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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="formal">Vorwort</title>
        <title type="content">Vorwort</title>
        <title type="citation_line_1">Kooi, Cornelis van der, Tolstaja, Katja: Vorwort, in: Der Römerbrief 1922, November 2010</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47001 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. IX–XXXVIII.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">Vorwort: Vorwort</title>
          <author ref="kbga-actors-6654">Kooi, Cornelis van der</author>
          <author ref="kbga-actors-10192">Tolstaja, Katja</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. IX–XXXVIII</biblScope>
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<head>VORWORT</head> 
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<head><hi rend="italic">I. Ein epochemachendes Werk</hi></head>

<p><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> zweite Ausgabe seines Kommentars zum Römerbrief des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi> (im Folgenden: <hi rend="italic">Römerbrief</hi>), erschien, auf das Jahr 1922 datiert, kurz vor Weihnachten 1921. Die Auslegung ist ein epochemachendes Werk. Der Kommentar kann nicht nur als Ouvertüre der westlichen Theologie des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen werden, die im Gegensatz zur liberalen, historistischen Theologie und Exegese sich als dialektische Theologie formierte und den weiten Horizont der offenbarungstheologisch-hermeneutischen Reflexion des Gottesgedankens eröffnete, sondern ist gleichzeitig auch hellsichtiger Vorbote großflächigerer Entwicklungen während dieser Periode.</p>
<p> Auf kulturellem Gebiet signalisiert dieses in allerlei Hinsichten merkwürdige Buch die Suche nach einem neuen Verhältnis zwischen europäischer Kultur und christlichem Gottesglauben. Es erscheint in einer Zeit, in der die Selbstverständlichkeit eines allumfassenden religiösen und weltanschaulichen Rahmens zusehends schrumpft und der religiöse Horizont zurückweicht oder dem Wort <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName> zufolge weggewischt wird.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-3408"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Die fröhliche Wissenschaft</hi> (1882), NWKG, 5. Abt., Bd. 2, Berlin / New York 1973, S. 159, Z.4f.</bibl>: «Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?»</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verabschiedet sich nicht vom Gottesglauben als solchem. Dass der Mensch Gott begegnet, mitten im Leben, als seinem Ursprung<note xml:id="n02"> 
    Dieser Begriff erscheint schon in der Konfirmationspredigt von 1913 <bibl corresp="kbga-bibls-2337">­(<persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Predigten 1913</hi>, hrsg. von N. Barth und G. Sauter [Gesamtausgabe, Abt.I], Zürich 1994, <ref type="pub-" target="../volume/08/p136#p136">S. 136</ref></bibl>; 
    s. weiter <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p125#p125">S. 125</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/18/p258#p258">258</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/18/p366#p366">366f.</ref></bibl>;
    <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl>, Register). Er gewinnt aber erst jetzt für <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> im Zusammenhang mit der Philosophie seines Bruders <persName ref="kbga-actors-23">Heinrich Barth</persName> zentrale Bedeutung als transzendentaler Beziehungspunkt aller Gotteserkenntnis. 
    Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3410"><persName ref="kbga-actors-23">H. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das Problem des Ursprungs in der Philosophie Platons</hi>, München 1921</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3411">ders., <hi rend="italic">Gotteserkenntnis</hi>, in: <hi rend="italic">Vorträge an der Aarauer Studentenkonferenz 1919</hi>, Basel 1919, S. 35–79</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 221–255</bibl>. Der Zusammenhang mit dem Marburger Neukantianismus (<persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName> und <persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>) und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Neuakzentuierung des Begriffs werden herausgearbeitet bei <bibl corresp="kbga-bibls-3409">J. Fr. Lohmann, <hi rend="italic">Karl Barth und der Neukantianismus. Die Rezeption des Neukantianismus im «Römerbrief» und ihre Bedeutung für die weitere Ausarbeitung der Theologie Karl Barths</hi>, Berlin / New York 1995</bibl>.</note>, ist ein Gedanke, der höchst intensiv ver<pb ed="pga" xml:id="pr010" break="no"/>folgt wird. 
    Dem Leser wird aber mit Vehemenz eingeschärft, dass diesem Gottesglauben die alten Anknüpfungspunkte und Brückenverbindungen fehlen, die den Bund zwischen europäischer Kultur und Christentum viele Jahrhunderte lang geprägt hatten. Während im Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts Christentum und westliche Kultur noch weitgehend miteinander identifiziert wurden und christliche Werte als Zement und Ferment der Gesellschaft galten, unterscheidet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nun zwischen Offenbarung und Christentum. <hi rend="italic">Christentum</hi> ist eine kulturelle Erscheinung, eine Summe von Handlungen, Überzeugungen und Gewohnheiten, die der menschlichen Existenz Form und dem Zusammenleben Struktur geben. Demgegenüber muss <hi rend="italic">Gottes Offenbarung</hi> von diesen kulturellen Ausformungen unterschieden werden. Im Glauben geht es um die Konfrontation mit Gott als Kategorie einer gänzlich anderen Ordnung. Gott kommt nun expressionistisch und paradox zugespitzt zur Sprache als etwas erschütternd Unbegreifliches und Unbekanntes, das gefährlich nahe kommt: Gott ist die «absolute Krisis […] für die Welt des Menschen, 
    der Zeit und der Dinge».<note xml:id="n03">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p112#p112">S. 112</ref>.</note></p>
<p>Diese Voranstellung der Offenbarung war schon kennzeichnend für die erste Kommentierung von 1919 (im Folgenden: <bibl corresp="kbga-bibls-119"><hi rend="italic">Römerbrief I</hi></bibl>). Neu in der zweiten Bearbeitung ist die Betonung der Nicht-Identität oder, anders formuliert, des Andersseins Gottes. Gott als der Andere, der einbricht und nicht domestizierbar ist, steht für Gnade, ein letztendliches Ja, das dem Menschen angekündigt wird, aber nie zum Besitz wird: «Immer ist Gott dem Menschen jenseitig, neu, fern, fremd, überlegen, nie in seinem Bereich, nie in seinem Besitz».<note xml:id="n04">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p167#p167">S. 167</ref>.</note> Das sind die Klänge, die in der zweiten Ausgabe des Römerbriefes in all ihrer Schrillheit und Klarheit zu hören sind. Sie bilden den Auftakt für eine Theologie, die – vor allem in ihrer breiten Entfaltung in der <hi rend="italic">Kirchlichen Dogmatik</hi> – im strengen Sinn als Offenbarungstheologie verstanden sein wollte. Christlicher Glaube und Hoffnung für die Welt finden ihren Grund nirgendwo anders als im Wort Gottes.</p> 
</div> 

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     <pb ed="pga" xml:id="pr011"/>
     
     <head><hi rend="italic">II. Im Dialog</hi></head>
   
<p>Die Ausgabe von 1922 ist, obwohl der bekannteste, dennoch nicht der erste Kommentar von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, der die Suche nach einer Neuorientierung markiert. Das Buch ist die in der kurzen Zeitspanne von etwa elf Monaten verfasste<note xml:id="n05">Siehe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Briefe an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1920-10-27">27.10.1920</date> und
<date when="1921-09-27">27.9.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3371#p435">S. 435f</ref>.<ref type="pub" target="3446#p520">520</ref></bibl>. Laut Eintragungen in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <ref type="kba-objects-id" target="91490">Kalender</ref> begann die Arbeit am
<date when="1920-10-25">25.10.1920</date> und wurde am
<date when="1921-09-22">22.9.1921</date> beendet.</note> Bearbeitung des 1919 erschienenen ersten Kommentars (<bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zählt eine Reihe von Faktoren auf, die ihn zu einer grundlegenden Revision gebracht haben: die weitergehende Beschäftigung mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>; die Lektüre <persName ref="kbga-actors-312">Overbecks</persName>; eine bessere Einsicht in die Gedankenwelt <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName> und <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName>, die er seinem Bruder <persName ref="kbga-actors-23">Heinrich Barth</persName> verdankt, und der Einfluss <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName> und <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName>. Als vierten Faktor führt er die allzu günstigen Besprechungen an, die die erste Kommentierung teilweise gefunden hatte.</p>
<p> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> war ein Denker, der sich im Dialog mit anderen entwickelte. In seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1920-10-27">27.10.1920</date> erzählt er von einem Besuch <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogartens</persName>, den er als «hocherfreulich» empfunden hatte. Dieser Besuch wurde – für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst überraschend – sozusagen zum Katalysator der Entscheidung zu einer umfassenden Neubearbeitung: «Und nun eine seltsame und erschre­­ckende Nachricht: Als <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> […] fort war, fing plötzlich der <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief</bibl> an, sich zu häuten, d. h. ich bekam die Erleuchtung, daß er so wie er jetzt ist, unmöglich einfach abgedruckt werden darf, sondern an Haupt und Gliedern reformiert werden muß.» Die erste Auflage kommt ihm jetzt als «schloddrig, überladen, schwammig» vor, und er befürchtet, dass eine unveränderte Neuauflage «dieses noch viel zu sehr auf Hurra! gestimmte[n] Buch[es]» «fortgesetzt zu Mißverständnissen und Irrungen Anlaß gibt».<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p435#p435">S. 435f.</ref></bibl></note> Die Wirkung der ersten Fassung, die Missverständnisse, die sie auslöste, und die Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> haben ihn also zu einer gründlichen Bearbeitung aufgefordert. Er hat die sich stellenden Probleme teilweise in dem neuen Vorwort und vor allem mit dem neuen Text selbst zu beantworten versucht. Es <pb ed="pga" xml:id="pr012"/> ist daher theologiehistorisch nützlich, die Respondenten, mit denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Text implizit oder explizit im Gespräch ist, auch zu Wort kommen zu lassen.</p>
<p> Die erste Ausgabe des <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbriefs</bibl> rief viele Reaktionen und Rezensionen hervor, von denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst etwa 45 gesammelt hat. Manche dieser Reaktionen stehen im Hintergrund, nicht nur im Vorwort zur Neuausgabe von 1922, sondern einmal sogar in der Auslegung eines ganzen Kapitels, wie im Fall eines Aufsatzes von <persName ref="kbga-actors-282">A. D. Müller</persName>.<note xml:id="n07">Vgl. unten <ref target="../volume/47/p571#fn_n01">S. 571, Anm. 1</ref>.</note> In den Anmerkungen der Herausgeber werden <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bezugnahmen dokumentiert, soweit sie erschließbar waren. Damit der Anmerkungsapparat vor allem zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vorwort zur Neuauflage von 1922 nicht zu sehr strapaziert wird, werden wir einigen Begriffen und Urteilen, die in den Reaktionen eine auffallende Rolle spielen, in dieser Einleitung Raum geben (1–6). Obwohl es nicht Gegenstand dieser Edition sein kann, das Verhältnis des zweiten zum <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Römerbrief</bibl> inhaltlich zu klären, und das Verhältnis nur in einigen besonderen Fällen in den Anmerkungen berührt werden kann<note xml:id="n08">Wir haben dabei von der Arbeit des Herausgebers des <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Römerbriefes</bibl> <persName ref="kbga-actors-3929">Hermann Schmidt</persName> dankbar Gebrauch gemacht.</note>, bietet sich anlässlich der Reaktionen auf den ersten Römerbrief die Gelegenheit, einiges dazu zu sagen. Manchmal konzentriert sich die Diskussion ja auf die Wirkung der ersten Fassung, manchmal auf bestimmte Begriffe, mit denen die Theologie <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> charakterisiert wurde, wie «neue Orthodoxie» und «Intellektualismus». <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Haltung der wissenschaftlichen Theologie gegenüber wird Gegenstand der Kritik oder auch seine vermeintliche Arroganz. Im Anschluss behandeln wir einige Probleme im Zusammenhang mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Zitationsverfahren (III) und die Rolle von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> beim Zustandekommen des Römerbriefes (IV).</p> 

