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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">8. Kapitel: Der Geist</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 8. Kapitel: Der Geist, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 372–450.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">8. Kapitel: Der Geist</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 372–450</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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        DER GEIST</head>
        <head><hi rend="smallCaps">Die Entscheidung</hi></head>
        <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1 Röm.8.10">8,1‒10</ref></head>
        
        <p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1 Röm.8.2">V. 1‒2</ref> Jetzt also: kein Todesurteil über die,</hi>
        die <hi rend="bold">im Christus Jesus</hi>
        sind<hi rend="bold">! Denn das Gesetz des Geistes des Lebens,</hi>
        das <hi rend="bold">im Christus Jesus</hi>
        offenbart ist, <hi rend="bold">hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.</hi></p>
        <p><hi rend="italic">«Kein Todesurteil über die im Christus Jesus.»</hi> Wovon haben wir geredet? Von der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> als Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> oder – von der Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>, die wir jenseits aller Menschenmöglichkeiten in Gott haben? Von der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> oder – von der Gerechtigkeit? Vom Tode oder – vom Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>? Wer ist denn der Mensch, der zu vernehmen vermag, was wir eben vernahmen von der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/>, vom Sinn<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/>, von der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> der Religion? Woher kommt er? Woher sieht er? Woher weiß er? Wer sagt ihm das alles? Wer sagt ihm, dass er – der Mensch ist? Wir haben, schon indem wir diese Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> aufwerfen (und sie besteht, bevor wir sie aufwerfen!), den Zitterrochen<term type="begriffe" key="Zitterrochen"/> des <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> berührt und seinen Schlag empfangen<note xml:id="n01"> Die Metapher stammt aus <bibl corresp="kbga-bibls-3635"><persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> Dialog <hi rend="italic">Menon</hi>, 80a 4-8</bibl>. <persName ref="kbga-actors-9678">Menon</persName> vergleicht die Wirkung, die von den Reden des <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> ausgeht, mit den elektrischen Schlägen eines Zitterrochens. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat die Metapher bereits 1919 verwendet in Bezug auf <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15">1.Kor. 15</ref>: <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3297">S. 350</ref></bibl> (Brief vom
        <date when="1919-11-11">11.11.1919</date>).</note>: dass der Mensch der Mensch ist, dieses seltsam Demütigende kann er sich offenbar nicht selbst sagen, sondern das muss ihm gesagt <hi rend="italic">sein</hi>, geantwortet <hi rend="italic">sein</hi>, bevor er gerufen hat. Das ist offenbar nicht von ihm gesucht, erdacht, gewollt und erarbeitet; denn das ist ja nach seinem Inhalt die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, alles Suchens und Denkens"/> alles seines Suchens, Denkens, Wollens und Arbeitens. Der Ort, von dem aus der ganze geschlossene Kreis<term type="begriffe" key="Kreis, in sich geschlossen"/> als solcher zu sehen ist, kann selber nicht innerhalb des Kreises<term type="begriffe" key="Kreis"/> liegen. Die Möglichkeit, das Menschenmögliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> als solches in seiner Beschränkung zu erfassen, ist offenbar – und wenn wir uns von <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> <pb ed="pga" xml:id="p373"/> jeden Blick über das Beschränkende hinaus verbieten ließen, ja <hi rend="italic">gerade</hi> dann! – eine ganz unerhört neue Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>. Der Mann, der sich selbst schließlich nicht nur zu kritisieren, nicht nur zu missbilligen und zu bedauern, sondern in seiner Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> in Frage zu stellen<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> imstande ist, der Mann, der sich vor sich selbst entsetzt<note n="a" type="textcritical" xml:id="na">Druckmanuskript: «ent-setzt».</note><term type="begriffe" key="Entsetzen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">7,24</ref>), dieser Mann bin jedenfalls – nicht ich! Fragen wir aber weiter: Wer dann? Was dann?, so müssen wir uns klar machen, dass schon <pb ed="A" n="255"/> mit dieser Frage, selbst im Munde eines Müßiggängers und Spielers, ein radikal, unwiderruflich und unumkehrbar Anderes<term type="begriffe" key="Andere, das radikal"/> in unsern Gesichtskreis getreten ist. Wer und was immer «dann» sein möge: Es <hi rend="italic">ist</hi> ein Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> unsres Menschenlebens, es <hi rend="italic">ist</hi><note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «ist».</note> eine Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> seines Sinnes, es <hi rend="italic">ist</hi> seine verwandelte, <foreign xml:lang="lat">totaliter aliter</foreign><term type="begriffe" key="totaliter aliter"/><note xml:id="n02"> Vgl. eine alte Mönchsgeschichte, die z. B. zu finden ist in <bibl corresp="kbga-bibls-2130"><persName ref="kbga-actors-624">P. Jaeger</persName>, <hi rend="italic">Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage</hi>, Tübingen 1917, S. 111, Anm. 1</bibl>: «Zwei Mönche hatten viel miteinander vom Himmel gesprochen, wie es wohl sein möchte. Sie verabredeten, daß, wer zuerst abgerufen würde, dem Zurückbleibenden im Traume erscheinen und ihm sagen solle, wie es sei. Der Eine starb bald, und als er dem Andern im Traume erschien, fragte ihn der in seinem Mönchslatein: Taliter – qualiter? (Ist es so, wie wir es uns gedacht hatten?) Aber die Antwort lautete: Totaliter aliter! (Vollkommen anders).» Vgl. auch oben <ref type="pub" target="../volume/47/p047#fn_n04">S. 47, Anm. 4</ref>.</note> bestimmte Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>; denn es <hi rend="italic">ist</hi> (in dieser unsrer eigenen Frage!) ein fremdes und doch bekanntes, bekanntes und doch fremdes Auge, das uns schaut im Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits"/>, im unumgekehrten<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «umgekehrten». Korrektur nach<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> und <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>).</note> Sinn, in der unverwandelten Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> unsres Lebens, in unsrer schlechthinigen Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/> und Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/>. Mit der Frage nach dem Woher? unsres durch die Einsicht unsrer schlechthinigen Sündigkeit und Sterblichkeit charakterisierten Wissens<term type="begriffe" key="Wissen, um sich selbst"/> um uns selbst stoßen wir unmittelbar auf die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen gegenüberstehenden <hi rend="italic">neuen</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Er <hi rend="italic">ist.</hi> Diese Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, gefallene"/> ist, nicht in der Zeit, aber in der Ewigkeit, die der Zeit Beschränkung ist, <hi rend="italic">gefallen.</hi> Mag sie außerhalb jener Frage, mit der wir den Zitterrochen<term type="begriffe" key="Zitterrochen"/>, die
        die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> beschränkende Ewigkeit (nur als solche!) berühren, tausendmal aufs neue gesucht werden, so ist sie doch in und mit jener Frage ein für allemal gefunden und gegeben. <pb ed="pga" xml:id="p374"/>  Jene Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> <hi rend="italic">ist</hi><note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «ist».</note> diese Antwort. Der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> <hi rend="italic">ist.</hi> Er <hi rend="italic">ist</hi> das Ja<term type="begriffe" key="Geist, Ja/Nein"/>, das (als sein Nein!) jenes Wissen des Menschen von sich selbst aus sich entlässt! Er ist – als dieses Nein – die Grenze, der Sinn, die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> des Menschenlebens. Er ist also – als Ja<term type="begriffe" key="Geist, Ja/Nein"/> – das Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> dieser Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> dieses Sinns, die neue Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, neue"/>. Das Wissen des Menschen<term type="begriffe" key="Wissen, um sich selbst"/> um sich selbst bezogen auf seinen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, in das <hi rend="italic">Licht</hi> seines Ursprungs gestellt, die in jenem Wissen vollzogene Relativierung aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, begriffen in ihrer eigenen Relativität<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/> gegenüber dem Absoluten, das solcher Relativierung Möglichkeit ist, der «unglückselige Mensch» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">7,24</ref>), der ich bin, von oben, von außen (und doch von mir selbst!) gesehen, erkannt in seiner schlechthinigen Überragtheit durch einen ganz anderen Menschen, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/> (und paradoxerweise doch von mir selbst erkannt!) – das ist’s! Also bezogen, begriffen, gesehen und erkannt trifft uns das Todesurteil<term type="begriffe" key="Todesurteil"/>, in dessen Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, gerade er, sich und alles Fleisch vorfindet, nicht. Denn also bezogen, begriffen, gesehen und erkannt <hi rend="italic">vernehmen</hi> wir das schnelle Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind, der das ganze Haus erfüllt (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.2">Act. 2,2</ref>), <hi rend="italic">sehen</hi> wir die heilige Stadt, das neue Jerusalem<term type="begriffe" key="Jerusalem, neues"/>, von Gott aus dem Himmel herabfahren (<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>), <hi rend="italic">sind</hi> wir «im Christus Jesus»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>. Das heißt «im Christus Jesus» sein: unsere Einbeziehung in die in Jesus als dem Christus sich offenbarende Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen, in der er als <hi rend="italic">neuer</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> begründet wird. Dieser neue <pb ed="A" n="256"/> Mensch ist aus dem Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/> gekommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>]. Nehmen wir teil an seiner Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/>, so trifft uns das Todesurteil<term type="begriffe" key="Todesurteil"/>, das jenen trifft, nicht mehr; denn es ist schon vollstreckt.</p>
        <p><hi rend="italic">«Denn das Gesetz des Geistes des Lebens im Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.»</hi> Es gibt eine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Geistes"/> <hi rend="italic">über</hi> allen Möglichkeiten, die eben darum nicht <hi rend="italic">eine</hi><note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «eine».</note> Möglichkeit <hi rend="italic">neben</hi> andern ist, sondern wie die Sünde, und indem sie als Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> an ihre Stelle tritt, der Generalnenner aller andern Möglichkeiten. Es gibt ein ein für allemal Gegebenes<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, so sehr einmal, dass es nur als das <hi rend="italic">kein</hi>mal Gegebene am Rande<term type="begriffe" key="Rand"/> alles Gegebenen erscheinen kann. Es gibt ein höchstes Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, höchstes"/>, mit dem als der <pb ed="pga" xml:id="p375"/> Verfassung alle Gesetze stehen und fallen. Diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Geistes"/>, dieses Gegebene, dieses Gesetz ist der Geist<term type="begriffe" key="Gesetz, als Geist"/>. Und der Geist<term type="begriffe" key="Geist, in Christus offenbartes Leben"/> ist das Neue, das Existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/>, das Einmalige und Universale des im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> offenbarten Lebens<term type="begriffe" key="Leben"/>.</p>
        
        <p><hi rend="italic">Wir reden vom Geist.</hi> Aber<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">Geist</hi>, weil wir müssen. Aber».</note> kann man denn das? Nein, das kann man nicht; denn wir haben wohl viele Worte für die vielen Möglichkeiten, aber kein einziges Wort für diese, für die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> unsres Lebens. Warum schweigen wir denn<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng">Druckmanuskript: «dann».</note> nicht von ihm? Wir müssen auch von ihm schweigen; aber kompromittiert wird er durch unser Schweigen<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/> sowohl wie durch unser Reden. Gedient ist ihm durch Schweigen an sich so wenig wie durch Reden. Und es bleibt dabei, dass er das <hi rend="italic">Wort</hi><term type="begriffe" key="Wort"/> ist, das in unserem Reden wie in unserem Schweigen verkündigt werden will. Nichtreden- und Nichtschweigenkönnen, Reden- und Schweigenmüssen<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/> – wir sind dem Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> gegenüber in einem letzten Gedränge, wie wir uns auch wenden und drehen mögen, und einen eindeutigen Ausgang aus diesem Gedränge <hi rend="italic">gibt</hi> es nicht. Mögen wir zusehen, dass unser Reden zu seiner Zeit geschehe und unser Schweigen zu seiner Zeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.7">Pred. 3,7</ref>], um zugleich einzusehen, dass, wenn wir das Rechte treffen, <hi rend="italic">nicht wir</hi> es sind, die das Rechte getroffen haben (nicht wir als religiöse Redner<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/> oder Schweiger!), dass der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> selber dann geredet <hi rend="italic">oder</hi> geschwiegen hat.</p>
        <p><hi rend="italic">Wir haben den Geist</hi><term type="begriffe" key="Geist"/>. Wer auf die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des Geistes gestoßen ist, der ist eben damit auf seine eigene Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> in Gott gestoßen. Wir können, wir wollen nicht leugnen, nicht verbergen, nicht verundeutlichen, dass wir das Brausen vom Himmel gehört [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.2">Act. 2,2</ref>], das neue Jerusalem<term type="begriffe" key="Jerusalem, neues"/> gesehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>], die ewige Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, ewige"/> gefunden haben, dass wir «im Christus Jesus» <hi rend="italic">sind</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>. Aber was heißt «gesehen», «gehört»<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, «sind»? Was heißt «wir haben»? Ob wir das <hi rend="italic">«wir»</hi> oder das <hi rend="italic">«haben»</hi> betonen, wir bewegen uns damit, gerade damit <pb ed="A" n="257"/> typisch auf dem Gebiet der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>. Wir meinen <hi rend="italic">nicht</hi> den Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, sofern wir ihn mit <hi rend="italic">«wir»</hi> und mit <hi rend="italic">«haben»</hi> in Verbindung bringen. Und müssen es doch, weil wir nicht anders dürfen und auch nicht anders – können. Sagen wir es nicht, so denken wir es doch, denken wir es nicht, so fühlen wir es doch: wir haben den Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>. Das Unzu<pb ed="pga" xml:id="p376" break="no"/>lässige geschieht auf alle Fälle. Wir müssen jedenfalls wissen um seine Unzulässigkeit, wissen, dass «wir» nur «nicht wir» und «haben» nur «nicht haben» bedeuten kann. Vielleicht dass <hi rend="italic">dann</hi> dem Unzulässigen die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> gegenübersteht: ein qualifiziertes «wir» und ein qualifiziertes «haben», das alle «wir» und alles «haben» der Menschen virtuell in sich begreift, ohne doch aufzuhören, ihnen als Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> und Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> gegenüberzustehen<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh">Druckmanuskript: «gegenüberzutreten».</note>. Vielleicht, dass «wir» <hi rend="italic">dann</hi> nicht nur diese und jene sind, sondern (als «nicht wir»!) die Repräsentanten und Erstlinge Aller [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.18">Jak. 1,18</ref>], unser «haben» nicht nur eine historisch-psychische Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/>, sondern (als unser «nicht haben»!) die ewige Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, ewige B. des Menschen"/> des Menschen, unser Sein<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/> «im Christus Jesus» nicht nur das Dasein einer Gemeinde, sondern (als unser Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/>) die Gemeinschaft der Geister in der Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, des Geistes"/> des Geistes. Vielleicht, dass <hi rend="italic">dann</hi> die Andern, die Vielen uns gegenüber (sofern wir «nicht wir» sind, sofern wir «nichts<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni">Druckmanuskript: «nicht».</note> haben» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.6.10">2.Kor. 6,10</ref>]!) aufhören die Andern, die Nicht-Habenden zu sein, sondern uns in ihren eigenen Zungen reden hören die großen Taten<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.11">Act. 2,11</ref>). Jedenfalls ist auch hier unsre Scheu, den Geist<term type="begriffe" key="Geist, Verleugnung"/> zu verleugnen, unverhältnismäßig viel größer als die Scheu, uns selbst in eine zweideutige<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/>, in die religiöse Stellung zu begeben.</p>
        <p><hi rend="italic">Wir rechnen mit dem Geist</hi><term type="begriffe" key="Geist"/>. Ja, als ob er ein Faktor, ein Motiv, ein Wirksames, eine Ursache<term type="begriffe" key="Ursache"/> wäre! Und wissen doch, dass er das alles <hi rend="italic">nicht</hi> ist, sondern actus purus<term type="begriffe" key="actus purus"/><note xml:id="n03"> Der Begriff «<foreign xml:lang="lat">actus purus</foreign>» (bzw. «purissimus») als Bezeichnung der Wirklichkeit Gottes ist Gemeingut der scholastischen und der reformiert-orthodoxen Theologie; siehe z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3636"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, <hi rend="italic">Summa Theologiae</hi>, I q.3 a.2 c.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Deus est purus actus, non habens aliquid de potentialitate</foreign>»; <bibl corresp="kbga-bibls-263">HpB 43.54</bibl>.</note>, reine Aktualität, reines Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/>, ohne Anfang noch Ende, ohne Schranke noch Bedingung, ohne Ort noch Zeit, nicht Etwas neben Anderem, nicht Sache und darum auch nicht Ur-Sache. Aber gerade das Paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox"/> geschieht ja: der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> wird als Geist Etwas neben Anderem, das Nicht-Gegebene<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/> wird gegeben, das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> möglich, das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> anschaulich, das Unbekannte<term type="begriffe" key="Unbekannte"/> bekannt. Das ist ja das Paradoxon<term type="begriffe" key="Paradox, des Geistes"/> des Geistes, dass er, der nur in Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> zu Beschreibende, <hi rend="italic">ist</hi>, und dem muss offenbar uns<pb ed="pga" xml:id="p377" break="no"/>rerseits das Paradoxon entsprechen, dass wir uns unterwinden, mit ihm zu rechnen, als wäre er Etwas neben Anderem, als wäre er Ursache, dass wir also auf ihn warten, um ihn bitten, eigenes, eigenartig bestimmtes Tun ihm zutrauen, seinem Walten stille halten<note xml:id="n04"> Vgl. den Choral <bibl type="song" corresp="kbga-songs-291">«Stillehalten deinem Walten» von <persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbach</persName>, GERS (1891) 290; GERS (1952) 291</bibl>.</note>, Sorge tragen, ihn nicht zu betrüben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.30">Eph. 4,30</ref>], ihn anbeten als dritte Person<term type="begriffe" key="Geist, dritte Person der Gottheit"/> der Gottheit. Mag solche Haltung in jedem einzelnen Augenblick darin bestehen müssen, sich selbst aufzuheben<term type="begriffe" key="Aufhebung, Selbst-"/>, wir können und dürfen uns doch der Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> <pb ed="A" n="258"/> nicht entziehen, in jedem einzelnen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der menschlichen Entsprechung zum Geist"/> eine der höchst existentiellen<term type="begriffe" key="existentiell"/> Tatsache des Geistes<term type="begriffe" key="Geist, existentielle Tatsache"/> irgendwie entsprechenwollende Haltung einzunehmen. Mögen wir’s wissen, dass keine menschliche Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> dem Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> tatsächlich entspricht, vielleicht dass gerade dann der Geist <hi rend="italic">uns</hi> entspricht, für <hi rend="italic">uns</hi> einsteht, <hi rend="italic">uns</hi> als die nicht zu Rechtfertigenden rechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>. Lieber als die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gegen den heiligen Geist"/> gegen den heiligen Geist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.31">Mt. 12,31</ref> par.] wählen wir noch einmal das nicht zu rechtfertigende religiöse Tun.</p>
        <p>Der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> redet, handelt, wirkt. Du weißt nicht, was das heißt? Ja und ich weiß nicht, was ich damit sage. Aber er hat schon geredet, gehandelt, gewirkt, so gewiss er der Gesamtheit dessen, was ich sagen und du hören kannst, gegenübergetreten (und wäre es nur in unsrer gemeinsamen Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> <hi rend="italic">gegenüber</hi>getreten!) ist als das radikal Andere<term type="begriffe" key="Andere, radikal"/>. Du stehst mit mir vor vollendeten Tatsachen. Nur um ihre Deutung, nicht um ihre Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> kann sich unsre Verlegenheit<term type="begriffe" key="Verlegenheit"/> bemühen. Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, befreit"/> «hat dich freigemacht vom Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Sünde und des Todes"/> der Sünde und des Todes». Dich, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> dich! Die im Christus Jesus geschehene Wendung, Drehung, Umkehrung ist die <hi rend="italic">deinige.</hi> Die in ihm gegebene Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Geistes"/> ist <hi rend="italic">deine</hi> Möglichkeit. Das in ihm erschienene Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.2">1.Joh. 1,2</ref>] ist <hi rend="italic">dein</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>. Das Gebiet <hi rend="italic">deines</hi> Redens, Handelns, Wirkens ist umgeben von dem eines unübersehbar und unvergleichlich Andern<term type="begriffe" key="Andere, das unvergleichlich"/>. Relativ, bezogen auf das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, des Geistes"/> aller Gesetze, ist das von dir selbst als das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Sünde und des Todes"/> deiner Sünde und deines Todes eingesehene Gottesgebot. Du sündigst – an der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> dieses Andern<term type="begriffe" key="Andere, der"/>. Du stirbst – am Leben dieses Andern<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. Dein Nein ist Nein – nur am Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> dieses Andern. Wo bleibt deine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Tod"/>, wo bleibt dein Tod, wo bleibt dein Nein, wenn dir<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> im Christus Jesus ihre Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> diesem Andern, diesem ganz und gar <pb ed="pga" xml:id="p378"/> Andern<term type="begriffe" key="Andere, das ganz"/> Gottes gegenüber offenbar wird? Kein Relativum bleibt, das nicht zur Bezogenheit, kein Konkretes, das nicht zum Hinweis, keine Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, die nicht zum Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> würde. Du bist frei – in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Gefangenschaft des Menschen"/> deiner Gefangenschaft<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/>. Du bist gerecht – in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Sünde"/> deiner Sünde<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Du lebst – in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Todes"/> deines Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>. Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, befreit"/> <hi rend="italic">macht</hi> dich frei, gerecht<term type="begriffe" key="Geist, macht gerecht"/>, lebendig<term type="begriffe" key="Geist, macht lebendig"/>. Denn der Geist <hi rend="italic">ist</hi> die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, als Geist"/>. Der Geist ist das ewig Gefundene, ohne das wir, unter das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Sünde und des Todes"/> der Sünde und des Todes getan, wie wir sind, nicht suchen würden.<note xml:id="n05"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3637"><persName ref="kbga-actors-720">B. Pascal</persName>, <hi rend="italic">Pensées</hi> (1670), Fragment 751 (Ph. Sellier) (919 [L. Lafuma], 553 [L. Brunschvicg]), in: <hi rend="italic">Pensées, opuscules et lettres</hi>, hrsg. von Ph. Sellier (Bibliothèque du XVII<hi rend="sup">e</hi> siècle 2), Paris 2010, S. 604</bibl>: «<foreign xml:lang="fre">Console-toi, tu ne me chercherais pas si tu ne m’avais trouvé.</foreign>» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3638"><persName ref="kbga-actors-1997">Bernhard von Clairvaux</persName>, <hi rend="italic">De diligendo Deo, VII</hi>, PL 182, 987C</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">nemo te quaerere valet, nisi qui prius invenerit</foreign>».</note> «Mit dem lebendigen Feuer<term type="begriffe" key="Geist, Feuer"/> schreibt er das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, in das Herz geschrieben"/> Gottes in unser Herz<term type="begriffe" key="Herz"/>» und ist eben darum «nicht
        Lehre<term type="begriffe" key="Geist, keine Lehre sondern Leben"/>, sondern Leben, nicht Wort, sondern das Wesen, nicht Zeichen, sondern die Fülle selbst» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n06">  <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 122</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-2045"><hi rend="italic">Vom Mißbrauch der Messe</hi> (1521), WA 8, 539,27f.; 540,1-3</bibl> (entsprechend, orthographisch modernisiert, bei Eberle): «Denn das lebendige wort Christi, wenn mans prediget, gibt den geyst, welcher mit dem lebendigen fewr schreybt das gesetz gotts ynn unßer hertz». «Alßo ist das gesetz Christi nicht lere, ßonder leben, nicht wortt, ßonder das weßen, nicht tzeychen, ßondern die fulle selbs.»</note></p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3 Röm.8.4">V. 3‒4</ref> Denn</hi>
        es geschah <hi rend="bold">das dem Gesetz Unmögliche, das, wozu es sich als</hi>
        zu <hi rend="bold">schwach erwies wegen des</hi>
        Widerstandes des <hi rend="bold">Fleisches: Gott sandte seinen eigenen Sohn, im Gleichnis des sündebeherrschten Fleisches und der</hi>
        Vernichtung der <hi rend="bold">Sünde wegen, und sprach</hi>
        so <pb ed="A" n="259"/> <hi rend="bold">der Sünde das Todesurteil</hi>
        mitten <hi rend="bold">im Fleische, damit die Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt werde an uns, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste.</hi></p>
        <p><hi rend="italic">«Es geschah das dem Gesetz Unmögliche, das, wozu es sich als schwach erwies wegen des Fleisches.»</hi> Was ist dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> unmöglich? Wir hören es nachher: der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> das Todesurteil<term type="begriffe" key="Todesurteil"/> zu sprechen. Oder wie wir eben gehört haben: den Menschen in Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> zu setzen, ihn auf ewigen Grund zu stellen, das über <hi rend="italic">ihn</hi> ausgesprochene Todesurteil aufzuheben. Alle Religion<term type="begriffe" key="Religion, gottlos"/> kann nichts daran ändern, dass das Tun <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> ohne Gott getan ist. Sie kann die Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit"/> nur aufdecken in ihrer vollen Blüte. Denn Religion ist als ein bestimm<pb ed="pga" xml:id="p379" break="no"/>tes Sein<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, Haben und Tun des Menschen Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Sie nimmt Teil an der Verworrenheit und wesentlichen Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> alles Menschlichen. Sie ist seine höchste Spitze<term type="begriffe" key="höchste Spitze"/>, seine Vollendung, aber nicht seine Überwindung, nicht seine Erneuerung. Auch nicht als urchristliche Religion<term type="begriffe" key="Religion, urchristliche"/>. Auch nicht als Religion des <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> oder der Reformatoren<term type="begriffe" key="Religion, der Reformatoren"/>. Kein Zufall der Geruch des Todes zum Tode [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.2.16">2.Kor. 2,16</ref>], der gerade von den (wirklichen!) Gipfeln<term type="begriffe" key="Gipfel, der Religion"/> der Religion scheinbar unvermeidlich auszugehen pflegt: die plattfreisinnige Bürgerlichkeit<term type="begriffe" key="Bürgerlichkeit"/>, die etwa <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, der giftige<term type="begriffe" key="Religion, und Pietismus"/> Überpietismus<term type="begriffe" key="Pietismus, Über-"/>, den <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, die hysterische<term type="begriffe" key="Religion, und Zerrissenheit"/> Zerrissenheit, die <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName>, die allzu große Gemütlichkeit<term type="begriffe" key="Religion, und Gemütlichkeit"/>, die <rs type="person" ref="kbga-actors-47 kbga-actors-48"> Blumhardt</rs>, Vater und Sohn, offenkundig um sich verbreitet haben. Wehe, wenn von den Gipfeln<term type="begriffe" key="Gipfel, der Religion"/> der Religion allenfalls nur Religion<term type="begriffe" key="Religion, nimmt gefangen"/> ausgeht! Sie befreit nicht, sie nimmt gefangen, schlimmer als irgend etwas anderes gefangen nehmen kann. Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> ist Fleisch. Was im Fleische geschieht, was vom Menschen aus in der Richtung auf Gott hin unternommen wird, das ist als solches «schwach». Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/>, Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> ist «schwach» im absoluten Sinn. Sie ist es kraft des unendlichen qualitativen Unterschieds von Gott und Mensch<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/>. Sie ist als menschliche, ganz und gar menschliche Geschichte Fleisch. Sie ist Fleisch, auch wenn sie sich selbst drapiert als «Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/>». Und alles Fleisch ist wie Gras. Das Gras ist verdorrt und die Blume ist abgefallen. Aber das Wort unsres Gottes bleibt ewiglich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.6 Jes.40.8">Jes. 40,6–8</ref>].</p>
        <p><hi rend="italic">«Gott sandte seinen eigenen Sohn.»</hi> Das ist das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes. «Gottes eigener Sohn» ist Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>. Um die göttliche Einmaligkeit<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/> und Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> handelt es sich. Ihre Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/> ist das befreiende Wort, das die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> nicht findet. Ihr Verkündiger<term type="begriffe" key="Verkündiger"/> ist «Gottes eigener Sohn». <hi rend="italic">Jesus</hi>, das ist Gottes Existentialität, beleuchtet durch seine Einmaligkeit<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/>. Darum Durchkreuzung alles Rationalismus<term type="begriffe" key="Rationalismus"/> durch das Skandalon<term type="begriffe" key="Skandalon, der Offenbarung"/> der geschichtlichen Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, geschichtliche"/> des Christus. Gott ist nicht «notwendige Vernunft<pb ed="A" n="260" break="no"/>wahrheit»<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-3639"><persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>, <hi rend="italic">Über den Beweis des Geistes und der Kraft</hi> (1777), Werke und Briefe, hrsg. von W. Barner u. a. , Bd. 8 (Bibliothek deutscher Klassiker, Bd. 45), Frankfurt a.M. 1989, S. 441</bibl>: «Wenn keine historische Wahrheit demonstrieret werden kann: so kann auch nichts <hi rend="italic">durch</hi> historische Wahrheiten demonstrieret werden. Das ist: <hi rend="italic">zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden.»</hi></note><term type="begriffe" key="Vernunftwahrheit, notwendige"/>. Seine Ewigkeit<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/> ist nicht die ungefährliche, unparadoxe, direkt zu bejahende Stetigkeit allge<pb ed="pga" xml:id="p380" break="no"/>meiner Ideen<term type="begriffe" key="Idee"/> (Gottesidee, Christusidee, Mittleridee<note xml:id="n08"> Diese Redeweise geht vielleicht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-152"><persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet</hi>, Bd. 2, Tübingen 1836</bibl>, s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p213#fn_n26">S. 219, Anm. 26</ref>.</note> u. dergl.). Und seine Allmacht<term type="begriffe" key="Gott, Allmacht"/> ist nicht die Notwendigkeit einer logisch-mathematischen Funktion. Sondern Gott ist Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Persönlichkeit"/>, der Einmalige, der Einige<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj">Druckmanuskript: «Einzige».</note>, der Einzigartige und als solcher der Ewige und Allmächtige, nichts<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk">Druckmanuskript: «nicht».</note> sonst. Des zum Erweis Jesus, der menschliche, der geschichtliche Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/>. Aber Jesus ist der <hi rend="italic">Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/>. Das ist Gottes Einmaligkeit, <term type="begriffe" key="Gott, Einmaligkeit"/> beleuchtet durch seine Existentialität<term type="begriffe" key="Gott, Existentialität"/>. Darum allem gläubigen und ungläubigen Historismus<term type="begriffe" key="Historismus"/> und Psychologismus<term type="begriffe" key="Psychologismus"/> zum Trotz das Skandalon<term type="begriffe" key="Skandalon, der Offenbarung"/> einer ewigen Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> in Jesus, einer Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Abraham"/> dessen, was wahrlich auch schon <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> sahen<term type="begriffe" key="Offenbarung, Plato"/>. Gott ist keine «zufällige Geschichtswahrheit», sein Tun entzieht sich mit einem schroffen Niemals! und Immer! allem Mythologisieren<term type="begriffe" key="Mythologie"/> und Pragmatisieren<term type="begriffe" key="Pragmatik"/>, allem Geschichtenerzählen. Gottes Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> durchschlägt gerade in Jesus alle historisch-psychologischen<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Indirektheiten, Mittelbarkeiten<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/>, alles Gebundensein an Dies und Das, Hier und Dort. Als der Ewige<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/> und Allmächtige<term type="begriffe" key="Gott, Allmacht"/> ist er der Einmalige<term type="begriffe" key="Gott, Einmaligkeit"/> und Einzige, nichts<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl">Druckmanuskript:
        «nicht». Im<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> von fremder Hand in «nichts» verändert.</note> sonst. Des zum Erweis Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/> der Christus, der ewige Christus. Dort wo die Wege sich kreuzen, steht Gottes eigener Sohn, nirgends sonst. <hi rend="italic">Gott sendet ihn:</hi> aus dem Reich der ewigen, der nicht gefallenen, der uns unbekannten Welt des Anfangs und des Endes, also (wahrhaftig, nun soll kein Orthodoxer<term type="begriffe" key="Orthodox"/> zustimmend frohlocken!) «gezeugt, nicht geschaffen»<note xml:id="n09"> <bibl corresp="kbga-bibls-1577">Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum, DH 150</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">genitum, non factum</foreign>».</note> (im Gegensatz zu allem, was wir als Kreatur kennen), also «geboren aus <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> der Jungfrau»<note xml:id="n10"> <bibl corresp="kbga-bibls-3640">Symbolum Apostolicum, DH 30</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">natus ex <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> virgine</foreign>».</note> (als Protest gegen die angemaßte Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> des uns bekannten Systems von Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/>, Natur und Geschichte<term type="begriffe" key="Natur, und Geschichte"/>), also «wahrer Gott und wahrer Mensch<term type="begriffe" key="Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch"/>»<note xml:id="n11"> <bibl corresp="kbga-bibls-2799">Symbolum Chalcedonense, DS 301</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">deum vere et hominem vere</foreign>».</note> (als Dokument der ursprünglichen, verlorenen, nicht zu verlierenden Einheit von Gott<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> und Mensch). <hi rend="italic">Gott sendet ihn:</hi> in diese unsre zeitliche, gefallene, nur zu bekannte Welt, in dieses letztlich nur nach biologischen <pb ed="pga" xml:id="p381"/> Kategorien zu deutende System, das wir die Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>, in dieses letztlich nur unter ökonomisch-materialistischen Gesichtspunkten verständliche System, das wir die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, ökonomisch-materialistische"/> heißen, in diese Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/>, in dieses Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> also. Jawohl: das Wort<term type="begriffe" key="Wort"/> ward Fleisch, «sündebeherrschtes Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, sündebeherrscht"/>» sogar, wie wir nachher hören. <hi rend="italic">Gott sendet ihn:</hi> Nicht um hier irgend etwas zu verändern, nicht um das Fleisch durch Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> zu verbessern, durch Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/> zu verklären, durch Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft"/> zu rationalisieren, durch die Fata Morgana der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Fata Morgana"/> zu überhöhen, sondern um des Fleisches Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Fleisches"/> zu verkündigen, den neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, in dem Gott sich erkennt als in seinem Ebenbild und der in Gott als in seinem Urbild<term type="begriffe" key="Urbild"/> sich selber erkennt; die neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, in der Gott nicht erst zu siegen braucht, weil er schon gesiegt hat<note xml:id="n12"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3411"><persName ref="kbga-actors-23">H. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gotteserkenntnis</hi> (1919), in: <hi rend="italic">Vorträge an der Aarauer Studentenkonferenz 1919</hi>, Basel 1919, S. 35–79, dort S. 79</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 255</bibl>: «In königlicher Souveränität, in unvergleichbarer Freiheit tritt das Göttliche auf in der Menschheit, als ein Zeugnis, das der Anerkennung nicht bedarf, als eine Wahrheit, die unbekümmert um alles Geschehen zu Recht besteht, als eine Sache, die nicht einmal zu siegen nötig hat, weil sie schon gesiegt hat.»</note>, in <pb ed="A" n="261"/> der er nicht Etwas neben Anderem ist, sondern Alles in Allem<term type="begriffe" key="Gott, Alles in Allem"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>]; die neue Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>, in der Schöpfer und Geschöpf<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf, Einheit"/> nicht zwei, sondern eins sind. – Daran mögen wir uns beständig prüfen, ob wir von der Sendung des Sohnes Gottes<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> recht reden: wenn nicht jeder möglichen menschlichen Betrachtungsweise an einem bestimmten Punkt ihr spezielles echtes und kräftiges Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, im Blick auf Sendung des Sohnes"/> geboten ist, dann haben wir sicher von etwas anderem geredet.</p>
