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        <title type="volume" n="vol-40">Die Theologie Zwinglis 1922/1923</title>
        <title type="content">§ 4 Zwinglis Theologie im Rahmen des Abendmahls-Streites</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: § 4 Zwinglis Theologie im Rahmen des Abendmahls-Streites, in: Die Theologie Zwinglis 1922/1923, 22. Dezember 1922 – 23. Februar 1923</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/40006 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Zwinglis 1922/1923, hrsg. v. Freudenberg, Matthias (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2004, S. 251–498.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Zwinglis 1922/1923</title>
          <title type="text">§ 4 Zwinglis Theologie im Rahmen des Abendmahls-Streites</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Freudenberg, Matthias</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2004</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Die Theologie Zwinglis, 2. November 1922. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6608">KBA 1666</ref>. </bibl>
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          <term>lecture</term>
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                <head>§ 4  <persName ref="kbga-actors-443">ZWINGLIS</persName> THEOLOGIE IM RAHMEN DES ABENDMAHLS-STREITES</head>
                <div type="session">
                <p>Wir haben zu reden von seiner <hi rend="italic">Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> über das <ref type="term">Abendmahl</ref>.</hi><note xml:id="n01"> Im Frühsommer 1923 verfaßte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-972">«Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre» für das Hermann Kutter zum 60. Geburtstag gewidmete Heft IV von «Zwischen den Zeiten» (Jg. 1923), S. 17–51.</bibl> Wie durch zahlreiche inhaltliche Überschneidungen deutlich wird, dienten ihm insbesondere die auf <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bezogenen Passagen in § 4 der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>-Vorlesung als Grundlage; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-973">V.u.kl.A. 1922-1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p248#p248">S. 248–306</ref></bibl>.</note> 
                Wir können auch hier das Problem nicht in seiner ganzen Breite aufrollen. Einiges ist ja bereits in unserem § 2 gesagt. Für mein Empfinden ist das Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> das Bezeichnendste am ganzen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, der Punkt, über den man nicht genug nachdenken könnte. In den Darstellungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sowohl wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> wie nachher  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> müßte m.E. dieser Punkt ganz anders in die Mitte gerückt werden, als es bisher geschehen ist. Ihr Kampf gegen die 
                katholische Kirche war der Kampf um die Lösung von der Vergangenheit. Ihr Kampf gegen die Schwärmer betraf die richtige Deutung der Gegenwart. Ihr Kampf untereinander aber ging um die Zukunft. Wer hier wirklich verstehen würde, würde die letzten vier Jahrhunderte verstehen. Wie ganz anders würden sie ausgesehen haben, wenn außer der katholischen Kirche und den Schwärmern nur <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> oder nur <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auf dem Plan gewesen wäre. Und nun dieses 
                unerhörte Nebeneinander, im tiefsten Grund und zunächst auch äußerlich zweifellos ein <hi rend="italic">Mit</hi>einander (aber ein solches bestand ja auch gegenüber der katholischen Kirche und den Schwärmern), dann aber ein furchtbares <hi rend="italic">Gegen</hi>einander, dessen Notwendigkeit, wenn man es einmal entdeckt hat, fast auf jedem Punkt der Lehre und des Lebens nachweisbar ist, und damit ein Auseinanderfallen der reformatorischen Bewegung, dessen Wirkungen sich bis auf diesen Tag durch keine versöhnlichen Redensarten beseitigen lassen, die 
                vielmehr tragischerweise auch heute gerade da wieder fühlbar werden müssen, wo man sich hüben und drüben auf den Sinn und die Größe der reformatorischen Bewegung wieder zu besinnen beginnt. Es ist eine gute Sache, wenn heute von <pb ed="pga" xml:id="p252"/> mehr als einer Seite die Losung: Zurück zu den Reformatoren! wieder ausgegeben wird.<note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich vermutlich auf die nach <persName ref="kbga-actors-191">K.  Holls</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Studien beginnende Lutherrenaissance, die 1923 mit der Gründung der «<orgName ref="kbga-actors-8654">Zeitschrift für Systematische Theologie</orgName>» Gestalt und Stimme gewann; zu <persName ref="kbga-actors-191">K.  Holl</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2916"><persName key="Assel, Heinrich">H.  Assel</persName>, <hi rend="italic">Der andere Aufbruch</hi>, a.a.O. (oben S. 45, Anm. 9), S. 59–80.89–111.132–163</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p044#fn_n09">S. 44f., Anm. 9</ref>.</note> 
                Ja, was können wir Besseres tun, wenn es uns ernst ist mit der Sehnsucht: Vorwärts zu einer neuen größeren Reformation! Aber man muß sich bewußt sein, daß man nicht ungestraft die alten Bücher wieder aufschlägt. Denn je ernsthafter es dabei zugeht, umso sicherer findet sich der Eine diesseits, der Andere jenseits des Grabens, 
                der in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> nicht aufgerissen wurde, aber dessen Aufgerissen<hi rend="italic">sein</hi> dort endgültig konstatiert worden ist. Wir sind ja noch nicht so weit, aber ich sehe Symptome, aus denen ich schließe, daß die damaligen Kontroversen in ganz anderer Form noch einmal unheimlich aktuell werden könnten, gerade wenn die sogenannte  
               «religiöse Bewegung» der Gegenwart wirklich in die Tiefe gehen sollte, eine Möglichkeit, der man also auch mit einem gewissen Bedenken entgegensehen müßte, jedenfalls mit dem Wunsch, es möchte, wenn die alten Schlachtbeile wieder an den Tag kommen sollten, mindestens etwas humaner zugehen als damals. Aber vielleicht ist es eine Eigenart des religiösen Lebens, daß es dabei, wenn es ernst gilt, nicht eben human zuzugehen pflegt.</p>
                <p> Wir müssen uns bei der geschichtlichen Darstellung auch des Abendmahlsstreites kurz fassen. Es ist für uns Heutige ein fast unlösbares Rätsel, daß ausgerechnet diese uns so abstrakt-theologisch berührende Frage nach der rechten Auslegung der Einsetzungsworte des Abendmahls der Punkt war, an dem es zu einer der folgenreichsten Entzweiungen der europäischen Geistesgeschichte gekommen ist. Warum gerade da? Warum stritt man nicht, da denn 
                gestritten sein mußte, um den Begriff und das <ref type="term">Wesen</ref> des Glaubens, um die Stellung des Problems der Ethik, um die Bedeutung des Alten Testamentes, um den Gottesbegriff, um das Problem Humanismus oder Religion? Das alles würden wir verstehen. Aber das Abendmahl! Die Doktorfrage um das «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>»! 
                Was soll das? Gerade wie vorher bei den Täufern, hinter denen doch letztlich das Anliegen des modernen <pb ed="pga" xml:id="p253"/> Individualismus <hi rend="italic">und</hi> <ref type="term">Sozialismus</ref> und das Problem des Urchristentums dazu stand, und gestritten wurde um die uns fast läppisch vorkommende Frage: Kinder- oder Erwachsenentaufe? |</p>
                <p> Lassen Sie sich von Anderen sagen, was das Interesse war, das <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> gerade am Abendmahl genommen hat. Von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi> aus gesehen verhielt es sich jedenfalls so. Sein zentrales Anliegen war die gerade durch seine moralische Grundeinstellung geforderte strenge und ausschließliche 
                Aufeinanderbeziehung von Gott und Glaube: Gott der alleinige Herr und Erlöser und darum der Glaube Glaube an den Gott, der Geist und <ref type="term">Wahrheit</ref> ist und nichts sonst. Nur so konnte er die Kampfsituation, die ernste, strenge Spannung und Aufgabe klar machen, die für ihn das Menschenleben bedeutete. Und wie er in der 
                Erwachsenentaufe der Schwärmer das Schibboleth des Versuches sah, das <hi rend="italic">Bekehrungs</hi>erlebnis, den enthusiastischen Aufschwung des Menschen, als selbständige Größe zwischen Gott und Mensch hineinzuschieben und so die heilsame Spannung aufzuheben durch ein Datum von Geistesbesitz, das dem Menschen zugeschrieben wurde, so meinte er immer deutlicher in der Lehre von der leiblichen Gegenwart Christi im Abendmahl das Symbol des anderen 
                Versuches zu sehen, als solche dritte selbständige Größe das <hi rend="italic">Gnaden</hi>erlebnis, die wunderbare Gotteswirkung in die Anschauung des Verhältnisses von Gott und Mensch einzuschieben, ebenfalls mit der Wirkung, daß die ethische Spannung abgeschwächt und zugedeckt wurde durch den Glanz eines religiösen Besitzes, der, auch wenn er von Gott kam, doch eben dazu dienen mußte, den Ernst der menschlichen Lebenslage in etwa vergessen zu 
                lassen. Er sah hier wie dort einen verhängnisvollen Rest des <ref type="term">Papsttum</ref>s mit seiner Idee einer kreatürlichen Vermittlung, die er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, im Interesse der Gottesfurcht und eines reinen Lebens gerade ausgeschaltet wissen wollte. Kein Zufall, daß diese Schlacht, bei der es um das Ganze ging, gerade um das 
                Bollwerk der alten heilsvermittelnden Kirche geschlagen wurde, aus der er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, rücksichtslos eine Kirche des Zeugnisses, des Wortes in Schrift und Zeichen, eine Kirche des Geistes machen wollte, - gerade um das Sakrament, an dessen Auffassung es sich nach seiner Meinung entscheiden mußte, ob der alte Sauerteig, der sich nirgends so geltend gemacht wie hier, ausgefegt sei [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.5.7">1.Kor. 5,7</ref>].</p> 
                </div>

                <div type="session"> 
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                 <head>[<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vor dem Ausbruch des Abendmahlsstreits]</head>
                 <div>
                <p><date rend="right">18.XII.22</date>Wenn man fragen wollte, wer im Abendmahlsstreit <hi rend="italic">angefangen</hi> habe, mit Streiten nämlich, so müßte die Antwort ganz unzweifelhaft lauten: <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>.</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war es, der schon in seinen ersten bekannten Äußerungen über die Abendmahlsfrage ausdrücklich sagte, daß er hier den problematischen Punkt in seinem Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sehe, der dann, im vollen Bewußtsein, daß es gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gehe und gehen müsse, seine Anschauung darüber im Stillen sich gebildet und befestigt hat, um endlich, als der Moment ihm gekommen schien,
                offen damit hervorzutreten. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war es, der, als nicht er, sondern  <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> angegriffen wurde, den Anlaß benützte, um, wenn auch ohne <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu nennen, mit seinen anti-lutherischen Thesen hervorzutreten und so den Angriff <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, der denn auch nicht ausblieb, herauszufordern. Und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lehre war es, die, in <placeName ref="kbga-places-1242">Süddeutschland</placeName> rasch sich verbreitend, von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als eine Bedrohung seiner Autorität und seines Werkes aufgefaßt werden mußte. Das ist das Richtige an der Behauptung <persName ref="kbga-actors-1294">Tschackerts</persName>, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von dem ganzen Streit lange nicht so leidenschaftlich erregt worden sei wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>.<note xml:id="n03"> <bibl corresp="kbga-bibls-2885"><persName ref="kbga-actors-1294">P.  Tschackert</persName>,  a.a.O. (oben S. 26, Anm. 60), S. 249</bibl>; vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2885"> a.a.O., S. 249–252, zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lehre von den Sakramenten.</bibl></note> 
                Seine Ruhe ist die Ruhe des wohlvorbereiteten Angreifers, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Aufregung die des Überraschten und in die Verteidigung Gedrängten. Um ein Herzensanliegen ging es aber <hi rend="italic">beiden</hi>, darin hat <persName ref="kbga-actors-1294">Tschackert</persName> sicher nicht richtig gesehen: man muß nur unterscheiden zwischen dem höchst geschäftigen Theologisieren <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und seiner Freunde, das schon im Gange war, als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von dem, was kam, noch keine Ahnung hatte, und in dem sich auch nachher <hi rend="italic">ihre</hi> Leidenschaft in <hi rend="italic">ihrer</hi> Art ausdrückte, und den gewaltigen 
                Blitzstrahlen und Donnerschlägen, mit denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ins Gefecht ging, als er sich nach langer Zurückhaltung Ende 1526 zum offenen Kampf aufmachte. Aber herausgefordert zu diesem Kampf hat entschieden <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auch im schärfsten Angriff seinerseits getan hat, war doch nichts Anderes, als daß er eben innerlich und äußerlich <pb ed="pga" xml:id="p255"/> seinen Besitzstand, die Reformation, wie er sie verstand, verteidigte, neu begründete und befestigte. Es war ja eben, wie wir uns im § 2 grundsätzlich klarzumachen versuchten, der 
                Schritt über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hinaus, die Wendung von der Glaubensreformation zur Lebensreformation, der Versuch, um den engeren Kreis des Religiösen herum den weiteren Kreis des Ethischen zu ziehen, was als Letztes hinter dem zwinglischen Offensivunternehmen steckte. Daß es sich um ein Offensivunternehmen handelte, gegen das sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seiner Haut wehren mußte, so gewiß er <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war, das darf man um der <ref type="term">Gerechtigkeit</ref> willen 
                nicht übersehen, wenn man aus reformierter Parteianschauung heraus oder aus allgemeiner Friedensliebe über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> «sackgrobe Unversöhnlichkeit» (<persName ref="kbga-actors-179">Hermelink</persName>)<note xml:id="n04"> <bibl corresp="kbga-bibls-1905"><persName ref="kbga-actors-179">H.  Hermelink</persName>, a.a.O. (oben S. 4, Anm. 8), S. 96.</bibl></note> 
                sich beklagen will. Wiederum aber darf man, wenn man <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Partei ergreifen will, nicht übersehen, wie unentbehrlich oder jedenfalls wie unvermeidlich das zwinglische Offensivunternehmen gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> allzu feste Burg im Zusammenhang der ganzen Reformation gewesen ist.</p>
                <p> In der «<bibl corresp="kbga-bibls-2948">Uslegung der 67 Schlußreden</bibl>» (Juli 1523) handelt der 18. Artikel (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">I,232[-261]</bibl>)<note xml:id="n05"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Auslegen und Gründe der Schlußreden</hi> (1523), Z 2,111-157.</bibl></note> 
                von der Messe und stellt fest, daß das <ref type="term">Abendmahl</ref> kein <ref type="term">Opfer</ref>, sondern ein Wiedergedächtnis und eine Versicherung der <ref type="term">Erlösung</ref> sei. Der «Handel Christi» wurde erst ganz in seinem Tode, und sein Tod ist in alle <ref type="term">Ewigkeit</ref> für alle Menschen das einzige Pfand ihrer <ref type="term">Seligkeit</ref>. Diese Wirkung seines Todes hat uns Christus angezeigt in 
                den zwei Gestalten des <ref type="term">Sakrament</ref>s, Leib und Blut. Doch ist der Ausdruck Sakrament unangebracht; denn es handelt sich um ein Testament, Vermächtnis, Bündnis, das uns da angezeigt wird, <hi rend="italic">und</hi>, fügt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hinzu, indem er von der Stiftung selbst sofort übergeht zu der Feier dieser Stiftung in der christlichen <ref type="term">Gemeinde</ref>: um ein Wiedergedächtnis, um eine Erinnerung der uns von Christus erwiesenen Guttat durch Wiedergedenken daran, durch innige Danksagung dafür. Darum bestehe kein 
                Streit, heißt es ausdrücklich, daß der «Fronleichnam» und Blut Christi gegessen und getrunken werden (denn daran zweifelt kein Christ), sondern ob es ein <ref type="term">Opfer</ref> sei oder ein Wiedergedächtnis. Die Front ist also durchaus die antikatholische. Über den Sinn dieses Mahles wird dann im Anschluß <pb ed="pga" xml:id="p256"/> an <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> ausgeführt: Es ist die Speisung 
                der <ref type="term">Seele</ref>, die dadurch geschieht, daß sie sicher wird, daß Jesus Christus ihr Heil sei vor Gott. Leib und Blut sind also das Wort des Glaubens. Der <ref type="term">Geist</ref> macht lebendig, das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze. Daß die <ref type="term">Seele</ref> glaube, was durch den Geist Gottes geschieht, das ist die Stärkung, die uns das <ref type="term">Abendmahl</ref> bringt als Versicherung, die 
                dem Glauben durch einen «sichtbaren Handel» gegeben wird. «Daß die Theologi von der Verwandlung des Weins und Brots erdichtet haben, laß ich mich nicht kümmern. Ich hab genug, daß ich festiglich durch den Glauben weiß, daß Christus meine <ref type="term">Erlösung</ref> ist und Speis und Trank meiner <ref type="term">Seele</ref>.»<note xml:id="n06"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,144,13-16.</bibl></note>
                        </p>
                <p> Das alles ist ganz unpolemisch, positiv gesagt. (Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,239</bibl> «<foreign xml:lang="lat">tempori multa potius scripsimus quam rei</foreign>».)<note xml:id="n07"> <bibl corresp="kbga-bibls-627"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">De vera et falsa religione commentarius</hi> (1525), Z 3,773,27f.</bibl></note> Aber nun wird plötzlich und mit erstaunlicher Ausführlichkeit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in die Verhandlung gezogen. Der weidliche Diener Gottes, <persName ref="kbga-actors-261">Martinus Luther</persName>, heißt es, bevorzuge für das Abendmahl den Begriff des Testamentes. Er beschreibe damit seine Eigenschaft, seine Natur und sein Wesen an sich, während er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, bei seinem Begriff  
               «Wiedergedächtnis» an den Brauch, den wir üben, denke. Ein «Span» (Widerspruch) sei da nicht vorhanden. Warum muß nun <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gerade in diesem Zusammenhang und nach dieser tröstlichen Versicherung ausholen zu folgender Betrachtung: Man pflegt die Lehre Christi heute zu bekämpfen, indem man sie lutherisch nennt. Aber er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, habe das <ref type="term">Evangelium</ref> Christi schon seit 1516, da bei uns noch nicht einmal <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Name bekannt war, gepredigt, d. h., wird erklärend hinzugefügt, er habe in bewußtem Anschluß an die Schrift gepredigt. 
                Daß der Ablaß ein Betrug sei, davon habe ihn schon sein Lehrer <persName ref="kbga-actors-1333">Thomas Wyttenbach</persName> überzeugt. Und als dann <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Erklärung des Unser Vater in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> bekannt wurde, da habe man ihn, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, als deren Verfasser angeklagt. Jedenfalls habe er vor zehn Jahren selber, und nicht von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> angewiesen, den Weg zum Ursprung der Lehre Christi gesucht und gefunden. Es sei überhaupt «Alefanz», sich mit solchen menschlichen Namen wie «lutherisch» zu belegen. «<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist, als mich bedünkt, so ein trefflicher Streiter Gottes, der da mit großem Ernst die 
                  Schrift durchfündelet, als Keiner in tausend Jahren auf Erden je ge<pb ed="pga" xml:id="p257" break="no"/>wesen ist, und mit dem mannlichen, unbewegten Gemüt, damit er den <ref type="term">Papst</ref> von <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> angegriffen hat, ist ihm Keiner je gleich geworden. Wes aber ist solche Tat? Gottes oder <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>? Frag den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst, weiß ich wohl, er spricht: Gottes.»<note xml:id="n08"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,147,14-22.</bibl></note> Also hat es - ein nicht ganz bündiger Schluß - 
                keinen Sinn, die <ref type="term">Lehre</ref> anderer Menschen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zuzuschreiben. Er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, jedenfalls wolle <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Namen nicht tragen; er habe wenig von ihm gelesen, und zwar absichtlich, um jenem Verdacht der Päpstler nicht Nahrung zu geben. <hi rend="italic">Was</hi> er gelesen habe, das sei «gemeinlich» so gut (sofern es sich um die Auslegung der Schrift handele, «denn siner spänen nimm ich mich nüt an»!), daß keine Kreatur es umstürzen könne.<note xml:id="n09"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,148,1f.</bibl></note> Allerdings (dritte Einschränkung!) gebe er in einigen 
                Dingen den Schwachen zu viel nach, so in der Frage der <ref type="term">Beichte</ref>, in der Beibehaltung des Wortes «<ref type="term">Sakrament</ref>» und der Fürbitte der Heiligen und anderen Dingen. Lasse man sich also den ehrlichen Namen Christi nicht verkehren in den Namen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>. Denn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist nicht für uns gestorben. Er, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, verbitte sich jedenfalls die Benennung lutherisch. «Denn ich die Lehr Christi nicht von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gelernt hab, sondern aus dem Selbstwort Gottes»<note xml:id="n10"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,149,34-36.</bibl></note>, wiewohl, Gott sei Lob, durch ihn unzählbar mehr Menschen zu Gott geführt werden; denn Gott macht das Maß, das er einem jeden gibt, größer oder kleiner.  
               «Noch will ich keinen Namen tragen, denn meines Hauptmanns Christi; des Reiser bin ich; der wird mir Amt und Sold geben, so viel ihn gutdünken wird.»<note xml:id="n11"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,150,3-5.</bibl></note> Er halte den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> so hoch als irgendein Lebender, habe aber nie mit ihm korrespondiert, nicht aus Furcht, sondern um zu demonstrieren, wie einhellig der Geist Gottes sei, daß wir, so weit voneinander, doch so einhelliglich die Lehre Christi lehren, «wiewohl ich ihm nicht zuzuzählen bin».<note xml:id="n12"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,150,15.</bibl></note> 
                Jedoch habe er, ehe er <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gekannt, das Abendmahl ein Wiedergedächtnis genannt und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ein Testament. Sind beide recht und aus dem Mund Christi gekommen.<note xml:id="n13"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,150,16-21.</bibl></note> Hier mündet der Exkurs wieder in die Erörterung der Sache, deren Rest wir überschlagen können. |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p258" rend="noPipe"/> <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9467">Wilhelm Walther</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-3090">«Reformierte Taktik im Sakramentsstreit», N.k.Z. 1896, Heft 10)</bibl><note xml:id="n14"> <bibl corresp="kbga-bibls-3090"><persName ref="kbga-actors-9467">W. Walther</persName>, <hi rend="italic">Reformierte Taktik im Sakramentsstreit</hi>, in: Neue Kirchliche Zeitschrift, Jg. 7 (1896), S. 794–819.917–936.</bibl></note> hat diesen Exkurs als ein ganz raffiniertes Manöver <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> aufgefaßt und dargestellt, m.E. allzu scharfsichtig. Daß er nicht zufällig dasteht, ist ja klar. Man sieht, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> etwas <hi rend="italic">sagen</hi> will und es dann in Verlegenheit zwischen aufrichtiger Hochachtung und einer unverkennbaren Bedenklichkeit, und doch nicht nur in Verlegenheit, sondern mit 
                bestimmter Absicht, <hi rend="italic">doch</hi> nicht sagt: Er will sehr einfach sagen: ich habe vom Abendmahl eine andere Auffassung als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Aber ich respektiere <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, und vor Allem: das braucht das große Publikum und vor Allem der katholische Gegner nicht zu erfahren, bevor es unumgänglich notwendig ist. Darum soll es nicht gesagt, nur angedeutet werden für die, [die] es bei dem Anlaß merken können und sollen. Darum neben der unzweideutigen 
                Entwicklung der eigenen Position keine ausdrückliche Polemik gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, nur die Feststellung: ich bin <hi rend="italic">nicht</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, und meine Lehre ist <hi rend="italic">nicht</hi> lutherisch. <foreign xml:lang="lat">Sapienti sat!</foreign><note xml:id="n15"> <bibl corresp="kbga-bibls-3121"><persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName>, <hi rend="italic">Phormio</hi> III,3,8</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-827">Büchmann, S. 324</bibl>.</note> Der Gegensatz und Widerspruch wird angemeldet, aber wirklich erst <hi rend="italic">angemeldet.</hi> So hat es <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von da an in allen seinen Äußerungen bis zum Ausbruch des eigentlichen Streites gehalten.</p>
                <p> Zur selben Zeit, in der die Auslegung der Schlußreden entstand, am 15. Juni 1523, hat er einen längeren <hi rend="italic">Brief an seinen Lehrer <persName ref="kbga-actors-1333">Wyttenbach</persName></hi> gerichtet (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,297[-300]</bibl>)<note xml:id="n16"> Brief an <persName ref="kbga-actors-1333">Thomas Wyttenbach</persName> (15.6.1523), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,84-89 (Nr. 305)</bibl>.</note>, in dem uns dieselbe Auffassung vom Abendmahl, nur diesmal von innen gesehen und darum auch in ihren negativen Konsequenzen entwickelt, begegnet, aber diesmal ohne jede Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> betont scharf den unauflöslichen Zusammenhang zwischen dem wirklichen Genuß des Leibes und Blutes Christi und dem Glauben des Empfängers. Die <ref type="term">Gewißheit</ref>, die das sinnliche Zeugnis von Brot und Wein als solches geben kann, ist begrenzt, darum muß ja dieses Zeugnis immer wiederholt werden. An sich ist und bleibt Brot Brot und Wein Wein, nur «<foreign xml:lang="lat">per catachresin</foreign>» (uneigentlich) sind sie «Leib und Blut» Christi zu nennen.<note xml:id="n17"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,86,26.</bibl></note> 
                  Was ei<pb ed="pga" xml:id="p259" break="no"/>gentlich geschieht, das geschieht nicht durch das Zeugnis als solches, sondern durch Gottes Kraft. Einen Anspruch auf besondere Heilighaltung außerhalb der Abendmahlsfeier haben also die Elemente nicht. Christus wohnt entweder zur Rechten Gottes im Himmel oder, sofern auf Erden, im <ref type="term">Herz</ref>en der Gläubigen (eine sehr bezeichnende Antithese!). Darum die Reihenfolge der Einsetzungsworte: Nehmet, esset - das ist mein Leib!, nicht umgekehrt. Gott allein darf angebetet werden, als Kreatur auch Christus nicht. </p>
                <p> Doch ich kann nicht einsehen, daß mit dem allem etwas prinzipiell über die Gedanken der Schlußredenauslegung Hinausführendes gesagt sei; es ist nur der theologische Hintergrund dazu, von dem <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> allerdings ausdrücklich sagt: er spreche das jetzt noch nicht öffentlich aus, damit sich die Schweine nicht gegen ihn kehrten und «<foreign xml:lang="lat">tum doctrinam tum doctorem</foreign>»<note xml:id="n18"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,88,1.</bibl></note> zerrissen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>], was er vermeiden wolle, nicht um seines Lebens willen, sondern um nicht Christus einem Tumult auszusetzen.</p>
                <p> Wahrscheinlich im Spätsommer oder Herbst desselben Jahres 1523 war es, daß zwei Holländer, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1192">Hinne Rode</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4145">Georg Sagan</persName></hi> nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> kamen und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> eine kleine Abhandlung über das Abendmahl mitteilten, verfaßt von ihrem Landsmann, dem Juristen <persName ref="kbga-actors-4062">Cornelis Hendriks <hi rend="italic">Hoën</hi></persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 3,412[-423]</bibl>).<note xml:id="n19"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122"><persName ref="kbga-actors-4062">Kornelis Hendriks Hoen</persName>, <hi rend="italic">Epistola Christiana admodum ex Bathavis missa, sed spreta, longe aliter tractans coenam dominicam</hi> (Sommer 1522?), Z 4,512-518</bibl>; nicht in WA.</note> 
                Sie waren damit schon in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref> bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gewesen, ohne für ihre Gabe großen Dank zu finden, dann bei  <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref>, der sie zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> weitergeschickt hatte. Inhalt: Das Abendmahl ist ein «<foreign xml:lang="lat">pignus promissionis</foreign>» zur Bestärkung unseres Geistes, wie der Ring, den der Bräutigam der Braut gibt als Unterpfand seiner Treue, wie der Schlüssel, den ein alter dem neuen Hausbesitzer übergibt. Alle seine Sorge auf Christus werfen [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.7">1.Petr. 5,7</ref>], <hi rend="italic">das</hi> 
                heißt wahrhaft essen den Leib und trinken das Blut des Herrn nach <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref>. Der Glaube, der sich auf die konsekrierten Elemente als solche richten würde, wäre «<foreign xml:lang="lat">fides historica</foreign>» und könnte nicht rechtfertigen. Die <ref type="term">Apostel</ref> haben trotz der Einsetzungsworte das Brot, das sie brachen, Brot genannt und nicht «<foreign xml:lang="lat">corpus Christi</foreign>». <pb ed="pga" xml:id="p260"/> Das «<hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">est</foreign></hi>» der Einsetzungsworte ist auszulegen als «<hi rend="italic">significat</hi>», 
                wie <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> nicht <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> und <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> nicht der Felsen der <ref type="term">Kirche</ref> <hi rend="italic">ist</hi>, sondern <hi rend="italic">bedeutet.</hi> «<foreign xml:lang="lat">Est</foreign>» und nicht «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» hat Christus gesagt um der <ref type="term">Gewißheit</ref> und Kraft der Aussage willen. Die Aufforderung Christi: Das tut zu meinem <hi rend="italic">Gedächtnis!</hi> weist hin auf seine leibliche <hi rend="italic">Ab</hi>wesenheit bei dieser Feier. Wie das Manna, das die <ref type="term">Juden</ref> in der Wüste vom <ref type="term">Himmel</ref> empfingen, das Brot des <ref type="term">Leben</ref>s, Christus, nicht war, sondern «<foreign xml:lang="lat">significabat</foreign>», so, in genauer Analogie zu 
                dieser «<foreign xml:lang="lat">esca patrum</foreign>» die «<foreign xml:lang="lat">esca spiritualis</foreign>» im christlichen Abendmahl. Nur durch die «<foreign xml:lang="lat">fides charitate recte operans</foreign>» wird die «<foreign xml:lang="lat">res obsignata</foreign>» wirklich empfangen.<note xml:id="n20"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122">Z 4,514,43-515,2.</bibl></note> Christus kann nur im <ref type="term">Geist</ref>e geschaut, im Geiste verehrt werden. Denkt man ihn eingeschlossen in das sinnliche Element des Abendmahls, dann liegt die Erwägung allzu nahe, diese Hütte sei für Gott zu dürftig, und dann kommt es - zu dem ganzen sinnlichen Prunk und Aufbau der katholischen Kirche, aber auch zu ihrer 
                Priesterherrlichkeit, zu ihrem Bußwesen, zur Kelchentziehung gegenüber den Laien.<note xml:id="n21"> Satz mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen.</note> «<foreign xml:lang="lat">Breviter: si illud subtraxeris, ruet universa religio papae.</foreign>»<note xml:id="n22"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122">Z 4,517,3f.</bibl></note> Unterscheide man also zwischen dem mit dem Munde empfangenen Brot und dem im Glauben empfangenen Christus. Darum: «Wenn sie euch sagen werden, er ist da drinnen, so glaubet ihnen nicht!» <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.26">Matth. 24,26</ref>.<note xml:id="n23"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122">Z 4,518,13</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Si dixerit: in penetralibus est Christus, nolite credere</foreign>.»</note>
                        </p>
                <p> Die  Freude über das gegenseitige Wiedererkennen zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und diesen Fremdlingen muß groß gewesen sein. Das Datum dieser Begegnung ist allerdings unsicher. Andere nehmen statt 1523 1522 oder gar 1521 an.<note xml:id="n24"> Zur Frühdatierung in das Jahr 1521 vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3123"><persName ref="kbga-actors-9510">A. Dieckhoff</persName>, <hi rend="italic">Die evangelische Abendmahlslehre im  Reformationszeitalter</hi>, Göttingen 1854, S. 278f.</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 279f.</bibl></note> 
                Würde das zutreffen, so könnte man auf die Vermutung kommen, und Sie können mancherorts lesen, als ob das mehr als Vermutung wäre, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> seine Abendmahlslehre oder wenigstens die Anregungen dazu in den wichtigsten Punkten von <persName ref="kbga-actors-4062">Hoën</persName> geradezu übernommen habe: die Anknüpfung an <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref>, die Betonung des Glaubens der Sakramentsempfänger, das <pb ed="pga" xml:id="p261"/> scharfe 
                Unterscheiden von Zeichen und Sache, den Begriff der Gedächtnisfeier. Aber das hat nicht nur <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst ausdrücklich bestritten, sondern es ist auch an sich unwahrscheinlich; denn alle die angeführten Parallelen erweisen sich, wenn man genau zusieht, bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> als so natürlich aus seinem eigenen Denken hervorgegangen, daß man den Brief des <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName> zu ihrer Erklärung wirklich nicht nötig hat. Das Einzige, allerdings Entscheidende, was er von diesem holländischen Dilettanten gelernt hat, die «<foreign xml:lang="lat">felix margarita</foreign>», die er in seinem Aufsatz gefunden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,606</bibl>)<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Responsio ad epistolam Ioannis Bugenhagii</hi> (23.10.1525), Z 4,560,28f.</bibl></note> 
                und um derer willen er einmal sagte, sie sei ihm von Gott zugesendet worden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">II,2,61f.</bibl>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,553</bibl>)<note xml:id="n26"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Daß diese Worte: «Das ist mein Leib» ewiglich den alten einigen Sinn haben werden</hi> (1527), Z 5,907,9f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2830"><hi rend="italic">Amica exegesis, id est: expositio eucharistiae negocii, ad Martinum Lutherum</hi> (1527), Z 5,738,4-6</bibl>.</note>, 
                war die Interpretation des «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» = «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>», die ja zum Schibboleth seines Kampfes gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> werden sollte. Aber gerade diese ihm so wichtige Entdeckung ist, wie mir scheint, der schlagende Beweis, daß er den Brief des <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName> nicht vor 1523 kennengelernt haben kann. Denn wenn er allenfalls seine Gründe haben konnte, in der Schlußredenauslegung zu schweigen, so wäre es doch ganz unbegreiflich, wenn er dies auch in dem intimen Brief 
                an <persName ref="kbga-actors-1333">Wyttenbach</persName> so gehalten haben sollte. Es wird somit in Sachen des Ertrages dieser Episode für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bei dem bleiben, was schon der älteste Historiograph des Abendmahlsstreites <persName ref="kbga-actors-9469">Lavater</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-2853">1563, ­<persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,280</bibl>)<note xml:id="n27"> <bibl corresp="kbga-bibls-3091"><persName ref="kbga-actors-9469">L. Lavater</persName>, <hi rend="italic">Historia de origine et progressu controversiae sacramentariae de coena domini</hi>,  Zürich 1563</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 280</bibl>.</note> bemerkt: «<foreign xml:lang="lat">quae interpretatio Zwinglio commodissima videbatur</foreign>»: er verdankte ihr die exegetische Begründung seiner schon vorher 
                feststehenden Auffassung der Abendmahlsworte. Will man fragen, woher er die gehabt habe, so liegt es jedenfalls näher, an <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> zu denken. Das war die Ansicht, die auf Grund einer mündlichen Aussage <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> auch  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> von der Sache hatte. Jenseits von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> steht als Quelle, aus der <hi rend="italic">beide</hi> geschöpft haben, der <ref type="term">Spiritualismus</ref> <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName>, der sich durch das ganze <ref type="term">Mittelalter</ref> hindurch der siegreichen Vorstellung <pb ed="pga" xml:id="p262"/> von der Realpräsenz gegenüber retardierend bemerkbar gemacht hatte. Und als letzte Quelle, aus der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ebenso selbständig geschöpft hat wie <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, ist natürlich die platonische Ideenlehre zu nennen.</p>
                <p> Im August 1523, also kurz vor oder nach dem Besuch der Holländer, verfaßte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die Schrift <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2971">De canone missae epichiresis</bibl>».</hi><note xml:id="n28"> <bibl corresp="kbga-bibls-2971"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">De canone missae epichiresis</hi> (1523), Z 2,556-608.</bibl></note> Der Mensch lebt, heißt es da (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,100</bibl>)<note xml:id="n29"> <bibl corresp="kbga-bibls-2971">Z 2,583,2-21.</bibl></note>, vom Worte Gottes. Was aber ist das Wort Gottes? Dies, daß Christus seinen Leib und sein Blut hingegeben hat, um uns, die wir tot waren, wieder zum <ref type="term">Leben</ref> herzustellen. Daran glauben heißt satt und seines <ref type="term">Heil</ref>es sicher werden. Dieser Glaube ist aber nicht eine Opferung für Gott, sondern eine 
                Erleuchtung durch Gott. Wie verhält sich nun dieser Glaube zu dem, was wir beim Genuß des Abendmahls erfahren? Offenbar nicht so, daß etwa der Glaube und das im Glauben sich vollziehende Sattwerden mit dem äußeren Genuß des Abendmahls zusammenfiele. Sondern was beim Abendmahl dem Gläubigen geschieht, das ist Stützung, Stärkung, Kräftigung des seiner Natur nach immer schwankenden <hi rend="italic">Gemütes</hi> («<foreign xml:lang="lat">mentis</foreign>»). Es ist die Erinnerung an den <hi rend="italic">Tod</hi> des Herrn, was da gefeiert wird (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,106</bibl>)<note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-2971">Z 2,592,9.</bibl></note>, und 
                das - wird ausdrücklich gesagt: solange die <ref type="term">Welt</ref> bestehen wird. Nicht mit den Zähnen essen wir also, sondern mit dem Glauben, um dessen willen Gott sich unsichtbar in uns einsenkt und unseren Geist nährt. Man beachte, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hier sehr ernsthaft von einer realen Beziehung von Gott und Mensch im Abendmahl redet: aber eben nur von der, die sich, solange die <ref type="term">Welt</ref> bestehen wird, in der psychologischen 
                Sphäre abspielt, auf Grund des <hi rend="italic">Glaubens</hi>, gewiß, aber eben auf <hi rend="italic">Grund</hi> des Glaubens, nicht so, daß der <ref type="term">Glaube</ref> selbst oder das Wort Gottes oder das Sattwerden des Menschen im Glauben an das Wort Gottes im Genuß des Abendmahls sich vollzöge. <ref type="term">Glaube</ref>, Wort Gottes, Sattwerden im letzten wirklichen Sinn sind vielmehr die Voraussetzung eines nützlichen Abendmahlsgenusses.</p>
                   <p> Die  Schrift gipfelt in einem Gebet, aus dem ich einige Sätze anführe, nicht nur zur weiteren Erläuterung dessen, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mein<pb ed="pga" xml:id="p263" break="no"/>te, sondern auch als Gegenbeispiel zu der oft kritisierten Nüchternheit der zwinglischen Theologie (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,114[f.]</bibl>). «Gott, der du nicht nur den Menschen von Jugend auf nährst, sondern jedes lebende Wesen, wir flehen dich an, du wollest unsere dürstenden <ref type="term">Seele</ref>n nähren mit himmlischer Speise! Du bist es ja, der [die] Hungrigen füllt mit Gütern. Unsere Seele ist der <ref type="term">Geist</ref>, der durch deine Hand nach deinem Bilde geschaffen ist, weshalb sie sich von einer 
                anderen als geistlichen Speise nicht nähren kann. Dein Wort ist die <ref type="term">Wahrheit</ref>; denn du bist die Wahrheit, aus der nur Wahres, Heiliges, Gewisses und Fleckenreines hervorgehen kann. Darum bitten wir dich, o Herr, daß du uns mit deiner Speise nie verlassest, sondern mit andauernder Güte uns mit ihr nährest. Denn es selbst ist das Brot, das der <ref type="term">Welt</ref> das <ref type="term">Leben</ref> gibt: vergebens essen und trinken wir das <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut deines Sohnes, wenn wir nicht durch den Glauben an 
                dein Wort dies vor Allem fest glauben, daß… er die Übertretung der ganzen <ref type="term">Welt</ref> gesühnt hat. Denn er selbst hat gesagt: Das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze, der Geist ist’s, der lebendig macht! Möchten wir daher durch deinen Geist belebt werden und möchtest du dazu, ich bitte dich, dein Wort nie von uns nehmen. Denn von ihm wie von einem Fahrzeug wird dein Geist herbeigetragen (<foreign xml:lang="lat">eo enim veluti vehiculo spiritus tuus trahitur</foreign>), es wird nicht zu dir zurückkehren <foreign xml:lang="lat">otiosum</foreign>, ohne etwas bei uns ausgerichtet zu 
                haben. Durch dein Wort einzig und allein wird unser Gemüt frei … Wir glauben, daß der Sohn, der einmal für uns geopfert ist und uns mit dem Vater versöhnt hat, sich in den Elementen des Brotes und Weines als Speise der <ref type="term">Seele</ref> anbiete, <hi rend="italic">damit das Andenken an seine Guttat nie verlösche.</hi> Du aber (<foreign xml:lang="lat">tu tamen!</foreign>) mehre uns den Glauben, wenn er je ins Wanken gerät, und gib, daß, wie der Sohn uns durch die Schmach und Bitterkeit des Kreuzes in deine Gnade zurückführte und die ewige Freude uns erwarb, so auch wir, wenn wir sein 
                Fleisch essen und sein Blut trinken, nach seinem Beispiel die Sorgen und Betrübnisse dieser <ref type="term">Welt</ref> unter seiner Führung und seinem Schutze besiegen. Denn dazu hat er sich zur Speise gegeben, damit, wie er die <ref type="term">Welt</ref> überwunden, auch wir, indem wir ihn essen (<foreign xml:lang="lat">cum eo vesceremur</foreign>), begeistert werden, die Welt zu überwinden. Vergeblich rühmen wir uns, seiner zu gedenken, wenn wir das bloß in Worten tun. Erneuere und lenke uns durch ihn, durch den du Alles belebst, <hi rend="italic">da, <foreign xml:lang="lat">ut factis eum exprimamus</foreign></hi> (daß wir ihn mit Taten <pb ed="pga" xml:id="p264"/> zum Ausdruck bringen)<note xml:id="n31"> 
                <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verweist mit «<bibl corresp="kbga-bibls-3124">VI 2,259» am Rande auf <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">In Epistolam beati Iacobi brevis expositio</hi> (1531), S VI/2,259</bibl>. In seinem Exemplar hat er die Sätze in den Zeilen 2-7.11f.18–20.33–35 und in Z. 42 den Ausdruck «<foreign xml:lang="lat">nec eum factis exprimat</foreign>» unterstrichen (vgl. Z. 19: «<foreign xml:lang="lat">Christum induat, et tota vita exprimat</foreign>» und Z. 3f.: «<foreign xml:lang="lat">Christi doctrina factis exprimenda est</foreign>»). Die Zeilen 18-20 und 33-35 sind außerdem am Rande angestrichen, und zu den Zeilen 33-35 notierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «<persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>!».</note>, daß das in  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> einst ausgelöschte Bild auf diesem Weg seinen Glanz wieder erhalte. Damit uns das umso wirksamer und gewisser geschehe, gib, daß Alle an der Speise des Leibes und Blutes dieses deines Sohnes Anteil bekommen, ihn, den Einen Einzigen atmen und zum Ausdruck 
                bringen (<foreign xml:lang="lat">unum solumque spirent et exprimant</foreign>) und in ihm, der mit dir eins ist, selber eins werden.»<note xml:id="n32"> <bibl corresp="kbga-bibls-2971">Z 2,606,14-607,14.</bibl> Am Mskr.-Rand befinden sich folgende Bleistiftnotizen, versehen mit der Jahreszahl 1523: «Auslegung der Schlußreden; Brief an <persName ref="kbga-actors-1333">Wyttenbach</persName>; Epistel des <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName>; De canone missae»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,111-157</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,84-89 (Nr. 305)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3122">Z 4,512-518</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2971">Z 2,556-608</bibl>. Die nachfolgenden Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand, mit denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine Zusammenfassung (<ref type="pub" target="../volume/40/p267#p267">S. 267f.</ref>) vorbereitete, sind durchgestrichen: «Abendmahl das <hi rend="italic">Wiedergedenken</hi> an die uns im Tode Christi erwiesene Guttat, die er uns in der Einsetzung dieser Feier angezeigt hat. Der wahre Leib und das wahre Blut Christi ist das der <ref type="o">Seele</ref> mitgeteilte <hi rend="italic">Wort Gottes</hi>, das der <hi rend="italic"><ref type="o">Glaube</ref></hi> empfängt. Sofern dies der Fall ist, dient ihm das
                sakramentliche Zeichen zur Stärkung und Stützung des immer wieder schwachen menschlichen <hi rend="italic">Gemüts</hi>, wobei aber Christus nie anderswo ist als zur <hi rend="italic">Rechten Gottes</hi> im <ref type="o">Himmel</ref> <hi rend="italic">oder</hi> im <hi rend="italic"><ref type="o">Herz</ref>en</hi> der <hi rend="italic">Gläubigen</hi>, <hi rend="italic">nicht</hi> im Zeichen, das Brot und Wein ist und bleibt.»</note>
                        </p> 
                </div>
                <div type="excursus"> 
                <p>Ein<note xml:id="n33"> Der hier in Petit gesetzte Text wurde im Mskr. von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gestrichen, weil er in der Vorlesungsstunde nicht mehr zum Vortrag gekommen war und die Ausführungen für das nächste Kolleg neu formuliert wurden. Die Fortsetzung auf dem folgenden Mskr.-Blatt wurde von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kassiert, so daß der vorliegende Text mitten im Satz abbricht.</note> weiteres wichtiges Dokument für <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lehre in dieser <ref type="term">Zeit</ref> <hi rend="italic">vor</hi> dem Ausbruch des Streites mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sind die letzten Seiten der <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2976">Christlichen Einleitung</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">November 1523, I,563f.</bibl>).<note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-2976"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Eine kurze 
                christliche Einleitung</hi> (1523), Z 2,661,9-663,2.</bibl></note> Sie bringen eine Vertiefung und Verschärfung des Begriffs des <hi rend="italic">Gedächtnismahls</hi> durch die historische Feststellung, daß die effektive <hi rend="italic">Aufrichtung</hi> des heilsamen Testamentes Christi (im Unterschied zu seiner «Verordnung») nicht in der Handlung der letzten Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern, sondern folgenden Tages in seinem Tod am Kreuz geschehen sei. So ist auch die kirchliche Wiederholung dieser Mahlzeit nichts <pb ed="pga" xml:id="p265"/> Anderes als ein gewisses sichtbares Zeichen des <ref type="term">Fleisch</ref>es und Blutes Christi, ihr Sinn nach <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11">1.Kor. 11</ref> die <ref type="term">Verkündigung</ref> des Todes 
                des Herrn, eine «Erzählung» zur Festigung der Gläubigen. Zur Ergänzung noch einige Äußerungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> aus dem Jahre 1524, die aber sachlich ebenfalls in die Zeit <hi rend="italic">vor</hi> dem Ausbruch des Streites gehören. Im <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2978">Ratschlag von den Bildern und der Mess</bibl>»</hi> (Mai 1524) beschäftigt er sich mit dem naheliegenden Einwand, ob denn die Erneuerung des Leidens Christi in uns nicht auch ohne den sakramentalen Brauch geschehen könnte. Ja, antwortet er darauf: das könnte und möchte «mit Gott» so geschehen, nicht aber mit Rücksicht auf die Stellung des Menschen unter seinen Mitmenschen.<note xml:id="n35"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">
                                    <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Vorschlag wegen der 
                Bilder und der Messe</hi> (1524), Z 3,125, 14-19</bibl>.</note> Durch den Gebrauch des <ref type="term">Sakrament</ref>s bezeugen wir uns gegenseitig, daß wir Christen und im Glauben Brüder sind, «<hi rend="italic">ein</hi> Leichnam und <hi rend="italic">eine</hi> Bruderschaft».<note xml:id="n36"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,125,13f.</bibl></note> Daß wir das wissen, daß also das <ref type="term">Sakrament</ref> eine «innerliche und äußerliche Vereinbarung der Christenmenschen» ist, das gehört wesentlich zum Wiedergedächtnis des Todes Christi.<note xml:id="n37"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,124,32f.</bibl></note> Wie er sich selbst für uns gegeben hat, also sind auch wir schuldig, einer für den anderen <hi rend="italic">sich zu geben</hi> 
                als für seinen Bruder, ja als für sein eigenes Glied, und <hi rend="italic">zu Urkund</hi> dessen essen und trinken wir einhelliglich miteinander das Brot und Trank des Leichnams Christi (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">I,575f.</bibl>).<note xml:id="n38"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,124,10-126,15.</bibl></note> Derselbe Gedanke noch schärfer in der «<hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-2979">Christlichen Antwort</bibl>»</hi> an den <persName ref="kbga-actors-9395">Bischof von Konstanz</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">August 1524, I,628f.</bibl>).<note xml:id="n39"> <bibl corresp="kbga-bibls-2979"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Christliche Antwort Zürichs an Bischof Hugo</hi> (1524), Z 3,226,28-228,18.</bibl></note> Die sich mit dem Blut Christi abgewaschen glauben, gleicher Meinung sind, daß Christus für sie den Tod erlitten habe, die sind die <ref type="term">Gemeinde</ref>, die seines Leichnams und Todes teilhaftig ist. Denn Christus hat alle seine Vertrauten oder Gläubigen nicht allein mit ihm selbst, sondern auch untereinander wollen vereinigen, daß sie nun einen <ref type="term">Geist</ref>, <ref type="term">Liebe</ref> und Gemüt zusammen hätten. … Und solche  </p>
                </div>
              </div>
                <div type="session">
                <p>
                        <date rend="right">9.I.23 </date>Wir
                haben uns das, was von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> eigentümlicher Anschauung vom Abendmahl <hi rend="italic">vor</hi> dem Ausbruch seines Streites mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sichtbar wurde, vergegenwärtigt an Hand der Auslegung der Schlußrede 18<note xml:id="n40"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,111-157.</bibl></note>, des Briefs an <persName ref="kbga-actors-1333">Thomas Wyttenbach</persName><note xml:id="n41"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,84-89 (Nr. 305).</bibl></note>, der von ihm mit so viel Interesse aufgenommenen Epistel des <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName><note xml:id="n42"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122">Z 4,512-518</bibl>.</note> und der Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-2971">De canone missae</bibl><note xml:id="n43"> <bibl corresp="kbga-bibls-2971">Z 2,556-608.</bibl></note>, Alles Dokumente aus dem Jahr 1523. </p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p266" rend="noPipe"/> Ein weiteres wichtiges Dokument bilden die letzten Seiten der <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2976">Christlichen Einleitung</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">November 1523, I,563f.</bibl>).<note xml:id="n44"> <bibl corresp="kbga-bibls-2976">Z 2,661,9-663,2.</bibl></note> Sie bringen eine Vertiefung und Verschärfung des Begriffs des Gedächtnismahls durch die historische Feststellung, daß das heilsame Testament Christi beim Abendmahl wohl verkündigt, aber erst an dem auf diese letzte Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern folgenden Tag in seinem Kreuzestod effektiv aufgerichtet worden sei. So sei auch die kirchliche Feier des Abendmahls nichts Anderes als ein gewisses sichtbares Zeichen des <ref type="term">Fleisch</ref>es und Blutes Christi, ihr Sinn nach <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11">1.Kor. 11</ref> die <ref type="term">Verkündigung</ref> des Todes des Herrn, eine «Erzählung» zur Festigung der Gläubigen. |</p>
                <p> Im  <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2978">Ratschlag von den Bildern und der Mess</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">Mai 1524, I,575</bibl>) hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich mit dem Einwand oder der Frage beschäftigt, ob denn die Erneuerung des Leidens Christi in uns nicht auch ohne den sakramentalen Brauch geschehen könnte. Ja, antwortet er darauf: das könnte und möchte «mit Gott» so geschehen, nicht aber mit Rücksicht auf die Stellung des Menschen unter seinen Mitmenschen.<note xml:id="n45"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,125,14-19.</bibl></note> 
                Durch den Gebrauch der <ref type="term">Sakrament</ref>e bezeugen wir uns gegenseitig, daß wir Christen und im Glauben Brüder sind, «<hi rend="italic">ein</hi> Leichnam und <hi rend="italic">eine</hi> Bruderschaft».<note xml:id="n46"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,125,13f.</bibl></note> Daß wir das wissen, daß also das Sakrament eine «innerliche und äußerliche Vereinbarung der Christenmenschen»<note xml:id="n47"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,124,32f.</bibl></note> ist, das gehört wesentlich mit zum Wiedergedächtnis des Todes Christi. Wie er sich selbst für uns gegeben hat, also sind auch wir schuldig, einer für den anderen sich zu geben als für seinen Bruder, ja als für sein eigenes Glied, und <hi rend="italic">zur Urkund</hi> dessen essen und trinken wir einhelliglich miteinander das Brot und Trank des Leichnams Christi.<note xml:id="n48"> <bibl corresp="kbga-bibls-2978">Z 3,124,10-126,15.</bibl></note> 
                Derselbe Gedanke noch schärfer in der <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2979">Christlichen Antwort</bibl>»</hi> an den <persName ref="kbga-actors-9395">Bischof von Konstanz</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">August 1524, I,628f.</bibl>).<note xml:id="n49"> <bibl corresp="kbga-bibls-2979">Z 3,226,28-228,18.</bibl></note> Die sich mit dem Blut Christi abgewaschen glauben, gleicher Meinung sind, daß Christus für sie den Tod erlitten habe, die sind die <ref type="term">Gemeinde</ref>, die seines Leichnams und Todes teilhaftig ist. Denn Christus hat alle seine Vertrauten <pb ed="pga" xml:id="p267"/> oder Gläubigen nicht allein mit ihm selbst, sondern auch untereinander wollen vereinigen, daß sie nun einen <ref type="term">Geist</ref>, <ref type="term">Liebe</ref> und Gemüt 
                zusammen hätten. … Und solche Einigkeit zu bestätigen, hat er, ehe er in den Tod ging, einen Vertrag oder ein <ref type="term">Sakrament</ref> aufgerichtet, damit wir Christen uns ewiglich gegeneinander verpflichteten, gleichwie uns Christus mit Gott verpflichtet hat: daß alle die, die sich durch den Leichnam und Tod Christi erlöst und mit seinem Blut abgewaschen erkennen, sich <hi rend="italic">zu Urkund</hi> solcher Tat und Wiedergedächtnis, <hi rend="italic">auch zu einer Pflicht</hi>, daß sie ein Leichnam und gemeine Bruderschaft sein wollen, in diesem Sakrament miteinander vereinbarten. Indem zwei miteinander dieses Sakrament genießen, bezeugen sie beide, daß sie 
                erlöste Kinder Gottes seien und deshalb kindlich und brüderlich miteinander leben sollen. In einem polemischen <hi rend="italic">Sendschreiben</hi> endlich, gerichtet an den katholischen Pfarrer <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9470">Fridolin Lindauer</persName></hi> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-487">Bremgarten</placeName></ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">20. Okt. 1524, VII,365</bibl>)<note xml:id="n50"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9470">Fridolin Lindauer</persName> (20.10.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,225,7-236,13 (Nr. 348)</bibl>.</note>, wird noch einmal ausdrücklich unterschieden zwischen der 
                rechtfertigenden Gnade Gottes, der zu glaubenden <ref type="term">Sünde</ref>nvergebung einerseits, dem hinzutretenden <ref type="term">Sakrament</ref> andererseits. Das letztere ist eine Belehrung («<foreign xml:lang="lat">informatio</foreign>») mehr des äußeren als des inneren Menschen. Wie der innere Mensch durch das sinnliche Element nicht belehrt und gläubig gemacht werden kann, so kann der äußere nicht fassen, was er da fassen soll, ohne das sinnliche Element.</p>
                <p> Fassen  wir vorläufig zusammen: <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat die von den Synoptikern überlieferte Einsetzung des Abendmahls aufgefaßt als die Ankündigung der in Christi Tod uns zugut geschehenen Gottestat und demgemäß die kirchliche Begehung dieses Mahls als einen zur Erziehung, Belehrung und Förderung des Menschen notwendigen und nützlichen Erinnerungsakt. Er hat die Speisung des Menschen durch den wahren Leib und das wahre Blut Christi nicht in Abrede gestellt, sondern behauptet, aber er hat diese Speisung durch das Wort Gottes, die dem Glauben widerfährt, nicht 
                  in eins gesetzt mit dem, was bei Anlaß der Abendmahlsfeier physisch <hi rend="italic">geschieht</hi> und psychisch <hi rend="italic">erlebt</hi> wird. Jener belehrende Erinnerungsakt als solcher und diese geistliche Speisung sind ihm zwei zusammengehörige, weil parallele Geraden, die sich aber gerade als solche im Endlichen <hi rend="italic">nicht</hi> schnei<pb ed="pga" xml:id="p268" break="no"/>den. So gewiß die sakramentlichen Zeichen dienen zur Stärkung und 
                Festigung des immer wieder schwachen menschlichen Gemüts, ihr Genuß zur Erneuerung des Gedenkens an Christus und zur Aufforderung zum <ref type="term">Bekenntnis</ref> und zur Bruderschaft mit den Mitmenschen, so gewiß ist Christus selbst nie anderswo als zur Rechten Gottes oder aber im <ref type="term">Herz</ref>en der Gläubigen, immer jenseits der physisch-psychischen Sphäre, nie im Zeichen, das Brot und Wein ist und bleibt.</p>
                <p> So hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vom Abendmahl gedacht, <hi rend="italic">bevor</hi> der Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, in dem er sich dabei bewegte, zur Aussprache kam. Daß er ihm bewußt war, haben wir gesehen, aber ebenso, daß er an sich halten und ihn nicht ohne Not aussprechen wollte. Am 12. September 1524 schrieb der junge <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1506">Heinrich Bullinger</persName></hi> in sein Tagebuch: «<foreign xml:lang="lat">Primo aperuit mihi mentem suam <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglius</persName>, quid sentiret de sacramento corporis et sanguinis Domini.</foreign>»<note xml:id="n51"> <bibl corresp="kbga-bibls-2875"><hi rend="italic">Heinrich Bullingers Diarium (Annales vitae) der Jahre 1504-1574</hi>, in: <hi rend="italic">Quellen zur Schweizerischen Reformationsgeschichte</hi>, Bd. II, hrsg. von E. Egli, Basel 1904, S. 9.</bibl></note> 
                Er selbst, <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName>, habe ihm dazu Anlaß gegeben, indem er ihm seine aus einer waldensischen Schrift und aus den Werken  <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName> geschöpfte Ansicht vorgetragen habe. «Er verbot mir aber, <foreign xml:lang="lat">ne cui id mysterii explicarem</foreign>»<note xml:id="n52"> <bibl corresp="kbga-bibls-2875"><hi rend="italic">Heinrich Bullingers Diarium (Annales vitae) der Jahre 1504-1574</hi>, a.a.O., S. 9.</bibl></note>; denn es sei noch nicht an der <ref type="term">Zeit</ref>, es ans Licht zu bringen; er selbst, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wolle das dann zur rechten Zeit schon tun (<bibl corresp="kbga-bibls-2875">Diar., S. 9</bibl>). Daß sich das etwa vermeiden lasse, hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vielleicht noch ein Jahr früher, zur Zeit der Schlußreden, ernstlich angenommen, 
                im Herbst 1524 offenbar nicht mehr. Ob wohl die von <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> erwähnte «waldensische» Schrift<note xml:id="n53"> Am Mskr.-Rand hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Stellenangabe hinzugefügt: «III,255»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,795,12-15</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Audio, ut hoc primo loco dicam, <hi rend="italic">Viclevum</hi> olim et <hi rend="italic">Valdenses</hi> etiam hodie in hac esse sententia, ut est hic sit positum pro significat, quorum tamen ipse fundamenta scripturae non vidi.</foreign>» Vermutlich sind mit den «Valdenses» bei <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>  und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Böhmischen Brüder gemeint; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,795, Anm. 3</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-1942"><persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName>, 
                <hi rend="italic">Zwingli und Luther. Ihr Streit über das Abendmahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen</hi>, Bd. I, Leipzig 1924 (Nachdruck New York/London 1971), S. 91</bibl>.</note> dieselbe war, gegen die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> 1523 die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2055">Vom Anbeten des Sakraments <pb ed="pga" xml:id="p269"/> des heiligen Leichnams Christi</bibl>»<note xml:id="n54"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von Anbeten des Sakraments des heiligen Leichnams Christi</hi> (1523), WA 11,431-456.</bibl></note> 
                gerichtet hat?<note xml:id="n55"> Am Mskr.-Rand hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> folgenden Satz hinzugefügt: «Auch in der von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bekämpften Schrift handelt es sich merkwürdigerweise gerade um die These, das Brot im Abendmahl <hi rend="italic">sei</hi> nicht, sondern <hi rend="italic">bedeute</hi> den Leib Christi.» Dieser Satz ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> später durchgestrichen und mit der Bleistiftnotiz versehen worden: «Nein! Vgl. 71!!»; gemeint ist Blatt 71 der Vorlesung, siehe unten <ref type="pub" target="40006?id=p306b">S. 306f.</ref></note>
                Und ob <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> damals diese lutherische Gegenschrift bereits kannte? Dann konnte er die «rechte Zeit» zum Angriff nicht mehr für ferne halten, denn dann mußte er sich bereits angegriffen fühlen. Und wie stand es auf der anderen Seite? Ende 1524 arbeitete <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> an seinem Sendschreiben an die <ref type="term">Straßburg</ref>er<note xml:id="n56"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Ein Brief an die Christen zu Straßburg wider den Schwärmergeist</hi> (15.12.1524), WA 15,391-397.</bibl></note> und an der großen Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2044">Wider die himmlischen Propheten</bibl>»<note xml:id="n57"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Wider die himmlischen Propheten von den Bildern und Sakrament</hi> (1525), WA 18,62-125</bibl>.<bibl corresp="kbga-bibls-2044">134-214</bibl>.</note>. 
