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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">6. Kapitel: Die Gnade</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 6. Kapitel: Die Gnade, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 259–315.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">6. Kapitel: Die Gnade</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 259–315</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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    <head>6. Kapitel<lb/>
    DIE GNADE</head>
    <head><hi rend="smallCaps">Die Kraft der Auferstehung</hi></head>
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.1 Röm.6.11">6,1–11</ref></head>
   
    <p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.1">V. 1</ref> Was sollen wir nun</hi>
    weiter <hi rend="bold">sagen? «Lasst uns in der Sünde verweilen, damit die Gnade um so größer werde!»? Unmöglich!</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Was sollen wir nun weiter sagen?»</hi> In engster dialektischer<term type="begriffe" key="Dialektik"/> Beziehung zueinander sehen wir <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und Christus, alte<term type="begriffe" key="Welt, alte"/> und neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, Königsmacht<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> der Sünde und Königsmacht der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Macht"/>, scheinbar gegenseitig durcheinander bedingt und aufeinander angewiesen, gegenseitig sich garantierend und legitimierend. Mit allem Nachdruck haben wir (besonders <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15 Röm.5.17">5,15–17</ref>) behauptet, dass diese Beziehung eine <hi rend="italic">echt</hi> dialektische<term type="begriffe" key="Dialektik"/> ist, d. h. dass sie in der Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> des ersten Gliedes durch das zweite besteht, dass also die Reihe nicht umkehrbar<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> ist. Aber vielleicht haben wir das doch erst <hi rend="italic">behauptet?</hi> Alles hängt davon ab, dass wir diesen Sieg, diesen Umschlag ohne Rückschlagmöglichkeit, diese schlechthinige Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> als Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> <hi rend="italic">erweisen</hi> können. Wir wagten als stärksten Hinweis auf den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, da in Gottes unanschaulichem Ratschluss<term type="begriffe" key="Gott, Ratschluss"/> der Schlüssel sich dreht, die Türe sich öffnet, der Schritt über die Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle, Schritt über die S."/> geschieht, den gefährlichen Satz: «Wo der Fall<term type="begriffe" key="Fall, des Menschen"/> überfloss, da überströmte die Gnade» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>). Wir wagten es, den Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und den Triumph der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in ihrem Zusammenhang zu begreifen. Wir <hi rend="italic">mussten</hi> es wagen, denn «Christus wird wohl nicht darum verschwiegen werden dürfen, weil er vielen zum Stein des Anstoßes<term type="begriffe" key="Anstoß, Stein des Anstoßes"/> und Fels des Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, Fels des Ärgernisses"/> wird; denn in der gleichen Eigenschaft, in der er den Ungläubigen zum Verderben wird, wird er den Frommen zur Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 103</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Pergendum est tamen, nec Christus ideo supprimendus quia multis sit in lapidem offensionis et petram scandali. Qua enim ratione impiis cedet in ruinam, piis vicissim in resurrectionem erit</foreign>.»</note> Es könnte aber verkannt werden, dass jener Satz tat<pb ed="pga" xml:id="p260" break="no"/>sächlich ein gefährlicher, ein zweideutiger Satz ist, dass sein Inhalt eben nur als Hinweis auf den ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes, nicht aber in physisch<term type="begriffe" key="physisch"/>-metaphysischem<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Sinn, nicht als Beschreibung eines Vorgangs auf der Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/> der historisch-psychologischen<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, und Wahrheit"/> Wahrheit ist. Es ließe sich ja eine Fortsetzung jenes Satzes denken, <pb ed="A" n="168"/> die etwa so lauten würde: In ewiger Spannung, Polarität<term type="begriffe" key="Polarität"/> oder Antinomie<term type="begriffe" key="Antinomie"/> stehen sich Fall<term type="begriffe" key="Fall, des Menschen"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> gegenüber. Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> und Nein sind in sich gleich notwendig, gleich wertvoll und gleich göttlich. Gleich lebendig lebt der Mensch in beiden. Nein muss sich in Ja und Ja muss sich immer wieder in Nein verwandeln, weil es sonst stürbe. Alles ist negativ<term type="begriffe" key="Negativität"/> und alles ist positiv<term type="begriffe" key="Positivität"/> zu werten – und was solche<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dgl.».</note> Gemeinverständlichkeiten mehr sind. Wollen wir etwa
    <hi rend="italic">das</hi> sagen?</p>
    <p>Also: <hi rend="italic">«Lasst uns in der Sünde verweilen, damit die Gnade um so größer werde!»?</hi> Der kontinuierliche Zusammenhang von Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ist der actus purus eines unanschaulichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen, unanschauliches"/> in Gott. Die Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> des göttlichen Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> spaltet sich zur Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/>, um sich in der Überwindung<term type="begriffe" key="Überwindung"/> dieser Zweiheit um so siegreicher als Einheit zu erweisen. Dieses unanschauliche Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, unanschauliches"/> in Gott kann verwechselt werden mit der anschaulichen Reihe seelisch-geschichtlicher<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Zustände, in denen es im Leben des Menschen zur Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> kommt. Es kann m. a. W. das anschauliche Nebeneinander und Nacheinander der jene Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> in Gott im Leben des Menschen anzeigenden Zustände<term type="begriffe" key="Zustand"/> metaphysisch<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> zurückprojiziert<term type="begriffe" key="Projektion"/> werden in den Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes selbst. Die Folge wird offenbar die sein, dass der Mensch sich nicht mehr auf den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> <hi rend="italic">Gott selbst</hi> als auf seinen ewigen<term type="begriffe" key="Ursprung, ewiger"/> Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/> verwiesen, wohl aber <hi rend="italic">sich selbst</hi>, den bekannten Menschen, die Kontinuität seiner eigenen niedern und höhern Zustände<term type="begriffe" key="Zustand"/>, transzendent<term type="begriffe" key="transzendent"/> bestätigt und begründet sieht. Mit der Verewigung des zeitlichen Vorgangs ist offenbar die Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> ausgeschaltet, die jenes unanschauliche Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, unanschauliches"/> in Gott (als Drohung<term type="begriffe" key="Drohung, und Verheißung"/> und Verheißung) für den zeitlichen Vorgang als solchen bedeutet; an ihre Stelle ist die Friedhofsruhe der immanenten<term type="begriffe" key="Immanenz und Transzendenz"/> Spannung, Polarität<term type="begriffe" key="Polarität"/>, Allogenität<term type="begriffe" key="Allogenität"/> oder Antinomie<term type="begriffe" key="Antinomie"/> eines höhern und niederern<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "niedern".</note> Zustandes<term type="begriffe" key="Zustand"/>, also zweier kausal miteinander verknüpfter anschaulich- <pb ed="pga" xml:id="p261"/> menschlicher Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> getreten. Wenn Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> nach Analogie<term type="begriffe" key="Analogie"/> menschlicher Zustände<term type="begriffe" key="Zustand"/> auf Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> <hi rend="italic">folgt</hi>, so kann offenbar auch umgekehrt Sünde auf Gnade <hi rend="italic">folgen</hi>, <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>die dann ihrerseits wieder Gnade <hi rend="italic">zur Folge</hi> hat<note n="c" target="fn-c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «um dann ihrerseits wieder von Gnade <hi rend="italic">gefolgt</hi> zu werden».</note>. Das bedeutet aber die Einladung, in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> zu «verweilen», mit ihr, die, von Gott aus gesehen, gegenüber der Gnade<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> als das ewig Gewesene, Ausgeschlossene, Aufgehobene<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> nur auftauchen dürfte, um zu verschwinden, zu rechnen als mit einem positiven Faktor, sie zu benützen als Mittel, Weg und Sprungbrett zur Gnade («damit die Gnade um so größer werde»), wie eben eine menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> Mittel, Weg und Sprungbrett sein kann zu einer andern menschlichen Möglichkeit. Es ist dieselbe «menschliche Logik<term type="begriffe" key="Logik"/>», die sich schon <pb ed="A" n="169"/> einmal (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.3 Röm.3.5">3,3–5</ref>) mit ihrem «Lasset uns Böses tun<term type="begriffe" key="Böse, ist böse"/>, damit Gutes daraus werde!» zu Worte gemeldet hat, die auch hier den Menschen mit der Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/>
    seiner Kontraste<term type="begriffe" key="Kontrast"/> zum Gott erhebt (als ob der Mensch in der Lage wäre, durch sein Tun innerhalb der Bedingtheit seines Wesens die Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> vom Bösen zum Guten<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, von der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> zur Gnade zu vollziehen!) und Gott in der freien Bewegung seines Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> zum Menschen erniedrigt (als ob der Gott, der launenhaft zwischen Gut und Böse, Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> und Gnade hin- und herschwankt, Gott wäre und nicht vielmehr Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.4">2.Kor. 4,4</ref>], das Spiegelbild<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> des mit sich selbst uneinigen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch"/>!).</p>
    <p>Ein <hi rend="italic">«Unmöglich!»</hi> setzen wir hier wie dort dieser menschlichen Logik<term type="begriffe" key="Logik"/> entgegen. Unmöglich ist es, den unerhörten, den unanschaulichen Moment, da Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> und Gnade sich in Gott das Gleichgewicht<term type="begriffe" key="Gleichgewicht, zwischen Sünde und Gnade?"/> halten, gleich stark und gleich berechtigt sich gegenüberstehen, in die menschliche Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/> eines seelisch-geschichtlichen Nach- und Nebeneinander, in menschlich gewusste und gewollte Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> zu übertragen. Unmöglich ist es, die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> als Ursache der Gnade zu bejahen, anzuerkennen, zu feiern, als ob Sünde und Gnade, Gnade und Sünde sich wirklich <hi rend="italic">folgen</hi> würden. Unmöglich ist es, dem Menschen in frommer Zudringlichkeit die Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/> Gottes und Gott in frommer Ergebung die Ohnmacht des Menschen zuzuschreiben. Unmöglich ist das unter Berufung auf den Ratschluss Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ratschluss"/> getrie<pb ed="pga" xml:id="p262" break="no"/>bene pseudo-dialektische<term type="begriffe" key="Dialektik"/> Spiel mit der ewigen Spannung<term type="begriffe" key="Spannung"/>, Polarität<term type="begriffe" key="Polarität"/> und Antinomie<term type="begriffe" key="Antinomie"/>, in der sich der Mensch angeblich befinden soll. Diese Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> ist die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>. Von ihr ist nun zu reden.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">V. 2</ref> Die wir der Sünde starben – wie werden wir noch in ihr leben</hi> können?</p>
    <p><hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/> ist als anschauliches Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> gerade jene Verwechslung von Mensch und Gott, jene Vergöttlichung<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> des Menschen oder Vermenschlichung<term type="begriffe" key="Vermenschlichung"/> Gottes, durch die der Mensch sich selbst rechtfertigen<term type="begriffe" key="Selbstrechtfertigung"/>, bestätigen und bestärken möchte. Sofern sich unser menschliches Wissen und Wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/> auf der niedersten wie auf der höchsten Stufe der uns gegebenen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> fortwährend und notwendig in diesem Ereignis verdichtet, sind wir als Menschen fortwährend und notwendig Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Fortwährend und notwendig darum, weil unser menschliches Wissen und Wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/> (im ganzen Umkreis seiner Möglichkeiten) nicht anders kann als in seiner Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/>, Zufälligkeit<term type="begriffe" key="Zufälligkeit"/> und Zersplitterung Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ablegen von der unanschaulichen Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, unanschauliche"/> des Abfalls<term type="begriffe" key="Abfall"/>, von der unser Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> als Menschen, als <hi rend="italic">diese</hi> Menschen, die wir <hi rend="italic">sind</hi>, bestimmt ist. «In der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> leben», das heißt also: bestimmt durch jene unanschauliche Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> wissentlich und <pb ed="A" n="170"/> willentlich jene Vergöttlichung<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> des Menschen und Vermenschlichung<term type="begriffe" key="Vermenschlichung"/> Gottes vollziehen und betreiben.</p>
    <p><hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> nun ist die aus keinerlei Kontinuität (außer der des Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>!) zu begreifende Tatsache der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>: Dieser gefallene<term type="begriffe" key="Fall, des Menschen"/> und, soweit das Auge reicht, Gott verkennende Mensch ist von Gott erkannt als sein Kind<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>, ist der Gegenstand göttlicher Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/>, göttlichen Wohlgefallens<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/>, göttlicher Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/>. Das ist der tödliche Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, tödlicher A. auf den Sünder"/> auf diesen «in der Sünde lebenden» Menschen, der radikale Zweifel an seiner unanschaulichen Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen"/> und anschaulichen Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit, durch die Sünde"/> durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. «Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, gegen Sünde"/> ist wider die Sünde und frißt sie auf» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 100</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3593"><hi rend="italic">Predigt am sechsten Sonntag nach Trinitatis. Röm. 6,3-11</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 22, 94,11f.</bibl></note>, nämlich die Sünde des Abfalls<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/>, die in der in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als sündiger Anthropomorphismus"/> gipfelnden<term type="begriffe" key="Gipfel"/> Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> des Anthropomorphismus<term type="begriffe" key="Anthropomorphismus"/> anschaulich zum Ausbruch kommt. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, gegen Sünde"/> greift<term type="begriffe" key="Angriff, der Gnade"/> die Sünde in ihrer <pb ed="pga" xml:id="p263"/> Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel, der Sünde"/> an. Sie stellt uns selbst, als <hi rend="italic">diese</hi> Menschen, die wir <hi rend="italic">sind</hi>, in Frage<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>. Sie nimmt uns als solchen den Atem, sie ignoriert uns als solche, sie redet uns an als die, die wir nicht sind, als neue Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Gott weiß nicht mehr, was wir sonst sind! Stehen wir in der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, so heißt das, dass wir von Gott erkannt sind als Nicht-Sünder<term type="begriffe" key="Sünder, Nicht-"/>. Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> als die notwendige Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Wissens durch die Sünde"/> unseres Wissens und Wollens<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/> ist für uns als die, die wir, von Gott erkannt, sind, ein Gewesenes, ein Überwundenes, ein Erledigtes geworden. «Wir starben der Sünde.» Wir wachsen nicht mehr aus dieser Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/>, wir atmen nicht mehr in dieser Luft, wir unterstehen nicht mehr dieser Macht<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/>. «Wie werden wir noch in ihr leben können?» Wie werden wir weiter leben als die, die wir sind, von denen Gott nichts weiß? Was wird aus der anschaulichen Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> unsres Wissens und Wollens<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/>? Wie soll unser Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> als Menschen der Schauplatz anschaulicher Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, anschauliche"/> sein? Ja wie? Gerade die Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Sünde"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> ist problematisch geworden, unser Sein in das Licht seines überlegenen Nicht-Seins<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> gerückt. Ein unerhörtes und unanschauliches, ein <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> <hi rend="italic">aeternum</hi></foreign> unseres Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>, das Futurum der uns nicht-gegebenen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> Gottes, schiebt sich überragend mächtig an
    Stelle der Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> dessen, was wir als menschenmöglich wussten und wollten, wissen und wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/>, wissen und wollen <hi rend="italic">werden.</hi> Das ist Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> <hi rend="italic">und Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde"/> sind also von Haus aus inkommensurable Größen. Sie können weder als zwei Stationen eines Weges, noch als zwei Glieder einer Kausalreihe, noch als zwei Brennpunkte<term type="begriffe" key="Brennpunkte einer Ellipse"/> einer Ellipse, noch als zwei Griffe einer Methode, noch als zwei Prädikate eines Subjekts nebeneinander stehen. Sie sind, mathematisch gesprochen, nicht nur Punkte auf verschiedenen Ebenen<term type="begriffe" key="Ebene"/>, sondern Punkte in verschiedenen Räumen, von denen der zweite den <pb ed="A" n="171"/> ersten ausschließt. Schon die Frage nach einem «Verhältnis» beider, nach einer Möglichkeit, von hier nach dort zu gelangen, ist ausgeschlossen. Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> verhält sich zu Gnade wie möglich zu unmöglich<term type="begriffe" key="unmöglich"/>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, die die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> als Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> neben sich hat, ist nicht Gnade. Der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> weiß die Sünde nicht, und er will sie nicht. Der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> <hi rend="italic">ist nicht</hi> der Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Zwischen beiden ist ein Vergehen und Neuwerden des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. «Die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> ist die <hi rend="italic">Gottestat</hi>, die als solche den Menschen nicht läßt, wie er ist, sondern völlig umgestaltet» (<persName ref="kbga-actors-21">Fr. Barth</persName>).<note xml:id="n03"> <bibl corresp="kbga-bibls-3589"><persName ref="kbga-actors-21">Fr. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der Brief an die Römer</hi>, Ungedrucktes Kollegmanuskript vom Winter 1890/91 (im KBA), Bogen 57,3.</bibl></note></p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p264" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.3 Röm.6.5">V. 3‒5</ref> Oder merket ihr nicht, dass wir als auf den Christus Jesus Getaufte auf seinen Tod getauft wurden? Wir wurden nun begraben mit ihm durch die Todestaufe, damit, wie Christus von den Toten erweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Lebensneuheit wandeln sollten. Denn sofern wir</hi>
    ihm <hi rend="bold">verwandt sind im Gleichnis seines Todes,</hi>
    nämlich in <hi rend="italic">unserm</hi>
    Tode, <hi rend="bold">werden wir es auch in der Auferstehung sein.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Wir als auf den Christus Jesus Getaufte».</hi> Wir stellen an die Spitze unsrer  Überlegungen die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gottes Zeichen"/> an das den anschaulich-zeitlichen Anfang unserer Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes bildende «Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.11">4,11</ref>) der Taufe<term type="begriffe" key="Taufe"/>. Also die Erinnerung an ein <hi rend="italic">Faktum</hi><term type="begriffe" key="Faktum"/> aus der Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/> der Religion. Warum nicht? Auch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, anschauliche"/>, um die es sich hier handelt, ist ja das anschauliche <hi rend="italic">Faktum</hi><term type="begriffe" key="Faktum"/> der wissentlichen und willentlichen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/> Verunehrung Gottes. Und als <hi rend="italic">Faktum</hi><term type="begriffe" key="Faktum"/> in der Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt"/> ist ja auch die «Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> in Christus Jesus» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.24">3,24</ref>) aufgetreten. Ihre Historizität ist («für alle, die glauben» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.22">3,22a</ref>!) der Hinweis auf die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> ihres ewigen Gehaltes. 
    «Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>» in diesem Sinn ist auch die Taufe<term type="begriffe" key="Taufe"/> gerade in ihrer paradoxen<term type="begriffe" key="Paradox"/> Einmaligkeit<term type="begriffe" key="Einmaligkeit"/>. Dass das Zeichen Zeichen ist und nicht mehr als das, das wissen wir, aber warum sollte es uns nichts zu zeigen haben? «Die Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> sind nur dann leer und wirkungslos, wenn unsre eigene Undankbarkeit und Bosheit der Energie der göttlichen Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> in den Weg tritt» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>)<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 106</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Nunquam enim nuda inaniaque habemus symbola, nisi ubi divinae beneficentiae energiam nostra ingratitudo ac malignitas impedit.</foreign>»</note>, d. h. wenn wir sie ihrer Wahrheit dadurch berauben, dass wir sie mit einer dinglichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> irgendwelcher Art identifizieren: sei es dadurch, dass wir sie zu einer inhaltleeren (Pietät<term type="begriffe" key="Pietät"/> ist kein Inhalt!) «kirchlichen<term type="begriffe" key="kirchlich"/> Handlung»<note xml:id="n05"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3594"><persName ref="kbga-actors-9670">W. Thümmel</persName>, Art. «Handlungen, kirchliche», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> II, Sp. 1840–1843, bes. Sp. 1841</bibl>: Kirchliche Handlungen sind «die durch ein äußerliches Tun zum Ausdruck gebrachten Gebetswünsche, 
    die in bestimmter Weise zu einem besonderen Zweck über und von Menschen an Gott gerichtet werden».</note> verflüchtigen, sei es, dass wir sie in einem allfällig an den Zeichen zu machenden religiösen Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/> («Tauferlebnis»<term type="begriffe" key="Taufe, «Tauferlebnis»"/><note xml:id="n06"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 203</bibl>: «Es drängt ihn, in der Antwort auf den in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.1">V. 1</ref> formulierten Einwurf das Tauferlebnis der Christen sofort so zu beschreiben, daß daraus ihre Befähigung und Verpflichtung zu einem neuen sittlichen Wandel ersichtlich wird.» S. 204: «<hi rend="italic">wir sind durch ein Erlebnis</hi> oder: <hi rend="italic">in einem Erlebnis, das seinem Tode vergleichbar ist, mit ihm zusammengewachsen».</hi> Beide Sätze sind in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen. Vgl. auch den Exkurs <bibl corresp="kbga-bibls-3468">«Das Tauferlebnis», S. 212–216.</bibl></note>) suchen, <pb ed="pga" xml:id="p265"/>  sei es, dass wir dem Zeichen eine direkte mystisch<term type="begriffe" key="Mystik"/>-magische<term type="begriffe" key="Magie"/> Mitteilungskraft<term type="begriffe" key="Mitteilung"/> zuschreiben oder es in mehr rationaler Weise als eine der tiefen Sinngebungen («Symbole»<term type="begriffe" key="Symbol"/><note xml:id="n07"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 213</bibl>: die Taufe dürfe «im
    Sinne des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nur als symbolische Handlung verstanden werden»; <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 62</bibl>: «als wir mit unserm ganzen Leibe [...] im Wasser verschwanden, sind wir symbolisch (durch Ertränken) getötet [...]: aber nicht bloss ‹symbolisch›, sondern tatsächlich ist dabei der stellvertretende Tod Christi auf unsern Leib übergegangen»; <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, <choice><sic ed="pga">Paulusausleger</sic><corr type="misprint" resp="sm">Römerbrief</corr></choice>, S. 35</bibl>: «Was uns heute bloß Sinnbild ist, vermischt sich dem Orientalen mit der Wirklichkeit».</note>), vom christlichen Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/> im Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> des Lebens aufgerichtet, werten und schätzen. Als das auf <hi rend="italic">Gottes</hi> jenseitige Sinngebung des Lebens<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens"/> zeigende und sie bezeugende, <pb ed="A" n="172"/> als das <hi rend="italic">sein Wort</hi> (und nicht nur den christlichen Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/>) verkündigende Zeichen ist die Taufe, was sie ist: Wahrheitsträger, Heiligtum, Sakrament<term type="begriffe" key="Sakrament"/>. Sie <hi rend="italic">bedeutet</hi> nicht nur, sondern sie <hi rend="italic">ist</hi> in ihrer Bedeutsamkeit, als Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf das Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> ihrer Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>, Vermittlung neuer Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>, ewige<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "ewiger".</note> Realität<term type="begriffe" key="Realität"/>, nicht Gnade, aber durchaus Gnaden<hi rend="italic">mittel</hi><term type="begriffe" key="Taufe, Gnadenmittel"/><note xml:id="n08"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3595"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, Art. «Gnadenmittel», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> II, Sp. 1475f.</bibl>, nach dem für «den heutigen Glauben» Gnadenmittel «alles» ist, «was der religiösen Anregung und Erbauung dienen kann» (Sp. 1476). Möglicherweise hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diese Umdeutung der alten Lehre von den media salutis (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1616">SchmP, S. 319–393</bibl>) hier im Blick.</note>. Wie die auf Gott gerichtete Frage immer auch Gottes Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/>, wie des Menschen Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> unanschaulich umschließt, so auch das Menschenwerk der Taufe das durch sie verkündigte Tun Gottes am Menschen. Bedeutet <hi rend="italic">und ist</hi> sie uns das, warum soll sie nicht die Festung sein, von der wir in der Welt des Zeitlichen und Dinglichen zunächst ausgehen? – Auch dass sie als «Initiationsritus»<term type="begriffe" key="Taufe, «Initiationsritus»"/><note xml:id="n09"> Vgl. den Exkurs bei <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 63f.</bibl></note> keine originale Schöpfung des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/>, sondern «hellenistisches<term type="begriffe" key="Hellenismus"/> Gut»<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 64.</bibl></note> ist, beweist nur, was wir immer sagen und auch hier sagen wollen: Es hat seinen guten Grund, dass die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> von Christus nicht unter Proklamation neuer Riten<term type="begriffe" key="Ritus"/>, Dogmen<term type="begriffe" key="Dogma"/> und Institutio<pb ed="pga" xml:id="p266" break="no"/>nen<term type="begriffe" key="Institution"/>, sondern auf der ganzen Linie unbefangen unter Entlehnung bekannten «religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/>» Gutes auftritt. Die Botschaft von dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> kann es sich leisten, den bekannten Göttern <persName ref="kbga-actors-9671">Mithras</persName>, <persName ref="kbga-actors-9655">Isis</persName> und <persName ref="kbga-actors-9657">Kybele</persName>
     auf <hi rend="italic">ihrem</hi> Felde<note xml:id="n11"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, ebd.</bibl></note>, auf dem Felde der religiösen <hi rend="italic">Phänomene</hi><term type="begriffe" key="Phänomen, religiöses"/> <hi rend="italic">keine</hi> Konkurrenz zu machen. Ihre grundsätzliche Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> gegenüber der zwischenweltlichen Magie<term type="begriffe" key="Magie"/>, die dort den ursprünglichen, den eigentlich gemeinten Sinn der religiösen Zeichensprache verdunkelt, gibt ihr die Möglichkeit, die Mysterienreligionen<term type="begriffe" key="Religion, Mysterienreligion"/> besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen<note xml:id="n12"> 
