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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">4. Kapitel: Die Stimme der Geschichte</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 4. Kapitel: Die Stimme der Geschichte, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47012 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 160–203.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">4. Kapitel: Die Stimme der Geschichte</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 160–203</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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    <head>4. Kapitel <lb/>
DIE STIMME DER GESCHICHTE</head>
<head><hi rend="smallCaps">Glaube ist Wunder</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31 Röm.4.8">3,31-4,8</ref></head>

<p><hi rend="bold"> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">V. 31</ref> Schaffen wir nun das Gesetz ab durch den Glauben? Unmöglich! Wir</hi>
gerade <hi rend="bold">richten das Gesetz auf.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Schaffen wir das Gesetz ab durch den Glauben?»</hi> Wie ein alles Lebendige verschlingendes Gespenst scheint sich die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> in die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, die in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> gesetzte Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, in Jesus"/> in den Zusammenhang des Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens in das seelische Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, seelisches"/> im Menschen hineinzuschieben. Die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> verschwindet vor Gott, die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> vor der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, das Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/> vor dem Erkennen<term type="begriffe" key="Erkennen"/>, der Inhalt vor der Form, das Gesetz vor der allein realen<term type="begriffe" key="Realität"/> und doch allein dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> anschaulichen Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> des Gesetzgebers<term type="begriffe" key="Gesetzgeber"/>. Wie sollen wir uns dieser Vorstellung und des daran geknüpften Vorwurfs eines gnostischen<term type="begriffe" key="gnostisch"/> Dualismus<term type="begriffe" key="Dualismus"/><note xml:id="n01"> Der Vorwurf eines an die Gnosis erinnernden Dualismus begegnete <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mehrmals, vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 95</bibl>, und oben <choice><sic ed="pga">S. 15112 Anm.</sic><corr type="misprint" resp="sm"><ref type="pub" target="../volume/47/pr029#fn_n70">S. XXIX, Anm. 70</ref></corr></choice>.</note> erwehren? Wir können uns ihrer jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> erwehren, wenn der Radikalismus<term type="begriffe" key="Radikalismus"/> der hier auftauchenden Wahrheit nicht <hi rend="italic">ganz</hi> radikal verstanden ist. Eine Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>, die als Negation neben der Position verharrte, wäre keine echte, keine kritische Negation<term type="begriffe" key="Negation, kritische"/>; sie müsste alsbald selbst wieder negiert werden. Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als fremde Geschichte?"/> als fremde Geschichte neben den andern Geschichten wäre nicht Auferstehung; denn was sollte dann auferstehen? Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/>, die sich nicht bewährte und erfüllte an allem Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, wäre nicht letzte Voraussetzung. Und das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/>, das sich als ein besonderes Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> an das gewohnte seelische Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, seelisches"/> anschlösse (wenn auch in überbietender Weise, etwa als «das Dämonische<term type="begriffe" key="dämonisch"/>»<note xml:id="n02"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-52"><persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p047#fn_n04">S. 47, Anm. 4</ref>), S. 15f.140f.161f</bibl>.</note>), wäre eben darum <hi rend="italic">nicht</hi> Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/>. Das allem Seienden, Bekannten, Dinglichen, Zeitlichen, Menschlichen gegenüber Andere<term type="begriffe" key="Andere, das ganz"/>, von dem <pb ed="pga" xml:id="p161"/> wir herkommen, wäre in keiner Beziehung sein <hi rend="italic">ganz</hi> Anderes, wenn es nicht in jeder Beziehung in seiner ursprünglichen, erfüllenden, letztlich bejahenden Bedeutung für jenes erkannt wäre. «Schaffen wir das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> ab durch den Glauben», stellen wir den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Gesetz"/> als ein Zweites, Anderes, Verschiedenes <hi rend="italic">neben</hi> das Gesetz, statt in das Gesetz hinein, Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> <hi rend="italic">neben</hi> <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, statt <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> in Christus zu <pb ed="A" n="91"/> begreifen, sehen wir im Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> Gottes über alle menschlichen Richtungen nicht zugleich ihr Richtung Gebendes, in der Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> aller menschlichen Bewegtheit, Tätigkeit und Sehnsucht durch Gott nicht auch ihr Aufgehobensein<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/> bei Gott, ist also die letzte <hi rend="italic">Frage</hi><term type="begriffe" key="Frage, letzte"/>, die der Glaube aufwirft, nicht – eben als <hi rend="italic">letzte</hi>
Frage – zugleich die <hi rend="italic">Antwort</hi> auf alle Fragen, dann ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> nicht Glaube. Wir hätten dann zu kurz geschlossen. Wir hätten dann bloß eine <hi rend="italic">Reaktion</hi> vollzogen, einem «Ressentiment»<term type="begriffe" key="Ressentiment"/><note xml:id="n03"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 31</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 64</bibl>): «Insbesondere bestreitet <persName ref="kbga-actors-301">Nie[t]zsche</persName>, daß der Buddhismus, wie das eifrig betriebsame Urchristentum ‹aus einer Ressentimentsbewegung geboren sei›».</note> Ausdruck gegeben, eine Kontrastwirkung<term type="begriffe" key="Kontrast"/> erreicht, die selbst wieder der Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, der dialektischen<term type="begriffe" key="Dialektik"/> Bearbeitung, der Zurückführung auf eine letzte Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> bedürftig wäre.</p>
<p>Aber so ist es eben nicht gemeint, sondern <hi rend="italic">«wir gerade richten das Gesetz auf»</hi>. Wir gerade entheben die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, das Gegebene<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, das seelische Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, seelisches"/> ihrer Zufälligkeit<term type="begriffe" key="Zufälligkeit"/>. Wir gerade verkündigen Gott als den Herrn Himmels und der Erde, indem wir ihn den unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> nennen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>], das Schöpfungsgemäße in allem Geschaffenen, indem wir die Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> predigen, das Sinnvolle alles Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/>, indem wir alles Erleben in das Licht des Erkennens<term type="begriffe" key="Erkennen"/> rücken, die ewige Wahrheit des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, ewige Wahrheit des"/>, indem wir das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens als das ewige Nein des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Nein des G."/> aufstellen. Wir gerade verkündigen das Recht des Individuums<term type="begriffe" key="Individuum"/>, den unendlichen Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> des Einzelnen<term type="begriffe" key="Einzelne"/> (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>!)<note xml:id="n04"> Ein Kernbegriff in <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName> Denken vgl. z. B.<bibl corresp="kbga-bibls-3504"> <persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Der Begriff des Auserwählten</hi>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p046#fn_n02">S. 46, Anm. 2</ref>), S. 46f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3505">Pap. VII 2 B 235, S. 40</bibl>), und <bibl corresp="kbga-bibls-3570">ders., <hi rend="italic">Die Krankheit zum Tode</hi>, übersetzt von H. Gottsched, KGW 8, Jena 1911, S. 3</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 11, S. 117</bibl>) u.ö.</note>, indem wir verkündigen, dass seine Seele verloren ist vor Gott und in Gott, aufgehoben<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/> und gerettet in ihm. Wir fordern <hi rend="italic">darum</hi> die Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> <hi rend="italic">alles</hi> menschlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> unter das göttliche Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, wir fordern <hi rend="italic">darum</hi>, dass es der göttlichen Recht<pb ed="pga" xml:id="p162" break="no"/>fertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> immer und überall zu warten habe, weil (von Gott aus gesehen und für Gott) alles immer und überall unverloren ist. 
Wir heben <hi rend="italic">darum</hi> alle Gleichheit auf zwischen dem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, eschatologischer"/> der letzten Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>] und allem, was vorher und nachher<term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/> ist, und verkündigen damit die Gleichzeitigkeit<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit, aller Zeiten"/> aller Zeiten<note xml:id="n05"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gibt der von <persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName> entwickelten Hermeneutik der Gleichzeitigkeit einen eschatologischen Sinn; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3571"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Philosophische Bro­­cken, Kapitel IV, «Der gleichzeitige Schüler», Kapitel V, «Der Schüler zweiter Hand», bzw. S. 51–65.81–100</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 258–272.287–306</bibl>), und <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 58–62</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 74–78</bibl>).</note>, <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>alles dessen, was vorher und nachher ist<note n="a" target="fn-a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «alles Vorher und Nachher». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, weil wir kein Vorher und kein Nachher mehr sehen, das nicht in seiner ganzen Andersartigkeit<term type="begriffe" key="Andersartigkeit"/> im Lichte dieses Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> stünde, an seiner Würde und Bedeutung teilnähme. Gottes Gericht und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/>, verbürgen uns gerade in ihrer echten Transzendenz Gottes echteste Immanenz<term type="begriffe" key="Immanenz und Transzendenz"/>. Der da <hi rend="italic">ist</hi> in Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/>, ist auch der, der <hi rend="italic">war</hi>, und der, der <hi rend="italic">sein</hi> wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.4">Apk. 1,4</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.8">8</ref>]. Aufde­ckung des Nieruhenden, Notwendigen, Wirklichen im
Längsschnitt<term type="begriffe" key="Längsschnitt"/> der Zeiten ist die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/>, von der wir herkommen. Die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> selbst zeugt also von der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Geschichte ist Zeugnis der A."/>, das Gegebene<term type="begriffe" key="Gegebene"/> selbst von seiner nicht-gegebenen Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Nicht-Gegebenen"/>, das menschliche Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> selbst von der Paradoxie<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens als von seiner unveräußerlichen Grundlegung. Das wohlverstandene <pb ed="A" n="92"/> Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> ist durchaus der Erweis, die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Treue Gottes"/> der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes. Wir schaffen das Gesetz nicht ab, sondern wir lassen das Gesetz, die Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> in ihrer Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/>, die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> reden, <hi rend="italic">«zeugen»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>) von ihrem eigenen Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> und vernehmen, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, der Sinn des Gesetzes"/> der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, des Gesetzes"/> des Gesetzes ist, der Glaube als radikales Wunder<term type="begriffe" key="Glaube, als Wunder"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.1 Röm.4.8">4,1–8</ref>), der Glaube als reiner Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/><note xml:id="n06"> Parallelbegriff zum Begriff des Ursprungs, s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p017#p017">S. 17</ref>.</note> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9 Röm.4.12">4,9–12</ref>), der Glaube als ursprüngliche Schöpfung<term type="begriffe" key="Glaube, als ursprüngliche Schöpfung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13 Röm.4.17">4,13-17a</ref>). «Wir gerade richten das Gesetz auf.»</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p163" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.1 Röm.4.2">V. 1‒2</ref> Was wollen wir nun sagen</hi><note n="*1" type="original" xml:id="s1"><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εὑρηκέναι</foreign> ist wohl trotz seiner guten Bezeugung als glättende Einschaltung zu streichen.<term type="begriffe" key="Textkritik"/></note> <hi rend="bold">von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>,</hi> <hi rend="bold">unserm Vorfahren nach dem Fleische? Wenn <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="bold">auf Grund seiner Werke gerecht erklärt wurde, dann gereicht ihm doch das zum Ruhm!</hi>
Ja, <hi rend="bold">aber nicht vor Gott!</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Was wollen wir nun sagen von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi><hi rend="italic">?»</hi> Wir wählen als Paradigma für den Satz, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, der Sinn des Gesetzes"/> der Sinn des Gesetzes ist, eine möglichst entlegene und möglichst klassische<term type="begriffe" key="klassische Gestalt"/> Gestalt aus dem Gebiet des Gesetzes. Man wird nicht sagen können, dass wir uns die Aufgabe mit dieser Wahl leicht machen. Der geschichtliche Ort der Abrahamsfigur ist ein so ganz anderer als der geschichtliche Ort, an dem wir stehen, dass es zum vornherein ausgeschlossen ist, etwa auf der Fläche des historisch-psychologischen<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> eine Linie von dort nach hier zu ziehen. Ist die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes in Jesus Auflösung und nicht Erfüllung<term type="begriffe" key="Gesetz, Erfüllung des G."/> des Gesetzes, ist sie bloß eine Neuerung, eine Reaktion, etwas «Anderes» in der Reihe der Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> der biblischen (und außerbiblischen) Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> und nicht der jenseitige<term type="begriffe" key="jenseitig"/> Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> und Gehalt ihres Ganzen, ist sie Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> neben andern Zeiten, Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> neben andern Geschichten, Religion<term type="begriffe" key="Religion, neben anderen Religionen"/> neben andern Religionen, dann müsste das, d. h. aber ihre bloß relative, zufällige, einmalige Bedeutung durch ihre Kontrastierung<term type="begriffe" key="Kontrast"/> mit so völlig entlegener Zeit, Geschichte und Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> an den Tag treten. Ist der rote Faden der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, roter Faden"/>, den wir in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> zu sehen meinen, nicht ganz rein, ganz überlegen, ganz streng der des <hi rend="italic">sachlichen</hi> Zusammenhangs, der <hi rend="italic">objektiven</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> in allem Einst und Jetzt, Dort und Hier, dann muss er<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «es».</note> uns angesichts der Weite des Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>, vor dem wir stehen, wenn wir «<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>» sagen, unter den Händen zerreißen. Und es müsste andrerseits gegenüber der Klassizität<term type="begriffe" key="klassische Gestalt"/> der Abrahamsgestalt, gegenüber ihrem zweifellosen Gewicht, Kaliber und Wert, gegenüber der Positivität «unsres Vorfahren nach dem Fleische», der der Besten einer ist in der Welt des Fleisches, eine bloß relative<term type="begriffe" key="relativ"/> Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>, <pb ed="A" n="93"/> Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> und Entwertung menschlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, eine bloß gespenstisch gemeinte Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, gespenstisch gemeinte"/>, eine bloß skeptisch<term type="begriffe" key="Skepsis"/> gemeinte <pb ed="pga" xml:id="p164"/> Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/>, eine bloß «fleischliche» Gegensätzlichkeit für alle Einsichtigen in ihrer Hohlheit und eigenen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> an den Tag treten. Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> wäre nicht der Christus, wenn Gestalten wie <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName>, <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName>, <persName ref="kbga-actors-584">Grünewald</persName><note xml:id="n07"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p180#fn_n12">S. 180, Anm. 12</ref>.</note>, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> ihm gegenüber endgültig in historischer Ferne verharrten und nicht vielmehr in ihm in ihrer wesentlichen Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/>, Gleichzeitigkeit<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/> und Zusammengehörigkeit verstanden würden, wenn in der in ihm sich ankündigenden Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> ihre Positionen nur
aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> und nicht gleichzeitig begründet<term type="begriffe" key="Begründung"/> würden. Gerade darum handelt es sich aber. Darin <hi rend="italic">bewährt</hi> sich Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> als der Christus, dass sein Licht<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Licht"/> kein anderes ist als das Licht des Alten Testamentes<term type="begriffe" key="Altes Testament"/>, das Licht aller Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> und Wahrheitsgeschichte<term type="begriffe" key="Wahrheitsgeschichte"/>, das Weihnachtswunder<term type="begriffe" key="Wunder, Weihnachts-"/>, auf das die ganze Adventswelt der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, der sichtbaren und unsichtbaren Kreaturen <hi rend="italic">hinblickt</hi> als auf die Erfüllung ihres Wartens<term type="begriffe" key="Warten"/>. «Das Alte Testament<term type="begriffe" key="Altes Testament"/> ging Christus nicht nur im gemeinen Sinn voran, sondern er selbst lebte in ihm oder das Alte Testament war doch das sein prähistorisches Leben unmittelbar begleitende und sozusagen abbildende <hi rend="italic">Zeugnis</hi><term type="begriffe" key="Zeugnis"/> dieses Lebens» (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>).<note xml:id="n08"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 37</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 69f.</bibl>). Hervorhebung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> «Ehedenn <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> ward, bin ich» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.58">Joh. 8,58</ref>]. <hi rend="italic">Das</hi> sagen wir von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und haben wir nun an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> zu zeigen.</p>
<p><hi rend="italic">«Wenn <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">auf Grund seiner Werke gerecht erklärt wurde, dann gereicht ihm doch das zum Ruhme!»</hi> Offenkundig sind uns <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> «Werke<term type="begriffe" key="Werke, Abrahams «Werke»"/>», d. h. die in seinen Worten und Handlungen sich auswirkende Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, Richtung und Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> als die Werke eines Gerechten. Offenkundig ist uns darin ein kräftiges Emporragen über die ins Dunkel des Heidentums versunkene Umwelt, eine bewusstere Religiosität<term type="begriffe" key="Religiosität"/>, eine reinere Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, die heroische<term type="begriffe" key="Heroismus"/> Leistung eines heroischen Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, heroischer"/>. Wie haben wir uns dieses Offenkundige zu deuten? Wir schließen aus dem Eindruck von «Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Abrahams"/>», den wir bei <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und seinesgleichen haben, nicht mit Unrecht auf eine entsprechende göttliche Würdigung und Beurteilung. Findet aber eine solche statt, eine göttliche Gerechterklärung<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/> der uns offenkundigen «Werke<term type="begriffe" key="Werke, Abrahams «Werke»"/>» <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, dann stehen wir doch wohl vor einem mensch<pb ed="pga" xml:id="p165" break="no"/>lichen Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, das gerechtfertigt ist, das künftiger Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> nicht mehr bedarf, das also im Gegensatz zu unsern früheren Feststellungen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">3,20</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.31">27–31</ref>) der Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> und Infragestellung<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> alles menschlichen Lebensinhalts<term type="begriffe" key="Lebensinhalt"/> durch Gott nicht mehr ausgesetzt ist. Seinen <hi rend="italic">Ruhm</hi><term type="begriffe" key="Ruhm"/> als «bedeutender Mensch»<term type="begriffe" key="Mensch, bedeutender"/>, als Charakter und <pb ed="A" n="94"/> Heros<term type="begriffe" key="Heroismus"/> und Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> verkündigt dann die Stimme der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>.<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> macht in Christentum und Kultur, S. 37f.</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 70</bibl>), im Anschluss an das im vorhergehenden Absatz von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Zitierte Ausführungen zu «Heros», «Ruhm» und Christus als «menschlich historische Größe», an die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wahrscheinlich in dieser Passage denkt.</note> Denn es ist ja dann in diesem Punkte, in <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> «Werken<term type="begriffe" key="Werke, Abrahams «Werke»"/>», Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> identisch geworden mit Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>. Wenn aber in diesem, warum dann nicht auch in vielen andern Punkten? Nicht mehr unausweichlich ist dann die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, alles Menschlichen"/> alles Menschlichen, nicht mehr unerbittlich notwendig ist dann der Weg durchs Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>, nicht mehr unumgänglich das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens, in das wir uns durch Jesus gestellt meinen. Gäbe es auch nur an einem Punkt ein Menschlich-Göttliches oder Göttlich-Menschliches, das als solches direkt anschaulich würde und dessen sich der Mensch «rühmen» dürfte (warum dürfte er es nicht, wenn es das gäbe?) – dann gäbe es offenbar andere, einfachere Wege zu Gott neben dem in Jesus gewiesenen Todesweg<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/>, und wer wollte dann nicht lieber diese einfacheren Wege wählen? Was sagen wir dazu?</p>