        <p>Denn Gott sandte<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> seinen Sohn <hi rend="italic">«der Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/> <hi rend="italic">wegen».</hi> Darum muss das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes, wenn es recht geredet wird, allen andern Worten immer mindestens um eine Pferdelänge voraus sein, darum ist die Sendung<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> des Gottessohnes nur in kräftigsten Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> zu umschreiben, nur als Paradoxon<term type="begriffe" key="Paradox"/> zu verkündigen, nur als das absurdum<term type="begriffe" key="absurdum"/>, das als solches das credibile<note xml:id="n13"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p156#p156">S. 156</ref>.</note> ist, zu begreifen, weil sie die göttliche Reaktion gegen die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> ist. Das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, im Blick auf Sendung des Sohnes"/>, das sie uns gibt, ist der Reflex<term type="begriffe" key="Reflex"/> des Ärgernisses, das wir für Gott sind. Sie ist die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> dessen, was wir als Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/>, Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> kennen, darum innerhalb jedes vorstellbaren Systems nur als Verneinung seines Ausgangspunktes zu begreifen. Sie ist die göttliche Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> auf die durch <pb ed="pga" xml:id="p382"/> die Herrschaft der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> bedingte letzte und unauflösliche Frage<term type="begriffe" key="Frage, letzte"/> dieses Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, darum diesem Menschen in dieser Welt nie in seinen eigenen Antworten, auch nicht in seinen als vorletzte, auflösliche Fragen<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> verkleideten Antworten, sondern wirklich nur in seiner <hi rend="italic">letzten unauflöslichen</hi> Frage gegeben. Sie ist die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, die als solche der letzten möglichen Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen"/> des Menschen, seiner wesentlichen Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/>, siegreich überlegen gegenübertritt, darum selber keine menschliche Bestimmtheit, Gerechtigkeit, Größe, <hi rend="sup">z</hi>kein in irgend eine menschliche Rechnung einzustellender Faktor, kein in irgend ein menschlich in sich gerundetes Bild passendes Datum<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm">Druckmanuskript: «kein in irgend eine menschliche Rechnung einzustellender Faktor, kein in irgend ein menschlich in sich gerundetes Bild sich einfügender Sektor». <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): « […] einzustellender Faktor,  […] sich einfügender Faktor». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar. Diese oben in den Text übernommene Korrektur ist im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) unrichtig ausgeführt worden: «kein in irgendeine menschliche Rechnung passendes Datum, kein in irgendein menschlich in sich gerundetes Bild sich einfügender Faktor».</note> – von uns aus gesehen vielmehr immer nur als das Überzählige, Zweifelhafte, Problematische am Rand<term type="begriffe" key="Rand"/>, an der Peripherie alles rational<term type="begriffe" key="rational"/> oder pragmatisch<term type="begriffe" key="Pragmatik"/> Möglichen<term type="begriffe" key="Mögliche"/> festzustellen: als das Nicht-Feststellbare.</p>
        <p>Denn Gott sandte<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> seinen Sohn im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> <hi rend="italic">«des sündebeherrschten Fleisches</hi><term type="begriffe" key="Fleisch, sündebeherrscht"/><hi rend="italic">».</hi> Also nicht als unmittelbare Mitteilung und Setzung paradiesischer Unschuld, paradiesischen<term type="begriffe" key="Paradies"/> Lebens erfolgt diese Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/>. Sie kann nicht. Sie darf nicht. Sie erfolgt ja «der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> wegen». Erfolgte sie unmittelbar, in direkter Feststellbarkeit ihrer Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/>, so wäre sie nicht, was sie ist: göttliche Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>, Antwort<term type="begriffe" key="Antwort"/>, Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, sie wäre dann nicht das dem ganzen menschlichen Bereich gegenüberstehende und ihn aufhebende Andere<term type="begriffe" key="Andere, das Andere Gottes"/> Gottes, sondern innerhalb dieses Bereiches ein Zweites neben einem Ersten, eine von den die rohe nüchterne Wirklichkeit <pb ed="A" n="262"/> dieses Bereiches schaumkronenartig überhöhenden Ideologien<term type="begriffe" key="Ideologie"/> und Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/>. In Wahrheit ist sie so sehr das Andere<term type="begriffe" key="Andere, das"/> gegenüber diesem Bereich, dass sie in ihm nur <hi rend="italic">ohne</hi> alle Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> als ein Zweites, <hi rend="italic">nicht</hi> in Form einer Überhöhung der übrigen Erscheinungen dieses Bereichs auftreten kann. Sie ist gegenüber der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> und ihren sämtlichen möglichen Überhöhungen die schlechthin überlegene Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> und eben darum, und das ist die «göttliche Hinterlist» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n14"> <bibl corresp="kbga-bibls-3571"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Abschließende Nachschrift, S. 317</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 7, S. 223</bibl>).</note>, <hi rend="italic">keine</hi> als solche <pb ed="pga" xml:id="p383"/> unmittelbar anzusprechende besondere Wirklichkeit. <hi rend="italic">Ist</hi> sie eine solche, dann nur durch Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> Gottes als solche kenntlich, nicht sonst. Hüten wir uns also vor «der undialektisch<term type="begriffe" key="undialektisch"/> faselnden Klimax des Pfarrergeschreis<term type="begriffe" key="Pfarrer"/>: in dem Grade war Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> Gott, dass man es sofort und direkt sehen konnte»<note xml:id="n15"> <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 115</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 133</bibl>).</note>, vor dieser Blasphemie<term type="begriffe" key="Blasphemie"/>, bei der man «ohne Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> vor der Gottheit, ohne den Todeskampf<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/>, der die Geburt des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, Geburt des"/> ist, ohne das Schauern, das bei der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> das erste ist, ohne den Schrecken vor der Möglichkeit des Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, im Blick auf das Gottsein Jesu"/> <hi rend="italic">das</hi> sogleich direkt zu wissen bekommt, was nicht direkt gewußt werden kann»<note xml:id="n16"> <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 121f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 139</bibl>): «Wenn man sich nur die Mühe macht so in direkter derber Gemütlichkeit zu ihm zu sagen ‹sag mir nun einmal im Ernst›, so bekommt man ohne Furcht und Zittern [...] vor der Möglichkeit des Ärgernisses, man bekommt das sogleich direkt zu wissen, was nicht direkt gewusst werden kann».</note>, «anstatt zu sagen: er war <hi rend="italic">wahrer</hi> Gott und darum <hi rend="italic">in dem Grade</hi> Gott, daß er in der Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Unkenntlichkeit"/> war» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n17"> <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 115</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 133</bibl>); erste Hervorhebung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note>. Keine Sendung<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> des Sohnes Gottes anders als «im Gleichnis des sündebeherrschten Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch, sündebeherrscht"/>», in der
        Knechtsgestalt<term type="begriffe" key="Knechtsgestalt"/>, in der Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Unkenntlichkeit"/>, im Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/>: Jesus Christus war kein «solch öffentlich ernster Mann, beinahe so ernst wie der Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/>» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n18"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-1052"> <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 121</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 139</bibl>): «Der Juden ein Ärgernis, Griechen eine Torheit war, das Mysterium, durch das alles offenbar wurde, aber im Mysterium: den macht man menschlich zu solch einem öffentlich ernsten Manne, beinahe ebenso ernst wie der Pfarrer.»</note>, <hi rend="italic">gerade das nicht!</hi> – Im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des sündebeherrschten Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch, sündebeherrscht"/> offenbart sich seine wahre <hi rend="italic">Gottheit</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch"/> sowohl wie seine wahre <hi rend="italic">Menschheit</hi>, d. h. aber so, dass es dem Beschauer immer freisteht, beides auch als besondere Kräftigkeit seines Gottesbewusstseins<term type="begriffe" key="Gottesbewusstsein"/><note xml:id="n19"> Die «Kräftigkeit des Gottesbewußtseins» Jesu ist der Schlüsselbegriff der Christologie von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre; s. <bibl corresp="kbga-bibls-256">Der christliche Glaube, Bd. 2, § 94,2, S. 54, Z.23f.26 - S. 55, Z.2</bibl>: «Für diese eigenthümliche Würde Christi aber ist [...] der Ausdrukk unseres Sazes der einzig angemessene, indem Christo ein schlechthin kräftiges Gottesbewußtsein zuschreiben, und ihm ein Sein Gottes beilegen, ganz eines und dasselbe ist.»</note>, als religiös-sittlichen Heroismus<term type="begriffe" key="Heroismus"/> (und das ist’s offenbar, was bei jenem Pfarrergeschrei<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> zum Lobe Jesu gemeint ist!) oder auch als Mythologie<term type="begriffe" key="Mythologie"/> antiker Volksreligionen<term type="begriffe" key="Religion, antike Volksreligionen"/>, <pb ed="pga" xml:id="p384"/> wenn nicht als akute Paranoia<term type="begriffe" key="Paranoia"/><note xml:id="n20"> Mit dem von dem Zürcher Schriftsteller <bibl corresp="kbga-bibls-3641"><persName ref="kbga-actors-2306">J. Kreyenbühl</persName> (<hi rend="italic">Jesus und die Psychiatrie</hi>, in: Aargauer Tagblatt, 67. Jg., Nr. 243 vom
        <date when="1913-09-07">7.9.1913</date>, S. 1f.)</bibl> vorgetragenen Gedanken, Jesus müsse, falls überhaupt eine historischen Gestalt, nach dem Jesusbild der Evangelien psychisch abnormal gewesen sein, hatte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1913 in einem Gegenartikel auseinandergesetzt: <bibl corresp="kbga-bibls-3642"><hi rend="italic">Noch einmal: Jesus und die Psychiatrie</hi>, V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p563#p563">S. 563–571</ref>.</bibl></note> aufzufassen. So auch seine <hi rend="italic">Sündlosigkeit</hi><term type="begriffe" key="Sündlosigkeit"/><hi rend="italic">:</hi> sie ist in ihrer Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> in Jesu Tun und Lassen wahrlich ebenso leicht und ebenso handgreiflich wie bei uns (leichter als bei allen Bessern, Gediegeneren, Frömmeren unter uns!) zu bestreiten, entgegen ihrer heimlichen Behauptung durch den in diesem Tun und Lassen redenden Gott, und sie ist tatsächlich von Jesu unbefangenen Zeitgenossen (die noch nicht wussten, was wir zu wissen – meinen!) aufs unzweideutigste bestritten worden [vgl. z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt. 11,19</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.9.24">Joh. 9,24</ref>]. So auch seine <hi rend="italic">Wunderkraft</hi><term type="begriffe" key="Wunderkraft"/><hi rend="italic">:</hi> sie ist allen psychologischen<term type="begriffe" key="psychologisch"/>, historischen<term type="begriffe" key="historisch"/>, medizinischen, geheimwissenschaftlichen Deutungsversuchen durchaus preisgegeben. So auch sein <hi rend="italic">Bußruf:</hi> es besteht keine Unmöglichkeit, die Bergpredigt<term type="begriffe" key="Bergpredigt"/> moralisch<term type="begriffe" key="Moral"/>, idealistisch<term type="begriffe" key="Idealismus"/>, religiös-romantisch<term type="begriffe" key="romantisch"/>, religiös-sozial<term type="begriffe" key="religiös, -sozial"/> zu halten und zu hören wie so <pb ed="A" n="263"/> manche andre Feld-, Wald- und Wiesenpredigt. So auch sein <hi rend="italic">Sendungsbewusstsein</hi><term type="begriffe" key="Sendungsbewusstsein"/>, sein <hi rend="italic">seelisches Verhältnis zu Gott</hi>, seine <hi rend="italic">Reichsbotschaft:</hi> warum soll dazu nicht jüdische Eschatologie<term type="begriffe" key="Eschatologie, jüdische"/> den Schlüssel bieten, warum nicht Psychoanalyse<term type="begriffe" key="Psychoanalyse"/>, warum nicht historischer Materialismus<term type="begriffe" key="Materialismus"/>? So auch sein <hi rend="italic">Tod</hi><term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> <hi rend="italic">am Kreuz</hi><term type="begriffe" key="Kreuz"/><hi rend="italic">:</hi> man kann ja sagen, was die Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName><term type="begriffe" key="Golgatha"/> sagten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.38 Mt.27.43">Mt. 27,38–43</ref> par.]; man kann ja feststellen, dass hier ein Schwärmer<term type="begriffe" key="Schwärmer"/> in Verzweiflung gestorben ist; man kann sich ja dem Stachel dieses Ereignisses dadurch entziehen, dass man auf seine religionsgeschichtlichen<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> Parallelen verweist. So auch seine <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, als geschichtlicher Vorfall"/><hi rend="italic">:</hi> was sollte die gläubigen und ungläubigen Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> hindern, sie in edlem Wettstreit nach Analogie anderer, ihrem Geiste mehr oder weniger plausibel scheinender Vorgänge zu deuten? was den Kenner höherer Welten<note xml:id="n21"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p137#fn_n19">S. 137, Anm. 19</ref>.</note>, ihr Geheimnis als erwünschtes Wasser auf seine Mühle zu leiten? Und was <persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, sie als «welthistorischen Humbug» zu erklären?<note xml:id="n22"> <bibl corresp="kbga-bibls-3529"><persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntniß</hi> (1872), Gesammelte Schriften, Bd. 6, Bonn 1877, S. 47</bibl>: «Historisch genommen, d. h. die ungeheuren Wirkungen dieses Glaubens mit seiner völligen Grundlosigkeit zusammengehalten, läßt sich die Geschichte von der Auferstehung Jesu nur als ein welthistorischer Humbug bezeichnen.»</note> – Welche geschichtliche Erscheinung stünde <pb ed="pga" xml:id="p385"/> so wehrlos da gegenüber jedem klugen oder törichten Einfall, jeder Deutung und Missdeutung, jedem Gebrauch und Missbrauch, welche so unansehnlich, so zweideutig, so missverständlich wie die geschichtliche Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung, geschichtliche,, von Gottes Sohn"/> von Gottes eigenem Sohn? Kein Punkt in seinem uns bekannten Leben, wo es anders stünde. Kein Punkt, wo es etwa ausgeschlossen wäre, Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, im Blick auf geschichtliche Erscheinung Jesu"/> zu nehmen, wohl aber hundert Punkte, wo es fast unvermeidlich ist, das zu tun, hundert Punkte, wo die rührende Naivität moderner
        Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, moderne"/> nur ausplaudern kann das Missliche, das bitter Selbstverständliche, dass «wir hier anders empfinden als Jesus». «Sündenbeherrschtes Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, sündenbeherrscht"/>»: Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>, Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, Geschichtlichkeit<term type="begriffe" key="Geschichtlichkeit"/>, Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Natürlichkeit"/>, in allen Farben schillernde Fraglichkeit, Tummelplatz für die erhabensten wie für die absurdesten Betrachtungsmöglichkeiten, mit allerlei Steinen, an denen schließlich jede in ihrer speziellen Weise zu Falle kommt – <hi rend="italic">das</hi> ist das «Leben Jesu»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/>, <hi rend="italic">mehr</hi> als irgend ein anderes Leben. Und es <hi rend="italic">muss</hi> das sein. Blasphemie<term type="begriffe" key="Blasphemie"/> ist nicht das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, an Jesus"/>, das wir alle an Jesus nehmen, der eine hier, der andere dort, wohl aber die Meinung, ohne Ärgernis zu nehmen, mit ihm auskommen, von ihm reden und hören zu können.</p>
        <p>Denn <hi rend="italic">«im Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/>» des sündenbeherrschten Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch, sündenbeherrscht"/> sandte Gott seinen Sohn<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> und <hi rend="italic">«sprach damit der Sünde das Todesurteil</hi><term type="begriffe" key="Todesurteil"/> <hi rend="italic">mitten im Fleische»</hi>. Darin beweist und bewährt sich die Gottessohnschaft Jesu Christi<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>, dass in ihr das sündenbeherrschte Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, sündenbeherrscht"/> des Menschen zum Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> wird, dass in ihr Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>, Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, Geschichtlichkeit<term type="begriffe" key="Geschichtlichkeit"/>, Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Natürlichkeit"/> erscheinen als das, was sie sind: <hi rend="italic">nur</hi> als Transparente, <hi rend="italic">nur</hi> als Abbilder<term type="begriffe" key="Abbild"/>, <hi rend="italic">nur</hi> als Hinweise<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, <hi rend="italic">nur</hi> als Relativa im Verhältnis zu Gott <pb ed="A" n="264"/> dem Schöpfer, aber – immerhin als <hi rend="italic">das:</hi> und das ist nicht nichts, das ist nicht wenig, das ist vielleicht alles, unendlich, unvergleichlich viel mehr jedenfalls als die Wirklichkeit, die Absolutheit, die Undurchsichtigkeit, die angemaßte illusionäre Ursprünglichkeit des nicht auf Gott bezogenen und in dieser Beziehung aufgehobenen Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Denn aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Fleisches"/> ist das Fleisch in Christus: beraubt seiner Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> und eben damit zurückgebracht zu Gott <pb ed="pga" xml:id="p386"/> seinem Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>, aufgedeckt die tiefe Verworrenheit, die Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>, unter der es seufzt, und eben damit die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, die Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, deren es wartet, gerichtet seine Größe, seine Wichtigkeit, sein Glanz und eben damit gerettet seine Bedeutung als Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> Gottes. Dazu sendet Gott seinen Sohn<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> mitten in das sündenbeherrschte Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, sündenbeherrscht"/>, damit eben dort (wo denn sonst?) die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/>, der Aufruhr des Menschen gegen Gott<term type="begriffe" key="Widerstand des Menschen gegen Gott"/> gerichtet, niedergeschlagen und damit ihre Folgen: das Mehr-als-Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>-sein-Wollen<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «mehr als Gleichnis sein Wollen». <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> notierte als Hinweis zur Korrektur in seinem Handexemplar: «Mehr».</note>, die falsche Absolutheit<term type="begriffe" key="Absolutheit"/>, die tatsächliche Dissolutheit, der Todesfluch<term type="begriffe" key="Todesfluch"/> des Fleisches beseitigt werde. Es vollzieht sich aber dieses Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> über die im Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> wohnende Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/>, diese Herausstellung des Fleisches als das, was es ist: Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des Geistes<term type="begriffe" key="Geist"/>, in jener öfters besprochenen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6 Röm.5.8">5,6–8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8">6,8</ref>) <hi rend="italic">abnehmenden</hi> Tendenz des Lebens Jesu, wie sie in der Versuchungsgeschichte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1–11</ref> par.] sofort markiert ist und in Gethsemane<term type="begriffe" key="Gethsemane"/> und auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName><term type="begriffe" key="Golgatha"/> ihren Tiefpunkt und ihr Ziel erreicht. Eben um des Vollzugs dieses Gerichts willen ist aber die Knechtsgestalt<term type="begriffe" key="Knechtsgestalt"/>, die Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Unkenntlichkeit"/>, die Kenose<term type="begriffe" key="Kenose"/>, das Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/> wesentliches und nicht bloß zufälliges Attribut des Sohnes Gottes<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>. Wesentlich ist gerade das Anschwellen, das Überhandnehmen des
        Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/>, sein Fortschritt<term type="begriffe" key="Fortschritt"/> bis zur absoluten Preisgegebenheit und Selbstpreisgabe. Wesentlich ist gerade die menschlich betrachtet unvermeidliche Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, an Jesus"/> zu nehmen. Wesentlich ist gerade <hi rend="italic">die</hi> Denkbestimmung: Fleisch und Blut<term type="begriffe" key="Fleisch, und Blut"/> können nicht offenbaren, dass hier mehr als Fleisch und Blut ist, sondern allein der Vater im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.17">Mt. 16,17</ref>]. Wäre es anders, wäre Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Göttersohn?"/> einer von den direkt als solche kenntlichen Göttersöhnen, wäre seine Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> mit menschlich positiven Prädikaten zu beschreiben, wäre er, wie die Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> meinen, die letzte kräftigste Ausweitung der «Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>» genannten Blase, gäbe es also einen an dem schlechthinigen Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, des Kreuzes"/> des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> vorüberführenden Glaubensweg<term type="begriffe" key="Glaube, und Kreuz"/>, dann wäre eben darum die Gleichnishaftigkeit<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, die Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>, die Aufgehobenheit<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Fleisches"/> des Fleisches <hi rend="italic">nicht</hi> herausgestellt, die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> <hi rend="italic">nicht</hi> in ihrer Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel, der Sünde"/> getroffen, <hi rend="italic">nicht</hi> gerichtet, der Mensch <hi rend="italic">nicht</hi> existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gerettet. Es ist aber nicht so. Christus ist in seiner Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Unkenntlichkeit"/> das Gegenteil von jenen leuchtenden Göttersöhnen. Er ist mit <pb ed="pga" xml:id="p387"/> <anchor type="note" xml:id="fn-o"/>keinem menschlich positiven Prädikate<note n="o" target="fn-o" type="textcritical" xml:id="no">Druckmanuskript: «keinen menschlich positiven Prädikaten».</note> zu verherrlichen. Er ist der, der die Blase end<pb ed="A" n="265" break="no"/>gültig aufgestochen hat. «Er hat Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/> mit Sünde verdammt, Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> mit Tod verjagt, Gesetz mit Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> überwunden. Wie das? Er ward ein Sünder am Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, mit dem Titel, mitten unter den Buben, als ein Erzbösewicht, leidet das Gericht und Strafe, die ein Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> leiden soll» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 122</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3696"><hi rend="italic">Evangelium am Sonntag Trinitatis. Joh. 3,1-15</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 21, 549,22-25</bibl> (Eberle: «Titel, mitten»; WA: «titel: mitten»).</note></p>
        <p>Eben diese so bestimmte Sendung des Sohnes Gottes hat nun aber zum Zweck und hat schon erreicht den Zweck, <hi rend="italic">«dass die Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt werde an uns, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist».</hi> Sofern wir im Sohne Gottes uns selbst wiedererkennen und also in ihm aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Fleisches"/> sehen unser Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/>, gerichtet unsre Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/>, sehen wir das ewig Entschiedene, das ewig Gefundene: die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des neuen, in Gott lebenden Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Wir sind ja dann in der unerhörten Lage, uns selbst in Frage zu stellen<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> und eben mit dieser Frage (die offenbar eine <hi rend="italic">an uns gerichtete</hi> Frage eines andern ist!) auf ewigen Grund zu stoßen. Wir sind ja dann mit Christus bezogen, begriffen und erkannt von Gott, wir haben ja dann die Möglichkeit über allen Möglichkeiten, die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, «nach dem Geiste» zu wandeln<term type="begriffe" key="Geist, «im Geiste»"/>. Nicht mehr «nach dem Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/>»? Gewiss, wir haben und behalten auch diese Möglichkeit, aber was will das heißen, wenn nun eben diese auf der Hand liegende Möglichkeit als solche zur Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>, zum Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> herabgedrückt, nein erhöht wird? Unser «Wandel», unser letztes zentrales Bestimmtwerden, unser qualifiziertes Dasein und Sosein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein"/> geschieht kraft der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Sohnes Gottes"/> des Sohnes Gottes «nach dem Geiste». Der Sohn Gottes, der Herr, in dem wir uns selbst wiedererkennen als seine Verwandten<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes,, Christi"/> seines Todes (nämlich in unserm Tode <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">6,5</ref>) – er <hi rend="italic">ist</hi> ja die Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/>, die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>, die Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung"/>, der göttliche Sieg<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sieg"/>, er <hi rend="italic">ist</hi> ja das ganz und gar Andre<term type="begriffe" key="Andere, das Andere Gottes"/> Gottes, er ist ja der Geist<term type="begriffe" key="Geist, ist Jesus Christus"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.17">2.Kor. 3,17</ref>). Wie sollten wir den Geist <hi rend="italic">nicht</hi> haben, wie sollten wir <hi rend="italic">nicht</hi> versetzt sein in das Reich dieses geliebten Sohnes Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.13">Kol. 1,13</ref>), in das Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> unsres Menschenlebens, in die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> seines Sinnes, <pb ed="pga" xml:id="p388"/> in seine verwandelte neu gewordene Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, neue"/>, sofern wir in die in seiner Sendung<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> gestellte letzte unauflösliche Frage<term type="begriffe" key="Frage, letzte"/> und eben damit in ihre Beantwortung hineingerissen sind? Und wie sollte unser «Wandeln im Geiste»<term type="begriffe" key="Geist, «im Geiste»"/>, das in solch unübersehbarer, unaufhaltsamer und unwiderruflicher Wendung sich ereignet, unserm <hi rend="italic">vor</hi> dieser Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> sich abspielenden Leben im Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/> nicht schlechthin überlegen sein? Wie sollte das Fleisch, in Christus herausgestellt in seiner Gleichnishaftigkeit<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, in seiner vergänglichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> und in seiner unvergänglichen Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, unvergänglich"/>, nun noch als eigene Potenz seinen Weg gehen und nicht <pb ed="A" n="266"/> vielmehr (in Hoffnung) teilnehmen an dem Weg des im Geiste<term type="begriffe" key="Geist, macht frei"/> frei gewordenen Menschen? «Es vergehe <hi rend="italic">diese</hi> Welt und es komme <hi rend="italic">dein</hi> Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>!»<note xml:id="n24"> Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref> par. und <bibl corresp="kbga-bibls-1615">Didache 10,6</bibl>: <foreign xml:lang="grc">Ἐλθέτω χάρις καὶ παρελθέτω ὁ
        ­κόσμος oὗτος.</foreign></note> Das ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, unter der wir, nein, unter der Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/>, Natur<term type="begriffe" key="Natur, und Geschichte"/> und Geschichte stehen kraft der Sendung<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> des Gottessohnes. Und eben das ist die «Erfüllung der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Gesetzes"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/> an uns», die Lösung des innerhalb der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> unlösbar gestellten Problems der Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Todes"/> des Todesurteils<term type="begriffe" key="Todesurteil"/> über den Menschen, das auch die höchste Religion<term type="begriffe" key="Religion, höchste"/> nur – bekräftigen kann. Das in Christus (an Christus!) vollzogene Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> über die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/> ist die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Christus"/> der in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Offenbarung"/> immer gesuchten, nie erreichten Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.16">5,16</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.18">18</ref>).</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.5 Röm.8.9">V. 5‒9</ref> Denn die im Fleische Seienden haben den Sinn des Fleisches, die aber im Geiste</hi>
        Seienden <hi rend="bold">den</hi>
        Sinn <hi rend="bold">des Geistes. Denn der Sinn des Fleisches ist der Tod, der Sinn des Geistes aber Leben und Frieden – darum, weil der Sinn des Fleisches Gott feindselig ist; unterordnet er sich doch dem Gesetze Gottes nicht, denn er kann es nicht. Also können die im Fleische Seienden Gott nicht gefallen. Euer Sein aber ist nicht im Fleisch, sondern im Geiste, sofern der Geist Gottes wohnt in euch. Sofern aber einer den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein.</hi></p>
        <p>Geist<term type="begriffe" key="Geist, Gottes Entscheidung für den Menschen"/> ist die ewige Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, ewige"/>, in Gott gefallen für den Menschen, im Menschen gefallen für Gott. Denn Geist<term type="begriffe" key="Geist, zu Christus gehören"/> heißt Christus gehören, in seiner Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> und darum in seiner Antwort, in seinem Nein und darum in seinem Ja<term type="begriffe" key="Geist, Ja/Nein"/>, in seiner Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> und darum in seiner Gerechtigkeit, in seinem Tod und darum in seinem Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> stehen. Geist<term type="begriffe" key="Geist, existentielle Sinngebung"/> ist <pb ed="pga" xml:id="p389"/> darum existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Sinn-Gebung, Sinn-Setzung, Sinn-Schöpfung. Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> tritt ins Sein, und Sein wird Sinn. Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> hat also nichts neben sich, nichts gegen sich. Geist ist Kampf<term type="begriffe" key="Geist, Kampf"/>, Übermacht, Sieg<term type="begriffe" key="Geist, Sieg"/> und Diktatur in Einem, nie, gar nie etwa zugleich Ruhe, Gleichgewicht, Ausgleich, Toleranz<term type="begriffe" key="Toleranz"/>. Geist heißt Entweder – Oder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/>, aber ein schon vorweggenommenes<term type="begriffe" key="Vorwegnahme"/> Entweder gegenüber einem schon erledigten Oder. Geist<term type="begriffe" key="Geist, Erwählung"/> heißt Erwählt- und eben darum in keinem Sinn Verworfensein<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Geist kennt als andre Möglichkeit nur die ausgeschlossene, die überwundene, die nicht mehr bestehende Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>.</p>
        <p>Diese nicht mehr bestehende Möglichkeit ist das Sein des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, im Fleisch sein"/> im Fleische. Fleisch ist die zeitliche Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, zeitliche"/>, in Gott gefallen gegen den Menschen, im Menschen gefallen gegen Gott. Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Fleisch und Geist"/> zum Geist ist uns darum nur bekannt als «sündenbeherrschtes Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, sündebeherrscht"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3">8,3</ref>). Fleisch heißt fern von Christus sein, ohne Frage und darum auch ohne Antwort. Alles soeben vom Geiste Gesagte gilt mit umgekehrtem Vorzeichen auch vom Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Fleisch ist Sinn-Losigkeit. Un-Sinn<term type="begriffe" key="Unsinn, Un-Sinn"/> ist hier ins Sein getreten, und Sein ist <pb ed="A" n="267"/> Unsinn: die Feindseligkeit gegen Gott<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/>, die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, <hi rend="italic">der</hi> Sinn, der sich auch dem Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz, Gottes"/> Gottes nicht unterordnet, nicht unterordnen <hi rend="italic">kann</hi>, sondern im Gegenteil in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Unsinn"/> als der Unsinn <hi rend="italic">dieses</hi> Seins zum Ausbruch kommt. Und wie der Sinn des Geistes<term type="begriffe" key="Sinn, des Geistes"/> das Sein des Lebens<term type="begriffe" key="Geist, Leben"/> und Friedens<term type="begriffe" key="Geist, Frieden"/> ist, so der Sinn des Fleisches das Sein des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>. Auch Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> heißt schon entschiedenes Entweder‒Oder, demgegenüber alle scheinbar zuwiderlaufenden Gesinntheiten, Gerichtetheiten, Bewegtheiten nur Spielerei sind. Die Welt (die moralische<term type="begriffe" key="Moral"/>, die christliche Welt!) «wundert und klagt darob, dass die Leute so böse sind, weiß aber nicht, wie es zugeht. Das Wässerlein sieht sie wohl fließen und allenthalben Früchte und Blätter des bösen Baumes ausschlagen: aber wo die Quelle herkommt und wo die Wurzel steckt<note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) irrtümlich: «steht». Korrektur nach dem<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> und nach dem Text bei Eberle und in der WA.</note>, das weiß sie nicht; fährt darnach zu und will der Sachen raten, Bosheit steuern und die Leute fromm machen mit Gesetzen und Treiben der Strafe: aber wenn sie gleich lang wehrt, so ist doch damit nichts geholfen. Dem Wässerlein mag sie wehren, aber damit ist dem Hauptquell ungewehrt; die Sprößlein mögen sich lassen wegschneiden, aber damit ist <pb ed="pga" xml:id="p390"/> der Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> nichts genommen. Nun ist’s verloren, es tut’s nicht, so man lang außen wehrt, bessert und heilt und inwendig doch bleibt Stamm, Wurzel und Quell des Bösen<term type="begriffe" key="Böse"/>: es muß vor allen Dingen der Quell gestopft und dem Baum die Wurzel genommen sein; sonst bricht und reißt es aus an zehn Orten, wo du einem stopfst und wehrst. Aus dem Grund muß es geheilt sein: sonst magst du ewig daran verstreichen und verschmieren mit Schweten und Pflaster, es eitert und schwürt doch immer wieder fort und wird nur ärger» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 123</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3643"><hi rend="italic">Das XVI. Kapitel S. Johannis gepredigt und ausgelegt</hi> (1538/39), WA 46, 39,30-40,7</bibl> (Schwete = Pflaster).</note></p>
        <p>Zwischen Geist und Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> uns selbst zu entscheiden, das Eine zu verwerfen und das Andere zu wählen, dazu haben wir keine Möglichkeit. Die «im Geiste<term type="begriffe" key="Geist, «im Geist»"/>» sind, sind nicht Einige, nicht Viele, nicht Diese und Jene, und die «im Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/>» sind, auch nicht. Wer vermöchte sein Sein «im Fleische» zu erkennen, der nicht «im Geiste» wäre, und wer dürfte sein Sein «im Geiste» erkennen, ohne gerade damit zu betätigen, dass er «im Fleische» ist? In der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> entschieden <hi rend="italic">ist</hi>, dass wir alle im Fleische sind, in der Ewigkeit entschieden <hi rend="italic">ist</hi>, dass wir alle im Geiste sind. Im Fleisch <hi rend="italic">sind</hi> wir verworfen<term type="begriffe" key="Verwerfung"/>, im Geist<term type="begriffe" key="Geist, «im Geist»"/> <hi rend="italic">sind</hi> wir erwählt<term type="begriffe" key="Erwählung"/>. In der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen <hi rend="italic">sind</hi> wir gerichtet<term type="begriffe" key="Gericht"/>, im Reiche Gottes <hi rend="italic">sind</hi> wir gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>. Hier <hi rend="italic">sind</hi> wir des Todes, dort <hi rend="italic">sind</hi> wir im Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. Beide Entscheidungen<term type="begriffe" key="Entscheidung"/>, Verwerfung und Erwählung, Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/> und Gerechtigkeit, Tod und Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> als Brennpunkte einer Ellipse<term type="begriffe" key="Brennpunkte einer Ellipse"/>, die immer näher zusammenrücken, bis sie als Mittelpunkt eines Kreises<term type="begriffe" key="Kreis"/> eins werden, also die Einheit dieser beiden Entscheidungen<term type="begriffe" key="Entscheidung"/>, aber (und das ist mathe<pb ed="A" n="268" break="no"/>matisch nicht darzustellen) nicht als die Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> eines <hi rend="italic">Gleich</hi>gewichts, sondern als die Einheit eines unendlichen <hi rend="italic">Über</hi>gewichts, als die Einheit der die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> in sich verschlingenden Ewigkeit, als die Einheit des unendlichen Sieges des Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Sieg"/> über das Fleisch, als die Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> des zurückgelegten Weges von hier nach dort, der absolute Moment also, der Blitz<term type="begriffe" key="Blitz"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, blitzartig"/>, der Blitz der Auferstehung, der Blitz Gottes, der «blitzend aus dem Oberhalb des Himmels leuchtet über dem Unterhalb des Himmels» (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.24">Lk. 17,24</ref>) und also <hi rend="italic">diese Einheit zeigt</hi>, – das ist <hi rend="italic">Jesus Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, «des Menschen Sohn an seinem Tage»!</p> 
        <p><pb ed="pga" xml:id="p391" rend="noPipe"/><hi rend="bold">V. 10 Sofern aber Christus in euch ist, ist der Leib tot wegen der</hi>
        gerichteten <hi rend="bold">Sünde, der Geist aber Leben wegen der</hi>
        aufgerichteten <hi rend="bold">Gerechtigkeit.</hi></p>
        <p><hi rend="italic">«Christus in euch».</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> Das ist die Bedingung der Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>, die wir jenseits des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Freiheit"/> haben, die Lösung des in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Lebensrätsel"/> unerträglich scharf gestellten Lebensrätsels. Nie als erst zu erfüllende, erst herzustellende, nie als subjektive, immer als objektive, schon erfüllte, schon hergestellte Bedingung ist dieses «Christus in euch»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> zu verstehen. Der Mensch bekommt Anlass und nimmt Anlass, die Augen aufzuschlagen und sich selbst, seine existentielle Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> einzusehen bedingt durch diese Bedingung: Christus. Er schafft aber diese Bedingung<term type="begriffe" key="Bedingung"/> nicht, weder durch eine logische<term type="begriffe" key="Logik"/> Funktion, noch durch ein ästhetisches<term type="begriffe" key="Ästhetik"/> Urteil, noch durch ein ethisches<term type="begriffe" key="Ethik"/> Wollen, noch durch ein religiöses Erleben.<term type="begriffe" key="Erleben"/><note xml:id="n26"> Vgl. die entsprechenden Überschriften der Kapitel 2-5 in <bibl corresp="kbga-bibls-3644"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, <hi rend="italic">Der Begriff der Religion im System der Philosophie</hi>, Gießen 1915</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3645">Werke, hrsg. von H. Holzhey, Bd. 10, Hildesheim / Zürich / New York 1996), S. 16.32.85.108</bibl>: «Das Verhältnis der Religion» «zur Logik», «zur Ethik», «zur Ästhetik» und «zur Psychologie».</note> Sie geht allen derartigen Akten grundsätzlich voraus, und sie ist grundsätzlich immer auch die Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> aller derartiger Akte. Sie <hi rend="italic">ist</hi> schon geschaffen durch Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>), nämlich in der Sendung<term type="begriffe" key="Sendung, des Sohnes Gottes"/> seines Sohnes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3">8,3</ref>). Der Treue Gottes gehorsam werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.5">1,5</ref>) heißt sich beugen unter die abgesehen von unsrer Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/>, abgesehen von unsrem Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> gegebene Bedingung<term type="begriffe" key="Bedingung"/> unsrer Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>. «Christus in uns»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> ist unsre göttliche Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, göttliche"/>, von welchen menschlichen Akten sie immer gefolgt oder nicht gefolgt sein mag, so gewiss auch das Wohnen der Sünde in uns (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.17">7,17</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.20">20</ref>) unsre widergöttliche Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, widergöttliche"/> ist, abgesehen von den auch ihr folgenden oder nicht folgenden menschlichen Akten. «Christus in uns»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> ist das an uns gerichtete Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes. Gottes Frage an uns und als <hi rend="italic">Gottes</hi> Frage Gottes <hi rend="italic">Antwort</hi><term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/>. Er ist <hi rend="italic">die</hi> Frage und Antwort, <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>die sich, als der alles Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des christlichen Menschen"/> kritisch charakterisierende Weg vom Leben zum Tode<term type="begriffe" key="Tod, vom Leben zum T."/>, vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>, «vernünftigem Schauen<term type="begriffe" key="Vernunft"/>» immer und überall zugänglich (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>) <hi rend="italic">offenbart</hi><note n="q" target="fn-q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die, als  […] zugänglich (1,20) sich <hi rend="italic">offenbart</hi>». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, <anchor type="note" xml:id="fn-r"/>d. h. sich in sprechender <pb ed="pga" xml:id="p392"/> Einmaligkeit<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/> und Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> unter die geschichtlichen Erscheinungen einreiht<note n="r" target="fn-r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «d. h.