    <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Bestimmung der Aufgabe des Verstehens: <bibl corresp="kbga-bibls-3596">Fr. Schleiermacher, <hi rend="italic">Hermeneutik</hi>, neu hrsg. von H. Kimmerle (AAH, Jg. 1959, 2. Abh.), Heidelberg 1974<hi rend="sup">2</hi>, S. 50.56.83.87.108.138</bibl>.</note>, gibt ihr die Freiheit, unbekümmert um das Bedenkliche auf den Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, im Unsinn"/> im Unsinn zurückzugreifen, gibt ihr die Berechtigung, das jüdische <hi rend="italic">und</hi> das heidnische «Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>» für die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Zeugnis"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>) als solches auf- und anzunehmen. Wobei wir uns bewusst sind (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.16">4,16</ref>), dass es Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist, wenn dem Unsinn tatsächlich Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, im Unsinn"/> innewohnt, dass allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/> (in Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an indirekte Mitteilung Gottes"/>, dass es keine direkte Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung, direkte"/> Gottes gibt!) diese Auf- und Annahme des Sinns im Unsinn<term type="begriffe" key="Sinn, im Unsinn"/> der religiösen Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/> möglich ist und dass diese doppelte Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, doppelte"/> die notwendige Schranke und immanente Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> unsrer Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> auf dieses «Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>» und «Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>» ist.</p>
    <p><hi rend="italic">«Merkt ihr nicht, dass wir auf seinen Tod getauft wurden?»</hi> Von einem Sterben redet das Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen, der Taufe"/> der Taufe zu denen, die merken können. Getauftwerden heißt Eingetauchtwerden, Verschwinden im fremden Element, Verhülltwerden<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> von der reinigenden Flut. Der dieses Wasser verlässt, ist <hi rend="italic">nicht der</hi>, der es betreten hat. Einer ist gestorben, ein andrer ist geboren. Mit dem einen, der gestorben ist, ist der Getaufte nicht mehr identisch. Denn Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ist uns die Taufe vom Tode<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> des Christus, in welchem <pb ed="A" n="173"/> der rücksichtslose, der radikale Anspruch Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Anspruch auf den Menschen"/> auf den Menschen triumphierte. Wer auf den Namen des Christus getauft ist, der ist einbezogen in dieses Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, verschwunden und verloren in diesen Tod, verschlungen und bedeckt von diesem Anspruch Gottes. Und damit ist er von der Insolenz und Illusion<term type="begriffe" key="Illusion"/> menschlicher Gottähnlichkeit<term type="begriffe" key="Gottähnlichkeit"/> absolut abgeschnürt und abgeschnitten; denn was soll davon übrig bleiben angesichts des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/>? <pb ed="pga" xml:id="p267"/> Er hat seine Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit dem Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, der die Sünde weiß und will<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen, der Sünde"/>, eingebüßt. Er ist der Macht der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/>, der Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit, durch die Sünde"/> durch sie ledig; denn er ist als <hi rend="italic">der</hi> Mensch, über den die Sünde Macht<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> haben, den sie bestimmen kann, gestorben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.7">7</ref>). Denn der Christustod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> hebt den Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> auf. Er schafft den Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, in dem die usurpierte Selbständigkeit<term type="begriffe" key="Selbständigkeit"/> des Menschen nicht mehr gedeiht. Er greift die unanschauliche Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel, der Sünde"/> der anschaulichen Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, anschauliche"/> an. Er macht <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, den Menschen Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, zu einer gewesenen, zu einer vergangenen Größe. Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> dieses Todes lebt darum auch der Mensch, der in der Sünde weiter leben will (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>), der Mensch, der sein will wie Gott, nicht mehr. Der Anspruch, den Gott<term type="begriffe" key="Gott, Anspruch auf den Menschen"/> hier auf den Menschen erhebt, hebt <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen auf<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/>. «Himmelstürmender<term type="begriffe" key="himmelstürmend"/> Idealismus<term type="begriffe" key="Idealismus"/>» (<persName ref="kbga-actors-2292">H. Holtzmann</persName>)<note xml:id="n13"> <bibl corresp="kbga-bibls-3597"><persName ref="kbga-actors-2292">H. J. Holtzmann</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der Neutestamentlichen Theologie</hi>, hrsg. von A. Jülicher und W. Bauer (Sammlung theologischer Lehrbücher), Bd. 2, Tübingen 1911<hi rend="sup">2</hi>, S. 164</bibl>: «Mit der Einwohnung seines Geistes beginnt für sie [scil. die ersten Christen] eine neue Beschaffenheit des Lebens [...], welche <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">Rm 6,5</ref> analog ist derjenigen des auferstandenen Herrn [...]. Der himmelstürmende Idealismus dieser Lehre, wozu doch dem Apostel selbst die Wirklichkeit um ihn und selbst in ihm scharfe Contraste bot, zeigt eben nur wieder, wie maßgebend für ihn die eigene Erfahrung gewesen ist und welch einen, bis in die tiefsten Wurzeln des geistig-sinnlichen Daseins reichenden und niemals ganz ausgeheilten, Bruch diese Erfahrung in sich schloß.»</note> ist <hi rend="italic">darum</hi> nicht der Sinn dieser Einsicht, weil ihr Ergebnis gerade das Ende aller idealistischen Himmelstürmerei ist. Und «reiner harter Doktrinarismus<term type="begriffe" key="Doktrin"/>» (<persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>)<note xml:id="n14"> <bibl corresp="kbga-bibls-3598"><persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>, <hi rend="italic">Der Christ und die Sünde bei Paulus</hi>, Freiburg i.B./Leipzig 1897, S. 105</bibl>: «In
    Wahrheit liefert aber <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6">Röm 6</ref> nur den Beweis, dass den Apostel alle Erfahrungen in seinen Gemeinden nichts lehrten, wenn es galt, einen Einwand abzuschlagen, der sich gegen seine Theorie erhob. Es ist der reine harte Doktrinarismus, wohlverständlich durch seine Zukunftsbegeisterung, aber doktrinär in jedem Fall. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> will das Problem der Sünde im Christenleben nicht sehen, also ist es nicht da.»</note> ist <hi rend="italic">darum</hi> nicht ihr Charakter, weil sie als Appell an den Gott, der die Toten lebendig macht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17b</ref>), gar nicht Doktrin<term type="begriffe" key="Doktrin"/> und darum auch nicht «rein» und «hart» werden kann, weil sie sich in der vollen Blöße eines einmaligen Paradoxons<term type="begriffe" key="Paradox"/> selbst dem wohlfeilen Widerspruch jedes Doktrinärs preisgibt, weil ihr Inhalt: der Gedanke der göttlichen Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> in der menschlichen Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit, und Kraft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>] grundsätzlich (im Gegensatz zu jeder Doktrin) nur immer <hi rend="italic">neu</hi> zu denken ist, als wäre er noch nie gedacht. «Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, des absoluten Moments"/> des <pb ed="pga" xml:id="p268"/> absoluten Moments» (<persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName>)?<note xml:id="n15"> So charakterisierte <bibl corresp="kbga-bibls-3599"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName> die Theologie <persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogartens</persName> im Aufsatz <hi rend="italic">Ein Apfel vom Baume Kierkegaards</hi>, in: ChW, Jg. 35 (1921), Sp. 186–189, dort Sp. 189</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-916">Anfänge II, S. 134–140, dort S. 139</bibl>: «Mit seiner [scil. <persName ref="kbga-actors-137">Gogartens</persName>] Theologie des absoluten Moments gibt es keinen Pfarrer, keine Gemeindeverwaltung, keine Mission und keine Predigt der Erziehung und Seelenleitung.»</note> Gerade das ist gemeint! Das Absolute<term type="begriffe" key="Absolute"/> existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gedacht, Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Existentialität der Gnade"/> der positivsten und exklusivsten Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> der göttlichen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Taufakt"/>: gerade darum geht es im Taufakt. «Eure Taufe ist nichts anderes denn ein <hi rend="italic">Würgen</hi> der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Taufe"/> oder ein <hi rend="italic">gnädiges</hi> Würgen, dadurch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, ersäufen"/> in euch ersäuft wird, damit ihr unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/> bleibet und nicht durch die Sünde unter Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen Sünde"/> verderbet. Denn so du dich taufen läßt, so gibst du dich unter das gnädige Ersäufen und barmherzige Töten deines lieben Gottes und sprichst: ersäufe und würge mich, lieber Herr; denn ich will nunfort gerne mit deinem Sohn der Sünde gestorben<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/> sein» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n16"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 101</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3593"><hi rend="italic">Epistel am sechsten Sonntag nach Trinitatis. Röm. 6,3-11</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 22, 94,37-95,4</bibl>.</note> Dieser Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> ist die Gnade.<term type="begriffe" key="Taufe"/>
</p>
    <p><hi rend="italic">«Wir wurden mit ihm begraben durch die Todestaufe, damit, wie Christus von den</hi> <pb ed="A" n="174"/> <hi rend="italic">Toten erweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Lebensneuheit</hi><term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/> <hi rend="italic">wandeln sollten.»</hi> Warum ist dieser Tod die Gnade? Weil er «der Tod<term type="begriffe" key="Tod, des T."/> des Todes, die Sünde der Sünde, das Gift des Giftes, die Gefangenschaft der Gefangenschaft ist» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n17"> <bibl corresp="kbga-bibls-1730"><hi rend="italic">Luthers Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516</hi>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p213#fn_n16">S. 213, Anm. 16</ref>), S. 153, Z.29f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2015">WA 56, 323,1f.</bibl>): «<foreign xml:lang="lat">Ideo Deus contulit mortem mortis et peccatum peccati, venenum veneni, captivitatem captivitatis</foreign>.»</note> Weil die Gefährdung, Unterhöhlung<term type="begriffe" key="Unterhöhlung"/> und Zersetzung, die von ihm ausgeht, das Tun Gottes ist. Weil die Kräftigkeit seiner Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> urkräftigste Position ist. Weil er als <hi rend="italic">letztes</hi> Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> über <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen zugleich Angel, Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/>, Übergang und <hi rend="italic">Wende</hi><term type="begriffe" key="Wende"/> ist zum neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Weil der Getaufte (nicht identisch mit dem einen, der gestorben) identisch ist mit dem andern, der geboren ist. Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> ist nicht Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, solange er eine bloß relative<term type="begriffe" key="Relativität"/> Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> ist, solange der Angriff<term type="begriffe" key="Angriff"/> auf <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen stecken bleibt in bloßer Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/>, Opposition und Revolution<term type="begriffe" key="Revolution"/> gegen diese und jene Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, solange die relativen Menschenmöglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> etwa bloß vermehrt werden durch <pb ed="pga" xml:id="p269"/>  einige weitere (negative!) Menschenmöglichkeiten wie Askese<term type="begriffe" key="Askese"/>, «zurück zur Natur<term type="begriffe" key="Natur"/>!»<note xml:id="n18"> Zur Herkunft dieser Parole vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 259</bibl>. Als Aufforderung findet sie sich bei <persName ref="kbga-actors-1846">Rousseau</persName> nicht wörtlich, wurde aber doch als Inbegriff seiner gesellschaftskritischen Schriften, besonders seines Erziehungsromans <bibl corresp="kbga-bibls-3600"><hi rend="italic">Emile, ou de l’éducation</hi> (1762)</bibl> angesehen.</note>, «schweigende Anbetung»<note xml:id="n19"> Anspielung auf eine zu Anfang der zwanziger Jahre in Deutschland auftretende Bestrebung, in Anlehnung an den "<foreign xml:lang="eng">silent worship</foreign>" der Quäker entsprechende Elemente in den evangelischen Gottesdienst einzuführen. Wortführer dieser Bestrebung war <bibl corresp="kbga-bibls-1649"><persName ref="kbga-actors-311">Rudolf Otto</persName>, zuerst in seinem Aufsatz <hi rend="italic">Schweigender Dienst</hi>, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 561–565</bibl>. In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar weist dieser Artikel zahlreiche Anstreichungen mit Blaustift und unter dem Titel den mit Bleistift hinzugefügten Untertitel «oder: Die Gottlosigkeit auf ihrem höchsten Gipfel» auf. In seinen frühen Göttinger Jahren ging <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> noch öfters ironisch auf diese Bestrebung ein; s. <bibl corresp="kbga-bibls-451">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p031#fn_n41">S. 31, Anm.41</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/19/p081#fn_n35">S. 81, Anm.35</ref></bibl>.</note>, mystischer<term type="begriffe" key="Mystik"/> Tod, buddhistisches<term type="begriffe" key="Buddhismus"/> Nirwana<term type="begriffe" key="Nirwana"/><note xml:id="n20"> <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 317</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): «Wie im buddhistischen Nirvâna, so fehlt im ‹mystischen Tod› der christlichen Quietisten<term type="begriffe" key="Quietismus"/> der Gottesgedanke ebenso wie das Bewußtsein. Dennoch besteht trotz der frappierenden Übereinstimmung ein unverkennbarer Unterschied. Das buddhistische Nirvâna ist ein Letztes, Höchstes, das Ziel alles Heilstrebens, die Erlösung. Der ‹mystische Tod› der christlichen Mystiker ist kein Endgültiges, sondern nur ein Durchgangsstadium; dem Tod folgt die Auferstehung, der Vernichtung die beseligende Einigung mit
    Gott.»</note>, Bolschewismus<term type="begriffe" key="Bolschewismus"/>, Dadaismus<term type="begriffe" key="Dadaismus"/> u. dergl., solange der Angriff<term type="begriffe" key="Angriff"/> also nicht («<hi rend="italic">begraben</hi> mit ihm!») fortschreitet zur grundsätzlichen Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen und <hi rend="italic">seiner</hi> Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>. Dann aber – und das gibt dann dem Angriff<term type="begriffe" key="Angriff"/> erst wirkliche <hi rend="italic">Angriffskraft</hi> – geht die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, das Ende, der Schall der letzten Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>] diagonal hindurch durch das Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> <hi rend="italic">und</hi> Nein, Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> <hi rend="italic">und</hi> Sterben, Alles <hi rend="italic">und</hi> Nichts, durch das Genießen <hi rend="italic">und</hi> Entbehren, Reden <hi rend="italic">und</hi> Schweigen<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/>, Erhalten <hi rend="italic">und</hi> Umstürzen, durch das tätige Handeln <hi rend="italic">und</hi> durch das beschauliche Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen. Denn in der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>, in der «Erweckung<term type="begriffe" key="Erweckung, von den Toten"/> von den Toten durch die Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> des Vaters» (im Möglichwerden des dem Menschen Unmöglichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/>) beweist und bewährt sich der Ernst, die Energie, der Radikalismus<term type="begriffe" key="Radikalismus"/> der wirklichen Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>: des Begräbnisses, das Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen bereitet hat, in der Schaffung des neuen, des unanschaulichen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, der vollzogenen Versöhnung"/> der vollzogenen Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10 Röm.5.11">5,10–11</ref>), in unserem Sein in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/> die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> unsres Seins in <pb ed="pga" xml:id="p270"/> <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. Und eben diese Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> in der ihr eigenen durch den Begriff des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/> charakterisierten und gesicherten absoluten Andersartigkeit<term type="begriffe" key="Andersartigkeit"/> und autonomen<term type="begriffe" key="Autonomie"/> Vorausgegebenheit gegenüber allem Leben diesseits der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> als der neue göttliche Lebensinhalt, der jenen durch den Christustod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> geschaffenen Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> ausfüllt, ist die Position ersten Grades, die das Weiterleben in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>) nicht nur hemmt, sondern schlechthin unmöglich macht. Sie ist es, durch die der Mensch, der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, der die Sünde weiß<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen, der Sünde"/> und will, <pb ed="A" n="175"/> der bekannte, der anschauliche, der allein mögliche Mensch an die Wand gedrückt<term type="begriffe" key="«an die Wand gedrückt»"/>, sich selber zum Problem gemacht wird. Wie sollen wir in der Sünde weiterleben, wenn wir als die, die wir sind, von <hi rend="italic">daher</hi>, in <hi rend="italic">dieser</hi> Weise in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> sind? Begraben durch die Todestaufe<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): "Todesstrafe". Korrektur nach <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> «sollen wir in Lebensneuheit<term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/> wandeln». Wiederum (wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.13">2,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.30">3,30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">5,17</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.19">19</ref> usw. und wie hier
    <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">5</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8">8</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14">14</ref>) dieses <foreign xml:lang="lat">Futurum resurrectionis</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/><note xml:id="n21"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
    <date when="1921-03-18">18.3.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3407">S. 477</ref></bibl>: «Die <bibl corresp="kbga-bibls-1497">1. Auflage</bibl> ist hier ungewöhnlich unbrauchbar, ich sehe mich genötigt, sogar eine neue <hi rend="italic">grammatische</hi> Kategorie aufzustellen, das unzeitliche ‹<foreign xml:lang="lat">Futurum resurrectionis</foreign>›.»</note>: unsere Zukunft als Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> unsrer Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>. Nur als Gleichnis! Denn so klar es ist, dass die Erweckung<term type="begriffe" key="Erweckung, von den Toten"/> Jesu von den Toten kein Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> von historischer Ausdehnung <hi rend="italic">neben</hi> den andern Ereignissen seines Lebens und Sterbens ist, sondern die «unhistorische»<term type="begriffe" key="Ereignis, unhistorisches"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17b</ref> usw.) Beziehung seines <hi rend="italic">ganzen</hi> historischen Lebens auf seinen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> in Gott, so klar ist es andrerseits, dass auch mein in der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> als Notwendigkeit und Wirklichkeit in mein Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> sich hereindrängendes «Wandeln in Lebensneuheit<term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/>» weder in meiner Vergangenheit, noch in meiner Gegenwart, noch in meiner Zukunft etwa Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> <hi rend="italic">neben</hi> andern Ereignissen ist und wird. Sondern als das Dürfen, Können, Müssen und Wollen meines in Christus neu geschaffenen Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, als die Bestätigung meines «Bürgertums im Himmel» (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.20">Phil. 3,20</ref>), als die Lebendigkeit meines mit Christus in Gott verborgenen Lebens<term type="begriffe" key="Leben, mit Christus in Gott verborgen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>) ist dieses «Wandeln in Lebensneuheit<term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/>» mein unsichtbarer Blick- und Beziehungspunkt, die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, die mein Endliches durch mein Unendliches<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> erfährt, <pb ed="pga" xml:id="p271"/> die Drohung und Verheißung<term type="begriffe" key="Drohung, und Verheißung"/>, die unzeitlich-unanschaulich jenseits <hi rend="italic">aller</hi> zeitlich-anschaulichen Ereignisse «meines» Lebens steht – <hi rend="italic">jenseits</hi> aller, weil und sofern Welt Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/>, Zeit Zeit und Mensch Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> ist. Dieses ewige Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> meines «Wandelns in Lebensneuheit<term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/>», das als die inkommensurable Todeskraft<term type="begriffe" key="Todeskraft"/> der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> in radikaler Exklusivität in mein «Weiterleben in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>» hineinragt, ist gleichzeitig der Sinn und die Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> meines zeitlichen Seins, Denkens und Wollens. Sofern das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> möglich wird, dass ich «mit Christus begraben», als der, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, jenen Sinn und jene Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> mir zu eigen mache (im Gegensatz zu allem, was ich bin!), bin ich in der Tat «der Sünde gestorben»<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>); denn in der unanschaulichen Lebensneuheit<term type="begriffe" key="Lebensneuheit"/>, in der der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> zur Ehre Gottes wandelt, hat die Sünde so wenig Raum, Licht und Luft wie der Tod in der in Jesu Erweckung<term type="begriffe" key="Erweckung, von den Toten"/> von den Toten sich manifestierenden unanschaulichen Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> des Vaters. Ob wir es wagen dürfen und tatsächlich wagen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">5,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.11">6,11</ref>), mit dieser unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> zu rechnen, diese Frage wird uns immer wieder brennen. Dass diese unmögliche Möglichkeit die mögliche Möglichkeit der Sünde<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> ausschließt, das kann keine Frage sein.</p>
    <p><hi rend="italic">«Denn sofern wir ihm verwandt sind im</hi> <pb ed="A" n="176"/> <hi rend="italic">Gleichnis seines Todes, werden wir es auch in der Auferstehung sein.»</hi> Anschaulich, zeitlich verstanden «verwandt»<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> mit Christus sind wir, sofern unser Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> als ein Dasein in der Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> offenbar ohne unser Zutun ein Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes,, Christi"/>, ein Analogon seines Todes ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.17">8,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.17">Gal. 6,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.10">2.Kor. 4,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.10">Phil. 3,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.24">Kol. 1,24</ref>). Sein Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> aber ist der Anlass für den Menschen, sich selbst in Gott zu verstehen: nämlich sein Wachstum in seinem Abnehmen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.30">Joh. 3,30</ref>], seine Kraft in seiner Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit, und Kraft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>], sein Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> in seinem Sterben (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.16 2.Kor.4.17">2.Kor. 4,16f.</ref>). Eben als diese Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/> vom Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> zum Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, von der Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> zu dem, der frei ist<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> und frei macht, von der Not zur Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.3 Röm.5.11">5,3f.</ref>), als diese Gelegenheit, uns selbst in Gott zu erkennen (was aber mit keinem allfälligen «Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>» identisch ist!), ist uns der Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Christi bedeutsam. Eben darum ist uns das Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen, der Taufe"/> der Taufe Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gemeinschaft mit Gott"/> unsrer unanschaulichen Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/> mit Gott (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.3">6,3</ref>). Eine andre Verwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> des Christen mit Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, eine andere Nachfolge<term type="begriffe" key="Nachfolge"/> Christi als die, die im Tragen seines Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz, Tragen des K."/> besteht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref> par.], eine irgendwie <hi rend="italic">positive</hi>, vom Menschen erst zu <hi rend="italic">erwerbende</hi> oder zu <hi rend="italic">erle<pb ed="pga" xml:id="p272" break="no"/>bende</hi> Jesusmäßigkeit<term type="begriffe" key="Jesusmäßigkeit"/><note xml:id="n22"> Vgl. zu diesem Begriff <bibl corresp="kbga-bibls-1641"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Unterricht 1910-1911, Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p069#p069">S. 69</ref></bibl>: «Gott hat nicht mit dem Abschluß der Bibel das Buch d. Offenbarung zugeklappt. Sie geht weiter. Alles, was jesusmäßig ist am Menschen, kann uns Offenbarung, Mitteilung Gottes werden. Menschen, Dichter, Kunst, Natur, starke Eindrücke.»</note> (etwa in Gottvertrauen, Bruderliebe<term type="begriffe" key="Bruderliebe"/>, Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, Kindlich<term type="begriffe" key="Kindlichkeit"/>- oder Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>) gibt es auf dem Feld der seelisch-geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/> <hi rend="italic">nicht.</hi> Unsere <hi rend="italic">anschauliche</hi> Verwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> mit ihm (die uns im Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> seines Kreuzestodes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> als solche erkennbar wird) ist an sich mit der Verfassung und Lage des Menschen in der Welt gegeben, ist an sich identisch mit der Tatsache der unheilbaren Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> des menschlichen Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> überhaupt. Wir stehen (aber wer stünde nicht mit uns?) auf der Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/> der engen Pforte<term type="begriffe" key="Pforte(, enge)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13 Mt.7.14">Mt. 7,13-14 </ref>par.] der Einsicht, dass, der uns richtet, gnädig, dass der Heilige barmherzig ist. Wir blicken (aber wer blickte nicht mit uns?) aus von unsrer Christusverwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> in Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>, Unehre und Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> nach unsrer
    andern, nach unsrer <hi rend="italic">unanschaulichen</hi> Christusverwandtschaft in Unvergänglichkeit<term type="begriffe" key="unvergänglich/Unvergänglichkeit"/>, Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Herrlichkeit"/> und Kraft<term type="begriffe" key="Kraft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.42 1.Kor.15.43">1.Kor. 15,42–43</ref>]. Was wir von hier aus einsehen (wiederum als <foreign xml:lang="lat">Futurum aeternum</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/>!), das, und nicht etwa die diese Einsicht allfällig begleitenden Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, Gesinnungen<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> u. dergl., ist das positiv Jesusgemäße<term type="begriffe" key="Jesusmäßigkeit"/> des in der Zeit lebenden Menschen. Es ist in keiner Weise mit andern möglichen Gemäßheiten zu vergleichen oder gegen sie auszuspielen. Es wird keine menschliche Eigenschaft oder Betätigung. Es gewinnt nie und nirgends historisch-psychologische<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Breite. Kein Mensch ist direkt darauf anzusprechen. Positiv jesusgemäß<term type="begriffe" key="Jesusmäßigkeit"/> ist unser mit Christus in Gott verborgenes Leben<term type="begriffe" key="Leben, mit Christus in Gott verborgen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>], welches jetzt und hier nur als ewiges Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> «unser» Leben ist, – und nichts sonst. Aber das genügt. Die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> Gottes genügt (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>). Sie ist die Gottestat, durch welche der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> wird und ist. <pb ed="A" n="177"/> Und dieser neue Mensch ist als solcher der Sünde ledig. Die Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> unsres sehr wenig jesusgemäßen<term type="begriffe" key="Jesusmäßigkeit"/> alten Menschendaseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> aber ist in Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Auferstehung"/> voll von der heimlichen Positivität<term type="begriffe" key="Positivität"/> der <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, Positivität der A."/>.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.6 Röm.6.7">V. 6‒7</ref> Das erkennen wir: unser alter Mensch wurde mit</hi>
