<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-47004">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">Vorwort zur zweiten Auflage</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Vorwort zur zweiten Auflage, in: Der Römerbrief 1922, September 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47004 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 5–24.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47004</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">Vorwort zur zweiten Auflage</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 5–24</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">4</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1921-09">September 1921</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>chapter</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
       <body>
      <div type="paper">
        <pb ed="pga" xml:id="p005"/>
        <head>Vorwort zur zweiten Auflage</head>
        
        <p rend="right"><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">οὐδὲ ἀνῆλθον εἰς Ἱεροσόλυμα</foreign>
        <lb/>.... <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀλλὰ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν</foreign></p>
        <p rend="right"><ref type="can" subtype="bible" target="Gal.1.17">Gal. 1,17</ref></p> 
        <p/>
        <p>Im Vorwort zur ersten Auflage bezeichnete ich dieses Buch als eine <hi rend="italic">«Vorarbeit»</hi>. Wenn dieser Hinweis ebenso aufmerksam beachtet worden ist wie der fast berüchtigt gewordene Schlusssatz («Dieses Buch kann warten...»)<note xml:id="n01"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p004#p004">S. 4</ref>.</note>, so brauche ich mich heute nicht zu rechtfertigen, wenn ich das Buch in einer neuen Bearbeitung vorlege, bei der von jener ersten sozusagen kein Stein auf dem andern geblieben ist. Sie hat ihren «bestimmt umschränkten Dienst», wie ich damals zu hoffen wagte und doch fast nicht hoffen konnte, getan, Einige auf <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und auf die Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/> überhaupt aufmerksam zu machen, die es vorher so nicht waren. Sie kann heute mit ihren Vorzügen und Fehlern vom Schauplatz verschwinden. Ich habe die begonnene Arbeit fortgesetzt und lege hier ein weiteres vorläufiges Resultat vor. Die damals gewonnene Stellung wurde auf weiter vorwärts liegende Punkte verlegt und daselbst neu eingerichtet und befestigt. Sie bietet darum einen ganz andern Anblick. Für die Kontinuität zwischen hier und dort hat die Einheit des historischen Gegenstandes und der Sache selbst gesorgt und wird auch bei den Lesern dafür sorgen, wenn sie sich der Mühe unterziehen wollen, auch bei dieser zweiten «Vorarbeit» mitzuarbeiten. Denn Vorarbeit und nur das ist auch diese zweite Auflage<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief II"/>, was aber nicht die Verheißung einer dritten und vor allem und auf keinen Fall die eines endgültigen Werkes etwa bedeuten soll. <hi rend="italic">Nur</hi> Vorarbeit ist alles menschliche Werk und ein theologisches Buch mehr als jedes andre Werk! Ich sage das alles in der Hoffnung, dass diejenigen, die in meinem Römerbrief<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I und II"/> das Schreckgespenst einer neuen Orthodoxie<term type="begriffe" key="Orthodoxie"/><note xml:id="n02"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr018#pr018">S. XVIII­-XIX</ref>.</note> auftauchen sahen, mir nun nicht etwa, in völliger, aber, so wie ich <pb ed="pga" xml:id="p006"/> einen Teil des Publikums kenne, nicht unmöglicher Ver<pb ed="A" n="VII" break="no"/>kennung der Sachlage, den umgekehrten Vorwurf allzu großer Bewegungsfähigkeit machen werden.</p>
        <p>Erschöpfende Auskunft über das Verhältnis dieser zweiten zur <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Auflage</bibl> muss das Buch selber geben und zwar meistens stillschweigend. Ich verwundere mich, dass die eigentliche Schwäche der ersten Auflage von der öffentlichen Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> sozusagen gar nicht gesehen worden ist, es fällt mir aber gar nicht ein, den Lesern und besonders den Rezensenten die Formel für das, was über jene in fast vernichtender Weise hätte gesagt werden können und müssen, hier nun etwa mitzuteilen<note n="*" type="original" xml:id="s1">Unmittelbar vor Torschluss kommt mir soeben der Aufsatz von <bibl corresp="kbga-bibls-3427"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-7579">Ph. Bachmann</persName></hi> in der «Neuen kirchl. Zeitschrift» (Oktoberheft 1921)</bibl> zu Gesicht.<note xml:id="n03"> <bibl corresp="kbga-bibls-3427"><persName ref="kbga-actors-7579">Ph. Bachmann</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief verdeutscht und vergegenwärtigt. Ein Wort zu K. Barths Römerbrief</hi><term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/>, in: Neue Kirchliche Zeitschrift, Jg. 32 (1921), S. 517–547.</bibl> <persName ref="kbga-actors-7579">Bachmann</persName> schrieb z. B. S. 524f.: «An die Stelle des ‹Gott für uns› tritt ein mächtiges, lebensinniges, enthusiastisches ‹Gott in uns›. Besser noch: jenes erste geht immerfort in diesem zweiten unter. Ein wichtiger Grundgedanke des ganzen Römerbriefes tritt damit in den Schatten. Das Heilsleben ist wesentlich schöpferisch wirksame Immanenz Gottes im Menschen. Die Gerechtigkeit ist der damit geschaffene neue Zustand. Der Glaube das in ihm ruhende Verhalten der Treue, des Vertrauens, der subjektive Ausklang der empfangenen Innenwirkung.»</note> Hier sind in sehr schonungsvoller Weise Einwände aufgestellt, die ich als <hi rend="italic">richtig und wesentlich anerkennen muss. Der Herr Verfasser wird bemerken, dass sie in der Zwischenzeit auch mich beschäftigt haben.</hi></note>. Gesagt sei nur so viel, dass es hauptsächlich vier Faktoren waren, die bei der nun vollzogenen Weiterbewegung und Frontverlegung mitwirkten. <hi rend="italic">Erstens</hi> und vor allem: die fortgesetzte Beschäftigung mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Sie konnte sich zwar bei meiner Arbeitsweise nur auf einige weitere Bruchstücke der paulinischen Literatur<term type="begriffe" key="Literatur, paulinische"/> erstrecken, hat mir aber auf Schritt und Tritt neues Licht für den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> gebracht.<note xml:id="n04"> Vgl. die Predigtreihen zum Epheserbrief (<bibl corresp="kbga-bibls-3463"><hi rend="italic">Predigten 1919</hi>, hrsg. von H. Schmidt [Gesamtausgabe, Abt.I], Zürich 2003, <ref type="pub" target="../volume/39/p173#p173">S. 173–334</ref></bibl>) und zum 2. Korintherbrief (<bibl corresp="kbga-bibls-3212"><hi rend="italic">Predigten 1920</hi>, hrsg. von H. Schmidt [Gesamtausgabe, Abt.I], Zürich 2005, <ref target="../volume/42/p017#p017">S. 17–87</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/42/p143#p143">143–164</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/42/p173#p173">173–180</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/42/p190#p190">190–301</ref></bibl>) und die Diktate zum Epheserbrief 1919/20 (<bibl corresp="kbga-bibls-3464"><hi rend="italic">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes.</hi> 1919-1929, hrsg. von J.-M. Bohnet [Gesamtausgabe, Abt.II], Zürich 2009, <ref type="pub-" target="../volume/46/p003#p003">S. 3–44</ref></bibl>). </note> <hi rend="italic">Zweitens:</hi> <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>. Auf seine Warnung an alle Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> habe ich mit <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> zusammen andern<pb ed="pga" xml:id="p007" break="no"/>­orts ausführlich hingewiesen.<note xml:id="n05"> Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen</bibl>, geschrieben aus Anlass des Erscheinens von <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur</bibl>.</note> Ich habe sie zuerst auf mich selbst bezogen und dann erst gegen den Feind gekehrt. Über das Gelingen oder Nicht-Gelingen meiner in dieser zweiten Auflage des Römerbriefs versuchten Auseinandersetzung mit diesem überaus merkwürdigen und selten frommen Mann kann ich aber Urteile nur von solchen entgegennehmen, die sich darüber ausgewiesen haben, dass sie das sachliche (und wahrhaftig nicht nur biographisch-psychologische!) Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel"/>, das durch <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> ein für allemal gestellt ist, gesehen und sich um seine Lösung wenigstens bemüht haben, also z. B. <hi rend="italic">nicht</hi> von <persName ref="kbga-actors-821">Eberhard Vischer</persName><note xml:id="n06">
