<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-47015">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">7. Kapitel: Die Freiheit</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 7. Kapitel: Die Freiheit, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 316–371.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47015</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">7. Kapitel: Die Freiheit</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 316–371</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">15</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1922">1922</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>chapter</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
       <body>
      <div type="paper">

    <pb ed="pga" xml:id="p316"/>
    <head>7. Kapitel<lb/>
    
    DIE FREIHEIT</head>
    <head><hi rend="smallCaps">Die Grenze der Religion</hi></head>
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1 Röm.7.6">7,1–6</ref></head>
    
    <p> Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gehorsam"/> ist Gehorsam. Was das bedeutet, sagt der Begriff der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Begriff"/>. Es bedeutet ein Sein, Haben und Tun des Menschen<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, das sich zu seinem bisherigen, das sich zu jedem möglichen Sein, Haben und Tun verhält<term type="begriffe" key="Verhältnis"/> wie das Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> zum Tode. Unser Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> tritt in das Licht eines schneidenden und schon entschiedenen Entweder – Oder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/>! Es tritt in den Bereich seiner letzten, nein seiner unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>. Gnade ist die Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> zum Menschen, Gottes, der schon gesiegt hat, indem er als Kämpfer auftritt, Gottes, der uns keinen Mittelweg offen und der seiner nicht spotten lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], Gottes, der ein verzehrendes Feuer<term type="begriffe" key="verzehrendes Feuer"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.29">Hebr. 12,29</ref>] und der uns keine Antwort schuldig ist, Gottes, der Ja und Amen sagt, wo wir nur noch unser «Als ob»,<term type="begriffe" key="«Als ob»"/> unser Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> stammeln können. Diese Beziehung bedeutet, dass ein gerechtfertigter und erlöster, ein guter und lebendiger Mensch, der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> der neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> in Jesus Christus Einlass fordernd an der Pforte meines Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> erschienen ist – wobei alle jene Attribute das besagen, was ich nie war, nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/> und nie sein werde! –, und das mit dem begründeten Anspruch, keine historische Größe, kein metaphysisches<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Gespenst, kein Anderer, Zweiter neben mir zu sein, sondern – ich selbst, mein unanschauliches existentielles<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, ich, der ich in Gott bin, und darum keinen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> auf mich «warten» zu können. Dem ganzen unausweichlichen Ernst, der ganzen Dringlichkeit<term type="begriffe" key="Dringlichkeit"/>, der ganzen Vehemenz und Rasanz dieser Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, dieser Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, dieses Anspruchs<term type="begriffe" key="Anspruch"/> ausgesetzt sein, das heißt begnadigt sein<term type="begriffe" key="Begnadigtsein"/>, das heißt die Christusbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> gehört haben, das heißt allenfalls ein «Christ»<term type="begriffe" key="Christ"/> sein. Dass diese Begnadung<term type="begriffe" key="Begnadung"/> sich vollzieht in der unanschaulichen unerhörten <hi rend="italic">Freiheit Gottes</hi>, dass sie immer wieder nur als Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, als Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/>, als Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> anzu<pb ed="pga" xml:id="p317" break="no"/>schauen und zu begreifen, zu finden und zu suchen ist, das haben wir «historisch» am Beispiel <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> erläutert (4. Kap.). Wir haben es nun grundsätzlich festzustellen in der im bisherigen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.13">2,1–13</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.29">14–29</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.20">3,1–20</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.30">27–30</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">31</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9 Röm.4.12">4,9–12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13 Röm.4.17">13–17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">5,13</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14">6,14</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.15">15</ref>) ausgiebig <pb ed="A" n="212"/> vorbereiteten Auseinandersetzung mit der tatsächlich <hi rend="italic">letzten</hi>, <term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> der <hi rend="italic">religiösen</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>
    <hi rend="italic">Menschenmöglichkeit</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>. Dass sie eine <hi rend="italic">Menschen</hi>möglichkeit und als solche eine <hi rend="italic">begrenzte</hi> Möglichkeit ist, der die Freiheit Gottes,<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> den Menschen zu begnadigen, in sich bewährt und gesichert, <hi rend="italic">gegenüber</hi>steht, das ist nun zunächst zu zeigen.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">V. 1</ref> Oder merkt ihr nicht, Brüder – ich rede ja zu solchen, die das Gesetz kennen –, dass das Gesetz Herr ist über den Menschen, solange er lebt?</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Brüder – ich rede zu solchen, die das Gesetz kennen.»</hi> Die römischen Christen<term type="begriffe" key="römische Christen"/> kennen die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kennt sie auch. Wer sollte sie nicht kennen? Auf irgend einer Stufe, in irgend einem Grad macht jedermann Gebrauch von ihr. Ein bald dichterer, bald dünnerer Rauchschleier von Religion<term type="begriffe" key="Religion, Rauchschleier über Geschichte"/> liegt über allem menschlichen Geschehen. So gewiss der unbekannte Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> der Gott der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> <hi rend="italic">und</hi> der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> ist. So gewiss die unvermeidliche Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an verlorene Unmittelbarkeit"/> des Menschen an seine verlorene Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> zu Gott immer auch seelisch-geschichtliches<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird. So gewiss die unanschauliche, nicht-gegebene Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> des Menschen mit Gott immer und überall in den Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> der Ehrfurcht<term type="begriffe" key="Ehrfurcht"/>, der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, der Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung"/> des Menschen gegenüber dem, was über ihm ist, ihre – Negative<term type="begriffe" key="Negativ"/> hinterlässt. So gewiss auch <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> nicht ohne Gnaden<hi rend="italic">erlebnis</hi><term type="begriffe" key="Erlebnis, Gnadenerlebnis"/><hi rend="italic"/>, nicht ohne um dieses Erlebnis sich kristallisierende Religion<term type="begriffe" key="Religion, Erlebnis der Gnade"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral, Erlebnis der Gnade"/>, Kirchlichkeit<term type="begriffe" key="Kirchlichkeit, Erlebnis der Gnade"/> und Dogmatik<term type="begriffe" key="Dogmatik, Erlebnis der Gnade"/> ist. Wir «hören», wir «glauben», wir gehorchen, wir bekennen, wir beten<term type="begriffe" key="Gebet"/>, wir reden und schreiben, hier mehr positiv, dort mehr negativ (und beides nicht ohne Leidenschaft!), wir heißen und sind dies und das, wir haben einen mehr oder weniger bestimmten Standplatz auf dem Jahrmarkt<term type="begriffe" key="Jahrmarkt"/> der Religionen<term type="begriffe" key="Religion, Jahrmarkt der"/>, Weltanschauungen<term type="begriffe" key="Weltanschauung, Jahrmarkt der"/> und Sittlichkeiten<term type="begriffe" key="Sittlichkeit, Jahrmarkt der"/>.. Wir können wohl durch immer erneuten Stellungswechsel denen, die sehen können, andeuten, dass es sich nicht um dies und das handelt, dass <hi rend="italic">dieser</hi> Standpunkt <hi rend="italic">kein</hi> Standpunkt ist, wir können aber nicht verhindern, dass unser Fuß in jedem einzelnen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> die Erde berührt, wir können als die, die wir sind, als Menschen, die in der Welt leben, der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> nicht entronnen sein <pb ed="pga" xml:id="p318"/> wollen. Als solche uns (vermeintlich!) «in die Luft»<term type="begriffe" key="«in die Luft stellen»"/> zu stellen, wäre ein wenig umsichtiges und aussichtsreiches Unternehmen. Denn wir können wohl von einem Zimmer ins andere, aber nicht aus dem Haus ins Freie stürmen. Wir können aber einsehen, dass auch diese letzte unentrinnbare Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>, auch in ihren kühnsten, schärfsten, stärksten, «unmöglichsten» Varianten eine <hi rend="italic">menschliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dass sie als solche eine <hi rend="italic">begrenzte</hi> Möglichkeit und dass sie, <pb ed="A" n="213"/> eben als begrenzte Möglichkeit, nicht nur von besonderer Gefährlichkeit, sondern auch von besonderer Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> umgeben ist, indem sie als solche hinweist auf ein Begrenzendes neuer höherer Ordnung. Wir können uns klar machen, dass die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, in der wir begnadigt sind, genau jenseits der in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, kulminierende Humanität"/> kulminierenden Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> stattfindet, nicht als weitere Möglichkeit also, sondern als <hi rend="italic">die</hi>
    Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>, die nur in Gott Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> ist, aber eben darum dann auch unberührt und unbeeinträchtigt von der Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> gerade jener letzten menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>. «Der Sold der Sünde ist der Tod<term type="begriffe" key="Tod, Sold der Sünde"/>, die Begnadigung<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Begnadung».</note><term type="begriffe" key="Begnadigung"/> Gottes aber ist <hi rend="italic">ewiges Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> in<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «im».</note> Christus Jesus unserm Herrn» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.23">6,23</ref>).</p>
    <p>Seht ihr das ein? <hi rend="italic">«Oder merkt ihr nicht, dass das Gesetz Herr ist über den Menschen, solange er lebt?»</hi> Dass «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Herrschaft"/> Herr ist über den Menschen», bedeutet, dass der Mensch der <hi rend="italic">ganzen</hi> innerhalb der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> bestehenden Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/> <hi rend="italic">ganz</hi> ausgeliefert ist. Er <hi rend="italic">muss</hi> als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> schillern wie ein Öltropfen auf dem Wasser. Er <hi rend="italic">muss</hi> in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> am Höchsten stehen und am Tiefsten fallen, <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-5800">Aaron</persName> sein, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName>, Gottbegeisterter<term type="begriffe" key="Gottbegeisterter"/> <hi rend="italic">und</hi> Dunkelmann, Prophet<term type="begriffe" key="Prophet"/> <hi rend="italic">und</hi> Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/>, Priester<term type="begriffe" key="Priester"/> <hi rend="italic">und</hi> Pfaffe<term type="begriffe" key="Pfaffe"/>, höchster<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc">Druckmanuskript: «stärkster».</note> Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf die Positivität<term type="begriffe" key="Positivität"/> des Göttlichen innerhalb der menschlichen Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> <hi rend="italic">und</hi> stärkste Entfaltung der menschlichen Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> gegenüber der Realität des Göttlichen. Er ist immer beides, das Erste, indem er auch das Zweite ist. Gerade innerhalb der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> kommt «Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/>», kommt «Auferstehung»<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, kommt «Gott<term type="begriffe" key="Gott"/>» nicht in Betracht; denn was hier allenfalls unter diesem Namen in Betracht kommen könnte, das ist immer nur ein Etwas im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu einem andern Etwas, ein Pol im Gegensatz zu <pb ed="pga" xml:id="p319"/> einem Gegenpol<term type="begriffe" key="Pol, Gegenpol"/>, eine Größe neben andern Größen, ein Ja im Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis"/> zu einem Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, nicht aber <hi rend="italic">das</hi> Entweder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/>, das das Oder schon aufgehoben hat, nicht <hi rend="italic">das</hi> Ja<term type="begriffe" key="Ja"/>, das jenseits von Ja und Nein liegt, nicht die Kraft der Umkehr<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>. Gerade die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> ist unter allen Möglichkeiten innerhalb der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> die bezeichnendste für den Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus"/> von Jenseits und Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>, Voraussetzung und Akt, Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung"/> und Sein, Wahrheit und Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, und Wahrheit"/>, die dieses «Innerhalb» unvermeidlich beherrscht. Gerade hier «überfließt» die Sünde<term type="begriffe" key="Überfließen der Sünde"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>). Denn der Gott, der noch Etwas ist im Gegensatz zu einem Andern, Pol<term type="begriffe" key="Pol, Gegenpol"/> gegen Gegenpol, Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> gegen Nein, der Gott, der nicht der ganz und gar Freie, Alleinige, Überlegene, Siegreiche ist, ist Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.4">2.Kor. 4,4</ref>]. «Unter Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> stehen heißt unter Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> stehen» (<persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>).<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 222</bibl>: «Und aus der kausalen Verbindung der beiden Hälften des V. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14">[6,]14</ref> ergab sich der andere Satz: ‹<hi rend="italic">Unter Gesetz stehen›</hi> heißt: ‹<hi rend="italic">unter Sünde stehen›.</hi>»</note> Und der Mensch <hi rend="italic">steht</hi> unter
    Gesetz,<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> «solange er lebt», solange und sofern <pb ed="A" n="214"/> sein Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> als <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, eingeschlossen von <hi rend="italic">dieser</hi> Geburt und von <hi rend="italic">diesem</hi> Tod<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/>, sein «Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>» ist. Mit diesem<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">diesem</hi>».</note> Leben steht und fällt die Herrschaft des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Herrschaft"/>. Die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> der Religion und der unvermeidlichen Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/>, in die gerade sie den Menschen stürzt, ist also identisch mit der Grenze des Menschenmöglichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> überhaupt. Sofern ich keine andere Wahl habe, als mich innerhalb der Grenzen des Menschenmöglichen zu bewegen, habe ich auch keine andere Wahl, als irgendwie ein religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> zu scheinen und zu sein: im <hi rend="italic">besten</hi> Fall <persName ref="kbga-actors-555">Franziskus</persName>, auf <hi rend="italic">alle</hi> Fälle auch «Großinquisitor»<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/><note xml:id="n02"> Vgl. die Erzählung «Der Großinquisitor» in <bibl corresp="kbga-bibls-2099"><persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewskis</persName> Roman <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>, 5.Buch, Kap. V</bibl>.</note>, in der <hi rend="italic">Absicht</hi> vielleicht <rs type="person" ref="kbga-actors-48 kbga-actors-47">Blumhardt</rs>, in der <hi rend="italic">Wirkung</hi><term type="begriffe" key="Wirkung"/> sicher auch «Brand»<note xml:id="n03"> Titelgestalt des u. a.  unter dem Einfluss <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>scher Schriften verfassten <bibl corresp="kbga-bibls-3615">1866 erschienenen Dramas <hi rend="italic">Brand</hi> von <persName ref="kbga-actors-622">H. Ibsen</persName></bibl> (1828–1906), in dem der Pfarrer Brand an seinem religiös-ethischen Rigorismus scheitert.</note> – und wie sollte ich mich <hi rend="italic">(mich!)</hi> verteidigen gegen die sehr berechtigte Vermutung, ich könnte das Zweite <hi rend="italic">mehr</hi> sein als das Erste? «Merkt ihr nicht», dass gerade in dieser Um<pb ed="pga" xml:id="p320" break="no"/>grenztheit der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> mit ihrem Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein, Religion"/> die Gewähr liegt für die Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> <hi rend="italic">des Ja</hi><note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Ja».</note>, das <hi rend="italic">nicht mir</hi> gilt, nicht dem Menschen, «solange er lebt», sondern dem neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> gekommen ist?</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.2 Röm.7.4">V. 2‒4</ref> Die verheiratete Frau ist</hi>
    freilich <hi rend="bold">an den Mann zu dessen Lebzeiten gebunden durch das Gesetz. Wenn aber der Mann stirbt, so ist sie außer Bereich des Gesetzes,</hi>
    das sie an die Seite <hi rend="bold">des Mannes</hi>
    bindet, <hi rend="bold">gekommen. Zu Lebzeiten des Mannes wird sie also zur Ehebrecherin, wenn sie einem andern Mann zu eigen wird. Wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von jenem Gesetz, so dass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie einem andern Mann zu eigen wird. So seid auch ihr, meine Brüder, vom Tod weggerafft</hi>
    aus <hi rend="bold">dem</hi>
    Leben, das durch das <hi rend="bold">Gesetz</hi>
    beherrscht ist, nämlich <hi rend="bold">mit dem</hi>
    getöteten <hi rend="bold">Leib des Christus, um so einem Andern zu eigen zu werden: dem von den Toten Erweckten, damit wir eine Ernte würden für Gott.</hi></p>
    <p>Ein Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> soll den diakritischen<term type="begriffe" key="diakritisch"/> Sinn jenes «solange er lebt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>) beleuchten. Es bedeutet: <hi rend="italic">Ja</hi>, solange er lebt, <hi rend="italic">aber nur</hi> solange er lebt! Im Begriff des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>, der dieses Leben bezeichnet und begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, liegt die Entscheidung über das Sein oder Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein/Nicht-Sein"/> dessen, was in jenem Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> «ist». Als <hi rend="italic">noch nicht Gestorbener</hi> qualifiziert der Mann seine Frau<term type="begriffe" key="Ehe"/> als ihm verpflichtete und an ihn gebundene Ehefrau und im Fall ihrer Zuwendung zu einem andern Mann als untreu, als Ehebrecherin. Als <hi rend="italic">Gestorbener</hi> aber hat der Mann seine Frau freigegeben: sie ist kraft seines Todes nicht mehr seine Ehefrau und im Fall ihrer Zuwendung zu einem andern Mann <hi rend="italic">nicht</hi> untreu, <hi rend="italic">nicht</hi> Ehebrecherin<term type="begriffe" key="Ehebrecherin"/>. Also: Auch in der sittlich-rechtlichen Ordnung des Eheverhältnisses<term type="begriffe" key="Ehe"/> ist der Mensch an <pb ed="A" n="215"/> eine bestimmte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> gebunden, gebunden durch das Leben des ihn Bindenden, eines<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «seines».</note> Kontrahenten, seines Gatten. Gelöst von der Bindung an diese bestimmte Möglichkeit wird er<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «es».</note> auch dort durch den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, nämlich durch den Tod des Gatten. <hi rend="italic">Ohne</hi><note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Ohne».</note> diesen Tod hat er innerhalb der bestehenden Ordnung keine andere Wahl als eben diese Möglichkeit mit allem, was dazu gehört. <hi rend="italic">Durch</hi> jenen Tod bekommt er innerhalb derselben bestehenden Ordnung die <pb ed="pga" xml:id="p321"/> Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, eine andere Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> zu wählen. Im Begriff des <hi rend="italic">Todes</hi> liegt also auch hier der Begriff einer radikalen Veränderung, Wendung<term type="begriffe" key="Wende"/> und Umkehr<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>, eines Wechsels aller Prädikate. Soweit das Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>. Höret die Deutung:</p>
    <p><hi rend="italic">«So seid auch ihr vom Tod weggerafft dem Gesetz mit dem Leib des Christus.»</hi> Ihr seid’s, ihr Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, die ihr durch den Begriff des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/> beschränkt und befreit seid! Ihr seid der Mensch, der, «solange er lebt», aber auch nur, «solange er lebt», vom Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> bestimmt ist. Ihr seid begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, gebunden, eingeschlossen durch die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/> der Religion, unentrinnbar verpflichtet, euch in sie zu finden (wie die Frau dem Manne verpflichtet ist <hi rend="italic">ohne</hi> seinen Tod!<term type="begriffe" key="Ehe"/>), sofern ihr innerhalb der notwendigen Ordnung des Verhältnisses<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> von Gott und Mensch seid, die ihr seid, und die Möglichkeit<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni">Druckmanuskript: «Möglichkeiten».</note><term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> habt, die ihr als Menschen haben könnt (unter ihnen als letzte die religiöse), sofern ihr, als Menschen unter Sünde<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> stehend, auch unter Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> stehen müsst. Ihr seid aber (wie die Frau ihrer Verpflichtung gegenüber dem Manne ledig wird <hi rend="italic">durch</hi> seinen Tod!<term type="begriffe" key="Ehe"/>) entschränkt, befreit, aufgeschlossen für die ewige existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/> Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/>, Wesentlichkeit<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Wesentlichheit».</note>, Klarheit und Fülle der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> Gottes jenseits der religiösen Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/>, sofern ihr innerhalb derselben notwendigen Ordnung des Verhältnisses<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> von Gott und Mensch <hi rend="italic">nicht</hi> seid, die ihr seid, sofern ihr, unter Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/> stehend, auch nicht unter Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> stehen müsst. Seid ihr – beides: begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> <hi rend="italic">und</hi> entschränkt, gebunden <hi rend="italic">und</hi> befreit, eingeschlossen <hi rend="italic">und</hi> aufgeschlossen<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «abgeschlossen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>? Seid ihr verändert, gewendet und umgekehrt im Begriffe des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>? In Christus begnadigt <hi rend="italic">seid</hi> ihr’s. Denn Christus begreifend <hi rend="italic">seid</hi> ihr in seinem Tod begriffen, «vom Tod weggerafft» mit seinem menschlichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib"/>. Auf Golgatha<term type="begriffe" key="Golgatha"/> wird mit allen menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> auch die religiöse Gott<term type="begriffe" key="Religion, religiöser Gott"/> geopfert und preisgegeben. Der «unter das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> getane» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.4">Gal. 4,4</ref>), der mit allen Ernsten und Frommen Israels<term type="begriffe" key="Israel"/> die Bußtaufe<term type="begriffe" key="Taufe, Bußtaufe"/> des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> auf sich nehmende Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.13 Mt.3.17">Mt. 3,13–17</ref> par.]: der Prophet, der Weise, der Lehrer, der Menschenfreund, der Messiaskönig<term type="begriffe" key="Messias"/> <hi rend="italic">stirbt</hi>, auf dass der Sohn Gottes <hi rend="italic">lebe</hi>. Golgatha<term type="begriffe" key="Golgatha"/> ist das Ende des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Ende"/>, die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> der Religion. Im getöteten Gesetzeschristus<term type="begriffe" key="Gesetz, Gesetzeschristus"/> hat die letzte, höchste Menschenmög<pb ed="pga" xml:id="p322" break="no"/>lich<pb ed="A" n="216" break="no"/>keit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>: die Möglichkeit, ein gläubiger, ein frommer, ein begeisterter, ein betender Mensch zu sein, ihre Erfüllung gefunden durch ihre gänzliche – Erledigung<term type="begriffe" key="Erledigung"/>, dadurch, dass auch dieser Mensch, abgesehen von allem, was er <anchor type="note" xml:id="fn-l"/>ist und was er hat<note n="l" target="fn-l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>):
    «ist, hat». Korrektur (Zusatz nur: «was er») am Rand in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> und tut<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun)"/>, Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> gibt. Mit diesem menschlichen «Leib<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/> des Christus» sind aber auch wir dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> getötet, vom Tod aus <hi rend="italic">dem</hi> Leben hinweggerafft, das durch das Gesetz beherrscht ist. Vom Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> aus gesehen, ist die Religion<term type="begriffe" key="Religion, seelisch-geschichtliche Gegebenheit"/> als seelisch-geschichtliche Gegebenheit, als so oder so bestimmtes anschauliches Verhalten des Menschen, «aus der Mitte gerückt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.2.14">Kol. 2,14</ref>). Nicht als «religiöser» Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> steht der Mensch vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, so wenig wie in irgend einer anderen <hi rend="italic">menschlichen</hi> Eigenschaft, sondern in der <hi rend="italic">göttlichen</hi> Eigenschaft, in der Christus vor Gott stand in <hi rend="italic">der</hi> Stunde, da sein «religiöses Bewusstsein» das Bewusstsein<term type="begriffe" key="Bewusstsein, religiöses"/> seiner <hi rend="italic">Gottverlassenheit</hi><note n="m" type="textcritical" xml:id="nm">Druckmanuskript: «Gott<hi rend="italic">verlassenheit</hi>».</note> war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.46">Mt. 27,46</ref> par.]. Von dorther, von dem am getöteten Leibe<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/> des Christus anschaulich werdenden Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> des Menschen (gerade des <hi rend="italic">religiösen</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>!) her die Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/>, die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, die Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>. Aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> das Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/>; und was Tod heißt, sagt <hi rend="italic">dieser</hi> Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/>. Also: mit dem menschlich «lebenden» Leib<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/> des Christus, mit dem «Christus nach dem Fleische<term type="begriffe" key="Jesus Christus, nach dem Fleische"/>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16</ref>] sind wir, solange wir leben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>), sofern wir sind, was wir sind, unter das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> getan, in die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, religiöse"/> der Religion, in das verheißungsvoll-gefährliche Spiel ihres Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein, Religion"/> <hi rend="italic">und</hi> Nein, in die ganze Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> frommen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/> und frommer Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, fromme"/> verflochten und können so wenig etwas anderes zu finden erwarten, als die Ehefrau zu Lebzeiten ihres Mannes einem andern Mann gehören kann<term type="begriffe" key="Ehe"/>. 