<p rend="asHead"><hi rend="italic">1. Theologische Reaktionen</hi></p> 
<p> «<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief</bibl> schlug gleich bei seinem ersten Erscheinen […] wie eine Bombe auf dem Spielplatz der Theologen ein, in seinen Wirkungen etwa vergleichbar der Antimodernisten-Enzyklika des Pap<pb ed="pga" xml:id="pr013" break="no"/>stes <persName ref="kbga-actors-1391">Pius X.</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-3406">Pascendi</bibl> vom 7. September 1907.»<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-3412"><persName ref="kbga-actors-858">K. Adam</persName>, <hi rend="italic">Die Theologie der Krisis</hi>, in: Hochland 23/II (1925/26), S. 271–286, dort S. 276f.</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3413">ders., <hi rend="italic">Gesammelte Aufsätze zur Dogmengeschichte und Theologie der Gegenwart</hi>, Augsburg 1936, S. 319–337, dort S. 325</bibl>.</note> Diese berühmt gewordene Beschreibung <persName ref="kbga-actors-858">K. Adams</persName> wird auch durch andere Quellen bestätigt. Eine direkte lebhafte Beschreibung der Wirkung des <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Römerbriefes</bibl> liefert etwa <persName ref="kbga-actors-283">K. Müller</persName> (1863–1935), Professor für reformierte Theologie in Erlangen: «Selten hat ein Buch in der theologischen Studentenschaft so durchschlagend gewirkt, wie die Auslegung des Römerbriefs [...]. Als es am Schluß des Wintersemesters 1920/21 bekannt wurde, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am nächsten Tage einige Stunden in meinem Hause weilen werde, erschienen nicht weniger als 28 Personen ohne Einladung, zu einer Zeit, da die Mehrzahl der Studenten bereits abgereist war. Es gibt <hi rend="italic">eine Barth-Gemeinde unter unserer theologischen Jugend</hi>, insbesondere unter solchen männlichen und weiblichen Studierenden, die von modernem Geist angehaucht sind und etwas noch Tieferes suchen.»<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-3414"><persName ref="kbga-actors-283">K. Müller</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth’s Römerbrief</hi>, in: RKZ, Jg. 71 (1921), S. 103–105, dort S. 103</bibl>. Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p021#p021">S. 21</ref>.</note></p>
<p> Jedoch fand nicht jeder <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Theologie innovativ. Einen auffallenden Kontrast zur Schilderung <persName ref="kbga-actors-283">K. Müllers</persName> bildet die Kritik an <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Theologie, welche <persName ref="kbga-actors-155">Adolf von Harnack</persName> bei der Sonderversammlung der <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-4183">Freunde der Christlichen Welt</orgName></hi> in <placeName ref="kbga-places-195">Eisenach</placeName> am
<date when="1921-10-03">3.10.1921</date> ausgesprochen hat. <persName ref="kbga-actors-329">Martin Rade</persName> hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem Brief vom
<date when="1921-10-13">13.10.1921</date> von <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Kritik berichtet, zu einem Zeitpunkt, als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an seinem «Vorwort zur zweiten Auflage» arbeitete: «Das Schärfste gegen Dich sagte in der Diskussion <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>. [...] Er sagte: ich finde seine [<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>] Ansichten ‹übermütig, widerspruchsvoll, veraltet und unreif – <hi rend="italic">da sie das nicht sind</hi>, werde ich das bei Seite schieben›.» Obwohl <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Äusserungen nicht ganz deutlich sind, ist die kritische Distanzierung <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gegenüber völlig klar.<note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-966"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> – <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Ein Briefwechsel</hi>, hrsg. von Chr. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 161.</bibl> Dem Protokoll zufolge lautete der Nachsatz <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> (S. 162, Anm. 3): «Da sie jedenfalls mehr sind, will ich darüber nicht reden.»</note></p>
<p> <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysens</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName> vom
<date when="1921-10-28">28.10.1921</date> wirft ein Licht auf die Rezeption dieser Kritik: «Ich war gerade mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> <pb ed="pga" xml:id="pr014"/> zusammen in <placeName ref="kbga-places-99">Oberrieden</placeName>», als ein Brief von <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> kam, «der – um allem Gerede vorzubeugen – die einigen ohnmächtigen Injurien <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf dieser Tagung protokollarisch getreu wiedergab. Aus <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> redet offenbar in kräftiger Zusammenfassung das ganze Empfinden der abtretenden Generation uns gegenüber. Und weil es immerhin <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName></hi> ist, der sich da zum Sprecher macht, ist ersichtlich, wie stark angegriffen diese Leute sich fühlen (Ihnen gegenüber wurde <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName></hi> vorgeschickt!), aber auch, dass sie sich aufs äusserste wehren wollen und werden.»<note xml:id="n12"><bibl corresp="kbga-bibls-3415">H. G. Göckeritz (Hrsg.), <hi rend="italic">Friedrich Gogartens Briefwechsel mit Karl Barth, Eduard Thurneysen und Emil Brunner</hi>, Tübingen 2009, S. 309f.</bibl></note></p>
<p>Es waren vor allem die inhaltlichen Missverständnisse und Irrungen, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen Schrecken einjagten.<note xml:id="n13">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p007#p007">S. 7</ref>.</note> In verschiedenen Rezensionen und Betrachtungen über die aktuelle religiöse Situation wird <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit dem <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> zu seinem Entsetzen in eine Reihe mit Schriftstellern und Erneuerern durchaus anderer Orientierung gestellt. In einem Aufsatz von <persName ref="kbga-actors-9632">H. Pöhlmann</persName> wird <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem Atemzug mit <persName ref="kbga-actors-791">R. Steiner</persName>, <persName ref="kbga-actors-780">O. Spengler</persName> und <persName ref="kbga-actors-220">H. Keyserling</persName> genannt.<note xml:id="n14"><bibl corresp="kbga-bibls-3416"><persName ref="kbga-actors-9632">H. Pöhlmann</persName>, <hi rend="italic">Blühers Christus</hi>, in: ChW, Jg. 35 (1921), Sp. 564–566, dort Sp. 564.</bibl></note> In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar der <orgName ref="kbga-actors-7676">ChW</orgName> steht neben dieser Zeile ein doppeltes Ausrufzeichen und neben dem Satz: «Historie gilt ihm [scil. <persName ref="kbga-actors-5231">Blüher</persName>] nichts neben Epos und Mythus, vergleiche <persName ref="kbga-actors-791">Steiner</persName>, und doch auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>»: «O weh!»<note xml:id="n15"><bibl corresp="kbga-bibls-3416">A.a.O., Sp. 565.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-9633">R. Planck</persName> nennt <persName ref="kbga-actors-791">Steiner</persName>, <persName ref="kbga-actors-740">Walther Rathenau</persName>, <persName ref="kbga-actors-780">Spengler</persName> und <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName> als Namen von Männern, welche um die geistige Führung Deutschlands konkurrieren, und fährt fort: Dass <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName> «endlich in <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> einen ebenbürtigen Weggenossen gefunden hat, das gönnen wir ihm, und es freut uns von Herzen für unser Volk, wenn wieder einmal zwei solche Kerle einig geworden sind.»<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-3417"><persName ref="kbga-actors-9633">R. Planck</persName>, <hi rend="italic">Der Streit um die Führer</hi>, in: ChW, Jg. 35 (1921), Sp. 569–575, dort Sp. 570.</bibl> Vgl. ferner <bibl corresp="kbga-bibls-1833"><persName ref="kbga-actors-6561">A. Albers</persName>, <hi rend="italic">Johannes Müller und Karl Barth – was sie uns heute sind</hi>, in: ChW, Jg. 35 (1921), Sp. 498–501</bibl>.</note> Neben diesem Passus steht in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar: «sic!»</p> 

   
<p rend="asHead"> <pb ed="pga" xml:id="pr015" rend="noPipe"/><hi rend="italic">2. «Dieses Buch kann warten»</hi></p> 
<p>In den elf Monaten nach seinem Brief vom
<date when="1920-10-27">27.10.1920</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Kommentar so gründlich um, dass er in Widerspruch zu seinem eigenen «berüchtigt gewordenen Schlusssatz ‹Dieses Buch kann warten ...›» zu geraten scheint. Am Anfang des Vorwortes zur neuen Ausgabe kommt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann auch direkt auf diesen Schlusssatz des Vorwortes zur <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Auflage</bibl> zurück.<note xml:id="n17">Siehe unten <ref target="../volume/47/p005#p005">S. 5</ref>.</note> Er hatte viel Aufsehen erregt. So schreibt <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>: «Am Schlußsatz seines Vorworts, ‹sein Buch habe Zeit zu warten, der Römerbrief selbst wartet ja auch›, habe nicht ich allein Anstoß genommen. Ich hoffe, der Römerbrief stehe doch nicht ganz auf derselben Stufe wie sein neuer Kommentar, und wir werden vom Wort des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> leben, wenn alle unsre Bemühungen um sein Verständnis werden mit Recht vergessen sein.»<note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169</bibl>. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName> von
<date when="1919-10-24">24.10.1919</date>, abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p638#p638">S. 638–646</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/16/p645#p645">S. 645f</ref></bibl>.</note> Eine Reaktion auf diesen «Vorwort»-Schlusssatz kam auch vom Berner Münsterpfarrer und Professor für Neues Testament <persName ref="kbga-actors-590">W. Hadorn</persName>: «Es ist ein starkes und gewaltiges Buch, dessen Wirkungen sich vielleicht erst in der Folgezeit recht kundtun werden. Der Verfasser spricht diese Erwartung auch in kühnem zuversichtlichen Vertrauen aus: sein Buch könne warten, der Römerbrief warte ja auch.»<note xml:id="n19"><bibl corresp="kbga-bibls-3419"><persName ref="kbga-actors-590">W. Hadorn</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi>, in: Berner Tagblatt, Jg. 32 (1920), Nr. 33 vom
24.1.1920</bibl>.</note></p>
<p> Die Koryphäe der historisch-kritischen Bibelwissenschaft, der Marburger Professor <persName ref="kbga-actors-210">A. Jülicher</persName>, hat sich dazu in seiner Besprechung sogar zweimal geäußert: «ich wünsche dem Buche <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> viele Leser, die jenes anspruchsvolle Vorwort einstweilen überschlagen», und: «Wie stark doch auch einer der entschlossensten Vertreter des Neuen trotz alles Entdeckerwillens abhängig bleibt von dem, was vor ihm da war, offenbart <bibl corresp="kbga-bibls-119"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> Römerbrief</bibl>. Der Römerbrief braucht nicht zu warten.»<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-918"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, Sp. 454 und Sp. 469</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-111">S. 88 und S. 98</bibl>.</note></p>
<p> Denselben Schlusssatz kommentiert Pfarrer <persName ref="kbga-actors-8405">W. Wuhrmann</persName> unverhohlen spöttisch: «<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schreibt im Vorwort, sein Buch habe Zeit zu <pb ed="pga" xml:id="pr016"/> warten, der Römerbrief selbst warte ja auch. Nun, es ist ja heutzutage dafür gesorgt, daß unsere Bücher warten können, unsere öffentlichen Bibliotheken gewähren jedem gern ein Warteplätzchen; und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verleger hat auch bei der Wahl des Papiers auf eine lange Wartezeit Bedacht genommen.»<note xml:id="n21"><bibl corresp="kbga-bibls-3420"><persName ref="kbga-actors-8405">W. Wuhrmann</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth, Der Römerbrief</hi>, in: Schweizerische theologische Zeitschrift, Jg. 37 (1920), S. 60.</bibl></note></p>
<p> <persName ref="kbga-actors-561">K. Fueter</persName>, Pfarrer der Kirchengemeinde <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> von 1907 bis 1911, nennt <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Vorwort» «(wenigstens scheinbar) stolz».<note xml:id="n22"><bibl corresp="kbga-bibls-3421"><persName ref="kbga-actors-561">K. Fueter</persName>, <hi rend="italic">Allerlei Theologisches</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 140 (1919), Nr. 2008 vom
21.12.1919</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-9634">M. Braun</persName> hingegen deutet den Satz im positiven Sinne: «Im Vorwort meint <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, er mache sich darauf gefaßt, nicht gleich verstanden zu werden, aber sein Buch könne warten. Ich bin gewiß, in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> wird man es auf vielen Seiten geradezu als erlösend willkommen heißen. Denn wo im grausig-wirklichen Geschehen alles wankt, selbst das sittlich-religiöse Bewußtsein, da sehnt man sich nicht nach neuer beschwichtigender Deutung der Welt, sondern nach göttlichen Tatsachen, nach Manifestationen der Gottesgeschichte. Üben die Schweizer Freunde solchen Seelsorgedienst, so können wir mit allen Hartgeprüften nur herzlich dankbar sein.»<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-3422"><persName ref="kbga-actors-9634">M. Braun</persName>, <hi rend="italic">Weltgeschehen und Gottesgeschichte. Probleme auf der Aarauer Studentenkonferenz 1919</hi>, in: Die Furche, Jg. 10 (1919/20), S. 188–191, dort S. 190f.</bibl></note>
</p> 