                Alle drei Kundgebungen waren nicht gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gerichtet und vertraten doch in einer in den früheren Schriften <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> noch nicht dagewesenen Schärfe gerade <hi rend="italic">das</hi> Element seiner Abendmahlslehre, das sie zur direkten Bestreitung der Anschauung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> machte. Als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> diese beiden letzten Schriften ­abfaßte, war er bereits unterrichtet darüber, daß er bei seiner Bekämpfung der waldensischen und karlstadtischen <ref type="term">Lehre</ref> auch den ihm bis dahin wohl kaum durch Hörensagen bekannten 
                Zürcher Reformator treffen werde. Der spätere <ref type="term">Bern</ref>er Pfarrer <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4083">Franz Kolb</persName></hi>, damals Prediger in <placeName ref="kbga-places-1244">Wertheim</placeName> in Franken, schon früher in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und offenbar mit lebhaften Beziehungen nach dort, ein älterer Herr bereits, hatte ihm nämlich am 27. August 1524 in einem ziemlich rührenden, fast flehentlichen Brief die Bitte ausgesprochen, er, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, möchte doch in Sachen der Gestaltung des evangelischen <ref type="term">Gottesdienst</ref>es die Rückkehr zum «<foreign xml:lang="lat">nudum verbum Christi</foreign>»
                etwas radikaler vorantreiben<note xml:id="n58"> Mskr.: «vorgehen»; Änderung vom Hrsg.; Satz ab «ziemlich rührenden» bis zu dieser Stelle mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen.</note> (ein Anliegen, mit dem er damals bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> unmöglich gut ankommen konnte), und ihm in einem ausführlichen Postskriptum mitgeteilt, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, <persName ref="kbga-actors-1075">Leo Jud</persName> und er seien übereingekommen, im Abendmahl <pb ed="pga" xml:id="p270"/> zwischen dem «<foreign xml:lang="lat">cibus vere satians corpus</foreign>» und der «<foreign xml:lang="lat">veritas facti passionis Christi</foreign>» streng zu scheiden, das Essen des Leibes Christi aufzufassen 
                als den <hi rend="italic">Glauben</hi> an das <hi rend="italic">Wort</hi> von dem «<foreign xml:lang="lat">pro nobis</foreign>» seines Todes, die «<foreign xml:lang="lat">communio sacramentalis</foreign>» aber als ein «<foreign xml:lang="lat">factum <hi rend="italic">carnis significans</hi> unionem fidei in verbum et veritatem passionis</foreign>», so daß sie sich von einem anderen leiblichen Essen nur durch die dabei den Menschen bewegende <hi rend="italic">Intention</hi> unterscheide. Sehr sicher fühlte sich <persName ref="kbga-actors-4083">Kolb</persName> seiner Sache nicht; denn er schloß mit der Bitte: «<foreign xml:lang="lat">Tu, mi pater, responde, novus enim labyrinthus est</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">End. 4,378</bibl>).<note xml:id="n59"> Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> (27.8.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,331,99f. (Nr. 769)</bibl>.</note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat diese Nachricht über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> brieflich weitergegeben (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">End. 5,52.80</bibl>).<note xml:id="n60"> Vgl. die Briefe an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (17.11.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,373,11-16</bibl>, und an <persName ref="kbga-actors-2779">Nikolaus von Amsdorf</persName> (2.12.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,397,5-7</bibl>.</note> Er sah das ihm Mitgeteilte vom ersten Augenblick an und von da an bis zu seinem Ende ausschließlich im Zusammenhang mit den Ideen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName>, doch hat er den naheliegenden Gebrauch davon in jener Schrift <hi rend="italic">nicht</hi> gemacht. Wenn also <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als Erster die Abendmahlslehre <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> tatsächlich angriff, so war <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> doch nicht nur der strategische Angreifer im Streit, sondern auch der Erste, der den Gegner wenn auch nicht ausdrücklich beim Namen nannte, so doch so unzweideutig kenntlich machte, daß der Ausbruch der 
                Feindseligkeiten gegeben war. Dies geschah im Frühling und Sommer 1525 in <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> «<bibl corresp="kbga-bibls-627">Commentarius de vera et falsa religione</bibl>»<note xml:id="n61"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,628-912.</bibl></note> und in dem <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium de Eucharistia</bibl><note xml:id="n62"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Subsidium sive coronis de eucharistia</hi> (1525), Z 4,458-504.</bibl></note>. Aber bevor wir uns mit dem Ausbruch des Streits beschäftigen können, müssen wir, um ihn zu verstehen, den Weg kurz betrachten, den der andere Partner, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi>, in der Abendmahlssache bis dahin gegangen war. Ich halte mich dazu an folgende Schriften <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>: 1. Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren 
                Leichnams Christi und von den Bruderschaften (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1519</hi></bibl>, 27,25[-50])<note xml:id="n63"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,  <hi rend="italic">Ein Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Bruderschaften</hi> (1519), WA 2,742-758.</bibl> Am Mskr.-Rand finden sich folgende Bleistiftnotizen: «24,59ff.!: Grund und Ursach aller Artikel (1520); 22,38ff.!: Hauptstück des ewigen und neuen Testaments (1522); 8,92ff.: Septuagesimae-Predigt; 15,338ff.: Warleichnamspredigt»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Grund und Ursach aller Artikel D. Martin Luthers, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt sind</hi> (1521), WA 7,320,25-321,8</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1955"><hi rend="italic">Das Hauptstück des ewigen und neuen Testaments</hi> (1522), 
                WA 10/III,68,20-71,22</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2050"><hi rend="italic">Fastenpostille 1525. Epistel des Sonntags Septuagesime. 1. Corinth. 9.</hi>, WA 17/II,132,16-133,35</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3125"><hi rend="italic">Am tag des heiligen warleichnams Christi, Euangelion Johannis: vj</hi> (1522), WA 17/II,435,15-441,17</bibl>; vgl. auch die abweichende Fassung <bibl corresp="kbga-bibls-1958"><hi rend="italic">Sermon auf unsers Herrn Fronleichnamstag</hi> (1523), WA 12,580,1-584,15</bibl>.</note>, 
                2. Sermon von der Beichte und dem Sakrament <pb ed="pga" xml:id="p271"/> (<hi rend="italic">1519</hi>, 11,153[-173], und <bibl corresp="kbga-bibls-3488">Op. lat. III,419[-442]</bibl>)<note xml:id="n64"> <bibl corresp="kbga-bibls-3092"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sermon von der Beichte und dem Sakrament</hi> (1524), WA 15,481-497</bibl>. Die lateinische Version <bibl corresp="kbga-bibls-3488"><hi rend="italic">Concio de confessione et Sacramento eucharistiae</hi>  (EA v. a.  III,419-442)</bibl>, in EA mit 1519 datiert, wurde wegen Zweifeln an der Autorschaft <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> nicht in die WA aufgenommen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2049">WA 15,438-440</bibl>.</note>, 
                3. Erklärung Dr. Luthers etlicher Artikel in seinem Sermon von dem heiligen Sakrament (<hi rend="italic">1520</hi>, 27,70[-77])<note xml:id="n65"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Verklärung D. Martin Luthers etlicher Artikel in seinem Sermon von dem heiligen Sakrament</hi> (1520), WA 6,78-83.</bibl></note>, 4. Sermon von dem neuen Testament d. i. von der heiligen Messe (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1520</hi></bibl>, 27,139[-173])<note xml:id="n66"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Ein Sermon von dem neuen Testament, das ist von der heiligen Messe</hi> (1520), WA 6,353-378</bibl>.</note>, 
                5. De captivitate babylonica (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1520</hi></bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3488">Op. lat. V,13[-118]</bibl>)<note xml:id="n67"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium</hi> (1520), WA 6,497-573.</bibl></note>, 6. Eine schöne Predigt von Empfahung des heiligen Sakramentes (<hi rend="italic">1521</hi>, <bibl corresp="kbga-bibls-496">11,179[-192]</bibl>)<note xml:id="n68"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,  <hi rend="italic">Sermon am grünen Donnerstage</hi> (1523), WA 12,476-493.</bibl></note>, 
                7. Vom Mißbrauch der Messe (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1522</hi>, 28,27[-141]</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3488">Op. lat. VI,113[-212]</bibl>)<note xml:id="n69"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vom Mißbrauch der Messe</hi> (1521), WA 8,482-563 (dt.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2047"><hi rend="italic">De abroganda missa privata Martini Lutheri sententia</hi> (1521), WA 8,398-476 (lat.)</bibl>.</note>, 
                8. Von beider Gestalt des Sakraments zu nehmen und anderer Neuerung (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1522</hi></bibl>, 28,285[-318])<note xml:id="n70"> <bibl corresp="kbga-bibls-2052"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von beider Gestalt des Sakraments zu nehmen</hi> (1522), WA 10/II,11-41.</bibl></note>, 9. Contra Henricum Regem Angliae (<bibl corresp="kbga-bibls-3488"><hi rend="italic">1522</hi> Op. lat. VI,385[-448]</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-496">28,343[-387]</bibl>)<note xml:id="n71"> <bibl corresp="kbga-bibls-3093"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Contra Henricum regem Angliae</hi> (1522), WA 10/II,180-222 (lat.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2053"><hi rend="italic">Antwort
                deutsch auf König Heinrichs Buch</hi> (1522), WA 10/II,227-262 (dt.)</bibl>.</note>, 10. Formula missae et communionis (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">1523</hi></bibl>, Op. lat. VII,1[-20])<note xml:id="n72"> <bibl corresp="kbga-bibls-2072"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Formula Missae et Communionis pro ecclesia</hi> (1523), WA 12,205-220.</bibl></note>. |</p>
                <p> Wenn  ich von der besonders in den großen Schriften <bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-2045">Vom Mißbrauch der <ref type="term">Messe</ref></bibl> breit entfalteten anti-katholischen <pb ed="pga" xml:id="p272"/> Polemik unserem Zweck entsprechend tunlichst absehe, so meine ich folgende Hauptlinien der Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu erkennen: Sein Interesse ist vor Allem darauf gerichtet, anschaulich zu machen, daß es sich bei der Einsetzung und bei der Feier des 
                Abendmahls primär um <hi rend="italic">Gott</hi> und den <hi rend="italic">Glauben</hi> oder, um den bezeichnendsten lutherischen Begriff zu gebrauchen, um das «<hi rend="italic">Wort</hi>» handelt. Beginnen wir mit der Pracht-Stelle aus der Schrift gegen den <persName ref="kbga-actors-6296">König von England</persName>: «Ich aber setze wider aller Väter Spruch, wider aller Engel, Menschen, Teufel Kunst und Wort die Schrift und das Evangelion, darinnen die Mess klärlich erkennet 
                wird, daß sie ein <hi rend="italic">Wort</hi> <hi rend="italic">und Werk Gottes</hi> sei, darinnen uns Gott verheißet und zeichnet seine Gnade. Hie stehe ich, hie trotze ich, hie stolziere ich und sage: Gottes Wort ist mir über Alles, göttliche Majestät stehet bei mir; darum gebe ich nicht ein Haar drauf, wenn tausend  <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>, tausend Heinzen Kirchen dazu, wider mich wären und bin gewiß, daß die rechte Kirche mit mir hält an Gottes Wort und läßt Heinzen Kirche an Menschen Worten hängen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,379</bibl>).<note xml:id="n73"> <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,256,26-34.</bibl></note> |</p>
                <p> So  heißt es in dem <bibl corresp="kbga-bibls-1956">Sermon von 1520</bibl>: «Wenn der Mensch soll mit Gott zu Werk kommen und von ihm etwas empfangen, so muß es also zugehen, daß nicht der Mensch anhebe und den ersten Stein lege, sondern Gott <hi rend="italic">allein ohne</hi> alles Ersuchen und Begehren des Menschen muß zuvorkommen und ihm eine Zusagung tun. Dasselb <hi rend="italic">Wort Gottes</hi>   ist das erste, der Grund, der Fels, darauf sich hernach alle Werke, Worte, Gedanken des Menschen bauen, welches <hi rend="italic">Wort</hi> der Mensch muß dankbarlich <hi rend="italic">aufnehmen</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,144f.</bibl>).<note xml:id="n74"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,356,3-9.</bibl></note> Das <ref type="term">Sakrament</ref> 
                ist kein Werk oder Dienst, sondern ein Genieß oder Gewinst, kein «<foreign xml:lang="lat">officium</foreign>», sondern ein «<foreign xml:lang="lat">beneficium</foreign>», nicht ein Werk, sondern eine Übung des Glaubens allein. «Man sollt denn das ein gut Werk heißen, daß ein Mensch still hält und läßt ihm wohltun» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,155f.</bibl>).<note xml:id="n75"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,364,24f.</bibl></note>  
               «Das <ref type="term">Sakrament</ref> ist nicht mein, sondern Gottes Werk, damit ich mir dienen lasse und Wohltat empfange» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,181</bibl>).<note xml:id="n76"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,479,7-9.</bibl></note> Opfern auch <hi rend="italic">wir</hi> etwas im Sakrament, nämlich Lob, Dank und uns selbst, so sollen wir das doch nicht durch <pb ed="pga" xml:id="p273"/> uns selbst «fürtragen» vor Gottes Augen, sondern auf Christum legen und <hi rend="italic">ihn</hi> lassen «dasselb fürtragen». Nicht wir opfern Christus, sondern Christus opfert uns. Er selbst ist im <ref type="term">Himmel</ref> der <hi rend="italic">für</hi> uns und uns <hi rend="italic">selbst</hi> opfernde Pfarrer (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,161f.</bibl>).<note xml:id="n77"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,369,3-34.</bibl></note> 
                Gerade daß beim Sakrament <hi rend="italic">gebenedeit</hi> und <hi rend="italic">gedankt</hi> wird, ist ein «Zeichen und Zeugnis, daß etwas von Gott <hi rend="italic">empfangen</hi> und <hi rend="italic">gegeben</hi> ist, nicht daß <hi rend="italic">wir</hi> Gott etwas opferten oder geben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,72</bibl>).<note xml:id="n78"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,513,19-21.</bibl></note> <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Fides non est opus, sed magistra et vita operum.</foreign>»</hi><note xml:id="n79"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «G» (= Glaube).</note> Wer ein Testament annimmt, tut damit dem Erblasser keine Wohltat (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,46</bibl>).<note xml:id="n80"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,520,26-30.</bibl></note> 
                Denn Gottes Zusage, <ref type="term">Verheißung</ref>, sein ewiges neues <hi rend="italic">Testament</hi> ist der Sinn des Abendmahls, erklärt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> unermüdlich.<note xml:id="n81"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Das unterscheidet das Sakrament von einer bloßen ‹Figur und Zeichen›, daß es eine göttliche <hi rend="italic">Zusagung</hi> ist (<bibl corresp="kbga-bibls-496">24,66</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057">WA 7,327,22-29.</bibl></note> «Die <ref type="term">Messe</ref> ist die <ref type="term">Verheißung</ref> der Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n, von Gott uns gegeben, durch den Tod des Sohnes Gottes bestätigt» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,37</bibl>).<note xml:id="n82"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,513,34-36.</bibl></note> 
                Die «<foreign xml:lang="lat">virtus missae</foreign>» besteht in den <hi rend="italic">Worten Christi</hi>, in denen er die Sündenvergebung allen denen bezeugt («<foreign xml:lang="lat">testatu</foreign>r»), die an das «<foreign xml:lang="lat">pro nobis</foreign>» seines Todes glauben (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,42</bibl>).<note xml:id="n83"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,517,34-36.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «‹Wer zu diesem hochwürdigen <ref type="o">Sakrament</ref> will gehen, der sehe zu, daß er diese Wort mitbring› (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,40</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,69,12f.</bibl></note>  
               «Wollen wir recht Mess halten und verstehen, so müssen wir Alles fahren lassen, was die Augen und alle Sinne in diesem Handel mögen zeigen …, bis daß wir zuvor die <hi rend="italic">Worte Christi</hi> fassen und wohl bedenken, damit er die Mess vollbracht und eingesetzt und uns zu vollbringen befohlen hat. Denn darinnen liegt die Mess ganz mit all ihrem <ref type="term">Wesen</ref>, Werk, Nutz und Frucht» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,144</bibl>).<note xml:id="n84"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,355,21-27</bibl>.</note>  
               «Gott hat unserem Glauben hier eine Weide, Tisch und Mahlzeit bereit, der Glaube weidet sich aber nicht, denn allein von dem Worte Gottes» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,154</bibl>)<note xml:id="n85"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,363,27-29.</bibl></note>, sagt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und - den Worten nach fast genau übereinstimmend mit dem, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nachher gegen ihn einwendete: «Wir essen den Herrn durch den <hi rend="italic"><ref type="term">Glaube</ref>n</hi> des <pb ed="pga" xml:id="p274"/> <hi rend="italic">Worts</hi>, das die <hi rend="italic"><ref type="term">Seele</ref></hi> zu sich nimmt und sein geneusset» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,172</bibl>).<note xml:id="n86"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,503,26-28.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «G 1519» (= Glaube 1519); <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Angabe 1519 hat ihren Grund wohl darin, daß der lateinische Text der EA mit 1519,
                der deutsche mit 1524 datiert ist (siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p271#fn_n64">S. 271, Anm. 64</ref>).</note> Und das soll so zugehen: Du mußt «hier vor allen Dingen deines <ref type="term">Herz</ref>ens wahrnehmen, daß du den Worten Christi <hi rend="italic">glaubest</hi> und lässest sie <hi rend="italic">wahr</hi> sein, da er zu dir und Allen sagt: Das ist mein Blut, ein neues Testament, damit ich dir bescheide Vergebung aller Sünd und ewiges Leben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,150</bibl>).<note xml:id="n87"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,360,21-24.</bibl></note>  
               «Also willt du das <ref type="term">Sakrament</ref> und Testament würdig empfangen, sieh zu, daß du diese lebendigen Worte Christi fürbringest, drauf du dich bauest mit starkem Glauben und begehrest, was dir Christus drinnen zugesagt hat, so <hi rend="italic">wird</hi> dies, so bist du sein <hi rend="italic">würdig</hi> und bist <hi rend="italic">wohlbereit»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,151</bibl>).<note xml:id="n88"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,361,7-11.</bibl></note>  
               «Darum mußt du das <hi rend="italic">Wort</hi> vor allen Dingen wahrnehmen, dieselben hoch heben, viel drauf geben und fest dran halten, so hast du … den Hauptbrunnen des Glaubens, aus welchem quillet und fleußt alles Gute» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,154</bibl>)<note xml:id="n89"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,363,29-32.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «G» (= Glaube).</note> des Glaubens, «welcher das <hi rend="italic">Wort</hi> faßt und spricht: die Worte hat Christus gesagt und ich glaube, daß es wahr sei, und will darauf sterben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,182</bibl>).<note xml:id="n90"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,480,20-481,1.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Sein Wort seind uns als ein Brief, sein Zeichen aber als ein Siegel oder Pitschat (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,40</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,69,7f.</bibl></note> 
                <hi rend="italic">«Da</hi> dienet das Sakrament dazu, daß du denn könntest sagen: Da habe ich öffentlich das <hi rend="italic">Wort</hi>, daß mir die <ref type="term">Sünde</ref>n vergeben sind, dazu auch öffentliche Zeichen in meinen Mund genommen, das kann ich bezeugen, wie ichs auch öffentlich bekannt habe vor dem Teufel und aller <ref type="term">Welt</ref>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,166</bibl>).<note xml:id="n91"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,495,34-496,14.</bibl></note> 
                  Wenn also der Priester die Hostie aufhebt, so ist das keine «<foreign xml:lang="lat">oblatio</foreign>» an Gott, sondern eine «<foreign xml:lang="lat">admonitio nostri</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,52</bibl>)<note xml:id="n92"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,524,21-25.</bibl></note>, «als wollte er sagen: sehet da, das ist das Siegel und Zeichen des Testaments, damit uns Christus beschieden hat Ablaß aller Sünd und ewiges Leben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,149</bibl>).<note xml:id="n93"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,359,23-25.</bibl></note> Und es kann umgekehrt das hochwürdige <ref type="term">Sakrament</ref> das Hauptstück des ewigen und neuen Te<pb ed="pga" xml:id="p275" break="no"/>staments heißen (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,38</bibl>)<note xml:id="n94"> <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,68,20.</bibl></note>, 
                es kann <hi rend="italic">alle</hi> Predigt nur in der Explikation der Abendmahlsworte bestehen (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,167</bibl>).<note xml:id="n95"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,374,1-4.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,64</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,526,1f.</bibl></note> «So du fragest: Was ist das <ref type="term">Evangelium</ref>? kannst du nicht besser antworten, denn diese Wort des Neuen Testaments, nämlich, daß Christus sein Leib gegeben und sein Blut für uns zur Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref> vergossen hat» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,87</bibl>).<note xml:id="n96"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,524,22-24.</bibl></note> |</p>
                <p> Aus  dieser grundlegenden Gleichung <ref type="term">Sakrament</ref> = Testament = Wort Gottes ergaben sich für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> drei speziellere Gedankenreihen: 1. Die unbedingte <hi rend="italic">Überordnung des gesprochenen Wortes</hi> <hi rend="italic">über das Zeichen</hi> im Sakrament. «<foreign xml:lang="lat">Potest homo verbum seu testamentum habere et eo uti absque signo seu sacramento</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,43</bibl>).<note xml:id="n97"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,518,18f.</bibl></note>  
               «Kannst du das <hi rend="italic">Wort</hi> nicht fassen, das doch hell, klar und gewiß ist, so fasse auch das <ref type="term">Sakrament</ref> nicht. Wäre doch das <ref type="term">Sakrament</ref> <hi rend="italic">nichts</hi>, wenn das <hi rend="italic">Wort</hi> nicht wäre» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,161</bibl>).<note xml:id="n98"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,490,24-26.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Ein Christen soll wissen, daß auf Erden kein größeres <ref type="o">Heil</ref> bekannt ist denn Gottes Wort; denn auch das Sacrament selbst durch Gottes Wort gemacht und gebenedeiet und geheiliget wird. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,42</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,70,28-30.</bibl></note> 
               «Es liegt tausendmal mehr an denselben Worten denn an den Gestalten des Sakraments; und ohne solche Wort ist das Sakrament nicht ein Sakrament, sondern ein Spott für Gott» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,305</bibl>).<note xml:id="n99"> <bibl corresp="kbga-bibls-2052">WA 10/II,29,22-24.</bibl></note> «In der Mess sein die <hi rend="italic">Wort</hi> und <hi rend="italic">Brot</hi> und <hi rend="italic">Wein.</hi> Die Worte sind göttliche Gelübde, Zusagung und Testament. Die Zeichen sind Sakrament. Soviel nun mehr liegt an dem Testament denn an dem <ref type="term">Sakrament</ref>, also liegt viel mehr an den Worten denn an den Zeichen. 
                Denn die Zeichen mögen wohl <hi rend="italic">nit</hi> sein, daß <hi rend="italic">dennoch</hi> der Mensch die <hi rend="italic">Worte</hi> habe und also <hi rend="italic">ohne</hi> Sakrament doch nit ohne <hi rend="italic">Testament selig</hi> werde … Das beste und größte Stück sind die Worte und Gelübde Gottes, ohne welche die Sakramente tot und nichts sind, gleichwie ein Leib ohne Seele, ein Faß ohne Wein, eine Tasche ohne Geld, eine Figur ohne Erfüllung, 
                ein Buchstabe ohne <ref type="term">Geist</ref>, eine Scheide ohne Messer» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,153f.</bibl>).<note xml:id="n100"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA  6,363,4-15.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Die Wort gehören in die Ohren, die Zeichen in den Mund, und es ist viel mehr an den Worten oder <ref type="o">Verheißung</ref> gelegen denn an den Zeichen. Denn das Zeichen können wir 
                entbehren, der Wort aber können wir nicht geraten. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,39</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,68,29-32</bibl>.</note> «Wo <pb ed="pga" xml:id="p276"/> die <ref type="term">Predigt</ref> nit hätt sollt sein, hätt Christus die Mess nimmermehr eingesetzt. Es ist ihm mehr an dem Wort denn an dem Zeichen gelegen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,167</bibl>).<note xml:id="n101"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,373,31-374,1.</bibl></note> Ohne die Worte «wäre das ander eitel Gebertle und Gebärden» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,374</bibl>).<note xml:id="n102"> <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,251,28.</bibl></note> 
                Mit dieser überragenden Wichtigkeit des gesprochenen Wortes gegenüber dem sinnlichen Element hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> übrigens damals seine verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegenüber der Frage des Laienkelchs begründet (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,72.168</bibl>)<note xml:id="n103"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054">WA 6,79,14-31</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,374,20-32.</bibl></note>, die er grundsätzlich natürlich bejahte (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,23f.</bibl>).<note xml:id="n104"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,503,9-504,20.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «‹Wort und Zeichen› machen ein ärmelich leiblich Ding geistlich (Strohhalm!). Ohne sie hülfe Gottes Gegenwart sogar nichts. Es bliebe leiblich, führte nur zu zeitlichem Verwundern. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">8,92f.</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2050">WA 17/II,132,16-133,35</bibl>.</note> |</p>
                <p>2. Die strenge <hi rend="italic">Korrelation zwischen der</hi> im Sakrament <hi rend="italic">angebotenen Gabe</hi> und einem <hi rend="italic">bußfertig-gläubigen Verlangen</hi> danach.<note xml:id="n105"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Beste Geschichtlichkeit! <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,56</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3488">II,315</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sermo de digna praeparatione cordis pro suscipiendo sacramento eucharistiae</hi> (1518), WA 1,330,24.</bibl> Der Wortlaut der deutschen Übersetzung, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn nach <bibl corresp="kbga-bibls-496">EA</bibl> (<hi rend="italic">«Predigt über die Epistel am grünen Donnerstage, von der würdigen Bereitung zu dem hochwürdigen Sacrament»</hi>) wiedergibt, geht nicht auf <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst zurück und ist darum in WA nicht enthalten (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046"><choice><sic ed="pga">WA 1,323</sic><corr type="misprint" resp="pz">WA 1,325</corr></choice></bibl>).</note> 
                Wer zum Altar geht, der hüte sich, daß er nicht «<foreign xml:lang="lat">vacuus</foreign>» vor das Angesicht des Herrn trete. «<foreign xml:lang="lat">Vacuus</foreign>» ist er eben, wenn [er] den Glauben an die Messe, d. h. an das neue Testament nicht hat, nicht bereit ist, Alles zu glauben und anzunehmen, was ihm da verheißen wird (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,42</bibl>).<note xml:id="n106"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,517,23-32</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Joh 6 kann darum nicht vom Abendmahl handeln, weil hier ein Essen zum ewigen Leben vorgesehen ist, während man das Abendmahl unwürdig essen kann. Keinem Feste fremder als dem Fronleichnam, abschaffen! Nur das geistliche Essen ist nütze. Ohne Glauben hilft das Sakrament nichts! Zuerst gläubig sein! (<bibl corresp="kbga-bibls-496">15,338ff.</bibl>!)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2065">WA 17/II,435-441</bibl> sowie die abweichende Fassung <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,580-584</bibl>.</note> 
                  Wenn der Empfänger nicht weiß, <hi rend="italic">wozu</hi> er begehrt, was er empfängt, so ist es «nicht viel anders, daß du diesem das heilige Sakrament giebest, denn wenn du es einer Sau in den Hals stößest» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,180</bibl>).<note xml:id="n107"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,477,17f.</bibl></note> Es «ist nur denen gegeben, die Trost und Stärke bedürfen, die blöde <ref type="term">Herz</ref>en ha<pb ed="pga" xml:id="p277" break="no"/>ben, die erschrockene <ref type="term">Gewissen</ref> tragen, die von der <ref type="term">Sünde</ref> Anfechtung leiden oder auch drein gefallen sind. Was sollt es bei den freien sicheren Geistern wirken, die sein nicht bedürfen noch begehren?» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,34</bibl>).<note xml:id="n108"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,746,18-21</bibl>.</note>  
               «Das <ref type="term">Sakrament</ref> will solche haben, die ihre Gebrechen erkennen, fühlen, daß sie <hi rend="italic">nicht</hi> fromm sind und doch gerne fromm werden <hi rend="italic">möchten.</hi><note xml:id="n109"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Kein Methodismus <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,58</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">21,268</bibl>».; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,331,19-23</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1941">WA 2,693,34-694,3</bibl>.</note> Also liegt es allein an solchem Fühlen: denn wir sind zwar alle gebrechlich und Sünder, bekennens aber nicht alle» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,166</bibl>).<note xml:id="n110"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,496,33-497,6.</bibl></note> Das Sakrament muß aus einem «<foreign xml:lang="lat">opus operatum</foreign>» zu einem «<foreign xml:lang="lat">opus operantis</foreign>» werden, d. h. es muß im <hi rend="italic">Glauben</hi> gebraucht werden (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,41</bibl>).<note xml:id="n111"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,751,33-38.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand:  
               «Glaube <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,57</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3488">II,316</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,331,3-17</bibl>.</note> «Das Sakrament für sich selbst ohne den Glauben wirkt nichts, ja Gott selber, der doch alle Dinge wirkt, wirkt und kann mit keinem Menschen Gutes wirken, er glaub denn ihm festiglich; wieviel weniger das Sakrament» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,164</bibl>).<note xml:id="n112"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,371,7-10.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Nit die Sakrament, sondern der Glaub zu den Sakramenten macht lebendig und gerecht (<bibl corresp="kbga-bibls-496">24,61</bibl>) und zwar ein unwankender unschwankender Glaub (63); inhaltlich: so sei es in der <ref type="o">Wahrheit</ref>, daß sein Leichnam sei für ihn gegeben und sein Blut für ihn vergossen. (64)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057">WA 7,321,5f.;323,15f.;325,14f</bibl>.</note>  
               «Christus spricht nicht in den Worten: siehe da <hi rend="italic">ist</hi> es, da <hi rend="italic">liegt</hi> es, sondern also sagt er: Nimm <hi rend="italic">hin</hi>, es soll <hi rend="italic">deine</hi> sein! Er ist nicht <hi rend="italic">darum</hi> im Sakrament, daß wir ihn da sollen haben <hi rend="italic">liegen</hi>, sondern daß wir seiner <hi rend="italic">brauchen.</hi> So ist nun kein rechter <hi rend="italic">Brauch</hi>, denn daß du <hi rend="italic">glaubst</hi>, daß dieser Leib für <hi rend="italic">dich</hi> hingegeben und dies Blut für <hi rend="italic">dich</hi> vergossen sei; so 
                <hi rend="italic">hast</hi> du es denn, wie du glaubest» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,184</bibl>).<note xml:id="n113"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,483,12-17.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">21,267</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1941">WA 2,693,16-33</bibl>. Es befindet sich eine weitere Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Es ist ein groß und seltsam Ding umb einen Christen und Gott mehr an ihm, dann am <ref type="o">Sakrament</ref> gelegen ist, wann der Christi ist nit umb des Sakraments willen gemacht, sondern das Sakrament ist umb des Christen willen eingesetzt (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,42f.</bibl>).»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,71,15-18</bibl>.</note> «Aber ein jeglicher muß sein
                eigen<note xml:id="n114"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «anders <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,61f.</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,333,13-29.</bibl></note> Glauben zu der Verheißung haben, daß er in seinem <ref type="term">Herz</ref>en dafürhalte, es werde ihm widerfahren, wie Gott verheißen und versprochen hat, welches für <pb ed="pga" xml:id="p278"/> keinen anderen geschehen kann. Ich kann nicht für <hi rend="italic">dich</hi> glauben; also du auch für <hi rend="italic">mich</hi> nicht» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,81</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-496">11,162</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,47</bibl>).<note xml:id="n115"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,520,2-5</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,492,16-18</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,521,8-11</bibl>.</note> Und man sehe sich vor, daß dieser Glaube kein menschlicher Gedanke sei, sondern ein Glaube, den Gott macht, «daß du es ungezweifelt dafür haltest, es sei wahr, daß dies Wort und Zeichen dir gegeben sei, und so mutig bist, daß dich dünket, du wollest darüber sterben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,185</bibl>).<note xml:id="n116"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,484,17-23.</bibl></note> |</p>
                <p> Im Anschluß daran entwickelt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seit 1521 das Postulat einer <hi rend="italic">Prüfung der</hi> Kommunikanten. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war ein Gegner des massenhaften und gewohnheitsmäßigen Abendmahlsbesuchs: «Ich hab darnach gestrebt und wollt gerne, daß auch des <ref type="term">Papst</ref>s <ref type="term">Gesetz</ref> abthan wäre vom jährlichen Empfahen des <ref type="term">Sakrament</ref>s am Osterfest und frei einem jeglichen gelassen würd, daß er aus eigenem <ref type="term">Gewissen</ref> und aus Hunger seiner Seel ungezwungen hinzu ginge, damit der greulich unchristlich Mißbrauch und Gotteslästerung weniger würde und hinfüro kaum einer hinzu ging, da jetzt viel Hundert zu gehen.» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,41</bibl>)<note xml:id="n117"> <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,70,16-21.</bibl></note>  
                 «Derohalben soll es hinfort also geordnet sein, daß man niemand zum Sakrament gehen lasse, man frage ihn denn zuvor und erkundige von ihm, wie sein <hi rend="italic"><ref type="term">Herz</ref></hi> stehet, ob er auch <hi rend="italic">wisse</hi>, was es sei und warum er hinzu gehe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,180,185</bibl>).<note xml:id="n118"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,478,1-4;484,8-10.</bibl></note> Man vergewissere sich, «wie er glaube und daß er ein solch Gefäß sei, das es <hi rend="italic">fassen</hi> könne und wisse seinen Glauben anzuzeigen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,182</bibl>).<note xml:id="n119"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,481,7-9.</bibl></note> 
                  <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> möchte es «anrichten» und dahin bringen, «daß man die, so da recht glaubeten (in der <ref type="term">Kirche</ref>) könnte auf einen Ort sondern und vor Anderen erkennen. Ich wollte es wohl längst gerne getan haben, aber es hat sich nicht wollen leiden; denn es noch nicht ist genug gepredigt und getrieben worden.»<note xml:id="n120"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Nicht Gewohnheit <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,66,67</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2056">WA 7,692,9-694,3</bibl>.</note> 
                  Denn es müsse ein Unterschied sein zwischen der <ref type="term">Predigt</ref> und der Austeilung des Sakraments<note xml:id="n121"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Individuelles».</note>: «Wenn ich das Evangelium predige, weiß ich <hi rend="italic">nicht</hi>, wen es trifft; hier aber soll ich es dafürhalten, daß es den <hi rend="italic">getroffen</hi> habe, welcher zum <ref type="term">Sakrament</ref> kommt: da muß ich es nicht in <pb ed="pga" xml:id="p279"/> Zweifel schlagen, sondern gewiß sein, daß der, dem ich das Sakrament gebe, das Evangelion gefasset habe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,185f.</bibl>).<note xml:id="n122"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,485,4-15.</bibl></note> 
                  Und in der <bibl corresp="kbga-bibls-2072">Formula missae von 1523</bibl> wird dann in der Tat die Ordnung aufgestellt, nach der sich die Kommunikanten beim «<foreign xml:lang="lat">episcopus</foreign>» anzumelden haben. Dieser soll sich 1. über ihr Wissen vom <ref type="term">Wesen</ref> und Nutzen des Abendmahls, 2. über ihre Absicht bei dem bevorstehenden Genuß, 3. über ihre «<foreign xml:lang="lat">vita et mores</foreign>» in Kenntnis setzen, um sie dann je nach dem Ergebnis zuzulassen oder wegen Unwissenheit oder offenkundiger und unbereuter Unwürdigkeit zurückzuweisen (<bibl corresp="kbga-bibls-496">VII,12f.</bibl>).<note xml:id="n123"> <bibl corresp="kbga-bibls-2072">WA 12,215,18-216,19.</bibl></note> Ich erwähne dies scheinbar Nebensächliche, um daran zu erinnern, wie doch damals auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die subjektiven, und zwar wahrhaftig nicht nur die allerletzten subjektiven Voraussetzungen zum effektiven Empfang des Sakraments betont hat. |</p>
                <p>3. Die Auffassung des Abendmahls als eines Aktes des <hi rend="italic">Gedächtnisses</hi>, der <hi rend="italic">Glaubensstärkung</hi> und des <hi rend="italic">Bekenntnisses</hi>.<note xml:id="n124"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<foreign xml:lang="lat">nonnisi in memoriam sui</foreign> <bibl corresp="kbga-bibls-3488">II,320</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,63</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,334,6</bibl>.</note> «Ich laß euch dies <ref type="term">Sakrament</ref> des Alles zu einem gewissen Wahrzeichen, daß ihr mein <hi rend="italic">nit vergesset»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,33</bibl>)<note xml:id="n125"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,746,2f.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Gedächtnis».</note>, 
                werden 1519 die Einsetzungsworte umschrieben, und 1520 wird das Abendmahl einem «Begängniß» verglichen, d. h. einer den Erben testamentarisch auferlegten kultischen Verpflichtung, ähnlich (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> scheute vor diesem Vergleich noch nicht zurück!) den <ref type="term">Seele</ref>nmessen des <ref type="term">Katholizismus</ref>. «Also hat auch Christus ihm ein Begängnis in diesem Testament gemacht, nit daß <hi rend="italic">er</hi> sein bedürfe, sondern daß es <hi rend="italic">uns</hi> not und nütze ist, so wir sein gedenken; dadurch wir <hi rend="italic">im Glauben gestärkt</hi>, in der <ref type="term">Hoffnung</ref> befestigt und in der Lieb erhitzt werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,147</bibl>).<note xml:id="n126"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,358,26-29.</bibl></note>
                    </p>
                </div>
                <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">11.I.23 </date>
                 Und dieser zweite Gesichtspunkt tritt nun viel stärker hervor: In der Bedrängnis des Erdenlebens haben wir es nötig, uns immer wieder zu erholen, «wo wir etwas abnehmen», uns täglich zu üben zur Mehrung und Besserung des <ref type="term">Geist</ref>es (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,148</bibl>).<note xml:id="n127"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,358,32-34.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Übung des Glaubens».</note> «Da uns Christus zu seinem Gedächtnis das zu tun gebot, hat er nichts Anderes von uns <pb ed="pga" xml:id="p280"/> haben wollen, denn daß wir uns mit der Zusagung und dem Pfand täglich im Glauben übten …, denn die <ref type="term">Seele</ref> des Menschen, wenn man oft und viel diese gnadreiche Zusagung bedenkt, wird dadurch dem Glauben je mehr und mehr gemäß» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,71</bibl>).<note xml:id="n128"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,512,20-25.</bibl></note> 
                 1519 hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> das, was er unter Übung des Glaubens verstanden haben wollte, folgendermaßen erläutert: «Derhalben es auch nutz und not ist, daß die Lieb und <ref type="term">Gemeinschaft</ref> Christi und aller Heiligen verborgen, unsichtlich und geistlich gescheh und nur ein leiblich, sichtlich, äußerlich Zeichen derselben uns geben werde. Denn wo dieselbe Lieb, Gemeinschaft und Beistand öffentlich wäre, wie der Menschen zeitlich Gemeinschaft, so würden wir dadurch nit gestärkt noch geübt, in die unsichtlichen und ewigen Güter zu trauen oder ihr zu begehren …, dadurch wir verhindert würden, daß wir nimmermehr zu Gott kämen. Denn es muß alles 
                 zeitlich und empfindlich Ding abfallen und wir ihr ganz entwöhnen, sollen wir zu Gott kommen. Darum ist die Mess … ein Zeichen, daran wir uns üben und gewöhnen, alle sichtliche <ref type="term">Liebe</ref>, Hilfe und Trost zu verlassen, und in Christi und seiner Heiligen unsichtliche Liebe, Hilfe und Beistand zu erwägen. Denn der <ref type="term">Tod</ref> nimmt alls sichtlich Ding und scheid uns von den Menschen und zeitlichen Dingen, so müssen wir dagegen haben Hülf der unsichtlichen und ewigen, und die werden uns im <ref type="term">Sakrament</ref> und Zeichen angeben, daran wir mit dem Glauben solange hangen, bis wir sie erlangen, auch empfindlich und öffentlich» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,43</bibl>).<note xml:id="n129"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,752,36-753,16</bibl>; gesamtes Zitat am Mskr.-Rand angestrichen.</note>
                So ist das Abendmahl in Absicht und Wirkung <hi rend="italic">dazu</hi> da, «Christum zu predigen und loben, sein Leiden und alle seine <ref type="term">Gnade</ref> und Wohltat zu preisen, damit wir ihn zu lieben, hoffen, glauben bewegt werden und also auf dieselben Wort oder <ref type="term">Predigt</ref> auch ein leiblich Zeichen, d. i. das Sakrament empfangen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,167</bibl>).<note xml:id="n130"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,373,25-29.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Bekenntnis».</note> Und dann eben das Andere: als Gelegenheit, sich als Christ zu <hi rend="italic">bekennen:</hi> «Er hat es darum eingesetzt, daß es der Christenheit Losung und Malzeichen sei, dabei man uns kennen könnte. Denn wo wirs nicht hätten, könnte man nicht wissen, wo und welche Christen wären und was das Evangelium Frucht schaffte. Wenn man aber zum <ref type="term">Sakrament</ref> gehet, so siehet man, wer sie sind, die das Evangelium <pb ed="pga" xml:id="p281"/> gehört haben; darnach kann man auch Achtung haben, ob sie christlich leben. Also ist das ein Malzeichen, dabei man uns kennet, damit wir auch Gottes Namen bekennen, daß wir uns seines Worts nicht schämen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,162</bibl>).<note xml:id="n131"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,491,17-24.</bibl></note> |</p>
                <p> Und in der <bibl corresp="kbga-bibls-2072">Formula missae von 1523</bibl> wird dann dementsprechend wirklich angeordnet, daß die Kommunikanten in der <ref type="term">Kirche</ref> an einem bestimmten Ort Platz zu nehmen hätten, damit sie sowohl ihren Mitkommunikanten wie den übrigen Kirchgängern als solche kenntlich seien. Denn die Abendmahlsgemeinschaft sei eine «<foreign xml:lang="lat">pars confessionis, qua coram Deo, angelis et hominibus sese confitentur esse Christianos</foreign>», und es zieme sich nicht, heimlich, «<foreign xml:lang="lat">velut furtim</foreign>», daran teilzunehmen (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">VII,14</bibl>).<note xml:id="n132"> <bibl corresp="kbga-bibls-2072">WA 12,216,25-28.</bibl></note> Stärker konnte der Bekenntnischarakter der Feier offenbar nicht unterstrichen werden, wie überhaupt die Parallelen zu dem, woran <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> beim Abendmahl gelegen war, gerade bei diesen letzten Punkten: Gedächtnis, Glaubensstärkung, <ref type="term">Bekenntnis</ref> auf der Hand liegen.</p>
                <p> Wir schließen hier passenderweise auch die Gedanken an, mit denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in jenen Jahren den <hi rend="italic">besonderen Wert</hi> des Abendmahls gegenüber der mündlichen <ref type="term">Verkündigung</ref> zu begründen versucht hat. Auch er hat sich eingehend mit der Frage beschäftigt, ob das erstere neben der letzteren nicht im Grunde entbehrlich sein möchte. «Ich kann», schreibt er 1519, «täglich, ja zu jeder Stunde <ref type="term">Messe</ref> halten, indem ich, sooft ich will, mir die Worte Christi vorhalten und meinen Glauben an ihnen nähren und stärken kann, <foreign xml:lang="lat">hoc est revera spiritualiter manducare et bibere</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,43</bibl>).<note xml:id="n133"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,518,20-23.</bibl></note> Der<note xml:id="n134"> Sätze bis zum Ende des Absatzes mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen.</note>  
                  «Vorteil», den er dem <ref type="term">Sakrament</ref> damals zuschrieb, aber wohlverstanden um der vorangehenden <ref type="term">Beichte</ref> willen, besteht darin, «daß das Wort Gottes (hier) allein auf deine Person gestellt wird. Denn in der <ref type="term">Predigt</ref> fleucht es in die <ref type="term">Gemeinde</ref> dahin (‹wer es erwischt, der erwischt es›, <bibl corresp="kbga-bibls-496">11,186</bibl>)<note xml:id="n135"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,485,9</bibl>; Merkwort am Mskr.-Rand: «Das Individuelle».</note>, und wiewohl es dich <hi rend="italic">auch</hi> trifft, so bist du doch sein nicht so gewiß; aber hier kann es niemand treffen, denn dich allein. Solltest du aber nicht herz<pb ed="pga" xml:id="p282" break="no"/>lich froh werden, wenn du einen Ort wüßtest, da Gott mit dir selbst reden wollte?» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,157f.</bibl>).<note xml:id="n136"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,486,30-487,11.</bibl></note> |</p>
                <p> Aber noch 1520 schreibt er gegen die Überschätzung der Wichtigkeit des Laienkelchs: Christus habe nicht Jedermann geboten, das Sakrament zu genießen, so möge es ebensowohl in bloß <hi rend="italic">einer</hi>, wie in überhaupt <hi rend="italic">keiner</hi> Gestalt empfangen werden, «wie etlich Altväter in der Wüstenei getan» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,72</bibl>).<note xml:id="n137"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054">WA 6,79,32-34.</bibl></note> Er redet im selben Jahr von einem «Glauben auf dem Feld zu Christo», bei dem der Mensch ihm sein Gebet, Lob, Not und Sach opfert und befiehlt, Gott im <ref type="term">Himmel</ref> vorzutragen, <hi rend="italic">dazu mag er auch wohl</hi> an das Sakrament und Testament gedenken, «desselben herzlich begehren und also geistlich empfangen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,165</bibl>).<note xml:id="n138"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,372,17-20.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand:  
               «Ohne leiblich Empfahen des Sakraments kann man fromm durch den Glauben werden, aber ohne den Glauben ist kein Sakrament nutz. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">24,62</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057">WA 7,321,27-29</bibl>.</note> «<foreign xml:lang="lat">Potest homo verbum seu testamentum habere et eo uti absque signo seu sacramento. Crede, inquit  Augustinus, et manducasti</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,43</bibl>).<note xml:id="n139"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,518,18f.</bibl></note> «Solcher Glaub ist gnug und richtet es wahrlich Alles aus» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,166</bibl>).<note xml:id="n140"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,372,23.</bibl></note> <hi rend="italic">Aber</hi><note xml:id="n141"> Sätze bis zum Ende des Absatzes mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen und jeweils mit Merkworten versehen: «Leibliches Handeln; Einsetzung Gottes; Unsere Schwachheit; Übung des Glaubens».</note>, 
                wirft er dann ein: wie möchte es zu solchem Glauben kommen, wenn Glauben, <ref type="term">Opfer</ref>, Sakrament und Testament nicht an etlichen benannten Orten und <ref type="term">Kirche</ref>n auch leiblich gehandelt würden? Ferner dürfe die Einsetzung Gottes als solche nicht vernachlässigt werden. Ferner lebten wir im <ref type="term">Fleisch</ref> und seien nicht alle fähig, uns im <ref type="term">Geist</ref> zu regieren, hätten es nötig, leiblich zusammenzukommen und einer das andere zu solchem Glauben zu entzünden und uns durch leibliches Sehen oder Empfangen des <ref type="term">Sakrament</ref>s und Testaments zu bewegen, unseren Glauben zu mehren und zu bessern. Endlich diene die leibliche <ref type="term">Messe</ref> dazu, und das sei die Hauptsache, mitten unter <ref type="term">Welt</ref>, <ref type="term">Fleisch</ref> und Teufel täglich das Wort Gottes, welches niemand entbehren kann, zu üben und zu treiben (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,166</bibl>).<note xml:id="n142"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,372,23-373,14.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p283" rend="noPipe"/> 1521 erscheint dann als weiteres Argument der Hinweis auf den <ref type="term">Bekenntnis</ref>charakter des <ref type="term">Abendmahl</ref>s: «Vor Gott hätten wir genug daran, daß wir glauben an das Evangelium; nun will er uns aber auf Erden dazu haben, daß wir den Leuten dienen und den Glauben, den wir im <ref type="term">Herz</ref>en haben, mit etlichen Zeichen vor der <ref type="term">Welt</ref> bekennen … Mit dem Munde müssen wir das <ref type="term">Evangelium</ref> bekennen und darauf das Sakrament zu einem Zeichen nehmen, daß die <ref type="term">Welt</ref> wisse, daß wir Christen sind. Und also bin ich denn für meine Person gewiß, daß ich einen gnädigen Gott habe, dazu habe ich auch vor der <ref type="term">Welt</ref> genug getan» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,182f.</bibl>).<note xml:id="n143"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,481,12-19</bibl>; Zitat mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen und mit Merkwort versehen: «Bekenntnis».</note></p>
                <p> Würden die bisher entwickelten Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> das Ganze seiner Anschauung enthalten, so müßte man den Protest, den <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dagegen anmeldete, unbegreiflich nennen. Man braucht nicht unbeachtet zu lassen, was ja auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst 1523 festgestellt hat, daß für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> der Begriff des <hi rend="italic">Testamentes</hi>, d. h. des von <hi rend="italic">Gott</hi> <hi rend="italic">gesprochenen</hi> Wortes im Vordergrund stand, daß er das Abendmahl vor Allem unter dem Gesichtspunkt seiner <hi rend="italic">Einsetzung</hi> betrachtete, während für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> der Begriff des <hi rend="italic">Wiedergedächtnisses</hi>, d. h. des vom <hi rend="italic">Menschen vernommenen</hi> Wortes der beherrschende war, weil sein Interesse zunächst an der kirchlichen Feier und ihrer Bedeutung als solcher haftete.<note xml:id="n144"> Merkworte am Mskr.-Rand: «Einsetzung; Das Leibliche; Gedächtnis; Übung des Glaubens; <ref type="o">Bekenntnis</ref>; Das Individuelle».</note> 