<p>Ja, sagen wir, <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Abrahams"/> gereicht ihm zum Ruhme<term type="begriffe" key="Ruhm"/>, <hi rend="italic">«aber nicht vor Gott».</hi> Was bedeutet denn das, wenn uns das Verhalten eines Menschen den Eindruck von göttlicher Größe, Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/>, Botschaft, Amtsausrüstung und Amtsausübung<term type="begriffe" key="Amt"/> macht? Doch wohl, wenn wir mit dem Worte «göttlich» einen ernsthaften Sinn verbinden: dass uns an diesem Menschen das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> anschaulich wird, dass uns das, was dieser Mensch <hi rend="italic">ist</hi>, erinnert an das, was <hi rend="italic">er nicht</hi> ist, dass hinter und über seinem Verhalten ein Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> steht, das durch sein Verhalten ebensowohl verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> wie illustriert wird, das also jedenfalls nicht mit seinem Verhalten identisch ist. Sowenig wir einen durch starkes Licht geworfenen Schatten<term type="begriffe" key="Schatten, Licht und Schatten"/> eines Gegenstandes selbst Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> nennen, sowenig sind die «Werke<term type="begriffe" key="Werke"/>» eines Menschen, an denen uns Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> anschaulich<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> wird, an sich selbst gerecht, menschliche Göttlichkeiten<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> oder göttliche Menschlichkeiten, son<pb ed="pga" xml:id="p166" break="no"/>dern <hi rend="italic">Hinweise</hi><term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> sind sie, je stärker sie sie uns anschaulich machen. Sowenig die Fesseln, mit denen ein Mensch an allen Gliedern gebunden geführt wird, wohin er nicht will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.18">Joh. 21,18</ref>], deshalb seine natürlichen Glieder sind, sowenig ist sein vor Gott gerechtes, Gott wohlgefälliges «Werk»<term type="begriffe" key="Werk, Abrahams"/> identisch mit dem, was als sein «Werk»<term type="begriffe" key="Werk, Abrahams"/> in seinem Leben und in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> offenkundig wird. Sondern sichtbare <hi rend="italic">Erinnerung</hi><term type="begriffe" key="Erinnerung, an Fremdes"/> an unsichtbares, fremdartiges Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> ist der Eindruck<term type="begriffe" key="Eindruck"/>, den wir von einem solchen Menschen empfangen: um so mehr, je stärker dieser Eindruck ist. Also: jenes offenkundig «Gerechte» (Religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/>, Geniale<term type="begriffe" key="genial"/>, Bedeutende<term type="begriffe" key="Mensch, bedeutender"/>) in <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und seinesgleichen Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, Richtung und Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> mag ihm zum Ruhme<term type="begriffe" key="Ruhm"/> gereichen, vor den Menschen, vor dem Forum der <hi rend="italic">Welt</hi>geschichte<term type="begriffe" key="Weltgeschichte"/> nämlich (und eine übelberatene <pb ed="A" n="95"/> Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> mag sich an diesen Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/>, den Ruhm seiner Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> u. dergl. halten) – «aber nicht vor Gott». Denn was ihm «vor Gott» zum Ruhme<term type="begriffe" key="Ruhm"/> gereicht: die Buße<term type="begriffe" key="Buße"/>, in der er steht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>), sein Werk<term type="begriffe" key="Werk, Abrahams"/>, das von Gott bewertet und «bezahlt» wird<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>), der «Jude<term type="begriffe" key="Jude"/>, der es im Verborgenen ist», und «die Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, des Herzens"/>, die am Herzen geschieht» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.29">2,29</ref>), das steht in einem andern Buch, das ist ja an sich das dem Menschen Unmögliche und darum den menschlichen Blicken Entzogene, es ist das am Menschen, was nur von Gott aus möglich und darum auch nur von Gott aus einzusehen ist. Und so deutlich das dem Menschen Mögliche und den Menschen Sichtbare auf jenes Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> und Unsichtbare hinweist, so deutlich wird es gleichzeitig, durch jenes in seiner
bloßen Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> aufgedeckt und gerichtet. Nicht in seiner kreatürlichen Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und Humanität<term type="begriffe" key="Humanität"/> beruht die Klassizität des klassischen Menschen<term type="begriffe" key="klassische Gestalt"/>, sondern in dem <hi rend="italic">Gericht</hi><term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem gerade er steht, in der <hi rend="italic">Begrenzung</hi><term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> seiner Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/>, die gerade an ihm wahrnehmbar wird, und darin, dass er das <hi rend="italic">weiß</hi>, dass er sich über die Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/>, Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> und Aufgehobenheit<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> seiner Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> im klaren ist und sich ihrer – nicht rühmt<term type="begriffe" key="Ruhm"/>. Seine positive Größe ist absolut und unzweideutig nur von Gott aus einzusehen, weil sie nur in Gott begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> ist. Ist aber das, was an einem Menschen wie <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> offenkundig wird, <hi rend="italic">nicht Gottesgerechtigkeit</hi> und wird Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> auch an einem solchen Menschen <hi rend="italic">nicht offenkundig</hi>, dann steht doch wohl auch er, gerade er in der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, alles Menschlichen"/> alles Menschlichen, auf dem Wege vom Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>, dann beruht doch wohl auch sein Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> (und die <pb ed="pga" xml:id="p167"/> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, unsrerseits diesen Wert festzustellen) auf dem Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/>, auf dem Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/> des Glaubens. Und der Todesweg<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/> Jesu wird <hi rend="italic">nicht</hi> umgangen.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.3 Röm.4.5">V. 3‒5</ref> Denn was sagt die Schrift? <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="bold">glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.</hi>
<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <hi rend="bold">dem Wirkenden wird</hi>
das, was doch nur <hi rend="bold">sein Lohn</hi>
ist<hi rend="bold">, nicht angerechnet aus Gnade, sondern</hi>
da geht es <hi rend="bold">nach Schuldigkeit,</hi>
<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <hi rend="bold">dem Nicht-Wirkenden aber, der</hi>
nur <hi rend="bold">glaubt an den, der den Ehrfurchtslosen gerecht erklärt,</hi>
ihm <hi rend="bold">wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">glaubte Gott.»</hi> Also alles Eigene und darum Rühmenswerte an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und seinesgleichen: sein heroisches<term type="begriffe" key="Heroismus"/> Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/> und Handeln, seine bewusste oder unbewusste Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> und Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, kommen als seine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott,, Abrahams"/> vor Gott nicht in Betracht. Alles in seinem Leben, was noch begründet<term type="begriffe" key="Begründung"/> ist in einem andern, Wirkung einer Ursache<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/>, Folgerung und Ergebnis in einer Reihe und insofern anschaulich, das steht noch <hi rend="italic">diesseits</hi> der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die Zeit von Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, die den Menschen von Gott <pb ed="A" n="96"/> scheidet, auch wenn es<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «er».</note> noch so stark von einem Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/> Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> gibt. <hi rend="italic">Jenseits</hi> der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> ist Gott: begründend als der Unbegründete<term type="begriffe" key="Gott, Unbegründetheit"/>, wesentlich, weil ohne alles Wesen<term type="begriffe" key="Gott, sein Wesen"/>, bekannt als der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, redend in seinem Schweigen<term type="begriffe" key="Gott, Schweigen"/>, barmherzig in seiner unnahbaren Heiligkeit<term type="begriffe" key="Gott, Heiligkeit"/>, Verantwortung heischend als der alles Tragende, Gehorsam fordernd in seiner Alleinwirksamkeit<term type="begriffe" key="Gott, Alleinwirksamkeit"/>, gnädig<term type="begriffe" key="Gott, ist gnädig"/> in seinem Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> der Mensch und eben darum<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «darin».</note> der reine Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/>, die unverlierbare Heimat<term type="begriffe" key="Gott, Heimat"/>, die erste und letzte Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/>, Herr und Erlöser des Menschen. Immer ist Gott dem Menschen jenseitig<term type="begriffe" key="jenseitig"/>, neu, fern, fremd, überlegen, nie in seinem Bereich, nie in seinem Besitz<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/>, immer sagt <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder"/>, wer Gott sagt. Wohl steht Gott als Entweder-Oder<term type="begriffe" key="«Entweder-Oder»"/> vor der Seele des Menschen: es gibt also ein menschliches Wählen oder Verwerfen, Bejahen<term type="begriffe" key="Bejahung"/> oder Verneinen, Erwachen oder Schlafen<term type="begriffe" key="Wachende und Schlafende"/>, Verstehen oder Verkennen Gott gegenüber. Aber möglich, wahrscheinlich, anschaulich und begreiflich ist immer nur das Verwerfen, Verneinen, Verschlafen und Verkennen Gottes, das Nicht-Schauen des Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, das Nicht-<pb ed="pga" xml:id="p168" break="no"/>Begreifen des Unbegreiflichen<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/> – so gewiss der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/> für das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> kein Organ hat, so gewiss alles menschliche Erfahren und Verstehen gerade dort aufhört, wo es – in Gott – anfängt. Sofern es menschlicherseits zu einem Bejahen<term type="begriffe" key="Bejahung"/> und Verstehen Gottes kommt, sofern das seelische Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen, seelisches"/> die Richtung auf Gott, die Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> von Gott her empfängt, die Form des Glaubens annimmt, geschieht das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/>. Denn die Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, dass Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> wirkende Kraft hat (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.21">4,21</ref>), <hi rend="italic">ist</hi> das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>. Die
Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/>, dass Gott das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17</ref>), <hi rend="italic">ist</hi> das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>. Die Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/>, dass Gott die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> (die Doxa) gebührt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.20">4,20</ref>), geht gegen den Schein (die Doxa), sie <hi rend="italic">ist</hi> das Para-dox<term type="begriffe" key="Paradox"/>. Und eben diese Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Einsicht"/>. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-444">«Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">glaubte.»</hi> Das ist die Tat, durch die er ist, was er ist, die verborgene Quelle<term type="begriffe" key="Quelle"/>, aus der seine offenkundigen «Werke» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.2">4,2</ref>) hervorgehen. <hi rend="italic">Er ist</hi> aber, was er ist, als Glaubender, in der Kraft dessen, was <hi rend="italic">er nicht ist</hi>. Denn in dem, was <hi rend="italic">er ist</hi> (der religiös<term type="begriffe" key="religiös"/> Erleuchtete<term type="begriffe" key="Erleuchteter"/>, der geistig-sittliche Heros<term type="begriffe" key="Heroismus"/> usf.), drängt zur Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> sein Glaube, d. h. aber das, was <hi rend="italic">er nicht ist</hi> (das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, die neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, Gott). Nimm die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> weg von<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «aus».</note> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> (die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> des Menschen durch seine Begründung<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> in Gott), so nimmst du seinem Glauben<term type="begriffe" key="Glaubensinhalt"/> den Inhalt, so sinkt er<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «es».</note> als menschliche Tat zurück in die Subjektivität<term type="begriffe" key="Subjektivität"/>, Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> und Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> aller menschlichen Taten. Ist die Lebendigkeit <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> nicht in seinem Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> begründet, so ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> nicht <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> glaubte nicht nur, er glaubte<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <hi rend="italic">Gott</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.15.6">Gen. 15,6</ref>). <hi rend="italic">Das</hi> sagt die Schrift. </p>
<p><pb ed="A" n="97"/> <hi rend="italic">«Und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.»</hi> Also schon in der Genesiserzählung der bezeichnende Begriff einer göttlichen Anrechnung<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/> oder Buchung<term type="begriffe" key="Buchung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">3,28</ref>) zugunsten des Menschen. Was als Unternehmen des Menschen eine Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>, eine Fälschung wäre (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.3">2,3</ref>), das ist als Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes möglich und berechtigt: es kann (im Buche<term type="begriffe" key="Buch des Lebens"/> des Lebens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.12">Apk. 20,12</ref>]) ein Posten aus dem Haben Gottes in das Haben des Menschen übergeschrieben werden. Das an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> sich ereignende Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/> des Glaubens wird von Gott als göttliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> zu seinen Gunsten gebucht<term type="begriffe" key="Buchung"/>. Eine allem Sein, Haben und Tun <pb ed="pga" xml:id="p169"/> des Menschen<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> gegenüber freie und gerade in ihrer Freiheit kräftige, reale Tat Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/>. Durch das, was <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, nimmt der Mensch teil an dem, was <hi rend="italic">Gott ist</hi>, in seinem Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> leuchtet ihm das ewige Licht<term type="begriffe" key="Gott, Licht"/> Gottes – kräftig, real, aber immer nur in dem, was er nicht ist, immer nur in seinem Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/>. Sofern sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> menschliche Haltung<term type="begriffe" key="Glaube, als Haltung"/>, Gesinnung<term type="begriffe" key="Glaube, als Gesinnung"/> und Richtung ist, ist er so wenig Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> wie alles Menschliche. Sofern er Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> ist, die das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> umschließt, ist er, um dieses unanschaulichen Inhalts willen, von Gott aus qualifiziert als Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>. Es ist der Todesweg<term type="begriffe" key="Todesweg Jesu"/> Jesu, der offenbar der Lebensweg <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> ist.</p>
<p><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-444">«Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">dem Wirkenden wird sein Lohn nicht angerechnet.»</hi> Der Begriff «angerechnet»<term type="begriffe" key="Anrechnung"/> scheidet zwischen der Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>, in der <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> als Glaubender steht, und seiner (auch bemerkenswerten) Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit, Abrahams"/>. Sofern sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <hi rend="italic">nicht</hi> Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/> ist, sondern erstaunliche Gläubigkeit<term type="begriffe" key="Gläubigkeit"/>, irrationaler Heroismus<term type="begriffe" key="Heroismus"/>, seelische Kraftleistung, bedarf er<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>)  und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «es». Korrektur nach <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> wahrlich der «Anrechnung»<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/>, des seltsamen Gnadenaktes, von dem die Genesis berichtet, nicht. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> «der Wirkende» <hi rend="italic">hat</hi> seinen Lohn<term type="begriffe" key="Lohn"/>, wenn auch nicht im Buche des Lebens<term type="begriffe" key="Buch des Lebens"/> [vgl. Apk. 20,12], so doch im Buch der Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/>, im Buch der großen Männer und schönen Seelen. Was in dieser Beziehung Wahres, Gutes und Rühmliches von ihm und seinesgleichen zu sagen ist, das muss und das mag gesagt werden. Den Lohn<term type="begriffe" key="Lohn"/> menschlicher Dankbarkeit und Verehrung hat er verdient, nicht aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, sondern «nach Schuldigkeit», wie eben unter Menschen dergleichen Lohn verdient und mehr oder weniger vollständig im Lauf der Zeiten bezahlt und in Empfang genommen wird. Die direkte (historisch-psychologische<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/>) Würdigung eines Menschen pflegt ja die Frage nach seiner Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> nicht aufzuwerfen, sie bemüht sich «nach Schuldigkeit» ihm menschengerecht zu werden. Zieht sie «Gott» allenfalls in Betracht, dann nicht als den Schöpfer, Herrn und Erlöser des Menschen, der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Anrechnung der Gerechtigkeit"/> übt und Gerechtigkeit «anrechnet», sondern als den an das Wirken des bedeutenden<term type="begriffe" key="Mensch, bedeutender"/> Men<pb ed="A" n="98" break="no"/>schen als Kontrahent und Schuldner von Rechts wegen gebundenen obersten Kampfrichter und <pb ed="pga" xml:id="p170"/> Preisverteiler, wobei es auf der Hand liegt, dass dieser «nach Schuldigkeit» Lohn<term type="begriffe" key="Lohn"/> auszahlende «Gott» <hi rend="italic">nicht</hi> Gott ist, sondern der Herren eigener Geist<term type="begriffe" key="Geist, der Herren eigner Geist"/><note xml:id="n10"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V.577–579 (Nacht)</bibl>:
    <q rend="block">
        <lg> 
    <l>Was ihr den Geist der Zeiten heißt,</l> 
    <l>Das ist im Grund der Herren eigner Geist,</l> 
    <l>In dem die Zeiten sich bespiegeln.</l></lg></q></note>.</p>
<p><hi rend="italic">«<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">dem Nicht-Wirkenden aber wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.»</hi> Es gibt also eine andre Art, Menschen zu würdigen. Sie wird z. B. in der Genesis geübt und bei <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName>. Sie begnügt sich nicht damit, Ehre zu geben, dem Ehre gebührt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.7">Röm 13,7</ref>]. Die Erweisung menschlicher Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> ist nicht ihr dringendstes Anliegen. Sie pflegt die letzte Frage<term type="begriffe" key="Frage, letzte"/> nicht nebenbei zu erledigen oder überhaupt zu vergessen. Sie wirft sie zuerst auf, sie denkt von ihr aus. Sie denkt nicht nur an die menschlichen Lohnbücher, sondern daran, dass es auch ein Buch des Lebens<term type="begriffe" key="Buch des Lebens"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.12">Apk. 20,12</ref>] gibt, dessen Inhalt uns als das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> am Menschen anschaulich werden könnte. Sie interessiert sich weniger für das, was dem Menschen zukommt «nach Schuldigkeit», als für das, was ihm «zugerechnet» ist aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>. Sie kommt weniger leicht in Versuchung, ihren eigenen Geist<term type="begriffe" key="Geist, des Menschen"/> zum Weltrichter einzusetzen, weil der Richter und das Gericht die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Gerichts"/> ist, von der sie stillschweigend schon herkommt. Sie sieht also das «Wirken» eines Menschen zum vornherein auf dem Hintergrund seines Nicht-Wirkens, sein Leben im Licht seines Sterbens<term type="begriffe" key="Sterben"/>, seine allfällige menschliche Größe gemessen an der Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> Gottes, seine Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> als Hinweis auf den Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>, sein Anschauliches als Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, Sehnsucht, Entbehren und Hoffnung eines Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>. Sie sieht seinen Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> im Lichte des Glaubens. Sie kann sich in ruhiger Dämpfung und nicht ohne wehmütigen Humor<term type="begriffe" key="Humor"/> freuen an aller echt menschlichen Größe, an aller Gläubigkeit<term type="begriffe" key="Gläubigkeit"/>, an allem Heroismus<term type="begriffe" key="Heroismus"/>, an aller seelischen Schönheit und geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Bedeutung eines Menschen, aber nicht danach beurteilt sie ihn letztlich, sondern nach seinem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, der ihr – gegen den Schein (para-dox<term type="begriffe" key="Paradox, Para-dox"/>) – an und in dem allem sichtbar wird, und meint ihm damit gerechter zu werden als die allzu Gerechten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.7.16">Pred. 7,16</ref>] mit ihrem direkten Lob. Sie kann auch in ebenso ruhiger Dämpfung und nicht ohne ein verzeihendes Lächeln trauern über all <pb ed="pga" xml:id="p171"/> das ebenso echt menschliche Totsein in Sünden<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>, über all das Heidnische, Harte, Atheistische<term type="begriffe" key="Atheismus"/>, tierisch Versunkene eines Menschen, aber nicht danach beurteilt sie ihn, sondern auch hier nach seinem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, der ihr – gegen den Schein! – an und in dem allem sichtbar ist, und meint auch darin gerechter zu sein als die allzu Gerechten mit ihrem direkten Tadel. Sie weiß eben hier wie dort, dass <hi rend="italic">Gottes</hi> Lohn bezahlt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> wird nach <hi rend="italic">Gottes</hi> Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> und Wertschätzung (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>), dass Gott nicht die Person, nicht die Maske<term type="begriffe" key="Maske"/> <pb ed="A" n="99"/> ansieht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.11">2,11</ref>), sondern das Verborgene der Menschen<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> richtet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref>). Sie <hi rend="italic">sieht</hi> den Glauben, weil sie gläubige Augen hat, weil sie weiß, was Glaube ist: das Unmögliche<term type="begriffe" key="Glaube, ist das Unmögliche"/>, von dem alles Mögliche, das Wunder<term type="begriffe" key="Glaube, als Wunder"/>, von dem alles Seelisch-Geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Glaube, ist das Paradox"/>, von
dem alles direkt anschauliche Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen umgrenzt, in Frage gestellt<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> und letztlich – bejaht<term type="begriffe" key="Bejahung"/> und begründet<term type="begriffe" key="Begründung"/> ist. Und weil sie, selbst glaubend, den Glauben des Menschen <hi rend="italic">sieht</hi>, jenseits dessen, was er ist, weil sie das, was <hi rend="italic">er ist</hi>, verstehen möchte aus dem, was <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, darum sieht sie seine Gerechtigkeit als «angerechnet»<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/>, als Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> im strengsten Sinn, als göttliches Trotzdem<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/> (nie als Darum!), als Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> (nie als Bestätigung!) dessen, was er ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Er glaubt an den, der den Ehrfurchtslosen gerecht erklärt.»</hi> Das ist die unzweideutige Umschreibung des Satzes «Er glaubte Gott». Das ist <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit, Abrahams"/>. Ob <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> «Gott hat»? Nein niemals, aber Gott hat <hi rend="italic">ihn.</hi> Und Gott hat ihn als Nicht-Wirkenden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.5">4,5</ref>), «abgesehen von seinen Werken» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">3,28</ref>). Nur in Gott, nicht in <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> ist es begründet, dass Gott ihn hat, dass Gott ihn «gerecht erklärt»<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/>. Was in <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> begründet ist, das ist Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> ist mit seiner Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit, Abrahams"/> und -ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen,, Abrahams"/> vor Gott <hi rend="italic">nur</hi> «ehrfurchtslos» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>), <hi rend="italic">nur</hi> unter das Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> gestellt, wie alle andern. Dass er zum Bewusstsein dieser Lage erwacht, dass er der Krisis gewahr wird und sie als göttliche Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, göttliche"/> erkennt, dass er <hi rend="italic">in</hi> dieser Krisis die Furcht des Herrn<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> wählt, dass er das <hi rend="italic">Nein</hi> Gottes, weil es das Nein <hi rend="italic">Gottes</hi> ist, als <hi rend="italic">Ja</hi><term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> hört und versteht, das ist sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>. Aber dieser sein Glaube ist selbst schon ein unanschauliches Faktum<term type="begriffe" key="Faktum"/>, ein Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>. Zum «Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/>» kann ihm <hi rend="italic">diese</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> nicht gereichen. Rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/> kann sich auch diese klassische Gestalt<term type="begriffe" key="klassische Gestalt"/> der Wahrheitsgeschichte<term type="begriffe" key="Wahrheitsgeschichte"/> nur <hi rend="italic">der</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, die «durch das Blut<term type="begriffe" key="Blut"/> Jesu» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.25">3,25</ref>) offenbart und den Menschen «zugerechnet» wird. Sein Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, seine Positi<pb ed="pga" xml:id="p172" break="no"/>vität, ist aus sich selbst, abgesehen von dem großen Nein des Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, eschatologischer"/> der letzten Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>] <hi rend="italic">nicht</hi> zu verstehen. Sondern es ist umgekehrt dies sein Ja, die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, deren er sich rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/> <hi rend="italic">kann</hi> und die ihm in der Genesis zugesprochen wird, das «abbildende Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>»<note xml:id="n11"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p164#p164">S. 164</ref>.</note> des Lebens des Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/>, der Erweis des Ernstes, der Reinheit und Überlegenheit jenes Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> gegenüber allem Vorher und Nachher<term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/>, der Erweis der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Erweis der A."/>. Der Glaube ist zu allen Zeiten dasselbe Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/>.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.6 Röm.4.8">V. 6‒8</ref> Wie auch <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName></hi> <hi rend="bold">den Menschen selig preist, dem Gott Gerechtigkeit anrechnet abgesehen von</hi>