        in sprechender  […] Erscheinungen sich einreiht». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> an der Grenze aller geschichtlichen Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung, geschichtliche"/>, als der Blickpunkt, auf den sie alle hin<pb ed="A" n="269" break="no"/>schauen, von dem her sie alle geschaut sind, die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> richtend und die Gerechtigkeit aufrichtend und also dem Menschen zum Anlass seiner Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> gegeben, von ihm zum Anlass seiner Freiheit genommen. Also: Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/> und Gerechtigkeit als Bedingung<term type="begriffe" key="Bedingung"/> und Bedingtsein, nie unsre Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> davon, das an uns gerichtete göttliche Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> <hi rend="italic">selbst</hi>, nie der Vorgang, durch den wir es vernehmen, <hi rend="italic">das</hi> ist «Christus in uns»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/>.</p>
        <p><hi rend="italic">«Der Leib tot wegen der Sünde, der Geist aber Leben wegen der Gerechtigkeit».</hi> Christus ist unsre Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>. Er ist der Schritt über die Grenze<term type="begriffe" key="Schritt, über die Grenze"/> des Menschenlebens, die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> seines Sinnes, das Auftauchen seiner neuen, seiner wirklichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, neue"/>. Ewig entschieden ist in Christus, dass Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> Fleisch, Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/> Welt, Mensch Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> ist, weil Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> Sünde ist. Dass das Sein dieses Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> auf seinen tiefsten wie auf seinen höchsten Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> an Gott zum Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> werden, an Gott sterben<term type="begriffe" key="Sterben, an Gott"/> muss. Dass es kein Hinauskommen gibt noch geben darf über das <hi rend="italic">Seufzen</hi><term type="begriffe" key="Seufzen"/> des auf dem Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel, der Religion"/> prophetischer<term type="begriffe" key="Religion, prophetische"/>, apostolischer<term type="begriffe" key="Religion, apostolische"/>, reformatorischer<term type="begriffe" key="Religion, reformatorische"/> Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> stehenden Menschen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">7,24</ref>). Dass der «Leib<term type="begriffe" key="Leib"/>» des Menschen: die Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> seines «Ich bin» in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft «tot ist wegen der Sünde». Erde zu Erde, Staub zum Staube<note xml:id="n27"> Aus der Begräbnisliturgie, beim Versenken des Sarges, z. B. in der oben (<ref type="pub" target="../volume/47/p358#fn_n41">S. 358, Anm. 41</ref>) genannten <bibl corresp="kbga-bibls-3629">bernischen Liturgie, S. 235</bibl>: «Erde zur Erde, Asche zur Asche, Staub zum Staube» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.19">Gen. 3,19</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.20">Pred. 3,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.12.7">12,7</ref>].</note>, Illusion<term type="begriffe" key="Illusion"/> zu Illusionen! Aber, eben als <hi rend="italic">ewige</hi> Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, ewige"/>, als <hi rend="italic">ewiges</hi> Gericht ist gerade dieses Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> der schon betretene Boden der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, des Lebens<term type="begriffe" key="Leben"/>. Nur von der Erlösung aus kann der Mensch sich selbst begreifen in seiner Unerlöstheit<term type="begriffe" key="Unerlöstheit"/>. Nur von der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> aus als Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Nur vom Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> aus als tot. Nur an <hi rend="italic">Gott</hi> kann der Mensch <hi rend="italic">so</hi> zerschellen<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/>. Wäre der Mensch nicht frei jenseits <hi rend="italic">aller</hi> menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, wie vermöchte er die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, den Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>, die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> der <hi rend="italic">höchsten</hi> menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> als Gefangenschaft<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> zu erkennen? Wäre er nicht, seufzend<term type="begriffe" key="Seufzen"/> nach Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, schon erlöst, schon selig, wie käme er <pb ed="pga" xml:id="p393"/> dazu, zu seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/>? Das Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> des Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Leben"/>, es leuchtet auf in eben dem Lichte, in welchem der Tod des Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/> sichtbar wird. Wegen der in Christus gerichteten Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, gerichtet"/> dieser Tod und <hi rend="italic">darum:</hi> wegen der in Christus aufgerichteten Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> dieses Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. Beides miteinander, eines am andern erkennbar und messbar, aber das zweite
        vermöge seiner unendlichen qualitativen Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> des ersten, das ist die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> des Menschen in Jesus Christus. Die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> <hi rend="italic">ist</hi>, sie ist nicht umsonst so bitter. Der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> <hi rend="italic">ist</hi>, wir seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> nicht umsonst nach Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> aus diesem Leibe<term type="begriffe" key="Leib"/> des Todes [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">7,24</ref>]. Christus <hi rend="italic">ist</hi> auferstanden<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/>, es hat seinen Grund, dass durch seinen Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> alles Nicht-Existentielle in den Tod gegeben ist. </p>
        </div> 
        <div>
        <head><hi rend="smallCaps">Die Wahrheit</hi></head> 
        <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11 Röm.8.27">8,11‒27</ref></head>
        <p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11">V. 11</ref> Sofern aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckte, wohnt in euch, wird der, der den Christus Jesus von den Toten erweckte, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes</hi><note n="*1" type="original" xml:id="s1">Ich lese <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">διὰ τὸ ἐνοικοῦν αὐτοῦ πνεῦμα</foreign>. Über die überlieferungsgeschichtlichen Systeme, auf Grund deren diese Lesart von <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> behauptet<note xml:id="n28"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 391.</bibl></note>, von <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> bestritten wird<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 77.</bibl></note>, habe ich kein Urteil, halte es aber sachlich für unwahrscheinlich, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von den unmittelbar vorausgehenden und inhaltlich mit dem, was er als Grund der leiblichen Auferstehung nennen will, aufs engste zusammenhängenden Akkusativen <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">διὰ ἁμαρτίαν</foreign> und <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">διὰ δικαιοσύνην</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.10">V. 10</ref>) plötzlich zu dem Genitiv <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">διὰ τοῦ πνεύματος</foreign> übergegangen sein sollte, mit dem übrigens eine Nuance von psychisch-physischer Mechanik in die Aussage über den Geist käme, die einem spätern Theologen eher als dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zuzutrauen ist.</note>.</p>
        <p><hi rend="italic">«Der Geist wohnt in euch.</hi><term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/><hi rend="italic">»</hi> Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, ist Wahrheit"/> ist die Wahrheit. Wohnt er in uns, dann wohnt in uns die Bitterkeit und Süßigkeit, die Not und <pb ed="pga" xml:id="p394"/> Hoffnung, die Verlegenheit und Verheißung, die die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, über den Menschen"/> über den Menschen bringt. Es gibt keine objektive Betrachtung der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, objektive"/>. Sie ist die Objektivität<term type="begriffe" key="Objektivität"/>, die uns betrachtet, bevor wir irgend etwas betrachtet haben. Sie ist die primäre Objektivität der Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> des betrachtenden Subjekts<term type="begriffe" key="Subjekt"/>. Und so gibt es auch keine Subjektivierung der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, subjektive"/>. Sie ist das Subjektive, das allem Ich, Du und Er in der unheimlichsten und erlösendsten Weise gegenübersteht, von dem es als von seiner immanenten kritischen Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der subjektiven Wahrheit"/> auf allen seinen Wegen objektiv begleitet ist. Die Wahrheit lässt nicht mit sich spaßen, und die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, als Ende der Tragik"/> ist das Ende aller Tragik. Die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, heitere"/> ist viel zu heiter und zu herrlich, als dass wir unser Leben je rechtfertigen, je zum Augenblicke<term type="begriffe" key="Augenblick, schöner"/> sagen könnten: Verweile doch, du bist so schön!<note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V.1699f. (Studierzimmer)</bibl>.</note> Und die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, ernste"/> ist viel zu ernst und schrecklich, als dass wir es uns leisten könnten, etwa zu verzweifeln und uns das Leben zu nehmen<term type="begriffe" key="Selbstmord"/>. Der <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName> «Phädon» las und sich danach ins Meer stürzte<note xml:id="n31"> Diese Überlieferung von einem sonst unbekannten <persName ref="kbga-actors-9679">Kleombrotos von Ambrakia</persName> ist in der Antike vielfach bezeugt, zuerst im Epigramm 23 des <persName ref="kbga-actors-9680">Kallimachos</persName>. Dort ist allerdings nur von einer «hohen Mauer» die Rede, von der, nicht vom Meer, in das <persName ref="kbga-actors-9679">Kleombrotos</persName> sich gestürzt habe. Eine Version mit dem Sturz ins Meer findet sich bei <bibl corresp="kbga-bibls-3646"><persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName>, <hi rend="italic">Tusculaneae Disputationes</hi>, I, 84</bibl>. Auch <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName> kennt die Überlieferung und referiert sie missbilligend: <bibl corresp="kbga-bibls-432"><hi rend="italic">De civitate Dei</hi>, I, 22</bibl>.</note>, hatte den Sinn der Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> ebenso wenig begriffen wie die vielen, die es ertrugen, ihn zu lesen, ohne sich ins Meer zu stürzen! Wir können die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> nicht fragen: Warum bist du die Wahrheit? Denn sie hat uns bereits gefragt: Wer bist denn du? und hat mit der Frage schon die unendlich inhaltsreiche Antwort<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> gegeben: du bist der Mensch, dieser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/> in dieser Welt,<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> und du bist Gottes, Gottes des Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlösers. Und auf dem Boden dieser bereits gestellten Frage und bereits gegebenen Antwort und nirgends sonst spielt sich <hi rend="italic">unser</hi> Fragen und Antworten ab. Mit der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, als Anfang"/> können wir schlechterdings nichts anfangen, weil sie selbst unser Anfang ist. Wir müssen uns damit abfinden, sie <pb ed="A" n="271"/> die Wahrheit sein zu lassen und also mit ihr zu leben, unter ihrem vernichtenden Angriff<term type="begriffe" key="Wahrheit, Angriff der"/> und unter ihrem unendlichen Segen<term type="begriffe" key="Wahrheit, Segen der"/>. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.1 Ps.139.12">Ps. 139,1–12</ref>. Denn «Christus in uns»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> als Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/> und Gerechtigkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.10">8,10</ref>) ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, ist der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, der in uns wohnt<term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/>. Und vor Christus gibt es
        keine Flucht, kein Verstecken.</p> 
        <p><pb ed="pga" xml:id="p395" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckte»</hi>, ist der Geist, der in euch wohnt. Wer es mit der Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> zu tun bekommt, der bekommt es mit Gott zu tun, mit dem unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, dem verborgenen<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/>, dem heiligen<term type="begriffe" key="Gott, heilig"/> Gott, der in einem Lichte<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> wohnt, da niemand zu kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>]. Sein Leben ist <hi rend="italic">über</hi> Leben und Tod. Seine Güte ist <hi rend="italic">über</hi> Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>. Sein Ja ist <hi rend="italic">über</hi> Ja und Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. Sein Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> ist <hi rend="italic">über</hi> Jenseits und Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17</ref>). Darum steht die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> nicht mit uns und fällt nicht mit uns, lebt nicht mit uns und stirbt nicht mit uns, hat nicht Recht, wenn wir Recht haben, und wird nicht Irrtum, wenn wir uns irren, triumphiert nicht in unseren Triumphen und unterliegt nicht in unsern Niederlagen. Darum lebt sie so gewaltig ihr eigenes Leben. Darum ist sie der Tod<term type="begriffe" key="Tod, und Geburt"/>, der auch die Wiege überschattet, und das Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, das auch über den Gräbern atmet. Darum ist sie die Verdammung<term type="begriffe" key="Verdammung"/> auch eines <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName> und die Freisprechung<term type="begriffe" key="Freisprechung"/> auch eines <persName ref="kbga-actors-9681">Cesare Borgia</persName>. Darum stößt sie die Gewaltigen vom Stuhl und erhöht die Niedrigen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.52">Lk. 1,52</ref>]. Darum kann sie allem menschlichen Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> zum Nein und allem menschlichen Nein zum Ja werden. Darum <hi rend="italic">ist sie da</hi>, ob wir gen Himmel<term type="begriffe" key="Himmel"/> fahren oder uns in die Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> betten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.8">Ps. 139,8</ref>]. Und eben in dieser ihrer unendlichen Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> gegenüber <hi rend="italic">allem</hi> Unsrigen ist sie unsre Hoffnung, unsre nicht zu brechende Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu Gott, unser unsterbliches Teil<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/>.</p>
        <p>Aber es gibt keine ruhende Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, nicht ruhend"/>, keine stillstehende Beziehung zu Gott, kein unsterbliches <hi rend="italic">Teil</hi> des Menschen. Sondern <hi rend="italic">«der, der den Christus Jesus von den Toten erweckte, der wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes</hi><term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/><hi rend="italic">.»</hi> «Der Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> tot wegen der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/>, der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> lebendig wegen der Gerechtigkeit» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.10">8,10</ref>) – dieser Kontrast kann als solcher im Lichte der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, im Licht der A."/>, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes nur auftauchen, um in demselben Lichte derselben Erkenntnis überwunden und aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> zu werden. Indem der Lichtkegel des Scheinwerfers auf dieses gegenüberstehende «Objekt» fällt, fällt auch schon der wohlgezielte vernichtende Schuss, und um das Objekt<term type="begriffe" key="Objekt"/>, um das Zweite, Andere, Gegenüberstehende ist es geschehen. Derselbe Gott, der den Christus Jesus von den Toten erweckt und der das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> in seiner Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> über das Endliche offenbart, wird auch eure sterblichen Leiber<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> lebendig machen. Nur im <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> lässt sich ja das End<pb ed="A" n="272" break="no"/>liche dem Unendlichen<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> gegenüberstellen als ein Zweites, Anderes, nur im <pb ed="pga" xml:id="p396"/> <hi rend="italic">Gleichnis</hi> der Tod unseres Leibes dem Leben des Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Tod und Leben"/> Gottes in uns<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. In unanschaulicher <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi><term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> steht das Endliche dem Unendlichen<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> nicht gegenüber, sondern es ist in jenem schlechthin aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Endlichen"/>, aber auch begründet, und zwar so, dass eben seine Aufhebung seine Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> ist. So ist in unanschaulicher <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi><term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> unser Leib kein Zweites, kein Anderes neben dem in uns wohnenden Geiste<term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/> Gottes, sondern es ist der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Tod und Leben"/> der schlechthinige restlose Tod des Leibes, aber eben als solcher auch sein schlechthiniges restloses Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. In <hi rend="italic">unanschaulicher</hi> Wirklichkeit: Deshalb (und das unterscheidet die Botschaft von der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Botschaft der A."/> radikal von allem Pantheismus<term type="begriffe" key="Pantheismus"/>, ­Spiritualismus<term type="begriffe" key="Spiritualismus"/> und Materialismus<term type="begriffe" key="Materialismus"/>) kann die Aussage von der Auferweckung unsres Leibes nicht anders als in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft negierenden und also umfassenden Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis erfolgen: «Er <hi rend="italic">wird</hi> lebendig machen!». Deshalb ist aller Enthusiasmus<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/>, der den Anschein erwecken könnte, als handle es sich um die Behauptung einer durch eine bestimmte psychische<term type="begriffe" key="psychisch"/> ­Einstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> zu gewinnenden «höhern» Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> (Intuition<term type="begriffe" key="Intuition"/>), von ­dieser Aussage tunlichst fernzuhalten. Je kaltblütiger davon ­geredetwird, um so besser: der bei dieser Aussage fast unvermeidlich ausströmende psychische<term type="begriffe" key="psychisch"/> Dampf<term type="begriffe" key="Dampf"/> wirkt gerade noch verdunkelnd genug. Deshalb sind vor allem die von <persName ref="kbga-actors-306">Oetinger</persName><note xml:id="n32"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verhältnis zum Württemberger Theologen und Theosophen <persName ref="kbga-actors-306">Friedrich Christoph
        Oetinger</persName> (1702–1782) hat sich im Laufe der Jahre gewandelt von Bewunderung zu einer kritischen Haltung. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
        <date when="1919-05-21">21.5.1919</date> dokumentiert seine erste Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-306">Oetinger</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p327#p327">S. 327</ref></bibl>): «Ich habe mir <bibl corresp="kbga-bibls-3728"><persName ref="kbga-actors-536">Ehmanns</persName> ‹Leben und Briefe Oetingers›</bibl> antiquarisch erstanden und lese das Buch mit höchster Befriedigung. Welche Umsicht in jeder Beziehung! Welch ein Reichtum an Lichtern! Welche Vorausnahmen und z.T. bereits Überholungen unserer Weisheiten!  […] Daß man uns Theologie studieren ließ, ohne uns auf solche Dynamiker aufmerksam zu machen!» Nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Selbstzeugnis von 1927 bestand die Wendung vom 1. zum 2. Römerbrief u. a.  gerade in der Abwendung «von der altwürttembergischen und sonstwie spekulativen Theologie» <bibl corresp="kbga-bibls-3647">(<hi rend="italic">Autobiographische Skizze im Fakultätsalbum der Ev.-Theol. Fakultät Münster (1927)</hi>, in: K. Barth – R. Bultmann, <hi rend="italic">Briefwechsel 1911-1966</hi>, hrsg. von B. Jaspert [Gesamtausgabe, Abt. V], Zürich 1994<hi rend="sup">2</hi>, <ref type="pub" target="../volume/01/p290#p290">S. 290–300</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/01/p298#p298">S. 298</ref>, vgl. <ref type="pub" target="../volume/01/p297#p297">S. 297</ref>)</bibl>.</note> bis zu <persName ref="kbga-actors-35">Beck</persName><note xml:id="n33"> Auch in seiner späteren Darstellung kritisiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesen Punkt bei <persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName> (1804–1878): <bibl corresp="kbga-bibls-34"><hi rend="italic">Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte</hi>, Zürich 1994<hi rend="sup">6</hi>, S. 569</bibl>.</note>, von <pb ed="pga" xml:id="p397"/> <persName ref="kbga-actors-752">Rothe</persName><note xml:id="n34"> Vgl. das <bibl corresp="kbga-bibls-3648">Vorwort <persName ref="kbga-actors-752">R. Rothes</persName> (1799–1867) zu <persName ref="kbga-actors-4215">C. A. Auberlen</persName>, <hi rend="italic">Die Theosophie Friedrich Christoph Oetinger’s nach ihren Grundzügen. Ein Beitrag zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Philosophie</hi>, Basel 1859<hi rend="sup">2</hi>, S. III­-XXVI. Besonders S. XX­-XXVI</bibl> haben mit dem Thema zu tun, das <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier naturphilosophische Spekulation nennt. Seit Januar 1920 besaß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Biographie: <bibl corresp="kbga-bibls-2207"><persName ref="kbga-actors-599">A. Hausrath</persName>, <hi rend="italic">Richard Rothe und seine Freunde</hi>, 2 Bde., Berlin 1902/1906</bibl>. Vgl. seine spätere Darstellung in <bibl corresp="kbga-bibls-34"><hi rend="italic">Die protestantische Theologie</hi>, a.a.O., S. 544–552</bibl>.</note> bis zu <persName ref="kbga-actors-791">Steiner</persName><note xml:id="n35"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p137#fn_n19">S. 137, Anm. 19</ref>.</note> (und schüchtern auch in der ersten Auflage dieses Buches<note xml:id="n36"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt hier wohl speziell an seine Auslegung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.10 Röm.8.17">Röm. 8,10f.</ref> in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p309#p309">S. 309–311</ref></bibl>; vgl. zur häufigen Bezugnahme auf <bibl corresp="kbga-bibls-3475"><persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName> S. 659 (Namenregister)</bibl>.</note>!) gewagten Versuche, durch naturphilosophische<term type="begriffe" key="Naturphilosophie"/> Spekulation<term type="begriffe" key="Spekulation"/> zu einer anschaulich wirklichen Geistleiblichkeit<term type="begriffe" key="Geistleiblichkeit"/> vorzudringen, als irreführend abzulehnen: sie verfälschen, entleeren und entwerten den Inhalt der Aussage, um die es hier geht. Nur unter Berufung auf die grundsätzlich als unanschaulich begriffene <hi rend="italic">Göttlichkeit</hi><term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> Gottes, nur als die Verkündigung des <hi rend="italic">absoluten</hi> Wunders<term type="begriffe" key="Wunder, absolutes"/> darf und muss sie gewagt werden. Sie ist die <hi rend="italic">in sich selbst</hi> glaubwürdige Aussage, die eben darum durch alle (von heimlichem Unglauben<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> veranlassten!) Bemühungen, sie erst glaubwürdig zu <hi rend="italic">machen</hi>, als unglaubwürdig diskreditiert wird. – Der Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> ist die Totalität meines Seins im Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/>, in der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen, die Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> meines Seins als Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, als dieser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> in dieser Welt im vollen Umfang der mir jetzt und hier gegebenen und irgendwie als gegeben
        vorstellbaren Möglichkeiten. Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes qualifiziert diesen meinen Leib<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> als sterblich schlechthin. Die Beziehung des Subjekts<term type="begriffe" key="Subjekt"/> auf seinen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> <anchor type="note" xml:id="fn-s"/>bedeutet, dass <hi rend="italic">alle</hi> seine Prädikate aufgehoben sind, auch das seiner Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit sich selber<note n="s" target="fn-s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «bedeutet die Aufhebung aller seiner Prädikate bis und mit dem seiner Identität mit sich selber».</note>. Keine Substanz, keine, auch keine allerletzte, allertiefste und allerfeinste Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, die etwa der Gewalt dieser <pb ed="A" n="273"/> Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> widerstehen könnte. Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, <hi rend="italic">nur</hi> Gleichnis dieser Negation ist ja auch das natürliche Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> und alle dieses Sterben vorbereitenden und begleitenden relativ negativen Lebensakte «äußerlicher» und «innerlicher» Art, alle <pb ed="pga" xml:id="p398"/> Mortifikationen, Entwerdungen, Entselbstungen und Vergeistigungen<term type="begriffe" key="Geist, Vergeistigung"/>, mit denen eine das Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> freilich ahnende, aber sofort missdeutende Seelen- und Körperkultur zu allen Zeiten das nicht zu rettende Leben des «Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>» zu – retten gesucht hat; denn auch den Vorgang des natürlichen Sterbens<term type="begriffe" key="Sterben"/> mit allen seinen schärfern und mildern asketischen<term type="begriffe" key="asketisch"/> Derivaten kennen wir nicht anders als in seiner Kontinuität<term type="begriffe" key="Kontinuität"/> zu andern, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes radikal und als solche in Frage gestellten Lebensvorgängen. Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, <hi rend="italic">nur</hi> Gleichnis ist auch das logische Analogon<term type="begriffe" key="Analogie"/> des natürlichen Sterbens: der dynamitartig<term type="begriffe" key="Dynamit"/> wirkende Eintritt des Unendlichen in die Reihe der nur das Endliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> fassenden Begriffe<note xml:id="n37"> Vermutlich Anspielung auf die Funktion des Infinitesimalen in der Philosophie <persName ref="kbga-actors-81">H. Cohens</persName>; vgl. seine Abhandlung <bibl corresp="kbga-bibls-3653"><bibl corresp="kbga-bibls-3649"><hi rend="italic">Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte</hi> (1883)</bibl>, (= Werke, hrsg. von H. Holzhey, Bd. 5/1, Hildesheim/Zürich/New York 1984<hi rend="sup">4</hi>)</bibl>.</note>; denn auch das Unendliche vermögen wir, sofern wir es als Begriff überhaupt zulassen, d. h. sofern wir es uns als das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> anschaulich machen, nicht zu reinigen von dem Merkmal der Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> gegenüber dem Endlichen, durch das es selber zu einem <hi rend="italic">fast</hi> unendlichen Endlichen gestempelt wird; auch das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> ist in <hi rend="italic">unserer</hi> Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> keineswegs das Ewige, sondern erweist sich, in Beziehung gesetzt zum Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> alles Unsrigen, als ein Aufgehobenes. Beharrendes<term type="begriffe" key="Beharren"/>, unsterbliches, unverwesliches Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/> bin offenbar Nicht-Ich<term type="begriffe" key="Nicht-Ich"/>, das als erkennend Erkannte, das Nicht-Gegebene<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/>, der in mir wohnende Geist<term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/> Gottes jenseits der Katastrophe, in die Ich<term type="begriffe" key="Ich"/> in der Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> meiner Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> rettungslos verwickelt bin. Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Diesseitigkeit"/> der Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> als solche und also auch der ihr entsprechenden Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/> ist offenbar der Sinn <hi rend="italic">dieses</hi> Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/>. Gerade <hi rend="italic">weil</hi> der Leib<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> (anschaulicherweise, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft)
        verweslich und sterblich ist, <hi rend="italic">muss</hi> er (unanschaulicherweise, im Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> aeternum) unverweslich und unsterblich sein. Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> und Blut<term type="begriffe" key="Fleisch, und Blut"/>, die nicht in die Beziehung zum Ursprung gesetzte Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/>, kann das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes nicht ererben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.50">1.Kor. 15,50</ref>]; nur unechte Auferstehungen, relative Jenseitigkeiten<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/> oder vielmehr verlängerte Diesseitigkeiten<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> mögen ihm (in der Zeit) bevorstehen. <hi rend="italic">Dieses</hi> Verwesliche aber und <hi rend="italic">dieses</hi> Sterbliche, nämlich das durch die Beziehung auf Gott als sterblich und verweslich qualifizierte Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Blut"/> und Blut <hi rend="italic">muss</hi> anziehen die Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/> und <pb ed="pga" xml:id="p399"/> Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>]; es <hi rend="italic">ist</hi>, seiner anschaulichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> ungeachtet, «von oben geboren» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.3">Joh.3,3</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.7">7</ref>], <hi rend="italic">in</hi> seiner Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/> seiner Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> wartend und also unanschaulich teilhaftig der <hi rend="italic">mit</hi> jener Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Diesseitigkeit"/> seiner Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> und aus der <hi rend="italic">positiven</hi> Gewalt <hi rend="italic">derselben</hi> Beziehung sich ereignenden <hi rend="italic">Neu</hi>prädikation<term type="begriffe" key="Prädikation"/>. Diese <hi rend="italic">Neu</hi>prädikation, über <pb ed="A" n="274"/> die <hi rend="italic">wir nichts</hi> wissen, weil sie <hi rend="italic">nicht uns</hi> angeht, ist die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Leibes"/> des Leibes. Das Wohnen<term type="begriffe" key="Geist, wohnt in uns"/> des Geistes in uns, d. h. die sich an uns vollziehende Selbstbewegung der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, in der des Menschen Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu Gott stattfindet, die sein <hi rend="italic">Tod</hi> und <hi rend="italic">darum</hi> sein <hi rend="italic">Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> ist, ist ihre notwendige Begründung. Sie hat keine andre Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/>; aber diese eine genügt. Nur wenn Geist nicht Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, Wahrheit nicht Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, Gott<term type="begriffe" key="Gott"/> nicht Gott wäre (sondern Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> und unechte Jenseitigkeit<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/>), könnte das Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> aeternum der <hi rend="italic">Leibes</hi>auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Leibes"/>, die unerhörteste, aber auch unentbehrlichste Interpretation dessen, was der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> für unser Leben bedeutet, <hi rend="italic">nicht</hi> ausgesagt werden.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.12 Röm.8.13">V. 12‒13</ref> Also sind wir, Brüder, dem Fleische</hi>
        gegenüber <hi rend="bold">nicht verpflichtet zu einem Leben nach dem Fleische! Denn sofern ihr nach dem Fleische lebt, geht ihr dem Sterben, sofern ihr aber durch den Geist den Betrieb des Leibes sterben lasst, dem Leben entgegen.</hi></p>
        <p><hi rend="italic">«Wir sind dem Fleische nicht verpflichtet zu einem Leben nach dem Fleische.»</hi> Der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, oder was dasselbe sagen will: die uns übermächtig gewordene, die von uns ernstgenommene Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, die Wahrheit, zugespitzt begriffen in der Aussage der jenseits <hi rend="italic">aller</hi> Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/> und gerade darum der <hi rend="italic">ganzen</hi> Leiblichkeit wartenden Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Leibes"/>, bedeutet für uns zunächst eine ganz bestimmte <hi rend="italic">kritische</hi> Einstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> dieser Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/> gegenüber. Wir kommen her von einer umfassenden Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> aller Prädikate unsres uns bekannten Seins und gehen entgegen einer ebenso umfassenden, aber totaliter aliter<term type="begriffe" key="totaliter aliter"/> verlaufenden Prädikation<term type="begriffe" key="Prädikation"/> unsrer uns unbekannten Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> in Gott, des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/> und der doch in mir wohnt, den ich doch nicht verleugnen kann als mein existentielles Ich<term type="begriffe" key="Ich, existentielles"/>. Wir kommen her von der anschaulichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> unsres Seins im Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/> und gehen entgegen der unanschaulichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unanschauliche"/> unsres Seins im Geiste (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.5 Röm.8.9">8,5–9</ref>). Wir kommen vom Sterben her und gehen dem Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> entgegen. Damit sind wir in einer ganz bestimmten Weise orientiert, unser Rücken ist dem Westen, unser Gesicht dem Osten<term type="begriffe" key="«nach Osten»"/> zugewendet, und <pb ed="pga" xml:id="p400"/> das Gegenteil findet nicht statt. Ein «Leben nach dem Fleische»<term type="begriffe" key="Leben, nach dem Fleische"/>, d. h. ein die Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen in ihrer Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> ungebrochen, real und ernst nehmendes, ein naiv nur die Möglichkeiten dieses Menschen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> bedenkendes Leben, ein Leben, das in den niedersten der uns gegebenen Möglichkeiten wirklich versinkt oder in den höchsten wirklich befriedigt aufgeht, ein humorlos konservatives<term type="begriffe" key="konserativ"/> oder hemmungslos revolutionäres<term type="begriffe" key="Revolution"/> Leben, das <hi rend="italic">gibt es nicht</hi>, das kommt zwischen jenem Anfang und jenem Ende nicht in Betracht. Wir sind durch den Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, durch die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ein für alle<pb ed="A" n="275" break="no"/>mal freigesprochen von der Verpflichtung, innerhalb der Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> der Fleischeswelt etwa leidenschaftlich zu sein, ohne zu bedenken, dass wir sterben müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>], feierlich ohne Seitenblick auf unsre Winzigkeit, beschäftigt ohne die Hemmung der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Hemmung der E."/>, eifrig ohne Einsicht in die Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> unsres Tuns, tatlos ohne Schrecken<term type="begriffe" key="Schrecken"/> über die unwiederbringlich enteilende Zeit, fromm ohne die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gottlosigkeit"/> an unsre wesentliche Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit"/>, gottlos, als ob es so etwas gäbe, verzweifelt ohne den Gedanken an die überwältigende Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes, zersplittert und zerstreut ohne die Erwägung des Einen, was uns not tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>] und in dem alle unsre Splitter und Zerstreutheiten schon gesammelt sind. Die Verpflichtung, die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> zu einem solchen «Leben<term type="begriffe" key="Leben, nach dem Fleische"/> nach dem Fleische» besteht nicht. Das Fleisch, in dem wir <hi rend="italic">sind</hi>, hat seinen eigenen Weg, seinen eigenen Ernst, seine eigenen Lichter und Kräfte nur im <hi rend="italic">Schatten</hi><term type="begriffe" key="Schatten"/> einer ganz <hi rend="italic">andern</hi>
        Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>. Es ist von einem schlechthin überlegenen Standpunkt – weder direkt bejaht noch verneint<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «vereint».</note>, wohl aber eben in seiner verpflichtenden Gewalt gründlich in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>. Eben diese <hi rend="italic">Infragestellung</hi> des ganzen Komplexes unsres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>, aller uns bekannten Wege und Unwege<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Umwege». Der <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) entspricht dem<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note>, Ernsthaftigkeiten und Leichtfertigkeiten, Gerechtigkeiten und Sünden, Gläubigkeiten, Atheismen<term type="begriffe" key="Atheismus"/> und Skeptizismen<term type="begriffe" key="Skeptizismus"/>, eben dieses letzte <hi rend="italic">Vielleicht – vielleicht auch nicht!</hi>, das als Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.10">Mt. 3,10</ref> par.], ist ja die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, die wir jenseits des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Freiheit"/> in Gott haben, die Freiheit, der wir uns nicht entziehen können, weil sie die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, weil sie die Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes selber ist. Ein gegenüber aller <pb ed="pga" xml:id="p401"/> Höhe<term type="begriffe" key="Höhe"/> und Niedrigkeit, gegenüber aller Stärke und Schwäche, gegenüber allem Rechthaben und Unrechthaben dieses Menschen in dieser <anchor type="note" xml:id="fn-v"/>Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> sich immer wieder Lösendes<note n="v" target="fn-v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Welt immer wieder sich Lösendes». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, Davoneilendes, ein aus unendlicher Ferne über ihn Trauerndes und Lächelndes und aus unendlicher Nähe ihn Tröstendes und ihm Befehlendes, ein immer wieder Anklagendes, aber auch Verzeihendes, ein Tötendes, aber auch Erwe­­ckendes ist unanschaulich da und redet und behauptet sich: <hi rend="italic">das</hi>, was <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName> fragwürdigste Gestalten in der Tiefe ihres Sumpfes des Herrn gedenken lässt, der einmal auch zu ihnen, den Säufern, den Willensschwachen, den Schamlosen sagen wird: «Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehes, aber kommt auch ihr zu mir!»<note xml:id="n38"> <bibl corresp="kbga-bibls-3538"><persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName>, <hi rend="italic">Schuld und Sühne</hi>, Teil I, Kap. 2</bibl>; <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert nach der Übersetzung von <persName ref="kbga-actors-9682">H. Röhl</persName>, Leipzig 1912, S. 37. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1842"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Dostojewski</hi>, München 1921, S. 41f.</bibl>: «Warum wird ausgerechnet von dem ewig betrunkenen Vater jener Dirne in einer Kellerkneipe die Vergebung des jüngsten Tages in den ekstatischen Worten verkündigt: ‹Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid hat, und der alles und alle verstanden hat; Er, der einzige, er ist auch der Richter. Er wird an jenem Tage zu uns sprechen: Kommet auch ihr - wird er sagen - kommt, ihr Betrunkenen, kommt, ihr Schwächlinge, kommt, ihr Sündiger! Und wir alle werden hervortreten, ohne uns zu schämen, und werden dastehen. Er aber wird sagen: Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres! Ihr viehischen Gesichter, ihr - kommt auch ihr!›» <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> zitiert nach der Übersetzung von <bibl corresp="kbga-bibls-3650"><persName ref="kbga-actors-9683">E. K. Rahsin</persName>: Sämtliche Werke, Abt. 1, Bd. 1, München 1920, S. 36f</bibl>.</note> – und <hi rend="italic">das</hi>, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, den Gottesmann<term type="begriffe" key="Gottesmann"/>, unerbaulicherweise sterben lässt mit dem Wort, dass wir Bettler sind und dass <hi rend="italic">das</hi> wahr ist<note xml:id="n39"> Letzte Aufzeichnung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> vom 16. Februar 1546 (<bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 5, 318,2f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3652">WA 48, 241</bibl>): «Wir sind Bettler: <foreign xml:lang="lat">hoc est verum</foreign>.»</note>. Keinen Zustand meinen wir, wenn wir <hi rend="italic">das</hi> umschreiben, keinen höchsten Standort, auf dem etwa dieser oder jener Mensch stünde, keine selige Erlöstheit in irgend einer Ecke unsrer Unerlöstheit<term type="begriffe" key="Unerlöstheit"/>, keine milde Abendröte<term type="begriffe" key="Abendröte(, milde)"/>, die in irgend einer Stunde unseres Lebenstages nach beendigtem Ge<pb ed="A" n="276" break="no"/>witter etwa anbrechen würde, sondern die Orientierung, die dem Menschen
