dass er kein anderes mehr wählen könnte, sieht er ein, dass, <hi rend="italic">wenn</hi> gepredigt werden soll, Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> und Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> und Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> der einzige Gegenstand der Predigt<term type="begriffe" key="Predigt, Gegenstand der P."/> sein kann, dann <hi rend="italic">ist</hi> das Predigen die einzige ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, dann <hi rend="italic">kommt</hi> es zur Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/>, zu Ermahnung, Trost und Einladung, dann <hi rend="italic">ist</hi> dieser Einzelne <hi rend="italic">in</hi> seiner Verschiedenheit wiederum – der Eine, gerade als Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> berufen, gerechtfertigt, erwählt und Gott wohlgefällig.</p>
<p><hi rend="italic">«Wer auszuteilen hat: in Einfalt. Wer eine</hi> <pb ed="A" n="434"/> <hi rend="italic">Autoritätsstellung hat: im Ernst. Wer Barmherzigkeit übt: in  Heiterkeit.»</hi> Weiter greift also die Demonstration über vom Reden der mancherlei  Zeugen aufs <hi rend="italic">Tun</hi> im engeren Sinn. Warum gerade dieses Tun: Austeilen, Autorität haben, Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Barmherzigkeit"/> üben? Ja warum? Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> <hi rend="italic">heißt</hi> offenbar, dass <pb ed="pga" xml:id="p604"/> Geben seliger ist als Nehmen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.20.35">Act. 20,35</ref>]. Gnade <hi rend="italic">heißt</hi> offenbar, dass eine Autorität, etwas Imponierendes, Respekt Gebietendes auf den Plan tritt. Gnade <hi rend="italic">heißt</hi> offenbar: ein offenes und nicht ein kleinliches, verschlossenes Herz<term type="begriffe" key="Herz, offenes"/> haben. In <hi rend="italic">der</hi> «Gemeinde», die Gemeinschaft ist<term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/>, konstituiert durch den Einen, <hi rend="italic">sind</hi> offenbar die Einzelnen auf <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeiten angewiesen, <hi rend="italic">wirken</hi> offenbar gerade <hi rend="italic">diese</hi> «Begnadungen»<term type="begriffe" key="Begnadung"/>. Die «Ämter»<term type="begriffe" key="Amt"/> sind da mit der großen Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> des Menschen durch Gott. Ohne diese Störung würde der Mensch, wie er ist, wahrscheinlich nicht gerade <hi rend="italic">das</hi> tun. Der ungestörte Mensch pflegt weder auszuteilen, noch zu imponieren, noch Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Barmherzigkeit"/> zu üben. 
Es <hi rend="italic">liegt</hi> ihm nicht, auch wenn es ihm möglich sein sollte, dem Schein solchen Tuns Genüge zu leisten. Denn solches Tun zielt in seiner ganzen menschlichen Fragwürdigkeit doch auf Überwindung des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Überwindeung des M."/>. Wo geopferte Menschen sind (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>), da pflegt sich mit dem Zeugnis des Mundes solches Tun, solche Haltung, solches «Amt» in irgend einer Form einzustellen. Dass diese Ämter <hi rend="italic">ein</hi> Amt<term type="begriffe" key="Amt"/> sind, <anchor type="note" xml:id="fn-as"/>dass sich die Verschiedenheit des Einzelnen nur<note n="as" target="fn-as" type="textcritical" xml:id="nas"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «daß die Verschiedenheit des Einzelnen sich nur».</note> auswirken kann in einer und derselben Sachlichkeit, dass hier Gott die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> gegeben werde<note n="at" type="textcritical" xml:id="nat">Druckmanuskript: «werden», vom Lektor oder Korrektor in «werde» geändert.</note>, nicht Menschen in der natürlichen Richtung ihres guten Herzens sich ausleben sollen<note n="au" type="textcritical" xml:id="nau"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «wollen».</note>, dass <hi rend="italic">alle</hi> «Ämter<term type="begriffe" key="Amt, unter dem Kreuz"/>» unter dem Kreuz stehen, daran (nicht daran, dass sie <hi rend="italic">da</hi> sein sollen; denn es ist merkwürdig selbstverständlich, dass sie da <hi rend="italic">sind!</hi>) ist hier zu erinnern. «Austeilen» wird in dieser Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Kreuz"/> geschehen «in Einfalt», 
in jener innern Freiheit, die das Geben nicht feierlich und das Nehmen nicht bitter macht, sondern Geben und Nehmen<term type="begriffe" key="Geben und Nehmen"/> zu einem Zeugnis von der unerforschlichen Einfalt Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Einfalt"/>. Autorität wird dann geübt werden, <hi rend="italic">weil</hi> sie da ist, und nicht, <hi rend="italic">um</hi> da zu sein, und gerade in dieser kritischen Bestimmtheit «im Ernst». Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Barmherzigkeit"/> aber, weil die dem Menschen von Gott widerfahrende Barmherzigkeit diesem nichts anderes übrig lässt, als «in Heiterkeit»<term type="begriffe" key="Heiterkeit"/>, in dem wehmütigen Humor<term type="begriffe" key="Humor"/> eigener letzter Preisgegebenheit selber barmherzig zu sein. Im Schatten der <hi rend="italic">eschatologischen</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/> also und nirgends sonst werden diese Möglichkeiten zu ethischen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, dann aber auch sofort zu zwingenden und jedesmal einzigen Möglichkeiten.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p605" rend="noPipe"/>Also die Begründung der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> durch die Konstituierung der Gemeinde als Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/>? Ja, in der Tat, dies ist die Meinung dieser Verse. Die Gemeinde wird gebildet durch die Einzelnen in <pb ed="A" n="435"/> ihrer Beziehung zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>. Diese Beziehung realisiert sich aber in der Einheit des Einzelnen, im Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>. Dieser <hi rend="italic">Eine jedes</hi> Einzelnen und also die <hi rend="italic">Gemeinschaft aller Einzelnen</hi> ist Christus<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, aller ist Christus"/>. Eine andere Sicherstellung des Ethos gegen die beständig lauernde Gefahr des Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/>, eine andere Beziehung des Ethos auf Gott gibt es nicht. Diese aber ist eminent, qualifiziert – kirchlich. Von der kommenden Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> ist die Rede. Wir werden uns nicht wundern, sie nie und nirgends zu sehen. Genug, dass die Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>, die wir sehen, in ihrer ganzen Fragwürdigkeit im Abglanz dieses kommenden Lichtes stehen <hi rend="italic">kann</hi>. Es brauchte nicht ganz verborgen zu sein, und es <hi rend="italic">ist</hi> nicht ganz verborgen, dass, wo immer Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> ist – «vielleicht» in ihrer Einzelheit<note n="av" type="textcritical" xml:id="nav">Druckmanuskript: «Einzelnheit».</note> konstituiert durch den Blick auf den Einen –, gerungen, gehofft und gelitten wird um die <hi rend="italic">ethische</hi> Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Ethik"/>, und <hi rend="italic">nicht</hi> umsonst das alles.</p> 
</div> 



<div>

<head><hi rend="smallCaps">Positive Möglichkeiten</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9 Röm.12.15">12,9–15</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9 Röm.12.15">V. 9‒15</ref> Die Liebe sei aufrichtig! Verabscheut das Böse, klammert euch an das Gute! Seid gegenseitig zärtlich in der Brüderlichkeit! Kommt euch zuvor in der Ehrerbietung! Seid nicht träge im Ernstmachen! Brennet im Geiste! Dienet der Zeit</hi><note n="*2" type="original" xml:id="s2">Ich muss trotz <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> Einspruch<note xml:id="n32"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 91</bibl>.</note> dabei beharren, die Lesart <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κυρίῳ δουλεύοντες</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.11">V. 11c</ref> fad zu nennen<note xml:id="n33"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p484#fn_nb">S. 484, Anm. <choice><sic ed="pga">*</sic><corr type="misprint" resp="sm">b</corr></choice></ref></bibl>.</note>, weil mir die Aufforderung, «dem Herrn zu dienen", in diesem Zusammenhang unerträglich allgemein vorkommt. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.24">Kol. 3,24</ref> hat sie freilich einen guten prägnanten Sinn, der aber hier sicher nicht in Betracht kommt, und noch weniger scheint mir das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">δοῦλος Χριστοῦ  Ἰησοῦ</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">Röm. 1,1</ref> hier zu beweisen. <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> sucht diese Lesart durch die Interpretation «dem Herrn <hi rend="italic">allein</hi>" zu stützen. Aber der Nachdruck liegt bei der ganzen Reihe dieser Ermahnungen auf den Zeitwörtern, während die Hauptwörter nur das jeweilige Problem bezeichnen. Sollte gerade <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.11">V. 11c</ref> hier eine Ausnahme machen, wie es sein müsste, wenn <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> «allein" berechtigt wäre?<note xml:id="n34"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 77</bibl>: «Aber dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kann man schlecht zutrauen, daß er im Ernst dem Christen zumutete, er solle ‹dem Augenblick› dienen, wie ein Weltweiser unter seinen Zeitgenossen es empfahl; hätte <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> unter ‹dem Augenblick› den der Parusie verstanden, so hätte er sich sehr unverständlich ausgedrückt: und sich auf diesen Augenblick vorbereiten und ihm dienen sind zwei verschiedene Dinge. Es wird bei ‹dem Herrn (Christus) dienen› sein Bewenden haben. Ein Blick auf <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.24">Kol. 3,24</ref> enthüllt uns den Sinn des Wortes: der Ton liegt auf ‹dem Herrn›, ihm allein sollen wir dienen: daraus schöpfen wir die Kraft, um den Fleiß und den glühenden Eifer, den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vorher verlangt hatte, immer glänzender zu entfalten». <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> Übersetzung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.11">12,11</ref> lautet: «Unverdrossen im Eifer, feurig im Geist, dem Herrn dienend!».</note> Die Lesart <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">καιρῷ δουλεύοντες</foreign>, die ich demgegenüber vorziehe, bietet ein treffliches Paradox, das gerade an seinem von <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName><note xml:id="n35"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 105.</bibl></note> gerügten «üblen Klang" das Merkmal der Echtheit haben dürfte. Begreiflich, dass ein humorloser Abschreiber mit <persName ref="kbga-actors-874">Athanasius</persName> der Meinung sein mochte, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὅτι οὐ πρέπει τῷ καιρῷ δουλεύειν ἀλλὰ τῷ κυρίῳ</foreign>.<note xml:id="n36"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, ebd.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3701"><persName ref="kbga-actors-874">Athanasius</persName>, <hi rend="italic">Epistula ad Dracontium</hi>, 3, MPG 25, 525C</bibl>.</note> Unbegreiflich aber, dass eine spätere Zeit im umgekehrten Sinn korrigiert haben sollte. Aus <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmanns</persName> Darlegung entnehme ich, dass dies auch als mechanischer Fehler nicht wahrscheinlich zu machen ist.<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, ebd.</bibl>, folgert umgekehrt: «Die Variante kann mechanisch entstanden sein».</note></note><hi rend="bold">!</hi></p>
<p><pb ed="pga" xml:id="p606" rend="noPipe"/> <hi rend="bold">Freut euch in der Hoffnung! Beharret in der Bedrängnis! Haltet an im Gebet! Nehmt Anteil an dem, was für die Heiligen</hi> <pb ed="A" n="436"/> <hi rend="bold">getan wird</hi><note n="*3" type="original" xml:id="s3"> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μνείαις</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.13">V. 13</ref> scheint demselben Korrektor zum Opfer gefallen zu sein wie <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">καιρῷ</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.13">V. 13</ref>. Er machte daraus das verständlichere <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">χρείαις</foreign>.
Natürlich hat <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μνεία</foreign> mit Heiligenverehrung nichts zu tun<note xml:id="n38"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p484#fn_nc">S. 484f., Anm. <choice><sic ed="pga">**</sic><corr type="misprint" resp="sm">c</corr></choice></ref> und <ref type="pub-" target="../volume/16/p484#fn_n21">Anm. 21</ref></bibl>.</note>, sondern ist wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.9">1,9</ref> zu fassen als «Einstehen für jemand", als «ein tatsächliches in freundlicher Unterstützung zum Ausdruck gebrachtes Gedenken" (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>)<note xml:id="n39"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 551.</bibl></note>.</note>
<hi rend="bold">! Pfleget die Gastfreundschaft! Segnet die Verfolger, segnet und fluchet nicht! Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden!</hi></p> 
<p> <pb ed="pga" xml:id="p607" rend="noPipe"/><hi rend="italic">Positiv-</hi>ethisch ist das Wollen und Tun, das der (vergehenden!) «Gestalt dieser Welt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>) gegenüber negativ ist, das sich nicht in ihr Schema, das Schema des Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>, fügt, das gegen den großen Irrtum<term type="begriffe" key="großer Irrtum"/> Protest einlegt. Im eigentlichen Sinn kann dies nur vom Wollen und Tun Gottes gesagt werden. Ein <hi rend="italic">absolut</hi> positiv-ethisches, tatsächlich aus dem Schema des Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> herausfallendes, tatsächlich protestierendes menschliches Wollen und Tun kennen wir nicht. Wir kennen aber ein <hi rend="italic">relativ</hi> positiv-ethisches Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches,, positiv"/>, das, obwohl es zu den menschlich-diesseitigen<term type="begriffe" key="Diesseits"/> Möglichkeiten gehört und die «Gestalt dieser Welt» durchaus trägt wie alle andern Möglichkeiten, doch von Haus aus, kraft der unverwischbaren Disposition des Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>, die ihn auch in seiner «jetzigen» Gestalt mehr oder weniger gleichnisfähig macht, eine eros-fremde <hi rend="italic">Tendenz</hi>, eine Tendenz zum Protest besitzt. Wir müssen uns hier mit aller Vorsicht ausdrücken: <hi rend="italic">Leichter</hi> mag es geschehen, dass unter allen möglichen Handlungsweisen gerade <hi rend="italic">diese</hi> voll Bedeutung und Hinweis, voll innern Leuchtens werden als etwa andere (also z. B. leichter Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, und Hass"/> als etwa Hass). <hi rend="italic">Eher</hi> mag es geschehen, dass die große göttliche Störung<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/>, das große Umdenken dem Menschen gerade <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeiten nahelegt. <hi rend="italic">Wahrscheinlicher</hi> möchte es im Rahmen gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Tuns zu jenem «Opfer»<term type="begriffe" key="Opfer"/>, zu jener Demonstration zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> kommen, die durch die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> gefordert ist, <hi rend="italic">wahrscheinlicher</hi> im Rahmen der Erfüllung der Gebote<term type="begriffe" key="Gebote"/> der zweiten Tafel zur Erfüllung der Gebote der ersten. «Leichter», «eher», «wahrscheinlicher» sagen wir; denn die Notwendigkeit auch dieser Handlungen, ihr Ethos liegt nicht in ihnen selbst, nicht in ihrem materiellen Inhalt (der immer die «Gestalt dieser Welt» trägt), sondern in ihrer Form, d. h. in ihrem Ursprung, in der Einheit des Handelnden, und es bleibt die Möglichkeit offen, dass je und je als Werk der ersten Tafel geboten sein kann, was den Geboten der zweiten widerstreitet<note xml:id="n40"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 171</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar teilweise unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2050"><hi rend="italic">Fastenpostille 1525</hi>. <hi rend="italic">Epistel auf den 2. Sonntag nach Epiphanias. Röm. 12,6ff.</hi>, WA 17/II, 54,1-11</bibl>.</note>.</p>
<p><hi rend="italic">«Die Liebe sei aufrichtig!»</hi> Neben dem Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> steht als die größte positiv-ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, positiv-ethische"/>, ja als der Inbegriff der Gebote<term type="begriffe" key="Gebote"/> der zweiten Tafel, als der Inbegriff des innerhalb der «Ge<pb ed="A" n="437" break="no"/>stalt dieser <pb ed="pga" xml:id="p608"/> Welt» relativ fremdartigen Handelns: Agape<term type="begriffe" key="Agape"/>, die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, als Liebe des Menschen zum Menschen. Als Liebe des Menschen zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> nämlich ist sie das große unanschauliche Werk der ersten Tafel, das existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Tun des in der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> stehenden Menschen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28 Röm.8.39">8,28f.</ref>), wie es in der primären ethischen Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> – bedeutet wird. Aber so gewiss Gnade die Gnade<term type="begriffe" key="Gott, Gnade"/> des verborgenen <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> ist und also die schlechthinige Störung der Vitalität des bekannten Menschen, so <anchor type="note" xml:id="fn-aw"/>gewiss sich diese Störung darin<note n="aw" target="fn-aw" type="textcritical" xml:id="naw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «gewiß diese Störung sich darin».</note> vollzieht, dass dem Menschen, dem vermeintlich Einen, der <hi rend="italic">Andere</hi>, der wahrhaft Eine in seiner ganzen unerforschlichen Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> begegnet, so gewiss endlich dem Menschen die kräftigste Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an diesen Andern und Einen durch die rätselhafte<term type="begriffe" key="Mitmensch, Rätselhaftigkeit"/> Tatsache des <hi rend="italic">Mitmenschen</hi> auf den Weg gestellt ist, so gewiss muss sich – wir betreten die Sphäre der Anschaulichkeit – die primäre ethische Handlung der Anbetung <hi rend="italic">fort</hi>setzen oder <hi rend="italic">über</hi>setzen, muss die mit solcher Anbetung anhebende und immer wieder anzuhebende Demonstration zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> ihren Fortgang nehmen in der sekundären ethischen Handlung der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zum Mitmenschen"/> zum Mitmenschen. Anbetung <hi rend="italic">bedeutet</hi> Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> (das existentielle, auf Gottes unerforschliche Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> gerichtete Tun des Menschen!), sofern sie sich <hi rend="italic">bedeutungsvoll betätigt</hi> in einem der Liebe zu Gott entsprechenden anschaulichen Tun gegenüber dem an sich unendlich gleichgültigen, als <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des ganz Andern aber, als <hi rend="italic">Anlass, ihn</hi> zu erkennen, als <hi rend="italic">Mandatar</hi> des unbekannten Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> unendlich wichtigen Mitmenschen. Der Mitmensch ist die anschaulich gestellte und anschaulich zu beantwortende Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/>. Die Antwort des Begnadeten, des in Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> dem Unerforschlichen Zugewendeten, ist, als anschauliches Analogon seiner eigenen Erwählung, mit fast unendlicher Wahrscheinlichkeit Agape<term type="begriffe" key="Agape"/> als Menschenliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/>. <hi rend="italic">Anlass</hi>, den Nächsten in ihm zu erkennen, ist der unter die Räuber Gefallene [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30 Lk.10.37">Lk. 10,30–37</ref>], und nur als solcher ist er – unanschaulicherweise – mein Nächster<term type="begriffe" key="Nächster"/>. Mehr darf nicht gesagt werden. Eine direkte allgemeine «Nächsten-» und Bruder- oder auch Fernsten- und Negerliebe ist nicht gemeint. Es bleibt (im Hinblick auf die Doppelheit der Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, in Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> daran, dass Gott auch der größten auf ihn gerichteten Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> als Gott <hi rend="italic">frei</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> gegenübersteht!) die unter Furcht und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] zu er<pb ed="pga" xml:id="p609" break="no"/>wägende, aber durch keine absolute Liebesethik<term type="begriffe" key="Ethik, Liebes-"/> zu beseitigende Restmöglichkeit, Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> auch in einem
<hi rend="italic">andern</hi> anschaulichen Tun bedeutungsvoll zu betätigen als in Menschen<hi rend="italic">liebe</hi><term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/>. Worüber <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> überaus einsichtige Darlegungen (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.14">12,14</ref>) über «Fluchen als ein Werk des Heiligen Geistes»<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/><note xml:id="n41"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 170f</bibl>. (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2050">a.a.O., WA 17/II, 53,5-18.31–37</bibl>.</note> zu vergleichen sind, und worin wir auch mit dem wohl zu verstehenden ersten Johannesbrief<term type="begriffe" key="Johannesbrief"/> <hi rend="italic">nicht</hi> in Kollision zu geraten fürchten. «Daß <pb ed="A" n="438"/> also der Liebe Maß gegen den Nächsten<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> sei Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/>; gleichwie das erste Gebot<term type="begriffe" key="Gebote"/> ein Maß ist aller andern Gebote» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n42"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 171</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2050">a.a.O., WA 17/II, 53,38-54,2</bibl>.</note> Nicht um eine verabsolutierende Empfehlung der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> kann es sich darum hier handeln, so wenig es sich etwa im Vorhergehenden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3 Röm.12.8">12,3–8</ref>) um eine Empfehlung von Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/>, Prophetie<term type="begriffe" key="Prophetie"/>, Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> usf. handelte. Diese relativen Möglichkeiten <hi rend="italic">sind da</hi>, und so auch: die Liebe als <hi rend="italic">die</hi> größte relative Möglichkeit <hi rend="italic">ist da</hi>, wo die Störung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> stattfindet. Wohl aber ist hier zu erinnern an das Besondere, Charakteristische, Kritische der Liebe, sofern sie als relativ größte positive Möglichkeit im Bereich der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> da ist. <hi rend="italic">Bedeutungsvoll</hi> soll sie sich betätigen: wirklich würdig ihres (geliehenen!) Namens<note n="ax" type="textcritical" xml:id="nax"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Nomens».</note> Agape<term type="begriffe" key="Agape"/>, wirklich als <hi rend="italic">positives</hi> Ethos, wirklich als <hi rend="italic">Protest</hi> gegen die Strömung, in <anchor type="note" xml:id="fn-ay"/>der sich der Mensch als Mensch befindet<note n="ay" target="fn-ay" type="textcritical" xml:id="nay"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der der Mensch als Mensch sich befindet». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Das versteht sich nie und nirgends von selbst. Denn wo tritt Menschenliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/> <hi rend="italic">anders</hi> auf als in <hi rend="italic">der</hi> Gestalt, der sie sich ja von Haus aus gerade <hi rend="italic">nicht</hi> fügen sollte: in der Gestalt des <hi rend="italic">Eros</hi><term type="begriffe" key="Eros"/><hi rend="italic">?</hi> Wo würde bei der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> des unbekannten <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> im Menschen nicht etwas mitschwingen von der Anbetung des bekannten Gottes im <hi rend="italic">Menschen?</hi> Wo wäre unsre Menschenliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/> etwa ganz rein, ganz sachlich, ganz unvermischt mit der in die Gestalt dieser Welt sich fügenden Begierde, zu sehen, zu schaffen, zu gestalten, zu besitzen? Eros ist nicht aufrichtig. Eros ist ein Heuchler. Er schlägt als biologische Funktion nur zu schnell aus Hitze in Kälte um. Agape<term type="begriffe" key="Agape"/> ist <hi rend="italic">aufrichtig.</hi> <pb ed="pga" xml:id="p610"/> Darum hört sie nimmer auf [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>], sondern nimmt Teil an der Ewigkeit. Sie erinnert sich, dass es die Frage des verborgenen <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> ist, die uns in der Tatsache des Mitmenschen auf den Weg gestellt ist, dass unser Tun ihm gegenüber unter allen Umständen <hi rend="italic">Gott</hi> verherrlichen soll, dass die Reinheit unsrer Beziehung zu ihm nie in der <hi rend="italic">Bezogenheit</hi> beruhen kann, sondern in ihrer durch «Umdenken» immer neu zu vollziehenden <hi rend="italic">Begründung</hi>, nicht in einem Resultat also (das Zielen auf das Resultat, und wenn es das reinste wäre, ist immer das Zielen des Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>!), sondern in dem <hi rend="italic">in</hi> dieser Beziehung immer wieder darzubringenden reinen <hi rend="italic">Opfer</hi><term type="begriffe" key="Opfer, reinen"/>, in der Reinheit des
<hi rend="italic">Gehorsams</hi><term type="begriffe" key="Gehorsam"/> also und des <hi rend="italic">Respektes</hi> vor dem, der unser Opfer annehmen oder auch nicht annehmen kann. Aufrichtig ist die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, sofern sie – das Ethos biegt zurück von den Geboten<term type="begriffe" key="Gebote"/> der zweiten Tafel zu denen der ersten, von der sekundären Handlung auf die primäre; die Beziehung ist Beziehung auf den <hi rend="italic">Ursprung!</hi> – im <hi rend="italic">Andern</hi> den <hi rend="italic">Einen</hi> sucht, dem <hi rend="italic">Einen</hi> dient, den <hi rend="italic">Einen</hi> meint, wie es in dem oft unvorsichtig laut gerühmten sog. «Hohelied der Liebe» <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13">1.Kor. 13</ref> unmissverständlich beschrieben ist. «Ein jeder sein Gesichte mit ganzer Wendung richte <pb ed="A" n="439"/> steif nach Jerusalem» (<persName ref="kbga-actors-797">Tersteegen</persName>)<note xml:id="n43"> Schlusszeilen der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">Strophe 2 des Chorals «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS [1891] 327; EG 393, mit Abweichungen)</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert den ursprünglichen Wortlaut: <bibl corresp="kbga-bibls-3702"><hi rend="italic">Gerhard Tersteegen’s geistliches Blumengärtlein inniger Seelen, nebst der Frommen Lotterie</hi>, nach der Ausgabe letzter Hand, Stuttgart o.J., S. 328.</bibl></note> – auf die sichere Gefahr hin, dass man dabei sich selbst und dem Andern «zu nahe trete».</p>
<p><hi rend="italic">«Verabscheut das Böse, klammert euch an das Gute!»</hi> – am Mitmenschen nämlich. In das Schema des Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> fügt sich gerade dieses Unterscheiden ganz und gar nicht. Eros ist nicht nur unaufrichtig, sondern auch unkritisch. Er weiß ja nichts von dem <hi rend="italic">Andern</hi> im Andern. Er sieht im Andern nur den, der <hi rend="italic">er ist.</hi> Er «liebt» ihn in seiner nicht-existentiellen<term type="begriffe" key="existentiell"/> Existenz, ohne zu merken, dass dies eben sein «Böses»<term type="begriffe" key="Böse"/> ist. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> aber ist das beständige Erwählen und Verwerfen des Andern, das Erwählen dessen, was <hi rend="italic">er nicht</hi> ist (und dies ist sein «Gutes»!), das Verwerfen dessen, was <hi rend="italic">er ist</hi> (und dies ist in seiner Totalität sein «Böses»<term type="begriffe" key="Böse"/>!). Man beachte <persName ref="kbga-actors-5231">Blühers</persName> Hinweis<note xml:id="n44"> <bibl corresp="kbga-bibls-3703"><persName ref="kbga-actors-5231">H. Blüher</persName>, <hi rend="italic">Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi</hi>, Prien 1921, S. 254.</bibl></note> darauf, dass <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πονηρόν</foreign> <pb ed="pga" xml:id="p611"/> wörtlich «lastvoll» bedeutet, d. h. das allem psychologisch Wirklichen durch sein Verflochtensein in die Gegebenheit anhaftende Zweideutige, Nicht-Reine, den «Erdenrest, zu <hi rend="italic">tragen</hi> peinlich»<note xml:id="n45"> <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V.11954f. (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>.</note>, und als <hi rend="italic">solches</hi> das Böse. Liebe ist die Frage, die sich an den Andern richtet, die drängende Frage: Was ist gut? Was ist böse?<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, in die auch er versetzt wird. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> ist darum, kraft ihres unvermeidlichen Rekurrierens auf die Liebe zu <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, nie das scheinbar Eindeutige, Direkte, Unmissverständliche, nach dem die Sentimentalen schreien. Sie kann angenehm <hi rend="italic">und</hi> unangenehm berühren, nachgiebig <hi rend="italic">und</hi> unerbittlich sein, Frieden<term type="begriffe" key="Friede"/> halten <hi rend="italic">und</hi> streiten. Gottes Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> «soll vorgehen über alle gute Werke<term type="begriffe" key="Werk, gutes W."/> und Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zum Menschen"/>, die ich dem Nächsten tun könnte; und wenn ich könnte alle Welt selig machen auf einen Tag und wäre nicht Gottes Wille, so soll ich’s doch nicht tun» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n46"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 171</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2050"><hi rend="italic">Fastenpostille 1525</hi>. <hi rend="italic">Epistel auf den 2. Sonntag nach Epiphanias. Röm. 12,6ff.</hi>, WA 17/II, 53,34-37</bibl> (Eberle: «soll ich’s», WA: «sollt ichs»).</note> Nur die Liebe, die die Kraft hat, das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> zu verabscheuen, hat auch die Kraft, sich an das Gute zu klammern, zu vergessen, indem sie weiß, zu vergeben, indem sie straft, <hi rend="italic">ganz</hi> anzunehmen, indem sie <hi rend="italic">ganz</hi> ablehnt, den Andern aus seinem Ja heraus (aber aus seinem wohlverstandenen Ja und darum wahrhaftig aus seinem Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>!) zu begreifen, von dort aus ihn anzufassen, wo er von <anchor type="note" xml:id="fn-az"/>Gott schon angefasst – <hi rend="italic">ist!</hi><note n="az" target="fn-az" type="textcritical" xml:id="naz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Gott angefaßt – schon <hi rend="italic">ist!</hi>». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> <hi rend="italic">Sie</hi> ist <hi rend="italic">die</hi> Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, auf die er (trotz seines klagenden Widerspruchs!) zuletzt und zutiefst wartet und Anspruch hat, während Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> ihm gerade das wahrhaft Rechtfertigende und Erlösende immer schuldig bleiben wird.</p>
<p><hi rend="italic">«Seid gegenseitig zärtlich in der Brüderlichkeit!»</hi> Was liegt, wenn wir alle vor Gott stehen, näher als der Gedanke, dass wir alle Brüder<term type="begriffe" key="Bruder"/> sind? Aber so gewiss dieses «vor Gott Stehen» sich nicht in die «Gestalt dieser Welt» fügt (der einzigen, die wir kennen!), so gewiss liegt Brüderlichkeit<term type="begriffe" key="Brüderlichkeit"/> <hi rend="italic">vor Gott</hi> als Ereignis nie und nirgends auf der Hand. Bruderschaft ohne Furcht und <pb ed="A" n="440"/> Zittern, ohne das Wissen, dass wir <hi rend="italic">nur</hi> in Gott Brüder sein können, alle direkte, spezielle, alle nicht streng <hi rend="italic">dienstliche</hi> Bruderschaft gehört in die Kategorie des groben <pb ed="pga" xml:id="p612"/> Unfugs (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.27">1,27</ref>!) und ist dem Herrn ein Greuel. «Zärtlich» heißt im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/>, heißt existentiell verstanden dienlich<note n="ba" type="textcritical" xml:id="nba"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dienstlich».</note>, sachlich, aufs Ziel gerichtet, kritisch. Nur in dieser Bestimmtheit ist Brüderlichkeit Demonstration gegen die Gestalt dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/>, nur in ihr liegt die Überwindung des Versagens, der Rückschläge und Enttäuschungen, die Alles, was wir als Brüderlichkeit<term type="begriffe" key="Brüderlichkeit"/> kennen, unvermeidlich mit sich bringt.</p>
<p><hi rend="italic">«Kommt euch zuvor in der Ehrerbietung!»</hi> Wiederum nahe liegt, wenn es wahr ist, dass uns in der «Gemeinde»<term type="begriffe" key="Gemeinde"/>, d. h. aber in der Person des Andern das Geheimnis Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> anschaulich begegnet, die Forderung des Respekts vor der Persönlichkeit. Dem steht gegenüber die Misstrauen erweckende Tatsache, dass diese Forderung immer von Solchen erhoben zu werden pflegt, die sich selbst nicht genügend respektiert glauben. Sie erinnert uns an die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, ethische"/>, in der sich auch diese ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/> befindet. Innerhalb der «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> kennen wir Ehrerbietung nur als jenes gegenseitige Hutlüften und Komplimentieren, bei dem jeder verkappterweise sich selbst meint. Ethos liegt im Respekt<term type="begriffe" key="Respekt, vor anderen"/>, den wir vor den Andern haben, nur sofern er <hi rend="italic">un</hi>bedingter, <hi rend="italic">nicht</hi> auf Gegenseitigkeit beruhender, sondern <hi rend="italic">zuvor-</hi>kommender Respekt ist. Denn nur dann <hi rend="italic">bedeutet</hi> er (und das Ethos beruht in diesem Bedeuten!) den Respekt, den wir Gott<term type="begriffe" key="Respekt, vor Gott"/> schuldig sind. Bedenken lernen, was Respekt <hi rend="italic">bedeutet</hi>, ist der einzige Weg zum Respekt vor der Heiligkeit<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/> des Menschen, ohne den die Gesellschaft ein Tollhaus ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Seid nicht träge im Ernstmachen!»</hi> Dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> keinen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, des Ernstmachens"/> kenne, in dem es nicht Ernst gelte (<persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>)<note xml:id="n47"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 91.</bibl></note>, ist glatt zu bestreiten. «Ernstmachen» bedeutet laut <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.8">12,8</ref> jenes sachliche Imponieren und sich Durchsetzen, das von einem Menschen ausgehen muss, der wirkliche Autorität hat, weil er dem Andern gegenüber tatsächlich den <hi rend="italic">Einen</hi> vertritt. Gewiss, eine sehr naheliegende Forderung der Menschenliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/>: so sollten wir unter dem Eindruck der großen Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> und um für sie und gegen die unverschämte Sicherheit des Menschen zu demonstrieren, auftreten: Ernst machend, so dass jeder <pb ed="pga" xml:id="p613"/> ­Widerspruch erstickt und ausgeschlossen ist, jenen zuvorkommenden Respekt des Andern einfach erzwingend, die Diktatur der sachlichen Überlegenheit aufrichtend. Aber was <hi rend="italic">wir</hi> jeden Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, des Ernstmachens"/> als Autorität, als «Ernstmachen» kennen, das ist doch wahrhaftig nicht <hi rend="italic">das!</hi>, das fügt sich doch wahrhaftig nur zu gut in die «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> mit <hi rend="italic">ihren</hi> Diktaturen! Wo ist eine Autorität, von der etwas anderes zu sagen wäre? Auf der Waagschale liegt auch alles <pb ed="A" n="441"/> unser Imponieren! «Seid nicht träge!» Bleibt nicht sitzen auf <hi rend="italic">eurer</hi> Autorität! Macht das geltend, <anchor type="note" xml:id="fn-bb"/>was <hi rend="italic">nicht ihr</hi> seid, <hi rend="italic">nicht ihr</hi> wisst und tut!<note n="bb" target="fn-bb" type="textcritical" xml:id="nbb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «was <hi rend="italic">nicht ihr</hi> seid, wißt, tut!».</note> Gebt keine Antworten, stellt nur <hi rend="italic">Fragen!</hi> Imponiert damit, dass ihr auf alles Imponieren <hi rend="italic">verzichtet!</hi> Eine andere Solennität<term type="begriffe" key="Solennität"/> als die Solennität der Sache (die <hi rend="italic">nicht eure</hi> Sache ist!) gibt es nicht. Aber der Augenblick, wo die Sache ihre solenne Sprache sprechen und euch in den Genuss <hi rend="italic">ethischen</hi> Respektes<term type="begriffe" key="Respekt, ethischen"/> versetzen wird – wird <hi rend="italic">kein</hi> Augenblick sein!</p>
<p><hi rend="italic">«Brennet im Geiste!»</hi> Der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> eine ethische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>? Ja, im gleichen Sinn wie die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>. Im gleichen Sinn weisen ja alle die hier berührten anschaulichen, abgeleiteten Begriffe zurück auf eine hinter ihnen liegende, störend-verheißungsvoll in das Leben der Menschen hineinragende, unanschauliche Größe. «Geist» bedeutet hier offenbar eine subjektiv-innerliche Motivierung und Orientierung des menschlichen Handelns im Gegensatz zu der nachher zu nennenden objektiv-äußern. Vielleicht wäre «Gewissen»<term type="begriffe" key="Gewissen"/> oder «Überzeugung» der Begriff für die hier gemeinte, durch die Beziehung des Menschen zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> nahegelegte psychologische Begründung menschlichen Tuns. Jedenfalls ist es auch hier nicht die Meinung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, als ob uns der «Geist» jeden Augenblick treibe (<persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>).<note xml:id="n48"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 91.</bibl></note> Was heißt Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>? Das, was uns jeden Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, was uns in jedem A. treibt"/> treibt? Das Laue, Warme, Heiße, Glühende, was wir als «Gewissen<term type="begriffe" key="Gewissen"/>» und «Überzeugung» kennen? <hi rend="italic">Das</hi> fällt aus der Linie des Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> heraus, <hi rend="italic">das</hi> können die Andern auch! <hi rend="italic">Brennet</hi> im Geiste! <hi rend="italic">Wenn</hi> einmal (jeden Augenblick?!) die letzte, direkte, undiskutable Motivierung aus Intuition und innerer Notwendigkeit, dann, der Würde der Sache gemäß, ein Schlag mit solcher Kraft, dass ihr euch selbst aufhebt, dann jene rücksichtslose euch <pb ed="pga" xml:id="p614"/> selbst richtende, verzehrende Entschiedenheit, der die Beteuerung, dass es sich nicht um <hi rend="italic">einen</hi>, nicht um <hi rend="italic">euren</hi>, sondern um <hi rend="italic">den</hi> Geist handle, nicht erst zu folgen braucht. Dann: «Es gelte hut und beltz, nit wyche!» (<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>).<note xml:id="n49"> <bibl corresp="kbga-bibls-3704"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">In epistolam ad Romanos annotationes</hi>, Opera, Bd. 6, Teil II, Zürich 1838, S. 122</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Oportet Christianum hominem ita esse animatum, ut cum iactura vitae et sanguinis gloriam dei et veritatem tueri sit paratus</foreign>: Es gelte hut und beltz, nit wyche.» Im Brief an <persName ref="kbga-actors-7081">E. Cl. Hoskyns</persName> vom
<date when="1932-09-18">18.9.1932</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9232.268</idno>) erklärt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Ausdruck so: «Und wenn man Haut und Pelz einsetzen (und drangeben) müsste – nicht weichen!»</note> Nein, auch dieser Augenblick wird <hi rend="italic">kein</hi> Augenblick sein.</p>
<p><hi rend="italic">«Dienet der Zeit!»</hi> Das Gegenstück zum Vorigen. Ist die Zeit mit ihren zur Hand liegenden nächsten Aufgaben nicht qualifiziert durch den Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der göttlichen Störung"/> der großen göttlichen Störung<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/>? Ist sie (die Geschichte!) etwas Anderes als der objektive, von außen redende Geist? Ist’s nicht ebenso möglich, ja notwendig, sein Handeln ganz und gar durch die Zeit motivieren zu lassen? Ja, aber der Zeit dient auch der Herr Jedermann! Ob unsre Zeit qualifizierte Zeit, Jetztzeit<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">8,18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.11">13,11</ref>), Zeit voll <hi rend="italic">Bedeutung ist</hi>, an der man sich orientieren darf und kann, das ist zu jeder Zeit die <hi rend="italic">Frage.</hi> Also: <hi rend="italic">Dienet</hi> der Zeit! <hi rend="italic">Hinein</hi> in die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, der Lage"/> der Lage, des <pb ed="A" n="442"/> Augenblicks<term type="begriffe" key="Krisis, des Augenblicks"/>! Durch dieses <hi rend="italic">Hinein</hi>gehen kommt es zur Entscheidung. Warum sollte die Zeit nicht voll Bedeutung sein in der ganzen Fragwürdigkeit ihrer zufälligen Bestimmtheit. Aber dann <hi rend="italic">dienet</hi> ihr, dann seid ihr <hi rend="italic">ganz</hi> gehorsam, dann stoßt durch alle ihre Zufälligkeiten hindurch und über sie hinaus vor bis zu ihrem tiefsten kritischen Gehalt. Tut ihr das, so ist auch diese Motivierungsmöglichkeit ethisch<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, so seid ihr, gerade indem ihr der Zeit dient, sicher nicht «zeitgemäß».</p>
<p><hi rend="italic">«Freut euch in der Hoffnung!»</hi> Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, als Ethos"/> als Ethos? Jawohl, die große Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, grosse"/>, die Gott dem Menschen vorhält, zwingt ihn, durch Hoffen für Gott und gegen den Lauf der Welt zu demonstrieren. Aber wer «hofft» nicht? Was macht unser Hoffen zur ethischen Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/>? Die Freude<term type="begriffe" key="Freude"/>! Hoffen heißt Nicht-Sehen, Entbehren, leere Hände haben, vor dem Nein stehen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.24 Röm.8.25">8,24–25</ref>). Im vollen Gegensatz dazu ist Freude Gegenwart, Besitz, Nicht-Warten, schon Haben! Freude in der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, Freude in der H."/> heißt: in<note n="bc" type="textcritical" xml:id="nbc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): <hi rend="italic">«in»</hi>.</note> der Hoffnung, ohne zu sehen, Gott erkennen <pb ed="pga" xml:id="p615"/> und sich <hi rend="italic">daran genügen</hi> lassen. Darum macht Freude das Hoffen zur ethischen Tat. <hi rend="italic">Freude</hi> in der Hoffnung ist das Tun, das Hoffnung auf Gott bedeutet: <hi rend="italic">die</hi> Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>].</p>