    Aber: mit dem «getöteten» Leib<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/> des Christus sind wir, sofern «wir», von dieser Tötung aus gesehen, nicht mehr leben, sondern <hi rend="italic">sind</hi>, was <hi rend="italic">wir nicht sind</hi><term type="begriffe" key="der ich nicht bin"/><hi rend="italic"/>, dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> und Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> mit allen andern menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> und Notwendigkeiten entrafft und entrückt und sind insofern tatsächlich entschränkt, befreit und aufgeschlossen für jenes Andere, das nicht Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> ist, so gewiss die Witwe Gewordene von Rechts wegen einem andern Manne gehören darf<term type="begriffe" key="Ehe"/>.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p323" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Um so einem Andern zu eigen zu werden: dem von den Toten Erweckten, damit wir eine Ernte würden für Gott».</hi> Das ist der Andere gegenüber dem den Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> menschlicher Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> bildenden «lebenden» Leibe<term type="begriffe" key="Leib, des Christus"/> des Christus: der Auferstandene<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/> von den Toten. Und das ist das Andere<term type="begriffe" key="Andere, das"/>, für das wir entschränkt, befreit und aufgeschlossen sind jenseits des im Christus erfüllten, weil erledigten<term type="begriffe" key="Erledigung"/> religiösen Menschenwerks<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/>: die Kraft seines Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, die die Kraft<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> seiner Auferstehung ist. An dieser Grenzbereinigung zunächst muss uns die Freiheit <pb ed="A" n="217"/> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> anschaulich werden, in der unsere Begnadigung<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Begnadung».</note><term type="begriffe" key="Begnadigung"/> sich begründet: daran, dass Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Gnade"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> sich gegenüberstehen wie Tod<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Leben. <hi rend="italic">Nicht</hi> als religiöse Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> werden wir jenem unerhörten Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/> gehorsam, «frei von der Sünde» und «Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> Gottes», haben wir in unserem Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> unsere «Ernte<term type="begriffe" key="Ernte"/> zur Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.22">6,22</ref>), die Ernte, die Gott in seine Scheunen sammelt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.30">Mt. 13,30</ref>], sondern als die Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, als die, die in dem Frieden<term type="begriffe" key="Friede"/> stehen, der höher ist als alle Vernunft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>], als die aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> Gekommenen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>]. Und nun <hi rend="italic">wagt</hi> es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, die, die mit ihm «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> kennen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>), nur zu gut kennen, mit «meine Brüder» anzureden als solche, denen jenseits der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der bekannten religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> auch diese unanschauliche Begründung in Gott<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> in der Wende<term type="begriffe" key="Wende"/> vom gekreuzigten zum auferstandenen Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/> – nicht unbekannt ist!</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.5 Röm.7.6">V. 5‒6</ref> Denn als wir im Fleische waren, da war in unsern Gliedern die Energie der mit dem Gesetz gegebenen Sündenleidenschaften tätig – auf eine Ernte für den Tod. Jetzt aber kamen wir, gestorben dem, was uns gefangen hielt, außer Bereich des Gesetzes, so dass wir nun Knechte sind im neuen Sinn des Geistes, nicht im alten Sinn des Buchstabens.</hi></p>
    <p>Abgesehen von der in der Freiheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> begründeten Begnadigung<note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Begnadung».</note><term type="begriffe" key="Begnadigung"/> ist jene «Ernte<term type="begriffe" key="Ernte"/> für Gott» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.22">6,22</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.4">7,4</ref>), jenes als «geheiligt» qualifizierte Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> des Menschen <hi rend="italic">nicht</hi> möglich. Der Mensch als solcher, auch der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> ist <hi rend="italic">«im Fleische»</hi>, d. h. sein Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> ist unqualifiziert weltlich<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> oder vielmehr höchst qualifiziert unheilig und sündig, Gott ab- und dem Tode zu<pb ed="pga" xml:id="p324" break="no"/>gewandt, und das um so mehr, je lebhafter er dabei allenfalls den Traum seiner Gottähnlichkeit<term type="begriffe" key="Gottähnlichkeit"/> träumt. Der Mensch als solcher, der geradlinige, ungebrochene<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/>, zweibeinige, der durch keinen Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> mit dem Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis"/> lahm oder Krüppel oder einäugig gewordene Mensch [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.8 Mt.18.9">Mt. 18,8–9</ref> par.] ist der existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gottlose Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/>. Seine Energie<term type="begriffe" key="Energie"/> ist <hi rend="italic">«die Energie der Sündenleidenschaften</hi><term type="begriffe" key="Leidenschaft, Sündenleidenschaft"/><hi rend="italic">»</hi>, jener «Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/> des sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12">6,12</ref>), in deren Skala die höhere von der niedrigen Leidenschaft<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/>, also z. B. die religiöse Erregung vom Schlafbedürfnis<term type="begriffe" key="Schlafbedürfnis"/> nur durch Gradunterschiede getrennt ist. Grundsätzlich misslich und verdächtig ist – das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/>: Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> vorbehalten – das erotische<term type="begriffe" key="Erotik"/> wie das politische<term type="begriffe" key="Politik"/>, das moralische<term type="begriffe" key="Moral"/> wie das ästhetische<term type="begriffe" key="Ästhetik"/> Pathos; ungeknicktes, eindeutiges Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> ist als solches das, was nicht sein dürfte. Und wie die «Sündenleidenschaften»<term type="begriffe" key="Leidenschaft, Sündenleidenschaft"/> von Haus aus die «Vitalität der Sterblichkeit»<term type="begriffe" key="Vitalität, der Sterblichkeit"/> sind, so ist mit dem Antrieb, mit dem Dampf<term type="begriffe" key="Dampf"/>, mit der Energie<term type="begriffe" key="Energie"/>, die ihnen innewohnt, – das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/>: Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> vorbehalten – keine andere <pb ed="A" n="218"/> Tätigkeit zu entfalten als die, die letztlich <hi rend="italic">«auf eine Ernte</hi><term type="begriffe" key="Ernte, für den Tod"/> <hi rend="italic">für den Tod»</hi> hinzielt, auf Zwecke, Ziele und Erzeugungen, die nur in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> und gar nicht in der Ewigkeit Ausdehnung gewinnen können, die in der hereinbrechenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/> vom Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> zum Tod, der alle Dinge als solche unterworfen sind, <hi rend="italic">nicht</hi> bestehen können.</p>
    <p><hi rend="italic">«Das Gesetz</hi><term type="begriffe" key="Gesetz"/>» aber wirkt in der Welt des Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch"/> diesem ganzen Ablauf gegenüber nicht hemmend, sondern fördernd. Es ist der <hi rend="italic">Gipfel</hi><term type="begriffe" key="Gipfel"/> der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> – im bedrohlichen Doppelsinn dieses Wortes. Nachdem über den Sinn und die Richtung dieses Ablaufs grundsätzlich entschieden ist, taucht auch noch die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> auf: als eine Kontrastmöglichkeit<term type="begriffe" key="Kontrast"/> gegenüber den «Leidenschaften<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/>», gewiss, aber doch nur innerhalb der auch sie umfassenden Klammer «Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>». <persName ref="kbga-actors-550">Feuerbach</persName><note xml:id="n04"> Vgl. etwa die Formel, mit der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1922 in einem Kurzreferat «Feuerbach» den Hauptgedanken <persName ref="kbga-actors-550">Ludwig Feuerbachs</persName> zusammenfasst (<bibl corresp="kbga-bibls-451">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p006#p006">S. 6–13</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/19/p007#p007">S. 7</ref></bibl>): «Religion ist der Akt der Verabsolutierung des menschlichen Wesens, seiner Anlagen, Nöte, Wünsche und Hoffnungen».</note> bekommt in verschärftem Sinn Recht: Mit der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, ja noch mehr: gerade <hi rend="italic">durch</hi> sie sind die Sündenleidenschaften<term type="begriffe" key="Leidenschaft, Sündenleidenschaft"/> gegeben, geweckt, in Kraft gesetzt, sie ist, zuletzt und zuhöchst aufbrechend, die geheime Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> der Möglichkeiten. Am Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/> wird der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> zum Sünder (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7 Röm.7.13">7,7–13</ref>). Denn alles menschli<pb ed="pga" xml:id="p325" break="no"/>che Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> lebt irgendwie und zuletzt von dem Pathos des «Eritis sicut Deus<term type="begriffe" key="Eritis sicut Deus"/>!» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], das gerade in der religiösen Möglichkeit zum bewussten anschaulichen Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> und Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird. Oder gibt es eine stärkere Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> <hi rend="italic">jeglicher</hi> Leidenschaft als <hi rend="italic">die</hi> Leidenschaft<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/>, die <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> als das Feuer des <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-8920">Zeus</persName></hi> an sich reißt? Ist es nicht offenkundig, dass dieses gestohlene Feuer keineswegs das verzehrende Feuer<term type="begriffe" key="verzehrendes Feuer"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.29">Hebr. 12,29</ref>] ist, sondern nur der Herd einer bestimmten Art von Rauch, der sich neben vielen andern Rauch-, Dampf<term type="begriffe" key="Dampf"/>- und Qualmschwaden über die<note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der».</note> Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/> der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> ausbreitet, intensiver und farbiger vielleicht als jene, aber nicht ganz und gar anders: keineswegs etwa der Schritt vom Leben<term type="begriffe" key="Tod, vom Leben zum T."/> zum Tode, der den endlichen Leidenschaften<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/> ein Ende setzte, sondern vielmehr die sie alle mit dem Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> der Unendlichkeit<term type="begriffe" key="Unendlichkeit"/> krönende und verklärende Leidenschaft des Endlichen schlechthin, durch die jene ihre tiefste Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> und ihre höchste Weihe empfangen? Wird doch gerade am «religiösen Bewusstsein<term type="begriffe" key="Bewusstsein, religiöses"/>» des Menschen nicht sowohl ein Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, als vielmehr ein, wenn auch seltsames, großartiges und bedeutsames, so doch keineswegs unentbehrliches, schlechthin notwendiges, zwingend objektives Denken, Wollen und Tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> des <hi rend="italic">Menschen</hi> anschaulich: er kann sich ja «religiös<term type="begriffe" key="religiös"/> verhalten» oder auch nicht, und wenn er es tut, so hat er <hi rend="italic">sich</hi> etwas zugute getan; so wird er gerade hier gerechtfertigt, bestärkt und bestätigt – in sich
    <hi rend="italic">selber</hi>, unterstützt in seinen – <hi rend="italic">eigenen</hi> Anliegen, Fähigkeiten und Bestrebungen. Erweist es sich doch immer wieder, dass gerade die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, weit entfernt davon, den Menschen etwa <pb ed="A" n="219"/> existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> aufzuheben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/>, aufzurollen, an die Wand zu pressen<term type="begriffe" key="«an die Wand gedrückt»"/>, zu überwinden und zu verwandeln, vielmehr, in gewisser vorsichtiger Dosierung realisiert, als ungefährliche Kontrastwirkung<term type="begriffe" key="Kontrast"/>, als natürliche Abwechslung, als erprobtes Mittel zur Aufrechterhaltung wünschenswertester Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> der Energie<term type="begriffe" key="Energie"/> des existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gottlosen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, gottlos"/> geradezu zugute kommt. Daher denn auch die relativ auffällig reiche «Ernte<term type="begriffe" key="Ernte, für den Tod"/> für den Tod» gerade auf dem Gebiete <hi rend="italic">dieser</hi> Möglichkeit. Oder welches menschliche Pathos<term type="begriffe" key="Pathos"/> hätte schon in seiner äußern Entfaltung mehr Ähnlichkeit mit dem Tode<term type="begriffe" key="Tod"/>, welches wäre kurzlebiger als das religiöse? Welches andre Gebiet hätte solche Gräberfelder<term type="begriffe" key="Gräberfelder"/> aufzuwei<pb ed="pga" xml:id="p326" break="no"/>sen wie etwa die Geschichte der christlichen Apologetik<term type="begriffe" key="Apologetik"/>, Dogmatik<term type="begriffe" key="Dogmatik"/>, Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/> oder Soziallehre<term type="begriffe" key="Sozialismus"/><note xml:id="n05"> Möglicherweise in Anknüpfung an die von <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> mehrmals benutzte Bezeichnung der modernen Theologie als Totengräber des Christentums; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340">Christentum und Kultur, S. 67.275</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 100.314</bibl>); s. auch unten <ref type="pub" target="../volume/47/p364#p364">S. 364</ref>.</note>? Die Einsicht ist nicht zu unterdrücken: gerade «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Zorn"/> verschafft Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">4,15</ref>), und gerade an dieser Einsicht kann und muss die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> der Religion klar werden.</p>
    <p><hi rend="italic">«Jetzt aber kamen wir außer Bereich des Gesetzes.»</hi> Eine Beschreibung des «Tauferlebnisses<term type="begriffe" key="Taufe, «Tauferlebnis»"/>» (<persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>)<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 227</bibl>: «Auf den historischen Akt der Taufe beziehen sich die Aoriste <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κατηργήθημεν</foreign> und <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀποθανόντες</foreign>, die also das Tauferlebnis selbst beschreiben». Siehe auch oben <ref type="pub" target="../volume/47/p264#fn_n06">S. 264f., Anm. 6</ref>.</note>? Gerade das nicht! Sondern wiederum wagen wir es (wiederum, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">6,19</ref>, wissend, was wir wagen, aber gezwungen, es zu wagen!), unter Durchbrechung der von uns selbst anerkannten und bezeichneten Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>) von <hi rend="italic">uns</hi> zu sagen, was niemand von <hi rend="italic">sich</hi> sagen kann: wir stehen jenseits der letzten, der religiösen Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte / Möglichkeit, menschliche"/>. <hi rend="italic">Nicht</hi> ein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> eine menschliche Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, Verfassung und Betätigung ist es, dass «wir» unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/> stehen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14">6,14</ref>). Unbeeinträchtigt durch die Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> unsrer menschlichen religiösen Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/> und Geschichten, unverflochten mit ihren inneren Widersprüchen, ungetrübt und unbetrübt durch ihre zweideutige Verwandtschaft mit den «Sündenleidenschaften<term type="begriffe" key="Leidenschaft, Sündenleidenschaft"/>» sind wir, was wir sind als die, die <hi rend="italic">wir nicht</hi> sind<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, nicht in unsrer eigenen Freiheit, sondern in der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">Gottes:</hi> im Lichte des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, im ewigen Augenblick"/>, der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, Gottes, in welchem <hi rend="italic">dieser</hi> Himmel sich spaltet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.16">Mt. 3,16</ref> par.], um den Blick freizugeben auf das, was nicht der Mensch, sondern Gott im Menschen will, denkt und tut<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/>. Noch im Schatten<term type="begriffe" key="Schatten, Licht und Schatten"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Schatten des"/> blicken wir schon im Lichte (im Licht vom <hi rend="italic">un</hi>geschaffnen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>!) dieses «Jetzt aber!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>) auf das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Dialektik"/> und seine Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> zurück als auf ein <hi rend="italic">Abgetanes</hi>. Noch bewegt, geschüttelt und hin- und hergeschlagen von den Peripetien des religiösen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/> (die wir wahrhaftig auch ein wenig kennen) greifen wir schon aus nach dem ruhigen unbewegten Ort, wo das schwingende Perpendikel<term type="begriffe" key="Perpendikel"/> <hi rend="italic">aufliegt.</hi> Noch verwirrt und verwickelt in das Geflechte religiösen Geschehens, in dem alles (alles!) menschlich<term type="begriffe" key="menschlich"/> ist, stehen wir schon in der <hi rend="italic">Urgeschichte</hi><term type="begriffe" key="Geschichte, Ur- und Endgeschichte"/> und <hi rend="italic">Endgeschichte</hi><note xml:id="n07"> Zu der Zusammenstellung des von <persName ref="kbga-actors-312">Fr. Overbeck</persName> entlehnten Begriffs «Urgeschichte» mit dem Begriff «Endgeschichte», den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier einführt, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2923"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 5</bibl>: «Zwei Punkte, die beide zugleich Ausgangs- und Endpunkte sind, bestimmen und charakterisieren nach <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> das Dasein des Menschen und der Menschheit. Mit dem Begriff der ‹<hi rend="italic">Urgeschichte</hi>› oder Entstehungsgeschichte bezeichnet er den einen, mit dem Begriff des <hi rend="italic">Todes</hi> den andern. Von der überzeitlichen,
    unerforschlichen, unvergleichlichen Urgeschichte [...] kommen wir her. Dem einzigen unausdenkbar bedeutenden Moment des Todes, in dem unser Leben in dieselbe Sphäre des Unbekannten tritt, [...] gehen wir entgegen».</note>, wo alle <pb ed="pga" xml:id="p327"/> Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/>, alle Polarität<term type="begriffe" key="Polarität"/>, alles Sowohl – Als auch, alles <pb ed="A" n="220"/> Schillern abgetan ist, weil Gott alles in allem ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>], steht uns darum die Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/>, der wir nicht entrinnen können, als ein Ganzes, Abgeschlossenes, vom Tage<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi Begrenztes <hi rend="italic">gegenüber</hi> und fühlen wir uns letztlich von dem Netz des Menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/>, allzu Menschlichen «Menschliches, allzu Menschliches», das uns gerade als religiös Menschliches<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> am erstickendsten bedrückt und würgt, – <hi rend="italic">gelöst.</hi> Gelöst?! Wir haben wohl «menschenmäßig redend» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">6,19</ref>) schon zu viel gesagt. Was heißt «letztlich»? Was heißt «gelöst»? Was uns an uns selbst und andern, heißen sie, wie sie wollen, anschaulich wird, das ist Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> und immer wieder Religion, «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>» in immer neuen Brechungen<term type="begriffe" key="Brechung"/> und Möglichkeiten. Welcher vom Weibe Geborene wäre der Übermensch<term type="begriffe" key="Übermensch"/>, der nicht mit Christus unter das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> getan wäre [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.4">Gal. 4,4</ref>], solange er lebt? Wir wissen nicht, was wir sagen, und wir sagen, was wir nicht wissen, wenn wir sagen, dass das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> nicht mehr der Bereich ist, in dem «wir» stehen, dass die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> erledigt<term type="begriffe" key="Erledigung"/> hinter «uns» liegt. Wir sagen es trotzdem. Wir sagen es als das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, wie wir auch den unerhörten Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/> der Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/> erkannt und ausgesprochen haben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12 Röm.6.23">6,12–23</ref>), weit über das hinaus, was in eines Menschen Ohr und Mund kommen dürfte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>]; als den Pfeil vom andern Ufer<term type="begriffe" key="Pfeil vom andern Ufer"/><note xml:id="n08"> Möglicherweise im Kontrast zu <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, Zarathustra, Zarathustra’s Vorrede 3, NW, S. 16 </bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 11, Z.5f.16f.)</bibl>, formuliert: «Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. [...] Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.»</note>, das <hi rend="italic">wir</hi> nie betreten werden, der aber <hi rend="italic">uns</hi> getroffen hat, als die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> jenseits der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, die <hi rend="italic">wir</hi> nie überschreiten werden, die aber von dorther zu <hi rend="italic">uns</hi> geredet hat. Wehe uns, wenn wir <hi rend="italic">nicht</hi> sagten, was gesagt werden <hi rend="italic">muss</hi> [vgl. <pb ed="pga" xml:id="p328"/> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.16">1.Kor. 9,16</ref>], wo nichts mehr anschaulich ist als – das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>. Wir sagen es als die Gefangenen<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> und doch Freien, als die Blinden und doch Sehenden, als die Sterbenden, und siehe, wir leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.6.9">2.Kor. 6,9</ref>]. <hi rend="italic">Nicht wir</hi> sagen es: Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ende des Gesetzes"/> ist des Gesetzes Ende [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.4">10,4</ref>], die Grenze der Religion<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">«Gestorben dem, was uns gefangen hielt».</hi> Die Grenze der Religion<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> ist die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, welche scheidet zwischen dem, was bei den Menschen, und dem, was bei Gott möglich<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref> par.], zwischen Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> und Geist, zwischen Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> und Ewigkeit. Soweit dieses scharfe Schwert durchhaut, soweit das Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> in seiner Kraft und Bedeutung als Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> des Gerichts und der Gnade seinen Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> wirft, soweit sind wir «außer Bereich des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/>». Was uns gefangen hielt, war die reine und gerade darum die unreine, die ungebrochene und gerade darum gebrechliche, die geradlinige und gerade darum verkrümmte, die unverfroren und unverwüstlich (wenn auch vielleicht in tiefster oder auch tätigster Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>) dem Memento mori<term type="begriffe" key="Memento mori"/>! ausweichende Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>. Auf ihrem Boden wächst als letzte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>. Wer wird diese Menschlichkeit je los? Ist es nicht offenkundig, dass die letzte, tiefste, eigentlichste seelisch-geschichtliche Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, seelisch-geschichtliche"/> immer und überall, auch in den <pb ed="A" n="221"/> frommen Menschen, gerade in ihnen, dieses Unverfrorene, Unverwüstliche, Bourgeoise<term type="begriffe" key="Bürgerlichkeit"/> ist, das – nicht sterben will? Genug, dass es sterben <hi rend="italic">muss</hi>, dass wir in Gott seiner los und ledig <hi rend="italic">sind.</hi> Genug, dass wir es immer und überall begrenzt und zwar radikal begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> und in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> <hi rend="italic">sehen</hi>, dass unsre tatsächliche Lage in der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen jenen Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/>, der von <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> bis <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> keinem Einsichtigen verborgen war, auf dieses Unverwüstliche <hi rend="italic">wirft</hi>, ob wir es zugeben oder nicht. Erkennen wir in diesem unsrem Beschattetsein unsre Verwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> mit Christus (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">6,5</ref>), so wissen wir (als die Unwissenden!), was wir tun, wenn wir sagen, dass wir außer Bereich des Gesetzes sind. Wir mögen dann, wie es sich gehört, <hi rend="italic">auch</hi> unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> stehen – und stehen doch noch viel mehr unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/>. Wir sind dann «fromm» – als wären wir’s nicht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.29 1.Kor.12.31">1.Kor. 12,29–31</ref>). Wir leben – an unsern Erlebnissen<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> vorbei oder doch durch sie hindurch. Wir sind dann in der Lage, über uns selbst und über das, was aus uns, in uns und durch uns selbst ist, immer auch ein wenig hinwegzusehen, immer ein wenig zu lächeln und zu trauern. Viel<pb ed="pga" xml:id="p329" break="no"/>leicht, dass unsre Religiosität dann etwas davon verrät, wie grundsätzlich unwichtig, unbetont, unfeierlich, grenzbewusst sie ist, vielleicht auch nicht. Sie wird aber (gesehen oder nicht gesehen) <hi rend="italic">darin</hi> zu sehen sein, dass sie sich selbst als solche nicht tragisch nimmt, dass sie als solche nicht triumphieren und nicht einmal Recht haben will, dass sie immer über sich selbst hinausweist auf das, was gemeint ist, wo immer Menschen «unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/>» stehen. Sie wird wesentlich bestehen im Gehen jenes durch alles Weissagen<term type="begriffe" key="Weissagen"/>, Zungenreden<term type="begriffe" key="Zungenreden"/>, Geheimnissewissen<term type="begriffe" key="Geheimnis"/>, Glaubenhaben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, Leibverbrennenlassen<term type="begriffe" key="Martyrium"/>, Gut den Armen geben usf. quer hindurchführenden, merkwürdigerweise fast nur in Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> zu beschreibenden «unbegreiflichen
    Weges»<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.1 1.Kor.13.7">[; 13,1–7</ref>]) der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>. Des Weges? Nein, keines Weges. Nicht zu sehen, nicht in Erwägung zu ziehen, nicht zu betreten, nur zu <hi rend="italic">gehen</hi>. Insofern: ja, des Weges! Es ist jener Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/>, der vom Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> her auf alle «gesunde» Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> fällt, der unanschaulich wirksam den Raum schafft, wo diese Erschütterung, Lockerung und Lösung an der zähesten Stelle der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> sich ereignen und wo die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> Gottes, der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> in unseren Gesichtskreis treten kann. «Gestorben dem, was uns gefangen hielt», dem Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/>, mag es uns unanschaulich anschaulich werden, dass es die sichere, die unzweideutige, die siegreiche Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> ist, was uns hält und bewegt und führt, und dass der auch die höchsten Berge der Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> bedeckenden Sündflut ein: Bis hieher und nicht weiter!<note xml:id="n09"> Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38.11">Hiob 38,11</ref> und <bibl corresp="kbga-bibls-3617"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Räuber</hi> (1781), 2.Akt, 1.Szene</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 21.310</bibl>).</note> geboten ist.</p>
