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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">Vorwort zur dritten Auflage</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Vorwort zur dritten Auflage, in: Der Römerbrief 1922, Juli 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 25–31.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">Vorwort zur dritten Auflage</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 25–31</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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    <head>Vorwort zur dritten Auflage</head>
    
    <p>Die dritte Auflage ist ein in allem Wesentlichen unveränderter Neudruck der zweiten<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief II"/>. Dass eines Tages die Notwendigkeit eintreten könnte, Alles noch einmal ganz anders zu sagen, das ist zu befürchten oder zu hoffen. Wir leben ja heute merkwürdig rasch. Ob das ein Zeichen des Zerfalls ist oder ein Zeichen dafür, dass wir großen geistigen Entscheidungen entgegengehen, wer will das sagen? Aber es ist so: Die Situation verschiebt sich von Tag zu Tag, das Gespräch geht weiter, man lehrt und wird belehrt, man sagt etwas und merkt, dass es so lebhaftes Echo findet, dass man es lieber nicht ein zweites Mal sagt, damit nicht das Gegenteil daraus werde vor lauter Echo, neuer nützlicher Widerspruch tritt auf den Plan und fordert neben neuem gefährlichem Beifall angemessene Berücksichtigung. «Nicht zweimal können wir in denselben Fluss hineinsteigen; denn immer zerstreut er sich und sammelt sich wieder, fließt zu und fließt ab».<note xml:id="n01"> So <bibl corresp="kbga-bibls-3489">Fragment 91 von <persName ref="kbga-actors-2037">Heraklit</persName> bei <persName ref="kbga-actors-2014">H. Diels</persName>, <hi rend="italic">Die Fragmente der Vorsokratiker</hi>, Bd. 1, Berlin (1906<hi rend="sup">2</hi>, S. 75 =) 1961<hi rend="sup">10</hi>, S. 171</bibl>: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ποταμῶι γὰρ οὐκ ἔστιν ἐμβῆναι δὶς τῶι αὐτῶι</foreign>. Vgl. auch die<bibl corresp="kbga-bibls-3489"> Fragmente 12 und 49, a.a.O., (S. 64.69 =) S. 154.161</bibl>.</note> Wie sollte ein so lebendiges und verantwortliches Unternehmen wie eine Römerbrieferklärung auf die Länge starr bleiben können? Aber für den Augenblick empfinde ich jene Notwendigkeit noch nicht und kann darum das vor einem Jahr Vorgebrachte inhaltlich nur bestätigen. Das Vorwort zur zweiten Auflage<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief II"/> habe ich mit abdrucken lassen, weil es zum Verständnis <hi rend="italic">dieses</hi> Buches nicht gut zu entbehren ist, obwohl besonders die darin enthaltene Polemik<term type="begriffe" key="Polemik"/> zu den Dingen gehört, an deren Wiederholung mir nicht gelegen ist.</p>
    <p>Das Merkwürdigste, was dem Buch seither widerfahren ist, ist wohl die Tatsache, dass es von <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> in der Hauptsache freundlich begrüßt<note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-913"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Karl Barths «Römerbrief» in zweiter Auflage</hi>, in: ChW, Jg. 36 (1922), Sp. 320–323. 330-334. 358-361. 369-373</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 119–142</bibl>. Vgl. dazu die Korrespondenz zwischen Barth<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, andere Schriften"/> und <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-1921">K. Barth - <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Briefwechsel 1911-1966</hi>, hrsg. von B. Jaspert (Gesamtausgabe, Abt.V), Zürich 1994<hi rend="sup">2</hi>, <ref type="pub" target="../volume/01/p003#p003">S. 3–10</ref></bibl>.</note> und von <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> in der Hauptsache ebenso freundlich ab<pb ed="pga" xml:id="p026" break="no"/>gelehnt worden ist<note xml:id="n03"> <bibl corresp="kbga-bibls-920"><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Karl Barths «Römerbrief»</hi>, in: Die Furche, Jg. 12 (1922), S. 228–232</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 142–147</bibl>.