<p><hi rend="italic">«Beharret in der Bedrängnis!»</hi> Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> als Ethos? Ja, wo und wie könnten wir denn Gott die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> geben außer als Bedrängte? «Wir rühmen uns der Bedrängnisse» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.3">5,3</ref>). Bedrängtsein ist ein positives Tun des Menschen. Es bedeutet ein Verdrängtsein des Menschen, ein Vordrängen Gottes. Aber auch das nicht ohne weiteres, nicht direkt. Bedrängnis kommt zunächst «über jedes Menschen Seele<term type="begriffe" key="Seele"/>, der das <hi rend="italic">Böse</hi> tut» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.9">2,9</ref>). Bedrängnis ist das negative Korrelat des natürlichen Lebensdranges. Zum Protest <hi rend="italic">gegen</hi> die Tendenz dieser Welt muss sie werden durch das <hi rend="italic">Beharren.</hi> Beharren<term type="begriffe" key="Beharren"/> heißt: den lieben, der uns bedrängt, heißt: <hi rend="italic">in</hi> der Bedrängnis, ohne zu sehen, Gott erkennen<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> und sich <hi rend="italic">daran genügen</hi> lassen. So macht das Beharren die Bedrängnis zur ethischen Tat, gibt ihr die Bedeutung eines Schrittes von hier nach dort. Beharren bedeutet: hier wird an Gott <hi rend="italic">geglaubt</hi><term type="begriffe" key="Glaube, an Gott"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Haltet an im Gebet!»</hi> Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> als Ethos? Ja, Beten ist wahrhaftig auch ein Tun. (Von einem sekundären Tun, vom Beten als Vorgang, nicht von der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/>, die wir als primäres, alles Tun eröffnende Handlung kennen, ist hier sichtlich die Rede.) Was bleibt uns denn übrig unter dem unermesslichen Druck unsrer Lage, als Menschen Gott gegenüber, als zu ihm zu rufen, zu schreien, wie die Psalmsänger<term type="begriffe" key="Psalmsänger"/> und alle, die die Dinge sahen, wie sie sind, <hi rend="italic">geschrien</hi> haben zu Gott: uns ihm zu unterwerfen, weil er <hi rend="italic">Gott</hi> <pb ed="A" n="443"/> ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>, ihm zu danken (aber nie ohne Entsetzen!), dass er <hi rend="italic">Gott</hi> ist, ihn anzuflehen, dass er <hi rend="italic">Gott, unser</hi> Gott sei und bleibe. Unerhört fremdartig ragt <hi rend="italic">dieses</hi> Tun in die Welt des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, des Menschen"/> hinein, unerhört nahe kommt es einem Durchbruch aus dem Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> ins absolute Tun<term type="begriffe" key="Tun, absolutes"/>. Aber welches menschliche Tun stünde gleichzeitig tiefer in der Problematik alles menschlichen Tuns als <hi rend="italic">dieses?</hi> Erschütternd klar ist es ja durch <persName ref="kbga-actors-169">Heilers</persName> Buch<note xml:id="n50"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Fr. Heiler</persName>, <hi rend="italic">Das Gebet. Eine religionsgeschichtliche und religionspsychologische Untersuchung</hi>, München 1920<hi rend="sup">2</hi></bibl>.</note> geworden, <hi rend="italic">wie</hi> profan<term type="begriffe" key="profan"/> gerade die «Welt des Gebets» ist, <hi rend="italic">wie</hi> nahe wir uns gerade hier dem gänzlich Absurden befinden. «Was wir beten sollen nach Gebühr, wissen wir nicht» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">8,26</ref>). Zur ethischen Tat wird das Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> durch das <hi rend="italic">Anhalten.</hi> Anhalten ist nicht die Häufung der Quantität oder die Ver<pb ed="pga" xml:id="p616" break="no"/>feinerung der Qualität des Betens, sondern das Anhalten in der Richtung, die Kontinuität des <hi rend="italic">Gebets</hi> im Gebet;<note n="bd" type="textcritical" xml:id="nbd"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Gebet:».</note> <hi rend="italic">Gott</hi> ist gemeint, wird gesucht, <hi rend="italic">Gott</hi> will<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/>, dass gebetet wird. Als solche Richtungnahme bedeutet dann Beten das Seufzen <hi rend="italic">des</hi> Geistes in uns, der nicht unser Geist ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.27">8,27</ref>).</p>
<p><hi rend="italic">«Nehmt Anteil an dem, was für die Heiligen getan wird! Die Gastfreundschaft pfleget!»</hi> Wie direkt und konkret es mit allen den genannten Möglichkeiten gemeint ist, erhellt aus der historischen Einmaligkeit gerade dieser beiden Forderungen. Es handelt sich im ersten Fall um die Beteiligung an der <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.8 2.Kor.9">2.Kor. 8–9</ref> mit rätselhaftem Nachdruck besprochenen Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem<term type="begriffe" key="Kollekte für Gemeinde in Jerusalem"/>, im zweiten um die Aufnahme zureisender oder durchreisender Glaubensgenossen in Rom<term type="begriffe" key="Rom"/>. Gemeinsam ist beiden Forderungen, dass sie ein durch die Einheit der Gemeinde in Christus<term type="begriffe" key="Gemeinde, in Christus"/> nahegelegtes, menschlich betrachtet aber <hi rend="italic">fern</hi>liegendes, <hi rend="italic">fremd</hi>artiges, <hi rend="italic">nicht-</hi>selbstverständliches Tun betreffen, Gelegenheiten, die als solche <hi rend="italic">verstanden</hi> werden müssen. Am materiellen <hi rend="italic">Zweck</hi> und <hi rend="italic">Inhalt</hi> des geforderten Handelns, der in aller modernen Liebestätigkeit<term type="begriffe" key="Liebestätigkeit, moderne"/> das Eins und Alles ist, scheint <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier wie im zweiten Korintherbrief<term type="begriffe" key="Korintherbrief, zweiter"/> kaum irgend ein Interesse zu nehmen. In seiner Form, in seinem demonstrativen Charakter als Überwindung jener Spannung, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Einen im Andern"/> des Einen im Andern (hier des <hi rend="italic">Fremden</hi> im prägnanten Sinn!) liegt seine Bedeutsamkeit und in seiner Bedeutsamkeit sein Ethos.</p>
<p><hi rend="italic">«Segnet die Verfolger, segnet und fluchet nicht!»</hi> Die Störung durch Gott<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> zieht, weil sie auch den Andern stört, notwendig Verfolgung<term type="begriffe" key="Verfolgung"/> auf den, der zunächst davon betroffen ist. Je unanschaulicher und indirekter der Angriff des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> auf die Gesellschaft ist, desto weniger kann er ungestraft bleiben. Auch die «Verfolgung» ist also die mit der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> grundsätzlich ohne weiteres gegebene Situation. Aber nicht gegeben ist das ihr entsprechende <pb ed="A" n="444"/> Ethos. Der «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> würde es entsprechen, hier zu «fluchen». Fluchen<term type="begriffe" key="Fluch"/> ist – und darum wird es hier ausdrücklich erwähnt – eine in der Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/> durchaus <hi rend="italic">auch</hi> vorgesehene, letzte, solenne<term type="begriffe" key="Solennität"/> Protestmöglichkeit, nämlich «als Gottes Fluchen wider des Teufels Fluchen. Wo der Teufel<term type="begriffe" key="Teufel"/> durch die Seinen Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> wehrt, verdirbt oder hindert, … da ist es Zeit, daß <pb ed="pga" xml:id="p617"/> der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> hervorbreche, fluche und wünsche, daß solch Hindernis untergehe, auf daß dem Segen<term type="begriffe" key="Segen"/> Gottes Raum bleibe» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n51"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 170f.</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2050"><hi rend="italic">Fastenpostille 1525</hi>. <hi rend="italic">Epistel auf den 2. Sonntag nach Epiphanias. Röm. 12,6ff.</hi>, WA 17/II, 53,10-12.14f.</bibl> (WA wie auch, orthographisch modernisiert, Eberle: «Und gehet hie also zue, das fluchen widder fluchen geschiht, Gottis fluchen widder des teuffels fluchen.» - «das solch fluchen und hyndernis unter gehe.»).</note> – aber nicht in <hi rend="italic">diesem</hi> Zusammenhang. Gerade sofern der Verfolger den Begnadigten persönlich mit Leiden bedroht, ist er nicht der Feind, sondern der <hi rend="italic">Bote</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Bote Gottes"/>, der als solcher begrüßt sein will; er ist der <hi rend="italic">Andere</hi><term type="begriffe" key="Andere, der"/> in seiner finstersten Rätselhaftigkeit und also die Gelegenheit sondergleichen, etwas relativ Unzweideutiges zu tun, in diesem Fall den Griff nach der Waffe zu unterlassen, zu segnen, statt zu fluchen, um (in voller sachlicher Unerbittlichkeit) durch<term type="begriffe" key="Menschheit"/> dieses Unerwartete die von jenem befürchtete Störung erst recht groß zu machen. Solches Segnen<term type="begriffe" key="Segen"/> bedeutet dann zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> mitten im Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/> in besonders starker Weise, dass wir im Andern den Einen erkennen.</p>
<p><hi rend="italic">«Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden!»</hi> Eine<note n="be" type="textcritical" xml:id="nbe">Im<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> sind als gestrichener Text einige Zeilen der Vorstufe der gedruckten Auslegung erhalten geblieben: «Wir berühren hier die letzte positiv-ethische Möglichkeit, den Scheitelpunkt, wo das Eilen übergeht ins Warten, von wo an das durch die Gnade gebotene Tun nun auch als Nicht-Tun zu beschreiben ist. Wie sehr <hi rend="italic">alle</hi> ethischen Möglichkeiten».</note> letzte Aussicht eröffnet sich am Ende der bisher verfolgten Linie. Ist der Andere als Verfolger der Bote Gottes<term type="begriffe" key="Bote Gottes"/>, warum nicht auch der Andere in seinem Jubel und in seinem Jammer? Sind etwa Fröhlichsein und Weinen <hi rend="italic">nur</hi> die Gipfelpunkte des biologischen (erotischen) Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/>? Sollte es angebracht sein, sollte es eine sachgemäße Antwort auf die uns hier durch den Andern gestellte Frage sein, der Freude die stoische Überlegenheit und dem Schmerz die stoische Gelassenheit entgegenzustellen? Nein, sondern wo gelacht und geweint wird, da ist Anlass zu bedenken, dass das menschliche Pathos selbst gerade in seinen <hi rend="italic">Grenz</hi>punkten so fragwürdig wird, dass es über sich selbst hinausweist und <hi rend="italic">gleichnis</hi>fähig wird. Es gibt ein Lachen<term type="begriffe" key="Lachen"/>, das das Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> bedeutet, und es gibt ein Weinen<term type="begriffe" key="Weinen"/>, das das Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> bedeutet. Es gibt ein Lachen <hi rend="italic">oder</hi> Weinen, das das <hi rend="italic">Eine</hi> bedeutet. Gefährlich dann aller Stoizismus und Moralismus<term type="begriffe" key="Moralismus"/>, alles Belehren und Bekehrenwollen, <pb ed="pga" xml:id="p618"/> alles materielle Kontrasthandeln. Es könnte dann gegen Gott streiten<term type="begriffe" key="Streit, gegen Gott"/>, wie <persName ref="kbga-actors-9704">Michal</persName> gegenüber <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName> Tanzen vor der Bundeslade<term type="begriffe" key="Bundeslade"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.6.16">2.Sam. 6,16</ref>] oder <persName ref="kbga-actors-2193">Hiobs</persName> Freunde gegenüber seinem Heulen [vgl. Hiob 4-28]. Der einzulegende Protest besteht hier erstaunlicherweise in der <hi rend="italic">Bejahung</hi> des Menschen in der höchsten Ekstase<term type="begriffe" key="Ekstase"/> seiner Freude oder seines Schmerzes. Das Ethos muss hier eingehen in jene paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox"/> Unkenntlichkeit des Sohnes Gottes<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>, in das «Gleichnis des sündebeherrschten Fleisches» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3">8,3</ref>). Der Freie muss hier frei <hi rend="italic">tragen.</hi> Der Wissende muss hier wissend <pb ed="A" n="445"/> <hi rend="italic">nicht-wissen.</hi> Denn die Demonstration gegen die «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> muss gerade hier darin bestehen, den Andern <hi rend="italic">vergessen</hi> zu lassen, dass er uns der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/> ist; sondern sehen soll er (um sich selbst zu sehen!), dass er uns in seiner höchsten und tiefsten Bewegtheit Zeugnis des Einen ist. Es gibt ein Mitlachen und Mitweinen mit dem von Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>, dem Lügner, hin- und hergerissenen Menschen, das die Wahrheit, das das Erbarmen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> verkündigt. Darum: <hi rend="italic">Freuet</hi> euch mit den<note n="bf" type="textcritical" xml:id="nbf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «dem».</note> Fröhlichen, <hi rend="italic">weinet</hi> mit den Weinenden! Wie sehr alle ethischen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/> einer letzten <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis, letzte"/> unterliegen, wird gerade an dieser Forderung deutlich, in der die ausdrückliche kritische Wendung <hi rend="italic">unterbleibt</hi> und deren Wortlaut gleichzeitig die größte Frivolität und – Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> unter den Sündern bedeuten kann, eine Beobachtung, die gerade durch die Unsicherheit, in die sie uns versetzt, mit erneuter Dringlichkeit von allem sekundären auf das primäre ethische Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> und darüber hinaus auf seinen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> verweist.</p> 
</div> 




<div>
<head><hi rend="smallCaps">Negative Möglichkeiten</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16 Röm.12.20">12,16–20</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16 Röm.12.20">V. 16‒20</ref> Sinnet gegenseitig auf das Eine, indem ihr nicht nach den Höhen sinnt, sondern euch herabführen lasst in die Niederungen! Folgt nicht eurer zufälligen Einsicht! Vergeltet Keinem Böses mit Bösem! Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut <pb ed="pga" xml:id="p619"/> ist! Sofern es von euch aus möglich ist, haltet Frieden mit allen Menschen! Verschafft euch nicht selbst Recht, Geliebte, sondern gebt das Feld frei dem Zorne Gottes! Denn es steht geschrieben: Meine Sache ist’s, das Recht aufzurichten, ich werde vergelten! spricht der Herr. Aber wenn deinen Feind hungert, so speise ihn! Dürstet ihn, so tränke ihn! Denn indem du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt häufen.</hi></p>
<p><hi rend="italic">Negativ-</hi>ethisch nennen wir ein Wollen und Tun, das positiv ist in seinem Verhältnis zur <hi rend="italic">kommenden</hi> Welt, das sich einfügt in die Verwandlung <hi rend="italic">dieser</hi> Welt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>). Wiederum kann dies im eigentlichen Sinn nur von Gottes eigenem Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> und Tun gesagt werden. Wir kennen keine menschliche Möglichkeit, auch keine negative, kein Nicht-Tun, das an sich eine Möglichkeit des Himmelreichs<term type="begriffe" key="Himmelreich"/> wäre. Wohl aber kann es, wie ein Wollen und Tun, so auch ein <hi rend="italic">Nicht-</hi>Wollen und <hi rend="italic">Nicht-</hi>Tun geben, das in aller Relativität voll Gleichnisfähigkeit, Zeugniskraft und Jenseitstendenz<term type="begriffe" key="Jenseitstendenz"/> ist: mensch<pb ed="A" n="446" break="no"/>liche <hi rend="italic">Unterlassungen</hi>, die dringend hinweisen auf das ihnen unanschaulich gegenüberstehende, das menschliche Handeln sozusagen aus dem Felde schlagende (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.18">12,18</ref>) Handeln Gottes<term type="begriffe" key="Handeln, göttliches"/>, seltsame Einbuchtungen der geraden Linie des menschlichen Tuns, die das Vorhandensein eines Druckes von unanschaulicher Ursache bedeuten und verkündigen können. Sehr <hi rend="italic">wahrscheinlich</hi> ist es, dass im Bereich der Gnade diese Unterlassungen <hi rend="italic">stattfinden</hi> werden. Wir sagen nicht <hi rend="italic">mehr</hi>, wir lehnen also auch hier eine sog. präzise<term type="begriffe" key="Präzisismus"/>, eine absolute Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, der sekundären Handlungen"/> der sekundären Handlungen, ein Aufstellen von schlechthinigen Verboten ausdrücklich ab. Denn was immer von positiven <hi rend="italic">oder</hi> negativen Möglichkeiten genannt werden mag, sind<note n="bg" type="textcritical" xml:id="nbg"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «es sind».</note> Möglichkeiten des <hi rend="italic">Menschen</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, es sind zweideutige Möglichkeiten, die dem Vorbehalt Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Vorbehalt"/>, der richtenden Instanz der ersten Tafel, der Krisis vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/> unterliegen. Gerade in dieser ihrer <hi rend="italic">Beziehung</hi> zum <hi rend="italic">Ursprung</hi> sind sie <hi rend="italic">ethische</hi> Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, während gerade ihr <hi rend="italic">Ethos verraten</hi> wird, wenn es in ihnen selbst, in ihrem <hi rend="italic">Inhalt</hi> gesucht wird.</p>
<p><hi rend="italic">«Sinnt gegenseitig auf das Eine, indem ihr nicht nach den Höhen sinnt, sondern euch herabführen lasst in die Niederungen!»</hi> Nicht von jenem allem Tun und Nicht-Tun als grundsätzliche Regel vorausge<pb ed="pga" xml:id="p620" break="no"/>henden «Sinnen auf Besonnenheit» im Gegensatz zum «Sinnen nach einer Höhe, die keinen Sinn hat» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3">12,3</ref>), scheint hier zunächst die Rede zu sein, sondern ganz konkret und anschaulich vom Verhältnis des Menschen zu den bekannten «Höhen» und «Niederungen», zum «Ja» und «Nein»<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> der zufälligen Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt, zufälliger"/>. Und hier muss es nun ausgesprochen sein, dass eine grundsätzlich <hi rend="italic">misstrauische</hi> Stellung zu Allem, was in dieser Welt «Höhe» ist, eine grundsätzliche <hi rend="italic">Hinneigung</hi> zu ihren «Niederungen» eine unvermeidliche Folge der Störung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> ist. Gewiss ist die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, wie wir öfters hörten, die Negation aller diesseitigen Positionen <hi rend="italic">und</hi> Negationen. 
Das ändert aber nichts daran, dass Auferstehung am Rande gerade einer <hi rend="italic">diesseitigen</hi><note n="bh" type="textcritical" xml:id="nbh">Druckmanuskript: «einer solchen <hi rend="italic">diesseitigen</hi>».</note> <hi rend="italic">Negation</hi> stattfindet, dass ihr anschauliches Gleichnis <anchor type="note" xml:id="fn-bi"/>keineswegs etwa ein Moment von Lebensfülle und -entfaltung ist<note n="bi" target="fn-bi" type="textcritical" xml:id="nbi"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «keineswegs ein [...] etwa ist». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, sondern das leibliche <hi rend="italic">Sterben</hi> des Christus<term type="begriffe" key="Sterben, des Christus"/> nach dem Fleische<term type="begriffe" key="Jesus Christus, nach dem Fleische"/>. Die «Niederungen» unsrer zufälligen Lebensinhalte haben relativ <hi rend="italic">mehr</hi> Zeugniswert als die Höhen. <hi rend="italic">Wir</hi> stehen <hi rend="italic">tiefer</hi> im Nein als im Ja. 
Wir möchten das Verständnis für diese <hi rend="italic">Störung</hi> des Gleichgewichts der Lebensbetrachtung geradezu als <foreign xml:lang="lat">conditio sine qua non</foreign> für das Verständnis des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Verständnis des R."/> und seiner Botschaft aufstellen. Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des <hi rend="italic">Todes</hi><term type="begriffe" key="Tod"/> ist im Lichte der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, im Licht der A."/> zunächst Alles, was wir als <hi rend="italic">Leben</hi>, Fülle, <pb ed="A" n="447"/> Größe, Gestalt und «Höhe» kennen. Gleichnis des <hi rend="italic">Lebens</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis, des Lebens"/> aber ist in diesem Lichte der <hi rend="italic">Tod</hi> und Alles, was als Abnehmen, Klein- und Schwachsein, als Entbehren und «Niederung» dem Tode verwandt ist. «<hi rend="italic">Er</hi> muss wachsen, ich aber muss <hi rend="italic">abnehmen.</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.30">Joh. 3,30</ref>]. Das ist die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/>. Ein Schatten von Unwichtigkeit, Fraglichkeit und Bedenklichkeit fällt <anchor type="note" xml:id="fn-bj"/>damit auf jede «Höhe», <hi rend="italic">nicht mehr zu ignorieren</hi>, jeden Punkt unsrer Tagesordnung <hi rend="italic">einzeln</hi> belastend, also nicht bloß in globo vorauszusetzen, nicht zu umgehen durch rasche Proklamation des Interims<term type="begriffe" key=" Interim"/>, 
sondern immer wieder zu beachten als die nie erledigte Frage, ob diese Proklamation etwa berechtigt sei<note n="bj" target="fn-bj" type="textcritical" xml:id="nbj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «damit – <hi rend="italic">nicht mehr zu ignorieren</hi>, jeden Punkt unsrer Tagesordnung <hi rend="italic">einzeln</hi> belastend, also nicht bloß in globo vorauszusetzen, um dann mit rasch wiedergefundenem ‹Idealismus› das Interim zu proklamieren, sondern als nachdrücklichste und nie erledigte Frage, ob diese Proklamation etwa berechtigt sei – auf <hi rend="italic">jede</hi> ‹Höhe›». Korrektur teilweise in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> «sinnt nicht nach den Höhen». <pb ed="pga" xml:id="p621"/> Es liebt es nicht, von der schöpferischen Entwicklung der Welt<term type="begriffe" key="Welt, schöpferische Entwicklung"/>, von den vollendeten oder geplanten Entfaltungen und Aufbauten von Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft"/>, Technik<term type="begriffe" key="Technik"/>, Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> oder
Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, von körperlicher und geistiger Gesundheit<term type="begriffe" key="Gesundheit"/>, von Wohlstand<term type="begriffe" key="Wohlstand"/> und Wohlfahrt<term type="begriffe" key="Wohlfahrt"/>, von den Herrlichkeiten etwa der Ehe<term type="begriffe" key="Ehe"/>, der Familie<term type="begriffe" key="Familie"/>, der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, des Staates<term type="begriffe" key="Staat"/>, der Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/> <hi rend="italic">allzu</hi> laut und zuversichtlich reden zu hören. Es wirkt nicht eben als Bestärkung in etwaigen «Idealen»<term type="begriffe" key="Idealismus"/>, ob es nun persönliche oder kollektive, völkische<term type="begriffe" key="völkisch"/> oder internationale<term type="begriffe" key="international"/>, humane<term type="begriffe" key="human"/> oder konfessionelle<term type="begriffe" key="konfessionell"/>, deutsche oder westliche, jugendliche oder reife, konkrete oder abstrakte Ideale<term type="begriffe" key="Ideale"/> seien. Es steht der «Natur»<term type="begriffe" key="Natur"/> sowohl wie der «Kultur»<term type="begriffe" key="Kultur"/>, der Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> sowohl wie dem unentwegten Fortschritt eher kühl gegenüber. Es ist überall, wo Türme gebaut werden, irgendwie nicht recht dabei. Es hat zu diesem Bauen immer etwas Retardierendes zu bemerken. Es wittert dabei immer – mit einem menschlich betrachtet unsympathischen, aber schwer wirklich zu widerlegenden Misstrauen – die drohende Abgötterei<term type="begriffe" key="Abgott"/>. Es sieht in diesen Türmen mindestens das <hi rend="italic">Gleichnis</hi> des Todes<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes"/>. Es sieht den reichen Mann als solchen zwar nicht im Tode, wohl aber in der Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> und in der Qual [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.23">Lk. 16,23</ref>]. Wogegen es den Menschen empfiehlt, sich «hinabführen zu lassen in die Niederungen». Es sieht die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> mehr im Nein als im Ja. Es sieht die Lage des Menschen zwischen Himmel und Erde als viel zu bedroht an, als dass es an das Stehen aller jener stehenden Säulen, an den Wert<term type="begriffe" key="Werte"/> aller jener Werte, an die Wichtigkeit aller jener Wichtigkeiten im Ernst glauben könnte. Es sieht den Menschen geführt, und zwar <hi rend="italic">hinab</hi>geführt. Es sieht eine große Hand rütteln an allem, was ist und sein will. Es sieht das Fragezeichen oberhalb jeder menschlichen Höhe. Es hört das heimliche Krachen im Gebälk. Und es kann nicht <hi rend="italic">über</hi>sehen und <hi rend="italic">über</hi>hören, was es sieht und hört. Es liebt darum die Armen, die Leidtragenden, die Hungernden und Dürstenden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3 Mt.5.4">Mt. 5,3–4</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">6</ref>], die Unrechtleidenden. Es ist imstande, die ­Ehelosigkeit<term type="begriffe" key="Ehelosigkeit"/> sehr ernsthaft zu empfehlen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.26">1.Kor. 7,26</ref>], <hi rend="italic">ohne</hi> <pb ed="A" n="448"/> die Befürchtung, mit der Fortpflanzung des Menschengeschlechts<term type="begriffe" key="Menschengeschlecht"/> «die Grundvoraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des positiven Denkens"/> alles positiven Denkens<term type="begriffe" key="Denken, positives"/>» aufzuheben, «nämlich, daß das Leben irgendwie etwas Wertvolles sein muß» (<persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>
)<note xml:id="n52"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>, Marcion, S. 264</bibl>: «eine Gottes- und Weltanschauung<term type="begriffe" key="Weltanschauung, Gottes-"/>, die [...] die Askese<term type="begriffe" key="Askese"/> so weit treiben muß, daß sie die Fortpflanzung des Menschengeschlechts für alle unterbindet, kann nicht die richtige sein; denn sie hebt die Grundvoraussetzung alles positiven Denkens auf, nämlich, daß das Leben irgendwie etwas Wertvolles sein muß.»</note>. Es fühlt sich den seltsamen Bemühungen der Asketen<term type="begriffe" key="Askese"/> und <pb ed="pga" xml:id="p622"/> Pietisten<term type="begriffe" key="Pietist"/> mindestens verwandter als etwa der «gesunden evangelischen Volksfrömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, evangelische Volksfrömmigkeit"/>», verwandter dem «russischen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, russischer"/>» als seinen westeuropäischen Brüdern. Es geht an keiner noch so kleinen oder noch so großen «Frage» des Lebens<term type="begriffe" key="Frage, des Lebens"/> vorbei, aber es
interessiert sich eigentlich nur für die <hi rend="italic">Frage</hi> in der «Frage». Es ist immer da, wo noch keine Lösungen vorliegen, <hi rend="italic">nicht</hi> da, wo der Mensch wieder mit sich ins Reine gekommen ist. Es hat – und <hi rend="italic">darum</hi> haben die Sozialdemokraten<term type="begriffe" key="Sozialdemokrat"/> auf weite Strecken seinen Beifall! – eine gewisse parteiische Vorliebe für die Bedrückten, zu kurz Kommenden, Unfertigen, Grämlichen und in Auflehnung Begriffenen. Es sieht den armen <persName ref="kbga-actors-2307">Lazarus</persName> als solchen nicht geradezu bei Gott zwar, aber immerhin in Abrahams Schoß<term type="begriffe" key="Abrahams Schoss"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.23">Lk. 16,23</ref>]. Es sieht überall in den «Niederungen» mindestens das <hi rend="italic">Gleichnis</hi> des Lebens<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Lebens"/>, weil es nicht vergessen kann, was Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> bedeutet. Wahrscheinlich dort unten ist der Mensch selig zu preisen! sagt es, wahrscheinlich nicht dort oben! Stärker als so darf davon nicht wohl geredet werden. Denn dass jenes Misstrauen und dieses Wohlwollen, jene Warnung und diese Verheißung in der <hi rend="italic">Anwendung</hi> auf <hi rend="italic">konkrete</hi> «Höhen» und «Niederungen» unsres Daseins immer nur <hi rend="italic">gleichnisweise</hi> gemeint sind, das ist keinen Augenblick außer Acht zu lassen. Gerade in concreto kann und muss es sich von einem Augenblick zum andern fragen, welches nun die «Höhen» sind, von denen das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> sich ab-, und <hi rend="italic">welches</hi> die «Niederungen», denen es sich zuwendet. <hi rend="italic">Gemeint</hi> sind ja auf alle Fälle die Höhen des <hi rend="italic">Menschen</hi> und die Niederungen <hi rend="italic">Gottes.</hi> In der Anwendung können (wir erinnern nochmals an unsre Ausführungen über die Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/>) beständig die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.30">Mt. 19,30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.16">20,16</ref> par.]. Es fragt sich, ob die angeblichen «Niederungen» nicht längst zu «Höhen» geworden sind und die Demut<term type="begriffe" key="Demut"/> derer da unten zu stinkendem Hochmut<term type="begriffe" key="Hochmut"/>, Problematik zum Idol und «Zerrissenheit» zur neuesten Modetheologie<term type="begriffe" key="Theologie, Modetheologie"/>, «das Proletariat<term type="begriffe" key="Proletariat"/>» zum groben Dingbegriff und die Abneigung gegen die Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/> der «Welt» zu einer ganz unbegründeten Schrulle. Es fragt sich, ob die Rolle der Turmbauer<term type="begriffe" key="Turmbau"/> nicht längst von den Jasagern zu den Nein<pb ed="pga" xml:id="p623" break="no"/>sagern übergegangen ist, ob nicht das Nein dieser Neinsager längst zu dem<note n="bk" type="textcritical" xml:id="nbk">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">dem</hi>».</note> Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> geworden ist (zum Ja des zufällig im Nein sicher gewordenen Menschen!), von dem sich das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> betrübt abwenden muss. Es kann und muss sich fragen, ob nicht der unerschütterte bayrische Bauer<term type="begriffe" key="Bauer"/> dem Himmelreich<term type="begriffe" key="Himmelreich"/> näher ist als der «russische <pb ed="A" n="449"/> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, russischer"/>», ein rechnender Ingenieur<term type="begriffe" key="Ingenieur"/> oder Kaufmann<term type="begriffe" key="Kaufmann"/> mehr in der Wahrheit als ein über den Tiefen Gottes brütender Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/>, ob es sich nicht lohnen dürfte, «herabgeführt in die Niederungen» aus- und einzugehen im Welthaus, als ob nichts wäre, Frau und Kinder zu <hi rend="italic">haben</hi> und <hi rend="italic">lieb</hi> zu haben, Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft"/> zu <hi rend="italic">treiben</hi>, Parteimann<term type="begriffe" key="Partei"/> (auch <hi rend="italic">nicht-</hi>sozialistischer<term type="begriffe" key="Sozialismus"/>) zu <hi rend="italic">sein</hi>, die Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/> <hi rend="italic">hoch</hi> zu halten, die Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/> zu <hi rend="italic">«bejahen»</hi>, vielleicht sogar im Lichte letzter Tragik und letzten Humors<term type="begriffe" key="Humor"/> – Kirchenmann<term type="begriffe" key="Kirchenmann"/> zu sein. Und dasselbe Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>, das dort die These aufstellt, stellt ihr hier die Antithese<term type="begriffe" key="These und Anti-These"/> entgegen. Es bleibt bei einem gewissen Übergewicht, bei der großen<note n="bl" type="textcritical" xml:id="nbl">Druckmanuskript: «größern».</note> Wahrscheinlichkeit der These; denn <hi rend="italic">zu</hi> stark redet das Gleichnis des Todes<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes"/>, obgleich auch es <hi rend="italic">nur</hi> Gleichnis ist. Es bleibt aber auch dabei, dass das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> sein Ja und sein Nein<term type="begriffe" key="Ja, Ja/Nein, Christentum"/> so <hi rend="italic">und</hi> so verteilen kann. Es stellt auf und reißt nieder. Es sendet aus und ruft zurück. Es gibt und nimmt. Immer in derselben Absicht, nach derselben Logik und Regel: <hi rend="italic">wider</hi> die «Höhen» <hi rend="italic">für</hi> die Niederungen, immer certitudo dem Menschen verleihend, aber, zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> und uns zum Trotz, nie <foreign xml:lang="lat">securitas</foreign><note xml:id="n53"> «<foreign xml:lang="lat">Certitudo</foreign>» ist bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die rechte Glaubensgewissheit im Gegensatz zur falschen Sicherheit («<foreign xml:lang="lat">securitas</foreign>»), die es nicht wagt mit Vertrauen auf Gott, 
sondern sich auf andere Gründe stützt. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3705"><hi rend="italic">Vorlesung über Jesaia 1527-1529</hi>, WA 25, 238, 29-31</bibl>: "<foreign xml:lang="lat">Fides igitur est certitudo certissima, quae apprehendit verbum et in verbo haeret non considerata externa facie rerum.</foreign>" <bibl corresp="kbga-bibls-2946"><hi rend="italic">Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis</hi> (30.5.1529) [über Lk. 14,16–24], WA 29, 393, 13-14</bibl>: "<foreign xml:lang="lat">Ideo praedicanda est ira dei, ita ut nostram securitatem reiiciamus et ad deum confidamus.</foreign>"</note>, nie kontinuierlich in der Anwendung, nie Einem oder Einigen von uns Recht gebend, <anchor type="note" xml:id="fn-bm"/>uns nie ein Ausruhen erlaubend<note n="bm" target="fn-bm" type="textcritical" xml:id="nbm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «nie ein Ausruhen uns erlaubend». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, immer wieder unsre Zeit an Gottes Ewigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Ewigkeit"/> messend. Merken wir es etwa erschrocken, wie sehr wir uns <pb ed="pga" xml:id="p624"/> mit allem unserm Tun in der Sphäre der Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> bewegen? Eben das ist’s, was wir merken sollen. Noch einmal: Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> heißt Bezogensein. <hi rend="italic">Bezogen</hi> auf den Ursprung ist als Gegebenheit, als so oder so bestimmte Haltung des Menschen, auch alles <hi rend="italic">ethische</hi> Tun. Eben das ist’s, was das «Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>» leisten kann und leisten soll: <hi rend="italic">das</hi> uns merken zu lassen. Eben das ist die Absolutheit der christlichen Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, christliche"/>, dass sie in ihrem Wesen ganz und gar nur in einer <hi rend="italic">Frage</hi> und in ihrer Entfaltung ganz und gar nur in <hi rend="italic">Fragen</hi> besteht, in solchen Fragen, auf die nur Gott selbst die Antwort sein kann. 
In der Tat: erschreckend klar wird es hier, dass alles menschliche Ethos <hi rend="italic">nur</hi> demonstrieren, <hi rend="italic">nur</hi> bedeuten, <hi rend="italic">nur</hi> opfern kann und dass nicht einmal in diesem «nur» eine Beruhigung liegt, weil auch dieses «nur» die Erinnerung an Gott<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> ist, durch den uns die Frage: was sollen wir tun? mit unausweichlichem Ernst gestellt ist. <hi rend="italic">So</hi> umfassend ist das Nein des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/>, <hi rend="italic">so</hi> dringend sein Hinweis auf die «Niederungen», <hi rend="italic">so</hi> gründlich die Störung, die es dem Menschen bringt, <hi rend="italic">so</hi> tief der Schatten, in den es uns stellt, <hi rend="italic">so</hi> gewaltig stellt es uns im Andern immer wieder den <hi rend="italic">Einen</hi> entgegen. «Sinnet gegenseitig auf das Eine!» Indem ihr <hi rend="italic">nicht</hi> nach den Höhen sinnt, sondern euch herabführen lasst in die Niederungen, <hi rend="italic">werdet</hi> ihr auf das Eine sinnen. Denn gerade die großen Gegensätze, die sich aus der <pb ed="A" n="450"/> Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> dieser Regel (aus der <hi rend="italic">Regel</hi> in der Regel: <foreign xml:lang="lat">Soli Deo gloria!</foreign><term type="begriffe" key="Soli Deo gloria!"/>) ergeben: die Gegensätze von «Kulturverneinung<term type="begriffe" key="Kulturverneinung"/>» und «Kulturbejahung<term type="begriffe" key="Kulturbejahung"/>», von «Enthusiasmus<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/>» und «Wirklichkeitssinn<term type="begriffe" key="Wirklichkeitssinn"/>», von «Todes<term type="begriffe" key="Todesweisheit"/>»- und «Lebensweisheit<term type="begriffe" key="Lebensweisheit"/>»<note xml:id="n54"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p152#fn_n35">S. 152, Anm. 35</ref>.</note>, sie können und sollen sich in ihr auch immer wieder vereinigen zu einer einheitlichen Betrachtung des Lebens <foreign xml:lang="lat">sub specie aeterni</foreign>. Gerade dass <hi rend="italic">diese</hi> Betrachtung nie als solche stattfindet, dass Keiner sie «hat», dass sie ein Betrachtet<hi rend="italic">werden</hi> des Menschen ist, ist ihr unbedingt Einigendes. Sind wir nicht in <hi rend="italic">einem</hi> Spital krank? Stehen wir nicht unter <hi rend="italic">einer</hi> Anklage? Sind wir nicht <hi rend="italic">einem</hi> Gericht schon verfallen? Und was können wir dann tun, als gegenseitig auf das Eine sinnen<term type="begriffe" key="Christentum"/>?</p>
<p><hi rend="italic">«Folgt nicht eurer zufälligen Einsicht!»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.3.7">Spr. 3,7</ref>). Das ist die negative Regel, die sich aus jenem sich Herabführenlassen zunächst ergibt. Dort oben, welche «Höhe» auch in Frage komme, hat man «zufällige Einsichten» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.25">11,25</ref>), man orientiert sich so oder so an den Not<pb ed="pga" xml:id="p625" break="no"/>wendigkeiten der <hi rend="italic">Selbst</hi>erhaltung, -entfaltung, -behauptung und -verteidigung, und dieses «Selbst» ist zufällig. Man braucht die unkritischen Maßstäbe des Kampfes ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums"/>. Man vertraut naiv auf Begriffe wie «Ich», «Du», «Wir», «die Andern». Man sieht sich in einer «Stellung» oder (o Humor!) auf einem «Standpunkt», man redet tragisch von «Gegner», «Überlegenheit» und «Sieg»; man unterliegt aber auch selbst diesen Maßstäben: man «setzt sich durch» oder auch nicht, man «kommt hoch» und auch wieder herunter, man kämpft glücklich oder auch unglücklich, man hat Erfolg, man empfängt aber auch Streiche, Wunden, Enttäuschungen, Zurücksetzungen. Es sind alles «zufällige» Einsichten, die man unter solchen Umständen gewinnt. Man urteilt unter den Eindrücken des <hi rend="italic">un</hi>qualifizierten Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, unqualifizierter"/> und je nach den Wallungen des Herzblutes, abhängig vom «Gegner» und noch abhängiger, primär abhängig von sich selbst. Wir werden uns nicht darüber täuschen, dass dies die, genau genommen, <hi rend="italic">nicht</hi> unterbrochene Regel unsres Tuns ist: wir folgen zufälligen Einsichten. Immerhin: diese Linie kann wenn nicht durchbrochen, so doch gebrochen, eingedrückt werden. Der fundamentale Angriff der Gnade<term type="begriffe" key="Angriff, der Gnade auf den Menschen"/> auf den Menschen hinterlässt seine Spuren. Gerade jene Tatsache, dass der Ernst und die Kraft des christlichen Ethos<term type="begriffe" key="Ethos, christlicher"/> in der Schärfe liegen, mit der hier nicht geantwortet (immer nur demonstrativ, immer nur auf Zusehen hin geantwortet!), sondern <hi rend="italic">gefragt</hi> wird, gerade die <hi rend="italic">Relativität</hi><term type="begriffe" key="Ethos, Relativität"/> des Ethos der Gnade<term type="begriffe" key="Ethos, der Gnade"/> ist die Axt an der Wurzel der «zufälligen Einsichten». Denn die Wurzel aller «zufälligen Einsichten», das Geheimnis aller «Höhen» sind die absoluten ethischen Antworten<term type="begriffe" key="Ethik, Antworten"/>, mit <anchor type="note" xml:id="fn-bn"/>denen sich menschliche Sicherheit krönen<note n="bn" target="fn-bn" type="textcritical" xml:id="nbn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «denen menschliche Sicherheit sich krönen».</note> kann wie <pb ed="A" n="451"/> mit nichts anderem. Das christliche Ethos<term type="begriffe" key="Ethos, christlicher"/> ist als das Ende aller absoluten ethischen Antworten das grundsätzliche Ende der Triumphe und Leiden, die das Stehen auf dieser oder jener Höhe mit sich bringt. Parabolisch nur ist ihm jede Höhe, parabolisch alles Stehen hier oder dort, parabolisch aller Kampf und Gegensatz zwischen Menschen in dieser Welt, und wenn es der heiligste und notwendigste wäre. <hi rend="italic">Die</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> nimmt uns die Energie, uns in <hi rend="italic">eine</hi> Wahrheit zu verrennen. <hi rend="italic">Das</hi> Unrecht nimmt uns den Mut, <hi rend="italic">ein</hi> Unrecht so aufzunehmen, als widerführe uns etwas Sonderliches. <hi rend="italic">Der</hi> Sieg nimmt uns die Spannung, mit <pb ed="pga" xml:id="p626"/> der wir auf <hi rend="italic">diesen</hi> und <hi rend="italic">jenen</hi> Sieg warten möchten. Ist das etwa wieder «entmutigend»<note xml:id="n55"> <bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 276f.</bibl>: «Kann es  […] überhaupt etwas Entmutigenderes geben als den Gedanken, daß es im Hinblick auf das absolute Ziel gleichgültig sei, wie weit wir von ihm entfernt sind, es bleibe doch stets <hi rend="italic">gleich</hi> unerreichbar? Das mag theoretisch richtig sein, <hi rend="italic">praktisch</hi> ist auch die <hi rend="italic">kleinste Annäherung von unermeßlicher Bedeutung.</hi> Muß solche Entmutigung aber nicht ganz unfehlbar dazu führen, die Welt zu lassen [,] wie sie ist  […]! Wir fürchten, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier zum geraden Gegenteil von dem führen wird, was er will.»</note>? Werden uns da vielleicht alle Knochen im Leib zerbrochen? Jawohl, gerade darum handelt es sich. Was diesseits dieser Entmutigung unser Mut ist, das <hi rend="italic">soll</hi> sterben. Ethos<term type="begriffe" key="Ethos"/>, das nicht durch dieses Fegfeuer hindurchgegangen ist, <hi rend="italic">ist</hi> ja nicht Ethos, sondern