                Es ist das der typische Gegensatz des «von oben» und «von unten» Betrachtens der Dinge, der für beide charakteristisch ist. Und man wird doch, wenn man <hi rend="italic">diese</hi> Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> mit denen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> vergleicht, nicht verkennen können, daß es sich um eine an sich mögliche verschiedene Beleuchtung <hi rend="italic">desselben</hi> Gegenstandes handelte und daß <hi rend="italic">darüber</hi> ein ernsthafter Streit nicht hätte ausbrechen können. Zu stark war dem Verschiedenen gegenüber das Gemeinsame, das Ausgehen von der im Tode Christi uns zugute geschehenen <hi rend="italic">Gottestat</hi>, durch das die <ref type="term">Messe</ref> aus einem 
                Opferakt zu einem <ref type="term">Verkündigung</ref>sakt wurde, die Auffassung von dem lebendigen <hi rend="italic">Wort</hi>, in dem die Wirkung dieser Gottestat zu uns kommt, die strenge Korrelation von Wort und <hi rend="italic"><ref type="term">Glaube</ref></hi>, durch die das Zeichen als solches aus dem Mittelpunkt an die <pb ed="pga" xml:id="p284"/> Peripherie des Blickfeldes und letzten Endes aus dem Kreis, auf den sich das eigentliche Interesse richtet, überhaupt hinausgedrängt wird, endlich die ausgesprochen <hi rend="italic">erzieherische</hi> Begründung der Notwendigkeit der Abendmahlsfeier im Blick auf die <hi rend="italic">Aufgaben</hi>, die sie <hi rend="italic">als</hi> <ref type="term">Verkündigung</ref> der großen Gabe Gottes dem Menschen Christus, sich selbst und den Nächsten gegenüber stellt. Aber die angeführten Gedanken enthalten nicht das Ganze von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> damaliger Abendmahlslehre.</p>
                <p> In den angeführten Schriften wird eine zweite Linie sichtbar, die uns dem kritischen Punkt näher führen wird. Es handelt sich um alle diejenigen Aussagen, in denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> das beschreibt, was er die <hi rend="italic">Früchte des Sakraments</hi> nennt. Das Abendmahl bringt den Menschen das Wort, dabei bleibt es. Aber wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vom Wort redet, so kann er nicht dabei stehen bleiben, nur vom Wort zu reden.<note xml:id="n145"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Denn wo <hi rend="italic">Gott</hi> redet und zeichet, da muß man gläuben aus ganzem festen <ref type="o">Herz</ref>en, es sei also wie er redet und zeichet, auf daß wir ihn nicht für einen Lugener oder Gaukeler halten, sondern für treu und wahrhaftig. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">24,62</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057">WA 7,323,6-9</bibl>.</note> 
                Charakteristisch dafür ist folgende Stelle schon von 1519: Das Sakrament ist ein «göttlich Zeichen, darin <hi rend="italic">zugesagt</hi>, <hi rend="italic">gegeben</hi> und <hi rend="italic">zugeeignet</hi> wird Christus, alle Heiligen, mit allen ihren Werken, Leiden, Verdiensten, Gnaden und Gütern» (27,38).<note xml:id="n146"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,749,24-26.</bibl></note> Man beachte, wie es hier mit unaufhaltsamer Selbstverständlichkeit hinübergeht von der Zusage zur <hi rend="italic">Gabe</hi> und <hi rend="italic">Zueignung</hi>, von der <ref type="term">Verkündigung</ref> Christi im Zeichen zu einer realen <hi rend="italic">Gegenwart</hi> Christi. Es ist klar, daß wir bei dieser Gleichung vor dem Herzpunkt reformatorischer Gotteserkenntnis stehen. Daß der Glaube in, mit und unter<note xml:id="n147"> Diese Formel für die lutherische Konsubstantiationslehre begegnet in der <bibl corresp="kbga-bibls-3130"><hi rend="italic">Formula Concordiae</hi> (1577), SD VII,35</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK 983,15f.</bibl></note> 
                der Zusage Gottes auch Gottes Gabe empfängt, das war auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> immer wiederholte Aussage. Aber es ist offenbar nicht ganz dasselbe, ob man diese Gleichung mit jener lutherischen Unaufhaltsamkeit vollzieht, oder unter dem Vorbehalt, mit der Gehemmtheit, mit der sie von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und nachher von  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> verstanden worden ist. Doch lassen wir zunächst <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> das Wort. «Das Sakrament soll also mit uns umgehen, daß es <hi rend="italic">uns</hi> <hi rend="italic">wandle</hi> und andre Leute mache; denn die Worte und Werke Gottes wollen <pb ed="pga" xml:id="p285"/> nicht müßig sein, sondern groß Ding schaffen, <foreign xml:lang="lat">facta Dei non solent esse otiosa, sed maximarum rerum sunt principia et fontes</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,172</bibl>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3488">III,441</bibl>).<note xml:id="n148"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,504,13-15</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Der hohe reiche Wechsel, davon ich oft gesaget habe, daß er in uns und wir in ihm bleiben und Ein Kuchen mit ihm werden. (<bibl corresp="kbga-bibls-496">15,344</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2065">WA 17/II,440,10-12</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,583,16f</bibl>.</note> |</p>
                <p>Was meint <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wenn er von dieser wandelnden Kraft des Abendmahls redet? Die Antwort auf diese Frage ist vor Allem dem Anfang des Sermons vom Sakrament und [den] Bruderschaften von 1519 zu entnehmen.<note xml:id="n149"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,36</bibl> Frucht und (!) Bedeutung; <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,55</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,3-5</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,329,16-18</bibl>.</note>  
               «Die <hi rend="italic">Bedeutung</hi> oder (!) das <hi rend="italic">Werk</hi> dieses Sakraments ist <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> aller Heiligen, darum nennt man es auch … Synaxis oder Communio.» Was wir in Brot und Wein empfangen, ist «ein gewiß Zeichen» der Gemeinschaft und «Einleibung mit Christo und allen Heiligen», vergleichbar der in Glück und Unglück, in Rechten und Pflichten zu übernehmenden Solidarität, in die Einer eintritt, der das Bürgerrecht einer Stadt erwirbt (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,29f.</bibl>).<note xml:id="n150"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,743,7-9.21–24.</bibl></note> Und diese Gemeinschaft besteht in einem Doppelten. So ausdrücklich 1521: «Ihr habt <hi rend="italic">zwei</hi> Früchte von dem heiligen Sakrament: Eine ist, daß es uns machet Brüder und Miterben des Herrn Christi, also daß aus ihm und uns werde ein <hi rend="italic">Kuche.</hi> Die andre, daß wir <hi rend="italic">auch</hi> gemein und eins werden mit allen andern Gläubigen, so sind auf Erden und <hi rend="italic">auch</hi> alle ein Kuchen sein» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,186</bibl>).<note xml:id="n151"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,485,19-486,3.</bibl></note> 
                Also einmal darin, daß «in diesem Sakrament uns <hi rend="italic">geben</hi> ist die unmäßige <hi rend="italic">Gottesgnad</hi> und Barmherzigkeit, daß wir da allen Jammer, alle Anfechtung von uns legen auf die Gemein und sonderlich auf Christus» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,32</bibl>).<note xml:id="n152"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,745,7-9.</bibl></note> Es ist die dir gegebene Zusage Gottes, «daß die Sünd nicht dich allein, sondern meinen  Sohn Christum und alle seine Heiligen im Himmel und auf Erden anficht. Drum sei frisch und getrost, du <hi rend="italic">streitest nicht allein</hi>, groß Hilf und Beistand um dich ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,31</bibl>).<note xml:id="n153"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,744,28-30.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">21,270</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1941">WA 2,695,16-34</bibl>.</note> 
                Weil der Glaube beim Genuß des Abendmahls <pb ed="pga" xml:id="p286"/> «Gott die Ehre tut, daß er ihn für wahrhaftig hält und bekennet, <hi rend="italic">macht er ihm</hi> einen gnädigen Gott, der ihn wiederum ehret und wahrhaftig bekennet und hält», heißt es 1520 (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,144</bibl>)<note xml:id="n154"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,356,11f.</bibl></note>, und 1521: «Wenn ich glaube, daß sein Leib und Blut <hi rend="italic">mein</hi> ist, so habe ich <hi rend="italic">den Herrn Christus</hi> <hi rend="italic">ganz</hi> und Alles, was er vermag, so daß mein <ref type="term">Herz</ref> fröhlich und trotzig wird, sintemal ich mich nicht verlasse auf meine Frömmigkeit, sondern auf das unschuldige Blut und auf den reinen 
                Leib, den ich da nehme. Nun, was hat unser Herr Jesus Christus und was vermag er? Sein Leib und Blut ist ohne Sünde, voll <ref type="term">Gnade</ref>, ja die leibliche Wohnung der göttlichen Majestät. Kürzlich: Alles, was Gott der Herr hat, das ist Christi, diese Güter werden hier allesamt mein. … Also nimmt seine Weisheit, <ref type="term">Wahrheit</ref> und <ref type="term">Frömmigkeit</ref> hinweg und vertilget alle meine <ref type="term">Sünde</ref>; sein ewig Leben frisset mir den <ref type="term">Tod</ref>; durch seine Stärke und Kraft überwinde ich den Teufel.»<note xml:id="n155"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,486,15-487,10.</bibl></note> |</p>
                <p> Aber noch mehr: «Sintemal du sein <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut hast, so hast du alle Gewalt, die Gott selbst hat; d. i. daß wir ein Kuche werden mit dem Herrn Christo, daß wir treten in die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> seiner Güter und er in die Gemeinschaft unsres Unglücks. Denn hier stoßen zusammen seine <ref type="term">Frömmigkeit</ref> und meine <ref type="term">Sünde</ref>, meine Schwachheit und seine Stärke, und wird also Alles gemein. Was mein ist, das ist sein, und was sein ist, das habe ich auch. … Wenn du nun 
                mit Christo ein Kuche bist, was willst du mehr haben? Du hast es Alles überschwänglich, was dein <ref type="term">Herz</ref> begehrt, und sitzest nun im Paradies. … Wenn ich das Sakrament esse, so isset es mich wieder …, so nimmt mich Christus und verzehret mich auch und isset mich und meine <ref type="term">Sünde</ref>, und ich genieße seiner Gerechtigkeit; also verschlinget seine <ref type="term">Frömmigkeit</ref> und Reichtum meine Sünde und Elend, so daß ich darnach eitel <ref type="term">Gerechtigkeit</ref> habe … Ist es nicht groß, daß die hohe Majestät vor mich tritt und sich mir zu eigen gibt?» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,187-190</bibl>).<note xml:id="n156"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,487,17-26;489,2-8;490,9f.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<foreign xml:lang="lat">res unitas cordium</foreign>, Körnlein, Trauben <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,55</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3488">II,313 (1518)</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,329,14.16.17</bibl>.</note></p>
                <p>Zum <hi rend="italic">Anderen</hi>, sagt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> 1519, ist dies Sakrament ein Sakrament der <hi rend="italic"><ref type="term">Liebe</ref></hi>, und wie <hi rend="italic">dir</hi> Liebe und Beistand geschehen ist, so mußt du <pb ed="pga" xml:id="p287"/> «wiederum Lieb und Beistand erzeigen <hi rend="italic">Christo</hi> und seinen <hi rend="italic">Dürftigen.</hi><note xml:id="n157"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<ref type="o">Gemeinschaft</ref> <bibl corresp="kbga-bibls-496">21,266</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1941">WA 2,692,33-35</bibl>.</note> 
                Denn hie muß dir leid sein alle Unehre Christi in seinem heiligen Wort, alles Elend der Christenheit, alles unrecht Leiden der Unschuldigen, des Alles zumal überschwänglich viel ist an allen Örtern der <ref type="term">Welt</ref>; hie mußt du wehren, tun, bitten und, so du nit mehr kannst, herzlich Mitleid haben. … Da geht dann der Spruch <persName ref="kbga-actors-313">Pauli</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.2">Gal. 6,2</ref>: Einer trage des Andern Bürde, so erfüllet ihr Christus Gebot. Siehe, so trägst du sie alle, so tragen sie dich wieder alle und sind alle Dinge gemein, gut und böse» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,32-33</bibl>).<note xml:id="n158"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,745,26-34.</bibl></note> |</p>
                <p> <hi rend="italic">So</hi> müsse man die Einsetzungsworte verstehen: «Als spräch er: Ich bin das Haupt, ich will der Erst sein, der sich für euch gibt, will euer Leid und Unfall mir gemein machen und für euch tragen, auf daß ihr auch wiederum mir und untereinander so tut und <hi rend="italic">Alles</hi> laßt <hi rend="italic">in mir</hi> und <hi rend="italic">mit mir gemein</hi> sein» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,33</bibl>).<note xml:id="n159"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,745,38-746,1.</bibl></note>  
               «Das sind eigennützige Menschen, denen das Sakrament <hi rend="italic">nichts</hi> nütze ist, die nicht <hi rend="italic">auch</hi> wiederum gemein sein wollen, <hi rend="italic">nicht</hi> den Armen helfen, die <ref type="term">Sünder</ref> dulden, für die Elenden sorgen, mit den Leidenden mitleiden, für die Andern bitten, wollen auch <hi rend="italic">nicht</hi> der <ref type="term">Wahrheit</ref> beistehen, der <ref type="term">Kirche</ref> Besserung und aller Christen mit Leib, Gut und Ehre suchen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,35</bibl>).<note xml:id="n160"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,747,29-32.36.</bibl></note>  
               «Wo die Lieb nicht täglich <hi rend="italic">wächst</hi> und den Menschen also <hi rend="italic">wandelt</hi>, daß er gemein wird jedermann, da ist dieses Sakramentes Frucht und Bedeutung <hi rend="italic">nicht</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,36</bibl>).<note xml:id="n161"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,3-5.</bibl></note> Und ähnlich im selben Jahr: Nutz, Frucht und Brauch des Sakraments <hi rend="italic">für uns selbst</hi> seien genugsam angezeigt und ausgedrückt in den Worten: «zur Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n», daraus aber als anderes Stück folge, «daß wir uns wiederum lassen essen und trinken, wie wir des Herrn Christi Leib und Blut gessen und getrunken haben, und auch zu unserem Nächsten diese Worte 
                sprechen: Nimm hin, iß und trink! daß es nicht ein Spott, sondern ein Ernst sei, daß du dich <hi rend="italic">dahin</hi> gibst mit allem deinem <ref type="term">Leben</ref>, wie Christus in diesen Worten dir getan hat». So sollen wir zueinander sprechen: «Siehe mein lieber Bruder, ich habe meinen Herrn empfangen, der ist mein, und <pb ed="pga" xml:id="p288"/> habe nun übrig gnug und alle Fülle; so nimm du nun auch, was ich habe, das soll alles dein sein, und will es alles für dich darsetzen; ist es nötig, daß ich für dich sterbe, so will ich es <hi rend="italic">auch</hi> tun. Dies Ziel ist uns hier in diesem Sakrament gesteckt; daß solche Beweisung gegen den Nächsten in uns erscheine» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,167</bibl>).<note xml:id="n162"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,498,12-32.</bibl></note>  
               «Sonst, wenn du das <hi rend="italic">nicht</hi> tust, so bleibest du <hi rend="italic">ungewiß</hi>, wenn du eines Tages hundertmal des Sakraments genössest mit großer Andacht, daß du auch vor Freuden <hi rend="italic">weinetest;</hi> denn solche wunderliche Andacht vor Gott <hi rend="italic">nichts</hi> ist, die so <hi rend="italic">eingehet</hi> und wohl so <hi rend="italic">gefährlich</hi> als sie gut ist. … Es ist zwar wohl gewiß an ihm <hi rend="italic">selbst</hi> das Wort und Sakrament; denn darüber zeugt Gott selbst mit allen Engeln und frommen Leuten, aber es fehlet noch an <hi rend="italic">dir</hi>, ob <hi rend="italic">du auch</hi> dasselbe Zeugnis gebest. Darum wenn gleich alle <hi rend="italic">Engel</hi> 
                und die ganze <hi rend="italic"><ref type="term">Welt</ref></hi> von dir zeuget, daß du das Sakrament nützlich genommen hast, so ist es doch viel schwächer denn das Zeugnis, das du <hi rend="italic">selber</hi> gibst. Aber dazu kannst du <hi rend="italic">nicht</hi> kommen, du siehest denn dein <hi rend="italic"><ref type="term">Wesen</ref></hi> an, ob es <hi rend="italic">hervor</hi>leuchte und in dir gewirket und <hi rend="italic"> Frucht</hi> geschafft habe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,170</bibl>).<note xml:id="n163"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,501,15-26.</bibl></note> |</p>
                <p> Dazu wird freilich einschränkend bemerkt: «Es wird ein Mangel unter uns bleiben, daß wir es nicht vollkommlich tun können, als Christus <hi rend="italic">uns</hi> getan hat. Er ist die reine helle Sonne, darinnen kein Nebel ist. Dagegen ist uns unser Licht kaum als ein Strohhalm angezündet … Dort ist ein glühender Backofen voll Feuers und vollkommener <ref type="term">Liebe</ref>, noch ist er zufrieden, wenn wir nur ein <hi rend="italic">Kerzlein</hi> anzünden und uns <hi rend="italic">ein wenig stellen</hi>, als wollten wir die <ref type="term">Liebe</ref> hervorleuchten und brennen lassen.» Daß also «beileib» niemand, weil die Liebe irgendwo mangelhaft ist, urteile und spreche: da sei Christus nicht! (11,168).<note xml:id="n164"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,499,27-34.</bibl></note> Aber wenn <hi rend="italic">gar</hi> keine Frucht folgen will «und du fühlst, daß du immerdar bleibest wie <hi rend="italic">zuvor</hi> und dich des Nächsten <hi rend="italic">nicht</hi> annehmest, so hast du Ursache, daß du dich anders darein stellest; denn es ist <hi rend="italic">kein</hi> gut Zeichen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,170</bibl>).<note xml:id="n165"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,501,27-29.</bibl></note>  
               «Du mußt anders werden und dich <hi rend="italic">beweisen</hi>, so kannst du durch das Zeichen <hi rend="italic">spüren</hi>, daß Gott bei dir ist, so wird der Glaube <hi rend="italic">gewiß</hi> und <hi rend="italic">sicher</hi>. Denn du kannst ja <pb ed="pga" xml:id="p289"/> wohl <hi rend="italic">fühlen</hi>, ob du fröhlicher und kühner werdest, denn du vorher gewesen bist.» «Fühlest du solches <hi rend="italic">nicht</hi>, so klage Gott deinen Mangel und Not, wie wir denn alle tun müssen unser <ref type="term">Leben</ref> lang» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,173</bibl>).<note xml:id="n166"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,504,25-505,37.</bibl></note> 
                Und noch drastischer 1521: «Wenn ich mich gemein mache und diene dir, daß du mein geneussest, wozu du mein bedarfst, so bin ich deine Speise, eben als wenn du das Brot genössest, so du hungrig bist … Wiederum … <hi rend="italic">ist</hi> es, daß <hi rend="italic">ich</hi> ein <ref type="term">Sünder</ref> bin und du von Gottes Gnaden <hi rend="italic">fromm</hi> bist, so fährest du <hi rend="italic">zu</hi> und teilest mir deine <ref type="term">Frömmigkeit</ref> <hi rend="italic">mit</hi>, als wärest du es <hi rend="italic">selbst.</hi> Also verzehrest 
                du mit deiner Frömmigkeit meine <ref type="term">Sünde</ref>, wie Christus <hi rend="italic">uns</hi> getan hat. Also <hi rend="italic">issest</hi> du mich, so esse ich dich <hi rend="italic">wieder»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,189</bibl>).<note xml:id="n167"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,489,18-490,5.</bibl></note> Die solche Früchte <hi rend="italic">nicht</hi> bringen in <ref type="term">Liebe</ref>, die sollte man ausschließen aus der <ref type="term">Gemeinde</ref>. «Also möchte es wieder in rechten Schwung kommen, daß man wüßte, welches rechtschaffene Christen seien oder nicht» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,190</bibl>).<note xml:id="n168"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,491,4-6.</bibl></note>
                    </p>
                <p> Ich  sagte: auf dieser Gedankenlinie nähern wir uns dem Punkt, der im Abendmahlsstreit kritisch wurde. Selbstverständlich liegt die Differenz nicht in dem von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit so herzbewegender Plerophorie nach seinen beiden Seiten vorgetragenen <hi rend="italic">Gemeinschaftsgedanken</hi> an sich. Es wäre sogar unrichtig zu sagen, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wenn er von dieser <ref type="term">Gemeinschaft</ref> redete, etwa den Gedanken der Bruderschaft unter den Menschen vor dem der Vereinigung mit Christus bevorzugt habe. Man braucht sich nur etwa an jene Stelle aus «<bibl corresp="kbga-bibls-2971">De canone missae</bibl>» über die geistliche Speisung [zu] erinnern, um zu wissen, daß dies nicht der Fall war. 
                Wenn diese Vereinigung mit Christus in der Abendmahlslehre  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> stärker hervortritt als bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, so kam dies nur davon, daß er - und das war sein Fortschritt über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hinaus - das Aufeinanderbezogensein der beiden parallelen Geraden: leibliche und geistliche Speisung deutlicher zu machen wußte und so auch den Communionsgedanken weniger abstrakt von dem Wiedergedächtnisgedanken trennte. Sieht man von jenem schon berührten Unterschied des «von oben» und «von unten» Betrachtens billigerweise ab, so wird man sagen müssen, daß der Gedanke der Communio mit Christus durchaus auch der freilich auf einer zweiten, höheren Ebene liegende Sinn der <pb ed="pga" xml:id="p290"/> zwinglischen Abendmahlslehre war, die von  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> nur umsichtiger, präziser und vollständiger entwickelt worden ist. |</p>
                <p> Schon bemerkenswerter sind gewisse <hi rend="italic">einzelne Formulierungen</hi> des lutherischen Gemeinschaftsgedankens. Daß der Glaube sich einen gnädigen Gott <hi rend="italic">macht</hi>, daß, wer Christi <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut hat, alle Gewalt hat, die <hi rend="italic">Gott selbst</hi> zu eigen ist, daß er Alles hat, was sein <ref type="term">Herz</ref> begehrt, und schon im <hi rend="italic">Paradiese</hi> sitzt, daß die hohe Majestät sich ihm <hi rend="italic">zu eigen</hi> gibt, das sind Hyperbeln, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und später  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> zur Not gewiß auch hätten gebrauchen können, die sie aber ebenso gewiß nicht zufällig tatsächlich nicht gebraucht haben, 
                ebensowenig wie den mehr kühnen als anmutigen und glaubwürdigen Gedanken, daß wir nicht nur mit Christus, sondern auch mit dem Nächsten ein Kuchen werden und daß dann erst noch ein gegenseitiges Sich-Essen stattfinden solle. Und daß gar der Mangel an <ref type="term">Liebe</ref>, wohlverstanden <hi rend="italic">der</hi> Liebe, von der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hier redet, zum Grund werden könnte, jemanden aus der <ref type="term">Gemeinde</ref> auszuschließen, das ist eine Möglichkeit, die auch dem scharfen  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> m.W. nie in den Sinn gekommen ist. Doch auch das alles könnte an sich als Geschmacks- und Taktdifferenz gedeutet werden. Zum Ausbruch des Abendmahlsstreites war auch dieser Anlaß nicht zureichend. |</p>
                <p> Gefährlich  wird die Sache an einem dritten Punkt. Er ist nicht in dem zu suchen, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">gesagt</hi>, sondern in dem, was er <hi rend="italic">nicht gesagt</hi>, in der merkwürdig kategorisch-selbstverständlichen Art, in der er <hi rend="italic">den Communionsgedanken</hi> <hi rend="italic">vollzogen hat.</hi> Ich stelle  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gegenüber, weil bei ihm reifer und besser und mit mehr Verständnis für <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Anliegen zum Vorschein kommt, worauf es <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> abgesehen hatte, als bei diesem selbst. Bei  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sind die 
                beiden Grundpfeiler des Communionsgedankens 1. das «Suchet, was droben ist!» <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.1">Kol. 3,1</ref>, das altchristliche <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Sursum corda!</foreign>»</hi><note xml:id="n169"> Dieser Ausdruck war ursprünglich die Aufforderung des Priesters in der <ref type="o">Messe</ref>, auf den die <ref type="o">Gemeinde</ref> antwortet: «<foreign xml:lang="lat">Habemus ad Dominum!</foreign>».</note>, 
                durch das der Mensch ausdrücklich aus der irdisch-fleischlichen Sphäre heraus und dorthin wenigstens seinen Blick zu erheben aufgerufen wird, wo jene <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit Christus und den Brüdern Wirklichkeit wird.<note xml:id="n170">  Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. II,16,13</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-16">III,6,3</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-16">III,16,2</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-16">IV,17,36</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3131"><hi rend="italic">La forme des prieres et chantz ecclesiastiques, avec la maniere d’administrer les sacramens et consacrer le mariage</hi> (1542), CO 6,200</bibl>.</note> 
                2. Die Anschauung <pb ed="pga" xml:id="p291"/> vom <hi rend="italic">heiligen Geist</hi>, durch den Gott unsere Gemeinschaft mit Fleisch und Blut des zu seiner Rechten erhöhten Christus und unsere <ref type="term">Gemeinschaft</ref> untereinander wirklich macht durch ein von uns immer neu zu erflehendes und von ihm immer neu zu gewährendes <ref type="term">Wunder</ref>.<note xml:id="n171"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,25,7</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-16">IV,17,7-11</bibl>.</note> 
                Darauf erst baut sich dann Alles, was  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> von der Einleibung des Gläubigen in Christus, über sein Sich-Einsenken in unsere <ref type="term">Herz</ref>en, ja über unser Einswerden mit ihm und - etwas zurückhaltender und nicht so ohne Weiteres auf derselben Linie: mit den Brüdern zu sagen hat. Beide Gedanken betonen, daß diese <ref type="term">Gemeinschaft</ref> die Überwindung einer <hi rend="italic">Distanz</hi>, eine Brücke über einen <hi rend="italic">Abgrund</hi> ist und bleibt. 
                Man pflückt <hi rend="italic">diese</hi> Frucht nicht nur so vom Baum, sondern im Augenblick, wo die Hand sich danach ausstreckt, ertönt ein Halt!, das freilich vielmehr ein Vorwärts! ist und doch ein Halt!, sofern es den Menschen eben laut und entschieden vom Sichtbaren ab- und in die Gemeinschaft der Anbetung und der Gnade ruft. Ich sage absichtlich: so steht es bei <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, der den Einwand gegen die lutherische Abendmahlslehre in so viel annehmbarerer, 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in höchstmöglicher Weise entgegenkommender Weise erhoben und für <hi rend="italic">dieses</hi> Anliegen bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und den Seinen doch kein, aber auch gar kein Gehör und Verständnis gefunden hat. Gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Anliegen, die Sorge um die Reinheit des Communionsgedankens, war aber auch das <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>. Auch er hat die wirkliche Speisung der Gläubigen mit dem wahren <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut Christi behauptet, aber Alles lag ihm daran, daß dieses «wirklich» als «geistlich» verstanden werde und nicht anders. In dem berüchtigten Spiritualismus des zwinglischen Communionsgedankens (der übrigens an entscheidendster Stelle auch das letzte Wort  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> gewesen ist, <bibl corresp="kbga-bibls-469">Calv. 5,460</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3131">6,200</bibl>)<note xml:id="n172"> <bibl corresp="kbga-bibls-469"> <persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <hi rend="italic">Petit traicté de la saincte cene de nostre seigneur Iesus Christ</hi> (1541), CO 5,460</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3131"><hi rend="italic">La forme des prieres et chantz ecclesiastiques, avec la maniere d’administrer les sacramens et consacrer le mariage</hi> (1542), CO 6,200</bibl>.</note> 
                liegt nichts Anderes als eben jene Überwindung der <hi rend="italic">Distanz</hi>, jene Brücke über den <hi rend="italic">Abgrund</hi>, jenes Vorwärts!, das zunächst Halt! bedeutet, die Erinnerung daran, daß die Gleichung Zusage = Gabe für uns zunächst immer eine Un-Gleichung bedeutet, der Vorbehalt der <hi rend="italic">Ab</hi>wesenheit Christi im irdisch-vergänglichen Element, der ihm und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gerade wegen der Wirklichkeit seiner <hi rend="italic">Gegenwart</hi> im <pb ed="pga" xml:id="p292"/> <ref type="term">Wunder</ref> Gottes unvermeidlich erschien. Man wird ja wenigstens bei  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> nicht annehmen wollen, daß die Einschaltung dieser Hemmung bloß dem Bedürfnis nach dialektischer Reflexion der direkten Aussage diente<note xml:id="n173"> Mskr.: «handelte»; Änderung vom Hrsg.</note>, obwohl dies zweifellos der logische
                Tatbestand ist. Dann sehe ich aber auch nicht ein, wieso es nicht das Naheliegendste sein soll, <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Gedanken von ihrer klareren und reiferen Form aus, die sie in  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> <ref type="term">Lehre</ref> gewonnen haben, zu verstehen, wie es die wahrhaftig pietätvollen Nachfolger <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> nach kurzem Bedenken getan haben. |</p>
                <p> Der kritische Punkt, von dem ich sprach, besteht darin, daß bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> jener Vorbehalt <hi rend="italic">fehlt.</hi> Ich habe in allen seinen angeführten Schriften den Gedanken des «<foreign xml:lang="lat">Sursum corda!</foreign>» nur in jener Stelle von der Übung des Glaubens an die unsichtbaren Dinge von 1519 erwähnt gefunden<note xml:id="n174"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,752,36-753,16</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p280#p280">S. 280</ref>.</note> (und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist nachher <hi rend="italic">nicht</hi> mehr darauf zurückgekommen) und den Gedanken des <ref type="term">Geist</ref>es<ref type="term">wunder</ref>s von oben, durch das die Realpräsenz wahr wird, überhaupt nicht. Daß auch die <hi rend="italic">Gabe</hi> Gottes in jedem Augenblick der <ref type="term">Zeit</ref>, 
                weil sie die <hi rend="italic">ewige</hi> Gabe ist, nur als <hi rend="italic"><ref type="term">Verheißung</ref></hi> verstanden werden kann, das kann man bei den Ausführungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> über das Abendmahl keinen Augenblick vergessen. Bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wird es auch nicht vergessen, aber mit trotziger Absichtlichkeit in den Hintergrund geschoben. Auch bei ihm bleibt die dialektische Reflexion auf die Länge nicht aus, aber immer tut er eine Weile so, als wüßte er von einem Besitz, der, nachdem wir ihn einmal empfangen, unbedingt <hi rend="italic">unser</hi> Besitz wäre, und immer <hi rend="italic">liegt</hi> es ihm daran, so zu tun, als ob <ref type="term">Zeit</ref> irgendwo und irgendwann schon <ref type="term">Ewigkeit</ref> wäre. |</p>
                <p>  Man könnte einwenden, daß dem von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> vertretenen <ref type="term">Wahrheit</ref>sanliegen durch den die lutherische Lehre beherrschenden Begriff des «Wortes» genug getan sei. Aber das ist’s gerade, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von der Dialektik gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Begriffs so hemmungslosen Gebrauch macht, daß zwischen Zusage und Gabe, zwischen Bedeutung und Werk im Sakrament bei ihm kein Aufhalten ist. Wo das Wort (selbstverständlich das im Glauben vernommene Wort) ist, da ist bei ihm nicht nur verkündigt, sondern schon gesetzt nicht nur Christi <pb ed="pga" xml:id="p293"/> 
                Gabe in ihrem ganzen Umfang, sondern Christus, ja Gott selbst. Vor <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Augen entsteht dann zwischen Himmel und Erde, verborgen, aber höchst real, aufs Wachsen angewiesen, aber doch fühlbar eine dritte, mittlere Sphäre von oben eingestifteter und von unten aufgenommener Gotteswirklichkeit in Menschenhand, deren Existenz ein besonderes Erinnern an das «<foreign xml:lang="lat">Sursum corda!</foreign>», eine besondere Erwähnung des heiligen Geistes fast wie Kleinlichkeit, wenn nicht gar Unglauben erscheinen lassen würde. In diesem religiös nicht genug zu bewundernden 
                Überfahren aller Halt!-Signale möchte ich das Charakteristische der lutherischen Gemeinschaftslehre sehen, das als Konfliktskeim vorhanden gewesen wäre, auch wenn es in seiner speziellen Abendmahlslehre nicht so provozierend hervorgetreten wäre. Das auf Wort und Glauben neu aufgerichtete Mittlertum einer heiligen Zwischensphäre zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> als Bedrohung der Alleinwürde Gottes bekämpfen zu müssen meinte, stand schon <hi rend="italic">hinter</hi> der Schulfrage, über die dann tatsächlich gestritten worden ist.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">12.I.23 </date> Ich hoffe, Sie durch das eben Ausgeführte wenigstens etwas erschüttert zu haben in der gewohnten Annahme, als ob es sich in der Schulfrage über das Verhältnis von Zeichen und Sache im Abendmahl, an der - eine Ironie der Geschichte, möchte man immer wieder sagen - die <ref type="term">Reformation</ref> auseinandergebrochen ist, um 
                 eine bloße Schulfrage, um eine scholastische Spitzfindigkeit oder dergl. gehandelt habe. Ich habe absichtlich das sozusagen <hi rend="italic">Technische der Abendmahlslehre</hi> bis zuletzt aufgespart und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zunächst einfach in seinem inhaltlichen Anliegen zu Worte kommen lassen, das man in den beiden Begriffen: Wort Gottes und Gemeinschaft zusammenfassen kann. Ich hoffe, daß Sie mit mir etwas davon bemerkt haben, daß dieses Anliegen ein <hi rend="italic">ernstes</hi> Anliegen und die in diesen Begriffen schlummernden Spannungen und Fragen <hi rend="italic">ernste</hi> Fragen waren. |</p>
                <p> Wenn wir uns nun dem Formalen zuwenden, an dem der Streit zum Ausbruch gekommen ist, so wollen wir es tun mit der Voraussetzung, daß auch dieses Formale unmöglich etwas Anderes sein kann als der Ausdruck des <ref type="term">Leben</ref>s und der Glut einer höchst realen Problematik. Leute wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> zanken sich nicht um Absurditäten, sondern solcher Streit muß ein Ringen um das Wesentliche, ein Ringen um Gott sein; das ist der Kanon, mit dem ich mir erlaube, <pb ed="pga" xml:id="p294"/> an die Geschichte heranzutreten, noch bevor ich sie kenne; ich meine ihn aber durch die Geschichte auf Schritt und Tritt bestätigt zu finden.</p>
                <p> Wir setzen noch einmal ein bei <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schriften von 1519. «Solch <ref type="term">Gemeinschaft</ref> zu <hi rend="italic">bedeuten</hi>, hat Gott auch solch <hi rend="italic">Zeichen</hi> dieses Sakraments eingesetzt, die sich allenthalben dahin fügen, und mit ihren Formen uns zu solcher Gemeinschaft reizen und bewegen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,36</bibl>).<note xml:id="n175"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,6-8.</bibl></note> Wir haben gestern Stellen aus derselben Schrift kennengelernt, aus denen wir gesehen haben, daß das Wort «Bedeutung» bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> schon damals eine Tendenz zur Synonymität mit «Werk» oder «Frucht» hatte. Aber diese Tendenz hat sich erst nach und nach in allen ihren Konsequenzen ausgewirkt. Zunächst heißt «bedeuten» auch bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wirklich und einfach «bedeuten», d. h. einen Gegenstand abbilden und dadurch auf ihn selber aufmerksam machen. In diesem Sinn «bedeuten» die Zeichen von Brot und Wein, die wir essen und trinken, unsere Gemeinschaft mit und in Christus. |</p>
                <p>
                        <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat dies 1519 in folgender Weise ausgeführt. Bedeutungsvoll sind zunächst die Elemente von Brot und Wein an sich, nämlich (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nimmt hier einen Gedanken auf, der schon im 2. Jahrhundert, in den Abendmahlsgebeten der Didache vorkommt)<note xml:id="n176"> <bibl corresp="kbga-bibls-3133">Didache 9,1-4, in: F. X. Funk/K. Bihlmeyer/M. Whittaker (Hrsg.), <hi rend="italic">Die Apostolischen Väter</hi>, neu übers. u. hrsg. v. A. Lindemann/H. Paulsen, Tübingen 1992, S. 12–15.</bibl></note>: «als aus vielen Kornlin zusammengestoßen das Brot gemacht wird und vieler Körner Leibe eines Brots Leib werden, darin ein jeglich Kornlein sein Leib und Gestalt vorleuret und den gemeinen 
                Leib des Brots an sich nimmt. Desselben gleichen auch die Weinkornlin mit Vorlust ihrer Gestalt werden eins gemein Weins und Tranks Leib» [<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,36</bibl>].<note xml:id="n177"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,9-13.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">17,55</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,329,16-18</bibl>.</note> Die Deutung liegt nahe. «Also sollen und (!) sein wir auch, so wir dies Sakrament recht brauchen. Christus mit allen Heiligen durch seine <ref type="term">Liebe</ref> nimpt unser Gestalt an …, davon wir in Lieb entzundet nehmen sein Gestalt … und sein also durch <ref type="term">Gemeinschaft</ref> seiner Güter und unseres Unglücks Ein Kuchen, Ein Brod, Ein Leib, Ein Trank und ist Alles gemein» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,36</bibl>).<note xml:id="n178"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,13-18.</bibl></note> |</p> 
                <p>
                        <pb ed="pga" xml:id="p295" rend="noPipe"/> Das zweite Bedeutungsvolle ist das <hi rend="italic">Essen</hi> und <hi rend="italic">Trinken.</hi> «Dann kein inniger, tiefer, unzerteiliger Vereinigung ist über die Vereinigung der Speis mit dem, der gespeiset wird. Sintemal die Speis geht und wird verwandelt in die <ref type="term">Natur</ref> und wird ein <ref type="term">Wesen</ref> mit dem Gespeisten. Ander Vereinigung, als durch Nägel, Leim, Band und dergl. machen nit ein <ref type="term">Wesen</ref> unzerteilig aus den vereinten Dingen. Also auch wir mit Christo in dem Sakrament vereiniget werden und mit allen Heiligen eingeleibet» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,37</bibl>).<note xml:id="n179"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,748,29-35.</bibl></note> |</p>
                <p> Aber nun kennt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> - und hier stehen wir vor der Quelle aller Schwierigkeiten seiner Anschauung - noch ein drittes Bedeutungsvolles. «Über das Alles hat er dieser zwo Gestalt nit <hi rend="italic">bloß</hi> noch <hi rend="italic">ledig</hi> eingesetzt, sondern <hi rend="italic">sein wahrhaftig natürlich <ref type="term">Fleisch</ref></hi> in dem Brot und <hi rend="italic">sein natürlich wahrhaftig Blut</hi> in dem Wein geben, daß er je ein vollkommen Sakrament oder Zeichen gebe. Dann zugleich als das Brot in seinen wahrhaftigen natürlichen Leichnam und der Wein in sein natürlich wahrhaftig Blut <hi rend="italic">verwandelt</hi> wird: also wahrhaftig werden auch wir in den geistlichen Leib, das ist in die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> Christi und aller Heiligen gezogen und 
                verwandelt und durch dies Sakrament in alle Tugenden und Gnad seiner Heiligen gesetzt» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,38</bibl>).<note xml:id="n180"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,749,7-15.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Er <hi rend="italic">setzt her sein Leib</hi> <hi rend="italic">und Blut</hi> für uns, wider welches <ref type="o">Tod</ref>, <ref type="o">Sünde</ref>, Teufel noch Hölle möchte vermögen, und das soll für uns stehen (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,40</bibl>). Er hat seine Worte bestätigt in dem, daß er darauf gestorben ist, und uns zu einem <hi rend="italic">Zeichen</hi> und <hi rend="italic">Bestätigung</hi> seiner Worte hat er uns <hi rend="italic">seinen Leib und Blut</hi> gegeben (<bibl corresp="kbga-bibls-496">22,40f.</bibl>).»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3126">WA 10/III,69,3-5.25–27.</bibl></note> 
                Beachten Sie wohl, daß in diesem Satz der Parallelismus von Gleichnis und Deutung ganz gleich gehandhabt wird wie vorher, wo er vom Bedeutungsvollen der Elemente und der Speisung redete, aber als das Bedeutungsvolle, das nachher erklärt wird, tritt hier einfach die Wandlung der Elemente in Leib und Blut Christi auf, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als gegebene, zu erklärende <ref type="term">Wahrheit</ref> ebenso unbesorgt voraussetzt wie das Vorhandensein von Brot und Wein und wie die Tatsache, daß sie beim Abendmahl gegessen und getrunken werden.<note xml:id="n181"> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand: «sich selbst zu dem ... Gedenkzeichen <bibl corresp="kbga-bibls-496">17,61</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2046">WA 1,333,9-12</bibl>; «(Sermo von guten Werken) <bibl corresp="kbga-bibls-496">20,230f.</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2061"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sermon von den guten Werken</hi> (1520), WA 6,230,10-25</bibl>.</note> 
                Ebenso sagt er in dem <pb ed="pga" xml:id="p296"/> anderen Sermon von 1519: «Wir halten, daß unter dem Brot und Wein sei der wahre Leib und das Blut Christi, als es auch <hi rend="italic">ist.</hi> Da <hi rend="italic">sehen</hi> wir anders und <hi rend="italic">glauben</hi> anders, darinne der <hi rend="italic"><ref type="term">Glaube</ref></hi> vorgebildet ist. Denn wenn wir das Wort hören und das Sakrament nehmen, so haben wir ein schlecht Wort und Werk; noch ergreifen wir darinnen das Leben und alles Gut, dazu auch Gott selbst» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,171</bibl>).<note xml:id="n182"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,503,10-15.</bibl></note> |</p>
                <p> Was heißt das alles, wenn man nicht eine logische Konfusion sondergleichen annehmen will, als daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den strengen Begriff des «Bedeutungsvollen» auf der Spitze seines Nachweises ganz bewußt fahren läßt und an seine Stelle, d. h. an die Stelle des Zeichens die Sache selbst setzt? Wenn das Abbild selber schon der Leib und das Blut Christi verborgen in Brot und Wein ist, dann hört es auf, ein Abbild zu sein, dann kann auch von «Bedeutung» nicht mehr die Rede sein, dann <hi rend="italic">ist</hi> es eben, was es bedeutet, die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit Christus und allen Heiligen oder, wie der andere Sermon sagt, der Glaube an das Wort. Das Gesuchte ist schon gefunden, das Gleichnis ist zur Gleichung geworden. Aus dem Reizen und Bewegen zu jenen Dingen hin ist ihre Wirklichkeit, ihr Besitz geworden<note xml:id="n183"> Mskr.: «getreten»; Änderung vom Hrsg.</note>. Und das alles <hi rend="italic">will</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, daran kann gar kein Zweifel sein. |</p>
                <p> Die Tatsache, daß er sich bei diesem dialektischen Griff damals noch der römisch-katholischen <ref type="term">Lehre</ref> von der Wandlung (Transsubstantiation)<note xml:id="n184"> Das Concilium Lateranense IV (1215) erhob die Transsubstantiationslehre zum Dogma; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 802</bibl>.</note> 
                der Substanz der Elemente in die Substanz des Leibes und Blutes Christi bedient hat, ist ein ganz nebensächlicher Begleitumstand. Ein anderes positives Interesse an dieser <ref type="term">Lehre</ref> als das, daß sie irgendwie die Gegenwart Christi in den Elementen aussagte, hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> schon damals nicht genommen. Er warnt vor der «Kunst und <hi rend="italic">Subtiligkeit»</hi>, die da fragt, wo das Brot bleibt, wenn es in Christi <ref type="term">Fleisch</ref> verwandelt wird und der Wein in sein Blut. «Es ist gnug, daß du wissest, es sei ein göttlich Zeichen, da Christi Fleisch und Blut wahrhaftig innen ist; wie und wo, laß ihm befohlen sein» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,38f.</bibl>).<note xml:id="n185"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,749,36f.750,1-3.</bibl></note> 
                Und in der Parallelstelle noch schärfer: «Laß das Narrenwerk fahren, <pb ed="pga" xml:id="p297"/> damit die hohen Schulen umgehen und sich bekümmern, wie der Leib Christi da sei und sich verberge unter einer solchen kleinen Gestalt; solch <ref type="term">Wunder</ref>werk setze aus den Augen und hang an dem Wort und trachte danach, daß du Nutz und Frucht von dem Sakrament habest, nämlich dieses, daß dir deine <ref type="term">Sünde</ref>n vergeben werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,165</bibl>).<note xml:id="n186"> <bibl corresp="kbga-bibls-3127">WA 15,494,34-495,13.</bibl></note> 
                Er warnt überhaupt davor, die Aufmerksamkeit allzusehr auf die <hi rend="italic">Zeichen</hi> zu richten, obwohl ihm doch diese Zeichen nicht mehr und nicht weniger als der Leib Christi sind: «So doch Christus … seinen eigen natürlichen Körper geringer achtet dann seinen geistlichen Körper, das ist die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> der Heiligen … Drumb schau auf! Es ist dir mehr not, daß du des <hi rend="italic">geistlichen</hi>, denn des natürlichen Körpers Christi acht habest und nöther der Glaub des geistlichen, denn des natürlichen Körpers» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,40</bibl>).<note xml:id="n187"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,751,4-15.</bibl></note> |</p>
                <p> In diesem Zusammenhang dann die erwähnte Stelle von der Übung des Glaubens an die unsichtbaren Dinge<note xml:id="n188"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,752,36-753,16</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p280#p280">S. 280</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p292#p292">292</ref>.</note> mit dem mächtigen Schluß: «Also ist uns das Sakrament ein Furt, ein Bruck, ein Tür, ein Schiff und Tragbar, in welcher und durch welche wir von dieser <ref type="term">Welt</ref> fahren ins ewige Leben. Darum liegt es gar am Glauben. Denn wer nit glaubt, der ist gleich dem Menschen, der übers Wasser fahren soll und so verzagt ist, daß er nit traut dem Schiff, und muß also bleiben und nimmermehr selig werden, dieweil er nit aufsitzt und überfahren will. Das macht die Sinnlikeit und der ungeübte Glaub, dem die Fahrt sauer wird über des <ref type="term">Tod</ref>s Jordan und der Teufel auch grausamlich dazu hilft» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,43f.</bibl>).<note xml:id="n189"> <bibl corresp="kbga-bibls-2068">WA 2,753,17-24.</bibl></note> |</p>
                <p>  Man  darf die Bedeutung der zahlreichen spiritualistisch-mystisch klingenden Stellen in diesen Schriften von 1519 nicht zu hoch einschätzen, aber noch weniger das katholisch-kirchliche Gewand, in dem er damals seine Auffassung von den Zeichen vorgetragen hatte. Was er suchte, war offenbar ein Drittes zwischen einer das Zeichen verflüchtigenden Geistigkeit und einem es verdinglichenden religiösen Materialismus. Er will mit den Spiritualisten, hinter denen ja letztlich  <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> stand, festhalten an der <hi rend="italic">Geistigkeit</hi> und Unsinnlichkeit der Ge<pb ed="pga" xml:id="p298" break="no"/>genwart 
                der Sache im Zeichen; er will aber auch mit der mittelalterlichen Kirche festhalten an der <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> dieser Gegenwart der Sache im Zeichen. Seine Anschauung vom Wort hindert ihn, seine Anschauung von der <ref type="term">Gemeinschaft</ref> bis in die Konsequenzen zu verfolgen, auf die sie eigentlich tendierte, und umgekehrt seine Anschauung von der <ref type="term">Gemeinschaft</ref> an der konsequenten Durchführung seiner Anschauung vom Wort. Sein Wille hält eben wie mit eisernen Klammern beides zusammen, und so versucht er ein Neues, Drittes zu sagen, nämlich Zeichen und Sache nicht nebeneinander zu stellen, aber doch nicht zu vereinerleien, sondern <hi rend="italic">in</hi>einander zu stellen, so daß sie als zwei eins und als eins zwei sind, die beiden parallelen Geraden gerade und parallel sein und sie doch im Endlichen sich schneiden zu lassen. |</p>
                <p> Das ist der Sinn der Wendung, den seine Gedanken nach seiner eigenen Aussage im selben Jahr 1519 genommen haben. Es wäre allzu billig, über die Unmöglichkeit dieses Unternehmens die Achseln zu zucken. Halten wir uns alles das vor Augen, was wir besonders gestern über die sachlichen Intentionen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gehört haben, so werden wir nicht nur die religiöse und dialektische Courage bewundern müssen, mit der er sich an diese Quadratur des Zirkels machte, sondern wir werden ernstlich anerkennen müssen, daß es sich dabei um das wahrhaftig dringliche 
                Unternehmen handelte, «Christus» zu sagen, die Menschwerdung Gottes, das Endlichwerden des Unendlichen, «Hie ist Immanuel!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.7.14">Jes. 7,14</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.23">Mt. 1,23</ref>]. Nur daß man sich freilich ebensowenig wundern darf, wenn, kaum daß das gesagt war, die Gegenthese auf dem Plan erscheinen mußte: Er ist <hi rend="italic">nicht</hi> hier, er ist <hi rend="italic">auferstanden</hi><hi rend="italic">!</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.6">Mk. 16,6</ref>], dieses Zweite, ohne das das Erste und scheinbar Letzte <hi rend="italic">auf Erden</hi> nun einmal eine halbe und 
                darum gar keine <ref type="term">Wahrheit</ref> wäre. Es war klar, daß es bei jenem bloßen Behaupten des Innenseins des wahren <ref type="term">Fleisch</ref>es und Blutes Christi in den Elementen, umgeben von all den teils spiritualisierenden, teils materialisierenden Sätzen, in deren Mitte es 1519 auftrat, sein Bewenden nicht haben konnte. In «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate babylonica</bibl>» 1520 schreibt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: «Zur Zeit, da ich die <ref type="term">Predigt</ref> ‹<bibl corresp="kbga-bibls-2046">De eucharistia</bibl>› herausgab, ging ich noch in den Bahnen der allgemeinen Gewohnheit und kümmerte mich nicht darum, ob der <ref type="term">Papst</ref> Recht oder Unrecht habe» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,22</bibl>).<note xml:id="n190"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,502,3f.</bibl></note> 
                Das <pb ed="pga" xml:id="p299"/> bezieht sich aber, wie aus dem Folgenden hervorgeht, eher auf die Lehre von der Wandlung, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wie ein zu eng gewordenes Kleid auf die Seite legt, indem er es für eine Sache der christlichen <ref type="term">Freiheit</ref> erklärt, ob man sich die Gegenwart Christi im Zeichen nach Maßgabe dieser Lehre so vorstellen wolle, daß von den Elementen nur die Akzidentien als täuschender Schein übrig bleiben, ihre Substanz aber verschlungen wird von der Substanz des Leibes und Blutes Christi, oder ob man - und dafür entscheidet sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in ausdrücklichem Anschluß an <persName ref="kbga-actors-3962">Peter von Ailly</persName> (gest. 1420) - Brot substantiell Brot und Wein substantiell Wein nennen und annehmen wolle, daß das «<foreign xml:lang="lat">corpus Christi intra substantiam panis</foreign>» enthalten sei (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,29-35</bibl>).<note xml:id="n191"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,508,1-512,6.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,402</bibl>; am 3. Irrtum ist nicht groß gelegen»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,441,18-20</bibl>. Gemeint ist bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Ansicht, daß nur die Gestalt des Brotes im Sakrament bleibt.</note>
                Scharf gegen die Transsubstantiationslehre wurde <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> erst, als ihm König Heinz «einen nötigen Artikel und <ref type="term">Gesetz</ref> draus machen wollte, als müsse man glauben, daß nimmer Brot da sei» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,366</bibl>).<note xml:id="n192"> <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,245,19-21.</bibl></note> Er hatte eben, im Unterschied zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, an ihrer Bekämpfung ebensowenig ein positives Interesse wie an ihrer Aufrechterhaltung: Er stellt seine vermeintlich bessere Theorie an ihre Stelle, und der Fortschritt, den er in dieser Richtung über 1519 hinaus gemacht hat, besteht im Grunde in der Feststellung, daß die «<foreign xml:lang="lat">corporalis inhabitatio divinitatis</foreign>», an der ihm gelegen ist (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,34</bibl>)<note xml:id="n193"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,511,35.</bibl></note>, nicht durchaus an die Vorstellung vom Verschwinden der Brotsubstanz mit ihren überflüssigen <ref type="term">Wunder</ref>n (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,22</bibl>)<note xml:id="n194"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,508,9f.</bibl></note> gebunden sein müsse. |</p>
                <p> Aber er hat noch nach einer <hi rend="italic">anderen Seite</hi> einen Fortschritt gemacht oder, wenn man will, ein bewußtes Stehenbleiben beschlossen. In seinem Brief «<bibl corresp="kbga-bibls-2077">An die Christen zu <ref type="term">Straßburg</ref></bibl>» vom 15. Dezember 1524 erzählt er nämlich<note xml:id="n195"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Polemik nach links: <bibl corresp="kbga-bibls-496">8,96f.</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2050">WA 17/II,134,10-18</bibl>.</note>:  
               «Das bekenne ich, wo D. <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadt</persName> oder jemand anders vor fünf Jahren mich hätte mögen berichten, daß im <ref type="term">Sakrament</ref> nichts denn Brot und Wein wäre, der hätte mir einen großen Dienst tan. Ich hab wohl so harte Anfechtungen da erlitten und <pb ed="pga" xml:id="p300"/> mich gerungen und gewunden, daß ich gern heraus gewesen wäre, weil ich wohl sahe, daß ich damit dem Papsttum hätte den größten Puff können geben. … Aber …» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,274</bibl>).<note xml:id="n196"> WA <bibl corresp="kbga-bibls-2077">15,394,12-19 (Nr. 805)</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «cf. <bibl corresp="kbga-bibls-496">29,244.341</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,166,29-167,19</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,496,25-497,19</bibl>.</note> 