</note>. Ich nehme das Erste als erfreuliche Bestätigung dafür, dass die Klage über diokletianische Verfolgung<term type="begriffe" key="Verfolgung, diokletianische"/> der historisch-kritischen Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, historisch-kritische"/><note xml:id="n04"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr030#pr030">S. XXX­-XXXI</ref>.</note>, mit der es zuerst aufgenommen worden ist, nicht nötig war, das zweite als Bescheinigung dafür, dass ich auch der positiven Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, positive"/> gegenüber, der ich mich von Haus aus näher und verwandter fühle, meinen eigenen Weg gegangen bin. Von den von <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> und <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> sowie von <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName><note xml:id="n05"> <bibl corresp="kbga-bibls-3492"><persName ref="kbga-actors-1095">W. Kolfhaus</persName>, <hi rend="italic">Was sagt uns Karl Barth, «Der Römerbrief»?</hi>, in: RKZ, Jg. 72 (1922), S. 64f.</bibl></note> angemeldeten alten und neuen Bedenken und Anliegen habe ich vorläufig aufmerksam und dankbar Kenntnis genommen.</p>
    <p>Ein Punkt sei, weil er das Methodische betrifft, in Ergänzung des im zweiten Vorwort über «historische Kritik»<term type="begriffe" key="Kritik, historische"/>, «Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik, der Sache"/> der Sache», und «Biblizismus»<term type="begriffe" key="Biblizismus"/> Gesagten jetzt schon kurz besprochen. <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> hat den Einwand erhoben, ich sei ihm zu wenig radikal<term type="begriffe" key="Radikalismus"/>: die <pb ed="A" n="XX"/> Kritik von der Sache aus, von der dort die Rede war, müsste sich auch gegen gewisse Aufstellungen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst richten, weil auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst nicht immer «aus der Sache heraus» rede. «Es kommen auch andere Geister in ihm zu Worte als das <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">pneuma Christou</foreign></hi><term type="begriffe" key="pneuma Christou"/><hi rend="italic">.</hi>»<note xml:id="n06"> <bibl corresp="kbga-bibls-913"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p025#fn_n02">S. 25, Anm. 2</ref>), Sp. 373</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3572">S. 142</bibl>.</note> Gewiss will ich mit <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> nicht streiten darüber, wer von uns der Radikalere ist – aber ich muss doch wirklich noch ein wenig weiter gehen als er und sagen: Was im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Aussagen des R."/> <hi rend="italic">zu Worte</hi> kommt, das sind überhaupt nur die «andern», die von ihm angeführten jüdischen<term type="begriffe" key="jüdisch"/>, vulgärchristlichen<term type="begriffe" key="vulgärchristlich"/>, hellenistischen<term type="begriffe" key="Hellenismus"/> und sonstigen «Geister». Oder auf welche Stelle könnte man etwa den Finger legen mit der Behauptung, dass <hi rend="italic">da</hi> nun ausgerechnet das <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">pneuma Christou</foreign></hi><term type="begriffe" key="pneuma Christou"/> zu Worte komme? Oder umgekehrt gesagt: Ist der Geist Christi<term type="begriffe" key="Geist, Christi"/> etwa ein Geist, der als konkurrierend <hi rend="italic">neben andern</hi> Geistern vorgestellt werden kann? Also, schließe ich, kann es sich auf keinen Fall darum handeln, den Geist Christi<term type="begriffe" key="Geist, Christi"/>, die «Sache» in der Weise gegen die «andern Geister» auszu<pb ed="pga" xml:id="p027" break="no"/>spielen, dass im Namen jenes einige Stellen gelobt, einige andere, wo <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nicht «aus der Sache heraus» rede, abgeschätzt werden. Sondern darum handelt es sich, zu sehen und deutlich zu machen, wie der «Geist Christi»<term type="begriffe" key="Geist, Christi"/> die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> ist, in der sich das <hi rend="italic">Ganze</hi> befindet. <hi rend="italic">Alles</hi> ist <foreign xml:lang="lat">litera</foreign>, Stimme