Bios<term type="begriffe" key="Bios"/>, Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/>, Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>, nicht Notwendigkeit, sondern Zufall und Willkür, nicht Freiheit, sondern Unfreiheit, nicht aus Gott, sondern nur psychologisch, wenn nicht gar nur psychiatrisch zu erklären. Christliches Ethos<term type="begriffe" key="Ethos, christlicher"/> aber ist (indem es sich nie und nirgends zu einer Gegebenheit verdichtet) <hi rend="italic">der</hi> Mut, an dem gemessen aller unser Mut Feigheit ist. Es ist (als Brechung <hi rend="italic">jeder</hi> Individualität) die Begründung des Individuums. Es ist die transzendentale<term type="begriffe" key="transzendental"/> (nie und nirgends als «Reinheit» erscheinende!) Reinigung des Handelns von allen biologischen, pathetischen, erotischen Elementen, der schlechthinige Protest gegen jede von <hi rend="italic">Menschen</hi> eingenommene Höhenstellung – und eben darum und darin absolutes Ethos<term type="begriffe" key="Ethos, absoluter"/>, eben darum und darin Verkündigung der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Vergeltet Keinem Böses mit Bösem!»</hi> «Böse»<term type="begriffe" key="Böse"/> im christlichen Sinn ist die notwendige Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, der bösen Wirklichkeit des Menschen"/> der anschaulichen Wirklichkeit <hi rend="italic">alles</hi> Handelns. «Böse» ist der träge Klumpen des Tuns des Menschen als des <hi rend="italic">Menschen.</hi> Dem Bösen steht das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> keinesfalls als zweite Möglichkeit gegenüber. Das Gute ist das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Bösen"/> des Bösen, des Menschen Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> durch Gott, die unmögliche Möglichkeit der <hi rend="italic">Erlösung</hi><term type="begriffe" key="Erlösung"/> vom Bösen. «Was fragst du mich nach dem Guten? Einer ist der Gute» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.17">Mt. 19,17</ref>). Die Regel unsrer Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung"/> zum Andern ist, auch wenn diese Beziehung «Liebe»<term type="begriffe" key="Liebe"/> heißt, dass wir Böses<term type="begriffe" key="Böse, mit Bösem vergelten"/> mit Bösem vergelten, d. h. dass wir im Andern den Einen (den Guten!), der <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, nicht sehen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9">12,9</ref>), sondern ihn darauf behaften, dass er ist, der <hi rend="italic">er ist.</hi> Damit, mit der direkten Betrachtung des Nächsten, mit dem Stehenbleiben bei dem anschaulichen Aspekt, den <pb ed="pga" xml:id="p627"/> er uns bietet, geben wir ihn grundsätzlich für das Gute verloren, auch wenn <pb ed="A" n="452"/> wir allerhand «Gutes» an ihm sehen. Denn dieses Behaften ist das «Vergelten mit Bösem»<term type="begriffe" key="Böse, mit Bösem vergelten"/>. Lange bevor etwa der Streit mit dem Andern, das Spiel von Schock und Gegenschock (mit seinen Mitteln, die alle «böse» sind) anfängt, haben wir ihm durch dieses Behaften, durch dieses Nicht-Sehen dessen, was <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, mit Bösem vergolten. Denn dieses Nicht-Sehen ist ja auch unsrerseits das Werk des Bösen<term type="begriffe" key="Böse"/>, das Tun des trägen Klumpens. Und dies ist die Linie, auf der wir uns ausnahmslos bewegen. Aber auch diese Linie kann, wenn nicht durchbrochen, so doch gebrochen werden durch die Besinnung darauf, dass mit dem von uns nicht mit Unrecht bejahten Bösen des Andern auch unser Böses bejaht ist und dass nur die Bejahung des Guten im Andern, des Einen in ihm, unsre eigene Rechtfertigung bedeuten kann. Wir können im Ernst, im ethischen Ernst die Einstellung des «Böses mit Bösem vergelten»<term type="begriffe" key="Böse, mit Bösem vergelten"/> nicht aufrecht erhalten. «Keinem» gegenüber, denn auch die größte Bosheit des Andern kann uns unser eigenes Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> nur deutlicher und die Frage nach unsrer eigenen Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> nur schwerwiegender machen. Sofern nun diese kritische Besinnung sich mehr oder weniger veranschaulichen wird in einem Nicht-Vergelten, Nicht-Behaften, Nicht-Widerstehen, durch eine anschaulicherweise nur als «Schwäche» zu deutende Haltung der Unwissenheit gegenüber dem Bösen des Andern, mag (als seltsame Störung in der geraden Linie menschlichen Handelns<term type="begriffe" key="Handeln, menschliches"/>) das Unanschauliche: der Eine im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, in mir"/>, der auch in mir ist, das göttliche Nicht-Anrechnen der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Nicht-Anrechnen der S."/> in der Anschaulichkeit wenigstens <hi rend="italic">markiert</hi> werden. Wobei uns die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Unterbrechung"/> daran, dass es eine <hi rend="italic">Unterbrechung</hi> dieser geraden Linie, eine <hi rend="italic">absolut</hi> gute Haltung nicht gibt (nicht geben <hi rend="italic">darf!</hi>), von einer Verabsolutierung auch dieser Haltung des Nicht-Widerstandes von selbst zurückhalten wird, wahrhaftig <hi rend="italic">nicht</hi> zum Schaden der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf kommende Welt"/> der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut ist!»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.3.4">Spr. 3,4</ref>). Wiederum berühren wir uns hier mit der kantischen Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, nach Kant"/>. Ethisch ist eine Handlung<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/>, sofern sie, gutgeheißen von dem unanschaulichen Einen in Allen, dem anschaulichen Handeln der Vielen kontrastierend<note n="bo" type="textcritical" xml:id="nbo"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «kontrollierend». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> gegenübertritt. Denn der Charakter des Protestes <pb ed="pga" xml:id="p628"/> kann einer ethischen Handlung nie ganz abgehen. Der Eine in Allen protestiert gegen das Handeln der Vielen. Aber eben darum ist er auch das Maß dieses Protestes. Gut ist nur, was in den (sehenden!) Augen aller Menschen gut ist. Soll eine Handlung wirklich und echt die Störung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> und nicht bloß die willkürliche Störung der Menschen durch unbefugte Mitmenschen bedeuten, so darf sie sich dem Kriterium <pb ed="A" n="453"/> der Allgemeingültigkeit nicht entziehen. Sie darf das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuen. Sie darf sich nicht auf ein <hi rend="italic">Privat-</hi>Paradox, nicht auf ein Vergessen des Einen im Einzelnen gründen und berufen; denn das ethische Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, ethisches"/> besteht gerade im <hi rend="italic">Bedenken</hi> dieses<note n="bp" type="textcritical" xml:id="nbp"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «dieser».</note> unanschaulichen Einen, und neben diesem darf es dann kein <hi rend="italic">zweites</hi> Paradox geben (hier ist <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> gelegentlich durch <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> zurechtzustellen). Sie darf keinerlei Glück<term type="begriffe" key="Glück"/> (oder auch Unglück<term type="begriffe" key="Unglück"/>!) <hi rend="italic">im Winkel</hi><note xml:id="n56"> <bibl corresp="kbga-bibls-3706">«Das Glück im Winkel» hieß ein 1896 erschienenes Schauspiel von <persName ref="kbga-actors-2121">Hermann Sudermann</persName> (1857–1928).</bibl></note> zum Ziele haben. So ungeordnet das Verhältnis des Einzelnen zur geschichtlichen Wirklichkeit der menschlichen Gemeinschaft oft sein muss (der Apostelberuf<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/>! <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>), so geordnet muss es<note n="bq" type="textcritical" xml:id="nbq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «er». Korrektur nach<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> sein zu ihrer konstituierenden Wahrheit. Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/> muss die <foreign xml:lang="lat">ratio</foreign> auch der etwaigen prophetischen Unordnung sein. Den Appell an das Urteil der <hi rend="italic">Vielen</hi> können wir füglich unterlassen, den Appell an das Urteil <hi rend="italic">Aller</hi> keinen Augenblick. Dies das Kriterium, an dem alles anschaulich irreguläre Tun zu messen ist, zu dem Helden, Führer, Verkündiger neuer Tafeln, Asketen<term type="begriffe" key="Asket"/>, Pietisten<term type="begriffe" key="Pietist"/> sich verpflichtet und Übermenschen<term type="begriffe" key="Mensch, Über-"/><note xml:id="n57"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p109#fn_n27">S. 109, Anm. 27</ref>.</note>, Künstler<term type="begriffe" key="Künstler"/>, «Persönlichkeiten» und Genialische aller Art sich berechtigt fühlen. Es gibt keine besondere Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> für Besondere. Eben darum aber auch keine Moral für Gewöhnliche! Eine Handlung, die wir ethisch<term type="begriffe" key="Handeln, ethisches"/> bewundern oder auch nur anerkennen (z. B. das Tun eines Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/>!), bekommt eben damit verpflichtende Kraft für uns, der wir uns nicht mit: «Das war eben <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi><hi rend="italic">!</hi>» entziehen dürfen. Grundsätzlich <hi rend="italic">außer</hi>ordentlich kann menschliches Tun nur in Beziehung auf Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> sein. Eben darum sei es grundsätzlich ordentlich in Beziehung auf <hi rend="italic">alle</hi> Menschen (die Unanschaulichkeit des «alle»  be<pb ed="pga" xml:id="p629" break="no"/>sorgt das nötige Korrektiv!), «<hi rend="italic">nicht</hi> nach den Höhen sinnend», «<hi rend="italic">nicht</hi> zufälligen Einsichten folgend» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16">12,16</ref>), gerade <hi rend="italic">damit</hi> die Wahrheit der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> verkündigend, die die Wahrheit des Einen in Allen ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Sofern es von euch aus möglich ist, haltet Frieden mit allen Menschen!»</hi> Friedenhalten<term type="begriffe" key="Friedenhalten"/> kann eine treffliche Demonstration sein. Sie kann bedeuten, dass der Mensch von Gott so im Schach gehalten ist, dass er nicht den Atem findet, um zu noch so berechtigten und wohlgezielten Schlägen auszuholen. An sich ist ja die Situation zwischen Mensch und Mensch immer verfahren, durchaus unfriedlich, ganz zum Austeilen solcher Schläge nach links und rechts auffordernd. An sich hat der Mitmensch keinerlei Anspruch auf Frieden; denn er reizt uns sozusagen in jeder Gestalt als Verkörperung des nur zu bekannten Menschen in immer neuen, immer ärgerlicheren Varianten seiner grundsätzlichen Unbelehrbarkeit, Schrullenhaftigkeit<note n="br" type="textcritical" xml:id="nbr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Schrulligkeit». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, Verstocktheit<term type="begriffe" key="Verstocktheit"/> und gänzlichen Unliebenswürdigkeit. Es ist nicht von uns zu verlangen, dass wir diesem Wesen, das uns <pb ed="A" n="454"/> als unser eigenes Ich genug Last macht, freundlicher begegnen, wenn es uns zufällig im Andern begegnet. Und wenn uns der Streit mit dem Mitmenschen<term type="begriffe" key="Streit, mit dem Mitmenschen"/> im Gegenteil eine gewisse Entlastung im Streit mit uns selbst verheißt, warum sollen wir nicht streiten? Nichts ist natürlicher als der Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/>. Aber der Krieg weist über sich selbst hinaus, gerade weil und indem er immer letztlich gegen den bekannten Menschen gerichtet ist. Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/> ist der Ausdruck dafür, dass wir den Menschen, wie er <hi rend="italic">ist</hi>, in seiner Unmöglichkeit erkannt haben und los werden möchten, dass wir ihn irgendwie im kritischen Lichte<term type="begriffe" key="Licht"/> des Einen, der <hi rend="italic">er nicht</hi> ist, sehen. Ein verfehlter Ausdruck! Denn unser Streit mit dem Mitmenschen bewirkt auf keinen Fall die Verneinung des bekannten Menschen. Der stirbt nicht, und wenn wir den Streit mit dem zufälligen Mitmenschen<term type="begriffe" key="Streit, mit dem Mitmenschen"/> bis zu dessen Vernichtung fortführten<note n="bs" type="textcritical" xml:id="nbs"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «fortführen würden». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Die Verneinung des bekannten Menschen ist offenbar – Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in mir/uns"/>, der Eine in Allen. Im Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Erkenntnis"/>, wo wir das erkennen, müsste mit dem Streit mit uns selbst auch der Streit mit dem Mitmenschen beendigt, weil gegenstandslos sein. In Christus scheint kein Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/> möglich. Er ist doch <pb ed="pga" xml:id="p630"/> unser Friede<term type="begriffe" key="Krieg, und Frieden"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.14">Eph. 2,14</ref>]! Es geht doch nicht an, Diesen oder Jenen noch einmal extra damit zu belasten, dass auch er – ein Mensch ist! Es geht doch nicht an, aus dem Recht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> gegen alle Menschen das Recht eines Menschen gegen andere zu machen! Es geht doch nicht an, zu übersehen, dass gerade das anschaulich Provozierende am Menschen Hinweis ist auf seine unanschauliche göttliche Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Gott, Rechtfertigung"/>! Der Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/> ist das natürliche Tun des Menschen, der, <hi rend="italic">seinen</hi> Aspekt vom Mitmenschen verabsolutierend, sein will wie Gott. Das legt uns nahe, Frieden<term type="begriffe" key="Friede"/> zu halten um jeden Preis und das mit <hi rend="italic">allen</hi> Menschen. Woher wollen wir auch den Atem nehmen, woher das Pathos zum Streiten, wenn wir erkannt haben, dass wir nicht Gott sind? <hi rend="italic">Müssen</hi> wir nicht einfach Frieden haltend demonstrieren für Gottes Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Erbarmen<term type="begriffe" key="«Erbarmungen Gottes»"/>? «Sofern es von euch aus möglich ist», <hi rend="italic">haltet</hi> Frieden! Wir wissen, warum wir auch hier nicht <hi rend="italic">mehr</hi> sagen. Die Grenze des von uns aus Möglichen ist Gott. Nichts von dem, was wir Frieden heißen, ist – hier können wir <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> nicht folgen – auch nur eine entfernte Vorstufe zum <hi rend="italic">«ewigen</hi> Frieden<term type="begriffe" key="Frieden, ewiger"/>», zum «Reich der praktischen Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft, praktische"/>».<note xml:id="n58"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3707"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf</hi>, B 111f. und B 90, Akademie-Ausgabe,
1. Abt., Bd. 8, Berlin 1912, S. 386</bibl>: «Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur in einer ins Unendliche fortschreitenden Annäherung wirklich zu machen, so ist der <hi rend="italic">ewige Friede</hi>  […] keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele  […] beständig näher kommt.» S. 378: «Da heißt es denn: ‹Trachtet allererst nach dem Reiche der reinen praktischen Vernunft und nach seiner <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, so wird euch euer Zweck (die Wohlthat des ewigen Friedens) von selbst zufallen›.»</note> Um die Erkenntnis <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> und <hi rend="italic">seines</hi> Friedens<term type="begriffe" key="Gott, Friede"/> handelt es sich, wenn wir sagen, dass wir im Mitmenschen Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> und darum im Krieg den Frieden<term type="begriffe" key="Krieg, und Frieden"/> sehen und dieses Sehen durch Friedenhalten<term type="begriffe" key="Friedenhalten"/> betätigen können und sollen. Gott <hi rend="italic">ist</hi> aber nie erkannt, er <hi rend="italic">wird</hi> erkannt. Gott bleibt frei. Es bleibt die Möglichkeit, dass wir mit uns selbst, und es bleibt, etwas entfernter, die Möglichkeit, dass wir mit dem Mitmenschen zu streiten<term type="begriffe" key="Streit, mit dem Mitmenschen"/> haben. Es bleibt der Vorbehalt, dass <pb ed="A" n="455"/> Gott uns geradezu <hi rend="italic">verwehren</hi> könnte, in diesem oder jenem Mitmenschen Jesus Christus zu sehen. Wohlverstanden: Vom Vorbehalt<term type="begriffe" key="Vorbehalt"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> ist die Rede: <hi rend="italic">nicht</hi> zu verwechseln mit dem sog. «Moratorium der Bergpredigt<term type="begriffe" key="Bergpredigt"/>», das der Lutheraner<term type="begriffe" key="Lutheraner"/> im Bedürfnisfall <hi rend="italic">sich <pb ed="pga" xml:id="p631"/> selbst</hi> zu bewilligen pflegt<note xml:id="n59"> Die Wendung stammt ursprünglich aus dem britischen Pazifismus. So lehnten <persName ref="kbga-actors-9705">Muriel Lester</persName> (1883–1968) und ihre Gruppe in Kingsley Hall in London 1914 ab, «<foreign xml:lang="eng">to pronounce a moratorium on the Sermon on the Mount for the duration of the war</foreign>» (s. <bibl corresp="kbga-bibls-3708"><hi rend="italic">Ambassador of reconciliation. A Muriel Lester reader</hi>, hrsg. von R. Deats, Philadelphia PA 1991, S. 39–56</bibl>). Eine Rede von Sir <persName ref="kbga-actors-9706">William Pollard Byles</persName> (1839–1917) im Unterhaus am
<date when="1916-05-24">24.5.1916</date> machte den Ausdruck weithin bekannt. Byles erklärte zur Behandlung eines Kriegsdienstverweigerers: «<foreign xml:lang="eng">That is what I regard as a moratorium of the Sermon on the Mount</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3709">The Official Report, House of Commons [5th Series], Vol. 82, Sp. 2204</bibl>). Im deutschsprachigen Raum wurde u. a.  von <bibl corresp="kbga-bibls-3710"><persName ref="kbga-actors-9707">Kurt Tucholsky</persName> «das bittere Wort von dem Moratorium der Bergpredigt» erörtert: <hi rend="italic">Macchiavelli</hi>, in: Die Weltbühne, Jg. 14 (1918), Nr. 42 vom
<date when="1918-10-17">17.10.1918</date>, S. 357–359, dort S. 358</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nimmt es wohl deshalb auf, weil im 1. Weltkrieg öfter in der Spur <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> (vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3711"><hi rend="italic">Die Zirkulardisputation über Matth.19,21</hi> (1539), bes. WA 39/II, 40,16-37</bibl>) argumentiert worden ist, die Bergpredigt beziehe sich auf «die Einzelseele und ihr Verhältnis zu dem ewigen Gott», sie sei aber «nicht auch zugleich ein Gesetz für unser nationales Leben» (<bibl corresp="kbga-bibls-3712"><persName ref="kbga-actors-485">O. Baumgarten</persName>, <hi rend="italic">Der Krieg und die Bergpredigt. Rede am 10. Mai 1915</hi> [Deutsche Reden in schwerer Zeit 24], Berlin 1915, S. 15</bibl>). – Zur Auseinandersetzung über ein «Moratorium des Christentums» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-966">K. Barth – <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Ein Briefwechsel</hi>, hrsg. von Chr. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 131f</bibl>.</note>, <hi rend="italic">nicht</hi> zu verwechseln mit dem Vorbehalt etwaiger menschlicher Notwendigkeiten, und wenn es die höchsten wären, <hi rend="italic">kein</hi> Vorwand zu Kriegspredigten<term type="begriffe" key="Kriegspredigt"/> über das «gute Gewissen<term type="begriffe" key="Gewissen, gutes"/>» beim Dreinschlagen<note xml:id="n60"> Siehe z. B. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> frühere Kritik im Brief an <persName ref="kbga-actors-329">Martin Rade</persName> vom
<date when="1914-08-31">31.8.1914</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-3713">NW, Jg. 8 [1914], S. 429–432, dort S. 431</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-966">K. Barth - <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Ein Briefwechsel</hi>, a.a.O., S. 95 – 99, dort S. 97</bibl>): «Schweigen mit allen religiösen Beziehungen auf das, was die Deutschen jetzt tun müssen, wäre auch ein Protest. Aber nicht Gott in der Weise in die Sache hineinzuziehen, als ob die Deutschen [...] mit gutem Gewissen schießen und brennen dürfen. <hi rend="italic">Das</hi> nicht! Und gerade das, das gute Gewissen predigen Sie jetzt, jetzt wo das schlechte Gewissen das christlich allein Mögliche wäre gegenüber der nun einmal vorhandenen weltlichen sündigen Notwendigkeit. Wie soll es mit den Menschen vorwärts gehen, wenn man ihnen jetzt – in diesem furchtbaren Ausbruch menschlicher Schuld – für ihr Tun noch den Trost des guten Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen, gutes"/> spendet? Gibt es im gegenwärtigen Augenblick  […] etwas anderes zu sagen als ‹Buße<term type="begriffe" key="Buße"/>›? Ja! sagen Sie, es gibt etwas anderes, und lassen die Engel<term type="begriffe" key="Engel"/> im Himmel sich über die deutsche Mobilisation<term type="begriffe" key="Mobilisation"/> freuen, lassen die deutschen Frauen ihr Kriegsgebet<term type="begriffe" key="Kriegsgebet"/> mit Trommelschlag beten [...]».</note>. Der Mensch soll <hi rend="italic">kein</hi> «gutes Gewissen» haben weder im Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/> noch im Frieden<term type="begriffe" key="Frieden"/>. Es weiß aber auch der aufrichtigste Friedensfreund, dass wir beständig in der Lage sind, den Einen im <pb ed="pga" xml:id="p632"/> Andern auch <hi rend="italic">nicht</hi> sehen zu dürfen, sein Böses zu verabscheuen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9">12,9</ref>). Denn dieser Eine im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, keine Gegebenheit"/> ist keine Gegebenheit. Insofern ist dann die Demonstration des Streites und vielleicht des Krieges geboten. Erkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> heißt in der Kriegsfrage<term type="begriffe" key="Kriegsfrage"/>, dass wir von jeder kriegerischen Höhe <hi rend="italic">herunter-</hi>, nicht aber, dass wir auf eine friedliche Höhe <hi rend="italic">hinauf</hi>geführt werden. Sie führt zu <hi rend="italic">Gott</hi>, nicht zu einem Tun oder Zustand des Menschen, weder in den «Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/>» noch in den «Frieden<term type="begriffe" key="Frieden"/>». Eine Kirche, die weiß, was sie will, wird sich also mit starker Hand den Militarismus<term type="begriffe" key="Militarismus"/>, mit freundlicher Geste aber auch den Pazifismus<term type="begriffe" key="Pazifismus"/> – vom Leibe halten. Der <hi rend="italic">Ernst</hi> des Gebotes, Frieden zu halten<term type="begriffe" key="Friedenhalten"/>, liegt darin, dass auch es das <hi rend="italic">erste</hi> Gebot<term type="begriffe" key="Gebote"/> illustriert, dass auch es auf <hi rend="italic">Gott</hi> hinweist<term type="begriffe" key="Hinweis, auf Gott"/>. Er liegt durchaus darin, dass es <hi rend="italic">kein</hi> absolutes, <hi rend="italic">kein</hi> präzises<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> Friedensgebot ist. Es ist dieses Gebot gerade in seiner <hi rend="italic">Gebrochenheit</hi> («sofern es von euch aus möglich ist») Hinweis auf den Frieden der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Friede, der kommenden Welt"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Verschafft euch nicht selbst Recht, Geliebte, sondern gebt das Feld frei für den Zorn Gottes! Meine Sache ist’s, das Recht aufzurichten, ich werde vergelten!</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.32.35">Dtn. 32,35</ref>), <hi rend="italic">spricht der Herr. Aber wenn deinen Feind hungert, so speise ihn! Dürstet ihn, so tränke ihn! Denn indem du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt häufen.»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.25.21 Spr.25.22">Spr. 25,21–22</ref>). Wir halten nochmals inne beim Begriff des «Feindes». Was wir – <hi rend="italic">nicht</hi> tun sollen, ist an ihm offenbar am schärfsten zu zeigen. Der «Feind<term type="begriffe" key="Feind"/>» ist, wie wir schon hörten (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.14">12,14</ref>), der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/> in seiner größten Unkenntlichkeit. Mehr als gegeben scheint hier unsrerseits jene Notwendigkeit, <hi rend="italic">nicht</hi> Frieden zu halten. Denn die ganze finstere Rätselhaftigkeit des Mitmenschen<term type="begriffe" key="Mitmensch, Rätselhaftigkeit"/> scheint sich zusammenzuballen, alle dumpfen Empfindungen und pessimistischen Urteile über ihn scheinen Recht zu bekommen, die ganze Unmöglichkeit, aus dem biologisch gegebenen Verhältnis <pb ed="A" n="456"/> zu ihm, dem Verhältnis des Kampfes, herauszutreten, scheint auf der Hand zu liegen in dem Augenblick, wo er mir als «Feind» gegenübersteht, ob er nun der persönliche oder der nationale, der Gesinnungs- oder der Klassenfeind ist. Denn wer ist der «Feind»? Die Psalmsänger<term type="begriffe" key="Psalmsänger"/> wussten es: wahrhaftig nicht nur der Konkurrent, der Gegner, der Widerwärtige, der Bedränger, sondern der, der zu meinem Entsetzen vor meinen Augen <hi rend="italic">objektiv Unrecht</hi> tut, der mich den bekannten Menschen geradezu als den <hi rend="italic">Bösen</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.17">12,17</ref>) im Menschen erleben lässt und mir damit nahelegt, Böses mit Bösem <pb ed="pga" xml:id="p633"/> zu vergelten<term type="begriffe" key="Böse, mit Bösem vergelten"/>. Durchaus begründeterweise sieht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in <hi rend="italic">seinem</hi> Feind, dem Papsttum<term type="begriffe" key="Papstum"/> zu Rom<term type="begriffe" key="Rom"/>, nicht nur <hi rend="italic">einen</hi> Feind, sondern alsbald den <hi rend="italic">altbösen</hi> Feind<term type="begriffe" key="Feind, altböser"/><note xml:id="n61"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p347#fn_n26">S. 347, Anm. 26</ref>.</note> wirksam. Durchaus begründeterweise taucht in dem leidenschaftlichen Reden der Psalmsänger gerade vor <hi rend="italic">Gott</hi> der «Feind» als fast absolute Größe auf, der gegenüber sie nach der Rache <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Rache"/> schreien [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.7.7">Ps. 7,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.143.12">143,12</ref>]! Der «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> ist der, der mir die Augen öffnet für das, was mich am Mitmenschen immer heimlich reizt. Er zeigt es mir als das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/>. Er zeigt mir, wie das Böse das Letzte und Eigentliche ist an dem bekannten Menschen. Er zeigt mir, dass es <hi rend="italic">ohne</hi> Einschränkung, <hi rend="italic">ohne</hi> Hemmung, <hi rend="italic">ohne</hi> Widerspruch, <hi rend="italic">ohne</hi> ein Hindernis von innen oder außen einfach seinen Lauf nimmt. Er löst den stürmischen Schrei aus in mir nach einer (nicht vorhandenen) höhern, ausgleichenden, vergeltenden <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, höhere"/><hi rend="italic"/>, nach einem (abwesenden) Richter über ihm und mir. Wer wird mir so zur Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> wie der «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/>? <anchor type="note" xml:id="fn-bt"/>Denn «was soll ich tun», wenn ich nun das elementare, überwältigende Erlebnis mache, dass jede vergeltende Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vergeltende"/> <hi rend="italic">ausbleibt?</hi><note n="bt" target="fn-bt" type="textcritical" xml:id="nbt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Denn ‹was soll ich tun?› angesichts des elementaren überwältigenden Erlebnisses des <hi rend="italic">Ausbleibens</hi> jener vergeltenden Gerechtigkeit?».</note> Was soll ich tun, wenn <anchor type="note" xml:id="fn-bu"/>ich mir am «Feind» klar<note n="bu" target="fn-bu" type="textcritical" xml:id="nbu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ich am ‹Feind› mir klar». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> werde, dass das, was ihm gegenüber zu «tun» wäre, nur das – Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> sein könnte, das Böse als das Werk jener höheren Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, höhere"/>, deren Auftreten dem «Feind» gegenüber ich eben so schmerzlich vermisse? Unheimlich nahe liegt hier offenbar die letzte höchste
Versuchung des Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/>, die Versuchung<term type="begriffe" key="Versuchung"/>, mir <hi rend="italic">selbst</hi> Recht zu <hi rend="italic">verschaffen</hi>, den <hi rend="italic">Kampf</hi> ums Recht aufzunehmen von <hi rend="italic">mir</hi> aus, mich an Stelle des unsichtbaren <hi rend="italic">Gottes</hi> zu stellen und dem Feinde der <hi rend="italic">Feind</hi>, dem Titanen ein <hi rend="italic">Titan</hi> zu werden? Wer will mich richten, wenn ich das tue? Bin ich nicht, bedrängt von der Frage: wer schafft mir Recht?, doch nur weiter geschritten auf der gewiesenen Linie der legitimen Frage: Was soll ich tun? Was soll ich denn <hi rend="italic">Anderes</hi> tun angesichts des «Feindes»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> als mit Wort und Tat, mit Gesetzes- und Waffengewalt, mit Macht- und Wehrpolitik zürnend, strafend, richtend die Vertretung des abwesen<pb ed="pga" xml:id="p634" break="no"/>den Gottes<term type="begriffe" key="Gott, abwesend"/> übernehmen? Steht es so, dass der Mensch das <hi rend="italic">objektive Recht tun kann und tun soll</hi>, dann <pb ed="A" n="457"/> ist der <hi rend="italic">Kampf</hi> ums Recht unvermeidlich. Eine moralische, d. h. eine auf dieser Voraussetzung beruhende Widerlegung des Tirpitzischen<note n="bv" type="textcritical" xml:id="nbv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Tripitzschen».</note> Gedankenganges<note xml:id="n62"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p578#fn_n09">S. 578, Anm. 9</ref>. Vgl. auch z. B. von <bibl corresp="kbga-bibls-3498"><persName ref="kbga-actors-806">Tirpitz</persName>, a.a.O., S. 382f.</bibl>: «Es wurde durch unser scheinbar böses Gewissen der englischen Lesart Vorschub geleistet, dass der Ubootskrieg etwas Unsittliches wäre. [...] So wurde das deutsche Volk in seiner unbegrenzten Fremdgläubigkeit durch unser Schwanken irre, sah in dem englischen Hungerkrieg, welcher den Bankrott und den Umsturz, Schwindsucht und Todesjammer in dies bis dahin so blühende Volk trug, geduldig ein Stück göttlicher Weltordnung. Demgegenüber sollte der Ubootskrieg grausam und unsittlich sein, er, der feindliche Schiffsladungen traf und den Feind kaum Menschenleben kostete – in all den Jahren noch nicht soviele Leben, wie an einem Tag Deutsche an der Westfront fielen oder wie nach erfolgter Waffenstreckung durch die unmenschlich beibehaltene Hungerblockade täglich an deutscher Bevölkerung zugrund ging!»</note> etwa ist zum vornherein zum Scheitern verurteilt. Aber eben das: ob der Mensch das objektive Recht tun kann und tun soll, ist ja durch die Störung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="göttliche Störung"/> in Frage gestellt. Gewiss, man kann es versuchen, das objektive Recht dem «Feinde» gegenüber zu «tun». Aber ohne Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/>, ohne den Griff nach dem Szepter Gottes<term type="begriffe" key="Griff nach dem Szepter Gottes"/> kann das gerade hier <hi rend="italic">nicht</hi> abgehen, und was das bedeutet, das ist wiederum gerade hier <hi rend="italic">nicht</hi> zu verkennen: man begibt sich gerade damit, dass man sich zürnend an die Seite Gottes stellt, auf das Feld, das vom Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> beherrscht ist. Denn das ist ja das Geheimnis des «Feindes»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/>, dass auch sein Tun in seinem Wesen der Griff nach dem Szepter Gottes<term type="begriffe" key="Griff nach dem Szepter Gottes"/> ist. Auch er hat das Auftreten einer höheren Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, höhere"/> irgendwie vermisst. Auch er ist auf der Linie der Frage: was soll ich tun? vorgestoßen zu der Möglichkeit und zu dem Entschluss, diese Gerechtigkeit mit eigener Hand aufzustellen. Wann wäre es dem schlimmsten Feind<term type="begriffe" key="Feind, schlimmster"/> nicht subjektiv um das – objektive Recht zu tun gewesen? Aber eben <hi rend="italic">damit</hi> hat er mein Rechtsbewusstsein verletzt, eben <hi rend="italic">das</hi> ist das objektive Unrecht, das er in meinen Augen tut, eben <hi rend="italic">so</hi> wurde er zum Frevler an Gott und den Menschen. Es ist der brennende Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, der ihn dahingegeben hat an seines Herzens Begierde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.24">1,24</ref>), der mir in ihm begegnet. Damit auch ich davon erfasst <pb ed="pga" xml:id="p635"/> werde? Damit also auch ich die Wahrung des Rechtes in <hi rend="italic">meine</hi> Hand nehme? Noch einmal: ich <hi rend="italic">kann</hi> es versuchen, ich <hi rend="italic">muss</hi> es vielleicht. Wie sollte es auch sein, dass ich eine <hi rend="italic">andre</hi> Möglichkeit sehe als die, dem Titanen titanisch<term type="begriffe" key="Titanismus"/> zu begegnen? Nur darf ich mich dann nicht wundern, wenn ich an meinem eigenen titanischen, tragischen, Furcht und
Mitleid<note xml:id="n63"> Anspielung auf die Definition der Tragödie bei <bibl corresp="kbga-bibls-3139">Aristoteles, <hi rend="italic">Poetik</hi>, 6, 1449b 24-28</bibl>, nach der sie durch «Mitleid und Furcht» wirkt.</note><term type="begriffe" key="«Furcht und Mitleid»"/> erregenden Schicksal wahrnehmen muss, dass auch ich, in der Absicht, das objektive Recht zu tun, das objektive Unrecht getan habe. Gerade das <hi rend="italic">Aufrichtenwollen</hi> der höhern Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, höhere"/> ist der <hi rend="italic">Verzicht</hi> darauf. Denn «es enthüllt sich der Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen Ehrfurchtslosigkeit"/> über <hi rend="italic">aller</hi> Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit der Menschen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>), über ihrer Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit, im Bösen"/> im Bösen <hi rend="italic">und</hi> über ihrer Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit, im Guten"/> im Guten<note xml:id="n64"> «Von der Gottlosigkeit des Menschen im Bösen» und «Die Gottlosigkeit des Menschen im Guten» heißen die Überschriften der Erklärungen zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.19 Röm.1.20">Röm. 1,19f.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.2">Röm. 2,1f.</ref> in: <bibl corresp="kbga-bibls-1849"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Das Bilderbuch Gottes für Groß und Klein, I. Römerbrief Kapitel 1-4</hi>, Basel 1917</bibl>. Die beiden Kapitel wurden 1918 auch als «Sonderdrucke» herausgebracht.</note>, über meinem Feinde<term type="begriffe" key="Feind"/> <hi rend="italic">und</hi> über mir, wenn ich meines Feindes Feind sein will. <hi rend="italic">Das</hi> ist die Kritik des Militarismus<term type="begriffe" key="Militarismus"/>. Sie trifft aber im Vorbeigehen durchaus auch den Pazifismus<term type="begriffe" key="Pazifismus"/>. – Wer gibt das Feld frei, nicht dem Zorne des Menschen, sondern dem Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>? Wer sieht, dass es sich hier (aber nicht nur hier!) darum handelt, dass das menschliche Tun aus dem Felde geschlagen werde durch das überlegene Tun Gottes? Wer sieht, dass uns in der Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> des Lebens (die uns durch den «Feind» nur besonders lebhaft <pb ed="A" n="458"/> veranschaulicht wird) nichts Anderes übrig bleibt, als nach dem objektiven Recht zu <hi rend="italic">fragen?</hi> Das ist’s ja, was uns der «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> eigentlich zu sagen hat. Er nur zerreißt den letzten Wahn, als ob für uns Menschen die Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit"/> anders als im Bösen «tunlich» sei, er stellt sie uns gegenüber in ihrer ganzen Ferne, Fremdheit und Untunlichkeit, sie erscheint an ihm nur in ihrer völligen Abwesenheit, nur als <hi rend="italic">Zorn</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, Gott selbst ganz und gar nur als <foreign xml:lang="lat">Deus absconditus</foreign><term type="begriffe" key="Deus absconditus"/>. Was kann ich dem «Feind» gegenüber, sofern ich von kritischer Besinnung geleitet bin, Anderes tun als von allem Tun zurückkehren zu einem ursprünglichen Nicht-Tun, von allen Antworten zur Frage, von allem Handeln zur Voraussetzung? Welche Geste soll ich, sofern mir die Geste des Dreinschlagens <pb ed="pga" xml:id="p636"/> verwehrt ist, machen als die ganz und gar unmögliche, unpraktische, in keiner Weise zu rationalisierende Geste: Hungert deinen Feind, so speise ihn! dürstet ihn, so tränke ihn!, die nur <hi rend="italic">bedeuten</hi>, höchst seltsam bedeuten kann, dass ich gerade durch den «Feind», diesen höchst vermummten Einen im Andern die stärkste Aufforderung <hi rend="italic">gehört</hi> habe, <hi rend="italic">Gott</hi> die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> zu geben? «<hi rend="italic">Meine</hi> Sache ist es, das Recht aufzurichten, <hi rend="italic">ich</hi> werde vergelten! spricht der Herr.» Als Zeugnis von diesem <hi rend="italic">Mein!</hi> und <hi rend="italic">Ich!</hi>, als Demonstration für das gerade im Feinde erkannte kommende Recht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, um zu markieren, dass der «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> uns ein Problem gestellt hat, das uns viel zu hart bedrängt, als dass wir etwa ungebrochen den militaristischen<term type="begriffe" key="Militarismus"/> Gedanken mitdenken könnten: Hungert deinen Feind, so speise ihn! Dürstet ihn, so tränke ihn! Wir kennen das sich sofort meldende Bedürfnis, uns diese Möglichkeit als Weg, Methode und Ziel, als – Möglichkeit praktisch-pragmatisch plausibel zu machen. Wir kennen aber
auch die Belanglosigkeit aller Versuche, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Feindesliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Feindesliebe"/> ist nun einmal (das ethische Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, ethisches"/>: der Eine im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, ethisches Paradox"/>, macht sich hier am unzweideutigsten geltend!) als ein Tun des Menschen <hi rend="italic">nicht</hi> anschaulich zu machen. «Feurige Kohlen» sollen auf das Haupt des Feindes gehäuft werden, d. h. unser Tun soll den Andern aus seiner Stellung als «Feind» verdrängen durch einen unwiderstehlich ausgeübten Druck. Der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/>, der auch im «Feind» verborgenerweise der Eine<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, im Feind"/> ist, soll genötigt werden, als der Eine aus dieser seiner Unkenntlichkeit hervorzutreten. Dazu muss ich ihn erkennen als «Hungernden und Dürstenden». Ich muss sehen, dass er tatsächlich (auch wenn er äußerlich betrachtet durchaus noch triumphieren sollte!) nichts Anderes ist als ein Opfer seines tragischen Schicksals<term type="begriffe" key="Schicksal, tragisches"/>, geschlagen vom Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, dass also eben das objektive Recht, das ich ihm gegenüber suche, schon aufgerichtet ist. Der Andere<term type="begriffe" key="Andere, der"/> im <hi rend="italic">geschlagenen</hi>, von <hi rend="italic">Gott</hi> geschlagenen «Feind<term type="begriffe" key="Feind"/>» kann mir <pb ed="A" n="459"/> nicht mehr unbekannt sein. Er ist im Gleichnis des Todes<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes"/> der Eine. Aber diese Erkenntnis ist als echte Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Tat"/> nur <hi rend="italic">tätig</hi> zu gewinnen. Darum: Speise, tränke ihn! Mit dem von <hi rend="italic">Gott geschlagenen</hi> Feind bist du solidarisch. Sein Böses ist dein Böses, sein Leid ist dein Leid, seine Rechtfertigung ist deine Rechtfertigung, und nur was <hi rend="italic">ihn</hi> erlöst, kann auch <hi rend="italic">dich</hi> erlösen. Gut ist alles «Tun», das diese Korrelation zwischen dir und ihm manifestieren kann, alles das Tun, das gemessen an dem, was Titanen<term type="begriffe" key="Titan"/> unter<pb ed="pga" xml:id="p637" break="no"/>einander zu tun pflegen, nur als Nicht-Tun zu verstehen ist. Also eine Niederung ist die Höhe, die du betrittst, ein Bedeuten ist dein Handeln, wenn es sich zur Höhe der «Feindesliebe»<term type="begriffe" key="Liebe, Feindesliebe"/> erhebt. Dass die Frage: was soll ich tun? anstoße an der Unmöglichkeit einer materiellen Antwort, sich selbst erkenne als die Frage nach <hi rend="italic">Begründung</hi> und <hi rend="italic">Ziel</hi> unseres tatsächlichen Tuns, sich umkehre in <hi rend="italic">die</hi> Frage, auf die nur Gott selber und <hi rend="italic">sein</hi> Tun die Antwort sein kann, das ist das spezielle Interesse, das die christliche Ethik<term type="begriffe" key="Ethik, christliche"/> gerade an der Feindesliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Feindesliebe"/> hat. Das ist ihre Bedeutung als Verkündigung der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue,, Verkündigung"/>.</p> 
</div> 



<div>
<head><hi rend="smallCaps">Die große negative Möglichkeit</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21 Röm.13.7">12,21-13,7</ref></head>

<p><hi rend="bold">Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege im Guten das Böse! Jedermann unterziehe sich den</hi>
jeweilen <hi rend="bold">regierenden Obrigkeiten. Denn es ist keine Obrigkeit, die nicht von Gott ist, und es sind die</hi>
jeweilen <hi rend="bold">vorhandenen von Gott eingesetzt. Wer sich also gegen die Obrigkeit empört, widersetzt sich der Anordnung Gottes. Die Widersetzlichen aber ziehen selbst das Gericht auf sich. Denn die Machthaber bedeuten für das gute Tun keinen Schre­­cken, wohl aber für das Böse. Willst du also die Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, so wirst du noch Anerkennung bei ihr finden. Denn Gottes Dienerin ist sie dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, dann fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht zum Schein. Denn Gottes Dienerin ist sie als Vollstreckerin des Zorns an dem, der das Böse treibt. Daher der Zwang, sich zu unterziehen, nicht nur wegen des Zorns, sondern wegen des Gewissens. Deswegen bezahlt ihr ja auch die Steuern: Sie</hi>
(die Machthaber) <hi rend="bold">sind Gottes Priester, waltend zu diesem einen Zweck. Gebt ihnen allen, was ihr schuldig seid, Steuer, dem Steuer, Zoll, dem Zoll, Furcht, dem Furcht, Ehre, dem Ehre zukommt.</hi></p>
<p>Von den jeweilen bestehenden <hi rend="italic">Ordnungen</hi> des menschlichen Gemeinschaftslebens haben wir zu reden und davon, dass dies die <pb ed="A" n="460"/> große <hi rend="italic">Demonstration</hi> für<note n="bw" type="textcritical" xml:id="nbw">Druckmanuskript: «Demonstration für die Ordnung Gottes, für».</note> die Ordnung der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> sein <pb ed="pga" xml:id="p638"/> soll, diese Ordnungen als solche <hi rend="italic">nicht zu zerbrechen</hi>. Wir betreten heißen, umstrittenen Boden mit dem, was hier zu sagen und zu hören ist. Eine Warnung scheint nicht unangebracht, gerichtet an alle allzu aktuell Interessierten und vor Allem an alle Sensationslüsternen: sie möchten mit der Lektüre dieses Buches, wenn überhaupt, jedenfalls nicht <hi rend="italic">hier</hi> anfangen. Denn wer uns im Ganzen nicht versteht, wird es hier am allerwenigsten verstehen, warum wir gerade <hi rend="italic">das</hi>, warum nicht <hi rend="italic">mehr</hi> und warum nicht <hi rend="italic">weniger</hi> sagen.</p>
<p>Das ganze Problem des verborgenen Einen im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Verborgen"/>, das uns zuletzt in der zugespitztesten Form im Begriff des «Feindes<term type="begriffe" key="Feind"/>» begegnet ist, konzentriert sich in der Tatsache des Bestehens jener menschlichen Ordnungen. Ewig ist der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Erinnerung an Gott<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> immer nur als Qualifizierung eines Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, qualifizierter"/>, eines Vorher und Nachher in der <hi rend="italic">Zeit.</hi> Absolut ist die ethische Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, ethische"/> unsres Tuns immer nur in <hi rend="italic">Relation</hi> auf ein noch nicht oder nicht mehr «aufgehobenes» Tun. Stattfinden kann die Entdeckung des Einen im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Entdeckung des"/> immer nur an ganz bestimmten Andern, an der konkreten <hi rend="italic">Vielheit</hi> der Einzelnen, die <hi rend="italic">dem</hi> Einzelnen als das große Rätsel zur ethischen Lösung aufgegeben sind. Sofort stößt die «Erneuerung des Denkens» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>), die kritische Revision, der wir unser Tun in Beziehung auf seinen Ursprung in Gott durch das Denken des Gedankens<term type="begriffe" key="Denken, des Gedankens"/> Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Gedanken der E."/> unterwerfen, auf die merkwürdige Tatsache von <hi rend="italic">schon</hi> geschehenen Qualifizierungen der Zeit, von <hi rend="italic">schon</hi> vorliegenden Relationen menschlichen Tuns auf das Absolute, von <hi rend="italic">schon</hi> vorhandenen Vielheiten, die die Lösung des Rätsels des Einen zu sein behaupten. Sie stößt auf eine ganze Fülle von ethischen Gegebenheiten, nicht nur auf die mehr oder weniger tumultuarischen Experimente der <hi rend="italic">einzelnen</hi> Einzelnen, sondern, scheinbar weit jenseits alles Zufalls und aller Willkür, in einer Sphäre hoher Objektivität, auf die großen Positionen von Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Recht<term type="begriffe" key="Recht"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/>, in denen es die an die Gesamtheit grenzende <hi rend="italic">Vielheit</hi> der Einzelnen ist, die den Anspruch erhebt, <hi rend="italic">schon</hi> Antwort zu wissen auf die ethische Frage<term type="begriffe" key="Ethik, Frage"/>: Was sollen wir tun? Mit großer Lebhaftigkeit und unterstützt von den handgreiflichsten Argumenten behaupten diese Gegebenheiten, durchaus nicht nur Gegebenheiten zu sein, sondern die von uns überflüssigerweise erst gesuchte Lösung, Ordnung und Bahn des menschlichen Tuns. Sie fordern Anerkennung und Gehorsam, und wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, <pb ed="pga" xml:id="p639"/> ob wir ihnen das Geforderte <hi rend="italic">gewähren</hi> oder <hi rend="italic">verweigern</hi> wollen. Wählen wir das erste<note n="bx" type="textcritical" xml:id="nbx"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «erstere».</note>, so wählen wir offenbar das Prinzip <pb ed="A" n="461"/> der <hi rend="italic">Legitimität</hi><term type="begriffe" key="Legitimität"/>. Wählen wir das zweite<note n="by" type="textcritical" xml:id="nby"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «letztere».</note>, so wählen wir offenbar das Prinzip der <hi rend="italic">Revolution</hi><term type="begriffe" key="Revolution"/>. Wir aber wählen als Demonstration zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> – nicht etwa das erste<note n="bz" type="textcritical" xml:id="nbz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «erstere».</note>, wie die vorschnellen, oder vielmehr (denn hier sind Alle zum vornherein <hi rend="italic">Partei</hi>) die kontrerevolutionären Leser dieses Textes wünschen – aber auch nicht das zweite<note n="ca" type="textcritical" xml:id="nca"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «letztere».</note>, das schon so mancher – andere Leser des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Leser des R."/> an dieser Stelle heimlich zu finden hoffte, sondern (warum? ist gleich zu zeigen) die <hi rend="italic">Negation des letztern. Nicht-</hi>Revolution<note n="cb" type="textcritical" xml:id="ncb"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">Nicht-Revolution</hi>».</note>! sagen wir. Wir haben damit implicite auch schon <hi rend="italic">Nicht-</hi>Legitimität! gesagt; wir haben aber unsre Gründe, das nicht explicite zu sagen.</p>
<p>Die <hi rend="italic">große negative</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große negative"/>! <hi rend="italic">Groß</hi> darum, weil die Demonstration sich hier nicht nur in einzelnen Einstellungen und Akten dem Nächsten gegenüber, sondern in einer Gesamthaltung gegenüber <anchor type="note" xml:id="fn-cc"/>der an Totalität grenzenden Vielheit der Nächsten<note n="cc" target="fn-cc" type="textcritical" xml:id="ncc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der Vielheit oder beinahe Totalität der Nächsten».</note> vollziehen muss. <hi rend="italic">Negativ</hi> darum, weil wahrhaftig nicht «die unbedingte Aufnahme des Staates<term type="begriffe" key="Staat"/> unter die sittlichen Mächte» (<persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>)<note xml:id="n65"> <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 80</bibl>.</note>, nicht der «Lobpreis vom göttlichen Ursprung aller Staatsgewalt<term type="begriffe" key="Staatsgewalt"/>» (<persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>)<note xml:id="n66"> <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 163</bibl>; dort schreibt <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> vom Zufall, «daß ich bei der ersten Lektüre des Buches [<bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl>] statt auf den Eingang auf <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref> verfiel, ehrlich gesagt: aus reinem Wunderfitz [= reiner Neugier], wie dieser ausgesprochene Staatsverächter mit dem Lobpreis des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vom göttlichen Ursprung aller Staatsgewalt fertig werde».</note> das Motiv und der Sinn dieser Demonstration ist, sondern auch hier der Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, auf den Menschen"/> auf den <hi rend="italic">Menschen</hi>, auf sein «Sinnen nach den Höhen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16">12,16</ref>), auf seinen prometheischen Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, prometheischer"/>. Nicht an den <hi rend="italic">Ordnungen</hi><term type="begriffe" key="Ordnung"/> der Menschen sind wir interessiert und nicht an einem diesen Ordnungen gegenüber zu betätigenden <hi rend="italic">Handeln</hi> des Menschen («Bürgerpflichten», <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName><note xml:id="n67"> <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 79.</bibl></note>), sondern daran, dass der Mensch diese Ordnungen <hi rend="italic">nicht <pb ed="pga" xml:id="p640"/> zerbreche</hi>, also an seinem <hi rend="italic">Nicht-Handeln</hi> ihnen gegenüber. 