<p rend="asHead"><hi rend="italic">3. <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Πίστις</foreign> als «Treue Gottes»</hi></p> 
<p><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Übersetzung von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> mit «Treue Gottes» soll hier als zweiter Punkt genannt werden, der Polemik hervorrufen musste. <persName ref="kbga-actors-210">A. Jülicher</persName>, <persName ref="kbga-actors-787">E. Staehelin</persName>, <persName ref="kbga-actors-514">H. Burri</persName>, <persName ref="kbga-actors-283">K. Müller</persName>, <persName ref="kbga-actors-428">H. Windisch</persName> und <persName ref="kbga-actors-7579">Ph. Bachmann</persName> haben in ihren jeweiligen Besprechungen diese Übersetzung diskutiert.<note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-918"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, Sp. 456f.</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-111">S. 92f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3423"><persName ref="kbga-actors-787">E. Staehelin</persName>, <hi rend="italic">Wer versteht das Christentum?</hi>, in: Basler Nachrichten, Jg. 75 (1919), Nr. 100 vom
<date when="1919-02-28">28.2.1919</date></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3424"><persName ref="kbga-actors-514">H. Burri</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi>, in: Der Kirchenfreund, Jg. 53, Nr. 6 vom
<date when="1919-03-01">1.3.1919</date>, S. 50</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3414"><persName ref="kbga-actors-283">K. Müller</persName>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr013#fn_n10">S. XIII, Anm. 10</ref>), S. 104</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 164</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3425"><persName ref="kbga-actors-428">H. Windisch</persName>, <hi rend="italic">Barth, Pfr. Karl: Der Römerbrief</hi>, in: ThLZ, Jg. 41 (1920), Sp. 200f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3426"><persName ref="kbga-actors-9635">R. Steinmetz</persName>, <hi rend="italic">Barth, Karl, Der Römerbrief</hi>, in: Theologisches Literaturblatt, Jg. 41, Nr. 21 vom
<date when="1920-10-08">8.10.1920</date>, S. 324</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3427"><persName ref="kbga-actors-7579">Ph. Bachmann</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief verdeutscht und vergegenwärtigt. Ein Wort zu K. Barths</hi> <hi rend="italic">Römerbrief</hi>, in: Neue kirchliche Zeitschrift, Jg. 32 (1921), S. 519f</bibl>.</note></p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="pr017" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kommt darauf in seinem Vorwort zur zweiten Auflage zurück: «Der Übersetzung von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> mit <hi rend="italic">‹Treue Gottes›</hi> ist eine Wichtigkeit beigemessen worden, die sie für mich jedenfalls nicht hatte. <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> hat ja sogar gemeint, um dieser Sache willen habe ich jene ‹Entdeckerfreude› empfunden, von der mein erstes Vorwort etwas romantisch redete.»<note xml:id="n25">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p004#p004">S. 4</ref>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-918"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, Sp. 456</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-111">S. 92</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-9641">E. Miescher</persName> erwähnt diese Stelle positiv: «Der Verfasser hat, wie er selbst schreibt, mit Entdeckerfreude geschrieben. Manchmal hat man wohl die Empfindung, er drücke sich in einer Weise aus, wie der Apostel selbst sich nicht ausdrücken würde, aber das wird nicht hindern, daß der denkende Leser auch das Bekannte in neuer Erleuchtung sehen und so Entdeckerfreuden ebenfalls erleben wird.»<note xml:id="n26"><bibl corresp="kbga-bibls-3428"><persName ref="kbga-actors-9641">E. Miescher</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth, «Der Römerbrief»</hi>, in: Christlicher Volksfreund, Jg. 45 (1919), S. 71.</bibl></note></p>
<p> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erklärt die Sache weiter: «Vor allem ist nun einzugestehen, dass <persName ref="kbga-actors-665">R. Liechtenhan</persName> der geistige Vater dieser Neuerung ist. Er hat mich s. Z. brieflich auf die Möglichkeit dieser Übersetzung aufmerksam gemacht und ist unterdessen auch öffentlich dafür eingetreten.»<note xml:id="n27">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p022#p022">S. 22</ref>.</note> <persName ref="kbga-actors-665">R. Liechtenhan</persName>, ein Vetter <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, war Pfarrer und später u. a.  Professor für Neues Testament in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. Am
<date when="1917-05-30">30.5.1917</date> schrieb er an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref>: «Hier möchte ich das erste Mal <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> als <hi rend="italic">göttliche</hi> Eigenschaft fassen, wofür ich allerdings kein <foreign xml:lang="lat">dictum probans</foreign> eines namhaften Exegeten aufbringen kann. Ich übersetze es mit Treue, entsprechend dem in 1.Kor. mehrfach gebrauchten Satz <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πιστὸςὁ θεός</foreign>. Sie besteht darin, daß Gott der an <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> gegebenen Verheißung und dem durch die Propheten vorausverkündeten Evangelium treu bleibt. [...] Die menschliche <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> besteht darin, daß sich der Mensch auf die göttliche <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign> verläßt.»<note xml:id="n28"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 9317.87</idno>.</note> <persName ref="kbga-actors-665">Liechtenhan</persName>  verteidigte die Übersetzung an einigen Stellen des Römerbriefs gegenüber der von <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName> geübten Kritik<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-3418">Wernle, S. 167.</bibl></note>, war jedoch der Meinung, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Entdeckerfreude» ihn «zu einer allzu einseitigen Konsequenz der Durchführung verleitet» habe.<note xml:id="n30"><bibl corresp="kbga-bibls-3429"><persName ref="kbga-actors-665">R. Liechtenhan</persName>, <hi rend="italic">Zur Frage nach der Treue Gottes</hi>, in: KBRS, Jg. 34 (1919), S. 192f., dort S. 192.</bibl></note></p>


<p rend="asHead"> <pb ed="pga" xml:id="pr018" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">4. «Neue Orthodoxie»</hi></p>
<p>Brauchte das Verfassen des <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Römerbriefes</bibl> von 1919  mit Zwischenpausen etwas mehr als zwei Jahre, so ging die Arbeit am zweiten Römerbrief in schwindelerregender Geschwindigkeit voran. Am
<date when="1921-08-03">3.8.1921</date> beschreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine Arbeitsweise gegenüber <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Dieser heiße Sommer wird mir aber unvergeßlich bleiben. Ich wandle wie betrunken hin und her zwischen Schreibtisch, Eßtisch, Bett, bei jedem Kilometer schon immer den nächsten im Auge.»<note xml:id="n31"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p508#p508">S. 508</ref>.</bibl></note> Inzwischen wird ihm deutlich, dass eine Art Autoritätsglaube in Bezug auf seinen Namen im Entstehen begriffen ist. Gerade wegen seiner wachsenden Unzufriedenheit hinsichtlich des ersten Kommentars führt dies bei ihm zu Unbehagen. Mehrmals finden wir im Römerbrief seine Selbstkritik. Zum Beispiel in seinem Kommentar zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.3">Röm. 12,3a</ref>: «Kaum belehrt, fangen wir schon wieder an, zu belehren. Kaum desillusioniert über Historismus und Psychologismus, droht uns in ‹Bibel›, ‹lebendiger Gott› und ‹Todesweisheit› schon ein neuer Götze zu erstehen.»<note xml:id="n32">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p593#p593">S. 593</ref>.</note> Ein Echo dieses Unbehagens finden wir auch in seinem «Vorwort», in dem er die Anschuldigung, dass seine Theologie zu einer «neuen Orthodoxie» zu werden drohe, mit der Aussage zurückweist: «Nur Vorarbeit ist alles menschliche Werk und ein theologisches Buch mehr als jedes andre Werk!»<note xml:id="n33">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p005#p005">S. 5</ref>.</note></p>
<p> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> setzt den Ausdruck «neue Orthodoxie» nicht in Anführungszeichen. Und in der Tat, der Ausdruck scheint sich eher auf eine Atmosphäre der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>-Rezeption zu beziehen als auf eine gedruckte Kritik mit einem genau so formulierten Vorwurf. <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, wiederholte später diese Kritik jedoch wörtlich: «Mit der Zeit wurde» die dialektische Theologie «zu einer neuen Orthodoxie mit all ihrem Zubehör».<note xml:id="n34"><bibl corresp="kbga-bibls-1658"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Mein Weg</hi>, Bd. 2, Zürich 1952, S. 188.</bibl></note> Ein klares Beispiel der Reaktion auf den <bibl corresp="kbga-bibls-119">ersten Römerbrief</bibl>, welche <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst unter dem Vorwurf einer «neuen Orthodoxie» zusammenfasste, lässt sich nachlesen bei <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>: «Ich würde darüber [scil. über die Frage‹ ob wir mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> Römerbrief so viel weiter kommen als mit dem <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>] nicht schreiben, <pb ed="pga" xml:id="pr019"/> wenn ich nicht beobachten müßte, wie rasch ein neuer Autoritätsglaube sich um diese neue Auslegung zu bilden scheint».<note xml:id="n35"><bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 163</bibl>. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Antwort in seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> vom
<date when="1919-10-24">24.10.1919</date>, abgedruckt in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p644#p644">S. 644</ref></bibl>: «Ich würde an <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> ganz im gleichen Sinn herantreten, und Sie tun mir daher sehr Unrecht, mich durch die Schablone ‹Autoritätsglaube› und ‹Biblizismus› unschädlich machen zu wollen. Auch das trifft mich nicht. Ich könnte <hi rend="italic">auch</hi> den Text kritisieren, wenn es sein müßte. Aber beim Römerbrief mußte es nicht sein. Ich klopfte an jeder Schale so lange herum, bis ich meinte, sie öffne sich. Wenn ich das bloß <hi rend="italic">gemeint</hi> habe, so ist das eine Sache für sich, aber die <hi rend="italic">Absicht</hi>, die ich hatte, lasse ich mir nicht durch die Gefahr, als Orthodoxer ausgerufen zu werden, verleiden. Wenn ich das nicht kann, was ich da möchte, so werden Andre kommen, die es können. Und es wird sich dann noch fragen, wer das ‹moderne Bewußtsein›, auf das Sie sich berufen, auf seiner Seite hat, Sie oder wir. Mit meinem <persName ref="kbga-actors-23">Bruder</persName>, der jetzt sein <bibl corresp="kbga-bibls-3410">Plato-Buch</bibl> herausgibt, stehe ich z. B. im besten sachlichen Einvernehmen.»</note></p>
<p> Auch ein kritischer Sympathisant wie <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName> deutete auf die Gefahr eines «Dogmatismus» bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> hin: «Irren wir uns doch nicht: die Gotteserkenntnis ist unendlich einfach, und wenn ich schon den ganzen ‹Römerbr[ief]› verdaut habe – oder auch den alten R[ömerbrief] – so bin ich damit der Gotteserkenntnis um kein Haarbreit näher gerückt, als mit dem ‹Unser Vater›, oder ‹Abbaschrein›. Die Gotteserkenntnis ist freilich nicht abhängig von jener Intensität, die der Pietismus meint, aber noch viel weniger von der Extensität oder Vollständigkeit der Logik, der Explikation. Die logische Objektivität ist noch viel weiter weg als die pietist[ische] Subjektivität. Und alles Sich- oder anderen den Gehalt-Darlegen führt niemals an den wahren Gehalt hinan. Alles Ein- für allemal-Sagenwollen ist intellektualistischer Irrtum, Dogmatismus, Orthodoxie im formellen Sinn. Das wisst Ihr ja natürlich alles auch, aber es schien mir, als ob Ihr über Eurer gegenwärtigen theolog. Arbeit diese theolog. Gefahr etwas vergessen habt.»<note xml:id="n36"><ref type="archival">Brief <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunners</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> vom
<date when="1919-05-03">3.5.1919</date>, Universitätsbibliothek Basel, Nachlass 290: <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, B 38, 44.</ref></note></p> 