der «andern» Geister und – ob und inwiefern <hi rend="italic">Alles</hi> etwa auch im Zusammenhang der «Sache», als Stimme des <foreign xml:lang="lat">spiritus</foreign> (Christi) verstanden werden kann, das ist die Frage, mit der die <foreign xml:lang="lat">litera</foreign> studiert werden muss. Der Ausleger steht vor dem Entweder – Oder, ob er sich, selber wissend, um was es geht, in ein <hi rend="italic">Treue</hi>verhältnis<term type="begriffe" key="Treueverhältnis zum Autor"/> zu seinem Autor begeben, ihn mit der Hypothese<term type="begriffe" key="Hypothese"/> lesen will, dass auch er, mit mehr oder weniger Deutlichkeit, bis aufs letzte Wort (denn wo sollte da die Grenze gezogen werden? doch nicht durch die Aufdeckung historischer Abhängigkeitsverhältnisse?) gewusst habe, um was es geht. Er wird dann seinen Kommentar nicht <hi rend="italic">über</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, sondern, gewiss oft nicht ohne Seufzen und Kopfschütteln, so gut es geht, bis aufs letzte Wort <hi rend="italic">mit</hi> 
    <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> schreiben. Das Maß des «Geistes Christi»<term type="begriffe" key="Geist, Christi"/><note type="textcritical" n="a"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «‹Geistes, Christi›». Korrektur nach <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>.</note>, das er dabei bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wahrnimmt und anschaulich machen kann in seiner eigenen Wiedergabe, wird gewiss nicht überall gleich groß sein, sondern ein «Mehr oder Weniger». Er fühlt sich aber verantwortlich in dieser Sache. Er lässt sich nirgends gänzlich verblüffen durch die Stimme der «andern» Geister, die die Dominante des «Geistes Christi» oft fast unhörbar machen will. Er sucht den Mangel an Verständnis immer zuerst bei sich selber und nicht bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Es lässt ihm keine Ruhe, zu sehen und zu zeigen, inwiefern paradoxerweise all das Zerstreute doch im Zusammenhang der einen Sache steht, alle die «andern» Geister tatsächlich doch dem <foreign xml:lang="lat">Pneuma
    Christou</foreign><term type="begriffe" key="pneuma Christou"/> irgendwie dienstbar sind. Natür<pb ed="A" n="XXI" break="no"/>lich kann der Ausleger auch <hi rend="italic">nicht</hi> mit jener Hypothese<term type="begriffe" key="Hypothese"/> an <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> herantreten, jenes Vertrauen ihm verweigern. Vielleicht weiß er ja selbst nicht oder nicht deutlich genug, um was es in einer Schrift, wie es der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> ist, etwa gehen könnte. Oder vielleicht verzweifelt er an der Aufgabe, im Chorus der «andern» Geister, der ihm aus allen Zeilen seines Textes entgegen schallt, die Stimme jenes Wissens zu vernehmen. Er wird dann seinen Kommentar <hi rend="italic">über</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> schreiben, <hi rend="italic">mit</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> höchstens gelegentlich, wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zufällig etwas sagt, was auch ihm einleuchtet. Ihm wird <pb ed="pga" xml:id="p028"/> sich das Maß des Geistes Christi<term type="begriffe" key="Geist, Christi"/> bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, wenn er das ihm Einleuchtende überhaupt so bezeichnen will, nach dem Schema «Teils – teils» darstellen. Er steht als unverantwortlicher Zuschauer <hi rend="italic">neben</hi> dem Konglomerat von Geist und Geistern, das für ihn den Text bedeutet. Er kennt jene Unruhe um den Sinn des Textes nicht, weil er jenes Treueverhältnis<term type="begriffe" key="Treueverhältnis zum Text"/> zu ihm nicht kennt, weil er, auch wenn er bedingterweise ein Stück weit mit ihm geht, doch keinenfalls entschlossen ist, mit ihm zu stehen und zu fallen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man irgend einem Schriftsteller gerecht werden, irgend einen Schriftsteller wirklich wieder zum Reden bringen kann, wenn man jene Hypothese<term type="begriffe" key="Hypothese"/> nicht wagt, jenes Treueverhältnis<term type="begriffe" key="Treueverhältnis zum Schriftsteller"/> zu ihm nicht eingeht. Reden <hi rend="italic">über</hi> jemanden scheint mir hoffnungslos dazu verurteilt, an ihm <hi rend="italic">vorbei</hi> zu reden und sein Grab dichter zu schließen. Ich verstehe es, dass in der Verzweiflung je und je auch dieser Weg betreten werden <hi rend="italic">muss.