    <p><hi rend="italic">«So dass wir nun Knechte sind im neuen</hi> <pb ed="A" n="222"/> <hi rend="italic">Sinn des Geistes, nicht im alten Sinn des Buchstabens».</hi> Heiligt<term type="begriffe" key="Heiligung"/> euch [vgl. z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.20.7">Lev. 20,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jos.3.5">Jos. 3,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.16.5">1.Sam. 16,5</ref>]! Seid Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> Gottes! So lautet der Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ, der Gnade"/> der Gnade (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.22">6,22</ref>). «Im alten Sinn des Buchstabens» würde das die religiöse Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Menschenmöglichkeit, religiöse"/> in irgend einer neuen, verfeinerten, zugespitzten Form, eine neue «Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, neue"/>» bedeuten. «Im neuen Sinn des Geistes<term type="begriffe" key="Sinn, des Geistes"/>» bedeutet es – und das war hier zu zeigen – <hi rend="italic">die</hi> Möglichkeit, die genau jenseits der Grenze aller alten und neuen religiösen Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> anfängt, von Gott her anfängt. Wir haben es versucht, die Begrenztheit<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> der Religion zu begreifen. Eine negative Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>? Ja, ihre positive Seite ist die, dass der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> selbst für uns eintritt mit unausgesprochenen Seufzern<term type="begriffe" key="Seufzen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">8,26</ref>).</p>     
    
    
   <div>
    <pb ed="pga" xml:id="p330"/> 
    <head><hi rend="smallCaps">Der Sinn der Religion</hi></head>
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7 Röm.7.13">7,7–13</ref></head>

    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7">V. 7a</ref> Was wollen wir nun</hi>
    damit <hi rend="bold">sagen?</hi>
    Dass <hi rend="bold">das Gesetz</hi>
    selbst die <hi rend="bold">Sünde</hi>
    sei<hi rend="bold">? Unmöglich!</hi></p>
    <p>Die Frage liegt nahe, was denn nun der Sinn, das Wesen, die ökonomische Bedeutung jener letzten höchsten Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> sei, die uns als «Gesetz»<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, als Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> auf der Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/>, an der Wende<term type="begriffe" key="Wende"/> zweier Welten, aber – diesseits des Abgrunds<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen sündigem und begnadeten Menschen"/>, der den sündigen<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> vom begnadeten<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq">Druckmanuskript: «begnadigten».</note> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> scheidet, begegnet. Unmittelbar gegenüber stehen sich offenbar: das erste Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, die Begnadung<term type="begriffe" key="Begnadung"/>, in der die Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes den Menschen ergreift, die gerade als dieses Ergriffensein<term type="begriffe" key="Ergriffenheit"/> innerhalb der menschlichen, seelisch-geschichtlichen <hi rend="italic">Gegeben</hi>heiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit, seelisch-geschichtliche"/> nur Vakuum<term type="begriffe" key="Vakuum"/>, nur Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, nur Offenheit<term type="begriffe" key="Offenheit"/> sein kann und eben insofern jenseits des Abgrunds<term type="begriffe" key="Abgrund"/> steht – und das letzte Anschauliche, das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, scheinbar dieselbe Beziehung desselben Menschen zu demselben Objekt, nur dass sie als eine so oder so bestimmte Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> des Menschen in der Welt eine Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> unter andern, eine Setzung und eben insofern nicht Voraus-Setzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> ist, sondern sich diesseits des Abgrundes<term type="begriffe" key="Abgrund"/> befindet. Kein allmählicher Übergang, kein stufenmäßiger<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «stufenweiser». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Aufstieg, keine Entwicklung etwa ist der Schritt über diese Grenze<term type="begriffe" key="Schritt, über die Grenze"/>, sondern ein jäher Abbruch hier, ein unvermittelter Anfang eines ganz andern dort: denn was als Gnaden<hi rend="italic">erlebnis</hi><term type="begriffe" key="Erlebnis, Gnadenerlebnis"/> allenfalls in kontinuierlicher Fortsetzung anderer religiöser Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/> namhaft gemacht werden könnte, das steht als solches noch diesseits. Gnade selbst ist das Gegenüberstehende, und zur Gnade führen keine Brücken<term type="begriffe" key="Brücke"/>. Vielmehr <pb ed="A" n="223"/> mit einem messerscharfen: «Gerade das nicht!» tritt die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, gegen Gesetz"/> dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, die erste göttliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> der letzten menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>, der «Dienst im neuen Sinn des Geistes<term type="begriffe" key="Sinn, des Geistes"/>» dem «Dienst im alten Sinn des Buchstabens» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.6">7,6</ref>) auf der ganzen Linie entgegen. Was bedeutet bei jener Nähe diese Ferne, bei jener Parallelität<term type="begriffe" key="Parallelität"/> dieser unendliche Abstand, bei jener Verwandtschaft diese Feindschaft? Als was haben wir die Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> des Menschen zu Gott aufzufassen, die Religion<term type="begriffe" key="Religion, Konstante des Menschen"/>, der der Mensch, «solange er lebt», <pb ed="pga" xml:id="p331"/> nicht entrinnt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>), wenn sie durch diese radikale Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> von der Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> Gottes zum Menschen geschieden ist?</p>
    <p><hi rend="italic">«Das Gesetz</hi><term type="begriffe" key="Gesetz"/> <hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/><hi rend="italic">?»</hi> Der Satz scheint sich aufzudrängen, und wir selbst mussten ihn des öftern beinahe streifen, nachdem wir immer wieder (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">4,15</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14 Röm.6.15">6,14–15</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.5">7,5</ref>) gesehen, in welchem Doppelsinn das Gesetz den Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> bildet. Warum nicht das Naheliegendste aussprechen, etwa mit der zwar etwas verblüffenden, aber immerhin einleuchtenden These, dass gerade die Religion<term type="begriffe" key="Religion, Überheblichkeit"/>, die kühne Überheblichkeit<term type="begriffe" key="Überheblichkeit"/> des Menschen, der sich nach Gott ausstreckt, selber der Raub<term type="begriffe" key="Raub an Gott"/> an Gott und damit jener Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> von Gott sei, der den unheimlichen Hintergrund unseres ganzen Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> bildet? Warum nun kein Ausbruch antireligiöser<term type="begriffe" key="antireligiös"/> Polemik<term type="begriffe" key="Polemik"/> mit dem Zweck, eine andere, bessere menschliche Möglichkeit irgendwo oberhalb jenes Gipfels<term type="begriffe" key="Gipfel"/> aufzuzeigen? Warum nicht mit <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> fortschreiten zur Proklamierung eines neuen Gottes im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen neuem und altem Gott"/> zu dem alten des Gesetzes<note xml:id="n10"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p021#p021">S. 21</ref>.</note>, oder mit <persName ref="kbga-actors-664">Lhotzky</persName> zu einer recht handgreiflichen Ausspielung von «Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes, gegen Religion"/> Gottes» gegen «Religion<term type="begriffe" key="Religion, gegen Reich Gottes"/>»<note xml:id="n11"> <persName ref="kbga-actors-664">Heinrich Lhotzky</persName> (1859–1930), aus herrnhuttischer Tradition stammend, beeinflusst von <persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>, zuerst Pfarrer, dann Mitarbeiter <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müllers</persName> in Mainberg, seit 1904 freier Schriftsteller. «Seine starke schriftstellerische Begabung verleitete ihn zu überspitzten Formulierungen: er stellte ‹Religion› in Gegensatz zum ‹Reich Gottes› und nannte Jesus den unreligiösesten Menschen, der je über die Erde gegangen sei» <bibl corresp="kbga-bibls-3618">(<persName ref="kbga-actors-567">Chr. Geyer</persName>, Art. «Lhotzky, Heinrich», in: RGG<hi rend="sup">2</hi> III, Sp. 1606</bibl>). Unter seinen Veröffentlichungen findet sich eine Nacherzählung der Apostelgeschichte mit dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-3619"><hi rend="italic">Religion oder Reich Gottes. Eine Geschichte</hi> (1904), Leipzig 1912<hi rend="sup">4</hi>.</bibl> Dem Buch liegt unausgesprochen <bibl corresp="kbga-bibls-68"><persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündels</persName> <hi rend="italic">Aus der Apostelzeit</hi>, Zürich 1886</bibl>, zugrunde.</note>, oder mit <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName> zur Aufweisung eines Weges aus der Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> zurück in das Land der zwar verlorenen, aber<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «oder».</note> immerhin hier und jetzt wieder auffindbaren Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/><note xml:id="n12"> Vgl. z. B.<bibl corresp="kbga-bibls-3621"> <persName ref="kbga-actors-8648">J. Müller</persName>, <hi rend="italic">Glauben und Wissen</hi>, in: ders.: <hi rend="italic">Von den Quellen des Lebens. Sieben Aufsätze</hi>, München 1919<hi rend="sup">5</hi>, S. 105–157, dort S. 109</bibl>: «Dann ist Glauben nach Vermögen und Vorgang zweifellos das Ergebnis unmittelbaren Innewerdens, Wissen dagegen mittelbaren Kennenlernens. Glauben entspringt einem Erlebnis, das uns im Innersten berührt. Wir glauben an das, wovon ein tiefer Eindruck in uns lebt.» Der Schlusspassus des Aufsatzes (S. 157, unter der Kapitelüberschrift «Der Weg zum Glauben») lautet: «[...] umkehren und die Unmittelbarkeit des geistigen Lebens suchen, das ist der Weg zu den Quellen der Kraft. Die Unmittelbarkeit ist die reine Empfänglichkeit, das Organ des eigentlichen Lebens, weil sie uns zu ursprünglicher Empfindung und damit ganz von selbst zu wahrhaftiger Erkenntnis führt.» <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName> (1864–1949), Herausgeber der «Blätter zur Pflege persönlichen Lebens»
    (1914–1941: «<orgName ref="kbga-actors-8247">Grüne Blätter</orgName>»), stiftete im Schloss Mainberg, später im Schloss Elmau zwischen Garmisch und Mittenwald eine «Freistätte persönlichen Lebens».</note>, oder mit <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> zur <pb ed="pga" xml:id="p332"/> Aufforderung, aus der hoffnungslos gewordenen Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, hoffnungslose"/> und Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> in die bessere Welt der Laien<term type="begriffe" key="Laie"/> überzusiedeln<note xml:id="n13"> <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName> hatte im Sommer 1921 seine Professur für systematische und praktische Theologie in Zürich wegen innerer Entfremdung von der akademischen Theologie und der Kirche niedergelegt. Er erklärte seinen Schritt in dem Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-3622"><hi rend="italic">Warum ich meine Professur aufgegeben habe?</hi>, in: Neue Wege, Jg. 15 (1921), S. 283–293, dort S. 285</bibl>: «Nun bin ich immer mehr in dem Glauben erschüttert worden, daß die heutige Kirche noch ein Gefäß der Wahrheit Gottes sein könne. Auch glaube ich nicht, daß irgend eine Reformation sie dazu zu machen vermöchte, abgesehen davon, daß für eine solche nur sehr geringe Aussichten bestehen. Daher kann ich gegenwärtig nach langem innerem Kampfe den Wert der Kirche und des Pfarramtes nur für so sehr relativ halten, daß mir für diesen Zweig meiner Arbeit immer mehr die nötige ­Ueberzeugungsgrundlage und Begeisterung fehlt. Mögen die Kirchenformen auch noch für lange hinaus bestehen und in gewissem Sinne notwendig sein, so ist doch meine starke Empfindung, daß die kommende religiöse Erneuerung auf ihrer wesentlichen Linie nicht nur über sie hinaus, sondern auch an ihnen vorbei führe.» - S. 286: «Die Leser der Neuen Wege wissen seit langem, daß ich ‹unkirchlich› bin, das heißt, daß ich von den Kirchen als solchen, zum mindesten von den heutigen Kirchen, wenig erwarte, sondern meine Hoffnung auf das gestellt habe, was größer ist als die Kirche, das Reich Gottes.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1658"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Mein Weg</hi>, Bd. 2, Zürich 1952, S. 111–123</bibl>.</note>, oder mit manchen Seiten der <bibl corresp="kbga-bibls-119">1. Auflage</bibl><term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/> dieses Buches im Anschluss an <persName ref="kbga-actors-35">Beck</persName> und altwürttembergischen Naturalismus<term type="begriffe" key="Naturalismus"/> zur Behauptung eines organisch wachsenden göttlichen Seins und Habens im Menschen im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zur Leerheit der idealistischen Forderung"/> zu der Leerheit<term type="begriffe" key="Leerheit"/> der idealistischen<term type="begriffe" key="Idealismus"/> Forderung<note xml:id="n14"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, v. a.  <ref type="pub-" target="../volume/16/p274#p274">S. 274</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p281#p281">281</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p285#p285">285</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p296#p296">296</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p298#p298">298f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p302#p302">302ff</ref></bibl>.</note>, oder doch mit der «gesunden» Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/> aller Zeiten zur Aufrichtung einer der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> parallel laufenden geheimen und wahren Überreligion<term type="begriffe" key="Religion, Überreligion"/>? Antwort: <hi rend="italic">«­Unmöglich!»</hi> Der Radikalismus<term type="begriffe" key="Radikalismus"/> aller dieser Versuche ist nur scheinbar: «<foreign xml:lang="lat">nondum considerasti<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Tu non cogitasti». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, quanti ponderis sit peccatum</foreign>»! <pb ed="pga" xml:id="p333"/> (<persName ref="kbga-actors-9">­Anselm</persName>).<note xml:id="n15"> <bibl corresp="kbga-bibls-3591"><persName ref="kbga-actors-9">Anselm von Canterbury</persName>, <hi rend="italic">Cur deus homo?</hi>, Lib. I, cap. 21, Opera omnia, ed. Fr. S. Schmitt, Vol. II, Rom 1940, S. 88, Z.18.</bibl></note> Die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, der faule Baum [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.17">Mt. 7,17</ref> par.] ist nicht eine Möglichkeit unter andern, also auch nicht identisch mit der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, also auch nicht etwa dadurch zu umgehen, dass diese umgangen oder überboten wird, selbst wenn das möglich wäre. Sie ist die Möglichkeit aller <pb ed="A" n="224"/> menschlichen Möglichkeiten als solcher und so auch die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, der gute Baum, nicht eine Möglichkeit oberhalb oder neben oder innerhalb der religiösen Möglichkeit, sondern die <hi rend="italic">jenseits</hi> aller menschlichen Möglichkeiten bestehende <hi rend="italic">göttliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> des Menschen. Wer, in der richtigen Einsicht, dass der Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/>
    der von der Sünde beherrschten Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit, von der Sünde beherrscht"/> das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/> ist, das Gesetz mit der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> zusammenwirft, auf Grund dieses Kurzschlusses in gröberer oder feinerer Weise zur Abrogation<term type="begriffe" key="Abrogation des Gesetzes"/> des Gesetzes schreitet und ein Leben <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> ohne Gesetz (und darum vermeintlich ohne Sünde!) postuliert, wer aus nur zu begründetem Ressentiment gegen das Religiös-Menschliche<term type="begriffe" key="menschlich"/> mit <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> das Alte Testament<term type="begriffe" key="Altes Testament"/> ablehnt<note xml:id="n16"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>, Marcion, z. B. S. 27f.</bibl>: «Der Ausgangspunkt der Kritik <persName ref="kbga-actors-678">M[arcion]s</persName> an der Überlieferung [...] war <hi rend="italic">in dem paulinischen Gegensatz von Gesetz und Evangelium, übelwollender  […] Strafgerechtigkeit einerseits und barmherziger Liebe andrerseits gegeben.»</hi> Sie hatte «die Preisgabe des AT zur unerbittlichen Folge».</note> (vergessend, dass er in Konsequenz desselben Ressentiments durchaus auch das neue<term type="begriffe" key="Neues Testament"/>, und zwar in seiner Totalität, ablehnen müsste!), zeigt damit nur, dass er dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> noch nicht wirklich kritisch gegenübersteht. Denn die wahre Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, der Religion"/>, in der sich die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> befindet, besteht darin, dass sie vom Menschen nicht nur nicht abgeschüttelt werden <hi rend="italic">kann</hi>, «solange er lebt», sondern auch nicht abgeschüttelt werden <hi rend="italic">soll</hi>, gerade weil sie für den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als Menschen (für <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen!) so bezeichnend ist, gerade weil in ihr die menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> begrenzt sind durch die göttliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> und weil wir, im Bewusstsein, dass hier Gott <hi rend="italic">nicht</hi> ist, dass wir aber auch keinen Schritt <hi rend="italic">weiter</hi> gehen können, bei dieser menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> Halt machen und verharren müssen, damit uns jenseits der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, die durch sie bezeichnet ist, Gott begegne. Vollzieht sich der Umschlag von Gottes Nein zu Gottes Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> gerade in der Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der letzten Gegebenheit"/> dieser letzten Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, letzte"/>, so kann es sich <pb ed="pga" xml:id="p334"/> für uns nicht darum handeln, dieser letzten Gegebenheit ausweichen, sie als solche beseitigen und durch eine andre ersetzen zu wollen. Das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/> ist nicht identisch mit der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. Und seine <anchor type="note" xml:id="fn-u"/>ganz oder teilweise vollzogene Abrogation<note n="u" target="fn-u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ganze oder teilweise Abrogation». <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte in seinem Handexemplar als Korrektur notiert: «ganz oder teilweise vollzogene Abrogation». Diese Korrektur ist im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) unvollständig unter Auslassung des «vollzogene» durchgeführt worden.</note><term type="begriffe" key="Abrogation des Gesetzes"/> ist nicht der Schritt vom Reich der Sünde zum Reiche der Gnade.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7">V. 7b</ref> Aber ich hätte von der Sünde keine Erfahrung, wenn ich sie nicht durch das Gesetz hätte. Denn ich wüsste ja nichts von Begierde, wenn nicht das Gesetz gesprochen hätte: Du sollst nicht begehren!</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Ich hätte von der Sünde keine Erfahrung, wenn ich sie nicht durch das Gesetz hätte.»</hi> Was ist die Religion<term type="begriffe" key="Religion, höchste Stufe"/>, wenn sie, obwohl als höchste Stufe<term type="begriffe" key="Stufe"/> innerhalb des Reiches der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Reich der"/> erscheinend, <hi rend="italic">nicht</hi> etwa mit der Sünde identisch ist? Offenbar die Möglichkeit, mit der alle menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> in das Licht einer durchgreifenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, im Lichte der K."/> treten, mit der die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> anschaulich und erfahrbar wird. Kraft seiner Berufenheit<term type="begriffe" key="Berufung"/> und Erwähltheit<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, kraft des (bewussten oder unbewussten) Hergangs und Zustands<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> seiner Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu Gott, kraft des Aktes der Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an verlorene Unmittelbarkeit"/> <pb ed="A" n="225"/> an eine verlorene Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> ist der Mensch ein Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> und nicht sonst. Abgesehen von der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, als Kreatur unter Kreaturen, ist der Mensch allein im Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> Gottes ein Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, unanschaulich, ungeschichtlich. Gott weiß, was gut und böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> ist. Der Mensch aber ist auf dieses Böse<term type="begriffe" key="Böse"/> nicht anzusprechen. Es liegt weder als Schuld<term type="begriffe" key="Schuld, und Schicksal"/> noch als Schicksal auf ihm. Er sieht das Schwert des Gerichts<term type="begriffe" key="Gericht"/> nicht, das gegen ihn gerichtet ist, und es ist unmöglich, ihm dieses fatale Sehen beizubringen, aufzudrängen. Gerade wie er, wenn zum zweiten Mal, von der entgegengesetzten Seite, von der erneuerten Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/> aus, abgesehen wird von der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, ein Gerechter ist allein vor Gott, unanschaulich und ungeschichtlich auch hier, nicht darauf anzusprechen, nicht in der Lage, sich dessen zu rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>. In der Mitte zwischen diesen beiden Unanschaulichkeiten<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/> liegt die Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>: Unter den übrigen Bewusstseins- (oder Unterbewusstseins-)Inhalten findet sich der Eindruck<term type="begriffe" key="Eindruck"/> von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, das Wissen von Gut und <pb ed="pga" xml:id="p335"/> Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], die irgendwie bestimmte Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, dass er zu Gott gehört, die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an ewigen Ursprung"/> an seinen ewigen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung, ewiger"/>, in welchem er erwählt<term type="begriffe" key="Erwählung"/> ist zur Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/> oder zur Verdammnis<term type="begriffe" key="Verdammnis"/>. Eine Ausnahme von der Allgemeinheit dieses höchsten Bewusstseins<term type="begriffe" key="Bewusstsein"/> wurde <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13 Röm.5.14">5,13–14</ref> angenommen, aber doch wohl nur theoretisch. Es kommt aber hier wenig darauf an, ob es solche Ausnahmen gibt. Wir fragen nach dem <hi rend="italic">Sinn</hi> dieses besonderen letzten Bewusstseinsinhaltes und sehen jedenfalls sofort das Eine, dass er allen übrigen gegenüber im Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis"/> eines wenn auch relativen<term type="begriffe" key="relativ"/>, so doch bestimmten und scharfen Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> steht. Der Gedanke an ein Numen irgendwelcher Art wirkt aufscheuchend, beunruhigend, störend auf alle andern Gedanken. Sofern ein Gott ist für den Menschen, ist der Mensch selber mehr oder weniger deutlich und energisch in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>. Eine mehr oder weniger schwer zu überbrückende Spalte öffnet sich zwischen seinem Sein und einem diesem
    entgegengesetzten bedrohlichen Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein/Nicht-Sein"/>, zwischen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, und Wahrheit"/> und Wahrheit. Ein mehr oder weniger kräftiger Zweifel erhebt sich, ob das Mögliche nicht das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, das Seiende nicht das Nichtseinsollende sein könnte. Etwas von dieser Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, der Religion"/> ist der Sinn aller Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, und je stärker diese Krisis sich geltend macht, desto deutlicher ist es, dass wir es bei dem betreffenden Phänomen<term type="begriffe" key="Phänomen"/> tatsächlich mit bewusster oder unbewusster Religion<term type="begriffe" key="Religion, bewusst und unbewusst"/> zu tun haben. In der Schärfe des prophetischen Angriffs<term type="begriffe" key="Angriff, prophetischer auf den Menschen"/> auf den Menschen, die im israelitischen «Gesetz<term type="begriffe" key="Israel, Gesetz"/>» erreicht ist, scheint darum das religiöse Phänomen<term type="begriffe" key="Phänomen, religiöses"/>, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, seine höchste und reinste Stufe<term type="begriffe" key="Stufe"/> erreicht zu haben. Was bedeutet aber diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, Bedeutung"/>? In der Tat ist nun zu sagen, dass der Sklavenaufstand<term type="begriffe" key="Sklavenaufstand gegen Gott"/> des Menschen gegen Gott gerade im religiösen Vorgang anschaulich <pb ed="A" n="226"/> zum Ausdruck kommt: Der Mensch hat «die Wahrheit<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/> in Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> gefangen genommen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>], er hat sich an sich selbst verloren, er hat das Eritis sicut Deus<term type="begriffe" key="Eritis sicut Deus"/>! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>] gehört und hören wollen, er ist sich selbst, was Gott ihm sein müsste. Er verwechselt die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> mit der Ewigkeit. Und darum auch die Ewigkeit mit der Zeit. Er wagt, was er nicht wagen dürfte: er greift hinaus über die ihm gesetzte Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> nach dem unsterblichen unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, raubt ihm<term type="begriffe" key="Raub an Gott"/>, was sein ist, schiebt sich in seine Nähe<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Reihe».</note> und Gott in seine eigene Nähe. Er bezieht <pb ed="pga" xml:id="p336"/> <hi rend="italic">sich selbst</hi> in ungeheuerlicher Verkennung der Distanzen<term type="begriffe" key="Distanz"/> auf den, auf den <hi rend="italic">er selbst</hi> sich unmöglich beziehen kann, weil Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> Gott ist und nicht mehr Gott wäre, wenn ein solches Sichbeziehen des Menschen auf ihn stattfinden könnte. Er macht Gott zu einem Ding<term type="begriffe" key="Ding, unter Dingen"/> unter Dingen in seiner Welt. Anschauliches Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird das alles offenbar gerade in der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>. Die Folge dessen, was gerade da anschaulich wird, ist aber jene<note n="w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «jede».</note> Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, in die nun mit jener bedenklichen <hi rend="italic">letzten</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> das <hi rend="italic">ganze</hi> Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> des Menschen gestürzt wird: Also <hi rend="italic">das</hi> ist der Mensch: das Wesen, das, wenn es sich, bedrängt von der Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> seiner Welt, zutiefst auf sich selbst besinnt, die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> hat, die Möglichkeit, das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> zu wagen, in unerhörtem Übermut<term type="begriffe" key="Übermut"/> zu tun, was es unter allen Umständen nicht tun dürfte, sich zu Gott zu stellen wie zu seinesgleichen. Wie steht es mit seinen übrigen Möglichkeiten, wenn das ihre letzte<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>, ihre tiefste, ihre Spitze ist? Wenn gerade die höchste Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> – Frevel ist? Nun bricht offenbar das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> herein, auch über seine übrigen Möglichkeiten. <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>Im Licht dieses Letzten, was der Mensch sein und was er tun kann, erscheint auch all