        Echo auf die Kritik <persName ref="kbga-actors-821">E. Vischers</persName> in dessen Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-1687"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> und die Theologen</hi>, in: KBRS, Jg. 35 (1920), S. 122–124.125–127, besonders S. 126f</bibl>.</note><note type="textcritical" xml:id="na" n="a">Im <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> vor nachträglicher Streichung: «von <persName ref="kbga-actors-821">Eberhard Vischer</persName> und auch <hi rend="italic">nicht</hi> von <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName><note xml:id="n07">Echo auf <bibl corresp="kbga-bibls-3465"><persName ref="kbga-actors-787">E. Staehelins</persName> Aufsatz <hi rend="italic">Gedanken über Urgeschichte und Kirchengeschichte im Anschluss an Franz Overbeck</hi>, in: KBRS, Jg. 36 (1921), S. 113–115.117–119</bibl>.</note></note>! <hi rend="italic">Drittens:</hi> die bessere Belehrung über die eigentliche Orientierung der Gedanken <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName> und <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName>, die ich den Schriften meines Bruders <persName ref="kbga-actors-23">Heinrich Barth</persName><note xml:id="n08"> Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3411"><persName ref="kbga-actors-23">H. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gotteserkenntnis</hi>, in: <hi rend="italic">Vorträge an der Aarauer Studentenkonferenz 1919</hi>, Basel 1919, S. 35–79</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 221–255</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1775">ders., <hi rend="italic">Die Seele in der Philosophie Platons</hi>, Tübingen 1921</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3410">ders., <hi rend="italic">Das Problem des Ursprungs in der Philosophie Platons</hi>, München 1921</bibl>.</note> zu verdanken habe, und das vermehrte Aufmerken auf das, was aus <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> und <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> für das Verständnis des neuen Testamentes<term type="begriffe" key="Neues Testament"/> zu gewinnen ist, wobei mir besonders die Winke von <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> erleuchtend gewesen sind<note xml:id="n09"> Während <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/> mit der Neubearbeitung des Römerbriefs begann, nahm <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> seinen Vortrag über <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> in Angriff, den er am
        <date when="1921-04-21">21.4.1921</date> auf der Aarauer Studentenkonferenz hielt und den er dann in überarbeiteter Fassung veröffentlichte: <bibl corresp="kbga-bibls-1842"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Dostojewski</hi>, München 1921</bibl>.</note>. <hi rend="italic">Viertens:</hi> die genaue Verfolgung der Aufnahme, die meine <bibl corresp="kbga-bibls-119">erste Auflage</bibl> gefunden hat. Ich bemerke dazu, dass mir gerade die günstigen Besprechungen, die sie gefunden hat, zur Selbstkritik dienlicher waren, als die andern, indem ich vor einigen <pb ed="A" n="VIII"/> Lobsprüchen so erschrocken bin, dass ich der Notwendigkeit, die Sache anders zu sagen und einen energischen Stellungswechsel vorzunehmen, alsbald <pb ed="pga" xml:id="p008"/> nicht mehr ausweichen konnte. – Dies alles, um die Vermutungen derer, die es nicht lassen können, überall vor allem nach dem <hi rend="italic">Hergang</hi> zu fragen, wenigstens gleich auf die rechte Spur zu leiten. Wie sollte nicht alles in der Welt auch seinen Hergang haben?</p>
        <p>Wichtiger sind mir einige grundsätzliche Dinge, die das beiden Auflagen Gemeinsame betreffen.</p>
        <p>Dieses Buch will nichts anderes sein als ein Stück des Gesprächs eines Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> mit Theologen. Ganz überflüssig <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> und <persName ref="kbga-actors-821">Eberhard Vischers</persName> triumphierende Feststellung, dass ich selber ein Theologe sei!<note xml:id="n10"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 94</bibl>: «<persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> ist ein Mann zweier Welten, es kämpfen zwei Seelen in seiner Brust. Eine, die auch weiß, daß die Auslegung [...] eine Aufgabe ist, die nur mit allen Hilfsmitteln einer weitverzweigten Wissenschaft erfüllt werden kann [...]. Und eine, für die das Verstehen eines ­Bibelbuches beschränkt ist auf die Bürger der neuen Welt, z. B. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>». - <bibl corresp="kbga-bibls-1687"><persName ref="kbga-actors-821">­E. Vischer</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p007#fn_n06">S. 7, Anm. 6</ref>), S. 126</bibl>: «Noch viel besser [...], ja geradezumeisterhaft versteht jedoch <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> diese wundervolle Theologenkunst und ist deshalb mit Recht der Mann des Tages.»</note> Ich habe nie etwas anderes zu treiben gemeint als eben <hi rend="italic">Theologie</hi><term type="begriffe" key="Theologie"/>. Es fragt sich nur, was für eine! Die Ansicht, dass es heute vor allem darauf ankomme, die Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> von sich abzuschütteln und irgend etwas jedermann Verständliches zu denken und vor allem zu sagen und zu schreiben, halte ich für eine durchaus hysterische und unbesonnene Ansicht. Meine Frage ist vielmehr die, ob es nicht am Platze wäre, dass diejenigen, die sich solchen Redens und Schreibens an jedermanns Adresse unterwinden wollen, sich zunächst einmal <hi rend="italic">unter sich</hi> über das <hi rend="italic">Thema</hi> etwas besser verständigen würden, als es heute der Fall ist. Die eilige Beschuldigung, die <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> und die Seinen hier erheben, dass dies ein Unternehmen verstockten theologischen Hochmuts sei<note xml:id="n11"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr020#pr020">S. XX­-XXI</ref>.</note>, erlaube ich mir, abzulehnen. Wem meine Frage augenblicklich wirklich müßig scheint, der ziehe in Frieden seines Weges. Wir andern sind der Meinung, dass die Frage nach dem Was? gerade in den Zeiten, wo scheinbar alles zum Rufen auf den Gassen drängt, eine wichtige Frage sei. Ich mache also kein Hehl daraus, dass es schlecht und recht Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> ist, was hier auf den Leser wartet. Sollten trotz dieser Warnung auch Nicht-Theologen nach dem Buche greifen – und ich kenne solche, die das, was darin steht, besser ver<pb ed="pga" xml:id="p009" break="no"/>stehen werden als viele Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/><note type="textcritical" n="b"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «die meisten Theologen».</note> –, so ist mir das eine große Freude; denn ich bin durchaus der Meinung, dass sein Inhalt jedermann angeht, weil seine Frage jedermanns Frage ist, ich konnte es aber auch im Gedanken an sie nicht leichter machen, als ich durfte, und einige fremdsprachliche Zitate, die durch ihre Übersetzung ihre Wucht verloren hätten, und gelegentlich einiges theologisch-philosophische Abrakadabra werden sie freundlich in Kauf nehmen müssen. Wenn ich nicht sehr irre – und hier muss ich <persName ref="kbga-actors-922">Arthur Bonus</persName> widersprechen<note xml:id="n12"><bibl corresp="kbga-bibls-3466"><persName ref="kbga-actors-922">A. Bonus</persName>, <hi rend="italic">Zur religiösen Krise</hi>, in: Kunstwart, Jg. 34 (1920/21), S. 354–356.</bibl> <persName ref="kbga-actors-922">Bonus</persName> nennt von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schriften<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, andere Schriften"/> u. a. den Römerbrief<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/> und fährt dann fort, S. 355f.: «Ich weiß nicht, ob man die Bücher Laien empfehlen kann; Theologen sollten sie lesen. Vielleicht, daß einem von ihnen die Gabe gegeben ist, ‹die Sprachen auszulegen›, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.10">1. Korinther 12,10</ref> sagt. Und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Sprache ist sehr theologisch.»</note> –, haben wir Theologen übrigens das Interesse der «Laien»<term type="begriffe" key="Laie"/> dann am meisten, wenn wir uns am wenigsten ausdrücklich und absichtlich an sie wenden, sondern einfach unsrer Sache leben, wie es jeder ehrliche Handwerker tut.</p>
        <p>
            <pb ed="A" n="IX"/><anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Einer von denen um <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName><note type="textcritical" n="c" target="fn-c" xml:id="nc"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<persName ref="kbga-actors-661">Robert Lejeune</persName>».</note> hat mich mit dem Wort des ältern <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>: «<hi rend="italic">Einfachheit</hi><term type="begriffe" key="Einfachheit"/> ist das Kennzeichen des Göttlichen<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/>!» erledigen wollen.<note xml:id="n13"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr032#pr032">S. XXXII</ref>.</note> Ich antworte darauf, dass es mir gar nicht einfällt, zu meinen, dass ich «das Göttliche» sage oder schreibe. «Das Göttliche» steht meines Wissens überhaupt nicht in Büchern. Sollte die Aufgabe wenigstens für uns, die wir nicht der ältere <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName> sind, darin bestehen, nach dem Göttlichen zu <hi rend="italic">fragen</hi>, dann steht die Einfachheit, mit der <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>man von Gott aus<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd" target="fn-d"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Gott».