</hi> Es gibt ja wirklich Erscheinungen genug, die uns nur ein Reden <hi rend="italic">über</hi> sie zu gestatten scheinen, wobei es sich freilich immer noch fragt, ob das Rätselhafte ihrer Rätselhaftigkeit<term type="begriffe" key="Rätsel, der Erscheinung"/> mehr auf ihrer oder mehr auf unserer, der Betrachter, Seite zu suchen ist. Was ich aber <hi rend="italic">nicht</hi> verstehen kann, das ist die Einladung, die <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> an mich richtet, Feuer und Wasser zu <hi rend="italic">vermengen, mit</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu denken und zu schreiben, also doch wohl zunächst in der ganzen Fremdsprache seiner jüdisch<term type="begriffe" key="jüdisch"/>-vulgär-christlich<term type="begriffe" key="vulgärchristlich"/>-hellenistischen<term type="begriffe" key="Hellenismus"/> Gedankenwelt, um dann plötzlich, wenn es mir etwa zu bunt wird – als widerführe mir etwas <hi rend="italic">besonders</hi> Fremdartiges, wo <hi rend="italic">Alles</hi> fremdartig ist! –, «kritisch» <hi rend="italic">über</hi> und <hi rend="italic">gegen</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu reden. Ob <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> nicht auch einsieht, dass dies, nur schon vom Standpunkte der Stilreinheit aus betrachtet, nicht geht, dass das, von mir aus gesehen, eine Geschmacksverirrung wäre, ein Rückfall in die Methode der «zeitgeschichtlichen Reste» und «ungemütlichen Punkte»<note xml:id="n07"> Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169</bibl>: «Es gibt überhaupt keinen Punkt im Denken des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der ihm ungemütlich wäre [...]. Es bleibt alles in Harmonie zwischen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und seinem Exegeten, und mit dem Heraushören des ewigen Gottesworts ist in solchem Maße ernst gemacht, daß kein noch so bescheidener zeitgeschichtlicher Rest übrig bleibt.» Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p019#p019">S. 19</ref>.</note>? Er deutet an, dass hier bei mir ein «modernes Inspirationsdogma<term type="begriffe" key="Inspirationsdogma"/>»<note xml:id="n08"> <bibl corresp="kbga-bibls-913"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p025#fn_n02">S. 25, Anm. 2</ref>), Sp. 372</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3572">S. 141</bibl>.</note> im Hintergrund stehen müsse. Worauf ich antworte, dass ich die gewisse Analogie meines Verfahrens zur <pb ed="pga" xml:id="p029"/> alten Verbalinspirationslehre<term type="begriffe" key="Verbalinspirationslehre"/> (auch <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> hat sie missbilligend festgestellt<note xml:id="n09"> <bibl corresp="kbga-bibls-920"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p026#fn_03">S. 26, Anm. 3</ref>), S. 229</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3572">S. 143</bibl>.</note>) von der ersten Auflage<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/> an
    nicht in Abrede gestellt habe. Mir scheint <pb ed="A" n="XXII"/> diese Lehre in der Form, wie etwa <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></hi> sie vorgetragen hat, mindestens sehr geistreich und erwägenswert. Inwiefern ich sie mir zu eigen mache, meine ich eben gezeigt zu haben: ich kann nicht einsehen, wie es einen Weg zum <hi rend="italic">Geist</hi> einer (irgend einer!) Schrift geben soll als den mittelst der hypothetischen Erwartung, dass ihr Geist gerade durch den <hi rend="italic">Buchstaben</hi> zu unserem Geist reden werde<term type="begriffe" key="Geist und Buchstabe"/>. Die unvermeidliche Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> des Buchstabens durch den Geist fällt damit durchaus nicht dahin. Im Gegenteil: gerade unter der Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Treueverhältnisses