<p rend="asHead"><pb ed="pga" xml:id="pr020" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">5. «Intellektualismus»</hi></p> 
<p>Die Verwirrung, die Missinterpretation, von der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1920-10-27">27.10.1920</date> spricht, kann anhand der Reaktion auf seinen «Intellektualismus» illustriert werden. Von verschiedenen theologischen Lagern und Fraktionen aus wurde <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Intellektualismus» innerhalb des breiten Spektrums von positiv bis negativ bewertet. Dabei benutzte man diesen Begriff in unterschiedlichen Konnotationen; zunächst soll dessen Bedeutung im Sinne des Abstrahierens vom konkreten Leben zugunsten des rationalen theologischen Begreifens genannt werden. Während <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Zusammentreffen mit <persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName> und <persName ref="kbga-actors-821">E. Vischer</persName><note xml:id="n37"><persName ref="kbga-actors-821">E. Vischer</persName> (1865–1946), seit 1902 Professor für Kirchengeschichte in Basel als Amtsnachfolger auf dem für <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> geschaffenen Lehrstuhl.</note> in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> am
<date when="1920-04-18">18.4.1920</date> haben ihn beide Theologen u. a.  des Intellektualismus beschuldigt.<note xml:id="n38">Siehe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> von
<date when="1920-04-20">20.4.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p379#p379">S. 379</ref></bibl>.</note> Was damals mündlich gesagt wurde, kann ergänzt werden anhand des Briefes von <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> an <persName ref="kbga-actors-821">E. Vischer</persName> vom
<date when="1920-04-26">26.4.1920</date>, worin er im Blick auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Aarauer Vortrag schreibt: «Die Erwägung, daß sich diese Art Religion überhaupt nicht ins wirkliche Leben umsetzen läßt, sondern nur als Meteor, und zwar als ein zerplatzendes, über ihm erscheinen kann, mildert den Eindruck wenig, da man sich immer wieder fragen muß, wie kann ein <hi rend="italic">Pfarrer</hi>, der doch <hi rend="italic">Seelsorger</hi> sein soll, so urteilen? Gemildert hat sich mir der Eindruck nur durch die persönliche Aussprache am Sonntag, die mir eine kleine Hoffnung gegeben hat, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> könne noch sich ändern, wenn er sich von seinem willkürlich zurecht gemachten Biblizismus befreit.»<note xml:id="n39"><ref type="archival">Universitätsbibliothek Basel, Nachlass 81: <persName ref="kbga-actors-821">E. Vischer</persName>, G 1.</ref></note></p>
<p>Einen ähnlichen Gebrauch des Begriffs finden wir bei <persName ref="kbga-actors-282">A. D. Müller</persName> (1890–1972), Pfarrer in Sachsen, ab 1930 Professor für Praktische Theologie in Leipzig. In seiner kritischen Beurteilung des Einflusses von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> auf die religiös-soziale Bewegung in Deutschland befürchtet <persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Theologie werde im Intellektualismus stecken bleiben und den Blick für die gesellschaftlichen, sozialen und internationalen Nöte verlieren: «Intellektualismus ist überall da, wo ein vorhandener Lebensimpuls im Denken stecken bleibt, wo ihm nicht der Weg ins Leben gebahnt wird, wo das Denken <pb ed="pga" xml:id="pr021"/> sich praktisch als Selbstzweck statt als dienendes Mittel zum Leben darstellt, wo der Drang nach lebendiger Verkörperung des Gedachten von der mit höchster Befriedigung ausgelebten Denkarbeit verschlungen wird.»<note xml:id="n40"><bibl corresp="kbga-bibls-489"><persName ref="kbga-actors-282">Müller</persName>, Streiflicht, S. 278</bibl> (im Original vollständig gesperrt). Vgl. unten <ref target="../volume/47/p571#fn_n01">S. 571, Anm. 1</ref>.</note> Diese Kritik tritt neben die, die <persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName> schon früher am <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> geübt hatte: «Jedenfalls haben wir das Gefühl, auch hier immer noch tief im eigentlichen Schriftgelehrtentum mit verschiedenen seiner üblen Zutaten zu stecken, während <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>, der zwar auch nur die Schrift auslegen will, uns – fern von aller schriftgelehrten Kunst – wieder Jesus hören läßt, so wie ihn in seiner Schlichtheit und Kraft das einfache Volk <placeName ref="kbga-places-780">Galiläas</placeName> einst gehört haben muß.»<note xml:id="n41"><bibl corresp="kbga-bibls-3431"><persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName>, <hi rend="italic">Vorbemerkung zu J. Chr. Blumhardt, Das Reichsgebet</hi>, Neue Wege, Jg. 14 (1920), S. 243–246, dort S. 245f., Anm. 2.</bibl> Bei dem durch diese Vorbemerkung eingeleiteten Text handelt sich um einen gekürzten Abdruck der<bibl corresp="kbga-bibls-3432"> «Kurzen Besprechung des Vaterunsers oder des Reichsgebets» von <persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName> (Karlsruhe 1886<hi rend="sup">2</hi></bibl>).</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erlaubte sich, die für ihn in <persName ref="kbga-actors-661">Lejeunes</persName> und <persName ref="kbga-actors-282">Müllers</persName> Ausführungen enthaltene «Beschuldigung», dass seine theologische Arbeit «ein Unternehmen verstockten theologischen Hochmuts sei», ohne weiteres «abzulehnen».<note xml:id="n42">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p008#p008">S. 8</ref>.</note> </p> 

<p rend="asHead"><hi rend="italic">6. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Haltung gegenüber der Wissenschaft</hi></p> 
<p>Der Vorwurf des Intellektualismus hängt – manchmal auf paradoxale Weise – mit einem weiteren gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vorgebrachten Vorwurf zusammen, der seine Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Theologie betrifft. Mehrere Rezensenten haben <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine allzu kritische Haltung gegenüber der (theologischen) Wissenschaft zum Vorwurf gemacht. <persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName> behauptet geradezu, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich als Exponent einer neuen Tendenz, die zu einem reinen Christentum gelangen will, gegen die Wissenschaft kehrt: «‹Verachte nur Vernunft und Wissenschaft› ist hier nicht nur Losung, sondern stolzes Hochgefühl; als Intellektualismus sind jene beiden Mächte verpönt. ‹Gefühl ist alles›, man hat nur einen neuen Namen für eine alte Sache gefunden: das Erlebnis.»<note xml:id="n43"><bibl corresp="kbga-bibls-1802">Justinus (Pseudonym für <persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName>), <hi rend="italic">Zur religiösen Lage der Gegenwart</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 141 (1920), Nr. 1732 vom
<date when="1920-10-21">21.10.1920</date></bibl>. <persName ref="kbga-actors-646">Köhler</persName> nennt neben <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <persName ref="kbga-actors-554">Fox</persName> und <persName ref="kbga-actors-664">Lhotzky</persName> als Vertreter dieser Tendenz.</note></p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="pr022" rend="noPipe"/> Diese Kritik berührt die damals geführte Diskussion über das «wissenschaftliche» Verständnis des Neuen Testaments. Der mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befreundete Pfarrer <persName ref="kbga-actors-541">R. H. Epprecht</persName> schreibt, er habe die zentrale Bedeutung des Römerbriefs für den Glauben erst aufgrund von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Interpretation verstehen gelernt ­– was die theologische Wissenschaft für ihn bis dahin nicht geleistet hatte.<note xml:id="n44"><bibl corresp="kbga-bibls-3433">Siehe <persName ref="kbga-actors-541">R. H. Epprecht</persName>, <hi rend="italic">Religiöse Literatur. Der Römerbrief von Karl Barth</hi>, in: Aargauer Tagblatt, Jg. 73 (1919), Nr. 102 vom
<date when="1919-05-03">3.5.1919</date></bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName> verleiht einem Standpunkt Ausdruck, der in diesem Fall wahrscheinlich dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am nächsten kommt: «Die unausgesprochene Voraussetzung des ganzen Buches und aller seiner einzelnen Gedanken ist die Erkenntnis, daß unser entwicklungsgeschichtliches ‹wissenschaftliches› Denken – der Stolz der Neuzeit und der neueren Theologie – von bloß relativer Bedeutung, und seine Resultate von bloß relativer Wahrheit seien. […] <hi rend="italic">Wenn</hi> es sich aber so verhält, <hi rend="italic">wenn</hi> die angebliche ‹Theologie› des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in ihrem Fundament und Aufbau der eigenen ‹Logik› der Gotteserkenntnis entspringt, so will das nicht weniger heißen, als daß die Bibelwissenschaft unserer Tage am Wesentlichen vorbeigeht. Indem sie, der Mahnung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zum Trotz, ‹Geistiges ungeistig›, d. h. mit fremden Maßstäben ‹richtet›, und so, um ‹wissenschaftlich› zu sein, ihrem Gegenstand fremd und äußerlich bleibt, gerät sie in jene Situation, die <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName> so köstlich charakterisiert in der Beschreibung jener Leute, die statt das Bild im Bilderbuch anzuschauen, Papier und Farbe analysieren, weil ihnen die eigentliche Aufgabe – die Betrachtung und das Verständnis des Bildes – als ‹unwissenschaftlich› erscheint. So redet die kritisch-historische Theologie gänzlich am Gegenstand vorbei; sie ‹hält die Teile in ihrer Hand›, fester und sauberer als frühere Geschlechter, ‹fehlt leider nur das geistige Band›.»<note xml:id="n45"><bibl corresp="kbga-bibls-3434"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>, S. 29f.</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3572">S. 79f</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> lässt in seinem neuen Kommentar keinerlei Zweifel daran aufkommen: Wirkliche Erklärung eines Textes ist mehr als exegetische Akribie. Nicht umsonst hat <persName ref="kbga-actors-130">Hans-Georg Gadamer</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief</bibl> «eine Art hermeneutisches Manifest» genannt.<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-3436">H.-G. Gadamer, <hi rend="italic">Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik</hi>, Tübingen 1974<hi rend="sup">4</hi>, S. 481.</bibl></note></p>  
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  <pb ed="pga" xml:id="pr023"/>
<head><hi rend="italic">III. Zitate und Anspielungen im Römerbrief</hi></head> 
<p>Beide Kommentare <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zum Römerbrief sind in vielerlei Hinsicht revolutionär, sie sind dialogisch und provokant; beide sind zugleich keine akademischen Werke im modernen Sinne. Dies kommt unter anderem zum Ausdruck in der Art der Zitate und Anspielungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>. In diesem Abschnitt zeigen wir eine Anzahl Problemfälle auf und gelangen zu einer Kategorisierung von Zitaten und Anspielungen.</p>
<p>Die Zitate im Römerbrief lassen sich im Allgemeinen in sechs Gruppen einteilen. Die Beispiele dienen nicht allein der Illustration der Probleme, mit denen die Herausgeber während der Kommentierung des Römerbriefes zu tun hatten; sie verschaffen dem Leser eine Möglichkeit, durch einen Spalt in das Römerbrief-Laboratorium zu schauen. Und zweitens spiegeln die angeführten Texte das theologiehistorische Klima jener Zeit wider. Manchmal ist es beim Aufspüren der Quelle bei einer Arbeitshypothese geblieben. In anderen Fällen glauben wir Lösungen gefunden zu haben.</p>
<p>1) Die erste Gruppe Zitate umfasst die Fälle, in denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nur den Autor nennt. Den dazugehörigen Titel erwähnt er niemals, und das allein zeigt schon etwas von der gestellten Aufgabe. Ein ins Auge springendes besonderes Beispiel innerhalb dieser Gruppe ist die irrtümliche Zuschreibung des Zitats von <persName ref="kbga-actors-846">Th. Zahn</persName> an <persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, welche bereits im <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> stattgefunden hatte: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat den Satz ohne Verfasserangabe am Rand des Manuskripts eingetragen und bei der Drucklegung versehentlich das Zitat <persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName> zugeschrieben. Diese Zuschreibung ist in allen Auflagen seines neuen Kommentars übernommen worden.<note xml:id="n47">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p068#fn_n34">S. 68, Anm.34</ref>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p025#fn_n15">S. 25, Anm. 15</ref></bibl>.</note></p>
<p>2) Eine eigenständige umfangreiche Gruppe besteht aus Zitaten, die nicht zwischen Anführungszeichen gesetzt wurden und deren Autor natürlich auch nicht genannt wird. So schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am Ende des «Vorworts zur fünften Auflage»: «<foreign xml:lang="lat">Moniti discamus</foreign>!»<note xml:id="n48"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p039#p039">S. 39</ref>.</note>, ein Ausdruck der mehrmals bei <persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName><note xml:id="n49">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p039#fn_n05">S. 39, Anm. 5</ref>. Siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-3437"><hi rend="italic">Commentarii in Quinque Libros Mosis</hi>, Calvini Opera 23 (= CR 51), Braunschweig 1882, col.474.549</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3438"><hi rend="italic">Commentarius in Evangelium Ioannis</hi>, Calvini Opera 47 (= CR 75), Braunschweig 1892, col.226</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3439"><hi rend="italic">Commentarius in Acta Apostolorum</hi>, Calvini Opera 48 (= CR 76), Braunschweig 1892, col.122</bibl>.</note> zu finden ist. Durch welche Vermittlung er <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bekannt geworden ist, lässt sich jedoch nicht feststellen.</p> 