                Ob die Versuchung nach dieser Seite so schwer war, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Erinnerungsbild sie nachträglich zeichnete, möchte ich in Frage stellen.<note xml:id="n197"> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand: «<foreign xml:lang="lat">Propria opinione non haesi in illo errore licet fortiter fuerim tentatus</foreign>(<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 5,104</bibl>) (13.I.25)»; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-4166">Georg Spalatin</persName> (13.1.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,422,19 (Nr. 817)</bibl>; «<bibl corresp="kbga-bibls-1949">End. 5,265</bibl>»; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-9512">Gregor Casel</persName> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,604,37-605,39</bibl>; «Thimme S. 885»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1935"><persName ref="kbga-actors-4178">Karl Thimme</persName>, <hi rend="italic">Entwicklung und Bedeutung der Sakramentslehre Luthers</hi>, in: Neue Kirchliche Zeitschrift, Jg. 12 (1901), S. 749–774.876–903</bibl>.</note> |</p>
                <p> Auf Grund meiner Eindrücke von dieser ganzen Literatur würde ich den Satz wagen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> keinen Augenblick in Gefahr stand, in der Abendmahlssache auf einen anderen Weg zu geraten als den, den er tatsächlich gegangen ist. Auch diese Veränderung war weniger ein Kampf als ein selbstverständliches Abstreifen der ihm allerdings lieben spiritualistisch-mystischen Denkgewohnheit seiner theologischen Jugend, die durch seine seit 1516 gewonnenen Einsichten auch in anderen Punkten ohnehin veraltet war. Wie die Wandlungslehre rechts, so ließ er fortan das gelegentliche scharfe Kontrastieren von Zeichen und Sache links liegen und ging, wie es seiner Konzeption von Wort und Gemeinschaft entsprach, seinen Weg mitten hindurch, jenem unheimlich notwendigen und 
                unmöglichen Unternehmen der Quadratur des Zirkels entgegen, als das sich seine Abendmahlslehre in ihrer fertigen Form vor Ausbruch des Streites darstellt. Als Symptome der Abwendung von der Möglichkeit zur Linken sei erwähnt, daß 1520 die Ansicht, daß <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> vom Abendmahl handle<note xml:id="n198"> Im Mskr. sind die hier folgenden Worte «bekanntlich das Bollwerk <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>» nachträglich gestrichen. Der Satz ist bis «<placeName ref="kbga-places-826">Böhmerland</placeName>» mit einer Schlangenlinie am Rand markiert, dazu die Bleistiftnotiz: «längst!».</note>, abgelehnt wird (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,73</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,22</bibl>)<note xml:id="n199"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054">WA 6,80,11-15</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,502,7-28</bibl>.</note> und daß in derselben Schrift die «Pigharden» in «<placeName ref="kbga-places-826">Böhmerland</placeName>», die «nit glauben, daß Christus Fleisch und Blut wahrhaftig da sei», ausdrücklich als Ketzer erklärt werden. «Gott erbarm sich über sie!» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,74</bibl>)<note xml:id="n200"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054">WA 6,80,27-29.</bibl></note></p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p301" rend="noPipe"/> Versuchen  wir es nun noch, uns, so gut oder schlecht das möglich ist, ein positives Bild von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Anschauung des Verhältnisses von Sache und Zeichen zu machen. Man wird dabei ausgehen müssen von dem «<bibl corresp="kbga-bibls-1956">Sermon vom Neuen Testament</bibl>» von 1520<note xml:id="n201"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,353-378.</bibl></note> und den Parallelstellen zu seinen Aussagen, weil hier der Zusammenhang der speziellen Abendmahlslehre mit der übergeordneten <ref type="term">Lehre</ref> vom Wort am deutlichsten ist. Christus, heißt es da, eine «ewige göttliche Person», stirbt und übergibt uns damit das neue, ewige, unvergängliche Testament, sein Inhalt die Vergebung der Sünde. Das ist seine Zusage und Gelübde an uns. «Und daß du gewiß seiest und wissest, daß solch Gelübde dir unwiderruflich bleib: so will ich darauf 
                sterben und mein Leib und Blut dafür geben und beides dir zum Zeichen und Siegel hinter mir lassen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,147</bibl>).<note xml:id="n202"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA  6,358,5-23.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Dies schon 1520 (gegen  <bibl corresp="kbga-bibls-2900"><persName ref="kbga-actors-380">Seeberg</persName> S. 326</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2900"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O. (oben <ref type="pub" target="../volume/40/p030#fn_n70">S. 30, Anm. 70</ref>), Bd. IV/1, S. 326</bibl>: «Hiernach ist also der Leib Christi gegenwärtig zur Versicherung der Gültigkeit der Einsetzungsworte. Es war demgegenüber ein Fortschritt, wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Gegenwart des Leibes bald darauf damit begründete, daß durch ihn die <ref type="o">Vergebung</ref> erworben und ermöglicht sei.»</note> 
                Wir armen Menschen leben ja in den fünf Sinnen und bedürfen eines äußerlichen Zeichens: dieses kräftige, alleredelste Siegel und Zeichen hat er aber an sein Wort gehängt, «das ist sein eigen wahrhaftig <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut unter dem Brot und Wein». Das macht das Zeichen zum Sakrament, «daß es äußerlich sei und doch geistlich Ding hab und (!) bedeut, damit wir durch das äußerliche in das geistliche gezogen werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,148</bibl>).<note xml:id="n203"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,359,6-11</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «cf. Ergänzung auf S. 68 D»; bezieht sich auf die oben <ref type="pub" target="../volume/40/p295#fn_n180">S. 295, Anm. 180</ref>, wiedergegebene Bleistiftnotiz.</note> In «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate babylonica</bibl>» heißt es: «Er fügte der <ref type="term">Verheißung</ref> hinzu ein Erinnerungszeichen, seinen eigenen Leib und sein eigenes Blut in Brot und Wein» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,43</bibl>).<note xml:id="n204"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,518,10-12.</bibl></note> 
                Am deutlichsten aber wird, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> meint, in dem lateinischen Text «<bibl corresp="kbga-bibls-2045">Vom Mißbrauch der <ref type="term">Messe</ref></bibl>»: «Damit diese <ref type="term">Verheißung</ref> uns die gewisseste von allen sei und damit er unseren Glauben ganz sicher mache, fügte er ein Pfand und Siegel, getreuer und kostbarer als alle anderen, hinzu: nämlich den Kaufpreis selbst der <ref type="term">Verheißung</ref>, seinen eigenen Leib und sein eigenes Blut unter Brot und Wein, (also das,) womit er es <pb ed="pga" xml:id="p302"/> uns erworben hat, daß wir mit den verheißenen Schätzen beschenkt werden können, was auch dazu dient, daß wir sie empfangen, <foreign xml:lang="lat">quod et impendit, ut promissionem acciperemus</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">VI,159</bibl>).<note xml:id="n205"> <bibl corresp="kbga-bibls-2047">WA 8,440,35-40 (lat.)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,516,33-38 (dt.)</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,392</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,433,9-33</bibl>.</note> |</p>
                <p> Die letzten Sätze sind natürlich entscheidend: aus dem Zugesagtbekommen soll und muß doch ein Empfangen werden, dann kann aber das Zeichen nicht bloß Zeichen, sondern <hi rend="italic">im</hi> Zeichen muß dann irgendwie die Sache <hi rend="italic">selbst</hi> sein. «<foreign xml:lang="lat">Tutissima</foreign>» kann die «<foreign xml:lang="lat">fides</foreign>» offenbar nur sein, wenn die verheißene Schenkung stattfindet; dazu bedarf es aber der Anwesenheit des Schenkers. So kommt Christus ins Zeichen. Von hier aus versteht man dann auch so extreme Sätze wie den aus «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate babylonica</bibl>»: «<foreign xml:lang="lat">Credo firmiter, non modo corpus Christi esse in pane, sed panem <hi rend="italic">esse</hi> corpus Christi</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,34</bibl>)<note xml:id="n206"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,511,20f.</bibl></note>, 
                oder den aus «<bibl corresp="kbga-bibls-2045">Vom Mißbrauch der <ref type="term">Messe</ref></bibl>»: «Er nimmt Brot und Wein, und mit dem Wort, welches er redt, <hi rend="italic">macht</hi> er daraus seinen Leib und Blut und gibt es seinen Jüngern zu essen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,67</bibl>).<note xml:id="n207"> <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,509,37-39 (dt.).</bibl></note> Die Vorstellung, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich von diesem Leib- und Blutsein des Brotes und Weines gemacht oder vielmehr nicht gemacht hat, ist am besten ausgedrückt in dem verblüffend einfachen Satz aus der Schrift gegen den <persName ref="kbga-actors-6296">König von England</persName>: «Es kann wohl der Leib da sein, daß dennoch Brot bleibe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,367</bibl>).<note xml:id="n208"> <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,246,22.</bibl></note> 
                Die Substanzen von Feuer und Eisen, sagt er dazu in «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate</bibl>», sind in glühendem Eisen so vermengt, daß jede einzelne Partikel Feuer <hi rend="italic">und</hi> Eisen ist. Warum sollte nicht noch viel eher der verklärte Leib Christi in jeder Partikel seiner Substanz Brot sein können? (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,32</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">28,368</bibl>).<note xml:id="n209"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,510,5-8</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,247,12-14</bibl>.</note> Also wahres Brot und wahrer Wein auf der einen Seite, keine Verwandlung, kein Verschwinden der Substanz der Elemente, aber auch wahrer Leib und wahres Blut auf der anderen Seite, keine bloß geistige Gegenwart Christi oder dergl. (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,30</bibl>).<note xml:id="n210"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,509,15-21.</bibl></note> |</p>
                <p> Man beachte, daß auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dem gewaltsam erledigten Parallelismus der beiden Seiten der <ref type="term">Wahrheit</ref> schließlich doch nicht entgehen kann. Das zeigt sich besonders deutlich bei seiner Beantwortung der <pb ed="pga" xml:id="p303"/> Frage, was denn nun der Kommunikant eigentlich empfängt und wie er es zu sich nimmt. Wir sollen begreifen «das Äußerliche mit den Augen des Leibes, das Geistliche, Innerliche mit den Augen des <ref type="term">Herz</ref>ens» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,148</bibl>).<note xml:id="n211"> <bibl corresp="kbga-bibls-1956">WA 6,359,11f.</bibl></note> «Äußerlich esse ich das <hi rend="italic"><ref type="term">Sakrament</ref></hi>, innerlich aber und geistlich nehme ich alle Güter Christi an ihm selbst, <hi rend="italic">gleich als wenn</hi> (!) ich leiblich Brod esse, das mich stärket inwendig im Leibe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">11,188</bibl>).<note xml:id="n212"> <bibl corresp="kbga-bibls-1958">WA 12,489,2-5.</bibl></note>  
               «Wir empfahen durch den Glauben geistlich und mit dem Mund leiblich» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,374</bibl>).<note xml:id="n213"> <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,251,31.</bibl> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Das Wasser trifft den Leib und reiniget doch die Seel, nit der Werke halber oder Begießens, sondern des Glaubens halber (<bibl corresp="kbga-bibls-496">24,65</bibl>)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2057">WA 7,325,33f.</bibl></note> Es ist das unvermeidliche Auseinanderbrechen des Unvereinbaren, was sich in diesen gequälten Formeln ankündigt, und dabei haben wir es hier noch mit der älteren, einfacheren Form der lutherischen Lehre zu tun. |</p>
                <p> Es ist keine neue Theorie, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hier gebildet hat. Das Gleichnis von Feuer und Kohle kommt schon bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2894">Johannes Damascenus</persName></hi> im 8. Jahrhundert vor<note xml:id="n214"> <bibl corresp="kbga-bibls-2076"><persName ref="kbga-actors-2894">Johannes Damascenus</persName>, <hi rend="italic">De fide orthodoxa</hi> IV,13, MPG 94,1150</bibl>, findet sich das Bild von Kohle und Feuer: «Eine glühende Kohle sah Isaias [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.6 Jes.6.7">Jes. 6,6f.</ref>]. Kohle ist nicht einfaches, sondern mit Feuer vereintes Holz. So ist auch das Brot der <ref type="o">Gemeinschaft</ref> nicht einfaches, sondern mit der Gottheit vereintes Brot.» (<bibl corresp="kbga-bibls-3135"><hi rend="italic">Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens</hi>, übers. von D. Stiefenhofer [Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 44], München/Kempten 1923, S. 213</bibl>).</note>, 
                das Einswerden von Zeichen und Sache bei trotzdem andauerndem Parallelismus im 9. Jahrhundert bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2886">Hrabanus Maurus</persName></hi><note xml:id="n215"> Vgl.  <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O. (oben S. 22, Anm. 49), S. 473–475</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O. (oben S. 30, Anm. 70), Bd. III, S. 72–74</bibl>.</note>, eine ideale Wandlung unter stärkster Betonung des Glaubens an die unsichtbare <ref type="term">Wahrheit</ref> zur selben Zeit bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4132">Ratramnus</persName></hi><note xml:id="n216"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-1712"> <persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 473–475</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 74f</bibl>.</note>, die für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> so charakteristische Ablehnung einer näheren Definition des Nebeneinander beider Substanzen bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2474">Petrus Lombardus</persName></hi> im 12. Jahrhundert<note xml:id="n217"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 576.578f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 188–193.204–206</bibl>.</note>,  
               «<foreign xml:lang="lat">contentum sub hoc est</foreign>» lehrte im 14. Jahrhundert <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4014">Durandus von St. Pourcain</persName></hi><note xml:id="n218"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 664</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3136">S. M. Deutsch, Art. «Durandus von Sto. Porciano», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 5,103,8f.</bibl></note>, und im Gegensatz zu der offiziellen <pb ed="pga" xml:id="p304"/> Lehre der römischen Kirche behauptete die Erhaltung der Brotsubstanz und eine räumliche Koexistenz im 12. Jahrhundert <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4143">Rupert von Deutz</persName></hi><note xml:id="n219"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 203</bibl>.</note>, 
                im 14. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4876">Wilhelm von Okkam</persName></hi> und im 15. Jahrhundert <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3962">Peter d’Ailli</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3976">Gabriel Biel</persName></hi>.<note xml:id="n220"> Vgl. zu den drei letztgenannten <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 617f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 464–475.663–665</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2900">Bd. IV/1, S. 325</bibl>.</note> Berühmt und eigentlich historisch wirksam ist diese Seitenlinie der offiziell-kirchlichen Denkweise, die sogenannte Con-Substantiationslehre, erst durch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> geworden. Auf diesen Zusammenhang gesehen hat man das Recht, seine Abendmahlslehre mittelalterlich zu nennen, nur darf man dann nicht übersehen, daß sich für die <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> eine ganz ähnliche Ahnenreihe aufstellen läßt, die über <persName ref="kbga-actors-4194">Wessel</persName><note xml:id="n221"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 655–658</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 641f</bibl>.</note>, 
                <persName ref="kbga-actors-9804">Hieronymus von Prag</persName><note xml:id="n222"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3137">J.  Loserth, Art. «Huß, Hieronymus von Prag, die Hussiten», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 8,484-486</bibl>.</note>, <persName ref="kbga-actors-5382">Wiclif</persName><note xml:id="n223"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 637–654</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 666f.</bibl></note>, <persName ref="kbga-actors-4248">Hugo von St. Victor</persName><note xml:id="n224"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 568–573</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 204–206.272f</bibl>.</note> auf <persName ref="kbga-actors-2698">Berengar von Tours</persName><note xml:id="n225"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs,</persName> a.a.O., S. 500–503.651</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1943"><persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O., Bd. III, S. 196–203</bibl>.</note> 
                zurückführt. Die dahinterstehende Intention aber ist weder bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> noch bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mittelalterlich, sondern reformatorisch. Das ganze Problem von Zeichen und Sache ist schließlich selber nur Symbol für den großen Gegensatz von Wort und Gabe, <ref type="term">Verheißung</ref> und Erfüllung, Erscheinung und Idee, sichtbarer und unsichtbarer <ref type="term">Wahrheit</ref>, Mensch und
                Gott, <ref type="term">Zeit</ref> und <ref type="term">Ewigkeit</ref>. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wollte sagen, daß durch die <ref type="term">Offenbarung</ref> und im Glauben <ref type="term">Zeit</ref> und <ref type="term">Ewigkeit</ref> eins werden, und zwar so, daß die <ref type="term">Ewigkeit</ref> <ref type="term">Zeit</ref> wird. Ich sagte schon: ihm ging es um die Realität der Menschwerdung Gottes, um Christus, mit einer Energie, wie vielleicht in vielen Jahrhunderten vor ihm und nach ihm keinem anderen. Davon zeugt das, was wir gestern gehört haben. Darum wollte und konnte er sich nicht aufhalten lassen. Ich wiederhole, von ihm aus gesehen konnte das, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gegen ihn einwandten, um von Geistern wie <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> zu schweigen, nur wie Kleinlichkeit oder Unglaube aussehen. 
                Das vorher erwähnte <pb ed="pga" xml:id="p305"/> Aber …» in jenem <bibl corresp="kbga-bibls-2077">Brief an die <ref type="term">Straßburg</ref>er</bibl> von 1524, das begründen soll, warum er sich mit einer irgendwie geistlichen Deutung der Einsetzungsworte nicht zufriedengeben konnte, lautete: «Aber ich bin gefangen, kann nit heraus; der Text ist zu gewaltig da und will sich mit Worten nit lassen aus dem Sinn reißen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,274</bibl>).<note xml:id="n226"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,394,19f. (Nr. 805)</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand:« <bibl corresp="kbga-bibls-496">End. 5,387</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">29,221</bibl>»; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-9513">Johann Herwagen</persName> (13.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,472,30-473,4</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,147,23-35</bibl>.</note> 
                Und so hat er schon in «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate</bibl>« geschrieben: «Wenn ichs auch nicht fassen kann, wie das Brot der Leib Christi sein kann, so nehme ich dennoch meine Vernunft gefangen in den Gehorsam Christi, und indem ich mich an seine Worte hefte, glaube ich fest» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,34</bibl>).<note xml:id="n227"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,511,18-20.</bibl></note> «<foreign xml:lang="lat">Credo firmiter.</foreign>» Damals schon hat er sich auf den Kanon berufen, man dürfe die Schrift nicht anders als nach der« <foreign xml:lang="lat">simplicissima significatio</foreign>» auslegen: wenn nicht außerordentliche Umstände dazu nötigten, dürfe man einen anderen Sinn als den grammatischen nicht gelten lassen, um den Gegnern nicht Anlaß zu geben, mit der ganzen Bibel ihr Spiel zu treiben (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,31</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">28,369</bibl>)<note xml:id="n228"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,509,8-12</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2053">WA 10/II,247,25-248,9</bibl>.</note>; 
                und damals schon hat er darum das «<foreign xml:lang="lat">Hoc est corpus meum</foreign>» des synoptischen Textes aufgerichtet als Schild gegen allen Widerspruch. Das war die Begründung, aber nicht die Quelle seiner Lehre. Über den Zwirnsfaden eines Buchstabens pflegen Leute wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht zu stolpern.<note xml:id="n229"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Vgl. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-496">29,232</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,157,23-158,1</bibl>.</note> 
                Es war seine religiöse Genialität, die ihn diesen Weg führte. Er wollte das Größte sagen, was überhaupt gesagt werden kann. Es ist die Tragik <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und der <ref type="term">Reformation</ref>, daß gerade dieser Weg zuletzt bei einer neuen Begriffsspalterei und bei einem eigensinnigen Appell an die Grammatik endigen mußte, daß er [<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>] gerade da nur etwas so mühsam Gequältes sagen konnte und daß, um desselben Größten willen, der 
                Widerspruch gegen das, was er sagte, nicht ausbleiben konnte. Aber das ist nicht nur die Tragik der <ref type="term">Reformation</ref>. In der Reformation, die eine Heldenzeit der <ref type="term">Theologie</ref> sondergleichen war, kam es nur zum Vorschein. Ich meine den Schatten von Unzulänglichkeit, in dem sich Alles, was <ref type="term">Theologie</ref>, Rede von Gott heißt, immer bewegt hat und immer bewegen wird. Wir haben <pb ed="pga" xml:id="p306"/> allen Anlaß, das Schauspiel, von dem nun zu reden sein wird, mit Furcht und Mitleid zu betrachten. <foreign xml:lang="lat">Tua res agitur</foreign>.<note xml:id="n230"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3139"><persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName>, <hi rend="italic">Poetik</hi>, 1449 b 27f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3140"><persName ref="kbga-actors-2046">Horaz</persName>, <hi rend="italic">Epistolae</hi> I,18,84</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Tua res agitur, paries cum proximus ardet.</foreign>»</note>
                    </p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><anchor xml:id="p306b"/>
                 <date rend="right">15.I.23 </date>
                 Wir hörten, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> schon 1520 die «Pigharden» in <placeName ref="kbga-places-826">Böhmerland</placeName> erwähnt, die «nicht glauben, daß Christus <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut wahrhaftig da sei», und daß er diese Ansicht schon damals glatt als ketzerisch ablehnte (<bibl corresp="kbga-bibls-496">27,74</bibl>).<note xml:id="n231"> <bibl corresp="kbga-bibls-2054">WA 6,80,25-28.</bibl></note> An die Evangelisch-Gesinnten in <placeName ref="kbga-places-826">Böhmen</placeName>, die sogenannten «Böhmischen und Mährischen Brüder», oder, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> meint, «Valdenses» ist denn auch die Schrift gerichtet, in der seine zweifellos schon seit 1519 sich anbahnende polemische Einstellung gegen die symbolisch-geistige Auffassung des Abendmahls zum ersten Mal ausführlich zu Tage tritt, die Schrift <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2055">Vom Anbeten des Sakraments des heiligen Leichnams Christi</bibl>»</hi> anfangs 1523 (<bibl corresp="kbga-bibls-496">28,388[-421]</bibl>).<note xml:id="n232"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,431-456.</bibl></note> 
                 Die Adressaten waren <hi rend="italic">weit weg</hi> und ihre Stellungnahme von wenig Einfluß für den Gang der Reformation in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>. Auch <hi rend="italic">wußte</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zugestandenermaßen nicht einmal genau, ob ihnen die <ref type="term">Lehre</ref>, «daß Christus im Sakrament nicht selbständig natürlich, auch dasselb nicht anzubeten sei» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">389</bibl>)<note xml:id="n233"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,431,5-7.</bibl></note>, wirklich schuldzugeben sei oder nicht bloß auf einem Mißverständnis ihrer Aussagen beruhe (<bibl corresp="kbga-bibls-496">389f.419</bibl>).<note xml:id="n234"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,431,3-432,9;455,11-26.</bibl></note> 
                 Endlich hatte er allerlei von ihnen gehört, besonders über ihren «feinen, züchtigen äußerlichen Wandel» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">415.419</bibl>)<note xml:id="n235"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,452,19-33</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,456,10f.</bibl></note>, was ihm einen im Blick auf die Zustände in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> fast mit Neid vermischten <hi rend="italic">Respekt</hi> vor ihnen einflößte, und so kommt es, daß dieses erste Stück von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> anti-symbolistischen Streitschriften unter allen anderen ganz einzigartig dasteht durch die milde Freundlichkeit, mit der er mit dem Gegenpart umgeht, obwohl er ihnen auch in der <ref type="term">Lehre</ref> von Glauben und Werken nicht recht traut (<bibl corresp="kbga-bibls-496">417</bibl>).<note xml:id="n236"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,453,19-35.</bibl></note>  
                «Wir wöllen uns nicht untereinander mit Feuer verbrennen, wie die Papisten tun, wenn sie nicht mehr antworten können, noch ihres Glaubens Grund anzeigen, so wehren sie sich mit Feuer wie die Chaldäer und können <pb ed="pga" xml:id="p307"/> nichts mehr sagen denn: Du bist ein Ketzer, Feuer her! Wir aber wöllen die Schrift hören gegenander» (418).<note xml:id="n237"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,454,14-18.</bibl></note> Eine gewisse nervöse Unerbittlichkeit in dem einen Punkt ist doch schon hier unverkennbar. Man fühlt: hier hat der Verfasser seine Stellung bezogen und wird nicht mehr mit sich reden lassen. Der eine Punkt ist natürlich nicht etwa die Konsubstantiationslehre, von der wir letztes Mal hörten und die, wie wir sahen, für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kaum viel mehr als eine bessere Theorie gegenüber einer schlechten war, wohl aber, so oder so verstanden oder auch gar nicht verstanden (412)<note xml:id="n238"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,449,34-450,6.</bibl></note>, 
                 der Satz, «daß Christus da sei, wenn sein Leib und Blut da ist» (409)<note xml:id="n239"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,447,9f.</bibl></note>, daß das uns von Gott gegebene Zeichen «Brot und Wein <hi rend="italic">mit</hi> Christus Leib und Blut ist» (411)<note xml:id="n240"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,449,14.</bibl></note> oder, provozierend scharf formuliert bereits auf der ersten Seite: «daß Christus wahrhaftig mit seinem <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut unter dem Sakrament sei, wie er von Marien geboren und am heiligen Kreuz gehangen ist» (389).<note xml:id="n241"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,431,11f.</bibl></note> 
                 Noch klingen freilich gewisse Kerngedanken der frühen Schriften heftig nach: Die Einsetzungsworte Christi sind das «Fürnehmste» am Sakrament, die Hauptsumme des ganzen «Evangelii», weit mehr ist an <hi rend="italic">ihnen</hi> gelegen denn am <ref type="term">Sakrament</ref> selbst. Die rechte Monstranz, die dem Sakrament Ehre macht, ist ein <hi rend="italic"><ref type="term">Herz</ref></hi>, das die <hi rend="italic">Worte</hi> faßt, das sie «für wahr hält, verläßt und wagt sich darauf ewiglich. Du kannst <hi rend="italic">ohne</hi> das Sakrament, aber nicht ohne das <hi rend="italic">Wort</hi> leben, fromm und selig werden» (390–392).<note xml:id="n242"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,433,15-20.</bibl></note>  
                «Sakrament ist ein <hi rend="italic">Glaubens</hi>geschäft, da eitel <hi rend="italic">Gottes</hi> Werk innen sollen gehen und geschehen durch sein <hi rend="italic">Wort</hi>, und im Wort ist Gott <hi rend="italic">näher</hi> drinnen,
                denn Christus in Brot und Wein.» Ohne die <hi rend="italic">Worte</hi> angesehen, sagt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hier noch, werden dich Brot und Wein auch als Leib und Blut Christi lehren, achten und trachten auf <hi rend="italic">deine</hi> Werk (411).<note xml:id="n243"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,448,29-35;449,3f.</bibl></note> «Es gehören <hi rend="italic">Christen</hi> zu diesem Sakrament und zu allem Gotteswerk. Wo die nicht sind, die machen es nicht recht» (412).<note xml:id="n244"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,448,32f.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p308" rend="noPipe"/> Aber das eigentliche <hi rend="italic">Interesse</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> ist jetzt nicht mehr darauf gerichtet, <hi rend="italic">das</hi> zu sagen, auch nicht mehr auf die Bekämpfung des katholischen Opfergedankens, der unter den vier im Hauptabschnitt der Schrift aufgezählten Irrtümern erst an vierter Stelle erscheint, und noch weniger auf die<note xml:id="n245"> Mskr.: «an der»; Änderung vom Hrsg.</note> 
                Bekämpfung der Transsubstantiationslehre, von der es bezeichnend heißt, es sei an diesem (dritten) Irrtum nicht groß gelegen, wenn nur Christi Leib und Blut samt dem Wort dagelassen werde (402f.).<note xml:id="n246"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,441,18-442,23.</bibl></note> Sondern die ganze polemische Aufmerksamkeit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> ist 1. auf die gerichtet, «die es dafür gehalten haben, es sei schlecht Brot und Wein im Sakrament, wie sonst die Leut Brot essen und Wein trinken, und haben nicht mehr davon gehalten, denn das Brot <hi rend="italic">bedeute</hi> den Leib und der Wein <hi rend="italic">bedeute</hi> das Blut Christi» (393f.)<note xml:id="n247"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,434,5-8.</bibl></note>; 
                2. auf die, die das Sakrament fassen als gewisses Zeichen unserer Einleibung in den geistlichen Leib Christi (397f.).<note xml:id="n248"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,437,12-438,9.</bibl></note> Das sind die Irrtümer, in die zu verfallen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Adressaten offenbar in Gefahr sieht. Sie haben ihm in ihrer Antwort vom 23. Juni 1523 erwidert, er habe ihnen sein <ref type="term">Bekenntnis</ref> vom <ref type="term">Sakrament</ref> «mit vielen abweichenden Ansichten <hi rend="italic">anderer</hi> Gegner und mit Beweisen gegen dieselben dargelegt» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 4,166</bibl>).<note xml:id="n249"> Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> (23.6.1523), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,98,13f. (Nr. 627)</bibl>.</note> 
                Sie haben sich also nicht getroffen gefühlt, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auch nirgends positiv behauptet, sie zu meinen. Punkt 3 und 4 gehen die Böhmen zweifellos <hi rend="italic">nicht</hi> an. Dagegen scheint die Theorie 2 vom geistlichen Leib Christi, die sich hauptsächlich auf <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.16 1.Kor.10.17">1.Kor. 10,16f.</ref> (von der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κοινωνία τοῦ αἵματος καὶ σώματος τοῦ Χριστοῦ</foreign>) stützte, irgendwie in der Richtung ihrer Ansicht gelegen zu haben; sie ist nachher, aber erst nachher von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> aufgenommen worden, und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> einziges direkt polemisches Wort in der Sakramentssache gegen die Böhmen und die 
                Formel, in denen er ihnen seine eigene Ansicht gegenüberstellt, lassen darauf schließen, daß es zwischen ihm und ihnen um die Frage geistlicher oder natürlicher (von <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> geborener und am Kreuz gestorbener) Leib Christi gegangen ist. Wer aber ist der in Punkt 1 bekämpfte Gegner, den <pb ed="pga" xml:id="p309"/> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ganz unzweideutig die significative Auslegung der Einsetzungsworte vertreten läßt?<note xml:id="n250"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Letzter Dienstag Irrtum: Annahme, ebenfalls These der Waldenser»; es handelt sich um die Vorlesung am 9.I.1923, siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p268#fn_n53">S. 268f. mit Anm. 53–57</ref>.</note> 
                Der Nachweis ist im Einzelnen zu erbringen, daß dies kein Anderer ist als jener <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4062">Hendriks Hoën</persName></hi>, dessen uns bekannte Epistel, bevor sie ihren Weg nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> angetreten, auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> (wahrscheinlich Ende 1522) vorgelegt worden ist.<note xml:id="n251"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122"><persName ref="kbga-actors-4062">Kornelis Hendriks Hoen</persName>, <hi rend="italic">Epistola Christiana admodum ex Bathavis missa, sed spreta, longe aliter tractans  coenam dominicam</hi>, Z 4,512-518</bibl>; nicht in WA. Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p259#p259">S. 259f.</ref></note>
                Ja, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> scheint ihr eigentlicher ursprünglicher Adressat gewesen zu sein. Er lehnte jedoch ihren Inhalt, wie uns nach allem Gesagten nicht verwundern kann, <hi rend="italic">ab;</hi> und dann erst wandten sich die beiden Holländer nach Süden (etwa wie sich später der Erfinder des Dampfschiffs, von <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> abgewiesen, mit besserem Erfolg an die Engländer wandte!<note xml:id="n252"> <persName ref="kbga-actors-9816">Robert Fulton</persName> (1765–1815) versuchte vergeblich, in <ref type="o">Frankreich</ref> und Großbritannien Anerkennung für seine Erfindung eines Dampfboots zu finden. 1806 kehrte er nach Amerika zurück und führte hier als erster die Dampfschiffahrt zu technischem und wirtschaftlichem Erfolg. Sein 43 m langer Schaufelraddampfer «Clermont» unternahm 1807 die erste Fahrt auf dem Hudson River von <ref type="o">New York</ref> nach Albany.</note>). |</p>
                <p> So sah <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, nachdem seine Auseinandersetzung mit der katholischen Lehre von der <ref type="term">Messe</ref> in seinen bisherigen Schriften vollzogen war, Anfang 1523 von zwei Seiten, bestimmt von Seiten des <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName>, unbestimmter von Seiten der Böhmen, den Gegner zur Linken auftauchen, die spiritualisierende Lehre vom Parallelismus von Zeichen und Sache, die vor 1519 auch für ihn selbst wenigstens scheinbar im Bereich der Möglichkeiten lag, die für ihn aber in dem Maße zur ausgeschlossenen Möglichkeit wurde, als sich die allgemeine Tendenz seiner Theologie von der Zusage zur Gabe, von der Bedeutung zum Werk, vom Glauben zum Haben <hi rend="italic">verschärfte.</hi> Beachten wir wohl: 
                <hi rend="italic">derselbe</hi> <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName>, der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> den exegetischen Unterbau zu seiner Anschauung geliefert hat, wird für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zum Anlaß, sich zum ersten Mal, ahnungslos darüber, <hi rend="italic">wen</hi> er damit traf, in ausgesprochener Weise gegen die Lehre vom Parallelismus zu wenden. So sehr wurde ihm die Realpräsenz Christi in den Zeichen des Abendmahls zum Schibboleth <pb ed="pga" xml:id="p310"/> dessen, worauf er <hi rend="italic">überhaupt</hi> hinauswollte, daß ihm - und dies ist schon 1523 deutlich der Fall - die katholische Lehre von der Wandlung die weit geringere, nur sehr äußerlich und oberflächlich beachtliche Gefahr erschien gegenüber der neu auftauchenden Lehre vom Parallelismus. 
                Er muß sich umso jäher und schärfer gegen sie wenden, als er selber nur zu nahe an ihr vorübergegangen war, um sie dann noch rechtzeitig als eine - von ihm aus gesehen  - falsche Tendenz von sich abzuschütteln. Er tut dies in der Schrift von 1523 (die somit als ein weit über seinen zufälligen Anlaß hinausgreifendes Warnungssignal aufzufassen ist) ganz und ausschließlich mit Hilfe des bisherigen Zentralbegriffs seiner Abendmahlslehre, des Begriffs des von Gott resp. Christus gesprochenen <hi rend="italic">Wortes</hi>, das er jetzt freilich, dem Argument des Gegners entsprechend, 
                in seinem denkbar engsten Sinn, nämlich als Wort<hi rend="italic">laut</hi> der von Christus gesprochenen Einsetzungsworte auffaßt. Es ist ein einziger Einwand, den er gegen <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName> und sein «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» entwickelt: «Man muß nicht so freveln an Gottes Worten, daß jemand ohne ausgedruckte klare Schrift einem Wort wollt ein ander Deuten geben, denn sein natürlich Deuten ist, als diese tun, die das Wörtlein ‹ist› frevelich ohne Grund der Schrift zwingen dahin, es solle soviel heißen, als das Wörtlein ‹bedeutet›» (393).<note xml:id="n253"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,434,20-24.</bibl></note> 
                Ebenso gut, meint er, könnte man auslegen: Christus bedeutet Gott und Mensch, <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> bedeutet Jungfrau und Gottes Mutter, das <ref type="term">Evangelium</ref> bedeutet die Kraft Gottes. Nur wo es offenbar wider den Glauben wäre, die natürliche Deutung des «ist» anzunehmen, dürfe man davon abgehen, aber das sei in diesem Fall nicht zu begründen (393–397).<note xml:id="n254"> <bibl corresp="kbga-bibls-2055">WA 11,434,5-437,11.</bibl></note> |</p>
                <p> Ich deutete schon das letzte Mal an, daß [man] diese Theorie, die ohne die spezielle, darauf begründete Polemik schon in «<bibl corresp="kbga-bibls-1957">De captivitate babylonica</bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3488">V,31</bibl>)<note xml:id="n255"> <bibl corresp="kbga-bibls-1957">WA 6,509,8-26.</bibl></note> auftaucht, nur bedingt als <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> wirklichen Grund ernst nehmen darf. Hinter ihr stand ein «<foreign xml:lang="lat">sic volo, sic iubeo</foreign>»<note xml:id="n256"> <bibl corresp="kbga-bibls-3024"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sendbrief vom Dolmetschen und Fürbitte der Heiligen</hi> (1530), WA 32/II,635,11</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1298"><persName ref="kbga-actors-2429">Juvenal</persName>, <hi rend="italic">Satire</hi> 6,223</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Sic volo, sic iubeo; sit pro ratione voluntas!</foreign>»</note> 
                  oder vielmehr eine in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> ganzer Richtung und Sendung begründete Notwendigkeit, die sich an sich auch einen anderen Aus<pb ed="pga" xml:id="p311" break="no"/>druck als gerade dies von nun an bis zu seinem Tod unablässig geübte Pochen auf das Wörtlein «ist» hätte schaffen können. Immerhin ist es ebenso verkehrt, dieses Argument <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> einfach als Schrulle oder auch als Zeichen und Folge seiner unheilvollen Gebundenheit an die Verbalinspirations<ref type="term">lehre</ref> zu perhorreszieren. Der innere Zusammenhang war für ihn nun einmal der: der Glaube empfängt Christi Zusage. Diese Zusage lautet: das <hi rend="italic">ist</hi> mein Leib! Christi Zusage aber ist Christi Gabe an uns. 
                Also verschwindet die Spannung zwischen dem Wort und dem, was das Wort zusagt. Das <hi rend="italic">Wort</hi>: das ist! wird selbst zum <hi rend="italic">Sein</hi>, zum «ist» des Leibes Christi im Brot, als das eigentlich <hi rend="italic">Begründende</hi> und <hi rend="italic">Glauben</hi> Fordernde, als das, was dieses «ist» erst <hi rend="italic">setzt</hi>, freilich, wie wir gehört, auch immer wieder als etwas Besonderes <hi rend="italic">unterschieden</hi>, aber, sobald ein Zweifel an diesem «ist» sich regt, auch unerbittlich als <hi rend="italic">das</hi> Besondere, das das «ist» wirklich <hi rend="italic">Setzende</hi>, geltend ­gemacht. So kann <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wie er es in dieser Schrift tut, 
                in einem Atemzug, wenn er zum <hi rend="italic">rechten</hi>, rechtfertigenden Glauben an das <ref type="term">Sakrament</ref> aufrufen will, das Wort hoch <hi rend="italic">über</hi> das Sakrament setzen und dann doch, wenn er sagen will, was der rechte <hi rend="italic">Glaube</hi> an das Sakrament ist, den Gegensatz von Wort und Zeichen in hartnäckigem Bestehen auf dem Wort<hi rend="italic">laut</hi> «ist» völlig verschwinden lassen.<note xml:id="n257"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">29,344</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,503,12-18</bibl>.</note> 
                Es lag in der <ref type="term">Natur</ref> der Sache, daß der erste Gesichtspunkt, der den zweiten erst begreiflich und einleuchtend macht, der ihm aber auch immer wieder gefährlich werden mußte, hinter diesem zweiten immer mehr zurücktrat und jedenfalls in der Polemik gegen die Parallelisten nur noch das wunderlich-willkürliche «das ist mein Leib» sichtbar wurde. Man muß bedenken, daß seine ganze feurig lebendige Anschauung vom Worte Gottes dahinter stand, freilich auch das Andere, daß dieselbe Anschauung ihn ebensogut hätte <hi rend="italic">verhindern</hi> können, jene vier Worte mit Kreide auf den Tisch zu schreiben, wie sie ihn <hi rend="italic">veranlaßt</hi> hat, das zu tun.<note xml:id="n258"> Vgl. den Bericht über das Marburger Religionsgespräch von <bibl corresp="kbga-bibls-1971"><persName ref="kbga-actors-718">A. Osiander</persName>, WA 30/III,147,15-17</bibl>.</note> 
                Aber wenn sie ihn verhindert hätte, so wäre er eben nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gewesen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist ein <foreign xml:lang="fre">fait accompli</foreign>, zu dem man, wenn man es verstanden hat, nur ein respektvolles Ausruf- und ein ebenso respektvolles Fragezeichen setzen kann.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p312" rend="noPipe"/> Wir haben gesehen, wie im selben Jahr 1523 auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Abendmahlslehre ihre charakteristische Formung erhalten hat. Die erste Hälfte des Jahres 1524 brachte, abgesehen von jenen zerstreuten Äußerungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, auf beiden Seiten eine inhaltsschwere Pause in dieser Sache. Im August 1524 schrieb <persName ref="kbga-actors-4083">Kolb</persName> jenen naiven Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, durch den dieser zum ersten Mal erfuhr, daß er in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> einen dritten oder vielmehr, wie wir gleich hören werden, bereits vierten Herd der ihm so widerwärtigen Lehrbewegung festzustellen habe. 
                Im September findet jenes Gespräch zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> statt, in dem von einer waldensischen Schrift die Rede ist und in dem <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>  <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> vorläufig Schweigen gebietet, aber auch sein eigenes Eingreifen zur rechten <ref type="term">Zeit</ref> in Aussicht stellt. Erwähnen wir noch zur Kennzeichnung der allgemeinen Stimmung und Lage, daß im selben September 1524 <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> seine berühmte «<bibl corresp="kbga-bibls-1325">Diatribe de libero arbitrio</bibl>»<note xml:id="n259"> Mskr.: «Diatribe de servo arbitrio»; Änderung vom Hrsg. <bibl corresp="kbga-bibls-1325"><persName ref="kbga-actors-971">Erasmus von Rotterdam</persName>, <hi rend="italic">De libero arbitrio</hi> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ΔΙΑΤΡΙΒΗ</foreign> <hi rend="italic">sive collatio</hi> (1524), in: ders., <hi rend="italic">Ausgewählte Schriften</hi>, hrsg. von W. Welzig, Bd. IV, Darmstadt 1969</bibl>; vgl. die Gegenschrift von <bibl corresp="kbga-bibls-1326"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525), WA 18,600-787</bibl>.</note> 
                gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> veröffentlichte, daß im Juli zuvor die katholischen Fürsten und Städte auf dem <ref type="term">Regensburg</ref>er Konvent zu einem Sonderbund zur Bekämpfung der <ref type="term">Reformation</ref> zusammengetreten waren und daß in das Ende desselben Jahres die Anfänge des verhängnisvollen großen Bauernkrieges fielen. Es war wirklich gerade der rechte Augenblick für die Evangelischen, sich wegen «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» untereinander in die Haare zu geraten. Aber das alles mußte offenbar so sein. |</p> 
                </div> 
                <div><pb ed="pga" xml:id="p313"/>
                <head>[Der Beginn des Abendmahlsstreits]</head>
                <p>Die Persönlichkeit, die den Stein ins Rollen brachte, war <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1081">Andreas Bodenstein</persName></hi>, genannt nach seiner Heimat <hi rend="italic">Karlstadt</hi>, einst Doktor und Professor der <ref type="term">Theologie</ref> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref>, einer der ersten und begeistertsten Anhänger <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, sein Sekundant auf der Leipziger Disputation 1519, dann, als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf der <placeName ref="kbga-places-352">Wartburg</placeName> war, Reformator von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref> auf seine Weise, nämlich - den guten  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> gänzlich an die Wand drückend - durch ziemlich tumultuarisches Abschaffen der Privat<ref type="term">messe</ref>, der Bilder, der Mönchsgelübde, des Priesterzölibats, der Kelchentziehung, 
                freilich auch durch die berühmte Organisation des «Gemeinen Kastens», einer finanziellen Neubegründung des Kirchen- und Armenwesens, die, wenn sie durchgeführt und verallgemeinert worden wäre, vielleicht der ganzen Kirchengeschichte <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName> ein anderes Gesicht gegeben hätte, andererseits aber auch durch eine wilde Agitation gegen die gelehrte Bildung und für die einfache <ref type="term">Wahrheit</ref>, die der Kinder und der Laien Vorrecht sei, sicher kein unbedeutender, aber ebenso sicher ein durch den für ihn allzu starken Wein der reformatorischen <ref type="term">Erkenntnis</ref> von <ref type="term">Rechtfertigung</ref>, <ref type="term">Freiheit</ref> und <ref type="term">Liebe</ref> trunken gewordener Mann, als Mensch wahrscheinlich nicht unsympathisch, Vertreter von allerlei urchristlichen Anliegen, die bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sicher zu kurz kamen, als 
                Theologe kurzschlüssiger und eilfertiger Mystiker, als Ganzes eine von jenen und vielleicht neben <persName ref="kbga-actors-704">Münzer</persName> die markanteste von jenen Irrlichtgestalten, an denen sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, mehr als gut war, klar machte, was <hi rend="italic">er nicht</hi> war und wollte, durch die er sich in Gegensätze treiben ließ, aus denen er nachher nicht mehr herauszuholen war. In diesem <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> ist <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> denn auch die symbolistische Abendmahlslehre, die ja allerdings, wie wir sahen, von Haus aus seinem Weg fremd war, in eindrucksvoller, d. h. aber in endgültig abschreckender Weise entgegengetreten, so eindrucksvoll, daß die Namen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für ihn aller Belehrung zum Trotz zeitlebens dasselbe bedeuteten, nämlich eben das, was er, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, um keinen Preis, was er womöglich noch weniger als das <ref type="term">Papsttum</ref> wollte. |</p>
                <p> Nach <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> berühmter Rückkehr von der <placeName ref="kbga-places-352">Wartburg</placeName> und seinen Invocavitpredigten von 1522 war <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Rolle als Reformator von <pb ed="pga" xml:id="p314"/> <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref> ausgespielt; er fand dann 1524 in der thüringischen Stadt <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-1251">Orlamünde</placeName></ref> einen neuen Wirkungskreis, in dem er seine Ideen weitgehend verwirklichen konnte, befand sich aber in gefährlicher Nachbarschaft mit dem in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-638">Allstedt</placeName></ref> noch radikaler vorgehenden <persName ref="kbga-actors-704">Thomas Münzer</persName>, wurde schließlich auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Betreiben vom Kurfürsten verbannt und führte von da an ein wechselvolles Wanderleben, das ihn noch in demselben Jahr 1524 auch nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>, <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> führte. |</p>
                <p> Unter dem Vielen, was er gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf dem <ref type="term">Herz</ref>en hatte und [von] dem er von seinen wechselnden Aufenthaltsorten aus in einem wahren Strom von Streit- und Flugschriften Kunde gab, war auch dessen Abendmahlslehre. Für ihn wie für alle schlichten Theologen bestand der durch die <ref type="term">Reformation</ref> erreichte Fortschritt in der Wendung vom Objektiven zum Subjektiven, vom Metaphysischen zum Psychologischen, vom Transzendenten zum Pragmatischen, vom Dogma zum Erlebnis. Unter diesem Gesichtspunkt muß man auch seine Kritik an <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Abendmahlslehre und das Eigene, was er an ihre Stelle setzte, verstehen. Er nennt es ein «<foreign xml:lang="lat">infandum probrum</foreign>», im Sakrament die Vergebung der Sünden zu suchen. Nach Gottes Ordnung komme es auf den Glauben an. 
                Glaube aber heißt ihm eine <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">recta mens</foreign>»</hi> und ein <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">probus animus</foreign>».</hi> Die wahre «<foreign xml:lang="lat">coena Domini</foreign>» empfange, wer <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">in penetralia sua</foreign>»</hi> zurückkehre mittelst einer «<foreign xml:lang="lat">proba et digna recordatio Christi</foreign>», die zu der <hi rend="italic">«Erfahrung»</hi> führe, daß man so sei, wie Christus einen haben wolle (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">Zw. III,591f.</bibl>).<note xml:id="n260"> <bibl corresp="kbga-bibls-3141"><persName ref="kbga-actors-1081">A. Bodenstein v. Karlstadt</persName>, <hi rend="italic">De antichristiano abusu panis et calicis Domini. An fides in sacramento posita peccatum remittat et sacramentum ipsum sit arrhabo sive pignus remissionis. Expositio I. Cor. XI. De Coena Domini</hi> (1524), S III,591f.</bibl>, Anm. 2, bietet einen Abdruck als Anlage zu <bibl corresp="kbga-bibls-3142"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Ad Matthaeum Alberum de coena dominica epistola</hi> (16.11.1524), mit Bezug 
                auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Hinweis auf <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Schrift S III,591 (= Z 3,335,14-17)</bibl>; vgl. die dt. Fassung: <bibl corresp="kbga-bibls-3143"><hi rend="italic">Von dem widerchristlichen mißbrauch des hern brodt und kelch. Ob der glaub in das sacrament, sünde vergäbe, und ob das sacrament eyn arrabo oder pfand sey der sünde vergäbung</hi> (1524). Abdruck unter dem Titel <hi rend="italic">Dialogus oder ein gesprechsbüchlin von dem grewlichen unnd abgöttischen mißbrauch des hochwirdigsten sacraments Jesu Christi</hi> (1524) in: <hi rend="italic">Karlstadts Schriften aus den Jahren 1523-25</hi>, Tl. II, hrsg. von E. Hertzsch, Halle 1957, S. 5–49.</bibl></note> 
                Da kann denn der sakramentliche Genuß des Leibes Christi nichts Anderes sein als eine Steigerung dieser subjektiv-geistlichen Empfindung, die er eine <pb ed="pga" xml:id="p315"/> <hi rend="italic">«inbrünstige <ref type="term">Erkenntnis</ref> Christi»</hi>, einen innerlichen «<hi rend="italic">Geschmack</hi> seines <ref type="term">Leben</ref>s» nennt. «Ihr sollt das Brot und Blut des Herrn genießen zu seinem Gedächtnis, d. i. ihr sollt ein herzfreundliches Gedächtnis des Leidens, des Todes und Opfers Christi haben, wie einer eines lieben Bruders gedenken möchte, der ihn vom <ref type="term">Tod</ref>e durch seinen Tod erlöst hätte, … mit dem Begehren, seiner Gerechtigkeit <hi rend="italic">genießlich</hi> zu werden, ihn liebend nicht mit Findung eigener <ref type="term">Seele</ref>, sondern mit gestrackter <ref type="term">Liebe</ref>, … mit <hi rend="italic">hitziger Begehrung</hi> 
                nach seiner Weisheit etc. Christum empfangen heißt Christum annehmen, d. i. Christum herzlich und brünstiglich erkennen.» Wer so innerlich steht und dies äußerlich in der <ref type="term">Gemeinde</ref> beweisen will, der ist würdig, des Herrn Brot zu empfangen. Wer dieses rechte Gedächtnis Christi nicht hat, der ist nicht geschickt dazu. Diese grundsätzlichen Sentimentalitäten krönte <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> dann durch folgende Erklärung der Einsetzungsworte. Christus habe nicht gesagt: Das Brot ist mein Leib!, sondern beim Verteilen des Brotes habe er gesagt: Dies ist mein Leib! Dieser Satz fange aber mit einem großen Buchstaben an und sei vom vorigen: Nehmet und esset! durch einen Punkt getrennt. 