    Christus <hi rend="bold">gekreuzigt, damit der Leib der Sünde aufgehoben werde, so dass wir der Sünde nicht mehr dienen müssen. Denn der Gestorbene ist von der Sünde freigesprochen.</hi></p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p273" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Das erkennen wir.»</hi> Indem wir das Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen, der Taufe"/> der Taufe verstehen, verstehen wir uns selbst, wissen wir, was Gott von uns weiß: «Er weiß, was für ein Gemächte wir sind; er gedenket daran, dass wir Staub sind» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.14">Ps. 103,14</ref>). Gerade in der Hinfälligkeit<term type="begriffe" key="Hinfälligkeit"/>, in der Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>, in der durchdringenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, durchdringende"/>, in der wir uns selbst vorfinden, im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des Kreuzestodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Christi erkennen wir unsere Verwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> mit ihm (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.3 Röm.6.5">6,3–5</ref>). Und diese Einsicht wird zur Aussicht. Der Ansatz zu einer <hi rend="italic">Psychologie</hi><term type="begriffe" key="Psychologie, der Gnade"/> <hi rend="italic">der Gnade</hi> (die sich aber jedes unnützen, d. h. jedes direkt und nicht dialektisch<term type="begriffe" key="Dialektik"/> gemeinten Wortes enthalten wird) ist mit der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> dieser Verwandtschaft gegeben – als das Nicht-Gegebene<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/> gegenüber dem Bestand der menschlichen Psyche, das sich als Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, aller Psychologie der Sünde"/> aller Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie, der Sünde"/> der Sünde wirksam erweisen muss. Sofern wir uns selbst als Verwandte des Christus (in seinem <hi rend="italic">Todes</hi>weg<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/>) erkennen<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/>, schauen wir das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>: das Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> Gottes, uns selbst als seine Kinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/>, das Zurückbleiben, das Vergehen, das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> unsrer Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit, durch die Sünde"/> durch die Sünde, die überlegene Kräftigkeit des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">«Unser alter Mensch»</hi><term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> ist «der gefallene <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, wie er wieder erscheint in jedem menschlichen Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>, das zur Welt kommt unter der Herrschaft der durch die erste Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, als Macht der Eigenliebe"/> entschiedenen Macht der Eigenliebe» (<persName ref="kbga-actors-133">Godet</persName>)<note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-3476"><persName ref="kbga-actors-133">Fr. Godet</persName>, <hi rend="italic">Commentar zu dem Brief an die Römer</hi>, deutsch bearbeitet von E. R. Wunderlich, 2.Theil, Hannover 1882, S. 18:</bibl> « […] wiedererscheint  […] entschiedenen Übermacht  […]».</note>. Wir sehen ihn, wir rechnen mit ihm, so gewiss wir mit der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen, so gewiss wir mit der ganzen Summe der gegebenen Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> fortwährend rechnen. In dieser Welt ist kein andrer Mensch als eben dieser alte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/>. Jede direkte Aussage, jedes Seins- oder Werturteil über den Menschen bezieht sich ohne weiteres und ausschließlich auf <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen. Das Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/> Ich<term type="begriffe" key="Ich"/> ist (sofern es nicht grundsätzlich aufgehoben ist durch das «Nicht ich, sondern Christus lebt in mir» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>]) bei allen möglichen Prädikaten, die ihm gegeben, bei allen Hemmungen, Veredlungen, Vertiefungen und Überhöhungen, die ihm zuteil werden können, immer <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch. Aber dieses Bekenntnis zu meiner totalen Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen weist zurück auf einen Standort <hi rend="italic">außerhalb</hi> dieser totalen Identität, von dem aus ich mich <pb ed="pga" xml:id="p274"/> selbst erkenne, ja vielmehr erkannt bin<term type="begriffe" key="Mensch, durch Gott erkannt"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor. 13,12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.9">Gal. 4,9</ref>]; von dem aus ich mich selbst qualifiziere, ja vielmehr qualifiziert<term type="begriffe" key="Qualifikation"/> bin <pb ed="A" n="178"/> als <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch. Was ist das für ein Standort? Was ist das für eine Dynamik, die mir die Anschauung des restlos in sich geschlossenen Kreises<term type="begriffe" key="Kreis, in sich geschlossen"/>, in dem ich (als Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>) mich befinde, so wuchtig, so unwiderstehlich aufdrängt, die es mir ermöglicht, diesem Ich<term type="begriffe" key="Ich"/> gegenüber die Distanz zu nehmen, in welcher es mir zum Gegenstand möglicher Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Fremden"/> wird, die mich und dieses Ich gegenseitig als ein Anderes, Fernes, Fremdes, als das vorausgegebene X<term type="begriffe" key="X, erkennendes"/> eines Erkennenden und als die Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> des erkannten «alten» Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> auseinanderrückt und gegenüberstellt?</p>
    <p>Antwort: Unser alter Mensch ist <hi rend="italic">«mit Christus gekreuzigt»</hi>.<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> Offenbar in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Verwandtschaft mit Christus"/> meiner Verwandtschaft<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> mit Christus im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes,, Christi"/> seines Todes kommt das unanschauliche Vorhandensein jenes Standortes außerhalb meiner totalen Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit mir selbst und die Dynamik eines von dort aus erkennenden X<term type="begriffe" key="X, erkennendes"/> zur Geltung. Gerade <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen (den einzigen, von dem wir wissen, und diesen in seiner letzten, höchsten Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/>) sehe ich in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/> gerichtet, dem Tode preisgegeben, in letzter Unzweideutigkeit<term type="begriffe" key="Unzweideutigkeit"/> aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/>, in scharfen ursprünglichen Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum vor Gott gerechten Menschen"/> zu dem unanschaulichen Gegenüber eines vor Gott gerechten und in Gott lebendigen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> gestellt. Eben in diesem Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, in dieser Preisgabe, Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> oder Gegensätzlichkeit<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>, in die ich mich selbst im Blick auf Christus gestellt sehe, erscheint mir also (als Nicht-Erscheinendes!) dieses Gegenüber, dieses mich erkennende X<term type="begriffe" key="X, erkennendes"/>, der Punkt, von wo aus ich negiert<term type="begriffe" key="Negation"/>, als «alter» Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> rekognosziert bin und der eben darum ein <hi rend="italic">positiver</hi> Punkt, ein <hi rend="italic">positives</hi> X<term type="begriffe" key="X, positives"/> sein muss. Dieses unanschauliche positive X «gegenüber» dem Kreuzestod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/>, welchen Christus für mich stirbt und welchen ich mit ihm sterbe, ist nun offenbar die Angel, in der sich die überlegene Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> vom alten zum neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> vollzieht. Nur in einer Reihe von sich widersprechenden Momentbildern (Vogel im Flug<term type="begriffe" key="«Vogel im Flug»"/>!) lässt sich diese Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/> <hi rend="italic">beschreiben.</hi> (Sie ist also weder in einem von diesen Momenten für sich noch in der Reihe dieser Momente gegeben, sie ist die als solche nie und nirgends gegebene Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/> selbst!) Von jenem gegenüberstehenden X<term type="begriffe" key="X"/> aus wird <hi rend="italic">erstens</hi> der alte Mensch, der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, der Sünde"/> der Sünde rücksichtslos als solcher festgestellt: denn das Nein, das aus diesem Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> geboren ist, ist <pb ed="pga" xml:id="p275"/> unerbittlich. Von dort aus werde ich <hi rend="italic">zweitens</hi> unausweichlich darauf behaftet, mit diesem alten Menschen identisch<term type="begriffe" key="Identität"/> zu sein: ich selbst bin der Gekennzeichnete, der mir im Spiegelbild<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> des Todes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Christi entgegentritt. Von dort aus werde ich <hi rend="italic">drittens</hi> genötigt, das Kreuzigungsurteil<term type="begriffe" key="Urteil"/> über diesen alten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> selbst zu unterschreiben<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/>; denn «dadurch, daß Christus zu uns kam und für uns auferstand, sind Menschen, wie wir <pb ed="A" n="179"/> es sind, alt geworden, veraltet und überholt» (<persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>)<note xml:id="n24"> <bibl corresp="kbga-bibls-3601"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>, S. 127</bibl>: «Nachdem Jesus zu uns gekommen und für uns auferstanden ist, sind Menschen wie wir alt geworden, veraltet und überholt».</note>. Von dort aus wird <hi rend="italic">viertens</hi> jene Distanz<term type="begriffe" key="Distanz"/> geschaffen zwischen jenem alten Menschen und mir, die rätselhafte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, dass ich mir selbst gegenständlich werden kann, als ob ich nicht identisch mit mir selbst wäre. Und von dort aus wird <hi rend="italic">fünftens</hi>
    meine Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit einem unanschaulichen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> gesetzt, vorausgesetzt<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "voraus-gesetzt".</note> als Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> und Bedingung des ganzen Vorgangs (der kein «Vorgang» ist).</p>
    <p><hi rend="italic">«Damit der Leib der Sünde aufgehoben werde». «Leib</hi><term type="begriffe" key="Leib"/>» heißt Körper, aber auch Leben, Sinnlichkeit, Person, Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>, Sklave<term type="begriffe" key="Sklave"/><note xml:id="n25"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich anscheinend auf <bibl corresp="kbga-bibls-3602"><persName ref="kbga-actors-9672">W. Gemoll</persName>, <hi rend="italic">Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch</hi>, Wien/Leipzig 1908, S. 726</bibl>.</note>. Die Sünde hat einen Leib<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/>, d. h. sie ist eine Wesenheit, sie hat eine Einflusszone, eine Aktionsbasis, ein Substrat; sie hat Dasein, Ausdehnung, Selbständigkeit, Substanz und Aktivität in der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der Zeit, der Dinge und des Menschen. Sie wird als «Leib» fortwährend anschaulich<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, geschichtlich. Eben danach ist ja gefragt, ob wir in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> weiterleben, d. h. ob wir dieses Anschaulich- und Geschichtlichwerden der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, anschauliche"/> fernerhin wissen und wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen, der Sünde"/> können. Dieser Leib der Sünde<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/> ist <hi rend="italic">mein</hi> Leib, <hi rend="italic">mein</hi> zeitlich-dinglich-menschliches Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/>, mit dem ich unabgrenzbar und unauflöslich <hi rend="italic">eins</hi> bin. Sofern ich im Leibe lebe, d. h. sofern ich bin, der ich bin, bin ich auch Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, ist mein «Verweilen in der Sünde» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.1">6,1</ref>), mein «Weiterleben in ihr» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2">6,2</ref>) grundsätzlich natürlich und notwendig. Eben um die Ausschaltung dieses «sofern», um die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Leibes"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>, dieses meines zeitlich-dinglich-menschlich bestimmten Daseins handelt es sich bei der Kreuzigung<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> des alten <pb ed="pga" xml:id="p276"/>  Menschen. Darum und darin bin ich ja der alte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/>, weil und sofern ich im Leibe<term type="begriffe" key="Leib"/> lebe, unabgrenzbar und unauflöslich mit ihm eins bin. Das Sterben des alten Menschen, die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Identität mit dem alten Menschen"/> meiner Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit ihm bedeutet also die Aufhebung meiner Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> mit <hi rend="italic">diesem Leibe</hi><note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Leibe».</note><term type="begriffe" key="Leib"/>. Ich bin als neuer Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> nicht mehr der in diesem Leibe Lebende, der zeitlich-dinglich-menschlich bestimmt Daseiende. In der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> des Christustodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> wird die Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> meiner Leiblichkeit, meines Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen in der Krisis des Kreuzes"/> als solche in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>, um, also «aufgehoben», in Beziehung gesetzt zu werden zu dem unanschaulichen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, mit dem ich, mit Christus gekreuzigt<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/>, identisch<term type="begriffe" key="Identität"/> bin. Sie wartet <hi rend="italic">des</hi> Leibes, der als Körper, Leben, Sinnlichkeit, Person, Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>, Sklave<term type="begriffe" key="Knecht"/> der Gottesgerechtigkeit der Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> des neuen Menschen ist. Sie wartet der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, von den Toten"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">«So dass wir der Sünde nicht mehr dienen müssen».</hi> Die mit der Kreuzigung des alten Menschen<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> (dem Sinne nach auch hier als <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis</foreign>) angekündigte, unsichtbar in unseren Gesichtskreis getretene Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Leibes"/> dieses Leibes schließt <pb ed="A" n="180"/> in sich, dass die Macht der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> beseitigt ist. Bin ich nicht identisch mit dem alten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/>, der mit diesem Leib unabgrenzbar und unauflöslich eins ist, so muss ich der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> nicht mehr dienen. Ihr Lebenselement ist dahin. Sie wird zum Fisch, der aufs Trockene gesetzt ist. Sie wird im Zusammenhang des neuen Akkords zum falschen Nebenton. Ich (als der, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>) bin in Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> gesetzt. Die Sünde hat über den neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> keine Macht<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/>. Darum nicht, weil <hi rend="italic">sein</hi> «Leib<term type="begriffe" key="Leib"/>» anderer Ordnung ist. In der Erwartung der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, von den Toten"/>, im Hinblick auf meine Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit dem neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> jenseits des Christustodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> muss, kann, darf und will ich nicht Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> sein.</p>
    <p><hi rend="italic">«Denn der Gestorbene ist freigesprochen von der Sünde.»</hi> Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist also nicht eine <hi rend="italic">menschliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> des Menschen, neben der dann andre Möglichkeiten, z. B. die der Sünde<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/>, auch noch Raum hätten. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist die <hi rend="italic">göttliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> des Menschen, die ihn als solche seiner eigenen Möglichkeit<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "Möglichkeiten".</note> beraubt. Gnade ist die Beziehung des anschaulichen Menschen auf seine unanschauliche, in Gott begründete Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/>, welche sich zu jenem verhält wie der Tod<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> <pb ed="pga" xml:id="p277"/> zum Leben. Zweifel, Unsicherheit, Erschütterung<term type="begriffe" key="Erschütterung"/>, Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> verbreitend, überragt das <foreign xml:lang="lat">Futurum aeternum</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> unseres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen in Bezug auf Gott"/>: das, was wir <anchor type="note" xml:id="fn-i"/>in Gott sind, in Gott wissen<note n="i" target="fn-i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): "in Gott sind, wissen". Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> und wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/>, wie eine überhängende Felswand<term type="begriffe" key="«überhängende Wand»"/> unsre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. <hi rend="italic">Der</hi> Mensch, der mit dem Einsetzen dieses Angriffs<term type="begriffe" key="Angriff"/> in den Gesichtskreis tritt, <hi rend="italic">der</hi> Mensch, welcher Christus in der Auferstehung verwandt<term type="begriffe" key="Verwandtschaft mit Christus"/> «sein wird» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">6,5</ref>), ist <hi rend="italic">nicht</hi> der, der ist, was <hi rend="italic">ich</hi> bin, weiß, was <hi rend="italic">ich</hi> weiß, will, was <hi rend="italic">ich</hi> will<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/>. Er ist als Gestorbener der Funktion des lebenden Menschen, er ist der Vergöttlichung<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> des Menschen und der Vermenschlichung<term type="begriffe" key="Vermenschlichung"/> Gottes, der ich mich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unvermeidlich schuldig mache, unfähig. Er lebt von der <hi rend="italic">Vergebung</hi><term type="begriffe" key="Vergebung"/> der Sünde, von dem der anschaulichen menschlichen Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit, anschauliche"/> trotzenden forensischen<term type="begriffe" key="forensisch"/> <hi rend="italic">Freispruch</hi><term type="begriffe" key="Freisprechung"/> Gottes, von Gottes <hi rend="italic">eigener</hi> (von uns aus gesehen unmöglicher) Lebensmöglichkeit<term type="begriffe" key="Lebensmöglichkeit"/>. Er lebt von der <hi rend="italic">Negation</hi><term type="begriffe" key="Negation, der Negation"/> der Negation, des Abfalls<term type="begriffe" key="Abfall"/>, der unanschaulichen Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, unanschauliche / Sünde, Adams"/> <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. Von <hi rend="italic">ihm</hi> (und, sofern Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> die Setzung der Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> zwischen ihm und mir ist, von <hi rend="italic">mir</hi>) aus wird also das Sein, Wissen und Tun des Menschen der Sünde jedenfalls keine Nahrung empfangen. Von ihm (von mir) aus hat er nur noch Aushungerung, Unterhöhlung<term type="begriffe" key="Unterhöhlung"/>, Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/> zu erwarten. Von ihm (von mir) aus ist das Blatt, was auch auf seiner Rückseite stehen möge, umgeschlagen. Mag es tausendmal unvermeidlich sein, dass ich als der, der ich bin, in meinem anschaulichen Sein, Wissen und Tun, mich <pb ed="A" n="181"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> schuldig mache: als Begnadigter<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, in Beziehung gesetzt zu dem, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, dem neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, kann ich nicht einmal mit der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> dieses Unvermeidlichen rechnen. Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in der dieses Unvermeidliche – unvermeidlich ist, ist für mich, sofern ich durch Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, neuer Mensch"/>
    identisch<term type="begriffe" key="Identität"/> bin mit dem <hi rend="italic">neuen</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der Tag, der gestern vergangen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.4">Ps. 90,4</ref>].</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8 Röm.6.11">V. 8‒11</ref> Wenn wir aber mit Christus starben, so glauben wir: wir werden auch mit ihm leben. Wir wissen</hi>
    nämlich<hi rend="bold">: Christus, von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr; der Tod herrscht nicht mehr über ihn. Denn sein Sterben war Sterben für die Sünde: ein für allemal. Sein Leben aber ist Leben für Gott. So rechnet auch ihr <pb ed="pga" xml:id="p278"/> euch selbst als Tote für die Sünde, als Lebendige aber für Gott in Christus Jesus.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Wenn wir aber mit Christus starben, so glauben wir: wir werden auch mit ihm leben.»</hi> Es liegt im Wesen der Sache, dass der Beweis<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "Erweis".</note> der (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.1">6,1</ref>) behaupteten Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>, in der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> zu «verweilen», vorwiegend durch die kräftige Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> zu erbringen ist, die das durch die Taufe<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): "Tiefe".</note> bezeichnete «Sterben mit Christus»<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>, jenseits dessen wir als Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> stehen, für den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, der Sünde"/> der Sünde bedeutet. <hi rend="italic">Gekreuzigt, gestorben, begraben</hi> bin ich als Sünder<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/>, sofern ich in Christus identisch bin mit dem X<term type="begriffe" key="X"/>, das jenseits dieser Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> des uns bekannten Menschen steht. Es bleibt uns nur<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "nun".</note> noch übrig (in Unterstreichung des bereits <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.4">6,4</ref> Gesagten) vorsichtig, aber nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass die eigentümliche Wucht dieses <hi rend="italic">Nein</hi> aus einem <hi rend="italic">Ja</hi><term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> stammt, das in sich die Verneinung alles Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein, alles Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> und<note n="m" type="texcritical" xml:id="nm"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "und".</note> Jenseits, alles «Sowohl – als auch», aller Dualitäten<term type="begriffe" key="Dualität"/>, Spannungen<term type="begriffe" key="Spannung"/>, Polaritäten<term type="begriffe" key="Polaritäten"/>, Allogenitäten<term type="begriffe" key="Allogenität"/> und Antinomien<term type="begriffe" key="Antinomie"/> ist, dass es also eine <hi rend="italic">positive</hi> Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit, positive"/> ist, die im Bisherigen, öfters als bloße Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/>, der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> der Sünde entgegengetreten ist. – «Wenn wir mit Christus starben<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>, so glauben wir». Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist das erste und letzte, das einzige und entscheidende Material jener Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie, der Gnade"/> der Gnade, die das Nicht-Gegebene<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/> des Seins des Menschen in Gott als gegeben festzustellen sich getraut. Glaube ist der unvergleichliche, der unwiderrufliche, der nicht rückgängig<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> zu machende Schritt<term type="begriffe" key="Schritt, über die Grenze"/> über die Grenze vom alten<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> zum neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, von der alten<term type="begriffe" key="Welt, alte"/> zur neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>. Glaube ist gerade in der vollen Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradoxie"/> seines Begriffs als menschlicher Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, nein göttlicher Inhalt, als menschliches Verstummen, Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> und Warten<term type="begriffe" key="Warten"/>, nein als göttliche Rede, Weisheit<term type="begriffe" key="Gott, Weisheit"/> und Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/>, als letzte menschliche, nein erste göttliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> die Wende<term type="begriffe" key="Wende"/>, die Drehung, die Umkehr<term type="begriffe" key="Umkehr"/>, in der die Gleichgewichtslage<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Gleichgewichts von Sünde und Gnade"/>, in der sich Ja und Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>, Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> und Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, <pb ed="A" n="182"/> Gutes und Böses<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> im Menschen befinden, gestört und aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Gleichgewichts von Gut und Böse"/> wird. Sind wir mit Christus gestorben<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>, ist uns sein Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Gelegenheit, die Problematik unsres Daseins<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> in ihrer göttlichen, über sich selbst hinausweisenden Not<pb ed="pga" xml:id="p279" break="no"/>wendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> zu begreifen, im Ende des Menschen den Anfang Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Anfang"/>, im Wetter des göttlichen Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Liebe"/> das Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> der göttlichen Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> zu erkennen, so sind wir eben insofern auch Glaubende: Das Ur-Datum des Seins des Menschen in Gott tritt ein, der unvergleichliche Schritt geschieht, die Umkehr<term type="begriffe" key="Umkehr"/>, die sich nicht rückgängig<term type="begriffe" key="nicht rückgängig zu machend"/> machen lässt, ja die auch jedes Rückwärts<hi rend="italic">schauen</hi> ausschließt, vollzieht sich. – Denn <hi rend="italic">«was»</hi> glauben wir, sofern der Glaube im Licht des absoluten Moments, im Licht des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Christi Glaube nicht nur <hi rend="italic">scheint</hi>, sondern <hi rend="italic">ist</hi>, nicht nur Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, sondern Inhalt, nicht nur menschlicher Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, sondern göttliche Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> ist? Wir glauben, dass Christus an unsrer Stelle gestorben ist und darum wir mit ihm<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>. Wir glauben unsre Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit dem jenseits des Kreuzestodes erscheinenden, unanschaulichen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Wir glauben unsre eigene in der Todeserkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Todes"/>, in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, in Gott begründete ewige Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, ewige"/>. Wir glauben: «Wir werden auch mit ihm leben.» Wir glauben also – an uns selbst als an das unanschauliche Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/> des <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis</foreign>. Dieser Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, mit aller gebührenden Zurückhaltung, mit allen Vorbehalten<term type="begriffe" key="Vorbehalt"/>, Frage- und Ausrufzeichen als «unser» Glaube gesetzt, ist die genau außerhalb des Randes<term type="begriffe" key="Rand"/> der gewöhnlichen, der möglichen Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie"/> bestehende positive Unmöglichkeit,<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit, positive"/> mit der Sünde als einer Möglichkeit <hi rend="italic">neben</hi> der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> zu rechnen. «Glaubst du, so hast du!»<note xml:id="n26"> <bibl corresp="kbga-bibls-1302"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von der Freiheit eines Christenmenschen</hi> (1520), WA 7, 24,13f.</bibl>: «Sihe da, glaub in Christum, yn wilchem ich dir zusag alle gnad, gerechtickeyt, frid und freyheyt, glaubstu, so hastu, glaubstu nit, so hastu nit.»</note> Glauben wir, so <hi rend="italic">sind</hi> wir von der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> abgedreht.</p>