</note> die Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/> und noch einiges andre versteht, mit der Gott selbst sein Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> redet, nicht am Anfang, sondern am Ende unsrer Wege<term type="begriffe" key="Weg"/>. Lasst uns in dreißig Jahren weiterreden von der Einfachheit, heute aber von der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>! Einfach ist für <hi rend="italic">uns</hi> weder der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, noch die heutige Lage in der Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, heutige"/>, noch die heutige Weltlage, noch die Lage des Menschen Gott gegenüber überhaupt. Wem es in dieser Lage um die Wahrheit zu tun ist, der muss den Mut aufbringen, zunächst einmal auch <hi rend="italic">nicht</hi> einfach sein zu <pb ed="pga" xml:id="p010"/> können. Schwer und kompliziert ist das Leben der Menschen<term type="begriffe" key="Leben, des Menschen"/> heute in jeder Beziehung. Für kurzatmige Pseudo-Einfachheiten<term type="begriffe" key="Einfachheit, Pseudo-"/> werden sie uns zu allerletzt Dank wissen, wenn denn einmal vom Dank der Leute überhaupt die Rede sein soll. Ich frage mich aber ernstlich, ob der ganze Schrei nach der «Einfachheit» etwas anderes bedeutet als das an sich ja sehr verständliche, auch von den meisten Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> geteilte Verlangen nach einer direkten, nicht-paradoxen<term type="begriffe" key="Paradox, Nicht-"/>, nicht allein <hi rend="italic">glaub</hi>würdigen Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>. Ich denke an die Erfahrungen, die ich mit einem doch so ernsthaften und lauteren Mann wie <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> mache. Sage ich «schlicht und einfach» etwa: Christus ist auferstanden<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandene"/>!, dann klagt er im Namen des in seinem Heiligsten verletzten modernen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, moderner"/> über große eschatologische<term type="begriffe" key="eschatologisch"/> Sprüche und über Vergewaltigung der schweren, schweren Probleme des Denkens.<note xml:id="n14"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169</bibl>: «Karl Barth ist ja mir gegenüber mit seinem <hi rend="italic">Biblizismus</hi> im Besitz einer scheinbar beneidenswert sicheren Position. Ueber alle Anstöße des modernen Bewußtseins geht er glatt hinweg, ja er rechnet es als ein Manco des Glaubens, solche Anstöße nur zu empfinden. [...] ich wünsche ihm [scil. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>] statt Anbeter mehr kritische Leser, die [...] mit den schweren Problemen, die der Römerbrief unserem Glauben stellt, nicht so leicht fertig werden wie er.»</note> Setze ich mich aber hin, um dasselbe in der Sprache des Denkens, d. h. aber dialektisch<term type="begriffe" key="dialektisch versus einfach"/> zu sagen, dann seufzt er auf einmal im Namen der schlichten und einfachen Christen<term type="begriffe" key="Christ, einfach und schlicht"/> über die Wunderlichkeit, Geistreichigkeit und Schwierigkeit solcher Lehre.<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 168</bibl>: «Die Frage ist zuletzt, <hi rend="italic">mit welchem Verständnis des Römerbriefs uns wirklich gedient ist</hi> [...]. Das ist für mich nun keine rein wissenschaftliche Frage mehr, obschon ich das Denken daraus nicht verbannen wollte.» Nachdem er <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Auffassung von dem «objektiven Vorgang unsrer Erlösung» durch Kreuz und Auferstehung Christi angeführt hat, fährt <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>
        fort: «Ich bekenne ganz ehrlich, daß ich mit meinem einfachen Glauben da nicht nachkomme und in viel bescheideneren und nüchterneren Worten das ausdrücken muß, was mir Jesus bedeutet.»</note> Was soll ich ihm antworten? Ist es nicht offenkundig, dass ich es ihm erst dann recht machen könnte, wenn ich mich entschließen würde, die gebrochene Linie des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> aufzugeben und jenes Wohlbekannte, Handliche, Direkte, Nicht-Paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox, Nicht-"/> zu sagen, das nun einmal im Reiche der Wahrheit, dem Reich der <hi rend="italic">ganz</hi> Kindlichen und der <hi rend="italic">ganz</hi> Unkindlichen das Dritte, Ausgeschlossene ist? Gewiss, ich sehne mich auch danach, von dem, worum es im <pb ed="pga" xml:id="p011"/> Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/> geht, <hi rend="italic">einfach</hi> reden zu können. Kommt einmal Einer, der das kann, dann sei es gleich um mich geschehen; ich beharre nicht auf meinem Buch und meiner Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/>. Aber bis jetzt habe ich unter den «einfach» Redenden nur <pb ed="A" n="X"/> solche getroffen, die einfach – von etwas anderem redeten und die mich darum zu <hi rend="italic">ihrer</hi> Einfachheit nicht bekehren können.</p>
        <p>Ich wende mich nach einer andern Seite. Man hat mich einen «abgesagten Feind der <hi rend="italic">historischen Kritik»</hi><term type="begriffe" key="Kritik, historische"/> genannt.<note xml:id="n16"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr030#pr030">S. XXX­-XXXI</ref>.</note> Warum statt solcher aufgeregter Worte nicht lieber ruhig erwägen, um was es sich handelt? In der Tat, ich erhebe einen Einwand gegen die neueren Kommentare zum Römerbrief, durchaus nicht nur gegen die sog. historisch-kritischen<term type="begriffe" key="Exegese, historisch-kritische"/>, sondern auch gegen die etwa von <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName><note xml:id="n17"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Th. Zahn</persName>, <hi rend="italic">Der Brief des Paulus an die Römer</hi>, Leipzig 1910<hi rend="sup">2</hi></bibl>.</note> und <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName><note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">E. Kühl</persName>, <hi rend="italic">Der Brief des Paulus an die Römer</hi>, Leipzig 1913.</bibl></note>. Aber nicht die historische Kritik<term type="begriffe" key="Kritik, historische"/> mache ich ihnen zum Vorwurf, deren Recht und Notwendigkeit ich vielmehr noch einmal ausdrücklich anerkenne, sondern ihr Stehenbleiben bei einer Erklärung des Textes, die ich keine Erklärung nennen kann, sondern nur den ersten primitiven Versuch einer solchen, nämlich bei der Feststellung dessen, «was da steht», mittelst Übertragung und Umschreibung der griechischen Wörter und Wörtergruppen in die entsprechenden deutschen, mittelst philologisch<term type="begriffe" key="Exegese philologische"/>-archäologischer Erläuterungen<term type="begriffe" key="Exegese archäologische"/> der so gewonnenen Ergebnisse<note type="textcritical" n="e"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Ereignisse».</note> und mittelst mehr oder weniger plausibler Zusammenordnung des Einzelnen zu einem historisch-psychologischen Pragmatismus<term type="begriffe" key="Pragmatismus, historisch-psychologischer"/>. <hi rend="italic">Wie</hi> unsicher, <hi rend="italic">wie</hi> sehr auf die oft fragwürdigsten Vermutungen angewiesen die Historiker<term type="begriffe" key="Historiker"/> schon bei dieser Feststellung dessen, «was da steht», sind, das wissen <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> und <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> besser als ich. Exakte Wissenschaft ist auch dieser primitive Versuch einer Erklärung <hi rend="italic">nicht.</hi> Exakte Wissenschaft<term type="begriffe" key="Wissenschaft, exakte"/> vom Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> müsste sich genau genommen auf die Entzifferung der Handschriften und auf die Aufstellung einer Konkordanz dazu beschränken. Aber die Historiker<term type="begriffe" key="Historiker"/> wollen sich mit Recht nicht darauf beschränken; vielmehr zeigen auch <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> und <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmanns</persName> Kommentare, um von den «Positiven<term type="begriffe" key="Exegese, positive"/>»<note xml:id="n19"> Zu den «positiven», d. h. nicht-liberalen Römerbrief-Auslegern, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nennt, gehören außer den oben genannten <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> und <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName> auch die unten aufgeführten <persName ref="kbga-actors-800">Tholuck</persName>, <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-35">Beck</persName>, <persName ref="kbga-actors-133">Godet</persName>
             und <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p012"/> nicht zu reden, zahlreiche Spuren davon, dass die Autoren sogar über jenen primitiven Versuch eigentlich hinaus und dazu vordringen möchten, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu <hi rend="italic">verstehen</hi>, d. h. aufzudecken, wie das, was dasteht, nicht nur griechisch oder deutsch irgendwie nachgesprochen, sondern nach-<hi rend="italic">gedacht</hi> werden, wie es etwa <hi rend="italic">gemeint</hi> sein könnte. Und <hi rend="italic">hier</hi>, nicht bei dem selbstverständlichen Gebrauch historischer Kritik<term type="begriffe" key="Kritik, historische"/> anlässlich der Arbeit, die vorher zu tun ist, beginnt der Dissensus. Während ich den Historikern aufmerksam<term type="begriffe" key="Historiker"/> und dankbar folge, solange sie mit jenem primitiven Erklärungsversuch beschäftigt sind, während ich es auf dem Feld der Feststellung dessen, «was da steht», nie auch nur im Traume gewagt hätte, etwas anderes zu tun, als mich so gelehrten Männern wie <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>