seinen <hi rend="bold">Werken: Selig sind die, deren Ungesetzlichkeiten vergeben und deren Sünden ver</hi><pb ed="A" n="100"/><hi rend="bold">hüllt werden! Selig ist der Mann, dem der Herr seine Sünde nicht anrechnet.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Wie auch <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName></hi> <hi rend="italic">den Menschen selig preist, dem Gott Gerechtigkeit anrechnet.»</hi> Die von der alttestamentlichen Geschichtsschreibung gegebenen Lebensbilder finden ihren Kommentar in den Psalmen<term type="begriffe" key="Psalmen"/>. Die biblische, die indirekte Weise, den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, biblische Betrachtungsweise"/> zu betrachten, die dort sichtbar wird, kann auch hier nicht verborgen bleiben. Wer wird selig gesprochen? Der die Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/>, den Himmel <hi rend="italic">hat</hi> und in sich trägt, der sie durch seine Werke verdient hat und in seinen Werken zur Darstellung bringt? Nein, die Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/>, die im Menschen und durch den Menschen ist, ist auf alle Fälle nicht die Seligkeit, die «<persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>» meint. Auch <persName ref="kbga-actors-2172">«David</persName>» sieht den Wert<term type="begriffe" key="Wert"/>, die Größe, die Seligkeit, das Heil<term type="begriffe" key="Heil"/> des Menschen indirekt. Auch er sieht jenseits der Vorzüglichkeit oder Mangelhaftigkeit des psychologischen Individuums<term type="begriffe" key="Individuum"/>, «abgesehen von seinen Werken», das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> seiner Richtung auf Gott, seiner Bestimmtheit<term type="begriffe" key="Bestimmtheit"/> durch Gott, auch er sieht dort, wo, psychologisch<term type="begriffe" key="Psychologie"/> betrachtet, nur leerer Raum sein kann, die eigentliche Fülle, Kraft und Bedeutung der Individualität<term type="begriffe" key="Individualität"/>, ihre «angerechnete»<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/> Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>. Auch er sieht die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> als die Lebenslinie<term type="begriffe" key="Lebenslinie"/>. Und diesem Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, Angerechneten, diesem Leben aus dem Tode<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> des Menschen gilt seine Seligpreisung<term type="begriffe" key="Seligpreisung"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Selig sind die, deren Ungesetzlichkeiten vergeben und deren Sünden verhüllt werden! Selig ist der Mann, dem der Herr seine Sünde nicht anrechnet</hi>, in dessen Munde kein Betrug ist. Da ich es ver<pb ed="pga" xml:id="p173" break="no"/>schwieg, wurden meine Gebeine altersschwach von meinem Schreien den ganzen Tag. Da deine Hand Tag und Nacht schwer auf mir lag, kam ich ins Elend, dass mir das Rückgrat erstarrte. Da erkannte ich meine Ungesetzlichkeit, und meine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> verhüllte ich nicht. Ich sprach: Ich will meine Ungesetzlichkeit bei mir selbst dem Herrn bekennen. Und da vergabst du mir die Ehrfurchtslosigkeit meines Herzens» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.32.1 Ps.32.5">Ps. 32,1–5</ref> LXX). Man beachte diesen Zusammenhang! Was ist es mit der Lebendigkeit und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des alttestamentlichen Frommen"/> des alttestamentlichen Frommen? Gerade in seiner direkten anschaulichen menschlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, menschliche"/> ist er jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> lebendig und gerecht. Die Einbildung, dass er es sei, ist vielmehr der «Betrug», der aus seinem Munde verschwinden muss. Er will ja seine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, seine «Ungesetzlichkeit<term type="begriffe" key="Ungesetzlichkeit"/>» (den Kontrast<term type="begriffe" key="Kontrast"/> zwischen seiner Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> und dem, wovon seine Frömmigkeit Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ist), die «Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/>» seines Herzens (den unvermeidlichen Götzendienst<term type="begriffe" key="Götzendienst"/> in allem menschlichen Gottesdienst) «verschweigen», durch <pb ed="A" n="101"/> Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> sich verhüllen<term type="begriffe" key="Verhüllung"/>. Er will sich seine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, als Selbstvergebung"/> selbst vergeben in der Vollmacht seines persönlichen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/>. Er will nicht sterben vor Gott, sondern leben in seiner eigenen Lebendigkeit. Und eben an diesem Versuch <hi rend="italic">muss</hi> er sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/>. Eingekeilt zwischen der Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> und dem Betrug seines Herzens<term type="begriffe" key="Herz, Betrug des H."/> muss er in körperlicher Pein schreien den ganzen Tag. Es schreit sein Eigenes, Persönliches, das unter der harten Faust Gottes nicht mehr leben, und es schreit seine von Gott geschaffene Seele, die unter dem Zwang seiner Lüge noch nicht leben kann. Er seufzt in dem Engpass des verstummten <persName ref="kbga-actors-6493">Zacharias</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.22">Lk. 1,22</ref>] und des erblindeten <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.8">Act. 9,8</ref>]. Bis er sich Gott gefangen gibt, bis ihm alles angemaßte Rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/> vergeht, bis er «erkennt», dass Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, die er an sich reißen wollte, für den Menschen das Unmögliche ist, das unerbittliche Nein gegenüber aller Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, das unvermeidliche Gericht über allen religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/> Betrug. Die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> des Lebens in Gott wird ihm unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] anschaulich. Er erkennt. Er verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> nicht mehr. Er bekennt. «Und da vergabst du mir» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.32.5">Ps. 32,5</ref>]. Da antwortet ihm der Herr aus dem Wetter<term type="begriffe" key="Gott, Wetter"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38.1">Hiob 38,1</ref>]. Und diese Antwort? Ist sie eine weitere höhere Stufe seines innern Weges? Nein, sondern der radikale Abbruch <hi rend="italic">seines</hi> Weges, der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/> des Weges <hi rend="italic">Gottes</hi> mit ihm, kein psychologischer Vorfall, sondern der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitloser"/> ohne Zeit, der die <pb ed="pga" xml:id="p174"/> neue Qualifikation<term type="begriffe" key="Qualifikation"/> alles Vorher und Nachher<term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/> in sich schließt. Nicht als ob es mit dem Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> und Schreien des Gerechten nun vorbei wäre! Es ist aber ans Licht getreten, dass er um <hi rend="italic">Gottes</hi> willen leidet und zu <hi rend="italic">Gott</hi> schreit, und um dieser Qualifikation<term type="begriffe" key="Qualifikation"/> willen ist es das
Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> und Schreien eines <hi rend="italic">Gerechten.</hi> Nicht als ob die Ungesetzlichkeit<term type="begriffe" key="Ungesetzlichkeit"/> der Kreatur, die Sündigkeit<term type="begriffe" key="Sündigkeit"/> des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> dahin wären! Es ist aber ans Licht getreten, dass sie vergeben, verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/>, nicht angerechnet, von Gott getragen sind <hi rend="italic">auf Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Es ist auch hier das <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/>, das als Glaube jenseits der direkten anschaulichen menschlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, menschliche"/> sich geltend macht: Gottes Ja gesprochen in seinem Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. <hi rend="italic">Diese</hi> Beziehung des Menschen zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> kann nicht Gegenstand neuen Betruges, neuer Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> werden. Sie ist in ihrer kritischen Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> endgültig davor geschützt, vermenschlicht<term type="begriffe" key="Vermenschlichung"/> zu werden. Denn das Leben, das sie schafft, ist Leben durchs Sterben, immer wieder durchs Sterben. Der von «<persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>» Seliggepriesene ist wahrlich nicht <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch, seine Lebendigkeit und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> nicht das, was an <hi rend="italic">ihm</hi> anschaulich wird, sondern der innere, der unanschauliche Mensch, der durch Gottes Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/> ins Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> gerufene Mensch, der Mensch, der <hi rend="italic">er nicht ist</hi>, der im Vergehen <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen von Tag zu Tage erneuert wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.16">2.Kor. 4,16</ref>]. Das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> der Anrechnung<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/> göttlicher Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, der Nicht-Anrechnung <pb ed="A" n="102"/> menschlicher Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen"/>, <hi rend="italic">das</hi> am Menschen, was nur in der Anschaulichkeit des <hi rend="italic">Todes</hi><term type="begriffe" key="Tod"/> anschaulich wird, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens ist es, um dessen willen dieser Fromme seliggepriesen wird. Was also von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> gilt, das gilt auch von der zeit- und namenlosen Gestalt seines Kommentators im <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.32">32. Psalm</ref>: er lebt von der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, er ist ihr Zeuge<term type="begriffe" key="Zeuge, der Auferstehung"/>. Er ist aus sich selbst, ohne Christus, in seiner Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> nicht zu verstehen. Er ist Abbild des die Zeiten im Längsschnitt<term type="begriffe" key="Längsschnitt"/> aufreißenden Lebens des Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/>.</p> 
</div> 

<div>
<pb ed="pga" xml:id="p175"/>
<head><hi rend="smallCaps">Glaube ist Anfang</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9 Röm.4.12">4,9–12</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9">V. 9a</ref> Geht nun diese Seligpreisung erst den Beschnittenen an oder auch</hi>
schon <hi rend="bold">den Unbeschnittenen?</hi></p>
<p>Wir haben den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> und seine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> als etwas Eigenes, Neues, Anderes gegenüber der ganzen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Glaube, jenseits der Wirklichkeit der Religion"/> der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, wir haben ihn als die <hi rend="italic">Wahrheit</hi><term type="begriffe" key="Glaube, als Wahrheit aller Religion"/> aller Religion, als ihren reinen jenseitigen <hi rend="italic">Anfang</hi><term type="begriffe" key="Glaube, als reiner A."/> kennen gelernt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.30">27–30</ref>). Nirgends ist er identisch mit der historischen und psychologischen Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, historische"/> des religiösen Erlebnisses<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/>. Nirgends reiht er sich ein in die kontinuierliche Entwicklung menschlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>. Nirgends wird er zu einer Strecke im Lauf einer Lebens-, Religions-<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/>, Kirchen-<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> oder Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/>. Gott bleibt frei<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> gegenüber den Gegebenheiten des «Gesetzes», der menschlich anschaulichen Offenbarungseindrücke<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, so gewiss diese Gegebenheiten Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> seiner Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> sind. Werden wir es bewähren können, dass wir mit dieser Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Gesetzes"/> das «Gesetz» nicht aufheben, sondern aufrichten (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">3,31</ref>), den wahren Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> aller geschichtlichen Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, geschichtliche"/> zu Ehren bringen<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ziehen».</note>? – So muss die Frage gestellt werden: Erhebt die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion,, geschichtliche"/> den Anspruch, Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Religion als Bedingung des Gottesverhältnisses?"/> und Bedingung des positiven Verhältnisses Gottes zum Menschen zu sein? Versteht die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> sich selbst als Prius, als Begründung jener<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «jeder».</note> göttlichen Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> des Menschen? Will der Bezirk menschlich anschaulicher Offenbarungseindrücke<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, der Bezirk der als «religiös<term type="begriffe" key="religiös, -kirchlich"/>» und «kirchlich» im weitesten Sinn anzusprechenden seelisch-geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung, geschichtliche"/> als solcher der allein mögliche Ort göttlicher Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> sein? Geht jene vom Gesetz verkündigte Seligpreisung<term type="begriffe" key="Seligpreisung"/> der Frommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.6 Röm.4.8">4,6–8</ref>) erst den beschnittenen <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> an, <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> den Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> den Träger und Bekenner höchster Religion<term type="begriffe" key="Religion, bei Abraham"/>, <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> den Vater des historischen Bundesvolkes<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Brudervolkes». Korrektur nach <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note>? Oder liegt es nicht umgekehrt <pb ed="A" n="103"/> im Sinne der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, dass sie ihre geschichtliche Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion,, geschichtliche"/> immer <pb ed="pga" xml:id="p176"/> nur als bedingt durch jenes ursprüngliche Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> Gottes zum Menschen verstehen kann? Erkennt sie nicht selbst dieses Verhältnis als frei und ungebunden, als
reinen Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/>? Blickt sie nicht selbst fortwährend hinaus auf die Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> des Menschen, die schlechthin jenseits ihrer eigenen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> stattfindet? Weiß sie nicht selbst, dass der Ort möglicher Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> Gottes immer auch noch (und in unabsehbarem Umfang) ein anderer ist als der Bezirk ihrer eigenen Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/>? Geht jene Seligpreisung<term type="begriffe" key="Seligpreisung"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Seligpreisung des"/> nicht schon den unbeschnittenen <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> an, <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> den Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, abgesehen von seiner Religion<term type="begriffe" key="Religion, bei Abraham"/>, abgesehen von seiner theokratischen<term type="begriffe" key="theokratisch"/>, kirchengeschichtlichen<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> und heilsgeschichtlichen<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> Stellung, <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> in seiner neutralen Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> und Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>? Und ist es darum nicht berechtigt und notwendig, die Lebenslinie<term type="begriffe" key="Lebenslinie"/>, die die reale Beziehung des Menschen zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> bezeichnet, in ihrer kritischen Bedeutung als Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> auch gegenüber der religiösen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> zu begreifen? Müssen wir den Glauben und seine Gerechtigkeit nicht als reinen Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/> verstehen auch gegenüber dem gesamten religiös<term type="begriffe" key="religiös, -kirchlich"/>-kirchlichen Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen?</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9 Röm.4.10">V. 9b‒10</ref> Wir lesen: Dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="bold">wurde sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. Wie</hi>
verstehen wir dieses <hi rend="bold">«angerechnet»? Dem</hi>
schon <hi rend="bold">Beschnittenen oder dem</hi>
noch <hi rend="bold">Unbeschnittenen?</hi>
Offenbar <hi rend="bold">nicht dem</hi>
schon <hi rend="bold">Beschnittenen, sondern dem</hi>
noch <hi rend="bold">Unbeschnittenen.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Wir lesen: Dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">wurde sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.»</hi> Es ist die Stimme des Gesetzes, der Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> selbst, die uns bereits dieses bedeutungsvolle «angerechnet» bezeugt hat (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.3">4,3</ref>). Wir folgen noch einmal dem in dieser Wendung enthaltenen Hinweis. Sie zeigt, dass der, der sie brauchte, nicht an eine direkt anschauliche Eigenschaft oder Verfassung <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> dachte, dass <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> «Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Abrahams"/>» für ihn eine Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, Abrahams"/> ganz anderer Ordnung war, als seine «Beschnittenheit». Denn beschnitten ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> jedenfalls nicht durch göttliche «Anrechnung»<term type="begriffe" key="Anrechnung"/>, nicht durch das qualifizierende göttliche Urteil<term type="begriffe" key="Gott, Urteil"/>. Seine Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Abrahams"/> und was darin inbegriffen ist, ist kein Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, sondern sein anschaulicher Anteil an der religiösen Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/>. Sofern seine Gerechtigkeit bedingt und eingeschlossen ist von seiner Beschnittenheit, ist sie religiöse Rechtlichkeit, nicht aber die angerechnete jenseitige<term type="begriffe" key="jenseitig"/> Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>, von der wir in der Genesis lesen.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p177" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Offenbar nicht dem schon Beschnittenen, sondern dem noch Unbeschnittenen»</hi> wurde sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als angerechnete Gerechtigkeit"/> als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> angerechnet. Nur unter dieser Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Glaubens"/>, die übrigens auch dem zeitlichen Verlauf der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> ent<pb ed="A" n="104" break="no"/>spricht, ist die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Abrahams"/>, die das Gesetz dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> zuschreibt, als «angerechnet»<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/> verständlich. Als der Ruf Gottes an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> erging, war er <hi rend="italic">noch nicht</hi> fromm, <hi rend="italic">noch nicht</hi> Patriarch, <hi rend="italic">noch nicht</hi> Theokrat<term type="begriffe" key="theokratisch"/>. Der Ruf Gottes an den Menschen geht den Gegensätzen<term type="begriffe" key="Gegensatz, von beschnitten und unbeschnitten"/> beschnitten<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>-unbeschnitten, religiös<term type="begriffe" key="Gegensatz, von religiös und unreligiös"/>-unreligiös, kirchlich<term type="begriffe" key="Gegensatz, von kirchlich und unkirchlich"/>-unkirchlich virtuell, sachlich und in diesem wie in vielen andern Fällen sogar zeitlich voran. Und so ist auch <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <hi rend="italic">noch nicht</hi> Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>, <hi rend="italic">noch nicht</hi> Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, <hi rend="italic">noch nicht</hi> das seelisch-geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Phänomen<term type="begriffe" key="Phänomen"/> der Gläubigkeit<term type="begriffe" key="Gläubigkeit"/>. Der Glaube ist die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Glaubens"/> jener Gegensätze<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>, ihr ursprüngliches Gemeinsames: er ist weder religiös noch unreligiös, weder heilig noch profan und er ist immer auch beides. Die <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>Berufung <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und sein Glaube<note n="k" target="fn-k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Berufung und der Glaube <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ist dem Genesistext zweifellos ein reiner Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/>, ein zuerst und unbedingt Gesetztes. Denn<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Sein».</note> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> ist religionsgeschichtlich<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> betrachtet ein Nicht-Jude, ein «Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>», heilsgeschichtlich<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> betrachtet ein «Ehrfurchtsloser» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.5">4,5</ref>), ein Toter (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.12">4,12</ref>), <hi rend="italic">noch nicht</hi> der Fromme, der Vater des historischen Gottesvolkes, der er nachher allerdings auch ist. Welt ist Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/>, und in der Welt ist auch <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>. Und nun ist jenes «angerechnet»<term type="begriffe" key="Anrechnung"/> verständlich. Kommt die durch Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/> zu erlangende religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Rechtlichkeit <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott,, Abrahams"/> vor Gott sachlich und zeitlich <hi rend="italic">noch nicht</hi> in Betracht, dann eben nur <hi rend="italic">die</hi> Bekleidung seiner Nacktheit<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/>, die nicht direkt, die nur von Gott aus als solche einzusehen ist, <hi rend="italic">das</hi> an ihm, was, außerhalb des Bezirks der religiösen Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/> liegend, nur von Gott her Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> und Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> haben kann: sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>. «Angerechnet» wird offenbar das, was nur angerechnet<term type="begriffe" key="Anrechnung, des Glaubens"/> werden <hi rend="italic">kann</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.5">4,5</ref>), und das ist eben der Glaube, das Hören dessen, was kein Ohr gehört [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor.