    <p><hi rend="italic">«Wir wissen nämlich: Christus von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr; der Tod herrscht nicht mehr über ihn.»</hi> Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Wagnis"/> ist das Wagnis, zu wissen, was Gott weiß, und darum – nicht zu wissen, was Gott nicht mehr weiß. Die Möglichkeit dieses Wagnisses liegt darin, dass es als menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> überhaupt nicht in Betracht kommt, dass es die Infragestellung<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> aller menschlichen Möglichkeiten zur Voraussetzung hat, dass es die Möglichkeit ist, die der Mensch nach Erschöpfung aller seiner eigenen Möglichkeiten in Gott, in Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, in Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> hat. Glauben heißt Halt machen, Schweigen<term type="begriffe" key="Glaube, Schweigen"/>, Anbeten<term type="begriffe" key="Glaube, Anbetung"/> – Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Glaube, Nicht-Wissen"/>. Der qualitative Unterschied von Gott und Mensch<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/> wird unverkennbar, der Widerspruch Gottes zu der Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> der <pb ed="pga" xml:id="p280"/> Zeit, der Dinge und des Menschen zur unausweichlich notwendigen Einsicht, der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> zum einzigen (zum einzigen!) Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des Himmelreichs. Dies ist der anschauliche Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens Jesu"/> des «Lebens Jesu»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/>: Jesus der Arzt<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Arzt"/> und Heiland<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Heiland"/>, Jesus der Prophet<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Prophet"/>, Jesus der Messias<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Messias"/>, Jesus der Sohn<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/> des Vaters <pb ed="A" n="183"/> – das alles empfängt mit zunehmender Klarheit und Schärfe die Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, christologische"/>: Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/> der Gekreuzigte, das alles ist offenbar nicht als menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> gemeint und kann nicht als solche gedeutet werden. Und dies ist der anschauliche Sinn des christlichen Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, christlicher"/>: die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Todes"/>, dass die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die durch das Leben Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> geht, das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> und die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> alles Menschenlebens ist, die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Sterbens mit Christus"/>, dass wir mit Christus gestorben<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/> sind, die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes als Nicht-Wissende"/> also, dass wir Gott gegenüber Nicht-Wissende<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> sind, dass wir vor ihm nur Halt machen, schweigen und anbeten können. – Jener eigentümliche anschauliche Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens Jesu"/> des Lebens Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/>, der sich nur als Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der menschlichen Möglichkeiten"/> aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> beschreiben lässt, setzt nun aber offenbar einen unanschaulichen Mittelpunkt voraus, von dem diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> ausgeht, ein Unmögliches<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, an dem alle seine anschaulichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> gemessen sind, ein Richtunggebendes und Konzentrierendes. Dem letztlich nur als leidend zu deutenden Jesus steht offenbar unanschaulich ein <hi rend="italic">wirkender</hi> Jesus gegenüber, dem Verkündiger des Endes von Tempel<term type="begriffe" key="Tempel"/> und Welt der Menschensohn, der wiederkommend auf den Wolken des Himmels das <hi rend="italic">Reich seines Vaters</hi> bringt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.64">Mt. 26,64</ref> par.], dem Gekreuzigten der
    <hi rend="italic">Auferstandene</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/>. Der anschauliche Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens Jesu"/> dieses Lebens ist nicht zu fassen ohne die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> der unanschaulichen <hi rend="italic">Verherrlichung</hi><term type="begriffe" key="Verherrlichung, Gottes,, durch Jesus"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, die sich in ihm vollzogen hat. Diese Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Auferweckung"/> und Anschauung ist die <hi rend="italic">Auferweckung Jesu Christi</hi> <term type="begriffe" key="Erweckung, von den Toten"/><hi rend="italic">von den Toten: Das</hi> Gericht, das <hi rend="italic">Jesus</hi> auf sich nimmt, ist Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/>. <hi rend="italic">Der</hi> Tod<term type="begriffe" key="Tod, Leben und T."/>, den <hi rend="italic">er</hi> stirbt, ist Leben. <hi rend="italic">Das</hi> Nein, das <hi rend="italic">er</hi> verkündigt, ist Ja<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ja/Nein"/>. <hi rend="italic">Der</hi> Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> des Menschen zu Gott, der <hi rend="italic">hier</hi> aufgedeckt wird, ist die Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/>. Es ist die unanschauliche Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/>, also der leiblich, körperlich, persönlich Auferstandene, in dem sich diese <hi rend="italic">Umkehrung</hi><term type="begriffe" key="Umkehrung"/> der Tendenz seines anschaulichen Lebens offenbart, in der sie angeschaut wird. Aber die Offenbarung und Anschauung dieser Umkehrung ist als solche die <hi rend="italic">Grenze</hi><term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> menschlich anschaulicher Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, auch der menschlich anschaulichen Geschichte Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>. Sie ist als solche nicht ein «historisches» Ereignis <hi rend="italic">neben</hi> den andern <pb ed="pga" xml:id="p281"/> Ereignissen dieser Geschichte, sondern das «unhistorische» Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis, unhistorisches"/>, das diese andern Ereignisse als ihre Grenze <hi rend="italic">umgibt</hi>, auf das die Ereignisse vor und an<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): "am". Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> und nach dem Ostertage<term type="begriffe" key="Ostertag"/> <hi rend="italic">hinweisen.</hi> Wäre sie selbst ein «historisches» (psychisches<term type="begriffe" key="Psyche"/>, physisches<term type="begriffe" key="Physis"/> oder hyperphysisches<term type="begriffe" key="Hyperphysis"/>) Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, wäre sie ein Ereignis auf <hi rend="italic">der</hi> Fläche, auf der neben allerlei mehr oder weniger «gläubigen» Massivitäten und Klügeleien doch auch Scheintods-, Betrugs-, objektive und subjektive Visionshypothesen<term type="begriffe" key="Hypothese"/><note xml:id="n27"> Rationalistische (Scheintods- und Betrugshypothesen) bzw. liberale (objektive und subjektive Visionshypothesen) Versuche, das biblische Zeugnis von der Auferstehung Jesu irgendwie zu domestizieren (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3603"><persName ref="kbga-actors-3022">O. Zöckler</persName>, Art. «Jesus Christus», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 9, Leipzig 1901, S. 1–43, dort S. 33–37</bibl>). Dagegen ist das <foreign xml:lang="lat">Singulare tantum</foreign> der Auferstehung als Prärogativ des Glaubens bereits 1909/10 ein Thema bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p050#p050">S. 50</ref></bibl>: «Tod u. Auferstehung Jesu sind der Grund unsres Glaubens». Aber: «Das ‹Wie› der Auferstehung bleibt uns notwendig dunkel: Körperliche A[uferstehung], geistleibliche A., Visionshypothese, Scheintodh[ypothese], Betrugsh.».</note> nebst spiritistischen<term type="begriffe" key="spiritistisch"/> und anthroposophischen<term type="begriffe" key="Anthroposophie"/> Möglichkeiten<note xml:id="n28"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p137#fn_n19">S. 137, Anm. 19</ref>.</note> zur Diskussion zu<pb ed="A" n="184" break="no"/>gelassen werden müssen, dann wäre es offenbar nicht Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, der hier in der Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> des anschaulichen Todesweges<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/> Jesu, in der Setzung des unanschaulichen Gegenüber des Gekreuzigten<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/> auf den Plan tritt und das Wort ergreift; es wäre dann die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, so oder so gedeutet, eine Vermehrung jener Reihe menschlicher Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, die Jesus hinter sich zurückgelassen, um zu sterben; es müsste dann Jesus noch einmal sterben, damit der Sinn seines Lebens<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens Jesu"/> erfüllt, damit dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, vor dem alle anschauliche Psyche<term type="begriffe" key="Psyche"/>, Physis<term type="begriffe" key="Physis"/> und Hyperphysis<term type="begriffe" key="Hyperphysis"/> Staub und Asche ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.6">Hiob 42,6</ref>], der in einem Lichte<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> wohnt, da <hi rend="italic">niemand</hi> zu kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>], der ihm schuldige Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> und die ihm gebührende Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> werde. Was in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> möglich, wahrscheinlich, notwendig oder wirklich ist, das ist vergänglich, verweslich, sterblich, darüber herrscht der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>. Sollte eine direkte unmittelbare Kontinuität<term type="begriffe" key="Kontinuität"/> bestehen zwischen den «historischen» Fakten der Auferstehungs<hi rend="italic">geschichte</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, als geschichtlicher Vorfall"/> (also z. B. dem leeren Grab<term type="begriffe" key="Grab"/> der Synoptiker oder den «Erscheinungen» von <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.5 1.Kor.15.8">1.Kor. 15[,5-8]</ref>) und der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> <hi rend="italic">selbst</hi>, sollte also die Auferstehung in irgend einem Sinn selber ein <pb ed="pga" xml:id="p282"/> Faktum<term type="begriffe" key="Faktum"/> der Geschichte sein, dann würde keine noch so starke Beteuerung und keine noch so verfeinerte Überlegung zu verhindern vermögen, dass auch sie in das Schaukelspiel von Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ja/Nein"/>, Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> <hi rend="italic">und</hi> Tod, Gott <hi rend="italic">und</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, das für die geschichtliche Fläche bezeichnend ist, hineingerissen erschiene. Denn vor dem Relativismus, der Großes und Kleines nebeneinander sieht und ineinander rechnet, ist kein Sein und Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/>, keine noch so auffallende Neuerung, kein noch so unerhörtes Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, kein noch so singuläres Mirakel<term type="begriffe" key="Wunder"/> unter <hi rend="italic">diesem</hi> Himmel und auf <hi rend="italic">dieser</hi> Erde geschützt. Die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> nähme dann Teil an der Ferne, Undeutlichkeit, Unrichtigkeit und grundsätzlichen Fraglichkeit aller geschichtlichen Dinge. Den von ihr ausgehenden Eindrücken in einzelnen Menschenseelen stünden dann ihre noch viel deutlicheren Verwischungen und Entstellungen, den von ihr herrührenden soziologischen<term type="begriffe" key="soziologisch"/> Auswirkungen die noch viel sprechenderen «christlichen» Kraftlosigkeiten<term type="begriffe" key="Kraftlosigkeit"/> und Verfälschungen<term type="begriffe" key="Verfälschung"/> und ihren reinsten und höchsten Ausstrahlungen vielleicht die Ausstrahlungen anderer <hi rend="italic">noch</hi> größerer Lichter<term type="begriffe" key="Licht"/> und Kräfte gegenüber. (Vgl. <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName><note xml:id="n29"> Vgl. Teil II von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-3519">Unerledigten Anfragen, S. 8–13</bibl>, wo er <persName ref="kbga-actors-312">Overbecks</persName> Gedanken weiterführt, das Christentum könne unmöglich als Phänomen in der Geschichte vertreten werden.</note>!)Der Gedanke<term type="begriffe" key="Geschichte, Menschheits-"/> an jene 150000 Jahre Menschheitsgeschichte<term type="begriffe" key="«150’000 Jahre Geschichte»"/>, «an die vergangenen und vermutlich wiederkehrenden Eiszeiten, die Folgen kleinster Polschwankungen<term type="begriffe" key="Pol"/> und an den Auf- und Niedergang großer Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/>systeme» (<persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName>)<note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-3605"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben</hi>, in: <hi rend="italic">Die XV. Christliche Studentenkonferenz. Aarau 1911. Den 13. bis 15. März</hi>, Bern 1911, S. 93</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3789">ders., <hi rend="italic">Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte und zwei Schriften zur Theologie</hi>, Gütersloh 1985<hi rend="sup">2</hi> (Gütersloher Taschenbücher Siebenstern 138), S. 132–162, dort S. 141</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wohnte der Konferenz bei, an der <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> am
    <date when="1911-03-15">15.3.1911</date> diesen Vortrag hielt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3519">Unerledigte Anfragen, S. 8</bibl>). Daraufhin verschärfte er seine bereits im Oktober 1910 vorgetragene Polemik gegen <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> in der Druckfassung seines Vortrags <bibl corresp="kbga-bibls-1460"><hi rend="italic">Der christliche Glaube und die Geschichte</hi> (1910), V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p149#p149">S. 149–212</ref></bibl>.</note> gewänne dann eine Würde und Bedeutung, ein Mitspracherecht in göttlichen Dingen, die ihm und seinesgleichen von Hause aus wahrlich nicht zukommt. Und nicht nur der Gedanke! Denn diese ganze Bedrohung des «Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/>» durch die Welt, durch die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> <pb ed="A" n="185"/> findet ja tatsächlich un<pb ed="pga" xml:id="p283" break="no"/>zweideutig statt, sofern das «Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>» eine Größe in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>, in der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> geworden ist, sofern es dank des Verrates der Theologen<term type="begriffe" key="Theologe, Verrat des"/><note xml:id="n31"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 235f.</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen und am Rand angestrichen) (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 275</bibl>): «Theologen sind nun einmal dank dem Ungeschick ihrer Gebärden überharten Urteilen besonders ausgesetzt. Sie sind meist ausgezeichnete Verräter der Sache, die sie vertreten, doch werden sie von dieser Sache vielleicht noch besser selbst verraten.»</note> auf weiteste Strecken jedes Bewusstsein davon verloren hat, dass seine Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> nicht nur jenseits des Nein, jenseits des Todes, jenseits der<note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "des".</note> Menschen zu suchen ist, sondern jenseits der Möglichkeit,<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> Ja und Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>, Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> und Tod, Gott<term type="begriffe" key="Gott, und Mensch"/> und Mensch überhaupt zu kontrastieren<term type="begriffe" key="Kontrast"/>, so oder so kontinuierlich aneinanderzureihen und gegeneinander auszuspielen. Denn dies besagt der Begriff der «Auferstehung von den Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, von den Toten"/>»: «Was suchet ihr den Lebendigen unter den Toten?» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.5">Lk. 24,5</ref>], die Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> Gottes auf <hi rend="italic">der</hi> Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/>, in <hi rend="italic">dem</hi> Raum, wo geschichtliche Größen wie «das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>» auf- und niedersteigen, werden und vergehen, ihre Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> und ihre Schranken<term type="begriffe" key="Schranke"/> haben? Der Begriff der <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, Begriff"/> entsteht am Begriff des <hi rend="italic">Todes</hi><term type="begriffe" key="Tod"/>, d. h. aber am Begriff des Endes<term type="begriffe" key="Ende, aller Dinge"/> aller geschichtlichen Dinge als solcher. Der leiblich <hi rend="italic">auferstandene</hi> Christus steht immer wieder gegenüber dem leiblich <hi rend="italic">gekreuzigten</hi> Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/> und nirgends sonst. «Lebendig gemacht nach dem Geiste», offenbart und angeschaut als der <hi rend="italic">neue</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> unter dem <hi rend="italic">neuen</hi> Himmel auf der <hi rend="italic">neuen</hi> Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> ist er immer wieder, sofern er «getötet ist nach dem Fleische» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.3.18">1.Petr. 3,18</ref>), d. h. sofern er alle anschaulichen, menschlichen, geschichtlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> (und wäre es die des erstaunlichsten hyperphysischen<term type="begriffe" key="Hyperphysis"/> Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>!) eben als solche (als <hi rend="italic">anschauliche, menschliche, geschichtliche</hi> Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>!) preisgegeben und hinter sich gelassen hat, um zu sterben. Ist er aber der Auferstandene als der Gekreuzigte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/>, der unanschauliche neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> in Gott als das Ende des alten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/>
    in dieser Welt, so hat er als solcher die Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> der geschichtlichen Dinge, ihre grundsätzliche Bedrohtheit durch die Zeit, so hat er den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> <hi rend="italic">hinter sich.</hi> «Von den Toten auferweckt, stirbt er nicht mehr.» Gerade weil und indem seine Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> das «<hi rend="italic">un</hi>historische»<term type="begriffe" key="Ereignis, unhistorisches"/> Ereignis <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κατ’ ἐξοχήν</foreign> ist, «herrscht der Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> nicht mehr über ihn». <hi rend="italic">Dieses</hi> <pb ed="pga" xml:id="p284"/> Leben ist unauflöslich<note xml:id="n32"> Vgl. den Choral <bibl type="song" corresp="kbga-songs-15">«Jesus Christus herrscht als König» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, GERS (1891) 142, Strophe 2 (mit etwas abweichendem Wortlaut: RG [1998] 492, Strophe 3; EG 123, Strophe 3)</bibl>: <q rend="block"><lg>
    <l> […] Christi Thron ist unumstößlich,</l> 
    <l>Christi Leben unauflöslich,</l> 
    <l>Christi Reich ein ewig Reich.</l></lg></q></note>, es ist unwiderruflich <hi rend="italic">Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben"/>, es ist das Leben Gottes<note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="italic">Gottes</hi>».</note>, es ist das von Gott erkannte Leben des Menschen. – Glaubend wagen wir es also, uns diese Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Menschen"/> des Menschen von Gott aus zu eigen zu machen, <hi rend="italic">dieses</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>, das Auferstehungsleben Jesu zu wissen als <hi rend="italic">unser</hi> Leben: «Wir werden mit ihm leben!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8">6,8</ref>). Es ist klar, dass die «Wir», die dieses Leben «unser» Leben nennen, <hi rend="italic">nicht wir</hi> sind<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, dass dieses Wissen immer nur als Wissen von unserem Tode<term type="begriffe" key="Tod"/> anschaulich werden kann, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, der dieses Leben weiß, nur als unser Sterben mit Christus<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>, als ehrfürchtiges, demütiges, liebendes Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/> wird. Sofern er es wird, sofern mit dem unanschaulichen, <pb ed="A" n="186"/> unmöglichen Erkenntnis<hi rend="italic">objekt</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnisobjekt"/>, das uns in der Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> des Todesweges<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/> Jesu entgegentritt, ein ebenso unanschauliches unmögliches Erkenntnis<hi rend="italic">subjekt</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnissubjekt"/> (jenseits der Linie, die Tod<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> und Leben<term type="begriffe" key="Lebenslinie"/> scheidet und verbindet) gesetzt ist, sofern das <foreign xml:lang="lat">Futurum resurrectionis</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/>: «wir werden leben» als die Kehrseite des Christustodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, für den neuen Menschen"/> eines <hi rend="italic">neuen</hi> «Wir» ist, <hi rend="italic">sind</hi> wir neue Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> und <hi rend="italic">sind</hi> wir in der positiven Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit, positive"/>, das Leben, in dem die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> eine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> ist, wiederum zu leben.</p>
    <p><hi rend="italic">«Denn sein Sterben war Sterben für die Sünde: ein für allemal. Sein Leben aber ist Leben für Gott.»</hi> Die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der menschlichen Möglichkeiten"/> der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> im Tode Christi ist als solche die Aufhebung der Möglichkeit der Sünde<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/>. Eben darum muss der Sinn des Lebens<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens Jesu"/> Jesu ein Sterben sein, weil die ganze diesseits des Todes liegende menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> als solche die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> der Sünde ist. Das Leben in der Welt der Zeit, der Dinge und des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> ist als solches das Leben in der unanschaulichen Gottesferne<term type="begriffe" key="Gottesferne"/> des Abfalls<term type="begriffe" key="Abfall"/> und in der nur allzu anschaulichen Gottesnähe<term type="begriffe" key="Gottesnähe"/> des Anthropomorphismus<term type="begriffe" key="Anthropomorphismus"/>. Keine Unzweideutigkeit<term type="begriffe" key="Unzweideutigkeit"/>, keine Reinheit, keine Sündlosigkeit<term type="begriffe" key="Sündlosigkeit"/>, keine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>, die vor Gott gilt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">1,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">10,3</ref>] in diesem Leben! Der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>, <pb ed="pga" xml:id="p285"/> das Letzte<term type="begriffe" key="Letzte"/>, das Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> in diesem Leben ist immer die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. Und nun starb Christus. Der Sinn, das Letzte, der Tod in diesem Tod ist Gott: Gott als die jenseits des Todes dieses Lebens<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> liegende und darum nur im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes,, Christi"/> des Todes zu veranschaulichende neue (unmögliche) Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des Menschen. Eben <hi rend="italic">weil</hi> diese neue Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> des Menschen seine reale <hi rend="italic">Gottesnähe</hi><term type="begriffe" key="Gottesnähe"/>, seine <hi rend="italic">Sündlosigkeit</hi><term type="begriffe" key="Sündlosigkeit"/>, seine <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> ist, kann sie nur im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis, des Todes,, Christi"/> des Todes, in der prinzipiellen Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> aller seiner alten Lebensmöglichkeiten<term type="begriffe" key="Lebensmöglichkeit"/> veranschaulicht werden. Sofern sie aber im Tode<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Christi tatsächlich veranschaulicht <hi rend="italic">wird</hi>, sofern Christus tatsächlich in seinem Tode als der in Gott lebende Mensch <hi rend="italic">an meiner Stelle steht</hi>, sofern ich tatsächlich «glaubend» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.8">6,8</ref>) an seinem Tode teilnehme, um mit ihm zu leben, ist ein grundsätzlich Anderer «ein für allemal» in meinen Gesichtskreis getreten. Dieser <hi rend="italic">Andere</hi> als das Gegenüber, mit dem ich unanschaulich eins bin, so gewiss ich anschaulich eins bin mit dem sterbenden Christus<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/>, dieser Auferstandene, dieser dem Leben in der Sünde Gestorbene<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/>, dieser in Gott Lebende ist <hi rend="italic">der</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/>, <hi rend="italic">das</hi> Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>, <hi rend="italic">die</hi> Seele<term type="begriffe" key="Seele"/> und <hi rend="italic">der</hi> Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> – er steht an meiner Stelle, <hi rend="italic">er</hi> ist <hi rend="italic">ich</hi><term type="begriffe" key="Ich"/>. Und <hi rend="italic">darum</hi>, weil der Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> Christi das Ende des Lebens ist, das noch sterben kann und sterben muss, der Triumph grundsätzlicher Sündlosigkeit<term type="begriffe" key="Sündlosigkeit"/> über die Möglichkeit der Sünde<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/>, die Verkündigung: Dir sind deine Sünden vergeben! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.5">Mt. 9,5</ref> par.], <hi rend="italic">darum</hi>, weil Christus <pb ed="A" n="187"/> nicht mehr stirbt, weil die Reihenfolge
    Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> und Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> nicht umkehrbar<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> ist – <hi rend="italic">darum</hi> auch nicht die Reihenfolge Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, <hi rend="italic">darum</hi> bin ich, in Christus für Gott lebend, als solcher der der Sünde Gestorbene<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/>. Ich kann nicht Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> <hi rend="italic">und</hi> Begnadigter<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> sein. Ich kann nur in der Umkehr<term type="begriffe" key="Umkehr"/> (in der nicht umzukehrenden<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> Umkehr!) <hi rend="italic">von</hi> der Sünde <hi rend="italic">zur</hi> Gnade stehen.</p>
    <p><hi rend="italic">«So rechnet auch ihr euch selbst als Tote für die Sünde, als Lebendige aber für Gott in Christus Jesus.»</hi> Der Erweis des Erweises, die Entscheidung über unsre <hi rend="italic">Einsicht</hi> in die erwiesene Sachlage, liegt in der Frage, ob das Wagnis<term type="begriffe" key="Wagnis, des Glaubens"/> des Glaubens gewagt ist. Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> heißt sehen, was Gott sieht, wissen, was Gott weiß, rechnen, wie Gott rechnet. Gott «rechnet» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">3,28</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.3">4,3</ref>) mit <hi rend="italic">dem</hi> Menschen, der für die Sünde gestorben ist<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/> und für ihn lebt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.10">6,10</ref>). Die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, des neuen Menschen"/> und Anschauung dieses neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, des Menschen des göttlichen Wohlgefallens<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>], ist die Auferstehung Jesu Christi von den Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi,, von den Toten"/>. Die <pb ed="pga" xml:id="p286"/> <hi rend="italic">Kraft</hi> der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> aber ist die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des neuen Menschen"/> dieses neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, in der wir Gott erkennen, ja vielmehr von ihm erkannt werden<term type="begriffe" key="Mensch, durch Gott erkannt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.9">Gal. 4,9</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.2 1.Kor.8.3">1.Kor. 8,2–3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">13,12</ref>). Die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Auferstehung"/> ist die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>. Ganz von selbst wird hier der Indikativ zum Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/>, der doch nichts anderes bedeuten kann als die Wirklichkeit der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, das esse im nosse<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/>, die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> des Erkannten, des Erkennenden und der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>. Die positive Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit, positive"/>, ein Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> <hi rend="italic">und</hi> ein Begnadigter<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> zu sein, besteht – so <hi rend="italic">lass</hi> sie bestehen! Die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> der Sünde gilt – so <hi rend="italic">lass</hi> sie gelten! «Du bist mit Christus der Sünde gestorben<term type="begriffe" key="Sünde, der S. gestorben"/>, so <hi rend="italic">sei</hi> ihr nun auch tot! Du bist mit Christus auferstanden ins Leben für Gott, so <hi rend="italic">lebe</hi> ihm nun! Du bist in die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> gesetzt, so sei nun <hi rend="italic">frei!</hi>» (<persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>).<note xml:id="n33"><bibl corresp="kbga-bibls-3601"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>, S. 133</bibl> (bei Schlatter jeweils «mit Christo»; Hervorhebungen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>).</note> «<hi rend="italic">Werde</hi>, was du schon <hi rend="italic">bist</hi> in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>!» (<persName ref="kbga-actors-133">Godet</persName>).<note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-3476"><persName ref="kbga-actors-133">Fr. Godet</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p273#fn_n24">S. 273, Anm. 23</ref>), S. 24</bibl>: «Werde, was du schon bist (in Christo).»</note> Die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> <hi rend="italic">ist</hi> der Schlüssel, <hi rend="italic">ist</hi> die aufgehende Türe, <hi rend="italic">ist</hi><note n="q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «ist».</note> der Schritt über die Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle, Schritt über die S."/>. Gnade <hi rend="italic">ist</hi> die Störung und Aufhebung des Gleichgewichts<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Gleichgewichts zwischen Sünde und Gnade"/>. Die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> ist da, die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> «unseres» Lebens (immer wieder!) Lüge<term type="begriffe" key="Lüge"/> zu heißen und uns nach der Wirklichkeit unsres Lebens <hi rend="italic">in Gott</hi> (immer wieder!) – auszustrecken! Wir (als die, die