        und ihren Vorgängern <persName ref="kbga-actors-800">Tholuck</persName><note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-3469"><persName ref="kbga-actors-800">A. Tholuck</persName>, <hi rend="italic">Auslegung des Briefes Pauli an die Römer nebst fortlaufenden Auszügen aus den exegetischen Schriften der Kirchenväter und Reformatoren</hi>, Berlin 1831<hi rend="sup">3</hi>.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-691">Meyer</persName><note xml:id="n21"> <bibl corresp="kbga-bibls-3470"><persName ref="kbga-actors-690">H. A. W. Meyer</persName>, <hi rend="italic">Der Brief an die Römer</hi> (Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Abt.4), Göttingen 1854<hi rend="sup">2</hi>.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-829">B. Weiß</persName><note xml:id="n22"> <bibl corresp="kbga-bibls-3471"><persName ref="kbga-actors-829">B. Weiß</persName>, <hi rend="italic">Der Brief an die Römer</hi> (Kritisch-exegetischer Kommentar über das neue Testament, IV. Abt.), Göttingen 1899<hi rend="sup">9</hi>.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-671">Lipsius</persName><note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-3472"><persName ref="kbga-actors-671">R. A. Lipsius</persName>, <hi rend="italic">Die Briefe an die Galater, Römer, Philipper</hi> (Hand-Commentar zum neuen Testament, Bd. II/2), Freiburg i.B. 1891.</bibl></note> einfach lauschend zu Füßen zu setzen – gerate ich immer wieder in Erstaunen über die Bescheidenheit ihrer Ansprüche, sobald ich ihre <pb ed="A" n="XI"/> Versuche, zu eigentlichem <hi rend="italic">Verstehen</hi> und <hi rend="italic">Erklären</hi> vorzudringen, betrachte. Eigentliches Verstehen und Erklären nenne ich diejenige Tätigkeit, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>
         in seinen Auslegungen mit intuitiver Sicherheit geübt, die sich <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sichtlich systematisch zum Ziel seiner Exegese gesetzt, die von den Neueren besonders <persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName><note xml:id="n24"> <bibl corresp="kbga-bibls-3473"><persName ref="kbga-actors-190">J. Chr. K. von Hofmann</persName>, <hi rend="italic">Die heilige Schrift neuen Testaments zusammen-hängend untersucht</hi>, 3. Theil: <hi rend="italic">Der Brief Pauli an die Römer</hi>, Nördlingen 1868.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName><note xml:id="n25"><bibl corresp="kbga-bibls-3475"><persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName>, <hi rend="italic">Erklärung des Briefes Pauli an die Römer</hi>, hrsg. von J. Lindenmeyer, 2 Hälften, Gütersloh 1884.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-133">Godet</persName><note xml:id="n26"><bibl corresp="kbga-bibls-3476"><persName ref="kbga-actors-133">Fr. Godet</persName>, <hi rend="italic">Commentar zu dem Brief an die Römer</hi>, deutsch bearbeitet von E. R. Wunderlich, 1. und 2. Theil, Hannover 1881/1882.</bibl></note> und <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName><note xml:id="n27"><bibl corresp="kbga-bibls-3477"><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief ausgelegt für Bibelleser</hi>, Calw/Stuttgart 1887; Stuttgart 1902<hi rend="sup">4</hi>.</bibl></note> wenigstens deutlich angestrebt haben. Man lege nun einmal z. B. <pb ed="pga" xml:id="p013"/> <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName><note xml:id="n28"> <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">A. Jülicher</persName>, <hi rend="italic">Der Brief an die Römer</hi>, in: <hi rend="italic">Die Schriften des Neuen Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt</hi>, hrsg. von J. Weiß, Bd. II: <hi rend="italic">Die Briefe. Die johanneischen Schriften</hi>, 2.Abschnitt, Göttingen 1907, S. 1–95.</bibl></note> neben <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName><note xml:id="n29"> <bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <hi rend="italic">Commentarius in Epistolam Pauli ad Romanos</hi>, Calvini Opera, Vol.49 (= CR 77), Braunschweig 1892, col.1–292.</bibl></note>. Wie energisch geht der Letztere zu Werk, seinen Text, nachdem auch er gewissenhaft festgestellt, «was da steht», <hi rend="italic">nach</hi> zu denken, d. h. sich so lange mit ihm auseinander zu setzen, bis die Mauer zwischen dem 1. und 16. Jahrhundert <hi rend="italic">transparent</hi> wird, bis Paulus dort <hi rend="italic">redet</hi> und der Mensch des 16. Jahrhunderts hier <hi rend="italic">hört</hi>, bis das Gespräch zwischen Urkunde und Leser ganz auf die <hi rend="italic">Sache</hi> (die hier und dort keine verschiedene sein <hi rend="italic">kann!</hi>) konzentriert ist. Wahrhaftig, wer die Methode <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> mit dem nachgerade abgebrauchten Sprüchlein vom «Zwang der Inspirationslehre<term type="begriffe" key="Inspirationslehre"/>»<note xml:id="n30"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr029#pr029">S. XXIX</ref>.</note> meint erledigen zu können, der beweist nur, dass er in <hi rend="italic">dieser</hi> Richtung noch nie wirklich <hi rend="italic">gearbeitet</hi> hat. Wie nahe bleibt umgekehrt <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>
         (nur beispielsweise nenne ich gerade ihn!) den nach wie vor unverstandenen Runenzeichen des Wortlautes, wie schnell ist er bereit, dieses und jenes durch forschendes Überlegen des Sinnes kaum berührte exegetische Rohmaterial als singuläre Ansicht und Lehre des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hinzustellen, wie schnell bereit, ihn mittelst einiger weniger denn doch etwas zu banaler Kategorien des eigenen religiösen Denkens<term type="begriffe" key="Denken, religiöses"/> (Gefühl<term type="begriffe" key="Gefühl"/>, Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, Gewissen<term type="begriffe" key="Gewisssen"/>, Überzeugung<term type="begriffe" key="Überzeugung"/> etwa) da und dort durchaus schon verstanden und erklärt zu <hi rend="italic">haben</hi>, wie schnell bereit aber auch, sich, wenn dies nicht im Handumdrehen gelingt, mit einem kühnen Tellssprung<note xml:id="n31"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-846"> <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 4. Aufzug, 1. Szene, V.2219–2271.</bibl></note> aus dem paulinischen Schiff zu retten und die Verantwortlichkeit für den Sinn des Textes der «Persönlichkeit» des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dem angeblich das Unglaublichste erklärenden «Damaskuserlebnis<term type="begriffe" key="Damaskuserlebnis"/>», dem Spätjudentum<term type="begriffe" key="Spätjudentum"/>, dem Hellenismus<term type="begriffe" key="Hellenismus"/>, der Antike<term type="begriffe" key="Antike"/> überhaupt und einigen andern Halbgöttern zu überlassen<note xml:id="n32"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr025#pr025">S. XXV</ref>.</note>. Die «positiv» gerichteten Exegeten<term type="begriffe" key="Exegese, positive"/> sind insofern glücklicher daran als ihre «liberalen» Kollegen<term type="begriffe" key="Exegese, liberale"/>, als die mehr oder weniger kräftige Orthodoxie<term type="begriffe" key="Orthodoxie"/> oder sonstige historisch gebundene<note type="textcritical" n="f"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «gebundenere».</note> Christlichkeit<term type="begriffe" key="Christlichkeit, historische"/>, auf die sie sich zurückzuziehen pflegen, eine im<pb ed="pga" xml:id="p014" break="no"/>merhin etwas stattlichere Tellsplatte<note xml:id="n33"> Die in den See vorspringende Felsenplatte, auf die <persName ref="kbga-actors-2125">Tell</persName> sprang; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846"><hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, V.2253f.2259</bibl>.</note> ist als die kulturprotestantische Gewissensreligion<term type="begriffe" key="Gewissensreligion, kulturprotestantische"/>. Grundsätzlich genommen bedeutet das doch nur, dass der Mangel an zähem Verstehen- und Erklärenwollen bei ihnen etwas besser verdeckt ist. Dem gegenüber meine ich nun, dass jener erste primitive Umschreibungsversuch und was dazu gehört nur den Ausgangspunkt bilden dürfte zu einem mit allen Hebeln und Brechwerkzeugen einer ebenso unerbittlichen wie elastischen dialektischen  <pb ed="A" n="XII"/> Bewegung zu leistenden <hi rend="italic">sachlichen</hi> Bearbeiten des Textes. <hi rend="italic">Kritischer</hi> müssten mir die Historisch-Kritischen<term type="begriffe" key="Exegese, historisch-kritische"/> sein! Denn wie «das, was <hi rend="italic">da</hi>steht», zu <hi rend="italic">ver</hi>stehen ist, das ist nicht durch eine gelegentlich eingestreute, von irgend einem zufälligen Standpunkt des Exegeten bestimmte <hi rend="italic">Wertung</hi> der Wörter und Wortgruppen des Textes auszumachen, sondern allein durch ein <hi rend="italic">tunlichst</hi> lockeres und williges Eingehen auf die innere Spannung der vom Text mit mehr oder weniger Deutlichkeit dargebotenen Begriffe. <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κρίνειν</foreign> heißt für mich einer historischen Urkunde gegenüber: das Messen aller in ihr enthaltenen Wörter und Wörtergruppen an der Sache, von der sie, wenn nicht alles täuscht, offenbar reden, das Zurückbeziehen aller in ihr gegebenen Antworten auf die ihnen unverkennbar gegenüberstehenden Fragen und dieser wieder auf die eine alle Fragen in sich enthaltende Kardinalfrage, das Deuten alles dessen, was sie sagt, im Lichte dessen, was allein gesagt werden <hi rend="italic">kann</hi> und darum auch tatsächlich allein gesagt <hi rend="italic">wird.</hi> Tunlichst wenig darf übrig bleiben von jenen Blöcken bloß historischer, bloß gegebener, bloß zufälliger Begrifflichkeiten, tunlichst weitgehend muss die Beziehung der Wörter auf das Wort in den Wörtern aufgedeckt werden. Bis zu dem Punkt muss ich als Verstehender vorstoßen, wo ich nahezu nur noch vor dem Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel, der Sache"/> der <hi rend="italic">Sache</hi>, nahezu nicht mehr vor dem Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel, der Urkunde"/> der <hi rend="italic">Urkunde</hi> als solcher stehe, wo ich es also nahezu vergesse, dass ich nicht der Autor bin, wo ich ihn