    das Vorletzte, was er ist und was er tut.<note n="x" target="fn-x" type="textcritical" xml:id="nx"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Im Licht dieses Letzten, was der Mensch sein und tun kann, erscheint auch all das Vorletzte, was er ist und tut.» Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Handexemplar notierte, hier in den Text übernommene Korrektur ist im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) unrichtig ausgeführt worden: «Im Licht dieses Letzten, was er tun kann, erscheint auch all das Vorletzte<term type="begriffe" key="Vorletzte"/>, was er tut.»</note> Mit dem Endglied zeigt sich die ganze Kette als eine Reihe von Unmöglichkeiten<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>. Mit dem Eintreten der höchsten Illusion<term type="begriffe" key="Illusion"/> menschlichen Strebens ist offenbar das Illusionäre auch der tiefer liegenden Strebungen aufgedeckt. Als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> stellt sich der Mensch <hi rend="italic">Gott</hi> gegenüber, nun muss er Gott – <hi rend="italic">gegenüber</hi> stehen. Eben in der <hi rend="italic">Erinnerung</hi><term type="begriffe" key="Erinnerung, an Unmittelbarkeit zu Gott"/> seiner Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> zu Gott wird das <hi rend="italic">Verlorensein</hi> dieser Unmittelbarkeit Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>. Die Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit, zum Tode"/> zum Tode bricht aus. Religion<term type="begriffe" key="Religion, Fragezeichen der Humanität"/> wird zum Fragezeichen des ganzen humanen Kultursystems. Der Mensch hat als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> Erfahrung. Wovon? Offenbar von seiner unanschaulichen Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> durch – die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. Der Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> des Menschen von Gott, das Zerreißen der Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> zwischen seinem Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und ihm wird in der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> zum <hi rend="italic">Vor</hi>fall<term type="begriffe" key="Vorfall"/>, die Dualität<term type="begriffe" key="Dualität"/> seiner ewigen Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> <pb ed="pga" xml:id="p337"/> zur Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/> <hi rend="italic">oder</hi> zur Verdammnis<term type="begriffe" key="Verdammnis"/> wird «durch das Gesetz» zur seelisch-geschichtlichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, seelisch-geschichtliche"/>. «Die Sünde überfließt<term type="begriffe" key="Überfließen der Sünde"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>).</p>
    <p><pb ed="A" n="227"/> <hi rend="italic">«Ich wüsste ja nichts von Begierde, wenn nicht das Gesetz ­gesprochen hätte: Du sollst nicht begehren!»</hi> Dass meine Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/> sündhaft ist, mein Begehren als solches ein Aufzuhebendes<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Begehrens"/>, das versteht sich wahrhaftig nicht von selbst, das ist eine Qualifizierung<term type="begriffe" key="Qualifizierung"/> meines Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>, zu der, abgesehen von der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, kein Grund vorhanden ist. Die Sinne sträuben sich mit Recht (und sofern wir an das denken, was das Absehen von der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> ursprünglich-endlich bedeutet, immer auch mit einem <hi rend="italic">letzten</hi> Recht!) gegen ihre Disqualifizierung, gegen ihre Verdächtigung und Verurteilung<term type="begriffe" key="Verurteilung"/> als Sinnlichkeit<term type="begriffe" key="Sinnlichkeit"/>, gegen die Diskreditierung der «bloßen» Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>. Warum sollte Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Natürlichkeit"/> böse<term type="begriffe" key="Böse"/> sein? «Ich wüsste nichts von Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>» («abgesehen vom Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/> ist die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> tot» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.8">7,8</ref>), wenn ich mich nicht fatalerweise als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> mit meiner ganzen Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Natürlichkeit"/> aus dem Schattendasein einer qualitätslosen Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, welche im Ernst<term type="begriffe" key="Gott, Ernst"/> und Humor<term type="begriffe" key="Gott, Humor"/> des mir verborgenen Gottes ihre Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> hatte, allzu unvorsichtig hinausgewagt hätte in das höchst qualifizierende Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> meiner göttlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/>. Meine Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>, meine Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/>, so wie ich sie jetzt und hier kenne, kann sich aber <hi rend="italic">nicht</hi> dagegen wehren, in dieses Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> zu <hi rend="italic">kommen.</hi> Die wenngleich verhüllte Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Da-Seins und So-Seins"/> des Daseins <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, oder anders ausgedrückt: das wenngleich verhüllte<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> Problem, das das Dasein Gottes für <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> bedeutet, <hi rend="italic">sorgt</hi> dafür, dass Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Konstante des Menschen"/> so oder so über mich kommt wie ein gewappneter Mann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.6.11">Spr. 6,11</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.24.34">24,34</ref>]: ich muss tun, was ich nicht tun kann noch darf: ich muss Gottes Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Gottes"/> in der schlechthin unzulänglichen und unwürdigen Form eines «religiösen Verhältnisses<term type="begriffe" key="Religion, Verhältnis zur Ewigkeit"/>» beziehen auf meine Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/>, meine Zeitlichkeit auf Gottes Ewigkeit. Mit der sozusagen notwendigen Realisierung dieser Möglichkeit ist aber «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>» in mein Leben eingetreten, d. h. aber eine wenn auch nicht absolute, so doch ungeheure Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>, eine wenn auch mittelbare, so doch intensive<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «intensivste».</note> Beleuchtung, eine wenn auch nicht letzte, so doch ganz energische Infragestellung<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> meiner «Begierden<term type="begriffe" key="Begierden"/>», meiner Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/>. Ein relativ<term type="begriffe" key="relativ"/> sehr radikaler (in der Form der prophetischen <pb ed="pga" xml:id="p338"/> Religion<term type="begriffe" key="Religion, prophetische"/> z. B. wahrhaft
    erschreckender) Bruch tritt ein zwischen <hi rend="italic">diesem</hi> menschlichen Lebensinhalt<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> und allen übrigen. Das ist ja «das Besondere» des Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>], dass er so weit draußen an jenem Rande<term type="begriffe" key="Rand"/> steht, der ihm in seinem ungewohnt steilen Abfall<term type="begriffe" key="Abfall"/>, in seiner ganz überraschenden Schärfe zum Hinweis werden könnte auf jenen <hi rend="italic">noch ganz anders</hi> steilen und scharfen Rand, der alle menschlichen Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>, der alle Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> von <hi rend="italic">Gott selbst</hi> scheidet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.20">3,1–20</ref>). Darf ich in meiner schlichten Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> «be<pb ed="A" n="228" break="no"/>gehren», sofern ich nichts anderes weiß als eben meine begehrliche Kreatürlichkeit, so darf ich gerade das nicht mehr, sofern ich mich unterwinde, noch etwas anderes zu wissen als meine Kreatürlichkeit, sofern ich mich so hart an die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der meine kreatürliche Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, kreatürliche"/> in Frage stellenden göttlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> begeben habe – jedenfalls nicht mehr ungebrochen, nicht mehr gerechtfertigt, nicht mehr schuldlos. Die Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Begierde"/>, jene alle Begierden fast schlechthin überbietende Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>, öffnet als solche ihren Mund und verkündigt das: «Du sollst <hi rend="italic">nicht!</hi>» über alles Begehren. Gottes Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Gottes"/>, bezogen auf des Menschen Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/>, macht diese zur Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>; des Menschen Zeitlichkeit, bezogen auf Gottes Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, wird Sünde – sofern eben dieses Beziehen hin und her das Tun des eben damit von Gott abfallenden<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> Menschen und nicht das Tun Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> ist. In welcher Form, in welcher Ausdehnung, in welcher Schärfe diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> der menschlichen Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität, menschliche"/>, diese Kontrastierung<term type="begriffe" key="Kontrastierung"/>, diese Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> tatsächlich stattfindet, das sind entwicklungsgeschichtliche Fragen, die uns hier nicht interessieren. Nach der prinzipiellen Bedeutung des religiösen Vorgangs neben den andern Lebensvorgängen haben wir gefragt, nach dem Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/>, und als Erstes gefunden, dass in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sünde wird anschaulich"/> die Sünde zur anschaulichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, anschauliche"/> unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, der Sünde"/> wird, dass in ihr der Sklavenaufstand<term type="begriffe" key="Sklavenaufstand gegen Gott"/> des Menschen gegen Gott zum anschaulichen Ausbruch kommt, und bedenken den Sinn der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes und unsrer Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> – wie sie jenseits dieser Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> und Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> stattfindet.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.8 Röm.7.11">V. 8‒11</ref> Indem die Sünde aber einen Hebel gewann durch die Forderung, bewirkte sie in mir alle nur mögliche Begierde. Denn abgesehen vom Gesetz ist die Sünde tot; ich lebte aber einst abgesehen vom Gesetz. Als aber die Forderung kam, da trat die Sünde ins Leben; ich aber starb. Und es fand sich, dass die auf Leben <pb ed="pga" xml:id="p339"/> hinzielende Forderung, gerade sie, mir zum Tode gereichte. Denn die Sünde gewann einen Hebel durch die Forderung, betrog mich und tötete mich durch dieselbe.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Indem die Sünde einen Hebel gewann durch die Forderung, bewirkte sie in mir alle nur mögliche Begierde.»</hi> Ganz ohne Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/> kann nicht geredet werden von <hi rend="italic">dem</hi> Vorgang, durch den Logos<term type="begriffe" key="Logos"/> zum Mythus wird! Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> ist in ihrem Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, im Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> Gottes selbst (das nie und nimmer ihre Ursache<term type="begriffe" key="Ursache"/>, wohl aber ihre letzte Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, letzte"/> ist) die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> der Spaltung seiner Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> mit Gott, die Möglichkeit seiner Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> zur Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/> <hi rend="italic">oder</hi> zur Verdammnis<term type="begriffe" key="Verdammnis"/>. Der Mensch hat in Gott die Gelegenheit, ein aufrührerischer Sklave zu sein, sich zu entzweien mit dem ewig Einen, den Schatten<term type="begriffe" key="Schatten, und Licht"/>, der dem <pb ed="A" n="229"/> göttlichen Licht<term type="begriffe" key="Gott, Licht"/> nur folgen dürfte als seine leere Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>, festzuhalten und zu verewigen, die Gelegenheit, auf seine Weise selbst Gott zu sein. Das Wissen von jener Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> und das damit schon gegebene Gebrauchmachen von dieser Gelegenheit ist die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. Wie das Wasser eines Kanals sich durch die geöffnete Schleuse in die tiefer liegende Strecke stürzt, um dort unten zu sein, wo es gemäß der ihm innewohnenden Trägheitskraft sein muss, so stürzt sich die Sünde in die Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, in die Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, in die Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/> <hi rend="italic">im Gegensatz</hi><term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zur Unanschaulichkeit, zur Nicht-Gegebenheit, zur Ewigkeit, weil ihr Wesen der Drang ist nach diesem «Dort unten» im Gegensatz zum «Dort oben», der Drang zum Relativen<term type="begriffe" key="Relativität"/>, zum Mittelbaren, zum Abgesonderten und Gegenüberstehenden. Sünde ist Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> als die Manifestation des Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Kosmos und Schöpfung"/> Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> gegen Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des sündigen Menschen"/> gegen Sein, Mensch gegen Gott. Es versteht sich nicht von selbst, dass die Schleuse, die zur Manifestation dieses Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> notwendig ist, geöffnet ist. Ursprünglich besteht er ja nicht. Ursprünglich lebt ja der Mensch im Paradiese<term type="begriffe" key="Paradies"/>, wo kein Oben <hi rend="italic">und</hi> Unten, kein Absolutes <hi rend="italic">und</hi> Relatives<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/>, kein Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> <hi rend="italic">und</hi> Diesseits ist (denn im «und» lauert der Abfall<term type="begriffe" key="Abfall"/>!), wo der Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/> eins ist mit der Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, der Mensch mit Gott, wo alles Natürliche als solches auch heilig ist, weil auch das Heilige natürlich ist, wo es also keine «Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>» gibt, sondern wo dem Menschen der Genuss aller Früchte des Gartens erlaubt und sogar geboten ist. Mit Ausnahme der Früchte des <hi rend="italic">einen</hi> Baums «mitten im Garten», des Baums<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> «der Erkenntnis des Guten und Bösen<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.16 Gen.2.17">Gen. 2,16–17</ref>]. Denn der in Gott verborgene <pb ed="pga" xml:id="p340"/> Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, in Gott"/> von Ursprung und Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> sollte <hi rend="italic">nicht</hi> menschlicher Lebensinhalt<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> werden. Der Mensch sollte <hi rend="italic">nicht</hi> für sich sein, was er an sich, in Gott ist: das Geschöpf als ein Zweites neben dem Schöpfer<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/>. Er sollte <hi rend="italic">nicht</hi> wissen, was Gott von ihm weiß und gnädig vor ihm verborgen hält: dass
    er – <hi rend="italic">nur</hi> der Mensch ist. Unter den <hi rend="italic">nicht</hi>-wissenden Menschen lustwandelt der Herr im Garten in der Abendkühle wie unter seinesgleichen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.8">Gen. 3,8</ref>]. Und nun beachte man auf <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelos</persName> «Erschaffung der Eva»<note xml:id="n17"> Teil des Deckenfreskos in der <placeName ref="kbga-places-1334">Sixtinischen Kapelle</placeName> im <placeName ref="kbga-places-1021">Vatikan</placeName>.</note> die fatale Geste der <hi rend="italic">Anbetung</hi><term type="begriffe" key="Anbetung"/>, mit der Eva im vollen Reiz ihrer Sinnlichkeit<term type="begriffe" key="Sinnlichkeit"/> den Schauplatz betritt; man beachte die warnend erhobene Hand Gottes und den höchst besorgten Ausdruck seines Gesichts, mit dem er gerade auf <hi rend="italic">diese</hi> Geste antwortet. Hier bereitet sich offenbar das vor, was nicht sein sollte. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName></hi> (wahrhaftig zu ihrer <hi rend="italic">Ehre:</hi> die erste religiöse Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/>!) tritt als Erste Gott <hi rend="italic">gegenüber</hi>, ihn anbetend, aber eben indem <hi rend="italic">sie</hi> – <hi rend="italic">Ihn</hi> anbetet<note n="z" type="textcritical" xml:id="nz"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> notierte am Rand in seinem Handexemplar: «anbetend». Möglicherweise wollte er den Satz umstellen: «aber eben – <hi rend="italic">Ihn</hi> anbetend, indem <hi rend="italic">sie</hi> sich  […] von ihm abgrenzt».</note>, sich in unerhörter, vermessener Weise von ihm abgrenzend. Da ist dann alsbald «die berühmte Schlange<term type="begriffe" key="Schlange"/>»<note xml:id="n18"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-647"> <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V.334f. (Prolog im Himmel)</bibl>: 
        <q rend="block">
            <lg>
                <l>Staub soll er fressen, und mit Lust</l> 
                <l>Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.</l></lg></q></note> auf dem Plan; das <pb ed="A" n="230"/> erste Gespräch <hi rend="italic">über</hi> Gott (der Prototyp aller Predigten<term type="begriffe" key="Predigt"/>!) wird geführt, Gottes Gebot wird Gegenstand menschlicher Beratung (Seelsorge<term type="begriffe" key="Seelsorge"/>!), die titanische<term type="begriffe" key="titanisch"/> Möglichkeit <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, die Möglichkeit klug zu werden, taucht (vor <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>!</hi>) auf und wird in tragische Wirklichkeit umgesetzt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.1 Gen.3.6">Gen. 3,1-6]</ref>. In <hi rend="italic">tragische</hi> Wirklichkeit: Denn wenn der Mensch «ist wie Gott» und weiß, was gut und böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> ist, wenn seine Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> zu Gott also sein eigener Lebensinhalt<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> wird, einer neben andern, dann ist das die Zerstörung der wahren Unmittelbarkeit. Wenn der Baum<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> «mitten im Garten» berührt wird, wenn der Mensch also an das rührt, was ihn mit Gott verbindet, aber, sobald <hi rend="italic">er</hi> daran rührt, auch von Gott scheidet (an das er eben darum <hi rend="italic">nicht</hi> rühren sollte!), dann ist der elektrisch geladene Stacheldraht der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> berührt, dann muss der Mensch, ausgreifend nach dem, <hi rend="italic">der er <pb ed="pga" xml:id="p341"/> nicht ist</hi><term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, und so auf seine eigene Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> stoßend, sein, <hi rend="italic">der er ist</hi>, dann muss er, mit geöffneten Augen sehend, was ihn von Gott scheidet, zugleich sehen, dass er selbst – nackt<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.7">Gen. 3,7</ref>]: triebhaft, begierig<term type="begriffe" key="Begierde"/>, leidenschaftlich<term type="begriffe" key="Leidenschaft"/>, ganz und gar auf das gerichtet, was vergehen muss, und darum selbst vergänglich<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>. Wird er die Schicksalslinie berühren? Wird er es unterlassen können, sie zu berühren? Warum ist die Frage, die Gott als der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> einerseits, der Mensch als Geschöpf<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> andrerseits zusammen bedeuten, so drängend, so gebieterisch, so auf der Hand liegend, dass sie, <hi rend="italic">von uns aus gesehen</hi>, gar nicht <hi rend="italic">nicht</hi> berührt werden, gar nicht <hi rend="italic">nicht</hi> zum Ausbruch kommen kann? Wir wissen nichts von dem Menschen, der etwa lassen könnte, was <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> getan hat. Wir können uns nicht verwundern, dass <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> <hi rend="italic">getan</hi> hat, was er hätte lassen sollen: Der Baum<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> und die Frage <hi rend="italic">wird</hi> berührt, der in dieser Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> enthaltene Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>, den zu kennen und zu ertragen Gott zu unserm Heil sich selbst vorbehalten, <hi rend="italic">wird</hi> menschlicher Lebensinhalt<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>, die mit dem Wissen von Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> an den Menschen gerichtete Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> <hi rend="italic">besteht</hi> nun, und damit ist das Paradies<term type="begriffe" key="Paradies, verlorenes"/> zum – verlorenen Paradies geworden. Denn durch die Forderung, die das Gute vor den Menschen hinstellt als das Seinsollende, ist das Seiende als solches diskreditiert – mindestens verdächtigt, vielleicht schon angeklagt, vielleicht schon verurteilt als – das Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>. Durch <hi rend="italic">die</hi> Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>, mit der der Mensch nach der Frucht <hi rend="italic">jenes</hi> Baumes<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> sich ausstreckt, ist das Begehren nach den Früchten <hi rend="italic">aller</hi> Bäume ein mehr oder weniger verbotenes geworden. Denn diese Begierde deckt die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> auf, die heilige, unerbittliche, ewige Gottesforderung im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Gott und Mensch"/> zu allem, was der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als Mensch denkt, will und tut<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/>. Was ist geschehen? Die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Triumph der"/> hat triumphiert. Stürmisch hat sie ihr «Unten» gesucht und gefunden in der Mannigfaltigkeit der jetzt als Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/> stigmatisierten <pb ed="A" n="231"/> Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/>. Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch, zu Gott"/> gegen Gott ist damit, dass Gottes Spruch herausgefordert worden, das Kennzeichen des Anschaulichen im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von anschaulich und unanschaulich"/> zum Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, des Relativen im Gegensatz zum Absoluten<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen relativ und absolut"/>, der Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Ursprung und Andersheit"/> zum Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> geworden. Und das durch das Mittel der göttlichen Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, durch die eingetretene religiöse Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, durch die verlockende Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/> (der Schlange<term type="begriffe" key="Schlange"/>!) von der Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> des Menschen zu Gott und durch das allzu interessierte Gehör, das sie beim Menschen, vorzugsweise bei dem durch das Rätsel der Mittel<pb ed="pga" xml:id="p342" break="no"/>barkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> stärker beunruhigten<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> Menschen weiblichen Geschlechts<term type="begriffe" key="Frau"/>, gefunden hat. Ausgerechnet die Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Mittel der Sünde"/> dient also der Sünde als Hebel, als Betriebskapital, als Stützpunkt bei dem Unternehmen, den Menschen und seine Welt aus der wirklichen Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> heraus- und in die Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/>, in den Widerstreit der Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> hineinzustürzen.</p>
    <p><hi rend="italic">«Denn abgesehen vom Gesetz ist die Sünde tot; ich lebte aber einst abgesehen vom Gesetz.»</hi> «Ich lebte» ist als Vergangenheit so wenig wörtlich zu nehmen wie das entsprechende «Ich werde leben» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref> usw.) als Zukunft. Urgeschichtlich<term type="begriffe" key="Geschichte, Ur- und Endgeschichte"/> hier, endgeschichtlich dort ist dieses «Leben», nicht aber geschichtlich, als ob es etwa eine bestimmte Zeit im Gegensatz zu andern Zeiten in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> eines oder vieler oder aller Menschen ausfüllte, als ob es nicht zeitlos, eine bestimmte Qualifizierung <hi rend="italic">aller</hi> Menschenzeit wäre. Bestenfalls im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> (aber auch das nur mit <hi rend="italic">Vorsicht!</hi><note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Vorsicht!».</note>) werden wir also von der Unschuld der Kinder<term type="begriffe" key="Kinder"/> und von der Schuld derer, die nicht mehr Kinder sind, von «jungen» und «alt gewordenen» Völkern, Kulturen<term type="begriffe" key="Kultur"/> u. dergl.<note xml:id="n19"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1917"><persName ref="kbga-actors-780">O. Spengler</persName>, <hi rend="italic">Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte</hi>, Bd. 1, München 1920, z. B. S. 154</bibl>: «Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum.»</note> reden. Das Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>, auf das jene «Vergangenheit» und «Zukunft» hinweist, hat keine historische Ausdehnung; es ist im Gegensatz zu dem gegebenen Leben der «Gegenwart» das <hi rend="italic">ewige</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/>. «Ich lebte», und die Sünde war «tot». Denn ich lebte «abgesehen vom Gesetz». «Abgesehen vom Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/>» ist aber die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, abgesehen vom Gesetz ist tot"/> tot und der Mensch lebendig. Die Kreatur abgesehen von ihrem Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Kreatur und Kreator"/> zum Kreator ist nicht sündig, nicht im Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch, zu Gott"/> zu Gott, nicht als bloße Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>, als bloßes Relativum<term type="begriffe" key="Relativität"/> zu verdächtigen. Dieser Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> und damit die Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/> der Kreatur wird erst in der titanischen<term type="begriffe" key="titanisch"/> Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> der Religion akut. Es ist ursprünglich, unanschaulich, urgeschichtlich ein Leben, in dem die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> trennt, nicht berührt ist, nicht berührt der Schicksalsbaum<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> in der Mitte des Gartens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.17">Gen. 2,17</ref>], ein Leben, in dem jenes Verbundenund Geschiedensein von Schöpfer<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> und Geschöpf <hi rend="italic">nicht</hi> die <pb ed="pga" xml:id="p343"/> tragische Bedeutung hat, die es in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Tragik"/> sofort gewinnt. <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelos</persName> «Erschaffung des <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>»<note xml:id="n20"> Teil des Deckenfreskos in der <placeName ref="kbga-places-1334">Sixtinischen Kapelle</placeName> im <placeName ref="kbga-places-1021">Vatikan</placeName>.</note> mit jenem reinen Blick, mit dem Gott und der Mensch sich ins Auge <pb ed="A" n="232"/> sehen, mit jener spielenden Freiheit, in der sich ihre Hände begegnen, mit jenem Triumph tiefsten und doch bewegtesten Friedens, der den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> zugleich krönt und – abgrenzt gegenüber dem, was als «alte» Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, alte"/> nachher einer «neuen»<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/> harren muss, das alles scheint von dieser unverlorenen und ganz und gar nicht-religiösen Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> zu reden. In dieser Unmittelbarkeit <hi rend="italic">lebt</hi> der Mensch, nicht dieser oder jener Mensch, sondern der Mensch, wie Gott ihn geschaffen hat zu seinem Bilde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.26 Gen.1.27">Gen. 1,26–27</ref>] und wie er zu