    wir nicht sind, als das Subjekt des <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis</foreign>) können die Frage nach dem, was Gott – nicht mehr weiß, nicht aufwerfen.</p>  
</div>
    
    
   <div> 
    
    <head><hi rend="smallCaps">Die Kraft des Gehorsams</hi></head>
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12 Röm.6.23">6,12–23</ref></head>
    <p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.12 Röm.6.14">V. 12‒14</ref> So herrsche nun nicht die Sünde,</hi>
    die <hi rend="bold">in eurem sterblichen Leibe</hi>
    wohnt, <hi rend="bold">so dass ihr seinen Begierden gehorchen müsst und stellt eure Glieder nicht als Waffen der Unbotmäßigkeit der  Sünde zur Verfügung, sondern stellt euch selbst Gott zur Verfügung als <pb ed="pga" xml:id="p287"/> aus dem Tode zum Leben Gekommene – und</hi>
    so auch <hi rend="bold">eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit! Denn die Sünde wird über euch nicht Herr sein, steht ihr doch nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«So herrsche nun nicht die Sünde in eurem sterblichen Leibe, so dass ihr seinen Begierden gehorchen müsst!»</hi> Die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gehorsam"/> ist die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>. Sie ist <hi rend="italic">die</hi> Theorie, die als solche auch Praxis, <hi rend="italic">das</hi> Begreifen, das als solches auch Ergreifen ist. Sie ist <hi rend="italic">der</hi> Indikativ, der die Bedeutung des schlechthinigen, des kategorischen Imperativs<term type="begriffe" key="Imperativ, kategorischer"/><note xml:id="n35"> Das grundlegende Prinzip der Ethik <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kants</persName>: «Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.» <bibl corresp="kbga-bibls-645"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der praktischen Vernunft</hi>, A 54, Akademie-Ausgabe, 1. Abt., Bd. 5, Berlin 1908, S. 30</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3608"><hi rend="italic">Grundlegung zur Metaphysik der Sitten</hi>, BA 51f.76.81f., Akademie-Ausgabe, 1. Abt., Bd. 4, Berlin 1903, S. 421.434.436f</bibl>.</note> hat. Und sie ist <hi rend="italic">der</hi> Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/>, <hi rend="italic">der</hi> Appell<term type="begriffe" key="Appell"/>, <hi rend="italic">das</hi> Gebot, <hi rend="italic">die</hi> Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, der man nicht <hi rend="italic">nicht</hi> gehorchen kann, die die Kraft einer schlichten Feststellung hat. Sie ist <hi rend="italic">das</hi> Wissen, das das ihm entsprechende Wollen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen"/> nicht als ein Anderes, Zweites, Nachträgliches <hi rend="italic">neben</hi> sich, sondern unmittelbar <hi rend="italic">in</hi> sich hat. Sie ist als das Wissen dessen, was Gott will, identisch mit dem Wollen des Gotteswillens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/>. Denn Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Auferstehung"/> ist die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>. Sie ist das Erkennen des Erkanntseins des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="Mensch, durch Gott erkannt"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.9">Gal. 4,9</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.2 1.Kor.8.3">1.Kor. 8,2–3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">13,12</ref>]. Sie ist das Bewusstsein<term type="begriffe" key="Bewusstsein"/> des Menschen von seiner jenseits aller Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, aller Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>, aller Wesenheit, alles Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen in Bezug auf Gott"/> von<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "aus".</note> Gott gezeugten, von Gott bewegten<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> und in Gott ruhenden Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/>. Sie ist diese aus Gott gezeugte<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): "erzeugte".</note> Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> selbst, sofern sich der Mensch in ihr wiederfindet. Sie ist der neue, der von Gott geschaffene und erlöste Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der Mensch, der vor ihm gerecht<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> ist, an dem er sein Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>], in dem auch Gott sich selbst wiederfindet wie der Vater in seinem Kinde. An diesen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, der ich in der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>, in der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, vom Tode zum Leben"/> vom Tode<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> zum Leben, allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/>, aus Gnade bin, an diesen begnadigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> die Forderung: Wolle, was Gott will! zu richten, ist sinnvoll. Denn <pb ed="pga" xml:id="p288"/> dieser Mensch ist ja existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, von Haus aus der Mensch, den Gott will und der aus Gott lebt. Als dieser Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> kann ich die Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> hören und verstehen: nämlich als die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an den Ursprung"/> an meinen eigenen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, als die Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> meiner eigenen Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/>, als gleichbedeutend mit der Einsicht:
    <hi rend="italic">Ich</hi><term type="begriffe" key="Ich"/> (nicht ich!) <hi rend="italic">bin.</hi> Ich, als dieser Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, bin als solcher durch diese Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> geschaffen, belebt, <pb ed="A" n="189"/> geweckt und beunruhigt<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, das Subjekt, der Träger, die Waffe des Angriffs<term type="begriffe" key="Angriff, auf die Welt des Menschen"/> auf die Welt des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, des Menschen"/>, auf den Menschen dieser Welt auf – mich selbst, des Angriffs<term type="begriffe" key="Angriff"/>, der in dieser Forderung zum Ausdruck<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "Ausbruch".</note> kommt. Mir als diesem Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> <hi rend="italic">ist</hi> die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, absolut problematisch"/> das absolut Problematische, nicht nur relativ<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/>, nicht nur als eine fatale Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> im Gegensatz zu andern bessern Möglichkeiten, sondern als Möglichkeit überhaupt, als die Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, durch die Sünde"/> und Macht<term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/>, die hinter und über allen, den schlechten und<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "und".</note> den bessern menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> steht, als die Herrschaft<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/>, die scheinbar mit der Tatsache meines «sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>» (mit dem ich unauflöslich und unabgrenzbar eins bin) gegeben und über mich eingesetzt ist. Ich, als Begnadigter<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, kann diese Herrschaft nicht anerkennen, nicht gelten lassen, nicht mit ihr rechnen. Ich kann gerade ihrem Anspruch, eine Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, eine Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> zu sein, nur mit absoluter Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/> gegenüberstehen. Ich sehe die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> wohl, aber ich kann sie (gerade sie, die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>!) nur als Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> sehen. In diesem sterblichen Leib<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> wohnte sie, wohnt sie und wird sie wohnen, sofern Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> Zeit, Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> Mensch und Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/> Welt ist, sofern der Tod <hi rend="italic">nicht</hi> verschlungen ist in den Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/> und das Sterbliche <hi rend="italic">nicht</hi> verschlungen vom Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.54">1.Kor. 15,54</ref>], sofern ich (diesseits des Christustodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/>, nicht-identisch mit dem neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, nicht begnadigt, ungebrochen<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/>) bin – der ich bin, sofern ich, den linken Fuß noch im Grabe, das gemeine Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/> bin in seiner grotesken Zufälligkeit<term type="begriffe" key="Zufälligkeit"/> und Sonderbarkeit, begrenzt von den grauenhaften Vorgängen des Geborenwerdens und Sterbens<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/>, bis zur Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> verflochten, ja eins mit der kontingenten Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> des rätselvollsten Kosmos<term type="begriffe" key="Kosmos"/>. <hi rend="italic">Dieser</hi> Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> kann nicht ein natürlicher, ein reiner Leib, ein Leib ohne Sünde sein. Wäre er es, so hätte das Sterbliche angezogen die Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/>, das Verwes<pb ed="pga" xml:id="p289" break="no"/>liche die Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.33">1.Kor. 15,53</ref>]. Hat dieser Leib <hi rend="italic">noch nicht</hi> angezogen Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> und Unverweslichkeit, so charakterisiert er sich damit selbst als Leib<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/> der Sünde, aber dieses Charakterisiertsein kann uns nicht zum Anlass werden, in einem
    Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus"/> von Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, und Sünde"/> und Sünde, in einem Gegenüber von Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> und Nein zu verharren. Denn gerade dieses Charakterisiertsein des Leibes als sterblich und sündig ist mit der «Kreuzigung des alten Menschen»<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.6">6,6</ref>) aufgehoben, in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>, angegriffen<term type="begriffe" key="Angriff"/>, aufgerollt, «so dass wir der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> nicht mehr dienen müssen». Der «alte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/>», der Mensch der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, ist das mit dem als sterblich und sündig charakterisierten Leibe<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> unauflöslich, unabgrenzbar<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «unauflöslich und unabgrenzbar».</note> eine Ich<term type="begriffe" key="Ich"/>. Aber was für ihn gilt, gilt nicht für mich, den Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, den mit Christus<term type="begriffe" key="Sterben, mit Christus"/> Gestorbenen. Ich kann als solcher das Herrschen der in meinem sterblichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> wohnenden Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> nicht anerkennen, auch nicht ihr <pb ed="A" n="190"/> Herrschen im Bereich dieses meines sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>, sein Charakterisiertsein durch sie. Sie ist auch dort bedroht, in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>, grundsätzlich entthront, indem, so gewiss Christus in der Kreuzigung des alten Menschen<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> meine Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Christus"/> ist, auch mein Leib an der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Unsterblichkeit"/> der Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> und Sündlosigkeit<term type="begriffe" key="Sündlosigkeit"/> des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> teilnimmt. Er ist mit mir, der ich bin, in Beziehung gesetzt zu mir, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>. Er ist mit mir nicht unumstrittene Domäne und Aktionsbasis der Sünde, sondern Kriegsschauplatz<term type="begriffe" key="Leib, als Kriegsschauplatz"/>, auf dem die Sünde um ihre Herrschaft<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> streiten muss. Und der Streiter gegen die Sünde, der, der ihre Herrschaft <hi rend="italic">auch</hi> über meinen sterblichen Leib<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>, auch über die Verhältnisse, auch über die Geschichte, auch über das ganze Reich der endlichen Zwecke<note xml:id="n36"> Der Begriff ist gebildet im Gegenüber zum "allgemeinen Reiche der Zwecke» (<bibl corresp="kbga-bibls-3608"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Grundlegung zur Metaphysik der Sitten</hi>, BA 83, Akademie-Ausgabe, 1. Abt., Bd. 4, Berlin 1903, S. 438</bibl>), dem "Reich der Endzwecke" (<bibl corresp="kbga-bibls-3522"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, <hi rend="italic">Ethik des reinen Willens</hi>, a.a.O. [s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p071#fn_n36">S. 71, Anm. 36</ref>], S. 372 [1907<hi rend="sup">2</hi> </bibl>= <bibl corresp="kbga-bibls-3523">Werke, Bd. 7, S. 394</bibl>]).</note>, auch über das Äußere meiner Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, der Sünde"/> (ja <hi rend="italic">gerade</hi> über das Äußere; denn was kann, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> betrachtet, «draußen» sein, was nicht auch «drinnen» wäre<note xml:id="n37"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3609"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, «Epirrhema»</bibl>: <q rend="block"><lg>
        <l>Müsset im Naturbetrachten</l> 
        <l>Immer eins wie alles achten;</l> 
        <l>Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;</l> 
        <l>Denn was innen, das ist außen.</l> 
        <l>So ergreifet ohne Säumnis</l> 
        <l>Heilig öffentlich Geheimnis.</l></lg></q></note>?) nicht anerkennen, nicht recht<pb ed="pga" xml:id="p290" break="no"/>fertigen, nicht zugeben kann, dieser Streiter bin ich, ich der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, der neue
    Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. <hi rend="italic">Ich</hi> bin der Skeptiker<term type="begriffe" key="Skepsis"/>, <hi rend="italic">ich</hi> bin der Revolutionär<term type="begriffe" key="Revolution"/> gegenüber dieser Herrschaft<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/>. Ich kann also nicht gleichzeitig Zuschauer<term type="begriffe" key="Zuschauer"/>, nicht Neutraler<term type="begriffe" key="Neutralität"/> sein zwischen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, und Sünde"/> und Sünde; ich kann die Sünde nicht als Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> sehen neben der Gnade, sondern nur als die (<hi rend="italic">die</hi> menschliche!) Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, die durch die Unmöglichkeit der Gnade selber Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> wird. Erklärlich ist es, dass die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> als die menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> da ist, soweit das Auge reicht; aber nicht erklärlich wäre es, wenn ich mit dieser Möglichkeit als mit <hi rend="italic">meiner</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> rechnete. Erklärlich ist es, dass die Sünde in meinem sterblichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> wohnt; aber nicht erklärlich wäre es, wenn ich mit ihr einen Kompromiss, einen Ausgleich<term type="begriffe" key="Ausgleich"/>, einen modus vivendi<term type="begriffe" key="modus vivendi"/> fände. Erklärlich ist es, dass die «Begierden<term type="begriffe" key="Begierden"/>» meines sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> Realitäten<term type="begriffe" key="Realität"/> sind; als die Charakteristika, als die Ausbrüche, als die Gewalten seiner Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/> und Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/>. Sie alle: mein Hunger<term type="begriffe" key="Hunger"/> und mein Schlafbedürfnis<term type="begriffe" key="Schlafbedürfnis"/>, meine Sexualität<term type="begriffe" key="Sexualität"/> und mein Selbstbehauptungstrieb<term type="begriffe" key="Selbstbehauptung"/>, mein Temperament<term type="begriffe" key="Temperament"/> und meine Originalität<term type="begriffe" key="Originalität"/>, die Gefräßigkeit meines Wissensdranges<term type="begriffe" key="Wissensdrang"/>, das Spiel meines Kunsttriebes<term type="begriffe" key="Kunst"/>, das blinde Stürmen meiner Willenskraft und zuletzt und zuoberst doch wohl auch mein «religiöses Bedürfnis»<term type="begriffe" key="Bedürfnis, religiöses"/> samt den dem allem entsprechenden makrokosmischen, gesellschaftlichen «Begierden», sie alle kennzeichnen sich selbst durch ihre Verwurzelung in der ganzen Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/>, Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> und Zufälligkeit<term type="begriffe" key="Zufälligkeit"/>, durch ihre restlose Komplikation in die Verweslichkeit meines Leibes<term type="begriffe" key="Leib"/>, meines kosmischen Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> als die Vitalität meiner – Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Vitalität, der Sterblichkeit"/> und Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/>, als <hi rend="italic">das</hi> Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/>, das als sündig schon dem Tode preisgegeben ist. Die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> dieses Lebens der Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/> ist nur zu erklärlich. Aber nicht erklärlich wäre es, wenn ich als der <pb ed="A" n="191"/> Begnadete<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/><note n="w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Begnadigte».</note> dieser Charakterisierung meiner selbst <hi rend="italic">zustimmte</hi>, wenn ich ihr <hi rend="italic">«gehorchen»</hi>, wenn ich die Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> dieser Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> verkennen und ihr eine <hi rend="italic">transzendente</hi><term type="begriffe" key="transzendent"/> Realität zuschreiben, wenn ich sie metaphysisch<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> (als ein Zweites, Gegebenes<term type="begriffe" key="Gegeben"/>) <hi rend="italic">hypostasieren</hi>, <pb ed="pga" xml:id="p291"/> wenn ich sie also respektieren, weihen, <hi rend="italic">heiligsprechen</hi>, religiös verklären würde, wenn mein Leben als neuer Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> dem Leben meines sterblichen
    Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> anders denn als Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> dem Sein gegenüberstehen <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>sollte. Unerklärlich wäre es, wenn<note n="x" target="fn-x" type="textcritical" xml:id="nx"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): "sollte, wenn". Zusatz am Rand in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ich vergäße, dass alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist<term type="begriffe" key="«Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»"/>, wenn ich das heilsame Erschrecken verlernte vor dem Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, im Menschen"/>, der das, was ich bin, bis ans Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Tage"/> der Tage scheidet von dem, was ich nicht bin, wenn ich eine ungebrochene, eine nicht mehr durch prinzipielle Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> gebrochene Linie suchte und fände zwischen der Natürlichkeit <hi rend="italic">Gottes</hi> und <hi rend="italic">meiner</hi> Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Natürlichkeit"/>. Unerklärlich wäre es, wenn ich nicht als Begnadigter<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> meine <hi rend="italic">eigene</hi> Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität"/> <hi rend="italic">anderer</hi> Ordnung gegenüber den «Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/> meines sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>» hätte und betätigte. Wir empfangen als Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> «die Gabe der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">5,17</ref>); es wäre allzu töricht, diese Kampfkraft<term type="begriffe" key="Kampf"/> nicht zur Geltung zu bringen. Wir «werden Könige sein im Leben» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">5,17</ref>); es wäre Wahnwitz, gleichzeitig unsre Knechtschaft<term type="begriffe" key="Knecht, des Todes"/> im Tode zu bejahen. «Merke, die Heiligen<term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/> haben auch böse Lüste im Fleisch – denen sie <hi rend="italic">nicht</hi> folgen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n38"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 107</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-113"><hi rend="italic">Randglosse zu Röm. 6,12</hi>, WA.DB 7, 46f.</bibl>: «Mercke, die heiligen haben noch boese lueste im Fleisch, den sie nicht folgen». Eberle hat ebenfalls «noch». Das «auch» in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Wiedergabe scheint ein Abschreibfehler <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> oder ein Lesefehlers des Setzers zu sein.</note></p>
    <p><hi rend="italic">«Stellt eure Glieder nicht als Waffen der Unbotmäßigkeit der Sünde zur Verfügung, sondern stellt euch selbst Gott zur Verfügung als aus dem Tode zum Leben Gekommene.»</hi> Die «Glieder» des Menschen<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>, sein psychisch-physischer Organismus, sein kosmisches<term type="begriffe" key="kosmisch"/> Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> in der Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> seiner Ursachen<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/> und Wirkungen als «Waffe der Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>», als Werkzeug jener Überheblichkeit<term type="begriffe" key="Überheblichkeit"/>, in der der Mensch die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> gefangen nimmt, indem er sich selbst mit Gott identifiziert (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>), und der Mensch, der in der vermeintlichen Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> dieses Sklavenaufstandes<term type="begriffe" key="Sklavenaufstand gegen Gott"/> selbst der Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> ist, der er alles, was sein ist, «zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/> stellen» muss – das ist immer wieder unsre anschauliche Lebensmöglichkeit<term type="begriffe" key="Lebensmöglichkeit"/>. Diese anschauliche Lebensmöglichkeit wird aber negiert<term type="begriffe" key="Negation"/> in der unanschaulichen Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> <pb ed="pga" xml:id="p292"/> des Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>. Sie ist existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> <hi rend="italic">nicht</hi> meine Möglichkeit. Du bist <hi rend="italic">kein</hi> Gefangener! Deine Glieder<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> sind <hi rend="italic">nicht</hi> dazu bestimmt und fähig, den Turm von Babel<term type="begriffe" key="Babelsturm"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.11.1 Gen.11.9">Gen. 11,1–9</ref>] zu bauen! Stelle<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Stell».</note> sie <hi rend="italic">nicht</hi> der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>! Stelle dich selbst (du, der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, dich, den Unerlösten, du, der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, dich, den alten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> mit allen Gliedern seines Leibes<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>!) Gott zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>. Du bist (existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>) Gottes! «Soll es denn möglich sein, oft bis in den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> hinein mit seinem ganzen Wesen mehr oder weniger <pb ed="A" n="192"/> rebellisch<term type="begriffe" key="Rebell/Rebellion"/> gegen Gott zu sein, mit der Hand etwa, die Gott gegeben, Gott gleichsam in das Angesicht zu schlagen, und doch auf Christum hoffen zu wollen?» (<persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>).<note xml:id="n39"> <bibl corresp="kbga-bibls-3611"><persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>, <hi rend="italic">Andacht über Röm. 6,13</hi>, Gesammelte Werke, hrsg. von Chr. Blumhardt, Bd. I/2: <hi rend="italic">Haus-Andachten für alle Tage des Kirchenjahrs</hi>, Karlsruhe 1886, S. 205</bibl>: « […] rebellisch gegen Gott sich zu verhalten  […]».</note> Diese in der Tat, so weit das Auge reicht, bestehende Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> wird als solche untergraben, unterhöhlt, ins Wanken gebracht durch das unanschauliche Begnadetsein des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>. Hier entsteht im Berg dieser Möglichkeit ein Loch, ein Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, hier setzt als Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> <hi rend="italic">anderer</hi> Ordnung die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> ein, die jene zum Einsturz bringt. Die <hi rend="italic">dritte</hi> Möglichkeit aber: «abwechselnd als Söldner der Sünde gegen Gott<term type="begriffe" key="Kampf, gegen Gott"/> und als Söldner Gottes gegen die Sünde<term type="begriffe" key="Kampf, gegen die Sünde"/> anzukämpfen oder gar im Bereich des leiblichen<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/> Lebens der Sünde, im Bereich des
    geistlichen<term type="begriffe" key="Geist"/> Lebens Gott dienen zu wollen» (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>)<note xml:id="n40"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 311f.</bibl>: « […] abwechselnd als Söldner der Sünde gegen Gott oder als Söldner Gottes gegen die Sünde ankämpfen, oder auch sich einbilden, sie könnten gleichzeitig im Bereich des leiblichen Lebens der Sünde, im Bereich des geistlichen Lebens Gott dienen  […]».</note>, sie ist die <hi rend="italic">ausgeschlossene</hi> Möglichkeit. Aus dem <hi rend="italic">Tode</hi> seid ihr zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> gekommen. Zwischen Tod und Leben ist keine dritte Möglichkeit. In diesem Kriege gibt es keine Überläufer, keine Vermittler und keine Neutralen<term type="begriffe" key="Neutralität"/>. Wo Berg ist, da ist nicht Höhle, und wo Höhle ist, da ist nicht Berg.</p>
    <p><hi rend="italic">«… und so auch eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit!»</hi> «Hic Rhodus, hic salta!»<note xml:id="n41"> Die Wendung stammt ursprünglich aus der Fabel <bibl corresp="kbga-bibls-3790"><persName ref="kbga-actors-2335">Aesops</persName> «Der Fünfkämpfer als Prahlhans»</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 306f</bibl>.</note> Das heißt existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> Gott zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/> <pb ed="pga" xml:id="p293"/>  stehen: dass auch über die Glieder des sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> und über sie auch <hi rend="italic">positiv</hi> verfügt ist, dass die unanschauliche Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> die Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> unsrer anschaulichen Lebensmöglichkeiten<term type="begriffe" key="Lebensmöglichkeit"/> umkehrt, indem sie sie aufhebt<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Totalität von Lebensmöglichkeiten"/>, dass dort (gerade dort und nirgends sonst!), wo die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> herrschte im Tode, nun die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Herrschaft"/> herrscht durch Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, durch das schöpferische Wort der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, durch das Trotzdem!, mit dem Gott<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem!"/> sich zu uns bekennt, uns zu sich rechnet, dass also unser sterblicher Leib<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> in seiner ganzen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> und Preisgegebenheit zu einem Lobpreis der Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>, zu einem Gefäß der Ehre<term type="begriffe" key="Ehre"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.21">9,21</ref>], zu einer Waffe der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes wird. Wie sollte das anders möglich werden als durch ein Möglichwerden des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/>? Wer sollte diese Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/> auch nur zu <hi rend="italic">vernehmen</hi> vermögen, der nicht aus dem <hi rend="italic">Tode</hi><term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> zum Leben gekommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>] ist? Aber gerade darum handelt es sich. Darum und darin durchbricht die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> sowohl die Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> der Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/> als die der Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, dass ihr Indikativ sich als <hi rend="italic">dieser</hi> Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/> an den Menschen wendet, als die absolute Forderung, dass das <hi rend="italic">Unmögliche</hi><term type="begriffe" key="Unmögliche"/> <hi rend="italic">möglich</hi> werde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">6,19</ref>).