2,9</ref>]. Kommt aber für den Genesistext als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> nur dieses Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> in Betracht, dann versteht er offenbar «Gerechtigkeit» als ein Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), Gottes"/> Gottes gegenüber dem in sich geschlossenen Kreis<term type="begriffe" key="Kreis, in sich geschlossen"/> der Welt, innerhalb dessen auch die religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Welt liegt<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «siegt».</note>. Dann <pb ed="pga" xml:id="p178"/> ist es offenbar im Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> selbst, wenn wir sagen, dass die Religion in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion,, geschichtliche"/> <hi rend="italic">nicht</hi> Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Religion als Gottesverhältnis"/> und Bedingung des positiven Verhältnisses Gottes zum Menschen<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch,, positives"/> ist, sondern dass dieses Verhältnis ein ursprüngliches, ein anfängliches ist und dass es seinerseits die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> der geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion,, geschichtliche"/> der Religion (und ihres Gegensatzes<term type="begriffe" key="Gegensatz"/>!) ist. Und es gilt also die Seligpreisung<term type="begriffe" key="Seligpreisung"/> des Frommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.4 Röm.4.8">4,4–8</ref>) wahrhaftig auch schon dem noch nicht Frommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9">4,9</ref>); denn seliggepriesen wird er um seines Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> und nicht um seiner Gläubigkeit<term type="begriffe" key="Gläubigkeit"/> willen. Etwas anderes <hi rend="italic">neben</hi> dem Glauben kann weder des Frommen noch des noch nicht Frommen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Glaube, als Gerechtigkeit vor Gott"/> vor Gott sein.</p>
<p><pb ed="A" n="105"/> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.11 Röm.4.12">V. 11‒12</ref> Und das Zeichen der Beschneidung empfing er als Siegel der Gerechtigkeit seines Glaubens als Unbeschnittener, auf dass er sei der Vater aller derer, die als Unbeschnittene glauben,</hi>
und <hi rend="bold">auf dass das</hi>
auch <hi rend="bold">ihnen als Gerechtigkeit angerechnet werde – und</hi>
auch <hi rend="bold">der Vater der Beschnittenen, sofern sie</hi>
nämlich <hi rend="bold">nicht nur aus</hi>
dem Volk <hi rend="bold">der Beschneidung stammen, sondern auch wandern auf den Pfaden des Glaubens ohne Beschneidung,</hi>
die die <hi rend="bold">unsres Vaters <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi>
waren.</p>
<p><hi rend="italic">«Das Zeichen der Beschneidung empfing er als Siegel.»</hi> Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>, Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>, Abbild<term type="begriffe" key="Abbild"/>, Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung"/>, Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> ist die geschichtliche Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche"/> alles Offenbarungseindrucks<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, Hinweis auf die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> selbst, die immer wieder jenseits aller geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche"/> liegt. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> hat <hi rend="italic">auch</hi> Anteil an dieser abbildenden Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt"/>, an Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> und Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>. Beschneidung tritt auf und wird notwendig als physische Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, Israels"/> Israels<term type="begriffe" key="Israel, Volk Gottes"/> an seine im Ratschluss Gottes bestimmte Aussonderung, Reinigung und Heiligung zum Volk seiner Wahl und Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/>. Religion<term type="begriffe" key="Religion, als seelischer Reflex"/> ist unvermeidlicher seelischer Reflex<term type="begriffe" key="Reflex"/> (Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>) des an der Seele sich ereignenden Wunders<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/> des Glaubens. Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> ist die nicht zu umgehende geschichtliche Fassung, Leitung und Kanalisierung des selbst nie Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> werdenden göttlichen Tuns<term type="begriffe" key="göttliches Tun"/> an den Menschen. Immer ist die göttliche, die sinngebende, die erfüllende <hi rend="italic">Form</hi> diesen seelisch-geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> <hi rend="italic">Inhalten</hi> gegenüber ein Jenseitiges<term type="begriffe" key="jenseitig"/>, ein unverwischbar Anderes<term type="begriffe" key="Andere, das als göttliche Form"/>. Immer weisen diese Inhalte wie steil ansteigende, plötzlich abbrechende und rätselhaft in die freie Luft hinausragende Treppen über sich selbst hinaus. Immer sind sie in Gefahr, wenn dieses ihr über sich selbst Hinaus<pb ed="pga" xml:id="p179" break="no"/>weisen nicht in Demut als solches verstanden ist, zu ehrenvollen Pyramidengräbern<term type="begriffe" key="Pyramidengräber"/>, zu seltsamen Verholzungen und Versteinerungen der göttlichen Wahrheit zu werden. «Siegel<term type="begriffe" key="Siegel"/>» sind sie, unverkennbare Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an die dem Menschen von Gott widerfahrene und verheißene Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/>, Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> und Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, an die alle Morgen neue göttliche Treue [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Klagel.3.23">Klagel. 3,23</ref>]. Aber eben als Siegel<term type="begriffe" key="Siegel"/> weisen sie auch hin auf eine immer noch ausstehende, immer noch zu bewährende, immer noch zu erwartende Ausführung des Bundes<term type="begriffe" key="Bund"/> zwischen Gott und Mensch. Denn etwas anderes ist die Schließung und Verbriefung eines Vertrags, etwas anderes sein Zweck und sein Vollzug. <hi rend="italic">Ewig</hi> voran geht Gottes Beschluss jenen «Zeichen» seines Beschlusses und <hi rend="italic">ewig</hi> hinaus geht Gottes Absicht über jene «Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/>» seiner Absicht. Nur als <hi rend="italic">Mittel</hi> stehen sie zwischen A und O<term type="begriffe" key="A und O"/>, Anfang und Ende. Und nur dem auf Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/> und Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> gerichteten Blick <hi rend="italic">sind</hi> sie, was sie sind: zeigende Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen, zeigendes"/> und Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>. In diesem nachträglichen und vorläufigen <pb ed="A" n="106"/> Sinn hat offenbar auch <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> das Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Zeichen der B."/> empfangen, hat auch er Anteil an der religiös-kirchlichen<term type="begriffe" key="religiös, -kirchlich"/> Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Als Siegel der Gerechtigkeit seines Glaubens als Unbeschnittener».</hi> Noch nicht als der im Sinn der Beschneidung von den Heiden ausgesonderte Freund Gottes empfängt <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> das Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Zeichen der B."/>, sondern als unbeschnitten Glaubender. Noch nicht als der im Sinn der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> Gläubige wird er eine «religiöse Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit, religiöse"/>», sondern als der ohne Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> auf Gottes Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> aufmerksam Gewordene. Noch nicht als der im Sinn der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zu einem Mittleramt zwischen Gott und den Menschen Geeignete und Berufene wird er zum menschlichen Träger dieses Bundes<term type="begriffe" key="Bund"/>, sondern als kirchlich Unbeteiligter und Außenstehender. Sein «Glauben <hi rend="italic">als Unbeschnittener</hi>» ist ihm als Gerechtigkeit angerechnet<term type="begriffe" key="Glaube, als Anrechnung der Gerechtigkeit"/> und dieser angerechneten Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> Siegel<term type="begriffe" key="Siegel"/>, ihr nachträgliches und vorläufiges Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> ist die Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Zeichen der B."/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Auf dass er sei der Vater aller derer, die als Unbeschnittene glauben».</hi> Die Bedeutung der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> liegt also gerade nicht in einer durch sie bewirkten und bedingten Zuständlichkeit, sondern in einer in ihr erkennbar werdenden Relation<term type="begriffe" key="Relation"/>. Sie hat nicht Realitätswert<term type="begriffe" key="Realitätswert"/>, wohl aber Zeugniswert<term type="begriffe" key="Zeugniswert"/>. Gerade in der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die auch die religiöse Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/> als bloße <hi rend="italic">Erscheinungswelt</hi> kenn<pb ed="pga" xml:id="p180" break="no"/>zeichnet, beruht auch ihr ewiger Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>. Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, als Zeichen"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Zeichen"/> und Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, als Zeichen"/> sind zeigende Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen, zeigendes"/> und Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>, nicht als positive Inhalte, sondern sofern sie in ihrer Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/>, in ihrem Abnehmen, in ihrem Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> begriffen und bejaht werden. Nicht zur Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/> fordert <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Beschnittenheit auf, nicht zur Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> seine Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, nicht zur Absonderung seine Aussonderung, nicht zur Kirchlichkeit<term type="begriffe" key="Kirchlichkeit"/> seine theokratische<term type="begriffe" key="theokratisch"/> Stellung. Nicht sein seelisch-geschichtlicher<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Vorzug soll traditionsbildend wirken. Sondern hinweisen soll alles, was bloß Zeichen<term type="begriffe" key="Zeichen"/> ist und sein kann, auf das andere, was dem Zeichen <hi rend="italic">ewig</hi> voraus- und <hi rend="italic">ewig</hi> über das Zeichen hinausgeht. Reden soll gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Zeitliche in seinem Abnehmen, Zurücktreten und Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> von der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> vor und hinter allem Zeitlichen, reden zu allen als <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Kindern<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/>, wie es zu <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> selbst geredet hat. Die <hi rend="italic">zeitliche</hi> Heiligkeit<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/> der Heiligen<term type="begriffe" key="Mensch, Heiliger"/> ist ihr Dienst am <hi rend="italic">ewig</hi> Heiligen<term type="begriffe" key="Gott, heilig"/>, die zeigende, über die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> hinaus zeigende Hand<term type="begriffe" key="Isenheimer Altar"/> <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName> bei <persName ref="kbga-actors-584">Grünewald</persName><note xml:id="n12"> Eine 1919 von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erworbene Reproduktion des Kreuzigungsbildes des Isenheimer Altars hing über <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schreibtisch (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3060"><persName ref="kbga-actors-7210">R. Marquard</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und der Isenheimer Altar</hi> [Arbeiten zur Theologie, Bd. 80], Stuttgart 1995, S. 22f.</bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3533">K. Barth, <ref type="pub" target="48064"><hi rend="italic">Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke</hi></ref> (1920), W.G.Th., S. 79</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 58</bibl>: «Wir denken an <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes den Täufer</persName> auf <persName ref="kbga-actors-584">Grünewalds</persName> Kreuzigungsbild mit seiner in fast unmöglicher Weise zeigenden Hand. Diese Hand ist’s, die in der Bibel dokumentiert ist.»</note>. Indirekt ist die Bedeutung der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Abrahams"/>, der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Abrahams"/>, der Kirchlichkeit<term type="begriffe" key="Kirchlichkeit, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>. <hi rend="italic">Einladen</hi> soll sie, nicht zur Beschneidung, sondern zum Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>. <pb ed="A" n="107"/> <hi rend="italic">Aufmerksam machen</hi>, nicht auf <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, sondern auf seine unanschauliche<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, unanschauliche"/>
«angerechnete<term type="begriffe" key="Anrechnung, der Gerechtigkeit"/>» Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Abrahams"/>. <hi rend="italic">Aufrufen</hi>, nicht zum Judentum<term type="begriffe" key="Judentum"/>, sondern zur Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> vor dem unerforschlichen Gotte<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/>. «Durch deinen Namen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum dass du meiner Stimme gehorcht hast» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.22.18">Gen. 22,18</ref>). Was durch <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung, Abrahams"/> besiegelt wird, das bezweckt und bewirkt sie auch: den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, der Unbeschnittenen"/> der Unbeschnittenen. Beschneidung ist nicht selbst das Tor, durch das etwa die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> zu den Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, die Weltkinder<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> zu den Frommen einzugehen hätten, sondern die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Reich Gottes"/> an <hi rend="italic">das</hi> Tor, durch das die Juden <hi rend="italic">mit</hi> den Heiden, jenseits aller <term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/>seelisch-geschichtlichen Unterschiede, ins Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> eingehen sollen. Sie ist nicht selbst der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/>, sondern Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> vom Anfang, Forderung und Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, des Glaubens"/> <pb ed="pga" xml:id="p181"/> des Glaubens, der als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> «angerechnet» <term type="begriffe" key="Glaube, als Anrechnung der Gerechtigkeit"/> wird, der Gerechtigkeit <hi rend="italic">ist</hi> – vor Gott<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> und von Gott aus. Sofern Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> und Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> diesem Zweck <hi rend="italic">dienen</hi>, in dieser Relation<term type="begriffe" key="Relation"/> <hi rend="italic">stehen</hi>, sofern sie sich selber demütig ihrer Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, ihrer Diesseitigkeit<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> bewusst sind, sofern sie selber nichts anderes sein wollen als «Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, der Unbeschnittenen"/> der<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): <hi rend="italic">«der».</hi></note> <hi rend="italic">Unbeschnittenen»</hi>, sind auch sie qualifiziert als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, nehmen auch sie als Mittel teil an der Würde und Bedeutung des ewigen Anfangs<term type="begriffe" key="Anfang"/> und Endes<term type="begriffe" key="Ende"/>. Sie sind und bleiben aber – unqualifizierte – Weltlichkeiten<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, sofern sie <hi rend="italic">mehr</hi> als Welt, <hi rend="italic">mehr</hi> als «Glaube der Unbeschnittenen»<term type="begriffe" key="Glaube, der Unbeschnittenen"/> sein wollen, sofern der Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/> der Religion Anspruch auf einen Realitätswert<term type="begriffe" key="Realitätswert"/> erhebt, der ihr von Haus aus nicht zukommen kann.</p>
<p>Denn wenn <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <hi rend="italic">«auch der Vater der Beschnittenen»</hi> ist, so ist er es, <hi rend="italic">«sofern sie auch wandern auf den Pfaden des Glaubens ohne Beschneidung, die die unsres Vaters <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="italic">waren»</hi>. Eher also, dass die Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> zuerst Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, die Religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/> zuerst unreligiös, die Kirchlichen zuerst unkirchlich<term type="begriffe" key="kirchlich"/> werden müssten, als umgekehrt. Aber auch darum kann es sich nicht handeln; denn das Entbehren der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> ist sowenig der reine Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/> wie das Besitzen der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, Minus gilt so wenig wie Plus<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/>. Sondern das muss klar werden, dass aller Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> grundsätzlich «Glaube ohne Beschneidung» ist, dass er bei den religiös<term type="begriffe" key="religiös"/> Entbehrenden <hi rend="italic">und</hi> Besitzenden jenseits aller gegebenen seelisch-geschichtlichen Inhalte<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> als <hi rend="italic">reiner</hi> Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/> einsetzt. Zu der weiten Welt, der die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> Gottes widerfahren und verheißen, die als lü­­ckenlos in sich geschlossener Kreis<term type="begriffe" key="Kreis, in sich geschlossen"/> von Gottes Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> umfasst und getragen ist, gehört auch die jüdische<term type="begriffe" key="jüdisch"/>, die religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/>, die kirchliche<term type="begriffe" key="kirchlich"/> Welt. Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> sind auch die Beschnittenen, aber nicht kraft ihrer Abstammung aus dem Volk der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>, nicht kraft der Tradition von Judentum<term type="begriffe" key="Judentum, Tradition"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion, Tradition"/> <pb ed="A" n="108"/> und Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Tradition"/>. Sondern kraft des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> und seiner jenseitigen<term type="begriffe" key="jenseitig"/>, unanschaulichen<note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «anschaulichen». Korrektur nach <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note> «Tradition» und Kontinuität<term type="begriffe" key="Kontinuität"/>, kraft der immer neu sich bewährenden Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29 Röm.3.30">3,29–30</ref>): als Mitwandernde «auf den Pfaden des Glaubens ohne Beschneidung, die die unsres Vaters <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> waren», als Wandernde im Bewusstsein, dass der Mensch <hi rend="italic">dort</hi> von Gott gefunden, in Gott be<pb ed="pga" xml:id="p182" break="no"/>gründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> ist, wo er <hi rend="italic">noch nicht</hi> mehr oder weniger Besitzender<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> im Reiche der religiösen (oder irgend einer diesseitigen) Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/>, wo er ganz und gar auf Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, auf Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> angewiesen ist. Ein fortgesetztes sich selbst Aufheben und Aufgeben, ein unermüdliches, unbestechliches Abnehmen-, Verzichten-, Heruntersteigen- und Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/>-<hi rend="italic">wollen</hi> ist dieses Wandern, ein fortwährend erneutes Ausgehen von der nackten neutralen Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> in ihrer völligen Armut und Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/>. Direkt von der sündigenden und leidenden Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>, nicht von einer religiösen Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, religiöse"/> oberhalb der Welt aus wird Gott gefunden. Echte religiöse Höhe negiert sich selbst, ist restlose Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> <hi rend="italic">mit der Tiefe</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.22 Röm.3.23">3,22–23</ref>). Echter Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist
<persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> «Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <hi rend="italic">ohne Beschneidung</hi><term type="begriffe" key="Beschneidung"/>». Echte Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> sind die, die immer wieder von Gott <hi rend="italic">aus den Steinen</hi> erweckt werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.9">Mt. 3,9</ref> par.]. Wo das vergessen wird, da sind aus den Ersten die Letzten geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.30">Mt. 19,30</ref> par.]. Und nur die immer wieder die Letzten sind, werden die Ersten sein.</p>