        durch Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, durch Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> gegeben ist, die Verlegenheit, die Bedrohung<term type="begriffe" key="Bedrohung"/>, die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, die Unsicherheit und letzte Sicherheit, die als Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> vom ungeschaffenen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/> alles Ge<pb ed="pga" xml:id="p402" break="no"/>schaffene von allen Seiten umgibt, sein Ende, aber auch seinen Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/> ankündigend, das unendlich beunruhigende, unendlich beruhigende, aus jeder friedlichen oder unfriedlichen Höhle uns alsbald wieder heraustreibende Verbot, an unsre Erlöstheit oder Unerlöstheit<term type="begriffe" key="Unerlöstheit"/> zu glauben, weil wir nur an unsre <hi rend="italic">Erlösung</hi><term type="begriffe" key="Erlösung"/> glauben können: der Friede<term type="begriffe" key="Friede, Gottes"/> Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>].</p>
        <p><hi rend="italic">«Denn sofern ihr nach dem Fleische lebt, geht ihr dem Sterben, sofern ihr aber durch den Geist den Betrieb des Leibes sterben lasst, dem Leben entgegen.»</hi> Alle Entfaltungen der menschlichen Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität, menschliche"/>, von den niedrigsten bis zu den höchsten, alle Aktualisierungen menschlicher Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, der Möglichkeiten, Ja!, sowohl, wie der Möglichkeiten, Nein! <term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> zu sagen, alles, was Leben, Bios ist «nach dem Fleische<term type="begriffe" key="Leben, nach dem Fleische"/>», das steht als solches im Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>. Es beginnt zu sterben, indem es geboren ist<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/>; es ist aufgehoben, indem es gesetzt wird, es ist gerichtet, indem es das Richtige ist. Es ist in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>, es hat darum seine Zukunft, aber eben darum schon jetzt seine Vergangenheit. Tot ist das Wort, indem es gesprochen und geschrieben ist. Tot die Natur, indem sie aus dem Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> ins Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, lebendiges"/> tritt. Tot die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, tote"/>, indem geschieht, was doch wahrlich und offenkundig nicht geschehen kann. Tot und erledigt die Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung, tote"/>, die zur «Bewegung»<note xml:id="n40"> Anspielung auf die verschiedene Bewegungen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sich im gesellschaftlichen Leben profilierten; vgl. z. B. zur «Jugendbewegung» unten <ref type="pub" target="../volume/47/p551#fn_n16">S. 551, Anm. 16</ref>.</note> wird. Tot und erledigt die Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit, tote"/> im Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, toter"/>, da sie sich selbst als solche weiß, von andern als solche gewusst ist. Mögen wir, müssen wir, können wir «leben» nach dem Fleisch<term type="begriffe" key="Leben, nach dem Fleische"/>, heute und alle Tage, so können wir doch nicht mehr vergessen, dass wir mit <hi rend="italic">diesem</hi> Leben ahnungslose Reiter auf dem Bodensee<term type="begriffe" key="Bodensee"/><note xml:id="n41"> Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-1588"><persName ref="kbga-actors-2501">Gustav Schwabs</persName> Ballade «Der Reiter und der Bodensee» (1826)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 78</bibl>.</note> sind, dass <hi rend="italic">dieses</hi> Leben dem Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> entgegengeht. Mag das Volle, Gesunde, Geradlinige, Kräftige, Abgerundete <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>im positiven oder negativen<note n="w" target="fn-w" type="textcritical" xml:id="nw">Druckmanuskript: «in positivem oder negativem».</note> Sinn, auf das unsre Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/>, unser Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> in seinen niedersten und höchsten Komponenten tendiert, uns erlaubt, ja geboten sein, mag seine immanente Berechtigung (die freilich begrenzt sein <pb ed="pga" xml:id="p403"/>  könnte durch eine entsprechende Nicht-Berechtigung!) der Dampf<term type="begriffe" key="Dampf"/> und die Elektrizität sein, mit der wir letztlich alles tun, was wir tun, vom Atmen bis zum Beten<term type="begriffe" key="Gebet"/>, wir können doch <hi rend="italic">nicht</hi> übersehen die Hand, die gegenüber dem Allem erhoben ist, den letzten umfassenden Vorbehalt<term type="begriffe" key="Vorbehalt"/>, der nicht nur unser verbotenes, sondern erst recht unser erlaubtes, ja gebotenes Tun begleitet. Wir können <hi rend="italic">nicht</hi> übersehen, dass, wenn sich unter all dem, was wir tun, allenfalls eine «Frucht des <pb ed="A" n="277"/> Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Frucht des G."/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.22">Gal. 5,22</ref>), eine «Frucht des Lichtes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.9">Eph. 5,9</ref>), eine von Gott gerechtfertigte Tat wirklich findet, das absolute Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, absolutes"/> geschehen ist. Nur im reinen Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes selbst kann die Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> ihre <hi rend="italic">Begründung</hi><term type="begriffe" key="Begründung"/> suchen, nie und nimmer in jenem immanenten Recht dessen, was wir kraft unserer Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/>, und wäre es unsre höchste Vitalität, ohnehin wollen, und darum ihre <hi rend="italic">Entfaltung</hi> nur in einer umfassenden
        Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> dessen, was Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/> und Sozietät getan haben, tun und tun werden, nie und nimmer aber in dessen Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und Bestätigung <hi rend="italic">oder auch</hi> Bekämpfung und Widerlegung. Denn «die Unerforschlichkeit der Idee<term type="begriffe" key="Idee"/> der Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> schneidet aller positiven Darstellung gänzlich den Weg ab» (<persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>)<note xml:id="n42"> <bibl corresp="kbga-bibls-646"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der Urteilskraft</hi>, B 125, Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1908, S. 275</bibl> (dort <hi rend="italic">«Unerforschlichkeit der Idee der Freiheit»</hi> hervorgehoben).</note>. Wobei wohl zu beachten ist, dass jene Hand wirklich gegenüber der <hi rend="italic">ganzen</hi> Summe menschlicher Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> erhoben ist, dass es der <hi rend="italic">Geist</hi><term type="begriffe" key="Geist"/> ist, durch den wir den «Betrieb», die Geschäfte, Praktiken und Betätigungen des «Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>» müssen «sterben lassen». Dass es sich also nicht etwa darum handeln kann, an Stelle der üblichen, allzu positiven Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> eine negative Ethik, eine Ethik der Weltflucht<term type="begriffe" key="Weltflucht"/>, der Indifferenz<term type="begriffe" key="Indifferenz"/>, der Askese<term type="begriffe" key="Askese"/>, der Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/>, des «Wartens<term type="begriffe" key="Warten"/>» oder auch eine Ethik vermeintlich ­wieder zu erlangender Paradiesesunschuld<term type="begriffe" key="Paradies"/> zu setzen – obwohl als ­Übung und zur Aufrichtung eines Gleichnisses<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> je und je auch <hi rend="italic">solches</hi> Tun erlaubt, ja geboten sein mag. Sondern die den ganzen Bau samt allen möglichen Aufbauten und Neubauten in allen Dimensionen in Frage stellende Unterhöhlung<term type="begriffe" key="Unterhöhlung"/> unsres Lebens, das absolute Schwanken des Bodens, auf dem Säulenheilige, Siedler, Urchristen<term type="begriffe" key="Urchristen/Urchristentum"/>, Naturmenschen und Edelanarchisten neben <persName ref="kbga-actors-1267">Stinnes</persName><note xml:id="n43"> <persName ref="kbga-actors-1267">Hugo Stinnes</persName> (1870–1924), bekannter deutscher Industrieller, nach 1920 Mitglied des Reichtags für die <orgName ref="kbga-actors-9762">Deutsche Volkspartei</orgName>.</note>, <persName ref="kbga-actors-673">Ludendorff</persName><note xml:id="n44"> <persName ref="kbga-actors-673">Erich Ludendorff</persName> (1865–1937), deutscher Heerführer im Ersten Weltkrieg, nach 1918 politisch in der deutsch-völkischen Bewegung tätig.</note> und <pb ed="pga" xml:id="p404"/> <persName ref="kbga-actors-9684">Hölz</persName><note xml:id="n45"> <persName ref="kbga-actors-9684">Max Hölz</persName> (1889–1933), Führer der kommunistischen Aufstände im Vogtland und in Mitteldeutschland 1920-1921.</note> friedlich ihr höchst gemeinsames Wesen treiben, die grundsätzliche Bedenklichkeit<term type="begriffe" key="Bedenklichkeit"/> <hi rend="italic">alles</hi> Tuns und Nicht-Tuns<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, das Bedenkliche auch unserer Bedenklichkeit, den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> als den Tod auch unsrer Todesweisheit<term type="begriffe" key="Todesweisheit"/> gilt es einzusehen, immer wieder, handelnd und nicht handelnd, so oder so handelnd, sich klar zu machen, dass der Mensch <hi rend="italic">nicht</hi> Recht hat, <hi rend="italic">kein</hi> Mensch, auch der demütige, auch der aufrichtige, auch der beunruhigte<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> Mensch nicht, und also den «Betrieb des Leibes» bei vollem Betrieb <hi rend="italic">sterben</hi>, nicht aufhören, nicht einschränken, nicht in andre Richtung leiten, sondern <hi rend="italic">sterben</hi> zu lassen: <hi rend="italic">dann</hi> geht es dem Leben entgegen. Aus der großen Bedenklichkeit<term type="begriffe" key="Bedenklichkeit"/> heraus Worte, Taten und Bewegungen, die allenfalls in ihrer ganzen Verweslichkeit<term type="begriffe" key="Verweslichkeit"/> und Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/> Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> geben von jenem Leben. Aus der großen Bedenklichkeit heraus allein auch die Fähigkeit, solche Lebenszeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> zu sehen, vielleicht mit Entdeckeraugen dort zu sehen, wo niemand sie sieht, vielleicht auch ganz gewöhnlich mit den Augen des Herrn Jedermann dort, wo alle sie sehen. Wobei zu unterstreichen ist, dass auch solche große frucht<pb ed="A" n="278" break="no"/>bare
        Bedenklichkeit<term type="begriffe" key="Bedenklichkeit"/> keine etwa zu rechtfertigende, etwa zu empfehlende und einzunehmende menschliche Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> ist und darum ebenso gut die große Unbedenklichkeit heißen mag. Am Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> selbst, am Geist allein soll das Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> sterben, um eben durch dieses Sterben in das Licht der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, des Lebens<term type="begriffe" key="Leben"/> gerückt zu werden. Das, «diese reine seelenerhebende bloß negative Darstellung der Sittlichkeit<term type="begriffe" key="Sittlichkeit"/>» (<persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>)<note xml:id="n46"> <bibl corresp="kbga-bibls-646"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der Urteilskraft</hi>, B 125, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n42">Anm. 42</ref>), S. 275</bibl>.</note> ist die grundsätzliche Einstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> (die keine «Einstellung» ist!), zu der uns die übermächtig gewordene, die ernstgenommene Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> unsrer Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/> gegenüber veranlasst.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.14 Röm.8.17">V. 14‒17</ref> Denn die, welche vom Geiste Gottes getrieben werden, die sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen aufs neue zur Furcht, sondern den Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in welchem wir schreien Abba! Vater! Der Geist selbst ist unserm Geiste Zeuge, dass wir Kinder Gottes sind. Sofern wir aber Kinder sind, sind wir auch Erben: Erben Gottes und Miterben des Christus, so gewiss wir mitleiden, um auch mitverherrlicht zu werden.</hi></p> 
        <p><pb ed="pga" xml:id="p405" rend="noPipe"/>«Das ist ein trefflicher, tröstlicher Text und billig mit güldenen Buchstaben zu schreiben»! (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n47"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 127</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3593"><hi rend="italic">Epistel am achten Sonntag nach Trinitatis. Röm. 8,12-17</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 22, 136,21f.</bibl></note></p>
        <p><hi rend="italic">«Welche vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Söhne Gottes.»</hi> Jene kritische und darum bedenkliche und darum hoffnungsvolle Einstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> der Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/> gegenüber, was ist sie anderes als der Ausdruck dessen, dass der Mensch in den Händen <hi rend="italic">der Macht</hi><term type="begriffe" key="Gott, Macht"/> ist, «getrieben vom Geiste Gottes<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>», an der Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> gepackt von der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> selbst, die ihn weder nach rechts noch nach links ausweichen, weder im Ja noch im Nein verharren lässt, die der Todeskeim ist, den sein <hi rend="italic">ganzes</hi> Tun und Lassen in sich trägt, die aber auch sein <hi rend="italic">ganzes</hi> Tun und Lassen ewig neu bestimmen will, die alle vorwitzigen und bequemen Frager mit unerschütterlicher Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> an <hi rend="italic">das</hi> Positive erinnert, nach dem man <hi rend="italic">nur</hi> fragen und eben darum <hi rend="italic">nicht</hi> fragen kann. Um das Reich, um die Herrschaft<term type="begriffe" key="Gott, Herrschaft"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> handelt es sich. Die Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensätze"/> von subjektiv und objektiv, autonom<term type="begriffe" key="Autonomie"/> und heteronom<term type="begriffe" key="Heteronomie"/>, diesseitig und jenseitig<term type="begriffe" key="diesseitig, und jenseitig"/>, rational und irrational haben hier, wo wir an ihrem <hi rend="italic">Ursprung</hi><term type="begriffe" key="Ursprung"/> und <hi rend="italic">Ziel</hi><term type="begriffe" key="Ziel"/> stehen, nichts zu suchen. Der, der aus dem Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/> führt, <hi rend="italic">ist da</hi>, und <hi rend="italic">er will</hi> und <hi rend="italic">wir müssen</hi>, das ist die Lage. Eben jene Nicht-Verpflichtung gegenüber der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.12">8,12</ref>) ist unsre Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> in Gott. Unsre Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, und Gefangenschaft"/> in Gott aber ist auch unsre Gefangenschaft in ihm. In <hi rend="italic">ihm</hi>, in <hi rend="italic">Gott!</hi> Es geht also auch hier nicht um Enthusiasmus<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/>, nicht um ein mystisches<term type="begriffe" key="Mystik"/> Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, nicht ums Abhängigkeits<hi rend="italic">gefühl</hi><note xml:id="n48"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-448"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, Der christliche Glaube, § 4,2-4, Bd. 1, S. 34–40</bibl>.</note><term type="begriffe" key="Gefühl, der Abhängigkeit"/>. Dass wir in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi,, von den Toten"/> Jesu von den Toten, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> <pb ed="A" n="279"/> Gottes unanschaulicherweise disponiert und orientiert <hi rend="italic">sind</hi> von Westen nach Osten<term type="begriffe" key="«nach Osten»"/>, vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/>, dass also der Heilige Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> sein Richter- und Trösteramt<term type="begriffe" key="Geist, Tröster"/> <hi rend="italic">ausübt</hi>, dass die Wahrheit die <hi rend="italic">Wahrheit</hi><term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ist, das ist unser «vom Geist getrieben sein<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>», mögen unsre nebenbei laufenden<note n="x" type="textcritical" xml:id="nx">Druckmanuskript: «nebenherlaufenden».</note> psychischen<term type="begriffe" key="psychisch"/> Zustände sein, welche sie wollen. – Und eben darum, in diesem «vom Geist getrieben sein», unter diesem Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, der Wahrheit des Geistes"/> und Segen<term type="begriffe" key="Segen"/> der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, in den Händen <hi rend="italic">der Macht</hi><term type="begriffe" key="Gott, Macht"/> erkennen wir uns selbst als «Söhne Gottes»<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>. Nenne ich mich selbst «Sohn Gottes», so meine ich <pb ed="pga" xml:id="p406"/> damit in jeder Beziehung dasselbe, wie wenn ich Christus so nenne (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3">8,3</ref>); denn ich meine damit nicht mich selbst, nie und nimmer diesen Menschen in dieser
        Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, sondern immer jenen andern, den neuen, den unanschaulichen, den vor Gott stehenden<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, in Gott lebenden Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>. Ich meine damit Christus selbst – in mir<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> (wobei die unerhörte Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie"/> dieser Aussage sie wahrlich schützen sollte vor der Fixigkeit, mit der eine allzu praktische Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, praktische"/> christologische<term type="begriffe" key="Christologie"/> Aussagen in anthropologische<term type="begriffe" key="Anthropologie"/> umzusetzen liebt!). Ich meine also, dass ich für den Ursprung <hi rend="italic">der Macht</hi><term type="begriffe" key="Gott, Macht"/><hi rend="italic"/>, in deren Händen ich mich, umgekehrt vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/>, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> sehe, keinen andern Namen weiß als Gott. <hi rend="italic">Das</hi> also ist Er, der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der Unerforschliche<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/>, der Verborgene<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/>, der Fremde<term type="begriffe" key="Gott, Fremde"/>: er ist der Herr <hi rend="italic">über</hi> Leben und Tod<term type="begriffe" key="Gott, Herr über Leben und Tod"/>, er ist selbst die Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>, die <hi rend="italic">da ist, die will</hi> und der gegenüber <hi rend="italic">ich muss</hi>. Und ich, der diesem Herrn gegenüber einfach <hi rend="italic">muss</hi>, nichts anderes will, ja weiß als eben das, dass ich <hi rend="italic">muss</hi>, ich (wahrlich <hi rend="italic">nicht ich</hi>, aber Christus in mir!<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/>) bin – nicht sein Knecht, nicht sein Fremdling – nein sein Sohn<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>. Wie könnte ich vom Geist getrieben sein<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>, wie könnte ich die unendliche, die süße, die bittere Bedrängnis, die mir die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, als Bedrängnis"/> bereitet, erfahren, wenn die Kluft zwischen hüben und drüben nicht ursprünglich ausgefüllt, wenn ich nicht ursprünglich der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> teilhaftig, wenn ich nicht Gottes Sohn<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> wäre? Eines Geschlechts mit dem Schöpfer der Mensch! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>], das ist’s, was in unserm «getrieben sein durch den Geist»<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/> Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> ist. Der Geist aber ist «der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckte» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11">8,11</ref>). Hier gibt’s nichts zu erleben für Romantiker<term type="begriffe" key="Romantik"/>, nichts zu schwärmen<term type="begriffe" key="Schwärmer"/> für Rhapsoden, nichts zu analysieren für Psychologen<term type="begriffe" key="Psychologie"/>, nichts zu erzählen für Geschichtenerzähler. Nichts, gar nichts ist hier von jenen «Keimzellen»<note xml:id="n49"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p024#p024">S. 24</ref></bibl>: «Gottes Gerechtigkeit ist nun wieder aufgerichtet auf Erden durch das lösende Wort, das im Christus gesprochen, und durch die Erkenntnis, die in den Christen zustande gekommen ist.» Durch «jene Aufrichtung der göttlichen Gerechtigkeit» ist «die Keimzelle des Lebens wieder in die Geschichte und in die Natur gegeben. Nun wächst in die menschliche Weltgeschichte hinein die göttliche.» <ref type="pub-" target="../volume/16/p523#p523">S. 523</ref>: «Ihr seid der Leib des Christus, die Keimzelle der kommenden Welt, die wachsen will.»</note> oder «Ausflüssen»<note xml:id="n50"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p317#p317">S. 317f.</ref></bibl>: «Unser Tun ist nicht mehr ein Ausfluß unserer Verlegenheit, sondern ein Ausfluß aus dem Reichtum der göttlichen Notwendigkeit und darum durchaus ein Ausfluß unseres eigensten Wesens;  […] das ‹Treiben› des Geistes, das uns widerfährt, ist nichts mehr uns Fremdes, es sprudelt als transzendenter Ursprung unserer Individualität in uns und aus uns selber.»</note> Gottes, <pb ed="pga" xml:id="p407"/> nichts von jenem sprudelnden quellenden Leben, in dem etwa ein
        kontinuierlicher Zusammenhang zwischen Gottes Sein und dem unsrigen stattfände. Ende und Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/>, Tod und Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/> und Gerechtigkeit, <hi rend="italic">das</hi> ist des Menschen Getriebensein vom Geist<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>, in dem seine Gottessohnschaft<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird. Hier <hi rend="italic">wird</hi> sie aber auch Ereignis und ist die Antwort auf das <pb ed="A" n="280"/> in der unauflöslichen Existenzfrage<term type="begriffe" key="Existenzfrage"/> gipfelnde Problem<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/> der Religion.</p>
        <p>Also immer noch und immer wieder ein Draußen-, nicht Drinnensein? Also auch unsre Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, und Gefangenschaft"/> in Gott eine Gefangenschaft? Ja, sofern wir diese Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, im besten Fall religiöse Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> sind! Nein, sofern wir, Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> über Wunder, identisch sind mit dem neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> in Christus «wahrer Mensch und wahrer Gott<term type="begriffe" key="Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch"/>»<note xml:id="n51"> <bibl corresp="kbga-bibls-2799">Symbolum Chalcedonense, DS 301</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">deum vere et hominem vere</foreign>».</note>. Nein <hi rend="italic">«ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen aufs neue zur Furcht, sondern den Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in welchem wir schreien: Abba! Vater!»</hi> Der «Dienst im neuen Sinn des Geistes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.6">7,6</ref>), in dem wir unanschaulich, getrieben vom Geist<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>, stehen, ist keine Knechtschaft. Hier ist keine Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/>, kein Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Gott und Mensch"/> von Gott und Mensch, Schöpfer<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> und Geschöpf. Und darum auch keine Furcht<term type="begriffe" key="Furcht"/>; die völlige Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> hat sie ausgetrieben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.18">1.Joh. 4,18</ref>]. Sondern eine Geborgenheit, eine Klarheit, ein Friede<term type="begriffe" key="Friede"/>, an dem es sich ermisst, <hi rend="italic">was</hi> für eine Knechtschaft <hi rend="italic">das</hi> ist, was der <hi rend="italic">Mensch</hi> etwa seine Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> nennen möchte, was für ein wogendes Meer von Unruhe die Geborgenheiten, Klarheiten und Zufriedenheiten, in denen er <hi rend="italic">seine</hi> Ruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/> sucht und findet. Denn hier ist aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Doppeltheit menschlicher und göttlicher Welt"/> der grauenhafte Druck, den das Unendliche für alles Endliche, aufgehoben auch die Kompromittierung, die alles Endliche für das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> bedeutet, aufgehoben das Verdächtige, Satte, Bourgeoise<term type="begriffe" key="Bürgerlichkeit"/> des Bejahens und das Missliche, Schweifende, Giftige des Verneinens<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>, aufgehoben die sinnlose Fülle des Möglichen und die leere Bedeutsamkeit des Unmöglichen, aufgehoben die Ohnmacht des Lebens und die Macht des Todes<term type="begriffe" key="Tod, Macht"/>, aufgehoben die Nur-Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> des Menschen und die Nur-Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> Gottes, <hi rend="italic">aufgehoben</hi><term type="begriffe" key="Aufhebung, der Doppeltheit menschlicher und göttlicher Welt"/> also gerade die <hi rend="italic">Dop<pb ed="pga" xml:id="p408" break="no"/>peltheit</hi><term type="begriffe" key="Doppeltheit"/> des Aspektes unsres Lebens, der sich uns unter der engen Pforte<term type="begriffe" key="Pforte(, enge)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13 Mt.7.14">Mt. 7,13–14</ref> par.] der kritischen Negation<term type="begriffe" key="Negation, kritische"/> in jedem einzelnen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit unvermeidlich bietet. Was anders kann uns zur Furcht veranlassen, zur Furcht<term type="begriffe" key="Furcht"/> vor der Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> unsres Daseins, vor dem Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel"/> unsrer eigenen Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, Rätsel der"/>, vor Gott letztlich, als eben diese unvermeidliche Doppeltheit<term type="begriffe" key="Doppeltheit"/>? Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Tod und Leben"/>, den wir, aus dem Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/> gekommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>], empfangen haben, ist die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Doppeltheit von Tod und Leben"/> dieser Doppeltheit<term type="begriffe" key="Doppeltheit"/>. Er, der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, Christus in uns<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/>, steht in der Einheit des Sieges des Lebens<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/> über
        den Tod, in <hi rend="italic">der</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/>, in der der Mensch, dem alle gordischen Knoten durchhauenden: Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>! Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>! nicht mehr gegenübersteht als ein Fremder, Ausgeschlossener, Zitternder, blindlings Unterworfener und Geknechteter («heteronom<term type="begriffe" key="Heteronomie"/>») oder scheltend über Wunderglauben<term type="begriffe" key="Wunderglauben"/> und Schwärmerei<term type="begriffe" key="Schwärmer"/>, tief verletzt in seinem Selbstbewusst<pb ed="A" n="281" break="no"/>sein<term type="begriffe" key="Selbstbewußtsein"/>, nervös besorgt um das Palladium moderner Kultur («autonom<term type="begriffe" key="Autonomie"/>») – sondern als der <hi rend="italic">Sohn</hi><term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>, der die Stimme seines <hi rend="italic">Vaters</hi> hört [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.17">Mt. 3,17</ref> par.; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.17.5">17,5</ref> par.], der vergessend der Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> Gottes wahrlich zuerst seiner eigenen Andersheit vergessen hat, der <hi rend="italic">nichts</hi> mehr weiß noch will <hi rend="italic">neben</hi> diesem seligen, lichten: Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>! Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>! Dieser «Geist der Sohnschaft»<term type="begriffe" key="Sohnschaft"/>, dieser neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der nicht ich bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, ist mein unanschauliches existentielles Ich<term type="begriffe" key="Ich, existentielles"/>. Von dort aus <hi rend="italic">bin</hi> ich erkannt, <hi rend="italic">bin</hi> ich getrieben, <hi rend="italic">bin</hi> ich gelebt, <hi rend="italic">bin</hi> ich geliebt. – Und im Lichte dieses meines unanschaulichen Ich lebe ich nun als der, der ich bin, in der Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, in der Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/>, im Reiche der Doppeltheit<term type="begriffe" key="Doppeltheit"/>, unter der engen Pforte<term type="begriffe" key="Pforte(, enge)"/> der kritischen Negation<term type="begriffe" key="Negation, kritische"/>, in <hi rend="italic">dem</hi> Bezirk, wo die <hi rend="italic">Furcht</hi><term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> des Herrn nicht nur der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/>, sondern auch das Ende <hi rend="italic">meiner</hi> Weisheit<term type="begriffe" key="Weisheit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.1.7">Spr. 1,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.9.10">9,10</ref>] sein muss: im Dunkel, aber nun nicht ohne den Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> des ungeschaffenen Lichtes<term type="begriffe" key="Licht"/>; ein Gefangener<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> Gottes, aber nun als solcher auch sein Befreiter; ein Knecht<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/>, aber nun als Knecht sein Sohn<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>, seufzend<term type="begriffe" key="Seufzen"/> und doch selig, schreiend zu dem, der mir nur als der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> und Unerforschliche<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/>, nur als mein Feind<term type="begriffe" key="Gott, Feind"/> und Überwältiger und Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> und Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> gegenübertritt, schreiend zu ihm aus <hi rend="italic">tiefer</hi> Not<note xml:id="n52"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p351#fn_n29">S. 351, Anm. 29</ref>.</note> und in <hi rend="italic">großer</hi> Furcht<term type="begriffe" key="Furcht"/>, aber nun schreiend zu <hi rend="italic">ihm:</hi> Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater! «Hiemit ist beschrieben die Kraft des Reiches Christi und das eigentliche Werk und der rechte hohe Gottesdienst<term type="begriffe" key="Geist, Gottesdienst"/>, so in den <pb ed="pga" xml:id="p409"/> Gläubigen der heilige Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger"/> wirkt» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n53"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 128</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3593"><hi rend="italic">Epistel am achten Sonntag nach Trinitatis. Röm. 8,12-17</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 22, 137,36-38</bibl>.</note> Ist’s meine letzte,
        allerletzte <hi rend="italic">Menschenmöglichkeit</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/><hi rend="italic"/>, die in solchem Schreien vor Gott kommt, gerechtfertigt, ihm wohlgefällig in sich selbst, als nicht aufzuhebende Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, als Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Glaube"/>, die zugleich – Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist? Wer wagt<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «wagte».</note> es, das kühnlich zu behaupten, wo alle Konsequenz dagegen spricht – und wer, es aus Konsequenz zu verneinen? «Gott ist im Fleische, wer kann<note n="z" type="textcritical" xml:id="nz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «will». Korrektur – entsprechend dem Text in <bibl corresp="kbga-bibls-1087">GERS (1891)</bibl> – in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> das Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> verstehen? Hier ist die Pforte<term type="begriffe" key="Pforte"/> des Lebens<note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Himmels». Korrektur – entsprechend dem Text in <bibl corresp="kbga-bibls-1087">GERS (1891)</bibl> – in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> nun offen zu sehen!»<note xml:id="n54"> Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-38"><persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegens</persName>
             Weihnachtschoral «Jauchzet ihr Himmel», Strophe 4, GERS (1891) 99; RG (1998) 404; EG 41</bibl>.</note> Der Streit mag aufhören, die Kritik abbrechen, <persName ref="kbga-actors-797">Tersteegen</persName> und die Seinen bekommen <hi rend="italic">auch</hi> recht, sofern sie wirklich <hi rend="italic">hier</hi> stehen. Denn das ist sicher, dass <hi rend="italic">in</hi> solchem Schreien die <hi rend="italic">Gottesmöglichkeit</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> verborgen ist, die das dünn, ganz dünn gewordene Transparent menschlichen Tuns durchleuchtende und vielleicht zerreißende Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> des Vaters.</p>
        <p>Dass die Wahrheit die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ist, und wir also ursprünglich der Wahrheit teilhaftig sind, das<note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «teilhaftig, das». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> sagt uns – die Wahrheit selber. <hi rend="italic">«Der Geist selbst ist unserm Geiste Zeuge, dass wir Kinder Gottes sind.»</hi> Nicht <hi rend="italic">ein</hi> Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, eine Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung"/>, ein Aufschwung, eine Dämonie<term type="begriffe" key="Dämonie"/>, eine Erfahrung<term type="begriffe" key="Erfahrung"/>, eine Damaskusstunde<term type="begriffe" key="Damaskus"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1 Act.9.19">Act. 9,1–19</ref>] führt uns dazu, uns als Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> zu wissen jenseits aller Anschaulichkeit, sondern <hi rend="italic">der</hi> Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, der nicht rational und nicht irrational ist, sondern der Logos<term type="begriffe" key="Logos"/>, der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/> und das Ende beider, <pb ed="A" n="282"/> der Geist<term type="begriffe" key="Geist, ist Jesus Christus"/> <hi rend="italic">selbst</hi>, Jesus Christus in seiner vollen Einmaligkeit<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/> und Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/>, er, das aus dem Leben in den Tod<term type="begriffe" key="Tod, vom Leben zum T."/>, aus dem Tod ins Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> führende, das Himmel und Erde umfassende Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> für Gott an uns, Zeugnis für uns bei Gott, die Herrschaft<term type="begriffe" key="Gott, Herrschaft"/> Gottes, die immer schon aufgerichtet ist, bevor wir etwas von ihr erleben und wenn wir nie etwas von ihr <pb ed="pga" xml:id="p410"/> erleben würden. Der <hi rend="italic">Geist</hi><term type="begriffe" key="Geist, Zeugnis"/> gibt Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>. Entzückungen und Erleuchtungen<term type="begriffe" key="Erleuchtung"/>, Inspirationen<term type="begriffe" key="Inspiration"/> und Intuitionen<term type="begriffe" key="Intuition"/> sind <hi rend="italic">nicht</hi> notwendig. Wohl denen, die solcher gewürdigt sind. Aber wehe uns, wenn wir auf solche warten, wehe uns, wenn wir nicht merken, dass auch sie Beiwerk und Stückwerk sind. <hi rend="italic">Antwort</hi><term type="begriffe" key="Antwort"/> nur auf das, was der Geist selbst redet, kann alles das sein, was an uns und in uns geschieht. Als <hi rend="italic">Antwort</hi> nur kann stark, wahr und lebendig sein, was unser Geist redet. Und jenseits, immer jenseits dieses Starken, Wahren, Lebendigen redet der Geist selbst, redet Gott von dem, was unermesslich viel größer ist als das Größte, was unser Geist reden kann: von unserm Sein als die, die <hi rend="italic">wir nicht</hi> sind, als Gottes Kinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>.</p>
        <p><hi rend="italic">«Sofern wir Kinder sind...»</hi> Wir – Gottes Kinder! Wir halten inne und bedenken die ganze Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/>, Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> und Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie"/> dieser Aussage. Wir bedenken, dass wir, indem wir diese Prädikation<term type="begriffe" key="Prädikation"/> wagen, den wunderbaren, den anfänglichen, den schöpferischen Schritt tun, den <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> tat, den Schritt des Glaubens, den doch nur Gott tun kann, den Schritt über den Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen alter und neuer Schöpfung"/>, von der alten Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, alte"/> hinein in die neue<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>. Wir – Gottes Kinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>! Das kann man doch nicht nur so <hi rend="italic">sagen!</hi> Das ist entweder der Lobpreis<term type="begriffe" key="Lobpreis"/> der Erlösten oder blasphemisches<term type="begriffe" key="Blasphemie"/> Geschwätz. Aber – ob es auf unsern Lippen das eine oder das andre ist, wir <hi rend="italic">haben</hi> es schon gesagt, gewagt und gesagt mit dem Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater!, dessen Inhalt wir nie wussten, nie wissen und nie wissen werden, mit dem wir taten, was doch kein Sterblicher tun kann noch darf, mit dem wir uns, menschlich geredet, stellten, «als ob» wir gesehen, was <hi rend="italic">kein</hi> Auge gesehen und gehört, was <hi rend="italic">kein</hi> Ohr gehört<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, «als ob» in unser Herz<term type="begriffe" key="Herz"/> gekommen wäre, was in <hi rend="italic">keines</hi> Menschen Herz gekommen ist – und was wir doch, weil uns in der Tiefe die Höhe<term type="begriffe" key="Höhe"/> begegnete, in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> die Gerechtigkeit, im Tode das Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, in uns selbst Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/>, <hi rend="italic">nicht leugnen</hi> können. <hi rend="italic">Das</hi> hat Gott <hi rend="italic">denen</hi> bereitet, die ihn lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>?! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>] Wer darf sich in die Reihe derer stellen, die Gott lieben und denen er das bereitet hat? Ja und <hi rend="italic">wer</hi> aus ihrer Reihe <hi rend="italic">heraus?</hi> Wir <hi rend="italic">stehen</hi> ja schon in dieser Reihe, wir <hi rend="italic">haben</hi> ja jene Aussage schon gewagt! Es gibt – noch einmal: wir umschreiben kein «Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>» – ein Sehen und Hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, das schneidet alles Fragen ab, das ist nur noch Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Entscheidung Gottes"/> an die schon <pb ed="A" n="283"/> gefallene Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung, gefallene"/>. Menschenleid, Menschenschuld, Menschenschicksal, wie sie sich unaufhörlich<note n="ac" type="textcritical" xml:id="nac">Druckmanuskript: «unauflöslich».</note> finster offenbaren in dem höchst <pb ed="pga" xml:id="p411"/> fragwürdigen Gesicht, in der höchst fragwürdigen Lebensgeschichte<term type="begriffe" key="Lebensgeschichte"/> <hi rend="italic">jedes</hi> Einzelnen<term type="begriffe" key="Einzelne"/>, im Wahnsinn unsrer Städte und im Stumpfsinn unsrer Dörfer, in der banalen Gewalt unsrer primitivsten Lebensbedürfnisse und in der ideologischen<term type="begriffe" key="Ideologie"/> Weltfremdheit unsres Wissens und Gewissens, in den Schrecken der Geburt<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/> und des Todes, in dem aus jedem Stein und aus jeder Baumrinde schreienden Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel, der Natur"/> der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und in der Ergebnislosigkeit der Kreisläufe der Weltgeschichte<term type="begriffe" key="Weltgeschichte"/>, in der Quadratur des Zirkels und in den beiden Parallelen<term type="begriffe" key="Parallele"/>, die sich im Endlichen nie schneiden – sie haben eine <hi rend="italic">Stimme</hi>, sie haben ein <hi rend="italic">Licht</hi><term type="begriffe" key="Licht"/>, wer das <hi rend="italic">einmal</hi> gehört, <hi rend="italic">einmal</hi> gesehen<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, und zwar existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, also <hi rend="italic">nicht</hi> psychologisch<term type="begriffe" key="psychologisch"/>, soziologisch<term type="begriffe" key="Soziologie"/>,