Der revolutionäre <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> ist’s, der hier aufs Korn genommen, dem hier das Prinzip der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> aus den Händen gewunden werden soll, und ganz und gar nur zu Belehrungszwecken, ganz und gar ohne materielles Interesse und Präjudiz auch das! Warum gerade der <hi rend="italic">revolutionäre</hi> Mensch? Eine angesichts der handgreiflichen Gefährlichkeit des <hi rend="italic">reaktionären</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, reaktionärer"/> sehr berechtigte Frage. Der dialektische Wagen liegt hier in der Tat ungewöhnlich scharf in der Kurve, und wir werden uns zu hüten haben davor, dem Schwergewicht des Wortlauts folgend, aus dem Geleise zu kommen. Darum, antworten wir, weil es wenig wahrscheinlich ist, dass man auf dem Boden des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Boden des R."/> ein reaktionärer Mensch wird. Die Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/>, die <hi rend="italic">hier</hi> droht, ist offenbar die Hybris der Negation, die Verwechslung, als ob etwa jene Unruhe, jenes Fragen, jenes Verneinen, alles jenes Todesähnliche, für das das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> in der Tat eine entschiedene Vorliebe hat (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16">12,16</ref>), als menschliche Haltung, als <hi rend="italic">Methode</hi> den Menschen rechtfertigen könnte, der Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/> des Umsturzes, der Neuerung, <pb ed="A" n="462"/> der Umwertung. Es wird sogar zu sagen sein, dass der revolutionäre Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus, revolutionärer"/> gerade darum, weil er in seinem Ursprung der Wahrheit so viel näher kommt, um so viel gefährlicher und gottloser ist als der reaktionäre<term type="begriffe" key="Titanismus, reaktionärer"/>. Also auf alle Fälle: der reaktionäre Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, reaktionärer"/> ist uns die kleine Gefahr, sein roter Bruder<term type="begriffe" key="Bruder, roter"/> aber die große. Wir halten uns an die große und sehen unser Anliegen darin, dass zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> der <hi rend="italic">revolutionäre</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> (als ein besonders stattliches Opfer!) zur Strecke gebracht werde.</p>
<p><hi rend="italic">«Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege im Guten das Böse!»</hi> Jede <hi rend="italic">bestehende</hi> Ordnung stellt uns als solche, viel grundsätzlicher noch als der «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.19 Röm.12.20">12,19–20</ref>), vor die Frage nach dem <hi rend="italic">Sieg des Rechts</hi> über das Unrecht. Denn was soll die bestehende Ordnung dem nach der Ordnung Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ordnung"/> <hi rend="italic">Suchenden</hi> für einen andern Eindruck machen als den des verkörperten triumphierenden Unrechts, sie, die bestehende, die schon <hi rend="italic">gefundene</hi> Ordnung? Was ist sie Anderes als eine neue Verstärkung und Verteidigung des Menschen gegen Gott, eine Sicherung des normalen Weltlaufs gegen die Beunruhigung, die ihm von allen Seiten durch die große Fragwürdigkeit seiner Voraussetzung bereitet wird; eine Verschwörung der Viel zu Vielen<note xml:id="n68"> Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsches</persName> Kritik an den «Viel-zu-Vielen», den «Überflüssigen», vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3540">Zarathustra, Vom neuen Götzen, NW, S. 70</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 58, Z.5.7.24</bibl>); Von Kind und Ehe, NW, S. 103 (NWKG, S. 87, Z.1).</note> gegen <pb ed="pga" xml:id="p641"/> den Einen, der sich gerade dort zu Worte meldet, nur von dort aus zu Worte melden kann, wo die Ruhe, Weisheit und Kraft der Vielen zu Ende ist. Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/>! Was heißt <hi rend="italic">bestehende</hi> Ordnung? Dass der Mensch heuchlerischerweise wieder einmal mit sich ins Reine gekommen ist. Dass er, der Feigling, sich vor dem Geheimnis seines Daseins wieder einmal in Sicherheit gebracht hat. Dass er, der Tor, sich wieder einmal eine Viertelstunde Aufschub in der Vollstreckung seines Todesurteils<term type="begriffe" key="Todesurteil"/> erbettelt hat. Nicht die schlechte <hi rend="italic">Qualität</hi>, nicht die mehr oder weniger große Verdorbenheit der Ordnung steht in Frage bei all den Anklagen, die von der Offenbarung <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, von den Täufern<term type="begriffe" key="Täufertum"/> bis zu den Anarchisten<term type="begriffe" key="Anarchist"/> gegen sie geschleudert worden sind, sondern ihr <hi rend="italic">Bestehen.</hi> Dass hier Menschen dem Menschen ein zum vornherein höheres «Recht» entgegen zu stellen, zum vornherein ungefähr sein ganzes Tun zu regeln und in bestimmte Bahnen zu weisen sich erkühnen, dass hier eine in ihrem Rechtsanspruch alsbald als Fiktion zu durchschauende Größe, angetan mit dem einzigen realen Nimbus der Gewalt<term type="begriffe" key="Gewalt"/>, Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> und Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> fordert, als ob sie die Gewalt Gottes wäre, dass hier eine Vielheit verabredeterweise so redet, als ob es der Eine wäre, der durch ihren Mund redete, dass hier eine Minderheit oder auch Mehrheit (und wenn es die höchst demokratische Mehrheit Aller gegen Einen wäre!) den Anspruch erhebt, die Ge<pb ed="A" n="463" break="no"/>meinschaft zu sein, dass hier ein höchst zufälliges Abkommen über die – reibungslose Organisation des Kampfs ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums"/> sich als der von allen ersehnte und zu respektierende Friede<term type="begriffe" key="Friede"/> ausgibt, diese ganze Transzendenz<term type="begriffe" key="Transzendenz"/> einer höchst immanenten Ordnung ist die Wunde, die jede, <hi rend="italic">auch die beste</hi> bestehende Ordnung gerade dem tiefsten Rechtsbewusstsein zufügt. Je vollkommener das Recht in die Erscheinung tritt, um so mehr erscheint es als Unrecht: «<foreign xml:lang="lat">summum ius, summa iniuria</foreign>»<note xml:id="n69"> Der Ausdruck geht wahrscheinlich zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-2770"><persName ref="kbga-actors-2126">Publius Terentius Afer</persName>, <hi rend="italic">Heautontimorumenos</hi>, IV, 5,48</bibl>, und wurde schon von <bibl corresp="kbga-bibls-1783"><persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName>, <hi rend="italic">De officiis</hi> I, 10,33</bibl>, als ein Sprichwort angeführt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 333</bibl>.</note>. Und wenn es in der Form der <hi rend="italic">Theokratie</hi><term type="begriffe" key="theokratisch"/> aufträte, in der Form überlegener Geistesleitung<note n="cd" type="textcritical" xml:id="ncd"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Geistesleistung».</note>, die eine ideale Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, ideale"/> (etwa <pb ed="pga" xml:id="p642"/> die Kirche <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, in verbesserter Aufmachung zur Kirche des Völkerbundes<term type="begriffe" key="Völkerbund"/> erweitert!) den sich ihr anvertrauenden Völkerherden angedeihen lassen könnte<note xml:id="n70">
Anspielung auf den 1921 von <persName ref="kbga-actors-311">Rudolf Otto</persName> gegründeten «<orgName ref="kbga-actors-8585">Religiösen Menschheitsbund</orgName>» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3715">Fr. Heiler, Art. «Menschheitsbund», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> IV, Sp. 876</bibl>), der nach der Intention seines Gründers «als geistliche Unterstützung des Völkerbundes<term type="begriffe" key="Völkerbund"/>» wirken sollte: <bibl corresp="kbga-bibls-3716"><persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, <hi rend="italic">Vom religiösen Menschheits-Bunde</hi>, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 478</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3717">ders., <hi rend="italic">Religiöser Menschheitsbund neben politischem Völkerbund</hi>, a.a.O., Sp. 133–135</bibl>.</note>, so wäre auch dieses wirklich höchste Recht – höchstes Unrecht. Auch dieser Traum endet notwendig dort, wo der <hi rend="italic">Teufel</hi><term type="begriffe" key="Teufel"/> Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> gegenübertritt und ihm die Reiche dieser Welt anbietet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.8 Mt.4.9">Mt. 4,8–9</ref> par.]: beim Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName><note xml:id="n71"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2099"><persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName>, <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>, 5.Buch, Kap.V</bibl>.</note>. Der Mensch hat eben <hi rend="italic">nicht</hi> das Recht, gegen den Menschen objektiv Recht zu haben, und je größer der Schein von Objektivität ist, mit dem er sich dabei zu umgeben weiß, um so größer ist das Unrecht, das er dem Andern zufügt. Auf das Recht des <hi rend="italic">Einen</hi> wartet ja der Andere<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, das Recht"/>. Wo und wann wäre aber das Recht noch so Vieler das Recht des Einen, wo und wann wäre es nicht vielmehr erschlichen und usurpiert? Welche Legalität<term type="begriffe" key="Legalität"/> wäre nicht in ihrer Wurzel illegal<term type="begriffe" key="Illegalität"/>? Welche Autorität nicht gerade in dem, was sie zur Autorität macht, Tyrannis<term type="begriffe" key="Tyrannis"/>? Nur <hi rend="italic">Anlass</hi> geben können etwaige <hi rend="italic">Mängel</hi> des Bestehenden zu der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Bösen"/>, dass das Bestehende als solches das Böse ist. In unbändigem Freiheitsdrang regt sich unter guten oder bösen Herren etwas gegen die vielleicht so überaus wohlgemeinten Fesseln, die uns die Vielen anlegen wollen. Unerhört scharfsichtig durchschaut etwas in uns die Fiktionen, mit denen sie diese Fesselung zustande bringen wollen. In dieser Erkenntnis des Bösen<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Bösen"/> in der Ordnung, des Bösen, das darin besteht, <hi rend="italic">dass</hi> sie besteht, pflegt <hi rend="italic">der revolutionäre Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> geboren zu werden; der Mensch, der das Böse dadurch loszuwerden gedenkt, dass er sich aufmacht, es zu bekämpfen und zu stürzen, d. h. also das Bestehende als die Verkörperung des Unrechts zu beseitigen und ein Neues, das Recht, an seiner Stelle aufzurichten. Ein an sich durchaus einleuchtender Plan, dem wir unsre Teilnahme kaum werden versagen können, wie ja auch die Feindschaft gegen den «Feind»<term type="begriffe" key="Feind, der F."/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.19">12,19</ref>) und der Streit mit dem Mitmenschen an sich durchaus begreifliche Vorgänge sind. Aber eben der revolutionäre Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> (der selbstverständlich nicht erst <pb ed="pga" xml:id="p643"/> bei dem so viel verpönten Gebrauch blutiger Gewalt anfängt, sondern beim ersten, geheimsten jener giftigen Ressentiments gegen das Bestehende, denen <pb ed="A" n="464"/> manche um so mehr frönen, je mehr sie die «Gewalt» verabscheuen!), eben er muss sich sagen lassen, dass er sich schon damit, dass er diesen Plan fasst, «vom Bösen besiegen lässt». Und er vergisst, dass er nicht der Eine ist, nicht das <hi rend="italic">Subjekt</hi> jenes Freiseins, nach dem ihn dürstet, nicht <hi rend="italic">der</hi>, der so unheimlich scharf aus seinen Augen sieht, nicht der <hi rend="italic">Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, der dem Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> gegenübersteht, sondern umgekehrt immer noch und erst recht der <hi rend="italic">Großinquisitor</hi>, der Christus gegenübersteht. Auch er erhebt einen Anspruch, den der Mensch nicht erheben kann. Auch er lässt Recht in die Erscheinung treten. Auch er tritt Recht habend andern Menschen gegenüber. Auch er usurpiert eine Stellung, die ihm nicht zukommt, eine Legalität<term type="begriffe" key="Legalität"/>, die in ihrer Wurzel illegal<term type="begriffe" key="Illegalität"/> ist, eine Autorität, die, wir haben es am
Bolschewismus<term type="begriffe" key="Bolschewismus"/> schaudernd erlebt (wir könnten es aber auch an sehr viel geistigeren Vorgängen belegen), nicht lange säumen wird, ihren wahren Charakter als Tyrannis<term type="begriffe" key="Tyrannis"/> zu enthüllen. Welcher Mensch hätte denn das Recht, das «Neue», eine «neue» Zeit oder Welt oder gar einen «neuen Geist»<term type="begriffe" key="Geist, neuer"/> auf den Plan zu stellen und zu vertreten? Ist nicht alles «Neue» aus Bestehendem geboren, sofern es von Menschen aufgestellt werden <hi rend="italic">kann</hi>, und <anchor type="note" xml:id="fn-ce"/>ist es nicht alsbald selbst ein Bestehendes, sobald es von Menschen aufgestellt <hi rend="italic">ist?</hi><note n="ce" target="fn-ce" type="textcritical" xml:id="nce"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «es ist  […] aufgestellt <hi rend="italic">ist.</hi>».</note> Welcher Mensch täte nicht gerade damit, dass er (er!) das «Neue» aufstellt, das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/>? Ist nicht auch das Alte, das er besiegen will, einst von Menschen aufgestellt worden, und ist es nicht gerade darum das Alte, das Böse? «Vom Bösen besiegt» ist der revolutionäre Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> noch mehr als der konservative<term type="begriffe" key="Mensch, konservativer"/>, darum, weil er sich mit seinem Nein so unheimlich nahe neben Gott stellt. Das ist seine Tragik. Das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> ist keine Antwort<term type="begriffe" key="Antwort"/> auf das Böse. Das durch die bestehende Ordnung verletzte Rechtsbewusstsein wird durch ihren Bruch nicht hergestellt. «Besiege im Guten das Böse!» Was kann diese übrig bleibende Möglichkeit anderes bedeuten und bezeichnen als das Ende des in der bestehenden Ordnung sowohl wie in der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> triumphierenden <hi rend="italic">Menschen</hi>, und wie soll sie sich anders darstellen als in einem rätselhaften <hi rend="italic">Nicht-Handeln</hi><term type="begriffe" key="Handeln, Nicht-Handeln"/> dort, wo er sich zweifellos als Mensch am kräftigsten zum <pb ed="pga" xml:id="p644"/> Handeln<term type="begriffe" key="Handeln, menschliches"/> aufgerufen fühlt? Der Revolutionär<term type="begriffe" key="Revolutionär"/> hat sich geirrt: Er meinte <hi rend="italic">die</hi> Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, als unmögliche Möglichkeit"/>,, die die unmögliche Möglichkeit ist, die Vergebung der Sünden<term type="begriffe" key="Vergebung, der Sünden"/>, die Auferstehung der Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/>. Das ist die Antwort auf die Beleidigung, die im Bestehenden als solchem liegt. <hi rend="italic">Jesus</hi> ist Sieger<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sieger"/>!<note xml:id="n72"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p050#fn_n14">S. 50, Anm. 14</ref>.</note> Er hat aber die <hi rend="italic">andere</hi> Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, die andere"/> gemacht, die mögliche Möglichkeit der Unzufriedenheit, des Hasses, der Insubordination, des Aufruhrs und der Zerstörung. Sie ist nicht besser, sondern schlimmer als die gegenüberstehende Zufriedenheit, Sattheit, Sicherheit und Anmaßung, weil Gott dabei <pb ed="A" n="465"/> noch besser verstanden, noch schlimmer missbraucht ist. Er meint <hi rend="italic">die</hi> Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, als Aufrichtung der wahren Ordnung"/>, die die Aufrichtung der wahren Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung, wahre"/> bedeutet, und macht die <hi rend="italic">andere</hi> Revolution, die die wahre Reaktion<term type="begriffe" key="Revolution als wahre Reaktion"/> ist. (Gerade wie der Legitimist, seinerseits vom Bösen besiegt, <hi rend="italic">die</hi> Legitimität meint, die die Entzündung der wahren Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, wahre"/> bedeutet, tatsächlich aber die <hi rend="italic">andere</hi> Legitimität<term type="begriffe" key="Legitimität"/> verteidigt, die – Revolte ist!) Immer ist das, was der Mensch <hi rend="italic">tut</hi>, das Gericht dessen, was er will (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.15">7,15</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.19">19</ref>). Erkennt der revolutionäre Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> dieses Gericht, so wird er zurückgeworfen aus der Anschaulichkeit seines so wohl begründeten, so gerechten revolutionären Tuns in die Unanschaulichkeit des Tuns <hi rend="italic">Gottes.</hi> Wie aber soll er für dieses Tun Gottes anders demonstrieren als dadurch, dass er als <hi rend="italic">revolutionärer</hi> Mensch <hi rend="italic">stirbt</hi> an derselben Stelle, wo er als solcher <hi rend="italic">geboren</hi> wurde, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Bösen"/> des Bösen, das ihm im Bestehenden begegnet? Wie kann er drastischer handeln, als indem er gerade an dieser Stelle zurückkehrt zum Urquell des «Nicht-Handelns»<term type="begriffe" key="Handeln, Nicht-Handeln"/> und also <hi rend="italic">nicht</hi> zürnt, <hi rend="italic">nicht</hi> angreift, <hi rend="italic">nicht</hi> zerbricht? Diese Rückkehr ist das Ethische<term type="begriffe" key="Ethik"/> der Forderung: Besiege im Guten das Böse: Sie sagt kein Wort zugunsten des Bestehenden, wohl aber unendliche Worte zuungunsten jedes Feindes des Bestehenden. <hi rend="italic">Gott</hi> will erkannt<term type="begriffe" key="Erkennen, Gott"/> sein als der Sieger über das Unrecht des Bestehenden. Das ist ihr Sinn. Und das ist der Sinn von «<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Römer 13</ref>».</p>
<p><hi rend="italic">«Jedermann unterziehe sich den jeweilen regierenden Obrigkeiten.»</hi> «Sich unterziehen» ist hier, wie es auch immer als anschauliche Haltung sich gestalten möge, als ethischer Begriff rein negativ. Es bezeichnet ein Zurücktreten, ein Ausweichen, die Nicht-Empörung, den Nicht-Umsturz. Der Rebell<term type="begriffe" key="Rebell"/> gegen das Bestehende kehre um und <pb ed="pga" xml:id="p645"/> sei kein Rebell! Warum nicht? Weil der Streit, in den er sich als Rebell stürzt, doch nicht zwischen ihm und den «jeweils regierenden Obrigkeiten<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/>» ausgetragen wird. Was sich hier abspielt, das ist der Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> der Bösen mit dem Bösen<term type="begriffe" key="Böse, dem Bösen"/>. Auch die radikalste Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> kann dem Bestehenden nur das Bestehende entgegenstellen. Auch die radikalste Revolution ist nur Revolte<term type="begriffe" key="Revolte"/>, wobei wohl zu beachten ist, dass dies auch von den sog. «geistigen<term type="begriffe" key="Revolution, geistige"/>» oder «friedlichen» Revolutionen<term type="begriffe" key="Revolution, friedliche"/> gilt. Auch die radikalste Revolution ist an sich nur die Rechtfertigung und Verstärkung des Bestehenden. Denn alles relative Recht des Bestehenden wird durch das relative Unrecht der Revolution bei ihrem <hi rend="italic">Sieg</hi><term type="begriffe" key="Sieg"/> nur bestätigt, während das relative Recht der Revolution bei ihrem <hi rend="italic">Sieg</hi> durch das relative Unrecht des Bestehenden jedenfalls nicht bestätigt wird. Und so wird auch die Widerstandskraft des Bestehenden durch den <hi rend="italic">sieg</hi>reichen Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, der Revolution"/> der Revolution keineswegs gebrochen, sondern <pb ed="A" n="466"/> nur zurückgedrängt, komprimiert, in andere Formen gezwungen, und dadurch um so gefährlicher gemacht, während der <hi rend="italic">Sieg</hi> einer Revolution die revolutionäre Energie nur verwässern und ungefährlich machen kann. Keinenfalls durch das <hi rend="italic">Tun</hi> des <hi rend="italic">Rebellen</hi> wird die Revolution zum <hi rend="italic">Gericht</hi><term type="begriffe" key="Revolution als Gericht"/> über das Bestehende, so gewiss sie das in der Tat immer ist. Der Streit, in den sich der Rebell<term type="begriffe" key="Rebell"/> unvorsichtigerweise stürzt, ist der Streit zwischen der Ordnung <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Ordnung"/> und der bestehenden Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung, bestehende"/>. Erlaubt <hi rend="italic">er</hi> sich, direkt an die Ordnung Gottes zu appellieren, «greift <hi rend="italic">er</hi> hinauf getrosten Mutes in den Himmel<term type="begriffe" key="Himmel"/> und holt herunter seine ew’gen Rechte, die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst» (<persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName>)<note xml:id="n73"> <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 2. Aufzug, 2. Szene, V.1277–1281.</bibl></note>, so beweist er damit die vortreffliche Einsicht, dass «eine Grenze hat Tyrannenmacht<term type="begriffe" key="Tyrannis"/>»<note xml:id="n74"> <bibl corresp="kbga-bibls-846">A.a.O., V.1275.</bibl></note>, <hi rend="italic">sein</hi> getroster Griff in den Himmel aber wird diese Grenze auf keinen Fall setzen. Denn wenn er damit höchstes Recht hat im Urteil der Geschichte, so hat er eben damit höchstes Unrecht im Urteil Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Urteil"/>. Das Ergebnis beweist es: «Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, wo <hi rend="italic">Mensch</hi> dem <hi rend="italic">Menschen</hi> gegenübersteht»<note xml:id="n75"> <bibl corresp="kbga-bibls-846">A.a.O., V.1282.</bibl></note>. Die Frage, ja das Urteil, ja das Gericht <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/><hi rend="italic"/>, unter dem das Bestehende als solches steht, wird dadurch, dass der Mensch an seiner Stelle handelt, notwendig aufge<pb ed="pga" xml:id="p646" break="no"/>halten und unwirksam gemacht. Der Rebell<term type="begriffe" key="Rebell"/> tritt eben mit seiner Rebellion auf die Seite des Bestehenden, und eben darum kehre er um und sei <hi rend="italic">kein</hi> Rebell. Setzen wir die bestehenden Ordnungen<term type="begriffe" key="Ordnung, bestehende"/> Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Recht<term type="begriffe" key="Recht"/>, Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/>,
Familie<term type="begriffe" key="Familie"/> usf. in ihrer Totalität als</p> 
<p rend="center">(a b c d)</p>
<p>ihre Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, durch die Ordnung Gottes"/> durch die ursprüngliche Ordnung Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ordnung"/> als das Minus vor der Klammer<term type="begriffe" key="Minus, göttliches,, vor der Klammer"/>, das ihrer Totalität entgegentritt:</p> 
<p rend="center">­- (+ a + b + c + d)</p>
<p>so ist klar, dass eine allfällige Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> als geschichtliche Handlung, und wäre sie noch so radikal, niemals als dieses die Totalität der menschlichen Ordnungen als solche aufhebende göttliche Minus vor der Klammer<term type="begriffe" key="Minus, göttliches,, vor der Klammer"/> angesehen werden darf, sondern höchstens den vielleicht gelingenden Versuch bedeutet, das <hi rend="italic">menschliche</hi> +<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/>, das die bestehende Ordnung innerhalb der Klammer als <hi rend="italic">bestehende</hi> Ordnung hat, aufzuheben. Es entstünde dann das Bild:</p> 
<p rend="center">­- (- a - b - c - d)</p>
<p>bei dem nicht zu übersehen ist, dass das große göttliche –<term type="begriffe" key="Minus, göttliches"/> <hi rend="italic">vor</hi> der Klammer die eigenmächtig revolutionär vorweggenommenen – <hi rend="italic">in</hi> der Klammer zu unsrer Überraschung alsbald erst recht wieder in + verwandeln dürfte. Mit anderen Worten: in Anbetracht der Lage zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> kehrt das Alte bei der revolutionären Rechnung, nachdem es gestürzt ist, in neuer verstärkter Form wieder. Der <pb ed="A" n="467"/> Legitimist<term type="begriffe" key="Legitimist"/> rechnet natürlich ebenso falsch, ja erst recht falsch, indem er den Größen <hi rend="italic">in</hi> der Klammer <hi rend="italic">bewusst</hi> (in der Bewusstheit steckt auch hier der Übergriff, in der Grundsätzlichkeit, im Legitim<hi rend="italic">ismus</hi> das Titanische<term type="begriffe" key="titanisch"/>!) das positive Vorzeichen gibt. Zum vernichtenden Gericht wird eben das göttliche Minus<term type="begriffe" key="Minus, göttliches"/> vor der Klammer <hi rend="italic">allen</hi> menschlichen Bewusstheiten, Grundsätzlichkeiten, Rechthabereien, Prinzipien, -ismen <hi rend="italic">als solchen, allen</hi> «Fürstentümern, Mächten und Gewalten» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.38">8,38</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.21">Eph. 1,21</ref>] <hi rend="italic">als solchen.</hi> «Jedermann unterziehe sich!» bedeutet also: Jedermann bedenke, wie falsch die menschliche Rechnung <hi rend="italic">als solche</hi> ist: <hi rend="italic">Wir</hi> können das entscheidende Minus<term type="begriffe" key="Minus"/> <hi rend="italic">nicht</hi> setzen, wir können uns nur klar machen, wie sehr alles unser Plus und Minus<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/> an ihm zuschanden wird. Aber auch das hier empfohlene «Sich Unterziehen» ist nicht etwa eine neue, ganz schlau aufgestellte Rechnung, durch die<note n="cf" type="textcritical" xml:id="ncf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «mittelst derer».</note> nun doch etwa wieder ein Mensch triumphierend <pb ed="pga" xml:id="p647"/> das Rechte treffen könnte! Es ist freilich wahr: Es gibt keine energischere <hi rend="italic">Unterhöhlung</hi> des Bestehenden als das hier empfohlene sang- und klang- und illusionslose <hi rend="italic">Geltenlassen</hi> des Bestehenden. Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/>, positives Recht<term type="begriffe" key="Recht"/>, Familie<term type="begriffe" key="Familie"/>, zünftige Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft"/> usf. leben ja von der durch Feldpredigerelan und feierlichen Humbug aller Art immer wieder zu nährenden Gläubigkeit<term type="begriffe" key="Gläubigkeit"/> der Menschen. Nehmt ihnen das Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/>, so hungert ihr sie am gewissesten aus! Der Gegendampf einer Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> dagegen pflegt diesem Pathos nur neue Speise darzureichen. Nicht-Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, Nicht-"/> ist die beste Vorbereitung der wahren Revolution<term type="begriffe" key="Revolution, wahre"/>. Aber das ist kein Rezept. «Sich Unterziehen» ist ein im besten Sinn <hi rend="italic">zweckloses</hi> Tun; <hi rend="italic">nur</hi> dem Gehorsam gegen Gott<term type="begriffe" key="Gehorsam, gegen Gott"/> kann es entspringen, <hi rend="italic">nur</hi> das kann sein Sinn sein, dass der Mensch auf Gott gestoßen ist und nicht mehr anders kann, <anchor type="note" xml:id="fn-cg"/>als ihm das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/><note n="cg" target="fn-cg" type="textcritical" xml:id="ncg"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «als das Gericht ihm».</note> zu überlassen. Dass dies Gericht tatsächlich <hi rend="italic">eintritt</hi>, das kann <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen <hi rend="italic">Absicht</hi> und heimliche Berechnung <hi rend="italic">nicht</hi> sein.</p>
<p>Von hier aus ist auch das Folgende zu verstehen: <hi rend="italic">«Denn es ist keine Obrigkeit, die nicht von Gott ist, und es sind die jeweilen vorhandenen von Gott eingesetzt.»</hi> Nur scheinbar ist das eine positive, bejahende Begründung der bestehenden Ordnung, die im Gegensatz stünde zu der eben dargelegten Begründung des «Jedermann unterziehe sich!» Denn es ist klar, dass das entscheidende Wort «Gott»<term type="begriffe" key="Gott"/> hier nicht auf einmal im Gegensatz zum ganzen übrigen Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> den Sinn einer metaphysischen<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Eindeutigkeit und Gegebenheit haben kann. Was hilft alle Treue gegen den Wortlaut<note n="ch" type="textcritical" xml:id="nch">Druckmanuskript: «Wort<hi rend="italic">laut</hi>».</note>, wenn sie mit der Untreue gegen das <hi rend="italic">Wort</hi><term type="begriffe" key="Wort"/> erkauft ist? Gott der <hi rend="italic">Herr</hi><term type="begriffe" key="Gott, der Herr"/>, der unbekannte, der verborgene Gott<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/>, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> <hi rend="italic">und</hi> Erlöser<term type="begriffe" key="Gott, Erlöser"/>, der Erwählende <pb ed="A" n="468"/> <hi rend="italic">und</hi> Verwerfende<term type="begriffe" key="Gott, erwählt und verwirft"/> ist’s, von dem die «Obrigkeit» <hi rend="italic">ist</hi> und jede jeweilen vorhandene <hi rend="italic">eingesetzt</hi> ist. Das heißt: Die Größe «Obrigkeit» ist, wie alle menschlichen, zeitlichen, dinglichen Größen gemessen an Gott. Gott ist ihr Anfang und ihr Ende<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/>, ihre Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und ihr Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, ihr Ja und ihr Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. Versetzen wir uns zunächst in die Einstellung des Revolutionärs ihr gegenüber (und der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> tut dies in der unzweideutigsten Weise durch die unmittelbare Anreihung der Kategorie «Obrigkeit»<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/> an die Kategorie «Feind»<term type="begriffe" key="Feind"/> und durch das einleitende Wort von <pb ed="pga" xml:id="p648"/> der Überwindung des «Bösen»<term type="begriffe" key="Böse"/>), so tritt offenbar dem revolutionären Gedankengang die Erwägung hemmend in den Weg, dass nur <hi rend="italic">Gott</hi> es sein kann, an dem gemessen das Böse des Bestehenden wirklich böse ist. <hi rend="italic">Nur Gott</hi> ist das große Minus vor der Klammer<term type="begriffe" key="Minus, göttliches,, vor der Klammer"/>, das die falschen Positivitäten innerhalb der Klammer effektiv aufheben kann (so gewiss der Romantiker des Bestehenden sich sagen lassen muss, dass sie als echte Positivitäten nur durch das große Minus <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Minus, göttliches"/> gesetzt sein können). <hi rend="italic">Unsre</hi> Sache kann es nicht sein, uns mit dem Maßstab Gottes<term type="begriffe" key="Maßstab, Gottes"/> zu bewaffnen und zu tun, als ob Gott durch uns täte! Auf die blaue Blume der <hi rend="italic">Romantik</hi><term type="begriffe" key="Romantik"/><note xml:id="n76"> Symbol für die romantische Dichtung und das Verlangen nach der Unendlichkeit. Das Bild geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-1890"><persName ref="kbga-actors-1161">Novalis</persName>’ unvollendet gebliebenen Roman <hi rend="italic">Heinrich von Ofterdingen</hi> (1802)</bibl>, in dem die blaue Blume die Sehnsucht des Minnesängers erfüllt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 177</bibl>.</note> muss auch die Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> verzichten. Das im Verhältnis zu <hi rend="italic">Gott</hi> Böse kann nicht Gegenstand unsrer Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> sein (so wenig wie das im Verhältnis zu <hi rend="italic">Gott</hi> Gute Gegenstand unsrer Verherrlichung<term type="begriffe" key="Verherrlichung, unsere"/>!). Das im Verhältnis zu <hi rend="italic">Gott</hi> als böse Erkannte der bestehenden Ordnung kann doch offenbar auch den noch so direkt davon betroffenen und verletzten Zuschauer nur veranlassen, sich vor <hi rend="italic">Gott</hi> zu beugen, der ein so wunderbarer und seltsamer Gott ist, hoch über allen Göttern<term type="begriffe" key="Götter"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.96.4">Ps. 96,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.97.9">97,9</ref>]. Ist <hi rend="italic">Gott</hi> der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, wer will da mitrichten? Und ist <hi rend="italic">Gott</hi> der Richter, wo wäre da nicht – Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>? Wo wäre da das Böse nicht voll Hinweis auf das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>? Das Gegebene voll Beziehung auf ein Nicht-Gegebenes,
Ursprüngliches? Das Bestehende voll Gleichnis des Nicht-Bestehenden? «Denn der Leerheit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht nach eigenem Willen, sondern <hi rend="italic">durch den Unterwerfer auf Hoffnung</hi>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.20">8,20</ref>). Das Bestehende fällt und vergeht als Bestehendes. Das ist die Einsicht, von der wir den revolutionären Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> herkommen sahen. Er erinnere sich aber, dass die Wahrheit dieser seiner Einsicht darin liegt, dass es <hi rend="italic">Gott</hi> ist, vor dem es fällt und vergeht. Eben das rechtfertigt es aber auch als Bestehendes <hi rend="italic">ihm</hi>, dem Revolutionär gegenüber, fordert ihn auf, seine Verurteilung und Bekämpfung nicht in <hi rend="italic">seine</hi> Hand zu nehmen, sondern sich daran zu halten, dass es <hi rend="italic">als</hi> Böses Hinweis auf das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> ist, dass es zwar als <hi rend="italic">eine</hi> Ordnung notwendig im Widerspruch ist mit <hi rend="italic">der</hi> Ordnung, gerade in diesem Widerspruch aber auch unfreiwillig <pb ed="A" n="469"/> ihr Zeugnis und Schattenbild: «von Gott»<term type="begriffe" key="von Gott"/> in seinem all<pb ed="pga" xml:id="p649" break="no"/>gemeinen Dasein und Sosein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen vor Gott"/>, «von Gott <hi rend="italic">eingesetzt</hi>» in der bestimmten Gestalt, in der es gerade ihm gerade jetzt zum Problem wird. Gerade die <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis"/>, in der die bestehende Ordnung von Gott<term type="begriffe" key="Gott, Ordnung"/> aus ist, setzt also für uns die Möglichkeit, uns zu empören, in Nachteil gegenüber der Möglichkeit, uns <hi rend="italic">nicht</hi> zu empören. Sie nimmt uns jedenfalls den Dampf, das Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/>, die Begeisterung, die Berufung auf das «Höhere», also gerade die Dinge, die zu einer rechten Empörung als der «getroste Griff in den Himmel»<note xml:id="n77"> Siehe <ref type="pub" target="../volume/47/p645#fn_n73">S. 645, Anm. 73</ref>.</note> unentbehrlich sind. <hi rend="italic">«Meine</hi> Sache ist es, das Recht aufzurichten<term type="begriffe" key="Aufrichten des Rechtes"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.19">12,19</ref>). <hi rend="italic">Keine</hi> andre Anerkennung ist damit, dass wir uns «unterziehen», ausgesprochen als die Anerkennung, dass es <hi rend="italic">nicht unsre</hi> Sache ist, das Recht aufzurichten<term type="begriffe" key="Aufrichten des Rechtes"/>, dass dem <hi rend="italic">göttlichen</hi> Minus vor der Klammer<term type="begriffe" key="Minus, göttliches,, vor der Klammer"/> seine Rasanz nicht durch vorweggenommene Negationen geraubt werden darf. (Ordnungsmänner, die sich etwa an diesen Aufstellungen stärken möchten, seien daran erinnert, dass für <hi rend="italic">sie</hi> die <hi rend="italic">Revolution</hi><term type="begriffe" key="Revolution"/> «eingesetzt» ist als das Böse, das sie auf das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> hinweisen soll, damit auch sie ohne Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und ohne Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> seien, damit auch sie umkehren und keine Ordnungsmänner mehr sein möchten!)</p>
<p><hi rend="italic">«Wer sich also gegen die Obrigkeit empört, widersteht der Anordnung Gottes. Die Widersetzlichen aber ziehen sich selbst das Gericht zu.»</hi> Es besteht ein Präjudiz, nicht für die bestehende Ordnung zwar, aber gegen die Revolution. Das Präjudiz besteht darin, dass die wahre Revolution von Gott<term type="begriffe" key="Revolution, wahre,, von Gott"/> kommt und nicht von menschlichen Empörern. Dem Empörer<term type="begriffe" key="Empörer"/> gegenüber vertritt die Obrigkeit das Majestätsrecht der <hi rend="italic">göttlichen</hi> Empörung<term type="begriffe" key="Empörung, göttliche"/>. An ihr soll er lernen, dass der Sinn der göttlichen Empörung Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/> ist und nicht Unordnung. An ihr soll er sich klar machen, dass die Entdeckung des Einen im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Entdeckung des"/> durch keinen menschlichen Schritt zu vollziehen ist. An ihr soll er die Demut<term type="begriffe" key="Demut"/> üben, ohne die seine Erkenntnis des Bösen<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Bösen"/> im Bestehenden eitel Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/> ist. Tut er etwas Anderes, empört <hi rend="italic">er</hi> sich gegen die Obrigkeit, als ob <hi rend="italic">er</hi> etwa den Einen im Anderen<term type="begriffe" key="der Eine im Andern"/> schon gefunden hätte, als ob <hi rend="italic">er</hi> etwa der Bringer neuer Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/> wäre, so verkennt er damit nicht sowohl eine menschliche Autorität als eine Einsetzung und Anordnung Gottes; er übersieht, wie sehr die Obrigkeit<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/> <hi rend="italic">ihm</hi> gegenüber gerechtfertigt ist im Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Empörung"/>, wo <hi rend="italic">er</hi> sich erlaubt, sich zu empören. <pb ed="pga" xml:id="p650"/> Der Griff nach dem Richterschwert, den er sich erlaubt, ist dadurch nicht entschuldigt, dass die Obrigkeit ihm mit diesem Griff vorangegangen ist. Das ist <hi rend="italic">ihr</hi> Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, aber nicht <hi rend="italic">sein</hi> Recht. Er hat objektiv Unrecht, und wenn er noch so Recht hätte. Im Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, des Protestes"/>, wo <hi rend="italic">er</hi> zum Protest übergeht, ist gegen <hi rend="italic">ihn</hi> zu protestieren. <pb ed="A" n="470"/> «Indem du über den Andern urteilst<term type="begriffe" key="Urteil"/>, urteilst du über dich selbst, treibst du doch, indem du urteilst, in derselben Richtung» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1">2,1</ref>). Sein Tun ist möglich bei den Menschen (so möglich wie das des Weißgardisten<term type="begriffe" key="Weißgardist"/><note xml:id="n78"> Hierzu schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
<date when="1932-09-18">18.9.1932</date> an <persName ref="kbga-actors-7081">E. Cl. Hoskyns</persName> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9232.268</idno>): «‹Das Tun des Weissgardisten› heisst: das Tun des Gegenrevolutionärs, des bürgerlichen Ordnungsmenschen. Der Ausdruck stammt (1920!!) aus den damaligen Zeitungsberichten über die ‹weissen› Gegenrevolutionen in Rußland (<persName ref="kbga-actors-9708">Denikin</persName>, <persName ref="kbga-actors-9709">Koltschak</persName> etc.). ‹Weisse Garde› war ein Schimpfwort, das damals in der Schweiz und in Deutschland in sozialistischen und kommunistischen Kreisen gerne auf die Selbstschutzorganisationen des Bürgertums angewendet wurde.»</note> etwa!), aber (samt jenem!) unmöglich bei Gott! Und hinter dem Bestehenden (das auch das Neue sein könnte!) steht Gott, <hi rend="italic">er</hi> der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> und <hi rend="italic">er</hi> das Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/>! Widersetzlichkeit (es gibt auch eine Widersetzlichkeit von rechts!) ist Widersetzlichkeit gegen <hi rend="italic">ihn.</hi> Besiegt vom Bösen begibt sich dann der Mensch in die Sphäre, wo das Böse dem Bösen<term type="begriffe" key="Böse, dem Bösen"/> zum <hi rend="italic">Gericht</hi> werden <hi rend="italic">muss.</hi> Er darf sich dann zum mindesten nicht wundern über sein <hi rend="italic">Schicksal</hi><term type="begriffe" key="Schicksal"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Denn die Machthaber bedeuten für das gute Tun keinen Schre­­cken, wohl aber für das Böse. Willst du also die Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, so wirst du noch Anerkennung bei ihr finden. Denn Gottes Dienerin ist sie dir zum Guten.»</hi> Es ist das beleidigte Rechtsbewusstsein, der als böse empfundene Druck der Vielen in Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> und Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/>, was den Menschen zum Revolutionär<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> zu machen pflegt: der «Schrecken» vor der siegreichen Übermacht des Unrechts im Bestehenden. Inwiefern ist eigentlich dieser «Schrecken» berechtigt? Offenbar doch nur insofern, als unser eigenes Tun sich mit dem der «Machthaber»<term type="begriffe" key="Machthaber"/> und Rechthaber auf <hi rend="italic">einer</hi> Ebene bewegt, nur insofern, als wir also dem Bösen<term type="begriffe" key="Böse, dem Bösen"/> in Gedanken, Worten und Werken<term type="begriffe" key="«Gedanken, Worte und Werke»"/> das Böse entgegensetzen, der sog. Autorität<term type="begriffe" key="Autorität"/> die sog. Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, der Legalität<term type="begriffe" key="Legalität"/> die Illegalität<term type="begriffe" key="Illegalität"/>, der relativen Ordnung die relative Unordnung, dem «Alten» das «Neue», dem groben Klotz den groben Keil. Auf <pb ed="pga" xml:id="p651"/> diesem Boden, dem uns allein bekannten Boden menschlich-anschaulichen Tuns, müssen wir, angreifend und verletzend, selber angreifbar und verletzbar sein. Hier folgen sich in endloser Schraube Druck und Gegendruck. Hier müssen die «Machthaber»<term type="begriffe" key="Machthaber"/> dem Revolutionär<term type="begriffe" key="Revolutionär"/> «Schrecken»<term type="begriffe" key="Schrecken"/> bedeuten, ewiger Anlass zu Ärger, Entrüstung, Besorgnis, Angst, Gegenwehr, Verbitterung (wie er selber der «Schrecken» der Machthaber ist). Sehr berechtigt ist dieser «Schrecken», denn er ist nichts Anderes als der Schrecken des Menschen vor seinem eigenen Bösen und, weil das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> sein ganzes Tun umfasst, der Schrecken vor seiner eigenen Wirklichkeit. Er ist, recht verstanden, nichts Anderes als der Schrecken<term type="begriffe" key="Schrecken"/> vor Gottes Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, unter dem er sich befindet. Das ist das «Göttliche» der bestehenden Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/> (aber auch der sich gegen sie erhebenden Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/>!), dass sie das böse Tun des Menschen (und welches Tun des <hi rend="italic">Menschen</hi> wäre etwa <hi rend="italic">nicht</hi> böse?) unter das Gericht Gottes stellt. Dazu ist sie «eingesetzt». Eben darum bedeutet sie für das gute Tun keinen Schrecken. Wie <pb ed="A" n="471"/> sollte sie auch? Die Machthaber haben keine Macht dort, wo das Gute getan wird. Die Gedanken sind frei<note xml:id="n79"> Mit <bibl corresp="kbga-bibls-3718">«Die Gedanken sind frei» beginnt ein Lied aus <persName ref="kbga-actors-4311">Achim von Arnims</persName> und <persName ref="kbga-actors-3823">Clemens Brentanos</persName> Sammlung <hi rend="italic">«Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder»</hi> (1806–1808)</bibl>.</note>, aber noch ganz anders frei ist das unanschauliche Tun des Einen in uns Allen. Er empört sich nicht; denn wogegen<note n="ci" type="textcritical" xml:id="nci"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «denn gegen was».</note> sollte er sich empören? Er tut das Böse nicht, weil er nicht von ihm bedrängt ist. Er ist nicht angreifbar, weil er nicht angreift, nicht verletzlich, weil er nicht verletzt. Er steht nicht dort, wo das Böse dem Bösen<term type="begriffe" key="Böse, dem Bösen"/> zum Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> wird, und darum auch unter keinem Schicksal. Er ist ja der von Gott schon gerichtete, aber eben darum schon gerechtfertigte Mensch, und was sollte sein «gutes Tun» Anderes sein als dieses sein Stehen auf dem ewigen Boden von Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>? Das «gute Tun» ist in seinem Begriff die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des menschlichen Subjekts"/> des Subjektes <hi rend="italic">«dieser Mensch»</hi><term type="begriffe" key="Subjekt, dieser Mensch"/> und die Begründung des Individuums in Gott<term type="begriffe" key="Individuum, in Gott"/>, das Nicht-Tun in allem Tun, durch das alles Tun