        nahezu so gut verstanden habe, dass ich ihn in meinem Namen reden lassen und selber in seinem Namen reden kann. Ich weiß, dass diese Sätze mir wieder schwere Rügen eintragen werden, aber ich kann mir nicht helfen, was nennt man denn «Verstehen»<term type="begriffe" key="Verstehen und Erklären"/> und «Erklären» – ob sich wohl <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> z. B. diese Frage je überhaupt <pb ed="pga" xml:id="p015"/> ernstlich gestellt hat?<note xml:id="n34"> Vgl. die Erinnerung <bibl corresp="kbga-bibls-3480">K. Alands in seiner Einleitung zu <hi rend="italic">Glanz und Niedergang der deutschen Universität. 50 Jahre deutscher Wissenschaftsgeschichte in Briefen an und von Hans Lietzmann (1892–1942)</hi>, Berlin/New York 1979, S. 34</bibl>: «Als <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> einmal [1924] in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> war, besuchte er eine Vorlesungsstunde <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmanns</persName> über den Römerbrief. Nach deren Ende sprach er <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> an (der von der Teilnahme <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am Kolleg vorher nichts gewußt hatte), und dieser konnte ihm erklären: ‹Sie sehen also, Herr <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, daß ich im Kolleg sehr viel mehr zu sagen habe, als in meinem Kommentar steht› – und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> stimmte dem zu, was <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> nicht ohne Genugtuung zu erzählen wußte.» <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName> betrachtete seine Kommentare als Material für den einzelnen Leser, an einer eigenen Auslegung zu arbeiten. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schilderung dieser Begegnung, über die er «wirklich froh» war, in seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
        <date when="1924-11-26">26.11.1924</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th.II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p287#p287">S. 287f.</ref></bibl></note> –, wenn man in dieser Richtung wenigstens sich Mühe zu geben (mehr kann ich ja auch nicht) kaum die geringste Anstalt trifft, vielmehr darin, dass man sich hier, bei so viel erstaunlichem Fleiß in anderer Richtung, <hi rend="italic">keine</hi> Mühe gibt, sondern mit dem Dürftigsten zufrieden ist, den Triumph der wahren Wissenschaftlichkeit sieht? Oder wissen denn diese von mir wahrhaftig als Historiker<term type="begriffe" key="Historiker"/> respektierten Gelehrten gar nichts davon, dass es eine Sache, eine Kardinalfrage, ein Wort in den Wörtern gibt? Dass es Texte gibt, z. B. die des neuen Testamentes<term type="begriffe" key="Neues Testament"/>, die zum <hi rend="italic">Reden</hi> zu bringen, koste es, was es wolle, eine letzte und tiefste Kulturangelegenheit, um es einmal so zu nennen, ist? Dass ihnen durch die kirchliche Zukunft ihrer Studenten wahrhaftig nicht nur eine praktische, sondern eine höchst sachliche Frage gestellt ist? Ich weiß, was es heißt, jahraus, jahrein den Gang auf die Kanzel<term type="begriffe" key="Predigt"/> unternehmen zu müssen, verstehen und erklären sollend und wollend und doch nicht könnend, weil <pb ed="A" n="XIII"/> man uns auf der Universität ungefähr nichts als die berühmte «Ehrfurcht vor der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Ehrfurcht vor der"/>»<note xml:id="n35">Diese Grundhaltung wird klassisch verkörpert von <bibl corresp="kbga-bibls-3451"><persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Was hat die Historie an fester Erkenntnis zur Deutung des Weltgeschehens zu bieten?</hi>, Vortrag auf der Aarauer Studentenkonferenz vom 15.-
        <date when="1920-04-17">17.4.1920</date>, in: <hi rend="italic">Aarauer Studentenkonferenz 1920</hi>, Basel 1920, S. 47–72</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3452">ders., <hi rend="italic">Erforschtes und Erlebtes</hi>, Reden und Aufsätze, Neue Folge, Bd. 4, Gießen 1923, S. 171–195</bibl>.</note> beigebracht hatte, die trotz des schönen Ausdrucks einfach den Verzicht auf jedes ernsthafte ehrfürchtige Verstehen und Erklären<term type="begriffe" key="Verstehen und Erklären"/> bedeutet? Meinen die Historiker<term type="begriffe" key="Historiker"/> denn wirklich, damit hätten sie ihre Pflicht gegenüber der menschlichen Ge<pb ed="pga" xml:id="p016" break="no"/>sellschaft erfüllt, dass sie <foreign xml:lang="lat">re bene gesta</foreign> im fünften Band – <persName ref="kbga-actors-296">Niebergall</persName> das Wort erteilen<note xml:id="n36"> Als <bibl corresp="kbga-bibls-3482">5. Band des seit 1907 von <persName ref="kbga-actors-248">H. Lietzmann</persName> herausgegebenen Kommentarwerks <hi rend="italic">Handbuch zum Neuen Testament</hi> schrieb der Heidelberger (später Marburger) Praktische Theologe <persName ref="kbga-actors-296">Fr. Niebergall</persName> (1866–1932) eine <hi rend="italic">Praktische Auslegung des Neuen Testaments für Prediger und Religionslehrer</hi> in zwei Teilen, Tübingen 1909 (1914<hi rend="sup">2</hi>)</bibl>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3193#p235">S. 235</ref>.</bibl></note>? Ja wohl, aus der Not meiner Aufgabe als Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> bin ich dazu gekommen, es mit dem Verstehen- und Erklärenwollen<term type="begriffe" key="Verstehen und Erklären"/> der Bibel schärfer zu nehmen, aber kann man denn im Lager der zünftigen Neutestamentler wirklich meinen, dies sei nun eben die Sache der «praktischen Theologie»<term type="begriffe" key="Theologie, praktische"/>, wie es <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> mir gegenüber wieder mit der alten unerhörten Sicherheit ausgesprochen hat<note xml:id="n37"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 88f</bibl>.</note>? Ich bin kein «Pneumatiker»<term type="begriffe" key="Pneumatiker"/>, wie er mich betitelt hat<note xml:id="n38"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-111"> <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 95</bibl>, über <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName>, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName>: «So sehr verschieden untereinander diese Männer denken und fühlen, das ist ihnen gemeinsam, daß sie für unsre Gegengründe unempfänglich sind: wann hätte ein Pneumatiker sich von einem Psychiker oder gar Hyliker belehren lassen? Sie brauchen auch für sich nicht weiter Zeugnis.»</note>. Ich bin kein «abgesagter Feind der historischen Kritik»<term type="begriffe" key="Kritik, historische"/><note xml:id="n39"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr030#pr030">S. XXX-XXXI</ref>.</note>. Ich weiß, dass das Problem nicht einfach ist. Aber erst wenn das Letztere auch von der Gegenseite eingesehen ist und darum etwas bußfertiger darüber geredet wird, kann über die mir nicht unbewussten Schwierigkeiten und Gefahren dessen, was <hi rend="italic">ich kritische</hi> Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, kritische"/> nenne, und ihre tunliche Vermeidung eine Verständigung in Aussicht genommen werden. Vorher nicht.</p>
        <p>Aber was meine ich, wenn ich<note type="textcritical" n="g"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">ich</hi>»</note> die <hi rend="italic">innere Dialektik</hi><term type="begriffe" key="Dialektik, der Sache"/> <hi rend="italic">der Sache</hi> und ihre Erkenntnis im Wortlaut des Textes den entscheidenden Faktor des Verständnisses und der Erklärung nenne? Man sagt mir (ein schweizerischer Rezensent hat dies in besonders plumper Weise gesagt), damit könne natürlich nur mein «System<term type="begriffe" key="System"/>» gemeint sein<note xml:id="n40"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr027#pr027">S. XXVII­-XXVIII</ref>.</note>. Der Verdacht, hier werde mehr ein- als ausgelegt, ist ja wirklich das Naheliegendste, was man über meinen ganzen Versuch sagen kann. Ich habe dazu folgendes zu bemerken: Wenn ich ein «System» habe, so <pb ed="pga" xml:id="p017"/> besteht es darin, dass ich das, was <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> den «unendlichen qualitativen Unterschied» von Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit und Ewigkeit"/> genannt hat<note xml:id="n41"> <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 126</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 143</bibl>), s. unten<ref type="pub" target="../volume/47/p138#p138"> S. 138</ref>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1052">a.a.O., S. 114</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 132</bibl>): «Der einzelne Mensch oder ein einzelner Mensch zu sein (in gewissem Sinne gleichgültig, ob es ein vornehmer oder geringer ist), ist der größtmögliche, der unendlich qualitative Abstand vom Gottsein, und darum das tiefste Inkognito.» Eine Sammlung von Stellen, an denen der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierte Ausdruck in mehreren Abwandlungen vorkommt, bei <bibl corresp="kbga-bibls-3481">E. Brinkschmidt, <hi rend="italic">Sören Kierkegaard</hi> <hi rend="italic">und Karl Barth</hi>, Neukirchen-Vluyn 1971, S. 105</bibl>.