                Ferner sei <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἄρτος</foreign> Brot, maskulinisch, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τοῦτο</foreign> aber neutrisch, also könne dieses nicht auf jenes, sondern nur auf das neutrische <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">σῶμα</foreign> bezogen werden. Also lautet der Vers: «<foreign xml:lang="lat">hoc est corpus</foreign>» (auf seinen eigenen Leib weisend), dies ist der Leib mein, welcher für euch gegeben wird. «Denn die <ref type="term">Propheten</ref> weissagten zuvor von seinem Leiden und Leib. Danach kam <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, der mehr denn ein Prophet war, und deutet auf Christum und sprach: <hi rend="italic">Der</hi> ist der, von welchem ich gesagt, der größer ist und mehr denn ich, der die <ref type="term">Welt</ref> erlöset. Letztlich muß Gott auch durch Christum seinen Sohn reden und sagen: <hi rend="italic">Ich</hi> bins, <hi rend="italic">Ich</hi> bin der Messias, sprach Christus. Ich bin der
                Sohn Gottes, <hi rend="italic">ich</hi> bin der, welchen der Vater in diese <ref type="term">Welt</ref> geschickt. <hi rend="italic">Ich</hi> muß sterben, sehet, <hi rend="italic">dies</hi> ist mein Leib, welcher für euch gegeben wird» (<bibl corresp="kbga-bibls-3101">Erbkam, S. 259–263</bibl>).<note xml:id="n261"> <bibl corresp="kbga-bibls-3101"><persName ref="kbga-actors-9481">H. W. Erbkam</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der protestantischen Sekten im Zeitalter der Reformation</hi>, Hamburg 1848 (Nachdruck Vaduz 1986), S. 259–263.</bibl></note>
                    </p>
                  <p> Die Propaganda, die <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> für diese <ref type="term">Lehre</ref> machte, und der Erfolg, den er damit in weiten Kreisen hatte, weniger mit seiner exegetischen Theorie als mit der dahinter stehenden Erlebnistheologie, veranlaßten <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zu einem Brief an die besonders da<pb ed="pga" xml:id="p316" break="no"/>von bewegten Evangelischen von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> überdies zu einer Epistel an den Reutlinger Pfarrer <persName ref="kbga-actors-9482">Matthäus Alber</persName><note xml:id="n262"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,335-354.</bibl></note> und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu seiner Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2044">Wider die himmlischen Propheten</bibl>»<note xml:id="n263"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,62-125</bibl>.<bibl corresp="kbga-bibls-2044">134-214</bibl>.</note>. 
                Diesen Eingang des Abendmahlsstreites haben wir zunächst zu betrachten. Es war kein gutes Omen, daß dieser <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> beiden das Zeichen zum Aufbruch geben durfte. Er schadete <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, indem er ihn durch seine provozierende Sentimentalität und Torheit veranlaßte, sich noch exponierter, ungeschützter und bedenkenerregender in der uns nun ­bekannten Richtung auszusprechen. Er schadete aber noch mehr ­<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, indem er ihn durch die Berührungspunkte, die sich zwischen ­seiner und dessen Anschauung in der Tat finden, in den Verdacht ­brachte, in den man durch schlechte Gesellschaft zu geraten pflegt. War <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im Fehler darin, daß er in jenem Herbst nur 
                auf den Brief von <persName ref="kbga-actors-4083">Franz Kolb</persName> hin <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sofort mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> zusammenwarf und mit dem ganzen Odium belastete, das er gegen diesen hatte, so war <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> seinerseits im Fehler darin, daß er, sei es aus Gutmütigkeit gegenüber der prekären äußeren Lage, in der sich <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> befand, sei es aus allzu begreiflicher Freude, in ihm einen, wenn auch noch so fragwürdigen, weil weithin angesehenen Bundesgenossen zu finden, sich nicht dazu entschließen konnte, zwischen sich und jenem reinen Tisch zu machen. Doch was heißt da Fehler? Schließlich ist auch in diesen Fehlern, wenn es solche waren, jeder von den beiden jedenfalls sich selbst sehr treu gewesen.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">16.I.23</date>
                 Beginnen wir mit dem Brief <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> an <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9482">Matthäus Alber</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,589[-603]</bibl>).<note xml:id="n264"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,335-354.</bibl></note> Am 17. November zum ersten Mal findet sich in einem Lutherbrief die fatale Notiz: «Der Zürcher <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-1075">Leo Judae</persName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> sind mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> einverstanden. So schleicht dieses Übel langsam weiter. Aber Christus regiert, nein er kämpft» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 5,52</bibl>).<note xml:id="n265"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (17.11.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,373,11-13 (Nr. 793).</bibl></note> 
                 Am Tag vorher, am 16. November, hatte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das umfangreiche Schreiben vollendet, in dem er sich an jenen ihm befreundeten, aber in Sachen des Abendmahls anders denkenden württembergischen Theologen wandte, um ihm seine Ansicht darüber <pb ed="pga" xml:id="p317"/> klarzulegen. Der Anlaß dazu, den der Brief selbst angibt, nämlich ein Streit, den <persName ref="kbga-actors-9482">Alber</persName> mit seinem Reutlinger Kollegen <hi rend="italic">Hermann</hi> über diese Angelegenheit hatte, bot ihm wohl mehr den Vorwand als den Grund, und ebenso ist die am Schluß ausgesprochene Bitte, den Brief als <hi rend="italic">vertraulich</hi> zu behandeln, wohl mehr literarisch aufzufassen, denn <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst hat Abschriften davon an seine Freunde in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> geschickt und ihn im März 1525 auch durch den Druck verbreiten lassen. Er wollte also jetzt, oder spätestens einen Monat nach 
                 Absendung der Epistel, öffentlich reden. Warum gerade jetzt? <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift an die Böhmen lag anderthalb Jahre zurück. Hätte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> diese Schrift bereits gekannt, so müßten sich in der Epistel an <persName ref="kbga-actors-9482">Alber</persName> Spuren davon finden. Er hat sie aber damals noch nicht, sondern, wie wir hören werden, erst kurz nach Abfassung dieser Epistel kennengelernt. Sondern offenbar hat er es <hi rend="italic">eilig</hi>, der Verwechslung seiner in der Hauptsache nur privatim oder an wenig beachteten Stellen angedeuteten Anschauung mit derjenigen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> <hi rend="italic">vorzubeugen</hi>, so sehr, daß er das Erscheinen seines systematischen Hauptwerks im Frühjahr 1525, in dem er dann auf die Sache zurückkam, nicht erst abwarten wollte. Er schreibt von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> gleich auf der ersten Seite, er habe wenig von ihm gelesen. In dem, was er auf Aufforderung seiner Freunde gelesen habe, sei ihm Einiges (wir können uns denken, was!) sympathisch, Anderes nicht. Das Wahre darin sei unerbaulich und anstößig gesagt. In seiner Umgebung werde das Viele, das er <hi rend="italic">nicht</hi> gelesen habe, abgelehnt, weil es von dem in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> eingeschlagenen Wege nicht wenig abweiche (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,591f.</bibl>).<note xml:id="n266"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,335,14-336,13.</bibl></note> 
                 Seine exegetische Theorie über die Einsetzungsworte wird zurückgewiesen und widerlegt, gerühmt dagegen seine Absicht, diesen Worten einen anderen als den üblichen Sinn abzugewinnen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">597f.</bibl>).<note xml:id="n267"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,342,11-343,30.</bibl></note> Der Hauptteil der Schrift ist dann ganz der Darlegung von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> eigener Anschauung gewidmet in Form einer Besprechung von <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref>, der Einsetzungsworte und der ebenfalls umstrittenen paulinischen Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10">1.Kor. 10</ref>.<note xml:id="n268"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,345,22-351,9.</bibl></note> 
                  Das positive Ergebnis, um das gleich vorwegzunehmen, lautet: das Abendmahl ist das Symbol des Wortes von der durch Chri<pb ed="pga" xml:id="p318" break="no"/>sti Tod erwirkten Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref> und des gemeinsamen dankbaren Glaubens der Christen an dieses Wort (602).<note xml:id="n269"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,351,25-27.</bibl></note> Das negative, polemische Ergebnis: Die Meinung, daß wir den Leib Christi «<foreign xml:lang="lat">veraciter</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">corporaliter</foreign>» essen, wie er in der Krippe lag und am Kreuze hing, ist geschmacklos, töricht (602)<note xml:id="n270"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,351,6-8.</bibl></note>, 
                 skythisch, ja heuchlerisch (601)<note xml:id="n271"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,351,3f.</bibl></note> und gottlos (602)<note xml:id="n272"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,350,25f.</bibl></note>, ein «<foreign xml:lang="lat">damnosissimum idololatriae commentum</foreign>» [597]<note xml:id="n273"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,342,8.</bibl></note>. Er ist der Meinung, es sei auch nie auch nur ein Einziger gewesen, der das aufrichtig geglaubt habe (601).<note xml:id="n274"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,350,6-8.</bibl></note> |</p>
                <p> Es muß hervorgehoben werden, daß die ersten offenkundigen Grobheiten, an denen der Abendmahlsstreit so reich werden sollte, nicht aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, sondern aus <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Feder flossen. Betrachtet man diese zornigen Stellen, so bekommt man von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> den Eindruck eines am <ref type="term">Geist</ref> der Antike gebildeten Rationalisten, der sich fast schüttelt vor Abscheu vor der Dinglichkeit, in die er das Göttliche in der bekämpften <ref type="term">Lehre</ref> herabgezogen sieht. Aber man würde ihm ebenso unrecht tun, wenn man ihn etwa von da aus verstehen wollte, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wenn man seine pedantische Theorie von der grammatischen Treue allzu ernst nehmen wollte. 
                Und auch von seinem <hi rend="italic">positiven</hi> Ergebnis, der Symbollehre, wird zu sagen sein, daß sein <ref type="term">Herz</ref> schließlich ebensowenig daran hing wie das <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> an der Konsubstantiationslehre. Was ihn als theologischen Denker <hi rend="italic">bewegt</hi> hat, ist die Lehre von den Parallelen. Wenn er darüber schließlich nur noch wie ein Rationalist zu reden weiß, so entspricht das dem Eindruck des Buchstabenfanatikers, den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seinerseits schließlich erweckt, und zeigt in nachdenklicher Weise, wie sich die schönsten theologischen Unternehmungen nach einiger <ref type="term">Zeit</ref> totzulaufen pflegen. Man muß aber hüben und drüben auf den Ausgangspunkt zurückgehen, bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in dieser Epistel besonders auf die Äußerungen zu <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref>, um zu sehen, 
                daß in dem nüchternen Mann auch ein Feuer steckte, das nun, da er ihm zum ersten Mal den Lauf ließ, alsbald in jenen hitzigen Worten zum Ausbruch kam, die aber doch von dem, was er wollte, <pb ed="pga" xml:id="p319"/> keine Vorstellung geben. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> will von <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> ausgehen, nicht in der Meinung, dies Kapitel handle vom Abendmahl, wohl aber, weil er in ihm die «<foreign xml:lang="lat">via ad spiritualia transeundi</foreign>» angezeigt findet, den Weg zur «<foreign xml:lang="lat">manducatio verbi</foreign>», zu dem «<foreign xml:lang="lat">cibus coelestis</foreign>», der lebendig macht und den, der ihn ißt, nimmermehr hungern läßt. In dieser Erhebung des inneren Menschen zu Gott, die doch nicht in des Menschen Vermögen steht, sondern nur «<foreign xml:lang="lat">inspiratione doctrinaque spiritus</foreign>»<note xml:id="n275"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,337,8.11f.34.</bibl></note> als 
                Werk Gottes Ereignis wird (und also mit jener karlstädtischen Inbrunst wirklich nicht zu verwechseln ist!), besteht für ihn der Kern des <ref type="term">Christentum</ref>s. «<foreign xml:lang="lat">Cibus</foreign>» heißt für ihn bezeichnenderweise dasselbe wie <hi rend="italic">»<foreign xml:lang="lat">spes</foreign>»</hi> (594)<note xml:id="n276"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,338,21-25.</bibl></note>, eingesenkt in das Innerste unseres <ref type="term">Herz</ref>ens, «<foreign xml:lang="lat">demissa in viscera pectoris nostri</foreign>» (596)<note xml:id="n277"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,341,23f.</bibl></note> schafft diese Speise ewiges Leben; sie macht den Menschen geistlich, zum Kinde Gottes. In was aber besteht diese Speise? <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> antwortet genau wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: das Wort, und zwar das Wort von der heilsamen Kraft des Todes Christi (597).<note xml:id="n278"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,342,37-343,1.</bibl></note> |</p>
                <p> Ja, auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> tut den weiteren Schritt und identifiziert das Wort von Christus mit Christus selbst und kann dann sagen: das Brot ist nichts Anderes als das für unser <ref type="term">Leben</ref> in den Tod Gegebensein Christi (594).<note xml:id="n279"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,338,28-30.</bibl></note> Aber dann setzt die scharfe dialektische Scheidung ein durch die Betonung: als der <hi rend="italic">Getötete</hi> ist Christus unsere <ref type="term">Hoffnung</ref> und also das Wort und also unsere Speise (594)<note xml:id="n280"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,338,21-25.</bibl></note>, 
                im Glauben an den für uns <hi rend="italic">toten</hi> Christus nähren wir uns innerlich von seinem Leib und Blut. Ob wir auch Christus nach dem <ref type="term">Fleisch</ref>e gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt <hi rend="italic">nicht</hi> mehr [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16</ref>], nicht mehr nach dem aus der Jungfrau geborenem Fleische, dem er ja als Sohn Gottes <hi rend="italic">gestorben</hi> ist. Dieser dem <ref type="term">Fleisch</ref> <hi rend="italic">Gestorbene</hi> macht lebendig, nicht ein leiblich zu Essender (595f.).<note xml:id="n281"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,339,18-340,25.</bibl></note> 
                  Und darum nun: Der <ref type="term">Geist</ref> ist’s, der lebendig macht, das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze; die Worte, die ich spreche, sind Geist und <ref type="term">Leben</ref> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>]! Kann man, fragt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit deut<pb ed="pga" xml:id="p320" break="no"/>licher Beziehung, angesichts dieser Stelle dabei stehen bleiben, die Transsubstantiation zu leugnen, ohne einzusehen, daß von dem fleischlichen Leib des doch für uns <hi rend="italic">gestorbenen</hi> Christus überhaupt nicht die Rede sein kann, daß Fleisch und Blut Christi, die das ewige Leben geben, nicht die sind, die 
                Flüssigkeit und Gewicht haben, sondern die im Geiste erkannt werden als das Pfand unseres <ref type="term">Heil</ref>s? Allein durch den <hi rend="italic">Glauben</hi> werden wir gerechtfertigt, ja der Glaube, der sich auf den gekreuzigten Christus als den Versöhner richtet, ist selbst das wirksam zu uns gesprochene, als geistliche Speise in uns aufgenommene Wort Christi, da <ref type="term">Geist</ref> und <ref type="term">Leben</ref> ist (596).<note xml:id="n282"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,340,38-341,27.</bibl></note> 
                So zieht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit scharfer Abhebung die eine, die obere Parallele. Es liegt auf der Hand und es entspricht <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Absicht, daß für die untere Parallele, die Abendmahlsfeier als solche, nicht eben viel, nämlich gerade nur das Äußerlich-Irdisch-Menschliche eines gläubig begangenen Erinnerungs- und Gemeinschaftsaktes voll bedeutungsvollen Hinweises auf jene obere Parallele übrig bleiben kann, eben das, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hier zum ersten Mal als <hi rend="italic">Symbol</hi> bezeichnet. Davon reden die Einsetzungsworte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.26 Mt.26.29">Mt. 26,26–29</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.22 Mk.14.25">Mk. 14,22–25</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.15 Lk.22.20">Lk. 22,15–20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.23 1.Kor.11.26">1.Kor. 11,23–26</ref>], davon <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10">1.Kor. 10</ref> (597–602).<note xml:id="n283"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,342,11-351,9.</bibl></note> 
                Im schärfsten Kontrast zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, der das Zeichen schließlich mit Leib und Blut Christi eins und dasselbe sein läßt, sagt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, das uns gegebene Zeichen sei die Abendmahlsfeier als solche, bei der sich die, die auf Christi Tod und Blut vertrauen, einander gegenseitig zu erkennen geben und so vergewissert werden darüber, daß sie durch den Leib des Sohnes Gottes ihr <ref type="term">Leben</ref> haben (599).<note xml:id="n284"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,345,37-346,2.</bibl></note> |</p>
                <p> Man fragt sich unwillkürlich, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> solche Abstraktion erträglich sein konnte. Aber er seinerseits fragt sehr gelassen, ob es nicht «<foreign xml:lang="lat">absurdissimum</foreign>» sei, leibliche und geistliche Speisung in eins zusammenfallen zu lassen (595)?<note xml:id="n285"> <bibl corresp="kbga-bibls-3142">Z 3,339,24f.</bibl></note> Ob das, was in einem Anderen ist, Gottes Verheißung im Element, zugleich dieses Andere selbst sein könne? Ob denn eine geistliche Speisung leiblich genannt werden dürfe und eine leibliche geistlich? Er wählt, da er wählen muß, lieber das Para<pb ed="pga" xml:id="p321" break="no"/>dox dieser Abstraktion als das Paradox der lutherischen Ineinssetzung. |</p>
                <p> Ich wiederhole: Man darf <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht im Licht der kühl-logischen Art betrachten, mit der er sein Paradox zu rechtfertigen versucht hat. Das war nun eben <hi rend="italic">sein</hi> menschlich-vergängliches Teil. Man darf vor Allem nicht, wie es häufig geschieht, nur die notwendig sehr ärmlich ausgestattete untere Parallele seiner Konstruktion ins Auge fassen und sich dann ein Mal über das andere über diese Dürftigkeit entsetzen. Man muß zu sehen versuchen, wie für ihn der Tod Christi ein Blitz ist, der Himmel und Erde, <ref type="term">Geist</ref> und <ref type="term">Fleisch</ref> zunächst weit auseinanderreißt und dann in ganzer Einzigartigkeit in der Mitte steht, verbindend, aber, indem er verbindet, auch immer wieder trennend, die unmittelbarste Quelle von <ref type="term">Geist</ref>, 
                <ref type="term">Leben</ref>, <ref type="term">Glaube</ref>, <ref type="term">Hoffnung</ref> nach der einen Seite, der unendlich ferne Gegenstand der «<foreign xml:lang="lat">commemoratio</foreign>» einer gläubig feiernden <ref type="term">Gemeinde</ref> nach der anderen. Was man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im Ernst vorwerfen kann, ist das, daß er, allzusehr in Kampfstellung, allzusehr auf Klarheit bedacht, die Paradoxie, die auch seiner Anschauung eigen ist, nicht genug herausgearbeitet, den Kreuzestod als das Prinzip einer lebendig bedeutsamen Beziehung zwischen Himmel und Erde und also auch zwischen der geistlichen Speisung und dem Abendmahl nicht lebendig genug zu machen gewußt hat. So bekommt seine Abstraktion gelegentlich dasselbe Tote, Starre, das in gewissen Augenblicken und Beleuchtungen auch der lutherischen Konkretion [anhaftet]. Und wenn man das alles übersieht, ist man unendlich froh darüber, daß nachher  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> kam und dem Anliegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> besser, als dieser selbst es versuchte, zu seinem Rechte verhalf.</p>
                <p> Am 23. November 1524 richteten die <hi rend="italic"><ref type="term">Straßburg</ref>er <ref type="term">Prediger</ref></hi> <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName>, <persName ref="kbga-actors-9819">Zell</persName>, <persName ref="kbga-actors-166">Hedio</persName>, <persName ref="kbga-actors-9817">Altbießer</persName>, <persName ref="kbga-actors-9818">Schwarz</persName>, <persName ref="kbga-actors-9820">Firn</persName> und <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> ein Schreiben an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 5,59</bibl>)<note xml:id="n286"> Brief der <ref type="o">Straßburg</ref>er <ref type="o">Prediger</ref> an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> (23.11.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,381-390 (Nr. 797)</bibl>.</note>, das die damalige Lage in <placeName ref="kbga-places-1242">Süddeutschland</placeName> grell beleuchtet. <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> ist auch dort aufgetaucht und hat große Verwirrung erregt, vor Allem indem er die Briefschreiber tief erschütterte durch seine Abendmahlslehre, aber auch durch seine Einwände gegen die Kindertaufe. Ihre eigene Stellung ihm gegenüber kann man nur als <pb ed="pga" xml:id="p322"/> eine mühsam als Vorsicht verkleidete Ratlosigkeit auffassen. Sie denken, es sei ja noch nicht Alles nach der Regel der heiligen Schrift reformiert. Sie wollen die Frage der Gegenwart oder Nichtgegenwart Christi im Abendmahl am liebsten offen lassen, 
                Brot und Wein seien ja Äußerlichkeiten, und wenn Leib und Blut Christi auch darin anwesend sein sollten, so sei das doch für das <ref type="term">Heil</ref> gleichgültig, denn «das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>]<note xml:id="n287"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,382,29 (Nr. 797).</bibl></note> 
                (nicht weniger als dreimal mußte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dieses Wort in dem einen Brief lesen); Alles komme ja doch auf den rechten Gebrauch, auf die würdige Erinnerung an den Tod Christi an. So sei auch wohl die Taufe nur eine äußerliche Sache. Nur das sei ihnen an <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> anstößig, daß er so heftig gegen ihn, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, polemisiere. Sie übersenden ihm zugleich unter den Ausdrücken höchster Mißbilligung die Diatribe des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> und fügen, ahnungslos, wie sehr <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> aus ihnen redete, hinzu: «<foreign xml:lang="lat">pereat linguae latinae decor, pereat eruditionis miraculum, quo Christi gloria obscuratur</foreign>.»<note xml:id="n288"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,387,222f. (Nr. 797).</bibl></note> 
                Dann ausführliche Mitteilungen und Fragen über Abschaffung der Bilder, Gestaltung des <ref type="term">Gottesdienst</ref>es und dergl. Zum Schluß die Bitte, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, an dessen Munde «Tausende wie am Munde Gottes hingen», möchte ihnen raten. «Antworte aber», wagen sie hinzuzufügen, «ohne Gereiztheit». «Wir danken Christus, der gegeben hat, daß du zur Widerlegung deiner Lehren fast nirgends ein Fenster offen gelassen hast, so daß <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> nur äußerliche Dinge, die für das <ref type="term">Heil</ref> gleichgültig sind, benagen kann.»<note xml:id="n289"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,387,226-228.237.240–243 (Nr. 797).</bibl></note> 
                Man vergleiche den Brief dieser unsicheren Kantonisten mit irgendeiner Äußerung von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> oder <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, so sieht man, wie sich damals führende von geführten, wenngleich nicht unbedeutenden Männern unterschieden. Gleichzeitig ging von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> ein Brief des entschlossenen Lutheraners <persName ref="kbga-actors-9483">Nicolaus Gerbel</persName> an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ab, in dem die Lage noch düsterer geschildert wird und in dem es von den <ref type="term">Straßburg</ref>er Theologen heißt: sie hangen bald dir, bald <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> an, sie wanken, sie schwanken, wem sie folgen sollen, dir oder ihm, da sie glaubten, beide verträten dasselbe. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> möchte doch ja bald und energisch eingreifen (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 5,56[-58]</bibl>).<note xml:id="n290"> Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> (22.11.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,378-381 (Nr. 796)</bibl>.</note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p323" rend="noPipe"/> Dies geschah denn auch in der Zuschrift  <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2077">An die Christen</bibl></hi> 1524 (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,270[-277]</bibl>)<note xml:id="n291"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,391-397 (Nr. 805).</bibl></note>, einem Dokument, in dem sich <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Art, durch kleine Fragen und kleine Geister mit kühner Unbedingtheit mitten hindurchzugehen, in glänzendstem Licht zeigt. «Wo unser Evangelion das rechte Evangelion ist, wie ich denn kein Zweifel habe und gewiß bin, so muß das auch folgen vonnöten, daß es zu beiden Seiten angefochten, versucht und bewährt werde, zur Linken durch äusserlich Schmach und Haß der Widerwärtigen: zur Rechten durch unser eigen Zertrennung und Zwietracht …»<note xml:id="n292"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,392,17-21 (Nr. 805).</bibl></note>  
               «Meine allerliebsten Freunde, ich bin euer <ref type="term">Prediger</ref> nicht, niemand ist mir auch schuldig zu glauben, ein jeglicher sehe auf sich. Warnen mag ich jedermann; wehren kann ich niemand.»<note xml:id="n293"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,393,6-8 (Nr. 805).</bibl></note> Was macht <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>? «Er fällt heraus auf die äußerlichen Dinge mit solchem Ungestüm, als läge die ganze Macht eines christlichen <ref type="term">Wesen</ref>s an dem Bildstürmen, <ref type="term">Sakrament</ref>stürzen und <ref type="term">Taufe</ref>hindern, und wollt gern mit solchem Rauch und Dampf die ganze Summe und Licht des Evangelion und die Hauptstück christlichen Glaubens und Wesens verdunkeln.»<note xml:id="n294"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,393,18-22 (Nr. 805).</bibl></note>  
               «So ist nun mein treuer Rat und Warnunge, daß ihr euch fürsehet und auf der einigen Frage beharret, was doch einen zum Christen mache, und laßt beileibe kein andere Frage noch Kunst dieser gleich gelten. Bringt jemand etwas auf, so fahet an und sprecht: Lieber, macht dasselb auch einen Christen oder nit? Wo nit, so laßt es ja nit das Hauptstuck sein noch mit ganzem Ernst drauf fallen.»<note xml:id="n295"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,394,1-6 (Nr. 805).</bibl></note> Dann jene schon mitgeteilte Stelle über seine eigene frühere Anfechtung in der Abendmahlssache, mit der Bemerkung, er habe «auch zween gehabt, die geschickter zu mir geschrieben haben denn D. <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadt</persName> und nicht also die Wort gemartert nach eigenem Dünken».<note xml:id="n296"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,394,17-19 (Nr. 805)</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p299#p299">S. 299f.</ref></note> 
                (Ob damit <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName> und <persName ref="kbga-actors-4083">Franz Kolb</persName> gemeint sind?). Aber ich bin gefangen usf., der Text ist zu gewaltig da. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> fährt dann fort, «soviel er einen  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> spüre»<note xml:id="n297"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,394,23f. (Nr. 805).</bibl></note>, sei er leider allzu geneigt dazu, also zu einer <pb ed="pga" xml:id="p324"/> symbolistischen Auffassung, <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> aber fechte ihn nicht nur wenig an in dieser Richtung, sondern «wenn ichs vorhin <hi rend="italic">nit</hi> hätte geglaubt, würde ich durch solche lose, lahme Possen, ohn alle Schrift allein aus <ref type="term">Vernunft</ref> und Dünken gesetzt, allererst glauben, daß seine Meinungen müßten nichts sein, als ich hoffe Jedermann sehen soll, wenn ich nun antworte»<note xml:id="n298"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,394,25-29 (Nr. 805).</bibl></note> (Wider die himmlischen <ref type="term">Propheten</ref>!). |</p>
                <p> Das ist das Einzige, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu der Abendmahlssache beibringt. Es hätte sich vielleicht gelohnt, wenn er näher darauf eingetreten wäre, aber das Verständnis dafür, in wie weiten Kreisen seine Abendmahlslehre oder vielmehr das in ihr, worin sie der hergebrachten ähnlich war, als ein Problem empfunden wurde, wie viele hier nach einer neuen Lösung aussahen, dieses Verständnis ist ihm damals wie später ganz abgegangen. Ich führe aus dem Schluß des Briefes noch einige Sätze an, weil sie für das Licht bezeichnend sind, in dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die ganze unruhige Gesellschaft derer um <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>, zu denen für ihn damals schon auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gehörte, gesehen hat: «Ich merke wohl, 
                der Teufel sucht nur Ursache, daß man von uns Menschen, wie fromm oder böse wir sein, schreiben und lesen solle, damit der Hauptsache Christi geschwiegen und den Leuten das Maul mit neuer Zeitung aufgesperrt werde. Ein Jeglicher sehe nur auf die stracke Bahn, was <ref type="term">Gesetz</ref>, Evangelion, Glaube, Christus Reich, christliche <ref type="term">Freiheit</ref>, <ref type="term">Liebe</ref>, Geduld, Menschen<ref type="term">gesetz</ref> und dergl. sei, daran haben wir gnug zu lernen ewiglich. Ob du dieweil nit Bilde brichst, tust darum kein Sünde, ja ob du gleich nit zum <ref type="term">Sakrament</ref> gehst, kannst du dennocht durchs Wort und Glauben selig werden. 
                Es ist dem Teufel nur darumb zu tun, daß er uns in dieser fährlichen Nacht die Augen von unsrer Lucern wende und führe uns mit seinen fliegenden Bränden und Lichten aus der Bahn. Und bitte eure Evangelisten und Brüder, daß sie euch von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadt</persName> weisen und immer auf Christum richten: nit wie <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstad</persName> allein auf die Werk Christi, wie Christus ein Exempel sei, welchs das geringst Stuck an Christo ist, darin er andern Heiligen gleich ist, sunder wie er ein Geschenk Gottes oder, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, Gottes Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, <ref type="term">Erlösung</ref>, Heiligung, uns gegeben.»<note xml:id="n299"> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">WA 15,396,5-21 (Nr. 805).</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p325" rend="noPipe"/> Am Tag darauf, dem 16. Dezember 1524, richtete auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einen <hi rend="italic">
                Brief an die <ref type="term">Straßburg</ref>er</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,615[-626]</bibl>)<note xml:id="n300"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9400">Franz Lambert</persName> und die anderen Brüder in <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (16.12.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,261-278 (Nr. 355)</bibl>.</note>, den er ihnen als Antwort auf eine Reihe von Anfragen politisch-kirchlicher <ref type="term">Natur</ref> und zuletzt auch in Bezug auf die Abendmahlslehre des <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> schuldig war. Er legt ihnen eine Kopie seines Schreibens an <persName ref="kbga-actors-9482">Alber</persName> bei mit derselben Mahnung, vorsichtig damit umzugehen, die er diesem selbst auferlegt hatte. Was soll man davon denken, wenn er dazu bemerkt, als <persName ref="kbga-actors-2083">Mykonius</persName> ihn gelesen habe, da habe er darauf aufmerksam gemacht: «<foreign xml:lang="lat">quendam magni nominis virum refellere hanc sententiam, qua putamus ‹est› pro ‹significat› vel ‹symbolum est› esse positum</foreign>»<note xml:id="n301"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,276,2-4 (Nr. 355).</bibl></note>, 
                und habe ihm ein Büchlein geschickt. Nachdem er dies bis zum dritten Quartbogen gelesen, habe er darin den Grundsatz angewandt gefunden, den auch er selbst in dem genannten Schreiben angewandt habe, nämlich der <hi rend="italic">Glaube</hi> sei es, der uns die reine Meinung der Schrift (vom Abendmahl) eröffne. Aber unterdessen wundere ich mich sehr, daß dieser Mann sich durch den Glauben nicht gedrungen fühlte, zuzugeben, das Wort <hi rend="italic">«est»</hi> müsse eine andere Bedeutung haben, besonders da Christus sagt: 
                Das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze. Der <ref type="term">Geist</ref> ist’s, der lebendig macht. Die Worte[, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und Leben] [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>]. Denn keine Kreatur darf nach diesem Ausspruch und Rat Christi dem Leib Christi nachfragen, da auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bestreitet, daß wir Christus fernerhin nach dem <ref type="term">Fleisch</ref>e kennen [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16</ref>], und im Hebräerbrief betont, daß er zur Rechten Gottes sitze und warte, bis er alle seine Feinde als Schemel unter seine Füße lege [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.10.12 Hebr.10.13">Hebr. 10,12f.</ref>].<note xml:id="n302"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,276,4-16 (Nr. 355).</bibl></note> |</p>
                <p> Diese Stelle ist nicht nur darum interessant, weil hier zum ersten Mal bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> diese Betonung des Sitzens Christi zur Rechten Gottes vorkommt, ein Argument, das noch eine große Rolle spielen sollte.<note xml:id="n303"> Satz mit Rotstift am Mskr.-Rand  angekreuzt. Bleistiftnotiz: «<bibl corresp="kbga-bibls-2853">S. 625; <persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,305</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1906">S III,625</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 305</bibl>.</note> 
                Wer ist der «<foreign xml:lang="lat">vir magni nominis</foreign>» und was war das für ein Büchlein, in dem <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bis auf den dritten Quartbogen lesend immer wieder auf das Prinzip des Glaubens stieß, um dann doch verwundert <pb ed="pga" xml:id="p326"/> feststellen zu müssen, daß er dem Worte «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» keine andere Bedeutung zugestehen wolle? Warum schreibt er diese Lesefrucht und Reflexion den <ref type="term">Straßburg</ref>ern und warum so geheimnisvoll? Man scheint, soweit ich sehe, merkwürdigerweise bis jetzt gemeint zu haben, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> rede von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName><note xml:id="n304"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,276, Anm. 24</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O., Bd. II, S. 305</bibl>.</note>, 
                während es mir ganz deutlich scheint, daß wir hier einen zweiten, bereits kräftiger zugreifenden Vorstoß gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vor uns haben. Und zwar kann der «<foreign xml:lang="lat">libellus</foreign>», in dem das «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» bekämpft wird, nur <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift an die böhmischen Brüder gewesen sein. Mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ja in dem Schreiben an <persName ref="kbga-actors-9482">Alber</persName> abgerechnet, inzwischen war ihm <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift bekannt geworden, und er hat seine vorläufige Antwort darauf in dieser vorsichtigen und doch in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> sicher sofort verstandenen Weise als Ergänzung jenes Schreibens untergebracht. |</p>
                <p> Nach einem Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,375[-377]</bibl>)<note xml:id="n305"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (31.12.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,279-283 (Nr. 356)</bibl>.</note> hat die Zusendung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> größeren Eindruck gemacht als der Brief <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, was uns nach dem sturmreifen Zustand, in dem wir die <ref type="term">Straßburg</ref>er angetroffen haben, nicht wundern kann. Insbesondere scheint dies von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName></hi> gegolten zu haben, von dem <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> nicht gerade schmeichelhaft schreibt: «Er ist mit Händen und Füßen deiner Ansicht beigetreten, früher war er der lutherischen Ansicht geneigter, doch glaube ich, daß der scharfsinnige und sorgfältige Mann sie immer mehr aus Opportunitäts- als aus <ref type="term">Wahrheit</ref>sgründen vertreten hat.»<note xml:id="n306"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,279,12-280,1 (Nr. 356).</bibl></note> So war der erste wichtige Schritt zum Eindringen der zwinglischen Lehre in <placeName ref="kbga-places-1242">Süddeutschland</placeName> getan. Er sollte Vieles nach sich ziehen.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">[19.I.23]<note xml:id="n307"> Da am 18.I.23 der Dies academicus an der Göttinger Georg-August-Universität stattfand (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p135#p135">S. 135</ref></bibl>), dürfte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die nicht mit Datum versehene Vorlesungsstunde am 19.I.23 gehalten haben.</note> </date>
                 Als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> Ende 1524 und Anfang 1525 die beiden Teile seiner großen Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-2044"><hi rend="italic">«Wider die himmlischen <ref type="term">Propheten</ref>, von den Bildern</hi> <hi rend="italic"> und <ref type="term">Sakrament</ref></hi></bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">29,134-297</bibl>)<note xml:id="n308"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,62-125</bibl>.134–214.</note> herausgab, gab er sich kaum Rechenschaft darüber, wie verbreitet die Bedenken gegen seine Abendmahlslehre damals in <placeName ref="kbga-places-1242">Süddeutschland</placeName> bereits waren. Er wußte von 
                 dem «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» = «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» aus der Schrift der Böhmer und aus der Epistel des <pb ed="pga" xml:id="p327"/> <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName>, er wußte ferner aus dem Brief des <persName ref="kbga-actors-4083">Franz Kolb</persName>, daß diese Anschauung auch von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vertreten werde; er hat sie trotzdem in seiner Schrift nicht erwähnt noch bekämpft, sondern sich ganz auf <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> geworfen, nach einem Brief an <persName ref="kbga-actors-4166">Spalatin</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName> 5,82</bibl>) der Meinung, damit «volle Antwort» zu geben.<note xml:id="n309"> Brief an <persName ref="kbga-actors-4166">Georg Spalatin</persName> (14.12.1524), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,399,12 (Nr. 804)</bibl>. Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «cf. <bibl corresp="kbga-bibls-496">65,180</bibl>!»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2079"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Erste Vorrede zum Schwäbischen Syngramm</hi> (1526), WA 19,457,1-23</bibl>.</note> Wir müssen dieser Schrift trotzdem unsere Aufmerksamkeit zuwenden, weil sie uns ein ziemlich erschöpfendes Bild gibt von der <hi rend="italic">Blickrichtung</hi>, in der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgetaucht war und in der er ihn von da an immer gesehen hat.</p>
                <p> Was hatte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>? Indem ich alles Äußerlich-Historische als bekannt voraussetze und Alles, was klar auf persönlichem Ressentiment beruhte, so interessant und amüsant es wäre, bei Seite lasse, sehe ich folgendes Bild: <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wirft <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> nicht mehr und nicht weniger vor, als daß er von Christo nichts verstehe (194)<note xml:id="n310"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,115,20-28.</bibl></note>; er habe sich ergeben und erwegen zu sein ein öffentlicher Feind Gottes und wolle in die Hölle so mehr rennen als traben (290)<note xml:id="n311"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,207,25f.</bibl></note>, 
                ja <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wagt geradezu den Schwur: «Wenn D. <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadt</persName> gläubt, daß irgend ein Gott sei im Himmel und Erden, so soll mir Christus mein Herr nimmer mehr hold noch gnädig sein» (283).<note xml:id="n312"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,202,4-6.</bibl></note> Es ist nicht leicht, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Begründung dieser lapidaren Anklage auf eine einheitliche Formel zu bringen. Am deutlichsten und einheitlichsten spricht wohl der folgende Satz: «Was Gott vom innerlichen Glauben und <ref type="term">Geist</ref> ord­net, da machen sie ein menschlich Werk aus. Wiederum, was Gott vom äußerlichen Wort und Zeichen und Werken ordnet, da machen sie einen innerlichen Geist aus» (211.245).<note xml:id="n313"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,139,2-5;168,27-30.</bibl></note> 
                Der erste Teil der Schrift bewegt sich scheinbar ganz in der ersten Richtung. <hi rend="italic">«Die</hi> <ref type="term">Gnade</ref> hält Gott dennoch allzeit steif über der <ref type="term">Welt</ref>, daß er <hi rend="italic">keinen</hi> falschen <ref type="term">Propheten</ref> läßt <hi rend="italic">anders</hi> fürnehmen, denn etwas <hi rend="italic">äußerliches:</hi> als da sind Werk und subtile spitze Fündlein von äußerlichen Dingen. Keiner nimmt sich an des Glaubens und guten <ref type="term">Gewissen</ref>s vor Gott, sondern allein was <pb ed="pga" xml:id="p328"/> gleisst und scheinet vor der <ref type="term">Vernunft</ref> und <ref type="term">Welt</ref>» (137).<note xml:id="n314"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,63,6-11.</bibl></note> 
                Es handelt sich um <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Radikalismus in Bezug auf die Reform des <ref type="term">Gottesdienst</ref>es. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kann darin nichts Anderes sehen als «ein <ref type="term">Gesetz</ref> Werk, ohn <ref type="term">Geist</ref> und Glauben geschehen» (146).<note xml:id="n315"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,71,17f.</bibl></note> Lieber gibt er sich die Mühe, für die Erlaubtheit der <hi rend="italic">Bilder</hi> <hi rend="italic">in den <ref type="term">Kirche</ref>n</hi>, die er doch auch entfernen wollte, einen kleinen Schriftbeweis zu führen (142f.)<note xml:id="n316"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,68,4-69,15.</bibl></note>, 
                lieber stellt er die Theorie auf, daß das Gesetz <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> mit dem Bilderverbot nur verbindlich sei, soweit es mit dem <ref type="term">Natur</ref>­recht übereinstimme, im übrigen aber sei es «der <ref type="term">Juden</ref> Sachsenspiegel», der andere Völker nicht verpflichte (156f.150)<note xml:id="n317"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,81,4-17;76,4f.</bibl></note>, lieber spricht er, um <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> zu ärgern, den Gedanken aus, es möchte ein christlich Werk sein, «wie Gott die <ref type="term">Welt</ref> schuf, wie <persName ref="kbga-actors-2233">Noah</persName> die Arca bauet und was mehr guter Historien sind», ja die ganze Bibel inwendig und auswendig an den Häusern zu malen (158)<note xml:id="n318"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,82,29-83,5.</bibl></note>, 
                als daß er den «mörderischen Geistern» gestatten würde, aus der Bildnerei <ref type="term">Sünde</ref>, «<ref type="term">Gewissen</ref> zu machen, da keins ist, und <ref type="term">Gewissen</ref> zu morden ohne Not» (148).<note xml:id="n319"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,73,13f.</bibl></note> Aufs Neue will er nun, er, der seit vielen Jahren dagegen gekämpft, das <hi rend="italic"> Sakrament ein Opfer</hi> nennen, nur weil «mirs der Gott dieses Rottengeistes, der Teufel, wehren will, ich solls nicht so heißen» (185).<note xml:id="n320"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,107,31-34.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ging damit um, die deutsche <ref type="term">Messe</ref> einzuführen: «Nu aber der Schwärmergeist drauf dringet, es müsse sein, … will ich mir die Weile nehmen und weniger dazu eilen denn vorhin nur zu Trotze den Sündenmeistern und Seelmördern, die uns zu Werken nötigen» (203).<note xml:id="n321"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,123,24-28.</bibl></note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> hat das <hi rend="italic">Wort «<ref type="term">Sakrament</ref>»</hi> überhaupt angefochten. Antwort: «Weil denn dieselbige christliche <ref type="term">Freiheit</ref> über diesem Wörtlein und Namen (Sacrament) Not leidet, bist du hinfort schuldig, diesen Teufels <ref type="term">Propheten</ref> zu Trotz und wider, das <ref type="term">Abendmahl</ref> Christi ein Sacrament zu heißen: und wo du bei ihnen bist, oder zu ihnen kommst, mußt du es ein Sacrament heißen, nicht daß dirs deins <ref type="term">Ge<pb ed="pga" xml:id="p329" break="no"/>wissen</ref> halben not sei, sondern daß es Not ist, die christliche <ref type="term">Freiheit</ref> zu bekennen» (215).<note xml:id="n322"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,142,10-16.</bibl></note>  
               «Denn ehe ich dem seelmördischen <ref type="term">Geist</ref> wollt ein Haarbreit oder ein Augenblick weichen, unsre <ref type="term">Freiheit</ref> zu lassen, ich wollt ehr noch Morgen so ein gestrenger Münch werden und alle Klosterei so fest halten, als ich je getan habe. Es ist hie kein Scherz mit der <hi rend="italic">christlichen <ref type="term">Freiheit</ref></hi>, die wollen wir so rein und unversehrt haben als unsern Glauben, wenn auch ein Engel vom <ref type="term">Himmel</ref> anders sagte» (195).<note xml:id="n323"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,116,4-9.</bibl></note> «Lehren und Tun», sagt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, «soll man von einander scheiden weit wie Himmel und Erden. <hi rend="italic">Lehren</hi> gebührt alleine Gott, der hat Recht und Macht zu gebieten, verbieten, Meister zu sein über die <ref type="term">Gewissen</ref>. Tun aber und lassen gehört uns zu, daß wir Gottes Gebot und <ref type="term">Lehre</ref> halten» (190).<note xml:id="n324"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,112,10-13.</bibl></note> 
                Der Papst gebietet, was <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> verbietet. «Wir aber gehen auf der Mittelbahn und sagen: es gilt weder Gebietens noch Verbietens, weder zur Rechten noch zur Linken, wir sind weder päpstisch noch karlstadtisch, sondern frei und christisch», zu tun oder zu lassen, «wie, wo, wenn, wie lange es uns gelüstet». «Das Tun schadet nicht, die <hi rend="italic"><ref type="term">Lehre</ref></hi> aber ist der Teufel … Das Lassen schadet nicht, das <hi rend="italic">Lehren</hi> aber ist der Teufel» (191).<note xml:id="n325"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,112,33-113,1.14–17.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> positive Meinung ist, man müsse «die <ref type="term">Herz</ref>en» unterrichten über das, was zu tun und zu lassen sei (142).<note xml:id="n326"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,67,18-21.</bibl></note> 
                Kein Exempel «auch von Christo selbs nicht, schweige von andern Heiligen» dürfe dafür maßgebend sein, «es sei denn <hi rend="italic">Gottes Wort</hi> dabei, das uns deute, welchem wir folgen oder nicht folgen sollen» (193).<note xml:id="n327"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,114,25-27.</bibl></note> «Hüt dich, wo du nicht Gottes Wort hörest, das dich heißt oder verbeut, da irre und kehre dich <hi rend="italic">nicht</hi> an, wenns ­gleich Christus <hi rend="italic">selbst</hi> tät.» «Das Wort, das Wort solls tun, hörest du nicht?» (195[f.]).<note xml:id="n328"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,116,28-117,4.</bibl></note> |</p>
                <p> Aber was ist Gottes Wort? Wie läßt es sich beweisen, daß nicht auch <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> mit seinem Bildersturm von der christlichen <ref type="term">Freiheit</ref> Gebrauch gemacht oder vielmehr Gottes Wort Gehorsam geleistet hat? Die Antwort <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> ist merkwürdig, denn sie erfolgt auf einmal vom <pb ed="pga" xml:id="p330"/> gerade entgegengesetzten Gesichtspunkt aus. Der Vorwurf der falschen Äußerlichkeit schlägt auf einmal um in den der falschen Innerlichkeit. Das ist <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Fehler, heißt es nun, daß er «<persName ref="kbga-actors-2228">Mosis</persName> Gebot <hi rend="italic">nicht auf die ordentliche Obrigkeit</hi>, sondern auf den unordigen Pofel» gedeutet habe (163).<note xml:id="n329"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,86,27-29.</bibl></note> 
                Er «tut dasselb nicht mit Gottes <ref type="term">Gesetz</ref>, sondern mit seim <hi rend="italic">eigen Dünkel und Frevel</hi>, daß er nicht allein ferne vom Evangelio, sondern auch noch nicht ein Mosischer Lehrer ist und rühmet doch immer Gotts Wort, Gotts Wort: gerade als wäre es drumb so bald Gotts Wort, daß man Gotts Wort sagen kann. Wie denn gemeiniglich nichts hinter denen ist, die viel Rühmens von Gotts Wort machen» (149).<note xml:id="n330"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,73,28-74,1.</bibl></note> «Der Teufel kann die Biblien und Schrift neben andern Künsten auch wohl» (169).<note xml:id="n331"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,93,8f.</bibl></note> 
                Aber was dann? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sagt: «Sollt der Teufel bersten, so wird er das ja nicht mögen leugnen, daß die <hi rend="italic">Fürsten zu <ref type="term">Sachsen</ref></hi> sitzen in weltlicher <ref type="term">Obrigkeit</ref> von Gott verordnet, Land und Leute sind ihm ja unterworfen. Was mag denn das nur für ein <ref type="term">Geist</ref> sein, der solch gottliche Ordnung veracht …?» (171).<note xml:id="n332"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,95,10-13.</bibl></note> «Soll aber solch sein Frevel aus innerlichem Rufen Gottes geschehen sein, so ists Not, daß ers mit <ref type="term">Wunder</ref>zeichen beweise; denn Gott bricht seine alte Ordnung nicht mit einer neuen, er tu denn große Zeichen dabei. Darumb kann man niemande gläuben, der auf seinen <hi rend="italic"><ref type="term">Geist</ref> und inwendig Fühlen</hi> sich beruft, und auswendig wider <hi rend="italic">gewöhnliche Ordnung</hi> Gottes tobet, er tu denn <ref type="term">Wunder</ref>zeichen dabei» (173).<note xml:id="n333"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,96,27-97,5.</bibl></note> 
                Das ist’s, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dem <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> schließlich vorwirft: «Grauen Rock und Filzhut tragen, nicht wollen Doctor heißen, sondern Bruder Andres und lieber Nachbar wie ein ander Bauer … und also mit eigener erwählter Demut und Untertänigkeit, die Gott nicht gebeut, wollen der sonderlichen Christen einer gesehen und gerühmet sein, als stünde christlich <ref type="term">Wesen</ref> in solchem äußerlichen Gaukelwerk, und doch dieweil streben und fahren wider Pflicht, Ehre, Gehorsam, Gewalt und Recht der Landsfürsten und weltlicher <ref type="term">Obrigkeit</ref>, die Gott geboten hat» (177).<note xml:id="n334"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,100,27-101,6.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p331" rend="noPipe"/> Es scheint, das sei nicht ganz dasselbe wie die Attacke auf die christliche <ref type="term">Freiheit</ref>, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ihm zuerst vorgeworfen hat, und es ist doch dasselbe. Die christliche Haltung, die er an <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> vermißt, ist nach ihm bezeichnet durch die «<foreign xml:lang="lat">toto coelo</foreign>» verschiedenen und doch sich deckenden Begriffe der <hi rend="italic">christlichen <ref type="term">Freiheit</ref></hi> im Gegensatz zu allen Meinungen und <ref type="term">Gesetz</ref>en, zu allen Exempeln, und wäre es das Vorbild Christi, zu allen Satzungen, und wäre es der Wortlaut der Bibel, und der<note xml:id="n335"> Mskr.: «den der»; Korrektur vom Hrsg.</note> <hi rend="italic">bürgerlichen <ref type="term">Ordnung</ref></hi> im Gegensatz zu allem Eigendünkel, <ref type="term">Geist</ref> und inwendigen Dünkel des Einzelnen und vor Allem des «Pofel», des «Er Omnes», mit dem nicht zu scherzen ist (164).<note xml:id="n336"> <bibl corresp="kbga-bibls-3144">WA 18,88,13.15.20.</bibl></note> 