sich bezieht auf seinen Ursprung. Diesem guten Tun, das zu keiner Zeit stattfindet, bedeutet die Obrigkeit<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/> (<hi rend="italic">oder</hi> der Umsturz)! keinen «Schrecken»<term type="begriffe" key="Schrecken"/>. Im Gegenteil: Sofern der Mensch das Gute tut, ist er befreit von jenem <pb ed="pga" xml:id="p652"/> Krampf, der den prometheischen Streit<term type="begriffe" key="Streit, prometheischer"/> gegen (oder für)! das Bestehende<term type="begriffe" key="Bestehende, das"/> unvermeidlich begleitet. Er sieht das Letzte wirklich jenseits des Vorletzten, das er innerhalb der Sphäre des Bösen tun kann. Er wird in dieser Sphäre immer mehr unsichtbar, unhörbar, dimensionslos. Er<note n="cj" type="textcritical" xml:id="ncj"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Es».</note> verliert alles Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/>, alle Hemmungslosigkeit und Ungebrochenheit. Er ist nicht mehr ein zürnender Gott im Kampf mit andern Göttern. Er wird sachlich. Er findet darum sogar «Anerkennung» bei der «Obrigkeit»<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/>. Sie, die ahnungslose, freut sich über den merkwürdig ruhigen Bürger, der ihr in dem Menschen erwächst, dessen Tun «nur» das Gericht <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> bedeutet, in dem Menschen, der so viel gegen sie einzuwenden hat, dass er – nichts mehr gegen sie einwendet. Er wird aber auch tatsächlich (gerade <hi rend="italic">weil</hi> nur ironischerweise!) ein «guter Bürger»<term type="begriffe" key="Bürger, guter"/> sein, eben wegen jener Umkehr von aller Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> zur Sachlichkeit. Er braucht, weil er selber vom Götzendienst<term type="begriffe" key="Götzendienst"/> frei geworden ist, nicht<note n="ck" type="textcritical" xml:id="nck"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «geworden, nicht».</note> beständig zu protestieren gegen die Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/>, nicht beständig sich aufzuhalten über die unzweifelhafte Unzulänglichkeit der jeweilen gegebenen Lösungen, Ordnungen und Wege. Er übersieht nicht, dass der Schatten des Gerichts, den er auf dem Allem liegen sieht, Schatten der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Schatten der G."/> ist. Er übersieht nicht den Zeugnis- und Gleichniswert, den diese Versuche, das menschliche Tun zu reinigen, tatsächlich haben. Da wird ja der menschlichen Willkür ein gewisses Halt! geboten, das an das von uns geforderte Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> des «Leibes»<term type="begriffe" key="Leib"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>) wenigstens erinnert. Da wird ja Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> verlangt mit einer Konsequenz, die mit dem Gehorsam, den die Gnade Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gnade"/> fordert, mindestens einige Ähnlichkeit hat. Da scheinen ja dem Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> der Einzelnen die Majestät des Einen, <pb ed="A" n="472"/> der zersplitterten oder zum Klumpen geballten Vielheit die Majestät der Gemeinschaft, dem allgemeinen Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/> die Majestät des Friedens entgegenzutreten. Er wird sich über die grundsätzliche Fragwürdigkeit aller dieser Versuche keinen Illusionen hingeben, auch dann nicht, wenn sie einmal beinahe gelingen sollten. Er wird in ihnen <hi rend="italic">auf keinen Fall Stufen</hi> sehen, an die sich etwa das Gute als der ganz gelungene Versuch <hi rend="italic">anreihen</hi> würde. Er wird dabei verharren, das Gute gegenüber allen noch so gelingenden Versuchen <hi rend="italic">nur</hi> in der inkommensurablen Über<pb ed="pga" xml:id="p653" break="no"/>legenheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Überlegenheit"/> zu sehen und jene Versuche in ihrer ganzen reinen Negativität (nicht bloß «Unvollkommenheit»!) gegenüber dem, was da versucht wird. Er wird aber bei dem allem die Geduld, die Scharfsicht und den Humor<term type="begriffe" key="Humor"/> besitzen (gerade <hi rend="italic">kritische</hi> Besinnung erlaubt, ja gebietet ihm <hi rend="italic">dieses</hi> «Interim»<note xml:id="n80"> Anspielung auf das umstrittene Augsburger Interim von 1548, das nach dem Sprichwort «den Schalck hinter jhm» hat; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-890"><persName ref="kbga-actors-2136">K. F. W. Wander</persName>, <hi rend="italic">Deutsches Sprichwörterlexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk</hi>, 2. Bd., Leipzig 1870 [Nachdr. Darmstadt 1964], Sp. 964)</bibl>.</note>!<term type="begriffe" key=" Interim"/>), diese <hi rend="italic">relativen</hi> Möglichkeiten des Guten mitten im Bösen<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> als solche zu erkennen, sie als die Schattenbilder der
Umrisse eines Gegenüberstehenden gelten zu lassen und ernst zu nehmen, sie zu erwägen und zu betätigen als Übungen und Darstellungen, die nicht unterbleiben können. «Gottes Dienerin»<term type="begriffe" key="Diener Gottes"/> ist dann die bestehende Ordnung (wen das <hi rend="italic">nicht</hi> beunruhigt und straft, sondern bestärkt darin, dass er<note n="cl" type="textcritical" xml:id="ncl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): <hi rend="italic">«er».</hi></note> recht habe, dem ist die Revolution<term type="begriffe" key="Revolution als Gottes Dienerin"/> «Gottes Dienerin»!) in dem Sinn, wie alles Gegebene, in seiner reinen Negativität einmal erkannt, zu leuchten beginnt in der Positivität des Nicht-Gegebenen, Gottes. An die Stelle des revolutionären Krampfes<term type="begriffe" key="Krampf(, revolutionärer)"/> mag dann ein ruhiges Bedenken von «Recht» und «Unrecht» treten, ruhig, weil <hi rend="italic">letzte</hi> Behauptungen und Anklagen dabei nicht mehr in Frage kommen, ein besonnenes Rechnen mit der «Wirklichkeit», <term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> das die Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/> des Kriegs<term type="begriffe" key="Krieg"/> der Guten mit den Bösen hinter sich hat, eine ehrliche Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> und Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, die weiß, dass es sich <hi rend="italic">nicht</hi> um den Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Reich Gottes und Antichrist"/> von Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> und Antichrist<term type="begriffe" key="Antichrist"/> handelt, wo immer <hi rend="italic">Menschen</hi> mit Menschen oder auch gegen Menschen in Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> und Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/> ihre Experimente wagen, ihr seltsames Schachspiel spielen. Politik<term type="begriffe" key="Politik"/> z. B. wird <hi rend="italic">möglich</hi> von dem Augenblick an, wo der wesentliche Spielcharakter dieser Sache am Tage ist, wo es klar ist, dass vom objektiven Recht dabei nicht die Rede sein kann, von dem Augenblick an, wo der absolute Ton aus den Thesen wie aus den Gegenthesen<term type="begriffe" key="These und Anti-These"/> verschwindet, um einem vielleicht relativ gemäßigten, vielleicht relativ radikalen Absehen auf menschliche Möglichkeiten Platz zu machen. Wobei wir keinen Augenblick vergessen werden, dass «das Gute» kein Ding ist, auf das sich nun der Mensch etwa in solcher Mäßigung etwas zugute tun könnte, sondern für uns immer wieder <pb ed="pga" xml:id="p654"/> und immer nur die <hi rend="italic">Frage</hi> nach dem Guten und dass uns das «Sich Unterziehen» nur insofern <pb ed="A" n="473"/> zum Guten dient, als die Befreiung des menschlichen Gemeinschaftslebens von aller Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/>, die <hi rend="italic">Absetzung</hi><note n="cm" type="textcritical" xml:id="ncm">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">Ab</hi>setzung».</note> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Absetzung"/> von der menschlichen <hi rend="italic">Tages</hi>ordnung eben diese <hi rend="italic">Frage</hi> nach dem Guten nicht nur offen lässt, sondern mit höchster Dringlichkeit aufrollt, die <hi rend="italic">große</hi> Negation<term type="begriffe" key="Negation, grosse"/>, die kritische Besinnung auf Gott immer wieder unvermeidlich macht. (Und es versteht sich wiederum von selbst, dass auch die Kontrerevolutionäre<term type="begriffe" key="Revolutionär, Kontre-"/>, weit entfernt davon, hier bestätigt zu werden, Anlass haben, dies alles auch von <hi rend="italic">ihrem</hi> Gesichtspunkt aus durchzudenken.)</p>
<p><hi rend="italic">«Wenn du aber das Böse tust, dann fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht zum Schein. Denn Gottes Dienerin ist sie als Vollstre­­ckerin des Zorns an dem, der das Böse treibt.»</hi> Man kann die Warnung<term type="begriffe" key="Warnung"/> vor dem Tun des Bösen<term type="begriffe" key="Tun, des Bösen"/> auch überhören, und wir werden uns keiner Täuschung darüber hingeben, dass wir sie beständig überhören. Im Schatten des Bösen steht ja jeder Schritt, den wir in dieser Welt tun. Auch die Sachlichkeit, mit der wir etwa mitten im Bösen das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> tun, auch die geduldige Reformarbeit<term type="begriffe" key="Reformarbeit"/>, auf die wir uns etwa, der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> entsagend, zurückziehen, entfernt uns nicht aus diesem Schatten. Denn es vollzieht sich unser ganzes anschauliches Tun notwendig entweder als Bejahung oder als Verneinung eines Bestehenden, und eben damit sind wir schon im Unrecht. Rechthaben können wir überhaupt nur in unserm Nicht-Tun in Beziehung auf <hi rend="italic">Gott</hi>. Nur um die Feststellung dessen, was wir alle in diesem Schattenreich<term type="begriffe" key="Schattenreich"/> tatsächlich erleben, um die Mahnung, nicht allzu tief in dieses Schattenreich hineinzugeraten, kann es sich also hier noch handeln. Im Schattenreich des Bösen haben wir uns zu <hi rend="italic">fürchten</hi>. Hier haben wir Feinde, Gegner, Neider, gefährliche Freunde, unsichere Gefolgsleute, schadenfrohe Zuschauer. Hier warten die Rückschläge, die Stillstände, die Hindernisse, die Enttäuschungen, die Misserfolge, die Niederlagen in absehbarer Folge. Hier erfolgen Gerichte, Konflikte, Irrtümer, Konfusionen, tragische Verwicklungen aller Art. Kein Zug auf diesem Brett, dem nicht ein gefährlicher Gegenzug folgte. Kein Schritt, der sich nicht irgendwie rächte. Keine Möglichkeit, die nicht ihre eigene Unmöglichkeit schon in sich trüge. Wir <hi rend="italic">stehen</hi> mit dem Bestehenden<term type="begriffe" key="Bestehende, das"/> (ob <pb ed="pga" xml:id="p655"/> freundlich oder feindlich!) auf <hi rend="italic">einem</hi> Boden und verfallen mit ihm <hi rend="italic">einem</hi> Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>. Wir haben unsern Standort irgendwo in einer der auf diesem Boden möglichen Positionen und Negationen und müssen es unweigerlich büßen, dass alle Positionen und Negationen auf diesem Boden relativ sind. Wir stürmen an oder wir verteidigen, wir bauen oder wir reißen ab, wir <pb ed="A" n="474"/> kämpfen oder wir halten Frieden<term type="begriffe" key="Frieden"/>, wir bejahen oder wir verneinen, immer steht uns ein letztes Halt!<term type="begriffe" key="Halt!"/> gegenüber, eine letzte drohende Gefahr, eine letzte schwerste Strafe dafür, dass wir – Menschen sind. Gott ist den menschlichen Übergriffen (und wann begehen wir <hi rend="italic">keine</hi> solchen?) wahrlich gewachsen. Den Übergriffen der Umstürzler<term type="begriffe" key="Umstürzler"/> mit dem «Schwert» der Obrigkeit<term type="begriffe" key="Obrigkeit"/> (und den Übergriffen der Legitimisten<term type="begriffe" key="Legitimist"/> mit dem «Schwert» der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/>!). Aber in ihrem Schicksal sollen wir in Furcht und Mitleid<term type="begriffe" key="«Furcht und Mitleid»"/> unser eigenes sehen. Denn irgendwie vollstreckt sich Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn ist universal"/> an uns allen. Irgendwie ist das «Schwert» gegen uns alle gezückt, «nicht zum Schein», sondern um uns zu treffen, und irgendwie sind wir alle getroffen, irgendwie zerschellen wir alle bei unsern Versuchen, in der Aufrichtung oder im Niederreißen der großen menschlichen Positivitäten<term type="begriffe" key="Positivität"/> uns selbst zu rechtfertigen. Darum handelt es sich. Das ist’s, was nicht gelingen <hi rend="italic">kann</hi>, nicht gelingen <hi rend="italic">soll</hi>.</p>
<p><hi rend="italic">«Daher der Zwang, sich zu unterziehen, nicht nur wegen des Zorns, sondern wegen des Gewissens.»</hi> Den Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn als ewiger Tod"/> nur als <hi rend="italic">Zorn</hi> Gottes erfahren wäre der ewige Tod<term type="begriffe" key="Tod, ewiger"/>. Das «Gewissen»<term type="begriffe" key="Gewissen"/> aber <hi rend="italic">versteht</hi> das Halt! <term type="begriffe" key="Halt!"/> des gegen uns gezückten Schwertes und erkennt <hi rend="italic">Gott</hi> in seinem Zorn. Es<note n="cn" type="textcritical" xml:id="ncn"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Er».</note> hindert uns, das uns treffende Böse bloß als Hemmung und Schicksal aufzufassen, es erinnert uns daran, dass wir selber das Böse tun. Es erkennt die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> der uns in unserm tragischen Schicksal treffenden Hand Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Hand"/>. Es sieht den «Dienst zum Guten», den uns das Böse leisten soll. Es erklärt uns das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem wir stehen, nicht zu unserm Vorteil, aber zu unserm Heil<term type="begriffe" key="Heil"/>. Es macht aus dem Unrecht, das uns begegnet, nicht eine Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> für uns, wohl aber eine Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Es erlaubt uns nicht, aus dem Harten, das uns widerfährt, wiederum erbittert, in neuer Auflehnung hervorzugehen, sondern es erklärt Schluss des verhängnisvollen Kreislaufs vom Bösen zum Bösen. Es führt uns heraus aus dem Hin und Her mensch<pb ed="pga" xml:id="p656" break="no"/>lichen Tuns und Leidens, zurück zum Ursprung, zu Gott<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/>. «Daher der Zwang, sich zu unterziehen.» Die Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> ist die große Möglichkeit, tun zu wollen, was Gott tut. Sie ist unmöglich. Wir müssen heruntersteigen von der revolutionären Höhe. Wir müssen einsehen, dass unser «Neues» sicher nicht <hi rend="italic">das</hi> Neue ist. Wir müssen zurück zu jenem Ausgangspunkt unsrer Empörung<term type="begriffe" key="Empörung"/>, zu jener Erkenntnis des Bösen<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Bösen"/> im Bestehenden<term type="begriffe" key="Bestehende, das"/>, <hi rend="italic">bevor</hi> der revolutionäre Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, revolutionärer"/> geboren, <hi rend="italic">bevor</hi> das empörerische Denken und Handeln daraus hervorgegangen war. Dort war unser Erschrecken schuldlos, wir erschraken mit Gott vor dem Jammer der Kreatur. Wir wussten aber auch, unendlich viel <pb ed="A" n="475"/> mehr und viel stärker, von ihrer Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Es war der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Erkenntnis"/> einfachster Einsicht in die Lage des Menschen Gott gegenüber<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, identisch mit jenem «Tun des Guten». Aber dieser reine Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, reiner"/> war kein Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> in der Zeit. Und so ist «Sich Unterziehen» kein Tun. Wohl aber eine Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, die Erkenntnis, dass wir nicht Recht haben, auch und gerade dann nicht, wenn wir Recht haben. In dieser Erkenntnis wird es wahr, dass wir eine Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf kommende Welt"/> haben; die Hoffnung der kommenden Gotteswelt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue,, Gottes"/>; sie wird Revolution<term type="begriffe" key="Gotteswelt als Revolution"/> und Ordnung<term type="begriffe" key="Gotteswelt als Ordnung"/> in Einem sein.</p>
<p><hi rend="italic">«Deswegen bezahlt ihr ja auch die Steuern.»</hi> Ein merkwürdiger Schluss. Ihr tut da etwas, mehr oder weniger freiwillig: ihr bezahlt dem Staat<term type="begriffe" key="Staat"/> eure Steuern. Ihr sollt wissen, was ihr tut. Es ist ein Tun voll Nicht-Tun, voll Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, voll Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. <hi rend="italic">«Sie sind Gottes Priester, waltend zu diesem einen Zweck.»</hi> Die Machthaber, die Behörden, die offiziellen Vertreter des Bestehenden<term type="begriffe" key="Bestehende, das"/> – Gottes Priester?<term type="begriffe" key="Gottes Priester?"/> Ja gerade sie: ihr ganzes Dasein, ihre ganze Gewalt, ihr ganzes seltsames Gerechtfertigtsein vor euch verkündigt laut das Eine: das Unrecht des Menschen und als Ziel die Gotteswelt. Und ihr solltet diese Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/>, die so laut von einer ganz andern Ordnung redet, zerbrechen wollen? Nein, <hi rend="italic">«gebt ihnen allen, was ihr schuldig seid, Steuer, dem Steuer, Zoll, dem Zoll, Furcht, dem Furcht, Ehre, dem Ehre zukommt».</hi> Banal und uninteressant ist diese Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>: Tut, was ihr ohnehin tut! «Unbefriedigt» lässt sie uns mit unserm<note n="co" type="textcritical" xml:id="nco"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «unsern».</note> Fragen nach dem Recht des Bestehenden und der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> zurück. Vielleicht, dass das gerade so sein muss. Jenseits alles Interessanten und Großartigen, was wir tun <pb ed="pga" xml:id="p657"/> könnten, wartet sie ja, die große negative Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große negative"/> <hi rend="italic">Gottes.</hi> Vielleicht können wir in der Tat nicht besser für sie demonstrieren, als indem wir (als die Wissenden!) tun, was wir ohnehin tun.</p> 
</div>


<div>
<head><hi rend="smallCaps">Die große positive Möglichkeit</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.8 Röm.13.14">13,8–14</ref></head>

<p><hi rend="bold">Bleibt niemandem etwas schuldig – ausgenommen die gegenseitige Liebe! Denn wer den Andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn das</hi>
Gebot: <hi rend="bold">Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht begehren! und was es sonst noch für Gebote gibt, gipfeln in diesem Worte: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst! Die Liebe fügt dem</hi> <pb ed="A" n="476"/> <hi rend="bold">Nächsten nicht Böses zu. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und solches tut in Erkenntnis des Augenblicks: Die Stunde ist da, aus dem Schlaf zu erwachen. Denn jetzt ist unsre Errettung näher als damals, als wir gläubig wurden. Die Nacht rückte vor, der Tag aber ist nahe herbeigekommen. So lasst uns nun die Werke der Finsternis ablegen, anziehen aber die Waffen des Lichts. Lasst uns, als ob es schon Tag wäre, mit Fassung wandeln: Keine Schmausereien und Saufgelage! Keine Wollust und Unzucht! Kein Zank und Streit! Sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und folgt nicht der Tendenz des Fleisches zur Befriedigung seiner Begierden!</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Bleibt niemandem etwas schuldig – ausgenommen die gegenseitige Liebe!»</hi> Nicht schuldig bleiben!, anders ausgedrückt: nicht widerstehen!, nicht auf dem Boden des Bösen die Entscheidung suchen durch Verneinen und Zerbrechen! – das ist der Sinn all der seltsamen Möglichkeiten von <hi rend="italic">Nicht-Tun</hi><term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, die wir uns als «negative Möglichkeiten» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16 Röm.12.20">12,16–20</ref>) und zuletzt in ihrem Zusammenhang als «die große negative Möglichkeit»<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große negative"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21 Röm.13.7">12,21-13,7</ref>) vergegenwärtigt haben. <hi rend="italic">Ausgenommen</hi> – und nun kehren wir, eine Bresche in unsre eigene Mauer schlagend, offenbar wieder um vom demonstrativen Nicht-Tun zum demonstrativen <hi rend="italic">Tun</hi>, zu den «<hi rend="italic">positiven</hi> Möglichkeiten»<term type="begriffe" key="Möglichkeit, positive"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9 Röm.12.15">12,9–15</ref>) –, ausgenommen die gegenseitige Liebe! Die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> <hi rend="italic">sollen</hi> wir <hi rend="italic">jedermann</hi> <pb ed="pga" xml:id="p658"/> schuldig bleiben. Das Fehlen der Liebe sollen wir auf keinen Fall etwa damit begründen, dass wir im Schattenreich<term type="begriffe" key="Schattenreich"/> des Bösen ja doch nur durch Nicht-Tun Zeugnis ablegen könnten für die kommende Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>. Zum Tun der Liebe soll es <hi rend="italic">in</hi> diesem Schattenreich durchaus <hi rend="italic">kommen;</hi> denn sie steht nicht unter dem Gesetz des Bösen<term type="begriffe" key="Gesetz, des Bösen"/>. Der Protest gegen den Lauf dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Lauf dieser W."/> soll durch «gegenseitige Liebe»<term type="begriffe" key="Liebe"/> <hi rend="italic">eingelegt</hi> und nicht unterlassen werden. Wir erinnern uns ja: Positiv-ethisch ist das Tun, das sich in die «Gestalt dieser Welt»<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>) <hi rend="italic">nicht</hi> fügt, das innerhalb dieses Rahmens in seiner ganzen Verborgenheit Zeugnis ablegt von der Fremdartigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Fremdartigkeit"/>. Die «<hi rend="italic">große</hi> positive Möglichkeit»<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große positive"/> nennen wir die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> mit der gleichen Begründung, mit der wir das «Sich Unterziehen» die «große negative Möglichkeit»<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große negative"/> genannt haben: Wiederum nicht um die einzelnen Akte, sondern um den Zusammenhang aller als «positiv» (protestierend!) anzusprechenden ethischen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>, wiederum um den Sinn der ethischen <hi rend="italic">Gesamt</hi>haltung handelt es sich. Die «große <hi rend="italic">positive</hi> Möglichkeit»<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große positive"/> aber nennen wir die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> eben darum, weil in ihr der <hi rend="italic">revolutionäre</hi> Sinn alles Ethos<term type="begriffe" key="Ethos"/> an den Tag kommt, weil es sich in ihr tatsächlich <pb ed="A" n="477"/> um das Verneinen und Zerbrechen des Bestehenden<term type="begriffe" key="Bestehende, das"/> handelt. Sie ist’s, die auch den reaktionären Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, reaktionärer"/> endgültig ins Unrecht setzt trotz des Unrechtes, in dem sich der Revolutionär befindet. Denn sofern wir uns untereinander lieben, <hi rend="italic">können</hi> wir nicht das Bestehende als solches erhalten wollen, wir tun dann <hi rend="italic">in</hi> der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> das Neue, das das Alte stürzt. Also von dieser Bresche in der Mauer des unbegreiflichen Nicht-Tuns, von dem noch viel unbegreiflicheren Tun der Liebe ist nun zu reden.</p>
<p><hi rend="italic">«Wer den Andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.»</hi> Auf den Höhepunkten unsrer Erwägungen über das Verhältnis des Menschen zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> begegnete uns, genau jenseits der gegebenen oder als gegeben vorstellbaren Möglichkeit dieses Verhältnisses, genau jenseits also von «Gesetz»<term type="begriffe" key="Gesetz, und Religion"/> und Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> samt ihren Forderungen an das Denken und Wollen des Menschen, als der unanschauliche Beziehungspunkt des höchsten menschlichen Strebens und darum zugleich als seine radikale Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung, radikale"/> der höchst rätselhafte Begriff der <hi rend="italic">Liebe</hi><term type="begriffe" key="Liebe, Begriff der"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">8,28</ref> usf.; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9">12,9</ref>). Wir definierten<note xml:id="n81"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p436#p436">S. 436f.</ref></note> diesen Begriff als jene schlechterdings <pb ed="pga" xml:id="p659"/> nicht als menschlichen Denk- und Willens<hi rend="italic">akt</hi>, jene nur als psychologische Voraus-Setzung, als «Ausgießung»<term type="begriffe" key="Ausgießung"/> des Geistes<term type="begriffe" key="Geist"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>) zu beschreibende Sachlichkeit gegenüber der Problematik des Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>, jene Sachlichkeit, kraft deren<note n="cp" type="textcritical" xml:id="ncp"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «welcher».</note> der Mensch Gott erkennt<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, Gott ergreift, sich an Gott<note n="cq" type="textcritical" xml:id="ncq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «an Gott sich».</note> klammert, an den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, den verborgenen Gott<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> als an das <hi rend="italic">letzte</hi> Ja im <hi rend="italic">letzten</hi> Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> aller gegebenen Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> ist das existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Vor-Gott-Stehen des Menschen: sein Angerührtwerden von der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und eben in dieser Berührung das Begründetwerden seiner Persönlichkeit, seine «Individuation» dürfen wir vielleicht sagen. Liebe ist als «der unbegreifliche Weg»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>) der ewige Sinn aller unsrer begreiflichen Wege: das Wirklichkeitwerden ihrer höchsten Spitze: der religiösen Menschenmöglichkeit als <hi rend="italic">Gottes</hi>möglichkeit und darum und insofern <hi rend="italic">«des Gesetzes Erfüllung»</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, Erfüllung des G."/>. Aber was heißt nun das alles, wenn wir bedenken, dass alle diese Erwägungen als Erwägungen unterbrochen sind durch ihre Beziehung auf das <hi rend="italic">Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben"/>, das wir in seiner schlechthinigen Einmaligkeit und Konkretheit zu leben haben, dass unser <hi rend="italic">Gespräch</hi> über Gott gerade auf seinem Höhepunkt gestört ist durch Gott selbst, der sich uns in der Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>: Was sollen wir tun? aufs Neue als der <hi rend="italic">unbekannte</hi> Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> entzieht und entgegenstellt? (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>). Antwort: Wer den <hi rend="italic">Andern</hi> liebt, <hi rend="italic">der</hi> übt jene Sachlichkeit, <hi rend="italic">der</hi> geht den unbegreiflichen Weg, <hi rend="italic">der</hi> hat das Gesetz erfüllt. <hi rend="italic">«Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Lev.19.18">Lev. 19,18</ref>).</p>
<p><pb ed="A" n="478"/> «Du sollst deinen <hi rend="italic">Nächsten</hi> lieben<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/>!» In der Gegebenheit des Nächsten<term type="begriffe" key="Nächster"/> begegnet uns zuletzt und zuhöchst jene unerforschliche Problematik des Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>. Darin ist uns zuletzt und zuhöchst das Rätsel des «Urstands der Natur» aufgegeben, dass «<hi rend="italic">Mensch</hi> dem <hi rend="italic">Menschen</hi> gegenübersteht»<note xml:id="n82"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p645#fn_n75">S. 645, Anm. 75</ref>.</note>, <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch <hi rend="italic">jenem</hi> Menschen, dass Einer durch die Einzelnheit des Andern an seine eigene Einzelnheit, d. h. aber an seine Geschaffenheit, an seine Verlorenheit, an seine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und an seinen Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> erinnert wird. Hier muss es sich entscheiden, ob die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> Gottes<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> jenseits der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, auf die wir im Lauf unsres Gesprächs über Gott immer wieder gestoßen sind, <pb ed="pga" xml:id="p660"/> nicht doch ein metaphysisches<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Gespenst ist, ob wir nicht doch geträumt haben, indem wir die psychologische Voraus-Setzung, die Ausgießung<term type="begriffe" key="Ausgießung"/> der Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> in unsre Herzen<term type="begriffe" key="Herz"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>] behaupteten, ob wir mit jener Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> des letzten Ja im letzten Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> nicht schließlich doch blind geschossen haben, ob unser Verständnis Gottes nicht doch ein «Verständnis auf Abstand» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n83"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Leben und Walten, 1. Abth., S. 107</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 9, S. 84</bibl>): «Im Grunde verstehen wir alle das Höchste». «Was aber den Unterschied ausmacht, ist, ob wir es auf Abstand verstehen – so daß wir doch nicht darnach thun, oder in der Nähe  – so daß wir darnach thun und ‹nicht anders können›».</note> war oder ob der unbekannte Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> wirklich zu uns geredet hat in Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Antwort Gottes"/>, ob das Berührtwerden von der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, die Begründung der Persönlichkeit<note n="cr" type="textcritical" xml:id="ncr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Persönlichheit».</note>, das Betreten des «unbegreiflichen Weges»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> existentielles<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ereignis ist. Es entscheidet sich daran, ob wir ihn, den Unbekannten erkennen und lieben in der Unbekanntheit des <hi rend="italic">«Nächsten»</hi>, in der vollen, alle Rätsel des Daseins zusammenfassenden und eine Tatantwort fordernden Andersheit des <hi rend="italic">Andern</hi>, ob wir in <hi rend="italic">ihm</hi> die Stimme des <hi rend="italic">Einen</hi><term type="begriffe" key="Der Eine im Andern"/> hören. Wir erinnern uns, <anchor type="note" xml:id="fn-cs"/>dass sich die Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> in dem Ereignis vollzieht<note n="cs" target="fn-cs" type="textcritical" xml:id="ncs"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «daß die Liebe zu Gott in dem Ereignis sich vollzieht».</note>, in dem uns in der Problematik des Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> ein gegenüberstehendes unanschauliches <hi rend="italic">Du</hi> so gewaltig begegnet, dass wir auf die Frage: Wer bin denn <hi rend="italic">Ich?</hi> unweigerlich gestoßen werden, eben in dieser Frage<note n="ct" type="textcritical" xml:id="nct"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): <hi rend="italic">«Frage»</hi>.</note> aber auch ihre eigene <hi rend="italic">Antwort</hi><term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> erkennen und keine andere Möglichkeit haben als die Anerkennung der alles Denken übersteigenden <hi rend="italic">Einheit</hi> unsres gänzlich in Frage gestellten <hi rend="italic">Ich</hi> mit jenem gegenüberstehenden <hi rend="italic">Du.</hi> Dieses fragende und antwortende Du begegnet uns aber offenbar zuletzt und zuhöchst in der Problematik des «unter die Räuber gefallenen» Nächsten<term type="begriffe" key="Nächster"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30 Lk.10.37">Lk. 10,30–37</ref>]. Höre ich hier nicht
Frage <hi rend="italic">und</hi> Antwort, höre ich hier nur die Stimme des Andern und nicht <hi rend="italic">in</hi> der Stimme des Andern die des <hi rend="italic">Einen</hi>, wahrhaftig, so höre ich sie gar nicht.</p>
<p>Also: «Du sollst deinen Nächsten<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> lieben <hi rend="italic">als dich selbst!</hi>» Unanschaulich verborgen ist immer der Nächste <hi rend="italic">der</hi> Andere, dem gegenüber ich<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Verborgen"/> <hi rend="italic">kein</hi> Anderer sein und bleiben kann, den ich lieben muss «als <pb ed="pga" xml:id="p661"/> mich <hi rend="italic">selbst»</hi>, sofern und so gewiss ich <hi rend="italic">Gott</hi> liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. In Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>, der die Wendung ist von der Frage zur Antwort, vom Nein zum Ja, vom Gericht zur Gerechtigkeit, vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> bin <pb ed="A" n="479"/> ich nicht nur Einer mit Gott, sondern (weil und indem mit Gott!) Einer mit dem Nächsten. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> ist das «Geistesverhältnis» zum Nächsten (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n84"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Leben und Walten, 1. Abth., S. 76</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 9, S. 63</bibl>): «Die Liebe zum Nächsten ist Liebe zwischen zwei Wesen, die jedes für sich ewig als Geist bestimmt sind; sie ist Geistesliebe». - S. 77 (SKS 9, S. 63): « […] bloß in der Liebe zum Nächsten ist das Selbst, welches liebt, rein geistig als Geist bestimmt, und der Nächste ist eine rein geistige Bestimmung.»</note>, d. h. das durch die an mich gerichtete Frage und durch die mir gegebene Antwort jenes gegenüberstehenden Du (des Geistes!) geschaffene Verhältnis des Einerseins<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Einersein"/> (der Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/>, communio<term type="begriffe" key="communio"/>) mit dem Nächsten, sofern und so gewiss ich Einer (in Gemeinschaft, communio) mit Gott bin. <hi rend="italic">Wer</hi> ist mein Nächster<term type="begriffe" key="Nächste(, der)"/>? fragt der Schriftgelehrte und bekommt die Antwort (muss sie selber unfreiwillig sich geben!): der die Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Barmherzigkeit"/> tat an dem, der unter die Räuber gefallen war. Gehe hin und tue desgleichen! sei du <hi rend="italic">selber</hi> der Nächste<term type="begriffe" key="Nächster"/>, so hört alles Fragen auf (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.29">Lk. 10,29</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30 Lk.10.37">30–37</ref>). Der Nächste, erkannt als die Antwort auf die Frage: Wer bin denn Ich?, erkannt als der <hi rend="italic">Eine</hi>, der Du ist und Ich und Er, das ist die Betätigung und Bewährung der Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, den wir nicht sehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.20">1.Joh. 4,20</ref>].</p>
<p>Also: Du sollst deinen Nächsten<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> <hi rend="italic">lieben!</hi> Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> ist das durch die Erkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> in Christus begründete (und darum gebrochene!) Verhältnis zum Mitmenschen, das Verhältnis, in dem nicht Mensch dem Menschen, sondern Gott Gott gegenübersteht. Ob in diesem Verhältnis Friede<term type="begriffe" key="Friede"/> oder Streit geboten ist, also das, was wir etwa «Liebe» heißen, oder etwas sehr viel Herberes und Härteres, das ist eine zweite Frage (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.9">12,9</ref>). Immer aber ist Liebe die Entdeckung des Einen im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern, Entdeckung des"/>, und zwar in diesem <hi rend="italic">und</hi> jenem, in <hi rend="italic">jedem</hi> Andern. Sie ist schlechthin gebunden an ihren Gegenstand (den «Nächsten»<term type="begriffe" key="Nächste(, der)"/>!), weil und indem sie ihm schlechthin unabhängig gegenübersteht. Sie sieht in jedem «Nächsten» ja nur das <hi rend="italic">Gleichnis</hi> des zu Liebenden, sie <hi rend="italic">sieht</hi> es aber wirklich, und sie sieht in <hi rend="italic">jedem</hi> Nächsten den, den zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> geboten ist, sie sieht und hört in jedem <hi rend="italic">zeitlichen</hi> Du das gegenüberstehende <hi rend="italic">ewige</hi> Du, ohne das es kein Ich gibt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3 Röm.12.6">12,3b-6a</ref>). Sie ist Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> zu dem und dem bestimmten konkreten Menschen, gerade weil und <pb ed="pga" xml:id="p662"/> indem sie mit <hi rend="italic">Vor</hi>liebe für den und den nichts zu schaffen hat. Sie ist Liebe zum Nächsten<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> in seiner ganzen ärgerlichen, wunderlichen, sonderbaren Geschaffenheit und Beschaffenheit, gerade weil und indem sie heimlich diese Geschaffenheit und Beschaffenheit löst und lockert, als ein Kleid, das ihm von den Schultern fallen muss (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n85"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Leben und Walten, 1. Abth., S. 119–121</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 9, S. 92–94</bibl>).</note>. Sie ist «ausgleichende ewige Gerechtigkeit»<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, ewige"/> (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n86"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Leben und Walten, 1. Abth., S. 111</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 9, S. 87</bibl>).</note>, gerade damit, dass sie keinem nach <hi rend="italic">seinem</hi> Wunsch «gerecht wird». Sie erbaut die Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> gerade damit, dass sie <hi rend="italic">nur</hi> Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> sucht. Sie ­erwartet nichts, sie ist schon am Ziel. Sie sucht nichts, sie hat schon gefunden. Sie will nichts, sie hat schon getan. Sie fragt nicht, sie weiß schon. Sie kämpft nicht, sie hat schon gesiegt. Sie ist nicht Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>, der immer begehrt, sie ist Agape<term type="begriffe" key="Agape"/>, die nimmer aufhört [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>]. </p>
<p><pb ed="A" n="480"/> Eben darum aber: «<hi rend="italic">Du sollst</hi> deinen Nächsten lieben<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/>!» Gerade streng begriffen, als Tun des <hi rend="italic">neuen</hi> Menschen ist die Liebe <hi rend="italic">Pflicht</hi><term type="begriffe" key="Liebe, ist Pflicht"/>, und als Pflicht gesichert gegen alle Willkürlichkeiten, Enttäuschungen und Missbräuche. Alle göttlichen: <hi rend="italic">«Du sollst nicht!» («Nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, nicht begehren»</hi> <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.13 Ex.20.17">Ex. 20,13–17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.5.17">Dtn. 5,17</ref>) <hi rend="italic">«gipfeln»</hi> ja in diesem: Du sollst! Es ist der von allem Tun ins Nicht-Tun<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/> (zu Gott) zurückgescheuchte Mensch, der hier (aus Gott) wieder hervorbricht ins Tun, der Niedergeworfene, der hier wieder aufsteht, der Sünder<term type="begriffe" key="Sünder"/>, der gerecht wird, der Getötete, der lebendig wird. Es ist das blitzende Schwert von Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>, das in diesem Du sollst! sichtbar wird. Eben darum ist die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> das in sich vollkommene, das <hi rend="italic">neue</hi> Tun, <hi rend="italic">das</hi> Tun, das der Sinn, die Erfüllung alles Nicht-Tuns ist, die Luft, die wir zu atmen bekommen, wenn und sofern uns in der Sphäre des Bösen der Atem wirklich genommen ist.</p>
<p>Denn: <hi rend="italic">«Die Liebe fügt dem Nächsten nicht Böses zu!»</hi> Sie also ist das «Tun des Guten», in dem das Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> besiegt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">12,21</ref>), das Bestehende verneint und zerbrochen wird, so gewiss dies durch die Revolte <hi rend="italic">nicht</hi> geschehen kann. Das ist das Neue, das Fremdartige der Liebe, dass sie an jenem Kreislauf vom Bösen zum Bösen, von der Reaktion<term type="begriffe" key="Reaktion"/> zur Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> nicht beteiligt ist. Sie ist der radikale Umsturz<term type="begriffe" key="Umsturz, radikaler"/> alles Ge<pb ed="pga" xml:id="p663" break="no"/>gebenen, weil sie die radikale Anerkennung des Voraus-Gegebenen in allem Gegebenen ist. Sie fällt alle Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/> dadurch, dass sie selbst keinen neuen aufrichtet. Sie ist das Ende aller Gottähnlichkeiten<term type="begriffe" key="Gottähnlichkeit"/>, Hierarchieen, Mittelbarkeiten, Autoritäten dadurch, dass sie unmissverständlich immer den Einen in den Einzelnen und in den Vielen anredet. Die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> widerspricht nicht, darum ist sie nicht zu widerlegen. Sie konkurriert nicht, darum wird sie nicht geschlagen. Sie sucht keine Entscheidung, darum ist sie sie selber. Sie ist innerhalb der Sphäre des Bösen schlechterdings nur in Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> zu beschreiben (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13">1.Kor. 13</ref>!); eben darum ist sie das dieser Sphäre schlechterdings überlegene Tun. Keine Unmöglichkeit, innerhalb dieser Sphäre (der einzigen, die wir kennen!) das Gute zu tun, entbindet mich von der Pflicht zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, ist Pflicht"/>. Unterlasse ich es, als Protest gegen den Lauf dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Lauf dieser W."/> zu lieben, so liebe ich auch Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> <hi rend="italic">nicht. Kein</hi> Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> ist dann gebracht, <hi rend="italic">kein</hi> Denken erneuert (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>). So dringend, so unausweichlich<note n="cu" type="textcritical" xml:id="ncu"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «unausweislich».</note> ernst ist das Gebot der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gebot der L."/>! <hi rend="italic">«So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.»</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Und solches tut in Erkenntnis des Augenblicks!»</hi> Wann und wo kommt es zu dem unbegreiflichen Tun <pb ed="A" n="481"/> der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, in der<note n="cv" type="textcritical" xml:id="ncv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «in welchem».</note> der Mensch, vom Rätsel des Nächsten zurückgescheucht zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, von Gott wiederum zurückkehrt, um im Nächsten<term type="begriffe" key="Nächster"/> sich selbst zu finden? Wann und wo tritt sie ein, die unmögliche Möglichkeit der Erfüllung des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Erfüllung des G."/>? Wir werden auch hier die Distanzen nicht verkürzen dürfen, <anchor type="note" xml:id="fn-cw"/>wenn wir das Problem, das uns durch die Forderung dieses Tuns gestellt ist, scharf ins Auge fassen wollen<note n="cw" target="fn-cw" type="textcritical" xml:id="ncw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «um das Problem  […] scharf ins Auge zu fassen».</note>. Der unerhörten <hi rend="italic">Bedeutung</hi> dieses «Tuns muss ein unerhörter <hi rend="italic">Anlass</hi> entsprechen. Wir antworten: Wenn wir erkennen, dass Zeit wird wie Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> und Ewigkeit wie diese Zeit<note xml:id="n87"> Anspielung auf den <bibl corresp="kbga-bibls-3719">Stammbuchvers <persName ref="kbga-actors-2802">Jacob Böhmes</persName></bibl>: 
<q rend="block">
<lg>
<l>Wem Zeit ist wie Ewigkeit,</l> 
<l>Und Ewigkeit wie die Zeit;</l> 
<l>Der ist befreit</l> 
<l>Von allem Streit.</l></lg></q>
Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1641"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="18040">S. 41</ref></bibl>.</note>, <hi rend="italic">dann</hi> tritt diese Möglichkeit ein. Sie tritt ein «in Erkenntnis des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/>». – Denn es ist ein <hi rend="italic">«Augenblick»</hi> <pb ed="pga" xml:id="p664"/> zwischen den Zeiten<term type="begriffe" key="Zeiten, zwischen den"/><note xml:id="n88"> Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-1017"><persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogartens</persName> Aufsatz <hi rend="italic">Zwischen den Zeiten</hi>, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 374–378</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-916">Anfänge II, S. 95–101</bibl>.</note>, der selber kein Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> ist in der Zeit. Jeder Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> kann aber die volle Würde <hi rend="italic">dieses</hi> Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, Würde des"/> empfangen. Es ist dieser Augenblick der <hi rend="italic">ewige</hi> Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/>, das <hi rend="italic">Jetzt</hi>, in welchem Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> und Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft"/> stillstehen, 
jene in ihrem Gehen, diese in ihrem Kommen. Die Zeit verrät ihr Geheimnis: nicht <hi rend="italic">sie</hi> geht und kommt, sondern <hi rend="italic">der Mensch</hi> ist’s, der <hi rend="italic">in Gott</hi><term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> gewesen ist und sein wird, stirbt und lebt, fällt und steht, ist, der <hi rend="italic">er ist</hi>, und ist, der <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, geschaffen als<note n="cx" type="textcritical" xml:id="ncx">Druckmanuskript: «geschaffen ist als».</note> Dieser und Jener und neu geschaffen als der Eine, als das Individuum in seiner ganzen Einmaligkeit und Allgemeingültigkeit: immer das Erste <hi rend="italic">und</hi> das Zweite, und zwar das Zweite in Überwindung des Ersten, in <hi rend="italic">Christus</hi><term type="begriffe" key="Mensch, in Christus"/> nämlich, in der unanschaulichen <hi rend="italic">Wende</hi> der Zeiten<term type="begriffe" key="Zeitenwende"/>. «<hi rend="italic">Wir</hi> gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern»<note xml:id="n89"> <bibl type="song" corresp="kbga-songs-47">Anfang der Strophe 2 des Chorals «Nun laßt uns gehn und treten» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, GERS (1891) 67; EG 58; RG 548.</bibl></note> – <hi rend="italic">das</hi> ist das Geheimnis der Zeit, offenbart in jenem ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/>, der immer ist und nie, im Augenblick der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, ewiger Augenblick"/>. Des zum <hi rend="italic">Gleichnis</hi> das unwiderrufliche Davoneilen der Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/>, das unaufhaltsame Kommen der Zukunft: die <hi rend="italic">Unumkehrbarkeit</hi> der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>. Des zum Gleichnis aber auch die völlige Verborgenheit, Unanschaulichkeit und Nicht-Gegebenheit der <hi rend="italic">Gegenwart</hi> «zwischen» den Zeiten.