        historisch<term type="begriffe" key="Historie"/>, naturwissenschaftlich<term type="begriffe" key="Naturwissenschaft"/>, in keinem Sinn vornehm, akademisch, überlegen, unbeteiligt, aber auch in keinem Sinn «fromm», «religiös abgeklärt», ganz und gar ohne die erschlichene Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, erschlichene"/> einer Vorsehung<term type="begriffe" key="Vorsehung"/> und Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> über diesem Ganzen, sondern: existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, will sagen ernsthaft, selber angebrannt, selber aus dem Sattel geworfen, unproblematisch, uninteressant, unausweichlich, unrettbar gehört und gesehen hat – gehört und gesehen mit den Ohren und Augen<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/> des <persName ref="kbga-actors-9675">Iwan Karamasoff</persName><note xml:id="n55"> Iwan, einer der Brüder <bibl corresp="kbga-bibls-2099">Karamasoff in dem gleichnamigen Roman von <persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName></bibl>, wird gequält durch die Frage nach dem Sinn des (unschuldigen) Leidens (s. Buch 5, Kapitel IV); vgl. <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysens</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p480#p480">S. 480</ref></bibl> (die dem Brief vom
        <date when="1921-03-29">29.3.1921</date> angefügte Passage stammt aus einem Brief vom
        <date when="1921-04-18">18.4.1921</date>).</note>! –, der fragt nicht mehr, sondern hört und sieht – was? Sich selber! Als «Glaubenden», «Liebenden», «Hoffenden»<term type="begriffe" key="Glaube, Liebe(, Hoffnung)"/>? Nein und tausendmal nein, sondern sich selber gegenüber dem <hi rend="italic">ganz</hi> Unmöglichen<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, <hi rend="italic">absolut</hi> Widersprechenden, <hi rend="italic">endgültig</hi> nicht zu Rechtfertigenden, <hi rend="italic">nie und nimmer</hi> mit einem Gottesbegriff zu Krönenden. Sich selber gegenüber der Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> des Seins und Geschehens als einen Andern, als Leidenden, als Unterliegenden, als antwortlos Fragenden, als machtlos Protestierenden und Rebellierenden, in der gänzlichen Unfähigkeit, etwas anderes zu tun als zu schreien oder – zu schweigen<term type="begriffe" key="Schweigen"/>. Aber eben: sich selbst als einen <hi rend="italic">Andern</hi>, letztlich allerletztlich, nein erstlich allererstlich <hi rend="italic">getrennt</hi> von diesem Ganzen (von dem <hi rend="italic">er</hi> sich doch gerade <hi rend="italic">nicht</hi> trennen kann!), in ursprünglicher Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> und Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> diesem Ganzen gegenübergestellt (in das <hi rend="italic">er</hi> doch restlos verflochten ist!), sich selber in der ganz und gar unbegreiflichen Lage, zu diesem Ganzen <pb ed="pga" xml:id="p412"/> Nein zu sagen (das <hi rend="italic">er</hi> doch mit seinem Protestieren und Rebellieren nur bejahen<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> kann!). Sich selber als Gottes Kind<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>! Denn was ist geschehen? In, mit und unter<note xml:id="n56"> Anspielung auf die Formel der lutherischen Abendmahlslehre, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3130"><hi rend="italic">Formula Concordiae. Solida Decleratio</hi>, VII 35, BSLK 983,15f.</bibl></note> <hi rend="italic">diesem</hi> Hören und Sehen<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/> ist offenbar das Schreien: Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater!, und wenn der Mensch den Namen Gottes noch nie gehört hätte und wenn er ihn gleichzeitig lästern würde. In, mit und unter diesem Entsetzen<term type="begriffe" key="Entsetzen"/> des Menschen vor sich selbst ist offenbar der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der Mensch einer neuen Welt geboren, <pb ed="A" n="284"/> die Theodizee<term type="begriffe" key="Theodizee"/> vollzogen, neben der jede andre nur Spott und Hohn ist, hat Gott sich selbst vor uns gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/> und damit uns vor ihm. Redend mit <hi rend="italic">dieser</hi> Stimme und leuchtend in <hi rend="italic">diesem</hi> Licht hat Gott das Einmalige, Existentielle getan, hat den Menschen angenommen als sein Kind<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>.</p>
        <p>Und sofern nun Gott dieses einmalige Existentielle getan hat, <hi rend="italic">«sind wir auch Erben, Erben Gottes und Miterben des Christus»</hi>, Erben<term type="begriffe" key="Erben"/> der Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Erben der"/> wie <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13">4,13</ref>), also Erben der von Gott gut gemachten und gesegneten Welt, des durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> unanschaulich, unbeschreiblich, unwirklich, unmöglich gewordenen ewigen Lebens<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/>, des Seins, Habens und Tuns Gottes<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), Gottes"/> selbst. Wir sind, im Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/> lebend, Anwärter und Hoffende der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Fleisches"/>, der neu prädizierten<term type="begriffe" key="Prädikation"/> Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/>, und was wir jetzt und hier leben, das spielt sich ab im Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> dieser Hoffnung, es ist ihr Abdruck<term type="begriffe" key="Abdruck"/> und Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>, es ist bezogen und gezielt auf sie, es ist, abgesehen von allen uns vorstellbaren Veränderungen seiner anschaulichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, anschauliche"/>, qualifiziert durch diese seine unanschauliche, nicht-gegebene Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung"/>. Denn sind wir mit Christus Söhne Gottes<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>, so sind wir auch Erben<term type="begriffe" key="Erben"/> mit ihm, Erben des Gottes, der jenseits von Ja und Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, Leben und Tod<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> ist – als Sieger<term type="begriffe" key="Gott, Sieger"/>, weil er Gott ist. An seiner Seite, in seinem Siege <hi rend="italic">stehen</hi> wir als seine Kinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>, als die, die wir <hi rend="italic">nicht sind</hi><term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>. Unser Sein als die, die wir jetzt und hier <hi rend="italic">sind</hi>, aber ist das <hi rend="italic">Hinblicken</hi> auf diese unsre ewige Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/>.</p>
        <p>Haben wir schon zu viel gesagt? Ja, und auch zu wenig! Wie sollten wir nicht immer <hi rend="italic">zu viel</hi> sagen, wenn <hi rend="italic">wir</hi> von unsrer Hoffnung,<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> und <hi rend="italic">zu wenig</hi>, wenn <hi rend="italic">wir</hi> von ihrer Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/> reden? Die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ist das, was Gott getan hat, tut und tun wird, nicht das, was wir darüber sagen! <pb ed="pga" xml:id="p413"/> Wir erinnern uns also: Wir sind «Erben<term type="begriffe" key="Erben"/>» Gottes, <hi rend="italic">«so gewiss wir mitleiden, um auch mitverherrlicht zu werden».</hi> Das ist Gottes Tun: das Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>. Nicht die größere oder kleinere Summe mehr oder weniger geduldig und tapfer zu ertragenden Leidens, als ob etwa das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> an sich oder das Ertragen an sich uns der ewigen Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/> teilhaftig machte! «Mitleiden» heißt mit Christus leiden, heißt mit ihm vor Gott stehen<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, wie <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> und <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> vor Gott standen: Gott schauend im <hi rend="italic">Wetter</hi><term type="begriffe" key="Wetter"/>, Gott erkennend als das Licht<term type="begriffe" key="Gott, Licht"/> in der <hi rend="italic">Finsternis</hi>, Gott liebend<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, da sie nur seine <hi rend="italic">harte</hi> Hand fühlten. Nur kräftige Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> kann uns <hi rend="italic">das</hi> sein, was wir etwa persönlich ertragen (auch dann, wenn wir es etwa um einer guten Sache, z. B. um des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> willen zu ertragen hätten; denn keine «gute Sache» ist direkt Gottes Sache!), Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Leiden"/> an die Himmel <pb ed="A" n="285"/> und Erde umspannenden «Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> der Zeit des Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">8,18</ref>). Das Leben des Menschen in dieser Zeit, die nicht Ewigkeit ist und doch Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> ungeboren in sich trägt, es ist vom Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> überschattet wie von einem dunklen Mantel, wie von einem gezückten Schwert, wie von einer überhängenden Wand<term type="begriffe" key="«überhängende Wand»"/>. Fragwürdig ist <hi rend="italic">unser</hi> «Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>» als solches. Unaufhebbar ist diese seine Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/>, weil konstitutiv für seinen Begriff als endlich-<hi rend="italic">menschliches</hi> Leben. Und Abschattung nur dieser unsrer wesenhaften Endlichkeit<term type="begriffe" key="Endlichkeit"/> ist alles das, was wir als zeitliche Beschränktheit unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, zeitliche Beschränktheit"/>, als Enge und Dumpfheit unsrer Naturgrundlagen, als großen und kleinen Schmerz, als Erdenrest «zu tragen peinlich»<note xml:id="n57"> <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V.11954f. (5.Akt, Bergschluchten).</bibl></note>, zu erfahren bekommen. Dass wir bald da, bald dort auf diese unsre letzte Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> stoßen, das ist <hi rend="italic">das</hi> Leid in unsern mannigfachen Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>. Sollte es uns verborgen sein, dass <hi rend="italic">hier</hi> die Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> Gottes an den Menschen gerichtet, die Antwort Gottes für uns bereit ist? Im Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/> kann es uns nicht verborgen sein. Im Geiste können wir wissen um den im Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> sich ankündigenden Sinn unsres Lebens<term type="begriffe" key="Lebenssinn"/>. Im Geiste kann das Leiden, das wissend ertragene Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> zum Schritt<term type="begriffe" key="Schritt"/> in die Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes werden. Dieses Nicht-Verborgensein, dieses Wissen von Gott<note n="ad" type="textcritical" xml:id="nad"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Wissen Gottes». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> im Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> ist Gottes Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> an uns. Sie als solche begreifen und also die
        Wahrheit Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> sein lassen, das ist der Be<pb ed="pga" xml:id="p414" break="no"/>weis<term type="begriffe" key="Beweis, des Geistes und der Kraft"/> des Geistes und der Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] dafür, dass wir Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> und als solche Erben<term type="begriffe" key="Erben, der Herrlichkeit"/> seiner Herrlichkeit sind.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18 Röm.8.25">V. 18‒25</ref> Denn ich rechne, dass die Leiden der Zeit des Jetzt nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die sich an uns offenbaren wird. Denn die Aufmerksamkeit des Geschaffenen wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn der Leerheit wurde das Geschaffene unterworfen nicht mit seinem eigenen Willen, sondern durch den Unterwerfer, auf Hoffnung, weil auch es, das Geschaffene, befreit werden wird von der Knechtschaft der Verweslichkeit zur Freiheit in der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alles Geschaffene einstimmig seufzt und gemeinsam in Wehen liegt bis auf das Jetzt hin. Und nicht nur es, nein auch wir, die wir die Erstlinge des Geistes besitzen, auch wir seufzen bei uns selbst in Erwartung unsrer Sohnschaft: der Erlösung unsres Leibes. Denn durch Hoffnung sind wir gerettet. Sichtbare Hoffnung ist aber nicht Hoffnung. Denn was Einer sieht – was braucht er das noch zu erharren?</hi> <note n="*2" type="original" xml:id="s2">Ich folge <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.24">V. 24</ref> <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName><note xml:id="n58"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 82.</bibl></note> und lese: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὃ γὰρ βλέπει τις, τί καὶ ὑπομένει</foreign>; Durch die auf den ersten Blick befremdliche Lesart werden die letzten Worte von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.25">V. 25</ref> erklärlich.</note> <hi rend="bold">Sofern wir aber hoffen auf das, was wir nicht sehen, warten wir mit Beharrlichkeit.</hi></p>
        <p><pb ed="A" n="286"/> <hi rend="italic">«Ich rechne, dass die Leiden der Zeit des Jetzt nicht  ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die sich an uns offenbaren wird.»</hi> «Nun hebt er an und tröstet<term type="begriffe" key="Trost"/> die Christen in solchen Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> und redet als Einer, der es erfahren und der Sache ganz gewiß ist, und dazu auf solche Weise, als sähe er dies Leben blinzlich oder durch ein gemalt Fenster, jenes aber mit klaren Augen. Siehe nur wie er den Rücken gegen die Welt kehrt und wendet das Angesicht in die zukünftige Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, zukünftige"/>, als sähe er auf Erden nirgend kein Unglück noch Jammer, sondern nur eitel Freude. Aus allen Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> auf Erden macht er ein Tröpflein und kleines Fünklein, aber aus jener Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/>, der wir hoffen sollen, ein unendliches Meer und großes Feuer» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n59"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 131</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Predigt über Röm. 8,18-22</hi> (20.6.1535), WA 41, 303,3-6.9–11.35–38</bibl> (Eberle [und WA]: «einer, der erfahren»; «als sehe» (zweimal); «gemalt Glas». – Eberle: «jener Herrlichkeit, die wir»; WA: «jhener herrligkeit, der wir»).</note> – Wir haben uns Rechenschaft zu geben über den Sinn dieser <pb ed="pga" xml:id="p415"/> wahrhaft ungeheuerlichen Betrachtungsweise der menschlichen Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>. Um irgend eine überschwengliche Vertiefung oder Überhöhung der gewöhnlichen Betrachtungsweise, um irgend eine immanente Ignorierung, Abschwächung oder tröstliche Deutung des Leidens<term type="begriffe" key="Leiden"/> (etwa durch den Hinweis auf eine das «diesseitige» Leiden ausgleichende bzw. aufwiegende «jenseitige» Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie / diesseitig, und jenseitig"/>) kann es sich hier jedenfalls nicht handeln. Sie scheitert notorisch an jedem Zahnweh, geschweige denn an jedem ernsthaften Ausblick auf das, was als Geburt<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/>, Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit"/> und Tod, als Hunger<term type="begriffe" key="Hunger"/> und Krieg<term type="begriffe" key="Krieg"/>, als Menschen- und Völkerschicksal<term type="begriffe" key="Schicksal"/> in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> in der ganzen Breite menschlichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> brutale eherne Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> ist. Denn hinter jedem kleinsten Weh und erst recht hinter den großen Qualen unsres Lebens steht brennend die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, der Endlichkeit"/> seiner Endlichkeit. Wie sollen<note n="ae" type="textcritical" xml:id="nae">Druckmanuskript: «wollen».</note> wir <hi rend="italic">ihr</hi> begegnen? Kurzschlüssig und lügnerisch ist jeder Trost<term type="begriffe" key="Trost"/>, jede Antwort, die <hi rend="italic">wir</hi> zu geben versuchen, denn <hi rend="italic">wir</hi> sind es, die<note n="af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sind diejenigen, die». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: «sind die, die».</note> von jener Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, der Endlichkeit"/> <hi rend="italic">her</hi>kommen und die ihr nicht entrinnen werden, auch nicht durch den Gedanken an eine unendliche göttliche Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> unsrer Welt. Denn Unendlichkeit<term type="begriffe" key="Unendlichkeit, Endlichkeit/Unendlichkeit"/>, die <hi rend="italic">wir</hi> uns allenfalls zu erdenken vermögen, ist gemessen an unsrer Endlichkeit und also selber nur unendliche – Endlichkeit. Die Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie, Disharmonie"/>, die <hi rend="italic">wir</hi> postulieren, ist relativ zu unsrer Disharmonie, ist die Fata Morgana<term type="begriffe" key="Fata Morgana"/> unsrer Wüstenwanderung<term type="begriffe" key="Wüste"/>. Und der Gott, den <hi rend="italic">wir</hi> Vergeltung und Ausgleich üben lassen in einem «bessern» Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/>, ist Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/>, geschaffen nach des Menschen Bild und so auch des Menschen Kritik, ja Leugnung nicht entzogen, wenn ihm etwa ein <persName ref="kbga-actors-9675">Iwan Karamasoff</persName> begegnen sollte<note xml:id="n60"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p411#fn_n55">S. 411, Anm. 55</ref>.</note>. Die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, der Endlichkeit"/> unserer Endlichkeit aber schreit nach einer nicht relativen, sondern absoluten, <hi rend="italic">unser</hi> Denken übersteigenden Lösung, sie schreit nach dem wirklichen, dem unbekannten Gotte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, nach <hi rend="italic">seinem</hi> Troste, dem<pb ed="A" n="287" break="no"/>gegenüber die Lei<pb ed="pga" xml:id="p416" break="no"/>den<term type="begriffe" key="Leiden"/> dieser Zeit darum «nicht ins Gewicht fallen», weil <hi rend="italic">sein</hi> Trost<term type="begriffe" key="Gott, Trost"/> das allem Hier inkommensurabel gegenüberstehende Dort ist. Trost finden muss also damit anfangen, dass wir einsehen: <hi rend="italic">wir</hi> haben <hi rend="italic">keinen</hi> Trost, und Trost geben damit, dass wir bekennen: <hi rend="italic">wir</hi> sind allzumal <hi rend="italic">leidige</hi> Tröster [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.16.2">Hiob 16,2</ref>]. «Darum muß der heilige Geist<term type="begriffe" key="Geist, Tröster"/> hier Schulmeister sein und solchen Trost ins Herz senden» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n61"> 
        <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 133</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Predigt über Röm. 8,18–22</hi> (20.6.1535), WA 41, 306,16f</bibl>.</note> Der Trost kommt mit der Einschaltung einer unerhört neuen <hi rend="italic">Rechnungs</hi>weise<term type="begriffe" key="Gott, Rechnung"/> unserm Leben gegenüber. Wir erinnern uns aus früheren (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">3,28</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.3">4,3</ref>) Anwendungen dieses seltsam kalten Ausdrucks, dass damit keinesfalls eine Betrachtung gemeint sein kann, die sich etwa kontinuierlich an die Reihe der verschiedenen menschlichen Betrachtungsweisen anschließen würde. Dieses Rechnen ist vielmehr das Rechnen mit dem <hi rend="italic">Fazit</hi> aller menschlichen Betrachtungsweisen und das Einstellen dieses Fazits in eine Rechnung<term type="begriffe" key="Gott, Rechnung"/>, die nur Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> aufstellt. Es ist die Betrachtung <foreign xml:lang="lat">sub specie aeterni</foreign><term type="begriffe" key="sub specie aeterni"/><note xml:id="n62"> Die Formel «<foreign xml:lang="lat">sub specie aeterni</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">aeternitatis</foreign>» geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-3655">Spinoza (<hi rend="italic">Ethica</hi> 2,44, Cor.2; 5,22,29)</bibl>, findet sich öfters bei <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> (z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3571"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Abschließende Nachschrift, S. 168.268</bibl> [<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 7, S. 81.176</bibl>]; <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 110</bibl> [<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 128</bibl>]) und dann auch in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Frühwerk (z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p068#p068">S. 68</ref></bibl>).</note>, das Schauen von Gott aus, das sich nie als menschliche Tat, sondern, weil es die Tat des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist, nur als Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes beschreiben lässt. Denn sofern <hi rend="italic">wir</hi> mit Gott zu rechnen, von Gott aus zu schauen unternehmen, kommen wir nie und nimmer zum Ergebnis des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, sondern unerbittlich immer wieder zu den Ergebnissen <persName ref="kbga-actors-2193">Hiobs</persName>, <hi rend="italic">bevor</hi> Gott im Wetter<term type="begriffe" key="Wetter"/> mit ihm geredet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38 Hiob.40">Hiob 38–40</ref>]. Sage ich also «Ich rechne mit Gott», so ist in dieser Formel der absolute Sprung<term type="begriffe" key="Sprung"/> verborgen, so ist die nicht zu formulierende Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> dieser Formel darin zu suchen, dass vielmehr <hi rend="italic">Gott mit mir rechnet.</hi> Das ist aber Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, sofern wir (nicht wir!) die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> Wahrheit sein lassen, sofern wir (nicht wir!) den Beweis<term type="begriffe" key="Beweis, des Geistes und der Kraft"/> des Geistes und der Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] leisten, die Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes, die Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort,, des Kreuzes"/> und Antwort des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> als solche begreifen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.17">8,17b</ref>). Wir sehen dann die <hi rend="italic">Zeit</hi><term type="begriffe" key="Zeit"/>, in der wir leben,
        charakterisiert, als «die Zeit des <hi rend="italic">Jetzt</hi><term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/>», d. h. als das Meer der gegebenen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>, das die submarine Insel<term type="begriffe" key="Insel, submarine"/> des «Jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/>, der göttlichen Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/>, der Wahrheit<term type="begriffe" key="Insel, der Wahrheit"/> vollständig über<pb ed="pga" xml:id="p417" break="no"/>flutet, unter dessen anschaulicher Oberfläche sie aber nichtsdestoweniger vollständig intakt vorhanden ist. Denn die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ist das Jetzt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>), der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> außer aller Zeit, in dem der Mensch nackt<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> vor Gott steht<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, der Punkt<term type="begriffe" key="Punkt"/>, der kein Punkt neben andern ist, von dem wir herkommen, Jesus Christus der Gekreuzigte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/> und Auferstandene. Was vor und nach diesem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, aller Augenblicke"/> aller Augenblicke ist, was diesen Punkt<term type="begriffe" key="Punkt"/>, der selber keine Ausdehnung hat, als Fläche umgibt, das ist die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>. An diesem Jetzt, an der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> entsteht als ihre Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> die Zeit, die immer schon gewesene Vergangenheit und die immer erst kommende Zukunft. Die «Zeit des Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/>» nennen wir sie nach dem, was sie verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>und <hi rend="italic">worauf</hi> sie hinweist, woran sie<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «und auf was sie hinweist, an dem sie». Korrektur (ohne Hervorhebung des «worauf») in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> gemessen ist und ohne <pb ed="A" n="288"/> das sie nicht wäre. Dass dem so ist, dass die Zeit, in der wir leben, die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> in sich verbirgt, aber auch bewahrt, von ihr schweigt, aber eben damit auch von ihr redet, das erkennen wir, sofern wir kraft der Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes an uns, kraft der Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort,, des Kreuzes"/> und Antwort des Kreuzes <hi rend="italic">herkommen</hi> von der absoluten Gegenwart des Jetzt, sofern hier offenbar Gott mit uns rechnet und uns eben damit in den Stand setzt, mit ihm zu rechnen. Im Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> des <hi rend="italic">nicht</hi> angebrochenen, aber unendlich <hi rend="italic">nahen</hi> Tages<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi sehen wir unsern Lebenstag sich abspielen, im Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> des Jetzt die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> sich abrollen, im Schatten Gottes die menschlichen Dinge ihren Lauf nehmen, sofern wir «getrieben vom Geist<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.14">8,14</ref>) schreien müssen Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater! (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.15">8,15</ref>) und also uns legitimieren, nein legitimiert sind als Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.16">8,16</ref>) und also als Erben<term type="begriffe" key="Erben, der Herrlichkeit"/> seiner Herrlichkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.17">8,17</ref>). – Und nun noch einmal: Wie steht es in diesem Zusammenhang mit dem für unser Leben in der Zeit so bezeichnenden unübersehbaren und unabsehbaren <hi rend="italic">Leiden</hi><term type="begriffe" key="Leiden"/><hi rend="italic">?</hi> Offenbar <hi rend="italic">nicht</hi> so, dass es etwa als Störung oder gar Verhinderung unsres in<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «zu». Korrektur nach<ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> jenem Jetzt eröffneten Zugangs zu der Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes «ins Gewicht fallen» könnte. <hi rend="italic">Darum</hi> nicht, weil ja in diesem Jetzt, im
        Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/>, in Jesus Christus gerade es, das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>, das wissende Leiden zur Pforte<term type="begriffe" key="Pforte"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> und der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> wird. Wo rechnet denn Gott mit uns, wo rechtfertigt<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/> er sich vor uns, wo lehrt uns sein Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> <pb ed="pga" xml:id="p418"/>  Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater! schreien, wo wird es klar, dass die Zeit die Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> ist, wo stößt der Mensch auf die ihm gesetzte Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> und damit auf den ihm gegebenen Ausgang<term type="begriffe" key="Ausgang"/>, wo wird der Beweis<term type="begriffe" key="Beweis, des Geistes und der Kraft"/> des Geistes und der Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] geleistet, wenn nicht eben in <hi rend="italic">der</hi> Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes, durch die er uns zu Mitleidenden, d. h. aber zu «Verwandten<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/>» des Christus (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">6,5</ref>) macht und <hi rend="italic">also</hi> uns einbezieht in die unanschauliche Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> und Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/> des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>? <hi rend="italic">Darum</hi> fallen die Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/> des Jetzt nicht ins Gewicht, weil sie in Jesus Christus schon ins Gewicht gefallen <hi rend="italic">sind</hi>, weil sie nicht nur bezeichnend sind für unser Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> in der Zeit, sondern eben damit bezeichnend für das dieses Leben begrenzende, nein, in sich aufhebende ewige Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/>, weil die Zeit, in der wir leben und leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>, die Zeit des Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/> ist, die Zeit der eben im Leiden sich an uns offenbarenden Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/>. So sehr offenbart sich die Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes gerade im Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> des Leidens und nur dort, dass wir, weit entfernt davon, das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> um Gottes willen nicht sehen wollen zu können, es um Gottes willen durchaus gerade sehen müssen, sehen als den Schritt, die Bewegung, die Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tode zum Leben"/>, sehen als den Ort, wo Christus zu sehen ist. Am Leiden vorbeisehen hieße an Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> vorbeisehen. Fragen<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>, warum wir leiden müssen, hieße die gleichlautende Frage <pb ed="A" n="289"/> überhören, die an uns gerichtet ist. Antworten, dass wir das Leiden nicht verstehen, nicht ertragen, nicht überwinden und fruchtbar machen können, hieße die göttliche Antwort überhören, die uns eben in der Tatsache dieses «nicht» gegeben ist. Das ist’s ja, das Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> des Leidens<term type="begriffe" key="Leiden"/> und seine Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Leiden"/>, dass Gott <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> sein will und ist und dass er in diesem seinem Wollen und Sein von uns erkannt und geliebt werden muss. Das Kind Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> sieht <hi rend="italic">nicht</hi> vorbei am Leiden, es fragt <hi rend="italic">nicht so</hi> und antwortet <hi rend="italic">nicht so</hi>, weil <hi rend="italic">gerade so</hi> Gottes von ihm gehörte Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> und Antwort lautet. Es hört die Stimme der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> <hi rend="italic">im</hi> Leiden, an der Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> aller menschlichen Fragen<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> und Antworten. Es «will in allen Dingen bis auf den hoffnungslosen Grund sehen» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n63"> <bibl corresp="kbga-bibls-3656"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Unzeitgemäße Betrachtungen</hi>, Drittes Stück:
        <hi rend="italic">­Schopenhauer als Erzieher</hi>, NW, 2. Bd., Leipzig o.J., S. 279f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3657">NWKG, 3. Abt., 1. Bd, Berlin/New York 1972, S. 371, Z.9–12</bibl>): «Der heroische Mensch verachtet sein Wohl- oder Schlecht-Ergehen,  […] er hofft von sich nichts mehr und will in allen Dingen bis auf diesen hoffnungslosen Grund sehen.»</note>, weil <hi rend="italic">dort</hi> die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, Kreuz"/> ist: «Ave <hi rend="italic">crux</hi> unica spes <pb ed="pga" xml:id="p419"/> mea»!<note xml:id="n64"> Nach dem Anfang der Strophe 6 des Kreuzeshymnus<bibl corresp="kbga-bibls-2408"> «Vexilla Regis prodeunt» des <persName ref="kbga-actors-6188">Venantius Fortunatus</persName> (um 535 bis vor 610), Vesperhymnus der Passionszeit in der römisch-katholischen Kirche</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">O crux, ave, spes unica</foreign>».</note> «So du willst Miterbe sein des Herrn Jesu Christi und sein Bruder sein und ihm gleichwerden und nicht mitleiden, so wird er dich gewißlich am Jüngsten Tag für keinen Bruder und Miterben anerkennen, sondern wird dich fragen, wo du deine Dornenkrone, Kreuz, Nägel und Geißel habest, ob du auch der ganzen Welt ein Greuel gewesen seist, wie er selbst und alle seine Glieder gewesen sind von Anfang der Welt her. Wo du dann solches nicht beweisen kannst, so wird er dich auch nicht für seinen Bruder haben können» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n65"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 132</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Predigt über Röm. 8,18-22</hi> (20.6.1535), WA 41, 304,13-20</bibl> (Eberle [und WA]: <hi rend="italic">«</hi>So du willst ein Miterbe sein des Herrn Jesu Christi und nicht mit leiden und Sein Bruder sein und Ihm nicht gleich werden». - «Miterben erkennen». - «Wo du denn». - «für seinen Bruder halten können»).</note> «Die alten Denker suchten mit allen Kräften das Glück und die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> – und nie soll einer finden, was er suchen muß, lautet der böse Grundsatz der Natur. Wer aber Unwahrheit in allem sucht und dem Unglücke sich freiwillig gesellt, dem wird vielleicht ein anderes Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> als Enttäuschung bereitet: etwas Unaussprechbares, von dem Glück und Wahrheit nur götzenhafte Nachtbilder sind, naht sich ihm, die Erde verliert ihre Schwere, die Ereignisse und Mächte der Erde werden traumhaft, 
        wie an Sommerabenden breitet sich Verklärung um ihn aus. Dem Schauenden ist, als ob er gerade zu wachen anfinge und als ob nur noch die Wolken eines verschwebenden Traumes um ihn her spielten. Auch diese werden einst verweht sein: dann ist es Tag» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>).<note xml:id="n66"> <bibl corresp="kbga-bibls-3656"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n63">S. 418, Anm. 63</ref>), NW, S. 280</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3657">NWKG, S. 371, Z.16–28</bibl>) (NW und NWKG, Z.20: «Wunder der Enttäuschung»; NW: «Nachtbilder», NWKG, Z.22 entsprechend dem Erstdruck: «Nachbilder»).</note> Blind und stumm und gerade darum sehend und redend, fraglos und antwortlos und gerade damit fragend und antwortend, leidend und gerade darin triumphierend erkennen und lieben die Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> ihren Vater; denn seine «Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> wird sich an ihnen offenbaren». <hi rend="italic">Sie wird</hi> – das ist ihre große Not. <hi rend="italic">Sie wird</hi> – das ist ihre unendlich größere Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Das Futurum resurrectionis<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> erinnert uns auch hier, dass wir bei dem Allem von Gott und nicht von einer menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> geredet haben.</p> 
        <p> <pb ed="pga" xml:id="p420" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Denn die Aufmerksamkeit des Geschaffenen wartet auf die Offenbarung der Söhne</hi> <pb ed="A" n="290"/> <hi rend="italic">Gottes.»</hi> Dass die Zeit, in der wir leben, die Zeit des göttlichen Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/> ist, dass sie eine ewige Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft, ewige"/> ungeboren und doch lebendig in ihrem Schoße trägt, das ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, des Zeitlichen"/>, von der alles Zeitliche, alles Geschaffene, alle Dinge Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ablegen. Wohin mag denn der Mensch in seiner unausrottbaren Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> über das, was er ist, in seiner unstillbaren Sehnsucht<term type="begriffe" key="Sehnsucht"/> nach dem, was er nicht ist, seine Augen richten, ohne dass ihm <hi rend="italic">andre</hi> Augen entgegenblickten, die in <hi rend="italic">derselben</hi> Beunruhigung und Sehnsucht, ja noch mehr, mit einer Frage<term type="begriffe" key="Frage"/>, <anchor type="note" xml:id="fn-ai"/>die sich direkt an <hi rend="italic">ihn</hi> wendet<note n="ai" target="fn-ai" type="textcritical" xml:id="nai"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die direkt an <hi rend="italic">ihn</hi> sich wendet». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, auf <hi rend="italic">ihn</hi> gerichtet sind? Dass er mit <hi rend="italic">seinem</hi> Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> in einer leidenden <hi rend="italic">Welt</hi> ist, darüber kann er sich ja keinen Augenblick im Ernste täuschen. Leidet er selbst daran, dass einer unanschaulichen Innenwelt, die er mindestens als Problem in sich trägt, die harte Gegenständlichkeit<term type="begriffe" key="Gegenständlichkeit"/>, Fremdheit und Andersartigkeit<term type="begriffe" key="Andersartigkeit"/>, das Auseinander, Nebeneinander und Gegeneinander einer nur zu anschaulichen Außenwelt rätselhaft, übermächtig, drohend, feindselig gegenübersteht, so kann er sich auf die Länge kaum ganz verbergen, dass auch da draußen keineswegs das unmittelbare Leben ist, sondern ein Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> von Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, Mittelbarkeiten<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/>, Begrenztheiten<term type="begriffe" key="Begrenztheit"/> und Fragwürdigkeiten<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/>. Ist es nicht offenkundig: je problematischer der Mensch sich selbst wird, je härter er aufstößt auf das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> als auf die Grundtatsache <hi rend="italic">seines</hi> Lebenstages, je schwerer es ihm unter dem zähen Einfluss des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> gemacht wird, wider den Stachel zu löcken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.26.14">Act. 26,14</ref>] und etwa zu vergessen, dass er der <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch"/> ist und in <hi rend="italic">welchem</hi> Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> er steht, desto aufmerksamer wird er auf den ihn umgebenden Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>, desto stärker fühlt er sich mit ihm solidarisch, desto stürmischer drängt er sich vor, seine Geheimnisse<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> zu wissen. Woher nur dieses seltsame Verlangen des modernen Menschen nach Erfahrung von den Gletschern (an deren Grenze noch <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> Halt machte<note xml:id="n67"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt wahrscheinlich an <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> zweite Reise in die Schweiz 1779, bei der man von Genf aus auch die «Merkwürdigkeit der Savoier Eisgebirge» besichtigte. Als man dort «auch das Eismeer betreten» wollte, machte man «einige hundert Schritte auf den wogigen Cristallklippen herum»; «doch wollt’ es uns nicht länger auf diesem schlüpfrigen Boden gefallen», «wir machten uns also wieder zu denen Hütten hinauf und nach einigem Ausruhen zur Abreise fertig» (<bibl corresp="kbga-bibls-3792">Bericht an Ch. von Stein von Mitte November 1779 [Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abth., 4. Bd., Weimar 1889, S. 122.131f.]</bibl>).</note>!), von der Wüste, vom Nordpol, <pb ed="pga" xml:id="p421"/> vom bodenlosen Ozean und vom weglosen Luftmeer, von den Abgründen<term type="begriffe" key="Abgrund, des unendlich Großen und Kleinen"/> des unendlich Großen und des unendlich Kleinen, von dem grauenvollen Geschehen vergangener Jahrmillionen der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und von den Nichtigkeiten und Jämmerlichkeiten seiner eigenen Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Nichtigkeit"/>, von den Absurditäten<term type="begriffe" key="Absurdität"/>, die sich nach dem glaubwürdigen Zeugnis kompetenter Fachleute auf dem unterbewussten und