                Das im Glauben ergriffene Schriftwort und der Kurfürst von <ref type="term">Sachsen</ref> sind Korrelatbegriffe, was dazwischen liegt<hi rend="italic">, das</hi> ist das für die christliche Haltung maßgebende «Wort Gottes». Das hat <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> nicht begriffen, hat aus dem Innerlichen ein Äußeres und umgekehrt aus dem Äußerlichen ein Inwendiges gemacht, beidemal verkehrt, und sich <hi rend="italic">damit</hi> in seiner Gottlosigkeit erwiesen.</p>
                <p> Der Kampf gegen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> <hi rend="italic">Abendmahlslehre</hi> verläuft nun gerade in dem gleichen Schema. Nur daß hier das zweite Moment im Vordergrund steht, die immer wiederkehrende Anklage, daß <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> innerlich oder wie es nun heißt <hi rend="italic">geistlich</hi> macht, was Gott <hi rend="italic">leiblich</hi> haben will (245.248.252.260).<note xml:id="n337"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,168,27f.;171,32-34;175,9-18;181,23-25.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Kanon lautet: «Gott will niemand den Geist noch Glauben geben ohn das äußerliche Wort und Zeichen» (208).<note xml:id="n338"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,136,17f.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> aber meint: «<hi rend="italic">Der <ref type="term">Geist</ref>, der Geist, der Geist</hi> muß es inwendig tun. Sollte mir Brot und Wein helfen? Sollt das Hauchen über das Brot Christum ins Sakrament bringen? Nein, nein, man muß Christi <ref type="term">Fleisch</ref> geistlich essen, die <ref type="term">Wittenberg</ref>er wissen nichts drum, sie stehlen den Glauben aus den Buchstaben - und der prächtigen Worte viel, daß wer den Teufel nicht kennet, möcht wohl meinen, sie hätten fünf heilige Geiste bei sich. Wenn man sie aber fragt, wie <hi rend="italic">kommt</hi> man denn zu demselbigen hohen Geist hinein? So weisen sie dich nicht aufs äußerliche <ref type="term">Evangelium</ref>, sondern ins <hi rend="italic">Schlauraffenland</hi> … Siehest du da den Teufel, den Feind göttlicher Ordnung? Wie <pb ed="pga" xml:id="p332"/> er dir mit den Worten <hi rend="italic">Geist, Geist, Geist</hi> das Maul aufsperret und doch dieweil beide Brucken, Steg und Weg, Leiter und alles umreißt, 
                <hi rend="italic">dadurch der <ref type="term">Geist</ref> zu dir kommen soll</hi>, nämlich die <hi rend="italic">äußerliche Ordnung Gottes</hi> in der leiblichen <ref type="term">Taufe</ref>, Zeichen und mündlichem Wort Gottes, und will dich lehren, nicht wie der Geist zu dir, sondern wie du zum Geist kommen sollt, daß du sollt lernen auf den Wolken fahren und auf dem Winde reiten; und sagen doch nicht, wie oder wenn, wo oder was, sondern sollsts <hi rend="italic">erfahren</hi> selbst wie sie» (209f.).<note xml:id="n339"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,136,32-137,19.</bibl></note> Des <hi rend="italic">Teufels</hi> Meinung ist, «das ganze Sakrament und alle äußerliche Gottesordnung aufzuheben, daß man alleine mit dem <ref type="term">Herz</ref>en auf den Geist gaffe innerlich, wie diese <ref type="term">Propheten</ref> lehren» (260).<note xml:id="n340"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,181,19-22.</bibl></note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>  eigene Anschauung demgegenüber ist folgende: Man muß unterscheiden zwischen<note xml:id="n341"> Mskr.: «von»; Änderung vom Hrsg.</note> der einmaligen <hi rend="italic">Erwerbung</hi> der Vergebung unserer <ref type="term">Sünde</ref>n am Kreuz und ihrer <hi rend="italic">Austeilung</hi>, die von Anfang der <ref type="term">Welt</ref> an geschehen ist und bis an ihr Ende geschehen wird. «Will ich nun meine <ref type="term">Sünde</ref> vergeben haben, so muß ich nicht zum Kreuze laufen; denn da finde ich sie noch nicht ausgeteilet; ich muß mich auch nicht zum Gedächtnis und <ref type="term">Erkenntnis</ref> halten des Leidens Christi, wie <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> alfenzt; denn da finde ich sie auch nicht: sondern zum <ref type="term">Sakrament</ref> oder Evangelio, da finde ich das <hi rend="italic">Wort</hi>, das mir solche erworbene <ref type="term">Vergebung</ref> am Kreuz austeilt, schenkt, darbeut und gibt» (286).<note xml:id="n342"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,203,39-204,4.</bibl></note> Brot und 
                Wein helfen nichts; ja auch der Leib und Blut in Brot und Wein helfen nichts. «Ich will noch weiter reden: Christus am Kreuze mit alle seinem Leiden und Tod hilft nichts, wenns auch aufs allerbrünstigest, hitzigest, herzlichst erkannt und bedacht wird, wie du lehrest, es muß alles noch ein anders da sein. Was denn? Das Wort, das Wort, das Wort, hörest du Lügengeist auch, das <hi rend="italic">Wort</hi> tuts? Denn ob Christus tausendmal für uns gegeben und gekreuzigt würde, wäre es alles umsonst, wenn nicht das Wort Gottes käme und <hi rend="italic">teilets</hi> aus und <hi rend="italic">schenket</hi> mirs und spräche: das soll dein sein, nimm hin und habe dirs!» (284).<note xml:id="n343"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,202,33-203,2.</bibl></note>  
                  «Darum hat der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> recht gelehret, daß wer ein bös <ref type="term">Gewissen</ref> hat von <ref type="term">Sün<pb ed="pga" xml:id="p333" break="no"/>de</ref>n, der solle zum Sakrament gehen und Trost holen, nicht am Brot und Wein, nicht am Leibe und Blut Christi, sondern am Wort, das im Sakrament mir den Leib und Blut Christi, als für mich gegeben und vergossen, darbeut, schenkt und giebt. Ists nicht klar genug?» (286).<note xml:id="n344"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,204,4-9.</bibl></note> Das ist allerdings in sich ziemlich klar, besonders wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dann noch mit einer für seine These höchst gefährlichen Dialektik hinzufügt: «Wo gleich eitel Brot und Wein da wäre, wie sie sagen, so aber doch das Wort­ da wäre: nehmet hin, ­das ist mein Leib für euch gegeben etc., so wäre doch desselben Worts halben im Sakrament Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n» (286).<note xml:id="n345"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,204,15-18.</bibl></note>  
               «Das sage ich, wenn dieselben Wort ein Esel, wie Balaams Esel war, ja wenn sie ein Teufel selbst spräche, dennoch sind es Gottes Wort und dafür zu halten in allen Ehren, wie sichs gebührt» (283).<note xml:id="n346"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,202,10-13.</bibl></note> «Gleichwie wir in der <ref type="term">Taufe</ref> eitel Wasser bekennen; aber weil das Wort Gotts drinnen ist, das die <ref type="term">Sünde</ref> vergiebt, sagen wir frei mit <persName ref="kbga-actors-313">St. Paulo</persName>, die <ref type="term">Taufe</ref> sei ein Bad der Wiedergeburt und Erneuerung [<ref type="can" subtype="bible" target="Tit.3.5">Tit. 3,5</ref>], … es liegt alles am Wort» (286).<note xml:id="n347"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,204,18-21.</bibl></note> |</p>
                <p> Wieder möchte man fragen: Aber was ist das «Wort», von dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> da redet? Wie unterscheidet es sich eigentlich von dem, was <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> «<ref type="term">Geist</ref>, Geist, Geist» nennt? Sind alle diese Abstraktionen von der geschichtlichen <ref type="term">Versöhnung</ref>stat und von der auf sie gerichteten inneren Erfahrung nicht stärkster blutleerster Spiritualismus? Wie kommt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dazu, <hi rend="italic">diesen</hi> Begriff von Wort als «äußerliche Gottesordnung» gegenüber dem Geisttreiben <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> aufrichten zu wollen? Wie mag er dazu kommen, <hi rend="italic">damit</hi> seine Anschauung von der Gegenwart von Leib und Blut Christi in Brot und Wein zu begründen, nachdem er ausdrücklich gesagt, 
                daß das Wort auch ohne diese wirksam sei und daß auch in dem gegenwärtigen Leib und Blut nur das Wort das Wirksame und Heilsame sei? Aber so kann man bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht fragen. Es scheint sonnenklar zu sein, daß er sich hier selber in höchste Nähe von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> begeben habe. Er hat es auch getan, aber nur um zu demonstrieren: Ich weiß das alles auch, viel besser als ihr, was ihr da zu wissen meint, vom Wort, das <pb ed="pga" xml:id="p334"/> nicht dies und das, nichts Menschliches, Einmaliges, Dingliches, sondern eben <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort ist, aber schon ist er wieder umgekehrt: Wir brauchen bloß darauf zu achten, wie das 
                Wort ihm ja beständig viel mehr als Wort, sondern - wiederum als <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort - sofort Darbietung, Geschenk, Gabe bedeutet. Das ist aber nichts Anderes als die Rückkehr zum Gegeben[en], ins Endliche, ins Dingliche, ins Äußerliche, gerade dorthin, wohin ihm <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wenn auch mit sehr verschiedener Begründung, nicht folgen wollten. Alles kann er angesichts dieser Dynamik seines Wortbegriffs dem Gegner preisgeben: Natürlich ist das Sakrament niemand nütze, er nehme es denn im Glauben (274).<note xml:id="n348"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,193,34-194,15.</bibl></note> 
                Natürlich kommt Christus nicht vom <ref type="term">Himmel</ref> herunter (288).<note xml:id="n349"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,206,10.</bibl></note> Natürlich ist er nur verborgen und nicht sichtbar im Sakrament (295).<note xml:id="n350"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,212,11-13.</bibl></note> Natürlich können und wollen wir nicht erforschen, wie es zugeht, daß unser Brot Christi Leib sei und wird (289).<note xml:id="n351"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,206,20f.</bibl></note> Aber: «Gottes Wort ist da, das sagts, da bleiben wir bei und gläubens, da beiß dich mit du armer Teufel und forsche darnach so lange, bis du es erfahrest, wie es zugehe» (289).<note xml:id="n352"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,206,21-23.</bibl></note> 
                Weil es <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort ist, darum unsichtbar und verborgen, nur dem Glauben begreiflich. Aber eben weil es <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort ist, darum wahrhaftig, leiblich, natürlich. Wieder werden die Parallelen rechts und links gezogen: der <ref type="term">Papst</ref> macht das Geistliche leiblich, der Rottengeist das Leibliche geistlich, «darum gehen wir <hi rend="italic">zwischen beiden hin</hi> und machen nichts weder geistlich noch leiblich, sondern halten geistlich, was Gott geistlich, und leiblich, was er leiblich macht» (260).<note xml:id="n353"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,181,34-36.</bibl></note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat es auch in dieser Schrift an allerlei alten und neuen Erklärungen und Begründungen dessen, was er mit dieser leiblich-geistlichen oder geistlich-leiblichen Gegenwart Christi meinte, nicht fehlen lassen. Er hat hier zum ersten Mal auf die <hi rend="italic">Zweinaturenlehre</hi>   von Christus verwiesen, die bei der <ref type="term">Vernunft</ref> ebenso töricht sei und wohl auch bald werde geleugnet werden (266).<note xml:id="n354"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,186,29-187,13.</bibl></note> Er hat das Bild vom <pb ed="pga" xml:id="p335"/> <hi rend="italic">Eisen und Feuer</hi> aufs Neue erläutert (265)<note xml:id="n355"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,186,10-26.</bibl></note>, 
                er hat das «das ist mein Leib» erläutert als <hi rend="italic">Synekdoche:</hi> wenn man ein Ganzes nennt und doch nur einen Teil meint. «Gleich als wenn auch eine Mutter auf die Wiegen, da ihr Kind innen läge, deutet und spräche: Das ist mein Kind, und ein Sophist spottet ihr und spräche: Wie? ist die Wiege dein Kind?» (267).<note xml:id="n356"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,187,29-32.</bibl></note> 
                Er hat versucht, deutlich zu machen, daß «Leib und Blut» Christi <hi rend="italic">nicht dasselbe sei wie Christus</hi>, der letztere allenthalben und Alles erfüllend, die ersteren verborgen im Sakrament (293–295).<note xml:id="n357"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,211,6-212,16</bibl>; im Mskr. sind die Worte «letztere» und «ersteren» zunächst verwechselt und die Korrektur dann nur beim zweiten Wort vorgenommen worden.</note> 
                Er hat endlich in weitausladenden <hi rend="italic">exegetischen Erörterungen</hi> zu zeigen versucht, daß er nichts behaupte, als wozu ihn «das Wort» und zwar die Einsetzungsworte Christi und die Worte des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10">1.Kor. 10</ref> zwängen unter wiederholter Anführung jenes Kanons, daß die «natürliche Sprache» einer Stelle die Frau Kaiserin sei, «die geht über alle subtile, spitzige, sophistische Dichtungen, von der muß man nicht weichen, es zwinge denn ein offenbärlicher Artikel des Glaubens, sonst bliebe kein Buchstabe in der Schrift für den geistlichen Gäuckelern» (258.221).<note xml:id="n358"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,180,17-20</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,147,23-35</bibl>.</note> |</p>
                <p> Viel bezeichnender für das, was ihn in Wirklichkeit <hi rend="italic">zwang</hi> zu sagen, was er sagte, ist es, wenn er einmal schreibt: «Es ist ein guts feins Fündlin, das ich auch fast wohl künnte: wenn mir ein Spruch zu mächtig wäre, der von leiblichem Tun redet, und schlüge mich auf den Kopf, daß das Hirn schwanket, ich zuführe und spräche: Er hat mich nicht troffen, er redet vom geistlichen Tun» (248).<note xml:id="n359"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,172,4-7.</bibl></note> 
                Oder: «Gleich als wenn ich einen wollt bereden, der ein bloß Schwert über mich zuckt, daß er gläuben sollt, es wäre ein Strohhalm, auf daß er mich nicht schlüge. Es hilft aber nicht zittern für den <ref type="term">Tod</ref>» (249).<note xml:id="n360"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,173,4-6.</bibl></note> Das <hi rend="italic">«est»</hi> des Einsetzungsberichtes ist so wahr wie das Wort Gottes selbst. Das Wort Gottes wäre nicht <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort, wenn es nicht ohne wenn und aber «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» lauten würde. </p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p336" rend="noPipe"/> Und von <hi rend="italic">derselben</hi> Stellung aus greift <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nun auch in der <hi rend="italic">Abendmahls</hi>­sache den <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> noch von der <hi rend="italic">anderen</hi> Seite an, indem er ihm vorwirft, daß er seinerseits in verkehrter Weise das Geistliche <hi rend="italic">leiblich</hi>, nämlich das Wort und den Glauben zu einem <hi rend="italic">Werk</hi> mache durch seine <ref type="term">Lehre</ref> vom Gedächtnismahl. Auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst hatte den Gesichtspunkt des Gedächtnisses einst stark betont. Aber Gedächtnis woran? An das Wort der Sündenvergebung. Und dieses Wort ist kräftig, ist Geschenk. So wird bei ihm aus dem Gedächtnis kraft des Wortes Gegenwart. Auch <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> möchte Gegenwart, aber er sucht sie auf dem Wege der Vertiefung und Intensivierung des psychologisch-menschlichen Vorgangs Gedächtnis. Hier hat ihn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> angegriffen, schwerer, wirksamer, einleuchtender noch als von der anderen Seite. |</p>
                <p> Wir hörten schon: «Er will dich lehren nicht wie der <ref type="term">Geist</ref> zu dir, sondern, wie du zum Geist kommen sollt» (209f.).<note xml:id="n361"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,137,15f.</bibl></note> Er macht «aus der <ref type="term">Erkenntnis</ref> Christi nichts anders denn ein menschlich Werk» (210f.).<note xml:id="n362"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,138,19f.</bibl></note>  
               «Wenn aber gleich ihr Erkenntnis und Gedächtnis von Christo eitel Brunst, eitel <ref type="term">Herz</ref>, eitel Hitze, eitel Feuer wäre, daß auch die Rottengeister dafür verschmülzen und solche ihre Geisterei mit noch 1000mal prächtigern Worten aufgeblasen würde, was wäre denn geschehen? Was hätte man davon? Nichts, denn neue Münche und Heuchler, die mit großer Andacht und Ernst sich gegen dem Brod und Wein stelleten …, wie bisher die blöden <ref type="term">Gewissen</ref> sich gegen dem Sakrament gestellet haben» (276).<note xml:id="n363"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,195,23-29.</bibl></note>  
               «Mit solchen prächtigen Worten will er dem Geschrei zuvorkommen, daß man nicht solle sagen, er mache das <ref type="term">Sakrament</ref> gar zunichte, weil er schlecht Brot und Wein da macht … Aber im Grund ist das des Teufels Meinunge, daß ers gar zu Boden stoße und richte an eine gute Kollation, da man zuletzt sitze, fresse und saufe und werfe Krüge und Kannen wider die Wände, räufe und schlage sich drüber … Ei wie gute Gesellen wöllen wir da werden, schlemmen und temmen, daß die liebe Heide wagt» (277).<note xml:id="n364"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,196,10-21.</bibl></note> Dieser tolle Geist verstehe das Wort Gedächtnis, von dem Christus redet, nicht anders wie die Sophisten, von den innerlichen Gedanken im <pb ed="pga" xml:id="p337"/> <ref type="term">Herz</ref>en und gebe dazu solchem Gedächtnis, «daß es rechtfertige wie der Glaube» (278).<note xml:id="n365"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,197,8-14.</bibl></note> 
                Christus will aber «haben, man soll von ihm predigen, wenn wir das Sakrament genießen und das Evangelion sagen, den Glauben zu stärken, nicht so sitzen und mit Gedanken spielen im Herzen und ein gut Werk aus solchem Gedächtnis machen, wie D. <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadt</persName> träumet. O daß die <ref type="term">Propheten</ref> vorhin baß studierten, ehe sie Bücher ausließen! Daraus du wohl merkest, daß solch Gedächtnis nicht rechtfertigt; sondern sie müssen <hi rend="italic">zuvor</hi> rechtfertig <hi rend="italic">sein</hi>, die da predigen, verkündigen und das äußerlich Gedächtnis des Herrn treiben sollen … Aber <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> macht eine menschliche fleischliche Andacht draus und ein brünstig hitzig Werk im <ref type="term">Herz</ref>en … Er speiet» wohl «viel vom <ref type="term">Erkenntnis</ref>, … läßts» aber «ein schlecht <hi rend="italic">Werk</hi> sein … Denn sein <ref type="term">Geist</ref> leidets auch nicht anders, was geistlich ist, muß er <hi rend="italic">fleischlich</hi> machen» (279).<note xml:id="n366"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,197,28-198,17.</bibl></note> |</p>
                <p> Es fehlt der <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>schen <ref type="term">Lehre</ref> vom Gedächtnis und <ref type="term">Erkenntnis</ref> Christi das <hi rend="italic">Geschenk</hi> und <hi rend="italic">Gottes Wort</hi>. «Wenn mir ein Kasten voll Gülden und großer Schatz an einem Ort vergraben oder behalten würde, da möchte ich mich zu <ref type="term">Tod</ref>e gedenken und mit aller Lust erkennen, große Brunst und Hitze in solchem Kennen und Gedenken gegen den Schatz haben». «Aber was hülfe mir das alles, wenn mir derselbige Schatz nimmermehr geöffnet, gegeben und zubracht und in meine <ref type="term">Gewalt</ref> überantwortet würde. Das hieße wahrlich lieben und nicht genießen, das hieße vom Geruch satt werden und vom Sehen ans Glas trunken werden» (285).<note xml:id="n367"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,203,7-15.</bibl></note>  
               «Also, daß wer D. <persName ref="kbga-actors-1081">Carlstadts</persName> Meinung folgt, der muß zwischen zweien Stühlen niedersitzen und zwischen Himmel und Erden schweben und ganz nichts vom <ref type="term">Sakrament</ref> behalten» (259).<note xml:id="n368"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">WA 18,181,15-17.</bibl></note> Noch einmal hat <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> also aus dem Äußerlichen ein Innerliches, aus dem Innerlichen ein Äußerliches gemacht. Das ist’s, was <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Zorn gegen ihn erregte. Es ist hier nicht unsre Sache, zu untersuchen, wie weit dieser Zorn berechtigt war. Er war jedenfalls da und zwar mit Recht oder Unrecht unter Beteiligung des Wesentlichsten, was in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> lebte. In diesen Zornesschatten also oder in das <pb ed="pga" xml:id="p338"/> fahle Licht dieser notwendig jeden Widersprecher vernichtenden Problemstellung ist nun <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hineingeraten.<note xml:id="n369"> Im Mskr. folgt ein dann gestrichener Satz: «Nicht ohne Schuld auch auf seiner Seite.»</note>
                    </p>
              </div>
              <div type="session">
                <div>
                <p>
                 <date rend="right">22.I.23</date>
                 Aus dem Jahre 1525, das mit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift gegen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> einen bedrohlichen Anfang genommen hatte, sind uns von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> Seite drei wichtige Äußerungen zur Abendmahlsfrage erhalten. <hi rend="italic">1.</hi> Der Abschnitt De Eucharistia in seinem im März veröffentlichten «<bibl corresp="kbga-bibls-627">Commentarius de vera et falsa religione</bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III 239[-272]</bibl>)<note xml:id="n370"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,773-820.</bibl></note>, <hi rend="italic">2.</hi> sein Brief an <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> und die anderen <ref type="term">Prediger</ref> von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> vom 5. April 1525 (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII 389[-392]</bibl>)<note xml:id="n371"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,315-320.</bibl></note> und <hi rend="italic">3.</hi> die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium sive Coronis de eucharistia</bibl>», erschienen im August<note xml:id="n372"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,458-504.</bibl></note>, 
                 zu der der Widerspruch, den seine Abendmahlslehre in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> selbst von Seiten des Ratsschreibers <persName ref="kbga-actors-9415">Joachim am Grüt</persName> erfahren hatte, ihm den Anlaß oder vielmehr den Vorwand gegeben hatte. Man muß sich bei der Beurteilung aller dieser Äußerungen vor Augen halten, daß wir in dem Jahr stehen, in dem in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> der entscheidende Kampf um die Abschaffung der <ref type="term">Messe</ref> geführt wurde. Wer sie oberflächlich lesen würde, könnte mit Ausnahme weniger Stellen annehmen, es handle sich einfach um den weiter vorgetragenen allgemein-reformatorischen Kampf gegen die katholische Lehre vom Abendmahl, weiter vorgetragen insofern, als die Bestreitung des <hi rend="italic"><ref type="term">Opfer</ref>gedankens</hi>, die die polemischen Partien der Abendmahlsschriften <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gefüllt hatte und auch in <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schlußreden noch im Vordergrund stand, hier teilweise ganz zurücktritt hinter die Bestreitung der der katholischen Wandlungslehre zugrunde liegenden Anschauung von der <hi rend="italic">Realpräsenz</hi> von <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut Christi: 
                 Man trifft sogar die eigentlichste Absicht <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, wenn man sein Vorgehen zunächst einfach auffaßt als einen besonders radikalen Vorstoß gegen die alte Kirche, Frömmigkeit und Theologie, der nun eben gegen dieses ihr zentralste Bollwerk sich richtete. Gerade das war <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Meinung. Die feindliche Front, gegen die er angeht, ist in seinen Augen durchaus dieselbe, gegen die er seit 1514 gestritten hatte, nur daß es sich nun um einen Hauptschlag handeln <pb ed="pga" xml:id="p339"/> sollte. Daß er auf diesem Vormarsch nicht mehr auf <persName ref="kbga-actors-9397">Faber</persName> oder <persName ref="kbga-actors-9106">Eck</persName>, sondern merkwürdigerweise auf <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> stößt, das springt nicht sofort in die Augen. Der Name <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> wird in keiner der drei Schriften ausdrücklich genannt, nicht einmal in dem Privatschreiben nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref>, obwohl die Anspielung an einigen Stellen unzweideutig ist. Und auch grundsätzlich ist das Vorhandensein der lutherischen Abendmahlslehre zunächst ein Nebenumstand. Sie erscheint nur als der von «<foreign xml:lang="lat">quibusdam</foreign>» unternommene Versuch, 
                 die Realpräsenz unter Vermeidung der Wandlungslehre doch noch zu retten. Aber noch fehlt die Wichtigkeit, die dieser Nebenumstand in den Augen des Verfassers hat. Wenn er davon redet, wie lange er gezögert habe, mit dem, was er jetzt sagen wolle, ganz offen hervorzutreten, so kann er im Blick auf die Lage in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> in Sachen der Abschaffung der <ref type="term">Messe</ref> allerdings mit Recht sagen, daß er die Dinge zuvor habe reifen lassen wollen. Aber die Abschaffung der <ref type="term">Messe</ref> schloß ja die von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vorgetragene Abendmahlslehre noch nicht notwendig in sich. Wenn er <hi rend="italic">damit</hi> 
                 gezögert hatte, so war offenbar jener Nebenumstand nicht das kleinste hemmende Moment gewesen, und wenn er nun losschlug, so konnte es nicht anders sein, als daß sein Blick weniger auf die anderen katholischen Gedanken gerichtet war, als auf <hi rend="italic">den</hi> katholischen Gedanken, der nun eben, von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> aus gesehen, in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seinen neuesten und eifrigsten Vertreter hatte. Und so kommt es, daß diese­ drei Schriften nun eben doch, vorbei an den in diesem Fall uninteressanten Katholiken, vorbei auch an der Situation in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> und an dem theologiebewanderten Stadtschreiber <persName ref="kbga-actors-9415">am Grüt</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Aufmarsch gegen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> bedeuten, den wir in seinen früheren Äußerungen angekündigt und vorbereitet gefunden haben. </p>
                  <p> <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>  ganze Stimmung in diesen Schriften ist beherrscht von dem Gefühl, eine entscheidend wichtige Stunde sei angebrochen. Es ist ein merkwürdiger Kontrast: Während <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in jenem Winter 24/25 zwar mit einer gewissen verdrießlichen Gereiztheit, aber doch aus großer Ferne gelegentlich davon redet, daß da unten in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> auch ein paar Leute seien, die sich von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> hätten anstecken lassen, vergleicht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> seine Lage mit der des <persName ref="kbga-actors-2233">Noah</persName> in der Sintflut, des <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> und <persName ref="kbga-actors-3899">Micha</persName> unter den falschen <ref type="term">Propheten</ref> und will auf das große Geheimnis der wahren Auffassung vom Abendmahl nun losgehen wie <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> auf den feurigen Busch Gottes (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,<pb ed="pga" xml:id="p340" break="no"/>252</bibl>).<note xml:id="n373"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,790,8-16.</bibl></note> Die  These von der leiblichen Gegenwart Christi sei ihm niemals unverdächtig gewesen (334).<note xml:id="n374"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,471,29-32.</bibl></note> Schon seit Jahren habe er heimlich mit vielen Gelehrten darüber verhandelt zur Ehre Gottes (269).<note xml:id="n375"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,816,4-6.</bibl></note> 
                Was er in der 18. Schlußrede darüber geschrieben, sei mehr zeitgemäß als sachgemäß gewesen (239).<note xml:id="n376"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,773,26f.</bibl></note> Er habe nämlich nach Christi Vorbild Einiges ausgesprochen, Einiges andere verheimlicht (239)<note xml:id="n377"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,774,9f.</bibl></note>: im Winter könne man ja nicht pflügen und säen (239)<note xml:id="n378"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,774,6-8.</bibl></note>, und man dürfe die Perlen nicht vor die Säue werfen (330).<note xml:id="n379"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,463,19-21.</bibl></note> So habe es ja auch schon  <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> gehalten (265).<note xml:id="n380"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,810,34-811,3.</bibl></note> Und das obwohl er immer mehr gefunden, die seiner Meinung beitreten (269)<note xml:id="n381"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,816,8f.</bibl></note>, 
                denn die Meisten, mit denen er verhandelte, hätten, als sie sie vernommen, aufgeatmet, wie solche, die aus langer Gefangenschaft in Finsternis und Einsamkeit wieder ­zum Licht und in die Arme der Freunde zurückkehren dürfen (330).<note xml:id="n382"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,463,25-28.</bibl></note> Doch habe er nie daran gedacht, die wahre Meinung der Väter (er denkt besonders an <persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName> und  <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>) für immer zu unterdrücken, sondern nur auf den richtigen Augenblick gewartet (331)<note xml:id="n383"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,465,24-466,1.</bibl></note>, unterdessen aber unnötige Beunruhigung vermeiden wollen (269.331).<note xml:id="n384"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,816,6-8</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,466,1-3</bibl>.</note> Diesen richtigen Augenblick, den Frühling nach langem Winter, hält er nun für gekommen (239).<note xml:id="n385"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,774,8.</bibl></note> |</p>
                <p> Was veranlaßte ihn nun zum Vorgehen? Es ist das Auftreten von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> beurteilt diesen Mann gleich wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, nämlich als einen «<foreign xml:lang="lat">melancholicus spiritus</foreign>». Er ist weder in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> noch in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> noch in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> mit den <ref type="term">Theologen</ref> zusammengekommen. Seine Auffassung wurde überall abgelehnt - auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst redet kühl abweisend davon -, und doch hat sie ebenso allgemeines beifälliges <pb ed="pga" xml:id="p341"/> Aufsehen erregt, einfach weil sie einen Versuch einer symbolischen Abendmahlslehre darstellte. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erkennt darin die «<foreign xml:lang="lat">divina providentia</foreign>», die ihn zwinge, jetzt hervorzutreten. Doch verbittet er sich zum vornherein, mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> zusammengeworfen zu werden, und erklärt ausdrücklich, daß er insbesonders die tropische Auslegung der Einsetzungsworte von anderen Autoren (<persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName>!) gelernt habe (330f.).<note xml:id="n386"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,463,31-466,17.</bibl></note> So im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl>. |</p>
                <p> Auch  im Commentar erwähnt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das Auftreten <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName>, und zwar mit folgenden Worten: «Während ich noch über meine Absicht mit Vielen verhandelte, erschienen gewisse drohende Büchlein, die übrigens nicht genug Kraft und Licht haben und die Sache nicht von der Seite aus angreifen, wo ein Sieg zu erhoffen ist. So spielt Gottes Macht mit den menschlichen Dingen. Denn durch sie sind wir gezwungen worden, diese unsere Meinung zu äußern, … und haben den Brief an den <persName ref="kbga-actors-9482">Pfarrer</persName> von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-391">Reutlingen</placeName></ref> geschrieben» (269f.).<note xml:id="n387"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,816,35-817,6.</bibl></note> 
                Merkwürdigerweise heißt es in der Schuler-­Schulthess-­Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Werken (und <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,308</bibl> hat ihnen auch das nachgeredet), daß dies eine Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift wider die himmlischen <ref type="term">Propheten</ref> sei.<note xml:id="n388"> <bibl corresp="kbga-bibls-1906">S III,269</bibl>, Anm. 1;  <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 308</bibl>; Satz mit Rotstift am Mskr.-Rand angekreuzt.</note> 
                Daß auch diese Stelle vielmehr von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName></hi> handelt, ist schon darum wahrscheinlich, weil der Zusammenhang die Unterbrechung der oberdeutschen Erörterungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und seiner Freunde durch eine unerwartete Störung und die Deutung dieser Störung als einen Eingriff Gottes selbst ganz dieselbe ist wie im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl>. Daß sie von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> handelt, ist <hi rend="italic">1.</hi> darum unmöglich, weil er an den betreffenden «<foreign xml:lang="lat">libelli</foreign>» ja ausdrücklich das tadelt, daß sie die Sache nicht von der rechten siegverheißenden Seite angegriffen hätten, ein Satz, der, wenn er auf die Schrift <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gehen sollte, schlechterdings keinen Sinn hätte, und <hi rend="italic">2.</hi> darum, weil ja der Brief an <persName ref="kbga-actors-9482">Matthäus Alber</persName> am 16. November 1524 geschrieben ist, also keine Antwort auf die am Jahresende erschienene Schrift <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sein konnte, seine Drucklegung aber erst gleichzeitig mit der des Commentars selbst im März 1525 erfolgte, 
                während <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an unserer Stelle ausdrücklich nur davon redet, daß <pb ed="pga" xml:id="p342"/> er privatim vielen aufrichtigen Brüdern bekannt geworden sei. Beides, jene Charakteristik der fraglichen Büchlein und die Bemerkung wegen des daraufhin erfolgten Briefes an <persName ref="kbga-actors-9482">Alber</persName> stimmt aber genau, wenn es sich um <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> handelt. Und ich sehe nicht ein, warum die Bezeichnung «<foreign xml:lang="lat">libelli quidam nescio quid minax spirantes</foreign>», die offenbar veranlaßt hat, hier an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu denken, nicht ebenso gut auf die Pamphlete von <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> passen sollte. Wenn diese Berichtigung, die ich mir hier vorzunehmen erlaube, in <ref type="term">Ordnung</ref> ist, so ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <hi rend="italic">noch</hi> vorsichtiger vorgegangen, als man gewöhnlich annimmt. Die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2044">Wider die himmlischen Propheten</bibl>» hatte die lutherische Abendmahlslehre noch schroffer dargestellt, als <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> bisherige Schriften. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wußte ferner bereits (330f.)<note xml:id="n389"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,463,28-466,17.</bibl></note>, 
                daß er mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> zusammengestellt war, ja Karlstadtianer genannt wurde, und die grelle Beleuchtung, in die <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> durch jene Schrift gerückt wurde, konnte ihm nichts weniger als angenehm sein. Er hat trotzdem <hi rend="italic">nicht</hi> direkt darauf reagiert. Das ist ein merkwürdiger Beweis der Besonnenheit oder auch Bauernklugheit, mit der er es verstand, Alles, auch alles Polemische, was er sagen wollte, zu sagen, auch gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu sagen, ohne daß er sich doch mit einer direkten Bekämpfung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eine Blöße gegeben hätte. Also veranlaßt durch <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Erfolg und Mißerfolg fühlt sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zum Reden verpflichtet: «Das <ref type="term">Gesetz</ref> befiehlt, 
                daß man sogar seines Feindes verlaufenen Ochsen seinem Herrn wieder zustellen solle, und wenn man die ganze <ref type="term">Welt</ref> irren sieht, sollte man nicht warnen, besonders wenn man in unserer <ref type="term">Zeit</ref> so manche Herkulesse ohne zu zaudern vorgehen und falsche <ref type="term">Lehre</ref> vorbringen sieht? Der himmlische König hat vielen vielerlei Talente anvertraut, mit denen die einen sorgfältig umgehen, die andern träge. Er hat auch uns ein Ass übergeben, dessen Verwaltung uns beständig brennt, fortwährend uns erinnernd, wir sollten es nicht vom Rost verzehren lassen» (251).<note xml:id="n390"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,789,25-32.</bibl></note> <hi rend="italic">Einer</hi> von den ohne Zaudern vorgehenden Herculessen und <hi rend="italic">Einer</hi> von den träge mit ihrem Talent umgehenden Knechten war sicher <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, aber wer könnte beweisen, daß er gemeint war. |</p>
                <p> Die <ref type="term">Reinheit</ref> seiner Absichten hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mehrfach sehr feierlich betont. Einmal ruft er die ganze heilige Trinität zum Zeugen an, dafür, <pb ed="pga" xml:id="p343"/> daß er nicht ehrgeizig sei (251.270).<note xml:id="n391"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,789,9-11;817,13f.</bibl></note> Er wünscht ein andermal, ein <persName ref="kbga-actors-2999">Theseus</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-9484">Patroclus</persName> möchte auftreten für seine Sache: etwas Heiligeres, Gläubigeres, eines Christenmenschen Würdigeres könne gar nicht gesagt werden (328).<note xml:id="n392"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,461,27-30.</bibl></note> Und die von ihm bekämpfte Ansicht andererseits ist ihm nicht nur aus theoretischen Gründen unannehmbar, so daß er sie darum (251) blind, dunkel, finster (328)<note xml:id="n393"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,789,3</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,461,19</bibl>.</note> 
                nennen muß, sondern er geht weiter zu der Bezeichnung «menschenfresserisch» (251.355)<note xml:id="n394"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,789,3f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,504,22</bibl>.</note>, er kann nur Streitlust und Hartnäckigkeit dahinter sehen, die sich auch von der <ref type="term">Wahrheit</ref> nicht will beugen lassen (335)<note xml:id="n395"> <bibl corresp="kbga-bibls-2913"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">In catabaptistarum strophas elenchus</hi> (1527), Z 6/I,97,9-12.</bibl></note>, er redet von ihr als von einer Heuchelei (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,391</bibl>)<note xml:id="n396"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,318,28.38.</bibl></note>, er sagt, das berühmte Wort seines Gegenparts vorausnehmend, daß er sich hier frage, ob in diesem Streit die Einen nicht von einem anderen nicht-göttlichen Geist geführt würden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,390</bibl>).<note xml:id="n397"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,317,30f.</bibl></note> 
                Ja er hat mit diesen Worten behauptet: Allen wahren Gläubigen steht es fest, daß keiner ein Gläubiger ist, der glaubt, daß hier körperliches <ref type="term">Fleisch</ref> gegessen werde (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,391</bibl>).<note xml:id="n398"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,319,1f.</bibl></note> Wie zuversichtlich er in den Streit gezogen ist, zeigt folgende Stelle: «<foreign xml:lang="lat">Vincet, vincet veritas.</foreign>» Siegen, ja siegen wird die <ref type="term">Wahrheit</ref>, die, wenn sie einst triumphieren wird, die ihr widerstehen dem Gelächter Aller aussetzen wird. Schwöret nur nicht auf einiger Meister Worte und laßt euch durch keine Autorität imponieren! (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,391</bibl>).<note xml:id="n399"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,319,17-19.</bibl></note></p>
                <p> Liest man nun die genannten Schriften mit der Frage, was denn das eigentlich leitende Prinzip<note xml:id="n400"> Sätze ab dieser Stelle bis «<foreign xml:lang="lat">Eucharistiae abusu</foreign>» mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen.</note> ist, das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in diesen merkwürdigen Kampf geführt hat, so zeigen sich zwei Gesichtspunkte. Gleich am Anfang der Erörterung im Commentar steht der Satz:  
               «Wir fürchten, daß wenn irgendwo geirrt wird <foreign xml:lang="lat">in veri uniusque dei tum <hi rend="italic">adoratione</hi> <pb ed="pga" xml:id="p344"/> tum <hi rend="italic">cultu</hi>, hic fiat in Eucharistiae abusu.</foreign>» Die irrtümliche «<foreign xml:lang="lat">adoratio</foreign>» Gottes ist der Ersatz des einen wahren Gottes durch ein kreatürliches Element, das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in der Realpräsenzlehre gegeben findet. Der irrtümliche «<foreign xml:lang="lat">cultus</foreign>» Gottes ist die Vernachlässigung des sittlichen Ernstes des <ref type="term">Christentum</ref>s, die er als eine notwendige Folge derselben <ref type="term">Lehre</ref> ansieht. Es sind die beiden Gesichtspunkte, die wir schon bei unseren einleitenden Erörterungen als den Nerv seiner Opposition gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kennengelernt haben.<note xml:id="n401"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p090#p090">S. 90–103</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p253#p253">253</ref>.</note> 
                Beginnen wir diesmal mit dem zweiten Punkt. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sagt: Wir haben uns unter dem <ref type="term">Papsttum</ref> gewöhnt, alle möglichen uns umgebenden Dinge als heilig zu betrachten, ja aus eigener Kraft heilig zu machen und uns von ihrer Gegenwart Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n und <ref type="term">Heil</ref> zu versprechen. Die wahre <ref type="term">Frömmigkeit</ref>, die in der durch <ref type="term">Liebe</ref> und Furcht zu und vor Gott bewahrten Unschuld («<foreign xml:lang="lat">innocentia</foreign>») besteht, haben wir vernachlässigt und sind so zu übertünchten Gräbern geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.27">Mt. 23,27</ref>]. <hi rend="italic">Gott</hi> glauben und <hi rend="italic">Gott</hi> heilig sein, das hatte geheißen ein Christ sein (240).<note xml:id="n402"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,774,24-775,11.</bibl></note> 
                Das johanneische Wort: «Der Vater hat mich gesandt, darum gehorche ich seinem Willen in allem, denn ich bin der Sohn des Vaters» wird von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so interpretiert: «Vergeblich eßt ihr, d. h. vergeblich heuchelt ihr Glauben, wenn ihr nicht auch euer Leben ändert. Ich bin nicht nur gekommen, die <ref type="term">Welt</ref> zu versöhnen, sondern auch zu verändern. Die also an mich glauben, müssen sich auch nach meinem Vorbild umgestalten» (245).<note xml:id="n403"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,781,21-27.</bibl></note> 
                Darum sei es so schwer, klagt er, die neue Ansicht durchzusetzen, weil wir solche «<foreign xml:lang="lat">cultores Christi</foreign>» sind, daß wir etwas Köstliches getan zu haben meinen, wenn wir gewaltig diese äußerlichen Zeichen verteidigen, die wir Sakramente genannt haben, auch wenn wir nie oder nur wunderselten daran denken, unser Leben zu prüfen und, was da brüchig ist, herzustellen (251).<note xml:id="n404"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,789,15-20.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> stützt seine Auffassung von <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10">1.Kor. 10</ref> (daß <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κοινωνία</foreign> «<foreign xml:lang="lat">communicatio</foreign>» dort die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> der Gläubigen bedeute) mit der Erinnerung an den altchristlichen Begriff und Gebrauch der <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">«ex</hi>­communicatio»</foreign>. Wenn dieser Gebrauch nicht aus der <ref type="term">Kirche</ref> Christi <pb ed="pga" xml:id="p345"/> ­verschwunden wäre (d. h. aber implicite: wenn der nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ­ursprüngliche Begriff von «<foreign xml:lang="lat">communicatio</foreign>» erhalten geblieben wäre), so müßte das Leben und Treiben der Christen ein ganz anderes sein. Es 
                wird dann aufgezählt, was alles bei Hohen und Niedrigen im Schwange geht von kurzsichtigen Reden bis zu den unaufhörlichen Kriegen in der <ref type="term">Welt</ref>, und dann heißt es: Haben wir es nicht alle gelernt, diese ganze lernäische Schlange von Bosheit durch Lesen und Hören der <ref type="term">Messe</ref> zu ertragen? Zur Messe, zu dem «<foreign xml:lang="lat">salutaris panis</foreign>» sind wir geflüchtet, wie zu einem heiligen Anker (263f.).<note xml:id="n405"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,807,15-808,12.</bibl></note> 
                Darum ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so gelegen an der neuen <foreign xml:lang="lat">definitio</foreign> der «<foreign xml:lang="lat">coena dominica</foreign>»: <hi rend="italic">nicht</hi> Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n, sondern «<foreign xml:lang="lat">commemoratio Christi</foreign>» (258.261).<note xml:id="n406"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,799,3-5;803,26f.</bibl></note> Er fürchtet hinter jener objektiven Fassung einfach die «<foreign xml:lang="lat">falsa religio</foreign>» (261)<note xml:id="n407"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,803,28f.</bibl></note>, die dem Ernst des göttlichen Gebotes ausweichen will. Was helfen alle großen religiösen heiligen und hohen Wortströme, von denen die Leichterbeweglichen mitgerissen werden, wenn Alles darauf
                hinausläuft, daß du glauben sollst, hier werde <ref type="term">Fleisch</ref> gegessen. «<foreign xml:lang="lat">Fides</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">innocentia</foreign>» sind die Säulen, auf die wir uns gründen wollen (355).<note xml:id="n408"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,504,8-14.</bibl></note> Und dann schreibt er den Baslern: «Ich habe immer dafür gehalten, das sei der Genius der in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref>, <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> herrschenden <ref type="term">Lehre</ref>, daß sie nur begierig mache nach Ruhe und Unschuld» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,390</bibl>).<note xml:id="n409"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,318,4-6.</bibl></note> |</p>
                <p> Das ist also das Eine, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gegen die Lehre von der Realpräsenz grundsätzlich auf dem <ref type="term">Herz</ref>en hat: sie eröffnet mit ihrer Verdinglichung des Göttlichen einen falschen «<foreign xml:lang="lat">cultus</foreign>», einen allzu bequemen Umweg um die sittliche Forderung. Das Andere ist die falsche «<foreign xml:lang="lat">adoratio</foreign>». Gott allein ist anbetungswürdig. Außer ihm auch die Menschheit Christi nicht. Im <ref type="term">Sakrament</ref> ist nichts anzubeten. Es ist Danksagung, <ref type="term">Gemeinschaft</ref> und Feier. Es ist «<foreign xml:lang="lat">actio</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">usus</foreign>», es ist dann da, wenn es geschieht, «<foreign xml:lang="lat">tum est quum fit</foreign>», wenn es gegessen wird unter <ref type="term">Verkündigung</ref> des Todes Christi (264).<note xml:id="n410"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,808,14-27.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> schreibt an einer jener solennen Stellen, wo er von seinen Absichten redet: Wir <pb ed="pga" xml:id="p346"/> beten zu dem Herrn, vor dem wir heute stehen, und heben unsre Hände auf rein von aller Lust am Streit oder nach Ehre, … er möchte Allen die Augen öffnen, daß sie den Greuel («<foreign xml:lang="lat">abominatio</foreign>») - denn das ist der größte Greuel, wenn die Kreatur an Gottes Stelle geehrt wird - alle erkennen und aufhören anzubeten, was sich an die Stelle Gottes gesetzt hat (270).<note xml:id="n411"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,817,13-20.</bibl></note> Möchten wir alle lernen, das erst sei die wahre Religion, wo aller <ref type="term">Herz</ref>en ihm, dem einen und einzigen anhangen, ihm nachtrachten, ihm allein zu gefallen begehren, von seinem Wink abhängig werden (272).<note xml:id="n412"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,820,6-8.</bibl></note>  
               «Darum ist, als Christus am Kreuz seinen Geist aufgab, der Vorhang in zwei Teile zerrissen, damit den Gläubigen alles bloß und offen würde, was vorher in Schatten und Nebel eingehüllt war. Denn des Lichtes, d. h. der Sache selbst, die jene Bilder wie Schatten abbildeten, ist es nicht würdig, fernerhin irgendeine Finsternis in der Mitte zurückzulassen, wenn es nicht ein so schwaches Licht wäre, daß es eine so dunkle Wolke nicht durchdringen könnte. Das trifft aber auf Christus so sehr nicht zu, daß ihn vielmehr kein <ref type="term">Geist</ref> zu begreifen vermag, wenn noch irgendeine solche Beimischung von Finsternis stattfindet. Was aber kann Finstereres erdacht werden, als daß hier <ref type="term">Fleisch</ref> und Blut gegessen werden soll, wo Brot und Wein verzehrt werden?» (331).<note xml:id="n413"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,467,2-11.</bibl></note> |</p>
                <p> Auf diese beiden Axiome: der Ernst der Forderung einer «<foreign xml:lang="lat">innocentia vitae</foreign>» oder eine Lebensänderung und die <ref type="term">Wahrheit</ref> der Alleinehre Gottes gegenüber allen Kreaturen und Mitteldingen baut sich nun <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> ganze, in der Hauptsache negativ-kritische Anschauung vom Abendmahl auf. Das Positive im wesentlichen Sinn ist bei ihm, wie wir früher sahen, ganz und ausschließlich auf der oberen Szene jener geistlichen Speisung zu suchen. Auf der unteren Szene spielt sich, dem Glauben vorfindlich und wirklich, eine symbolische Handlung ab und nur das. Der Nachdruck von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> scharfsinnigen<note xml:id="n414"> Im Mskr. nachträglich gestrichen: «aber oft wenig erbaulichen».</note> 
                Gedankengängen liegt auf dem unermüdlichen Nachweis, daß das letztere nicht mit dem ersten, das erstere nicht mit dem letzten verwechselt werden dürfe. Das Wort «<foreign xml:lang="lat">caro non prodest quicquam</foreign>» <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref> wird <pb ed="pga" xml:id="p347"/> bis zur gänzlichen Erschöpfung des Lesers wiederholt, angewendet, ausgelegt, geltend gemacht. Wenn man bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> schwer hat zu begreifen, wie für ihn das ganze <ref type="term">Evangelium</ref> in dem «<foreign xml:lang="lat">hoc est corpus meum</foreign>» liegen konnte, so fällt es einem noch schwerer, mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zu begreifen, daß nun ausgerechnet <hi rend="italic">dieses</hi> Sprüchlein der Weisheit Gottes letzter Schluß sein soll: Wenn du: o Himmel! o Erde! riefst, ja zu den Sternen und Meeren, ich werde nicht anderes dazu sagen als: das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze! … Dies ist die eherne Mauer [248].<note xml:id="n415"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,785,37-40.</bibl></note> 
                Das «<foreign xml:lang="lat">efficax amuletum</foreign>», das «<foreign xml:lang="lat">repagulum</foreign>» (252)<note xml:id="n416"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,791,21-25.</bibl></note>: Das Fleisch ist nichts nütze. Geh nun und hole alle Maschinen, Katapulte, Sturmböcke und alle Arten von Geschoß, du wirst mich so wenig umwerfen, daß du mich nicht einmal erschüttern kannst [248].<note xml:id="n417"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,785,41-786,1.</bibl></note> </p>
                <p> Nicht einmal die Frage ist erlaubt, ob Christus «<foreign xml:lang="lat">realiter, corporaliter et essentialiter</foreign>» im <ref type="term">Sakrament</ref> sei, denn das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze,
                was redest du also überhaupt vom Fleische? (248)<note xml:id="n418"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,785,33-37.</bibl></note> Wir haben gesehen, daß hinter diesem stiernackigen Behaupten Gründe standen, so gut wie hinter <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>», aber man wird anerkennen müssen, daß das Vorhandensein derselben intellektuellen Ungebrochenheit und Unnachgiebigkeit auch auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite, die sich hier kundgibt, die Art, wie hier auch auf seiner Seite ein richtiges <ref type="term">Wahrheit</ref>sanliegen um eines anderen willen unterdrückt wurde, für den beginnenden Streit der beiden zum vorherein keine gute Auspizien stellte. |</p>
                  <p>Um nun auf das Einzelne einzutreten, so setzt man am besten ein bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Glaubensbegriff. So etwas wie das lutherische «Wort» gibt es bei ihm bezeichnenderweise gar nicht, obwohl er natürlich auch viel von Gottes Wort geredet hat. Es ist nicht das Zentrale, Dynamische, Beherrschende, das Feuer Gottes, das da irgendwo zwischen Himmel und Erde brennt und zündet, wärmt und verzehrt, das darum einmal als geschriebener Bibelspruch, das andere Mal als Brot und Wein auf dem Altar seine Realität als Nicht-nur-Wort, sondern konkretes Faktum erweisen konnte. Bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sind es die großen Kontraste, das ewige Entweder-Oder, in dem man das Lebendige su<pb ed="pga" xml:id="p348" break="no"/>chen muß. 