<p><pb ed="pga" xml:id="pr024" rend="noPipe"/> 3) Die dritte Gruppe umfasst Ausdrücke, die in Anführungszeichen gesetzt sind, ohne dass ein Autor genannt wird. Ein Beispiel: am Ende seines Kommentars zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.5">Röm. 9,5</ref> setzt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eine Frage zwischen Anführungszeichen: «Hört ihr das Zeichen?»<note xml:id="n50"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p464#p464">S. 464</ref>.</note> Zwei Quellen haben sich aufgrund unserer Forschung angeboten, die beide gleichermaßen plausibel scheinen könnten. «Hört ihr das Zeichen zu dem Opfer?» ist eine Frage, die in einem Drama <persName ref="kbga-actors-9637">August Klingemanns</persName> gestellt wird.<note xml:id="n51"><bibl corresp="kbga-bibls-3440"><persName ref="kbga-actors-9637">A. Klingemann</persName>, <hi rend="italic">Dramatische Werke</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Ferdinand Cortez, oder die Eroberung von Mexiko</hi>, Wien 1819, S. 68</bibl>.</note> «Hört ihr das Zeichen, hoher Herr? Jetzt zieht/ Die königliche Braut in Mailands Thore» heisst es bei <persName ref="kbga-actors-9638">Ernst Raupach</persName>.<note xml:id="n52"> <bibl corresp="kbga-bibls-3441"><persName ref="kbga-actors-9638">E. Raupach</persName>, <hi rend="italic">Dramatische Werke ernster Gattung</hi>, Bd. 6: <hi rend="italic">Die Hohenstaufen</hi>, Bd. 2, Hamburg 1837, S. 219.</bibl></note> Erwägt man, dass keiner der beiden Verse, keiner der beiden Autoren in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schrifttum sonst eine Spur hinterlassen zu haben scheint, und berücksichtigt man, dass sie auch nicht zu den in <persName ref="kbga-actors-1505">Büchmanns</persName> «Geflügelten Worten» in den Auflagen um 1900 berücksichtigten Dicta zählen, so wird freilich eine direkte oder indirekte Bezugnahme recht unwahrscheinlich. Wir haben es demnach doch eher als mit einem Zitat oder einer Anspielung mit einer <foreign xml:lang="lat">adlocutio</foreign> an die Leser zu tun, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> durch die Anführungszeichen Prägnanz und Nachdruck verleiht. </p>
<p>4) <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> setzt regelmäßig Stichworte, Begriffe oder Ausdrücke in Anführungszeichen, die aber ersichtlich nicht auf ein Zitat oder auf einen Autor verweisen. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt damit vielmehr auf damals in der Öffentlichkeit häufig besprochene Themen oder in einer bestimmten Prägung allgemein verwendete Begriffe an. Zum Beispiel gebraucht er so in seiner Erklärung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.23 Röm.1.24">Röm. 1,23-24</ref> die Stichworte «Persönlichkeit», «das Kind», «die Frau».<note xml:id="n53">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p078#p078">S. 78</ref>.</note> Das Stichwort «Persönlichkeit» birgt einen akzeptierten Zentralgedanken der Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts, nämlich dass die menschliche Persönlichkeit als die treibende Kraft der Geschichte zu betrachten sei.<note xml:id="n54">Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-2673"><persName ref="kbga-actors-1935">W. Trillhaas</persName>, Art. «Persönlichkeit», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> V, Sp. 227–230</bibl>. Auch in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> eigener früher Theologie liberaler Prägung kommt den lebendigen Personen zentrale Bedeutung zu. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-1460"><hi rend="italic">Der christliche Glaube und die Geschichte</hi> (1910), V.u.kl.A. 1909-1914, S. 149–212, dort <ref type="pub-" target="../volume/22/p164#p164">S. 164</ref></bibl>: «Der <hi rend="italic">christliche Glaube</hi> hat seine Eigentümlichkeit darin, daß hier das passiv-aktive Gotteserleben geschichtlich <hi rend="italic">irgendwie</hi> bedingt und bestimmt ist durch die innerhalb der menschlichen Sozietät dagewesene <hi rend="italic">Persönlichkeit Jesu.</hi>» - <ref type="pub-" target="../volume/22/p208#p208">S. 208</ref>: «Die Wirksamkeit der Geschichte auf uns [...] ist dann eben möglich und wirklich geworden durch eine ganze Ahnenreihe <hi rend="italic">vermittelnder</hi> Individuen». In diese Ahnenreihe stellt er u. a. <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName>, <persName ref="kbga-actors-7587">Bodelschwingh</persName>, <persName ref="kbga-actors-455">J. S. Bach</persName>, <persName ref="kbga-actors-281">Mozart</persName>, <persName ref="kbga-actors-488">Beethoven</persName> und <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kritik an der Persönlichkeitskultur beginnt sich abzuzeichnen in seinem Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-3442"><hi rend="italic">Die neue Welt in der Bibel</hi> (1917), W.G.Th., S. 18–32</bibl>.</note> In entsprechender <pb ed="pga" xml:id="pr025"/> Abwandlung ist ähnliches von den beiden anderen Stichworten zu sagen: «Das Kind» war seit dem Erscheinen von <bibl corresp="kbga-bibls-3407"><persName ref="kbga-actors-2433">Ellen Keys</persName> <hi rend="italic">Das Jahrhundert des Kindes</hi> (schwedisch 1900, deutsche Übersetzung Berlin 1902)</bibl> mehr als ein Schlagwort, es meinte ein Programm. Gewicht und Klang des Stichworts «die Frau» kann man sich durch einen Blick in die Jahrgänge der <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName></hi> klarmachen.<note xml:id="n55">Vgl. die folgende Aufsätze in Neue Wege, Jg. 13 (1919): <bibl corresp="kbga-bibls-3443"><persName ref="kbga-actors-9644">V. Straßer</persName>, <hi rend="italic">Die Frau</hi>, S. 348–361</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3444"><persName ref="kbga-actors-9639">Cl. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Die Revolution der Frau</hi>, S. 361–372</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3445"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Von der Schöpfung und Erlösung des Weibes. Eine biblische Betrachtung zur Frauenbewegung</hi>, S. 325–329</bibl>; Jg. 14 (1920): <bibl corresp="kbga-bibls-3446"><persName ref="kbga-actors-9639">Cl. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Kameradschaft, Freundschaft und Liebe zwischen Mann und Frau</hi>, S. 309–324</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3447"><persName ref="kbga-actors-9640">A. Pfenninger</persName>, <hi rend="italic">Zum Frauenstimmrecht</hi>, S. 41–57</bibl>; <persName ref="kbga-actors-9639">Cl. Ragaz</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-3448"><hi rend="italic">Ein Tag der Niederlagen</hi>, S. 78–83</bibl>. Siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-3449">M. Mattmüller, <hi rend="italic">Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Die Zeit des ersten Weltkrieges und der Revolutionen</hi>, Zürich 1968, S. 470</bibl>.</note></p>
<p>Ein weiteres treffendes Beispiel dieser Gruppe bietet sich im Vorwort zum Römerbrief an, wo <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eine Anzahl Stichwörter aufzählt, mit denen er sich anscheinend auf <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> bezieht: Gefühl, Erlebnis, Gewissen, Überzeugung, «Persönlichkeit» des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, «Damaskuserlebnis», Spätjudentum, Hellenismus, Antike.<note xml:id="n56">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p013#p013">S. 13</ref>.</note> In Wirklichkeit lassen die meisten der aufgezählten Begriffe sich so nicht in <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> Auslegung finden. Die Reihe ist als eine lockere Aufzählung von öfter selbstverständlich gebrauchten Begriffen zu betrachten, mit der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diejenigen Exegeten kritisiert, die die, mit <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> gesprochen, «ungemütlichen Punkte» in den Briefen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> entweder auf dessen persönliche Überzeugung oder auf den Einfluss religionsgeschichtlicher Größen zurückführen. </p>
<p>5) Eine schwierige Gruppe von «Zitaten» besteht aus Begriffen oder Ausdrücken zwischen Anführungszeichen, hinter die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den <pb ed="pga" xml:id="pr026"/> Namen eines Autors setzt, bei dem jedoch ein solcher Begriff, ein solcher Ausdruck oder eine solche Aussage nicht zu finden ist. Wiederum können wir mit einem Beispiel aus dem «Vorwort» zum Römerbrief beginnen, wo <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eine rhetorische Frage stellt, nämlich, «ob <persName ref="kbga-actors-780">Spengler</persName> nicht recht haben könnte, wenn er sagt, dass wir in ein ‹eisernes Zeitalter› einzutreten im Begriffe seien […]?»<note xml:id="n57">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p021#p021">S. 21</ref>.</note> Es ist uns nicht gelungen, den Ausdruck «eisernes Zeitalter» in den Werken von <persName ref="kbga-actors-780">O. Spengler</persName> bis 1921 zu finden und ebenso wenig in den Besprechungen über <persName ref="kbga-actors-780">Spengler</persName> in «<orgName ref="kbga-actors-7676">Die Christliche Welt</orgName>» aus jenen Jahren. In der freien, produktiven Art, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich auf die Texte anderer bezieht, ist es jedoch wahrscheinlich, dass er auf den Schluss von <persName ref="kbga-actors-780">Spenglers</persName> Aufsatz «Pessimismus?» anspielt. Vielleicht kannte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn nicht im Original, sondern aus einer Besprechung, in der <persName ref="kbga-actors-780">Spenglers</persName> eigene Formulierung: «Härte, römische Härte ist es, was jetzt in der Welt beginnt. Für etwas anderes wird bald kein Raum mehr sein. Kunst ja, aber in Beton und Stahl, Dichtung ja, aber von Männern mit eisernen Nerven und unerbittlichem Tiefblick»<note xml:id="n58"><bibl corresp="kbga-bibls-3450"><persName ref="kbga-actors-780">O. Spengler</persName>, <hi rend="italic">Pessimismus?</hi>, in: Preußische Jahrbücher. Berliner Monatsschrift für Politik, Geschichte und Literatur, Bd. 184, Berlin 1921, S. 73–84, dort S. 84.</bibl></note> bereits in der geläufigen Wendung vom «eisernen Zeitalter» zusammengefasst worden war.</p>
<p> Das zweite Beispiel stammt aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kommentar zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.20 Röm.6.23">Röm. 6,20-23</ref>: «Ist es mehr als Zufall und Laune, wenn der Mensch im Ja oder im Nein seine Bestimmung erkennt, als Verbrecher oder als Heiliger seinen Weg geht, im Himmel oder in der Hölle sein Schicksal finden will und wird, und wenn die ‹Guten immer besser, die Schlechten immer schlechter werden› (<persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>)?»<note xml:id="n59">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p312#fn_n49">S. 312, Anm. 49</ref>.</note> Auch diese Stelle konnten wir literarisch nicht belegen. Vermutlich spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit der aus der Erinnerung formulierten Sentenz an auf den von ihm in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> gehörten Vortrag <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> <hi rend="italic">Was hat die Historie an fester Erkenntnis zur Deutung des Weltgeschehen zu bieten?</hi><note xml:id="n60"> Vortrag auf der Aarauer Studentenkonferenz vom <date to="1920-04-17" from="1920-04-15">15.-
17.4.1920</date>, zuerst veröffentlicht in <bibl corresp="kbga-bibls-3451"><hi rend="italic">Aarauer Studentenkonferenz 1920</hi>, Basel 1920, S. 47–72</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3452">ders., <hi rend="italic">Erforschtes und Erlebtes</hi>, Reden und Aufsätze, Neue Folge, Bd. 4, Gießen 1923, S. 171–195</bibl>.</note></p> 