</note>, in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst beharrlich im Auge behalte. «Gott ist im Himmel und du auf Erden» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.5.1">Pred. 5,1</ref>]. Die Beziehung <hi rend="italic">dieses</hi> Gottes zu <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, die Beziehung <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen zu <hi rend="italic">diesem</hi> Gott ist für mich das Thema der Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/> und die Summe der Philosophie<term type="begriffe" key="Philosophie"/> in Einem. Die Philosophen<term type="begriffe" key="Philosoph"/> nennen diese Krisis des menschlichen Erkennens<term type="begriffe" key="Krisis, der Erkenntnis"/> den Ursprung<note xml:id="n42"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr009#pr009">S. IX</ref>.</note>. Die Bibel sieht an diesem Kreuzweg Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>. Trete ich nun an einen Text wie den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> heran, so tue ich das unter der vorläufigen Voraussetzung, dass dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bei der Bildung seiner Begriffe die ebenso schlichte wie unermessliche Bedeutung jener Beziehung mindestens ebenso scharf vor Augen gestanden sei wie mir, wenn ich mich jetzt des aufmerksamen Nachdenkens<note type="textcritical" n="h"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Nach-Denkens».</note> seiner Begriffe befleißige, gerade wie ein anderer Exeget<term type="begriffe" key="Exegese, pragmatische"/> mit gewissen vorläufigen <pb ed="A" n="XIV"/> Voraussetzungen mehr pragmatischer Art, z. B. mit der Annahme, der Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Annahme an den R."/> sei wirklich von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> im 1. Jahrhundert geschrieben, an den Text herantritt. Ob sich solche Voraussetzungen bewähren, das kann sich wie alle Voraussetzungen nur im Akt, d. h. in diesem Fall in der genauen Untersuchung und Überlegung des Textes von Vers zu Vers zeigen, und selbstverständlich kann es sich bei dieser Bewährung immer nur um eine <hi rend="italic">relative</hi>, mehr oder weniger gewisse Bewährung handeln, und dieser Regel ist natürlich auch meine Voraussetzung unterworfen. Setze ich nun vorläufig voraus, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> habe im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/> wirklich von Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> geredet und nicht von irgend etwas anderem, so ist das zunächst eine Annahme so gut oder so schlecht wie irgend eine von den vorläufigen Annahmen der Historiker. Die Aus<pb ed="pga" xml:id="p018" break="no"/>legung allein kann darüber entscheiden, ob und wie weit es mir gelingt, meine Annahme durchzuführen. Ist sie falsch, hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wirklich von etwas anderem geredet als von der permanenten Krisis von Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Krisis, von Zeit und Ewigkeit"/>, nun, dann werde ich mich ja im Verlauf seines Textes selbst ad absurdum führen. Sollte man mich
        freilich weiterfragen, mit welchem Grund ich gerade mit dieser Annahme an den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Annahme an den R."/> herantrete, so würde<note type="textcritical" n="i"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «müsste».</note> ich mit der Gegenfrage antworten, ob denn ein ernster Mensch etwa mit einer andern Annahme an einen nicht zum vornherein keines Ernstes würdigen Text herantreten könne als mit der Annahme, dass – Gott Gott ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>?<note xml:id="n43"> In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar findet sich zu diesem Satz als Randbemerkung: «Nein: <hi rend="italic">Kirche!</hi> <date when="1923-11-17">17.XI 23</date>».</note> Und sollte man beharrlich dabei bleiben, darüber zu klagen, wie sehr ich dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> mit dieser Annahme Gewalt antue, so müsste ich die Gegenklage erheben, <hi rend="italic">das</hi> heiße dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Gewalt antun, wenn man ihn scheinbar von Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>, in Wirklichkeit von einem wahrhaft anthroposophischen<term type="begriffe" key="Anthroposophie"/> Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> von absoluten Relativitäten und relativen Absolutheiten reden lässt, gerade von dem Chaos, für das er in allen seinen Briefen nur Ausdrücke des grimmigsten Abscheus übrig gehabt hat. Ich habe, auch wenn ich durchaus nicht meine, alles befriedigend erklärt zu haben, keinen Anlass gefunden, von meiner Annahme abzugehen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> weiß nun einmal etwas von Gott<term type="begriffe" key="Wissen, um Gott"/>, was wir in der Regel nicht wissen, aber durchaus auch wissen könnten. Dass ich weiß, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dies weiß, das ist mein «System», meine «dogmatische Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, dogmatische"/>», mein «Alexandrinismus<term type="begriffe" key="Alexandrinismus"/>»<note xml:id="n44"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr029#pr029">S. XXIX­-XXX</ref>.</note>, und wie man das immer zu nennen belieben mag. Ich habe gefunden, dass man dabei auch <hi rend="italic">historisch-</hi>kritisch<term type="begriffe" key="historisch-kritisch"/> betrachtet, verhältnismäßig am besten fährt. Denn die modernen Paulusbilder<term type="begriffe" key="Paulusbild, modernes"/> sind mir und einigen Andern auch <hi rend="italic">historisch</hi> durchaus nicht mehr glaubwürdig. – Die zahlreichen Anspielungen auf gegenwärtige Erscheinungen und Probleme haben <hi rend="italic">nur</hi> die Bedeutung von Erläuterungen. Meine Absicht war nicht, dies und das zur Lage zu sagen, <pb ed="A" n="XV"/> sondern den Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Verständnis des R."/> zu verstehen und zu erklären. Es hängt mit meinem Auslegungsgrundsatz zusammen, dass ich nicht einsehen kann, wieso die zeitgeschichtlichen Parallelen<term type="begriffe" key="Exegese, zeitgeschichtliche Parallelen"/>, die <pb ed="pga" xml:id="p019"/> in andern Kommentaren ungefähr alles sind, zu diesem Zweck an sich lehrreicher sein sollen als die Vorgänge, deren Zeugen wir selber sind.</p>
        <p>Und nun hat man diese meine Stellung zum Text <hi rend="italic">Biblizismus</hi><term type="begriffe" key="Biblizismus"/> genannt, lobend die einen, tadelnd die andern<note xml:id="n45"> Siehe z. B. «tadelnd» <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, <choice><sic ed="pga">S. 64</sic><corr type="misprint" resp="sm">S. 164</corr></choice>.168f.</bibl> (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p010#fn_n14">S. 10, Anm. 14</ref>), und «lobend» <bibl corresp="kbga-bibls-3435"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> S. 78–87</bibl></note>. Ich kann auch dieses Gleichnis, das nicht ich gemacht, annehmen, unter der Bedingung, dass man mir erlaubt, es selbst zu deuten. «Es gibt überhaupt keinen Punkt im Denken des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der ihm ungemütlich wäre... kein noch so bescheidener zeitgeschichtlicher Rest bleibt übrig», schreibt <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> mit einer gewissen Erbitterung und zählt dann auf, was alles als «ungemütliche Punkte» und «zeitgeschichtliche Reste» hätte «übrig bleiben» sollen, nämlich: die paulinische «Geringschätzung» des irdischen Lebenswerks Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, irdisches Lebenswerk"/>, Christus als Gottes Sohn<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/>, die Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> durch das Blut Christi, Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> und <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, der paulinische Schriftbeweis<term type="begriffe" key="Schriftbeweis, paulinischer"/>, der sog. «Taufsakramentalismus<term type="begriffe" key="Taufsakramentalismus"/>», die doppelte Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/> und die Stellung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zur Obrigkeit<note xml:id="n46"> <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169.</bibl></note>. Man stelle sich nun einen Römerbriefkommentar vor, in dem diese kleinen acht Punkte unerklärt, d. h. als «ungemütliche Punkte» erklärt unter einem Rankenwerk von zeitgeschichtlichen Parallelen<term type="begriffe" key="Exegese, zeitgeschichtliche Parallelen"/> «übrig bleiben»! Was soll da der Name «Kommentar»? Gegenüber diesem gemütlichen Liegenlassen des Ungemütlichen besteht nun also mein Biblizismus<term type="begriffe" key="Biblizismus"/> darin, dass ich über diese «Anstöße des modernen Bewußtseins<term type="begriffe" key="Bewusstsein, modernes"/>»<note xml:id="n47"> <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169.