                So steht Gott und seiner Gabe bei ihm direkt der Glaube gegenüber. Und der Glaube begründet nicht, sondern verhindert nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die Annahme der Realpräsenz. Was heißt Glaube? <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> kann sagen: «Ich glaube <foreign xml:lang="lat">inconcusse</foreign>, daß nur ein einziger Weg in den <ref type="term">Himmel</ref> ist, nämlich daß ich fest glaube, daß der Sohn Gottes unseres <ref type="term">Heil</ref>s unfehlbares Pfand ist, und auf ihn vertraue ich so, daß ich keinen Elementen dieser <ref type="term">Welt</ref>, d. h. keinen sinnlichen Dingen Heilsbedeutung zuschreibe» (247).<note xml:id="n419"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,785,4-8.</bibl></note> Man möchte geradezu zusammenfassen: ich glaube heißt Unglaube an eine Mittelinstanz. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> stellt sich einmal ausdrücklich in die Mitte zwischen dem «<foreign xml:lang="lat">hoc est corpus meum!</foreign>» und seinem geliebten «<foreign xml:lang="lat">caro non prodest quicquam!</foreign>»
                und fragt sich, welches von diesen Worten nun nach Maßgabe des anderen erklärt werden müsse. Er antwortet: der Glaube muß entscheiden, und der Glaube entscheidet für das <hi rend="italic">letztere:</hi> denn es verweist nur auf Gott und das ist für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gleichbedeutend mit: hinweg von Sichtbarem, hinaus und empor auf den Geist, der lebendig macht (252f.).<note xml:id="n420"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,790,22-792,7.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> kann so kontrastieren: Gibt es zwei Wege zum <ref type="term">Leben</ref>? Einen, auf dem man auf Christus vertrauend in den <ref type="term">Himmel</ref> kommt? Den anderen, auf dem man glaubt, dies Brot sei das körperliche <ref type="term">Fleisch</ref> Christi? (349).<note xml:id="n421"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,495,15-17.</bibl></note> Ein weiterer Gedankengang <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ist noch merkwürdiger:</p>
                </div>
                <div type="excursus"> 
                  <p>Der<note xml:id="n422"> Der hier in Petit gesetzte Text,  der am 22.I.1923 nicht mehr zum Vortrag kam und den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für die nachfolgende Vorlesungsstunde noch einmal neu formuliert hat, ist im Mskr. gestrichen</note> Glaube ist eine Gabe Gottes. Da uns Gott das zu glauben nicht gegeben hat, brauchen wir es auch nicht zu glauben (250).<note xml:id="n423"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,788,13-16.</bibl></note> 
                  Denn der Glaube ist begrenzt durch die Sinne, «<foreign xml:lang="lat">sensus</foreign>», unter den Sinnen versteht er aber nicht etwa die organischen fünf Sinne, sondern die <ref type="term">Vernunft</ref> und zwar gerade die christlich erleuchtete Vernunft (346).<note xml:id="n424"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,490,22-491,5.</bibl></note> 
                    Von ihr gilt: sie lehnt die Realpräsenz ab. Und der Glaube zwingt sie nicht dazu, sie zu anerkennen. <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Fides non cogit sensum fateri quod non sentit</foreign>»</hi>: Der Glaube zwingt die Vernunft nicht, etwas zu fassen zu behaupten, was sie tatsächlich nicht faßt, sondern lenkt sie hin zu den unsichtbaren Dingen und überträgt alle <ref type="term">Hoffnung</ref> auf jene. Der Glaube verweilt nicht unter den sinnlichen «körperlichen Dingen und hat nichts ge<pb ed="pga" xml:id="p349" break="no"/>mein mit ihnen» (249).<note xml:id="n425"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,787,17-20.</bibl></note> 
                  Der Glaube <hi rend="italic">darf</hi> der <ref type="term">Vernunft</ref> nichts zumuten, was «<foreign xml:lang="lat">supra leges suas et naturam</foreign>» geht, und nur eine «<foreign xml:lang="lat">ficta fides</foreign>», meint <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wird ihr diese Zumutung überhaupt machen (253), straft sich aber selbst damit, daß jene ihm nie ganz gehorcht, immer wieder reklamiert (253).<note xml:id="n426"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,792,25-33.</bibl></note> Ferner: der Glaube muß sich auf etwas stützen können oder richten können, was in sich selbst wahr ist, also nicht etwa selbst wieder geglaubt werden muß. Es darf nicht sein, daß es aussieht, als ob der Glaube erst bewirken müsse, daß aus Brot <ref type="term">Fleisch</ref> wird, oder als ob der Glaube, der das Fleischsein des Brotes bejaht, seligmachend sei (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">271</bibl>).<note xml:id="n427"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,818,30-819,5.</bibl></note></p>
                </div>
              </div>
                <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">23.I.23</date>
                 Wir setzen noch einmal ein bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Ausführungen über <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Fides</foreign>»</hi> und <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Sensus</foreign>».</hi> Man muß dabei ausgehen von seiner Grundanschauung, daß der Glaube Gottes Tat und Gabe ist. «Obwohl er also eine <ref type="term">Hoffnung</ref> und ein Vertrauen ist auf Dinge, die dem Sinn gänzlich verborgen sind, so steht er doch nicht auf unserem Urteil und unserer Wahl; sondern die Dinge, auf die wir unsere Hoffnung setzen, bewirken es <hi rend="italic">selbst</hi>, daß wir alle unsere Hoffnung auf sie setzen» (248f.).<note xml:id="n428"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,786,19-22.</bibl></note> 
                 Das schließt aber für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das Folgende in sich: «Der Glaube ist Gottes Gabe, da Gott uns das, nämlich die Gegenwart des <ref type="term">Fleisch</ref>es Christi im Brot <hi rend="italic">nicht</hi> gibt, so besteht auch kein Zwang, sie zu glauben. Daß er uns das <hi rend="italic">nicht</hi> gibt, folgt daraus, daß das Fleisch nichts nütze ist» (250).<note xml:id="n429"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,788,13-16.</bibl></note>
                 M.a.W. der Glaube und Gott bilden einen in sich geschlossenen Kreis, in den nichts Drittes, insbesondere nichts Fleischliches einzudringen vermag. «Der Glaube fordert nämlich, und das ist für etwas so Großes notwendig, daß das, worauf er sich stützt, in sich selbst seinen Grund habe und nicht wieder in unserem Glauben. Denn der Glaube richtet sich auf die Dinge, die <hi rend="italic">sind</hi>, bevor man daran <hi rend="italic">glaubt.</hi>» Daraus folgt die Ablehnung des Satzes, daß das Fleisch Christi durch den Glauben im Brot gegenwärtig sei. Wie sollte unser Glaube das bewirken können, oder wie sollte der Glaube darum seligmachend sein, weil er Glaube <hi rend="italic">daran</hi> ist? (271).<note xml:id="n430"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,818,30-819,5.</bibl></note> 
                 Selig macht nicht der Glaube, durch den du dir einbildest, zu glauben, was du dir <hi rend="italic">erdacht</hi> <pb ed="pga" xml:id="p350"/> hast, sondern durch den du an den für dich <hi rend="italic">Gekreuzigten</hi> glaubst. Glaube an <hi rend="italic">erdachte</hi> Dinge ist aber für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gleichbedeutend mit Glaube an <hi rend="italic">sichtbare</hi> Dinge. Das ganze Pathos des Gedankens der Rechtfertigung allein durch den Glauben ergießt sich bei ihm in das Spezifische, daß dieser Glaube Glaube an <hi rend="italic">unsichtbare</hi> Dinge ist. Durch <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.18">Joh. 1,18</ref>: «Niemand hat Gott je gesehen» ist es uns verboten, anzubeten, was den Augen oder dem Sinn wahrnehmbar ist (269).<note xml:id="n431"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,816,30-33.</bibl></note> 
                 Der Glaube ist der (von Gott gegebene) «<foreign xml:lang="lat">habitus mentis</foreign>» (so interpretiert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das berühmte <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὑπόστασις</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref>), in dem der Mensch auf die Dinge gerichtet ist, auf die wir <hi rend="italic">hoffen</hi> (346).<note xml:id="n432"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,491,8-13.</bibl></note> Aller Glaube, der sich auf ein Sichtbares, Gegenwärtiges, Gegebenes richtete, wäre für ihn eben darum nicht mehr Glaube an Gott. Unter dem der «<foreign xml:lang="lat">Fides</foreign>» gegenüberstehenden Begriff «<foreign xml:lang="lat">Sensus</foreign>» will <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ausdrücklich nicht etwa nur die organischen fünf Sinne oder gar den «<foreign xml:lang="lat">sensus carnis</foreign>» verstehen. «<foreign xml:lang="lat">Sensus</foreign>» ist ihm dasselbe wie «<foreign xml:lang="lat">mens</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">sententia</foreign>». Und nun gibt es für ihn eine christliche, durch den Glauben erleuchtete <ref type="term">Vernunft</ref>, die darum nicht aufhört, Vernunft und ihrer Schranken bewußt zu sein (346).<note xml:id="n433"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,490,22-491,5.</bibl></note> |</p>
                <p> Es leuchtet ein, daß dieser «<foreign xml:lang="lat">Sensus</foreign>» zur «<foreign xml:lang="lat">Fides</foreign>» in einem eigentümlich dialektischen Verhältnis stehen muß. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> kann und muß beides sagen, daß die Dinge, auf die der Glaube sich richtet, der <ref type="term">Vernunft</ref> «<foreign xml:lang="lat">remotissimae</foreign>» sind (247–249)<note xml:id="n434"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,786,19f.32.</bibl></note> und daß sie ihr doch nicht «<foreign xml:lang="lat">alienissimae</foreign>» sein dürfen (345).<note xml:id="n435"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,489,20-22.</bibl></note> Die unaufhebbare <hi rend="italic">Schranke</hi>, die die Vernunft vom Glauben scheidet, ist eben auch die unaufhebbare <hi rend="italic">Beziehung</hi>, die zwischen beiden besteht. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> stellt beides nebeneinander, wenn er einmal sagt: Der Glaube besteht durch den Geist Gottes in den <ref type="term">Herz</ref>en, und wir fühlen ihn, <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">quam sentimus</foreign>»:</hi> denn es kann keine uns unbekannte Sache sein, was die Veränderung unseres <ref type="term">Geist</ref>es («<foreign xml:lang="lat">mentis commutatio</foreign>») ist, aber wir fassen ihn nicht mit dem Sinn, <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">sensibus non percipimus</foreign>»</hi> (248).<note xml:id="n436"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,786,12-14.</bibl></note> 
                Von der Schranke redet er, wenn er immer wieder einschärft: «<foreign xml:lang="lat">quae sensu percipiuntur iam fidei <pb ed="pga" xml:id="p351"/> nihil debent</foreign>», denn was jemand sieht, wie kann er darauf noch hoffen?, <foreign xml:lang="lat">«sensu enim certissima esse sentiuntur». <hi rend="italic">«Disparata</hi> igitur sunt <hi rend="italic">credere</hi> et <hi rend="italic">sentire»</hi></foreign> (249).<note xml:id="n437"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,786,28f.34.37f.</bibl></note> Was körperlich und also «sensibile» ist, das kann auf keine Weise Gegenstand des Glaubens sein (257).<note xml:id="n438"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,798,16f.</bibl></note> Sondern Glaube ist Glaube an die dem «Sensus» [nicht] zugänglichen Dinge (347).<note xml:id="n439"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,492,2f.</bibl></note> 
                Aber wenn daraus die Folgerung gezogen werden will, daß also auf Rechnung des selbständigen Rechtes des Glaubens Alles und Jedes geglaubt werden müsse oder auch nur dürfe, dann kehrt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit noch größerer Energie den Spieß um und erinnert daran, daß die Schranke auch die Beziehung ist. <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Fides non cogit sensum [sentire] fateri quod non sentit.</foreign></hi> Der Glaube zwingt die <ref type="term">Vernunft</ref> nicht zu der Behauptung, daß sie etwas fasse, was sie tatsächlich nicht faßt, sondern lenkt sie hin zu den unsichtbaren Dingen und überträgt alle <ref type="term">Hoffnung</ref> auf jene. Er verweilt nicht unter den <foreign xml:lang="lat">sensibilia</foreign> und Körperlichkeiten und hat nichts Gemeinsames mit ihnen» (249).<note xml:id="n440"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,787,17-20.</bibl></note> 
                Es wäre also nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vielmehr ein Verrat des Glaubens an die Vernunft, wenn man auf Grund des selbständigen Rechtes des Glaubens einen Glauben an sinnlich-körperliche Dinge fordern würde, denn damit würden, ob man’s will oder nicht, die Gegenstände des Glaubens herabgezogen in die Sphäre der <ref type="term">Vernunft</ref> oder dann vielmehr der Unvernunft. «Denn körperliche Dinge sind <foreign xml:lang="lat">sensibilia</foreign>, der Sphäre der Vernunft zugehörige Dinge, oder wenn sie das nicht sind, sind sie nicht körperlich» (249).<note xml:id="n441"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,786,33f.</bibl></note> |</p>
                <p> So  kommt es, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für den in der Tat oft allzu schnell und siegreich geführten Krieg für die <ref type="term">Offenbarung</ref> gegen die Vernunft kein Pathos übrig hat, sondern im Gegenteil «sich nicht schämt», als wichtiges Argument für die Richtigkeit seiner Deutung des «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» = «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» das anzuführen, daß die <ref type="term">Vernunft</ref> dagegen nicht so tobe und revoltiere, als wenn sie höre, daß hier körperliches <ref type="term">Fleisch</ref> gegessen werde. «Denn man kann die Vernunft nicht überreden, zu begreifen, was sie nun einmal in keiner Weise begreifen kann. Sie erlaubt dem <pb ed="pga" xml:id="p352"/> 
                Glauben ja ungern genug, zu glauben, wovon sie selbst keine Erfahrung hat, auch wenn ihr nichts auferlegt wird, was ihre Gesetze und ihre <ref type="term">Natur</ref> überschreitet. Wenn aber gar dieser falsche Glaube von der ‹<foreign xml:lang="lat">sensibilis caro</foreign>› redet und das der unwilligen Vernunft aufzwingen will, daß sie unter völliger Außerachtlassung ihres eigenen <ref type="term">Gesetz</ref>es bekennen soll, sie begreife, was sie <hi rend="italic">nicht</hi> begreift, dann gehorcht sie endgültig nicht, und wenn man sie mit tyrannischer <ref type="term">Gewalt</ref> dazu zwingt, zu bekennen, was sie nicht begreift, so lehnt sie sich endgültig <hi rend="italic">doch</hi> dagegen auf» (253).<note xml:id="n442"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,792,25-33.</bibl></note> 
                Aber das könnte ja gar nicht der rechte Glaube sein, der das erzwingen will. «Wir halten <hi rend="italic">den</hi> Glauben für eine <foreign xml:lang="lat">frivola opinio</foreign>, durch den man mit blinder Kühnheit das glauben wollte, <foreign xml:lang="lat">quae ab omni sensu alienissima sunt</foreign>.» Der Art war z. B. der Glaube an die Vielheit der Götter, den die Athener dem <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> aufzwingen wollten, ein Glaube, den die <ref type="term">Vernunft</ref> ablehnen muß, obwohl man ihn auch einen Glauben an die unsichtbaren Dinge hätte nennen können (345).<note xml:id="n443"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,489,20-490,21.</bibl></note> 
                Das Letztere bedeutet eben nicht, daß die Gegenstände des Glaubens «<foreign xml:lang="lat">nulla ratione</foreign>» wahrscheinlich sein dürften, auch nicht dem gläubigen Geist, was könnte man Krasseres behaupten? (346).<note xml:id="n444"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,491,26-29.</bibl></note> «Nicht durch den Glauben werden wir selig, durch den wir glauben an Dinge, die der <ref type="term">Vernunft</ref> zuwider sind, sondern durch den, der sich auf die Dinge richtet, auf die man <hi rend="italic">hoffen</hi> muß» (347).<note xml:id="n445"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,492,5f.</bibl></note> 
                Auch an den Gedanken der Allmacht Gottes dürfe hier nicht appelliert werden, nicht nur darum nicht, weil die Allmacht Gottes sich in allen Dingen an die Ordnung halte. Gott kann wohl aus einem Elephanten einen Kürbis machen oder aus dir einen Maulesel, so daß der Elephant zugleich ein Kürbis ist und du zugleich ein Maulesel, aber ob er es tut, das ist eine andere, und zwar eine tolle Frage. Die angesichts dieser tollen Frage sehr naheliegende Erinnerung an die Gottmenschheit Christi wird abgelehnt mit der Behauptung, daß die Schrift auch von Christus nicht die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur als Gleichsetzung zweier verschiedener <hi rend="italic">Substanzen</hi> oder Essenzen, sondern die zweier verschiedener Subsistenzen oder Seinsweisen in der «<foreign xml:lang="lat">unitas hypostaseos</foreign>» lehre (350).<note xml:id="n446"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,496,13-31.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p353" rend="noPipe"/> Im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl> hat dann <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> versucht, die Eigenart des Glaubens gegenüber einem unvernünftigen Vernunftglauben dahin zu bestimmen, daß er überhaupt nicht bloß ein Wissen, eine «<foreign xml:lang="lat">sententia</foreign>», sondern vor Allem eine <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">res</foreign>»</hi> sei, die Wirklichkeit, in der wir an dem, worauf wir hoffen, haften, das <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">experimentum</foreign>»</hi>, in dem der <ref type="term">Mensch</ref> erprobt, wieviel <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">fiducia</foreign>»</hi> er in sich habe zu dem, was man nicht sieht. 
                Aus dieser Erprobung kann dann Erprobtheit, Erfahrung, «<foreign xml:lang="lat">experientia</foreign>» werden, in der der Mensch in sich ein unfehlbares Wissen und Vertrauen zu Gott, auf den er hofft, feststellt, «<foreign xml:lang="lat">sentit</foreign>». Diese «<foreign xml:lang="lat">experientia</foreign>» glaubt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in dem anderen Begriff von <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἔλεγχος</foreign> wiederzufinden, so daß die Stelle also nach ihm zu übersetzen wäre: «Der Glaube ist eine auf die Dinge, die man hofft, gerichtete <hi rend="italic">Verfassung der <ref type="term">Vernunft</ref></hi> und eine <hi rend="italic"><ref type="term">Erfahrung</ref></hi> von den Dingen, die man nicht sieht.» Denn Glaube ist nicht Glaube an <hi rend="italic">irgend etwas</hi> nicht Sichtbares. <hi rend="italic">Dieser</hi> Glaube, also z. B. der Engel-, 
                Dämonen- oder <ref type="term">Seele</ref>nglaube macht nicht selig, er ist «<foreign xml:lang="lat">credulitas</foreign>» eher als «<foreign xml:lang="lat">fides</foreign>» zu nennen. Dahin gehört für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch der Glaube an die Realpräsenz. Der <ref type="term">Heil</ref>sglaube richtet sich auf die Dinge, auf die man im paulinischen Sinn hoffen muß. Ihr Kriterium ist, daß sie, obwohl unsichtbar, «<foreign xml:lang="lat">certa tamen [animi] experientia adsunt in corde pii hominis</foreign>» (346f.).<note xml:id="n447"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,491,6-492,2.</bibl></note> |</p>
                <p> Ebenfalls im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl> hat sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch die Frage gestellt, wie es denn bei diesem Verhältnis von Glauben und <ref type="term">Vernunft</ref> mit den <ref type="term">Wunder</ref>n stehe, die in der heiligen Schrift stehen, mit der Geburt Christi aus der unbefleckten Jungfrau, seinem Wandeln auf dem Meer, seiner <ref type="term">Auferstehung</ref> aus dem Grabe. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> denkt natürlich nicht daran, die <ref type="term">Wunder</ref> etwa zu leugnen, wohl aber leugnet er, daß sie der <ref type="term">Vernunft</ref>, nämlich der frommen Vernunft («<foreign xml:lang="lat">fidelis mens</foreign>») widersprechen. Was nämlich in offenkundigen Schriften der <ref type="term">Apostel</ref> uns überliefert ist, das kann von gläubigen Menschen nicht <hi rend="italic">nicht</hi> geglaubt oder für einen 
                Tropos oder ein Gleichnis erklärt werden. Ferner ist ein Ereignis wie die Jungfrauengeburt «<foreign xml:lang="lat">salutaris</foreign>» und also ein möglicher Gegenstand christlicher <ref type="term">Hoffnung</ref>. Mag es dem <ref type="term">Fleisch</ref>e «<foreign xml:lang="lat">inusitatissimum</foreign>» sein, so kann sich doch die <ref type="term">Vernunft</ref> daran erfreuen, «<foreign xml:lang="lat">delectatur tamen in eis mens</foreign>». Süßer als Honig ist das Wort des Herrn im Munde der gläubigen <ref type="term">Seele</ref>. Drittens haben die biblischen <ref type="term">Wunder</ref> für <pb ed="pga" xml:id="p354"/> sich die Analogie des Glaubens, so daß man z. B. in der Jungfrauengeburt die Reinheit, im Wandeln auf dem Meer die <ref type="term">Gnade</ref>, in der <ref type="term">Auferstehung</ref> die Allmacht des Gottessohnes erkennen kann. 
                Und endlich viertens die Analogie der jüdischen Geschichte, in der ja auch Unfruchtbare geboren haben, das Meer durchschritten, Tote auferweckt wurden. Das alles lasse sich aber, meint <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Punkt für Punkt zeigen zu können, von dem widervernünftigen <ref type="term">Wunder</ref> der Realpräsenz nicht sagen. Ich brauche wohl nicht erst auszusprechen, wohin der ganze Wegweiser zeigt, den <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit dieser Theorie aufgerichtet hat: Glaube und <ref type="term">Vernunft</ref> in wohlabgegrenzten Gehegen friedlich nebeneinander, Religion als innere Verfassung und <ref type="term">Erfahrung</ref>, die biblischen <ref type="term">Wunder</ref> wohl annehmbar für eine gläubige <ref type="term">Vernunft</ref>, die sich mit dem Hinweis auf die Autorität der <ref type="term">Apostel</ref> abspeisen läßt. 
                Das sind Töne, die wir seit zweihundert Jahren nur zu gut kennen und die darum nicht weniger bedenklich sind, weil sie hier noch jugendfrisch tönen, während sie unterdessen längst greisenhaft geworden sind. Zu verteidigen und zu retten ist hier nichts. Ich habe Sie von Anfang an darauf aufmerksam gemacht, daß man beim Studium <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> auf die Entdeckung fataler Dinge gefaßt sein müsse. Daß der wahrhaftig nötige Einwand gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in dieser wahrhaftig noch einwandvolleren Weise erfolgen mußte, ist für mich nur ein neuer Beweis für die erschütternde Relativität, in der sich die menschlichen Dinge abspielen. 
                Das eigentlich Bedeutsame und Wertvolle in <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Anschauung muß wirklich streng nur in den <hi rend="italic">Motiven</hi> gesucht werden, von denen wir gestern sprachen, in dem Korrektiv, das er in Bezug auf die reine <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">adoratio</foreign>»</hi> Gottes und in Bezug auf den in einem mit Ernst zu erneuernden Leben sich vollziehenden <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">cultus</foreign>»</hi> sehr nötigerweise beigebracht hat.<note xml:id="n448"> Dieses Urteil ersetzt folgenden von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann gestrichenen Satz im Mskr.: «Doch wir müssen nun zu Ende hören, und ich kann 
                Ihnen zum Troste sagen, daß wie die treibenden Motive, von denen wir gestern sprachen, so auch die eigentliche Abendmahlslehre <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> wenigstens etwas [zuerst statt dessen: verhältnismäßig viel] plausibler ist als diese ihr zugrunde liegende allgemeine Theorie, das, was gerechtfertigt werden sollte, wirklich [?] besser als die Art, wie es gerechtfertigt wurde, während bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wenigstens in seinen frühen Schriften, die wir kennengelernt haben, gerade das Gegenteil zu sagen ist.»</note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p355" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zerlegt, wie [wir] schon sahen und wie es auf Grund dieser seiner allgemeinen Theorie zu erwarten ist, das Essen und Trinken, das Christus bei der Stiftung des Abendmahls angeordnet hat, in zwei scharf getrennte und auf ganz verschiedenen Szenen sich abspielende Vorgänge. Die himmlische Speise, von der <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> die Rede ist und die auch in den richtig verstandenen Einsetzungsworten gemeint ist, ist einfach der Glaube. Denn er allein kann es ja sein, der den menschlichen Geist speist und tränkt (241f.).<note xml:id="n449"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,776,23-777,21.</bibl></note> «Brot» und «Essen» bedeutet nichts Anderes als <ref type="term">Evangelium</ref> und Glauben (243).<note xml:id="n450"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,779,23f.</bibl></note> 
                Und wiederum: Wenn Christus sich selbst als diese Speise bezeichnet, so ist damit nichts Anderes gesagt als: das <ref type="term">Evangelium</ref>, das vom Glauben aufgenommen, geglaubt, die <ref type="term">Seele</ref> nährt zum ewigen Leben. «<foreign xml:lang="lat">Ego Evangelium vobis annuncio … Est autem Evangelion nihil aliud, quam ego ipse</foreign>» (247).<note xml:id="n451"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,784,21-23.</bibl></note> 
                Faßt man dieses «<foreign xml:lang="lat">ego ipse</foreign>», Christus als Speise der <ref type="term">Seele</ref>, in diesem Sinn konkret, so erhellt, daß damit nicht die leiblich auf Erden wandelnde Person gemeint sein kann: «<foreign xml:lang="lat">Spiritus spiritum docet.</foreign>» «Der Geist Gottes läßt sich hernieder, den elenden Geist des Menschen an sich zu ziehen, sich zu verbinden, ja ihn in sich selbst zu verwandeln. Das ist’s, was seine <ref type="term">Seele</ref> nährt, erfreut und ihres <ref type="term">Heil</ref>es gewiß macht; was ist das Anderes als eben die Speise der <ref type="term">Seele</ref>?» (246).<note xml:id="n452"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,782,7-10.</bibl></note> Eine geistliche Speise, denn nur der Geist kann die <ref type="term">Seele</ref> an sich ziehen und stärken (246).<note xml:id="n453"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,782,16f.</bibl></note> 
                Was hat Christus mit diesem Vorgang zwischen Geist und Geist zu tun?, möchte man fragen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> antwortet: Weil die <ref type="term">Seele</ref> angesichts dessen, was Gott uns in ihm und in dem Tod gibt, um uns das <ref type="term">Leben</ref> zu geben, seiner Gnade und ihres <ref type="term">Heil</ref>es gewiß wird. Insofern gilt das Wort: Mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut der wahre Trank, nämlich sofern sie in den Tod gegeben sind (244).<note xml:id="n454"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,779,36-39;780,31f.</bibl></note> «<foreign xml:lang="lat">Caro Christi omni modo plurimum imo immensum prodest</foreign>», ruft er einmal aus, aber das getötete, nicht das gegessene (246).<note xml:id="n455"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,782,30f.</bibl></note> 
                Nur nach seiner Gottheit, so wie er vom <ref type="term">Himmel</ref> <pb ed="pga" xml:id="p356"/> herniederstieg, nicht so, wie er von der Jungfrau geboren wurde (243)<note xml:id="n456"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,779,18-20.</bibl></note>, kann uns Christus zum <ref type="term">Heil</ref> sein, nur im Sinn der «<foreign xml:lang="lat">communicatio naturarum</foreign>» kann das also von seinem <ref type="term">Fleisch</ref>e ausgesagt werden (244).<note xml:id="n457"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,780,5-7.</bibl></note> Als der von der Jungfrau Geborene mußte er freilich leiden und sterben, aber wenn er nicht zugleich Gott gewesen wäre, so hätte er es nicht zum <ref type="term">Heil</ref> der <ref type="term">Welt</ref> tun können (243).<note xml:id="n458"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,779,20-22.</bibl></note>  
               «Die an Christus glauben, fragen nach Christus nach dem Fleische hinfort nicht mehr. Denn sie wissen, daß das Fleisch nichts nütze ist, wenn man es ißt. Aber zugleich entgeht ihnen nicht, daß es sehr nützlich ist, wenn du glaubst, daß Christus im Fleische für dich getötet ist, und darauf dein Vertrauen setzest» (331).<note xml:id="n459"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,466,24-467,1.</bibl></note> |</p>
                <p> Man muß auch in dieser etwas steifen <ref type="term">Christologie</ref> <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Bemühen erkennen, Gott zu geben, was Gottes ist. Und von dieser Position aus erfolgt nun die Polemik nicht nur gegen die, die eine geradezu körperlich-räumliche Gegenwart des Fleisches Christi im Abendmahl lehren, sondern mit besonderer Lebhaftigkeit auch gegen die, die einen <hi rend="italic">geistlichen Genuß</hi> <hi rend="italic">dieses Fleisches</hi> behaupten, und hier kann natürlich nur <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gemeint sein. «Wir meinen, man dürfe auch auf die nicht hören, die, indem sie jene erste Ansicht als bäurisch, gottlos und frivol erkannt haben, so sagen: Wir essen zwar das wahre, körperliche Fleisch Christi, aber spiritualiter. Denn die sehen noch nicht, daß beides zugleich nicht sein kann: ein Körper sein und geistlich gegessen werden; denn so verschieden sind Körper und <ref type="term">Geist</ref>, daß welches von beiden du auch nehmest, so kann es nicht zugleich das andere sein» (249).<note xml:id="n460"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,787,3-9.</bibl></note> 
                So müssen sie denn unfreiwillig von einem geistlich-leiblichen Essen reden, worin <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nur einen Versuch sehen kann, sich und Anderen vorzutäuschen, daß man mit der katholischen Lehre noch einig gehe, während er selber, indem er das Geistliche geistlich nennt, die Sache zur Reinheit des Wortes Gottes zurückführen möchte (250).<note xml:id="n461"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,788,16-22.</bibl></note> 
                  Es hilft also auch in der Frage der Anbetung des <ref type="term">Sakrament</ref>es nichts, wenn man sagt, man bete nicht das Brot an, son<pb ed="pga" xml:id="p357" break="no"/>dern den Leib Christi. «<foreign xml:lang="lat">Quid per deum optimum maximum est <hi rend="italic">spirituale corpus Christi»</hi></foreign>, gibt es einen anderen Leib Christi als die Kirche?, fragt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ganz entrüstet. Warum solche «<foreign xml:lang="lat">nova commenta</foreign>» erfinden? Warum mit solchen Begriffen, die kein Verstand versteht, die frommen <ref type="term">Seele</ref>n belasten? «Geistlicher Leib» ist den Menschen ebenso verständlich, wie wenn du sagen würdest: «körperliche <ref type="term">Vernunft</ref>» oder «fleischerner Verstand». Was vereinigen wir immer noch solche unvereinbaren Worte? Geistlich den Leib Christi essen, was kann das Anderes sein, als an Christus glauben? (270).<note xml:id="n462"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,817,27-818,9.</bibl></note> 
                Und ebenso unwirsch schreibt er in dem Brief an die Basler, neben denen, die im Abendmahl leibliches Fleisch, und denen, die überhaupt kein Fleisch zu essen meinten, gebe es noch dritte, die ein geistliches Fleisch behaupten, und zwar so, daß das Brot nicht nur Brot, sondern auch Fleisch sei, oder daß, wenn Brot, zugleich auch Fleisch gegessen werde. «Denn ich kann das nicht klar verstehen, da ich die Bücher gewisser Leute nicht gelesen habe.» Die <ref type="term">Wahrheit</ref> aber lautet: Das Fleisch ist nichts nütze!
                Die Wahrheit muß heraus, und die Heuchelei muß ans Licht gezogen werden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,390f.</bibl>).<note xml:id="n463"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,318,12-28.</bibl></note></p>
                <p> Es ist ein fragwürdiger Ersatz, wenn <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> seinerseits nun statt «<foreign xml:lang="lat">corpus spirituale</foreign>» das Abendmahlsbrot <hi rend="italic">»<foreign xml:lang="lat">corpus symbolicum</foreign>»</hi> nennen will (255).<note xml:id="n464"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,795,4.</bibl></note> Irgendeine geistige Bezeichnung mußte er ja wählen, wenn er gegen den Vorwurf, er lehre, es sei «schlecht Brot und Wein» im Abendmahl, einigermaßen geschützt sein wollte, obwohl das in der Tat seine Meinung war. Brot und Wein <hi rend="italic">Symbole</hi>, so schreibt er im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl>, Christus aber oder Christi Fleisch und Blut «<foreign xml:lang="lat">per metonymiam</foreign>» - nicht daß sie es sind, nämlich Christi Fleisch und Blut, aber weil sie von Christus eingesetzt sind (336).<note xml:id="n465"> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Z 4,475,9-12.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Interesse ist eben überhaupt - und dies ist ein gutes Motiv - darauf gerichtet, das Interesse von den Abendmahls<hi rend="italic">elementen</hi> abzulenken auf die Abendmahls<hi rend="italic">handlung.</hi> «Dazu ist das Abendmahl eingesetzt, damit die, die da gemeinsam dieselbe Speise essen, nämlich im Glauben an Christus Jesus, zu einem Leib verbunden wie in einer heiligen Weihe und <pb ed="pga" xml:id="p358"/> Schwurhandlung zu einem Heer und auserwählten Gottesvolk geeinigt werden» (142).<note xml:id="n466"> <bibl corresp="kbga-bibls-2980"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Adversus Hieronymum Emserum antibolon</hi> (1524), Z 3,282,29-32.</bibl></note> 
                Oder: «Die hier essen und trinken, werden ein Leib und ein Brot, d. h. so viele ihrer zu dieser Feier zusammenkommen, um den Tod des Herrn zu verkündigen und das symbolische Brot zu essen, die bekennen sich als Leib Christi und als Glieder seiner Kirche» (260).<note xml:id="n467"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,802,30-33.</bibl></note> Der grundlegende Begriff aber ist der der Eucharistia, Danksagung oder «<foreign xml:lang="lat">iucunda commemoratio</foreign>» der Wohltat Christi, die das ist, was jene Gemeinschaft gestiftet hat und immer wieder stiftet (240f.)<note xml:id="n468"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,775,20-26.</bibl></note>: Die da festiglich glauben, daß sie durch Christi Tod und Blut dem Vater versöhnt sind, verkündigen diesen lebenspendenden Tod, d. h. sie lobpreisen, wünschen sich Glück und reden davon (263).<note xml:id="n469"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,807,12-14.</bibl></note> 
                Daß der Genuß <hi rend="italic">dieses</hi> Mahles auf der unteren Szene Vergebung der Sünde mitteile, das wird, wie gesagt, ausdrücklich geleugnet. Einmal gestorben, hat Christus <hi rend="italic">alle</hi> <ref type="term">Sünde</ref>n <hi rend="italic">aller</hi> Menschen aufgehoben - <ref type="term">Vergebung</ref> ist nur noch direkt bei ihm, nicht mehr da oder dort zu finden. Wie also die <ref type="term">Taufe</ref> unsere <ref type="term">Beschneidung</ref> ist, so das <ref type="term">Abendmahl</ref> unser Passah, «<foreign xml:lang="lat">h. e. redemptionis commemoratio, festivitas aut celibritas</foreign>».<note xml:id="n470"> <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,803,25-27.</bibl></note> 
                Man wird sagen müssen, daß dieses Positive, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> über die sichtbare Abendmahlsfeier in kurzen Worten mehr nebenbei sagt, neben den treibenden Motiven, von denen die Rede war, mit das Beste war. Wie dort in der letzten Tiefe des Problems, so hier im Äußerlichsten wirkt er anschaulich, einleuchtend und glaubwürdig. Es läßt sich Tieferes über die Eucharistie sagen ohne die abstrakte Scheidung der Gebiete, ohne das Alles ertötende: Das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze!,
                aber möglicher, greifbarer, vollziehbarer ist sie wohl vorher und nachher, auch  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> nicht ausgenommen, nicht geschildert worden. Im Abendmahlsstreit freilich ist weder jenes Letzte, Berechtigte, die treibenden Motive, noch dieses gute und schlechthin brauchbare Äußerlichste zu seinem Rechte gekommen, und es ist eine eigentümliche Tragik darin, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst, statt dieses Beste zu sagen, was er eigentlich zu sagen hatte, jene - man darf <pb ed="pga" xml:id="p359"/> wirklich sagen: in dieser Form unfruchtbare und gefährliche Theorie von <ref type="term">Geist</ref> und Fleisch, «<foreign xml:lang="lat">Sensus</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">Fides</foreign>» in den Vordergrund schob und ausgerechnet <hi rend="italic">damit</hi> der <ref type="term">Welt</ref> ein Mysterium zu entschleiern, womöglich die <ref type="term">Reformation</ref> erst zu vollenden meinte.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">25.I.23</date>
                Der Ruf, den <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im Frühling 1525 hatte ausgehen lassen, war stark genug gewesen, um allerlei Echo zu erwecken. Wir haben zunächst von einem <hi rend="italic">zustimmenden</hi> zu reden, das nicht nur darum wichtig ist, weil es von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nachmaligem bedeutendstem Parteigänger im Streit gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> herrührte, sondern auch darum, weil es bereits eine bemerkenswerte Antizipation war derjenigen überlegenen Anschauung, aus der heraus später kein Geringerer als  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> den notwendigen Widerspruch gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgenommen, aus der Sackgasse, in die er bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geführt worden, herausgeführt und auf die Formel gebracht hat, die, wenn es nicht schon zu spät gewesen wäre, 
                von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst eigentlich hätte anerkannt werden und dem Streit als Streit ein Ende hätte machen müssen. Was von  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gilt, das gilt schon von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName>:</hi> Man erkennt bei ihm besser als bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst das Anliegen, das diesen in seinen Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> geführt hat, so tief hineingeführt hat, daß über der schneidig-starren Formulierung des Widerspruchs das Anliegen, das ihn hervorgerufen, verdunkelt und die Sache aus dem Regen in die Traufe geführt wurde. Daß ein Mann wie <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> sich in der Abendmahlssache so rückhaltlos auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite stellen konnte, zeigt, daß es schon zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lebzeiten nötig und möglich war, ihn besser zu verstehen, als er sich jedenfalls ausgedrückt hat. Daß <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, als Denker unscheinbarer als <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, zum vornherein in dessen Schatten stand, sein Eigenes, Drittes, den Gegensatz Überwindendes nicht so wie 
                später  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> herauszuarbeiten vermochte, daß es sichtbar über die allzu bestimmt gezogenen Linien der Konstruktion <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> herausgeragt hätte, daß er darum, von der Gegenseite aus gesehen, zum vornherein nur als eine weitere Verlängerung der ohnehin schon unberechtigt, wenn auch nicht ganz unbegreiflicherweise gezogenen Linie <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>-<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erschien, das war <hi rend="italic">sein</hi> Anteil an der Tragik oder Schuld oder menschlichen Begrenztheit, in die wir ausnahmslos alle Gestalten dieses Dramas verflochten sehen. Die Selbständigkeit, mit der dieser schlichte Mann seinen Weg gegangen ist, die Sicherheit, mit der er bei aller Anspruchslosigkeit seiner ziemlich unphilosophischen <ref type="term">Theologie</ref> allerlei <pb ed="pga" xml:id="p360"/> böse Klippen zu vermeiden wußte, an denen der berühmtere <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gescheitert ist, die biblische Substanz seines Zeugnisses, die man bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht selten vermißt, sind darum doch allen Respektes wert. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>,  ein Pfälzer, geb. 1482, schon als Student und dann trotz Allem bis an sein Lebensende befreundet mit <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>, 1515 bis 1516 in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> als Prediger und Mitarbeiter des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> an dessen Neuem Testament, 1518 Prediger in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName></ref>, von 1520 bis 1522 merkwürdigerweise Mönch im <placeName ref="kbga-places-1254">Kloster <ref type="term">Altenmünster</ref></placeName> daselbst, 1522 Schloßkaplan <persName ref="kbga-actors-9485">Franz von Sickingens</persName> auf der <placeName ref="kbga-places-1255">Ebernburg</placeName>, seit Ende 1522 Pfarrer und Professor in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> (nur die Hauptdaten!), war wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> ursprünglicher Humanist, als eigentlicher Gelehrter wohl beiden überlegen, aber im Unterschied zu beiden mit einem entschieden mystischen Einschlag, der ihn nicht nur mitten aus dem schon angetretenen Weg evangelischer <ref type="term">Erkenntnis</ref> 
                für zwei Jahre ins Kloster, sondern nachher auch mehr als einmal in die Nähe der schwärmerischen Gedanken geführt hat. Weniger das Interesse des Denkers an der Reinheit der <hi rend="italic">Unterscheidung</hi> zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren <ref type="term">Welt</ref> als das des Frommen an der Reinheit ihrer gegenseitigen <hi rend="italic">Beziehung</hi> hat ihn auch in das Lager der Gegner der Realpräsenz geführt. Bezeichnend dafür ist, was er 1526 an <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> geschrieben hat: «Nicht das Vertrauen auf die <ref type="term">Vernunft</ref> 
                (<foreign xml:lang="lat">rationis fiducia</foreign>) und nicht <foreign xml:lang="lat">geometriae certitudo</foreign> (das Pochen auf die geometrische Klarheit) zwingt uns, so zu denken, sondern die <foreign xml:lang="lat">religio fidei</foreign>, die Ehrfurcht vor der <ref type="term">Natur</ref> des Glaubens, in dem die <hi rend="italic"><ref type="term">Wahrheit</ref></hi> des Leibes Christi (gemeint ist natürlich seine <hi rend="italic">Geistlichkeit</hi>) begründet ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-3102"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>, S. 80</bibl>).<note xml:id="n471"> <bibl corresp="kbga-bibls-3102">K. R. <persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>, <hi rend="italic">Johann Oekolampad und Oswald Myconius, die Reformatoren Basels</hi> (Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche, II. Theil), Elberfeld 1859, S. 80, Anm. **.</bibl></note> 
                Und 1528 an einen Unbekannten: «Wenn du glaubst, daß wir durch die <hi rend="italic"><ref type="term">Vernunft</ref></hi> verführt auf unsere Ansichten gekommen sind, so bist du gänzlich im Irrtum, obgleich wir diese Verläumdung von Vielen hören müssen» (<bibl corresp="kbga-bibls-3102">ebenda</bibl>). <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> konnte das jedenfalls von <hi rend="italic">seiner</hi> Person mit gutem <ref type="term">Gewissen</ref> sagen. Er teilt <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Abscheu vor jeder Materialisierung des Geschehens zwischen Gott und Mensch, und auch er ist der Meinung, daß eine solche bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vorliege und bekämpft werden müsse. 
                  Er ist aber, vielleicht gerade weil nicht er, son<pb ed="pga" xml:id="p361" break="no"/>dern <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> der Entdecker des notwendigen Einspruchs gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war, nicht so in Gefahr, aus dem Kampf nach böser <ref type="term">Theologen</ref>art einen Selbstzweck zu machen. Er vergißt nie, wenn auch noch nicht mit der Klarheit und Überlegenheit, mit der später  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> das getan hat, mit der anderen Hand wieder zu <hi rend="italic">geben</hi>, was er mit der einen <hi rend="italic">nimmt</hi>, die <hi rend="italic">Abstraktion</hi>, in der Äußeres und Inneres sich auch bei ihm gegenüberstehen, zu denken als <hi rend="italic">Relation</hi> und darum - das ist sein Hauptunterschied zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bei allem Gemeinsamen - die geistliche Speisung, an der auch er streng festhält, doch nicht nur in jener kahlen 
                Höhe des <ref type="term">Geist</ref>es und den leiblichen Genuß des <ref type="term">Abendmahl</ref>s doch nicht nur in jener nüchternen Niederung eines menschlich-religiösen Aktes sich abspielen zu lassen, sondern die beiden Parallelen, ohne sie sich schneiden zu lassen, doch so nahe aneinander zu rücken, daß es bei aller Behauptung der Distanz - und das war eben das Notwendige gegenüber <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> - möglich und notwendig wird, den <hi rend="italic">leiblichen</hi> Abendmahlsgenuß ganz in das Licht jener <hi rend="italic">geistlichen</hi> Speisung zu rücken und synekdochisch (auch <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> kennt diesen Begriff, mit dem bekanntlich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gearbeitet hat) von jenem zu 
                behaupten, was, wohlverstanden, nur von dieser (d. h. von dieser <hi rend="italic">in</hi> jenem) gelten kann: die wirkliche Gegenwart des <ref type="term">Fleisch</ref>es und Blutes Christi. Das war der Weg, auf den am Ende seines Lebens auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wenn auch zögernd und widerstrebend, einzulenken begann, den nach seinem Tod die Zürcher <ref type="term">Theologen</ref> unter <persName ref="kbga-actors-1506">Bullingers</persName> Führung entschieden betreten haben, bis dann im Consensus Tigurinus von 1549 die zwinglische Abendmahlslehre endgültig in der calvinischen auf- und unterging, man kann auch ruhig sagen: ihre Erfüllung fand.</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName>  erster Beitrag zu der Sache war seine im September 1525 veröffentlichte Schrift <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">«De genuina verborum Domini</hi> <hi rend="italic">‹</hi><hi rend="italic">hoc est corpus meum</hi><hi rend="italic">›</hi> <hi rend="italic">iuxta vetustissimos auctores expositione»</hi></foreign> (<bibl corresp="kbga-bibls-3102"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>, S. 75[-84].240[-243]</bibl>).<note xml:id="n472"> <bibl corresp="kbga-bibls-3111"><persName ref="kbga-actors-711">J. Oekolampad</persName>, <hi rend="italic">De genuina verborum Domini</hi> <hi rend="italic">«hoc est corpus meum</hi>» <hi rend="italic">iuxta vetustissimos auctores expositione</hi> (1525)</bibl>; vgl. die Darstellung bei <bibl corresp="kbga-bibls-3102"><persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbach</persName>, a.a.O., S. 75–84</bibl>, sowie <bibl corresp="kbga-bibls-3111"><persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> «Vorwort», das Begleitschreiben zur Streitschrift an seine schwäbischen Freunde, S. 240–243</bibl>.</note> 
                Er hat sie nach dem Vorwort ebenso wegen des ungestümen Geschreis Etlicher, die seine Predigt in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> angriffen, wie wegen des brieflichen Drängens seiner Freunde veröffentlicht. <pb ed="pga" xml:id="p362"/> Bei den Gegnern hat man ebenso an die im Sinn des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> humanistisch-christlichen Universitätskollegen und nicht zum mindesten an den immer reaktionärer werdenden <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> selbst wie an den lutherisch gesinnten Pfarrer <persName ref="kbga-actors-9486">Wyssenburg</persName> zu denken, bei den Freunden sicher an <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und seinen Kreis. Der schon besprochene Brief <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> an die Basler vom April 1525, in dem <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> hoch gerühmt wurde, mußte jedenfalls von diesem als eine Aufforderung aufgefaßt werden, «Rechenschaft zu geben von seinem Glauben in dieser Sache», wie er im Vorwort sagt. 
                Die Schrift ist den <ref type="term">Theologen</ref> von Schwaben gewidmet, unter denen <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> bis dahin manchen Freund gehabt hatte, und betont, echt oekolampadisch, im Vorwort gleich stark die Absicht, die <ref type="term">Wahrheit</ref> herauszusagen und die gefährdete <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit den Adressaten aufrechtzuerhalten. «Derselbe Gott ist die <ref type="term">Wahrheit</ref>, der auch die Liebe ist.» Wir besitzen aber auch den Begleitbrief vom 16. September 1525, mit dem <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> die ersten Exemplare seiner Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zugesandt hat (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,408</bibl>), aus dem man viel deutlicher sieht, wie sehr man sich doch bereits damals auf dem Kriegspfade befindlich fühlte. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> bezeugt das große Wohlgefallen, das er an <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> eben erschienenem <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl> gefunden habe. «Unsere Gegner suchen das, was sie weder mit Schrift noch mit <ref type="term">Vernunft</ref>gründen widerlegen können, 
                lächerlich zu machen, töricht genug, um Alle für töricht zu halten, und ihre eigene Torheit nicht erkennend.» «<foreign xml:lang="lat">Ille noster dubiae fidei frater</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-9486">Wyssenburg</persName>), dem <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl> zu lesen gegeben hatte, habe dazu geäußert: «<foreign xml:lang="lat">parvum Theologiae, multum Philosophiae inesse nostris libris</foreign>». Er will freilich noch abwarten, fügt <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> wenig freundlich hinzu, was der «sächsische Götze» («<foreign xml:lang="lat">Saxonicum idolum</foreign>») darauf antworten werde. Und dann weiter: «Die Priester und ihre Gesinnungsgenossen würden Alles, was wir bis jetzt gelehrt, hingehen lassen, 
                aber das <hi rend="italic">eine</hi> Dogma vom Abendmahl, das, sei es der <ref type="term">Papst</ref>, sei es <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgestellt hat (<foreign xml:lang="lat">quod vel Papa vel Lutherus tradidit</foreign>), wollen sie nicht fahren lassen. Denn es ist die Burg und Schutzwehr ihrer Gottlosigkeit, wodurch sie mit der <ref type="term">Zeit</ref> wieder zu erlangen hoffen, was sie jetzt verloren haben. Bleibt dieser Götze unangetastet, so wird sie niemand mit Recht als Gottlose tadeln können.»<note xml:id="n473"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (16.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,365,4-366,8 (Nr. 384)</bibl>.</note></p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p363" rend="noPipe"/> Die  Schrift selbst ist, wie der Titel andeutet, in der Hauptsache historisch. Wir halten uns hier an den systematischen Ertrag, wobei ich eine Thesenreihe, in der <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> zwei Jahre später einem Freund gegenüber seine Ansicht vom Abendmahl auseinandergesetzt hat (<bibl corresp="kbga-bibls-3102"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName> 243[f.]</bibl>)<note xml:id="n474"> <bibl corresp="kbga-bibls-3102"><hi rend="italic">Oekolampads Thesen über das heilige Abendmahl</hi> (1527), in: K. R. <persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>, a.a.O., S. 243f.</bibl> Weiter ist benutzt <bibl corresp="kbga-bibls-3149"><persName ref="kbga-actors-590">W. Hadorn</persName>, Art. «Oekolampad», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 14, S. 286–299, bes. S. 296f</bibl>.</note>, 
                zur Ergänzung herbeiziehe. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> erinnert daran, daß die alte Kirche anstelle des unbiblischen Begriffs Sakrament den des Mysteriums gekannt habe. Der habe damals neben den versinnbildlichenden Gebräuchen und Zeremonien auch die <ref type="term">Geheimnis</ref>se des Glaubens überhaupt bezeichnet. In diesem Sinn denke man nicht daran, das <ref type="term">Geheimnis</ref> zu leugnen. Aber daraus folgt nicht, daß auch da ein Geheimnis im Sinn einer alle <ref type="term">Vernunft</ref> übersteigenden Wirklichkeit anzunehmen ist, wo keines ist, ja wo gerade keines sein soll. Und das gilt nun vom Mysterium im engeren Sinn, vom «<foreign xml:lang="lat">Mysterium ecclesiasticum</foreign>». 
                Es besteht in einer sichtbaren und als solche nicht übervernünftigen Hülle, die auf ein Unsichtbares <hi rend="italic">hinweist.</hi> Indem es die Bestimmung hat, zu mahnen, zu erbauen, darf es nicht selbst wieder ein <ref type="term">Geheimnis</ref>, d. h. ein uns Unbekanntes und Verschlossenes sein. Mysterien heißen die <ref type="term">Sakrament</ref>e der alten Kirche nicht in einem dogmatischen, sondern im kultisch-technischen Sinn: die Nicht-Christen, die Uneingeweihten waren davon ausgeschlossen, ihnen war ihre Bedeutung verborgen. 
                Im Übrigen wurde auch den Kindern die Kommunion nicht verweigert, und in der ältesten <ref type="term">Zeit</ref> wurde sie, ohne daß man eine Profanation darin erblickte, in den Häusern gefeiert, ein Beweis, daß man nicht an eine leibliche Gegenwart Christi glaubte. Durch das «<foreign xml:lang="lat">Sursum corda!</foreign>», das man den Kommunikanten zurief, zeigte man, daß es sich um <hi rend="italic">Erhebung</hi> der <hi rend="italic">Gemüter</hi> handle, nicht um das <hi rend="italic">Anstaunen</hi> eines für die <hi rend="italic">Sinne</hi> faßbaren <ref type="term">Wunder</ref>s. Nicht zum <hi rend="italic">Altar</hi>, sondern zum <hi rend="italic"><ref type="term">Himmel</ref></hi> sollten die <ref type="term">Herz</ref>en gerichtet sein, da Christus sitzt zur Rechten Gottes. Viel später erst ist die geweihte Hostie zu einem Gegenstand der Anbetung geworden. In Bezug auf die Einsetzungsworte vertritt auch <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> eine tropische Auffassung, aber nicht dieselbe wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Er will nämlich das Tropische nicht wie dieser in der Copula «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» suchen, 
                da ja in der aramäischen Urform der <pb ed="pga" xml:id="p364"/> Worte die Copula überhaupt gefehlt haben müsse, sondern in dem Begriff «<foreign xml:lang="lat">corpus</foreign>», den <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> als «<foreign xml:lang="lat">figura corporis</foreign>» (Bild oder Zeichen meines Leibes) erklärt. Er betont überdies die symbolische Bedeutung des <hi rend="italic">Brechens</hi> des Brotes als Bild des Sterbens Christi. Die positivere Richtung <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> verrät sich auch in dieser scheinbar bloß philologischen Nuance. Die Abweichung von der Lehre <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> aber war natürlich bei <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> nicht kleiner als bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Das ist mein Leib! darf nach ihm nicht anders aufgefaßt werden als die anderen Worte Jesu: Johannes <hi rend="italic">ist</hi> Elias! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.14">Mt. 11,14</ref>] oder «Weib, siehe das <hi rend="italic">ist</hi> dein Sohn!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.26">Joh. 19,26</ref>]. 
                Hätte er von einer Verwandlung des Brotes in den Leib oder nach <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von einem Eingeschlossensein des letzteren in dem ersteren reden wollen, so würde er es <hi rend="italic">gesagt</hi> haben, wie es eben z. B. vom Wein auf der Hochzeit zu Kana <hi rend="italic">heißt</hi>, daß aus Wasser Wein wurde [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.1 Joh.2.11">Joh. 2,1–11</ref>]. Die Grenzen solcher bildlichen Erklärung der Schrift sind, meint <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, durch den jedesmaligen Zusammenhang gezogen. Die Verkennung der Bildlichkeit der Abendmahlsworte hat die Analogie des Glaubens gegen sich und verrät Streitsucht. Die Schrift muß durch die Schrift passend erklärt, nichts heraus-, aber auch nichts gewaltsam hineinerklärt werden. 
                Auch für <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> ist schließlich <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> entscheidend. Diese Stelle, behauptet er, stehe der Ansicht vom leiblichen Essen entgegen wie der <persName ref="kbga-actors-9488">Cherub</persName> mit dem feurigen Schwerte. Bemerkenswert ist endlich, daß <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> auch den <hi rend="italic">eschatologischen</hi> Gesichtspunkt geltend gemacht hat: daß Christus ausdrücklich gelehrt habe, er werde nicht mehr leiblich erscheinen bis zu seiner Wiederkunft, und daß er gewarnt habe vor allen, die sagen werden: <hi rend="italic">hier</hi> ist Christus - ein Gesichtspunkt, für den er
                freilich bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kaum Verständnis erwarten konnte. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> eigene <ref type="term">Abendmahlslehre</ref> baut sich auf auf den Begriff des <hi rend="italic">sichtbaren Wortes.</hi> Die Einsetzung Christi und das sie erinnernde Wort des Glaubens <hi rend="italic">heiligt</hi> Brot und Wein. Ohne dieses Wort wären sie freilich nicht mehr und nicht von höherer Würde als irgendein anderes Bild, z. B. die Statue des <persName ref="kbga-actors-9489">Horatius Cocles</persName><note xml:id="n475"> <persName ref="kbga-actors-9489">Horatius  Cocles</persName> (der Einäugige) verteidigte 507 v. Chr. den Pons sublicius am rechten Tiberufer gegen die Etrusker unter Porsenna und rettete mit diesem Beweis altrömischer virtus Rom (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3150"><persName ref="kbga-actors-9514">Polybios</persName>, <hi rend="italic">Historien</hi> 6,54</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-761"><persName ref="kbga-actors-3888">Livius</persName>, <hi rend="italic">Ab urbe condita</hi> II,10,2-11</bibl>). Für dieses Verdienst wurde ihm eine Statue errichtet.</note>. 
                  Diese Heili<pb ed="pga" xml:id="p365" break="no"/>gung durch das Wort bedeutet aber, daß die Zeichen selbst zum sichtbaren Worte werden. Das Wort verheißt Christi Gegenwart. Wir wissen, daß dies der kritische Punkt war, an dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht stehen bleiben konnte, sondern weitereilen mußte vom Wort zum Werk. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> <hi rend="italic">bleibt</hi> stehen. «Das Wort bewirkt Alles, was Gott will!», sagt man. Gut! Aber bedenke dabei, daß Gott sowohl durch das äußere Wort als durch Schrift und Symbol nur das bewirken will, daß sie uns zur Ermahnung werden («<foreign xml:lang="lat">admoneant</foreign>»). Das Übrige bewirkt er durch seinen <hi rend="italic">Geist</hi>. Also wie das Wort den Leib Christi in sich hat, so wird durch das Wort dem Brote der Leib gegeben, aber nicht anders!  
               «Ich nenne es eine <hi rend="italic">unerträgliche</hi> Rede, zu sagen, das Abendmahlsbrot sei der <hi rend="italic">Substanz</hi> nach der Leib Christi.» Und dadurch verliert es als Wort der <ref type="term">Verheißung</ref> gar nichts, im Gegenteil, derjenige bekennt auf das Bestimmteste und in aller Reinheit die <ref type="term">Wahrheit</ref> des Mysteriums, der <hi rend="italic">die</hi> <ref type="term">Verheißung</ref> sich aneignet, 
                daß der Leib Christi uns nur gegeben wird, insofern er für uns <hi rend="italic">gestorben</hi> ist, und sein Blut nur, sofern es für uns <hi rend="italic">vergossen</hi> ist zur Vergebung der Sünden, also gerade <hi rend="italic">nicht</hi> die Substanz seines irdisch-lebendigen Leibes. Wir haben hier den einzigen Punkt, wo abgesehen von dem allgemeinen Prinzip der tropischen Auffassung eine deutliche Beeinflussung <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> durch die Gedanken <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> wahrzunehmen ist, aber wieviel lebendiger und begründeter wirken sie in diesem Zusammenhang als bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst! <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> anerkennt ausdrücklich, daß dem des Geistes Teilhaftigen durch den Glauben der abwesende, nämlich im <ref type="term">Himmel</ref> befindliche Leib Christi im Sakrament vollkommen gegenwärtig («<foreign xml:lang="lat">praesentissimum</foreign>») ist, er erkennt wie im hörbaren, so auch im sichtbaren Wort den Leib Christi wahrhaft und sogar seiner Substanz nach, aber eben 1. durch den heiligen Geist, 
                2. «<foreign xml:lang="lat">in mysterio</foreign>» durch einen Spiegel im Rätselwort, 3. «<foreign xml:lang="lat">animo</foreign>», im Geist, im Gemüt, nicht so, daß der Leib Christi der Substanz nach da und dort und wohl gar überall ist, so wenig das Angesicht eines Menschen an verschiedenen oder an allen Orten ist, weil es in verschiedenen Spiegeln zugleich sich zu spiegeln vermag. Zu dem «<foreign xml:lang="lat">animo</foreign>» bemerkt aber <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> ausdrücklich: nicht nur so, wie etwa die, welche des Andenkens an treue Freunde sich erfreuen, die Freunde in der <ref type="term">Seele</ref> tragen, sondern so, daß, weil Christus <hi rend="italic">wahrhaftig</hi> durch <hi rend="italic">seinen</hi> Geist in ihnen wohnt als in seinem <hi rend="italic">Tempel</hi>, sie auch seinen Leib <hi rend="italic">wahrhaftig</hi> haben, obgleich er, 
                <pb ed="pga" xml:id="p366"/> unabgetrennt von seiner Gottheit, sich im <ref type="term">Himmel</ref> befindet. Das ist die Richtung, in der später  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sein, wenn man Alles bedenkt, wirklich lösendes Wort gesprochen hat. Wie Christus unser <ref type="term">Fleisch</ref> im <ref type="term">Himmel</ref> hat («gestat»), sagt <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> weiter, so haben wir sein Fleisch auf Erden, wiederum natürlich zu ergänzen: so und nicht anders! Diese völlige Gegenwart seines Leibes ist uns überaus heilsam; unnütz nur dann, wenn eben von einer substantiellen Gegenwart und Allgegenwart dieses Leibes geredet würde, eine Aussage, der der «<foreign xml:lang="lat">elenchus fidei</foreign>», die Überzeugungskraft des Glaubens fehlen <hi rend="italic">muß.</hi> 
                <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> schließt: Recht und fromm («religiose») drücken sich die aus, welche sagen, daß sie (in der Feier des Abendmahls) zum Leibe Christi hinzutreten oder den Leib Christi genießen, unfromm («profane») und ohne Ehrerbietung («<foreign xml:lang="lat">contemptim</foreign>») dagegen die, welche sagen, daß sie bloßes Brot und ein bloßes Zeichen empfangen: damit erklären sie ihren Unglauben. Der Gläubige nimmt es als eine Beleidigung («<foreign xml:lang="lat">iniuria</foreign>») auf und
                glaubt sich für einen Verräter geachtet, wenn man von ihm aussagt, er habe <hi rend="italic">nur</hi> das Sakrament und nicht auch die <hi rend="italic">Sache</hi>, welche das Sakrament bezeichnet, empfangen, obgleich er jenes mit dem Munde, dieses aber «<foreign xml:lang="lat">animo</foreign>» empfängt. Daraus erklärt sich der (synekdochische) Sprachgebrauch der Alten. Wir aber, die Lehrer der Kirche, sollen wohl bedenken, mit welchen Finsternissen das Volk umhüllt ist, damit es aufs Klarste und ohne Wortklaubereien das <ref type="term">Geheimnis</ref> erkennen möge und nicht zu noch größerer Blindheit hingerissen werde. M.a.W.: es soll auch in der populären Verkündigung, ja gerade da, kein Kompromiß mit den ans Magische mindestens grenzenden Anschauungen der alten Kirche gemacht, sondern die «<foreign xml:lang="lat">genuina expositio</foreign>» des Mysteriums offen vertreten werden.</p>
                <p> Welche Bedeutung es für <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Sache <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegenüber hatte, daß ihm in <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> ein solcher Sekundant und Interpret zur Seite trat, das braucht wohl nicht betont zu werden. <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> bedeutete fortan, und das nicht nur geographisch, die Brücke von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> und so das unentbehrliche bindende Glied in der sich um den zwinglischen Protest scharenden oberrheinisch-schweizerischen Reformationsgruppe. Kein Zufall, möchte man fast sagen, daß die <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, 
                die die Intentionen dieser Gruppe zur Reife führen und den reformierten Typus reformatorischen <ref type="term">Christentum</ref>s geschichtsfähig machen sollte, genau zehn Jahre später gerade in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> <pb ed="pga" xml:id="p367"/> geschrieben werden sollte. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> Schrift erregte mindestens ebenso großes Aufsehen wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> eigene Schriften, wohl gerade weil sie etwas Eigenes vertrat neben <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und doch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegenüber dasselbe Anliegen und das so, daß es jedenfalls in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> Vielen einleuchtender wurde als durch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst. Auch im Auge der Gegner sah <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> nicht etwa als ein bloßer Nachtreter <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> aus, sondern mit ihm zusammen als ein unglückliches <ref type="term">Opfer</ref> der Irrlehre <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName>. 