    seinem Bilde wieder geschaffen werden soll. Von dieser Unmittelbarkeit, die nie und nirgends «gewesen ist» und nie und nirgends «sein wird», kommen wir her, zu ihr gehen wir hin. Sie ist als Gottes alleiniges Tun und Werk die auch durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> nicht abgebrochene <hi rend="italic">Beziehung Gottes</hi><term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> <hi rend="italic">zu uns.</hi> Sie, von <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> trefflich beschrieben als die schlechthinige <hi rend="italic">Fremde</hi><note xml:id="n21"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>, Marcion, S. 158–160</bibl> («Der Erlösergott als der fremde und als der obere Gott»).</note>, ist unsre <hi rend="italic">Heimat</hi><term type="begriffe" key="Heimat, und Fremde"/>, die wir nicht vergessen können und deren Realität, Nähe und Herrlichkeit uns in den <hi rend="italic">letzten</hi> Worten<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> des Evangeliums<term type="begriffe" key="Evangelium"/>: Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, Gott<term type="begriffe" key="Gott"/> – zur Verlegenheit und zur Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> wird: denn jenseits dessen, was diese Worte besagen, ist wiederum kein Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, keine Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">4,15</ref>). Und was immer uns, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">5,13</ref> offenbar angenommen, in Leben und Geschichte als relativ reine und unschuldige Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> anschaulich werden mag, das mag uns, mit der geziemenden Harmlosigkeit und – Vorsicht aufgenommen, bedeutsam und hoffnungsvoll sein als Abglanz des <hi rend="italic">Lebens</hi>, von dem wir herkommen, zu dem wir hingehen.</p>
    <p><hi rend="italic">«Als aber die Forderung kam, da trat die Sünde ins Leben; ich aber starb.»</hi> Zerstäubt in alle Winde ist das ewige Jetzt! der Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>: «die Forderung kam»; sie kam, weil sie kommen musste zu dem Menschen, der mit seinem Wissen von Gut <hi rend="italic">und</hi> Böse<term type="begriffe" key="Gut, und Böse"/>, Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> <hi rend="italic">und</hi> Verwerfung, Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>, geworden wie Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], der an dem Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> Gottes mitzutragen hat. Wir wissen von keiner Zeit, in der die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> nicht kam. Die Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> des Menschen zu Gott wird <pb ed="pga" xml:id="p344"/> aus einer göttlichen Voraus-Setzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, göttliche"/> zu einer menschlichen Setzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, Setzung des Menschen"/> und kann als Setzung der göttlichen Voraus-Setzung auf alle andern menschlichen Setzungen nur <hi rend="italic">zer</hi>setzend wirken. Die ungeheuerliche Möglichkeit am Rande der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>: das Wissen des Menschen um sein Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> von Gott, um seine Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/>, um seine Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Kreatur und Kreator"/> zum Kreator, die ungeheuerliche Möglichkeit der Adorationsgeste gegenüber dem Unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, sie wirft auf <hi rend="italic">alle</hi> andern menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> das fatale Licht der – Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>. Wenn <hi rend="italic">das</hi> der Mensch ist, der <hi rend="italic">das</hi> tun kann, tun muss, wenn der <pb ed="A" n="233"/> Mensch sich auf <hi rend="italic">dem</hi> Wege befindet, an dessen Ende (was nur die religiöse Schwachbrüstigkeit nicht einsieht!) die doppelte Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/> geglaubt und verkündigt werden muss – was ist dann der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/>?! «Da trat die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, tritt ins Leben"/> ins Leben.» Unwiderruflich vorbei ist nun der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der ewigen Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, unrettbar dahin die Reinheit, Heiterkeit und Friedlichkeit jenes Lebens, in dem Gott als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> und der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als Mensch nicht zwei, sondern eins<term type="begriffe" key="Einheit"/> sind, unvermeidlich eingetreten ist nun jenes Zweiheitsleben, in dem Gott als der übermächtige Widerpart des Menschen, der Mensch als der ohnmächtige Widerpart Gottes, Gott den Menschen und der Mensch Gott beschränkend, in Frage stellend<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> und kompromittierend sich gegenüberstehen. «Ich aber starb.» Urgeschichtliche (nicht zeitliche) Vergangenheit natürlich auch dieses «ich starb»: den Übergang von der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> in die Zeit bezeichnet dieses Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/>. Mittelbar ist nun <hi rend="italic">alles</hi> geworden. Gegenüber dem unauflöslichen Kontrast des Lebens Gottes und darum unter dem unvermeidlichen Stempel des Todes <hi rend="italic">steht</hi> nun unser Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> in seiner ganzen Breite. Kritische Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> ist nun die immer wieder sich verschließende, immer neu aufzubrechende enge Pforte<term type="begriffe" key="Pforte(, enge)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13 Mt.7.14">Mt. 7,13–14</ref> par.], unter der sich der Ausblick vom Endlichen auf das Unendliche allein auftut. Bedenken, dass wir sterben müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>], <hi rend="italic">ist</hi> nun der Punkt, wo es gilt, entweder klug zu werden oder (und diesmal in sehr ungutem Sinn!) unklug zu bleiben. Denn rücksichtslos <hi rend="italic">stellt</hi> sich nun im <hi rend="italic">Tode</hi>, im Kontrast<term type="begriffe" key="Kontrast"/> des Anschaulichen und Unanschaulichen, im Bilde der Zeit, die immer nur Vergangenheit und Zukunft, nie Gegenwart, im Bilde der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>, die immer nur Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>, nie
    Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, im Bilde der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Historie"/>, die immer nur Historie, nie Geschehen ist, rücksichtslos <hi rend="italic">stellt</hi> sich nun im <hi rend="italic">Nein</hi> die Jafrage, die Lebensfrage<term type="begriffe" key="Lebensfrage"/>, die Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/>. Die Welt, von der <pb ed="pga" xml:id="p345"/> wir allein wissen, ist die Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, des Menschen und der Dinge. Die letzte Erfahrung, die wir in<note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab">Druckmanuskript: «von».</note> dieser Welt gewinnen können, und das Apriori<term type="begriffe" key="Apriori"/> aller Erfahrung, treffen sich in dem Satze: «Ich aber starb.» Und es ist der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> als solcher, in dem sich die letzte Erfahrung und das Apriori aller Erfahrung treffen. «Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen mit meinen Augen!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.5">Jes. 6,5</ref>). Und vor diesem Sehen und Vergehen gibt es <hi rend="italic">kein</hi> Ausweichen.</p>
    <p><hi rend="italic">«Und es fand sich, dass die auf Leben hinzielende Forderung, gerade sie, mir zum Tode gereichte. Denn die Sünde gewann einen Hebel durch die Forderung, betrog mich und tötete mich durch dieselbe.»</hi> Die volle Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie, des Sündenfalls"/> des Sündenfalls liegt darin, dass die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, durch die die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, zerstört unmittelbares Leben"/> <pb ed="A" n="234"/> das unmittelbare Leben zerstört hat, gerade in dem besteht, was uns innerhalb des durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, beherrscht mittelbares Leben"/> beherrschten mittelbaren Lebens die höchste, die dringendste Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> ist: in der Berührung der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, in dem Griff nach der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Guten und Bösen"/> des Guten und Bösen<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, im Auftauchen des Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Gott und Mensch"/> zwischen Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> als Gott und dem Menschen als Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/>.</p>
    <p>Was zielt denn für uns, innerhalb der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/>, der Zeit, der Dinge und des Menschen auf das «Leben», eben auf das verlorene und wiederzugewinnende unmittelbare Leben in Gott hin, wenn nicht die «Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>», das Gesetz, die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, der Vollzug der kritischen Negation<term type="begriffe" key="Negation, kritische"/>, das «Bedenken, dass wir sterben müssen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>]? Welchen andern Weg zur Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> des Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> können wir denn als Menschen, denen, «vernünftig schauend», der «Gottesgedanke bekannt» ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>), gehen, als den schmalen Weg der «Todesweisheit<term type="begriffe" key="Todesweisheit"/>»? Wohin wollten und könnten wir uns denn stellen (jetzt und hier, wo wir schlechterdings irgendwo stehen müssen!) als – knapp diesseits der Linie, «da <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> von gefallen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n22"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p235#fn_n45">S. 235, Anm. 45</ref>.</note>, da wir nicht mehr jenseits stehen können – im besten, kühnsten Fall dorthin, wo mit dem «historischen Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/>» <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> und alle Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/> und Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> stehen: an den <hi rend="italic">äußersten</hi> Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dort, wo der Mensch am ausgespro<pb ed="pga" xml:id="p346" break="no"/>chensten Mensch, von aller Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> wahrhaftig am weitesten entfernt, mit der ganzen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> seiner Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, des Menschen"/> als Mensch am schwersten belastet ist? Was anders können wir denn ehrlicherweise sein als eben – religiöse Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, büßend in Staub und Asche [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.6">Hiob 42,6</ref>], ringend danach, dass wir selig werden unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>], und wahrlich, wenn mit einer Geste, dann mit der des Adoranten<term type="begriffe" key="Anbetung"/>?! Die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, die uns dazu nötigt, zielt auf das <hi rend="italic">Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben"/> hin, wir wissen es nur zu gut, wir können jetzt und hier nichts anderes wissen. Sollten wir uns etwa scheuen, die Konsequenzen ziehend, wirklich an den <hi rend="italic">äußersten</hi> Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> auch des Randes der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> zu treten, sollte uns die Unerbittlichkeit <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, der dialektische<term type="begriffe" key="dialektisch"/> Mut <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName>, die Ehrfurcht<term type="begriffe" key="Ehrfurcht"/> <persName ref="kbga-actors-312">Overbecks</persName>, der Ewigkeitshunger<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName>, die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> <rs type="person" ref="kbga-actors-48 kbga-actors-47">Blumhardts</rs> allzu groß und gefährlich erscheinen, wohl, so mögen wir uns mit schwächeren und schlechteren religiösen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, etwa mit irgend einem Rationalismus<term type="begriffe" key="Rationalismus"/> oder Pietismus<term type="begriffe" key="Pietismus"/> begnügen und werden doch nicht verhindern können, dass auch sie die auf den äußersten Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> unerbittlich hinweisende Konsequenz in sich tragen und eines Tages gebären könnten. Und wenn <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, leichter zufrieden mit den andern tiefer liegenden Möglichkeiten, je vergessen sollte, wie es um den Menschen steht und was ihm allein übrig bleibt, so ist gesorgt dafür, dass er durch <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>, die <pb ed="A" n="235"/> die
    Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> minder leicht entbehrt als er, immer wieder an jene höchste Mittelbarkeit<note n="ac" type="textcritical" xml:id="nac">Druckmanuskript: «höchste – Mittelbarkeit».</note><term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> erinnert wird. – Aber, und das eben ist die tragische Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie"/>: Was wir jetzt und hier, in der seelisch-geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> als Akt der Hinwendung zu der Fremde, die doch unsre Heimat<term type="begriffe" key="Heimat, und Fremde"/> ist, am wenigsten unterlassen können, <hi rend="italic">das gerade</hi> ist als Akt, als Setzung, der stärkste Verrat<term type="begriffe" key="Verrat"/> an der Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, Verrat"/>, <hi rend="italic">das gerade</hi> ist als höchste Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> der Ausdruck unsrer gründlichsten Entfernung vom Unmittelbaren<term type="begriffe" key="Unmittelbare"/>, <hi rend="italic">das gerade</hi> ist als Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> der Ausbruch, die Katastrophe der menschlichen Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> Gott gegenüber, <hi rend="italic">das gerade</hi> ist’s, was, von Gott aus gesehen, hätte unterlassen werden müssen. Denn «die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, gerade sie, gereichte mir zum Tode». Gerade das Notwendigwerden der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, der Griff nach dem Baum<term type="begriffe" key="Baum der Erkenntnis"/> in der Mitte, das Wissen- <pb ed="pga" xml:id="p347"/> Wollen von Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> und Mensch ist ja die der seelisch-geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> vorausgehende und darum innerhalb dieser Wirklichkeit nicht umzukehrende<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/>, durch die der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> als böse<term type="begriffe" key="Böse"/>, als sterblich, als – Mensch qualifiziert, durch die er in den Kontrast<term type="begriffe" key="Kontrast"/> des Relativen zum Absoluten<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/> gestürzt und verkettet wird, durch die er im besten Fall vor jenes Nein gestellt ist, in dem allein das Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein, Religion"/> verborgen ist. Der Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, tödlicher Sinn der R."/> ist der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>. Des zum Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> die Tatsache, dass es um alle relative Harmlosigkeit, Naivität und innere Ruhe des Menschen getan ist, wenn <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> für ihn akut wird. Religion<term type="begriffe" key="Religion, keine Harmonie"/> ist alles andre als Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> mit sich selbst oder gar noch mit dem Unendlichen<note xml:id="n23"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3623"><persName ref="kbga-actors-9674">R. W. Trine</persName>, <hi rend="italic">In Harmonie mit dem Unendlichen</hi>, übersetzt von M. Christlieb, Stuttgart 76.-80.Tsd. 1919</bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3212"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Predigten 1920</hi>, hrsg. von H. Schmidt [Gesamtausgabe, Abt. I], Zürich 2005, <ref type="pub-" target="../volume/42/p025#fn_n03">S. 25, Anm. 3</ref></bibl>). Vermutlich ist auch an <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, Reden, S. 239, Z.16–18.20–25</bibl> (Originalausgabe S. 115, in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar [<bibl corresp="kbga-bibls-936">Göttingen 1906, S. 72f.]</bibl> ist die Passage teilweise unterstrichen) gedacht: «So sezt der Mensch dem Endlichen, wozu seine Willkühr ihn hintreibt ein Unendliches  […] an die Seite; so schafft er seiner überflüßigen Kraft einen unendlichen Ausweg, und stellt das Gleichgewicht und die Harmonie seines Wesens wieder her, welche unwiderbringlich verloren geht, wenn er sich, ohne zugleich Religion zu haben, einer einzelnen Direktion überläßt.»</note>. 
    Hier ist kein Raum für noble Gefühle und edle Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>. Das mögen arglose Mitteleuropäer und Westler meinen, solange sie’s können. Hier ist der Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund"/>, hier ist das Grauen. Hier werden Dämonen<term type="begriffe" key="Dämon"/> gesehen (<persName ref="kbga-actors-9675">Iwan Karamasoff</persName><note xml:id="n24"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2099"> <persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName>, <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>, 11. Buch, Kap. IX</bibl>.</note> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>!<note xml:id="n25"> 
    Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3614"><persName ref="kbga-actors-9673">H. Preuß</persName>, <hi rend="italic">Luther und der gotische Mensch</hi>, Leipzig/Erlangen 1919, 16f.</bibl>: «Diese starke Religiosität ist bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> genau wie in der Gotik Schrecken, Angst, Sündenelend, Bussstimmung. [...] Sein Entsetzen aber spiegelt sich anschaulich ab in seiner grotesken Dämonologie, die unmittelbar mit den Gestalten auf den Dächern der gotischen Dome verwandt ist. Der Teufel macht ihm fortwährend zu schaffen, nicht bloss in der Einöde der Wartburg. Sein ganzes Heldentum ist ein Kampf gegen den alten bösen Feind und sein grösstes Lied hat er gegen ihn gesungen.»</note>). 
    Hier ist der altböse Feind<term type="begriffe" key="Feind, der F."/><note xml:id="n26"> Aus der ersten Strophe von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> Choral «Ein feste Burg ist unser Gott», GERS (1891) 157; RG (1998) 32; EG 362</bibl>: <q rend="block"> <lg>
        <l>Der alt böse Feind,</l>
        <l>mit Ernst er’s jetzt meint.</l></lg></q></note> unheimlich nahe. Dass <pb ed="pga" xml:id="p348"/> dem so ist, dass die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> des Menschen Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> ist, das ist der Betrug<term type="begriffe" key="Betrug"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Betrug der"/>. «Die Schlange<term type="begriffe" key="Schlange"/> betrog mich» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.13">Gen. 3,13</ref>). Die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> ist das Möglichwerden dessen, was jetzt und hier unsre Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> ist: jener höchsten Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> des Wissens von Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>. 
    Der Betrug<term type="begriffe" key="Betrug"/> besteht in der Täuschung, als ob diese Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> das Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> bedeute, während sie den Tod bedeutet. Er vollzieht sich damit, dass der Mensch nicht sieht, wie seine eigene, reinmenschliche Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> als solche das vor Gott Nichtseinsollende<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> ist. Er gelingt, weil der Mensch, der solche Eigenheit Gott gegenüber auch nur als Möglichkeit in sich aufnimmt, als solcher – der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> ist. Die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> als «Hebel» in der Hand der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> als Unmittelbarkeit verkleidet, Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, als Eigentat"/> als Eigentat und Eigenwerk, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, die nicht weiß, <pb ed="A" n="236"/> wie fragwürdig<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> – nicht die Welt, sondern sie selbst ist, Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/>, die nicht vor <hi rend="italic">Gott</hi> zum <hi rend="italic">Schweigen</hi><term type="begriffe" key="Schweigen"/> kommt und die zum Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> erhobenen Arme sinken lässt, indem sie sie erhebt, erhebt, indem sie sie sinken lässt, das ist des Menschen Fall<term type="begriffe" key="Fall, des Menschen"/>.
    </p>
    <p>Wir haben bei der Frage nach dem Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/> das Zweite gefunden: dass sie gerade in ihrer Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> die Demonstration der Macht ist, die die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> über <hi rend="italic">diesen</hi><note n="ad" type="textcritical" xml:id="nad"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">diesem</hi>».</note> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> hat, und bedenken wiederum den Sinn der dem in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Humanität"/> sich schließenden Ring der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> gegenüberstehenden Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.12 Röm.7.13">V. 12‒13</ref> Also ist das Gesetz zwar heilig und die Forderung heilig und gerecht und gut. Ist mir nun das Gute zum Tode geworden? Unmöglich! Aber die Sünde bereitete mir, damit sie als Sünde sich offenbare, durch das Gute den Tod, damit die Sünde sich als das unbegreiflich Sündige erweise durch die Forderung.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Das Gesetz ist heilig und die Forderung heilig und gerecht und gut.»</hi> Was sollen wir tun? fragt der Mensch, indem er unter dem ungeheuren Druck seiner Lage als Mensch in der Welt endlich zum Bewusstsein<term type="begriffe" key="Selbstbewusstsein"/> seiner selbst, der an ihn gerichteten Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> und seines Abstandes<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> Gott gegenüber kommt und damit zum religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> wird. Die Antwort auf diese Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> kann nur heißen: Vor allem so <hi rend="italic">fragen!</hi> Gott erhalte uns diese <hi rend="italic">Frage!</hi> Möchte sie als <hi rend="italic">Frage</hi> uns von allen Seiten umzingeln, aller Antworten, die etwas anderes sind als selber wieder Fragen<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>, uns berauben, alle Auswege, alle Erleichterun<pb ed="pga" xml:id="p349" break="no"/>gen uns abschneiden! Möchte sie den Rand jenes <hi rend="italic">Lochs</hi> in der Mitte des Wagenrades, von dem schon <persName ref="kbga-actors-1109">Lao-Tse</persName> wusste<note xml:id="n27"> <bibl corresp="kbga-bibls-2116"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1109">Lao-tszes</persName></hi> <hi rend="italic">Buch vom höchsten Wesen und vom höchsten Gut (Tao-te-king)</hi>, übers. von J. Grill, Tübingen 1910, S. 80</bibl>: «Dreißig Speichen kommen in Einer Nabe zusammen; aber nur dadurch, daß diese ein leeres Innere hat, wird es möglich, den Wagen zu gebrauchen.»</note>, recht scharf bezeichnen. Denn die Antwort ist das, was den Inhalt jenes Kreises<term type="begriffe" key="Kreis"/> bildet, den zu umschreiben der Sinn der <hi rend="italic">Frage</hi><term type="begriffe" key="Frage"/> ist, die eben darum in keinem Moment aufhören darf, <hi rend="italic">Frage</hi> zu sein. «Das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, ist heilig"/> ist heilig.» Die Religion<term type="begriffe" key="Religion, keine Sünde"/> ist so wenig die Sünde wie irgend eine andere menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, weil Sünde viel mehr ist als <hi rend="italic">eine</hi> Möglichkeit. Im Gegenteil: Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Verweis auf das Göttliche"/> markiert den Punkt, wo alle menschlichen Möglichkeiten in das Licht der göttlichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> treten. Sie vertritt das Göttliche, sie ist seine Delegation, sein Abdruck<term type="begriffe" key="Abdruck"/>, sein Negativ<term type="begriffe" key="Negativ"/> – außerhalb des Göttlichen selbst. Innerhalb der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> ist zweifellos die Religion<term type="begriffe" key="Religion, als das Heilige"/> das <hi rend="italic">Heilige</hi>, das vom Menschlichen weg und auf das Göttliche hinweist, das <hi rend="italic">Gerechte</hi>, das Korrelat, die Parallele<term type="begriffe" key="Parallele"/>, das Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des göttlichen Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/>, das <hi rend="italic">Gute</hi>, der Hergang<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> und Zustand, der, wenn einer, als Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> Zeuge der verlorenen Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> ist. Ihr um ihrer bewusst oder unbewusst empfundenen Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> und Gefährlichkeit willen ausweichen zu wollen, führt <hi rend="italic">ent</hi><pb ed="A" n="237"/><hi rend="italic">weder</hi> zurück zu andern tiefer liegenden menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, vielleicht zu der ethischen<term type="begriffe" key="Ethik"/>, logischen<term type="begriffe" key="Logik"/> oder ästhetischen<term type="begriffe" key="Ästhetik"/>, vielleicht auch noch tiefer – <hi rend="italic">oder</hi> aber seitwärts zu alten oder neuen religiösen Varianten, die, wenn der Variator etwa nicht grundsätzlich wissen sollte um die Beschränktheit<term type="begriffe" key="Beschränktheit"/> des religiösen Vorgangs an sich, sicher schlechte Varianten sein werden. Ein menschliches Vorwärts!<term type="begriffe" key="Vorwärts!"/>, jenseits der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> gibt es nicht. Sie ist das letzte menschenmögliche Vorwärts! indem sie innerhalb der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> und außerhalb des Göttlichen auf das Außerhalb der Humanität, das das göttliche Innerhalb ist, hinweist. Darum: <hi rend="italic">Möchten</hi> wir nur «eifern» nach den besten Gaben – innerhalb der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/>, außerhalb der Herrschaft der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Herrschaft der"/>, die «nicht eifert»! (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.31">1.Kor. 12,31</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.1">14,1</ref>; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.4">13,4</ref>). <hi rend="italic">Möchten</hi> wir nur religiöse Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> <hi rend="italic">sein</hi>, Adoranten<term type="begriffe" key="Anbetung"/>, Wartende und Eilende<term type="begriffe" key="Warten, und Eilen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>] aus ganzer Seele, aus ganzem Gemüt und aus allen unsern Kräften [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.37">Mt. 22,37</ref> par.]! Und Religion<term type="begriffe" key="Religion, ist zu reformieren"/> zu we­­cken, wachzuhalten und zu pflegen, vor allem aber zu reformieren<term type="begriffe" key="Reformation"/>, <pb ed="pga" xml:id="p350"/> nein immer wieder zu revolutionieren<term type="begriffe" key="Religion, ist zu revolutionieren"/>, ist eine Aufgabe, die wahrlich, wenn irgend eine innerhalb der Humanität<term type="begriffe" key="Religion, Humanität"/>, des Schweißes der Edlen wert<note xml:id="n28"> Wendung aus der Ode <bibl corresp="kbga-bibls-3624">«Der Zürchersee» von <persName ref="kbga-actors-4082">Fr. G. Klopstock</persName></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 105</bibl>.</note> ist.</p>