</bibl></note> so lange nachgedacht habe, bis ich z.T. gerade in ihnen die ausgezeichnetsten Einsichten zu entdecken meinte, z.T. jedenfalls verhältnismäßig erklärend davon reden konnte. Wie weit ich sie richtig erklärt habe, das ist eine Frage für sich; nach wie vor schwer erklärliche Stellen gibt es auch für mich im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/>;<note type="textcritical" n="j">Im <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> vor nachträglicher Streichung: «Römerbrief, es sind hauptsächlich die Stellen, die das persönliche konkrete Verhältnis des Apostels zu der römischen Gemeinde betreffen, die mir auch diesmal nicht recht lebendig geworden sind;».</note> ich könnte sogar noch weitergehen und <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> das Zugeständnis machen, dass meine Rechnung genau genommen in keinem einzigen Vers etwa glatt aufgeht, dass ich (und der aufmerksame Leser sicher mit mir) überall mehr oder weniger deut<pb ed="pga" xml:id="p020" break="no"/>lich im Hintergrunde noch einen unverstandenen und unerklärten «Rest» wittre, der auf Verarbeitung wartet. Aber auf <hi rend="italic">Verarbeitung</hi> ­wartet, – nicht darauf, dass man ihn «übrig» lässt:<note type="textcritical" xml:id="nk" n="k">Im <ref corresp="C">Druckmanuskript</ref> vor nachträglicher Streichung: «lässt: wie ein ungezogenes Kind seine Suppe!».</note> Dass unerklärte historische Brocken an sich die Siegel der wahren Forschung sein sollen, das ist’s, was mir, dem sog. «Biblizisten»<term type="begriffe" key="Biblizismus"/> und Alexandriner, nicht in den Kopf will. Im übrigen verhehle ich nicht, dass ich meine «biblizistische» Methode, deren Formel einfach lautet: Besinn dich! auch auf <persName ref="kbga-actors-1109">Lao-Tse</persName> oder <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> anwenden würde, wenn es meines Amtes wäre, <persName ref="kbga-actors-1109">Lao-Tse</persName> oder <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> zu erklären, und dass ich andrerseits bei einigen andern biblischen Schriften <pb ed="A" n="XVI"/> etwas Mühe haben würde, sie anzuwenden. Genau genommen dürfte der ganze «Biblizismus»<term type="begriffe" key="Biblizismus"/>, den man
        mir nachweisen kann, darin bestehen, dass ich das Vorurteil habe, die Bibel<term type="begriffe" key="Bibel, ein gutes Buch"/> sei ein gutes Buch und es lohne sich, wenn man ihre Gedanken mindestens ebenso ernst nimmt wie seine eigenen.</p>
        <p>Was nun den <hi rend="italic">Inhalt</hi> meiner vorliegenden Römerbrieferklärung<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/> betrifft, so gebe ich zu, dass es mir jetzt wie vor drei Jahren mehr um das <hi rend="italic">wirkliche</hi> als um das sog. <hi rend="italic">ganze</hi> Evangelium zu tun war, weil ich keinen Weg zum <hi rend="italic">ganzen</hi> Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium"/> sehe als den über das Erfassen des <hi rend="italic">wirklichen</hi>, das sich noch keinem von allen Seiten zugleich gezeigt hat. Das übliche arbeitslose Reden und Schreiben vom ganzen Evangelium, das Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/> und Hoffnung<term type="begriffe" key="Glaube, Liebe(,Hoffnung)"/>, Himmel<term type="begriffe" key="Himmel"/>, Erde und Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> in schöner Proportion gleichmäßig umfasst, halte ich für wenig erbaulich.<note xml:id="n48"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr033#pr033">S. XXXIII</ref>.</note> Ich  klage niemanden an, der im Namen des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> etwas anderes sagen will als das, was hier gesagt ist; ich würde ihn höchstens fragen, wie er wohl damit an dem, was hier gesagt ist, vorbeikommt. An der Grenze der Häresie<term type="begriffe" key="Häresie"/> hat sich der Paulinismus<term type="begriffe" key="Paulinismus"/><note xml:id="n49"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 97</bibl>, wo <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> kritisch von «<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Paulinismus» spricht. Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p673#fn_n97">S. 673, Anm. 97</ref>.</note> immer befunden, und man muss sich nur wundern darüber, was für absolut harmlose und unanstößige Bücher die meisten Römerbriefkommentare und andere Paulusbücher sind. Warum nur? Wahrscheinlich darum, weil darin die «ungemütlichen Punkte» nach <persName ref="kbga-actors-420">Wernles</persName> Rezept behan<pb ed="pga" xml:id="p021" break="no"/>delt worden sind. Die theologischen Kinder, ich meine natürlich die Studenten, möchte ich diesmal, <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> zuvorkommend, selbst ermahnen, das Buch sehr vorsichtig zu lesen, nicht zu schnell, nicht ohne mein Vorgehen am griechischen Text und an andern Kommentaren zu kontrollieren, und bitte, lieber nicht «begeistert»<note xml:id="n50"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr008#pr008">S. XIII</ref>.</note>: Es handelt sich um ernste und in prägnantem Sinn kritische Arbeit, die hier zu tun ist. <persName ref="kbga-actors-283">K. Müller-Erlangen</persName> hat mit Recht gesagt, dass das Buch auf unreife Geister sehr fatal wirken könnte.<note xml:id="n51"> <bibl corresp="kbga-bibls-3414">A.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr013#fn_n10">S. XIII, Anm. 10</ref>), S. 105</bibl>: «Freilich kann die rücksichtslose Entschiedenheit, mit welcher die Relativität aller ‹vorletzten Dinge› aufgedeckt wird, auch gefährlich wirken [...]. Unter den Thessalonichern begannen manche ‹unordentlich› zu wandeln, weil sie den Tag des Herrn bereits gegenwärtig glaubten. Hat nicht die Verachtung aller Politik, die sich im Verfolg <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>’scher Gedanken bei unreifen Geistern einstellen kann, etwas von diesem Zug?»</note> Wer mich deshalb anklagen möchte, möge erwägen, ob man nicht mit dem Gefährlichen am Christentum<term type="begriffe" key="Christentum, Gefährlichkeit"/> noch immer auch sein Licht unter den Scheffel gestellt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref> par.], ob <persName ref="kbga-actors-780">Spengler</persName> nicht recht haben könnte, wenn er sagt, dass wir in ein «eisernes Zeitalter<term type="begriffe" key="Zeitalter, eisernes"/>» einzutreten im Begriffe seien<note xml:id="n52">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3450"><persName ref="kbga-actors-780">O. Spengler</persName>, <hi rend="italic">Pessimismus?</hi>, in: Preußische Jahrbücher. Berliner Monatsschrift für Politik, Geschichte und Literatur, Bd. 184, Berlin 1921, S. 73–84, dort S. 84</bibl>.</note>, und ob es in diesem Fall zu vermeiden ist, dass auch die Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> und die Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/> das zu spüren bekommen?</p>
        <p>Als ich mitten in der Arbeit war, erschien <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Buch über <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName></hi>.<note xml:id="n53"> <bibl corresp="kbga-bibls-1703"><persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Marcion</hi>. <hi rend="italic">Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche</hi>, Leipzig 1921.</bibl></note> Wer es kennt und in meinem Buch auch nur blättert, wird gleich wissen, warum ich es erwähnen muss. Gewisse frappante Parallelen machten auch mich, als ich die ersten Rezensionen jenes Werkes zu Gesicht bekam, stutzig. Ich möchte aber bitten, hier und dort genau zuzusehen und mich nicht zu rasch als Marcioniten zu loben <pb ed="A" n="XVII"/> oder zu tadeln. Es stimmt nun einmal gerade in den entscheidenden Punkten nicht<note type="textcritical" n="l"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: <hi rend="italic">«nicht»</hi>.</note>. <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> hat mich freilich schon vor dem Er<pb ed="pga" xml:id="p022" break="no"/>scheinen von <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Buch zu <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> gestellt<note xml:id="n54"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 95.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> selbst zu – <persName ref="kbga-actors-704">Thomas Münzer</persName><note xml:id="n55"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3484"><persName ref="kbga-actors-686">C. Mennicke</persName>, <hi rend="italic">Auseinandersetzung mit Karl Barth</hi>, in: Blätter für religiösen Sozialismus, Jg. 1 (1920), S. 5–8, dort S. 7</bibl>: «Es ist nicht zufällig, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich, wie mir <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> nach seinen Eindrücken von der Aarauer Konferenz erzählte, auf den Quietismus zubewegt. (‹Er ist der ganze <persName ref="kbga-actors-704">Thomas Münzer</persName>.›)».</note>, und <persName ref="kbga-actors-646">Walther Köhler</persName>, wenn ich nicht irre, zu <persName ref="kbga-actors-773">Kaspar Schwenkfeld</persName><note xml:id="n56"> <bibl corresp="kbga-bibls-1802">Justinus (Pseudonym für <persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName>), <hi rend="italic">Zur religiösen Lage der Gegenwart</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 141 (1920), Nr. 1708 vom
        <date when="1920-10-17">17.10.1920</date> und Nr. 1732 vom