<p><pb ed="pga" xml:id="pr027" rend="noPipe"/> 6) Eine eigenständige Gruppe besteht aus Anspielungen auf Äußerungen und Personen ohne Namensvermerk. Wir wissen von einem Fall, in dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Römerbrief auf eine Anekdote über ein «Gespräch» zwischen ihm und <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> anspielt.<note xml:id="n61">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p198#fn_n24">S. 198, Anm. 24</ref>.</note> Weiterhin führen wir Beispiele an, die alle aus dem «Vorwort» zum Römerbrief stammen.</p>
<p>Das  erste Beispiel ist: «Aber was meine ich, wenn ich die <hi rend="italic">innere Dialektik der Sache</hi> und ihre Erkenntnis im Wortlaut des Textes den entscheidenden Faktor des Verständnisses und der Erklärung nenne? Man sagt mir (ein schweizerischer Rezensent hat dies in besonders plumper Weise gesagt), damit könne natürlich nur mein ‹System› gemeint sein.»<note xml:id="n62">Siehe <ref type="pub" target="../volume/47/p016#p016">S. 16</ref>.</note> Im Hintergrund steht hier <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Polemik mit <persName ref="kbga-actors-835">Martin Werner</persName> (1887–1964), einem besonders von <persName ref="kbga-actors-1243">Albert Schweitzer</persName> beeinflussten Vorreiter des schweizerischen Liberalismus, von 1921 bis 1928 Privatdozent für Neues Testament, von 1928 bis 1967 Professor für Dogmatik in Bern. Die 1921 beginnende Kontroverse zwischen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> entbrannte nur noch heftiger mit den Jahren.<note xml:id="n63">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2234"><persName ref="kbga-actors-835">M. Werner</persName>, <hi rend="italic">Das Weltanschauungsproblem bei Karl Barth und Albert Schweitzer. Eine Auseinandersetzung</hi>, Bern 1924</bibl>, und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Antwort <bibl corresp="kbga-bibls-3157"><hi rend="italic">Sunt certi denique fines. Eine Mitteilung</hi>, in: ZZ, Jg. 3 (1925), S. 113–116</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3453">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p490#p490">S. 490–499</ref></bibl>.</note> In seinem zweiteiligen Artikel <hi rend="italic">Nochmals «das Ende der kritisch-historischen Theologie»: Antikritik</hi><note xml:id="n64"><bibl corresp="kbga-bibls-3454"><persName ref="kbga-actors-835">M. Werner</persName>, <hi rend="italic">Nochmals «das Ende der historisch-kritischen Theologie»: Antikritik</hi>, in: KBRS, Jg. 36 (1921), S. 146–148.149–151</bibl>.</note> setzt <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> sich mit einem ebenfalls zweiteiligen Artikel von <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName> <hi rend="italic">Ist die sogen. kritische Theologie wirklich kritisch?</hi><note xml:id="n65"><bibl corresp="kbga-bibls-3455"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Ist die sogen. kritische Theologie wirklich kritisch?</hi>, in: KBRS, Jg. 36 (1921), S. 101f.105f.</bibl></note> auseinander. Am Ende seines Artikels kommt <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> zu sprechen.<note xml:id="n66"><bibl corresp="kbga-bibls-3454"><persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>, a.a.O., S. 150f.</bibl></note> Als Antwort auf die Bemerkung, dass der kritischen neutestamentlichen Forschung das Verständnis für die wesentlichen paulinischen Kategorien abhanden gekommen sei, weil sie in der Konstatierung von Widersprüchen im Paulinismus stecken geblieben sei, schreibt <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>: «Ich glaube [...] den wahren Grund zu sehen, der die moderne neutesta<pb ed="pga" xml:id="pr028" break="no"/>mentliche Wissenschaft auf diese Mode verfallen ließ: Es ist wieder die Kampfstellung gegen die Repristinationstheologie. <hi rend="italic">Sie</hi> faßt den Apostel auch als <hi rend="italic">Systematiker</hi>, substituiert ihm aber dabei ihr eigenes System, ihre eigene Dogmatik. In dem Bestreben, diese Illusion zu zerstören, ging die Kritik darauf aus, bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vielmehr bedeutsame Widersprüche zu entdecken.» Weiter spricht <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> die Vermutung aus, dass <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Artikel «eigentlich nichts anderes ist als eine erläuternde und erweiternde Paraphrasierung des Vorworts, das <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> seinem ‹<hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief</bibl>›</hi> vorausgeschickt hat [...]. In seinem ‹Römerbrief› hat <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> in Wahrheit mit doppeltem Faden gezwirnt. Auf weite Strecken findet man in diesem Buch echtes paulinisches Gedankengut mit wunderbar reinem Verständnis und mit faszinierendem Feuer dargestellt. Diese Partieen wechseln aber ständig ab mit anderen, in denen man plötzlich in eine andere Welt versetzt wird, nämlich in rein Barthsche Geschichtsphilosophie.»<note xml:id="n67"><bibl corresp="kbga-bibls-3454"><persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>, a.a.O., S. 150, vgl. S. 147.</bibl></note> Es ist wahrscheinlich, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für <persName ref="kbga-actors-835">Werners</persName> Ausdruck «rein Barthsche Geschichtsphilosophie» «System» als Äquivalent einsetzte und in <persName ref="kbga-actors-835">Werners</persName> Vorwurf des «doppelten Fadens» eine Kennzeichnung bzw. Karikatur seiner Dialektik fand und die Kritik an den Repristinationstheologen, die dem Apostel «ihr eigenes System» substituieren, auch auf sich bezog.<note xml:id="n68"> Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bemerkungen <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> gegenüber. Nach der Lektüre der Druckbogen von <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> schrieb <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> am
<date when="1918-11-28">28.11.1918</date>: «es ist, zunächst rein objektiv der Absicht nach, ein <hi rend="italic">Wurf</hi>, und nach den üblichen Schablonen ein ganzes ‹System› – so wenig es das sein will.» Nach der Lektüre von <bibl corresp="kbga-bibls-3434"><persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> <hi rend="italic">«Der Römerbrief» von Karl Barth</hi><hi rend="italic">. Eine zeitgemäß-unmoderne Paraphrase</hi> (KBRS, Jg. 34 [1919], S. 29–32</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 78–87</bibl>) schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
<choice><sic ed="pga">12.12.1918</sic><corr type="misprint" resp="sm"><date when="1918-12-17">17.12.1918</date></corr></choice>: «Du hast gründliche und erleuchtende Arbeit getan. Zu einer Anti–Kritik habe ich gar kein Bedürfnis. Die Sache wird sich auf der von dir gewählten Ebene in der Tat irgendwie in dieser Gestalt präsentieren. Du hast dich […] zwischen die theologische Brüderschaft und meinen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hineingestellt und versiehst dein Amt meisterhaft, besser als ich es je gekonnt; ich war ganz erstaunt, wie sich das, was ich so ‹objektiv› und ‹naiv› aus <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> heraus vor mich hin gehornt habe, unter deinen Händen alsbald zum wohlgerüsteten kleinen System gerundet hat, das der theologischen Sippe einladend und drohend vorgestellt wird. Eigentlich wollte ich in einem ersten, viel längeren, Vorwort das Gleiche, habe dann aber darauf verzichtet, vielleicht aus Impotenz, vielleicht aus einem gewissen Instinkt, daß es damit nicht pressiere.» (<bibl corresp="kbga-bibls-76"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> - <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Briefwechsel 1916-1966</hi>, hrsg. von der Karl Barth– Forschungsstelle an der Universität Göttingen [Leitung E. Busch] [Gesamtausgabe, Abt.II], Zürich 2000, <ref type="pub-" target="33017">S. 23f.</ref> und <ref type="pub-" target="33022">S. 37f.</ref></bibl>).</note> </p> 