    <p>Aber – je mehr, je konsequentere Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Tod"/>, um so tiefer der Todesschatten<term type="begriffe" key="Schatten"/>, der sich auf den Menschen legt. Wohl begreiflich, dass sich die meisten sträuben, an den <hi rend="italic">äußersten</hi> Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> dieser Möglichkeit zu treten, wo menschlich gesehen, nur noch die Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> <hi rend="italic">als Frage</hi> übrig bleibt, wo alles, aber auch alles, was weiter zurückliegt, in das Licht dieser Frage gerückt wird. Wohl begreiflich die unzähligen Versuche zwischen dem Seelenschlaf des Weltmenschen<term type="begriffe" key="Weltmensch"/> und der konsequenten Religion<term type="begriffe" key="Religion, des Gesetzes"/> des heiligen, gerechten und guten Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, ist heilig"/>, irgend eine Zwischenlösung zu finden. Wohl begreiflich die Frage: <hi rend="italic">«Ist mir das Gute zum Tode geworden?»</hi>, die, inhaltlich zusammenfallend mit der Frage, ob das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Sünde"/> selbst die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> sei (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7">7,7</ref>), von der wir ausgingen, zurückführen würde zu irgend einem jener Versuche, dem Zwielicht<term type="begriffe" key="Zwielicht"/> und der Gefahr der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Gefahr"/> zu entgehen. Wir fühlen doch die Spannung<term type="begriffe" key="Spannung"/>, die Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, die Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> der Lage, in die wir gerade als religiöse Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> versetzt sind. Was uns in solche Ferne von allen Fleischtöpfen Ägyptens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.16.3">Ex. 16,3</ref>], so tief in die Wüste<term type="begriffe" key="Wüste"/> führt, was uns so aufhebt<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> und zu Boden wirft, so exzentrisch und seltsam, so sehr zu Einsiedlern und Fremdlingen macht, was mit dem Tode<term type="begriffe" key="Tod"/> so große Ähnlichkeit hat, das <hi rend="italic">kann</hi> ja nicht das Gute sein, nicht wahr? Sollte Gott so hart sein? Wie naheliegend, wie einladend und einfach sind doch dem gegenüber alle jene halb oder ganz antinomistischen<term type="begriffe" key="Antinomie"/> Lösungen, die alle irgendwie auf den Versuch hinauslaufen, den Menschen von <pb ed="A" n="238"/> dem bittern fürchterlichen Ernst der Religion<term type="begriffe" key="Religion, fürchterlicher Ernst"/> zu befreien, auf die Einladung, er möge sich doch nicht so quälen, auf das Angebot, ihm im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum Gesetz"/> zu den Todesschatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> des Gottesgesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Gottes"/> (in denen tatsächlich gerade die großen Verkündiger<term type="begriffe" key="Verkündiger"/> der alleinseligmachenden Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, alleinseligmachend"/> ihr Leben in der Welt zubrachten) eine bescheiden-heitere Erlöstheit jenseits der Gefahrenzone anzuweisen. Ist die Versuchung nicht allzu groß, die Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sprengkraft"/> ihres Dynamits<term type="begriffe" key="Dynamit"/> zu entladen, sie etwas leichter zu nehmen, als man streng genommen dürfte, und sich dadurch dem Fluch<term type="begriffe" key="Fluch"/> und Elend der Mittelbarkeit<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/>, der nur mensch<pb ed="pga" xml:id="p351" break="no"/>lichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, der Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> und Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> und Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> unseres Daseins, die auf niemandem mehr lasten als auf dem <hi rend="italic">religiösen</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, einigermaßen zu entziehen?</p>
    <p><hi rend="italic">«Unmöglich!»</hi> antworten wir. Wir müssen, koste es, was es wolle, bei der Stange bleiben. Wir müssen den Kelch leeren bis auf die Hefe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.75.9">Ps. 75,9</ref>]. Das Gute ist darum nicht weniger das Gute, weil es <hi rend="italic">nicht</hi> das Einfache, <hi rend="italic">nicht</hi> das Naheliegende, <hi rend="italic">nicht</hi> das direkt Annehmbare ist, weil es uns zweifellos an die Pforte des Todes führt. Wir müssen die volle Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie"/> der menschlichen Lebenslage auf uns nehmen. Sie besteht darin, dass wir, wenn wir überhaupt zum Bewusstsein<term type="begriffe" key="Selbstbewusstsein"/> unser selbst und unsrer Situation in der Welt kommen, durch die heilige Forderung Gottes, die uns in der erkannten Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, Problematik der"/> begegnet, von Schritt zu Schritt weitergeführt werden bis zu der letzten Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>, in der wir sehend, vergehend, flehend, schreiend aus tiefer Not<note xml:id="n29"> Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-51"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> Choral «Aus tiefer Not schrei ich zu dir», GERS (1891) 214; RG (1998) 83; EG <choice><sic ed="pga">144</sic><corr type="misprint" resp="sm">299</corr></choice></bibl>.</note> die Arme ausbreiten nach dem großen Unbekannten<term type="begriffe" key="Unbekannte"/>, nach dem Ja, das unanschaulich dem Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, in dem wir gefangen sind, gegenübersteht – und dass wir dann erkennen müssen, dass uns auch solches Sehen<note n="ae" type="textcritical" xml:id="nae"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Sehnen».</note>, Vergehen, Flehen und Schreien <hi rend="italic">nicht</hi> rechtfertigt, <hi rend="italic">nicht</hi> erlöst, <hi rend="italic">nicht</hi> rettet, dass wir gerade damit nur bestätigt und besiegelt haben, dass wir – Menschen<term type="begriffe" key="Mensch"/> sind. Gehorchen muss ich der Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/>, die über allen Begierden ist, der Begierde der verlorenen Lebensunmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/>, und indem ich ihr gehorche, qualifiziert diese Begierde<term type="begriffe" key="Begierde"/> alle Begierden und nicht zuletzt sich selbst als Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, als Begierde"/>; indem ich «weiß durch das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, wie ich mit Gott dran bin, so stehe ich alle Wege in Furcht, Fragen und Ängsten, ja lasse mich durch ein rauschend Blatt erschrecken, fürchte einen Donnerschlag, muß alle Zeit sorgen, Gott komme mit einer Keule hinter mir her und schlage mich an Kopf» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 114</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-1988"><hi rend="italic">Predigt am Tage der Reinigung Mariä</hi> (2.2.1526) [über Lk. 2,22–32], WA 20, 245,24-28</bibl> (bei Eberle: «Furcht, Sorgen und Aengsten», entsprechend WA, Z.26: «sorg»).</note>. Alles muss ich, auf die Gefahr hin, mich sonst selbst als Feigling und Schwächling verachten zu müssen, dran wagen, dran geben, dran opfern, um das Eine, das «Sein wie <pb ed="pga" xml:id="p352"/> Gott» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Schöpfung, die Mitte, auf die ja doch alle meine Möglichkeiten hinzielen, zu erreichen und zu erlangen, und wenn ich <hi rend="italic">alles</hi> gewagt, <hi rend="italic">alles</hi> <pb ed="A" n="239"/> gegeben, <hi rend="italic">alles</hi> geopfert habe, muss ich mit leeren Händen dastehen, Staub und Asche [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.6">Hiob 42,6</ref>], ferner und fremder dem Einen als je. Wissen wir jetzt, jetzt endlich, was die <hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/> ist, wie wenig wir in der Lage sind, ihr zu entrinnen? <hi rend="italic">So</hi> grundsätzlich ist sie die Möglichkeit aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dass wir uns gerade durch den Versuch, ihr zu entrinnen (denn das ist die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>), in Sündenschuld<term type="begriffe" key="Sündenschuld"/> verstri­­cken, ins Todesschicksal<term type="begriffe" key="Schicksal"/> stürzen. «<hi rend="italic">Die Sünde bereitet mir, damit sie als Sünde sich offenbare, durch das Gute den Tod</hi><term type="begriffe" key="Tod"/>.» Durch das Gute! Durch das Notwendige! Durch das Unvermeidliche! Durch das, wonach wir, wenn wir endlich ehrlich geworden, greifen als nach dem rettenden Strohhalm! Durch die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, die uns, wenn wir sie zuerst entdecken, aufgeht wie ein Licht in dunkler
    Nacht! Durch das Reinste, Hoffnungsvollste, Erhabenste, was wir innerhalb der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> kennen! Was ist der Erotiker<term type="begriffe" key="Erotik"/>, der Alkoholiker<term type="begriffe" key="Alkohol"/>, der Intellektualist<term type="begriffe" key="intellektuell"/>, der Mammonist<term type="begriffe" key="Mammon"/>, der Gewaltpolitiker<term type="begriffe" key="Politik"/>, was ist das Heer der Alltagsphilister neben dem glaubenden, dem betenden Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>? <hi rend="italic">Er</hi>, nicht jene, hört und vernimmt das vernichtende Halt!,<term type="begriffe" key="Halt!"/> das Gott dem Menschen gebietet. <hi rend="italic">Er</hi>, nicht jene, stirbt den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, der das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> über diesen Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> ist. «Fürwahr, <hi rend="italic">Er</hi> trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.4">Jes. 53,4</ref>). <hi rend="italic">Er</hi> ist der Sünder, und keine menschliche, sondern die göttliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> ist eingetreten, wenn er zugleich der Schuldlose, der Begnadigte ist, der das Heil und das Leben verkündigt, wenn «unsre Strafe auf ihm liegt, auf dass wir Frieden<term type="begriffe" key="Friede"/> hätten» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.5">Jes. 53,5</ref>). Wissen wir jetzt, was die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> ist? Und was der Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/>? <hi rend="italic">«Damit die Sünde sich als das unbegreiflich Sündige erweise durch die Forderung.»</hi> Das ist der Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/>, dass sich in der Tatsächlichkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7">7,7b</ref>) und Unvermeidlichkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.8 Röm.7.11">7,8–11</ref>) dieser höchsten Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> die Macht der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> als <hi rend="italic">die</hi> Macht erweise, die den in sich geschlossenen Ring der Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> beherrscht, die aber selber durch die Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, begrenzt ist. Nur durch sie! Das ist der Sinn des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Sinn des"/>, dass es uns die Augen schärfen muss dafür, dass jene Freiheit<term type="begriffe" key="Gesetz, und Freiheit"/> vom Gesetze, jener «Dienst im neuen Sinn des Geistes<term type="begriffe" key="Sinn, des Geistes"/>», nach welchem wir über die Grenze der Religion<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Religion"/> hinweg <pb ed="pga" xml:id="p353"/> bereits ausschauten (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.6">7,6</ref>), auf alle Fälle das bei den Menschen Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref> par.] muss. 
</p> 
</div> 
    
    
    
  <div>
    <head><hi rend="smallCaps">Die Wirklichkeit der Religion</hi></head>
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14 Röm.7.25">7,14–25</ref></head>

    <p> Der Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn der R."/> ist der Erweis der Macht, mit der die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> diesen Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> beherrscht: auch der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> ist Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, gerade er, gerade er als solcher! Damit «überfließt» die Sünde<term type="begriffe" key="Überfließen der Sünde"/>, und es wird deutlich, was es mit dem «Überströmen» der Gnade (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>), mit dem Trotzdem!<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem!"/> des göttlichen Erbarmens auf sich haben muss. Aber bevor wir unsre Aufmerksamkeit noch einmal direkt diesem Blickpunkt aller unsrer Überlegungen zuwenden, haben wir uns zu sichern dagegen, dass etwa unsrer (in den Augen von Theoretikern<term type="begriffe" key="Theoretiker"/>) bloß theoretisch gewonnenen Auffassung der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als letzte menschliche Frage"/> als der letzten menschlichen <hi rend="italic">Frage</hi><term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> die sog. religiöse Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> als <hi rend="italic">Antwort</hi>, als nicht mehr fragliche Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> jenseits von Schuld<term type="begriffe" key="Schuld, und Schicksal"/> und Schicksal gegenübergestellt werden könnte. Gerade die Wirklichkeit der Religion, d. h. aber der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> mit seinem eigentümlichen Sein und Haben soll nun noch selbst zu Worte kommen <hi rend="italic">(«Religionspsychologie»!).</hi> Weiß er etwa etwas anderes, als dass die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Triumph im Tod"/> darin ihren Triumph feiert, dass sie ihn durch das Gute, durch die höchste, unvermeidlichste, hoffnungsvollste menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> zu ihrem Sklaven<term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> stempelt und dem Tode<term type="begriffe" key="Tod"/> überliefert (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.13">7,13</ref>)? Er weiß <hi rend="italic">nichts</hi> anderes. Mag romantische<term type="begriffe" key="romantisch"/> Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie"/> es immer wieder versuchen, sich diesen Tatbestand zu verbergen, Religion<term type="begriffe" key="Religion, Fähigkeit Begebenheiten als Handlungen Gottes zu deuten"/> zu feiern als die Fähigkeit, «alle Begebenheiten<term type="begriffe" key="Begebenheit"/> in der Welt als Handlungen eines Gottes vorzustellen»<note xml:id="n31"> <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, Reden, S. 214, Z.35f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-936">Originalausgabe, S. 57</bibl>).</note>, sie «wie eine heilige Musik<term type="begriffe" key="Religion, als heilige Musik im Tun des Menschen"/> alles Tun des Menschen begleiten» zu lassen (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>)<note xml:id="n32"><bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, Reden, S. 219, Z.21–2</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-936">Originalausgabe, S. 68f.</bibl>): «Alles eigentliche Handeln soll moralisch sein und kann es auch, aber die religiösen Gefühle sollen wie eine heilige Musik alles Thun des Menschen begleiten; er soll alles mit Religion thun, nicht aus Religion.»</note>, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> selbst, aktive, kom<pb ed="pga" xml:id="p354" break="no"/>battante<term type="begriffe" key="Religion, kombattante"/>, scharf geladene<term type="begriffe" key="«Religion, scharf geladene»"/>, nicht-ästhetische<term type="begriffe" key="Religion, nicht-ästhetische"/>, nicht-rhetorische<term type="begriffe" key="Religion, nicht-rhetorische"/>, nicht-fromme Religion<term type="begriffe" key="Religion, nicht-fromme"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion, des 39. Psalms"/> des <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.39">39. Psalms</ref>, <persName ref="kbga-actors-2193">Hiobs</persName><term type="begriffe" key="Religion, Hiobs"/>, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName><term type="begriffe" key="Religion, Luthers"/> und <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName><term type="begriffe" key="Religion, Kierkegaards"/>, die Religion des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName><term type="begriffe" key="Religion, des Paulus"/> wird sich gegen
    diese Verharmlosung ihres Ernstes mit nicht minderer Zähigkeit immer wieder zur Wehr setzen: sie weiß sich selbst durchaus nicht als Krönung und Erfüllung wahrer Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>, sondern als den bedenklichen, störenden, gefährlichen, als den schließenden und eben darum heimlich offenen Punkt im Kreise<term type="begriffe" key="Kreis"/> der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/>, als das allen Begebenheiten in der Welt, allem Tun des Menschen gegenüber Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, Unerträgliche, Unannehmbare, als den Ort, wo nicht die Gesundheit, sondern die Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit"/> des Menschen erkennbar wird, wo nicht die Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie, Disharmonie"/>, sondern die Disharmonie aller Dinge zum Klingen kommt, wo Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, und Unkultur"/> nicht sowohl begründet, als vielmehr samt ihrer Partnerin Unkultur gründlichst in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> wird. Sie weiß, dass sie im Urteil der Weltkinder<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ehrlicher Besinnung"/> ehrlicher Besinnung immer nur das und nichts anderes sein kann: </p>
    
    <q rend="block">
        <lg>
    <l><pb ed="A" n="241"/> «Der Vorhang reißt und die Musik muß schweigen.</l> 
    <l>Der Tempel auch verschwand und in der Ferne</l> 
    <l>Zeigt sich die alte Sphinx in Riesengröße.»</l> 
    <l>(<persName ref="kbga-actors-2492">Fr. Schlegel</persName> über <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Reden</bibl>).<note xml:id="n33"> Letzte Strophe des Sonetts <bibl corresp="kbga-bibls-3625">«Reden über die Religion» (1800) von <persName ref="kbga-actors-2492">Friedrich Schlegel</persName></bibl>, zitiert bei <bibl corresp="kbga-bibls-2172"><persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName>, <hi rend="italic">Leben Schleiermachers</hi>, Bd. 1, Berlin 1870, S. 430</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3626">ders., Gesammelte Schriften, 13. Bd., 1. Halbbd., Göttingen 1991 (unveränderter Nachdruck der 3. Auflage), S. 445</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3627">Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, 5. Bd., 1. Abt., hrsg. von H. Eichner, München/Paderborn/Wien/Zürich 1962, S. 301f</bibl>.</note></l></lg></q> <p/>
    <p>Und sie wird sich wohl hüten, solche Unbekehrte etwa eines Bessern belehren zu wollen. Die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion ist negativ"/> der Religion ist Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> und Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis"/>, Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, Teufel<term type="begriffe" key="Teufel"/> und Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/>. Sie führt den Menschen durchaus nicht heraus aus der Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> von Schuld<term type="begriffe" key="Schuld, und Schicksal"/> und Schicksal, sondern erst recht in sie hinein. Sie bringt ihm keine Lösung seiner Lebensfrage<term type="begriffe" key="Lebensfrage"/>, sie macht ihn vielmehr sich selbst zum schlechthin unlösbaren Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel"/>. Sie ist weder seine Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> noch deren Entdeckung, sie ist vielmehr die Entdeckung seiner Unerlöstheit<term type="begriffe" key="Unerlöstheit"/>. Sie will weder genossen noch gefeiert, sondern als hartes Joch, da es nicht abgewor<pb ed="pga" xml:id="p355" break="no"/>fen werden kann, getragen sein. Religion<term type="begriffe" key="Religion, hartes Joch"/> kann man niemandem wünschen oder anpreisen oder zur Annahme empfehlen: Sie ist ein <hi rend="italic">Unglück</hi><term type="begriffe" key="Religion, Unglück"/>, das mit fataler Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> über gewisse Menschen hereinbricht und von ihnen auch auf andre kommt. Sie ist das Unglück<term type="begriffe" key="Religion, Unglück"/>, unter dessen Druck <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName><term type="begriffe" key="Religion, Johannes des Täufers"/> in die Wüste<term type="begriffe" key="Wüste"/> geht, um die Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> und das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> zu predigen, unter dessen Druck ein solch erschütternder langgezogener Seufzer<term type="begriffe" key="Seufzen"/> wie der zweite Korintherbrief zu Papier kommt, unter dessen unheimlichem Druck eine Physiognomie<term type="begriffe" key="Physiognomie"/> wie die <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName><term type="begriffe" key="Religion, Calvins"/> so wird, wie sie zuletzt gewesen ist<note xml:id="n34"> Vgl. die bei <bibl corresp="kbga-bibls-3628"><persName ref="kbga-actors-4009">E. Doumergue</persName>, <hi rend="italic">Iconographie Calvinienne</hi>, Lausanne 1909, S. 49–60</bibl>, beschriebenen und reproduzierten Porträts <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> aus seinen letzten Lebensjahren, und <bibl corresp="kbga-bibls-33"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName><term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, andere Schriften"/>, <hi rend="italic">Die Theologie Calvins. Vorlesung Göttingen Sommersemester ­1922</hi>, in Verbindung mit A. Reinstädtler hrsg. von H. Scholl (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1993, <ref type="pub-" target="../volume/23/p425#p425">S. 425</ref></bibl>.</note>. Sie ist das Unglück<term type="begriffe" key="Religion, Unglück"/>, unter dem aber wahrscheinlich heimlich jeder zu seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> hat, der Mensch heißt.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14 Röm.7.17">V. 14‒17</ref></hi>
    Erste Feststellung: <hi rend="bold">Denn ich weiß zwar wohl<note n="*1" type="original" xml:id="s1"> <term type="begriffe" key="Textkritik"/>Ich lese <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">οἶδα μὲν</foreign>, weil ich mit <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName><note xml:id="n35"> <bibl corresp="kbga-bibls-3473"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName>, S. 250</bibl>.</note> und <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName><note xml:id="n36"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 347f.</bibl></note> eine Berufung auf den christlichen Konsensus der Leser (<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">οἴδαμεν</foreign>), obwohl er sachlich nicht ausgeschlossen sein kann (denn der Abschnitt ist <hi rend="italic">kein</hi> biographisches Intermezzo!), in diesem Zusammenhang für unwahrscheinlich halte. Das gegenüberstehende <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐγὼ δὲ</foreign> (statt des von den Gegnern der Lesart <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">οἶδα μὲν</foreign>, z. B. von <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName><note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 236</bibl>: «Denn die Absicht, das bloße Wissen um das Gesetz der physischen und ethischen Beschaffenheit des Menschen entgegenzustellen, hätte ein betontes <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εἰμὶ δέ</foreign> erfordert.»</note>, erwarteten <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εἰμὶ δὲ</foreign>) erklärt sich, wenn genügend beachtet wird, wie im folgenden das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐγώ</foreign> des Gottgeweihten seinem Wissen, Wollen, Tun und Vollbringen als <hi rend="italic">die</hi> problematische Größe gegenübersteht. Bei Annahme dieser Lesart ist also gerade <hi rend="italic">nicht</hi> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">σάρκινός</foreign> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εἰμι</foreign> zu betonen (gegen <persName ref="kbga-actors-35">Beck</persName><note xml:id="n38"> <bibl corresp="kbga-bibls-3475"><persName ref="kbga-actors-35">Beck</persName>, 2. Hälfte, S. 26</bibl>.</note>).</note>, dass das Gesetz aus dem Geiste kommt – ich aber bin im Fleische, verkauft an die Sünde. Denn was ich vollbringe, das erkenne ich nicht; denn nicht was ich will, tue ich, sondern was ich hasse, das tue ich. Sofern ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es recht sei: aber dann bin nicht ich es, der jenes vollbringt, sondern die in mir ansässige Sünde.</hi></p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p356" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Ich weiß, dass das Gesetz aus dem Geiste kommt.»</hi> Dieses Wissen ist das erste im Wesen des religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>. Er steht unter dem bezwingenden Eindruck des Geistes<term type="begriffe" key="Geist"/>, <pb ed="A" n="242"/> welcher darum bezwingend ist, weil der Geist<term type="begriffe" key="Geist, gegenüber Tod"/> das Woher? ist, das dem unausweichlichen Wohin? des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/> unmittelbar gegenübersteht. Er steht in der Not und Hoffnung eines Kampfes<term type="begriffe" key="Kampf"/>, dem er darum nicht entgehen kann, weil es der Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> um seine eigene Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, Kampf um die"/> ist. Er steht vor einem Anspruch<term type="begriffe" key="Anspruch"/>, dem er genügen muss, koste es, was es wolle, weil alles Ungenügende seines Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des religiösen Menschen"/> auf die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> und Berechtigung dieses Anspruchs<term type="begriffe" key="Anspruch"/> hinweist. Er ist gefragt und sollte antworten<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>. Ihm ist gerufen und er sollte gehorchen. Die Existenz Gottes<term type="begriffe" key="Existenz, Gottes"/> ragt wie die alle Aussicht versperrende Feuermauer eines widrigen<note n="af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «niedrigen».</note> Nachbars, wie eine feindliche Festung, wie eine geballte Faust mitten in sein Leben hinein: er muss sich damit auseinandersetzen, er muss dazu Stellung nehmen, er muss damit leben. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> weiß, was er sagt, wenn er sich anderwärts einen «Gefangenen» und «Gebundenen» nennt (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.1">Eph. 3,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.1">4,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.8">2.Tim. 1,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Phlm.1.9">Phlm. 1.9</ref>). «Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen; du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.20.7">Jer. 20,7</ref>).</p>
    <p><hi rend="italic">«Ich aber bin im Fleische, verkauft an die Sünde.»</hi> Sofort muss sich ja die Frage erheben: Wer aber bin <hi rend="italic">ich</hi>, wenn <hi rend="italic">Gott</hi> ist? Besteht jene meine Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu ihm, bin ich sein Gefangener und Gebundener, wer bin dann ich, der Mensch? Und sofort ergibt sich erfahrungsmäßig die Einsicht, dass in meinem Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> als Mensch, als der, der ich bin, jenes Bezwingende, Unausweichliche, Notwendige, das aus dem Geiste<term type="begriffe" key="Geist, Gesetz"/> kommende Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, gar keinen Raum hat. Was wäre das für ein Dasein, das fähig wäre, <hi rend="italic">diesen</hi> Eindruck in sich aufzunehmen, an <hi rend="italic">dieser</hi> Not und Hoffnung sich zu orientieren, <hi rend="italic">diesem</hi> Anspruch<term type="begriffe" key="Anspruch"/> Genüge zu leisten? Jedenfalls nicht das meinige, nicht das menschliche, das <hi rend="italic">ich</hi> kenne. Wie soll <hi rend="italic">ich</hi> antworten, wenn ich <hi rend="italic">das</hi> gefragt bin? Wie soll <hi rend="italic">ich</hi> gehorchen, wenn ich <hi rend="italic">von dorther</hi> gerufen bin? «Ich bin im Fleische.» Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> wird nie Geist; es wäre denn in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, des Fleisches"/> des Fleisches. «Ich bin verkauft an die Sünde.» Dieser Handel kann nicht rückgängig<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> gemacht werden; es wäre denn in der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> der Sünden. Ich bin Mensch: keine religiöse Erregung und Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung, religiöse"/> kann <pb ed="pga" xml:id="p357"/> mich täuschen darüber, was das bedeutet; nur ein neuer Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, die Überwindung<term type="begriffe" key="Überwindung"/> des Menschen, das ewige Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> könnte mich von der Verlegenheit meines Menschseins befreien. Was soll mir der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Gesetz"/>? Was soll mir das aus ihm kommende Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>? Was soll mir meine «Frömmigkeit»<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>? Was soll mir Gottes Überreden und Überwältigen? Ist es nicht offenkundig, dass keine Kraft da ist zum Gebären [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.19.3">2.Kön. 19,3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.37.3">Jes. 37,3</ref>]? «Herr, gehe hinaus von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.8">Lk. 5,8</ref>). Gott und der Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, der ich bin, das geht <hi rend="italic">nicht</hi> zusammen. </p>
    <p><pb ed="A" n="243"/> <hi rend="italic">«Denn was ich vollbringe, das erkenne ich nicht; denn nicht, was ich will, tue ich, sondern was ich hasse, das tue ich.»</hi> Das ist doch klar: Wenn etwa das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>mein religiöses Sein und Haben<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «das was ich religiös bin und habe». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, selbst der Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> wäre, wenn etwa «Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> und Gefühl<term type="begriffe" key="Gefühl"/> des Universums»<note xml:id="n39"><bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, Reden, S. 211, Z.32–34</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-936">Originalausgabe, S. 50</bibl>): «Ihr [scil. der Religion] Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. 