        okkulten<term type="begriffe" key="okkult"/> Moorgrunde unsrer nicht-existentiellen Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/> abspielen sollen, – nach einem Erfahren und Wissen von tausend Dingen, die der unmittelbar lebende, der ungebrochene Mensch wahrhaftig <hi rend="italic">nicht</hi> zu erfahren und zu wissen wünschen würde? Und woher die seltsame Rückwirkung, dass die immer gründlichere und vollständigere Erfahrung vom Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> die eigene Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> des Menschen durchaus nicht vermindert, sondern vielmehr in rasendem Laufe verschärft? Die Aufmerksamkeit<term type="begriffe" key="Aufmerksamkeit"/> eines <pb ed="A" n="291"/> gigantischen Auges, das <hi rend="italic">da drüben</hi> unserm forschenden Auge merkwürdig verwandt, aber noch hundertmal forschender begegnet, ein Zusammenhang zwischen Innen und Außen, eine gegenseitige Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/> der beiden Seiten des klaffenden Abgrunds<term type="begriffe" key="Abgrund"/>, ein gemeinsames Fragezeichen bei aller Gegensätzlichkeit<term type="begriffe" key="Gegensätzlichkeit"/> von Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt, und Objekt"/> und Objekt ist doch wohl nicht zu verkennen. «St. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat also mit seinen scharfen apostolischen Augen ersehen das liebe heilige Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> in allen Kreaturen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n68"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 135</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, nachmittags</hi> [2. Predigt über Röm. 8,18-22] (20.6.1535), WA 41, 311,15f.</bibl></note> Und eben: eine Frage<term type="begriffe" key="Frage"/>, die direkt an den <hi rend="italic">Menschen</hi> sich wendet, ist der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> der da drüben entdeckten Aufmerksamkeit<term type="begriffe" key="Aufmerksamkeit"/>. Der <hi rend="italic">Mensch</hi> sieht, <hi rend="italic">er</hi> forscht, <hi rend="italic">er</hi> entdeckt, <hi rend="italic">er</hi> erfährt, <hi rend="italic">er</hi> weiß. <hi rend="italic">Sein</hi> Kosmos ist dieser Kosmos, <hi rend="italic">seine</hi> Ruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/> ist’s, die er in Natur und Geschichte sucht; <hi rend="italic">seine</hi> Unruhe ist’s, die ihm mit fataler Notwendigkeit überall begegnet. Merkwürdig menschlich tönt alsbald die Stimme der Kreaturen, der Elemente, der Welten und Hinterwelten, der Zeiten und Urzeiten, wenn ihre Sprache herausgefordert wird: von Schönheit und Entsetzen, von Krieg<term type="begriffe" key="Krieg, und Frieden"/> und Frieden, von Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Sterben, von Endlichkeit und Unendlichkeit<term type="begriffe" key="Unendlichkeit, Endlichkeit/Unendlichkeit"/>, von Gut und <pb ed="pga" xml:id="p422"/> Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> reden sie, als ob der Mensch mit seinen Kontrasten<term type="begriffe" key="Kontrast"/> ihr Erstes, ihr Ursprung, als ob ihr Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> sein Leiden, seine Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit"/> ihre Krankheit wäre. «Wenn die gesamte Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> sich zum Menschen hindrängt, so gibt sie dadurch zu verstehen, daß er zu ihrer Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> vom Fluche des Tierlebens nötig ist und daß endlich in ihm das Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> sich einen Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> vorhält, auf dessen Grunde das Leben nicht mehr sinnlos, sondern in seiner metaphysischen<term type="begriffe" key="Metaphysik"/> Bedeutsamkeit erscheint. Doch überlege man wohl: wo hört das Tier<term type="begriffe" key="Tier"/> auf, wo fängt der Mensch an? Jener Mensch, an dem allein der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> gelegen ist!... Wir kommen für gewöhnlich aus der Tierheit nicht heraus, wir selbst sind die Tiere, die sinnlos zu leiden scheinen. Aber es gibt Augenblicke<term type="begriffe" key="Augenblick, der Erkenntnis"/>, wo wir dies begreifen; dann zerreißen die Wolken, und wir sehen, <hi rend="italic">wie wir samt aller Natur uns zum Menschen hindrängen, als zu Etwas, das hoch über uns steht. …</hi> Aber wir fühlen zugleich, wie wir zu schwach sind, jenen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Einkehr"/> der tiefsten Einkehr lange zu ertragen, und <hi rend="italic">wie nicht wir die Menschen sind, nach denen die gesamte Natur</hi><term type="begriffe" key="Natur"/> <hi rend="italic">sich zu ihrer Erlösung</hi><term type="begriffe" key="Erlösung"/> <hi rend="italic">hindrängt:</hi> viel schon,
        daß wir überhaupt einmal ein wenig mit den Köpfen heraustauchen und es merken, in welchen Strom wir tief versenkt sind. Und auch das gelingt uns nicht mit eigener Kraft …» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>).<note xml:id="n69"> <bibl corresp="kbga-bibls-3656"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n63">S. 418, Anm. 63</ref>), NW, S. 283.285</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3657">NWKG, S. 374, Z.7–14.19–24; S. 376, Z.6–12</bibl>) (Hervorhebungen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, der Nietzsches Hervorhebungen nicht berücksichtigt; NW, S. 283.285, und NWKG, S. 374, Z.23: «als zu einem Etwas»; S. 376, Z.6f.: «jene Augenblicke»; Z.10: «mit dem Kopfe»; Z.11: «Und auch dies»).</note> Das ist die Wahrheit: die Aufmerksamkeit des Geschaffenen <hi rend="italic">wartet</hi> auf die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Söhne Gottes"/> der <hi rend="italic">Söhne Gottes</hi><term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/>. Sie wartet <hi rend="italic">mit</hi> uns, nein sie wartet <hi rend="italic">auf</hi> uns. </p>
        <p><pb ed="A" n="292"/> <hi rend="italic">«Denn der Leerheit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht nach eigenem Willen, sondern durch den Unterwerfer, auf Hoffnung, weil auch es, das Geschaffene, befreit werden wird von der Knechtschaft der Verweslichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.»</hi> «Da ist kein Element und keine Partikel der Welt, die nicht, wie von einer Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Jammers"/> ihres gegenwärtigen Jammers erfasst, auf Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> hoffte» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n70"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 152</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Nullum esse elementum nullamve mundi partem, quae non veluti praesentis miseriae agnitione tacta in spem resurrectionis intenta sit.</foreign>»</note> Der Grund der Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> und <pb ed="pga" xml:id="p423"/> Sehnsucht<term type="begriffe" key="Sehnsucht"/>, die «Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/>», die uns aus allem Geschaffenen anschaut, ist wahrlich nicht dieser oder jener Schmerz oder Greuel oder Schönheitsfehler und auch nicht die Summe des direkt Bedenklichen, das ihm etwa anhaftet, sondern seine bloße Geschaffenheit<term type="begriffe" key="Geschaffenheit"/> als solche, sein offenkundiges Entbehren des unmittelbaren Lebens, seine unstillbare Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Auferstehung"/> auf Auferstehung. Denn wie sollte das ewige Widerspiel von Kraft und Stoff<note xml:id="n71"> Der Ausdruck «Kraft und Stoff» ist vermutlich eine Erinnerung an <bibl corresp="kbga-bibls-3659"><persName ref="kbga-actors-9169">Ludwig Büchners</persName> weithin beachtete Abhandlung <hi rend="italic">Kraft und Stoff. Empirisch-naturphilosophische Studien. In allgemein-verständlicher Darstellung</hi> (1. Auflage Frankfurt a.M. 1855, 21. Auflage Leipzig 1904)</bibl>.</note>, Werden und Vergehen, Organisation und Dekomposition, Lebensdurst und Sterbensnotwendigkeit, wie sollte die «Knechtschaft der Verweslichkeit<term type="begriffe" key="Verweslichkeit"/>», in der sich von der Mikrobe bis zum Saurier und bis zum theologischen<term type="begriffe" key="Theologie"/> Schulhaupt <hi rend="italic">alles</hi> Geschaffene befindet, <hi rend="italic">alles</hi>, was wir als Leben kennen oder (in Analogie<term type="begriffe" key="Analogie"/> zu dem, was wir als Leben kennen) als solches vorzustellen vermögen, wie sollte <hi rend="italic">das</hi> unmittelbares, wirkliches, ewiges Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> sein? Woher nur der traurige Mut, den der Mensch (besonders der westliche<term type="begriffe" key="westlich"/> Mensch) immer wieder findet, in ruchlosem Optimismus<term type="begriffe" key="Optimismus"/> <hi rend="italic">nicht</hi> zu sehen die Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/>, die Abwesenheit des Schöpfungslebens, die doch wahrlich aus der Schönheit (z. B. eines menschlichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>) ebenso wie aus der Hässlichkeit, aus der Erhabenheit (z. B. der Berge<term type="begriffe" key="Berge"/>) ebenso wie aus der Erbärmlichkeit, aus dem Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> (z. B. des Mondes oder eines neuen Buches) ebenso wie aus der Finsternis alles Geschaffenen spricht, sprechen würde, wenn wir nicht so taub wären! Verlieren müssen wir die Ehrfurcht vor dem Pseudo-Leben, das wir zu begreifen vermögen, diese Ehrfurcht, mit der wir dem göttlichen Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> des Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> gerade <hi rend="italic">nicht</hi> gerecht werden. Wiederfinden müssen wir jenes «vernünftige<term type="begriffe" key="Vernunft"/> Schauen», das im Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> der Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/> Gottes gewahr wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>), jenes heilsame Erschrecken<term type="begriffe" key="Erschrecken"/> vor dem Geschaffenen, nicht vor seinen Schrecklichkeiten, sondern (durch diese aufgeweckt aus unsern optimistischen Träumereien!) angesichts seiner Schrecklichkeiten <hi rend="italic">und</hi> Liebenswürdigkeiten vor seiner bloßen <hi rend="italic">Geschaffenheit</hi><term type="begriffe" key="Geschaffenheit"/>, die der Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> unsrer eigenen Geschaffenheit ist. Denn jenseits jenes ewigen Widerspiels, das das Merkmal der Geschöpflichkeit<term type="begriffe" key="Geschöpflichkeit"/> ist, ist (als Frage<term type="begriffe" key="Frage"/>!) die <hi rend="italic">Schöpfung</hi><term type="begriffe" key="Schöpfung"/> in der Schöpfung,
        <hi rend="italic">Gott</hi> im Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>. Wird er <hi rend="italic">dort</hi> nicht gefunden, <pb ed="A" n="293"/> so wird er gar nicht gefunden, so <pb ed="pga" xml:id="p424"/> wird morgen, wenn der Rausch der «Lebensbejahung»<term type="begriffe" key="Bejahung"/> aus irgend einem wahrscheinlich nur zu triftigen Grund verflogen ist, «Lebensverneinung» sich einstellen und von einer an sich bösen Welt, von einer «nach eigenem Willen» oder auch nach dem eines Demiurgen<term type="begriffe" key="Demiurg"/> «leeren» Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> zu klagen beginnen: Pessimismus<term type="begriffe" key="Pessimismus"/> als unvermeidliches <anchor type="note" xml:id="fn-aj"/>Gegenstück zu jenem Optimismus<term type="begriffe" key="Optimismus"/><note n="aj" target="fn-aj" type="textcritical" xml:id="naj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Gegenstück jenes Optimismus». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Die «Leerheit»<term type="begriffe" key="Leerheit"/> des Geschaffenen ist nicht sein eigener Wille, sie ist keine Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> erster Ordnung, sie ist, ob sie nun von den Optimisten übersehen oder von den Pessimisten entdeckt und sofort missdeutet wird, kein wirklich Letztes<term type="begriffe" key="Letzte"/>. Sondern ihr ist das Geschaffene «unterworfen <hi rend="italic">durch den Unterwerfer</hi>» und darum <hi rend="italic">«auf Hoffnung».</hi> Der «Unterwerfer<term type="begriffe" key="Gott, Unterwerfer"/>» ist Gott. In <hi rend="italic">ihm</hi> sind verborgen und dem Menschen nur zu offenbar: Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> und Finsternis, Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, Aufstieg und Niedergang, Idealität<term type="begriffe" key="Idealismus"/> und Materialität<term type="begriffe" key="Materialismus"/>, Innen und Außen. An <hi rend="italic">ihm</hi> spalten sich die Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>, die jener Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/> Wesen und Merkmal sind, <hi rend="italic">seine</hi> Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/>, <hi rend="italic">seine</hi> Frage, aber auch <hi rend="italic">seine</hi> Antwort<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> ist das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>, unter das jetzt mit dem Menschen alles Geschaffene gestellt ist. Und eben darum «auf Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, jenseits von Optimismus und Pessimismus"/>» gestellt ist. Jenseits von Optimismus<term type="begriffe" key="Optimismus"/> und Pessimismus<term type="begriffe" key="Pessimismus"/>, dort wo die «Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/>» des Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> in ihrem Ursprung, als der unanschauliche <hi rend="italic">Abfall</hi><term type="begriffe" key="Abfall"/> des Geschöpfs<term type="begriffe" key="Geschöpf und Schöpfer"/> vom Schöpfer begriffen wird, dort ist auch Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Einheit von Schöpfer und Geschöpf"/>, Hoffnung auf die durch Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> und Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> des Christus wieder hergestellte unanschauliche <hi rend="italic">Einheit</hi> von Schöpfer und Geschöpf<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf, Einheit"/>. Die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Knechtschaft"/> der lückenlosen Knechtschaft ist auch die Erkenntnis der Freiheit<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Freiheit"/>, das Entsetzen<term type="begriffe" key="Entsetzen"/> vor der Verweslichkeit<term type="begriffe" key="Verweslichkeit"/> ist auch die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, der Unverweslichkeit"/> der Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/>, das letzte Halt!<term type="begriffe" key="Halt!"/> ist auch das erste Vorwärts!<term type="begriffe" key="Vorwärts!"/> – in Christus nämlich, im Geiste<term type="begriffe" key="Geist, ist Jesus Christus"/>, weil Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> <hi rend="italic">Gott</hi> ist, weil die Wahrheit Schritt<term type="begriffe" key="Schritt"/>, Bewegung und Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> ist <hi rend="italic">vom</hi> Tode <hi rend="italic">zum</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>. Die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> in der
        Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/>, auf die der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> Kind, der, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, wartet, seufzend<term type="begriffe" key="Seufzen"/> und doch selig, sie ist das Verheißene, an dem auch der Leib<term type="begriffe" key="Leib"/>, auch der Mensch, der ich bin, mit seiner Welt teilnimmt. Denn eine gesegnete <hi rend="italic">Welt</hi>, die Welt der Schöpfung und ihres Lebens ist ja das Erbe<term type="begriffe" key="Erbe"/>, das mir, dem Kinde Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> verheißen ist. Ist der Mensch frei<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>, dann ist auch die Welt frei. Ist der Mensch eins mit sich selber, weil eins mit Gott<term type="begriffe" key="Einheit, des Menschen mit Gott"/>, dann <pb ed="pga" xml:id="p425"/> ist auch im Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> kein dies <hi rend="italic">und</hi> das, kein innen <hi rend="italic">und</hi> außen, kein Werden <hi rend="italic">und</hi> Vergehen. Beim Erscheinen der Söhne<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> Gottes «und durch ihr Erscheinen, macht die Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>, die nie springt, ihren einzigen Sprung<term type="begriffe" key="Sprung"/> und zwar einen Freudensprung, denn sie fühlt sich zum erstenmal an ihrem Ziele» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n72"> <bibl corresp="kbga-bibls-3656"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n63">S. 418, Anm. 63</ref>), NW, S. 286</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3657">NWKG, S. 376, Z.15–22</bibl>): «Das sind jene wahrhaften <hi rend="italic">Menschen, jene Nicht-mehr-Thiere, die Philosophen, Künstler und Heiligen;</hi> bei ihrem Erscheinen und durch ihr Erscheinen macht die Natur, die nie springt, ihren einzigen Sprung und zwar einen Freudesprung, denn sie fühlt sich zum ersten Mal [NWKG entsprechend dem Erstdruck: Male] am Ziele, dort nämlich, wo sie begreift, daß sie verlernen müsse, Ziele zu haben und daß sie das Spiel des Lebens und Werdens zu hoch gespielt habe.»</note>. Ewig ist auch die Welt: in Gott nämlich, als die Welt des neuen Himmels und der neuen Erde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/>, als die Welt, die der Vater <pb ed="A" n="294"/> sich unterworfen<term type="begriffe" key="Gott, Unterwerfer"/> hat <hi rend="italic">durch den Sohn</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.25 1.Kor.15.28">1.Kor. 15,25–28</ref>). Wer es wissen will, der kann es jetzt schon wissen, wissend, dass er nichts weiß: «Wahrlich eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein heilbringender und eine neue Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n73"> <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, Zarathustra, Von der schenkenden Tugend 2, NW, S. 114</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 97, Z.3–5</bibl>): «Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine neue Hoffnung!»</note>.</p>
        <p>Was wissen wir? Wir wissen, dass wir Anlass haben, vor Gott zu verstummen. Wir wissen, dass wir, wenn wir von der Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes reden, eine Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft"/> meinen, die nie und nimmer Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> sein wird. <hi rend="italic">«Wir wissen, dass alles Geschaffene einstimmig seufzt und gemeinsam in Wehen liegt bis auf das Jetzt hin.»</hi> Alles Geschaffene, auch das verborgen, okkult<term type="begriffe" key="okkult"/> gelegene und so dem Wissen schwerer zugängliche Geschaffene! Um das Wissen unsres Wissens, nicht um seine allfällige Erweiterung und Verbreiterung geht es! Wir wissen, dass, was wir auch wissen und wissen werden, ein «Seufzendes», ein «in Wehen Liegendes» ist, ein von seinem Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> gelöstes <hi rend="italic">Ding</hi><term type="begriffe" key="Ding"/>, ein <hi rend="italic">Relatives</hi><term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/>, das vom Absoluten durch einen Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen dem Relativen und Absoluten"/> getrennt ist. Denn indem wir etwas wissen, wissen wir es als Ding, als Relativum. Und eben das ist seine Geschaffenheit<term type="begriffe" key="Geschaffenheit"/>. Und eben diese seine Geschaffenheit ist die Ursache seines «Seufzens<term type="begriffe" key="Seufzen"/>», seines «in Wehen Liegens». Wir wissen, dass alles Geschaffene, alles, was in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> ist <pb ed="pga" xml:id="p426"/> (und von dem, was nicht geschaffen, nicht in der Zeit ist, haben wir kein Wissen!), sein ewiges Sein als ewige Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft, ewige"/> ungeboren in sich trägt, gebären möchte und – in der Zeit nie gebären wird. Wir wissen die Universalität, die Einstimmigkeit, die Gemeinsamkeit dieser hoffnungsvollen Not und dieser notvollen Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, notvolle"/>. Echte Spekulation<term type="begriffe" key="Spekulation"/> wird dieses Wissen begründen, formulieren, vertiefen, nie und nimmer aber von ihm zu einem andern «höhern» Wissen fortschreiten. Denn sie wird bedenken, dass das wirklich höhere Wissen, das Wissen um die nicht seufzende, nicht in Wehen liegende, weil nicht kreatürliche Kreatur das Wissen <hi rend="italic">Gottes</hi> ist. Gott aber ist im Himmel und du auf Erden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.5.1">Pred. 5,1</ref>]! Und gerade das Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> dessen, was Gott weiß, ist das Wissen <hi rend="italic">von Gott</hi>, der Trost<term type="begriffe" key="Trost"/>, das Licht, die Kraft, das Wissen der Ewigkeit, mit dem wir in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> sind. «Auf das Jetzt hin» seufzt ja die Kreatur, die in Christus offenbare Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, in Christus offenbar"/> meint sie und deutet so offenen Ohren diese Zeit als «die Zeit des Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/>», als die Zeit der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Ist es denn etwa schon gehört, das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur, das uns alles sagt, was wir zu hören brauchen, wenn wir hören können? Das uns Christus verkündigt, wenn Christus in uns<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Christus in uns»"/> ist! Ist nicht <hi rend="italic">dieses</hi> Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> geheimnisvoller als alle Geheimnisse? «Keine Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> noch menschliche Weisheit<term type="begriffe" key="Weisheit"/>, sie sei so hoch sie wolle, kann solches denken und glauben... Das <pb ed="A" n="295"/> heißen recht apostolische und geistliche Augen, die solches Alles in den Kreaturen sehen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n74"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 138</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, nachmittags</hi> (20.6.1535) [2. Predigt über Röm. 8,18-22], WA 41, 317,30f.37–318,2</bibl>.</note> «Wir wissen» – was wollen wir denn mehr wissen?</p>
        <p><hi rend="italic">«Und nicht nur das Geschaffene, nein auch wir, die wir die Erstlinge des Geistes besitzen, auch wir seufzen bei uns selbst in Erwartung unsrer Sohnschaft: der Erlösung unsres Leibes.»</hi> Wir kehren aus den weiten Kreisen unsrer Welt, des Geschaffenen, Zeitlichen, Leiblichen zurück in ihren engsten, vom Objekt<term type="begriffe" key="Objekt"/> zum betrachtenden Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/>, sofern es sich selber anschauliches Objekt ist, zu uns selbst also, zu <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen, wie er leibt und lebt in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt,<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> und die Augen, die uns im Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> fragend anschauen, sind unsre eigenen, alles und so zuletzt sich selbst als Objekt anschauenden Augen. Wer ist dieser Mensch? Wer bin ich? – Der Besitzer der «Erstlinge des Geistes», <pb ed="pga" xml:id="p427"/> jawohl, der Mann, der weiß, dass das Gesetz aus dem Geiste<term type="begriffe" key="Geist, Gesetz"/> kommt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14">7,14</ref>), unanschaulich ein Erlöster kraft der in Jesus Christus geschehenen Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.24">3,24</ref>), unanschaulich ein von der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> Angegriffener, Beschenkter, Getriebener, ein Freier, ein Gotteskind<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>. Wie könnte ich sonst leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/>, wirklich leiden unter dem Druck meines Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des leidenden Menschen"/>? Wie könnte ich sonst schreien: Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater! Wie könnte ich sonst hören das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der seufzenden Kreatur? Ich <hi rend="italic">bin</hi> als neuer Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> Bürger<term type="begriffe" key="Bürger, der kommenden Welt"/> der kommenden Welt. Ich <hi rend="italic">weiß</hi> im Lichte des in Jesus Christus sich offenbarenden Jetzt, was ich über die Zeit und ihren ganzen Inhalt wissen muss. Ich <hi rend="italic">bin</hi> gerettet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.24">8,24</ref>). Davon komme ich her. – Aber wo gehe ich hin? Was ist mein anschaulicher Weg, sein Anfang und sein Ende? Immer wieder ist unter Protest gegen alle Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> daran zu erinnern, dass unser Leben diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> ein unaufhörlicher Komplex höchster und niederster, edelster und gemeinster, bedeutsamster und namenlos banalster Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ist. Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/>, Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft"/> und Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> zeichnen den Menschen aus und heißes Verlangen nach Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> mit dem Unendlichen – ja, aber weiß Gott auch Hunger<term type="begriffe" key="Hunger"/> und Durst<term type="begriffe" key="Durst"/>, Geschlechtstrieb<term type="begriffe" key="Geschlechtstrieb"/> und Schläfrigkeit<term type="begriffe" key="Schlafbedürfnis"/> und Verdauungsprozess<term type="begriffe" key="Verdauung"/>, und wo ist die Grenze? Wer befreit uns von dem unwiderstehlichen Eindruck, wie sehr das alles ineinander verfilzt ist, wer von dem fast an Gewissheit grenzenden Verdacht, es möchte meine Geschichte und die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, des Menschengeschlechts"/> des Menschengeschlechts letztlich aufrichtiger und getreuer vom Standpunkt des Magens usf. als vom Standpunkt des Kopfes und der Köpfe aus zu schreiben sein?<note xml:id="n75"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3660"><persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName>, <hi rend="italic">Vom Recht und Unrecht der materialistischen Geschichtsbetrachtung</hi>, in: Neue Wege, Jg. 13 (1919), S. 4–22.51–67.125–142.163–183</bibl>, der «vor allem das Recht des Geschichtsmaterialismus betonen wollte» (S. 4, Anm. 1).</note> Was ist der größte Genius, wenn er samt seiner Genialität <hi rend="italic">so</hi> zur Welt kommt und <hi rend="italic">so</hi> von ihr Abschied nimmt und in der Mitte <hi rend="italic">so</hi> in ihr «lebt», wie wir es von uns allen wissen? Was ist die Weltge<pb ed="A" n="296" break="no"/>schichte<term type="begriffe" key="Weltgeschichte"/>, wenn Urchristentum<term type="begriffe" key="Urchristen/Urchristentum"/>, Kreuzzüge<term type="begriffe" key="Kreuzzug"/> und
        Reformation<term type="begriffe" key="Reformation"/> historisch-materialistisch besser, jedenfalls plausibler erklärt werden können als irgendwie sonst? Was bleibt von <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName> in Möttlingen übrig, wenn der Anfang psychiatrisch<term type="begriffe" key="psychiatrisch"/> und das übrige psychologisch<term type="begriffe" key="psychologisch"/> gedeutet wird – und wer könnte und dürfte solcher Deutung<term type="begriffe" key="Deutung"/> etwa wehren? <hi rend="italic">Das</hi> ist der Mensch, der geschaffene, zeitliche, <pb ed="pga" xml:id="p428"/> leibliche Mensch, der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/>, den wir allein kennen. Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>? Was heißt Geist? Was wir als Geist kennen, pflegt auf alle Fälle nie und nirgends anders aufzutreten, denn als Nebel<term type="begriffe" key="Geist, Nebel"/> über einem Sumpfgelände. Woher der Nebel? Was bleibt beharrlich, wenn der Nebel sich verzieht? Wir brauchen nicht zu antworten. – Also unanschaulich herkommend vom Geiste Gottes<term type="begriffe" key="Geist, Gottes"/> geht der Mensch anschaulich ganz und gar hinein in eine unendliche Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/>. In dieser Zweideutigkeit <hi rend="italic">sind</hi> wir, nirgends sonst, und auf weite Strecken ist sie ganz und gar eindeutig! Was also sind wir, sofern wir so ehrlich sind, das alles zuzugeben? Seufzende<term type="begriffe" key="Seufzen"/> offenbar auch wir «Besitzer der Erstlinge des Geistes», wir so gut wie die seufzende Kreatur um uns her, seufzend in derselben «Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/>», d. h. in denselben Kontrasten<term type="begriffe" key="Kontrast"/> von Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> und Finsternis, Schönheit und Gemeinheit, in denen wir auch sie seufzen hören, in Wehen liegend wie sie, eine ewige Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft, ewige"/> in uns tragend, von der wir wissen, dass sie nie eine Zeit war noch sein wird, Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> Gottes wie sie und darum wie sie – Hoffende! «Auch wir seufzen bei uns selbst in Erwartung unserer Sohnschaft<term type="begriffe" key="Sohnschaft"/>.» In <hi rend="italic">Erwartung!</hi> Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Zeugnis"/> bezeugt uns, dass wir Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> Kinder sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.16">8,16</ref>]. Geboren ist der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der die Welt seines Vaters ererben wird. Aber dieser neue Mensch bin <hi rend="italic">nicht ich</hi>, er ist <hi rend="italic">nicht dieser</hi> Mensch, der Mensch <hi rend="italic">dieses</hi> Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/> in dieser Zeit. Dieses Menschen letzte Möglichkeit ist das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/>, die Erwartung der Sohnschaft<term type="begriffe" key="Sohnschaft"/>. <hi rend="italic">Sohnschaft</hi> selbst ist die «Erlösung<term type="begriffe" key="Leib, Erlösung des L."/> des Leibes», der Vollzug der Identität zwischen Christus und mir, an die wir jetzt und hier nur glauben können, die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> der Toten, die «Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Söhne Gottes"/>» der Söhne<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> Gottes, auf die alles Geschaffene wartet, bei der auch kein Härlein auf unserm Haupte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.30">Mt. 10,30</ref> par.] unerlöst zurückbleiben kann. Verlaufen und versickert der <hi rend="italic">ganze</hi> Ozean von Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, und Wahrheit"/>, der jetzt und hier die Insel<term type="begriffe" key="Insel, der Wahrheit"/> der Wahrheit überspült und umgibt und nur noch Wahrheit <hi rend="italic">ist:</hi> die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, der Wirklichkeit"/> der Wirklichkeit! Ewigkeit die <hi rend="italic">ganze</hi> Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, von den urältesten Tagen bis auf die fernste Zukunft! Kein Innen, das nicht außen, kein Außen das nicht innen wäre.<note xml:id="n76"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p289#fn_n37">S. 289, Anm. 37</ref>.</note> Kein anderer, sondern ich, kein Teil bloß, sondern ich in meiner Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> erlöst, verwandelt, gereinigt, neu, vor Gott, bei Gott, in Gott, göttlichen Wesens und göttlichen Lebens teilhaftig – das ist
        Sohnschaft<term type="begriffe" key="Sohnschaft"/>. Diesseits der Auferste<pb ed="pga" xml:id="p429" break="no"/>hung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> aber ist Religion<term type="begriffe" key="Religion, als letztes Wort"/> das letzte <pb ed="A" n="297"/> Wort,<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> und wir erinnern uns, was das heißen will. Daher die Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> und Sehnsucht<term type="begriffe" key="Sehnsucht"/>, die uns wahrhaftig aus unsern eigenen Augen am stärksten anschaut; auch wir stehen unter dem Kreuze<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, auch wir können nicht anders als bezeugen, dass unsre Zeit die Zeit des Jetzt<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/>, der Ewigkeit ist, dass vor, hinter und über unserm Lebenstage der Tag<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi ist, der kein Tag ist, sondern der Tag aller Tage. «Kein Wunder also, daß wir von tiefer Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> umgetrieben sind. Und nicht nur um ein Wünschen handelt es sich da, sondern um ein sehnsüchtiges Schreien: denn wo man das Elend als solches empfindet, da muss man schreien» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n77"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 154</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Nam quia nondum plenitudine donati sumus, non mirum est inquietudine nos moveri. [...] Nec desiderium modo nominat, sed gemitum: quia ubi sensus miseriae, illic et gemitus.</foreign>»</note> So werden wir uns selbst – und das ist die göttliche Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> – zum Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>. Wir können wissen, dass auch wir selbst letztlich Seufzende<term type="begriffe" key="Seufzen"/> sind und <hi rend="italic">nichts als das</hi>, und wir können uns zeigen und bezeugen lassen, was <hi rend="italic">gerade das</hi> zu bedeuten hat. Es bedeutet, dass Gott unser Vater<term type="begriffe" key="Gott, Vater"/> ist.</p>
        <p>Sollte es uns etwa zu wenig sein, vom Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> zu wissen, vom Seufzen der Kreatur und von unserm eigenen Seufzen? Sollten wir doch nach mehr, nach Höherem und Besserem verlangen, am Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> vorbei, vorbei an den Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> der Zeit? Dann würden wir vorbeigehen an der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, vorbei an dem Jetzt, das dieser Zeit Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> ist, vorbei an Gott! <hi rend="italic">«Denn durch Hoffnung seid ihr gerettet. Sichtbare Hoffnung ist aber nicht Hoffnung. Denn was einer sieht – was braucht er das noch zu erharren? Sofern wir aber hoffen auf das, was wir nicht sehen, warten mir mit Beharrlichkeit.»</hi> Ja so hart und heilig und gewaltig ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, so sehr ist sie unsre Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, so sehr ist sie Gott <hi rend="italic">selbst</hi>, Gott <hi rend="italic">für uns</hi>, dass sie als Sieg<term type="begriffe" key="Sieg"/>, als Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/>, als Gegenwart in keinem Fall anders für uns zu haben ist denn «durch Hoffnung»<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Wie könnte sie die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> sein, wenn wir, wie wir sind, direkte Einsicht von ihr nehmen könnten? Wie könnte sie Gott sein, wenn sie uns je eine Möglichkeit unter andern werden könnte? Wie könnte sie unsre Errettung sein, wenn sie nicht in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit der übermächtige Zwang wäre, den Sprung<term type="begriffe" key="Sprung"/> in die Ewigkeit zu wagen: den Gedanken<term type="begriffe" key="Gedanke, Gott"/> Gottes selbst zu denken, frei zu denken, neu zu denken, <pb ed="pga" xml:id="p430"/> ganz zu denken? «Durch Hoffnung», indem in Jesus Christus das ganz und gar Andere<term type="begriffe" key="Andere, das Andere in Jesus Christus"/>, das Unbekannte<term type="begriffe" key="Unbekannte"/>, das Unzugängliche, die «ewige Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> und Gottheit<term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>) Gottes in unsere Welt hineingetreten ist, sind wir gerettet. Wie könnten wir etwas anderes<note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «anders».</note> wollen, als dass diese rettende Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, Kreuz"/> sich immer wieder im Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> als Hoffnung abgrenze und beweise gegenüber allem andern, das in der Welt ist. Wüssten wir etwas anderes von <pb ed="A" n="298"/> <hi rend="italic">Gott</hi> als das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur und unser eigenes Seufzen, wüssten wir <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> anders denn als den Gekreuzigten<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.2">1.Kor. 2,2</ref>], wüssten wir den <hi rend="italic">heiligen Geist</hi><term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> anders denn als den Geist<term type="begriffe" key="Geist, Aufweckung"/> dessen, der Jesus von den Toten auferweckt [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11">8,11</ref>], wäre das Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/> gebrochen, in dem das Heil<term type="begriffe" key="Heil"/> zu uns gekommen ist, kommt und kommen wird, es wäre <hi rend="italic">nicht</hi> das Heil! «Sichtbare Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, sichtbare"/> ist <hi rend="italic">nicht</hi> Hoffnung.» Direkte Mitteilung von Gott ist keine Mitteilung von <hi rend="italic">Gott.</hi> Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>, das nicht ganz und gar und restlos Eschatologie<term type="begriffe" key="Eschatologie, Christentum"/> ist, hat mit <hi rend="italic">Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> ganz und gar und restlos nichts zu tun.<note xml:id="n78">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3519">Unerledigte Anfragen, S. 25</bibl>: «Eine Theologie, die es wagen wollte – Eschatologie zu werden, wäre nicht nur eine neue Theologie, sondern zugleich ein neues Christentum». Der Zusammenhang belegt <persName ref="kbga-actors-312">Overbecks</persName> Einfluss auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> radikale Eschatologie.</note> Geist<term type="begriffe" key="Geist, Tod und Leben"/>, der nicht in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit aufs neue Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> aus dem Tode ist, ist auf alle Fälle nicht der <hi rend="italic">heilige</hi>
        Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/>. «Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.18">2.Kor. 4,18</ref>). Was nicht Hoffnung ist, das ist Klotz, Block, Fessel, schwer und eckig wie das Wort «Wirklichkeit»<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>. Es befreit nicht, sondern es nimmt gefangen. Es ist nicht Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, sondern Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und Verderben<term type="begriffe" key="Verderben"/>. Es ist nicht göttliche Führung, sondern Schicksal<term type="begriffe" key="Schicksal"/>. Es ist nicht Gott, sondern ein Spiegelbild<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> des unerlösten<term type="begriffe" key="Unerlöstheit"/> Menschen. Und wenn es ein noch so stattlicher Aufbau sozialen<term type="begriffe" key="sozial"/> Fortschritts<term type="begriffe" key="Fortschritt"/>, und wenn es eine noch so ansehnliche Blase christlicher Erlöstheit wäre! Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> ist das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, Unzugängliche<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal">­<ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Unzulängliche» (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p132#fn_n14">S. 132, Anm. 14</ref>). Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, das als <hi rend="italic">Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung"/> uns begegnet. Können wir etwas Anderes, Besseres sein wollen als Hoffende oder etwas anderes <hi rend="italic">daneben?</hi> Beharren<term type="begriffe" key="Beharren"/>, das ist doch (jeder Bauer, jedes alte Mütterchen, aber auch jeder wirklich tätige oder wirklich leidende Mensch weiß das, ganz <pb ed="pga" xml:id="p431"/> abgesehen von seiner Stellung zum «Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>») der tiefste Sinn unsrer als Aufgabe erfassten menschlichen Lebenslage: Beharren<term type="begriffe" key="Beharren"/>, <hi rend="italic">als ob</hi> es ein Jenseits gäbe von Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, Freud und Leid, Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, beharren, <hi rend="italic">als ob</hi> wir im Glück und Unglück, im Aufstieg und Niedergang, im Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> und Nein unsres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein"/> auf etwas warteten, beharren, <hi rend="italic">als ob</hi> ein Gott wäre, dem wir unterliegend oder siegend, lebend oder sterbend in Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zugewandt zu dienen hätten. Als ob? Ja eben das ist das Merkwürdige, dass wir, wenn wir es auf unserm Weg durch die Zeit aufs Höchste bringen, Beharrende<term type="begriffe" key="Beharren"/> sind, <hi rend="italic">als ob</hi> wir sähen, was wir doch nicht sehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.27">Hebr. 11,27</ref>], schauten das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>. Die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> ist die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Rätsels"/> dieses Rätsels<term type="begriffe" key="Rätsel"/>, die Aufhebung des «als ob». Wir sehen eben <hi rend="italic">wahrhaftig</hi>, wir sehen <hi rend="italic">existentiell</hi><term type="begriffe" key="existentiell"/>, was wir doch nicht sehen. <hi rend="italic">Darum</hi> beharren wir. Sähen wir bloß, was wir sehen, wir würden nicht harren, wir würden uns heiter oder mürrisch abfinden mit dem, was ist. Dass wir uns <hi rend="italic">nicht</hi> abfinden können mit dem, was ist, dass es zu <hi rend="italic">keiner</hi> Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> kommen kann in unserm Sein, dass ein verborgenes Warten in uns bleibt auf das, was <hi rend="italic">nicht ist</hi>, das erklärt sich aus der unsichtbaren <pb ed="A" n="299"/> Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, unsichtbare"/>, die wir in Gott, in Christus, im Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/> haben und in der uns das, was <hi rend="italic">nicht ist</hi>, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gegenübersteht. Wir können, sofern wir uns selbst recht verstehen, nichts anderes sein wollen als Wartende<term type="begriffe" key="Warten"/>, können uns begnügen damit, zu wissen vom Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur und von unserm eigenen Seufzen, können nichts Besseres, nichts Höheres verlangen als das Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, an dem offenbar wird, dass Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> Gott ist, müssen Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> sein, die auf ihren Herrn warten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.45 Mt.24.51">Mt. 24,45–51</ref> par.].</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26 Röm.8.27">V. 26‒27</ref> In gleicher Weise kommt auch der Geist unserer Schwachheit zuvor. Denn was wir beten sollen nach Gebühr, wissen wir nicht. Aber der Geist selbst tritt übermächtig für uns ein mit unausgesprochenen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß den Sinn des Geistes, dass er nach Gottes Weise für die Heiligen eintritt</hi>.</p>