Gleichnis des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> ist in beiderlei Hinsicht <hi rend="italic">jeder</hi> Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit. Jeder trägt das Geheimnis der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Geheimnis"/> ungeboren in sich, jeder kann <hi rend="italic">qualifizierter</hi> Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, qualifizierter"/> werden. – «Solches tut in <hi rend="italic">Erkenntnis</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/> des Augenblicks.» Also der erkannte, der in seiner transzendentalen<term type="begriffe" key="transzendental"/> Bedeutsamkeit begriffene und ergriffene Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, transzendentaler"/> ist es, in dem es zu dem unbegreiflichen Tun der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> kommt. Wo ein Vorher und Nachher qualifiziert ist durch das unanschaulich in der Mitte liegende Jetzt! der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>, <hi rend="italic">da</hi> wird es Ereignis, das «Leben und Walten der Liebe» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n90"> So der Titel des zuvor mehrmals zitierten Buches von <bibl corresp="kbga-bibls-3700"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>.</bibl></note>. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Erfüllung des Gesetzes"/>, der die <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="begriffe" key="Offenbarung, Glaube"/> <hi rend="italic">sieht</hi>, ist die Erfüllung des Gesetzes. Ein Tun, das aus höchstem <hi rend="italic">Wissen</hi> entspringt, ist dieses menschliche Tun. Der Mensch, der <hi rend="italic">von der</hi> <pb ed="A" n="482"/> <hi rend="italic">Freiheit Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">berührt</hi> ist, ist der lie<pb ed="pga" xml:id="p665" break="no"/>bende Mensch. Immer steht dieser letzte zentrale Regress von der Zeit auf die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, immer steht diese nur durch das Wunder mögliche Beziehung der Ewigkeit in Frage, wenn die<note n="cy" type="textcritical" xml:id="ncy">Druckmanuskript: «wenn uns die».</note> Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> als die große positive Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große positive"/> zum Gebot<term type="begriffe" key="Gebote"/> wird. Immer nur in <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/> können wir tun, was wir tun, und haben es deshalb nie «schon getan»; denn wann wäre etwas in dieser Erkenntnis «schon getan»? Immer nur als <hi rend="italic">Hinweis</hi> auf die Überwindung<term type="begriffe" key="Überwindung"/>, die in Christus geschehen ist, geschieht und geschehen wird, immer nur im <hi rend="italic">Hinblick</hi> auf die Geburt des Individuums<term type="begriffe" key="Individuum"/> aus der Individualität, immer nur in <hi rend="italic">Erwartung</hi> des Endes<term type="begriffe" key="Ende, aller Dinge"/> (der Welt der Zeit, der Dinge und des Menschen), das der Anfang ist, können wir tun, was wir tun. Eben darum, weil sie so unerbittlich Distanz hält, so unerbittlich von allem schon Getanen, von sich selbst wegweist auf das Ende, das der Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/> ist, fügt die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Nächstenliebe"/> dem Nächsten<term type="begriffe" key="Nächste(, der)"/> nicht Böses zu, ist sie des Gesetzes (aller: du sollst nicht<note n="cz" type="textcritical" xml:id="ncz">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">nicht</hi>».</note>!) Erfüllung<term type="begriffe" key="Gesetz, Erfüllung des G."/>. Sie betritt die Sphäre des Bösen<term type="begriffe" key="Böse"/> nur, um sie sofort wieder zu verlassen. Sie baut keine Hütten daselbst. Sie will grundsätzlich in der Zeit nichts Bleibendes, nichts «Bestehendes» schaffen. Nur in <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des ewigen Augenblicks"/>, tut sie, was sie tut, und ist eben darum das eigentlich revolutionäre Tun<term type="begriffe" key="Revolution"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Die Stunde ist da, vom Schlaf zu erwachen. Denn jetzt ist unsre Errettung näher als damals, als wir gläubig wurden. Die Nacht rückte vor, der Tag aber ist nahe herbeigekommen.»</hi> Unvergleichlich steht der <hi rend="italic">ewige</hi> Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> <hi rend="italic">allen</hi> Augenblicken gegenüber, gerade weil er aller Augenblicke transzendentaler<term type="begriffe" key="Augenblick, transzendentaler"/> Sinn ist. Und unvergleichlich die «Errettung», der «Tag», das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> <hi rend="italic">allen</hi> Zeiten, gerade weil es aller Zeiten Erfüllung ist. Wir aber leben in der Reihe der Augenblicke<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/>, im Wechsel der Zeiten<term type="begriffe" key="Zeitenwechsel"/>; lieben wir hier nicht, so lieben wir gar nicht. Nicht irgendwo außerhalb, sondern innerhalb dieser Reihe, dieses Wechsels war <hi rend="italic">Jesus</hi> der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/>, gibt es für uns <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des ewigen Augenblicks"/> und <hi rend="italic">in</hi> der Erkenntnis den Ort, die Zeit, den Anlass zum Lieben<term type="begriffe" key="Liebe"/>. In <hi rend="italic">einem</hi> Augenblick muss die Erkenntnis <hi rend="italic">des</hi> Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/> Ereignis werden, in einer <hi rend="italic">Zeit</hi> der Regress auf die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>. Dieser Augenblick, diese Zeit ist «die Stunde, vom Schlaf zu erwachen», eben jenes durch ein unanschaulich in der Mitte gelegenes Jetzt! qualifizier<pb ed="pga" xml:id="p666" break="no"/>te Vorher und Nachher. Nicht jede Zeit, nicht jeder Augenblick ist<note n="da" type="textcritical" xml:id="nda">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">ist</hi>».</note> diese Stunde. Keine ist es <hi rend="italic">an sich.</hi> An sich steht jeder Zeit das unanschaulich in der Mitte liegende Jetzt! fremd, inkommensurabel, unzugänglich gegenüber, auch der Zeit, «da wir gläubig <pb ed="A" n="483"/> wurden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">3,28</ref>). Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> kann ja keine Gegebenheit werden, kein Ding, das einmal anfing zu sein und dann so fortfuhr, da zu sein. Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/>, Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, Schöpfung<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> ist er in jedem Augenblick der Zeit, auch jedem Gläubig<hi rend="italic">-Sein</hi> gegenüber. Was zur Gegebenheit geworden sein sollte, das gehört, auch wenn es sich «Glauben»<term type="begriffe" key="Glaube"/> heißt, in die unqualifizierte Zeit des «Schlafes». Kein Glaube, der nicht an die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Glaube"/>, kein Tun, das nicht an ein notwendiges Wissen, kein Mensch, der nicht an die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">erinnert</hi> werden müsste. Sofern solche Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> «noch nicht» stattgefunden hat (und wann hätte sie etwa «schon» stattgefunden?), <hi rend="italic">schläft</hi> der Mensch, auch der Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/>, auch der Heilige<term type="begriffe" key="Heilige"/>, auch der Liebende. Da ist er an die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> verkauft. Da liegt er wie ein Kieselstein auf dem Grunde des «Stroms der Zeit», ruhelos davoneilend und kommend gehen ihre Wellen über ihn dahin. <hi rend="italic">Nicht</hi> ist er zurückgescheucht aus <hi rend="italic">seinem</hi> Tun ins Nicht-Tun<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, und <hi rend="italic">nicht</hi> bricht er hervor aus <hi rend="italic">seinem</hi> Nicht-Tun ins Tun. Immer tut er, was er nicht tun sollte, und immer tut er nicht, was er tun sollte. Also qualifizierte Zeit, Zeit der Umkehr und des Vorstoßes, Zeit der <hi rend="italic">ethisch-</hi>negativen und <hi rend="italic">ethisch-</hi>positiven Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, positiv-ethische / Möglichkeit, negativ-ethische"/> muss die Zeit erst <hi rend="italic">werden.</hi> Und insofern gibt es dem an sich allen Zeiten gleich fremden ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> gegenüber <hi rend="italic">Unterschiede</hi> der Zeiten, Zeiten der Nähe und Zeiten der Ferne, Zeiten der Nacht und Zeiten des grauenden Morgens, Zeiten des Schlafes und Zeiten des Erwachens, insofern gibt es je und je nicht nur das ewige, sondern ein <hi rend="italic">chronologisches</hi> qualifiziertes: Heute, heute so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.95.7 Ps.95.8">Ps. 95,7–8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.3.7 Hebr.3.8">Hebr. 3,7–8</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.3.15">15</ref>;<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.7">4,7</ref>] und sein Gegenteil: Tage, «in denen das Wort Gottes<term type="begriffe" key="Wort, Gotte"/> teuer war und war wenig Weissagung» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.3.1">1.Sam. 3,1</ref>). <hi rend="italic">«Jetzt</hi> ist unsre Errettung näher als <hi rend="italic">damals</hi>, als wir gläubig wurden.» <hi rend="italic">Immer</hi> besteht diese Spannung zwischen dem «damals» unsres geruhigen Seins und dem «jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/> der störenden Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Nichtsein"/> an unser Nicht-Sein, <hi rend="italic">immer</hi> die Spannung zwischen den Zeiten der «schon» stattgefundenen Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>, der «schon» getanen Taten, des<note n="db" type="textcritical" xml:id="ndb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Taten des». Korrektur nach<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p667"/> «schon» erkannten Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> und den Zeiten des Gedenkens, Erwartens und Hinblickens auf das existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ereigniswerden des nur vermeintlich «schon» Bestehenden, auf den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Erscheinung, der Parusie<term type="begriffe" key="Parusie"/>, der Gegenwart Jesu Christi<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gegenwart"/>. Mit den berühmten neunzehnhundert Jahren Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> aber, die die Parusie bekanntlich «noch nicht» gebracht haben<note xml:id="n91"> Im Gefolge der Wiederentdeckung des eschatologischen Charakters von Jesu Reich-Gottes-Verkündigung durch <bibl corresp="kbga-bibls-3720"><persName ref="kbga-actors-418">J. Weiß</persName> (<hi rend="italic">Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes</hi>, Göttingen 1892</bibl>) entwickelte <persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName> die These, dass das Nicht-Eintreffen der Parusie für das Christentum von fundamentaler Bedeutung geworden sei als Anfang einer Enteschatologisierung. Zusammenfassend in seinem Buch <bibl corresp="kbga-bibls-3721"><hi rend="italic">Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung</hi>, Tübingen 1906, S. 356</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-2661"><hi rend="italic">Geschichte der Leben-Jesu-Forschung</hi>, Tübingen 1913, S. 407</bibl>: «Die ganze Geschichte des ‹Christentums› bis auf den heutigen Tag, die innere, wirkliche Geschichte desselben, beruht auf der ‹Parusieverzögerung›: d. h. auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich auswirkenden Enteschatologisierung der Religion. Man beachte, daß die Nichterfüllung von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.23">Mt 10,23</ref> die erste Parusieverzögerung bedeutet. Wir haben hier also das erste Datum in der ‹Geschichte des Christentums›; es gibt dem Wirken Jesu eine sonst unerklärlich bleibende Wendung.»</note>, hat diese Spannung zwischen den Zeiten<term type="begriffe" key="Zeiten, zwischen den"/> so viel und so wenig zu tun wie etwa mit den Wochen oder Monaten, die der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> im Gepäck der <persName ref="kbga-actors-9710">Phöbe</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.1">16,1</ref>) zwischen Korinth<term type="begriffe" key="Korinth"/> und Rom<term type="begriffe" key="Rom"/> unterwegs gewesen ist<note n="dc" type="textcritical" xml:id="ndc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «unterwegs war».</note>, oder wie mit den Momenten, die zwischen dem Diktat des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und der Nieder<pb ed="A" n="484" break="no"/>schrift des <persName ref="kbga-actors-3735">Tertius</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.22">16,22</ref>) verstrichen sind. Denn<note n="dd" type="textcritical" xml:id="ndd"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «verstrichen. Denn».</note> die Stunde des Erwachens, die «letzte» Stunde, deren Schlag hier verkündigt wird, hat wahrhaftig nicht die Bedeutung, dass in ihr eine weitere Stunde, eine darauf folgende (chronologische!) Zeit als die Zeit der Erfüllung in Aussicht genommen wird. Als ob das Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/>, das aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> kommt, das alles Sein aufhebende <hi rend="italic">Nicht-Sein</hi>, die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> der <hi rend="italic">Gerichteten</hi>, das Jetzt! in der <hi rend="italic">Mitte</hi> alles Vorher und Nachher <hi rend="italic">eine</hi> Zeit <hi rend="italic">neben</hi> (und also doch wieder <hi rend="italic">in!</hi>) der Zeit ausfüllen könnte. Zeit sind die Zeiten der Unwissenheit und die Zeiten der Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, Zeiten der"/>, da allen
Menschen geboten wird, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.30">Act. 17,30</ref>]. Was darüber ist, das ist nicht Zeit, sondern Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Nein, an der <hi rend="italic">Grenze</hi> aller <pb ed="pga" xml:id="p668"/> Zeit, vor der überhängenden Wand<term type="begriffe" key="«überhängende Wand»"/> Gottes, die die <hi rend="italic">Aufhebung</hi><term type="begriffe" key="Aufhebung, aller Zeit"/> aller Zeit und alles Zeitinhalts bedeutet, steht der Mensch der «letzten» Stunde, der Mensch, der die Parusie<term type="begriffe" key="Parusie"/> Jesu Christi<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> erwartet. Er steht vor <hi rend="italic">dem</hi> Tag und <hi rend="italic">den</hi> Stunden, die niemand weiß, auch nicht die Engel<term type="begriffe" key="Engel"/> im Himmel, auch nicht der Sohn<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>, <hi rend="italic">nur der Vater</hi><term type="begriffe" key="Gott, Vater"/><hi rend="italic">!</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.32">Mk. 12,32</ref>). Gellen denn gar niemandem die Ohren? Will das unnütze Gerede von der «ausgebliebenen» Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn «ausbleiben», was seinem Begriff nach überhaupt nicht «eintreten» kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter «Weltuntergang<term type="begriffe" key="Weltuntergang"/>», ganz und gar ohne Beziehung zu etwaigen geschichtlichen, tellurischen oder kosmischen Katastrophen<term type="begriffe" key="Katastrophe"/> ist das im neuen Testament<term type="begriffe" key="Neues Testament"/> verkündigte Ende<term type="begriffe" key="Ende"/>, sondern wirklich das <hi rend="italic">Ende</hi>, so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nicht nur wenig, sondern <hi rend="italic">nichts</hi> zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft, so sehr das Ende, dass schon <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> diesen Tag sah und sich freute [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.56">Joh. 8,56</ref>]. Wer heißt uns, diese ewige Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, ewige"/>, weil von ihr <hi rend="italic">nur</hi> im Gleichnis geredet werden kann, abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit, oder, wenn denn erkannt ist, dass hier jedes Wort nur Gleichnis sein kann, bei diesem «nur» uns zu beruhigen? Wer heißt uns, Gott zu einem Götzen<term type="begriffe" key="Götze, «lebendiger Gott» als G."/> machen und ihn daraufhin, auf Grund unsres eigenen Verkennens <hi rend="italic">seiner</hi> Wirklichkeit, so schamlos nicht ernst zu nehmen? Wer heißt uns die Erwartung des Endes, <hi rend="italic">jenes</hi> Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, eschatologischer"/>, in dem die Lebenden verwandelt und die Toten auferstanden<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> <hi rend="italic">miteinander</hi> vor Gott stehen (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.51 1.Kor.15.52">1.Kor. 15,51–52</ref>), zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht «ausbleibt», uns getrost wieder schlafen zu legen, ein harmloses «eschatologisches<term type="begriffe" key="Eschatologie"/>» Kapitelchen am Ende der Dogmatik<term type="begriffe" key="Dogmatik"/> unsre einzige Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Eschatologie"/> daran, dass wir uns eigentlich – erinnern sollten und wollten! Nicht die Parusie<term type="begriffe" key="Parusie"/> «verzögert» sich, wohl aber unser Erwachen. <hi rend="italic">Erwachten</hi> wir, <hi rend="italic">erinnerten</hi> wir uns, <hi rend="italic">vollzögen</hi> wir den Schritt von <pb ed="A" n="485"/> der unqualifizierten in die qualifizierte Zeit, <hi rend="italic">erschräken</hi> wir vor der Tatsache, dass wir, ob wir wollen oder nicht, an der Grenze aller Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>, in jedem zeitlichen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> tatsächlich stehen, <hi rend="italic">wagten</hi> wir es, an dieser Grenze stehend, den Unbekannten zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, im Ende den Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/> zu erkennen und zu ergreifen, wir würden wahrlich weder mit den Aufgeregten auf irgend ein glänzendes oder schreckliches Finale warten <anchor type="note" xml:id="fn-de"/>noch uns mit der geradezu frivolen «Frömmigkeit»<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, frivole"/> der un<pb ed="pga" xml:id="p669" break="no"/>entwegten Kulturprotestanten<term type="begriffe" key="Kulturprotestantismus"/> des Ausbleibens dieses Finales getrösten<note n="de" target="fn-de" type="textcritical" xml:id="nde"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «noch mit [...] dieses Finales uns getrösten».</note>. Wir würden uns dann <anchor type="note" xml:id="fn-df"/>weder mit den Einen noch mit den Andern<note n="df" target="fn-df" type="textcritical" xml:id="ndf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref>
(1922<hi rend="sup">2</hi>): «weder mit den Erstern noch mit den Letztern».</note> dem bittern Ernst des «nahe herbeigekommenen» Tages so schmählich entziehen, sondern eben darin, dass der <hi rend="italic">ewige</hi> Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> <hi rend="italic">nicht</hi> «eintritt» (nie eingetreten ist und nie eintreten wird), die Würde und Bedeutung des uns gegebenen zeitlichen Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/>, seine Qualifizierung und sein ethisches Gebot erkennen. Wir würden dann <hi rend="italic">die Parusie</hi><term type="begriffe" key="Parusie"/> <hi rend="italic">erwarten</hi>, mit andern Worten unsre tatsächliche Lebenslage so <hi rend="italic">ernst</hi> nehmen, wie sie <hi rend="italic">ist</hi>, Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Anfänger und Vollender"/> <hi rend="italic">erkennen</hi> als den Anfänger und Vollender [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.2">Hebr. 12,2</ref>]. Wir würden uns dann nicht weigern, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun, umzudenken<note n="dg" type="textcritical" xml:id="ndg">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">um</hi>zudenken».</note>, den Gedanken der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Gedanke, Ewigkeit"/> zu denken und darum zu – lieben. Aber ohne <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/> wird das nicht abgehen. Ohne diese Erkenntnis keine Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>.</p>
<p>Handeln, <hi rend="italic">«als ob es schon Tag wäre»</hi>, also erkennend den Augenblick<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/> im Augenblick, hinschauend auf die unanschauliche Mitte des Vorher und Nachher <hi rend="italic">unseres</hi> Lebenstages, lieben, weil wir in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/> geliebt sind, das ist die Summe und die Begründung der großen positiven Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große positive"/> und mit ihr aller ethischen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, ethische"/>. Das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> ist zu nahe, die überhängende Wand<term type="begriffe" key="«überhängende Wand»"/> der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> (in jedem Stein, in jeder Blume, in jedem Menschenantlitz zu sehen!), die Zeit<hi rend="italic">grenze</hi> (memento mori<term type="begriffe" key="Memento mori"/>!), die Gegenwart Jesu Christi<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gegenwart"/> als die Wende der Zeiten bedrängt uns <hi rend="italic">zu</hi> sehr, als dass die gerade, gegebene, durch Bios<term type="begriffe" key="Bios"/>, Eros<term type="begriffe" key="Eros"/>, Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> bestimmte Linie menschlichen Tuns etwa ungestört bleiben könnte. Sie <hi rend="italic">ist</hi> gestört. Die Gestalt dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gestalt dieser W."/> <hi rend="italic">vergeht</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.31">1.Kor. 7,31</ref>] und Gottes Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> <hi rend="italic">kommt.</hi><note xml:id="n92"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1615">Didache 10,6</bibl>.</note> Die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> und was aus der Liebe kommt, demonstriert für jenes Vergehen sowohl wie für dieses Kommen.</p>
<p><hi rend="italic">«Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen! Keine Schmausereien und Saufgelage! Keine Wollust und Unzucht! Kein Zank und Streit! Folgt nicht der Tendenz des Fleisches!»</hi> An die «Geliebten Gottes zu Rom, an die zur Heiligkeit Berufenen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.7">1,7</ref>) sind diese Worte gerichtet! Aber ist es nicht offenkundig, dass wir auch mitten im Reich der <pb ed="pga" xml:id="p670"/> <persName ref="kbga-actors-9675">Karamasoff</persName> sind, wo <hi rend="italic">solche</hi> Möglich<pb ed="A" n="486" break="no"/>keiten in Betracht kommen? Was <hi rend="italic">wir</hi> das «Reich Gottes»<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> heißen und <hi rend="italic">jenes</hi> Reich scheinen Kreise zu sein, die sich in nicht unbeträchtlichem Umfang decken. Gibt es hier eine unzweideutige Scheidung, ein «Ablegen der Werke der Finsternis»<term type="begriffe" key="Werk, der Bosheit"/>, dann muss es eine <hi rend="italic">letzte</hi> Scheidung sein, eine Scheidung «in Erkenntnis des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/>». Denn was ist sonst zu sagen, als dass die gegebene Linie menschlichen Tuns <hi rend="italic">nie</hi> und <hi rend="italic">nirgends</hi> gebrochen ist, <hi rend="italic">nicht</hi> verändert die «Tendenz des Fleisches» in Frommen und Weltkindern, <hi rend="italic">nicht</hi> abgerissen der Faden der Zeit, auch nicht auf eine Sekunde, <hi rend="italic">nicht</hi> aufgetaucht eine unzweideutige, direkt kenntliche Heiligkeit des <hi rend="italic">Menschen</hi><term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/>. Es ist die Welt die <hi rend="italic">Welt</hi><term type="begriffe" key="Welt, ist W."/>, und es ist der Mensch der <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/>. Fraglich, jederzeit fraglich nicht nur seine feine, sondern auch seine gemeine Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>. 
Durchaus in Betracht kommen auch unter den Heiligen die<note n="dh" type="textcritical" xml:id="ndh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «auch unter den Heiligen auch die».</note> karamasoffischen Möglichkeiten<note xml:id="n93"> <persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName> sah eine seiner wichtigsten Aufgaben als Künstler darin, die psychologischen und ethischen Konsequenzen des Atheismus darzustellen. Dieses Motiv findet seinen Höhepunkt in seinem letzten Roman <bibl corresp="kbga-bibls-2099"><hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi> (1880–1881)</bibl>.</note>. Aber («in Erkenntnis des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/>!»): von <hi rend="italic">Gott</hi> aus ist der Mensch so fraglich, so unmöglich, so närrisch. Kann er <anchor type="note" xml:id="fn-di"/>sich darüber wundern, sich immer wieder so weit am Rande des Abgrundes<term type="begriffe" key="Abgrund"/> zu finden<note n="di" target="fn-di" type="textcritical" xml:id="ndi"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sich wundern darüber, so weit am Rande des Abgrunds sich immer wieder zu finden».</note>, so tief in die elendeste Fragwürdigkeit verstrickt? Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkest? [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.5">Ps. 8,5</ref>]. Aber sollte er es aushalten in den Tiefen der Tierheit, wenn er es etwa auf den moralischen Höhen der Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/> nicht mehr aushielt? Ist das Rätsel des Lebens dort unten etwa leichter zu lösen als dort oben? Was soll die Flucht vor dem Einen, vor der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>? Angegriffen von Gott aus ist der <hi rend="italic">ganze</hi> Mensch. Atemraubend bedrängt ihn das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> in <hi rend="italic">allen</hi> seinen Positionen, in <hi rend="italic">allen</hi> seinen Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/>. Die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> ist nicht mehr gut zu machen, sie betrifft die Heiligen und die Schweine<note xml:id="n94"> Vgl. oben S. <ref type="pub" target="../volume/47/p401#fn_n38">401, Anm. 38</ref>.</note>. Wir werden auf die Länge nicht die Wahl haben, diesem Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, Gottes auf den Menschen"/> zu weichen, Gott Raum zu geben auf der ganzen Linie. Und die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Erfüllung des Gesetzes"/> ist des Gesetzes Erfüllung<term type="begriffe" key="Gesetz, Erfüllung des G."/>.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p671" rend="noPipe"/>Darum: <hi rend="italic">«Lasst uns anziehen die Waffen des Lichtes: Lasst uns mit Fassung wandeln! Zieht an den Herrn Jesus Christus!»</hi> An dieselben Menschen antithetisch <hi rend="italic">diese</hi> Worte! So sind wir doch unter den Geliebten Gottes? Ja, und <hi rend="italic">das</hi> ist wahr. Auch <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeiten, die himmlischen, die ewigen Möglichkeiten bestehen für sie, die große positive Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, große positive"/>, sich «überkleiden» zu lassen mit den Schutz- und Trutzwaffen gegen das Böse, die nur Gott geben kann, mit dem Herrn Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Herrn"/> selber. Wer will auch nur Einen von ihnen ausschließen «in Erkenntnis des Augenblicks<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Augenblicks"/>»? Und wer sollte hier etwa sich selbst ausschließen? </p> 
</div> 


<div>
<head><hi rend="smallCaps">Die Krisis des freien Lebensversuchs</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.1 Röm.15.13">14,1-15,13</ref></head>
<p>Den Schluss der paulinischen «Ermahnung»<term type="begriffe" key="Ermahnung"/> und damit der paulinischen Mitteilung überhaupt bildet eine <hi rend="italic">Warnung</hi>, gerichtet an die Adresse aller derer, die sich nun vielleicht – einverstanden und in ihren eigenen Gedanken bestätigt fühlen sollten. Abgewehrt werden hier noch einmal – alle Hände, die jetzt eilig zugreifen möchten, aufgehalten einen Augenblick der eifrige Lauf der Mitläufer, unterbrochen der Redestrom der Nachredner. Was nun? Jenseits aller hier aufgetauchten und wieder verschwundenen Worte, Begriffe, Fragen und Einsichten, jenseits des ganzen seltsamen Auf- und Abwogens eines menschlichen Redeversuchs meinen wir offenbar alle einen Punkt zu ahnen, zu merken, vielleicht von Weitem zu sehen, wo man stehen, von wo aus man <hi rend="italic">leben</hi> kann. Als die <hi rend="italic">Freiheit Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> haben wir diesen immer nahen, immer fernen Blickpunkt unsres Gesprächs des öftern bezeichnet und umschrieben. Sofern der <hi rend="italic">Rede</hi>versuch des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Redeversuch des R."/> uns offenbar auffordert, einen ganz bestimmten <hi rend="italic">Lebens</hi>versuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, bestimmter"/> zu unternehmen, dürfte dieser vielleicht als der <hi rend="italic">«freie</hi> Lebensversuch»<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/> bezeichnet werden, frei in dem Sinn, dass er sich aus der erschütternden Entdeckung der Freiheit Gottes als die unmittelbare praktische Antwort auf die große göttliche Störung<term type="begriffe" key="große Störung / göttliche Störung"/> ohne weiteres zu ergeben scheint. Wer wagt es, die Freiheit nicht nur zu denken, sondern im <pb ed="pga" xml:id="p672"/> Hinblick auf die Freiheit zu <hi rend="italic">leben?</hi> fragt uns der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Frage des R."/>. Paulinisch leben heißt <hi rend="italic">frei</hi> leben: von allen Seiten von Gott bedrängt und in jeder Hinsicht bei Gott aufgehoben; beständig an den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> erinnert und immer auf das Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> verwiesen; überall aufgescheucht aus den Höhlen unsrer menschlichen Bindungen, Gefangenschaften und Kleinheiten und eben darum in der Anschauung des Gewissen, Lebendigen, Ewigen; die Vergebung der Sünden<term type="begriffe" key="Vergebung, der Sünden"/> unsre einzige Klarheit und gerade in ihr die unvergleichliche Direktive für unser Handeln; in der Ehrfurcht vor allen relativen Größen, Gültigkeiten und Werten<term type="begriffe" key="Werte"/> grundsätzlich erschüttert und gerade dadurch in ein sachliches Verhältnis zu ihnen gesetzt; gefesselt an Gott und gerade dadurch ruhig und unabhängig gemacht gegenüber allen den Fragen, Anforderungen, Geboten, die nicht direkt von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> an uns gerichtet sein können; gelöst, also relativiert (im negativen und positiven Sinn dieses Wortes!) jeder Zwang, jede Autorität, jede Ordnung, die ganze Welt von Gottähnlichkeiten, Mächten und Gewalten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.10">Eph. 3,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.16">Kol. 1,16</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.2.10">2,10</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.2.15">15</ref>], die – unsre Welt ist. Wie sollte es nicht verständlich sein, wenn die, die <hi rend="italic">diesen</hi> Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/> – wir reden vom <hi rend="italic">Wesen des Protestantis</hi><pb ed="A" n="488"/><hi rend="italic">mus</hi><term type="begriffe" key="Protestantismus, Wesen des"/><hi rend="italic">!</hi><note xml:id="n95"> In den Diskussionen um das Wesen oder das Prinzip des Protestantismus wurde als ein Grundzug «der mit einer prinzipiellen Kritik des Herkommens verbundene religiöse Individualismus der persönlichen Glaubensüberzeugung» hervorgehoben (<bibl corresp="kbga-bibls-3722"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, Art. «Protestantismus. II. P[rotestantismus] im Verhältnis zur Kultur», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> IV, Sp. 1912–1920, dort Sp. 1912</bibl>).</note> – wagen, sich selbst die <hi rend="italic">«Starken»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.1">15,1</ref>) nennen? Sie <hi rend="italic">sind</hi> ja die Starken, die Freien, die Überlegenen, die Wissenden, die Träger unerhörter göttlicher Last und gerade darum die Werkleute unerhörten göttlichen Unternehmens. Weisen nicht alle die positiven und negativen ethischen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, positiv-ethische / Möglichkeit, negativ-ethische"/>, von deren Erwägung wir herkommen, strahlenförmig zurück auf das Wagnis der unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, zu <hi rend="italic">glauben</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/>, d. h. aber frei zu sein, unter dem großen göttlichen Vorbehalt<term type="begriffe" key="Vorbehalt"/>, keinen andern Vorbehalt des Guten oder Bösen anzuerkennen, weil mit jenem einzigen Vorbehalt offenbar das Gute gesichert, das Böse aber gerichtet ist? Und <hi rend="italic">ist</hi> der nicht ein «Starker», der den großen Schritt wagt, zu glauben? Und nun begegnet uns im Augenblick, wo uns schon die Lichter des nahen Hafens grüßen, wo wir <foreign xml:lang="lat">per varios casus, per tot discrimina rerum</foreign><note xml:id="n96"> <bibl corresp="kbga-bibls-2125"><persName ref="kbga-actors-817">Vergil</persName>, <hi rend="italic">Aeneis</hi> I, 204</bibl>.</note> bis <pb ed="pga" xml:id="p673"/> vor die Frage gelangt sind, auf die man nur mit Ja antworten kann, ein letztes <hi rend="italic">Halt!</hi><term type="begriffe" key="Halt!"/>, und noch einmal werden wir, nachdem uns das wahrhaftig oft genug widerfahren ist, <hi rend="italic">gewarnt</hi><term type="begriffe" key="Warnung"/><hi rend="italic">;</hi> noch einmal sollen wir gebremst, noch einmal bedenklich und unsicher gemacht, noch einmal soll offenbar auch die Gebrochenheit gebrochen werden. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">gegen</hi> den «Paulinismus»<term type="begriffe" key="Paulinismus"/><note xml:id="n97"> Der Terminus «Paulinismus»<term type="begriffe" key="Paulinismus"/> ist Kennzeichen für die in der liberalen Theologie streng durchgeführte Unterscheidung zwischen der Verkündigung Jesu und der Verkündigung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>; vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3723"><persName ref="kbga-actors-210">A. Jülicher</persName>, <hi rend="italic">Die Religion Jesu und die Anfänge des Christentums bis zum Nicaenum</hi>, in: <hi rend="italic">Die Kultur der Gegenwart, ihre Entwicklung und ihre Ziele</hi>, hrsg. von P. Hinneberg, Teil 1, Abt. IV: <hi rend="italic">Die christliche Religion, I. Hälfte</hi>, Berlin und Leipzig 1906, S. 41–128, dort S. 88f.</bibl>: «Wenn wir endlich die Religion des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> mit der Religion Jesu vergleichen, so ist der erste Eindruck allerdings der einer weiten Differenz. Der großartigen Einfachheit und Unmittelbarkeit bei Jesus steht bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> eine komplizierte Systematik gegenüber, eine mit unzähligen Syllogismen operierende Theologie  […]. Zu den christologischen Konstruktionen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> liegt bei Jesus kein Ansatz vor.» Die Unterscheidung war auch als Kritik an der prinzipiellen Orientierung des Protestantismus an <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gemeint, der «die Bibel» «mit ungeheurer Einseitigkeit rein im Lichte des Paulinismus» gelesen hat (<bibl corresp="kbga-bibls-3724"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit (1906/1909/1922)</hi>, hrsg. von V. Drehsen u. a. , Kritische Gesamtausgabe, Bd. 7, Berlin 2004, S. 90</bibl>). Darauf spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier wohl vor allem an.</note>! Der Römerbrief selbst <hi rend="italic">gegen</hi> jeden Römerbriefstandpunkt<term type="begriffe" key="Römerbrief, gegen Römerbriefstandpunkt"/>! Die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">gegen</hi> den freien Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, der sich aus ihrer Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> unvermeidlich ergibt! Das ist die erstaunliche Wendung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14">Römer 14</ref>, die doch keinem Einsichtigen eigentlich überraschend sein kann.</p>
<p><hi rend="italic">Gegen?</hi> Ja, weil <hi rend="italic">für!</hi> Die Freien und Starken sind, was sie sind, nur kraft des großen Fragezeichens, das auch zu ihrer Freiheit und Stärke zu setzen ist. Nicht vor dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> werden wir gewarnt, aber vor <hi rend="italic">unserm</hi> Glauben. Nicht vor jenem sichtbar gewordenen Punkt, auf dem man stehen, von wo aus man leben kann, aber vor <hi rend="italic">unserm</hi> Stehen und Leben dort und von dort aus. Nicht vor dem freien Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, wohl aber vor der Zweideutigkeit seiner Erscheinung, vor der Sicherheit, mit der wir etwa irgend einen Schritt, irgend eine Haltung, irgend eine Einstellung, irgend einen Weg, der uns bei jenem Versuch als gangbar, geboten und gerechtfertigt erscheint, der Kritik Gottes entziehen könnten. Diese Kritik, in deren Erkenntnis der Starke stark ist, erstreckt sich auch auf ihn, auf seine Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, auf seine Stärke. <pb ed="pga" xml:id="p674"/> <hi rend="italic">Nicht</hi> gerechtfertigt ist an sich (wir haben darüber vom 1. Kapitel an keinen Zweifel gelassen!) auch der «Christ»<term type="begriffe" key="Christ"/>, der Freie, der Pauliner, der Geopferte (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">12,1</ref>). Gewiss ist der Römerbrief die Aufforderung zu einem ganz bestimmten Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, bestimmter / Römerbrief, Aufforderung zu bestimmten Lebensversuch"/>, und total missverstanden hätte ihn, wer ihn bloß als theologisch-philosophische Diatribe<term type="begriffe" key="Diatribe, theologisch-philosophische"/> (was er zweifellos <hi rend="italic">ist!</hi>) auffassen und <pb ed="A" n="489"/> seinen Appell, seine Fanfare, sein: <hi rend="italic">Du</hi> bist gemeint! und Du <hi rend="italic">sollst!</hi> überhören würde. Und gewiss ist Freiheit der Sinn des hier geforderten Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, geforderter"/>: die von Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> gebrachte und vom «Großinquisitor»<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> zu allen Zeiten als unratsam und gefährlich verleugnete und verworfene Freiheit in der Gefangenschaft<term type="begriffe" key="Freiheit, und Gefangenschaft"/> Gottes. Aber die <hi rend="italic">Freiheit</hi> in dieser Freiheit ist die Freiheit <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, und das <hi rend="italic">Lebendige</hi> dieses Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, das Lebendige dieses L."/> ist das Nicht-Gerechtfertigtsein alles dessen, was der <hi rend="italic">Mensch</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> heißt. Wer sich, im Augenblick, wo er, mit der Erkenntnis des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Erkenntnis des R."/> bewaffnet, zum Angriff übergehen möchte, dem Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, des Römerbriefs"/> entzieht, den der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> gegen <hi rend="italic">ihn</hi> macht, der hätte ihn wiederum total missverstanden. Denn wenn der Römerbrief zum Schluss sich selbst aufhebt, indem er ausgerechnet gerade den Verständigen, den Empfänglichen, den prädisponierten Paulinern unter seinen Lesern ein ausdrücklichstes Halt! <term type="begriffe" key="Halt!"/> entgegenstellt, so bewährt er gerade <hi rend="italic">damit</hi> und <hi rend="italic">nur</hi> damit sich selbst. Und es ist die Probe aufs Exempel für jeden Leser, ob er es erträgt, sich durch diese Warnung<term type="begriffe" key="Warnung"/> noch einmal Alles, was er begriffen und ergriffen zu haben glaubt, aus den Händen winden zu lassen. Greift die «große Störung»<term type="begriffe" key="große Störung"/> nicht <hi rend="italic">durch</hi>, wird sie nicht zur Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> <hi rend="italic">jeder</hi> Bewusstheit (auch und gerade derjenigen, die sie selbst zum Inhalt hat!), bleibt nicht Gott allein übrig, der unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der verborgene Gott<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> in seiner ewigen Kraft und Gottheit<term type="begriffe" key="Gottheit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,2</ref>] als die <hi rend="italic">einzige</hi> Stärke des Starken, so war Alles miteinander ein tönendes Erz und eine klingende Schelle [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.1">1.Kor. 13,1</ref>]. Nur aufs Neue werden wir am Ausgang des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Ausgang des R."/> (wie etwa auch am Ausgang der Romane <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName>) vor die undurchdringliche Problematik des Lebens (auch des christlichen und des christlichen Gemeindelebens!) gestellt, auf dass wir
<hi rend="italic">keinen</hi> Ausgang finden, sondern erst recht wieder von vorne anfangen, nur immer neu die Bedrängnis sehen sollen, in die uns unser Gespräch über Gott gedrängt hat. Und noch einmal ist es die Tatsache des Mitmenschen (das Problem der <hi rend="italic">Ethik</hi><term type="begriffe" key="Ethik, Problem der E."/>, das uns in dieser Tatsache gestellt ist), das uns die große Störung<term type="begriffe" key="große Störung"/> bereitet.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p675" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.1 Röm.14.4">V. 1‒4</ref> Mit dem im Glauben Schwachen haltet Gemeinschaft und erregt keine Zweifel in ihm an seinen Überzeugungen! Es hat ja der Eine den Glauben, Alles essen zu dürfen, der Schwache aber isst nur Gemüse!</hi> <anchor type="note" xml:id="fn-dj"/><hi rend="bold">Der, der isst, soll den, der nicht isst, nicht verachten. Und der, der nicht isst, soll den, der isst, nicht verurteilen.</hi><note n="dj" target="fn-dj" type="textcritical" xml:id="ndj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="bold">Der, welcher</hi>  […] <hi rend="bold">den, welcher</hi>  […]. <hi rend="bold">Und der, welcher</hi>  […] <hi rend="bold">den, welcher</hi>  […].»</note> <hi rend="bold">Denn Gott hält Gemeinschaft mit ihm. Wer bist du, dass du den Knecht eines Fremden verurteilst? Seinem eigenen Herrn steht er oder fällt er. Er wird aber stehen; denn der Herr hat die Kraft, ihn aufzurichten.</hi> </p>
<p><pb ed="A" n="490"/> <hi rend="italic">«Mit dem im Glauben Schwachen haltet Gemeinschaft!»</hi> Eine Variante nur des großen allgemeinen Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, grosser allgemeiner"/> des Menschen ist auch der <hi rend="italic">freie</hi> Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, und zwar unter allen Varianten die unscheinbarste, <anchor type="note" xml:id="fn-dk"/>die sich am wenigsten von andern abhebende<note n="dk" target="fn-dk" type="textcritical" xml:id="ndk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die am wenigsten von anderen sich abhebende».</note>, die am leichtesten verschwindende. Ist er das nicht, so ist es mit seiner Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> nicht gut bestellt. Denn sein Sinn kann ja auf keinen Fall das Tun des Einzelnen als solchen sein, sondern das Tun des Einen in den Einzelnen. Sein Sinn ist die Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/>. Jede Sonderbarkeit, in der er etwa auftritt, ist eine Gefährdung dieses seines Sinnes. Er ist <hi rend="italic">das</hi> Besondere, indem er nicht als <hi rend="italic">etwas</hi> Besonderes auftritt. Er stellt sich selbst, im Bewusstsein, die <hi rend="italic">einzige</hi> Möglichkeit zu sein, neben andere Möglichkeiten, als ob es <hi rend="italic">andre</hi> Möglichkeiten wirklich gäbe. Er ist «stark», aber er scheut nichts mehr als etwaige Explosionen seiner Stärke; er hat sie, als ob er sie nicht hätte. Er ist <hi rend="italic">die</hi> Bewegung, darum tritt er nicht als <hi rend="italic">eine</hi> «Bewegung» auf, höchstens als Motor (aber sicher sofort auch als Bremse!) der <hi rend="italic">andern</hi> Bewegungen. Dem echten Pauliner (aber auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst war nicht immer «echt», geschweige denn wir!) fehlt die Lust und die Fähigkeit, sich von den Andern zu differenzieren, auch wenn dies ihm selbst gegenüber noch so eifrig geübt wird. Er steht nicht anklagend und scheltend <hi rend="italic">vor</hi>, sondern teilnahmsvoll fragend <hi rend="italic">hinter</hi> ihren «Standpunkten». Er ist sein eigener Gegner gewesen, lange bevor seine Gegner aufgestanden sind. Er rechnet gelassen damit, dass es auffallend viele nicht-paulinische Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, nicht-paulinische"/> gibt, und er nimmt sie so wenig ernst, dass er sich sorgfältig davor hütet, den Gegensatz zu betonen und festzulegen. <pb ed="pga" xml:id="p676"/> Täte er das, so wäre er verloren; denn <hi rend="italic">sein</hi> Standpunkt ist <hi rend="italic">kein</hi> Standpunkt, und wehe, wenn er sich auf <hi rend="italic">das</hi> Terrain locken lässt, wo Standpunkt ehrbar und solid gegen Standpunkt steht. Er geht also, womöglich <hi rend="italic">noch</hi> zurückhaltender als der Sokratiker<term type="begriffe" key="Sokratiker"/>, nicht einmal darauf aus, im Andern <hi rend="italic">«Zweifel an seinen Überzeugungen»</hi> zu erregen. Nein, der Andere soll (so grundsätzlich ist hier die Voraussetzung des <hi rend="italic">Einen</hi> im Andern! <term type="begriffe" key="der Eine im Andern, Voraussetzung"/>) seinen eigenen Weg zu Ende gehen. Nicht im Gefecht von Überzeugung gegen Überzeugung siegt der freie Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, sondern am gemeinsamen <hi rend="italic">Ende</hi> aller Überzeugungswege. Weit entfernt von «Toleranz<term type="begriffe" key="Toleranz"/>», weit entfernt davon, jemandem seine Überzeugung <hi rend="italic">lassen</hi> zu wollen, ist der wirklich Starke ebenso weit entfernt von «Intoleranz<term type="begriffe" key="Intoleranz"/>», von dem Versuch, ihm seine Überzeugung <hi rend="italic">nehmen</hi> zu wollen. Er rechnet mit dem Ernst der verschiedenen menschlichen Wege nur insofern, als er mit der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> rechnet, von der sie alle herkommen, der sie alle entgegengehen, und das Besondere seines <pb ed="A" n="491"/> eigenen Weges besteht nur darin, dass er diese Krisis bedenkt, statt sie zu vergessen. <hi rend="italic">Recht</hi> hat er nur insofern, als <hi rend="italic">er nicht</hi> Recht haben will. Er wirkt, wie es sich gehört, auflösend, zersetzend, kritisch, sokratisch<term type="begriffe" key="sokratisch"/> auf alle «andern» Lebensversuche<term type="begriffe" key="Lebensversuch, andere"/>, aber wie? Indem er die Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> <hi rend="italic">nicht</hi> verlässt, <hi rend="italic">nicht</hi> verwirrt, <hi rend="italic">nicht</hi> sprengt, sondern <hi rend="italic">in</hi> der Gemeinde Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinde, als Gemeinschaft"/> hält, sucht und voraussetzt. Er führt, indem er nirgends <hi rend="italic">an</hi>führt. Er bricht durch, indem <hi rend="italic">er nichts</hi> zerbricht. Er leuchtet, indem <hi rend="italic">er</hi> nicht sichtbar wird. Er siegt, indem <hi rend="italic">er</hi> sich <hi rend="italic">fügt.</hi> Er bringt die große göttliche Störung<term type="begriffe" key="große Störung / göttliche Störung"/>, indem <hi rend="italic">er</hi> durchaus <hi rend="italic">kein</hi>
Störefried ist. Aber ein unabsehbares Heruntersteigen auch von jeder allfälligen Römerbriefhöhe<term type="begriffe" key="Römerbrief, Höhe des R."/> ist zur Ausführung <hi rend="italic">dieses</hi> Programms vonnöten.</p>
<p><hi rend="italic">«Es hat ja der Eine den Glauben, Alles essen zu dürfen.»</hi> Wer fühlt nicht den blutigen Humor<term type="begriffe" key="Humor"/> dieser Feststellung? Also <hi rend="italic">das</hi> ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> (der Glaube von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3">Römer 3</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4">4</ref>!), sobald und sofern er <hi rend="italic">unser</hi>, dieser und jener Einsichtiger, Erweckter, Belehrter, Glaube ist: der «Glaube, Alles essen zu dürfen»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>(!!), der Glaube, dass Fleisch- und Weingenuss keine Sünde ist, der Glaube, dass man durch Askese<term type="begriffe" key="Askese"/> – nicht selig wird und durch Lebensreform nicht das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> bauen kann, der Glaube, dass es für den Christen<term type="begriffe" key="Christ"/> keinen Weg, keine Methode, kein Schema, keine absoluten Gebote<term type="begriffe" key="Gebote"/> und Verbote gibt, der Glaube, dass nicht einmal aus dem Verhalten des synoptischen Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, synoptischer"/> oder den Wor<pb ed="pga" xml:id="p677" break="no"/>ten der Bergpredigt<term type="begriffe" key="Bergpredigt"/> direkte Verhaltungsmaßregeln für den praktischen Wandel des Christen<term type="begriffe" key="Christ, praktischer Wandel"/> zu entnehmen sind, der Glaube, dass, um ein Beispiel zu nennen, nicht einmal der Nicht-Gebrauch von militärischer Gewalt<term type="begriffe" key="Gewalt, militärische"/> ein Prinzip von unzerstörbarer Klarheit ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.18">12,18</ref>)! Der «Glaube»<term type="begriffe" key="Glaube"/>? Ja, woran glaubt denn dieser Glaube? Etwa an den «grandiosen Gedanken, der die unbeschränkte Autonomie des Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen, Autonomie"/> des Gläubigen verkündet» (<persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>)<note xml:id="n98"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 93.</bibl></note>? Wahrlich ein grandioser Standpunkt: von jedem liberalen Bürger<term type="begriffe" key="Bürger, liberaler"/> samt seinem ihm nach dem Mund redenden Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> längst bezogen! Lohnt es sich wirklich zu <hi rend="italic">glauben</hi>, dass man «Alles essen darf»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>? Ist das Starksein so billig zu haben? Was dann, wenn wir nun solche Stärke uns angeeignet haben? Was dann, wenn wir uns nun von allen Autoritäten<term type="begriffe" key="Autorität"/>, Traditionen<term type="begriffe" key="Tradition"/>, Kirchenregimentern<term type="begriffe" key="Kirchenregiment"/> usf. frei, fabelhaft frei wissen? Sollte damit die Lage des Menschen zwischen Himmel und Erde auch nur im Geringsten verändert sein? Ein bescheidenes Paradies<term type="begriffe" key="Paradies"/>, bei dessen Anblick man unwillkürlich Sehnsucht nach etwas – Kloster<term type="begriffe" key="Kloster"/> bekommt! Aber wenn danach gefragt ist, wie der freie Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/> in die Erscheinung treten, in welchem menschlichen Tun oder Nicht-Tun<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/> er sich vollziehen soll, wenn vielleicht wie im modernen Prote<pb ed="A" n="492" break="no"/>stantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus, moderner"/> <hi rend="italic">nur danach</hi> gefragt sein sollte, was sollen wir dann nennen als eben unsere «Gewissensfreiheit»<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/>, unsern «Glauben, Alles essen zu dürfen»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>? Sollte uns diese Armut nicht sehr bescheiden machen? Sollten wir uns an ihr nicht klar werden darüber, dass der Standpunkt des Starken wirklich <hi rend="italic">kein</hi> Standpunkt oder aber die schlimmste aller Illusionen<term type="begriffe" key="Illusionen"/> ist?</p>
<p>Ihm gegenüber nun: <hi rend="italic">«Der Schwache aber isst nur Gemüse.»</hi> Das ist nun freilich ein Standpunkt, der sich sehen lassen kann. Die Unbelehrten, die Nicht-Pauliner haben immer den Vorteil, dass ihre Fragwürdigkeit nicht<note n="dl" type="textcritical" xml:id="ndl">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">ihre</hi> Fragwürdigkeit <hi rend="italic">nicht</hi>».</note> auf der Hand liegt, dass es bei ihnen vielmehr immer aussieht, als ob doch etwas geschehe. Hier sehen wir kräftige, lebensfähige Kirchen-<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Sekten-<term type="begriffe" key="Sektiererei"/> und Parteigebilde<term type="begriffe" key="Partei"/>. Hier wird etwas geleistet. Hier wird Stellung bezogen. Hier zeichnen sich charakteristische Profile ab. Hier ist ein dankbares Feld für Biographik. Hier kommt es zu «Taten und Tatsachen»<term type="begriffe" key="«Taten und Tatsachen»"/>. Hier sehen wir hinter dem Ge<pb ed="pga" xml:id="p678" break="no"/>müseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> von Rom<term type="begriffe" key="Rom"/> das zahllose Volk der Orphiker<term type="begriffe" key="Orphiker"/>, Dionysosmysten<term type="begriffe" key="Dionysosmysten"/>, Neupythagoräer<term type="begriffe" key="Neupythagoräer"/>, Therapeuten<term type="begriffe" key="Therapeuten"/>, Essener<term type="begriffe" key="Essener"/> des Altertums<note xml:id="n99"> Vgl. zu den angeführten Vegetarianern den Exkurs bei <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 109f.</bibl></note>, die Ordenswelt des Mittelalters<term type="begriffe" key="Orden"/>, die Täufer<term type="begriffe" key="Täufertum"/> der Reformationszeit, die Abstinenten<term type="begriffe" key="Abstinenten"/>, Vegetarianer<term type="begriffe" key="Vegetarianer"/> und Freiluftidealisten<term type="begriffe" key="Freiluftidealisten"/> der Gegenwart. Hier sehen wir den im Ernst <hi rend="italic">grandios</hi> zu nennenden Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, andere"/> des Katholizismus<term type="begriffe" key="Katholizismus"/>, aber auch die reformierte<term type="begriffe" key="reformiert/reformatorisch"/> Präzisionsethik<term type="begriffe" key="Präzisismus"/><note xml:id="n100"> Im vor allem im niederländischen Pietismus geführten Streit für eine Ethisierung der ganzen Lebensordnungen im Gegensatz zu einer Betonung der Freiheit des eigenen Gewissens entstand der sog. Präzisismus; vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-11"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen</hi>, Gesammelte Schriften, 1. Bd., Tübingen 1912, S. 773–789</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar zahlreiche Anstreichungen auf diesen Seiten); <bibl corresp="kbga-bibls-3725"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName>, <hi rend="italic">Geschichte des Pietismus</hi>, Bd. I, Bonn 1880, S. 104.112f.157</bibl> (Anstreichungen in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar) u.ö.</note>, aber auch <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoj</persName>, aber auch einen guten Teil der religiösen Sozialisten<term type="begriffe" key="Sozialist, religiöser"/> und Pazifisten<term type="begriffe" key="Pazifist"/>. Wir denken daran, wie <hi rend="italic">dieser</hi> Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/> entstanden ist und immer wieder entsteht aus einem wahrhaftig tiefen Ernst, aus einer wahrhaftig respektablen Verlegenheit, Aufgeschlossenheit, Tatbereitschaft und Opferwilligkeit. Wir denken ehrerbietig an die lange Reihe von Helden<term type="begriffe" key="Held"/>, Heiligen<term type="begriffe" key="Heilige"/>, Märtyrern<term type="begriffe" key="Märtyrer"/> und Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/>, deren Wollen und Wesen auf diesem Boden gewachsen ist: es sind unzweifelhaft die ehrwürdigsten Gestalten der Menschheit, die so oder so hinter dem römischen Gemüseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> stehen. Über die Tragödie, die auf diesem Boden unvermeidlich ist, braucht hier, am Ende des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/>, kein Wort mehr verloren zu werden. Nur dazu stellen wir den «Schwachen» (der ja wirklich, geschichtlich und psychologisch betrachtet, nichts weniger als schwach ist!) dem «Starken» gegenüber, um auch diesen an <hi rend="italic">seine</hi> Tragödie zu erinnern, um ihn zu fragen, ob denn wirklich sein starker «Glaube, Alles essen zu dürfen»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>, dem schwachen Glauben des Gemüseessers<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> <hi rend="italic">so</hi> überlegen gegenübersteht, dass er sich bewogen fühlen müsste und dürfte, sich von
jenem abzugrenzen, statt Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> mit ihm zu halten? Ob nicht vielleicht, wenn es sich darum handeln sollte, «Standpunkte» gegeneinander abzuwägen, der katholische Standpunkt, der Täuferstandpunkt<term type="begriffe" key="Täufertum"/> oder eines seiner Derivate weitaus den <pb ed="A" n="493"/> Vorzug verdienen würde mindestens vor dem modern-protestantischen<term type="begriffe" key="Protestantismus, moderner"/>? Ob nicht die paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox"/> Tatsache, dass Charakter<hi rend="italic">-losigkeit</hi> die Stärke des Starken ist, ihn da<pb ed="pga" xml:id="p679" break="no"/>von abhalten sollte, die Charakterzüge, die unvermeidlich auch er aufweist, zu pflegen und zu betonen? Ob nicht auf alle Fälle die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung"/> an die seltsame Belanglosigkeit <hi rend="italic">dieses</hi> Kontrastes, den Starken veranlassen sollte, seine Stärke nicht in <hi rend="italic">seiner</hi> Stärke zu suchen?</p>
<p>Wir sagen: <hi rend="italic">«Nicht verachten!»</hi> so gut wie: <hi rend="italic">«Nicht verurteilen!»</hi> Wir sind der Meinung, dass es nicht ratsam sei, «Gewissensfreiheit»<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/> und «Präzision»<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> gegeneinander auszuspielen. Vor allem nicht <anchor type="note" xml:id="fn-dm"/>das Eine gegen das Andere<note n="dm" target="fn-dm" type="textcritical" xml:id="ndm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die erstere gegen die letztere».</note>! möchten wir hier betonen. Der Anlass reicht auf keinen Fall aus, dem Starken Recht zu geben. Verachtung pflegt er ja den «Machern», «Schwärmern<term type="begriffe" key="Schwärmer"/>» und «Pharisäern<term type="begriffe" key="Pharisäer"/>» auf der andern Seite entgegenzubringen, und mit Verurteilung des «sanft lebenden Fleisches zu Wittenberg<term type="begriffe" key="Wittenberg"/>»<note xml:id="n101"> Aus dem Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-2930"><persName ref="kbga-actors-704">Thomas Müntzers</persName> Schrift <hi rend="italic">Hoch verursachte Schutzrede vnd antwwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zů Wittenberg</hi> (1524), in: <persName ref="kbga-actors-704">Th. Müntzer</persName>, <hi rend="italic">Schriften und Briefe.</hi> Kritische Gesamtausgabe, unter Mitarbeit von P. Kirn hrsg. von G. Franz (QFzR, Bd. 33), Gütersloh 1968, S. 321–343</bibl>.</note> pflegt dann der Reformmensch<term type="begriffe" key="Reformmensch"/> dem Geistesmenschen<term type="begriffe" key="Geistesmensch"/> zu antworten, und zwar noch viel energischer. Ein circulus vitiosus, denn die Ankläger haben beide Recht (der Gemüseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> hat aber einen stattlichen Vorsprung!), aber doch nur in der Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/>. 