<p>Wiederum stehen wir also vor der Tatsache, dass die Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/>, «das Gesetz» selbst seinen Helden<term type="begriffe" key="Held"/> als eine Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> aufstellt, auf die es selbst keine Antwort gibt. Die Antwort<term type="begriffe" key="Antwort"/> ist der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/>. Das göttliche Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> dieses Helden<term type="begriffe" key="Held"/> ist anderer Ordnung als alles menschliche Ja<term type="begriffe" key="Ja"/>. Es ist nur vom Tode<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> des Menschensohnes aus als Ja zu begreifen.</p>
</div>

<div>
<head><hi rend="smallCaps">Glaube ist Schöpfung</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13 Röm.4.17">4,13-17a</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13">V. 13</ref> Denn nicht kraft des Gesetzes wurde dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi> <hi rend="bold">oder seinem Stamme die Verheißung, der Erbe der Welt zu sein, sondern kraft der Gerechtigkeit des Glaubens.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Die Verheißung, der Erbe der Welt zu sein»</hi>, die Erneuerung des ersten ursprünglichen Gebotes Gottes an die Menschen: die Erde zu füllen und sich untertan zu machen, die Erlaubnis, über alles das, was Gott sehr gut gemacht hat, zu herrschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>] – oder umgekehrt ausgedrückt: der Ausblick auf das Gesegnetsein aller Ge<pb ed="pga" xml:id="p183" break="no"/>schlechter auf Erden mit dem Segen<term type="begriffe" key="Segen"/>, den der <pb ed="A" n="109"/> eine vorauseilend schon empfangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.3">Gen. 12,3</ref>], der Ausblick über <persName ref="kbga-actors-2198">Isaak</persName>, den Spätgebornen, und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>-Israel<term type="begriffe" key="Israel, Messias"/> auf den Messias<term type="begriffe" key="Messias"/>, in welchem der wahre Mensch vom Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.47">1.Kor. 15,47</ref>] und damit die wahre Menschheit auf die Erde kommt – das ist das Thema, der Inhalt des Lebens <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>. Als Empfänger dieser Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Abraham"/> ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> die klassische Gestalt<term type="begriffe" key="klassische Gestalt"/> des Gesetzes (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.18.17 Gen.18.19">Gen. 18,17–19</ref>). Sein Empfangen dieser Verheißung ist offenbar der Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, um deswillen Israel<term type="begriffe" key="Israel, Abraham"/> ihn verehrt und um deswillen es sich als sein «Stamm» an seine Seite, in seine geistige Gemeinschaft stellen möchte. Israels<term type="begriffe" key="Israel, Besonderheit"/> Besonderheit ist seine Bereitwilligkeit und Sehnsucht, Mitempfänger dieser Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> zu sein, Israels Geschichte<term type="begriffe" key="Israel, Verheißung"/> die Geschichte der Veränderungen dieser Disposition<term type="begriffe" key="Disposition"/>, Israels<term type="begriffe" key="Israel, Hoffnung"/> Hoffen seine Unermüdlichkeit, aus dieser Disposition<term type="begriffe" key="Disposition"/> heraus immer wieder auf dieses Mitempfangenwollen zurückzukommen. «Wurde» ihm nicht die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, der Erbe<term type="begriffe" key="Erben"/> einer von Gott gesegneten Welt zu sein, der Welt das Erbe des göttlichen Segens<term type="begriffe" key="Segen"/> zu vermitteln? <hi rend="italic">Hat</hi> es nicht diese Verheißung empfangen, empfängt es sie nicht tatsächlich, und <hi rend="italic">wird</hi> es sie nicht immer wieder empfangen?</p>
<p>Ja, es kann wohl sein, aber inwiefern? <hi rend="italic">«Kraft des Gesetzes»</hi> oder <hi rend="italic">«kraft der Gerechtigkeit des Glaubens»?</hi> Im Gesetz, in einer geschichtlichen Reihe von abrahamsähnlichen Offenbarungseindrü­­cken<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, in seiner Eigenschaft als historisches Bundesvolk «wurde» Israel<term type="begriffe" key="Israel, Bundesvolk"/> diese Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Israel"/>. Es erhebt sich aber die Frage, ob dieser geschichtliche Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> gleichzeitig <hi rend="italic">mehr</hi> ist als Hergang und Zustand, nämlich Aktualität, Kraft und Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> dieses «Werdens». Ist die offenkundige, von Geschlecht zu Geschlecht Israel<term type="begriffe" key="Israel, Abraham"/> auszeichnende Bereitwilligkeit und Sehnsucht, <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Haltung zu erneuern, als solche der wirksame Grund seiner Besonderheit<term type="begriffe" key="Israel, Besonderheit"/> unter den Völkern? Ist die Geschichte dieser Disposition<term type="begriffe" key="Disposition"/>, ihre offenkundige Tradition als solche das Prinzip, das Israels<term type="begriffe" key="Israel, Geschichte"/> Geschichte zur Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Israel, Heilsgeschichte"/> macht? Ist Israels<term type="begriffe" key="Israel, Hoffnung"/> offenkundiges Hoffen, die seelische Verfassung, in der es sich immer wieder als <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Stamm betätigt, als solche die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, die Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/>, der Lebenskern seiner Abrahamskindschaft<term type="begriffe" key="Abrahamskindschaft"/>? Versteht Israel<term type="begriffe" key="Israel, Gesetz"/> sein Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> recht, wenn es das, was es allerdings (als Vorgang und Zustand) im Gesetz, in seiner Geschichte, in seinem Hoffen sein und haben kann, <hi rend="italic">durch</hi> das Gesetz, <hi rend="italic">durch</hi> seine Geschich<pb ed="pga" xml:id="p184" break="no"/>te, <hi rend="italic">durch</hi> sein Hoffen zu sein und zu haben meint? – Oder richten wir nicht dadurch das Gesetz auf (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">3,31</ref>), dass wir das alles bestreiten, dass wir des Gesetzes Bedeutung nicht sowohl in einer mit ihm gegebenen Aktualität, Kraft und Realität<term type="begriffe" key="Realität"/>, als vielmehr in seinem Charakter als Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> und Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> sehen? Weist nicht aller geschichtliche <pb ed="A" n="110"/> Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> gerade, sofern er nicht mehr ist als das, über sich selbst hinaus auf eine verursachende<term type="begriffe" key="Ursache"/> Kraft ganz anderer Art? Ist nicht alles das, was als Haltung an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und seinen Kindern<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> offenkundig werden kann, ein Reflex<term type="begriffe" key="Reflex"/>, der nicht in seinem eigenen, sondern in fremdem Lichte leuchtet? Ist die Geschichte Israels<term type="begriffe" key="Israel, Geschichte"/> nicht gerade insofern Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Israel, Heilsgeschichte"/>, als sie bloß die geschichtliche Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> eines ungeschichtlichen<term type="begriffe" key="ungeschichtlich"/> Vorgangs, hörbares menschliches Antworten auf die unhörbare Stimme des göttlichen Rufers ist? Ist Israels<term type="begriffe" key="Israel, Hoffnung"/> Hoffnung nicht selbst geschaffen durch ihren Gegenstand? Dass unter diesem Gesichtspunkt das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> zu Ehren kommt, das ist nun noch zu zeigen: Das ist der Sinn des Gesetzes<term type="begriffe" key="Sinn, des Gesetzes"/>, dass durch die Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, durch die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Glaubens"/> des Glaubens, «abgesehen vom Gesetz» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>] die Abrahamskindschaft<term type="begriffe" key="Gesetz, der Abrahamskindschaft"/> begründet und geschaffen wird.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.14">V. 14</ref> Sofern nämlich die Erben durch das Gesetz sind,</hi>
was sie sind, <hi rend="bold">ist der Glaube entleert und</hi>
infolgedessen <hi rend="bold">die Verheißung aufgegeben.</hi></p>
<p>Die Genesis sagt, dass <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> durch den <hi rend="italic">Glauben</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Abraham"/> annahm und also durch die Schöpferkraft des <hi rend="italic">Glaubens</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Schöpferkraft des"/> der erste Erbe<term type="begriffe" key="Erben, des Gottesreiches"/> und Anwärter des Messiasreiches<term type="begriffe" key="Messiasreich"/> wurde (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.15.6">Gen. 15,6</ref>). Gewiss, auch der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, gesetzlicher"/> hat immer seine «gesetzliche» Seite, er ist <hi rend="italic">auch</hi> Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Glaube, Hergang und Zustand"/>. Aber eben nach dieser seiner gesetzlichen, anschaulichen, seelisch-geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Seite, eben als denkbarer Hergang und erreichbarer Zustand, eben als mögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ist der Glaube offenbar ohne seine eigentümliche Dynamik, begründet er keine Gewissheit<term type="begriffe" key="Glaube, und Gewissheit"/>. Er ist «entleert», sofern <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und seine Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> «durch das Gesetz» sind, was sie sind. Der Glaube begründet Gewissheit<term type="begriffe" key="Glaube, und Gewissheit"/>, sofern er der ewige Schritt ins ganz und gar Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> und also selbst unanschaulich ist. Jeder anschauliche Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/>, jeder zeitliche Weg, jede beschreibliche Methode<term type="begriffe" key="Methode"/> und Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik"/>, die ihn begleitet, ist auch seine Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>. Nur insofern ist Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, von Gott her"/> Glaube, als er <hi rend="italic">der</hi> «Schritt» des Menschen ist, der <hi rend="italic">nur</hi> von <pb ed="pga" xml:id="p185"/> Gott, von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> aus möglich und verständlich ist. Nur insofern ist er schöpferisch, als er Licht ist vom ungeschaffenen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>, nur insofern lebendig, als er Leben aus dem Tode<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.15">11,15</ref>] ist, nur insofern positiv, als der Mensch durch ihn begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> ist in der Unbegründetheit<term type="begriffe" key="Gott, Unbegründetheit"/> Gottes. Nur um deswillen wird er «angerechnet als Gerechtigkeit» <term type="begriffe" key="Glaube, Anrechnung als Gerechtigkeit"/>, macht er den Menschen zum Empfänger göttlicher Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, göttliche"/>. Abgesehen von dieser, dem «Gesetz», dem menschlich anschaulichen Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> immer jenseitigen<term type="begriffe" key="jenseitig"/> göttlichen Qualifikation<term type="begriffe" key="Qualifikation"/> ist auch der tiefste, feurigste, ernsthafteste Glaube Unglaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>. – Sofern aber der Glaube als Glaube negiert<term type="begriffe" key="Negation"/> <pb ed="A" n="111"/> ist, ist auch die durch den Glauben, allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/> zu empfangende <hi rend="italic">Verheißung</hi> aufgehoben. Denn auch die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Abraham"/>, die <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> empfängt, liegt gänzlich jenseits aller Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> und Beschreiblichkeit, aller Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> und Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>. Wir wissen nichts von <hi rend="italic">der</hi> Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>, die von Gott gut gemacht und gesegnet ist. Die Herrschaft<term type="begriffe" key="Mensch, Herrschaft über die Welt"/> des Menschen über <hi rend="italic">diese</hi> Welt kann uns kein geschichtlich denkbares Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/> werden. Und der Messias<term type="begriffe" key="Messias"/>, der diese Herrschaft bringt, ist auf alle Fälle nicht <hi rend="italic">der</hi><note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «der».</note> Mensch, den
wir kennen. <hi rend="italic">Schöpfungs</hi>gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Schöpfungs-"/> sowohl wie <hi rend="italic">Erlösungs</hi>gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Erlösungs-"/> ist nirgends als Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> unter andern Gegebenheiten vorhanden. Sie ist unanschauliche Relation<term type="begriffe" key="Relation"/>, in der alle Gegebenheiten stehen, und ihre Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, dialektische"/> ist immer und überall dialektisch<term type="begriffe" key="Dialektik"/>. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, und Verheißung"/> und Verheißung schauen sich in ihrer höchst positiven Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> gegenseitig an, aber gänzlich inkongruent steht die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Abraham und Israel"/> jedem Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/>, von der «biblischen Haltung<term type="begriffe" key="Haltung, biblische"/>» <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> selbst bis auf die Hergänge und Zustände<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> der Hoffnungsgeschichte Israels<term type="begriffe" key="Israel, Geschichte"/> gegenüber. Wird sie nicht im Glauben empfangen, so wird sie gar nicht empfangen, so steht sie als mythisch<term type="begriffe" key="Mythus"/>-eschatologischer<term type="begriffe" key="eschatologisch"/> Satz mit allen andern religiösen Sätzen in der Luft. Kein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, keine Ekstase<term type="begriffe" key="Ekstase"/>, keine Dämonie<term type="begriffe" key="Dämonie"/>, kein Auge, kein Ohr und kein Herz, das sie zu fassen vermöchte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>], wenn der Glaube sie nicht fasst. Sofern wir durch das Gesetz Erben<term type="begriffe" key="Erben"/> sind, sind wir in Wahrheit enterbt, sind wir von der Anwartschaft des verheißenen Erbes ausgeschlossen, sind wir <hi rend="italic">nicht</hi> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/>.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p186" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">V. 15</ref> Denn das Gesetz,</hi>
abgesehen vom Glauben, <hi rend="bold">verschafft</hi>
dem Menschen nicht die Verheißung, sondern Gottes <hi rend="bold">Zorn. Sofern aber</hi>
das <hi rend="bold">Gesetz nicht</hi>
ausschlaggebend <hi rend="bold">ist, ist</hi>
es <hi rend="bold">auch</hi>
des Menschen <hi rend="bold">Übertretung nicht.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Das Gesetz verschafft Zorn.»</hi> So meinen wir also, dass das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> an sich, das Gesetz, abgesehen vom Glauben, den Menschen geradezu hindere, das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> zu ererben [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.6.9 1.Kor.6.10">1.Kor. 6,9f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.50">15,50</ref>]? Ja, gerade das meinen wir. Gewiss, das Gesetz hat auch abgesehen vom Glauben seine eigene Positivität<term type="begriffe" key="Positivität"/>. Es kann durchaus auch <hi rend="italic">nicht</hi> als Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> als Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> über sich selbst hinaus aufgefasst werden. Gewiss hat es als seelisch-geschichtlicher<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Hergang und Zustand<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> auch seine immanente Schwerkraft und Bedeutung. Gewiss leuchtet das menschliche Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> immer auch in seinem eigenen Lichte. Aber wir sollten uns nicht täuschen darüber, was es bedeutet, wenn diese innerweltliche Qualität des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, innerliche Qualität"/> ausschlaggebend sein sollte. Indem wir von der Relation<term type="begriffe" key="Relation"/> der zeitlichen Dinge auf ihren ewigen<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung, ewiger"/> absehen, rücken wir sie in das Licht der vernichtendsten, der wahrhaft unheilbaren Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/>. Die Behauptung, dass <pb ed="A" n="112"/> das Gesetz dem Menschen die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Gesetz"/> verschaffe, scheitert notwendig an der Tatsache der Inkongruenz alles Anschaulichen gegenüber der Verheißung. Anschaulich ist immer nur das der Verheißung <hi rend="italic">nicht</hi> Kongruente, der geschichtlich-seelische<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> Gottes <hi rend="italic">in der Welt.</hi> Was aber in der Welt ist, das ist auch der Art der Welt preisgegeben, es verschafft dem Menschen gerade die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, die Abrahamskindschaft<term type="begriffe" key="Abrahamskindschaft"/>, nicht, wohl aber, wenn es denn nicht in seinem Zeugniswert<term type="begriffe" key="Zeugniswert"/>, sondern in seinem vermeintlichen Realitätswert<term type="begriffe" key="Realitätswert"/> verstanden sein soll, Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>. Denn es ist eben in seinem vermeintlichen Realitätswert<term type="begriffe" key="Realitätswert"/>, in seinem Absolutheitsanspruch<term type="begriffe" key="Absolutheit"/>, in seiner angemaßten Gottähnlichkeit<term type="begriffe" key="Gottähnlichkeit"/> das, was Gottes Zorn erregen muss: «Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>). Alle Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> steht, sofern sie diesseitige, geschichtliche, zeitliche, anschauliche Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/> ist, unter dieser Regel: auch die echte, die aufrichtige, die tiefe Religion<term type="begriffe" key="Religion, tiefe"/>, auch die Religion<term type="begriffe" key="Religion, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und der Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/>, auch die Religion des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Religion des R."/> und selbstverständlich auch die aller Bücher<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «dieses Buchs».</note> über den Römerbrief. Wer sich unterwindet, das Ewige zeitlich zu erleben, zu denken, <pb ed="pga" xml:id="p187"/> zu besprechen, darzustellen und zu vertreten<note xml:id="n13"> Vgl. die Sätze gegen <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName> aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1915-08-06">6.8.1915</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p069#p069">S. 69f.</ref></bibl>): «Versteht es sich denn von selbst, daß ‹<hi rend="italic">wir</hi>› das Gottesreich ‹<hi rend="italic">vertreten</hi>› (ein ganz toller Ausdruck! [...])? [...] Ist der <hi rend="italic">Glaube</hi> [...] eine selbstverständliche Voraussetzung, über die man einfach hinweghüpft, um nun das Gottesreich [...] zu vertreten?»</note>, der sagt Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>. Und wer Gesetz sagt, der sagt auch Übertretung<term type="begriffe" key="Übertretung"/>. Wo Händefalten ist und Gefühl von Gottesnähe, Reden und Schreiben von göttlichen Dingen, Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/> und Tempelbau und Wirken aus letzten Motiven, höhere Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/> und höhere Botschaft, da, gerade da geht es, wenn das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, der Vergebung"/> der Vergebung nicht eintritt, wenn die Furcht des Herrn<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> die Distanzen<term type="begriffe" key="Distanz"/> nicht sichert (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22 Röm.1.32">1,22f.</ref>), ohne Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> nicht ab (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>). Denn keine menschliche Gebärde ist an sich fragwürdiger, bedenklicher, gefährlicher als eben die religiöse<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/> Gebärde. Kein Unternehmen richtet den Unternehmer schärfer als dieses Unternehmen. Vor Gott des Übermutes<term type="begriffe" key="Übermut"/> und vor den Menschen sehr mit Recht der Phantasterei<term type="begriffe" key="Phantasterei"/> verdächtig, nach oben wie nach unten von einem Duft höchster Zweifelhaftigkeit umgeben ist die <hi rend="italic">ganze</hi> reiche Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt"/> der Gottesverehrung, von der plumpsten Deisidämonie<term type="begriffe" key="Deisidämonie"/> bis zum feinsten Spiritualismus<term type="begriffe" key="Spiritualismus"/>, von der ehrlichsten Aufgeklärtheit<term type="begriffe" key="Aufklärung"/> bis zur saftigsten Metaphysik<term type="begriffe" key="Metaphysik"/>. Und man täusche sich nur nicht: Von demselben Verdacht und Duft umgeben ist auch alles, was sich am <hi rend="italic">Gegensatz</hi><term type="begriffe" key="Gegensatz, zur religiösen Erscheinungswelt"/> zu der religiösen Erscheinungswelt<term type="begriffe" key="Erscheinungswelt, religiöse"/> orientiert: also das religiöse Jasagen<term type="begriffe" key="Ja, Ja/Nein, Religion"/> sowohl wie das antireligiöse Neinsagen, das Tempelbauen <hi rend="italic">und</hi> das Tempelstürzen, das anspruchsvolle Reden <hi rend="italic">und</hi> das anspruchsvolle Schweigen<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/>, <persName ref="kbga-actors-9665">Amazja</persName> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.7.10 Am.7.17">Am. 7,10–17</ref>], <persName ref="kbga-actors-679">Martensen</persName> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName><note xml:id="n14"> <persName ref="kbga-actors-679">Hans Lassen Martensen</persName> (1808–1884), Professor für systematische Theologie in Kopenhagen, ab 1854 als Nachfolger von <persName ref="kbga-actors-4120">Jakob Peter Mynster</persName> Bischof von Seeland. Die Leichenpredigt, die er für seinen Vorgänger hielt, veranlasste <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> zu seinem letzten Angriff auf die Kirche, der in seiner im Jahr 1855 in neun Nummern herausgegebenen Zeitschrift «Der Augenblick» gipfelte: <bibl corresp="kbga-bibls-1814"><hi rend="italic">Der Augenblick</hi>, übersetzt von Chr. Schrempf, KGW 12, Jena 1909<hi rend="sup">2</hi></bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 13, S. 127–418</bibl>).</note>, also auch der Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> gegen die religiöse Gebärde<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/> überhaupt, von <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> bis hinab in die Niederungen der gewöhnlichen Pfaffenfresser, also auch die antitheologische Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> der Ästheten<term type="begriffe" key="Ästhetik"/>, der Sozialisten<term type="begriffe" key="Sozialismus"/>, der Jugendbewegung<term type="begriffe" key="Jugendbewegung"/> aller <pb ed="A" n="113"/> Schattierungen. Jener Verdacht wird zur Gewissheit, jener Duft zur göttlichen Zorneswolke, <pb ed="pga" xml:id="p188"/> wo immer die religiöse oder antireligiöse Gebärde<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/> nicht ausdrücklich und bewusst über sich selbst hinausweist, sondern, und wäre es als Glaube, Liebe und Hoffnung<term type="begriffe" key="Glaube, Liebe(, Hoffnung)"/>, und wäre es als