<p><pb ed="pga" xml:id="pr029" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beginnt seine Polemik mit <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> eigentlich schon früher im «Vorwort», direkt im Anschluss an das berühmt gewordene hermeneutische Bild, es gelte sich wie <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> so lange mit dem Text auseinanderzusetzen, «bis die Mauer zwischen dem 1. und 16. Jahrhundert <hi rend="italic">transparent</hi> wird, bis <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dort <hi rend="italic">redet</hi> und der Mensch des 16. Jahrhunderts hier <hi rend="italic">hört</hi>»: «Wahrhaftig, wer die Methode <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> mit dem nachgerade abgebrauchten Sprüchlein vom ‹Zwang der Inspirationslehre› meint erledigen zu können, der beweist nur, dass er in <hi rend="italic">dieser</hi> Richtung noch nie wirklich <hi rend="italic">gearbeitet</hi> hat.»<note xml:id="n69">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p013#p013">S. 13</ref>.</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> rhetorische Figur «wer» … «der» zielt anscheinend auf die folgende Passage bei <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>: «Die historisch-kritische Theologie spricht dem Gedanken der Gottessohnschaft Jesu in seinen urchristlichen Fassungen die ‹objektive Wahrheit› ab und verweist dabei auf dessen ‹historisch-psychologische Genesis›. Aber die Ablehnung ist das Erste und erfolgt unter dem Zwang der modernen Weltanschauung. Der Hinweis auf die ‹historisch-psychologische Genesis› ist das Zweite und ist niemals gemeint als Beweis für das Recht der Ablehnung selbst [...,] sondern als Gegenargument wider den alten Inspirations- und Offenbarungsbegriff, hinter dem sich eine gewisse noch nicht ausgestorbene Theologie bei der Verteidigung des fraglichen Dogmas als ‹objektiver Wahrheit› verschanzt.»<note xml:id="n70"> <bibl corresp="kbga-bibls-3454"><persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>, a.a.O., S. 147</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3434"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>, a.a.O., S. 31</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3572">S. 85f</bibl>. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-918"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, Sp. 466f.</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-111">S. 94</bibl>: «<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> formuliert seinen Standpunkt als über dem der historischen Kritik und dem der Inspirationslehre befindlich, dahin, daß er hindurchzusehen hoffe durch das Historische in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Damit sagt er, daß die anderen vor ihm nur an das Historische herangelangt seien; er geht nicht dem Historischen zuwider, aber durch es hindurch zum Geist. Genau der Standpunkt des <persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName>, nur daß dessen Geist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wiederum für Ungeist erklärt werden würde, und genau der Standpunkt der Gnostiker, die sich allerdings um das Historische überhaupt nicht erst kümmerten.» Vgl. eine spätere Wiederholung dieser Kritik bei <bibl corresp="kbga-bibls-920"><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Karl Barths «Römerbrief»</hi>, in: Die Furche, Jg. 12 (1922), Sp. 228–232, dort Sp. 229</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 142–147, dort S. 143</bibl>.</note> Viel später im «Vorwort» greift <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> noch ein weiteres Stichwort aus <persName ref="kbga-actors-835">Werners</persName> Artikel auf: «Dass ich weiß, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dies weiß, das ist mein ‹System›, meine ‹dogmatische Voraussetzung›, mein <pb ed="pga" xml:id="pr030"/> ‹Alexandrinismus›, und wie man das immer zu nennen belieben mag.»<note xml:id="n71">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p018#p018">S. 18</ref>. </note> <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> hatte die Erwartung geäußert: «Und so werden wir ja denn noch das Aufkommen einer neuen, systematischen Theologie erleben, die wieder bei der Gelehrtenzunft der alten Alexandriner in die Schule geht.»<note xml:id="n72"><bibl corresp="kbga-bibls-3454"><persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName>, a.a.O., S. 150.</bibl></note></p>
<p> Das zweite Beispiel aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Vorwort» innerhalb dieser Gruppe bezieht sich auf die folgende Aussage: «Man hat mich einen ‹abgesagten Feind der <hi rend="italic">historischen Kritik</hi>› genannt»<note xml:id="n73">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p011#p011">S. 11</ref>.</note>. Ein genau so formulierter Vorwurf lässt sich nirgends finden. Diese Wendung dürfte wiederum eine konzentrierte Zusammenfassung der «Stimmung» sein, in der man von Seiten der herrschenden liberalen Theologie <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> methodischen und sachlichen Thesen begegnete. So schreibt <persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName> zu <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Vortrag bei der Studentenkonferenz in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> (1920), das Thema des Vortrags <hi rend="italic">(«Was hat die Historie an fester Erkenntnis zur Deutung des Weltgeschehen zu bieten?»)</hi> beweise, «daß man bei aller derzeitiger Geringschätzung der Geschichte doch ernstlich hier noch ein Problem spürt». <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Vortrag sei «in einem (wohl anläßlich der Debatte?) eingeschobenen Exkurse eine scharfe Absage an die Geschichtsverächter und ‹Erlebnischristen›, und jedermann weiß, wo diese zu suchen sind.»<note xml:id="n74"><bibl corresp="kbga-bibls-3457"><persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName>, <hi rend="italic">Von der Aarauer Konferenz 1920</hi>, in: Basler Nachrichten, Jg. 76 (1920), Nr. 429 vom
7.10.1920</bibl>.</note>
</p> 
<p>Auch <persName ref="kbga-actors-210">Jülichers</persName> Kritik gibt dieser Stimmung Ausdruck: «So lange es nicht als genügend gilt, andre Auffassungen, wie die der historischen Kritik oder der religionswissenschaftlichen Methode, a priori zu verwerfen, höchstens mitleidig als Vorstufe gelten zu lassen, aber so gut wie nie dem Leser zur Vergleichung vorzulegen, erst recht nicht irgendwo sich auf gründliche Widerlegung ihrer Gedanken und ihrer wahrscheinlichen Einwendungen einzulassen – so lange wird von einer Überwindung des ‹Alten› durch diesen Neupauliner nicht die Rede sein können.»<note xml:id="n75"><bibl corresp="kbga-bibls-918"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Paulusausleger, Sp. 455</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-111">S. 90</bibl>. Vgl. gegen <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-969"><persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Vom heiligen Egoismus des Christen. Eine Antwort auf Jülichers Aufsatz: «Ein moderner Paulusausleger»</hi>, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 546–550, dort Sp. 549</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 99–105, dort S. 103</bibl>.</note></p> 
<p> <pb ed="pga" xml:id="pr031" rend="noPipe"/> Neben <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> ist in diesem Zusammenhang auch an <persName ref="kbga-actors-420">Paul Wernle</persName> (1872–1939) zu denken, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Unverständnis für die Errungenschaften der wissenschaftlichen Theologie vorwirft. In seiner Rezension zeigt er sich persönlich betroffen durch die Kritik <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>: «Er redet ja in einem Ausfall auf mich: ‹O diese Theologie der 90er Jahre mit ihren dürftigen Kontrasten!› mit Verachtung von unsrer Arbeit, weil er es nicht mehr erlebt hat, wie wir damals zuerst um das Verständnis des Gottesreichs und des Geistes, wie es heute alltäglich ist, kämpfen mußten.»<note xml:id="n76"><bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 163</bibl>. Siehe für das <bibl corresp="kbga-bibls-119">Zitat Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p306#p306">S. 306f</ref></bibl>.</note> Aus einer nicht in <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I</bibl> veröffentlichten Stelle aus dem Brief <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
<date when="1921-09-30">30.9.1921</date><note xml:id="n77">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3447">S. 523</ref></bibl>.</note> geht übrigens hervor, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf den Rat <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> hin einen Satzteil gestrichen hat<note xml:id="n78">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p020#fn_nk"><choice><sic ed="pga">S. 19</sic><corr type="misprint" resp="sm">S. 20</corr></choice>, Anm. k.</ref></note>: «Eine kleine Abschwächung der Polemik gegen den Polterer <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> unter dem Punkte ‹Biblizismus› schiene mir erwünscht, wird aber kaum möglich sein, denn er hat das Unglück, sich unerhört weit heraus- und danebengewagt zu haben in den von dir dort zitierten Sätzen nach seiner bekannten Art. In Wirklichkeit bedeutete s[eine] Exegese seinerzeit gegenüber <persName ref="kbga-actors-821">Vischer</persName>, <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> für uns einen, allerdings sehr relativen, Fortschritt. Aber das ‹gemütliche Liegenlassen des Ungemütlichen› <hi rend="italic">darf</hi> allerdings <hi rend="italic">nicht</hi> ungestraft passieren. Lass vielleicht nur ‹die Suppe des ungezogenen Kindes› als eigentliche Ohrfeige weg im Interesse der Gesamthaltung gerade des Vorwortes.» </p>
<p> In demselben Brief nimmt <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> des weiteren dazu Stellung, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zunächst auch <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName> (Spitzname Hydor) und <persName ref="kbga-actors-661">Robert Lejeune</persName> mit Namen nennen wollte<note xml:id="n79">Siehe für <persName ref="kbga-actors-787">Staehelin</persName> unten <ref type="pub" target="../volume/47/p007#fn_na">S. 7, Anm. a</ref>, und für <persName ref="kbga-actors-661">Lejeune</persName> <ref type="pub" target="../volume/47/p009#fn_nc">S. 9, Anm. c</ref>.</note>: «Ganz bestimmt möchte ich raten, ja, bitten, S. III <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName> und S. IV <persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName> wegzulassen. Und zwar deshalb, weil diesen Beiden durch diese Erwähnung an so weithin sichtbarer Stelle viel zu viel Ehre geschieht. Gegner von Gewicht sind sie nicht. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-821">Eberhard Vischer</persName></hi>, ja – der <hi rend="italic">muss</hi> bleiben, er hat es um <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> und <persName ref="kbga-actors-494">C. A. Bernoulli</persName> und sonstiger Torheiten willen reichlich verdient.<note xml:id="n80"><persName ref="kbga-actors-821">E. Vischer</persName> hatte in seinem Artikel <bibl corresp="kbga-bibls-1687"><hi rend="italic">Overbeck und die Theologen</hi>, in: KBRS, Jg. 35 (1920), S. 122–124.125–127</bibl>, u. a.  <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>-Interpretation scharf angegriffen. Zur weiteren Auseinandersetzung zwischen <persName ref="kbga-actors-821">Vischer</persName> und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Jahre 1922, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3459">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p058#p058">S. 58–64</ref></bibl>.</note> Aber <persName ref="kbga-actors-1259">Hydor</persName> und <persName ref="kbga-actors-661">Lejeune</persName>, der <pb ed="pga" xml:id="pr032"/> Dich seinerzeit nur in einer Anmerkung bediente – nein! Schreib’ doch einfach: der ‹Kreis um <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> hat mich mit dem Wort ...› Denn <hi rend="italic">wer</hi> ist <persName ref="kbga-actors-661">Lejeune</persName>? Wer ist <persName ref="kbga-actors-1259">Ernst St[aehelin]</persName>?» Deutlich auf Anraten <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> hin sind ihre Namen im Vorwort nicht mehr zu finden.</p>
<p><persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName> war ein religiös-sozialer Theologe und Freund des Anführers dieser Bewegung, <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>. Anfang der 20er Jahre war <persName ref="kbga-actors-661">er</persName> einer der Co-Redakteure des religiös-sozialen Organs <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-4867">Neue Wege</orgName></hi> (mit <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> als Hauptredakteur). <persName ref="kbga-actors-661">Lejeune</persName> wird von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Vorwort nun tatsächlich ohne Namen und Quelle zitiert: «Einer von denen um <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> hat mich mit dem Wort des ältern <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>: ‹<hi rend="italic">Einfachheit</hi> ist das Kennzeichen des Göttlichen!› erledigen wollen.»<note xml:id="n81">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p009#p009">S. 9</ref>.</note> Damit bezieht sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf eine Anmerkung in <persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeunes</persName> <hi rend="italic">Vorbemerkung zu J. Chr. Blumhardt, Das Reichsgebet</hi>.<note xml:id="n82">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr021#fn_n41">S. XXI, Anm. 41</ref>.</note> <persName ref="kbga-actors-661">Lejeune</persName> schreibt dort zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief</bibl> u. a. : «‹Einfachheit ist das Zeichen des Göttlichen› ­– an dieses Wort <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>’s denkt man unwillkürlich, wenn man einerseits <persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>’s schlichtes Aussprechen der erlebten Wahrheit betrachtet und andrerseits dieses stilistisch glänzende, äußerst geistreiche und scharfsinnige, zumal in seiner dem Verfasser jedenfalls sehr wichtigen Polemik überaus geschickte Verfechten derselben Gedankenwelt bestaunt. Während aber beim einen uns einfach der <hi rend="italic">Geist</hi> erg[r]eift, der all diese schlichten, einfachen Worte durchwallt, und uns ob seiner gleichsam objektiv dastehenden Wahrheit und Wirklichkeit oft fast seinen Verkünder und Vermittler vergessen läßt, tritt beim andern hinter der eigenen ‹Geistreichigkeit› (das Wort ist nicht schöner als die Sache) eben jener Geist, dem doch auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zur Geltung verhelfen möchte, stark zurück, sodaß wir immer wieder – sei’s lächelnd, sei’s staunend, sei’s auch etwas ärgerlich – beim Subjekt des Darstellers verharren und ganz unwillkürlich auf die Frage kommen, ob am Ende dem Verfasser die eigene geistreiche und glänzende Formulierung nicht noch um einiges wichtiger war als die Wahrheit selber, die er verfechten wollte!»<note xml:id="n83"><bibl corresp="kbga-bibls-3431"><persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName>, a.a.O., S. 245f., Anm. 2.</bibl></note> </p>
<p> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Brief wirft wohl, indem er die Aufmerksamkeit für die Kontroverse mit <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> weckt, auch Licht auf eine andere Pas<pb ed="pga" xml:id="pr033" break="no"/>sage, bei der zunächst unbestimmt scheint, an welchen Kritiker, an welche Kritik <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt: «Was nun den <hi rend="italic">Inhalt</hi> meiner vorliegenden Römerbrieferklärung betrifft, so gebe ich zu, dass es mir jetzt wie vor drei Jahren mehr um das <hi rend="italic">wirkliche</hi> als um das sog. <hi rend="italic">ganze</hi> Evangelium zu tun war, weil ich keinen Weg zum <hi rend="italic">ganzen</hi> Evangelium sehe als den über das Erfassen des wirklichen, das sich noch keinem von allen Seiten zugleich gezeigt hat. Das übliche arbeitslose Reden und Schreiben vom ganzen Evangelium, das Glaube, Liebe und Hoffnung, Himmel, Erde und Hölle in schöner Proportion gleichmäßig umfasst, halte ich für wenig erbaulich.»<note xml:id="n84">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p020#p020">S. 20</ref>.</note> Dies ist vermutlich eine Reaktion auf den durch <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erhobenen Vorwurf eines einseitig «objektiven» Paulinismus.<note xml:id="n85">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 164</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> schreibt: «Als die Reformatoren aus dem Römerbrief ihre zentralen Hauptpunkte herausholten, da waren es die Begriffe <hi rend="italic">Gesetz, Sünde, Evangelium, Gnade, Glaube, Geist</hi> und <hi rend="italic">Fleisch</hi>, waren es die Fragen, <hi rend="italic">wie der Christ</hi> – auf Grund der Erlösung durch Christus – <hi rend="italic">den Frieden und Trost und die sittliche Kraft findet.</hi> Die Theologie des Römerbriefs als Ganzes ist eben <hi rend="italic">Theologie vom Glauben und Geist, Theologie vom Menschen ohne Christus und vom Menschen mit Christus</hi>, darin hat das reformatorische Verständnis des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ganz recht.»<note xml:id="n86"><bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 167.</bibl></note> Und weiter: «<hi rend="italic">Glaube, Liebe, Hoffnung, Geduld, Frieden, Freude, es sind lauter Worte, die ausdrücken, daß Gott in der Menschenseele wohnen will.</hi> Dieser ganzen Bewegung der Religion hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich verschlossen durch beständige Polemik gegen Subjektives und Individuelles, gegen Erlebnis und Erfahrung».<note xml:id="n87"><bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 168</bibl>.</note></p> 
</div> 