        <p><hi rend="italic">«In gleicher Weise kommt auch der Geist unsrer Schwachheit zuvor.»</hi> Wovon haben wir geredet? Von unserm Wahrheitssuchen oder von der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> selbst? Von einer Quantität, Qualität<term type="begriffe" key="Qualität"/>, Intensität menschlichen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/> oder von einem göttlichen Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> an uns? Von Geistigkeit<term type="begriffe" key="Geistigkeit"/>, Geistlichkeit<term type="begriffe" key="Geistlichkeit"/>, Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung"/> oder vom Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/>? Wahrlich immer irgendwie vom Ersten, denn wie konnten<note n="am" type="textcritical" xml:id="nam">Druckmanuskript: «könnten».</note> wir vom Zwei<pb ed="pga" xml:id="p432" break="no"/>ten reden anders denn in Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> des Ersten? Aber gemeint war, wir wiederholen es nochmals, immer das Zweite: «Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Zeuge"/> selbst ist Zeuge unserm Geiste, dass wir Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> sind» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.16">8,16</ref>). Abdruck<term type="begriffe" key="Abdruck"/> und Siegel<term type="begriffe" key="Siegel"/> nur des Geistes ist auch das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur und unser eigenes Seufzen, Widerhall nur des göttlichen Wortes unser Schreien: Abba<term type="begriffe" key="Abba"/>! Vater! Der Geist handelt in eigener Sache und geht seinen eigenen Weg. Nicht <hi rend="italic">wir</hi> haben <hi rend="italic">ihn</hi>, sondern <hi rend="italic">er</hi> hat <hi rend="italic">uns</hi><note n="an" type="textcritical" xml:id="nan"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">er hat uns</hi>».</note>. Er ist <hi rend="italic">zuerst</hi> da, er «kommt unsrer Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> <hi rend="italic">zuvor</hi>». Er ist der <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">creator</hi> spiritus</foreign><term type="begriffe" key="Geist, creator spiritus"/><note xml:id="n79"> Vgl. den <bibl type="song" corresp="kbga-songs-243"><persName ref="kbga-actors-2886">Hrabanus Maurus</persName> (um 776-856) zugeschriebenen Pfingsthymnus «Veni Creator Spiritus»</bibl>.</note>. Denn «Schwachheit», Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> und nicht Geist, menschlich und nicht göttlich<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, sündig<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/> und nicht gerecht ist auch unser Seufzen. Ist es vor Gott erhört und angenommen, dann vor <hi rend="italic">Gott</hi> und <hi rend="italic">nur</hi> vor ihm. Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> ist auch unser Warten,<term type="begriffe" key="Warten"/> und wenn es noch so geduldig, noch so gläubig wäre. Es kann immer auch ein Warten in der Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> sein, ein unbestimmtes, aussichtsloses, tatenloses, charakterloses, wertloses Warten, ein Warten auf Nichts und darum ein Warten ohne Erfüllung, und niemand bürgt uns dafür, dass unser Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> nicht dieser Art ist. Niemand außer Gott! Dass der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> uns <hi rend="italic">zuvor</hi>kommt, dass die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> in sich selber Wahrheit ist, <hi rend="italic">das</hi> ist die Kraft in unsrer Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>]. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir auch mit der schärfsten Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> dieser Kraft nicht habhaft werden können. Auch der «negative Weg»<term type="begriffe" key="via negativa"/> der Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/><note xml:id="n80"> <foreign xml:lang="lat">Die via negativa</foreign>, die apophatische oder negative Theologie, geht aus vom Unvermögen, Gott adäquat in Sprache auszudrücken. Apophatische Tradition ist oft, wenn nicht immer, verbunden mit einem mystischen Ansatz, mit dem Nachdruck auf einer spontanen oder kultivierten individuellen Erfahrung der göttlichen Realität jenseits der empirischen Wahrnehmung. Das Thema muss in den Kreisen um <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zur Zeit seiner Arbeit am zweiten Römerbrief diskutiert worden sein, u. a.  in Verbindung mit <persName ref="kbga-actors-137">Gogartens</persName> Vortrag auf der Aarauer Studentenkonferenz am 20. April 1921: <bibl corresp="kbga-bibls-2114"><hi rend="italic">Mystik und Offenbarung</hi>, in: <persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Die religiöse Entscheidung</hi>, Jena 1921, S. 54–74.</bibl></note> ist ein Holzweg, wie alle «Wege» Holzwege sind. Weg ist nur <hi rend="italic">der</hi> Weg; aber das ist Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Weg"/>
        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]. </p>
        <p><pb ed="A" n="300"/> <hi rend="italic">«Denn was wir beten sollen nach Gebühr, wissen wir nicht.»</hi> Verstehen wir, was das heißen will am Ende <hi rend="italic">dieses</hi> Abschnitts des Rö<pb ed="pga" xml:id="p433" break="no"/>merbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Verständnis des R."/>? Hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> etwa <hi rend="italic">nicht</hi> gebetet, indem er diese Worte schrieb? Nicht <hi rend="italic">recht</hi> gebetet? Sind sie etwa etwas anderes als ein einziges Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/>, und wo ist tiefer, kühner, selbstloser gebetet worden als hier? Und indem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> diese Worte schreibt, weiß er, dass er <hi rend="italic">nicht</hi> weiß, was er beten soll nach Gebühr! Warum weiß er nicht? Offenbar darum, weil auch das Gebet <hi rend="italic">keineswegs</hi> «das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> der Wunder» ist, «das sich täglich in der Seele des Frommen vollzieht»<note xml:id="n81"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 495.</bibl></note>, weil «das Streben nach Befestigung, Stärkung und Steigerung des <hi rend="italic">eigenen Lebens</hi> das Motiv alles Betens»<note xml:id="n82"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 489</bibl>; Hervorhebung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> ist und sein Wesen der «Verkehr des Frommen mit dem persönlich <hi rend="italic">gedachten</hi> und als gegenwärtig <hi rend="italic">erlebten</hi> Gott» (<persName ref="kbga-actors-169">Fr. Heiler</persName>)<note xml:id="n83"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 491</bibl>: «Das Gebet ist also <hi rend="italic">ein lebendiger Verkehr[...]»</hi> (von da an bei <persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName> alles gesperrt).</note>, weil auch das tiefste, heroischste, gewaltigste Beten<term type="begriffe" key="Gebet"/> (wahrhaftig auch das der Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/>, Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> und Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/><note xml:id="n84"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 237–241.244–246</bibl>.</note>, um von den Künsten der Xosakaffern<term type="begriffe" key="Xosakaffern"/><note xml:id="n85"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 61.63.114</bibl>.</note> und Kekchiindianer<term type="begriffe" key="Kekchi-Indianer"/><note xml:id="n86"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 59.90.114</bibl>.</note> gar nicht zu reden!) nur Eines anschaulich zu machen vermag: wie wenig auch der betende Mensch über das Eigene, Gedachte und Erlebte hinauskommt, wie sehr auch er, ja <hi rend="italic">gerade er</hi> restlos und durch und durch <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch"/> ist und nichts sonst, wie sehr auch die kühnsten Sprünge<term type="begriffe" key="Sprung"/> und Brückenschläge der sog. «Frömmigkeit»<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> sich durchaus innerhalb dieser <hi rend="italic">Welt</hi> abspielen und mit einem Verkehr des Menschen mit dem nicht gedachten, nicht erlebten, sondern <hi rend="italic">lebendigen</hi> Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/> an sich nichts, gar nichts zu tun haben, weil auch das Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/>, gerade das Gebet, gegenständlich betrachtet und verherrlicht, nur eine Bestätigung des Einwandes<term type="begriffe" key="Einwand"/> ist, den <persName ref="kbga-actors-550">Feuerbach</persName> mit menschlich vollem Recht gegen die Religion<term type="begriffe" key="Religionskritik"/> überhaupt erhoben hat<note xml:id="n87"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p324#fn_n04">S. 324, Anm. 4</ref>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat in seinem Exemplar von <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heilers</persName> Buch am Fuß der S. 495</bibl>, nach dem letzten Kapitel («Das Wesen des Gebets») in großer Schrift notiert: «<persName ref="kbga-actors-550">Feuerbach</persName>!»</note>. <hi rend="italic">«Wir</hi> wissen <hi rend="italic">nicht!»</hi> Jenseits von diesem<note n="ao" type="textcritical" xml:id="nao"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Jenseits dieses». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> «Wir nicht» (das mit der Versenkungstechnik<term type="begriffe" key="Versenkung"/> der <pb ed="pga" xml:id="p434"/> östlichen<term type="begriffe" key="östlich"/> und westlichen<term type="begriffe" key="westlich"/> «Gebetsvirtuosen»<note xml:id="n88"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 310</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): Es «besteht im wesentlichen kein Unterschied zwischen den Gebetsstufen der neuplatonischen, sûfistischen, hinduistischen und christlichen Mystiker; ihr psychologischer Grundcharakter deckt sich sogar mit den
        Versenkungsstufen des Yoga und Buddhismus». – S. 240: <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> «war ein Virtuose des fürbittenden Betens» (angestrichen). – S. 367: Luther und Calvin «Virtuosen des Fürbittegebets» (angestrichen). – Zu den «Gebetsvirtuosen» vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-3661"><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube (Dogmatik)</hi>, Stuttgart 1906, S. 349</bibl>: «Das echte Gebet  […] stellt sich nie und nirgends in den Dienst eines ‹geistlichen Glücksrittertums› (<persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName>); dadurch entweiht es die Frömmigkeit solcher Gebetsvirtuosen in ihren Lebenswurzeln und schädigt wie fast nichts sonst das Zutrauen zur Frömmigkeit in andern».</note> nichts zu schaffen hat, als dass es den schärfsten Protest gegen dieses Meer von Unfug bildet) liegt die Realität des Umgangs des Menschen mit Gott.</p>
        <p>Denn <hi rend="italic">«der Geist selbst tritt übermächtig für uns ein mit unausgesprochenen Seufzern.»</hi> Wir warten, aber dass wir auf <hi rend="italic">Gott</hi> warten, das allein macht uns allenfalls zu nicht umsonst Wartenden<term type="begriffe" key="Warten"/>. Wir schauen aus, aber dass wir zuerst angeschaut sind, das unterscheidet uns von solchen, die ins Leere schauen. Wir reden, aber dass aus unserm Reden das redet, was <hi rend="italic">wir</hi> aus Gründen <hi rend="italic">nicht</hi> reden, das unterscheidet unser Reden vom leeren Geschwätz. Und so beten wir, aber dass der Geist<term type="begriffe" key="Geist, tritt für uns ein"/> selbst für uns eintritt mit Seufzern<term type="begriffe" key="Seufzen"/>, die auf unsern Lippen unausgesprochen bleiben, weil sie, in unsre Sprache übersetzt, Jubellieder sein <pb ed="A" n="301"/> müssten, deren wir nicht fähig sind, das unterscheidet unser Beten<term type="begriffe" key="Gebet"/>, unser Seufzen von <hi rend="italic">dem</hi> Seufzen, das nur Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> ist und nichts sonst. Nicht dass wir eine hohe, höhere, ganz hohe Stufe des Betens erreichen, ist wichtig; denn auch diese Leiter steht mit allen vermeintlichen Himmelsleitern im Bezirke Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, des Gottes dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/>[vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.4">2.Kor. 4,4</ref>]. Aber dass ein Anderer, der Ewige, der «zweite Mensch vom Himmel» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.47">1.Kor. 15,47</ref>) übermächtig dasteht an unsrer Stelle vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, das ist die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> unsres Betens, die Realität unsrer Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/> mit Gott.</p>
        <p><hi rend="italic">«Der aber die Herzen erforscht, weiß den Sinn des Geistes, dass er nach Gottes Weise für die Heiligen eintritt.»</hi><term type="begriffe" key="Geist, tritt für uns ein"/> Wir werden es unterwegs<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «unterwege». Vielleicht fürchtete der Lektor oder der Korrektor, der Ausdruck sei in der Form «unterwege lassen» missverständlicher als in der «unterwegs lassen» (= unterlassen, beiseite lassen).</note> lassen, Gott zu erforschen, aber er erforscht uns. Unser Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> ist <pb ed="pga" xml:id="p435"/> nie der rechte, Gott aber kennt den Sinn des Geistes<term type="begriffe" key="Geist"/> in uns, und dieser Sinn ist, weil <hi rend="italic">Gott</hi> ihn kennt und weil er des <hi rend="italic">Geistes</hi> Sinn ist, der rechte. Menschlicherweise kann niemand und nichts für uns eintreten; auf uns selber stehen wir ganz allein<note xml:id="n89"> Vgl. aus der ersten Strophe des «Reiterliedes» von <bibl corresp="kbga-bibls-2506"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (auch in: <hi rend="italic">Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager</hi>, V.1055f. [11. Auftritt])</bibl>: 
            <q rend="block">
            <lg>
            <l>Da tritt kein anderer für ihn ein,</l> 
            <l>Auf sich selber steht er da ganz allein.</l></lg></q></note> und sind verloren, aber nach Gottes Weise tritt der Geist für uns ein und wir sind gerettet. Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> sind wir und Sünder bleiben wir ohne dieses «Eintreten<term type="begriffe" key="Geist, tritt für uns ein"/>» des Geistes, aber Heilige<term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/> nennt uns Gott, zu Heiligen schafft er uns aus dem Nichts<term type="begriffe" key="Schöpfung, aus dem Nichts"/> dessen, was wir waren, sind und sein werden: zu <hi rend="italic">seinen</hi> Heiligen<term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/>, <hi rend="italic">seinen</hi> Ausgesonderten, <hi rend="italic">seinen</hi> Werkzeugen kraft jenes Eintretens. Der aber für uns eintritt<term type="begriffe" key="Geist, tritt für uns ein"/>, ist der Geist, die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>.</p> 
    </div> 
       <div> 
        
        
       
        <head><hi rend="smallCaps">Die Liebe</hi></head>
        <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28 Röm.8.39">8,28‒39</ref></head>
      
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28 Röm.8.30">V. 28‒30</ref> Wir wissen aber: denen, die Gott lieben, lässt er Alles zum Guten zusammenwirken, denen, die nach seinem Beschluss dazu Berufene sind. Denn die er erkannte, die bestimmte er auch dazu, gleichgestaltet zu werden dem Bilde seines Sohnes (damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern!). Die er aber dazu bestimmte, die berief er auch. Und die er berief, die erklärte er auch gerecht. Die er aber gerecht erklärte, die machte er auch der Herrlichkeit teilhaftig.</hi></p>
        <p><hi rend="italic">«Wir wissen.»</hi> Keine göttliche Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, keine Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, keine Gegenständlichkeit<term type="begriffe" key="Gegenständlichkeit"/>! Gäbe es sie, Gott wäre nicht Gott! Kein Hinübergreifen des Menschen findet statt in jenes Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> und kein Hineinragen jenes Reiches in diese Welt. Wir sind <hi rend="italic">die</hi> Menschen, für die Gott endgültig und auf der ganzen Linie dessen, was wir wissen, der Andere<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/>, der Fremde<term type="begriffe" key="Gott, Fremde"/> ist. Und unsre Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist <hi rend="italic">die</hi> Welt, innerhalb <pb ed="pga" xml:id="p436"/> derer Gott endgültig und im ganzen Umkreis – <pb ed="A" n="302"/> außerhalb ist. «Nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen müssen wir alle unsres Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> Kreise vollenden.»<note xml:id="n90"> Strophe 6 des Gedichtes <bibl corresp="kbga-bibls-117">«Das Göttliche» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl>.</note> Nur vom Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur und von seinem eigenen Seufzen <hi rend="italic">weiß</hi> dieser Mensch in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.22 Röm.8.23">8,22–23</ref>), <hi rend="italic">kann</hi> er wenigstens wissen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.19 Röm.1.20">1,19–20</ref>), sofern ihm die «Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit, unseres Daseins"/>» seines Daseins (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.20">8,20</ref>), die Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> der Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensatz, Dialektik des "/>, die Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> und das Heimweh alles nur Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, nur Anschaulichen<term type="begriffe" key="Anschauliche"/>, nur Gegenständlichen<term type="begriffe" key="Gegenständlichkeit"/> nicht etwa entgehen sollte. Für die heilsame Öffnung unsrer Augen sorgt das Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> und, unmittelbar an das Grenzdatum des Leidens anknüpfend, in ihrem Wesen als Deutung dieses Datums die ihres Namens würdige Philosophie<term type="begriffe" key="Philosophie"/>. Also, nicht-wissend<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> um Gott und sein Reich, wissend um das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> alles Geschaffenen, gehen wir einig mit jeder ehrlich profanen, nicht einig mit den Halbheiten theologischer Natur- und Geschichtsbetrachtung. Denn gerade jenes Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> und dieses Wissen sind der Stahl und der Kiesel, aus denen, sofern sie im Geist<term type="begriffe" key="Geist, Wahrheit"/>, in der Wahrheit zusammentreffen, als Neues und Drittes das Feuer des nicht-wissenden <hi rend="italic">Wissens</hi> von Gott und des wissenden <hi rend="italic">Nicht-Wissens</hi> von der Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit, unseres Daseins"/> unsres Daseins, das Feuer der <hi rend="italic">Liebe</hi><term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> <hi rend="italic">zu Gott</hi>, weil er Gott ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>), aufspringt, während das theologische<term type="begriffe" key="Theologie"/>, scheinbare Wissen von Gott und scheinbare Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> von der Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit, unseres Daseins"/> unsres Daseins sich weder im Geist und in der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, im Geist und in der"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>] treffen, noch weniger Feuer und noch weniger das Feuer der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott entzünden können.</p>
        <p><hi rend="italic">«Denen die Gott lieben».</hi> Liebe<term type="begriffe" key="Hoffnung, unsichtbare"/> zu Gott ist nicht diese oder jene Möglichkeit menschlicher Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>. Sie kann in unsren Ohren sein, wenn wir das Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> der Kreatur vernehmen, und auf unsern Lippen, wenn wir selbst seufzen. Sie kann in unserm Beten<term type="begriffe" key="Gebet"/> sein, aber auch in unserm Nichtbetenkönnen. Sie kann in unsrer Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> sein, aber auch in unsrer Gleichgültigkeit, in unsrer Abneigung, in unsrem Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> gegen sie. Sie kann auf dem Grunde unsrer größten Leidenschaft<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/> wohnen oder auf dem unsrer größten Gelassenheit. Und sie ist doch nie weder dieses noch jenes, sondern der Sinn und die Kraft, die sowohl diese wie jene Möglichkeit menschlicher Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> von Gott aus und in Beziehung auf Gott bekommen kann. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott ist die tiefste Sachlichkeit gegenüber der Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> unsres Lebens. Wenn <pb ed="pga" xml:id="p437"/> der Mensch (ob in dieser oder jener Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>) <hi rend="italic">tatsächlich</hi>, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, einmalig, eindeutig, unausweichlich, unrettbar auf die Frage: Wer bin ich? gestoßen ist, dann liebt er Gott. Denn das gegenüberstehende Du, das den Menschen zwingt, sich also von sich selbst zu unterscheiden, ist Gott; und gezwungen, sich selber also gegenüberzutreten, hat der Mensch seine Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott bereits betätigt. Der Mensch kann <hi rend="italic">tatsächlich</hi> <pb ed="A" n="303"/> wissen von den Pfeilen, die in ihm stecken, von dem Gift, das sein Geist trinken muss, von den Schrecknissen, die auf ihn gerichtet sind (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.6.4">Hiob 6,4</ref>). Er kann <hi rend="italic">tatsächlich</hi> wissen, dass er immer im Streit sein muss auf Erden und dass seine Tage sind wie eines Tagelöhners (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.7.1">Hiob 7,1</ref>). Er kann <hi rend="italic">tatsächlich</hi> schreien: «Bin ich denn ein Meer oder Meerungeheuer, dass du mich so verwahrest?» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.7.12">Hiob 7,12</ref>). Er kann <hi rend="italic">tatsächlich</hi> Einem gegenüberstehen, über dem er keinen Schiedsrichter weiß, «der seine Hand auf uns beide lege» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.9.33">Hiob 9,33</ref>). Er kann <hi rend="italic">tatsächlich</hi> der Mann sein, des Weg verborgen und vor ihm von <hi rend="italic">Gott</hi> verzäunt ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.3.23">Hiob 3,23</ref>), – so sehr <hi rend="italic">tatsächlich</hi> und eben darum so sehr von <hi rend="italic">Gott</hi>, dass er neben diesem Tatsächlichen nichts Zweites, nichts Anderes sehen, wissen, wollen, ernst nehmen und gelten lassen kann, sondern eben diesem Tatsächlichen, nicht resigniert, fatalistisch<term type="begriffe" key="Fatalismus"/> oder religiös<term type="begriffe" key="religiös"/> getröstet sich <hi rend="italic">ergeben</hi>, sondern existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, mit dem unausgesprochenen Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> des Geistes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">8,26</ref>) – «Ich weiß, dass mein Erlöser<term type="begriffe" key="Erlöser"/> lebt!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.19.29">Hiob 19,29</ref>) – sich <hi rend="italic">hingeben</hi> muss. Dann <hi rend="italic">liebt</hi> der Mensch Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, nicht vorher und nicht nachher, sondern in diesem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Liebe zu Gott"/>, der <hi rend="italic">keiner</hi> in der Reihe und der Sinn <hi rend="italic">aller</hi> Augenblicke in der Zeit ist: <anchor type="note" xml:id="fn-aq"/>«<foreign xml:lang="lat">Magna et incomprehensibilis res est, amare Deum, nempe hilari pectore et grato complecti per omnia voluntatem divinam, etiam tum cum damnat et mortificat</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>).<note n="aq" target="fn-aq" type="textcritical" xml:id="naq">Das <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>-Zitat ist ein Zusatz im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) gegenüber dem <ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>). In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar verweist eine Notiz darauf: «<bibl corresp="kbga-bibls-2807">Mel. Loci S. 120</bibl>».</note><note xml:id="n91"> <bibl corresp="kbga-bibls-2808"><hi rend="italic">Die Loci communes Philipp Melanchthons in ihrer Urgestalt nach G. L. Plitt</hi>, hrsg. von Th. Kolde, Leipzig 1900<hi rend="sup">3</hi>, S. 120 </bibl>(= <bibl corresp="kbga-bibls-2807">CR 21, 123</bibl>).</note> Also wohl zu verstehen: Indem Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott stattfindet, wird freilich (bewusst oder unbewusst) die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> zum zeitlichen Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, aber nicht 
        diese Begleiterscheinung, nicht die Weissagung<term type="begriffe" key="Weissagung"/>, nicht das Zungenreden<term type="begriffe" key="Zungenreden"/>, nicht die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.1 1.Kor.13.3">1.Kor. 13,1–3</ref>], unter denen jene etwa <pb ed="pga" xml:id="p438"/> auftreten mag, sind wesentlich – so gewiss im Hiobbuche nicht eben die vortrefflichen Reden der Freunde wesentlich sind –, sondern die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> Gottes, die da gehört wird, die Gegenwart Christi und die Ausgießung<term type="begriffe" key="Ausgießung"/> des Heiligen Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger"/>, die da stattfindet, der «unbegreifliche Weg»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>) Gottes zum Menschen, des Menschen zu Gott, der da eröffnet und betreten ist, die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> und Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, mit der da der Mensch in Berührung kommt, und die existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> seiner Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/>, die ihm da widerfährt, der Sinn aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, der sich ihm da offenbart als <hi rend="italic">ewiger</hi> Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, ewiger"/>; jenseits dessen, was «aufgehoben» wird<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, wenn das Kind zum Mann wird, wenn wir, statt im dunkeln Spiegel, schauen von Angesicht zu Angesicht, wenn wir, statt «stückweise» zu erkennen, erkennen, wie wir erkannt sind (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8 1.Kor.13.12">1.Kor. 13,8–12</ref>). Die Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> – Agape<term type="begriffe" key="Agape"/>: von allem, auch von allem religiösen Eros<term type="begriffe" key="Eros"/> geschieden durch das blitzende Schwert des Todes und der Ewigkeit, das verkündigt, dass hier der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der weder freit noch sich freien lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.30">Mt. 22,30</ref> par.], vor dem Gott steht<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, mit dem, im <pb ed="A" n="304"/> Unterschied zu Baal<term type="begriffe" key="Baal"/> und seinesgleichen, keinerlei Minne zu treiben ist – ist die Liebe, die «nimmer aufhört» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>), mit Glaube und Hoffnung<term type="begriffe" key="Glaube, Liebe(, Hoffnung)"/> das, was bleibt, und zugleich «das Größte unter diesen», weil sie als das existentielle Geschehen im Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> und in der Hoffnung (als die «Energiewerdung» des Glaubens <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>) ganz und gar <hi rend="italic">nur</hi> als Gottes Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/>, als der «unbegreifliche Weg»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> verstanden werden kann (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>]): <anchor type="note" xml:id="fn-ar"/>«<foreign xml:lang="lat">Carni contraria voluptate sponsus sponsam suam afficit Christus, nempe <hi rend="italic">post</hi> amplexus, amplexus vero <hi rend="italic">ipsi</hi> mors et infernus sunt</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note n="ar" target="fn-ar" type="textcritical" xml:id="nar">Das <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Zitat ist ein Zusatz im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) gegenüber dem 1. Abdruck (1922<hi rend="sup">2</hi>). In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar verweist eine Notiz darauf: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. XIV, 243</bibl>».</note><note xml:id="n92"> <bibl corresp="kbga-bibls-496"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Operationes in Psalmos</hi> (1519–1521), EA Exegetica Opera Latina XIV, 243</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1982">WA 5, 165,22f</bibl>.</note></p>
        <p>Denen <hi rend="italic">«lässt er Alles zum Guten zusammenwirken.»</hi> Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott ist eine Demut<term type="begriffe" key="Demut"/>, die so sehr Selbstbewusstsein<term type="begriffe" key="Selbstbewusstsein"/> ist, so sehr weiß, was sie will, dass sie gewisse Fragen<term type="begriffe" key="Frage"/> nicht mehr stellt, gewisse Ansprüche nicht mehr erhebt. Sie ist eine Sehnsucht<term type="begriffe" key="Sehnsucht"/>, so groß, dass sie schon Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/> geschmeckt hat und gerade darum nicht mehr zu beruhigen, <pb ed="pga" xml:id="p439"/> nicht mehr zu löschen ist. Sie ist ein Friede<term type="begriffe" key="Friede"/>, tief genug, um höchste Ruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/> und höchste Unruhe zugleich zu sein. Sie ist so sehr ein Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> auf die Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, dass sie auf keine Zeit, auf keine Ereignisse<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, Erfülltheiten, Erlöstheiten<term type="begriffe" key="Erlöstheit"/> zu warten braucht. Nicht-wissend weiß sie schon von Gott, und wissend weiß sie nicht mehr von der «Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit, unseres Daseins"/>» unseres Daseins. Und also ist sie der unanschauliche, der ewige Ort, wo die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung, aller Dinge"/> aller Dinge schon vollzogen ist. <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> hat <hi rend="italic">in</hi> seinem rücksichtslosen Schreien angesichts der Verborgenheit<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> Gottes «recht geredet vor mir». Darum sieht ihn der Herr an und gibt ihm zwiefältig wieder, was er gehabt hatte (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.7 Hiob.42.10">Hiob 42,7–10</ref>). Er hat, im Unterschied zu seinen allzu religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/> Freunden, den toten Punkt überwunden, den lebendigen Punkt<term type="begriffe" key="Punkt"/> erreicht, wo der Mensch und seine Welt nicht mehr nur in der Nacht, sondern zugleich im Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> des kommenden Tages<term type="begriffe" key="Tag, kommender"/> der Herrlichkeit steht, wo Gott als der große Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> der große Bekannte wird und das Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> des Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> sich offenbart als Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> Gottes. «Denen, die Gott lieben, lässt er Alles zum Guten zusammenwirken.» Das Gute ist das Schauen des Erlösers und der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, das Erreichen des lebendigen Punktes<term type="begriffe" key="Punkt"/> jenseits des toten, das Anheben <hi rend="italic">des</hi> Wartens, das kein Warten<term type="begriffe" key="Warten"/>, 
        <hi rend="italic">des</hi> Nicht-Wissens<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> von Gott, das höchstes Wissen, <hi rend="italic">des</hi> Wissens von Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, Teufel<term type="begriffe" key="Teufel"/> und Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/>, das höchstes Nicht-Wissen ist. Das Gute ist die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> Gottes selbst gegen den Menschen, der arm und nackt<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> nur noch vor Ihm selbst, aber eben darum reich und wohlbekleidet dasteht. Alles muss zusammenwirken um den, der Gott liebt, dieses Guten teilhaftig zu machen und also zu erbauen: die ganz und gar unerbauliche Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> der Welt sowohl wie die ebenso unerbauliche Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/> Gottes, der Jammer unserer Kreatürlichkeit wie die Finsternis des göttlichen <pb ed="A" n="305"/> Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, die unheilbare Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> der «Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>» wie die gegenüberstehende Fragwürdigkeit der «Ewigkeit». Denn er, der Gott Liebende<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, steht als solcher dort, wo die beiden Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/>, eben in ihrer ganzen Schärfe offenbart und gesehen, sich aufeinander beziehen, sich gegenseitig aufheben<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Negationen"/>, wo <hi rend="italic">hinter</hi> ihnen, <hi rend="italic">über</hi> ihnen, <hi rend="italic">in</hi> ihnen die überlegene Position sichtbar wird: Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstehung und Leben"/>, die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> und das Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.11.25">Joh. 11,25</ref>]. Selige Entde­­ckung, dass Gott in einem Lichte<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> wohnt, da niemand zu kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>]! Und selige Entdeckung, dass alles Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.6">Jes. <pb ed="pga" xml:id="p440"/> 40,6</ref>]! Ist im Geist<term type="begriffe" key="Geist, Wahrheit"/>, in der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, die eine Entdeckung gemacht, dann auch die andere, dann wirken wirklich beide zusammen, gelenkt von dem <hi rend="italic">einen</hi> Gott, 
        dessen Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> hüben und drüben das Ja im Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> ist. Denn alles, diese Seite des großen Rätsels<term type="begriffe" key="Rätsel"/> <hi rend="italic">und</hi> jene, ist, indem die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott es wagt, hüben und drüben <hi rend="italic">ganz</hi> zu sehen, nicht mehr diese Seite <hi rend="italic">oder</hi> jene, sondern Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Wahrheit"/> der einen Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, die hüben und drüben, jenseits aller Dualitäten<term type="begriffe" key="Dualität"/> und Spannungen<term type="begriffe" key="Spannung"/> von dem Einen redet, dass Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> der Freie, der Gerechte, der Selige, der Lebendige uns, die Gefangenen<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/>, die Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, die Verdammten, die Toten kennt als die Seinigen. Also, und das ist das nicht-wissende Wissen und wissende Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> der Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, offenbart sich die letzte, die ursprüngliche Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> von Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, und Unanschaulichkeit"/> und Unanschaulichkeit, Erde und Himmel, Mensch und Gott<term type="begriffe" key="Gott, und Mensch"/>, <hi rend="italic">also</hi>, dass Alles auch in der <hi rend="italic">Zweiheit</hi><term type="begriffe" key="Zweiheit"/>, in der wir es jetzt und hier und bis an das Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Tage"/> der Tage allein kennen, verkünden muss seine <hi rend="italic">Nicht-Zweiheit</hi>, unsre Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, die Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/> der Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>. Und also lohnt Gott, denen, die ihn lieben.</p>
        <p>Wer aber sind diese? <hi rend="italic">«Die nach seinem Beschluss dazu berufen sind»</hi>. Also weder Diese noch<note n="as" type="textcritical" xml:id="nas"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «und».</note> Jene, noch etwa Alle. Die Frage: welche sind’s, «die Gott lieben»? kann gar nicht quantitativ gestellt werden. Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott ist nie und nirgends gegeben, vorhanden, greifbar, weder als individuelle noch als allgemeine, weder als erworbene noch als ererbte, noch als angeborene Eigenschaft des Menschen. Es gibt, ernsthaft verstanden, keine «Christen»<term type="begriffe" key="Christ"/>. Es gibt nur die ewige, für alle gleich zugängliche und gleich unzugängliche <hi rend="italic">Gelegenheit</hi>, Christen zu <hi rend="italic">werden.</hi> Immer und überall steht diesem Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> Gott selbst als Gott <hi rend="italic">gegenüber. Gott</hi> ist’s, der den Menschen zuerst geliebt<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>], der den Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Gott und Mensch"/> zu seiner Rechten und den Abgrund zu seiner Linken aufreißt und ihm so jede Möglichkeit nimmt außer der einen, ihn wieder zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, der die Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> in ihrer Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/> also verschärft und also «zusammenwirken» lässt, dass den Menschen ihre Nicht-Zweiheit, ihre verborgene Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> nicht ganz entgehen <pb ed="A" n="306"/> kann, und der ihn also erbaut durch das Unerbauliche hüben und drüben. «Nach seinem Beschluss» sind die, die ihn lieben, berufen zu einem Tun, zu dem kein Mensch sich selber, keiner <pb ed="pga" xml:id="p441"/> den andern berufen kann. Oder wann hätte je Einer, der Gott liebte, es anders gewusst? Sich dessen gerühmt etwa, dass <hi rend="italic">er</hi> den Schlüssel gedreht, die Türe geöffnet, die Negation<term type="begriffe" key="Negation, der Negation"/> der Negation vollzogen, den schmalen Weg zwischen den zwei Abgründen hinter sich gebracht, die unerbaulichen Vorzeichen hüben und drüben geändert und also die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung, aller Dinge"/> aller Dinge vollbracht hätte? Mag «christliche Gewissheit», wie sie zum Glück nur in der Einbildung der Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> besteht<note xml:id="n93"> Vgl. zum Begriff «Gewissheit» <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Rezension von <bibl corresp="kbga-bibls-1788"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Das Gewißheitsproblem in der systematischen Theologie bis zu Schleiermacher</hi></bibl><choice><sic ed="pga">,</sic><corr type="misprint" resp="sm">;</corr></choice> <bibl corresp="kbga-bibls-3662">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p469#p469">S. 469–479</ref></bibl>; siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-451">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p134#fn_n80">S. 134, Anm. 80</ref></bibl>.</note>, die Unverfrorenheit haben, die absoluten Paradoxa<term type="begriffe" key="Paradox"/> göttlichen Weltregiments und menschlichen Gottvertrauens als religiöse Daten zu registrieren, damit zu rechnen oder doch zu klimpern wie mit Spielpfennigen, sie, sei’s ehrlich verlegen wenigstens, sei’s mit großsprecherischer Sicherheit, sei’s mit apologetischer<term type="begriffe" key="Apologetik"/> Verschlagenheit als «Werte» auszuspielen gegen andre Werte<term type="begriffe" key="Wert"/> – Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> weiß, dass sie kein Etwas ist, keine heroische Glanzleistung dieser oder jener Menschen, kein Hafen, in den man am Ende langer müheseliger Reise endlich und zuletzt einfahren könnte, kein «Gut», in dessen Besitz<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> «der Christ»<term type="begriffe" key="Christ"/> irgendwie gegen irgendwen Recht habend dastehen könnte, sondern ganz und gar und immer wieder <hi rend="italic">Gottes</hi> Gabe<term type="begriffe" key="Gott, Gabe/Geschenk"/> und Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/>, ganz und gar <hi rend="italic">Berufung</hi><term type="begriffe" key="Berufung"/> auf Grund eines <hi rend="italic">Beschlusses</hi><term type="begriffe" key="Beschluss"/><hi rend="italic"/>, der <hi rend="italic">vor</hi> aller Zeit und also auch <hi rend="italic">vor</hi> jedem einzelnen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit in Gott gefasst ist. «Wenn <hi rend="italic">du</hi> ihnen gibst, so sammeln sie; wenn <hi rend="italic">du</hi> deine Hand auftust, so werden sie mit Gut gesättigt. Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104.28 Ps.104.29">Ps. 104,28–29</ref>). Denn nur in Gott ist die
        Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/> Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/>. Offenbart sie sich der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu ihm, dann offenbart <hi rend="italic">er</hi> sich, und nie bekommt seine Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> Ausdehnung auf der Zeitebene, so dass ein Gut und Besitz<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> daraus werden könnte. Immer wieder ist solche Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> sein eigenes Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/>, seine alleinige Gabe<term type="begriffe" key="Gott, Gabe/Geschenk"/>. Denn nur in ihm ist «Leben» Tod und «Tod» Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, nur er offenbart die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> im Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>, und nur er offenbart, dass er selber der Erlöser<term type="begriffe" key="Erlöser"/> ist. Nur er schafft das Existentielle der Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> des unerlösten Wissens von der Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/> der Welt in das befreite Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/>, des unerlösten Nicht-Wissens von ihm in das befreite <pb ed="pga" xml:id="p442"/> Wissen. Diese also sind die Gott <hi rend="italic">Liebenden</hi>, die von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> dazu berufen sind. Wie sollten sie <hi rend="italic">Gott</hi> Liebende<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> sein, wenn wir befriedigendere, beruhigendere Antwort geben könnten?</p>
        <p><hi rend="italic">«Denn die er erkannte, die bestimmte er auch dazu, gleichgestaltet zu werden dem Bild</hi> <pb ed="A" n="307"/> <hi rend="italic">seines Sohnes (damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern!). Die er aber dazu bestimmte, die berief er auch.»</hi> Berufene werden die genannt, die Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, <hi rend="italic">Berufene</hi> offenbar im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen berufen und unberufen"/> zu Unberufenen, die Gott zu lieben meinen oder vorgeben und doch nicht lieben. Die Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/>, sie allein, ist das, was den Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/> unterscheidet von den falschen Propheten, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von den sieben Söhnen des <persName ref="kbga-actors-9685">Skeuas</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.19.13 Act.19.16">Act. 19[,13-16]</ref>). Die Gott lieben, werden sich nie dagegen verwahren, dass sie mit allen solchen eitlen Thyrsusträgern<note xml:id="n94"> Der Thyrsusstab ist das Emblem des <persName ref="kbga-actors-2829">Dionysos</persName> und der Mänaden.</note> ganz und gar in der Reihe gehen, bis zur Ununterscheidbarkeit ihnen ähnlich sind. Sie werden sich nicht wundern, wenn sie mit jenen verwechselt werden, und sie werden Gott die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> geben, wenn man sie <hi rend="italic">nicht</hi> mit jenen verwechselt. Sie werden sich auch auf ihre Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> nicht <hi rend="italic">berufen</hi>, bedenkend, dass nur die Berufung selbst, nie und nimmer aber eine Berufung auf die Berufung sie legitimieren kann. Sie werden sich nicht weigern, sich aus aller Ruhe und Sicherheit aufstören zu lassen durch die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Liebe Gottes"/>, dass sie nicht mehr und nicht weniger als Berufene sind. Dass die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott ausgegossen<term type="begriffe" key="Ausgießung"/> ist in ihre Herzen durch den heiligen Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>], das wird für sie nie selbstverständlich, nie schon geschehen, nie erledigt sein. «Ich werde sein, der ich sein werde!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.13 Ex.3.15">Ex. 3,13–15</ref>), der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der Unanschauliche<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, der Ewige<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/> ist ihr Berufer, und gerade als solchen lieben sie ihn. Im Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/>, wo sie Gott anders, in einem direkten Verhältnis, als Besitzende<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/>, Genießende, Gesicherte lieben würden, wäre Gott nicht mehr Gott und ihre Berufung nicht mehr Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/>. Denn <hi rend="italic">die</hi> sind Berufene, die von Gott dazu <hi rend="italic">bestimmt</hi> sind, «gleichgestaltet zu werden dem Bild seines Sohnes». Das «Bild», dem sie «gleichgestaltet» werden, ist der Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Jesu (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.10">Phil. 3,10</ref>). Unter diesem Bilde, unter diesem Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/>, unter dem Transparent dieses das Leben Jesu charakterisierenden und beherrschenden Vorgangs ist ja der Sohn Gottes in die Welt gekommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.6">5,6</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">6,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.3">8,3</ref>). Und dazu sind die bestimmt, die Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>: Zeugen<term type="begriffe" key="Zeuge"/> zu sein des Todesweges<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/> Jesu und <pb ed="pga" xml:id="p443"/> <hi rend="italic">also</hi> Zeugen<term type="begriffe" key="Zeuge, der Auferstehung"/> seiner Auferstehung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.1.22">Act. 1,22</ref>]. Schwerste letzte Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> ist ihr Lebensweg, wie er sich auch gestalten möge: die Bedrängnis derer, die zwischen dem unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> Gott und der nur zu bekannten Welt nicht mehr ein noch aus wissen. In dieser Bedrängnis Gott lieben, die Bedrängnis Jesu in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName><term type="begriffe" key="Gethsemane"/> und <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName><term type="begriffe" key="Golgatha"/> veranschaulichen und verkündigen, den «unbegreiflichen Weg»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>], der mit der Taufe<term type="begriffe" key="Taufe, Bußtaufe"/> am Jordan und mit den Versuchungen<term type="begriffe" key="Versuchung"/> beginnt und mit dem Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> endigt, <hi rend="italic">mit</hi>gehen und <hi rend="italic">also</hi> Botschafter
        sein an Christi Statt, also das Wort der Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> wehrlos, in letzter Sachlichkeit als Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> über sich selbst aufgerichtet sein <pb ed="A" n="308"/> lassen (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19 2.Kor.5.20">2.Kor. 5,19–20</ref>) – <hi rend="italic">das</hi> heißt Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. Aber sofort ist klar: wo diese Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung"/> sich erfüllt an einem Menschen, wo es Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird, dass ein Mensch wie <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> oder <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> den Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Jesu verkündigt, wo es möglich wird, dass ein Mensch seiner Bedrängnisse<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> sich rühmt als seiner Ehre und seines Heils (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.3">5,3</ref>), dass ein Mensch zum leuchtenden Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> wird <hi rend="italic">in</hi> seiner Not<term type="begriffe" key="Not"/>, <hi rend="italic">trotz</hi> seiner Not, <hi rend="italic">wegen</hi> seiner Not (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.1.3 2.Kor.1.11">2.Kor. 1,3–11</ref>) – das ist <hi rend="italic">Gottes</hi> Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> an ihm und durch ihn. Keine Askese<term type="begriffe" key="Askese"/>, kein Martyrium<term type="begriffe" key="Martyrium"/>, keine Todesweisheit<term type="begriffe" key="Todesweisheit"/>, kein «Freitod»<term type="begriffe" key="Selbstmord"/>, keinerlei selbsterwählte endliche Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> schafft die göttliche, die unendliche Negation, die im Kreuze<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Christi leuchtet. Kein Todes<hi rend="italic">erlebnis</hi><term type="begriffe" key="Erlebnis"/> kann Ersatz sein für den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, der <hi rend="italic">zu</hi><note n="at" type="textcritical" xml:id="nat"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «zu».</note> dem Berufenen und <hi rend="italic">durch</hi> den Berufenen redet vom lebendigen Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/>, 
        keine «Nachfolge<term type="begriffe" key="Nachfolge"/> Christi» etwa macht, als menschliches Unternehmen unternommen, den Menschen zu einem der vielen Brüder des erstgeborenen Gottessohnes. Sondern göttliche, unanschauliche, ewige Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, ewige"/>, «Getriebensein vom Geist<term type="begriffe" key="Geist, getrieben vom G."/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.14">8,14</ref>) schafft solche Gottessohnschaft<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> des Menschen, solche Bedeutsamkeit seines anschaulichen Daseins, solche Orientierung seines Denkens, Redens und Tuns. Gott gehört das Feuer<term type="begriffe" key="Feuer"/>, das solches Licht anzündet, und Gott also auch sein Leuchten. Denn wenn Bedrängnis nicht nur Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/>, Tod nicht nur Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, Nein nicht nur Nein, Nicht-Wissen nicht nur Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> ist, 
        wie es im «Bilde seines Sohnes» eben nicht nur das, sondern vielmehr die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> von dem allen ist, dann ist <hi rend="italic">Gott</hi>, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlöser zur Stelle mit <hi rend="italic">seinem</hi> Wort als das sehende Auge<term type="begriffe" key="Gott, Auge"/> und als die gesehene Sonne<term type="begriffe" key="Gott, Sonne"/>, dann hat <hi rend="italic">er</hi> entschieden und nicht der Mensch. In solcher Bestim<pb ed="pga" xml:id="p444" break="no"/>mung<term type="begriffe" key="Bestimmung, Gottes"/> also, die jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> unsrer Zeit <hi rend="italic">voraus</hi>geht, und darum in solch indirekter, gebrochener Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung"/> zu Gott liegt die Legitimität und Autorität der Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> derer, die Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. Bestimmt von Gott aber sind sie darum, weil sie von Gott <hi rend="italic">erkannt</hi> sind. «Sofern jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.3">1.Kor. 8,3</ref>). Wir stehen vor dem Geheimnis der Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> des Menschen zur Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/>. <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> und die Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/> haben es mythologisierend<term type="begriffe" key="Mythologie"/> im Schema von Ursache<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/> und Wirkung dargestellt und damit seiner eigentlichen Tragweite beraubt. Denn dass Gott den Menschen erkennt und dass in solcher Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> des Menschen zu Gott, seine Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen zu Gott"/> zu Gottes Sohn<term type="begriffe" key="Söhne Gottes"/> und in dieser Bestimmung seine Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> zum Zeugen<term type="begriffe" key="Zeuge, der Auferstehung"/> der Auferstehung Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> ist, das bedeutet nicht, 
        dass solche Liebe als ein Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen in der Zeit durch eine am Anfang (d. h. aber in!) der Zeitreihe befindliche göttliche Ursache<term type="begriffe" key="Ursache"/> gewirkt sei, sondern dass solche Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott in keinem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit<pb ed="A" n="309" break="no"/>reihe als ein Sein, Haben und Tun des Menschen auftreten und angesprochen werden kann, sondern über aller Zeit und also in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> in Gott selbst ihren Ursprung hat, in Gott selbst gesucht und gefunden werden muss. Ein Gott Liebender kann sich nie fragen: Bin ich’s?, den kann man nicht fragen: Bist du’s? Sinnreich ist die Frage: Bin ich’s? immer nur in der Meinung, in der sie die Jünger beim Abendmahl<term type="begriffe" key="Abendmahl"/> aussprachen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.22">Mt. 26,22</ref> par.]. Es kennt der <hi rend="italic">Herr</hi> die Seinen<term type="begriffe" key="«Es kennt der Herr die Seinen»"/>.<note xml:id="n95"> Vgl. den Anfang des Chorals von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-292"><persName ref="kbga-actors-1254">Ph. Spitta</persName> nach 2.Tim. 2,19, EG 358</bibl>.</note> <hi rend="italic">Er</hi> kennt sie, die Gefangenen<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> als frei, die Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> als gerecht, die Verdammten als selig, die Toten als lebendig, wie auch <hi rend="italic">er</hi> der Richter ist, wie der Mensch auch nur an <hi rend="italic">ihm</hi> gesündigt hat und sündigen kann. Die <hi rend="italic">Wahrheit</hi><term type="begriffe" key="Wahrheit, der Liebe zu Gott"/> der Liebe des Menschen zu Gott ist in Gott und nicht im Menschen: in Gott ist sie begründet, in Gott ist sie verwirklicht, Gott sieht sie und Gott belohnt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> sie, Gott weiß sie und in Gott, nur in Gott <hi rend="italic">ist</hi> sie existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>. 
        Und diese Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes findet ewig, unanschaulich, vor, über und nach aller Zeit statt und ist also nie eins mit einer Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Menschen"/> des Menschen in der Zeit, sondern aller menschlichen Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, und Krisis"/> Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, Voraus-Setzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Erkenntnis Gottes"/> und Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der menschlichen Erkenntnis"/>: «Sofern jemand meint etwas erkannt zu <hi rend="italic">haben</hi>, der hat <hi rend="italic">noch nicht</hi> erkannt nach Gebühr» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.3">1.Kor. 8,3</ref>). Denn was Einer erkannt <hi rend="italic">hat</hi>, was ihm also <pb ed="pga" xml:id="p445"/> «sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, <hi rend="italic">das</hi> ist ewig» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.18">2.Kor. 4,18</ref>). <hi rend="italic">Das</hi> ist Geist<term type="begriffe" key="Geist, Wahrheit"/>, <hi rend="italic">das</hi> ist Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>! Und das also ist die Ruhe, die Sicherheit derer, die Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, dass in der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>, im Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, in der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> die Entscheidung liegt über ihre Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung"/> und Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/>. Ihre Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> vor <hi rend="italic">Gott</hi> ist ihre Ruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/>, ihre Unsicherheit vor <hi rend="italic">Gott</hi> ihre Sicherheit, Furcht und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] vor <hi rend="italic">Gott</hi> der Hebel ihres eigenen Seins,
        Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>. <hi rend="italic">Gerichtet</hi> sind sie gerecht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/>, <hi rend="italic">blind</hi> sind sie sehend, <hi rend="italic">getötet</hi> sind sie lebendig<term type="begriffe" key="Gott, tötet und macht lebendig"/> und also, nie und nimmer aber in einem direkten Verhältnis von Ursache<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/> und Wirkung, immer und immer wieder auf <hi rend="italic">Gott</hi> angewiesen, sind sie in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> der Zeit, was sie sind.</p>
        <p>Und nun meinen wir zu wissen, was wir sagen, wenn wir sagen: <hi rend="italic">«Die er berief, die erklärte er auch gerecht; die er aber gerecht erklärte, die machte er auch der Herrlichkeit teilhaftig.»</hi> Ist die Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> des Menschen zur Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott gesichert, gesichert im Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, in der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, in Gott selbst, dann auch seine unanschauliche, reine, von Gott ihm aus Barmherzigkeit zugesprochene Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> und Eignung zum Bürger<term type="begriffe" key="Bürger, der kommenden Welt"/> des Himmelreichs, die Tatsache, dass Gott ihn, den Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> zu sich rechnet. Denn an dem von ihm berufenen, bestimmten, erkannten Menschen, in der Verborgenheit<term type="begriffe" key="Verborgenheit"/> seines Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref>), findet Gott, was ihm wohlgefällt<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/>, weil es das Neue <pb ed="A" n="310"/> ist, das er selbst schafft zu des Menschen Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>. Der zur Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott Berufene <hi rend="italic">ist</hi> unanschaulich der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der Gott recht ist. Der zureichende Grund, weshalb ihm Gott «Alles zum Guten zusammenwirken lässt», weshalb ihm die <hi rend="italic">eine</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> als ewige Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, ewige"/>, aber existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> als <hi rend="italic">seine</hi> Hoffnung begegnen kann, ist gegeben. Ewige Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft, ewige"/> wird <hi rend="italic">als solche</hi> auch schon menschliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Agape<term type="begriffe" key="Agape"/> «trägt Alles, glaubt Alles, hofft Alles, beharrt in Allem» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.7">1.Kor. 13,7</ref>). Agape ist existentieller Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> für Gott, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, weil sie Gottes eigener Sinn ist, weil sie Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> ist, der auch die Tiefen Gottes erforscht (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.10">1.Kor. 2,10</ref>). Aber Agape<term type="begriffe" key="Agape"/> ist und bleibt «der unbegreifliche Weg»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>], der nur durch Gott, nicht durch das Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, nicht durch den Beweis<term type="begriffe" key="Beweis, Gottes"/>, nicht durch die intensive Behauptung Gottes, sondern durch <hi rend="italic">Gott</hi> begreiflich wird.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31 Röm.8.32">V. 31‒32</ref> Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist wider uns? Der seinen eigenen Sohn nicht schonte, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns nicht auch mit ihm in Allem Gnade geben?</hi></p> 
        <p><pb ed="pga" xml:id="p446" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Was sollen wir nun dazu sagen?»</hi> – zur Erklärung, Deutung, Ergänzung etwa dessen, was Gott selbst denen sagt, die ihn lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, was nur Gott selbst sagen kann dort, wo er gesucht sein will und sich finden lässt? Ist nicht alles von uns <hi rend="italic">dazu</hi> Gesagte als solches ein <hi rend="italic">Darüber-</hi>, ein <hi rend="italic">Daranvorbei-</hi>, ein <hi rend="italic">Dagegen</hi>gesagtes? Gleich verdunkelnd wie das menschliche Reden über das, was die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> weiß, wirkt nur das menschliche – Schweigen<term type="begriffe" key="Schweigen"/> davon. Im Unrecht sind wir also, ob wir etwas «dazu sagen» oder ob wir’s verschweigen. Wir können aber auch in Beidem im Recht sein, wenn Gott uns Recht gibt.</p>
        <p><hi rend="italic">«Ist Gott für uns, wer ist wider uns?»</hi> «<foreign xml:lang="lat">Si Deus pro nobis, quis contra nos?</foreign> Wenn wir das Pronomen nos und nobis wohl könnten deklinieren und verstehen, so würden wir das Nomen Deus auch wohl konjugieren und aus dem Nomen ein Verbum machen, daß es hieße: <foreign xml:lang="lat">Deus, dixit et dictum est</foreign>; da würde die Präposition contra zu allen Schanden werden und endlich ein infra nos daraus werden, wie doch geschehen wird und muß. Amen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n96"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 140, Anm. *1</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar angestrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3652"><hi rend="italic">Bibel- und Bucheinzeichnungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi>, Nr. 273 (1542), WA 48, 203,1-7</bibl>: «<hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">Si deus pro nobis, Quis contra nos</foreign>?</hi> Wenn wir das Pronomen, Nos, vnd Nobis wol kundtenn decliniren vnd verstehen, So wurden wir das Nomen deus, auch wol coniugirn, vnd aus dem, Nomen, ein verbum machen, das hies, deus dixit, Et dictus est da wuerde die Prepositio, Contra, zu allen schanden werden, vnd endlich Ein infra nos draus werden, wie es doch geschehen wird vnd mus. Amen.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat den Satz «<foreign xml:lang="lat">deus dixit, et dictus est</foreign>» wohl für irrig gehalten und im Sinne von <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.33.9">Ps. 33,9</ref> geändert in «<foreign xml:lang="lat">Deus, dixit et dictum est</foreign>». Die Herausgeber der WA weisen jedoch darauf hin, dass <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Satz von der Trinitätslehre her zu verstehen ist; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3663"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <hi rend="italic">Auslegung des ersten und zweiten Kapitels Johannis in Predigten 1537 und 1538</hi>, WA 46, 549,35-37</bibl>: «Die zwo Person sind also unterschieden: der Vater ist, der da spricht, und die ander Person der Son, so gesprochen wird.»</note> «Gott für uns<term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/>», das ist’s, was denen gesagt ist, die Gott lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. «Gott für uns», das bedeutet aber das Unerhörte, dass das Reich der Gegensätze hinter uns liegt, dass die Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/>, in der wir jetzt und hier und zu aller Zeit alles sehen: von Gott aus die Welt, von der Welt aus Gott im Finstern, überwunden ist. Diese Zweiheit ist ja die Zweiheit des seine Andersheit und Eigenheit Gott gegenüber wissenden und wollenden, des von Gott gelösten, in die Rela<pb ed="A" n="311" break="no"/>tivität<term type="begriffe" key="Relativität"/> gestürzten und endlich und zuletzt auch noch religiösen <hi rend="italic">Menschen</hi><term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>. <hi rend="italic">Er</hi> hat «die Wahrheit gefangen<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/> ge<pb ed="pga" xml:id="p447" break="no"/>nommen in Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>). <hi rend="italic">Er</hi> hat gegen sich Gott und Welt, Tod und Sünde<term type="begriffe" key="Tod, und Sünde"/>. Er<note n="au" type="textcritical" xml:id="nau">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">Er</hi>».</note> kann nur noch in Kontrasten<term type="begriffe" key="Kontrast"/>, in Antinomien<term type="begriffe" key="Antinomie"/>, in Spannungen<term type="begriffe" key="Spannung"/> denken. <hi rend="italic">Er</hi> ist der Unerlöste, der von keinem Eins weiß. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch aber, mit dem Gott ist und der also, kraft göttlicher Initiative, an Gottes Seite steht, weiß von <hi rend="italic">keiner</hi> Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/>, denkt <hi rend="italic">nicht</hi> in Antinomien<term type="begriffe" key="Antinomie"/>, hat <hi rend="italic">niemand</hi> und <hi rend="italic">nichts</hi> gegen sich. Hier <hi rend="italic">hat</hi> dieses Verwesliche angezogen die Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/> und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/>. Hier <hi rend="italic">ist</hi> erfüllt das Wort: Der Tod ist verschlungen in den Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/>! (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.54">1.Kor. 15,54</ref>). Mit diesem «Ist Gott für uns!»<term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/> ist gesagt, was über Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/>, Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, Vollkommenheit<term type="begriffe" key="Vollkommenheit"/>, Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/>, über die unanschauliche Mitte gesagt werden <hi rend="italic">kann</hi>, gesagt werden <hi rend="italic">muss:</hi> Der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, und Ende"/> und das Ende ist «Gott Alles in Allem» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>). Es soll nicht sein, dass wir <hi rend="italic">dafür</hi> Worte und Begriffe haben, weil es sonst nicht <hi rend="italic">das</hi> wäre! Wir begnügen uns mit der Feststellung, dass alle
        Wegweiser eben <hi rend="italic">dorthin</hi> zeigen, und brechen ab.</p>
        <p>Aber wir brechen ab im Bewusstsein, nicht geträumt, sondern letzte Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> unvergesslich geschaut zu haben: <hi rend="italic">«Der seinen eigenen Sohn nicht schonte, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns nicht auch mit ihm in Allem Gnade geben?»</hi> Blicken wir dorthin, wo das Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des leidenden Menschen"/> dieses Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> seinen Tiefpunkt erreicht, wo seine «Leerheit»<term type="begriffe" key="Leerheit"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.20">8,20</ref>] am unverkennbarsten ist, woher das jammervollste «Seufzen»<term type="begriffe" key="Seufzen"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.22 Röm.8.23">8,22–23</ref>] uns entgegentönt, wo das Inkognito<term type="begriffe" key="Inkognito"/> des Göttlichen am undurchdringlichsten ist, so begegnet uns dort, gerade dort Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>. An der bezeichnenden Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> steht er, «dahingegeben», «nicht geschont». 
        Von der Flut bedeckt unzweideutig <hi rend="italic">auch er!</hi> «Für uns alle» ist er dahingegeben, an unser aller Stelle steht er dort. Denn mit ihm sind wir alle – wenn <hi rend="italic">er</hi>, um wie viel mehr <hi rend="italic">wir!</hi> – von der Flut bedeckt, in die Tiefe gerissen, vor das Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> gestellt, das von Gott über diesen Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> gesprochen ist, der Möglichkeit auszuweichen beraubt, dorthin geführt, wo uns im Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem alles steht, im unheilbaren Konflikt von Gerechtigkeit und Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gerechtigkeit"/>, Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, Ewigkeit und Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> nur Gott in seiner Existentialität<term type="begriffe" key="Gott, Existentialität"/> übrig bleibt. Aber indem dieses rätselvolle Geschehen sich <hi rend="italic">vollzieht, vollzieht</hi> sich auch die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung, aller Dinge"/> aller Dinge. Wo <hi rend="italic">nur</hi> Gott in seiner Existentialität<term type="begriffe" key="Gott, Existentialität"/> uns <pb ed="pga" xml:id="p448"/> übrig bleibt, da <hi rend="italic">wird</hi> er uns wahrhafter lebendiger Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/>, da <hi rend="italic">erscheint</hi> uns die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, der Herrlichkeit Gottes"/> seiner Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/>, da <hi rend="italic">steht</hi> Gott – Gott, den wir nie anders kennen, als gegenüber uns, gegen uns – für uns<term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/>. Christus <hi rend="italic">dahin</hi><pb ed="A" n="312"/><hi rend="italic">gegeben</hi>, Christus, der uns alles nimmt außer Gott in seiner Existentialität<term type="begriffe" key="Gott, Existentialität"/>, das ist – wir <hi rend="italic">müssen</hi> es wagen, diese uneinnehmbare Position zu stürmen, denn sie ist schon gefallen! – <hi rend="italic">«Gott für uns»</hi><term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">8,31</ref>), wir an Gottes Seite! Der dahingegebene Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, dahingegeben"/> ist der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, der nicht ruhende Arm Gottes. Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> wir mit ihm, wie sollten wir nicht auch mit ihm verherrlicht werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.17">8,17</ref>)? Sterben wir mit ihm, wie sollten wir nicht auch mit ihm leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8">6,8</ref>)? Hat uns Gott <hi rend="italic">mit ihm</hi> dahingegeben unter das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, das über allem ist, wie sollte er uns nicht auch <hi rend="italic">mit ihm</hi> in allem Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> geben, alles uns zum Guten zusammenwirken lassen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">8,28</ref>)? «In Allem Gnade!» Wir können <hi rend="italic">nicht</hi> reden, aber auch <hi rend="italic">nicht nicht</hi> reden von der 
        Morgenröte<term type="begriffe" key="Morgenröte"/><note xml:id="n97"> Ein Anklang an <bibl corresp="kbga-bibls-1598"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Die fröhliche Wissenschaft</hi>, Aphorismus 343, NW, 5. Bd., Leipzig o.J., S. 271f., bes. S. 272</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3408">NWKG, 5. Abt., 2. Bd, Berlin/New York 1973, S. 255f., bes. S. 256, Z.16–18</bibl>): «In der That, wir Philosophen und ‹freien Geister› fühlen uns bei der Nachricht, dass der ‹alte Gott todt› ist, wie von einer neuen Morgenröthe angestrahlt». – <bibl corresp="kbga-bibls-3664">W. M. Ruschke, <hi rend="italic">Entstehung und Ausführung der Diastasentheologie in Karl Barths zweitem «Römerbrief»</hi> (Neukirchener Beiträge zur Systematischen Theologie, Bd. 5), Neukirchen-Vluyn 1987, S. 59f.</bibl>: «Empfand <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName> die Nachricht vom Tode Gottes als Morgenröte, so ist für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gerade umgekehrt der von der Wirklichkeit und Lebendigkeit dieses Gottes zeugende Offenbarungseindruck ein Hinweis auf den anbrechenden Tag.»</note>, die wir gesehen haben.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.33 Röm.8.39">V. 33‒39</ref> Wer mag Anklage erheben gegen die Auserwählten Gottes?</hi>
        Etwa <hi rend="bold">Gott – der uns gerecht erklärt? Wer mag verurteilen?</hi>
        Etwa <hi rend="bold">der Christus Jesus – der Gestorbene, vielmehr der Auferstandene, der zur Rechten Gottes ist, der sogar für uns eintritt? Wer mag uns scheiden von der Liebe des Christus?</hi>
        Etwa <hi rend="bold">Bedrängnis? Verlegenheit? Verfolgung? Hunger? Entblößung? Gefahr? Schwert?</hi>
        (Es geht uns ja <hi rend="bold">wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir in den Tod gegeben den ganzen Tag, wie Schlachtschafe sind wir geachtet</hi>
        (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.44.23">Ps. 44,23</ref>) <hi rend="bold">‒ aber in dem allem sind wir ja siegreich durch den, der uns geliebt hat! Denn ich weiß, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Mächte der Höhe noch solche der Tiefe noch <pb ed="pga" xml:id="p449"/> irgend ein anderes Geschaffenes uns scheiden kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn.</hi></p>
        <p>Kann die hier gestürmte Position «Gott für uns»<term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/> behauptet werden? Nein, sie muss alsbald wieder preisgegeben werden; denn wir wissen, dass sie Gottes eigene Position ist, in der <hi rend="italic">wir</hi> in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts zu suchen haben. Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> <hi rend="italic">ist</hi> ja erhoben, zu jeder Zeit, in jeder Beziehung, gegen jeden Menschen. Der Mensch Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> gegenüber, wie sollte er je und irgendwie etwas Anderes sein als der Angeklagte? Verurteilt <hi rend="italic">sind</hi> wir, indem wir an Jesus Christus gemessen, mit ihm «dahingegeben» sind. Öffnet sich diese Türe, treten wir in dieses Licht<term type="begriffe" key="Licht"/>, wer sollte dann gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> sein? Und geschieden <hi rend="italic">sind</hi> wir, von der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, des Christus"/> des Christus; als etwas inkommensurabel Minderwertiges erscheint das Fünklein<term type="begriffe" key="Fünklein"/> <hi rend="italic">unsrer</hi> Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> gegenüber dem, was als Liebe zu Gott in <hi rend="italic">seinem</hi> Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> erscheint, wenn dem Göttlichen, dem Herrlichen, dem ewig Zukünftigen, was<note n="av" type="textcritical" xml:id="nav"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «das».</note> <hi rend="italic">wir</hi> an <hi rend="italic">ihm</hi> schauen, glauben, erfahren, die Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> des Lebens, das wir zu leben haben, in ihrer brutalen Tatsächlichkeit gegenübertritt. «In dem Allem sind <pb ed="A" n="313"/> wir siegreich!» Wir? Etwa «wir»? Etwa wir, die so und so Gläubigen, Bekehrten, Tätigen, Überzeugten, Begeisterten, Orientierten? Seien wir doch ehrlich, nüchtern und sachlich! Sagen wir’s doch nicht zu schnell, nicht zu laut, nicht zu sicher, auch dann nicht, wenn wir’s nicht bloß <hi rend="italic">nach</hi>sagen, sondern auf Grund <hi rend="italic">eigenen</hi> Schauens etwa sagen können. Der Unterschied ist so groß nicht zwischen dem auf Grund fremden und dem auf Grund eigenen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/> Gesagten. Es könnte sogar – horribile dictu – <anchor type="note" xml:id="fn-aw"/>das Erste wahrer gesagt sein als das Zweite!<note n="aw" target="fn-aw" type="textcritical" xml:id="naw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «das erstere wahrer gesagt sein als das letztere!». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Aber unendlich ist der Unterschied zwischen dem ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/>, in dem die Position «Gott für uns»<term type="begriffe" key="«Gott für uns»"/> gestürmt ist, und allem Vorher und Nachher, in dem wir immer noch oder schon lange wieder draußen stehen und uns eines Sieges rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>, der für uns, soweit das Auge reicht, Niederlage bedeutet.</p>
        <p>Aber ebenso wenig kann der Sturm auf diese Position etwa aufgegeben werden. Die Gottesliebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> derer, die von Gott selbst dazu berufen, bestimmt und erkannt sind (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.29 Röm.8.30">8,29–30</ref>), <hi rend="italic">ist</hi> ja dem gegen diesen Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> ergrimmten Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> in den Arm gefallen. Der <pb ed="pga" xml:id="p450"/> neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, Christus <hi rend="italic">hat</hi> ja seinen Fuß dorthin gesetzt, wo ich nicht stehen kann. Ihm <hi rend="italic">ist</hi> ja gesagt, was ich nicht sagen kann. Er <hi rend="italic">ist</hi> ja der Gestorbene nicht nur, sondern – die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung, aller Dinge"/> aller Dinge vollzieht sich – der Auferstandene<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/> und steht als solcher für mich ein, steht an meiner Stelle zur Rechten Gottes. Er <hi rend="italic">vernimmt</hi> ja, dass ich der Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> gerecht bin, dass meine Gefangenschaft<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> meine Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, höchste Todesnot der Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/> des Lebens ist. Ich weiß, dass von der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> Gottes in Jesus Christus (von der ich nichts weiß) niemand und nichts mich scheiden kann. Als ungeheure, sagen wir als unendliche <hi rend="italic">Endlichkeiten</hi><term type="begriffe" key="Endlichkeit"/>, <hi rend="italic">Gegebenheiten</hi><term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, <hi rend="italic">Geschaffenheiten</hi><term type="begriffe" key="Geschaffenheit"/> stehen sich dort auch die letzten, die unvermeidlichen<note n="ax" type="textcritical" xml:id="nax"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «unvermeidlichsten».</note> Kontraste<term type="begriffe" key="Kontrast"/> von Wissen und Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen, Wissen und Nicht-Wissen"/>, Tod und Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, göttlicher und menschlicher Wesenheit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf der einen, Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> aeternum auf der andern Seite, Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, und Unanschaulichkeit"/> hier und Unanschaulichkeit dort, Relativität<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/> und Absolutheit, Erde und Himmel gegenüber: als negierte Negationen<term type="begriffe" key="Negation, der Negation"/>, als aufgehobene<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Setzungen"/> Setzungen<note n="ay" type="textcritical" xml:id="nay"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Satzungen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, friedlich, versöhnt, erlöst, aufgelöst in ihrer Gegensätzlichkeit<term type="begriffe" key="Gegensätzlichkeit"/>, eins in Gott<term type="begriffe" key="Einheit, des Menschen mit Gott"/>. Denn die Liebe Gottes<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> in Jesus Christus ist die Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> der Liebe Gottes zum Menschen mit der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> des Menschen zu Gott. In ihr triumphiert unsre Liebe. In ihr ist der Punkt<term type="begriffe" key="Punkt"/> erreicht, wo die unvollziehbare Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> vollzogen ist. Aber sofort kehren wir um in der Einsicht, dass <hi rend="italic">wir</hi> diese Identität in keinem Sinn vollziehen oder als vollziehbar auch nur denken können. Es genüge uns, zu wissen, dass wir von dorther kommen, dorthin gehen. </p> </div>

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