die dionysische Geste des Antichrist<term type="begriffe" key="Antichrist"/><note xml:id="n15"> Vgl. den emphatischen Schluss von <bibl corresp="kbga-bibls-3574"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Ecce homo. Wie man wird, was man ist</hi>, NW, 8. Bd, S. 433</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3786">NWKG, 6. Abt., 3. Bd, Berlin 1969, S. 372, Z.31f.</bibl>): « – Hat man mich verstanden? – <hi rend="italic">Dionysos gegen den Gekreuzigten...</hi>».</note>, sich selbst rechtfertigen<term type="begriffe" key="Selbstrechtfertigung"/> will. Was sich nicht aufheben<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> lassen, sondern sich (als Ja oder Nein! <term type="begriffe" key="Ja, Ja/Nein, Selbstrechtfertigung"/>) selbst rechtfertigen will, das ist eben um deswillen gerichtet. Die Immanenzgläubigen<term type="begriffe" key="Immanenzgläubige"/> hüben und drüben sollten sich das wohl überlegen. «Das Gesetz verschafft Zorn.»</p>
<p><hi rend="italic">«Sofern aber Gesetz nicht ist, ist auch Übertretung nicht.»</hi> Es gibt eine Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> der religiösen Gebärde<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/>, der echten und der weniger echten, der tiefsinnigen und der nicht eben tiefsinnigen, der prophetischen und der pharisäischen<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/> – und damit auch des Kontrastes<term type="begriffe" key="Kontrast"/> zur religiösen Gebärde<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/>: die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/>. Durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Gesetz"/>: sofern nämlich das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, die ganze Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> des menschlichen Hergangs und Zustands<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> für den Glauben nicht ausschlaggebend, nicht bezeichnend sein soll, sofern <anchor type="note" xml:id="fn-r"/>der Glaube sich demütig der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/><note n="r" target="fn-r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «er sich demütig der Weltlichkeit».</note> seiner ganzen seelisch-geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Erscheinungsform, sofern er sich als positive oder negative menschliche Haltung<term type="begriffe" key="Glaube, als menschliche Haltung"/> zugleich seiner reinen Negativität<term type="begriffe" key="Negativität"/> Gott gegenüber bewusst ist, sofern sein Wesen in jener kritischen Linie<term type="begriffe" key="Linie(, kritische)"/> liegt, die den Religiosus <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von dem Religiosus <persName ref="kbga-actors-9666">Erasmus</persName>, den Antireligiosus <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> von dem Antireligiosus <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> trennen dürfte, sofern er nichts ist als eben Relation<term type="begriffe" key="Glaube, als Relation zum ewigen Ursprung"/> aller menschlichen Inhaltlichkeit zu ihrem ewigen Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung, ewiger"/>, nichts als Öffnung für <hi rend="italic">das</hi> Leben, das aus dem Tode<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> kommt. Sofern diese unanschauliche Seite des Glaubens ausschlaggebend ist, ist die «Übertretung<term type="begriffe" key="Übertretung"/>», die er nach seiner anschaulichen Seite immer zugleich bedeutet, <hi rend="italic">nicht</hi> ausschlaggebend. Sofern die religiöse oder antireligiöse Gebärde<term type="begriffe" key="religiös, religiöse Gebärde"/> darin ihr Schwergewicht hat, dass sie über sich selbst hinausweist, verliert das Fragwürdige<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> ihrer Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> sein Gewicht und die absolute Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/> ihr Recht. Sofern es aus <hi rend="italic">dem</hi> Zwang eines göttlichen Trotzdem!<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/>, aus <hi rend="italic">dem</hi> Bewusstsein der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> und ihrer immer neuen Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, <pb ed="pga" xml:id="p189"/> aus <hi rend="italic">der</hi> Furcht und Demut heraus geschieht, die schlechterdings <hi rend="italic">nichts</hi> mehr mit einem menschlichen Weg, mit einer Methode<term type="begriffe" key="Methode"/> und Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik"/> zu tun hat, sofern weder vor Gott noch vor den Menschen eine Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> dafür gesucht wird, mag es geschehen, dass Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> und Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/>, Prophetie<term type="begriffe" key="Prophetie"/>, Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/> und Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/>, Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/>, Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> und Kirchlichkeit<term type="begriffe" key="Kirchlichkeit"/>, Katholizismus<term type="begriffe" key="Katholizismus"/> und Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus"/>, Römerbriefe<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> und andere Bücher samt allen ihren im Grunde nicht so radikalen Kontrast<term type="begriffe" key="Kontrast"/>- und Protesterscheinungen ihr Wesen und Unwesen ausbreiten
und – <pb ed="A" n="114"/> <hi rend="italic">allein</hi> im Lichte <hi rend="italic">göttlichen</hi> Ernstes<term type="begriffe" key="Gott, Ernst"/> und <hi rend="italic">göttlichen</hi> Humors<term type="begriffe" key="Gott, Humor"/> – gerechtfertigt sind. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass dieses «sofern», diese Erlaubnis, das Göttliche in das Gewand des Menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/>, das Ewige in das Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> des Zeitlichen<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> zu hüllen, keine mögliche, sondern die <hi rend="italic">unmögliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> ist, der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> ohne Vorher und Nachher<term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/>, kein Standpunkt, auf den unsereins sich stellen, sondern die Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung"/>, die immer wieder nur in Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, in Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> fallen kann. Wir können uns nie darauf berufen, dass diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> besteht. Wir können nur unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] feststellen, dass sie eintreten kann. Abgesehen von diesem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, unter Furcht und Zittern"/> unter Furcht und Zittern wird das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> immer das gewaltige Hindernis sein, das es uns unmöglich macht, Anwärter des Gottesreiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> zu werden.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.16 Röm.4.17">V. 16‒17a</ref> Darum</hi>
sagen wir: die Erben sind, was sie sind, <hi rend="bold">durch den Glauben, so dass es</hi>
wiederum <hi rend="bold">heißt: aus Gnade, und die Verheißung Geltung hat für den ganzen Stamm <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName></hi><hi rend="bold">, nicht nur für den, der durch das Gesetz, sondern auch für den, der durch den Glauben</hi>
sein Stamm <hi rend="bold">ist;</hi>
denn <hi rend="bold">er ist unser aller Vater, wie geschrieben steht: Zum Vater vieler Völker habe ich dich gesetzt.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Darum durch den Glauben».</hi> Wir wissen, was wir sagen. Es besteht keine andere Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> als die, eben das zu sagen. Israels<term type="begriffe" key="Israel, Gesetz"/> Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, Geschichte<term type="begriffe" key="Israel, Geschichte"/> und Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> ist die Form, innerhalb derer es ein Anwärter des himmlischen Erbes<term type="begriffe" key="Erbe"/> sein <hi rend="italic">kann</hi>, nicht aber die schöpferische Kraft, durch die es etwa tatsächlich dazu <hi rend="italic">würde.</hi> Sofern es Kraft ist, ist das Gesetz vielmehr Erdkraft, Weltkraft, Gegenkraft, die es tatsächlich unmöglich macht, mit <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> Erbe<term type="begriffe" key="Erben, des Gottesreiches"/> des Gottesreiches zu sein. Die Gewissheit, <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Kind zu sein, die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> des Schöpfungsaktes<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>, durch den aus Steinen <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.9">Mt. 3,9</ref> par.], liegt nicht in der möglichen Möglichkeit des Gesetzes, sondern in der unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, als unmögliche Möglichkeit"/>.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p190" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«So dass es wiederum heißt: aus Gnade, und die Verheißung Geltung hat für den ganzen Stamm <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName></hi><hi rend="italic">».</hi> Also noch einmal sind wir bei der Überlegung dessen, was <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> zum <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> macht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.1">4,1</ref>), über die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> des direkt Anschaulichen hinausgedrängt und auf eine ursprüngliche Beziehung verwiesen, die, indem sie die Seele <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> begründet und die Geschichte <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> geschehen lässt, zugleich jenseits seiner Seele und seiner Geschichte liegt. «Aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>» ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>. «Aus Gnade» hat das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, aus Gnade"/> Bedeutung, die Geschichte einen Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> eine Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, der Religion"/>. «Aus Gnade» heißt aber: im Lichte der Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die die absolute Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> alles menschlich Anschaulichen ist (und eben als solche von Gott aus <pb ed="A" n="115"/> die Lebenslinie<term type="begriffe" key="Lebenslinie"/>), das letzte Nein, das allein auch ein Ja enthalten<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das letzte Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, letztes"/>, das allein auch zur Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> werden kann. Indem diese Beziehung sich enthüllt, erfüllt der historisch-psychologische<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Rahmen «<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>» und «Israel<term type="begriffe" key="Israel, historisch-psychologisch"/>» seinen Zweck, wird das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> «aufgerichtet» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">3,31</ref>). Wir reden von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, und wir müssen von Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> reden. Wir reden von <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>, und wir müssen von der in Christus angekündigten universalen Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, universale"/> des Diesseitigen und Jenseitigen<term type="begriffe" key="diesseitig, und jenseitig"/> reden. Wir reden von <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Kindern<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/>, und wir müssen von allen reden, die, von dieser Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> betroffen, an der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> des Christus teilnehmen. Sind die Erben<term type="begriffe" key="Erben"/>, was sie sind, nicht durch das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, sondern «durch den Glauben»<term type="begriffe" key="Glaube"/>, nicht kraft geschichtlich-seelischer<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Hergänge und Zustände<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/>, sondern aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>, dann ist es klar, dass die Zugehörigkeit zu der Zahl dieser Erben<term type="begriffe" key="Erben"/> nicht gebunden sein kann an die Zugehörigkeit zu einem «durch das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Abraham"/>» konstituierten Abrahamsstamm, zu einem historischen Israel<term type="begriffe" key="Israel, historisch"/>, an die Teilnahme an einer historisch zu umschreibenden Überlieferung und Unterweisung, an einer besondern Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/> oder Sache. Denn bei solcher Beschränkung der «Erben»<term type="begriffe" key="Erben"/> wäre ja das Erbe<term type="begriffe" key="Erbe"/> selbst mehr als zweifelhaft (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.14 Röm.4.15">4,14–15</ref>). Als Empfänger der Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Abraham"/> «durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>» steht <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> selbst <hi rend="italic">außerhalb</hi> aller historisch zu umschreibenden Kreise. So steht auch sein Same, sein Stamm als solcher: als das Geschlecht der Glaubenden immer <hi rend="italic">außerhalb.</hi> Ja, auch die durch die Überlieferung und Unterweisung des Gesetzes seine
Kinder<term type="begriffe" key="Kinder, Abrahams"/> sind, <hi rend="italic">können</hi> mit ihm Anwärter des Messiasreiches<term type="begriffe" key="Messiasreich"/> und Gesegnete Gottes werden. Auch innerhalb jener menschlich zu bestimmenden Kreise <hi rend="italic">kann</hi> jene entscheidende ursprüngliche Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung"/> stattfinden. <pb ed="pga" xml:id="p191"/> Gott ist <hi rend="italic">auch</hi> der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> Gott (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29">3,29</ref>). Aber nicht nur der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> Gott. Zum Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> kann die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes die Menschen auch immer in <hi rend="italic">andern</hi> historisch-psychologischen<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Zusammenhängen führen. Ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> allein der Schöpfer der Abrahamskindschaft<term type="begriffe" key="Abrahamskindschaft"/>, dann ist alle Sektiererei<term type="begriffe" key="Sektiererei"/>, die grobe und die feine, erledigt<term type="begriffe" key="Erledigung"/>. Das Wort, das «aus Gnade» an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> gerichtet ist und das «durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>» von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> gehört wird, es duldet grundsätzlich keine esoterische<term type="begriffe" key="esoterisch"/> Verengerung, es gilt grundsätzlich jedem, der Menschenantlitz trägt. Es ist der Schnitt, der, senkrecht von oben<term type="begriffe" key="«senkrecht von oben»"/>, durch alle menschlichen Zusammenhänge hindurchgeht, ihrer aller Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/>, indem er ihrer aller Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> ist: ihr Zusammenhang in Gott.</p>
<p>Legen wir aus oder legen wir ein, wenn wir sagen: <hi rend="italic">Wir</hi> richten das Gesetz auf, <hi rend="italic">das</hi> ist der Sinn des Gesetzes<term type="begriffe" key="Sinn, des Gesetzes"/>, dass <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> unser <hi rend="italic">aller</hi> Vater ist in Christus? Was steht geschrieben? <hi rend="italic">«Zum</hi> <pb ed="A" n="116"/> <hi rend="italic">Vater vieler Völker habe ich dich gesetzt»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.17.5">Gen. 17,5</ref>). Ja, der Vater des einen Volkes Israel<term type="begriffe" key="Israel, Abraham"/> ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>. Aber wir haben gesehen: gerade dieses einen Volkes Vater <hi rend="italic">in Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, in Christus sein"/> – und darum zugleich der Vater der vielen Völker. Ist es nicht offenkundig, dass der Rahmen der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> gesprengt wird in dem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Enthüllung des Geschichtsgeheimnisses"/>, wo die Geschichte ihr Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> enthüllt? Wir haben keinen Anlass, das Licht der Geschichte zu scheuen; sie kann nicht anders als <hi rend="italic">zeugen:</hi> von dem einen für die vielen, von der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> für die Sünder. «Da sie das hörten, schwiegen sie, lobten Gott und sprachen: So hat Gott auch den Heiden Buße gegeben zum Leben!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.11.18">Act. 11,18</ref>).</p> 
</div> 



<div>
<head><hi rend="smallCaps">Vom Nutzen der Historie</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17 Röm.4.25">4,17b–25</ref></head>

<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">V. 17b</ref></hi> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> ist unser aller Vater (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.16">4,16</ref>) <hi rend="bold">vor Gott, an den er glaubte: der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Vor Gott, an den er glaubte»</hi>, ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> unser aller Vater. Nie ist die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, nie die geschichtliche Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> des Menschen ganz ohne dieses ungeschichtliche<term type="begriffe" key="ungeschichtlich"/> Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/>: «vor Gott, an den er <pb ed="pga" xml:id="p192"/> glaubte». In diesem Oberlicht verliert sich die Vereinzelung<term type="begriffe" key="Vereinzelung"/> des Einzelnen<term type="begriffe" key="Einzelne"/>, die Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> des Gewesenen, die Entlegenheit des Fernen, die Getrenntheit des Besonderen, die Zufälligkeit<term type="begriffe" key="Zufälligkeit"/> des Persönlichen. In diesem Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/> erscheint die Gleichzeitigkeit<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/>, die einheitliche Wichtigkeit und Würde alles Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/>. In diesem Oberlicht gesehen redet die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, als Meisterin"/> als überlegene Meisterin mit dem Leben («<foreign xml:lang="lat">historia vitae magistra</foreign>»)<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 86</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Historiam esse vitae magistram vere dixerunt ethnici: sed qualiter ab ipsis traditur, nemo in ea tuto proficiat: sola scriptura sibi iure vindicat eiusmodi magisterium</foreign>.»</note>. Um dieses Oberlichts willen, <hi rend="italic">nur</hi> um seinetwillen, lauschen wir der Stimme der Geschichte. «Das Unhistorische<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> ist einer umhüllenden Atmosphäre ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt, um mit der Vernichtung dieser Atmosphäre wieder zu verschwinden. … Wo finden sich Taten, die der Mensch zu tun vermöchte, ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen eingegangen zu sein? … Sollte einer imstande sein, diese unhistorische Atmosphäre, in der jedes große geschichtliche Ereignis entstanden ist, in zahlreichen Fällen auszuwittern, so vermöchte ein solcher vielleicht als erkennendes Wesen, sich auf einen überhistorischen Standpunkt zu erheben, … er wäre davon geheilt, die Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> von nun an noch übermäßig ernst zu nehmen; hätte er doch gelernt, an jedem Menschen, an jedem <pb ed="A" n="117"/> Erlebnis, unter Griechen oder Türken, aus einer Stunde des ersten oder des neunzehnten Jahrhunderts, die Frage sich zu beantworten, wie und wozu gelebt wird» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>).<note xml:id="n17"> <bibl corresp="kbga-bibls-3575"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Unzeitgemäße Betrachtungen</hi>, Zweites Stück: <hi rend="italic">Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben</hi>, NW, 2. Bd, Leipzig o.J. S. 136–139</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3787">NWKG, 3. Abt., 1. Bd, Berlin/New York 1973, S. 248, Z.32–34, S. 249, Z.9–11, S. 250, Z.11–15, S. 250, Z.31 – S. 251, Z.2</bibl>) (<bibl corresp="kbga-bibls-3575">NW, S. 138f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3787">NWKG, S. 250, Z.13</bibl>: «auszuwittern und nachzuathmen, so»; Z.31f.: «er wäre selbst davon geheilt»; S. 251, Z.2: «wie und wozu gelebt werde»).</note> Mythisch<term type="begriffe" key="Mythus"/> oder auch mystisch<term type="begriffe" key="Mystik"/> nennt die Ängstlichkeit des linearen Denkens dieses Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht, der Geschichte"/> der Geschichte, die «unhistorische<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> Atmosphäre» des Lebens, wir aber möchten gerade auf der kritischen<term type="begriffe" key="Linie(, kritische)"/> «Linie, die das Übersehbare, Helle von dem Unaufhellbaren und Dunklen scheidet» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n18"> <bibl corresp="kbga-bibls-3787">A.a.O., S. 248, Z.2f..</bibl></note>, die ungeschichtliche<term type="begriffe" key="ungeschichtlich"/>, d. h. aber <hi rend="italic">ur-geschichtliche</hi> Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/> aller Geschichte, das Licht des <hi rend="italic">Logos</hi><term type="begriffe" key="Logos"/> aller Geschichte und alles Lebens erkennen. «Vor Gott, an den er glaubt», ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <pb ed="pga" xml:id="p193"/> unser aller Vater. Glaube als absolutes Wunder<term type="begriffe" key="Glaube, als Wunder"/>, als reiner Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/>, als ursprüngliche
Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, ursprüngliche"/>, d. h. aber die unbekannte <hi rend="italic">Bezogenheit</hi> bekannter Hergänge und Zustände<term type="begriffe" key="Hergang und Zustand"/> auf den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> <hi rend="italic">Gott</hi>, das ist das Erkenntnisprinzip<term type="begriffe" key="Erkenntnisprinzip"/> und die zeugende Kraft der Gestalt <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, das Erkenntnisprinzip und die zeugende Kraft der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> (als Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> <hi rend="italic">und</hi> als Gesicht und Bericht vom Geschehenen). Dass <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> «unser Vater nach dem Fleische» ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.1">4,1</ref>), das bewährt und erfüllt sich nicht wiederum im Fleische, im Anschaulichen, sondern in dem Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, dass er unser aller Vater ist <hi rend="italic">vor Gott</hi>.</p>
<p>Vor Gott, <hi rend="italic">«der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes».</hi> Dadurch unterscheidet sich der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Erkenntnisprinzip"/> als Erkenntnisprinzip<term type="begriffe" key="Erkenntnisprinzip"/> und zeugende Kraft der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> von<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «vor».</note> aller Hinterweltlichkeit des Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/> und der Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/>. Ihm handelt es sich nicht um eine jener Überhöhungen, Vertiefungen und Bereicherungen des Diesseits durch das Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> einer «innern»<note xml:id="n19"> Möglicherweise eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2130"><persName ref="kbga-actors-624">P. Jaeger</persName>, <hi rend="italic">Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage</hi>, Tübingen 1917</bibl>, gegen den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schon in seinem Tambacher Vortrag<bibl corresp="kbga-bibls-3517"> <ref type="pub" target="48061"><hi rend="italic">Der Christ in der Gesellschaft</hi></ref> (1919) polemisiert hatte (W.G.Th., S. 65</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 34</bibl>). Vgl. zur späteren Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-624">Jaeger</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-3576"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <hi rend="italic">Antwort an Paul Jaeger</hi>, V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p381#p381">S. 381–394</ref></bibl>.</note> oder auch «höhern» Welt<note xml:id="n20"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p137#fn_n19">S. 137, Anm. 19</ref>.</note>, nicht um eine jener kosmisch-metaphysischen<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Verdoppelungen, Verdrei- oder Versiebenfachungen des gegebenen Bestandes unsres Lebens und Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>, sondern um den letzten und einzigartigen, weil übergangslosen Kontrast<term type="begriffe" key="Kontrast"/> des Lebens zum Tode<term type="begriffe" key="Tod, vom Leben zum T."/>, des Todes zum Leben<term type="begriffe" key="Leben, vom Tod zum L."/>, des Seienden zum Nicht-Seienden, des Nicht-Seienden zum Seienden. Jenseitiges Leben und Sein ist für ihn das, was vom diesseitigen Leben und Sein aus nur Tod<term type="begriffe" key="Tod, Leben und T."/> und Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/>, und wiederum diesseitiges Leben und Sein das, was vom jenseitigen Leben und Sein aus nur Tod und Nicht-Sein heißen kann<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>. Im Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/> dieser kritischen Linie<term type="begriffe" key="Linie(, kritische)"/> haben wir die Gestalt <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> gesehen. Ein Übergang, eine Entwicklung, ein Aufstieg oder gar Aufbau von hier nach dort ist grundsätzlich ausgeschlossen. Denn das hierseitige Anheben<term type="begriffe" key="Anhebung"/> solcher Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/> kann von «dort» aus nur Tod und Nicht-Sein bedeuten. Und das dortseitige Endigen solcher Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/> ist von hier aus ge<pb ed="pga" xml:id="p194" break="no"/>sehen nichts als Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> und Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/>. Es bleibt zwischen diesen <pb ed="A" n="118"/> beiden rein negativen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> nur die Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> des «Minus<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/> mal Minus gleich Plus»: die Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung"/> beider Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> aufeinander, die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Negation"/> der einen durch die andre als ihrer beider Sinn und Kraft, ihre überlegene ursprüngliche Position. Die «Lebendigen» müssen sterben, damit die «Toten» lebendig gemacht werden, das «Seiende» muss als Nicht-Seiendes erkannt sein, damit das Nicht-Seiende als Seiendes<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> angesprochen werden kann. Das ist die Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, die Unmöglichkeit der <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, Unmöglichkeit der A."/>, die Unmöglichkeit <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Gott, Unmöglichkeit"/>, des
Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlösers, in welchem «Diesseits» und «Jenseits» eins sind<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>. Eben die Beziehung auf diese Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> ist <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>, der darum selber als jenes Unmögliche und Ungeschichtliche<term type="begriffe" key="ungeschichtlich"/> (und zugleich als das allein Ermöglichende, Geschichte Begründende!) in völliger Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/> <hi rend="italic">am Rande</hi> der Genesishistorie<term type="begriffe" key="Genesishistorie"/> auftaucht (<hi rend="italic">in</hi> dieser Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> immer nur als Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> und darum in den Formen des Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/> und der Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/> darstellbar), wie es am Rande der Philosophie <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName>, am Rande der Kunst <persName ref="kbga-actors-584">Grünewalds</persName> und <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName>, am Rande der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Luthers"/> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> aufgetaucht ist. Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, Gott ist keine zufällige, keine bedingte, keine an den Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> von hier und dort gebundene, sondern die <hi rend="italic">reine</hi> Negation<term type="begriffe" key="Negation, reine"/> und darum das <hi rend="italic">Jenseits</hi> des «Diesseits» <hi rend="italic">und</hi> des «Jenseits», die Negation <hi rend="italic">der</hi> Negation<term type="begriffe" key="Negation, der Negation"/>, die das Jenseits für das Diesseits und das Diesseits für das Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> bedeutet, der Tod unsres Todes<term type="begriffe" key="Tod, des T."/> und das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, des Nicht-Seins"/> unsres Nicht-Seins. Er «macht lebendig», er «spricht an» und – «ihm leben sie alle» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.20.38">Lk. 20,38</ref>]. Eben dieser Gott und die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> <hi rend="italic">aller</hi> Dinge in ihm («Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde»<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1">Apk. 21,1</ref>]) ist <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>, das Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/> (vom ungeschaffnen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>) der Genesishistorie<term type="begriffe" key="Genesishistorie"/>, der Logos<term type="begriffe" key="Logos"/> aller Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.18">V. 18</ref> Er hat ohne Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde nach dem Wort: So groß soll dein Stamm werden</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.15.5">Gen. 15,5</ref>).</p>
<p>Wir sehen <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> finden, wo er offenbar nur zu verlieren hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.39">Mt. 10,39</ref> par.] – verbinden, wo offenbar alles zerrissen ist – stehen, wo man offenbar nicht stehen kann. Wir hören ihn Ja<term type="begriffe" key="Ja, Ja/Nein, Abraham"/> sagen, wo offenbar von unten wie von oben nur das Nein übrig bleibt. Und das eben ist sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/>: das Glauben «ohne Hoffnung auf Hoff<pb ed="pga" xml:id="p195" break="no"/>nung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>», der Schritt <hi rend="italic">hinaus</hi> über des Menschen Eigenheit und Gottes Fremdheit, über die Sichtbarkeit des Sichtbaren und die Unsichtbarkeit des Unsichtbaren, über die subjektive und objektive Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> – dahin, wo nur Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> ihn halten kann. Diesen Schritt sehen wir <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> tun. Wir sehen? Nein wir sehen nur, dass alle seine sonstigen Schritte <pb ed="A" n="119"/> auf <hi rend="italic">diesen</hi> Schritt hinzielen, von diesem Schritt herkommen. <hi rend="italic">Diesen</hi> Schritt selbst sehen wir ihn <hi rend="italic">nicht</hi> tun. </p>
<p> 
<q rend="block">
    <lg>
        <l>«Diese Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/> kommt von Gottes Gunst.</l> 
        <l>Wenn’s Gott nicht gunnt, so ist’s umsunst,</l> 
        <l>Ein Jeder dieses Werk Gottes loben sot,</l> 
        <l>Denn diese Kunst kommt von Gott.»<note xml:id="n21"> Laut <bibl corresp="kbga-bibls-3577"><persName ref="kbga-actors-9667">Fr. A. Schmid Roerr</persName>, <hi rend="italic">Wie Sankt Antonii Altar zu Isenheim durch Meister Matthis Grünewald</hi> <hi rend="italic">errichtet ward. Ein Gespräch</hi>, Leipzig 1920, S. 5</bibl>, ist dies die erste von zwei Strophen, die als «alte Kritzeleien auf dem ehemaligen Schrein des Isenheimer Altares» gestanden haben sollen. Er zitiert die Strophe in folgender Fassung: <q rend="block">
            <lg>
                <l>Dise Kunnst kunnt von Gottes Gunst</l> 
                    <l>Wanns Gott nit gunnt, so ist’s umsunst</l> 
                    <l>Ein jeds dis Wercks Gott loben sott</l> 
                    <l>Dann dise Kunnest kunnt von Gott.</l></lg></q>Näheres zu diesem in leicht differierenden Fassungen überlieferten Vers bei <bibl corresp="kbga-bibls-3060"><persName ref="kbga-actors-7210">R. Marquard</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p180#fn_n12">S. 180, Anm. 12</ref>), S. 112–114</bibl>.</note></l></lg></q>
<hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.19">V. 19</ref> Und ohne im Glauben schwach zu werden, dachte er an seinen erstorbenen Leib, er der wohl Hundertjährige, und an den erstorbenen Mutterleib der <persName ref="kbga-actors-3720">Sara</persName></hi><hi rend="bold">.</hi></p>
<p>Er täuscht sich nicht über die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>. Er ist kein Optimist<term type="begriffe" key="Optimismus"/> und Enthusiast<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/>. Er ist ehrlich bis zur höhnenden Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/>: «Da fiel <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> auf sein Angesicht <hi rend="italic">und lachte</hi> und sprach in seinem Herzen: Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren werden und <persName ref="kbga-actors-3720">Sara</persName>, neunzig Jahre alt, gebären?» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.17.17">Gen. 17,17</ref>). <hi rend="italic">Soweit</hi> das, was wir an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> sehen können, was an ihm aus Analogien<term type="begriffe" key="Analogie"/> verständlich, nur zu verständlich ist, was sich in die Kontinuität<term type="begriffe" key="Kontinuität"/> sonstigen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> einreihen lässt. Aber <hi rend="italic">jenseits</hi> dessen, was wir sehen können, die Tatsache, dass Gott ihm zu stark geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.20.7">Jer. 20,7</ref>] und dass er darum im Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> nicht schwach werden kann, jenseits des Begreiflichen das Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, dass er der Versuchung, die ihm die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> be<pb ed="pga" xml:id="p196" break="no"/>reitet, widersteht, jenseits der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> das Ungeschichtliche<term type="begriffe" key="ungeschichtlich"/>, dass er bei offenen Augen und Ohren sieht und hört, was nicht ist noch sein kann.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.20">V. 20</ref> Er kritisierte die Verheißung Gottes nicht mit ungläubigem Zweifel, sondern war stark im Glauben und gab Gott die Ehre.</hi></p>
<p>«Was uns umgibt, das ist alles im Widerspruch mit Gottes Verheißungen<term type="begriffe" key="Verheißung, Gottes"/>. Er verspricht uns Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/>, wir aber sind von Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/> und Verderblichkeit umhüllt. Er verkündigt, dass wir vor ihm gerecht seien, wir aber sind mit Sünden<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> bedeckt. Er bezeugt uns seine Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> und seinen guten Willen, während alle Zeichen seines Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn als Bedrohung"/> uns bedrohen. Was sollen wir tun? Uns ziemt es wohl, an uns selbst und all unserm Eigenen mit geschlossenen Augen vorüberzugehen, damit nichts uns hindere oder auch nur aufhalte, an Gottes Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> zu glauben» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n22"> <bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 84</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Quae circa sunt, omnia Dei promissionibus adversantur. Immortalitatem pollicetur: nos mortalitate et corruptione circumdamur. Pro iustis se nos habere pronuntiat: peccatis sumus cooperti. Propositum se ac benevolum nobis esse testatur: indicia externa iram eius minantur. Quid ergo agendum? Nos ac nostra omnia clausis oculis praeterire decet, ne quid nos impediat, vel remoretur quominus Deum credamus veracem.</foreign>»</note> «Solches ist der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> unmöglich zu tun, allein <hi rend="italic">der Glaube tut es, darum ist er, also zu sagen, wohl ein Schöpfer der Gottheit:</hi> nicht daß er an dem göttlichen ewigen Wesen etwas schaffe, sondern <hi rend="italic">in uns</hi> schaffet er es. Denn wo der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> nicht ist, da mangelt auch Gott seine Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> in uns, daß er nicht für weise, gerecht, treu, wahrhaft und barmherzig gehalten wird. Wo kein Glaube ist, da behält Gott nichts weder von seiner Gottheit<term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/> noch <pb ed="A" n="120"/> Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> bei uns; darum liegt es alles am Glauben. So fordert auch unser Herr Gott nicht mehr von uns Menschen, denn daß wir ihm allein seine schuldige Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> geben und ihn halten für unsern Gott, d.i. daß wir ihn nicht für einen eitlen und losen Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/>, sondern für einen rechten und wahrhaftigen<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>), von der Vorlage bei Eberle abweichend: «rechten wahrhaftigen».</note> Gott halten... Darum solche Ehre von Herzen Gott geben können, ist gewiß eine Weisheit<term type="begriffe" key="Weisheit"/> über alle Weisheit, eine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> über alle Gerechtigkeit, ein Gottesdienst<term type="begriffe" key="Gottesdienst"/> über alle Gottesdienste, ein Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> über alle Opfer. ... Wer nun Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> glaubt und traut, wie <pb ed="pga" xml:id="p197"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> getan hat, derselbe ist gerecht vor Gott<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>; denn er hat einen solchen Glauben, der Gott seine gebührende Ehre gibt, d.i. er gibt Gott, was er ihm schuldig und pflichtig ist. … Denn also sagt der rechtschaffene Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, rechtschaffener"/>: Mein lieber Gott, ich glaube dir gern alles, was du sagst. Was sagt aber Gott? Soll hier die Vernunft<term type="begriffe" key="Glaube, und Vernunft"/> für sich antworten, so sagt sie, es seien nur eitel unmögliche, erlogene, närrische, schwache und geringe, ungereimte, ja greuliche, ketzerische und teuflische Sachen, davon Gott redet. Denn was könnte vor der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> so lächerlich, töricht und unmöglich sein wie das, was Gott zu <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> sagt? … Also sind alle Artikel unsres christlichen Glaubens, so uns Gott durch sein Wort eröffnet hat, vor der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> stracks unmöglich, ungereimt, erlogen … Der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> aber ist also geschickt, daß er der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> den Hals umdreht und erwürgt die Bestie, welche sonst die ganze Welt samt allen Kreaturen nicht erwürgen können. Wie aber? Er hält sich an Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/>, lässet es recht und wahr sein, wenn es noch so närrisch und unmöglich lautet. Also hat
<persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> seine Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> gefangen genommen … also tun auch alle andern glaubigen Menschen, so mit dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> <hi rend="italic">in das Dunkel und verborgene</hi> <hi rend="italic">Finsternis des Glaubens</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Finsternis"/> <hi rend="italic">eingehen</hi>, erwürgen die Vernunft und sagen: Hörest du wohl, Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/>? eine tolle blinde Närrin bist du, verstehest von Gottes Sachen kein Meitlein nicht, drum mache mir nicht viel Possen mit deinem Widerbellen, sondern halte dein Maul und schweig! untersteh’ dich nicht über Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Richterin zu sein, sondern setze dich, höre, was dir dasselbige sage und glaube ihm! Also würgen die Glaubigen diese Bestie, welche sonst die ganze Welt nicht erwürgen kann, <hi rend="italic">und tun damit unserm Herr Gott den allerangenehmsten Gottesdienst</hi>, so ihm immermehr geschehen mag. Gegen diesem Opfer und Gottesdienst der Glaubigen sind allerlei Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> und Gottesdienste<term type="begriffe" key="Gottesdienst"/>, so je gewesen sind bei allen Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> samt allen Werken aller Mönche und Werkheiligen auf Erden ein eitel Nichts» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 87–89</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar größtenteils unterstrichen; Hervorhebungen überwiegend von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>; außer den größeren, markierten Auslassungen lässt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gelegentlich noch einzelne Worte weg): <bibl corresp="kbga-bibls-561"><hi rend="italic">In Epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius</hi> (1535)</bibl> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.6">Gal. 3,6</ref>. <persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName> verwendet nach der Ausgabe der <bibl corresp="kbga-bibls-3578">Luther-Schriften von <persName ref="kbga-actors-8473">J. G. Walch</persName>, Bd. 8, Halle 1742, Sp. 2040–2044, die deutsche Übersetzung von <persName ref="kbga-actors-2071">J. Menius</persName> (1539)</bibl>, die den lateinischen Text öfter paraphrasiert und rhetorisch erweitert. – Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-561">WA 40/I, 360,24-30.32–34; 361,12-14 (varia lectio).14–20; 362,15f.23–30</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Hoc ratio non facit, sed fides. ea consummat divinitatem et, ut ita dicam, creatrix est divinitatis, non in substantia Dei, sed in nobis. Nam sine fide amittit Deus in nobis suam gloriam, sapientiam, iustitiam, veritatem, misericordiam etc. In summa: nihil maiestatis et divinitatis habet Deus, ubi fides non est. Neque postulat Deus ab homine aliquid amplius, quam ut tribuat ei suam gloriam et divinitatem, Hoc est, ut eum habeat non pro idolo, sed pro Deo qui respiciat, exaudiat, misereatur, iuvet etc.» «Et illam gloriam posse tribuere Deo est sapientia sapientiarum, iustitia iustitiarum, religio religionum et sacrificium sacrificiorum.» «Quicunque igitur credit verbo Dei, ut <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, iustus est coram Deo, quia fidem habet quae tribuit Deo gloriam, hoc est, reddit Deo quod ei debetur». «Nam fides ita dicit: Ego credo tibi Deo loquenti. Quid loquitur Deus? Impossibilia, mendacia, stulta, infirma, absurda, abominanda, haeretica et diabolica, si rationem consulas. Quid enim magis ridiculum, stultum et impossibile, quam cum Deus ait ad <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, quod accepturus sit ex sterili et iam emortua carne Sarae filium? Sic semper Deus, cum obiicit articulos fidei, simpliciter impossibilia et absurda, si iudicium rationis sequi voles, obiicit.» «At fides rationem mactat et occidit illam bestiam quam totus mundus et omnes creaturae occidere non possunt. Sic <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> eam occidit fide». «Sic omnes pii, ingredientes cum <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> tenebras fidei, mortificant rationem dicentes: Tu ratio stulta es, non sapis quae Dei sunt, itaque ne obstrepas mihi, sed tace, non iudica, sed audi verbum Dei et crede. Ibi pii fide mactant bestiam maiorem mundo Atque ita Deo gratissimum sacrificium et cultum exhibent. Et ad hoc piorum sacrificium et cultum omnes omnium gentium religiones, omnia omnium monachorum et iustitiariorum opera collata prorsus nihil sunt.</foreign>» Vgl. noch <bibl corresp="kbga-bibls-561">362,18f.21f.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Huic verbo non statim assentiebatur ratio in <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, sed certe pugnabat in ipso contra fidem, iudicans ridiculum, absurdum et impossibile esse». «Istam luctam profecto habuit fides cum ratione in <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>.</foreign>»</note> <pb ed="pga" xml:id="p198"/> Wer’s fassen mag, der fasse es [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.12">Mt. 19,12</ref>]: <hi rend="italic">Das</hi> ist das Ende und der Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang aller Geschichte"/> der Geschichte.</p>