Es hat keinen Wert, auf dieser Linie weiter zu gehen. Der «Starke», der wirklich der Starke ist, müsste das wissen. Insofern stehen ja die Parteien nicht gleich. Der Schwache kann das nämlich nicht wissen. Alle Reformmenschen sind Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/>, leiden an Humorlosigkeit<term type="begriffe" key="Humorlosigkeit"/> und können das Verurteilen nicht lassen. Nehmt einem Abstinenten<term type="begriffe" key="Abstinenz"/>, einem richtigen Religiös-sozialen<term type="begriffe" key="religiös-sozial"/>, einem Kirchenmann<term type="begriffe" key="Kirchenmann"/>, einem Pazifisten<term type="begriffe" key="Pazifist"/> das Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> der moralischen Entrüstung, und ihr habt ihm das Rückgrat gebrochen. Der Gemüseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> lebt nun einmal, seiner friedlichen Nahrung zum Trotz, vom heimlichen oder offenen Protest, vom Seufzen und Kopfschütteln über die Torheit der Welt<term type="begriffe" key="Welt, Torheit der W."/>, von der Abgrenzung gegen die Andern, weil er die eigentliche Tragik des Menschenlebens, deren Größe jeden Mund stopfen müsste, nicht kennt. Aber nicht mit ihm haben wir es hier zu tun, sondern mit dem Pauliner<term type="begriffe" key="Pauliner"/>, der aus seiner Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> eine «Sache» macht und damit beweist, dass er schwächer ist als die Schwachen. Er müsste wissen, was sein Gegner (den er ja gar <pb ed="pga" xml:id="p680"/> nicht als seinen Gegner kennen soll) nicht weiß: <hi rend="italic">«Gott hält Gemeinschaft mit ihm»</hi>, dem Andern. <hi rend="italic">«Wer bist du, dass du den Knecht eines Fremden verurteilst?»</hi> Weißt du, was <foreign xml:lang="lat">justitia forensis</foreign><term type="begriffe" key="iustitia, forensis"/> ist, dann wirst du gerade dieses Wissen nicht gegen die Nicht-Wissenden ausspielen. Es spricht <hi rend="italic">für</hi> sie! <hi rend="italic">«Seinem eigenen Herrn steht oder fällt er.»</hi> Sollte die unanschauliche, die unbegründete Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> nicht auch, nicht gerade dem «Schwachen im Glauben», dem Unbelehrten, dem Nicht-<pb ed="A" n="494"/>Pauliner zugute kommen? Sollte, wer etwas gemerkt hat von dem Unerhörten, dass Gott mit dem Menschen Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/> hält aus lauter Erbarmen, einen Andern verachten können, weil er – gerade <hi rend="italic">das</hi> nicht gemerkt hat, sondern in seinem Optimismus<term type="begriffe" key="Optimismus"/> weitereifert voll ungebrochener moralischer Steilheit<term type="begriffe" key="Moralität"/>? Als ob es außerhalb der Möglichkeiten der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> läge, dass Gott nicht nur mit Zöllnern<term type="begriffe" key="Zöllner"/>
und Huren<term type="begriffe" key="Hure"/>, sondern sogar mit Pharisäern<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> Gemeinschaft haben kann! <hi rend="italic">«Er wird aber stehen; denn der Herr hat die Kraft, ihn aufzurichten.»</hi> Ist es nicht am Tage, dass der Pauliner<term type="begriffe" key="Pauliner"/> im selben Augenblick, wo er den Moralisten<term type="begriffe" key="Moralist"/> «verachtet», zum – antipharisäischen Pharisäer wird, sich selber ins Unrecht setzt? Er verurteilt ja, indem er den leidigen Verurteiler da drüben verachtet, und schwach, schwach ist <hi rend="italic">jeder</hi>, der sich in die Stellung des Verurteilers treiben lässt. <hi rend="italic">Wer</hi> ist der Herr? <hi rend="italic">Wer</hi> darf urteilen? <hi rend="italic">Wer</hi> ist in der Lage, zu stürzen und aufzurichten? Der Mensch oder Gott? Der Starke sollte das wissen! – So hat also <hi rend="italic">der</hi> gar keinen Vorsprung, gar kein Vorrecht, der weiß, was «wir» wissen? Nein, weiß Gott, er hat gar nichts voraus! Wer etwas «voraus» zu haben meint, der weiß nicht, was «wir» wissen! Es gibt nur <hi rend="italic">einen</hi> Vorsprung: die göttliche Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, aber ihrer kann heute noch ein naiver Vegetarianer<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> in seiner ganzen Ungebrochenheit teilhaftig werden <hi rend="italic">vor</hi> einem, der den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Kennen des R."/> vorwärts und rückwärts auswendig weiß. Irgend eine Möncherei<term type="begriffe" key="Möncherei"/> kann Gott heute noch wohlgefälliger sein als dein zuversichtlicher Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus"/>, du Narr! «Gott hält Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/> mit ihm» und «hat die Kraft, ihn aufzurichten». Wahrhaftig, diese Möglichkeit müsste uns veranlassen, auch Gemeinschaft mit ihm zu halten. Tun wir es nicht, wollen wir durchaus die Starken sein, so sind wir <hi rend="italic">sicher</hi> schwach. Sind wir nicht wissend genug, von<note n="dn" type="textcritical" xml:id="ndn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «genug, um von».</note> der Höhe unsres Wissens, kaum dass wir sie erklommen <pb ed="pga" xml:id="p681"/> haben, wieder<note n="do" type="textcritical" xml:id="ndo"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «erklommen, wieder».</note> herunterzusteigen, so sind wir <hi rend="italic">sicher</hi> unwissend. Wollen wir doch wieder die Charaktervollen sein, so haben wir gerade damit sicher den character <foreign xml:lang="lat">indelebilis</foreign><term type="begriffe" key="character indelebilis"/> preisgegeben.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.5 Röm.14.6">V. 5‒6</ref></hi> Eine Nebenerwägung: <hi rend="bold">Es macht ja auch</hi><note n="*4" type="original" xml:id="s4"><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γάρ</foreign> ist nicht zu streichen. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.5 Röm.14.6">V. 5–6</ref> will (ich folge <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName><note xml:id="n102"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 449f.</bibl>: «Das später eingeschobene <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γάρ</foreign> ist sinngemäß nur dann zu nennen, wenn man <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.5">V. 5</ref> fälschlich als lehrreiche Parallele ansieht, die zur Rechtfertigung des soeben in Sachen des vorigen Streitpunktes abgegebenen Urteils angefügt sei.»</note>) eine «lehrreiche Parallele" anführen «durch das Beispiel einer andern in der Christenheit<term type="begriffe" key="Christentum"/> als zulässig anerkannten Verschiedenheit der Lebensführung»<note xml:id="n103"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 572f.</bibl></note>.</note> <hi rend="bold">der Eine einen Unterschied zwischen den Tagen, der Andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder soll seiner eigenen Überzeugung froh sein.</hi> <anchor type="note" xml:id="fn-dp"/><hi rend="bold">Auch der, der isst, tut es für den Herrn; denn er dankt Gott</hi> dabei. <hi rend="bold">Und der, der nicht<note n="dp" target="fn-dp" type="textcritical" xml:id="ndp"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="bold">Auch der, welcher</hi>  […]. <hi rend="bold">Und der, welcher nicht</hi>».</note> isst, unterlässt es für den Herrn; auch er dankt Gott</hi> dabei. </p>
<p><pb ed="A" n="495"/> Es gibt offenbar Differenzpunkte, in denen man sich gegenseitig gelten lässt. Da begreift jedenfalls auch der Starke die Präzision<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> des Schwachen, auch wenn er sich ihr nicht unterwirft. Er schweigt, er achtet, er wartet ab, er weiß: es kommt darauf an, «nicht daß man seine Meinung aus fester Überzeugung gegen den Andern behaupte oder den Andern bestreite, sondern <hi rend="italic">seines</hi> Sinnes vor Gott und in der Prüfung gewiß sei, wobei oft mehr Geschmeidiges ist, als bei einem nur hellberichteten<note n="dq" type="textcritical" xml:id="ndq">So im <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) irrtümlich statt wie bei <persName ref="kbga-actors-9647">Steinhofer</persName> und <persName ref="kbga-actors-3717">Rieger</persName> «halbberichteten».</note> Gewissen<term type="begriffe" key="Gewissen"/>» (<persName ref="kbga-actors-9647">Steinhofer</persName>)<note xml:id="n104"> <bibl corresp="kbga-bibls-3487"><persName ref="kbga-actors-9647">Steinhofer</persName>, S. 88</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3485"><persName ref="kbga-actors-3717">Rieger</persName>, S. 220</bibl>.</note>. Er merkt irgendwie, dass das Präzise<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> <hi rend="italic">«dem Herrn»</hi> getan wird, dass eine, wenn auch missverstandene göttliche Verlegenheit<term type="begriffe" key="Verlegenheit"/> dahinter steht. Er verachtet darum nicht. Er denkt: «Das Schiff fährt zwar besser auf offener See, es kann aber, wenn es sein muss, auch im engen Kanal fahren» (<persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>)<note xml:id="n105"><bibl corresp="kbga-bibls-3520"><persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>, Bd. II, S. 88</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">et tamen potest aliquis, qui vel hoc vel illud statuit, <hi rend="italic">pleno cursu ferri in sua mente</hi>, sicut cymba potest vel in angusto canali, vel in spatioso lacu inoffensum habere cursum</foreign>».</note>. Es <pb ed="pga" xml:id="p682"/> käme darauf an, solche vereinzelte Möglichkeiten, den «Schwachen» besser zu verstehen, als er sich selbst versteht<note xml:id="n106"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p266#fn_n12">S. 266, Anm. 12</ref>.</note>, zu einer allgemeinen Betrachtungsweise zu erweitern. <hi rend="italic">«Er dankt Gott dabei.»</hi> Diese Beziehung zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> entscheidet über den Wert oder Unwert des menschlichen Tuns. Sie ist die Waage, auf die die Präzision des Präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> gelegt ist – aber auch die Freiheit des Freien. «Die Grundregel unsres Lebens besteht nur darin, dass die Menschen vom Winke Gottes ganz abhängen <anchor type="note" xml:id="fn-dr"/>und sich in zweifelhafter und schwankender Geistesverfassung nicht einmal den Finger zu rühren getrauen<note n="dr" target="fn-dr" type="textcritical" xml:id="ndr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «und in zweifelhafter  […] zu rühren sich getrauen».</note>» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n107"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col.259s.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Ac omnino tenendum est, hoc recte vivendi principium esse, si pendeant homines a Dei nutu nec sibi dubio et vacillante animo vel digitum movere permittant.</foreign>»</note> Die Anwendung dieser Grundregel aber ist ihrer Natur nach unanschaulich für jeden Zweiten. Was wollen wir tun, als uns an die Behauptung des Schwachen, «Gott» sei gemeint bei seinen Mönchswerken<term type="begriffe" key="Mönchswerke"/>, zu <hi rend="italic">halten</hi>, und wenn es uns noch so klar wäre, dass sich da vielmehr ein Götze<term type="begriffe" key="Götze"/> zwischen ihn und Gott hineingeschoben hat? Gott <hi rend="italic">kann</hi> ja gemeint sein, Bedeutung und Sinn <hi rend="italic">kann</hi> ja seinem Tun innewohnen, nötige und gebotene Demonstration zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre,, Demonstration zur"/> <hi rend="italic">kann</hi> es ja sein, während davon, dass etwa Essen an sich Gott wohlgefälliger wäre als Nicht-Essen, keine Rede sein kann. <hi rend="italic">Gerade</hi> der Gedanke an die Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/>, von der der Schwache keine Ahnung hat, wird also den Starken veranlassen, sich mit jenem durchaus in eine Reihe zu stellen.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.7 Röm.14.12">V. 7‒12</ref></hi> Und nun eine Haupterwägung: <hi rend="bold">Denn keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst. Denn wenn wir leben, so leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, so sterben wir für den Herrn. Also wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, damit er über Tote und Lebende Herr sei. Du nun, was verurteilst du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen, wie geschrieben steht: So wahr ich lebe, spricht der</hi> <pb ed="A" n="496"/> <hi rend="bold">Herr, mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird vor <pb ed="pga" xml:id="p683"/> Gott bekennen! Also wird ein jeder von uns für sich selbst Rechenschaft ablegen müssen.</hi></p>
<p>Stark sein heißt erkennen, dass der Mensch als Mensch sich in einer letzten, auf keinen Fall vermeidbaren Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, letzte"/> befindet. – <hi rend="italic">«Keiner von uns lebt für sich selbst.» «Wenn wir leben, so leben wir für den Herrn.»</hi> Es gibt kein Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> an sich, sondern nur ein Leben in Beziehung auf Gott<term type="begriffe" key="Leben, in Beziehung auf Gott"/>, das unter das Gericht und unter die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Gottes"/> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> gestellte Leben: das durch den Tod<term type="begriffe" key="Tod, Leben und T."/> charakterisierte, durch den Tod Christi<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> aber als Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf ewiges Leben"/> des <hi rend="italic">ewigen</hi> Lebens<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> qualifizierte Leben. Das bedeutet die Krisis des präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> <hi rend="italic">und</hi> des freien Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Krisis, des freien Lebensversuchs / Lebensversuch, freier"/>. Auf das «Leben» zielen ja offenbar beide hin. Aber das <hi rend="italic">Leben</hi> im «Leben» ist die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, für uns also der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>: nur dem <hi rend="italic">Herrn</hi> leben wir. Sollte diese Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen zum Leben"/> für den freien Lebensversuch weniger kritisch sein als für den präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/>, weil bei jenem mit Bewusstsein das ewige Leben ins Auge gefasst ist, während bei diesem der Begriff des gesuchten «Lebens» von dem Verdacht, das bloß <hi rend="italic">biologische</hi> Leben zu bedeuten, nicht gereinigt ist? Aber ist nicht auch jenes Bewusstsein <hi rend="italic">biologisches</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben, biologisches"/>? Wie könnte auch dem höchsten Denk<hi rend="italic">akt</hi> (und was können wir wissen und geltend machen als Denk<hi rend="italic">akte?</hi>) eine Sicherheit und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> innewohnen, die seine Überlegenheit über andere Akte darzutun vermöchte? Der <hi rend="italic">Herr</hi> allein ist die Sicherung der Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>. «Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran bauen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.127.1">Ps. 127,1a</ref>]. Der Herr aber ist unter allen Umständen auch der <hi rend="italic">Richter</hi><term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, und nur durch den <hi rend="italic">Tod Christi</hi><term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> ist unsre Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> eine lebendige Hoffnung. – Und umgekehrt: <hi rend="italic">«Keiner stirbt für sich selbst.» «Wenn wir sterben, so sterben wir für den Herrn».</hi> Es gibt keinen Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> an sich, sondern nur einen Tod in Beziehung auf Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, den Tod, der uns als Schranke und zugleich als Ausgang auf Gott hinweist: den Tod dessen, was wir Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> heißen, der durch die Auferstehung Christi<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> als das Zeichen der <hi rend="italic">Versöhnung</hi><term type="begriffe" key="Versöhnung"/> qualifiziert ist. Auch das bedeutet die Krisis des präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> <hi rend="italic">und</hi> des freien Lebensversuches<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier / Krisis, des freien Lebensversuchs"/>. Beide zielen in ihrer Weise auf den Tod. Aber der <hi rend="italic">Tod</hi> im «Tod» ist die Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, für uns also das Leben: nur dem <hi rend="italic">Herrn</hi> sterben wir. Wiederum hat sich der «Schwache» von dem Verdacht zu reinigen, es möchte bei den relativen Negationen, Aufhebungen<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, Ertötungen<note n="ds" type="textcritical" xml:id="nds"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Erörterungen».</note>, in <pb ed="pga" xml:id="p684"/> denen sich sein Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/> vollzieht, der bloß <hi rend="italic">biologische</hi> Tod<term type="begriffe" key="Tod, biologischer"/> gemeint sein, während der «Starke» in größerer Gelassenheit und Umsicht weiß, dass der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, den wir zu suchen haben, der durch die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> <pb ed="A" n="497"/> qualifizierte Tod und kein anderer sein muss.
Aber nicht weniger kritisch ist die Beziehung auf die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, des Todes"/> des Todes auch für ihn. Denn was kann auch <hi rend="italic">er</hi> anderes geltend machen als ein durch die Tatsächlichkeit seines <hi rend="italic">biologischen</hi> Todes bestimmtes und <hi rend="italic">nur</hi> als Gleichnis charakterisiertes Wissen? Wie sollte <hi rend="italic">unser</hi> Denken des Gedankens<term type="begriffe" key="Denken, des Gedankens"/> Ewigkeit<term type="begriffe" key="Gedanke, Ewigkeit"/> uns rechtfertigen, <hi rend="italic">unser</hi> Meinen des versöhnenden Todes uns versöhnen? Der <hi rend="italic">Herr</hi> allein ist der Bürge der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>. «Wo der Herr nicht die Stadt behütet, da wachen die Wächter umsonst» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.127.1">Ps. 127,1b</ref>]. Der Herr aber ist wiederum unter allen Umständen auch der <hi rend="italic">Richter</hi><term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, und nur durch die <hi rend="italic">Auferstehung Christi</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> ist der Sinn des Kreuzes<term type="begriffe" key="Sinn, des Kreuzes"/>, unter dem wir Alle stehen, gegeben. – <hi rend="italic">«Also wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, damit er über Tote und Lebende Herr sei.»</hi> Stark sein heißt Gott in Christus erkennen<term type="begriffe" key="Gott, in Christus erkennen"/>, d. h. aber in der letzten unvermeidlichen Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, letzte"/> unsres Lebens und unsres Sterbens, dort wo es <hi rend="italic">nichts</hi> Anderes mehr gibt als sein <hi rend="italic">Erbarmen</hi><term type="begriffe" key="Erbarmen"/>. Stark sein heißt Gott über <hi rend="italic">alle</hi> Dinge fürchten und lieben<term type="begriffe" key="«Gott über alle Dinge fürchten und lieben» / Liebe, zu Gott"/><note xml:id="n108"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p485#fn_n39">S. 485, Anm. 39</ref>.</note>: so wie er in der Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik, der höchsten Kategorien"/> der höchsten Kategorien unsres Denkens uns begegnet: als der <hi rend="italic">Herr.</hi> Wissen wir, dass wir «für den Herrn leben» und «für den Herrn sterben»<term type="begriffe" key="Leben, und Sterben"/>, so bekennen wir damit, dass unser Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> sowohl wie unser Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/>, unser Ja sowohl wie unser Nein, auf eine andere Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> (auf eine Rechtfertigung in sich selber etwa!) neben <hi rend="italic">der</hi> Rechtfertigung, die ihm nur Gott geben kann, keinen Anspruch machen kann. Gerechtfertigt ist an sich weder unser Leben noch unser Sterben, weder unser Ja noch unser Nein und also, von diesen beiden Endpunkten allen menschlichen Tuns aus gesehen, weder unser präziser<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> noch unser freier Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>. Weiß dies der «Schwache» nicht (und darin besteht seine Schwachheit, dass er dies nicht weiß), so soll es der Starke um so besser wissen und eben darum in der Einstellung des Feuers, in der Beugung vor dem Geheimnis Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> nicht auf jenen warten, sondern immer den ersten Schritt tun, den Schritt der Demut<term type="begriffe" key="Demut"/>, die weiß, dass <hi rend="italic">wir nichts</hi> wissen, weil sie weiß, dass <hi rend="italic">Gott</hi> weiß.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p685" rend="noPipe"/>Also: <hi rend="italic">«Was verurteilst du?»</hi>, und noch viel dringender gefragt: <hi rend="italic">«Was verachtest du?»</hi> Der Verachtete ist <hi rend="italic">«dein Bruder»</hi><term type="begriffe" key="Bruder"/><hi rend="italic">!</hi> Kein Anlass besteht, die Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> zu zerreißen, aller Anlass besteht, Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> zu halten. Die große kritische Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> des «für den Herrn», unter der wir als <hi rend="italic">Menschen</hi> (nicht als Starke oder Schwache, sondern als Menschen, konzentriert in dem Einen, der vor Gott steht: in Christus<term type="begriffe" key="Mensch, in Christus"/> und also als <hi rend="italic">Brüder!</hi>) <pb ed="A" n="498"/> stehen, weist uns den Weg<term type="begriffe" key="Weg"/> dazu: <hi rend="italic">«Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.»</hi> Der Herr ist der <hi rend="italic">Richter</hi><term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> über Leben und Tod, hörten wir eben. Wir müssen das nach allen Seiten durchdenken: Weil wir alle vor dem Richterstuhl Gottes <hi rend="italic">«stehen werden»</hi>, weil das <foreign xml:lang="lat">Futurum aeternum</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> dieses Stehens die kritische Wahrheit unsres Daseins und Soseins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> ist, darum «stehen» wir alle da, als die, die wir sind: als die «Starken» die <hi rend="italic">Einen</hi>, als die «Schwachen» die <hi rend="italic">Andern</hi><term type="begriffe" key="Der Eine im Andern"/>. In einem tiefsten Erschrecken vor dem Letzten, Unerhörten, dass wir «des Herrn» sind, wagen wir alle so oder so (und was bedeutet hier unser Verstehen oder Missverstehen?) unsern Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/>, den Versuch, Gott gerecht<term type="begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit"/> zu werden. An demselben offenbaren Geheimnis, an derselben Verlegenheit und Hoffnung scheiden sich die Wege, hier zur Freiheit, dort zur Präzision<term type="begriffe" key="Präzisismus"/>. Weil wir vor dem <hi rend="italic">«Richterstuhl»</hi> Gottes stehen werden, weil das Gericht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, die doppelte Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, die kritische Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, kritische"/> unsres Lebens und Sterbens ist, darum sind nun freilich die Einen die <hi rend="italic">Starken</hi>, die Andern die <hi rend="italic">Schwachen.</hi> Es bedeutet die Haltung der Erstern zweifellos Erwählung, die Haltung der Letzteren Verwerfung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Denn der Sinn der Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/> ist offenbar die Anerkennung der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und seines Tuns, während der Sinn der Präzision<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> ebenso offenbar die Anerkennung der Gefangenschaft des Menschen und seines Tuns ist. Aber weil wir vor dem Richterstuhl <hi rend="italic">«Gottes»</hi> stehen werden, weil das die kritische Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, kritische"/> ist, unter der wir stehen, dass Gott der ist, der erwählt oder verwirft<term type="begriffe" key="Gott, erwählt und verwirft"/>, darum gibt diese Lage dem Starken (dem «Erwählten») auch nicht das leiseste Recht gegenüber dem Schwachen (dem «Verworfenen»). Als Treue <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> rechtfertigt der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>. Als Erkenntnis <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> ist menschliche Erkenntnis wahr. Als Hoffnung <hi rend="italic">Gottes</hi> ist Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> unsre Errettung. Als Liebe <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> ist Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> der unbegreifliche Weg<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>]. Also immer gerade so, dass dem Glaubenden, Erkennenden, Hoffenden, Liebenden aus <hi rend="italic">seinem</hi> Tun <hi rend="italic">kein</hi> Verdienst, <hi rend="italic">kein</hi> Recht, <hi rend="italic">kein</hi> Anspruch erwächst. Also: <hi rend="italic">«Mir</hi> <pb ed="pga" xml:id="p686"/> wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird vor <hi rend="italic">Gott</hi> bekennen!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.45.23">Jes. 45,23</ref>). Sobald und sofern für Gott und seine Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> der Mensch und seine
«Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>» substituiert wird, bedeutet seine Haltung, welche sie auch sei, Verwerfung. Erwählung bedeutet sie nur, sofern sie <hi rend="italic">Verzicht</hi> auf Verdienst, Recht und Anspruch, Verzicht auf das Idol einer so oder so bestimmten «Frömmigkeit» ist. <hi rend="italic">«Also wird ein jeder von uns für sich selbst Rechenschaft ablegen müssen.»</hi> Denn was wissen wir von diesem Verzicht beim <hi rend="italic">Andern?</hi> Wir sehen immer nur sein <hi rend="italic">Tun</hi>, seine – «Frömmigkeit» und wissen nicht, <pb ed="A" n="499"/> ob er nicht gerade darin erwählt ist, worin wir seine Verwerfung sehen, und «stark» gerade in seiner Schwäche. <hi rend="italic">Sehen</hi> können wir im Andern durchaus nur den von Gott Gerichteten und zu Richtenden, d. h. aber den Einen<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern"/>, der, jenseits alles dessen, was als menschliche Haltung doch immer nur <hi rend="italic">bedeut</hi>sam sein kann, aber jenseits auch des Kontrastes von Erwählung und Verwerfung, vor Gott steht. <hi rend="italic">Sehen</hi> können wir <hi rend="italic">gerade</hi> als «Starke» <hi rend="italic">gerade</hi> im Schwachen nur Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, nur den Bruder<term type="begriffe" key="Bruder"/>. Die sokratische Frage nach Christus und dem Bruder im Schwachen aber können wir als «Starke» nur dadurch aufwerfen, dass wir <hi rend="italic">selber</hi> verzichten, verzichten auch auf <hi rend="italic">das</hi> Recht, das wir uns etwa durch unsern <hi rend="italic">grundsätzlichen</hi> Verzicht (der uns zu «Starken» macht) schon erworben zu haben meinen. Nichts ist erworben, Alles steht in Frage, was wir voraushaben könnten vor Andern. Denn immer wieder haben wir <hi rend="italic">für uns selbst</hi> schwerste Rechenschaft abzulegen. Hinfällig darum alles Richten (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.1">Mt. 7,1</ref>) nach historischen oder psychologischen Kriterien, hinfällig auch nur die Frage (ängstlicher Kirchenmänner<term type="begriffe" key="Kirchenmann"/>, strenger Sektierer<term type="begriffe" key="Sektierer"/>, eifriger Religiös-sozialer<term type="begriffe" key="religiös-sozial"/> – aber nun eben auch allfälliger Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> der Freiheit!) nach solchen Kriterien, hinfällig die Frage nach dem Seelenheil<term type="begriffe" key="Seelenheil"/> des Andern in jeder Gestalt, hinfällig der Versuch, <hi rend="italic">sein</hi> Verhältnis zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu beurteilen, geschehe es von rechts – oder links! Hingegeben alles dem Gerichte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>. Richtet <hi rend="italic">nicht!</hi> ist die einzige Möglichkeit – die ihrerseits wieder <hi rend="italic">keine</hi> Möglichkeit, <hi rend="italic">kein</hi> Rezept, <hi rend="italic">keine</hi> Verhaltungsmaßregel ist, sondern in der wir uns unter das Gericht stellen, das <hi rend="italic">unser</hi> wartet, in der grundlosen Hoffnung auf die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des Erbarmens Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.13 Röm.14.15">V. 13‒15</ref></hi> Diese Warnung in Bezug auf die «theoretische» Stellung des freien Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/> gegenüber dem präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> ist nun auch zu bedenken in Bezug auf seine «praktische» Durchführung. <hi rend="bold">Darum <pb ed="pga" xml:id="p687"/> wollen wir uns untereinander nicht mehr verurteilen, sondern darin bewähret eure Urteilsfähigkeit, dass ihr dem Bruder weder Anstoß noch Ärgernis gebt.</hi>
Denn <hi rend="bold">ich weiß</hi>
zwar <hi rend="bold">und bin fest überzeugt im Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist. Aber für den, der es als unrein rechnet, wird es unrein. Und wenn nun durch dein Essen dein Bruder bedrängt wird, so wandelst du nicht mehr der Liebe gemäß. Verdirb nicht durch dein Essen den, für den Christus gestorben ist<note n="dt" type="textcritical" xml:id="ndt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="bold">Christus starb</hi>».</note>.</hi></p>
<p>Der Standpunkt des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Standpunkt des R."/>, als «Standpunkt» eingenommen, ist der Standpunkt Gottes! Jemanden von ihm aus verurteilen würde bedeuten seine Verwerfung durch Gott bestätigen, ihn den Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> fühlen lassen, ihm den Anstoß und das Ärgernis<term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/> <pb ed="A" n="500"/> geben, das Gott gibt. Damit sollte das Einnehmenwollen <hi rend="italic">dieses</hi> Standpunktes <hi rend="italic">erledigt</hi> sein! Nicht darum kann es sich bei dem Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/>, zu dem der Römerbrief auffordert<term type="begriffe" key="Römerbrief, Aufforderung zu bestimmten Lebensversuch"/>, handeln, den Standpunkt Gottes «einzunehmen», sondern nur darum, ihn von allen Seiten ins Auge zu fassen, zu bedenken und dann in dieser Bedenklichkeit – zu leben. <hi rend="italic">«Verurteilen»</hi><term type="begriffe" key="Verurteilung"/> heißt Schuldigsprechen, sich in Zorn hüllen, ein Tun, das von Gott zweifellos fortwährend geübt wird. Aber als <hi rend="italic">sein</hi> Tun ist Verurteilen unanschaulich eins mit Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> und Gerechtigkeitsoffenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Gerechtigkeit Gottes"/>. Als <hi rend="italic">unser</hi> Tun dagegen ist Verurteilen verhängnisvoll eindeutig. Wir haben die göttliche Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">nicht</hi>, zu verwerfen <hi rend="italic">und</hi> zu erwählen, sondern wo und wenn wir uns aufs Verwerfen einlassen, da bleiben <hi rend="italic">wir</hi> darin stecken, und nur den Götzen eines Gotteszornes<term type="begriffe" key="Götze, eines ’Gotteszorns’"/> <hi rend="italic">an sich</hi> aufzurichten pflegt uns dann zu gelingen. So wirkt notorischerweise das Verurteilen, das der «Schwache» in seinem Mönchseifer sich ununterbrochen erlaubt, so aber auch nicht minder das Verurteilen des «Starken», wenn er, durch das Schelten oder noch mehr durch das bedauernde Seufzen des Gemüseessers<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> gereizt, zum Verächter und damit zum Verurteiler und damit selber ein Schwacher, ein Pharisäer der Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, Pharisäer der F."/> wird. Die <hi rend="italic">«Urteilsfähigkeit»</hi>, die der Starke als solcher zweifellos hat, muss sich anders betätigen, sie muss sich gegen ihn selbst kehren, sie muss sich darin bewähren, dass er seinem «Bruder»<term type="begriffe" key="Bruder"/> überhaupt nicht als Träger des Zornes Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> begegnet (denn das kommt dem Menschen, wie der «Starke» wissen müsste, <hi rend="italic">nicht</hi> zu!), <pb ed="pga" xml:id="p688"/> also es nicht nur unterlässt, ihn zu verurteilen, sondern auch, ihm <hi rend="italic">«Anstoß und Ärgernis»</hi><term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/> zu geben. Denn auch das ist nur als <hi rend="italic">göttliches</hi> Tun<term type="begriffe" key="göttliches Tun"/> göttlich, als menschliches Tun dagegen (wiederum in seiner fatalen Eindeutigkeit) ganz unmöglich. «Anstoß und Ärgernis geben» heißt irreführen, verblenden, verschließen, verstocken, von Gott ausscheiden, der Möglichkeit, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun, berauben. Zweifellos tut das Gott (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.33">9,33</ref>)! Aber als unanschauliches Gotteswerk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> ist auch dieses Tun eins mit seinem Gegenteil. Indem Gott <hi rend="italic">sein</hi> Urteil vollzieht durch <hi rend="italic">den</hi> Anstoß und <hi rend="italic">das</hi> Ärgernis<term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/>, die <hi rend="italic">er</hi> gibt, nimmt <hi rend="italic">er</hi> sich des Menschen an. Da ist Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, da ist Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, wo <hi rend="italic">Gott</hi> verwirft und verstockt<term type="begriffe" key="Gott, verwirft und verstockt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11">Kap. 11</ref>!). Von demselben Stein, an dem die Verworfenen anrennen, heißt es ja: «Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.32 Röm.9.33">9,32–33</ref>). Anders, wenn der <hi rend="italic">Mensch</hi>, an Gottes Stelle sich schiebend, dem Menschen Anstoß gibt: er wird <hi rend="italic">nur</hi> verstocken, nicht befreien, <hi rend="italic">nur</hi> verschließen, nicht lösen, <hi rend="italic">nur</hi> töten, nicht lebendig machen. Haben etwa die wohlgemeinten Anstrengungen der Gemüseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> je etwas Anderes erreicht, als dass durch sie möglichst Vielen die Augen verschlossen, <pb ed="A" n="501"/> möglichst Viele verbittert und
der Möglichkeit, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun, beraubt worden sind<note n="du" type="textcritical" xml:id="ndu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «beraubt wurden».</note>? Anders als negativ und verstockend hat auch der edelste Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/> noch nie gewirkt. Aber negativ wirkt auch der Pharisäismus der Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/>, der «Glaube, Alles essen zu dürfen», wenn keine «Urteilsfähigkeit» da ist, keine Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> in der Freiheit, keine Möglichkeit, dem eigenen Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> zum Trotz vielleicht – nicht Alles zu essen. Wieder zeigt es sich dann, dass das höchste Recht das höchste Unrecht ist, sofern <hi rend="italic">wir</hi> es uns nehmen als <hi rend="italic">unser</hi> Recht.</p>
<p><hi rend="italic">«Ich weiß und bin fest überzeugt im Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist.»</hi> Die Anschauung, von der der «Bruder»<term type="begriffe" key="Bruder"/> ausgeht, ist unrichtig und in Christus von vornherein überholt. Askese und Lebensreform haben ihren Wert als Gleichnisse, als Darstellungen. Sie haben keinen Wert <hi rend="italic">an sich.</hi> Sie sind niemals und in keinem Sinn Vorstufen zum Himmelreich<term type="begriffe" key="Himmelreich"/>. Es gibt wie nur <hi rend="italic">ein</hi> Gutes, so auch nur <hi rend="italic">ein</hi> Böses, wie nur <hi rend="italic">ein</hi> Reines, so auch nur <hi rend="italic">ein</hi> Unreines. Unrein vor Gott ist <hi rend="italic">Alles</hi> und eben darum im Besonderen <hi rend="italic">nichts</hi>, und alle Feststellungen <hi rend="italic">besonderer</hi> Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/> vor Gott entspringen der heimlichen oder offenen <pb ed="pga" xml:id="p689"/> Illusion, als ob nicht <hi rend="italic">Alles</hi> vor Gott unrein wäre, der heimlichen oder offenen Weigerung, wirklich Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun. Ernster müsste der Ernst der Asketen<term type="begriffe" key="Asket"/> und Reformmenschen<term type="begriffe" key="Reformmensch"/> sein, um ganz ernst zu sein, um dem Problem des Bösen <hi rend="italic">ganz</hi> gerecht zu werden. <hi rend="italic">«Aber für den, der es als unrein rechnet, wird es unrein.»</hi> Angenommen, ein Mensch sei nun einmal dieser unrichtigen und erledigten Anschauung, angenommen, er habe sich nun einmal festgelegt auf diese grundsätzlich falsche Rechnung, auf den Abscheu vor gewissen besonderen Unreinheiten<term type="begriffe" key="Unreinheit"/>. Dann müsste offenbar seine Rechnungsweise eine andere werden; denn sein Resultat ist an sich, innerhalb <hi rend="italic">seiner</hi> Rechnungsweise, richtig und nicht zu bestreiten. Richtig ist das Einmaleins, mit dem er operiert, irrtümlich sind nur die Größen, mit denen er seine Zahlen benennt. Trefflich ist der Ernst und die Entschiedenheit seines Abscheus, fatal nur die Willkür in der Auswahl seiner Objekte. Er muss also zurückgeführt werden auf seinen Ursprung. Wie ist er denn entstanden? Offenbar, menschlich gesprochen, aus derselben heilsamen Lebensunruhe, aus derselben drängenden letzten Frage, aus demselben Verlangen, Gott gerecht zu werden, aus der auch die Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/> des Starken entstanden ist. Soll er herumgelenkt werden, so muss auf alle Fälle diese Unruhe, diese Frage, dieses Verlangen wach bleiben. Die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, in der jeder Mensch gerade in seiner tiefsten Not<term type="begriffe" key="Not"/> vor Gott steht, darf nicht gestört werden. Sie <hi rend="italic">wird</hi> aber gestört, der Mensch <hi rend="italic">wird</hi> irregeführt und verstockt, ihm <hi rend="italic">wird</hi> Anstoß <pb ed="A" n="502"/> und Ärgernis<term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/> gegeben, wenn er veranlasst wird, sein Rechnungs<hi rend="italic">resultat</hi> umzuwerfen, ohne doch die Unrichtigkeit seiner Rechnungs<hi rend="italic">weise</hi> einzusehen, wenn seine Entschiedenheit und sein Ernst gegenstandslos werden, statt ihr eigentliches Objekt zu bekommen, wenn er leichtsinnig, gleichgültig und unklar wird, wo er früher streng und bestimmt war, statt radikal zu werden und in derselben Entschiedenheit, mit demselben Ernst hindurchzubrechen zur Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, in der dem Reinen Alles rein ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Tit.1.15">Tit. 1,15</ref>). Die Möglichkeit, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun, ist für jeden daran gebunden, dass er <hi rend="italic">seinen</hi> Weg<term type="begriffe" key="Weg"/> zu Ende geht; denn Buße ist als das Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> des Menschen und als sein Neuanfang in Gott das schlechthin individuelle, einmalige, einzigartige Tun, das Keiner dem Andern abnehmen darf.</p>