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<head><hi rend="italic">IV. «Wo die Gedanken des einen anfangen, die des andern aufhören».<lb/>
   <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Bemerkungen zur zweiten Römerbriefauslegung</hi></head> 
<p>Von dem laufenden Austausch zwischen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> während der Niederschrift der zweiten Römerbriefauslegung finden sich <pb ed="pga" xml:id="pr034"/> zahlreiche Zeugnisse in ihrem Briefwechsel. Das erste Dokument, aus dem hervorgeht, wie intensiv <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> in die Umarbeitung des <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> involviert war, ist dessen Brief vom
<date when="1920-10-28"><ref type="pub" target="../texts/3372">28.10.1920</ref></date>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte ihm den ersten Entwurf einer überarbeiteten Fassung eines Teils des ersten Kapitels erst einen Tag zuvor zugeschickt.<note xml:id="n88">Siehe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief vom
<date when="1920-10-27">27.10.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p435#p435">S. 435f</ref></bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> bietet sofort an, das Manuskript mit zu lesen und zu kommentieren: «Lass mich weiter, wenns geht, Stück um Stück teilnehmen. Oder ist das zu viel verlangt? Ich will mich nun sofort nochmals eingehend und vergleichend dahintermachen. Allfällige Bemerkungen notiere ich Dir extra.»<note xml:id="n89">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I , <ref type="pub" target="3372#p437">S. 437</ref></bibl> (mit Weglassungen).</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> geht auf diesen Vorschlag ein, so dass <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> von der ersten Sendung an Perikope für Perikope mit liest. <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> letzte Sendung mit kommentiertem Manuskript ging am
<date when="1921-09-30"><ref type="pub" target="3447">30.9.1921</ref></date> nach <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. Später folgten bis in den November die von ihm durchgesehenen Druckbogen. In dem Maße, in dem beide in das Projekt eingearbeitet sind, übernimmt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> stets mehr Vorschläge von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>, oftmals wörtlich, zum Teil aber auch mit kleinen stilistischen Anpassungen. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Urteil zufolge hat <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> sich auf diese Weise im neuen Römerbrief «in sehr selbstloser Weise ein verborgenes Denkmal gesetzt».<note xml:id="n90">Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p024#p024">S. 24</ref>.</note></p>
<p> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wusste den Wert dieser Hilfe seines Freundes zu schätzen und zeigte sich mehrfach sehr erkenntlich dafür. Zurückblickend auf den gemeinsamen Weg schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
<date when="1921-09-27"><ref type="pub" target="3446">27.9.1921</ref></date>, wenige Tage vor seinem Umzug nach <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, wo er im Oktober seine Honorarprofessur für Reformierte Theologie antreten sollte: «Immerhin möchte ich dir noch vorher <hi rend="italic">ganz</hi> herzlich danken für die viele Mühe und Zeit, die du jetzt und während elf Monaten daran gewendet, das Ding zu strählen, ganz abgesehen davon, daß ich ohne dich wahrscheinlich heute noch mißmutig bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> oder auch im Sozialismus drin steckte und weder den 1. noch den 2. Römerbrief geschrieben hätte und sicher nicht in die seltsame Lage gekommen wäre, nun auch noch den Professor zu machen.»<note xml:id="n91"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p520#p520">S. 520</ref></bibl>.</note> Auch <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> gibt in seiner Antwort drei Tage später <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine Dankbarkeit zu erkennen: «In was für einem muffigen Winkel säße ich heute ohne dich und das <pb ed="pga" xml:id="pr035"/> scharfe Tempo, das du angeschlagen hast, und das mitzuhalten ich die Gnade hatte: in irgendeinem Bollerecken vielleicht, oder gar am <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName>tisch oder vielleicht einfach im fromm-frivolen Baslerweiher etwa ähnlich wie Hydor [<persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName>]. Ich lebte und lebe von deinem Vorwärtsdrängen und Antreiben.»<note xml:id="n92"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3447">S. 523</ref></bibl> (mit Weglassungen).</note></p>
<p> Die Wichtigkeit des vollständigen Briefwechsels für die Rekonstruktion der Textgenese der neuen Bearbeitung wurde bereits im vorigen Abschnitt anhand eines Briefes von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> deutlich. Er selbst schreibt im «Vorwort» zu seiner Edition: «Die Ausgabe gibt den Briefwechsel nahezu vollständig wieder, wenn auch gewisse durch Punkte (in eckigen Klammern) in den einzelnen Briefen kenntlich gemachte Streichungen und die Weglassung einiger weniger ganzer Briefe notwendig wurden. Diese Streichungen und Weglassungen sind in der Hauptsache bedingt durch die unsere Intimsphäre berührenden Mitteilungen. Da die Originale aller Briefe im <orgName ref="kbga-actors-8253">Bartharchiv</orgName> vorhanden sind, werden ein späterer Barthbiograph oder sonstige Barthforscher darauf zurückgreifen können.»<note xml:id="n93"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/pr006#pr006">S. VIf.</ref></bibl></note> Schon bei einem ersten Blick in die veröffentlichte Korrespondenz fällt auf, dass aus der Periode des Neuschreibens des <hi rend="italic">Römerbriefes</hi> beträchtlich mehr Briefe von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> veröffentlicht worden sind als Briefe seines Freundes. Eine recht große Anzahl von Briefen <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> aus dieser Zeit wurde im Briefwechsel weggelassen. Von den 59 relevanten Thurneysen-Dokumenten sind lediglich 26 in <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I</bibl> aufgenommen worden. Die veröffentlichten Briefe aus dieser Periode sind zudem stark gekürzt worden. Nur einige Auslassungen sind in <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I</bibl> durch Punkte (in eckigen Klammern) angedeutet. Vor allem sind die meisten von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Vorschlägen und Kommentaren zu der neuen Auflage nicht aufgenommen worden.</p> 
<p>Nicht nur wird so die Rolle <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> beim Zustandekommen des Römerbriefes in <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I</bibl> abgeschwächt; die veröffentlichte Korrespondenz stellt sich zugleich als unzureichend dar für denjenigen, der die Chronologie des Entstehens von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kommentar hinsichtlich der einzelnen Perikopen genau nachvollziehen will. Die weggelassenen Passagen verschaffen weiterhin einen viel genaueren Zugang <pb ed="pga" xml:id="pr036"/> zu den im Römerbrief verborgenen Anspielungen, zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Lektüre, zu den Hintergrunddiskussionen sowie zu politischen, theologischen, familiären Fragen und Stimmungen. Aufgrund dieser großen theologiehistorischen und textkritischen Bedeutung von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Dokumenten ist eine vollständige Herausgabe dieser Korrespondenz ein noch zu erfüllendes Desideratum. Eine solche Herausgabe würde eine entsprechende Antwort sein auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Herausforderung: «Kein Spezialist wird dahinter kommen, wo in unserer auch hier bewährten Arbeitsgemeinschaft die Gedanken des einen anfangen, die des andern aufhören.»<note xml:id="n94">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/47/p024#p024">S. 24</ref>.</note></p> 
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<head><hi rend="italic">V. Zur Technik der Edition</hi></head> 
<p>Der Fußnotenapparat ist dreiteilig:</p>
<list rend="indent">
<item n="1)"> Im ersten Apparat werden die 24 mit Sternchen gekennzeichneten, überwiegend textkritischen Anmerkungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zum Text des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wiedergegeben.</item>
<item n="2)"> Der zweite Apparat bietet die textkritischen Anmerkungen zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Text. Siehe dazu die folgenden Erläuterungen zu <hi rend="italic">Textkritik und Textkonstitution</hi> (<ref type="pub" target="../volume/47/pr034#pr034">S. XXXIX­-XLIV</ref>).</item>
<item n="3)"> Die dritte Gruppe der Fußnoten besteht aus den Anmerkungen der Herausgeber sowie den Quellenangaben zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Text. Auf diese Gruppe wurde bereits oben viel Aufmerksamkeit verwendet. Folgendes muss hier aber noch ergänzt werden:</item>
</list>
<list type="simple">
  <item>
<list rend="indent">
<item n="I."> Quellen</item>

    <item n="a)"> Quellen, auf die nur mit dem Autorennamen und, wo notwendig, einem Titelstichwort verwiesen wird, sind vollständig im «Abkürzungsverzeichnis» aufgeführt.</item>
    <item n="b)"> Bei den Nachweisen war unser allererstes Bestreben darauf gerichtet, die Ausgaben zu konsultieren, welche aus dem Besitz <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> vorhanden sind. Wenn zudem inzwischen eine kritische Ausgabe eines Autors erschienen ist, die als Standard benutzt wird, haben wir versucht, auch diese anzugeben.
    </item> 


<item n="II."><pb ed="pga" xml:id="pr037" rend="noPipe"/> Zitate</item>

    <item n="a)"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Weise des Zitierens wurde nicht verändert.</item>
    <item n="b)"> Die Zitate bzw. Zitatausschnitte in den Herausgeberfußnoten bieten den unveränderten Text der angegebenen Quelle.</item>
    <item n="c)"> Wenn <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ein Zitat oder eine Anspielung an weiteren Stellen wiederholt, ist das nur in begründeten Ausnahmefällen vermerkt. Mit Hilfe des Begriffsregisters lässt sich die erste Stelle finden, an der das Zitat bzw. die Anspielung erläutert wird.</item>
 

<item n="III."> Seitenzahlen<lb/>

Die Seitenzahlen des 2.-13. Abdrucks sind in dieser Edition zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügt. Die Seitenzahlen des 1. Abdrucks sind auf Grund eines Paginierungsfehlers (der Text beginnt in diesem Abdruck irrtümlich auf S. 5 statt auf S. 3) jeweils um 2 Seiten höher. In den Vorworten bieten die mitgeführten Seitenzahlen der früheren Auflagen den mit der 6. Auflage von 1929, der letzten, zu der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ein Vorwort verfasst hat, erreichten Stand.</item>


<item n="IV."> Bibelstellen<lb/>

    Die Querverweise innerhalb des Römerbriefs und die Verweise auf andere biblische Bücher setzt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in runde Klammern ( ). Hier ist <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Gewohnheit zu beachten, die wir übernommen haben, das einfache f. im Sinne von «der angegebene Vers und die folgenden Verse» zu setzen, wofür heute meist ff. gebraucht wird. Wo heute f. für «der genannte und der folgende Vers» steht, setzt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beide Verszahlen. Bei den Bibelstellen ist weiter zu bedenken, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich häufig auf die Luther-Übersetzung bezieht, und zwar oft auf die durchgesehene Ausgabe von 1892. Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht angegebenen Bibelstellen wurden – soweit wir sie erkannt haben – zwischen eckigen Klammern [ ] ergänzt.</item>


<item n="V."> Register<lb/>
Die Neuausgabe ist mit einem Bibelstellen-, Namen- und Begriffsregister versehen. Damit entfallen die Register, die durch <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> für den 2. Abdruck des Römerbriefes zusammengestellt und in allen folgenden Auflagen wieder abgedruckt wurden.</item> 
  </list>
</item>
</list>
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<div>
<head><hi rend="italic">VI. Dank der Herausgeber</hi></head> 
<p>Die Arbeit an dieser Ausgabe wurde schon vor vielen Jahren angefangen. In der ersten Phase wurde intensiv mit dem damaligen Direktor <pb ed="pga" xml:id="pr038"/> des <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archivs</orgName>, Herrn Dr. Dr. h.c. mult. Hinrich Stoevesandt, zusammengearbeitet. Auch seine Frau Elisabeth Stoevesandt soll in diesem Zusammenhang unmittelbar und mit Dankbarkeit genannt werden. Die Gastfreundschaft in Basel, die Ermutigung und konkrete Hilfe von beiden sind unvergesslich. In der späteren Phase, in der Frau Dr. Katja Tolstaja – ermöglicht durch die Theologische Fakultät der Vrije Universiteit Amsterdam – zu der Edition beigezogen werden konnte, wurde die Arbeit mit dem jetzigen Leiter des Karl Barth-Archivs, Dr. Hans-Anton Drewes, weitergeführt. Sein Name soll hier mit großem Dank genannt werden. Ohne die persönliche Anstrengung, Akribie und Hilfsbereitschaft seinerseits und ohne die konkrete Hilfe seiner Mitarbeiter wäre diese Ausgabe nicht zu Stande gekommen. Dass man von ihm nach Gesprächen über das Genre und die Modernität des Römerbriefes am späten Abend noch mit «Pierrot Lunaire» von Arnold Schönberg bewirtet wurde, war gleich überraschend wie treffend.</p> 
<p>Auch sollen hier die verschiedene Fachspezialisten, die im Laufe der letzten 20-25 Jahre bezüglich sehr unterschiedlicher Teilfragen zu Rate gezogen worden sind, genannt werden. Den Entdeckungen haben wir mit großer wissenschaftlicher Entdeckerfreude zugejubelt. Und wir trauerten, wann immer es auch den Spezialisten nicht gelang, unsere Fragen zu beantworten. Freundliche Auskünfte und Expertenhilfe bekamen wir von:</p>
<p> Frau Lotte Bauer (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), Dr. Frank Bestebreurtje (Universität Basel), Dr. Pieter H. Vos (PthU Kampen, Niederlande), Prof. Dr. Joachim Latacz (Universität Basel), Prof. Dr. Friedrich Lohmann (Humboldt-Universität Berlin), Prof. Dr. Claus-Dieter Osthövener (Bergische Universität Wuppertal), Prof. Dr. Eberhard Harbsmeier (TPC Løgumkloster, Dänemark).</p>
<p> Schließlich danken wir Frau Marianne Stauffacher, der Leiterin des TVZ-Verlages, für die Betreuung dieses Bandes.</p> 
<closer> 
  <dateline rend="left">Amsterdam, November 2010</dateline>
    <signed rend="right">Cornelis van der Kooi und</signed>
    <signed rend="right">Katja Tolstaja</signed> 
</closer> 
  </div>
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</body>
</text>
</TEI>