    </p>
    <p><hi rend="italic">«Denn die Sünde wird über euch nicht Herr sein; steht ihr doch nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/><hi rend="italic">.»</hi> Die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gehorsam"/> ist die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, weil und sofern sie die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> ist, die Kraft der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gnade als Kraft der E."/>, in der wir uns selbst erkennen als das Subjekt<term type="begriffe" key="Subjekt"/> des <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis</foreign>, die Kraft des Wagnisses<term type="begriffe" key="Wagnis"/>, mit <pb ed="A" n="193"/> unserm Sein als dem Sein des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> zu rechnen, die Kraft der Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, Umkehrung der "/> aus dem «Leben» in den <hi rend="italic">Tod</hi><term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/><hi rend="italic"/>, aus dem «Tode» ins <hi rend="italic">Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/>. Der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> steht Gott zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/> und seine «Glieder»<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> dem, was Gott will. Nicht als <hi rend="italic">religiöser</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> ist der Mensch darauf anzusprechen, sondern als <hi rend="italic">begnadigter</hi><term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> Mensch. Also nicht sofern er wahrscheinlich <hi rend="italic">auch</hi> «unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/>» steht, irgend etwas «erlebt»<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> hat mit Gott, irgendwie in seiner Seele<term type="begriffe" key="Seele"/>, in seiner Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/>, in seinem Verhalten anschauliche Spuren<term type="begriffe" key="Spuren"/> des Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, Eindrücke einer Begegnung mit der Gnade<term type="begriffe" key="Gott, Gnade"/> Gottes aufzuweisen hat. Nicht sofern auch er vermutlich Anwohner jenes Kanals<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> ist, in dem das lebendige Wasser fließen – kann. Nicht die Kraft eines Entschlusses, einer Tendenz, einer Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung"/>, einer (und wäre es die höchste!) Bewegtheit, Verändertheit, Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> ist die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, in der er die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> überwindet. Wahrscheinlich wird ihm <pb ed="pga" xml:id="p294"/> ja etwas von dem allem <hi rend="italic">auch</hi> zu eigen sein, er wird auch eine Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> haben und sogar eine Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, er wird auch dies und das «glauben», er wird auch ein Gebetsleben<term type="begriffe" key="Gebet"/> haben und eine dem allem entsprechende religiös-sittliche<term type="begriffe" key="sittlich"/> Haltung, er wird ahnend und hoffend, kämpfend und leidend, besitzend und entbehrend auch irgendwo und irgendwie seinen Ort haben in dem großen Pandämonium menschlicher Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, menschliche"/>. Irgend einer von den vielen «Typen», von denen Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> und Religionspsychologie<term type="begriffe" key="Religionspsychologie"/> zu erzählen wissen, wird unvermeidlich <hi rend="italic">sein</hi> Typus<term type="begriffe" key="Typus"/> sein (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.17">6,17</ref>)! Aber das alles kann wohl Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> und Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>, aber nicht die <hi rend="italic">Kraft</hi> des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> sein, in welchem er in Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> («die Sünde wird über euch nicht Herr sein») zu der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Nein zur S."/> Nein, weil zu Gott Ja<term type="begriffe" key="Ja, zu Gott"/> sagt. Die Kraft dieses Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> ist <hi rend="italic">nicht</hi> typisch, sondern
    urbildlich<term type="begriffe" key="Urbild"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> gegenständlich (auch nicht im feinsten Sinn!), sondern ursprünglich<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> religiös<term type="begriffe" key="religiös"/>, sondern von Gott, <hi rend="italic">nicht</hi> Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, sondern Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>. Wäre sie identisch mit dem, was als Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, Erfahrung<term type="begriffe" key="Erfahrung"/>, Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> u. dergl. anschaulich und geschichtlich zu werden pflegt, dann wäre offenbar der Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/>: Wolle nicht, was die Sünde, wolle, was Gott will! sinnlos. Denn wie sollte die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> nicht herrschen auf dem Gebiet der menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, zu welcher offenbar auch die hohen und höchsten, die dämonischen<term type="begriffe" key="dämonisch"/> und religiösen Erfahrungen<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> der Seele<term type="begriffe" key="Seele"/> in ihrem ganzen Umfang gehören? Und wie sollte der Mensch, <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch auch nur wollen können, was Gott will? Auch wenn er ein frommer Mensch ist! Wie sollte das Endliche – und wäre es Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> höchsten Grades – das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> zu fassen vermögen? <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">Finitum non capax infiniti</foreign>!</hi><note xml:id="n42"> Grundsatz der reformiert-orthodoxen Christologie im Gegensatz zur lutherischen, so konzis formuliert zuerst bei <bibl corresp="kbga-bibls-1892"><persName ref="kbga-actors-2907">T. Kirchner</persName>, <hi rend="italic">Apologia oder Verantwortung des christlichen Concordienbuchs</hi>, Heidelberg 1583, S. 45b</bibl>; vgl. zur Geschichte der Formel und ihrer Verwendung beim frühen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und zur dadurch ausgelösten Diskussion <bibl corresp="kbga-bibls-220"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die christliche Dogmatik im Entwurf</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik</hi> (1927), hrsg. von G. Sauter, Zürich 1982, <ref type="pub-" target="../volume/14/p251#fn_n12">S. 251f., Anm.12</ref>.</bibl></note><term type="begriffe" key="Finitum non capax infiniti"/> Auch beim religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> steht freilich das Gnadenerlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis, Gnadenerlebnis"/> im Kampf<term type="begriffe" key="Kampf, gegen die Sünde"/> mit der sündigen Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit, durch die Sünde"/> seiner übrigen Le<pb ed="A" n="194" break="no"/>bensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>; aber was hier stattfindet, das ist der Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> einer menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> mit einer andern. Hier kann von einem Sieg der Gnade<term type="begriffe" key="Sieg, der Gnade"/> aufrichtigerweise gar nicht die Rede sein, hier halten sich tatsächlich <pb ed="pga" xml:id="p295"/> die Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> Gottes und die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, der Sünde"/> der Sünde im besten Fall die Waage, hier gilt Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>. Denn hier handelt es sich ja nicht grundsätzlich um die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> der Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, Umkehr der"/> des Menschen (vom Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> zum Tode<term type="begriffe" key="Tod, vom Leben zum T."/>, vom Tode zum Leben), hier steht darum der Mensch Gott keineswegs existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>. Hier ist die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> Gottes in ihrem <hi rend="italic">Unterschied</hi> von der Realität der menschlichen «Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/>» (unter denen die religiöse <hi rend="italic">neben</hi> der sexuellen<term type="begriffe" key="Sexualität"/>, der intellektuellen<term type="begriffe" key="intellektuell"/> usf. rangiert!) <hi rend="italic">nicht</hi> einwandfrei, <hi rend="italic">nicht</hi> kritisch festgestellt, darum ist hier auch die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> des Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes im Menschen (im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zur Libido"/> zum Willen der
    Libido<term type="begriffe" key="Libido"/><note xml:id="n43"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p079#fn_n47">S. 79, Anm. 47</ref>.</note>!) eine zweifelhafte Größe, höchst zweifelhaft darum auch ein allfälliger Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, der Gnade"/> der «Gnade» über die «Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>» auf diesem Felde. Hier ist die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> menschlicher Vitalität<term type="begriffe" key="Vitalität, menschliche"/> grundsätzlich <hi rend="italic">nicht</hi> überschritten und darum auch der Boden des göttlichen Lebens grundsätzlich <hi rend="italic">nicht</hi> betreten. Hier kann Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, zur Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Nein zur S."/> Nein und zu Gott<term type="begriffe" key="Ja, zu Gott"/> Ja zu sagen, im Ernste <hi rend="italic">nicht</hi> vorhanden sein. Hier verschafft vielmehr das Überfließen<term type="begriffe" key="Sünde, Überfließen"/> der Sünde (auf dem höchsten und schönsten Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> menschlichen Lebensdranges: in der Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Sünde"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>) dem Menschen Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen Sünde"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">4,15</ref>). Ihr «aber steht nicht unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/>», sondern dort, wo jenseits dieser letzten höchsten Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> grundsätzlich nur noch die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> in Betracht kommt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">4,15</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.13">5,13</ref>), wo sie aber in Betracht <hi rend="italic">kommt:</hi> ihr steht «unter der Gnade»<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/>. «Die Formel eines sittlich<term type="begriffe" key="sittlich"/> idealen Optimismus<term type="begriffe" key="Optimismus"/>» (<persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>)<note xml:id="n44"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 66</bibl>: «Aber in demselben Moment, in dem er die Formel seines sittlich idealen Optimismus ausspricht, durchzuckt ihn auch schon wieder die Erkenntnis ihrer Missverständlichkeit».</note>? Eben gerade das <hi rend="italic">nicht!</hi> Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Reich Gottes"/> ist <hi rend="italic">Reich</hi><term type="begriffe" key="Reich Gottes"/><hi rend="italic"/>, Königsmacht Gottes<term type="begriffe" key="Gnade, Herrschaft"/>, existentielles<term type="begriffe" key="existentielles"/> Gott-zur-Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>-Stehen, reale Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> des Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille / Gott, ist frei"/> Gottes im Menschen, <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>jenseits von allem Optimismus<note n="z" target="fn-z" type="textcritical" xml:id="nz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): "jenseits alles Optimismus". Korrektur am Rand in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: «jenseits von Optimismus».</note><term type="begriffe" key="Optimismus"/> und Pessimismus<term type="begriffe" key="Pessimismus"/>, Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gehorsam"/> ist <hi rend="italic">darum</hi> Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, weil sie das Sein des Menschen auf <hi rend="italic">der</hi> Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/>, in <hi rend="italic">dem</hi> Raum, in <hi rend="italic">der</hi> Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist, wo Gehorsam unvermeidlich, unzweifelhaft und unwiderstehlich ist. Sie ist Gehorsamskraft<term type="begriffe" key="Kraft, des Gehorsams"/>, weil sie Auferstehungskraft<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> ist, und sie ist Auferstehungskraft, weil sie Todeskraft<term type="begriffe" key="Todeskraft"/> ist, Kraft des aus dem Tode zum <pb ed="pga" xml:id="p296"/> Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> gekommenen Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.14">1.Joh. 3,14</ref>], Kraft des Menschen, der sich selbst wiedergefunden, indem er sich an Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, an Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> – verloren hat.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.15 Röm.6.16">V. 15‒16</ref> Was</hi>
    folgt <hi rend="bold">nun</hi>
    daraus<hi rend="bold">? «Lasst uns sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen!»? Unmöglich! Wisst ihr nicht, dass, wem ihr euch selbst als Knechte zum Gehorsam anbietet, dessen Knechte seid ihr</hi>
    dann auch <hi rend="bold">und müsst ihm gehorchen: entweder Knechte der Sünde zum Tode oder</hi>
    Knechte <hi rend="bold">des Gehorsams</hi>
    gegen Gott <hi rend="bold">zur Gerechtigkeit?</hi> </p>
    <p><pb ed="A" n="195"/> <hi rend="italic">«Lasst uns sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/> <hi rend="italic">stehen!»?</hi> Sollte etwa Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Freiheit zum Sündigen?"/> in irgend einem Sinn Freiheit zum Sündigen<term type="begriffe" key="Freiheit, zum Sündigen?"/> bedeuten? Sollte die Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in die Un-Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/>, die Un-Möglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>, die Un-Wirklichkeit des Lebens des Menschen in Gott die Folge haben können, dass der Mensch, resigniert oder selig lächelnd im Bewusstsein<term type="begriffe" key="Bewusstsein"/>, dass der Kampf<term type="begriffe" key="Kampf, gegen die Sünde"/> der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Kampf gegen die Sünde"/> gegen die Sünde doch zu keinem Ziel führen könne, dem anschaulichen, dem möglichen, dem wirklichen Leben seinen eigenen, durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> bestimmten Lauf lässt? Sollte Begnadetsein<term type="begriffe" key="Begnadung"/> ein Beruhigtsein gegenüber den Begierden<term type="begriffe" key="Begierde"/> des sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>, gegenüber den Gewalten, die diese unerlöste Welt beherrschen, bedeuten? Die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, das Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> dieses Leibes und dieser Welt (etwa unter Berufung auf die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>!) als <hi rend="italic">auch</hi> von Gott gewollt oder doch zugelassen zu verstehen und darum im Hinblick auf <hi rend="italic">die</hi> Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, die jetzt und hier doch nicht Ereignis wird, Frieden oder doch Waffenstillstand mit ihm zu schließen? Sollte der «Begnadigte»<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> <hi rend="italic">der</hi> sein, der, im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum Gesetzesmenschen"/> zu dem aufgeregten, unterwühlten, im Kampf<term type="begriffe" key="Kampf, gegen die Sünde"/> mit der Sünde sich fast verzehrenden, verzweifelnden Gesetzesmenschen den befriedigenden Ausgleich des ruhigen Bürgers<term type="begriffe" key="Bürgerlichkeit"/> und Weltmanns, die skeptisch<term type="begriffe" key="Skepsis"/>-überlegene und doch human liebenswürdige Balance des klugen Humanisten<term type="begriffe" key="Humanismus"/> oder die mehr oder weniger betrübte oder heitere Zentralschau des Mystikers<term type="begriffe" key="Mystik"/><note xml:id="n45"> Anspielung auf die Gedankenwelt <bibl corresp="kbga-bibls-3184"><persName ref="kbga-actors-306">Fr. Chr. Oetingers</persName>, insbesondere dessen Schrift: <hi rend="italic">Anmerkungen 1. von der Central-Schau oder Erkenntnis, wie die Engel erkennen, 2. von ihrem Unterschied von den Gesichten und Offenbarungen Gottes in den äußern Kräften der Seele</hi> (1734), in: ders., <hi rend="italic">Sämmtliche Schriften</hi>, hrsg. von K. Chr. E. Ehmann, II. Abth., Bd. 5, Stuttgart 1863, S. 285–298</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p407#fn_n23">S. 407f., Anm.23</ref></bibl>, und <ref type="pub-" target="../volume/16/p460#fn_n32">S. 460, Anm.32</ref>, und unten <ref type="pub" target="../volume/47/p396#fn_n32">S. 396, Anm. 32</ref>.</note> als das gute Teil <pb ed="pga" xml:id="p297"/> zwischen Gott und Welt, Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> und Diesseits, Enderlösung<term type="begriffe" key="Erlösung, Enderlösung"/> und gefallener Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, gefallene"/> gewählt hat? Sollte unsre umfassende Verneinung<term type="begriffe" key="Sünde, Nein zur S."/> des sündebeherrschten<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> Da-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des sündigen Menschen"/> und So-Seins im Ergebnis einer ebenso umfassenden Bejahung gleichkommen, der jene, praktisch bedeutungslos als «die andere Seite», als die andere mögliche Beleuchtung des Lebens irgendwie friedlich gegenüberstehen würde? – Dieser Deutung wäre offenbar dann <hi rend="italic">nicht</hi> zu wehren, wenn «Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>» etwa selbst nur eine neue Erscheinungsform des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gnade, Gesetz?"/>, eine neue, extremste, steilste menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, nämlich die antinomistische<term type="begriffe" key="Antinomie"/>, die mystische<term type="begriffe" key="Mystik"/>, die
    quietistische<term type="begriffe" key="Quietismus"/>, die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> der Passivität<term type="begriffe" key="Passivität"/> und des «Wartens»<term type="begriffe" key="Warten"/>, also gegenüber den übrigen mehr positiven eine mehr negative Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> sein sollte. Ist Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> eine menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dann ist es offenbar normal, dass gewisse andere menschliche Möglichkeiten im Frieden, im Ausgleich<term type="begriffe" key="Ausgleich"/> mit ihr ihren Lauf nehmen. Dann <hi rend="italic">bedeutet</hi> offenbar «Gnade» im verschiedensten Sinn die Freiheit<term type="begriffe" key="Gnade, Freiheit zum Sündigen?"/> zum Sündigen. – Wer, im Unterschied zu <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und den Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/> auch «Gnade» nur unter dem Gesichtspunkt des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gnade, Gesetz?"/>, auch Gott nur unter dem Gesichtspunkt menschlicher Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Gott"/> und Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, menschlichen Tuns oder Nicht-Tuns<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/> zu sehen vermag, <pb ed="A" n="196"/> wer nicht im Stande ist, die Kategorie des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, das bei Gott möglich ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref> par.], ruhig und bestimmt ins Auge zu fassen, den Gedanken der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Gedanken der E."/> zu denken, der wird immer wieder Gnade mit dieser letzten, der relativ negativen Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> verwechseln, um dann, ob er sie wählt oder verwirft, ob er begeistert darauf hereinfällt oder mit billiger Polemik<term type="begriffe" key="Polemik"/> dagegen anstürmt, ein Meer von Verwirrung anzurichten. Denn wenn <hi rend="italic">das</hi> «Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Nichtstun des Menschen?"/>» ist, dass der Mensch nichts tun kann noch soll, weil Gott alles tut, dann bleibt offenbar nur übrig: <hi rend="italic">entweder</hi> mit der kaum zu verhehlenden Genugtuung des Weltkindes<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> ob solcher Kunde dieses «Nichts tun» zu wählen (mit der Folge, dass der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, der «Leib<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/> der Sünde» erst recht auf den Thron erhoben wird) <hi rend="italic">oder</hi> mit dem finstern Ernst des religiösen Moralisten<term type="begriffe" key="Moral"/> dieses «Nichts tun» zu verwerfen (mit der Folge, dass der Mensch im Kampf<term type="begriffe" key="Kampf, gegen die Sünde"/> gegen die Sünde fernerhin «tut», was er «tun» kann, endigend mit dem «Überfließen<term type="begriffe" key="Sünde, Überfließen"/> der Sünde» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>) <hi rend="italic">oder</hi> aber (und das wird die sichere Mitte und das häufigste sein) zwischen Wählen und Verwerfen, zwischen «Quietismus<term type="begriffe" key="Quietismus"/>» und «Aktivismus<term type="begriffe" key="Aktivismus"/>» mit halbem Wissen und Gewissen hin- und herzuschwan<pb ed="pga" xml:id="p298" break="no"/>ken (mit dem Erfolg, dass die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Triumph"/> abwechselnd und miteinander im gewöhnlichen und im religiösen Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/> des Menschen ihre Triumphe feiert). Was <hi rend="italic">so</hi> gedeutet [zu] werden, was, ob angenommen oder abgelehnt, als menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> diese menschenmöglichen Folgen zu haben pflegt, ist jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> das, was wir als Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> verkündigen. Wir sagen: <hi rend="italic">Unmöglich</hi> ist das Gnade!</p>
    <p><hi rend="italic">«Unmöglich! Wisst ihr nicht, dass, wem ihr euch selbst als Knechte zum Gehorsam anbietet, dessen Knechte seid ihr dann auch und müsst ihm gehorchen?»</hi> Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Tun des Menschen?"/> heißt weder, dass der Mensch etwas tun könne und solle, noch dass er nichts tun könne und solle. Gnade heißt, dass <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> etwas tut. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, als bestimmtes Tun Gottes"/> heißt nicht, dass Gott «alles», sondern dass er etwas ganz Bestimmtes tut, nicht im Allgemeinen, nicht da und dort, sondern am Menschen. Gnade heißt, dass Gott dem Menschen seine Sünde vergibt<term type="begriffe" key="Vergebung"/>. Gnade ist das Selbstbewusstsein<term type="begriffe" key="Selbstbewusstsein"/> des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>. Gnade ist die beantwortete Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> unserer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, als Frage"/>. Erst wenn diese Einsicht, geschärft und gegen allen Pantheismus<term type="begriffe" key="Pantheismus"/> gesichert durch die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Kreuz"/> an die kritische Bedeutung des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Christi, grundsätzlich unverworren mit der Frage, was wir tun oder nicht tun können und sollen, feststeht, kann über Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, und Sünde"/> und Sünde sachgemäß geredet werden. Gnade ist das Reich<term type="begriffe" key="Gnade, Reich Gottes"/>, die Herrschaft<term type="begriffe" key="Gnade, Herrschaft"/>, die Macht<term type="begriffe" key="Gnade, Macht"/> und Gewalt <hi rend="italic">Gottes</hi> über den Menschen. Sie ist der grundsätzliche <hi rend="italic">Widerspruch</hi><term type="begriffe" key="Gnade, Widerspruch gegen Sünde"/> gegen die Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, durch die Sünde"/> durch die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/>, der alle unsre menschlichen Möglich<pb ed="A" n="197" break="no"/>keiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, von der ersten bis zu der letzten, unterliegen. Sie steht eben als dieser Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> selber grundsätzlich jenseits aller menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, sie ist aber, eben als dieser Widerspruch zugleich ihre neue Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/>, ihre Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, ihre Bedeutung, ihre Verlegenheit, ihr Angreifer und, sofern es Gott ist, der hier seinen Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> erhebt, ihre Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> und Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Sie kann als Gottes Macht<term type="begriffe" key="Gott, Macht"/> und Gewalt über den Menschen nie und nirgends identisch sein mit dem Tun oder Nicht-Tun<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen; sie ist aber die (unanschauliche) Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen, die (unmögliche) wahre Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> seines Tuns oder Nicht-Tuns<term type="begriffe" key="Tun, und Nicht-Tun"/>, sein (als sein Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> zu bestimmendes) wahres Sein. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Widerspruch gegen den Menschen"/> haben heißt diesen Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> in sich haben, nicht als «etwas», was <hi rend="italic">wir</hi> in uns selbst hätten, sondern als das, was <hi rend="italic">Gott</hi> selbst in uns hat: den Widerspruch gegen den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, der Sünde"/> der Sünde, d. h. aber, weil wir keinen andern Menschen kennen, gegen den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als solchen, gegen – uns <pb ed="pga" xml:id="p299"/> selbst. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> haben heißt schlechterdings <hi rend="italic">nicht:</hi> selber dies und das sein <hi rend="italic">oder</hi> nicht sein, dies und das tun <hi rend="italic">oder</hi> lassen. Gnade haben heißt: dem Widerspruch<term type="begriffe" key="Gnade, Widerspruch gegen den Menschen"/> Gottes gegen alles, was wir selber sind oder nicht sind, tun<note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa">Nicht ausgeführte Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: "sind, was wir tun".</note> oder lassen, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>
    stehen, sich diesem Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> «zum Gehorsam<term type="begriffe" key="Gnade, Gehorsam"/> anbieten», sein «Knecht<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/>» sein. Solches Gnadehaben geschieht als die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> jenseits aller unsrer eigenen Möglichkeiten. Es ist <hi rend="italic">die</hi> Freiheit, die <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> sich in uns nimmt. Er <hi rend="italic">nimmt</hi> sie sich aber, und er nimmt sie sich <hi rend="italic">in uns. Wir</hi> sind die Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>. Unser von der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> angegriffenes Selbst kann sich nicht nur diesem Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, der Gnade auf das Selbst des Menschen"/> <hi rend="italic">nicht</hi> entziehen, es kann auch nicht als Zuschauer<term type="begriffe" key="Zuschauer"/> neben diesem Angriff verharren, abwartend, wie er etwa endigen möchte, es muss – selber zum Angreifer werden, indem es als Angegriffener stirbt (gekreuzigt wird<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.6">6,6</ref>), um, aus dem Tode des göttlichen Widerspruches<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> gekommen, seine Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> mit dem göttlichen Widersprecher<term type="begriffe" key="Gott, Widersprecher"/> zu entdecken. Denn das ist ja der Inhalt des göttlichen Widerspruchs, dass wir – nicht wir sind<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, dass das neue<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, das von Gott geschaffene und erlöste Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/> sich ankündigt als die nicht-gegebene Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> unsres individuellen Da-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des neuen Menschen"/> und So-Seins, vor der seine gegebene Wahrheit zur Unwahrheit wird. Wir sind angegriffen<term type="begriffe" key="Angriff, von der Existenz in Gott"/> – von unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> in Gott her. Darum: «dessen Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> seid ihr dann auch». Ihr <hi rend="italic">seid</hi> es, existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/>, ihr könnt nichts anderes daneben sein. Ihr seid <hi rend="italic">Knechte</hi> (Sklaven), ihr seid existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> zum Gehorchen da. Ihr seid Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, d. h. ihr seid existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> da, um dem göttlichen Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das in euch selbst, gegen euch selbst, gegen die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> sich erhoben hat, zu gehorchen. Ihr seid existentiell nicht in der Lage, zur Sünde Ja<term type="begriffe" key="Freiheit, zum Sündigen?"/> zu sagen.</p>
    <p><pb ed="A" n="198"/> Ihr seid Knechte, <hi rend="italic">«entweder Knechte der Sünde zum Tode oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit».</hi> Dass es sich beim Sündigen wie beim Begnadigtsein<term type="begriffe" key="Begnadigtsein"/> um ein existentielles<term type="begriffe" key="existentiell"/> Verhältnis, um ein Sklave<term type="begriffe" key="Knecht"/>-Sein handelt und dass darum eines das andere und beide einen Mittelzustand ausschließen, dass beide nur in dem unanschaulichen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor gott"/>, da wir selbst von unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> in Gott her angegriffen<term type="begriffe" key="Angriff, von der Existenz in Gott her"/> werden, da wir aus der Hand des einen Herrn in die des andern übergehen, nebeneinander stehen können, das ist hier einzusehen. Eine <pb ed="pga" xml:id="p300"/> Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen"/> dessen, was nur eindeutig bestimmt sein kann, nämlich eben unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/>, eine Bestimmung des einen unteilbaren Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, unteilbar"/>, und zwar eine Bestimmung seiner Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/>, eine Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, durch Sünde"/>, die, indem sie jenseits aller seiner Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> liegt, sie alle umfasst, eine «Knechtschaft» im strengsten Sinn des Wortes ist also Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> sowohl wie Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Herrschaft"/>. Eben darum können sie sich <hi rend="italic">nur</hi> als Entweder – Oder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/> gegenüberstehen; eben darum ist der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> ebenso wenig in der Lage, sich mit dem Gegenüberstehen der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> beruhigt abzufinden, in einem Ausgleich<term type="begriffe" key="Ausgleich"/> mit ihr zu leben, sie als Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, der Sünde"/> in Betracht zu ziehen, als der Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> in der Lage ist, mit der Gnade zu spielen als mit einer auch möglichen Möglichkeit. Beide sind Partei, und zwar echt und ausschließlich Partei, in dem Grade, dass der Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> für die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> und der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> für die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> überhaupt keine Augen hat, sondern nur Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> sieht, wo für den andern die einzige Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ist. Denn eine «Kraft des Gehorsams»<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> geht auch von der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> aus. Es ist also jedenfalls, sogar wenn wir nur von <hi rend="italic">dieser</hi> Gehorsamskraft wüssten, ein Gleichgewicht zwischen Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, kein Gleichgewicht zwischen S. und Gnade"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ausgeschlossen: wir könnten uns auch als «Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> der Sünde» nur absolut auflehnen gegen den Anspruch<term type="begriffe" key="Anspruch"/>, den die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> etwa auf uns, die schon Bestimmten, schon Vergebenen, schon Verkauften erheben sollte. Und so erst recht, ja «um wie viel mehr» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.15">5,15</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">17</ref>), wenn wir «Knechte<term type="begriffe" key="Knecht, des Gehorsams"/> des Gehorsams» sind. Es besteht volle Unvereinbarkeit, «Inkompatibilität<term type="begriffe" key="Inkompatibilität"/>» zwischen dem Knechtsein dort und dem Knechtsein hier, zwischen dem Sein des <hi rend="italic">einen</hi> Menschen in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>. Wobei nun zu bemerken ist, dass der ganze grimmige Ernst<term type="begriffe" key="Ernst"/>, mit dem das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, gegen Sünde"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion, gegen Sünde"/>, die Moral<term type="begriffe" key="Moral, gegen Sünde"/> den Menschen gegen die Sünde in Bewegung setzt, <hi rend="italic">diesen</hi> Riss<term type="begriffe" key="Riss"/>, <hi rend="italic">diese</hi>
    Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/>, <hi rend="italic">diese</hi> Verunmöglichung aller gegenseitigen Garantierung zwischen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> und Sünde, Gott und Welt, Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits, und Diesseits"/> und Diesseits <hi rend="italic">nicht</hi> zustande zu bringen vermag, sondern im Gegenteil letztlich verwischend, beruhigend, vermittelnd zu wirken pflegt – und dass es also keinesfalls, wie die Zuschauerfrage<term type="begriffe" key="Zuschauer"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.15">6,15</ref> zu vermuten scheint, eine Erleichterung und Verharmlosung, sondern die grundsätzlichste Verschärfung der <pb ed="A" n="199"/> menschlichen Lebenslage und Lebensfrage<term type="begriffe" key="Lebensfrage"/> bedeutet, wenn wir sie «nicht unter dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/>, sondern unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/>» zu betrachten wünschen, wenn wir also den Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, der Gnade über S."/> über die Sünde in keinem Sinn von<note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «vom».</note> Menschen, sondern von Gott erwarten. <hi rend="italic">Weil</hi> wir «nicht unter <pb ed="pga" xml:id="p301"/> dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/>, sondern unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/>» stehen, <hi rend="italic">darum</hi> gibt es keine Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, zum Sündigen?"/> zu sündigen, <hi rend="italic">darum</hi> stehen wir vor dem Entweder – Oder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/> <hi rend="italic">ohne</hi> Brücken<term type="begriffe" key="Brücke"/>.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.17 Röm.6.19">V. 17‒19</ref> Gott sei Dank, ihr waret Knechte der Sünde, wurdet aber von Herzen gehorsam auf Grund des Eindrucks der Lehre, unter den ihr gekommen seid. Frei geworden von der Sünde seid ihr aber Knechte der Gerechtigkeit geworden. Ich rede menschenmäßig mit Rücksicht auf die Schwachheit eures Fleisches! Denn wie ihr eure Glieder als Werkzeuge der Unreinheit und Ungesetzlichkeit zur Verfügung stelltet, um die Ungesetzlichkeit zu schaffen, so stellt eure Glieder jetzt als Werkzeuge der Gerechtigkeit zur Verfügung, um Heiligung zu schaffen.</hi></p>
    <p><hi rend="italic">«Gott sei Dank, ihr waret Knechte</hi><term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> <hi rend="italic">der Sünde, wurdet aber von Herzen gehorsam.»</hi> Unter Appell an die letzte Instanz, unter der selbstverständlichen <hi rend="italic">Reserve</hi>, die gegenüber den menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> als solchen mit diesem «<hi rend="italic">Gott</hi> sei Dank» <hi rend="italic">geboten</hi>, aber auch mit der ganzen Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, von den menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> möglicherweise <hi rend="italic">absehen</hi> zu können, die mit diesem «Gott sei <hi rend="italic">Dank!</hi>» <hi rend="italic">gegeben</hi> ist, mag und muss nun der entscheidende Offensivstoß gewagt werden, der Vorstoß, der Ausbruch und Einbruch, durch den die sachliche Mitteilung zur Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/>, zum Kerygma<term type="begriffe" key="Kerygma"/>, zur Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/> wird, d. h. zu dem Unternehmen, <hi rend="italic">bestimmte Menschen</hi>, in diesem Fall die römischen «Christen»<term type="begriffe" key="römische Christen"/>, <hi rend="italic">anzureden</hi> als solche, die unter der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unter der G."/> stehen, bei denen also die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> als gegeben vorausgesetzt und an die darum in sinnreicher Weise die Aufforderung gerichtet werden kann, die Überwindung<term type="begriffe" key="Überwindung"/> der Sünde durch die Gnade<term type="begriffe" key="Sieg, der Gnade über Sünde"/> in Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Überwindung der Sünde durch Gnade"/> zu betätigen und in der Tat zu erkennen. Mit «Gott sei Dank!» mag und muss es gewagt werden, diese bestimmten Menschen zu behaften dabei, dass <hi rend="italic">ihr</hi> Fall<term type="begriffe" key="Fall"/> nicht der der Sündenknechtschaft<term type="begriffe" key="Knechte, der Sünde"/>, sondern der der Gottesknechtschaft<term type="begriffe" key="Knechte, Gottes"/> ist, dass für <hi rend="italic">sie</hi> die Sündenknechtschaft das existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> Ausgeschlossene, Aufgehobene<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Sündenknechtschaft"/> und Erledigte ist, dass für <hi rend="italic">sie</hi> der anschauliche (nur zu anschauliche!) Dienst der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> ihre Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/>, der unanschauliche Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> gegen die Gnade ihre Gegenwart und Zukunft ist. «Ihr <hi rend="italic">waret</hi> Knechte<term type="begriffe" key="Knechte, der Sünde"/> der Sünde, ihr <hi rend="italic">wurdet</hi> aber gehorsam!» Und das «von Herzen»! Es handelt sich also bei dieser direkten Anrede ganz bewusst um das anders als in Form einer kühnen Prolepse<term type="begriffe" key="proleptisch/Prolepse"/> <pb ed="A" n="200"/> gar nicht auszuführende Unterneh<pb ed="pga" xml:id="p302" break="no"/>men, die «Herzen<term type="begriffe" key="Herz"/>» dieser und jener Menschen zu erkennen, wie <hi rend="italic">Gott</hi> sie erkennt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref>), den Aufruf zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> und die Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/> der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> an sie zu richten, als ob es <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> an sie wäre, sie als existentiell Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> einfach in Anspruch zu nehmen, sie zu Gott zu rechnen, sie in die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> einzubeziehen und im Blick auf den für sie Gekreuzigten<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter"/> ihre Gehorsamskraft<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> zu – glauben. Dieses Unternehmen <hi rend="italic">muss</hi> gewagt werden. Denn wie sollte von Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, vom Reiche<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes geredet werden können, ohne dass es dem Menschen, an den diese Rede sich richtet, gesagt wird, dass <hi rend="italic">er</hi> gemeint ist, dass <hi rend="italic">er</hi> begnadigt<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> ist, dass <hi rend="italic">er</hi> diesem Reiche<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> untersteht? Wie sollte Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Gotteswahrheit"/> anders als die
    Gotteswahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> <hi rend="italic">aller</hi> Menschen erwiesen werden als durch ihre mit einem mehr als verwegenen Trotzdem!<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem!"/> gewagte Beziehung auf diesen und jenen, auf den und den bestimmten Menschen; durch <hi rend="italic">den</hi> Erweis, der sich existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> gerade an ihm, an ihm selbst vollzieht? Und wie sollte Gnade als der Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, der Gnade"/> der unanschaulichen Gehorsamskraft<term type="begriffe" key="Kraft, des Gehorsams"/> über die Sünde geglaubt werden, wenn sie nicht mit festem Griff über die anschauliche Sündenknechtschaft<term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> des einzelnen (<hi rend="italic">jedes</hi> einzelnen!) Menschen hinaus für ihn vorausgeglaubt, in ihn hinein geglaubt wird? Eben darin beweist, bewährt und betätigt sich Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, dass sie es wagt («Vergib uns unsre Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12">Mt. 6,12</ref> par.]), ein «von Herzen» Begnadigtsein<term type="begriffe" key="Begnadigtsein"/> vorauszusetzen, nicht zu schauen und doch zu glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Schauen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.29">Joh. 20,29</ref>]. Eben darin unterscheidet sich ein Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> von einem Religionsmann<term type="begriffe" key="Religionsmann"/>, dass er es wagt, ohne nach Gnaden<hi rend="italic">erlebnissen</hi><term type="begriffe" key="Erlebnis, Gnadenerlebnis"/> Ausschau zu halten, zu glauben, dass es Menschen gibt, die Gnade haben.</p>
    <p><hi rend="italic">«Auf Grund des Eindrucks der Lehre, unter den ihr gekommen seid».</hi> Warum gerade <hi rend="italic">diese</hi> Menschen? Das bedeutet keinen Ausschluss anderer. Mit dem Wagnis<term type="begriffe" key="Wagnis"/> der grundsätzlich gleichen Prolepse<term type="begriffe" key="proleptisch/Prolepse"/> tritt der Apostel auch an den «Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>» und an den «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>» heran. Etwas anderes als dankbar an den (unbekannten!) Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> appellieren, der die Menschen gefunden hat, bevor sie ihn suchten, und an den sie nur zu erinnern<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.22 Act.17.28">Act. 17,22–28</ref>], kann der Missionar so wenig wie der Korrespondent der «schon» Bekehrten in Rom<term type="begriffe" key="römische Christen"/> und dieser so wenig wie jener. Aber warum sollte das anschauliche Gnadenerlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis, Gnadenerlebnis"/> der «Christen» nicht eine Ermutigung, ja Aufforderung sein, mit Gott sei Dank! gerade <hi rend="italic">sie</hi> als Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> anzureden? Der «Eindruck<term type="begriffe" key="Eindruck"/> der Lehre<term type="begriffe" key="Lehre"/>, unter den ihr gekommen seid», ist (wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.3">6,3</ref> die Taufe<term type="begriffe" key="Taufe"/>) ein «Zei<pb ed="pga" xml:id="p303" break="no"/>chen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>» auf der<note n="ac" type="textcritical" xml:id="nac"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "der".</note> Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/>, wo das «Christentum<term type="begriffe" key="Christentum, neben anderen Religionen"/>» neben anderen Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/> und nicht ohne mannigfache Berührung mit ihnen menschlich-anschauliche Gestalt annimmt als <pb ed="A" n="201"/> Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, als Institution<term type="begriffe" key="Institution"/>, als Dogma<term type="begriffe" key="Dogma"/>, als Kultus<term type="begriffe" key="Kultus"/>, als eine in verschiedenen «Typen<term type="begriffe" key="Typus"/>» auftretende religiöse Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/>. Zu diesen «Typen» gehört die paulinische wie die vielleicht etwas andersartige Lehre<term type="begriffe" key="Lehre"/>, die für das römische<term type="begriffe" key="römische Christen"/> «Christentum» «typisch» geworden ist. Die Andersartigkeit<term type="begriffe" key="Andersartigkeit"/> hat keine prinzipielle Wichtigkeit. Als Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>, das zeigen und zeugen, an das man diese «Christen» erinnern<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Zeichen Gottes"/> kann, nimmt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auch <hi rend="italic">ihr</hi> «Typisches» in Anspruch. Er denkt nicht fehlzugreifen, wenn er sie unter Berufung auf dieses Typische, Zufällige, Anschauliche<term type="begriffe" key="Anschauliche"/> an das Urbildliche<term type="begriffe" key="Urbild"/>, Existentielle<term type="begriffe" key="existentiell"/>, Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> erinnert, dass Gott sie <hi rend="italic">gefunden</hi>, dass sie Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> <hi rend="italic">haben</hi>, dass sie Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> <hi rend="italic">sind</hi>, an den neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> in Christus, an die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>, die die Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> ist. Wobei es sich von selbst versteht, dass diese Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung"/> eben nur Erinnerung ist, während die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> des Begnadigtseins<term type="begriffe" key="Begnadigtsein"/>, an die hier erinnert wird, von Gott kommt, dessen dankbare Anrufung<term type="begriffe" key="Anrufung"/> darum dieser Erinnerung wahrhaftig nicht nur äußerlich <hi rend="italic">voran</hi>geht.</p>
    <p><hi rend="italic">«Frei geworden von der Sünde, seid ihr Knechte der Gerechtigkeit geworden.»</hi> Das ist das Begnadigtsein<term type="begriffe" key="Begnadigtsein"/>, auf das <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> die römischen Christen<term type="begriffe" key="römische Christen"/> anspricht: der Riss<term type="begriffe" key="Riss"/>, die Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, die Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> eines Ausgleichs<term type="begriffe" key="Ausgleich"/> <hi rend="italic">ist da</hi> für sie; der Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, von der Existenz in Gott her"/> auf ihr Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> von ihrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> (in Gott) her <hi rend="italic">ist geschehen</hi>, ihr Sklavenverhältnis zur Sünde<term type="begriffe" key="Knecht, der Sünde"/> <hi rend="italic">ist gelöst</hi> und Sklaven<term type="begriffe" key="Knecht, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit sind sie <hi rend="italic">geworden.</hi> Die Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>, die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> des Gottes, der die Toten lebendig macht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17</ref>], hat sie <hi rend="italic">umgekehrt</hi> – hat <hi rend="italic">sie</hi> umgekehrt<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>, ihr eigenster persönlichster Schritt, kein mechanisches Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> an ihnen war diese Umkehrung, in der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> haben sie, sie selbst ihn getan. Und unzweideutig, unwiderruflich, unumkehrbar<term type="begriffe" key="nicht rückgängig oder umkehrend zu machend"/> ist dieses Geschehen. Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> ist nicht eine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> des begnadigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, sondern seine Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>. Nicht eine veränderliche Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/>, sondern der unveränderliche Sinn seines Lebens<term type="begriffe" key="Sinn, des Lebens"/>. Nicht eine Stimmung<term type="begriffe" key="Stimmung"/> mit höhern oder niedern Wärme- und Kraftgraden, sondern die Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen durch Gnade"/>, unter der er steht. Nicht ein Eigenes des Menschen, sondern sein Zueigensein. In Gottes Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> und nir<pb ed="pga" xml:id="p304" break="no"/>gends sonst ist die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/> des Menschen begründet. Aber diese Freiheit ist die Freiheit des göttlichen Willens<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> im Menschen und keine andre Freiheit. Frei in Gott seid ihr gefangen in ihm! Dies ist der kategorische Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ, kategorischer"/> der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, kategorischer Imperativ"/>, des existentiellen zu-Gott-Gehörens, in dessen Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Zweiheit von alter und neuer Mensch"/> die Zweiheit<term type="begriffe" key="Zweiheit"/> des alten<term type="begriffe" key="Mensch, alte"/> und neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> entsteht, um sofort in der Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> des neuen Menschen aufgehoben zu werden. <hi rend="italic">Ihr steht</hi> unter diesem Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ, der Gnade"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">«Ich rede menschenmäßig mit Rücksicht auf</hi> <pb ed="A" n="202"/> <hi rend="italic">die Schwachheit eures Fleisches.»</hi> Ich sage: ihr <hi rend="italic">steht</hi>, ihr <hi rend="italic">seid:</hi> hier frei<term type="begriffe" key="Freiheit"/>, dort Knechte<term type="begriffe" key="Knecht"/>. Das ist «menschenmäßig» geredet. Wir wissen, dass solche direkten, dialektisch<term type="begriffe" key="dialektisch"/> ungebrochenen Aussagen über das in Frage stehende<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> unanschauliche Existentialverhältnis<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des Menschen notwendig etwas aussagen, was gerade nicht ausgesagt werden kann. Wir wissen, dass wir uns, indem wir solche Aussagen wagen, in das gewisse Zwielicht<term type="begriffe" key="Zwielicht"/> der religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/>, der romantischen<term type="begriffe" key="romantisch"/> Redeweise begeben, in der «Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>» und «Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>» oder «Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>»<note n="ad" type="textcritical" xml:id="nad"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "‹Gnade›, ­‹Glaube›".</note> und «Unglaube» als Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> auftreten, die der Mensch «hat» oder «nicht hat», und wo der Mensch dies und das «ist» oder «nicht ist». Wir wissen, dass die Umkehr vom Tode zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/> in der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>, die Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, von der Sünde"/> von der Sünde und die Knechtschaft<term type="begriffe" key="Knecht, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit von keinem bestimmten, mit diesem oder jenem Namen zu benennenden Menschen auszusagen ist, dass die Namen, von deren Trägern <hi rend="italic">das</hi> auszusagen wäre, nur<note n="ae" type="textcritical" xml:id="nae"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "zwar".</note> geschrieben stehen im Buche<term type="begriffe" key="Buch des Lebens"/> des Lebens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.12">Apk. 20,12</ref>], dass es aber in Sachen der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> kein anschauliches Sein und Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein/Nicht-Sein"/>, Haben und Nicht-Haben dieser und jener Menschen (z. B. der Kinder<term type="begriffe" key="Kinder"/>, der Sozialisten<term type="begriffe" key="Sozialismus"/>, des russischen<term type="begriffe" key="Russen"/> oder des deutschen<term type="begriffe" key="Deutsche"/> Volkes – <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName>! <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName>!<note xml:id="n46"> Dass das russische Volk – im Zusammenhang mit dem Namen <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> – in dieser Reihe figuriert, dürfte auf eine Anregung <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysens</persName> zurückgehen; vgl. dessen Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p480#p480">S. 480f.</ref></bibl> (die dem Brief vom
    <date when="1921-03-29">29.3.1921</date> angefügte Passage stammt aus einem Brief vom
    <date when="1921-04-05">5.4.1921</date>): «Beiliegend meine Bemerkungen zu Manuskript und Korrekturen von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6">Röm.6</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7">7</ref>. [...] Lies übrigens einmal in den politischen Schriften <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName>, wie da Christus eingebettet ist in Erwägungen zur russischen Machtpolitik und daran angeknüpfte chiliastische Erwartungen, die alle politischen Möglichkeiten übersteigen, die also nur unter ‹Wiederkunft› verstanden werden können, ohne daß diese aber verkündigt würde. Bei <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> findet sich ähnlich wie bei <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName> ein Drang nach etwas <hi rend="italic">Realem</hi>, ein Griff über alle Fernen hinweg, der mir in seiner Tendenz ungleich viel verständlicher und lieber ist als etwa die Klugheiten der ‹<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>›.» Die Erwähnung des deutschen Volkes zusammen mit dem Namen <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName> enthält eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-3613"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Reden an die deutsche Nation</hi>, Jena 1916</bibl> (vgl. dazu <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Brief vom
    <date when="1916-07-04">4.7.1916</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3116">S. 146</ref></bibl>).</note>) gibt. Wir wagen trotzdem solche Aussage. <pb ed="pga" xml:id="p305"/> Wir – leisten uns diesen Schein eines romantischen<term type="begriffe" key="romantisch"/> Psychologismus<term type="begriffe" key="Psychologismus"/>, weil es für die <hi rend="italic">göttliche</hi> Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> kein anderes Wort gibt als das <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> einer solchen <hi rend="italic">menschlichen</hi> Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/>, weil das indirekte Reden ohne Anwendung von «Sein» und «Haben» der «Schwachheit des Fleisches»<term type="begriffe" key="Fleisch, Schwachheit des F."/>, dem erst zu öffnenden Ohr des Menschen notwendig als eine Verdunkelung und Abschwächung der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> erscheinen müsste, weil es sich darum handelt, auch die letzte Mauer von Zuschauerhaftigkeit<term type="begriffe" key="Zuschauer"/>, die das Verständnis für die Revolutionierung<term type="begriffe" key="Revolution"/> des Menschen von Gott her hindern könnte, auch den letzten Schein, als ob der Mensch Gott «objektiv» verstehen könnte, zu zerstören, und weil der Nachweis, dass «ihr» die Sünde nicht wissen<term type="begriffe" key="Wissen und Wollen, der Sünde"/> und nicht wollen könnt, seinen springenden Punkt in der Einsicht hat, dass Gott <hi rend="italic">euch</hi>, euch <hi rend="italic">selbst</hi>, gerade euch vergeben hat. Wir meinen also zu wissen, was wir tun, wenn wir solche direkte Anrede (das ebenso unvermeidlich wie bedenklich Bezeichnende aller <hi rend="italic">Predigt!</hi>) wagen, und daraufhin – wagen wir es, als die Gebrochenen<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/> ungebrochen<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> zu reden. Aber die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gleichnisrede"/>, dass wir damit «menschenmäßig», im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> reden, dass, was im Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> gesagt wird, im Glauben gehört werden, dass Gnade als Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, d. h. als die anschaulich nicht-gegebene Begründung des Menschen in Gott<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> verkündigt und aufgenommen werden muss, diese Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung"/> darf gerade hier nicht fehlen. </p>
    <p><pb ed="A" n="203"/> Und dieser aufgehobene Finger ist nun erst recht zu beachten beim folgenden: <hi rend="italic">«Wie ihr eure Glieder als Werkzeuge der Unreinheit und Ungesetzlichkeit zur Verfügung stelltet, um die Ungesetzlichkeit zu schaffen, so stellt eure Glieder jetzt der Gerechtigkeit zur Verfügung, um Heiligung zu schaffen.»</hi> Ihr steht unter dem Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ, der Gnade"/> der Gnade. Unter dem <hi rend="italic">Imperativ</hi> der <hi rend="italic">Gnade!</hi> Gnade ist die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Sünde"/> der in eurem sterblichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib, der Sünde"/> wohnenden Sünde. <hi rend="italic">Ihr</hi> stehen die Glieder<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> des Menschen zur Verfügung<term type="begriffe" key="Verfügung"/>, nicht der Sünde. <hi rend="italic">Sie</hi><note n="af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): "Sie".</note> ist die Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des sterblichen Menschen"/> <pb ed="pga" xml:id="p306"/> des sterblichen Menschen, nicht die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. In <hi rend="italic">ihr</hi> ergreift Gott Partei für den Menschen, nicht in der Sünde. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Anspruch"/> bedeutet, dass Gott die Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, in Gott"/> des Menschen in ihrer Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> zu sich rechnet und in Anspruch<term type="begriffe" key="Anspruch"/> nimmt. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Macht"/> ist die Gewalt Gottes über den einen und unteilbaren Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, unteilbar"/>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Wahrheit des Individuums"/> ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, des Individuums"/> des Individuums<term type="begriffe" key="Individuum"/> in der vollen Breite seines Da-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des begnadeten Menschen"/> und So-Seins, gerade weil und indem sie seine radikale Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, radikale"/> ist. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> <hi rend="italic">kann</hi> sich nicht beruhigen, nicht still stehen, sie <hi rend="italic">kann</hi> nicht schweigen und verzichten – auch nicht vor der ehernen Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/>, die das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> vom Anschaulichen, das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> vom Endlichen trennt. Sie <hi rend="italic">kann</hi> nicht das anschauliche Leben der Sünde überlassen, um sich mit einem «andern», «jenseitigen»<term type="begriffe" key="Jenseits"/>, unanschaulichen Leben der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> zufrieden zu geben. 
    Gerade das nicht.<note n="ag" type="textcritical" xml:id="nag"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "nicht!".</note> Das wäre ja der Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus, Gnade und Sünde"/> Gnade <hi rend="italic">und</hi> Sünde, in dessen Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Dualismus von Gnade und Sünde"/> gerade Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> sich als Gnade erweisen muss. Gerade das anschauliche Leben greift<term type="begriffe" key="Angriff, des anschaulichen Lebens auf die Gnade"/> die Gnade an, fordert seine Übergabe an die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>. Gerade die «Glieder»<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> des Menschen müssen der Gerechtigkeit zur Verfügung stehen. 
    Denn dass «<hi rend="italic">dieses</hi> Sterbliche anziehe die Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>], gerade <hi rend="italic">das</hi> ist doch der Inhalt, die Aussage des <foreign xml:lang="lat">Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis</foreign> des begnadigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, der die sündige Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit, durch die Sünde"/> unsres konkreten Lebensinhalts<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> als Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> gegenüberstände, wäre <hi rend="italic">nicht</hi> Gnade. Kein beruhigender Verweis auf ein besseres Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> kann die Inanspruchnahme, den Angriff<term type="begriffe" key="Angriff"/>, die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> aufhalten, der unser diesseitiges Leben<term type="begriffe" key="Leben"/>, das Leben der «Glieder»<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>, unser Leben in der Welt der Zeit, der Dinge und der Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> ausgesetzt ist – wenn Gott uns gnädig ist. Denn wenn Gott uns gnädig ist<term type="begriffe" key="Gott, ist gnädig"/>, dann heißt das doch, dass unser Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> als solches in Frage gestellt wird durch jenes bessere Jenseits, durch seine offenkundige Abwesenheit sowohl wie durch sein offenkundiges Herannahen, Anklopfen und Hereinstürmen. Und ebenso kann keine fatalistische<term type="begriffe" key="Fatalismus"/> Diskreditierung des schlimmen Diesseits uns Ruhe verschaffen vor jener Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> – wenn Gott uns gnädig ist<term type="begriffe" key="Gott, ist gnädig"/>. Denn wenn Gott <pb ed="A" n="204"/> uns gnädig ist<term type="begriffe" key="Gott, ist gnädig"/>, dann heißt das doch, dass wir uns in dieses Schlimme des Diesseits nicht mehr finden, nicht mehr ergeben können, sondern in grundsätzlichen Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> dazu gesetzt sind, dass uns gerade seine bloße Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/>, seine reine <pb ed="pga" xml:id="p307"/> Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> zur bewussten Not, aber auch zur Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, zur Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Entbehrens"/> unsres Entbehrens, aber auch unsrer Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> wird. Dass Gott uns gnädig ist<term type="begriffe" key="Gott, ist gnädig"/>, das heißt doch, dass das «Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>» <hi rend="italic">sich bezieht</hi> auf unser Diesseits und unser Diesseits <hi rend="italic">bezogen ist</hi> auf das «Jenseits» und dass uns damit verwehrt ist, eine Absperrung des einen gegen das andere anzuerkennen. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, die unanschauliche Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, <hi rend="italic">kann</hi> gar nicht anders als ausgreifen, mit der Möglichkeit des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/> ausgreifen nach dem bis ans Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Tage"/> der Tage von der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> bestimmten Sein und Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/>, Wollen und Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/> der Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, anschaulich"/> will sich durchaus mit Augen sehen, mit Ohren hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, mit Händen greifen lassen, sie will <hi rend="italic">sich offenbaren</hi> und sie will <hi rend="italic">angeschaut werden</hi>. <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="begriffe" key="Offenbarung, der Gnade"/> und <hi rend="italic">Anschauung</hi><term type="begriffe" key="Anschauung"/> der unanschaulichen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, unanschaulich"/> Gottes (historisch am Rande<term type="begriffe" key="Rand"/> des Unhistorischen<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> und unhistorisch am Rande des Historischen) ist ja die Auferstehung Christi von den Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi,, von den Toten"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.9">6,9</ref>). Und ich bin ja als neuer Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> nicht nur der, <hi rend="italic">der ich nicht bin</hi><term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, sondern <hi rend="italic">ich bin</hi> auch der, der ich nicht bin<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">5,1</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9 Röm.5.11">9–11</ref>). Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Durchsetzung des Willens Gottes"/> heißt: <hi rend="italic">Dein</hi> Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> geschehe auf <hi rend="italic">Erden</hi> wie im Himmel! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]. Und so <hi rend="italic">kann</hi> denn Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Existentialverhältnis"/> als Existentialverhältnis<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des Menschen zu Gott gar nicht anders als aus dem die göttliche Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> über diesen Menschen aussagenden <hi rend="italic">Indikativ</hi> ausbrechen in den die göttliche Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, göttliche"/> von diesem Menschen fordernden <hi rend="italic">Imperativ</hi><term type="begriffe" key="Imperativ"/>:
    Wollet jetzt, was Gott will, nachdem ihr es bis jetzt nicht gewollt habt! Dienet<term type="begriffe" key="Knecht, der Gerechtigkeit"/> jetzt der Gerechtigkeit mit derselben Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, in derselben Greifbarkeit, mit denselben «Gliedern»<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>, mit denen ihr bis jetzt der «Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/> und Gesetzlosigkeit<term type="begriffe" key="Gesetzlosigkeit"/>» gedient habt! Schaffet jetzt «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>» mit denselben Mitteln und Werkzeugen, mit denen ihr bis jetzt «Gesetzlosigkeit<term type="begriffe" key="Gesetzlosigkeit"/>» geschaffen habt! Preiset jetzt Gott an eurem Leibe<term type="begriffe" key="Leib"/>, in denselben Lebensbedingungen, Funktionen und Verhältnissen<term type="begriffe" key="Verhältnis"/>, in denen ihr ihm bis jetzt Schande gemacht habt! Ein <hi rend="italic">anderes</hi> Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun)"/> ist von euch gefordert, von euch selbst, gerade von euch! <hi rend="italic">Als ob</hi><term type="begriffe" key="«Als ob»"/> «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>» eine menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> wäre! <hi rend="italic">Als ob</hi> die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, im sterblichen Leib"/> nicht wohnte in dem sterblichen Leibe, mit dem ihr unauflöslich und unabgrenzbar eins<term type="begriffe" key="Einheit"/> seid. <hi rend="italic">Als ob</hi> Zeit nicht Zeit, Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> nicht Mensch, Dinglichkeit nicht Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> wäre! <hi rend="italic">Als ob</hi> ihr auch den linken Fuß schon nicht mehr im Grabe hättet! <hi rend="italic">Als ob</hi> das Leibliche<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "Sterbliche".</note> schon verschlungen wäre vom Leben und der Tod in <pb ed="pga" xml:id="p308"/> den Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/>! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.4">2.Kor. 5,4</ref>;<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.54"> 1.Kor. 15,54</ref>]. <hi rend="italic">Als ob</hi> ihr die Menschen wäret, an die <hi rend="italic">diese</hi> Forderung<term type="begriffe" key="Forderung"/>, <pb ed="A" n="205"/> die absolute, gerichtet werden kann. Die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, dass dieser Forderung Genüge geleistet werden, dass Gottes Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> auf Erden geschehen kann an Menschen und durch Menschen, die Möglichkeit also, dass ein geheiligtes Menschenleben als solches geschichtlich und anschaulich wird, dass das Unendliche<term type="begriffe" key="Unendliche, Endliche/Unendliche"/> das Endliche <hi rend="italic">fasst</hi>, diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> kann nicht nur nicht bestritten, sondern sie muss vom Standpunkt der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> aus als die endlich und zuletzt einzige Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> behauptet, ihr Eintreten mit geradezu stürmischer Ungeduld, Sehnsucht und Beflissenheit erwartet werden. Könnten wir es aushalten <hi rend="italic">ohne</hi> sie, besäßen wir die Mäßigung, uns mit weniger zufrieden zu geben und in einem Ausgleich<term type="begriffe" key="Ausgleich"/> zwischen dieser und anderen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> zu leben, könnten wir die Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> der von Natur christlichen <hi rend="italic">(gotischen!)</hi> Seele<term type="begriffe" key="Seele"/><note xml:id="n47"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1312"><persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi>, I,1, CSEL 33, 1,7-9</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te</foreign>» und <bibl corresp="kbga-bibls-2479"><persName ref="kbga-actors-798">Q. S. Fl. Tertullianus</persName>, <hi rend="italic">Apologeticum</hi>, XVII, 6, CChr.SL 1, 117 [Z.27]</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">O testimonium animae naturaliter Christianae!</foreign>» Dazu kommt eine Anspielung auf eine kulturpsychologische Deutung der Gotik; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3614"><persName ref="kbga-actors-9673">H. Preuß</persName>, <hi rend="italic">Luther und der gotische Mensch</hi>, Leipzig/Erlangen 1919, S. 7</bibl>: «Indem sich aber der gotische Mensch für alles interessiert, vielseitig alles liebevoll beobachtet, ist er eben damit auch <hi rend="italic">Individualist</hi> [...]. Er liebt stürmisch das Besondere, weil sich erst da die Fülle der Gestalten ausschütten kann. Er singt das Hohelied des Individualismus, des Persönlichen, des nur einmal so da Gewesenen. Auch hier lässt sich wieder das Urgefühl der Gotik erkennen: die ruhelose Bewegung». S. 26: «Von hier aus ist es klar, dass der
    gotische Mensch von Haus aus zum Christentum neigt, das ja auf einer nur einmal so da gewesenen Erscheinung beruht, während die Antike den ewig gleichen Begriff zugrunde liegen hat.»</note> wieder loswerden, streckte sich also nicht alles in uns aus nach der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> eines für Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> geheiligten, bereiten, offenen, ihr gleichsam parallelen Lebens und das im Sinn einer <hi rend="italic">Veranschaulichung</hi><term type="begriffe" key="Veranschaulichung"/> dieser Parallele an unseren «Gliedern»<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>, an unserm sterblichen Leibe<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/>, dann wäre Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> nicht Gnade. Denn so gewiss das <foreign xml:lang="lat">Futurum resurrectionis</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> des begnadigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> mit seinem Prädikat «Leben» den ganzen Menschen betrifft, sein himmlisches und sein irdisches «Teil», den neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> («die Seele<term type="begriffe" key="Seele"/>») und den «aufgehobenen» <term type="begriffe" key="Aufhebung, des Leibes"/> Leib<term type="begriffe" key="Leib"/> des alten gekreuzigten Menschen<term type="begriffe" key="Kreuzigung, des alten Menschen"/>, so gewiss dieses Prädikat nicht futurisch im gewöhnlichen Sinn gemeint ist (als ob man eventuell auf <pb ed="pga" xml:id="p309"/> diese Prädikation<term type="begriffe" key="Prädikation"/> in einem zeitlichen Sinn «warten» müsste!), sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschen in breiter Front umfasst und aufrollt, so gewiss betrifft es, ohne doch nur einen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Wartefrist"/> «Warte»frist zu gewähren, den <hi rend="italic">ganzen</hi> Menschen auch mit seinem andern Prädikat: «Die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, Herrschaft"/> wird über euch nicht Herr sein!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.14">6,14</ref>). Aber wohlverstanden: <hi rend="italic">Diese</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ist die Möglichkeit des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/>. <hi rend="italic">Dieses</hi> Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> ist das Geschichtlichwerden des Ungeschichtlichen. <hi rend="italic">Diese</hi> Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, des ewigen Geheimnisses"/> ist die Offenbarung des ewigen Geheimnisses<term type="begriffe" key="Geheimnis"/>, und <hi rend="italic">diese</hi> Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> ist die Anschauung des Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>. <hi rend="italic">Dieses</hi> Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen ist als solches das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, die neue Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>, es ist als solches anderer (wirklich <hi rend="italic">anderer</hi>) Ordnung als all sein sonstiges Sein, Wesen und Tun, so sehr anderer Ordnung, dass keine Rede davon sein kann, dass es etwa als ein Besonderes, Zweites <hi rend="italic">neben</hi> jenem «Sonstigen» auftreten könnte. Es ist als solches das <hi rend="italic">Überkleidet</hi>werden<term type="begriffe" key="Überkleidung"/> mit unsrer Behausung, die vom Himmel ist (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.2">2.Kor. 5,2</ref>). Es ereignet sich als solches auf der <hi rend="italic">neuen</hi> Erde und unter dem <hi rend="italic">neuen</hi> Himmel<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Dass diese scheinbare Einschränkung in Wirklichkeit keine Einschränkung, sondern die denkbar stärkste Ver<pb ed="A" n="206" break="no"/>schärfung dieses Imperativs<term type="begriffe" key="Imperativ"/> bedeutet, dass dieses Aber! ein Darum! ist, das fasse, wer’s fassen kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.12">Mt. 19,12</ref>]. Es wäre offenbar <hi rend="italic">allzu</hi> herrlich, wenn die menschliche Sprache in dieser Sache unzweideutige, nicht-«menschenmäßige» Worte hätte! Denn dass dieser Imperativ<term type="begriffe" key="Imperativ"/> (wie schon der ihm entsprechende Indikativ <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.18">6,18</ref>) «menschenmäßig» ist und darum jener Einschränkung, die keine sein soll, bedarf, das ist nicht zu bezweifeln. Er fordert<term type="begriffe" key="Forderung"/> von <hi rend="italic">Menschen</hi>, was von Menschen gar nicht gefordert werden <hi rend="italic">kann.</hi> Er fordert jetzt und hier, was die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, die
    radikalste Neu-Qualifizierung dieses Jetzt und Hier voraussetzt. Er<note n="ai" type="textcritical" xml:id="nai"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Es».</note> fordert ein direkt kenntliches, unzweideutiges Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> (an den «Gliedern<term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/>»!), das, auch als es in Christus geschah, auch als es am Ostertag<term type="begriffe" key="Ostertag"/> geschah, <hi rend="italic">nicht</hi> direkt kenntlich wurde, sondern den Andern die Wahl zwischen Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> und Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> offen ließ. Das heißt «menschenmäßig» geredet, im Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> direkter Anrede vom Menschen gefordert, was nur als Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), Gottes"/> Gottes zu begreifen ist. Wenn das nicht bedacht ist, wenn das zugleich bewe<pb ed="pga" xml:id="p310" break="no"/>gende und hemmende «Als ob»<term type="begriffe" key="«Als ob»"/> dieses Imperativs<term type="begriffe" key="Imperativ"/><note xml:id="n48"> Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-3162"><persName ref="kbga-actors-1297">H. Vaihinger</persName>, <hi rend="italic">Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus</hi>, Berlin 1911</bibl>.</note>, das daran erinnert, dass die Kraft, ihm zu gehorchen, die Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> Gottes ist, überhört wird, dann sind wir mitten in den Prolepsen<term type="begriffe" key="proleptisch/Prolepse"/> des religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/> Moralismus<term type="begriffe" key="Moralismus"/>, mitten in den wildesten Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> der Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/>, mitten in den süßlichsten Vertauschungen und Vermengungen der Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> mit allerlei Menschengerechtigkeiten<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> mit allerlei Erlöstheiten, des ewigen Lebens<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> mit <hi rend="italic">dem</hi> Leben, das wir allenfalls – erleben können. Dass das nicht bedacht sein könnte (nicht bedacht, «dass wir sterben müssen!» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>] – aber wann und wo und von wem ist <hi rend="italic">das</hi> zu Ende bedacht?), das ist die Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/>, von der alles <hi rend="italic">Reden über</hi> die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> bedrückt ist, solange und sofern es eben ein <hi rend="italic">Reden über</hi> die Gnade ist. Müssen wir <hi rend="italic">über</hi> die Gnade <hi rend="italic">reden</hi>, unterwinden wir uns aus einem mehr oder weniger glaubwürdigen Grunde, das zu tun, dann müssen wir offenbar (wissend, was wir tun!) «menschenmäßig» reden, müssen die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> auch ihr <hi rend="italic">letztes</hi>, ihr ausbrechendes und übergreifendes Wort, das Wort von der Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/> unsres sterblichen Leibes<term type="begriffe" key="Leib, sterblich"/> zum Werkzeug der Gerechtigkeit aussprechen lassen, auf die Gefahr hin, dass es auf <hi rend="italic">unsern</hi> Lippen eine Banalität oder eine Phantasterei ist. Denn eben dieses auf unsern Lippen unmögliche Wort ist als solches die Verunmöglichung der Sünde, Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> als <hi rend="italic">Gericht</hi><term type="begriffe" key="Gericht"/>, Gottes Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> als <hi rend="italic">Macht</hi>, Gottes Wort als <hi rend="italic">Schöpfung</hi><term type="begriffe" key="Schöpfung"/>.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.20 Röm.6.23">V. 20‒23</ref> Denn als ihr Knechte der Sünde waret, da waret ihr</hi>
    ja <hi rend="bold">frei von der Gerechtigkeit. Was für eine Ernte hattet ihr damals? Dinge, vor denen euch jetzt ekelt; denn ihr Ziel ist der Tod. Jetzt aber, frei geworden von der Sünde und Knechte Gottes</hi> <pb ed="A" n="207"/> <hi rend="bold">geworden, habt ihr eure Ernte</hi>
    in dem, <hi rend="bold">was zur Heiligung</hi>
    führt, <hi rend="bold">als Ziel aber ewiges Leben. Denn der Sold der Sünde ist der Tod, die Begnadigung<note n="aj" type="textcritical" xml:id="naj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="bold">Begnadung</hi>».</note> Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus unserm Herrn.</hi></p>
    <p>Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Krisis vom Tod zum Leben"/> ist Krisis <hi rend="italic">vom Tode zum Leben</hi>. <hi rend="italic">Darum</hi> ist Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, absolute Forderung gegenüber Sünde"/> gegenüber der Sünde die absolute Forderung und die absolute  Gehorsams<pb ed="pga" xml:id="p311" break="no"/>kraft<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/> miteinander. <hi rend="italic">Darum</hi> ist keine Spannung<term type="begriffe" key="Spannung"/>, keine Polarität möglich zwischen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, kein Gleichgewicht zur Sünde"/> und Sünde, kein Ausgleich, kein Gleichgewicht, keine Zwischenlösungen. <hi rend="italic">Darum</hi> können «wir» als Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> nicht zusehen, nicht abwägen, nicht Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> als eine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> oder Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> in Betracht ziehen und zu ihrem Recht kommen lassen und Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> als eine andre. <hi rend="italic">Darum</hi> ist die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft, von Christus ist keine Religion"/> von Christus die Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, die Erschütterung<term type="begriffe" key="Erschütterung"/>, der alles in Frage stellende<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, der Heilsbotschaft"/> schlechthin. <hi rend="italic">Darum</hi> gibt es nichts Sinnloseres als den Versuch, eine Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> aus ihr zu machen, d. h. eine menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> oder Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, neben der es andere gibt. Dieser Versuch, bewusster als je zuvor unternommen von der protestantischen Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, protestantische"/> seit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, ist der Verrat<term type="begriffe" key="Verrat, an Christus"/> an Christus. Der Begnadigte<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> ist als solcher unbedingt Partei. Er ist in den Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> auf Leben und Tod verwickelt, in dem es keinen Frieden, kein Interim<term type="begriffe" key=" Interim"/>, keine Verständigung gibt.</p>
    <p>In der Dämmerung einer gewissen Indifferenz<term type="begriffe" key="Indifferenz"/> und Neutralität<term type="begriffe" key="Neutralität"/> scheint der Mensch seinen Weg zu gehen, tätig und leidend, lebend und gelebt, säend und erntend<term type="begriffe" key="Ernte, Saat und Ernte"/>. Was ist’s mit dieser <hi rend="italic">«Ernte»?</hi> Was ist der Ertrag seines Ganges? Was bedeuten die Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, Eigenschaften und Gewohnheiten, die Worte, Taten und Werke, in denen er sich selbst, gegenständlich geworden, wiedererkennt? Was bedeuten die Bewegungen<term type="begriffe" key="Bewegung"/>, Verhältnisse<term type="begriffe" key="Verhältnis"/> und Ordnungen seiner Geschichte, und wohin führt ihr «Fortschritt<term type="begriffe" key="Fortschritt"/>», ihre «Entwicklung»? Was ist das «Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>», das Telos<term type="begriffe" key="Telos"/>, der Zweck der Zwecke in der unendlichen Fülle dessen, was er erstrebt und mehr oder weniger erreicht? Weiß er es? Kann er es wissen? Unentwirrbar, bis zur Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> ineinander und miteinander und durcheinander aufgewachsen sind offenbar bei seiner Ernte<term type="begriffe" key="Ernte"/> Unkraut und Weizen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.24 Mt.13.30">Mt. 13,24–30</ref>], das, was «Ungesetzlichkeit<term type="begriffe" key="Ungesetzlichkeit"/>», und das, was «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>» schafft (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.19">6,19</ref>). Wer will richten oder welche objektive Norm soll entscheiden darüber, ob dies oder jenes, was der Mensch mit den «Gliedern» <term type="begriffe" key="Leib, Glieder des L."/> seines sterblichen Leibes vollbringt<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>, dieses oder jenes Erzeugnis des endlichen kreatürlichen Geistes<term type="begriffe" key="Geist, kreatürlicher"/>, diese oder jene Einstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> zu den verschiedenen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> gegebener Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>, diese oder jene Seelenverfassung oder diese oder jene geschichtliche Welle dahin oder dorthin gehört? Kann nicht alles, was der Mensch denkt, sagt, tut und erzeugt, kann nicht die <pb ed="A" n="208"/> ganze Ernte<term type="begriffe" key="Ernte"/> dahin <hi rend="italic">oder</hi> dorthin gehören? Gibt es eine <pb ed="pga" xml:id="p312"/> anschauliche «Gesetzlosigkeit<term type="begriffe" key="Gesetzlosigkeit"/>», die etwa ganz unmöglich als «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>», und gibt es eine anschauliche «Heiligung», die etwa ganz unmöglich als «Gesetzlosigkeit» gedeutet werden könnte? Wir besitzen offenbar den Kodex nicht, an Hand dessen die Geheimschrift des menschlichen Lebensinhaltes<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> eindeutig zu entziffern wäre. Wir haben offenbar kein Wissen von <hi rend="italic">der</hi> Ernte<term type="begriffe" key="Ernte, Lebensernte"/>, die Gott der Herr bei Anlass <hi rend="italic">unsrer</hi> Lebensernte in <hi rend="italic">seine</hi>, die ewigen Scheunen bringt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.30">Mt. 13,30</ref>]. Und wissen wir nicht, was wir ernten, wie sollten wir dann wissen, was wir säen<term type="begriffe" key="Ernte, Saat und Ernte"/>? Übersehen wir nicht, was unsere Erzeugungen bedeuten, wie wollen<note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "sollen".</note> wir dann sehen, was unsre Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/> bedeutet? Kennen wir unser Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/> nicht, wie sollten wir dann unsern Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/> kennen? Ist es mehr als Zufall und Laune, wenn<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal"><ref corresp="C"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref></ref>: "ob".</note> der Mensch im Ja oder im Nein<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> seine Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen"/> erkennt, als Verbrecher oder als Heiliger<term type="begriffe" key="Heilige"/> seinen Weg geht, im Himmel<term type="begriffe" key="Himmel"/> oder in der Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> sein Schicksal finden will und wird und wenn die «Guten immer besser, die Schlechten immer schlechter werden»? (<persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>)<note xml:id="n49"> Vermutlich eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-3452"><persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Was hat die Historie an fester Erkenntnis zur Deutung des Weltgeschehen zu bieten?</hi>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p015#fn_n35">S. 15, Anm. 35</ref>), S. 179f.</bibl>: «Ein Erdbeben, eine Hungersnot, ein Krieg usw. hat gewiß in gewissen Grundzügen für alle ein und dieselbe Wirkung; 
    aber daneben treten hier in den einzelnen Individuen ganz verschiedene Folgen auf: der eine läßt sich entmutigen und verzweifelt, der andere aber schafft aus der Not einen Chor von Tugenden; der eine wird selbstisch und feige, der andere opferfreudig und mutig. So war es in den Tagen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-551">Fichtes</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi><hi rend="italic"/>, so in dem Weltkriege, den wir erlebt, und so ist es immer.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat der wohl aus der Erinnerung an den in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> gehörten Vortrag formulierten Sentenz erst nachträglich (in der Fahnenkorrektur?) den Namen <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> beigefügt.</note>. Was heißt gut? Was heißt schlecht<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>? Hier, in dieser Dämmerung ist offenbar das rechtmäßige Reich jener Spannungen<term type="begriffe" key="Spannung"/>, Polaritäten<term type="begriffe" key="Polaritäten"/>, Allogenitäten<term type="begriffe" key="Allogenität"/> und Dualitäten<term type="begriffe" key="Dualität"/>, hier ist offenbar der Ort, wo sich Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> und Nein gleich notwendig, gleich wertvoll, gleich göttlich gegenüberstehen (wobei über die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, den Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> und die Göttlichkeit des Ja <hi rend="italic">und</hi> des Nein keine allzu großen Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> bestehen können!). Hier wird das Finden eines Ausgleichs<term type="begriffe" key="Ausgleich"/>, einer Gleichgewichtslage<term type="begriffe" key="Gleichgewicht"/>, einer Verständigung, eines reibungslosen Schaukelspiels hin und her der Weisheit höchster Schluss sein.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p313" rend="noPipe"/>Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> in Jesus Christus aber ist der Blitz<note n="am" type="textcritical" xml:id="nam"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): "Besitz".</note> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus"/>, der in diese Dämmerung einschlägt und daselbst die Existenz<term type="begriffe" key="Existenz, des Menschen"/> des Menschen in Brand setzt. Die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, des unbekannten Gottes"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung, des unbekannten Gottes"/> (des unbekannten Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>), in der der Mensch sich selbst erkennt als erkannt, als gezeugt von dem, der <hi rend="italic">er</hi>, der Mensch, <hi rend="italic">nicht</hi> ist<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>, von dem zu ihm keine Kontinuität<term type="begriffe" key="Kontinuität"/>, kein Zusammenhang, kein Weg und keine Brücke<term type="begriffe" key="Brücke"/> führt, den er <hi rend="italic">nur</hi> als seinen Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>, <hi rend="italic">nur</hi> als seinen reinen Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/> begreifen kann und der, indem er sich offenbart und anschauen lässt als unser Vater<term type="begriffe" key="Gott, Vater"/>, selber das Unmögliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/> möglich macht. Diese Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, als Gnade"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> ist die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>. Begnadigt<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> weiß der Mensch, wer er ist: der <hi rend="italic">«Knecht der Sünde»</hi>, der Schuldige und das Opfer des Abfalls vom lebendigen Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/>, <hi rend="italic">«frei von der Gerechtigkeit»</hi>, unbehelligt durch das Wort der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> und des Gerichts, das – war er. <hi rend="italic">«Frei von der Sünde»</hi>, der <hi rend="italic">«Knecht Gottes»</hi>, das – ist er. Begnadigt<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> ist der Mensch existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> umgekehrt, bewegt, hinweggerückt von hier nach dort: ein Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Tod und Leben"/> trennt dieses «war» von <pb ed="A" n="209"/> jenem «ist». <hi rend="italic">«Tod»</hi> steht über diesem «war», <hi rend="italic">«Leben»</hi> über jenem «ist»<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>; denn nicht weniger als der Schritt vom Tode zum Leben, nicht weniger als Leben, das aus dem Tode kommt, ist der Inhalt der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Auferstehung"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung, Gottes"/> Gottes. Begnadigt<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/> wissen wir, was wir säen, sehen wir, was unsre Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/> bedeutet, kennen wir unsern Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/>. Dann aber auch unsre Ernte<term type="begriffe" key="Ernte"/>, die Bedeutung unsrer Erzeugungen, das Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>, das Telos<term type="begriffe" key="Telos"/> unsrer Lebensinhalte<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>. Der Blitz<term type="begriffe" key="Blitz"/>, der unsre Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/> in Brand steckt, wird nicht säumen, auch unser Sein, Wissen, Denken, Reden, Wollen und Vollbringen<term type="begriffe" key="Vollbringen"/>, unser seelisches und geschichtliches<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>, unsre erstrebten und erreichten Zwecke zu beleuchten, um dann auch sie - vielleicht unversehrt zu lassen, vielleicht zu schmelzen und zu läutern, vielleicht zu verkohlen, vielleicht in andere Substanzen umzusetzen, vielleicht ganz und gar (und doch nicht ganz! Non omnis moriar<note xml:id="n50"> <bibl corresp="kbga-bibls-2299"><persName ref="kbga-actors-2046">Horaz</persName>, <hi rend="italic">Oden</hi> III, 30,6</bibl>.</note>!) zu verzehren und zu vernichten, jedenfalls sie einer auf Grund und Boden gehenden Prüfung<term type="begriffe" key="Prüfung"/> zu unterziehen auf ihr Verhältnis zu jenem «war» und «ist» unsrer Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/>, auf ihre Stellung diesseits oder jenseits des durch die
    <pb ed="pga" xml:id="p314"/> Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> Gottes aufgerissenen Abgrunds<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Tod und Leben"/>, auf ihren Lebens- und (oder!) Todesgehalt. Denn daran scheidet sich unsre «Ernte»<term type="begriffe" key="Ernte"/>, scheiden sich Unkraut und Weizen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.30">Mt. 13,30</ref>], darin offenbart sich der Zweck in den Zwecken, das ist die Deutung der Runensprache<term type="begriffe" key="Runensprache"/> des menschlichen Lebensinhaltes<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/>, dass alles je nach seiner Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> durch das, was wir «waren» und «sind», durch unsre existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> erledigte<term type="begriffe" key="Erledigung"/> Sündenknechtschaft<term type="begriffe" key="Knechte, der Sünde"/> oder durch unsre existentiell hergestellte Gottesknechtschaft<term type="begriffe" key="Knechte, Gottes"/> <hi rend="italic">entweder</hi> unter dem Telos<term type="begriffe" key="Telos"/> des Todes <hi rend="italic">oder</hi> unter dem Telos<term type="begriffe" key="Telos"/> des Lebens steht, aber nie beides zugleich, so gewiss Tod und Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> nie zugleich sind, wobei wir uns erinnern, dass der Begriff des <hi rend="italic">Todes</hi><term type="begriffe" key="Tod"/> immer wieder an dem zu gewinnen ist, was wir «Leben» heißen, und der Begriff des <hi rend="italic">Lebens</hi><term type="begriffe" key="Leben"/> immer wieder an dem, was wir «Tod» heißen. Von diesem Telos<term type="begriffe" key="Telos"/> – Tod oder Leben! – aus, dessen ursprüngliche Bedeutung der Inhalt der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> und Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung, Gottes"/> Gottes ist, bestimmt sich nun eindeutig, was «Gesetzlosigkeit<term type="begriffe" key="Gesetzlosigkeit"/>» und was «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>» ist. Jawohl, es gibt eine ganz und gar eindeutige «Gesetzlosigkeit», es gibt ein Schlechtes, das der Mensch <hi rend="italic">nicht</hi> denken, <hi rend="italic">nicht</hi> wollen, <hi rend="italic">nicht</hi> tun soll. Es gibt <hi rend="italic">«Dinge, vor denen euch jetzt ekelt»</hi>, Möglichkeiten, die im Lichte jenes die ganze zeitliche Lage erhellenden Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> qualifiziert sind als schlechthin ausgeschlossen und verboten. Warum verboten? Weil <hi rend="italic">«ihr Ziel</hi><term type="begriffe" key="Ziel"/> <hi rend="italic">der Tod</hi><term type="begriffe" key="Tod"/><hi rend="italic">»</hi> ist, weil sie <hi rend="italic">nur</hi> aus der «Vitalität der Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Vitalität, der Sterblichkeit"/>» stammen, weil sie, <hi rend="italic">nur</hi> Tod verbreitend, <hi rend="italic">nur</hi> dem Tode geweiht sein, weil sie in dem verzehrenden Feuer<term type="begriffe" key="verzehrendes Feuer"/> des im Begriff des <hi rend="italic">Todes</hi> erkannten Lebens <pb ed="A" n="210"/> nicht bestehen können. Das Kriterium ist eindeutig für den, der es besitzt: «Der Sold der <hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Tod, Sold der Sünde"/> ist der <hi rend="italic">Tod</hi>». Und so gibt es nun auch eine ganz und gar eindeutige «Heiligung<term type="begriffe" key="Heiligung"/>», es gibt eine <hi rend="italic">«Ernte</hi><term type="begriffe" key="Ernte"/> <hi rend="italic">zur Heiligung»</hi>, es gibt Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> menschlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, die in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes qualifiziert sind als schlechthin notwendig<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> und geboten. Es gibt ein Gutes, das der Mensch denken, wollen und tun<term type="begriffe" key="Denken(, Wollen und Tun)"/> soll. Und zwar darum, weil das so bestimmte Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> des Menschen, weil <hi rend="italic">diese</hi> Zwecke, Werke, Verhältnisse und Bewegungen ihren Anfangs- und Endpunkt im Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> haben und diesen ihren Anfangs- und Endpunkt auch in der «Mitte», in der vom Tode beherrschten Welt der Zeit, der Dinge und des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> nicht ganz verbergen können, weil sie in dem verzehrenden
    Feuer<term type="begriffe" key="verzehrendes Feuer"/> des als <hi rend="italic">Leben</hi> begriffenen Todes bestehen können – vielleicht verwandelt, <pb ed="pga" xml:id="p315"/> vielleicht verkohlt, vielleicht geläutert – vielleicht unversehrt gelassen werden, aber jedenfalls bestehen können. Eindeutig ist auch dieses Kriterium, wenn es – vorhanden ist. <hi rend="italic">«Die Begnadung</hi><term type="begriffe" key="Begnadung"/> <hi rend="italic">Gottes ist ewiges Leben</hi><term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> <hi rend="italic">in Christus Jesus unserm Herrn.»</hi></p>
    <p>So wenig Tod und Leben<term type="begriffe" key="Leben, und Tod"/> zugleich, nebeneinander oder als Glieder einer Reihe hintereinander sein können, so wenig Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, und Gnade"/> und Gnade. Über den Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Sünde und Gnade"/>, der hier aufgerissen ist, führt <hi rend="italic">keine</hi> Brücke<term type="begriffe" key="Brücke"/>. Die Klarheit, die hier geschaffen ist, duldet <hi rend="italic">keine</hi> Vermischung. Quer hindurch durch die Risse<term type="begriffe" key="Riss"/> von «Gut» und «Böse»<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, «Wert» und «Unwert», «heilig» und «unheilig», die in der Dämmerungswelt des unbegnadeten Menschen – keine Klarheit, keine Scheidung zu schaffen vermögen, geht als Orientierung <hi rend="italic">neuer</hi> Ordnung, als <hi rend="italic">das</hi> eindeutige Kriterium dieser Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund"/>. Sein Vorhandensein wird den Versuch einer <hi rend="italic">Ethik</hi><term type="begriffe" key="Ethik"/>, einer Tafel<term type="begriffe" key="Tafel"/> der sündigen und gerechten, verbotenen und gebotenen (weil toten oder lebendigen) Lebenszwecke<term type="begriffe" key="Lebenszweck"/> immer wieder zur unerbittlich notwendigen Aufgabe machen, um eine Ethik<term type="begriffe" key="Ethik"/>, die mehr als <hi rend="italic">Versuch</hi> sein sollte<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: "wollte".</note>, immer wieder ebenso unerbittlich zu verunmöglichen. Denn die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes, in der sich jene Orientierung vollzieht, in der jenes eindeutige Kriterium des Sündigen und des Gerechten erzeugt wird, schafft immer wieder menschliche <hi rend="italic">Erkenntnis</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis, menschliche"/>, indem sie <hi rend="italic">menschliche</hi> Erkenntnis aufhebt. Dass wir die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/> des Unmöglichen begreifen und ergreifen als unsre eigene Aufgabe, das ist die Kraft des <hi rend="italic">Gehorsams</hi><term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, in der wir <hi rend="italic">stehen</hi>, weil sie die Kraft der <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> ist. </p> 

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