zum Text"/> jenes Treueverhältnisses<term type="begriffe" key="Treueverhältnis zum Text"/> zum Texte ergibt sich von selbst die Notwendigkeit, die im einzelnen Textwort gezogenen Linien stillschweigend oder ausdrücklich zu verlängern oder zu verkürzen, wo ein Stehenbleiben beim Wort<hi rend="italic">laut</hi> ein offenbares Unterdrücken dessen, was zu Worte kommen <hi rend="italic">möchte</hi> und <hi rend="italic">muss</hi>, bedeuten würde. <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> hat <hi rend="italic">diese</hi> Art Kritik meisterhaft geübt, ohne die Zucht, in die man sich dabei freilich nehmen muss, zu vernachlässigen. Der Notwendigkeit <hi rend="italic">dieser</hi> Art Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> habe auch ich mich, wie der aufmerksame Leser sofort wahrnehmen wird, nicht entzogen, hoffentlich ohne der naheliegenden Gefahr, die damit verbunden ist, allzu hemmungslos zu unterliegen. Ich habe sie aber mit Absicht nicht gegen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gerichtet und gedenke mich nicht dazu verlocken zu lassen. Das <foreign xml:lang="lat">pneuma Christou</foreign><term type="begriffe" key="pneuma Christou"/> ist kein Standpunkt, auf den man sich stellen kann, um von hier aus den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> oder wen auch immer zu schulmeistern. Es sei uns genug, uns, nicht ganz von ihm verlassen, trotz der «andern» Geister lernendlehrend neben <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu stellen, bereit geistlich Gemeintes auch geistlich aufzufassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.13">1.Kor 2,13</ref>], und bereit, zu erkennen, dass auch unsere eigene Stimme, mit der wir das Vernommene weiter geben, zunächst ganz und gar die Stimme «anderer» Geister ist. Über die Relativität aller menschlichen Worte, auch der paulinischen, denke ich mit <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> und allen Verständigen einer Meinung zu sein. Aber was bedeutet Relativität? <hi rend="italic">Frag</hi>würdigkeit? Gewiss, aber wie kann ich die, wenn das nötig ist, besser demonstrieren, als indem ich mich aus allen Kräften bemühe, ihre Frag<hi rend="italic">würdigkeit</hi> herauszuarbeiten? Ist nicht mehr als einem Leser das Problematische des Paulinismus<term type="begriffe" key="Paulinismus"/> ge<pb ed="pga" xml:id="p030" break="no"/>rade an meinem Buch klar geworden? Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Gewiss, wir müssen auch über <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">hinaus</hi>sehen lernen. Aber das erreichen wir nur dadurch, dass wir, jenes Treueverhältnis<term type="begriffe" key="Treueverhältnis zu Paulus"/> eingehend, mit rücksichtslosem Ernst uns bemühen, in ihn <hi rend="italic">hinein</hi>zu sehen.</p>
    <p>Im Blick auf den eigentümlichen Inhalt meiner zweiten Römerbrieferklärung<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief II"/> möchte ich dem Buch folgendes Geleitwort aus <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> Kommentar zu <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref> auf den Weg geben: «Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist nicht ohne den Schein eines Widerspruchs. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Grundlegung"/> ist Grundlegung, d. h. Stütze und Besitz, auf den wir unsern Fuß setzen können. Aber <pb ed="A" n="XXIII"/> Besitz welcher Dinge? Nicht vorhandener, die, weit entfernt, unter unsern Füßen zu sein, vielmehr auch die Fassungskraft unseres Geistes übersteigen. Ebenso steht es damit, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ein Beweis der nicht erscheinenden Dinge genannt wird. Denn Beweis bedeutet Aufweis der Dinge in der Erscheinung und kann sich nur auf das erstrecken, was unseren Sinnen zugänglich ist. So streiten diese zwei scheinbar gegeneinander und vereinigen sich doch aufs Beste, wenn es sich um den Glauben handelt. Der Geist Gottes<term type="begriffe" key="Geist, Gottes"/> zeigt uns eben verborgene Dinge, deren Kenntnis unseren Sinnen unzugänglich ist. Er verheißt uns ewiges Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/>, uns, den