<p><hi rend="italic">«Und wenn nun durch dein Essen dein Bruder bedrängt wird, so wandelst du nicht mehr der Liebe gemäß.»</hi> Ein «Bedrängen» des <pb ed="pga" xml:id="p690"/> Nächsten ist alles das Tun, durch das ich ihn verhindere, <hi rend="italic">seinen</hi> Weg zu Ende zu gehen, ihn veranlasse, zu tun, was <hi rend="italic">er nicht</hi> tun dürfte, ihm sein Bestes, Fruchtbarstes, die in seinem Trotz und Eigenwillen nur verborgene Lebensunruhe dämpfe und neutralisiere, ihm zu einem Frieden<term type="begriffe" key="Frieden"/> mit sich selbst verhelfe, den er gerade <hi rend="italic">nicht</hi> finden soll, alles <hi rend="italic">das</hi> Tun also, durch das ich ihm die Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> abnehme. Ich triumphiere über ihn, indem ich ihn verführe. Ich bekämpfe den Titanismus<term type="begriffe" key="Titanismus"/> seiner moralischen Haltung, aber ohne ihr tiefstes Motiv zu verstehen, und darum mit dem Erfolg, dass er durch mich nur dem um so gefährlicheren Titanismus der Freiheit verfällt, in dem ich selber (in <hi rend="italic">meiner</hi> «Stärke») stecke. Ich zeige ihm eine Freiheit, die für ihn die schlimmste Gefangenschaft ist. Ich vermittle ihm eine Erkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, die besser eine Erkenntnis des Teufels<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Teufels"/> hieße. Vielleicht zwar, dass ich ihm damit <hi rend="italic">das</hi> Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis"/> bereite, das Gott ihm unfehlbar bereiten will («es <hi rend="italic">muss</hi> ja Ärgernis kommen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.7">Mt. 18,7b</ref> par.]). Vielleicht, dass dies eben, was ich ihm antue, das Ende seines Weges ist, dass darin eben für ihn die Möglichkeit, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun, gegeben wird. Vielleicht, dass ich ihn damit, dass ich ihn in Versuchung<term type="begriffe" key="Versuchung"/> führe, über sich selbst, auch über seine Lebensunruhe hinaus und vor Gott führe. Aber («wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.7">Mt. 18,7c</ref> par.]) was kann <hi rend="italic">ich davon</hi> wissen? wie sollte ich mir erlauben dürfen, auf dieses göttliche Vielleicht hin zu handeln? <hi rend="italic">Ich</hi> «wandle nicht mehr der Liebe gemäß», indem ich den Bruder<term type="begriffe" key="Bruder"/> im Mitmenschen, den Einen im Andern<term type="begriffe" key="Der Eine im Andern"/>, Christus im Nächsten<term type="begriffe" key="Christus im Nächsten"/>, in der <hi rend="italic">Schwachheit</hi> des Nächsten, vergesse. <hi rend="italic">Ich</hi> bin weder dadurch, dass ich Recht habe, noch dadurch dass Gott Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> hat, gerechtfertigt. Also: <hi rend="italic">«Verdirb nicht durch dein Essen den, für den Christus</hi> <pb ed="A" n="503"/> <hi rend="italic">starb!»</hi> <anchor type="note" xml:id="fn-dv"/>Christus ist für ihn gestorben<note n="dv" target="fn-dv" type="textcritical" xml:id="ndv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Christus <hi rend="italic">starb</hi> für ihn».</note>, ich aber – <hi rend="italic">esse</hi> gegen ihn! Das ist das Unmögliche, das Absurde, auch meiner möglichsten Möglichkeit, das Unrecht auch meines höchsten Rechtes. Kein Triumph meiner Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/>, meines «Glaubens, Alles essen zu dürfen»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>, rechtfertigt mich in dem Augenblick, wo ich, mich auf den Thron Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Thron"/> setzend, durch mein Tun «Anstoß und Ärgernis»<term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/> gebe, den «Bruder»<term type="begriffe" key="Bruder"/> verwirre, statt dem Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> Raum zu geben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.19">12,19</ref>]. Sondern erledigt ist in diesem Augenblick meine Freiheit und mein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, und mein ganzes Wissen ist dann so viel, als ob ich nichts wüsste.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p691" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.16 Röm.14.18">V. 16‒18</ref> Euer Gut soll nicht gelästert werden. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geiste. Wer darin dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und echt vor den Menschen.</hi></p>
<p>Wir stehen vor der ehernen Schranke, die der Stärke des Starken gesetzt ist, vor der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> dessen, was wir unsre Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> nennen. Wir freuen uns über diese Freiheit als über unser <hi rend="italic">«Gut».</hi> Aber sie ist nur dann ein «Gut», wenn sie <hi rend="italic">die Freiheit</hi> und d. h. <hi rend="italic">«das Reich Gottes»</hi><term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> ist. Ist das klar? Handelt es sich nur um die Freiheit, die <hi rend="italic">Gott</hi> sich nimmt und nehmen soll in unserm Tun und Lassen, oder handelt es sich darum, dass <hi rend="italic">wir</hi> uns eine Freiheit nehmen möchten in seinem Namen? Wissen wir, dass unsre Freiheit darin ihren Wert hat, dass Gott in ihr seine Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> demonstriert, oder meinen wir etwa, dass Freiheit an sich einen Wert habe? Ist es uns um <hi rend="italic">«Gerechtigkeit</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/><hi rend="italic">, Frieden</hi><term type="begriffe" key="Frieden"/> <hi rend="italic">und Freude</hi><term type="begriffe" key="Freude"/><hi rend="italic">»</hi> zu tun, wenn wir unsre Stärke beweisen, oder am Ende einfach – ums <hi rend="italic">«Essen und Trinken»?</hi> Dürfen wir, was wir <hi rend="italic">müssen</hi>, oder müssen wir, was wir <hi rend="italic">dürfen?</hi> Meinen wir die Autonomie der Wahrheit oder <hi rend="italic">unser</hi> bisschen Autonomie? Ist es diese<note n="dw" type="textcritical" xml:id="ndw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «das Letztere».</note>, dann ist unser «Gut» schon gelästert, von uns selbst gelästert und damit mit vollem Recht auch der Lästerung der Andern preisgegeben. Wie fragwürdig, wie komisch-anmaßungsvoll, nein, wie heuchlerisch und gefährlich steht der Paulinismus<term type="begriffe" key="Paulinismus"/> auf einmal da, wenn es sich dabei (wie im modernen Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus, moderner"/> sicher!) um jene enorme Verwechslung handelt: um die <hi rend="italic">Rechtfertigung des Menschen</hi><term type="begriffe" key="Rechtfertigung, des Menschen"/> durch die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Geheimnisse Gottes"/> des Geheimnisses Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/>. Zur Erreichung <hi rend="italic">dieses</hi><note n="dx" type="textcritical" xml:id="ndx"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «dieses».</note> Zieles brauchte es wirklich den Umweg über den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Umweg über den R."/> nicht. Ist das Alles (und welcher Pauliner<term type="begriffe" key="Pauliner"/> wäre je<note n="dy" type="textcritical" xml:id="ndy"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «ja».</note> auch nur einen Augenblick außer Gefahr, zu tun, als ob das Alles wäre!) – wie recht hat dann auf einmal der Chorus der «Schwachen» mit all den Anklagen, die er von jeher gegen den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anklagen gegen den R."/> erhoben hat! Wie recht hat dann der Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> mit seinen wahrhaftig wohlbegründeten Bedenken gegen die Freiheit, die Christus<term type="begriffe" key="Freiheit, des Christus"/> gebracht <pb ed="A" n="504"/> hat! Wie recht hat dann mit einem Schlag das ganze Heer der Moralisten<term type="begriffe" key="Moralist"/>, der psychologisch, pädagogisch und soziologisch Interessierten, der «historisch Denkenden», all der Sichern, Ge<pb ed="pga" xml:id="p692" break="no"/>radlinigen, Praktischen, all der Freunde des gesunden Menschenverstandes! Wie belanglos und entschuldigt, ja wie wohl begründet und gerechtfertigt erscheint dann auf einmal ihre tiefe <hi rend="italic">Un</hi>einsichtigkeit! Wie dringend nötig hätten wir es dann, uns schleunigst unter das nächste beste Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> zu beugen! Wie empfehlenswert erschiene dann die Möglichkeit, in der Einsicht, dass wir uns zu weit vorgewagt, in die mütterlichen Arme der katholischen Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, katholische"/> zurückzukehren! Es ist aber das Reich<note n="dz" type="textcritical" xml:id="ndz"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Recht».</note> Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> selbst, das uns in diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> führt. <hi rend="italic">Nicht</hi> erkannt als das Reich <hi rend="italic">Gottes</hi>, muss es uns zum Gericht werden. «Im <hi rend="italic">heiligen</hi> Geist»<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> dient man Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, nie und nimmer in «unserm» Geist. Wählen wir diese zweite Möglichkeit<note n="ea" type="textcritical" xml:id="nea"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref>
(1922<hi rend="sup">2</hi>): «das letztere».</note>, besteht darin die Freiheit unsres Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, dass «unser» Geist zu Ehren kommt (und wann läge das nicht unendlich nahe?), dann können wir uns jedenfalls nicht wundern, weder <hi rend="italic">«wohlgefällig»</hi> vor Gott noch <hi rend="italic">«echt vor den Menschen»</hi> dazustehen. Es wäre dann schon ein Zeichen von Einsicht, wenn wir es lernten, die Reformation<term type="begriffe" key="Reformation"/> wenigstens nicht mehr zu <hi rend="italic">feiern</hi>, sondern als ein titanisches<term type="begriffe" key="titanisch"/> Wagnis ernst zu bedauern. Die Zeit möchte dann folgen, wo wir das Weitere lernen könnten, an der Größe der <hi rend="italic">Versuchung</hi><term type="begriffe" key="Versuchung"/> die Größe der <hi rend="italic">Verheißung</hi><term type="begriffe" key="Verheißung"/> zu ermessen, die damit verbunden ist, dass wir «auf dem Boden der Reformation»<term type="begriffe" key="Reformation"/> stehen. Vorläufig ist hauptsächlich das an uns ersichtlich, wie sehr und wie tief der Mensch auf <hi rend="italic">diesem</hi> Boden zu Fall und zu Schaden kommen kann.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.19 Röm.14.23">V. 19‒23</ref> So lasst uns nun nach dem Frieden und nach der gegenseitigen Auferbauung streben. Zerstöre nicht um einer Speise willen das Werk Gottes. Alles ist rein, aber vom Bösen ist es für den, der es mit Anstoß isst. Besser weder Fleisch essen, noch Wein trinken, noch irgend etwas</hi>
tun, <hi rend="bold">wenn dein Bruder Anstoß nimmt. Du hast den Glauben? <note n="*5" type="original" xml:id="s5"><term type="begriffe" key="Textkritik"/><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἣν</foreign> vor <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἔχεις</foreign> dürfte Erleichterungsversuch eines Abschreibers sein, der den Fragesatz <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.22">V. 22a</ref> nicht als solchen erkannte.</note> Habe ihn für dich selbst vor Gott! Selig ist, wer sich nicht verurteilen muss bei dem, was er sich erlaubt. Wer aber zweifelt, der ist, indem er isst, zum Tod verurteilt, weil es</hi>
bei ihm <hi rend="bold">nicht aus dem Glauben geschieht. Alles aber, was nicht aus dem Glauben geschieht, ist  Sünde.</hi></p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p693" rend="noPipe"/>Ob sie ersichtlich ist aus allen unsern Erwägungen, die doppelt gebrochene Linie, der schmale, nie selbstverständlich gewiesene Weg des paulinischen Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, paulinischer"/>? Wir fassen noch einmal zusammen:</p>
<p><hi rend="italic">«Nach dem Frieden»</hi><term type="begriffe" key="Friede"/> sollen wir streben. Ja, aber nicht <pb ed="A" n="505"/> nach dem ersten besten Frieden, bei dem man den Menschen mehr gehorcht als Gott. Der Friede in der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> allein kann gemeint sein, was<note n="eb" type="textcritical" xml:id="neb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «welcher».</note> Krieg mit aller Welt bedeuten kann. Also: das selbständige Gewissen<term type="begriffe" key="Gewissen, selbständiges"/> sei Sonne deinem Sittentag<note xml:id="n109"> Aus dem Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-2139">«Vermächtnis» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl>: <q rend="block">
<lg>
<l>Denn das selbständige Gewissen</l> 
<l>Ist Sonne deinem Sittentag.</l></lg></q></note>! Ja, aber – zweite Wendung – das in Gott selbständige Gewissen, <hi rend="italic">der</hi> Friede <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Friede"/>, der höher ist als die zufällige Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft, zufällige"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>], der Friede in <hi rend="italic">der</hi> Freiheit, die auch des Nächsten Freiheit ist. Kein Friede ohne <hi rend="italic">«gegenseitige Auferbauung»</hi>. Nun geh deinen Weg mitten hindurch!</p>
<p><hi rend="italic">«Zerstöre nicht um einer Speise willen das Werk Gottes!»</hi> Wir sehen das Gute, das Göttliche in Gefahr, wir sehen die Menschen leiden, wir erkennen die Notwendigkeit, zuzugreifen, Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> zu bringen, Taten zu tun. Wahrlich nicht «um einer Speise willen», nicht weil der Mensch seine Freiheit haben und behaupten will, darf das Notwendige nicht geschehen, das Werk Gottes<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> zerstört werden. Ja, aber <hi rend="italic">«Alles ist rein»</hi>, Alles!, das ist das Ende aller moralischen Steilheit<term type="begriffe" key="Moral"/>, das grundsätzliche Ende aller direkten Aktion<note xml:id="n110"> Anspielung auf die Form des politisch-sozialen Kampfs durch das gemeinsame unmittelbare Eintreten der Betroffenen für ihre Ziele etwa durch Streiks ohne Lenkung durch übergeordnete Organe. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich auf die «direkte Aktion» mit Blick auf <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> im Brief an E. Brunner vom
<date when="1918-12-17">17.12.1918</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-76">K. Barth – E. Brunner, <hi rend="italic">Briefwechsel 1916-1966</hi>, hrsg. von der Karl <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>-Forschungsstelle an der Universität Göttingen [Leitung E. Busch] [Gesamtausgabe, Abt. V], Zürich 2000, <ref type="pub-" target="../volume/33/p038#p038">S. 38f.</ref></bibl>).</note>, die Proklamation der Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/> für Jeden. Der Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus"/> bekommt schrankenlos Recht. Ja, aber – zweite Wendung – <hi rend="italic">«vom Bösen ist es für den, der es mit Anstoß isst».</hi> Es bleibt dabei, dass mein Nächster in Not ist, und der Gebrauch meiner Freiheit vergrößert sie, in Versuchung<term type="begriffe" key="Versuchung"/> steht, und ich stoße ihn hinein, seinen Weg unbeirrt gehen sollte, und ich halte ihn auf. <hi rend="italic">Darf</hi> das sein? <hi rend="italic">Muss</hi> ich durchaus wollen, was ich darf? <hi rend="italic">Darf</hi> <pb ed="pga" xml:id="p694"/> ich die direkte Aktion verachten? <hi rend="italic">Darf</hi> ich sie unterlassen? <hi rend="italic">Darf</hi> ich – an dem unter die Räuber [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30">Lk. 10,30</ref>] Gefallenen vorbeigehen um meiner Freiheit willen? Also weiter: <hi rend="italic">«Besser weder Fleisch essen, noch Wein trinken, noch irgend etwas tun, woran dein Bruder Anstoß nimmt»</hi>. Der heilige Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> ist das objektive Recht, nicht das Recht, das <hi rend="italic">ich</hi> habe. Du siehst die Steine mitten aus dem Bach ragen? Bleib auf keinem länger als einen Moment stehen mit <hi rend="italic">einem</hi> Fuß, so allein kommst du hinüber!</p>
<p><hi rend="italic">«Du hast den Glauben?»</hi> Ja, habe ihn! Aber <hi rend="italic">«habe ihn für dich selbst»</hi> und <hi rend="italic">«vor Gott»!</hi> Nur für dich selbst kannst du glauben und nur vor Gott. Ganz einsam bist du in deinem Glauben mit Gott<term type="begriffe" key="Glaube, an Gott"/>, ganz nur an ihn gebunden, ganz auf ihn geworfen, niemand dein Richter und niemand dein Retter als er: <hi rend="italic">«Selig ist, wer sich nicht verurteilen muss in dem, was er sich erlaubt!»</hi> Ja, aber – zweite Wendung – es ist furchtbar, so mit Gott allein zu sein, zu wissen, dass er allein der Gute ist, der seiner nicht spotten lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.17">Mt. 19,17</ref> par.; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], der Alles von uns fordert, indem er uns Alles nimmt. Und nun die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> des Zweifels, <pb ed="A" n="506"/> bei dir oder bei den Andern, die Möglichkeit, die so unendlich naheliegende Möglichkeit, es möchte so Vieles, vielleicht Alles, was wir tun, <hi rend="italic">nicht</hi> aus dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> geschehen! <hi rend="italic">«Wer zweifelt, der ist, indem er isst, zum Tod verurteilt, weil es nicht aus dem Glauben geschieht. Alles aber, was nicht aus dem Glauben geschieht, ist Sünde»</hi>. Wer ist hier gerechtfertigt? Wer wagt es hier, zu sagen: Ich habe den Glauben! Wer wagt es, hier die Verantwortung für Andre auf sich zu nehmen oder auch nur die Verantwortung für sich selbst? Wer wagt es, hier noch zu pochen auf <hi rend="italic">seine</hi> Autonomie<term type="begriffe" key="Autonomie"/>? Und nun halte dich in dieser grauenvollen Unsicherheit an den <hi rend="italic">einen</hi> Faden: Gott<term type="begriffe" key="Gott"/>! Aber wer kann sich hier halten, es sei denn, dass er gehalten werde?</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.1 Röm.15.6">V. 1‒6</ref></hi><note n="*6" type="original" xml:id="s6"><p>In der ersten Auflage dieses Buches wurde im Anschluss an <persName ref="kbga-actors-800">Tholuck</persName>, <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> versucht, die Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.25 Röm.16.27">16,25–27</ref> hier unterzubringen und zu erklären.<note xml:id="n111"> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p556#p556">S. 556f.</ref></bibl> Dort auch die im folgenden wiederholte Übersetzung ohne die eingefügten Klammern. Diese beziehen sich auf <bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 587</bibl>, bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 124f</bibl>.</note> Sie lautet folgendermaßen: <hi rend="bold">Dem aber, der die Kraft hat, euch zu stärken</hi> (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>: zu befestigen) <hi rend="bold">gemäß</hi> (<persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>: in) <hi rend="bold">meiner Heilsbotschaft und der Verkündigung von Jesus Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/><hi rend="bold">, gemäß</hi> (<persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>: in) <hi rend="bold">der Enthüllung eines Geheimnisses, das ewige Zeiten verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften</hi> (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>: und durch die Erscheinung unsres Herrn Jesus Christus) <hi rend="bold">nach Anordnung des ewigen Gottes zum Glaubensgehorsam allen Völkern bekannt gemacht ist, dem allein weisen Gott durch Jesus Christus, welchem sei</hi> (dies von <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> gestrichen) <hi rend="bold">Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!</hi> (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>
: in Ewigkeit!). - Ich bin unter dem Eindruck der seither erfolgten textkritischen Darlegungen von <persName ref="kbga-actors-9711">Corssen</persName><note xml:id="n112"> <bibl corresp="kbga-bibls-3727"><persName ref="kbga-actors-9711">P. Corssen</persName>, <hi rend="italic">Zur Überlieferungsgeschichte des Römerbriefes</hi>, in: ZNW, Jg. 10 (1909), S. 1–45</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kannte den Ertrag dieses Aufsatzes wohl aus dem Referat bei <bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 488</bibl>.</note>, <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName><note xml:id="n113"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 124–126.</bibl></note> und <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName><note xml:id="n114"> <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>, Marcion, S. 145–148 (Beilage III).</bibl></note> und auf Grund erneuerter exegetischer Überlegung (die, wie <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> mit Recht bemerkt<note xml:id="n115"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 621.</bibl></note>, hier das schließlich entscheidende Wort hat) nicht mehr in der Lage, meine frühere Ansicht aufrecht zu erhalten.</p>
<p>Es ist sehr wahrscheinlich gemacht worden, dass es schon um die Wende des 2. zum 3. Jahrhundert, vielleicht sogar noch früher, großkirchliche lateinische Handschriften der paulinischen Briefe gegeben hat, in denen Kap. 15–16 des Römerbriefes<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> fehlten. Wie diese Streichung zu erklären ist angesichts der Tatsache, dass die Behandlung des Themas von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14">Kap. 14</ref> in vollem Fluss nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15">Kap. 15</ref> hinüber weitergeht, was für <pb ed="A" n="507"/> äußere oder innere Gründe dazu geführt haben mögen und vor allem, in welchem Verhältnis sie steht zu dem Text des <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> (über den <persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName> berichtet: «<foreign xml:lang="lat">ab eo loco ubi scriptum est ‹omne autem quod non est ex fide, peccatum est› usque ad finem cuncta dissecuit</foreign>»<note xml:id="n116"> Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 125.</bibl></note>), darüber herrscht Dunkel. Genug, dass die Wahrscheinlichkeit dieser Streichung (nicht nur im
marcionitischen, sondern, ohne nachweisbaren Zusammenhang mit diesem, auch in kirchlichen Texten) so groß ist, dass man, ohne ihren Sinn zu durchschauen, mit ihrer Tatsächlichkeit rechnen muss. Unter der Voraussetzung dieser seltsamen Tatsächlichkeit ist das Bedürfnis nach einem «größern abschließenden Gebilde liturgischen Charakters, wohl infolge der Briefverlesung beim Gottesdienst" (<persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>)<note xml:id="n117"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 125</bibl>: «ein grösseres abschliessendes Gebilde».</note> und seine Befriedigung durch die Einschaltung der «Doxologie" (dies die Annahme, gegen die ich mich früher sträubte) nicht mehr unerklärlich. Die mangelnde Einsicht in den Zusammenhang von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14">Kap. 14</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15">15</ref> fällt dann nicht mehr dem betreffenden Liturgiker, sondern dem Herausgeber des verstümmelten Haupttextes zur Last. Es handelt sich aber in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.25 Röm.16.27">16,25–27</ref> um eine <hi rend="italic">Doxologie.</hi> Darüber hätte ich mich durch die von <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName><note xml:id="n118"> <bibl corresp="kbga-bibls-3473"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName>, S. 577–579.</bibl></note> kühn dargebotene (von <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName><note xml:id="n119"> <bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 585.</bibl></note> mit Grund abgelehnte) Möglichkeit, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τῷ δὲ δυναμένῳ</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.25">16,25</ref> als Dativobjekt zu <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὀφείλομεν δέ</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.1">15,1</ref> zu ziehen, nicht täuschen lassen sollen. Zu ungeheuerlich ist das bei Annahme des Hofmannschen Vorschlages entstehende Satzgefüge, und zu deutlich sprechen die Parallelen <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.20">Eph. 3,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jud.1.24 Jud.1.25">Jud. 24–25</ref> (und etwas weniger bestimmt auch <bibl corresp="kbga-bibls-5115">Mart. Polyk. 20</bibl>) dafür, dass wir hier eine vom folgenden Satz unabhängige solenne <hi rend="italic">Invokation</hi> vor uns haben. Ist dem aber so, dann ist <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.25 Röm.16.27">16,25–27</ref> hinter <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.23">14,23</ref> und vor <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.1">15,1</ref>, wie auch <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName><note xml:id="n120"><bibl corresp="kbga-bibls-3473"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName>, S. 577.</bibl></note> für diesen Fall zugibt, eine unleidliche Unterbrechung des Zusammenhangs. Es ist schlechterdings nicht einzusehen, was dieser Hymnus hier soll. Denn ich könnte ihn, auch wenn ich das Hofmannsche Unternehmen noch für möglich hielte, nicht mehr als ein «wichtiges gedankliches Glied»<note xml:id="n121"> Siehe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Fußnote in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p556#p556">S. 556f.</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/47/p557#p557">S. 557</ref></bibl>.</note> der paulinischen Darlegung ansehen. Sein gedanklicher Inhalt wäre, als Begründung der Forderung, die «Schwachen" zu schonen, aufgefasst, doch eine recht seltsame, weit hergeholte Begründung (alle Versuche, sie als solche auszulegen, sind auf die Urgierung des einzigen Wortes <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">στηρίξαι</foreign> angewiesen!) und stünde überdies in seltsamer Konkurrenz zu der <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.3 Röm.15.12">15,3–12</ref> vorgetragenen, ganz anders notwendig aus dem Zusammenhang herauswachsenden Begründung. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.25 Röm.16.27">16,25–27</ref> wirkt hier als sehr entbehrlicher, ja störender Auswuchs. Erklärlich ist er überhaupt nur als liturgisches Schlussvotum ohne Beziehung zum Zusammenhang. Ist <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.23">14,23</ref> <hi rend="italic">nicht</hi>
der Schluss des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/> (denn zu <hi rend="italic">dieser</hi> Annahme wird man sich trotz des Vorhandenseins jener alten Zeugen schwerlich entschließen wollen), dann gehört die Doxologie sicher nicht ursprünglich hierher. Sie kann aber (davon ging ich schon in der 1. Aufl. aus) auch nicht an den Schluss des paulinischen Römerbriefs gehören. Was soll sie dort? «Psychologisch durchaus begreiflich" (<persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>)<note xml:id="n122"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 491</bibl>. Die betreffende Passage ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar angestrichen, am Rande steht ein Fragezeichen.</note> ist es, wenn eine kirchliche Festtagspredigt etwa so endigt. Aber der Römerbrief ist keine Festpredigt, sondern eine sachliche Mitteilung, die mit der kleinen Polemik <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.17 Röm.16.20">16,17–20</ref>, den Grüßen aus <placeName ref="kbga-places-1081">Korinth</placeName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.21 Röm.16.23">16,21–23</ref> und dem (nicht zu streichenden!) Segenswunsch <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.16.24">16,24</ref> abschließt, wie es sich geziemt, während es für mich eine unvollziehbare Vorstellung ist, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dann noch einmal angesetzt haben sollte, um - ein «Gebilde liturgischen Charakters» zu schaffen. Fasse ich aber endlich dieses Gebilde selbst ins Auge: die gerade von der Parallele <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.20 Eph.3.21">Eph. 3,20–21</ref> unangenehm abstechende Schwülstigkeit seines Stils, die Kontortheit der Konstruktion, die unleugbare Fremdartigkeit der verwendeten Begriffsgruppen und dazu den Hinweis <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName><note xml:id="n123"> <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>, Marcion, S. 146 (Beilage III).</bibl></note> auf den <hi rend="italic">marcionitischen</hi> Grundcharakter dieser acht Zeilen (die nach ihm durch Korrekturen für die Großkirche erträglich und eben damit formell so unerträglich gemacht worden wären), so komme ich zu dem Schluss: Diese Stelle stammt <hi rend="italic">nicht von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>.</hi> Sie ist (ob in der jetzigen oder in einer kürzern marcionitischen Form bleibe dahingestellt) als liturgischer Abschluss einer nur Kap. 1–14 ent<pb ed="A" n="508" break="no"/>haltenden Textversion <hi rend="italic">beigefügt</hi> worden (ein altes Kapitelverzeichnis belegt das Vorhandensein einer lateinischen Version, die aus Kap. 1–14 und Doxologie bestand<note xml:id="n124"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 125.</bibl></note>) und von da aus dann auch in die Kap. 1–16 enthaltenden Texte <hi rend="italic">übergegangen</hi>, z.T. unter Belassung an ihrer Stelle zwischen Kap. 14 und 15, z.T. unter Versetzung an den Schluss (wo <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.24">16,24</ref> durch sie verdrängt wurde), z.T. unter Aufführung an beiden Stellen. Es hat aber auch solche sonst vollständige Handschriften gegeben, die die Doxologie überhaupt nicht enthielten (wohl aber <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.24">16,24</ref>), und diese Überlieferung möchte ich für die ursprüngliche halten.</p></note>

Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Unvermögenden zu tragen und nicht uns selbst  zu <pb ed="pga" xml:id="p695"/>
<hi rend="bold">Gefallen zu leben. Jeder von uns soll dem Nächsten zu Gefallen leben, im Blick auf das Gute, zur Auferbauung. Denn auch der Christus lebte nicht sich selbst zu Gefallen, sondern, wie geschrieben steht: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen! (Denn was einst geschrieben wurde, das ist zu unsrer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Beharrlichkeit und durch den Trost, die den Schriften innewohnen, Hoffnung bekä<pb ed="pga" xml:id="p696" break="no"/>men.) Der Gott der Beharrlichkeit und des Trostes gebe es euch aber, eines Sinnes zu sein, im Blick auf den Christus Jesus, damit ihr einmütig aus einem Munde preiset den Gott und Vater unsres Herrn Jesus Christus.</hi> </p>
<p><pb ed="A" n="508"/> Wir <hi rend="italic">sind</hi> die <hi rend="italic">«Starken»</hi>. Was uns stark <hi rend="italic">macht</hi>, das geht aus der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, die immer wieder über unser Stark<hi rend="italic">sein</hi> hereinbricht, ungeschwächt hervor. Wir wünschen uns keinen andern Weg als den schmalen zwischen den zwei Abgründen, keinen andern Übergang als <pb ed="pga" xml:id="p697"/> den, bei dem der Fuß kaum einen Moment lang ruhen darf, keinen andern Halt als den in Gott. Aber die Krisis besteht. Alles, was Selbstbehauptung, Freisinn, Errungenschaft, Rechthaben, Anspruch ist an unserm Glauben, das ist jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> unsre Stärke. Sollte unser «freier» Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/> heimlich dieses Ziel haben, so würden wir besser ins Lager der
Präzisen<term type="begriffe" key="Präzisismus"/>, der «Schwachen» übergehen; denn eben um diese Dinge handelt es sich bei den Schwachen. Was aber bleibt uns dann übrig? Anschaulicherweise nichts! Wir können uns nur klar ma<pb ed="pga" xml:id="p698" break="no"/>chen, dass wir <hi rend="italic">als</hi> die Wissenden, <hi rend="italic">als</hi> die Überlegenen, <hi rend="italic">als</hi> die Freien <hi rend="italic">auch</hi> schwach sind; wir können uns nur mit ihnen in die Reihe stellen. Je mehr wir <hi rend="italic">jedes</hi> Verachten, <hi rend="italic">jedes</hi> Uns-Differenzieren, <hi rend="italic">jedes</hi> Anführenwollen unterlassen können, um so besser! Wir <hi rend="italic">«sind verpflichtet, die Schwachheiten der Unvermögenden zu tragen»</hi>. Nur scheinbar etwa, nur mit herablassender Verstellung? Nur um dann unsrer Stärke und Freiheit heimlich doch wieder froh zu sein? Nein, das hieße nicht <hi rend="italic">tragen.</hi> Im neuen Testament<term type="begriffe" key="Neues Testament"/> wird nicht Theater gespielt. Ganz existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> ist dieses Tragen gemeint: wirklich schwach sein mit den Schwachen; sie sind ja nicht im Ernst schwach, ihre Schwäche besteht ja gerade in ihrer vermeintlichen Kraftentfaltung. Wir aber sollen das tragen, was sie nicht tragen können oder wollen: die <hi rend="italic">ganze</hi> Last jener Unruhe, die Gott dem Menschen bereitet. Wir sollen die sein, die es wissen, dass man sie
nicht loswerden kann, weder durch Präzision<term type="begriffe" key="Präzisismus"/> noch durch Gewissensfreiheit<term type="begriffe" key="Gewissensfreiheit"/>, weder durch Katholizismus<term type="begriffe" key="Katholizismus"/> noch durch Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus"/>, weder durch Askese<term type="begriffe" key="Askese"/> und Reformen<term type="begriffe" key="Reform"/> noch durch den «Glauben, Alles essen zu dürfen»<term type="begriffe" key="Glaube, «Alles essen zu dürfen»"/>, dass dem Menschen in seiner <hi rend="italic">letzten</hi> Not <hi rend="italic">jeder</hi> Weg verrannt ist außer der einen Pforte, die Gott öffnet. Auch die Schwachen sind darauf angewiesen, dass es solche tragenden, solche priesterlichen, solche wissenden Menschen gibt. Das sei unser freier Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>, nicht aber <hi rend="italic">«uns selbst zu Gefallen zu leben»</hi>. Wir haben die Schlacht <pb ed="A" n="509"/> verloren, sobald wir das wollen! Nur um Gottes willen keinen Protestantenkoller<term type="begriffe" key="Protestantenkoller"/>, keinen «Kampf gegen Rom»<term type="begriffe" key="Kampf, gegen Rom"/>! Unsre Stärke ist das Tragen, bei dem wir selbst gar nicht erscheinen, nur <hi rend="italic">da</hi> sind als die Gedenkenden und Bedenklichen. Gerade das <hi rend="italic">Un</hi>handliche, <hi rend="italic">Un</hi>brauchbare des Paulinismus<term type="begriffe" key="Paulinismus, unbrauchbarer"/>, gerade das Welt<hi rend="italic">fremde, Un</hi>praktische, <hi rend="italic">Un</hi>populäre des Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus, unpopulärer"/> ist sein <hi rend="italic">bestes</hi> Teil. Im Augenblick, wo er eine Größe, ein Faktor sein, eine Rolle spielen will, gibt er sich selbst auf. Nur davon, dass er es nicht wagt, am äußersten Rande der Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/>, der Gesellschaft<term type="begriffe" key="Gesellschaft"/>, der Weltanschauungen<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/> und Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/> das bescheidene (in Wirklichkeit das entscheidende!) Frage- und Ausrufzeichen zu sein, nur davon, dass er durchaus etwas <hi rend="italic">sein</hi> und mit dem römischen Gemüseesser<term type="begriffe" key="Gemüseesser"/> <hi rend="italic">konkurrieren</hi> möchte, rührt seine Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> her. <hi rend="italic">«Jeder von uns soll dem Nächsten zu Gefallen leben, im Blick auf das Gute zur Auferbauung.»</hi> Das ist das Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, der Verzicht, der Zug in die Wüste, der gerade von dem Starken gefordert ist. Er hat den Nächsten<term type="begriffe" key="Nächste(, der)"/> im Auge. Wir erinnern <pb ed="pga" xml:id="p699"/> uns: der Nächste ist der Eine in Jedem. Da hört alle Konkurrenz, alle Besonderheit des Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, Besonderheit des L."/> auf. Der Starke steht, weil er der Starke ist, gegen niemand und hinter Allen. Er eilt nicht voraus, er wartet. Er ruht nicht, er wacht. Er kritisiert nicht (er ist zu kritisch dazu!), er hofft. Er erzieht nicht, er betet, oder er erzieht, indem er betet. Er tritt nicht auf, er tritt zurück. Er ist nirgends, weil er überall ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Denn auch der Christus lebte nicht sich selbst zu Gefallen.»</hi> Wir erinnern uns an Alles, was wir (bes. im <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3">3.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">8. Kap.</ref>) über die Verborgenheit<term type="begriffe" key="Verborgenheit"/> der Offenbarung Gottes<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> gehört haben. Das ist hier gemeint. Das muss sich auch in der Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> bewähren. «Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen», und <hi rend="italic">darum</hi> wird gerade <hi rend="italic">das nicht</hi> geschehen, was mit jedem «Standpunkt» unzertrennlich verbunden ist: «Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.42.2 Jes.42.3">Jes. 42,2–3</ref>). «Er sah es nicht für einen Raub an, Gott gleich zu sein» (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.6">Phil. 2,6</ref>). Das <hi rend="italic">Reich</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, das er verkündigt, ist wirklich die <hi rend="italic">Freiheit</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>. Ein Opfer, ein Verzicht, ein Zurücktreten darum sein ganzes Leben. <hi rend="italic">«Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.69.10">Ps. 69,10</ref>). So geht er als der große Leidende (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53">Jes. 53</ref>!) durch die Geschichte des Alten Bundes. So steht er vor uns als der Gekreuzigte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/>. <hi rend="italic">«Das ist zu unsrer Belehrung geschrieben.»</hi> Voll <hi rend="italic">«Beharrlichkeit»</hi>, voll <hi rend="italic">«Trost»</hi> ist dieses Bild. Und ist doch viel mehr als ein Bild. Denn der <hi rend="italic">«Gott</hi> <pb ed="A" n="510"/> <hi rend="italic">der Beharrlichkeit und des Trostes»</hi> steht hinter ihm, belehrt nicht nur, sondern <hi rend="italic">gibt</hi> das Unfassliche, dass wir Menschen in unsrer ganzen Verschiedenheit und Zerrissenheit <hi rend="italic">«eines Sinnes»</hi> sein, mitten in dem gedankenvollen Spiel auf den Einen und auf das Eine hinschauen und in den Dissonanzen der Gemeinde die Stimme der Gemeinschaft vernehmen können, die <hi rend="italic">«einmütig aus einem Munde preist den Gott und Vater unsres Herrn Jesus Christus</hi>».</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.7 Röm.15.13">V. 7‒13</ref> Darum haltet Gemeinschaft miteinander, wie auch Christus euch<note n="*7" type="original" xml:id="s7"><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἡμᾶς</foreign> ist eine spätere Verallgemeinerung. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wendet sich hier noch einmal speziell an die «Starken».</note>Gemeinschaft gewährt hat zur Ehre Gottes. Denn <pb ed="pga" xml:id="p700"/> ich meine: Christus ist ein Diener der Beschnittenen geworden um der Wahrheit Gottes willen, damit die den Vätern gegebenen Verheißungen verwirklicht würden. Die Heiden aber preisen Gott um</hi>  <hi rend="bold">des Erbarmens willen, wie geschrieben steht: Deswegen will ich dich unter den Heiden bekennen und deinem Namen singen. Und</hi> <hi rend="bold">wieder heißt es: Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volke! Und wiederum: Lobet alle Heiden den Herrn, und es sollen ihn loben alle Völker! Und wieder sagt <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName></hi><hi rend="bold">: Es wird sein die Wurzel <persName ref="kbga-actors-9712">Isai</persName></hi> <hi rend="bold">und Einer, der aufsteht, zu herrschen über die Heiden, auf ihn werden die Völker hoffen</hi>
(<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.18.50">Ps. 18,50</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.32.43">Dtn. 32,43</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.117.1">Ps. 117,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.11.10">Jes. 11,10</ref>). <hi rend="bold">Der Gott der Hoffnung erfülle<note n="ec" type="textcritical" xml:id="nec"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="bold">erfüllt</hi>».</note> euch mit lauter Freude und Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des heiligen Geistes.</hi></p>
<p>Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> ist die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, des freien Lebensversuchs"/> des freien Lebensversuchs<term type="begriffe" key="Lebensversuch, freier"/>. Er macht die Starken zu Starken zur Ehre Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/>. Er führt sie aber auch wieder zu den Schwachen zur Ehre Gottes. Er ist der Christus Israels<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus,, Israels"/>, der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>; denn kein noch so dürftiges Zeugnis, das die Schwachen für ihn ablegen, ist ganz ohne Gegenstand, ganz ohne die ihm entsprechende <hi rend="italic">Wahrheit</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>. Er ist aber auch der Christus der Heiden<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus,, der Heiden"/>, der Christus der Welt<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus,, der Welt"/>. Gottes <hi rend="italic">Erbarmen</hi><term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> hat die Starken gefunden, da sie wahrhaftig noch Schwache waren (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6">5,6</ref>). Wahrheit und Erbarmen, das hält Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> und Heiden<term type="begriffe" key="Heiden"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> und Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> zusammen. Wer ist hier stark? Wer ist hier schwach? Hier ist der <hi rend="italic">«Gott der Hoffnung»</hi> vor, hinter, über jedem Lebensversuch<term type="begriffe" key="Lebensversuch"/>. Ihm jauchzen alle Stimmen<note n="ed" type="textcritical" xml:id="ned"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «alle die Stimmen».</note> derer entgegen, die gefunden wurden von seiner Wahrheit und von seinem Erbarmen. Er sieht das Schwache in den Starken und das Starke in den Schwachen, und <hi rend="italic">er</hi> sieht mit <hi rend="italic">seinen</hi> Augen, wie sie alle auf den höchsten wie auf den tiefsten Stufen teilnehmen an dem seligen Geheimnis seiner Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, seines Reiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>. </p> 
</div>

        </div>
        </body>
        </text>
</TEI>