    Anschauen will sie das Universum».</note>, «Sinn und Geschmack fürs Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche"/>» (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>)<note xml:id="n40"><bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>,  Reden, S. 212, Z.31f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-936">Originalausgabe, S. 53</bibl>).</note> im Ernst als mögliche Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ins Auge gefasst werden dürften, wenn es etwa sein sollte, dass Gott und der Mensch, der ich bin, doch irgendwie zusammengehen sollten<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, dann müsste ich in der Lage sein, mich selbst, d. h. aber mein Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>, meine Worte, Taten und Werke, mein tatsächliches Leben <hi rend="italic">von da aus</hi> zu erkennen, zu verstehen, es ganz oder doch teilweise oder doch mindestens in gewissen hoffnungsvollen Anfängen in seiner Kontinuität und Konformität mit dem Geist<term type="begriffe" key="Geist, Konformität"/>, als Antwort<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> auf jene Frage, als Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> gegen jene Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, als neue gottgeweihte<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah">Druckmanuskript: «gottgewirkte».</note> Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> neben der übrigen zu bezeichnen und zu begreifen. Ich kann natürlich naiv und anmaßend genug sein, gelegentlich zu meinen und zu behaupten, ich sei in dieser Lage – es ist doch gesorgt dafür, dass ich das nie allzu sicher meinen und allzu lange behaupten werde. Denn so einleuchtend und klar mir die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> ist, dass der Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes geschehen muss in meinem Leben und dass seine Gebote<term type="begriffe" key="Gebot"/> nicht schwer sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.3">1.Joh. 5,3</ref>], so <pb ed="pga" xml:id="p358"/> einleuchtend und klar ist es auch, dass es in meinem Leben auch in den einfachsten Dingen nie geschah, nicht geschieht und nie geschehen wird, in keinem Augenblick, und wenn es mein höchster, reinster und aufrichtigster Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, höchster"/> wäre. Kann ich denn nur einen einzigen Gedanken denken, der nun etwa der Ausdruck des mich bezwingenden Geistes<term type="begriffe" key="Geist"/> wäre? Ist etwa ein einziges meiner Worte <hi rend="italic">das</hi> Wort, das ich suche, das ich aus meiner großen Not und Hoffnung heraus eigentlich sagen möchte? Kann ich denn anders reden als so, dass ein Wort das andre wieder aufheben muss? Oder sollte ich mit meinen Taten besser dran sein? Sollte meine Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> im Großen der geeignete Ersatz sein für meine Untreue im Kleinen oder auch umgekehrt? Sollte je ein ernst zu nehmender Denker, Dichter<term type="begriffe" key="Dichter"/>, Staatsmann oder Künstler<term type="begriffe" key="Künstler"/> in dem, was er getan, wahrhaftig das, was<note n="ai" type="textcritical" xml:id="nai"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «wahrhaftig, was».</note> er wollte, wahrhaftig sich selbst wiedergefunden haben? Muss ich nicht von jedem vollbrachten Werk, indem ich es vollbracht habe, wehmütig, aber bestimmt Abschied nehmen für immer, und wehe mir, wenn ich den Abschied etwa allzu lange feierte?! Und sollte etwa, wenn ich mit Gedanken, Worten und Werken<term type="begriffe" key="«Gedanken, Worte und Werke»"/><note xml:id="n41"> Die Wendung «mit Gedanken, Worten und Werken» geht auf das «Confiteor» der Messe zurück. Sie war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch geläufig durch die von ihm in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> benutzte
    <bibl corresp="kbga-bibls-3629"><hi rend="italic">Liturgie. Gebete für die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Bern. Probedruck</hi>, Bern 1909, S. 20</bibl>, wo es im ersten der «Sonntagsgebete» heißt: «Wir arme Sünder bekennen vor dir, unserm Herrn und Gott, daß wir leider viel gesündigt haben, von Jugend auf bis auf diese gegenwärtige Stunde, mit bösen Gedanken, Worten und Werken».</note> so daran bin, das wogende Meer meiner Gefühle, der Hexenkessel meiner unterbewussten Leistungen Ersatz bieten für das, was mir bewussterweise offenbar mangelt? An den Ewigkeitswert ihrer Gefühle<term type="begriffe" key="Gefühl"/> glauben nur die Unverbesserlichen. Nein, ich <pb ed="A" n="244"/> kann meine Vollbringungen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> samt und sonders nicht als meine legitimen Kinder anerkennen, sondern fremd und feindselig und mein eigenes Missfallen alsbald erregend stehen sie mir gegenüber. Ich verstehe sie nicht, ich liebe sie nicht, ich möchte sie verleugnen, und wie böse hässliche Wechselbälge starren sie ihrerseits mir entgegen. Stückwerk ist unser Wissen und Stückwerk unser Erkennen (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.9">1.Kor. 13,9</ref>). Nein, ich erkenne nicht, was ich vollbringe<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>. Was ich will, das tue ich <pb ed="pga" xml:id="p359"/> nicht, und was ich hasse, das tue ich. Wer aber bin <hi rend="italic">ich</hi>, der zwischen diesem Wollen und Nicht-Tun<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, Hassen und Doch-Tun hin- und hergerissen in der Mitte steht?</p>
    <p><hi rend="italic">«Sofern ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es recht sei.»</hi> «Was ich hasse, das tue ich», sagten wir eben. So scheint doch ein Punkt der Übereinstimmung gegeben zwischen mir und dem, was aus dem Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/> unfasslich, unnahbar, unübertragbar zu mir kommt: mein Hass, mein Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> gegen mein tatsächliches Leben, die Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/>, mit der ich meinen eigenen Gang durch die Zeit begleite, mein Nicht-Wollen<term type="begriffe" key="Nicht-Wollen"/> dessen, was ich tue. Bin ich nicht wenigstens kraft dieser Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> in Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> mit mir selber? Bin ich nicht wenigstens insofern ein Täter des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Täter des G."/>, als ich von meiner eigenen Sündigkeit ein tiefes Bewusstsein<term type="begriffe" key="Bewusstsein"/> und gegen sie einen kräftigen Widerwillen habe? Darf ich mich nicht wenigstens damit beruhigen, dass ich ja – unruhig<term type="begriffe" key="Unruhe"/> bin? «Wenn du den Streit des Geistes mit dem Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Geist"/> in dir befindest und tust oft, was du <hi rend="italic">nicht</hi> willst, so ist es eine Anzeige deines gläubigen Herzens. Solange nun dieser <hi rend="italic">Streit</hi> im Menschen währet, solange herrscht die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> nicht in ihm. Und weil der Mensch wider die Sünde <hi rend="italic">streitet</hi> und nicht darein willigt, so wird ihm diese Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, nicht zugerechnet"/> nicht zugerechnet» (<persName ref="kbga-actors-6236">Joh. Arnd</persName>).<note xml:id="n42"> <bibl corresp="kbga-bibls-3630"><persName ref="kbga-actors-6236">J. Arnd</persName>, <hi rend="italic">Sechs Bücher vom wahren Christenthum: nebst dessen Paradies-Gärtlein</hi>, 1. Buch, 16. Kapitel, Schaffhausen 1860<hi rend="sup">6</hi>, S. 128</bibl>: «Wenn du den Streit des Geistes wider das Fleisch in dir befindest, und thust oft, was du nicht willst, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> spricht: so ist es eine Anzeige eines gläubigen Herzens, daß der Glaube und Geist wider das Fleisch kämpfen.» S. 129: «So lange nun dieser Streit im Menschen währet, so lange herrschet die Sünde nicht im Menschen. Denn wider welchen man immer streitet, der kann nicht herrschen.» «Und weil der Mensch wider die Sünde streitet, und nicht darein williget, so wird ihm die Sünde nicht zugerechnet, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1">Röm. 8,1</ref>. spricht: Es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben, das ist, die das Fleisch nicht herrschen lassen.»</note> Gefährliche Sätze! Wer kennte diesen Schlupfwinkel<term type="begriffe" key="Schlupfwinkel"/> der pietistischen Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik, pietistische"/> nicht und wer nicht die gewisse milde Abendröte<term type="begriffe" key="Abendröte(, milde)"/> von Beschwichtigung, Resignation und Kompromiss<term type="begriffe" key="Kompromiss"/>, die sich leise, leise nach allerlei Gewissensstürmen gerade im Blick auf das Stattfinden solchen Streites einzustellen pflegt?</p>
    <p><hi rend="italic">«Aber dann bin nicht ich es, der jenes vollbringt, sondern die in mir ansässige Sünde.»</hi> Was bedeutet denn das, dass ich mein eigenes Tun hasse und gegen mich selbst protestiere<term type="begriffe" key="Protest"/>? Offenbar nur, dass ich selbst <pb ed="pga" xml:id="p360"/> den Graben aufreiße zwischen mir und – mir. Sollte etwa das ein aussichtsreiches Beginnen sein? Sollte damit die Antwort auf die Frage: wer bin <hi rend="italic">ich</hi>, wenn <hi rend="italic">Gott</hi> ist? leichter geworden sein? Ich, «der jenes vollbringt» und dessen Tun Ich<term type="begriffe" key="Ich"/> (das andre Ich!) mit grimmigem Missvergnügen zusehe, ist offenbar nicht das Ich, das angesichts <pb ed="A" n="245"/> jener Frage bestehen kann. Sollte es das andre Ich sein, der Grimmige, der Missvergnügte, der ewig Protestierende? Aber wer ist dieses andre Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>? Sollte dieser ohnmächtige Zuschauer<term type="begriffe" key="Zuschauer"/>, dieser arme Heimatlose, der nur nicht-wollen<term type="begriffe" key="Nicht-Wollen"/> und mit Kopfschütteln begleiten kann, was jener tut, und zwar tatsächlich, und zwar an seiner eigenen Stelle tut, sollte der gegenüber jener Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> leistungsfähig sein? Sollte das meine Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> sein, dass <hi rend="italic">ich</hi> gar nicht <hi rend="italic">tue</hi>, was ich tue, dass ich gar nicht Herr im eigenen Hause bin, dass ein anderer unter meinem Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> dort schaltet und waltet, denkt, redet, handelt und fühlt, dass ich nur den Platz und den Namen hergebe für Vollbringungen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>, mit denen ich gar nichts zu schaffen habe? Was bedeutet denn diese Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, diese meine Übereinstimmung mit dem Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz"/> anderes als mein eigenes Urteil<term type="begriffe" key="Urteil"/> über mich selbst, dass die Sünde in mir ansässig ist? Sollte ich etwa mit dieser Selbstverurteilung festen Grund unter die Füße bekommen haben? Wer sagt mir, ob jenes Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, das tut, wie ihm gelüstet, und jenes andre Ich, das nicht will, was jenes tut, nicht im tiefsten Grunde doch identisch sind? Ob nicht am Ende all mein grimmiges Ausschlagen gegen mich selbst eine Münchhausiade<note xml:id="n43"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dürfte hier an die bekannteste unter den auf deutsch von <persName ref="kbga-actors-6404">G. A. Bürger</persName> veröffentlichten phantastischen Geschichten von <bibl corresp="kbga-bibls-2575"><persName ref="kbga-actors-2666">K. Fr. H. Freiherrn von Münchhausen</persName> (1720–1797)</bibl> denken, in der er erzählt, wie er, in einen Sumpf geraten, sich am eigenen Schopf herausgezogen habe.</note> ist, die sich durchaus innerhalb der vier Wände des <hi rend="italic">einen</hi> Sündenhauses «Ich» abspielt? Von dem Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, das wirklich jenseits der in mir wohnenden Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, in mir wohnend"/> existierte, redet die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion ist zwiespältig"/> der Religion wahrlich nie und nirgends. Sie redet nur von der Zwiespältigkeit<term type="begriffe" key="Zwiespältigkeit"/>, mit der ich beständig vollbringe<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>, was ich nicht will, und nicht will, was ich vollbringe. Sie redet nur davon, dass des Menschen Leben nicht im Einklang steht mit seinem Wissen. Sie redet nur von <hi rend="italic">einer</hi> Realität: von der Realität<term type="begriffe" key="Realität, der Sünde"/> der Sünde.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p361" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18 Röm.7.20">V. 18‒20</ref></hi>
    Zweite Feststellung: <hi rend="bold">Denn ich weiß, dass das Gute nicht in mir, nämlich in meinem Fleische wohnt. Denn das Wollen gelingt mir, das Vollbringen des Rechten aber nicht. Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich. Sofern ich aber das tue, was ich nicht will, bin nicht ich es, der jenes vollbringt, sondern die in mir wohnende Sünde.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Ich weiß, dass das Gute nicht in mir, nämlich in meinem Fleische</hi><term type="begriffe" key="Fleisch"/> <hi rend="italic">wohnt.»</hi> Dieses Wissen ist das Zweite im Wesen des religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, in und mit jenem Ersten sofort gegeben. «Das Gute ist nicht in mir.» Wir stoßen hier noch einmal auf das «Besondere» der Offenbarungsträger<term type="begriffe" key="Offenbarungsträger"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.20">3,1–20</ref>), dass sie als solche eben das wissen können und sollen. Gerade sie! Auch die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> Gottes in Jesus Christus<term type="begriffe" key="Gott, offenbart sich in Christus"/> nicht ohne Einweihung des Menschen in dieses unheimliche Geheimnis! Weil sie die Offenbarung aller Offenbarungen ist, gerade <hi rend="italic">sie</hi> nicht! «Der <pb ed="A" n="246"/> liebe <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wollte gerne nicht in Sünden<term type="begriffe" key="Sünde"/> sein und muß darin sein; ich und andere mehr sind auch dazu geneigt, daß wir der Sünde gerne ohn’ wären, aber es will nicht sein, wir dämpfen wohl dran, in Sünde sind wir gefallen, stehen wieder auf, martern und bleuen uns damit Tag und Nacht ohne Unterlaß: aber dieweil wir in diesem Fleische<term type="begriffe" key="Fleisch"/> stecken, diesen stinkenden Sack am Halse tragen, wird’s nicht gar aus sein, werden’s nicht gar täuben, wir mögen wohl dran arbeiten, daß wir’s täuben, aber der alte <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> will sein Leben auch haben, bis er in die Grube kommt. In Summa: Das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes ist ein sonderlich Reich, kein Heiliger<term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/> wird hier anders müssen sagen denn: o allmächtiger Gott, ich bekenne mich einen armen Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, rechne du der alten Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/> nicht! <hi rend="italic">… Der ist kein Christ, der keine Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/> <hi rend="italic">hat noch fühlt;</hi> findest du aber einen solchen, der ist ein Widerchrist, kein wahrer Christ. <hi rend="italic">Also liegt Christi Reich in Sünden drinnen, da steckt’s, da er’s hingelegt hat in dem Hause <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName></hi><hi rend="italic">»</hi> (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n44">  <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 116f.</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen oder angestrichen; Hervorhebungen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>): <bibl corresp="kbga-bibls-3631"><hi rend="italic">Predigt am Tage Johannis des Täufers</hi> (24.6.1525) [über Lk. 1,67–79], WA 17/I, 297,15-25; 298,12-15</bibl> (Eberle: «das Reich Gottes ist ein sonderlich Reich», WA: «das reych Christi ist eyn sundlich reych»).</note> Kein einschränkendes «Ich aber» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14">7,14</ref>) tritt also hier dem, was der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> von sich weiß, entgegen. Denn das «nämlich in meinem Fleische<term type="begriffe" key="Fleische"/>» ist keine Einschränkung, sondern eine Verschärfung der Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/>, die er, gerade er, gegen sich selbst erheben muss. Ich bin Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/>! Das ist die <pb ed="pga" xml:id="p362"/> Meinung. Wir erinnern uns, was «Fleisch» bedeutet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">3,20</ref>): unqualifizierte und (vom Menschen, gerade vom religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> aus betrachtet) endgültig unqualifizierbare Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>. Fleisch heißt beziehungslose Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>, Nichtigkeit, Nonsens. Das bin ich! Nicht der Geldmensch, der Genussmensch, der Gewaltmensch muss das von sich sagen (wie sollte er auch? wie könnte er auch? Was er von sich selbst weiß, mag ein Lichtstrahl sein von dem göttlichen Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen größer als Zorn"/>, das größer ist als Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>!), sondern der Gottgeweihte, der Mann mit dem wirklichen, dem ernsten, dem echten religiösen Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/>, der Prophet<term type="begriffe" key="Prophet"/>, der Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/>, der Reformator<term type="begriffe" key="Reformatoren"/>, dem die Einheit von Gottes Heiligkeit<term type="begriffe" key="Gott, Heiligkeit"/> und Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> zur
    persönlichsten, zur Existenzfrage<term type="begriffe" key="Existenzfrage"/> geworden ist. «Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer Einem: Gott» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.18">Mk. 10,18</ref>). Und das sagt <hi rend="italic">Jesus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>. Also nicht etwa auf allzu schnell pessimistischer<term type="begriffe" key="Pessimismus"/> Betrachtungsweise beruhte die Einsicht, auf die wir (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14">7,14</ref>) von unserm Wissen vom Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> ausgehend sofort stießen: dass Gott und der Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, der ich bin, nicht zusammengehen. Sondern was wir dort erfahrungsmäßig feststellten, das entspricht der Logik<term type="begriffe" key="Logik"/> der Sache. Mit dem Wissen von <hi rend="italic">Gott</hi> ist <hi rend="italic">dieses</hi> Wissen vom <hi rend="italic">Menschen</hi> gesetzt und kein anderes.</p>
    <p><hi rend="italic">«Denn das Wollen gelingt mir, das Vollbringen des Rechten aber nicht. Denn nicht</hi> <pb ed="A" n="247"/> <hi rend="italic">das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich.»</hi> An das Gute, das nicht in mir ist, erinnert mich mein Wollen, aber auch nur mein Wollen – das ja mit meinem Wissen von der Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Göttlichkeit des"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.14">7,14</ref>) eins ist; denn ohne das Göttliche zu wollen, kann ich es auch nicht wissen. «Das Wollen gelingt mir.» Aber was heißt Wollen? Doch wohl Streben, Begehren, Verlangen, Fragen, Suchen, Bitten, Anklopfen. Letzte verheißungsvollste Worte aller Seelsorge<term type="begriffe" key="Seelsorge"/> und Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/>, atemlos wiederholt und überboten in immer neuen Steigerungen, Variationen und Verstärkungen von allen Wahrheitszeugen<term type="begriffe" key="Zeuge, der Wahrheit"/> aller Zeiten, vielleicht gerade darum so atemlos, weil ihr Sinn so erschreckend einfach ist und weil es so erschreckend deutlich ist, dass dieses Einfache innerhalb der religiösen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> tatsächlich das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> ist. Verfängt dieses nicht, was verfängt dann? Nun, es verfängt zweifellos. Die Parole: <hi rend="italic">Suchet</hi> Gott!<note xml:id="n45"> Vgl. den Titel des Predigtbandes:<bibl corresp="kbga-bibls-1461"> K. Barth / <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Suchet Gott, so werdet ihr leben!</hi>, Bern 1917, nach Am. 5,4–6</bibl>.</note> wird immer wieder aufmerksame Ohren finden, gerade <pb ed="pga" xml:id="p363"/> weil sie das Letzte<term type="begriffe" key="Letzte"/> ist, was Menschenohren eben noch zu hören vermögen, und sicher war und ist die Zahl aufrichtig Wollender, aufrichtiger Gottsucher unendlich viel größer, als es bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen möchte. <hi rend="italic">Wer</hi> darf denn <hi rend="italic">wem</hi> das ehrliche Wollen absprechen? Vielleicht bin auch ich ein Gottsucher. «Das Wollen gelingt mir.» Es kann ja sein. Aber der religiöse Schlupfwinkel<term type="begriffe" key="Schlupfwinkel"/>, in den ich mich mit dieser Feststellung vielleicht flüchten möchte, ist so ungenügend wie der andere, über dem geschrieben steht, dass ich «nicht will, dass<note n="aj" type="textcritical" xml:id="naj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «was».</note> ich tue» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.16">7,16</ref>). Denn wie dort auf das <hi rend="italic">Nicht-Tun</hi><term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, so käme hier für das Sein des Guten in mir, dessen ich mich so gern versichern würde, alles auf das <hi rend="italic">Tun</hi> an<note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">Tun an</hi>».</note>, auf das «Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> des Rechten». Und nun kann kein Zweifel bestehen, dass auch das ehrlichste, tiefste, gründlichste Wollen durchaus nicht mit dem «Vollbringen des Rechten» gekrönt zu werden pflegt. Wir denken noch einmal an die Gräberfelder<term type="begriffe" key="Gräberfelder"/> der christlichen Kirchen<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/>- und Geistesgeschichte<term type="begriffe" key="Geistesgeschichte"/><note xml:id="n46"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p326#p326">S. 326</ref>.</note>, in der es wahrhaftig an jenem ehrlichen Wollen nicht gefehlt hat. Durch was unterscheidet sich etwa das «Tun» des <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> vom «Tun» der ihm gegenüberstehenden falschen Propheten? Das in <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> gipfelnde «Gelingen» des antiken Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> (worüber nicht-theologisch interessierte Historiker zu vernehmen!) von dem gleichzeitigen «Gelingen» des <persName ref="kbga-actors-9671">Mithras</persName>- und <persName ref="kbga-actors-9657">Kybeletums</persName>? Das «Gelingen» der Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/> in Wittenberg, Zürich und Genf vom «Gelingen» der Päpste<term type="begriffe" key="Papst"/> in Rom oder der höchst religiösen Turmbauer von Babel<term type="begriffe" key="Babelsturm"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.11.1 Gen.11.9">Gen. 11,1–9</ref>]? Das «Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>» inniger
    Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, innige"/> in den viel bewunderten Augen der Sixtinischen Madonna<term type="begriffe" key="Sixtinische Madonna"/><note xml:id="n47"> Altarbild des <persName ref="kbga-actors-9360">Raffael</persName> für die Kirche San Sisto in Piacenza, heute in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister.</note> von dem «Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>» unerhörter Bigotterie<term type="begriffe" key="Bigotterie"/>, das aus <pb ed="A" n="248"/> den Augen der Madonnen <persName ref="kbga-actors-578">El Grecos</persName><note xml:id="n48"> Vgl. z. B. die Madonna Caritatis (Illescas, Hospital de la Caridad) oder die Verkündigung (Toledo [Ohio], Museum of Art) in: <bibl corresp="kbga-bibls-3632">J. Gudiol, Doménikos Theotokópoulos El Greco 1541-1614, Genf 1973, S. 193.217f.</bibl></note> redet? Sind nicht alle menschlichen Vollbringungen als solche Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> an <hi rend="italic">einer</hi> Leiter, <hi rend="italic">Gleichnisse</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> eines ganz andern Vollbringens<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> im besten Fall sie alle? Ist es nicht deutlich, dass <hi rend="italic">die</hi> Aufrichtigkeit<term type="begriffe" key="Aufrichtigkeit"/>, der es der <pb ed="pga" xml:id="p364"/>  <hi rend="italic">Herr</hi> gelingen lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.2.7">Spr. 2,7</ref>], <hi rend="italic">nicht</hi> ganz dasselbe ist, wie das ehrliche Wollen, das wir – wollen können und dessen wir uns gelegentlich trösten möchten, und dass wir von dem Weg, der von diesem ehrlichen Wollen zu <hi rend="italic">dem</hi> Gelingen führt, das der <hi rend="italic">Herr</hi> gelingen lässt, nichts wissen, als dass er eine abbrechende, immer und immer wieder abbrechende und nie ihr Ziel erreichende Linie ist? «Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, das ich nicht will, das treibe ich.» Das die<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Das ist die».</note> Antwort, die sich der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, gerade er, geben muss auf die Frage, was ihm denn etwa gelinge <hi rend="italic">außer</hi> seinem Wollen. Also auch hier: Nein, ich kann auch mein Wollen des Guten nicht mit dem Guten verwechseln. Denn das Gute hat die Eigenschaft, dass es beharrlich nach Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> verlangt, dass es nicht nur gewollt, sondern vollbracht und getan sein will. Ich tue<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/> es aber nicht, ich treibe allerlei Böses<term type="begriffe" key="Böse"/>, das ich nicht will. Und noch einmal muss ich fragen: Wer bin ich, der unerträglicherweise beides<note n="am" type="textcritical" xml:id="nam"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «beide».</note> zugleich sein muss: der Wollende und der Nicht-Vollbringende, der auch durch sein aufrichtigstes Wollen nur daran erinnert werden kann, dass das Gute – nicht in ihm ist.</p>
    <p><hi rend="italic">«Sofern ich aber das tue, was ich nicht will, bin nicht ich es, der jenes vollbringt, sondern die in mir wohnende Sünde.»</hi> Also von meinem Wollen aus gesehen: <hi rend="italic">kein</hi> «Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> des Rechten» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18 Röm.7.19">7,18b–19</ref>). Darum zurück zum entscheidenden Gesichtspunkt: was wird getan? Antwort: «Ich tue, was ich nicht will.» Keine Rede also davon, dass mein ehrliches Wollen des Guten mich etwa rechtfertigte, so wenig wie mein ehrliches Nicht-Wollen<term type="begriffe" key="Nicht-Wollen"/> des Bösen<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.16 Röm.7.17">7,16–17</ref>). Sondern bestätigt hat sich in zweiter Lesung mein eigenes Urteil<term type="begriffe" key="Urteil"/> über mich selbst: Nicht ich bin es, der vollbringt. Ausgeschaltet und an die Wand gedrückt<term type="begriffe" key="«an die Wand gedrückt»"/> muss ich dem zusehen, was in meinem Hause tatsächlich vollbracht wird. Was bedeutet die Berufung auf meinen guten Willen anderes als das Zugeständnis, dass – die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, in mir wohnend"/> in mir wohnt? <hi rend="italic">Sie</hi> tut. <hi rend="italic">Sie</hi> vollbringt. <hi rend="italic">Ihr</hi> gelingt es. Das ist aber wiederum keine Entlastung für mich, sondern eben mein selbstgesprochenes Urteil<term type="begriffe" key="Urteil"/>. Denn mit welchen Gründen sollte ich die Nicht-Identität <hi rend="italic">des</hi> Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, das vollbringt, und <hi rend="italic">des</hi> Ich, das nicht will, was jenes vollbringt, behaupten? Die <pb ed="pga" xml:id="p365"/> Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion ist das Ich"/> der Religion kennt nur <hi rend="italic">Einen</hi> Menschen, und der bin <hi rend="italic">Ich</hi><term type="begriffe" key="Ich"/>, kein anderer. Und dieser Eine wohnt offenbar wollend und nicht-vollbringend, nicht-wollend<term type="begriffe" key="Nicht-Wollen"/> und voll<pb ed="A" n="249" break="no"/>bringend<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> in den vier Wänden des Sündenhauses. Seine <hi rend="italic">Sünde</hi> ist zusammengefasst die Tatsache, von der die Wirklichkeit religiösen Erlebens<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion ist Sünde"/> Kunde gibt.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.21 Röm.7.23">V. 21‒23</ref></hi>
    Ergebnis: <hi rend="bold">Ich finde also,</hi>
    dass <hi rend="bold">das Gesetz</hi>
    darin seine Wirklichkeit hat, <hi rend="bold">dass mir, indem ich das Rechte tun will, das Schlechte gelingt. Denn ich freue mich am Gesetze Gottes als innerlicher Mensch, sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern im Kriege liegen mit dem Gesetz meiner Vernunft und mich gefangen nehmen unter das Gesetz der Sünde in meinen Gliedern.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Ich finde also, dass das Gesetz darin seine Wirklichkeit hat, dass mir, indem ich das Rechte tun will, das Schlechte gelingt.»</hi> Ein religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> sein heißt ein zerrissener, ein unharmonischer, ein unfriedlicher Mensch sein. Einig mit sich selbst könnte nur der sein, in dem die große Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> seiner Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> mit Gott noch nicht erwacht ist. Wir alle verraten in unserm ganzen Tun und Gebaren<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan">Druckmanuskript: «Gehaben».</note> deutlich genug, dass wir keineswegs mit uns selbst einig sind, und damit, wie sehr wir beunruhigt sind durch Gott<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>. Wohl denen, die das allenfalls einfältigen Herzens leugnen können. Möge es ihnen gelingen, sich vor dem Erwachen jener Frage noch lange zu bewahren! Die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion ist das fragliche Ich"/> der Religion besteht darin, dass gegenüber dem, was ich will und nicht vollbringe, vollbringe<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> und nicht will, mein Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, das Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/> aller dieser Prädikate, zu einer ganz und gar fraglichen Größe wird, zu einem X<term type="begriffe" key="X"/>, das nicht leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und nicht sterben kann. Kraft des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, und Erkenntnis Gottes"/>, durch welches ich Gott erkenne, will ich «das Rechte tun». Und kraft des Gesetzes, durch welches ich von Gott erkannt bin, «gelingt mir das Schlechte». Höchste Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> wird mir zur höchsten Verlegenheit, höchste Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> zur höchsten Not, höchste Gabe zur höchsten Bedrohung. Sollte man es glauben, dass <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> am Tage, da er seine Reden über die Religion<term type="begriffe" key="Religion, Reden über die"/> vollendet, «in einer Anwandlung von Vaterfreude und Furcht vor dem Tode» finden kann, «daß es doch schade wäre, wenn ich diese Nacht stürbe»<note xml:id="n49"> <bibl corresp="kbga-bibls-3507">Brief an <persName ref="kbga-actors-2571">Henriette Herz</persName> vom 14.4.1799, in: <hi rend="italic">Aus Schleiermachers Leben. In Briefen</hi>, Bd. 1, hrsg. von L. Jonas und W. Dilthey, Berlin 1860<hi rend="sup">2</hi> </bibl>= <bibl corresp="kbga-bibls-3633">Berlin / New York 1974, S. 218 (Kritische Gesamtausgabe, 5. Abt., Bd. 3: <hi rend="italic">Briefwechsel 1799-1800</hi>, hrsg. von A. Arndt und W. Virmond, Berlin / New York 1992, S. 90, Z.26–32)</bibl>: «Wie es mir gestern Abend gegangen ist, ich alter Narr. Voll der Religion habe ich mich schlafen gelegt und mich anderthalb Stunden im Bett herumgetrieben ohne Schlaf. Es war nicht Erhitzung vom Arbeiten, denn das war sehr langsam, ruhig und leicht gegangen; es war eine Anwandlung von Vaterfreuden und Furcht vor dem Tode. Sehen Sie, zum erstenmale ist es mir mit einer gewissen Lebhaftigkeit aufgefallen, daß es doch schade wäre, wenn ich diese Nacht stürbe.»</note>!? Als ob Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> nicht <pb ed="pga" xml:id="p366"/> etwas <hi rend="italic">sehr</hi> Naheliegendes wäre, nachdem man so eindringlich und schön – über die Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Tod"/> geredet hat! Sollte man es glauben, dass man im Stande sein kann, den arglosen, im Grunde doch von Herzen nur nach Ruhe verlangenden Menschen Religion zu empfehlen: als etwas nicht nur Erträgliches, sondern Begrüßenswertes, Interessantes, Bereicherndes! Religion<term type="begriffe" key="Religion, Kulturergänzung"/> als wertvolle Kulturergänzung oder auch als Kulturersatz<term type="begriffe" key="Religion, Kulturersatz"/> den mit der eigenen inneren Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> aller Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, und Unkultur"/> und Unkultur wahrhaftig gerade genug Beschäftigten aufzudrängen! Religion triumphierend in Beziehung zu setzen zu Wissenschaft<term type="begriffe" key="Religion, und Wissenschaft"/>, Kunst<term type="begriffe" key="Religion, und Kunst"/>, Moral<term type="begriffe" key="Religion, und Moral"/>, Sozialismus<term type="begriffe" key="Religion, und Sozialismus"/><note xml:id="n50"> Vgl. über das Thema «Religion und Sozialismus» z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-1528"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vorträge <hi rend="italic">Jesus Christus und die soziale Bewegung</hi> (1911), V.u.kl.A.