        <date when="1920-10-21">21.10.1920</date></bibl>. Im zweiten Teil heißt es: «bei <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> [...] werden <persName ref="kbga-actors-851">Zündel</persName>, <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfeld</persName> und die alten Mystiker lebendig».</note>. Vielleicht dürfte bei diesem Anlass die Frage aufzuwerfen sein, ob dieses bei den theologischen Historikern so beliebte Austeilen von alten und uralten Ketzerhüten<term type="begriffe" key="Ketzerhut"/> stattfinden dürfte, bevor sie sich jeweilen unter sich besser geeinigt haben? Man wird es mir als dem diesmal Betroffenen zugute halten, wenn ich mich darüber wundere, wie verschieden die Nominationen der drei Forscher ausgefallen sind.</p>
        <p>Ein Wort noch über eine Einzelheit. Der Übersetzung von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> mit <hi rend="italic">«Treue Gottes»</hi><term type="begriffe" key="Treue, Gottes"/> ist eine Wichtigkeit beigemessen worden, die sie für mich jedenfalls nicht hatte. <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> hat ja sogar gemeint, um dieser Sache willen habe ich jene «Entdeckerfreude»<term type="begriffe" key="Entdeckerfreude"/> empfunden, von der mein erstes Vorwort etwas romantisch redete.<note xml:id="n57"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 92.</bibl></note> Vor allem ist nun einzugestehen, dass <persName ref="kbga-actors-665">Rudolf Liechtenhan</persName> der geistige Vater dieser Neuerung ist. Er hat mich s.Z. brieflich auf die Möglichkeit dieser Übersetzung aufmerksam gemacht und ist unterdessen auch öffentlich dafür eingetreten.<note xml:id="n58"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr016#pr016">S. XVI­-XVII</ref>.</note> Auf den allgemeinen Protest hin habe ich die Zahl der Stellen, an denen ich diese Übersetzung vorziehe, etwas beschränkt (in unangenehmer Häufung wird sie ihren Gegnern nur noch im 3. Kap. begegnen) und kann im übrigen nur beteuern, dass ich mit ihr lediglich auf das Schillern des Begriffs hinweisen will, was offenbar durch die gewohnte monotone Wiedergabe mit «Glaube»<term type="begriffe" key="Glaube"/> so wenig geschieht, wie es geschehen würde, wenn ich das gelegentliche «Treue»<term type="begriffe" key="Treue"/> pedantisch verallgemeinern würde. Dass der Begriff tatsächlich schillert, wird man mir angesichts von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.3">Röm. 3,3</ref>, angesichts der <pb ed="pga" xml:id="p023"/> bekannten Variante zu <ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.4">Hab. 2,4</ref> LXX und angesichts der analogen Situation bei den verwandten Begriffen <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀγάπη</foreign>, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γνῶσις</foreign>, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐλπίς</foreign>, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">χάρις</foreign>, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">δικαιοσύνη</foreign>, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εἰρήνη</foreign> u. a. kaum abstreiten wollen oder können.</p>
        <p>Eine <hi rend="italic">Literaturbemerkung</hi> beizufügen, habe ich diesmal aus verschiedenen Gründen unterlassen. Richtig zu stellen ist, dass die in der ersten Auflage<term type="begriffe" key="Barth(, Karl), Schriften von,, Römerbrief I"/> erwähnte Römerbrieferklärung von <persName ref="kbga-actors-3717">C. H. Rieger</persName> (1726–1791) in seinen «Betrachtungen über das N. T. 1828» merkwürdigerweise vom 3. Kap. an wörtlich übereinstimmt mit der 1851 edierten Erklärung von <persName ref="kbga-actors-9647">Fr. Chr. Steinhofer</persName> (1706–1761).<note xml:id="n59"><bibl corresp="kbga-bibls-3485"><persName ref="kbga-actors-3717">C. H. Rieger</persName>, <hi rend="italic">Betrachtungen über das Neue Testament, zum Wachsthum in der Gnade und Erkenntniß unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi.</hi> Nach seinem Tode herausgegeben [von C. A. Dann], II. Theil, Tübingen 1828</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3487"><hi rend="italic">Erklärung der Epistel Pauli an die Römer.</hi> 
            Von <persName ref="kbga-actors-9647">M. Friedrich Christoph Steinhofer</persName>, weil. Dekan und Stadtpfarrer in Weinsberg. Mit einem Vorwort von Dr. <persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName>, Professor der Theologie in Tübingen, Stuttgart 1851.</bibl></note> Das Plagiat kann jedenfalls nicht zu Lasten des würdigen <persName ref="kbga-actors-3717">Rieger</persName> selbst fallen. Vielleicht vermag ein württembergischer Spezialist Licht in diese dunkle Sache zu bringen. – Über die <hi rend="italic">textkritischen Anmerkungen</hi>, die <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> in seinem Eifer, mich in die sanften Auen der praktischen Theologie<term type="begriffe" key="Theologie, praktische"/> zu verweisen, überhaupt <pb ed="A" n="XVIII"/> weggewünscht hat<note xml:id="n60"> <bibl corresp="kbga-bibls-111"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, S. 91</bibl>: «Diese gelehrten Anmerkungen hätten [...] fortfallen sollen, weil sie in diesem Werk stilwidrig sind und nichts Neues bieten.»</note>, ist zu sagen, dass ich sie da angebracht habe, wo ich vom Text von <persName ref="kbga-actors-707">Nestle</persName><note xml:id="n61"><bibl corresp="kbga-bibls-2736">E. Nestle, <hi rend="italic">Novum Testamentum Graece cum apparatu critico ex editionibus et libris manu scriptis collecto</hi>, Stuttgart 1912<hi rend="sup">9</hi> (1916<hi rend="sup">10</hi>, 1920<hi rend="sup">11</hi>)</bibl>.</note>, den ich in den Händen der meisten theologischen Leser voraussetzte<note type="textcritical" n="m"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «voraussetze».</note>, abweichen zu müssen glaubte. In Dinge, die ich notorisch nicht beherrsche, meine ich nirgends hineingeredet zu haben. Kurz zu begründen, warum ich an z.T. nicht unwichtigen Stellen anders lese, konnte ich darum, bereit eines besseren belehrt zu werden, doch nicht ganz unterlassen.</p>
        <p>Gewissen <hi rend="italic">Rezensenten</hi> würde ich, wenn ich könnte, dringend nahelegen, zu beachten, dass es diesmal noch gefährlicher ist als das erste Mal, rasch und sicher irgend etwas Entzücktes oder Unwirsches über das Buch zu schreiben, würde ihnen raten, zu überlegen, <hi rend="italic">was</hi> es be<pb ed="pga" xml:id="p024" break="no"/>deutet, hier mit Ja <hi rend="italic">oder</hi> Nein<term type="begriffe" key="Ja, Ja/Nein"/> zu antworten, was es aber auch bedeutet, hier mit einem freundlichen Gemisch von Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein zu antworten. Aber es steht nicht in meiner Macht, ihnen dies so zuzurufen, dass sie hören müssen.</p>
        <p>Es bleibt mir noch übrig, meinen Freunden <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName><note xml:id="n62"> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> war von 1920 bis 1927 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-77">St. Gallen-Bruggen</placeName>.</note>, <persName ref="kbga-actors-316">Rudolf Pestalozzi</persName> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName><note xml:id="n63"> <persName ref="kbga-actors-316">Rudolf Pestalozzi</persName> (1882–1961) war seit 1912 mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befreundet. Er war Besitzer einer Eisenhandelsfirma in Zürich.</note> und <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName><note xml:id="n64"> <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName>, dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Februar 1920 persönlich begegnete, war seit 1918 Pfarrer und Studienrat in München.</note> zu danken für ihre treue Mitwirkung bei der Korrekturarbeit. Der Erstgenannte hat aber auch das ganze im Entstehen begriffene Manuskript gelesen, begutachtet, und sich durch Einschaltung zahlreicher vertiefender, erläuternder und verschärfender Korollarien, die ich meist fast unverändert übernommen habe, in sehr selbstloser Weise ein verborgenes Denkmal gesetzt. Kein Spezialist wird dahinter kommen, wo in unserer auch hier bewährten Arbeitsgemeinschaft die Gedanken des einen anfangen, die des andern aufhören. – Die Vollendung dieser zweiten Auflage des Römerbriefs fällt zeitlich zusammen mit meinem Abschied von der Gemeinde <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName><term type="begriffe" key="Safenwil"/>. Meine Gemeindegenossen haben in den letzten Jahren ihren Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> oft nur in seiner Studierstube gehabt und auch sonst allerlei Beunruhigendes mit ihm erlebt, was mit seiner Römerbriefforschung eng zusammenhing. Die wenigstens teilweise recht verständnisvolle Duldung, mit der sie diesen Zustand ertragen haben, verdient es, dass ich auch ihrer hier dankbar gedenke. Keiner von den Freunden dieses Buches, der selber Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> ist, soll leicht daran tragen, dass er es nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Gemeinde<term type="begriffe" key="Gemeinde"/> nicht – leicht machen kann. – Diese Freunde alle, die bekannten und die unbekannten, die alten und die neuen, die Schweizer und die Deutschen in der einen Bedrängnis aller ihrer so verschiedenen Wege zu grüßen, ist mir im Augenblick, wo ich selber einen weiten Weg hinter mir und einen andern noch weitern vor mir habe, ein Bedürfnis und eine Freude. </p> 
        <closer>
        <dateline rend="left"><anchor type="note" xml:id="fn-n"/><hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, <date when="1921-09">September 1921</date><note type="textcritical" n="n" xml:id="nn" target="fn-n">Zusatz im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>).</note></dateline>
    </closer> 
           
  
</div>
</body>
</text>
</TEI>