<p><pb ed="A" n="121"/> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.21">V. 21</ref> Und er war ganz erfüllt davon: was Gott verheißt, das hat er Kraft, auch zu tun.</hi></p>
<p>«Erfüllt» von einem religiösen Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis, religiöses"/>, von einer Intuition<term type="begriffe" key="Intuition"/>, von prophetischem Sendungsbewusstsein<term type="begriffe" key="Sendung"/>? Ja, vielleicht <hi rend="italic">auch</hi>, warum sollte die Fülle des Unhistorischen<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> nicht begleitet sein von historischer Fülle. Aber vielleicht auch <hi rend="italic">nicht</hi><note xml:id="n24"> Vgl. die Anekdote, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-05-30">30.5.1921</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p492#p492">S. 492f.</ref></bibl>) erzählt: «Weißt du, daß in den Kreisen unserer Freunde [...] die Anekdote zirkuliert, wir zwei seien uns einmal einen ganzen Nachmittag rauchend gegenübergesessen. Nach einer Stunde habe <hi rend="italic">ich</hi> gesagt: Vielleicht!! und nach einer Stunde weitern Schweigens <hi rend="italic">du:</hi> vielleicht auch nicht!!! und das sei unser Gespräch gewesen und der konzentrierte Inhalt unseres Systems!»</note>, wahrscheinlicher nicht, wahr<pb ed="pga" xml:id="p199" break="no"/>scheinlicher erfüllt von Mangel, Unsicherheit und Gebrochenheit<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/>. Aber – auch das ist’s nicht! Auch die «Plerophorie<term type="begriffe" key="Plerophorie"/>» des Entbehrens, des Hungerns und Dürstens ist nur historischer Begleitumstand. Der Reichtum der <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.7">Eph. 1[,7]</ref>) liegt so gut wie die Armut im <hi rend="italic">Geiste</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Matth. 5[,3]</ref>) jenseits des historischen Habens und Entbehrens. <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> «Fülle» ist ganz und gar die des Empfängers göttlicher Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Gottes"/>. Dass er ein solcher <hi rend="italic">ist</hi>, wie sollte das anschaulich, wie sollte das historisch sein? Wie sollte das anders verständlich sein denn als Leben aus dem Tode<term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.13 Röm.4.25">4,13f.</ref>)?</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.22">V. 22</ref> Darum wurde es ihm als Gerechtigkeit angerechnet.</hi></p>
<p>«Darum», weil <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> sein «Glaube vor Gott» ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17b</ref>), weil er nicht als ein Teil seiner Haltung, sondern als ihre absolute Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, Abrahams"/> und Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der menschlichen Haltung"/> das absolute Wunder<term type="begriffe" key="Glaube, als absolutes Wunder"/>, der reine Anfang<term type="begriffe" key="Glaube, als reiner Anfang"/>, die ursprüngliche Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, ursprüngliche"/> ist, darum, weil sein Glaube sich nicht erschöpft in einem historischen Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/>, sondern zugleich die reine Negation<term type="begriffe" key="Negation, reine"/> alles historischen Geschehens und Nicht-Geschehens ist, darum ist er von Gott qualifiziert<term type="begriffe" key="Qualifikation"/> als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>, darum nimmt <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> – allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/> – in Gott teil an der Negation der Negation<term type="begriffe" key="Negation, der Negation"/>, am Tode<term type="begriffe" key="Tod, des T."/> des Todes, darum ist sein Glaube durch das an ihm, was historisches Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> ist, nicht gehindert, als Licht vom unerschaffenen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/> zu leuchten.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.23 Röm.4.25">V. 23‒25</ref> Was da geschrieben steht, geht aber nicht nur ihn an, sondern auch uns, denen es auch angerechnet werden soll:</hi>
uns, <hi rend="bold">die wir glauben an den, der Jesus unsern Herrn von den Toten erweckte – welcher dahingegeben ist wegen unsres Fallens und auferweckt wegen unsrer Gerechtigkeit.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Das geht nicht nur ihn an, sondern auch uns.»</hi> Die Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> kann einen Nutzen haben. Die Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> kann reden zur Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/>. Denn in Vergangenheit und Gegenwart ist ein Gleichzeitiges<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/>, das die Stummheit der Vergangenheit, die Taubheit der Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> heilen, das jene zum Reden und diese zum Hören bringen kann. Dieses Gleichzeitige in seinem die Zeit aufhebenden und erfüllenden Selbstgespräch, es verkündigt und vernimmt das Unhistorische<term type="begriffe" key="Unhistorische"/>, Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, das aller Geschichte Ende und Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang aller Geschichte"/> ist. Die Genesishistorie<term type="begriffe" key="Genesishistorie"/> öffnet ihren Mund und sagt das Unhistorische, dass dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> sein Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <pb ed="A" n="122"/> als Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> angerechnet<term type="begriffe" key="Glaube, als Anrechnung der Gerechtigkeit"/> wurde. Sofern sein Fall auch unser Fall ist, können sich unsre Ohren öffnen und <pb ed="pga" xml:id="p200"/> dieses Unhistorische<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> hören. In solchem Selbstgespräch, in dem sich die Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> der <hi rend="italic">Bedeutung</hi> menschlichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> in seiner <hi rend="italic">Einheit</hi><term type="begriffe" key="Einheit"/> bewusst wird, bringt die Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> den von ihr zu erwartenden Nutzen. Abgesehen von diesem Unhistorischen<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> dagegen bleibt die Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> stumm und die Gegenwart taub. Die deutlichsten Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> und Urkunden können nichts sagen und die schärfste historische Aufmerksamkeit<term type="begriffe" key="Aufmerksamkeit"/> kann nichts hören, wo das Selbstgespräch des Gleichzeitigen<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/> nicht in Fluss kommt. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> abgesehen vom Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/> des Unhistorischen<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> geht uns nichts an, er sagt uns nichts, und wir hören ihn nicht. Wo nicht abgesehen von den Quellen und abgesehen von ihrem Studium das Bewusstsein von jener <hi rend="italic">Bedeutung</hi> menschlichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> in seiner <hi rend="italic">Einheit</hi><term type="begriffe" key="Einheit"/> lebendig ist, wo Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> bloßes Nebeneinander von Kulturen<term type="begriffe" key="Kultur"/> oder Nacheinander von Epochen<term type="begriffe" key="Epoche"/> ist, bloße Mannigfaltigkeit <hi rend="italic">verschiedener</hi> Unmittelbarkeiten<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/>, <hi rend="italic">verschiedener</hi> Individuen, Zeiten, Verhältnisse und Institutionen<term type="begriffe" key="Institution"/>, zentrifugales Wimmeln und Geschleudertwerden bloßer Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung"/>, da ist sie Unsinn<term type="begriffe" key="Unsinn, der Geschichte"/>. Denn «wirklich» ist nicht dasselbe wie wahr, «interessant» ist nicht dasselbe wie sinnvoll und eine in einer Fülle von Gesichten uns anschauende Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> ist darum noch keine redende, verstandene und erkannte Vergangenheit. Sofern die Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> impotent ist, mehr zu bieten, ist sie nutzlos. Sie ist als kritische Materialsammlung, und wenn die antiquarische Liebe und Akribie noch so groß, die «Einfühlung» in den Stimmungsgehalt alter Tage und Situationen noch so gewandt, die zufällig angewandten Gesichtspunkte noch so geistreich wären, <hi rend="italic">nicht</hi> «Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>», sondern photographiertes und analysiertes Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/>. Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, synthetisches Kunstwerk"/> ist synthetisches Kunstwerk, Geschichte kommt von Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/>, Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> hat ein einziges und einheitliches Thema.
Wo dieses Kunstwerk, dieses Geschehen, dieses Eine nicht ursprünglich im Geschichtsschreiber ist, da ist <hi rend="italic">keine</hi> Geschichte. «Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> dürft ihr das Vergangene deuten; nur in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihr erraten, was in dem Vergangenen wissenswert und bewahrungswürdig und groß ist. Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangene<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> zu euch nieder.... Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> ist immer ein Orakelspruch: nur als Bau<pb ed="pga" xml:id="p201" break="no"/>meister der Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft"/>, als Wissende der Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> werdet ihr ihn verstehen» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>).<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-3575"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p192#fn_n17">S. 192, Anm. 17</ref>), NW, S. 184–187</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3787">NWKG, S. 289, Z.34 - S. 290, Z.5; S. 290, Z.25–30</bibl>) (<bibl corresp="kbga-bibls-3575">NW, S. 184f.</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3787">NWKG, S. 290, Z.3</bibl>: «wissens- und bewahrungswürdig»).</note> Dass in der Mannigfaltigkeit des Einen, <pb ed="A" n="123"/> Vergangenen<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Einen Vergangenen».</note> – wohlzuverstehen: in der <hi rend="italic">Mannigfaltigkeit</hi> des <hi rend="italic">Einen</hi> Vergangenen das Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> vom Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> unsres Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> Gegenwart werde, dass das Selbstgespräch des Gleichzeitigen<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/> in Vergangenheit und Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> belauscht sei und menschliche Stimme bekomme, dass das Unhistorische<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> am Ende und Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang aller Geschichte"/> aller Geschichte unübersehbar und unüberhörbar werde, das kann der «Nutzen der Historie» sein – <hi rend="italic">der</hi> Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> nämlich, die sich zuerst und vor allem, aller «Kritik»<term type="begriffe" key="Kritik"/> prinzipiell vorgängig, in der <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis"/>, in der Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit, zum Tode"/> zum Tode<note xml:id="n26"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3570"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Die Krankheit zum Tode</hi>, übersetzt von H. Gottsched, KGW 8, Jena 1911</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 11, S. 113–242</bibl>).</note> befindet. Sie sieht, indem sie versteht, und sie versteht, indem sie verkündigt. Sie schaut Geschichte, indem sie Geschichte schreibt, und sie schreibt Geschichte, indem sie Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> macht. Sie schöpft ihre Erkenntnis aus «Quellen», die erst dadurch zu Quellen werden, dass sie sie durch ihre Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, geschichtlicher Quellen"/> erschließt. Von solcher Art ist die Historie der Genesis<term type="begriffe" key="Genesishistorie"/>. Sie ist hörende und redende Historie<term type="begriffe" key="Historie"/>. Sie ist voll Gleichzeitigkeit<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/>. Sie ist des Hörens und Redens fähig, weil sie selbst in der Ohren und Lippen öffnenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> begriffen ist. Sie sieht und verbreitet Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/>, weil sie selbst darin steht. Sie bietet «unhistorische» Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, unhistorische"/> – gewiss, weil ihr gerade am Unhistorischen<term type="begriffe" key="Unhistorische"/> als dem Wesen und Gehalt alles Historischen gelegen ist, weil sie selbst vom Unhistorischen aus und auf das Unhistorische hin lebt und alles Historische nur als Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> von seinem unhistorischen Ende<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/> und Anfang kennen und bieten will. Sie sagt uns darum von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> das, «was nicht nur ihn, sondern auch uns angeht».</p>
<p><hi rend="italic">«Uns, die wir glauben an den, der Jesus unsern Herrn von den Toten erweckte – welcher dahingegeben ist wegen unsres Fallens und auferweckt wegen unsrer Rechtfertigung.»</hi> «Gleiches <hi rend="italic">durch</hi> Glei<pb ed="pga" xml:id="p202" break="no"/>ches»<note xml:id="n27"> Dass nur «Gleiches durch Gleiches erkannt wird», ist die – von <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> in dem von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im vorangehenden Abschnitt zitierten Text als Forderung wiederholte – Zusammenfassung der Erkenntnistheorie des <bibl corresp="kbga-bibls-3579"><persName ref="kbga-actors-9668">Empedokles</persName> (vgl. Fragment B 109</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1830"><persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName>, <hi rend="italic">Metaphysik</hi>, III 4, 1000b 5f.</bibl>).</note> und – Gleiches <hi rend="italic">zu</hi> Gleichem. Kein redender Mund der Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> ohne das hörende Ohr der Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/>. Das Werk der Weisheit<term type="begriffe" key="Weisheit"/> in der Genesis könnte ja auch rückgängig gemacht, das Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/>, das auf ihr liegt, wieder abgeblendet, das Nacheinander der Zeiten, das Nebeneinander der Verhältnisse, die Mannigfaltigkeit des Verschiedenen in den historischen Menschen, die an sich wirkliche und vielleicht interessante Fülle stummer Gesichte wiederhergestellt, der Beduinenhäuptling <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> könnte wieder in unendliche räumliche und zeitliche Ferne und Fremdartigkeit gerückt werden. Das Selbstgespräch des Gleichzeitigen<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/> bricht dann zunächst ab, weil die Gegenwart offenbar in der Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> keine ihrer würdige Partnerin gefunden hat – oder auch umgekehrt. Warum nicht? Die bloße Analyse<term type="begriffe" key="Historie, analytische"/> ist auch ein Weg, wenigstens in Zeiten großer Geistesarmut<term type="begriffe" key="Geist, Geistesarmut"/>. Irgend einmal <pb ed="A" n="124"/> wird ja auch sie ihre Grenze erreichen, z. B. feststellen müssen, dass <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> – unhistorisch<term type="begriffe" key="unhistorisch"/> ist, und damit steht sie selber wieder vor der gebieterischen Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> der Synthese, von der die Genesis ausgeht. Wir haben letztlich gar nicht die Möglichkeit, eine andere Art von Historie<term type="begriffe" key="Historie"/> als die der Genesis<term type="begriffe" key="Genesishistorie"/>, eine bloß analytische Historie<term type="begriffe" key="Historie, analytische"/> zu treiben, und besser wäre es, daran von vornherein zu denken. Wir <hi rend="italic">sind</hi> nun einmal in das Selbstgespräch des Gleichzeitigen<term type="begriffe" key="Gleichzeitigkeit"/> in Vergangenheit<term type="begriffe" key="Vergangenheit"/> und Gegenwart<term type="begriffe" key="Gegenwart"/> verwi­­ckelt. Die Genesis <hi rend="italic">sagt</hi> uns nun einmal von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> das, was uns angeht, auch wenn unser Bewusstsein davon sehr schwach ist, und was wir werden hören müssen, auch wenn unsere Betrachtungsweise einer solchen Gestalt eine sehr andere ist als die der Genesis. Denn «wir glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Auferweckung"/> an den, der den Herrn Jesus von den Toten erweckte». Wir <hi rend="italic">stehen</hi> schon in der Problematik, die uns die Genesis als die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> des Lebens <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> zeigt: auf der Grenze zwischen Tod und Leben, zwischen dem tiefen Gefallensein<term type="begriffe" key="Fall, des Menschen"/> des Menschen, das die Verneinung Gottes bedeutet, und der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes, die die Verneinung des Menschen bedeutet. Wir stehen mit dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> der Genesis, der noch viel «unhistorischer»<term type="begriffe" key="unhistorisch"/>, ist als die Analytiker<term type="begriffe" key="Historie, analytische"/> sich träumen lassen, vor der Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/> der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Unmöglichkeit der"/>, vor der Un<pb ed="pga" xml:id="p203" break="no"/>möglichkeit der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Unmöglichkeit der A."/>, vor der Unmöglichkeit der in Gott begründeten<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> und von Gott zu erwartenden Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/> von
Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> und Jenseits. Wir glauben – und wir wissen, dass wir hinzufügen müssen: wir wissen von unserm Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> nur das, dass er immer auch Unglaube ist. Wir wissen aber auch, dass er als Glaube, als das, was wir nicht wissen, mit dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> aller Dinge ist, der Tod<term type="begriffe" key="Tod, des T."/> unsres Todes, das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, des Nicht-Seins"/> unsres Nicht-Seins (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17</ref>). Sofern wir alle <hi rend="italic">nicht</hi> glauben, bleibt auch uns allen unter andern möglichen Möglichkeiten die der analytischen Kritik<term type="begriffe" key="Kritik, analytische"/>, die sich bewusst an <hi rend="italic">den</hi> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> hält, der uns nichts angeht noch angehen kann. Sie zu verdächtigen oder zurückbinden zu wollen, wird uns nicht einfallen. Auch sie wird ja schließlich die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, die Krankheit zum Tode<term type="begriffe" key="Krankheit, zum Tode"/>, in der wir uns befinden, nicht aufhalten können, sondern in ihrer Weise beschleunigen müssen. Sie wird ja schließlich nur bewähren können, dass der <hi rend="italic">historische</hi> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> uns wirklich nichts angeht. Und in dem Maße, als sie das wirklich tut, eröffnet sie den Ausblick auf den <hi rend="italic">unhistorischen</hi><term type="begriffe" key="unhistorisch"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> der Genesis, auf die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> der Synthese, auf die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, dass wir es alle auch wagen dürften, mit unserm Glauben zu rechnen.  </p> 
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