Toten<term type="begriffe" key="Tod"/>. Er redet uns von der seligen Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, selige"/>, uns, die wir von Verwesung<term type="begriffe" key="Verwesung"/> umgeben sind. Gerechte werden wir genannt, und in uns wohnt die Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>. Wir vernehmen, dass wir selig seien; inzwischen werden wir erdrückt vom unendlichen Elend. Überfluß an allen Gütern wird uns verheißen und reich sind wir nur an Hunger und Durst. Gott ruft: gleich werde er bei uns sein, und scheint taub zu sein auf all unser Geschrei. Was würde aus uns, wenn wir nicht in der <hi rend="italic">Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung"/> <hi rend="italic">stark</hi> wären, wenn unser Herz<term type="begriffe" key="Herz"/> nicht auf dem durch Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> und Geist<term type="begriffe" key="Geist, Gottes"/> erleuchteten Weg mitten durch die Finsternis<term type="begriffe" key="Finsternis"/> über die Welt hinauseilte?»<note xml:id="n10"> <bibl corresp="kbga-bibls-3493"><persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <hi rend="italic">Commentarius in epistolam ad Hebraeos</hi>, Calvini Opera 55 (= CR83), Braunschweig 1896, col. 143f.</bibl> <bibl corresp="kbga-bibls-3494"><persName ref="kbga-actors-9648">H. M. Matter</persName> machte in einer Miszelle <hi rend="italic">Angstvallig vertalen. Ook buiten den bijbel; zelfs bij Calvijn</hi>, in: De Schatkamer. Maandschrift voor den heiligen, Utrecht 1933, Nr. 10 und 11 vom
    <date when="1933-07-03">3.7.1933</date>, S. 75</bibl>, auf einen Fehler in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Übersetzung des ersten Satzes («<foreign xml:lang="lat">Nec vero gratia caret antilogiae species</foreign>») aufmerksam. Barth habe «<foreign xml:lang="lat">gratia</foreign>» irrtümlich als Nominativ statt als Ablativ gedeutet und mit «Gnade» übersetzt. Die Bedeutung des Satzes sei: «Und doch entbehrt der scheinbare Gegensatz nicht der Gefälligkeit» (Matter: «sierlijkheid»). Nach Empfang des Artikels schrieb Barth am
    <date when="1933-07-07">7.7.1933</date> <persName ref="kbga-actors-9648">Matter</persName> eine Postkarte (s. <bibl corresp="kbga-bibls-143">K. Barth, <hi rend="italic">Briefe des Jahres 1933</hi>, hrsg. von E. Busch unter Mitarbeit von B. Haase und B. Schenck, Zürich 2004, S. 282</bibl>): «Ich habe alles nachgeprüft: <hi rend="italic">Sie haben Recht.</hi> Es ist mir ganz unverständlich, wie es möglich war, daß ich damals (Juli 1922!) so flüchtig übersetzt habe.» In seinem Handexemplar der damals neuesten Ausgabe des <hi rend="italic">Römerbriefs</hi> (6. Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1933<hi rend="sup">7</hi>) strich Barth daraufhin diesen Satz. Die Streichung blieb aber in den späteren Abdrucken unberücksichtigt.</note></p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p031" rend="noPipe"/> Auch diesmal habe ich für treue Hilfe zu danken: <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> hat die Korrekturen besorgt und das Register erstellt<note xml:id="n11"> Vom zweiten Abdruck der neuen Bearbeitung (= 3. Auflage 1922) an war das Buch mit einem Bibelstellenregister («Stellennachweis») und einem sehr selektiven «Register» (der Namen und Begriffe) versehen.</note> und <persName ref="kbga-actors-521">Lukas Christ</persName> in <placeName ref="kbga-places-412">Pratteln</placeName> hat sich um die sehr nötige Glättung meines Stils an zahlreichen Stellen verdient gemacht<note xml:id="n12"> Pfarrer <persName ref="kbga-actors-521">Lukas Christ</persName> (1881–1958) in <placeName ref="kbga-places-412">Pratteln</placeName> (Kanton Basel-Landschaft), mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> befreundet. Seine Briefe an Barth, in denen er abschnittweise stilistische Verbesserungsvorschläge macht, liegen im <orgName ref="kbga-actors-8253">KBA</orgName> vor.</note>.</p>
   
     <closer>
        <dateline rend="left"><hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName></hi>,<date when="1922-07"> Juli 1922</date> </dateline>
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