    1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p380#p380">S. 380–417</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-3634"><hi rend="italic">Evangelium und Sozialismus</hi> (1914), a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p729#p729">S. 729–733</ref></bibl>.</note>, <pb ed="A" n="250"/> Jugend<term type="begriffe" key="Religion, und Jugend"/>, Volkstum<term type="begriffe" key="Religion, und Volkstum"/>, Staat<term type="begriffe" key="Religion, und Staat"/>, als ob es nicht aus tausend Erfahrungen gewiss wäre, dass, wo immer das verhängnisvolle «Religion <hi rend="italic">und</hi>…» ernsthafte Gestalt gewinnt, <hi rend="italic">kein</hi> Gras mehr wächst! Und sollte man es glauben, dass die seltsamen Führer, die das alles verkündigen, darin ihre Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> haben, dass Millionen und Millionen durchaus gerade so und nicht anders geführt sein wollen, gerade nach der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> greifen als nach der Begründung oder doch Verbesserung oder doch tröstlichen Weihe ihrer übrigen Möglichkeiten, gerade durch das Pathos<term type="begriffe" key="Pathos, der Unendlichkeit"/> der Unendlichkeit<term type="begriffe" key="Unendlichkeit"/> beflügelt sehen möchten ihr eigenes und sonstiges Pathos, gerade damit sich etwas zugute zu tun hoffen, dass sie zu allem andern auch noch fromm werden! Aber die befremdliche Tatsächlichkeit dieses Geschehens ändert nichts daran, dass sie alle, Führer und Geführte, durch solches Tun den Ast ansägen, auf dem sie sitzen, das Haus anzünden, in dem sie schlafen möchten, das Schiff anbohren, in dem sie über dem Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund"/> fahren. Wem an seiner persönlichen Ruhe, am <pb ed="pga" xml:id="p367"/> schönen Gleichmaß der Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/>, an der Stetigkeit menschlicher Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, und Unkultur"/> (oder auch Unkultur) ehrlich gelegen ist, der wird sich mit <persName ref="kbga-actors-244">Lessing</persName>, <persName ref="kbga-actors-9677">Lichtenberg</persName>, <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>, <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, solange er irgend kann, gegen das Hereinstürmen der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> in seine Kreise zu verwahren suchen.<note xml:id="n51"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 135</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 170</bibl>).</note> Er wird warnend seine Stimme erheben gegen die allzu Unumsichtigen, die aus ästhetischen<term type="begriffe" key="Ästhetik"/>, historischen, sentimentalen oder politischen<term type="begriffe" key="Politik"/> Gründen die Deiche durchstechen und der Flut, die <hi rend="italic">sie zuerst</hi> hinwegspülen wird, einen Durchgang zu den Hütten und Palästen der Menschen schaffen. Er wird damit auf alle Fälle mehr Einsicht und Sachlichkeit verraten als jene angeblichen Virtuosen der Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Virtuosen der"/><note xml:id="n52">Der Ausdruck «Virtuosen (der Religion)» spielt eine große Rolle in <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Reden, vgl. S. 190, Z.15; S. 258, Z.22f.; S. 270, Z.18f.; S. 278, Z.25; S. 279, Z.1.9; S. 282, Z.29f.; S. 285, Z.11.27; S. 286, Z.25</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-936">Originalausgabe, S. 3.158.184.203–205.213.219f.222</bibl>).</note> (in Wahrheit ihre blutigsten Dilettanten<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Dilettanten der"/>!), die nicht wissend, was sie tun, mit ihrer romantischen<term type="begriffe" key="romantisch"/> Freude an der Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Romantik"/> Geistern rufen, die <hi rend="italic">sie</hi> nicht beschwören werden.<note xml:id="n53"> Möglicherweise denkt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier neben <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p367#fn_n52">S. 367, Anm. 52</ref>) an <persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>. Bei der Zusendung des 7. Kapitels an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> schreibt er am
    <date when="1921-05-23">23.5.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3417#p491">S. 491f.</ref></bibl>: «Wie zu erwarten war, ist die ganze Polemik gegen den Pietismus, die uns vor 3-4 Jahren so wichtig war, verschwunden, obwohl der Abschnitt bei den Rezensenten eine besonders gute Note erhalten hatte, und die Mündung des Geschützes weist nun, steiler gerichtet, auf einen ganz andern [<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>!] hin, der mir, sicher nicht ohne höhere Zulassung, eben jetzt in die Hände geraten ist. Sogar was er nächtlicherweise an seine <persName ref="kbga-actors-2571">Henriette</persName> geschrieben, als er über Religion fertig geredet, wird ans Licht gezogen. Aber auch den bekehrten <persName ref="kbga-actors-293">Natorp</persName> und andere Jahrhundertgenossen sieht man im Hintergrund über die Bühne schreiten.»</note> Er wird aber keinen Erfolg haben mit seinem Bemühen; denn die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> sitzt tiefer im Menschen, als dass er davon lassen könnte, und die Kultur<term type="begriffe" key="Religion, und Kultur"/> des modernen Abendlandes<term type="begriffe" key="Abendland"/> ist wahrlich nicht die Potenz, ihn vor jener Möglichkeit zu beschützen. Mag er, der Wächter an der Pforte der Humanität<term type="begriffe" key="Religion, und Humanität"/>, sich nur hüten, dass er nicht etwa in elfter Stunde selber noch einen kleinen Frieden mit dem mit Recht gefürchteten Gegner schließen muss!<note xml:id="n54"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 299</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 338</bibl>): «Wir Menschen wissen von einander nur als Gliedern einer Gesellschaft. In einer solchen sind wir uns aber selbst nur denkbar als sterblich. Wir müssen als Individuen einander Platz machen und dazu, zur Erfüllung dieses Schicksals kann uns Tod mit seinen Waffen – Krankheit und dem Rest – helfen. Diese Einsicht <hi rend="italic">muß</hi> genügen, um uns ihm zu unterwerfen, und hat das Wort der Religion nur irgend welche Wahrheit, daß Gott nichts über uns verhängt, das über unser Vermögen geht, so kann uns auch das Können zu diesem Müssen nicht fehlen. Das Sicherste bleibt, daß wir darüber, was wir zum Tode sagen, nicht gefragt werden. Meint daher die Religion mit jenem Worte, daß uns unbenommen ist, den Tod nur als unseren Begleiter zur endgültigen Ruhe uns gefallen zu lassen, so entfällt auf jeden Fall für uns jeder Grund dazu, mit ihr zu streiten. Ein Friedensschluß indessen, der uns von selbst bedenken läßt, ob wir Menschen nicht weit genug sind, um mit dem Tode auch allein, ohne Religion, fertig zu werden, dem wir unbedingt auf Gnade und Ungnade preisgegeben sind.» In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar ist dieser Absatz teilweise unterstrichen. Zu Overbeck als «Wächter» vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p066#fn_n30">S. 66, Anm. 30</ref>.</note> Denn Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Gegner des Menschen"/> <hi rend="italic">ist</hi> der <hi rend="italic">Gegner</hi>, der als treuester Freund <pb ed="pga" xml:id="p368"/> verkappte <hi rend="italic">Gegner</hi> des Menschen, des Griechen<term type="begriffe" key="Grieche"/> <hi rend="italic">und</hi><note n="ao" type="textcritical" xml:id="nao"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «und».</note> des Barbaren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.14">1,14</ref>], die <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis"/> der Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, und Unkultur"/> <hi rend="italic">und</hi> der Unkultur. Sie ist der <hi rend="italic">gefährlichste</hi> Gegner, den der Mensch diesseits des Todes (abgesehen von Gott) hat. Denn sie ist die menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, zu gedenken, dass wir sterben müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>], die Möglichkeit Gottes zu gedenken. Sie ist innerhalb der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen <hi rend="italic">der</hi> Ort, wo <pb ed="A" n="251"/> die Frage: Wer bist denn <hi rend="italic">du?</hi> in unerträglicher Weise zum Ausdruck<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap">Druckmanuskript: «Ausbruch».</note> kommt. «Das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, als Verdammnis"/> Gottes wird dem Menschen zur Verdammnis<term type="begriffe" key="Verdammnis"/>; denn in dem Maß, als sie unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> sind, sind sie Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Tod"/> und so des Todes schuldig» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n55"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 137</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">quod lex Dei homines condemnat, id fit quia,
    quantisper sub legis obligatione manent, peccati servitute premuntur: atque ita rei sunt mortis</foreign>».</note></p>
    <p><hi rend="italic">«Denn ich freue mich am Gesetze Gottes als innerlicher Mensch, sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern im Kriege liegen mit dem Gesetz meiner Vernunft und mich gefangen nehmen unter das Gesetz der Sünde in meinen Gliedern.»</hi> Religion<term type="begriffe" key="Religion, ist Dualismus"/> ist ausbrechender Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus"/>. Wer diesen Tatbestand durch monistisch klingende Floskeln verhüllt, der ist «ihr ausgezeichneter Verräter<term type="begriffe" key="Verräter"/>» (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>)<note xml:id="n56"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 236</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 275</bibl>), s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p283#fn_n31">S. 283, Anm. 31</ref>.</note> und tut auch der Welt, der er damit zu Gefallen sein will, den denkbar schlechtesten Dienst. Denn das Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/>, das er zuzudecken sich <pb ed="pga" xml:id="p369"/> bemüht, lässt sich nicht zudecken, und die mit Blumen umwundene Dynamitpatrone<term type="begriffe" key="Dynamit"/> wird eines Tages doch losgehen. Religion<term type="begriffe" key="Religion, ist Spaltung des Menschen"/> heißt Spaltung<term type="begriffe" key="Spaltung"/> des Menschen in zwei Teile: hier der «Geist<term type="begriffe" key="Geist, des Menschen"/>» des innerlichen Menschen, der sich am Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz, Gottes"/> Gottes erfreut (bin ich etwa identisch mit diesem «Geist», bin ich etwa bloß «innerlich»? Wer wagt es, das zu behaupten?), dort die «Natur<term type="begriffe" key="Geist, und Natur"/>» meiner Glieder<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>, in der ein ganz anderes Gesetz, eine ganz andere Möglichkeit, ein ganz anderes Stück Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/> sich zu Worte meldet, im Krieg<term type="begriffe" key="Kampf"/> liegt, Nein sagt zu dem «Gesetz der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/>» und seinem Ja<term type="begriffe" key="Ja"/>. Hier, in dieser auftauchenden Opposition, in diesem Zweiten, in diesem Prinzip der Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/>, verleiblicht in meiner von der Seele geschiedenen Leiblichkeit<term type="begriffe" key="Leiblichkeit"/>, offenbar das Gesetz aller Gesetze, die Möglichkeit aller Möglichkeiten: die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, die mich gefangen nimmt. (Bin ich nun etwa identisch mit dieser sündebeherrschten «Natur<term type="begriffe" key="Natur, sündebeherrscht"/>»? Wer wagte es, <hi rend="italic">das</hi> zu behaupten?) Innerlichkeit<term type="begriffe" key="Innerlichkeit"/> und Äußerlichkeit, Jenseits und Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>, Idealität<term type="begriffe" key="Idealismus"/> und Materialität<term type="begriffe" key="Materialismus"/> kann man ja das Gegensatzpaar auch nennen. Aber wohin gehörst denn du<note n="aq" type="textcritical" xml:id="naq">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">du</hi>».</note>? Wer bist denn <hi rend="italic">du?</hi> «Geist<term type="begriffe" key="Geist, und Natur"/>» oder «Natur»<term type="begriffe" key="Natur"/>? <hi rend="italic">Du</hi> kannst den «Geist» nicht verleugnen und nur «Natur» sein wollen; denn das ist ja dein eigentümliches Wissen als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> (du weißt von <hi rend="italic">Gott!</hi>), dass Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> durchaus Geist<term type="begriffe" key="Geist, und Natur"/> sein will. Du kannst aber auch die «Natur» nicht verleugnen und nur «Geist» sein wollen; denn wiederum weißt du als religiöser Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> nur zu gut (du weißt von <hi rend="italic">Gott!</hi>), dass Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> gerade und durchaus Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> sein will. So bin ich beides! möchtest du antworten, «Geist<term type="begriffe" key="Geist, und Natur"/>» und «Natur», Geistnatur, Naturgeist vielleicht – –! Versuch es mit solchen frechen Antizipationen, und du wirst bald sehen, dass, was <hi rend="italic">eins</hi> sein will<term type="begriffe" key="Einheit"/>, sich eben darum durchaus nicht bloß nebeneinanderstellen, amalgamieren und vermählen lässt, sondern je toller du es treibst mit deinen <pb ed="A" n="252"/> Ineinssetzungen des Widerstrebenden, um so sicherer und schärfer folgt das
    Auseinanderbrechen. Sondern hin- und hergehetzt bist du immer das Eine <hi rend="italic">oder</hi> das Andere und doch nie das Eine oder Andere <hi rend="italic">ganz!</hi> Jetzt das Eine, das durch das Andre, jetzt das Andre, das durch das Eine ausgeschlossen ist – und doch nicht endgültig, nicht tödlich ausgeschlossen, sondern immer so, dass auch seine gründlichste Austreibung die schwache, aber aussichtsreiche Möglichkeit einer ebenso gründlichen Wiederkehr offen lässt.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p370" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24 Röm.7.25">V. 24‒25a</ref> Ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich herausreißen aus diesem Leibe des Todes? – Gott sei Dank durch Jesus Christus unsern Herrn!</hi></p>
    <p>Wir stehen wieder dort, von wo wir am Anfang des Kapitels ausgingen: Der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> ist «der Mensch, solange er lebt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.1">7,1</ref>): <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>, der menschenmögliche Mensch, den wir allein kennen. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch, der nie sein soll, was er ist, und nie ist, was er sein soll. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch, der in seinem sterblichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12">6,12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11">8,11</ref>], mit dem er unzerreißbar und unabgrenzbar eins ist, die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an die Welt des Todes"/> mit sich herumträgt, dass er (kein anderer, <hi rend="italic">er!</hi>) des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/> ist. Wohin können uns alle Feststellungen über die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> der Religion führen als zu dem gründlichsten Zweifel<term type="begriffe" key="Zweifel"/> an der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen? Er kann ja wirklich nicht leben und nicht sterben! Er hängt ja wirklich, gerade mit seiner Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, zwischen Himmel und Erde! Aber was hilft mir der gründlichste Zweifel<term type="begriffe" key="Zweifel"/> an der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> dieses Menschen, wenn ich nun einmal dieser Mensch <hi rend="italic">bin</hi>, wenn alle psychischen<term type="begriffe" key="psychisch"/> Verrenkungen und alle dialektischen<term type="begriffe" key="dialektisch"/> Umkehrungen<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> mir nicht hinweghelfen über die brutale Gegebenheit dieses «Ich bin», wenn ich, gerade durch die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> sehend gemacht, keine andere Möglichkeit sehe als die Möglichkeit, dieser Mensch zu sein! «Ich unglückseliger Mensch!» Wissen wir jetzt, jetzt endlich, was der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/> ist? Und was die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> der Religion? Und <hi rend="italic">wie</hi> weit weg von der Wirklichkeit der Religion jene Triumphatorenstimmung, die an der Wiege dessen stand, was die Wortführer des 19. Jahrhunderts Religion<term type="begriffe" key="Religion, im 19. Jahrhundert"/> zu nennen beliebten? Die Wirklichkeit der Religion ist das Entsetzen<term type="begriffe" key="Religion, als Entsetzen"/> des Menschen vor sich selbst. – <hi rend="italic">Jesus Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> aber ist der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> jenseits des menschenmöglichen Menschen, jenseits vor allem des frommen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/>. Er ist die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in seiner Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/>. Er ist der Mensch, der aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> gekommen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>]. Er ist – nicht ich, mein existentielles<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, ich, der ich in Gott, in der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes bin. Gott sei Dank: durch Jesus Christus unseren Herrn bin ich <hi rend="italic">nicht</hi> der unglückselige Mensch, der ich bin.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.25">V. 25b</ref> Also so steht’s: Ich</hi>
    als <hi rend="bold">derselbe</hi>
    eine Mensch <hi rend="bold">diene mit</hi> <pb ed="A" n="253"/> <hi rend="bold">der Vernunft dem Gesetze Gottes, mit dem Fleische aber dem Gesetz der Sünde.</hi></p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p371" rend="noPipe"/>Der unglückselige Mensch, der <hi rend="italic">ich bin</hi>. Wir müssen dem ganzen Gewicht dieses «Ich bin» standhalten. Man wirft dieses Gewicht <hi rend="italic">nicht</hi> ab. Wahrhaftig nicht seine Geschichte «<hi rend="italic">vor</hi> seiner Bekehrung» hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier erzählt. Was heißt «vor», wenn es sich bei der Bekehrung<term type="begriffe" key="Bekehrung, des Paulus"/> um die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> dieses<note n="ar" type="textcritical" xml:id="nar">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">dieses</hi>».</note> Menschen in seiner Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> handelt? Sondern festgestellt hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, kongenial verstanden von den Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> verstanden von der mit pietistischer Brille lesenden neuern Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, pietistische"/>, sein <hi rend="italic">Sein</hi> in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Wirklichkeit seines <hi rend="italic">Seins</hi> «vor» und «nach» Damaskus<term type="begriffe" key="Damaskus"/> ist <hi rend="italic">diese</hi> Wirklichkeit. Derselbe eine Mensch kraft des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, und Dualismus des Menschen"/> Gottes gespalten in zwei, die kraft des Gesetzes Gottes nicht zwei sein können. Gestürzt in einen Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus"/>, der seine eigene Widerlegung ist. Zerschellt<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/> an Gott, ohne doch Gottes vergessen zu können. Wissen wir jetzt, was die Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, was seine Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist!? </p> 
</div>
</div>
</body>
</text>
</TEI>