                Bezeichnend für den gewissen Respekt, mit dem seine Schrift auch auf der Gegenseite gelesen wurde, ist ein Satz aus einem Brief des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> an einen Freund: «Ein neues Dogma ist aufgekommen, im Abendmahl sei nichts als Brot und Wein. Daß dies sehr schwer zu widerlegen ist, hat <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> verursacht, der es mit so viel Zeugnissen und Beweisen befestigt hat, daß wohl auch die Auserwählten verführt werden könnten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,421</bibl>).<note xml:id="n476"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (22.10.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,395, Anm. 2</bibl>, mit dem Zitat aus <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>’ Brief an <persName ref="kbga-actors-9830">Michael Budaeus</persName> (Nr. 396).</note> 
                Die vielen Streiche, die nun bald gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geführt werden sollten, trafen alle mehr oder weniger auch <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, und er hat mit seinem Freund des Tages Last und Hitze redlich getragen.</p>
                <p> Aber noch bevor <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> Schrift erschienen war, war bereits ein ganz andersartiges Echo insbesondere auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> im Commentar vorgetragene Abendmahlslehre erfolgt. Es war die Epistel <hi rend="italic">»<bibl corresp="kbga-bibls-3104">Contra novum errorem de sacramento corporis et sanguinis Domini nostri Jesu Christi</bibl>»</hi> von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9492">Johannes Bugenhagen</persName></hi><note xml:id="n477"> <bibl corresp="kbga-bibls-3104"><persName ref="kbga-actors-9492">J. Bugenhagen</persName>, <hi rend="italic">Contra novum errorem de sacramento corporis et sanguinis Domini nostri Iesu Christi epistola</hi>, Wittenberg 1525 <hi rend="italic"/>(= <hi rend="italic">Eyn Sendbrieff widder den newen yrrthumb bey dem Sacrament des leybs und blutts unsers Herrn Ihesu Christi</hi>, Wittenberg 1525).</bibl></note>, 
                genannt <persName ref="kbga-actors-9492">Pomeranus</persName>, dem <ref type="term">Wittenberg</ref>er Kollegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, gerichtet an <persName ref="kbga-actors-9493">Johann Heß</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-179">Breslau</placeName></ref>. Sie wurde <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zuerst signalisiert am 8. September durch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4083">Franz Kolb</persName></hi>, dem die symbolische Abendmahlslehre, wie wir schon früher sahen, ein eigentliches <ref type="term">Herz</ref>ensanliegen war. Er berichtet zugleich über den Widerstand, der ihr durch die mit aller Feinheit begabten <ref type="term">Nürnberg</ref>er <ref type="term">Prediger</ref> (<persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName>!) entgegengesetzt werde. «Ich glaube fest, daß Gott nach <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1">1.Kor. 1</ref> einige Törichte und Schwache erwählen wird, 
                um die gelehrten <ref type="term">Wittenberg</ref>er und die feinen <ref type="term">Nürnberg</ref>er zu stürzen.» <persName ref="kbga-actors-4083">Kolb</persName> bittet <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> um Christi willen, in der Furcht Gottes ohne <pb ed="pga" xml:id="p368"/> Scheltworte und so kurz als möglich dem <persName ref="kbga-actors-9492">Pomeranus</persName> entgegenzutreten, dessen Schreibweise als «<foreign xml:lang="lat">stolide, pueriliter, insipide</foreign>» gekennzeichnet wird (VII,403), und teilt ihm bescheiden einige «<foreign xml:lang="lat">argumenta fortissima</foreign>» mit, die gegen jenen vorgebracht werden könnten.<note xml:id="n478"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (7.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,351,11;352,10-15 (Nr. 379)</bibl>.</note> 
                Unter dem 14. September erhielt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einen aufgeregten Brief von dem nachmaligen Täuferführer, seinem damaligen feurigen Anhänger <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9405">Ludwig Hetzer</persName></hi>. Er schreibt von <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName>: «Er behandelt die Sache Christi und seines Mahles so würdig, so meisterhaft, daß ich mir Myriaden von Demokrits wünschte, die das, wie er es verdiente, verhöhnten, verlachten, <foreign xml:lang="lat">imo concacarent etiam. …</foreign> Ich bitte dich bei dem unsterblichen Gott, es bitten mit mir zahlreiche gutgläubige Männer, daß du mit einer anderen Epistel jene widerlegest. Du kannst es prächtig. Die nötigen Griffe hast du. … 
                Du schuldest es deinem Christus und seinen Gliedern.» Denn schon sage man in <placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName>, der Hector <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> habe in <persName ref="kbga-actors-9492">Pomeranus</persName> seinen Achilles gefunden. Und <persName ref="kbga-actors-9405">Hetzer</persName> teilt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dann gleich einige Gründe mit, die er zur Geltung bringen könne, und schließt mit einem Bibelwort und Amen, nachdem er noch einmal versichert, daß die Bugenhagensche Epistel gemeiner sei als ein Kuhdreck (VII,408).<note xml:id="n479"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (14.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,360,5-361,3;362,8-10.22–24;363,21f.;364,6f. (Nr. 383)</bibl>.</note> 
                Endlich bittet am 2. Oktober auch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName></hi>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> möchte entweder durch einen anderen oder persönlich, aber kurz, um die Leser nicht zu ermüden, antworten (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,414</bibl>).<note xml:id="n480"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (2.10.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,375,6-11 (Nr. 387)</bibl>.</note> 
                Am 11. Oktober schreibt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an <persName ref="kbga-actors-9389">Vadian</persName>, daß er an der Arbeit ist.<note xml:id="n481"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (11.10.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,382,4-6 (Nr. 390)</bibl>.</note> Man sieht an dem allem, wie man sich in dem zwinglischen Freundeskreis in guter und unguter Weise gegenseitig anfeuerte und in die Hände arbeitete.</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagens</persName> Schrift ist in der Hauptsache exegetisch und vertritt so, da er nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war, nicht gerade die starke Seite der lutherischen Stellung, teilweise in etwas spöttischem Ton, wenn er z. B. schreibt: «<foreign xml:lang="lat">hic ridemus magnum illum theologum cum suo Carlstadio</foreign>». Oder: Du siehst, wie [es] ist mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und daß er kein Theologe ist. Das Wort: «Das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze»
                  gehe auf den «<foreign xml:lang="lat">car<pb ed="pga" xml:id="p369" break="no"/>nalis intellectus</foreign>», nicht auf das Fleisch, in dem Gott ist, das fleischgewordene Wort. In den Einsetzungsworten sei nicht von einem Traum oder einer Parabel die Rede. Die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> des Blutes Christi <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10">1.Kor. 10</ref> sei nicht die <ref type="term">Gemeinde</ref>, sondern die ausgeteilte <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit Christus. Das Danksagen oder Segnen des Kelches, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ποτήριον ὃ εὐλογοῦμεν</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.16">1.Kor. 10,16</ref>), ist nach <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName> das Konsekrieren usf.<note xml:id="n482"> Zitiert nach  <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 313–325</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,546-576 (Einleitung und Anmerkungen)</bibl>.</note> Man gab sich in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref> doch nicht genügend Rechenschaft von der Tragweite des erfolgten Angriffs, wenn man glaubte, ihm mit solcher exegetischer Einzelbestreitung begegnen zu können.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">26.I.23</date>
                 Wir können uns kurz fassen über <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> von seinen Freunden so lebhaft begehrte Antwort auf diese erste Vernehmlassung von lutherischer Seite, <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-3105">Ad Joannis Bugenhagii Pomerani epistolam Responsio</bibl>»</hi>, datiert vom 23. Oktober 1525 (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,604[-614]</bibl>)<note xml:id="n483"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,558-576.</bibl></note>, da sie, wie auch die Gegenschrift, an sich wenig interessant war, kaum neue Gesichtspunkte bringt. Ich erwähne nur einige Einzelheiten. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wehrt sich gegen den Vorwurf, daß seine Deutung des  
                «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» eine Verlegenheitsauskunft [sei], auf die er verfallen sei, als er gesehen habe, daß die Deutung <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> keinen Beifall fand. Lange vor <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> habe ihn die Vermutung beschäftigt, es möchte in den Einsetzungsworten ein Tropos vorliegen, doch habe er nicht gewußt, in welchem dieser Worte, bis er, ebenfalls lange vor <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName> Auftreten, durch jene Holländer auf das «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» hingewiesen worden sei. Wenn er hier unter deutlicher Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15">1.Kor. 15</ref>
                 schreibt, «mehr als 500 Brüder» hätten von seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-9482">Matthäus Alber</persName> Kenntnis gehabt, als die Aufnahme der Karlstadtschen Idee in der Öffentlichkeit noch ungewiß war, so wird man darin gewiß einen Ausdruck der hohen Wichtigkeit, die die ganze Sache für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hatte, erkennen müssen (605).<note xml:id="n484"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,558,19-25.</bibl></note> Bemerkenswert ist ferner, daß er sich die Oekolampadsche, ihm eben bekannt gewordene Exegese, die den Nachdruck auf den Begriff «<foreign xml:lang="lat">corpus</foreign>» legt, rückhaltlos zu eigen macht, indem er ausdrücklich sagt, er könne statt «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» auch «<foreign xml:lang="lat">symbolum est</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">figura est</foreign>» gelten <pb ed="pga" xml:id="p370"/> lassen - ein wenn auch noch so leises Entgegenkommen, indem damit von Brot und Wein doch etwas Positives ausgesagt und nicht nur wie mit «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» die Negation des «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» betont wurde (607).<note xml:id="n485"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,560,32f</bibl>.</note>
                 Nicht glücklich ist er in seiner Widerlegung in Bezug auf das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ποτήριον ὃ εὐλογοῦμεν</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.16">1.Kor. 10,16</ref>, das er gewaltsam in ein <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ᾧ εὐλογοῦμεν</foreign> umdeutet, um die bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> [un]zweifelhaft vorhandene Vorstellung eines Gutes, das wir bei der Eucharistie empfangen, zu eskamotieren und auch hier eine Selbstdarstellung der ihren <hi rend="italic">Glauben</hi> bezeugenden <ref type="term">Gemeinde</ref> zu finden (611, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,325</bibl>).<note xml:id="n486"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,569,7-11</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 325</bibl>.</note> 
                 Das ihm von <persName ref="kbga-actors-9405">Hetzer</persName> zugetragene Scherzwort über den Achilles <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName>, der dem Hector <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName><note xml:id="n487"> Mskr.: «Achilles»; Änderung vom Hrsg.</note> den Garaus machen werde, pariert er mit der Bemerkung: «Diese unsere Meinung ist mit so starken Schutzwehren umgeben, daß nicht nur <hi rend="italic">ein</hi> Achilles, zu welchem du dich doch nicht wirst machen wollen, sondern nicht einmal tausend Herkulesse, sie überwinden werden» (613).<note xml:id="n488"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,575,10-17.</bibl></note> 
                 Gegen Ende betont <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, er habe bis jetzt den «Syncretismus» (Frieden) gewahrt, und, obwohl anderer Meinung gegenüber «Vielen» über das Fegfeuer, die Fürbitte der Heiligen, die Ohrenbeichte, die Schlüsselgewalt, die Bilder und das Abendmahl, niemandes Irrtum mit Namen genannt. «Doch wenn du oder <hi rend="italic">irgend</hi> ein Anderer mit mir zum Kampf antreten will (<foreign xml:lang="lat">mecum certamen inire cupiat</foreign>), so bitte ich zwar inständig (vehementer), das zu unterlassen, wenn es aber sein muß, werde ich<note xml:id="n489"> Mskr.: «ich beschützt»; Streichung vom Hrsg.</note> 
                 durch die <ref type="term">Wahrheit</ref> geschützt so kämpfen, daß ich, indem Christus zusieht und mich anfeuert, nicht in die Luft hauen werde» (614).<note xml:id="n490"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,575,20-27.</bibl></note> Daß das eine Herausforderung war, und zwar eine Herausforderung, die sich über <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagens</persName> Kopf weg doch recht deutlich an dessen Meister richtete, das scheint mir ganz unmöglich zu verkennen, obwohl man im Gegenteil das «Bedürfnis nach Frieden» (<bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,325</bibl>)<note xml:id="n491"> <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 325.</bibl></note> aus diesen Worten hat herauslesen wollen, besonders wenn man die
                  Schlußworte dazu nimmt: «Der Antichrist kann nicht völlig niedergestreckt wer<pb ed="pga" xml:id="p371" break="no"/>den, wenn er nicht auch in diesem schon erschütterten Irrtum zusammenbricht.» [614].<note xml:id="n492"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,576,3f.</bibl></note> (Dieser Gedanke von der Realpräsenz als dem unvermeidlich zu stürmenden letzten Bollwerk des Papsttums, den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4083">Kolb</persName></hi> in seinem letzten Briefe fast wörtlich so geäußert hatte<note xml:id="n493"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (7.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,351-353 (Nr. 379)</bibl>.</note>, 
                wurde zu einem gemeinsamen Stichwort der verschiedensten Gegner dieser <ref type="term">Lehre</ref>. Er findet sich bei <persName ref="kbga-actors-4062">Honius</persName><note xml:id="n494"> <bibl corresp="kbga-bibls-3122"><persName ref="kbga-actors-4062">Kornelis Hendriks Hoen</persName>, <hi rend="italic">Epistola Christiana admodum ex Bathavis missa, sed spreta, longe  aliter tractans coenam dominicam</hi>, Z 4,517,3-5.</bibl></note>, dann bei <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName><note xml:id="n495"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (16.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,365f. (Nr. 384)</bibl>.</note>, und später bei <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfeld</persName><note xml:id="n496"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1942"><persName ref="kbga-actors-646">W.  Köhler</persName>, <hi rend="italic">Zwingli und Luther</hi>, a.a.O. (oben S. 268, Anm. 53), Bd. I, S. 201, Anm. 1</bibl>.</note>.)  
               «Sehen wir also gradaus, nicht auf die Autorität der Menschen, die nichts gelten darf, wo die <ref type="term">Wahrheit</ref> leuchtet. Leb wohl und überlege dir Alles wohl. Auch wir werden uns neben deinen übrigen Beschimpfungen wohl überlegen, daß du uns mit den Worten des <persName ref="kbga-actors-1654">Hieronymus</persName> ‹Lehrer des Irrtums› genannt hast. <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> 23. Oktober 1525» [614].<note xml:id="n497"> <bibl corresp="kbga-bibls-3105">Z 4,576,4-10.</bibl></note> Wenn das nicht gezankt ist, so weiß ich nicht, was man so nennen soll.</p>
                <p> Die zweite Gegenschrift von lutherischer Seite war die Antwort der Schwaben auf die ihnen dedizierte Schrift <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName>.<note xml:id="n498"> <bibl corresp="kbga-bibls-3107"><hi rend="italic">Syngramma Clarissimorum, qui Halae Suevorum convenerunt virorum, super verbis Coenae Dominicae et pium et eruditum ad Johannem Oecolampadium, Basiliensem ecclesiasten</hi>, Wittenberg 1526.</bibl></note> Sie witterten in ihr «des Teufels List», welcher «die heilige Schrift umstürzen» wolle, und stellten sich mit Entschiedenheit und Entrüstung auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Seite, ohne doch die Frage ganz [zu] übersehen, denn indem sie den Nachdruck darauf legen, daß durch die Verbindung des <hi rend="italic">Wortes</hi> mit dem Abendmahlsbrot für den <hi rend="italic">Glauben</hi> ein realer Genuß des Leibes Christi ermöglicht werde<note xml:id="n499"> Mskr.: «werden»; Änderung vom Hrsg.</note>, 
                lassen sie die Frage offen, ob sie sich dieses «real» als leiblich denken und ob sie ein Empfangen des Leibes Christi auch seitens der Ungläubigen annehmen wollen oder nicht, und lehren somit <hi rend="italic">positiv</hi> nicht so sehr viel anders als ihr Gegner <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> in <hi rend="italic">seinen</hi> positiven Sätzen. Daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dies gemeinsam abgelegte <ref type="term">Bekenntnis</ref> der schwäbischen <ref type="term">Theologen</ref>, bekannt unter <pb ed="pga" xml:id="p372"/> dem Namen <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-3107">Syngramma Suevicum</bibl>»</hi>, erschienen im Oktober 1525<note xml:id="n500"> Die Schrift erschien am 8.1.1526.</note>, 
                nicht nur mehrfach sehr gelobt (<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName></bibl> 5,321.329)<note xml:id="n501"> Brief an <persName ref="kbga-actors-8107">Johann Agricola</persName> (18.2.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,33,6-8 (Nr. 982)</bibl>; Brief an <persName ref="kbga-actors-4166">Georg Spalatin</persName> (27.3.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,42,30-32 (Nr. 989)</bibl>.</note>, sondern zu seiner deutschen Übersetzung auch zweimal ein Vorwort geschrieben hat<note xml:id="n502"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Erste Vorrede zum Schwäbischen Syngramm</hi> (1526), WA 19,457-461</bibl>;  <bibl corresp="kbga-bibls-3151">ders., <hi rend="italic">Zweite Vorrede zum Schwäbischen Syngramm</hi> (1526), WA 19,529f</bibl>. Es handelt sich um <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Vorreden zur dt. Übersetzung <persName ref="kbga-actors-8107">Johann Agricolas</persName>.</note>, 
                zeigt jedenfalls, daß ihm sogar, als der Streit schon im vollen Gange war, an der späteren Präzision der theologischen Formel weit weniger gelegen war als besonders <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an seiner Gegenthese, wenn man ihn nur mit der ihm anstößigen Negation in Ruhe ließ, die für ihn mit der tropischen Auslegung nun einmal verbunden war. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> hat, um diese Nebenszene gleich zu erledigen, 1526 in einem <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-3108">Antisyngramma</bibl>»</hi> auf diese Schrift geantwortet.<note xml:id="n503"> <bibl corresp="kbga-bibls-3108"><persName ref="kbga-actors-711">J. Oekolampad</persName>, <hi rend="italic">Ad ecclesiastas suevos antisyngramma</hi> (1526), in: <hi rend="italic">Briefe und Akten zum Leben Oekolampads</hi>, Bd. I, bearb. v. E. Staehelin, Leipzig 1927 (Nachdruck New York 1971), S. 463–467.</bibl></note></p>
                <p> Wir wenden uns nun wieder zurück zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, um die Stimmung und Gesinnung kennenzulernen, von der er, seit <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Name ihm im Herbst 1524 in diesem Zusammenhang bekannt geworden war, bis zum Erscheinen seiner ersten eigentlichen Streitschrift gegen ihn im Herbst 1526, dessen Unternehmen gegenüber bewegt war. Man muß, um sein späteres Losbrechen richtig zu würdigen, beachten, daß er auch vom Erscheinen der doch unzweifelhaft gegen ihn gerichteten Schriften <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> vom Frühjahr 1525 ab in der Öffentlichkeit anderthalb Jahre lang nahezu völlig <hi rend="italic">geschwiegen</hi> hat. Man kann zur Erklärung hinzunehmen, daß er speziell im Jahre 1525 durch den Bauernkrieg, durch seine Heirat, durch seinen Streit mit <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> und 1526 durch die sächsische Kirchenvisitation anderweitig vollauf in Anspruch genommen war. 
                  Tatsache ist jedenfalls, daß er sich keineswegs, wie es leicht scheint, auf die inoffensiv vorgebrachte, von der seinigen in einer Nuance abweichende Meinung des Anderen alsbald gestürzt hat, um sie in Grund und Boden zu verdammen, sondern daß er einer stark um sich greifenden Gedankenbewegung, deren Wort<pb ed="pga" xml:id="p373" break="no"/>führer nicht nur offen und versteckt beständig auf ihn Bezug nahmen, sondern ihr Unternehmen auch wahrhaftig <hi rend="italic">nicht</hi> bloß als eine abweichende Nuance, sondern als die «<foreign xml:lang="lat">vera religio</foreign>» gegenüber der falschen, als die jetzt erst anhebende Vollendung und Durchführung der Reformation bezeichneten, in der seinen Freunden sehr unwillkommenen Haltung eines von dem Vorgang höchst unsympathisch berührten, aber durchaus <hi rend="italic">abwartenden Zuschauers</hi> gegenüberstand. 
                Sein einziges öffentliches Wort in jener <ref type="term">Zeit</ref> war genau genommen jene Vorrede zum Syngramma Suevicum in deutscher Übersetzung aus dem Anfang 1526. Alles Übrige, was er in dieser <ref type="term">Zeit</ref> zu der Sache geschrieben hat, waren teils Privatbriefe, teils Beantwortungen von an ihn gerichteten Anfragen von <ref type="term">Gemeinde</ref>n wie die von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-391">Reutlingen</placeName></ref>, Äußerungen, die dann allerdings z. T. schon im Manuskript oder in Abschriften weit herumgetragen, z. T., aber doch erst am Ende oder <hi rend="italic">nach</hi> dieser <ref type="term">Zeit</ref> und ohne <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Zutun, auch durch die Presse verbreitet wurden, wobei noch zu sagen ist, daß man am Oberrhein und in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> geradezu spitzte darauf, jede von seinen Äußerungen doch ja zu Gesicht zu bekommen. |</p>
                <p> Daß er von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Unternehmen zum vornherein einen entschieden ungünstigen Eindruck hatte und daß er das nach seiner Art jedermann sagte, der es hören wollte - und er hat es recht Vielen gesagt -, das ist natürlich nicht zu bestreiten. Aber es war ihm wirklich nicht daran gelegen, diesen Eindruck der <ref type="term">Welt</ref> aufzudrängen, er hatte für sein «<foreign xml:lang="lat">hoc est</foreign>» aber auch gar nichts von dem Missionsdrang, mit dem <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für sein «<foreign xml:lang="lat">hoc significat</foreign>» und für sein «<foreign xml:lang="lat">caro non prodest quicquam</foreign>» eintrat, er wollte es sich und den auf ihn hörenden Kirchen nur nicht nehmen lassen. 
                Seine Briefe verraten Alles eher als Kampflust, viel eher könnte man von einer Art Ekel gegenüber der unerwünschten Störung reden und von einer höchst verdrießlichen, teilweise herzlich betrübten Stimmung: Muß es denn durchaus sein? Können diese Schweizer und Konsorten denn wirklich gar nicht Ruhe geben, damit man sich mit Nützlicherem beschäftigen kann? Man wartet manchmal fast darauf, daß die zornige Melancholie, mit der er dem Treiben zugesehen hat, durchbrochen werde von einem befreienden Lachen, von dem lösenden Wort: Also! so habt doch recht, wenn ihr durchaus recht haben wollt! «<foreign xml:lang="lat">Hoc significat</foreign>»! oder «<foreign xml:lang="lat">figura corporis</foreign>» oder wie ihr wollt. Man kann es ja auch <hi rend="italic">so</hi> sagen. Und das <pb ed="pga" xml:id="p374"/> <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze.
                Auch <hi rend="italic">das</hi> ist wahr! Als ob ich über <ref type="term">Geist</ref> und Fleisch, Wort und Zeichen, <ref type="term">Verheißung</ref> und Glauben nicht Alles auch wüßte, was ihr gegen mich zu wissen meint, nicht längst viel besser gesagt hätte, bevor ihr aufgestanden seid, als ihr noch bei <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> Griechisch lerntet. Als ob darum das, was ich mit «<foreign xml:lang="lat">hoc <hi rend="italic">est</hi></foreign>» sagen will und fernerhin sagen würde, weniger wahr, als ob es darum nicht erst recht und viel mehr wahr wäre als euer Einwand, den ich hiermit anerkenne und es euch überlasse zu entdecken, daß er <hi rend="italic">so</hi> wichtig, 
                wie ihr meint, nicht ist, daß ihr <hi rend="italic">damit</hi> das Reich des Antichrist noch nicht stürzen werdet! Man erschrickt förmlich für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wenn man bedenkt, was in dieser Sache aus ihm geworden wäre, wenn die These, gegen die er anstürmte, plötzlich dialektisch zurückgezogen worden und sein ganzer Ansturm ins Leere gestoßen wäre. Aber dieses lösende Wort erfolgte nun eben <hi rend="italic">nicht</hi>, und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wäre nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gewesen, wenn es erfolgt wäre, sondern statt dessen sehen wir jene Wolke von zorniger Melancholie immer dunkler werden, der undialektischen Negation Zwinglis eine immer mehr als ebenso undialektisch sich entpuppende Position gegenübertreten; immer tragischer wird ein Widerspruch, der gerade um des Ernstes der Sache willen und wegen der Tragik, mit der der Gegner auftrat, 
                um keinen Preis hätte tragisch genommen werden dürfen, bis dann zuletzt aus der großen angesammelten Finsternis heraus der erste lange Blitz zuckt, anzeigend, daß die Situation nun auch auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Seite endgültig verpfuscht war, und doch nach der langen Spannung fast wie eine <ref type="term">Erlösung</ref> wirkend, insofern als er betrüblich und doch auch beruhigend klar macht, daß wir es hüben und drüben nicht mit Göttern, sondern mit Menschen zu tun haben, die auch in ihrem heiligsten <ref type="term">Gewissen</ref>sernst aus ihrem stürmischsten <ref type="term">Wahrheit</ref>sdrang immer nur <hi rend="italic">etwas</hi> sagen und tun können und sich mit diesem <hi rend="italic">etwas</hi> umso mehr ins Unrecht setzen, je heißer ihnen daran gelegen ist, damit recht zu haben, auf daß es auch auf der Höhe der Reformation dabei bleibe, daß Gott wahrhaftig ist, <hi rend="italic">alle</hi> Menschen aber Lügner [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.4">Röm. 3,4</ref>].</p>
                <p> Versuchen wir es nun, das Bild, das sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und den Seinen machte, und seine eigene Stellung zu ihnen auf Grund der Akten nachzuzeichnen (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. 53</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">E. 5</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">[Vorreden zum] Syngramma: E.A. 65</bibl>). Man könnte die Vorfrage aufwerfen, woher <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seine Kunde über den Gegner überhaupt gehabt habe. Denn die Antwort: <pb ed="pga" xml:id="p375"/> selbstverständlich aus ihren Schriften, ist nicht so einfach.<note xml:id="n504"> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand: «<persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Priorität [<bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName></bibl>] 5,262; <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> bessert sich, <foreign xml:lang="lat">quid illi tum dicent?</foreign> <bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,249</bibl>; Sympathie für <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> 5,345.383»; vgl. Brief an die Prediger zu <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,602,3-15 (Nr. 941)</bibl>; Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (Oktober 1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,599,7-9 (Nr. 940)</bibl>; Brief an <persName ref="kbga-actors-9483">Nikolaus Gerbel</persName> (26.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,63,4-8 (Nr. 1004)</bibl>; Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (13.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,117,11-13 (Nr. 1037)</bibl>.</note> 
                <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> schreibt einmal, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> halte seine Schrift gegen <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> darum für unüberwindlich, weil er «f<foreign xml:lang="lat">orte nihil, quod contra scriptum est, legit</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,390</bibl>).<note xml:id="n505"> Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> (19.3.1527), in: <bibl corresp="kbga-bibls-3152">ders., <hi rend="italic">Opera omnia. Series III: Correspondance, Tom. III: 1527-1529</hi>, hrsg. von Chr. Krieger/J. Rott, Leiden 1995, S. 33, Z. 177-179 (Nr. 152)</bibl>.</note> 
                Und daran ist sicher etwas Wahres. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war nicht der Mann, die Ansichten seiner Gegner ruhig zur Kenntnis zu nehmen. Er kannte sie sozusagen a priori, oder er meinte sie doch zu kennen. Daß er z. B. die Schrift <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName></hi> wirklich gelesen und durchgedacht hatte, halte ich für sicher ausgeschlossen; es wäre ihm sonst unmöglich gewesen, das <bibl corresp="kbga-bibls-3107">Syngramma</bibl> zu loben und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> restlos in einen Topf zu werfen. Aber auch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> Schriften hat er kaum mehr als in kleinster Auswahl gelesen. Die Namen tauchten auf, ihre Einigkeit mit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> in Bezug auf das Prinzip der symbolischen Auffassung stand fest, und damit waren sie für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> erledigt. Darum ist Alles, was er über sie weiß und schreibt, so erschreckend allgemein und unindividuell. Er unterscheidet die Namen und die gröbsten Merkmale der Auffassung der Einzelnen, aber sie sind ihm nicht mehr als Nummern oder, wie er sagt: «Geister» und «Köpfe» derselben Sekte (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,362</bibl>).<note xml:id="n506"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Antwortschreiben an die Christen zu Reutlingen</hi> (1526), WA 19,121,28.31.34;122,1.</bibl></note>  
               «Wo sollt dies Bilde anderswohin gehören, denn unter die Thiere in Apocalypsi, da auch etliche Thiere sind, die einen Leib und viel Kopfe haben, gleichwie diese Sekten in der Summa einerlei halten und gleich <hi rend="italic">ein</hi> Leib sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,182</bibl>)<note xml:id="n507"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,459,7-10.</bibl></note>;  
                  «<foreign xml:lang="lat">omnes idem sentientes, sed diversis argumentis: ideo peribunt statim</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 322</bibl>).<note xml:id="n508"> Brief an <persName ref="kbga-actors-8107">Johann Agricola</persName> (18.2.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,33,11 (Nr. 982)</bibl>.</note> Auch von einem wirklichen Eingehen auf die gegnerischen Gedankengänge ist keine Rede: sie sagen <hi rend="italic">das</hi>, und damit ist’s gut oder vielmehr schlimm. Da kann er denn wohl schreiben: «Ich habe ihre Bü<pb ed="pga" xml:id="p376" break="no"/>cher <hi rend="italic">gesehen</hi>, aber da sie es nicht besser wollten machen, wären sie billig daheimen geblieben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,363</bibl>).<note xml:id="n509"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,123,31-33.</bibl></note> 
                Mit <hi rend="italic">dieser</hi> Ansicht hätten sie «daheimen» bleiben müssen, und wenn sie es zehnmal besser gemacht hätten. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> «sah» ihre Bücher, hatte seinen bestimmten Eindruck davon, aber der Eindruck hatte mit den Büchern als solchen kaum das Geringste zu tun. Der Eindruck, den er empfing, war vor Allem der einer gewissen unangenehmen <hi rend="italic">Vorwitzigkeit.</hi> Sie haben sich mit ihrem Widerspruch an ihn herangedrängt. «<foreign xml:lang="lat">Hanc tragoediam non movimus primi, sed coacti respondemus.</foreign>» Hätten sie geschwiegen, statt Unruhe zu machen (E. 264)<note xml:id="n510"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9512">Gregor Casel</persName>(5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,604,8f. (Nr. 942)</bibl>.</note>, 
                ihre Meinungen für sich behalten und untereinander verglichen, bis Gott ihre <ref type="term">Erkenntnis</ref> gefestigt. «<foreign xml:lang="lat">Nam de rebus spiritualibus non statim pronunciandum est</foreign>» (374).<note xml:id="n511"> <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 2,392,21f</bibl>. <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> ist der Verfasser dieses bei  <bibl corresp="kbga-bibls-1949"><persName ref="kbga-actors-969">Enders</persName></bibl> als <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <hi rend="italic">Instruction für Joh. Mantel nach Mühlhausen</hi> (8.8.1526) bezeichneten Gutachtens an <persName ref="kbga-actors-9831">Johannes Mantel</persName>, aus dem im folgenden zitiert wird.</note> «Es braucht lange <ref type="term">Zeit</ref>, um solche Ansichten innerlich zu bewegen, und gemütliche und ruhigen <ref type="term">Herz</ref>ens geführte Gespräche sind dazu nötig» (375).<note xml:id="n512"> <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 2,393,17f.</bibl></note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wußte wohl nicht, wie viele solche Gespräche in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> tatsächlich geführt worden waren, bevor <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zur Tat schritt, aber er würde wohl seinen Vorwurf aufrechterhalten haben, auch wenn er es gewußt hätte; denn was er eigentlich meinte, war mehr eine Art qualifizierte Vorwitzigkeit, ein Nicht-Bedenken, ob das nun gerade und gerade so gesagt werden müßte. Ihr Unternehmen erscheint <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> abgesehen von allem Anderen <hi rend="italic">unnütz.</hi> Statt die Lehre von der Rechtfertigung und von der Liebe zu treiben, zanken sie um die <ref type="term">Sakrament</ref>e. 
               «<foreign xml:lang="lat">Pertinaciter nova dogmata defendunt.</foreign>» Mir scheint es nicht nützlich, so scharf mit ihnen über diese Sache zu disputieren. Besser wäre es, zuerst ganz einfach den Dekalog, das Apostolicum und das Unser Vater zu predigen. «Aber mir ist es sicher, daß sie das auch nicht verstehen, so gebildet im <ref type="term">Evangelium</ref> sie zu sein scheinen» (375).<note xml:id="n513"> <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 2,393,11-22.</bibl></note> Ihr ganzes Vorgehen macht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sodann einfach den Eindruck von <hi rend="italic">Unsicherheit.</hi> Es berührt ihn merkwürdig, daß sie <pb ed="pga" xml:id="p377"/> von «<foreign xml:lang="lat">experimentum fidei</foreign>» reden (hier sicher eine Lesefrucht aus <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl>)<note xml:id="n514"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p353#p353">S. 353f.</ref></note>
                und dann doch so viel zu fragen und zu disputieren haben. <ref type="term">Gewißheit</ref> würde anders auftreten, meint er. «<foreign xml:lang="lat">Spiritus enim non sic trepidat aut disputat</foreign>» (264f.).<note xml:id="n515"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,604,35f. (Nr. 942).</bibl></note> Er behauptet, noch keinem begegnet zu sein, der seiner Meinung wirklich sicher gewesen sei (374).<note xml:id="n516"> <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 2,392,31f.</bibl></note> Am Meisten fällt ihm aber auf ihre <hi rend="italic">Uneinigkeit</hi> untereinander. Daß sie sich unter sich so widersprechen, das ist ihm das Zeichen dafür, daß ihre Lehre vom Satan ist (294).<note xml:id="n517"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9515">Michael Stifel</persName> (31.12.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,653,8f. (Nr. 957)</bibl>.</note>  
               «Solche Stücklin heiße ich nicht einen subtilen, sondern groben, greiflichen Teufel; denn auch Gott uns zu gut sie läßt sich untereinander selbs beißen, fressen und verzehren, auf daß das uneinige Reich von ihm selbst verstöret werde und uns nicht verführe» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,362</bibl>).<note xml:id="n518"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,122,9-12.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wird nicht müde, darauf hinzuweisen, wie sich die verschiedenen Köpfe, <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, zu denen sich dann noch <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfeld</persName> und <persName ref="kbga-actors-9498">Valentin Krautwald</persName> gesellen, besonders mit ihren verschiedenen Deutungen der Einsetzungsworte gegeneinander erheben (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,182</bibl>).<note xml:id="n519"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,458,7-459,7.</bibl></note> «Der heilige Geist ist ein Gott der Einigkeit und gibt einerlei Sinn, Grund und <ref type="term">Lehre</ref>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,362</bibl>).<note xml:id="n520"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,122,13f.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat es aber auch offen ausgesprochen, daß er die Motive seiner Gegner für <hi rend="italic">unlauter</hi> halte. «<foreign xml:lang="lat">Certant illi de gloria dogmatis istius</foreign>» (E. 256).<note xml:id="n521"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9832">Gottschalk Crusius</persName> (27.10.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,591,19f. (Nr. 933)</bibl>.</note>  
               «Wäre der <ref type="term">Papst</ref> noch in der Macht und Furcht, da er zuvor immer war, es sollten solche Umschweifer und Geistrühmer so stille sein als die Mäusle. Aber nun sie Raum überkommen, fahren sie kecklich an, legen sich wider uns, durch welche sie solchen Raum haben, und wollen auch Ehre einlegen und die Obersten und Besten sein. Wie wohl sie immer im Munde und in der Federn führen: Gotts Ehre, Gotts Ehre, Gotts Ehre suchen wir, aber das Werk und die Frucht weiset es wohl anders» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,363</bibl>).<note xml:id="n522"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,122,19-25.</bibl></note> Hört <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die evangelische Milde etwa eines <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> rühmen, so <pb ed="pga" xml:id="p378"/> braust er auf: Der Teufel walte der Geduld und Sänfte, die den Glauben stürzt (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,181</bibl>).<note xml:id="n523"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,458,2f.</bibl></note> |</p>
                <p> Sehr viel zur Verschärfung seines persönlichen Urteils über die Gegner hat eine in der Tat nicht saubere Geschichte beigetragen, die sich unter den Auspizien <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-66">Butzers</persName></hi> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> abspielte. <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> hatte es 1525 übernommen, den Psalmenkommentar <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagens</persName>, den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sehr hoch schätzte, aus dem Lateinischen ins Deutsche und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Kirchenpostille aus dem Deutschen ins Lateinische zu übersetzen, und hatte sich dabei erlaubt, in der Vorrede und in Anmerkungen zu dem Werke <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und in dem <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagens</persName> sogar 
                direkt im Text (den zu verändern ihm <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName> allerdings Vollmacht gegeben hatte, aber natürlich nicht <hi rend="italic">dazu)</hi> die zwinglische Abendmahlslehre vorzutragen, was in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref> eines Tages mit Entsetzen entdeckt wurde, als die Schrift eines gewissen Ludovicus Leopoldi erschien, der aber kein Anderer war als <persName ref="kbga-actors-1075">Leo Jud</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref>, mit dem auf Grund dieser verbesserten <ref type="term">Wittenberg</ref>er Literatur erbrachten Nachweis, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst früher der jetzt von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vertretenen Ansicht gewesen sei. Wir besitzen den erbitterten Brief, den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in dieser Sache am 13. Oktober 1526 an den Buchdrucker <persName ref="kbga-actors-9513">Johann Herwagen</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> gerichtet hat (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,384[-392]</bibl>)<note xml:id="n524"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9513">Johann Herwagen</persName> (13.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,471-473 (Nr. 1038)</bibl>.</note>, 
                in dem er sich beklagt, daß sein Buch gekreuzigt worden sei. «Solchen Geistern soll man glauben, daß die <ref type="term">Wahrheit</ref> gelehrt werde, wo man sich darüber freut, jemanden zu verderben, da sie ein nicht ohne offenkundige Lügen erdachtes Dogma aufstellen, mit Lügen es verteidigen und durch perfide Fälschung fremder Bücher dafür Propaganda machen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,386</bibl>).<note xml:id="n525"> <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,472,23-26 (Nr. 1038).</bibl></note> Diese Sache hat er den <ref type="term">Straßburg</ref>ern und Schweizern nie vergessen; daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sie in einer seiner Streitschriften zu rechtfertigen suchte, machte sie nur schlimmer. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> blieb von nun an bei dem Mißtrauen, daß die Gegenseite nicht ehrlich mit ihm umgehe, ein Punkt, der, wenn man von seiner Unversöhnlichkeit redet, ebenfalls zu bedenken ist.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">29.I.23</date>
                  Aber sein Widerspruch bewegte sich natürlich nicht nur auf diesen mehr äußerlichen Linien. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat einmal (in der Vorrede zum Syn<pb ed="pga" xml:id="p379" break="no"/>gramma Suevicum)<note xml:id="n526"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «<bibl corresp="kbga-bibls-496">29,332</bibl>»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,486,10-487,13</bibl>.</note> versucht, zu sagen, was er für das sachliche Motiv der zwinglischen Abendmahlslehre oder vielmehr von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und der Seinen Protest gegen die seinige halte: «Darum sage ich mein Urteil, wiewohl es sie hoch verdreußt, so weiß ich dennoch, daß wahr ist. Denn ich kenne in diesem Fall den Glauben und den Teufel wohl. 
                 Es sind zween Gründe ihres Irrtums. Einer, daß bei der <ref type="term">Vernunft</ref> fast <hi rend="italic">ungeschickt</hi> Ding ist. Der ander, daß <hi rend="italic">unnötig</hi> sei, Christus Leib und Blut im Brot und Wein zu sein. Das ist <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">absurditas</foreign></hi> und <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">nulla necessitas</foreign>.</hi> Diese zwei Stuck haben sie gefaßt und sinds also aus Anfechtunge des Satans durchgangen, wie Ole durchs Gebeine gehet. … Darnach sie nun solch gemalte Brillen vor den Augen haben, kommen sie zur Schrift getrollet, suchen, wie sie ihren Sinn hineintragen und die Schrift auf ihre Meinung ziehen.»<note xml:id="n527"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,460,37-461,7.</bibl></note> Daher dann ihr «Dehnen und Biegen» am Text: «<hi rend="italic">da</hi> ein <foreign xml:lang="lat">Tuto</foreign>, <hi rend="italic">da</hi> ein <foreign xml:lang="lat">significat</foreign>, <hi rend="italic">da</hi> ein <foreign xml:lang="lat">figura</foreign>, <hi rend="italic">da</hi> die Wort umbkehren, <hi rend="italic">da</hi> den Text versetzen, <hi rend="italic">da</hi> den Text mengen wie ein Karten. Siehe, da kommen die Sekten her» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,184</bibl>).<note xml:id="n528"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,461,8-10.</bibl></note> |</p>
                <p> Man fragt sich natürlich, ob es denn möglich war, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von den sachlichen Motiven seiner Gegner nicht mehr zu sehen vermochte als diese zwei Dinge, den Horror der <hi rend="italic"><ref type="term">Vernunft</ref></hi> seiner Theorie gegenüber und den Eindruck, daß sie <hi rend="italic">überflüssig</hi> sei. Sollte er von dem brennenden Eifer um eine reine Anbetung Gottes, der hinter den Sätzen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> stand, wie glücklich oder unglücklich sie formuliert sein mochten, gar nichts gemerkt haben? Einmal scheint er dem Verständnis für diese Intention ganz nahe, um sie dann doch sofort - wir werden sagen: von seinem Standpunkt aus unvermeidlicherweise - wieder mißzuverstehen, wenn er schreibt:  
               «Ich habe immer gesagt, daß diese Häretiker in Sachen des <ref type="term">Sakrament</ref>s (<foreign xml:lang="lat">Sacramentarii haeretici</foreign>) mit Christus das Spiel treiben, und daß er von ihnen nie ernstlich erkannt oder gepredigt worden ist, obwohl sie so prächtig rühmen, es sei ihnen um das <ref type="term">Evangelium</ref> und Gottes Ehre zu tun. <foreign xml:lang="lat">Pius non sic quaerit gloriam Dei, ut Christum blasphemari ignoret aut putet esse rem leviculam</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,388</bibl>).<note xml:id="n529"> <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,473,20-24.</bibl></note> 
                Er fühlte sich durch die Anklage, seine Lehre <pb ed="pga" xml:id="p380"/> behaupte einen «<foreign xml:lang="lat">deus esculentus et impanatus</foreign>» («einen gebackenen Gott, ein brodern Gott»), und seine Anhänger seien «<foreign xml:lang="lat">carnivorae</foreign>», «Gottsfleischfresser», «Gottsblutsäufer» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,264</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">65,181</bibl>)<note xml:id="n530"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,604,18 (Nr. 942)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,457,32-34.</bibl></note>, selber so mißverstanden und beleidigt, daß er nun offenbar auch nicht mehr verstehen wollte, sondern das Schlimmste witterte. Einem Freunde in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-1259">Celle</placeName></ref>, dem offenbar <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lehre vom Glauben einigen Eindruck gemacht, schreibt er: «Laß dir von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Gedanken von der Glaubens<ref type="term">gewißheit</ref> nicht imponieren; denn er redet wahrlich vom Glauben nur vom Hörensagen und aus der Einbildung (<foreign xml:lang="lat">proprie fictis</foreign>) ohne irgendwelche <ref type="term">Erfahrung</ref>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E. 5,256</bibl>)<note xml:id="n531"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9832">Gottschalk Crusius</persName> (27.10.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,590,6-8 (Nr. 933)</bibl>.</note>, 
                und bald darauf an die <ref type="term">Straßburg</ref>er: «Wer sollte sich nicht freuen, wenn das fromme <ref type="term">Leben</ref> <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und ihre Kirchen von euch so gerühmt werden? Aber sehet zu, wohin <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> läuft in der Auffassung von der Erbsünde!» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,267</bibl>).<note xml:id="n532"> Brief an die <ref type="o">Prediger</ref> zu <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,602,8-10 (Nr. 941)</bibl>.</note> |</p>
                <p> Sein Hauptanstoß war doch immer wieder das, was er <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> Gaukeln, Närren und Martern der <hi rend="italic">Einsetzungsworte</hi> nannte (<bibl corresp="kbga-bibls-496">53,362</bibl>).<note xml:id="n533"> <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,120,35f.</bibl></note> Sie verteidigen sich mit Gleichnissen, Vermutungen, Absurditäten, Schlüssen vom Einzelnen aufs Allgemeine, «keiner aber läßt sich herbei, das Schreien der Bedrängnis unsres <ref type="term">Gewissen</ref>s zu hören, wenn wir sagen: Klar und offen sind Christi Worte ‹Esset, das ist mein Leib›. Hier sage ich, sind unsre <ref type="term">Gewissen</ref> gebunden. Wir verlangen, eine Stelle zu hören, kraft derer unsere Auffassung dieser Worte falsch sein muß. Aber da muckst Keiner in allen ihren Büchern. Sie entgegnen uns, das <ref type="term">Fleisch</ref> sei nichts nütze.
                Aber das wußten wir auch schon, wir fragen nach etwas Anderem, nämlich nach der Stelle: Das ist mein Leib! - Sie entgegnen: das ist absurd! Aber das wußten wir auch schon, wir fragen nach etwas Anderem. - Sie entgegnen: Das ist ja ein sichtbares Mirakel! Das wußten wir auch schon, wir fragen nach etwas Anderem. - Immer schreien sie etwas Anderes, als wonach wir  fragen. Wir fragen: <foreign xml:lang="lat">Quae?</foreign>, sie aber antworten: ‹Blä!›» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,387</bibl>).<note xml:id="n534"> <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,472,28-37.</bibl></note> 
                So hoffnungslos redete man also aneinander vorbei, noch bevor der <pb ed="pga" xml:id="p381"/> eigentliche literarische Kampf Mann gegen Mann begonnen hatte! Welche Notwendigkeit hinter <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Pochen gerade auf die Einsetzungsworte stand, das haben wir ja früher gesehen. Er würde, und wenn ein Engel vom <ref type="term">Himmel</ref> ihm hier einen Tropus hätte nachweisen wollen, nichts als Blä! gehört haben, nicht aus Verstocktheit, sondern aus der Bedrängnis seines «gebundenen <ref type="term">Gewissen</ref>s», wie er selbst sagt. «Es ist kein guter Rat, man müsse die Gläubigen abkehren von dem Interesse an der Frage der Gegenwart von Leib und Blut und sie allein im Wort und im Glauben üben. Bei uns gibt es kein Wort und keinen Glauben <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">sine re in qua nituntur</foreign></hi>, da eben die Worte die Antwort in sich enthalten, daß Leib und Blut gegenwärtig sei» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,264</bibl>).<note xml:id="n535"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9512">Gregor Casel</persName> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,604,23-26 (Nr. 942)</bibl>.</note> |</p>
                <p> Er hat in der zwinglischen Lehre von Anfang an und dann immer wieder den <hi rend="italic">Teufel</hi> wirksam gesehen, der dem <ref type="term">Evangelium</ref> erst durch den Aufruhr der Bauern und nun durch diese neue Bosheit Abbruch tun wolle (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,249</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-496">53,361</bibl>).<note xml:id="n536"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (Oktober 1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,599,5-7 (Nr. 940)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2081">WA 19,121,16-20.</bibl></note> 
                An <persName ref="kbga-actors-9493">Johann Hess</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-179">Breslau</placeName></ref>: «<foreign xml:lang="lat">Verum dicis, mi Hesse</foreign>, daß bisher eitel faule Teufel gewest sind - denn bis jetzt ist nur um profane Dinge außerhalb der Schrift gestritten worden: über <ref type="term">Papst</ref>, Fegefeuer u. a. Lappereien; nun wird es ernst und handelt es sich um den direkten Kampf um die in der Schrift aufgestellten Dinge. Da werden wir den Drachen streiten sehen oder vielmehr: wir werden, <persName ref="kbga-actors-9228">Michael</persName> unser himmlischer Führer, mit ihm zusammenstoßen, 
                der den dritten Teil der Sterne mit seinem Schwanz auf die Erde zieht [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.12.4 Apk.12.7">Apk. 12,4.7</ref>]. Jetzt verlangt die Sache alle unsere Kräfte in Christo. Jetzt wirst du erkennen, wer und wie groß der Satan ist, den du bis jetzt noch nicht genügend gesehen und erkannt hast. … Ich lasse mich durch dieses, wie ich hoffe, letzte Rasen des Satans nicht erschrecken, gewiß, daß auf diese wilden Lästerungen bald die Stimme des Hauptmanns folgen wird: ‹Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen›» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,343</bibl>) [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.54">Mt. 27,54</ref>].<note xml:id="n537"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9493">Johann Heß</persName> (22.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,60,1-19 (Nr. 1001)</bibl>.</note>  
               «Ich bin gezwungen», schreibt er ein andermal in einer gewissen Weichheit, «diese Söhne meines Leibes, diese meine Absalome zu ertragen, die so wütend sich wider mich auflehnen. Ich meine die <ref type="term">Sakrament</ref>sfeinde, neben deren Rasen mir <pb ed="pga" xml:id="p382"/> die Papisten noch mild vorkommen, so sehr sucht mich der Satan heim durch sie. Ich habe vorher nicht geglaubt, daß der Satan ein so nichtswürdiger <ref type="term">Geist</ref> sei … Doch Christus lebt» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,310</bibl>).<note xml:id="n538"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (20.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,19,6-11 (Nr. 973)</bibl>.</note> 
                Was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> unter einem <hi rend="italic">Schwärmer</hi> versteht, dem Begriff, der bei ihm für diese Gegner bald feststehend wird, das hat er in der Vorrede zum Syngramma drastisch beschrieben: «Ein flüchtiger oder schwebender Geist, der auf keinem Stück bleibt», sich vom Wort (gemeint sind hier natürlich die Einsetzungsworte) nicht fangen noch erhaschen läßt. «Sage ich denn, solch Umbschweifen und Ausflucht thut nit zur Sache, sie sollen mir auf den Worten bleiben und daselbst an dem <hi rend="italic">Ort</hi>, aus dem <hi rend="italic">Text</hi> beweisen ihre Meinung. Ja wohl, da hab ich den Aal beim Schwanz, da fuhren sie mich wieder ins <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">6. Kapitel Johannis</ref> oder sunst auf einen Affenschwanz, daß man indes durch viel Geschwätz von der Sachen kompt, und doch nichts ausricht. Das ist eine rechte Satanskunst, so zu schweben, wie die Nachtbrände fahren des Abends auf dem Felde» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,184</bibl>).<note xml:id="n539"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,460,17f.30–36</bibl>; vgl. Z. 27.29.</note> |</p>
                <p> Der Gesichtspunkt, unter dem sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Erscheinung als Ganzes verständlich zu machen versucht hat, ist immer mehr der einer göttlichen <hi rend="italic">Strafe:</hi> «Mit Erlaubnis Gottes wütet der Satan gegen uns wegen unserer Undankbarkeit und Verachtung seines Wortes, was wenige merken, wie ich es aber immer vorausgesagt habe, daß wir Undankbaren mit Kriegen und Sekten geschlagen werden müßten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,400</bibl>; [vgl.] <bibl corresp="kbga-bibls-496">65,181</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,388</bibl>).<note xml:id="n540"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9426">Johann Frosch</persName> (28.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,124,5-7 (Nr. 1044)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,458,2-6</bibl>; Brief an <persName ref="kbga-actors-9513">Johann Herwagen</persName> (13.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,473,25-29 (Nr. 1038)</bibl>.</note> 
                Seine eigene <hi rend="italic">innere Stellung</hi> der Sache gegenüber war zum vornherein gegeben. Mit Majuskeln hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in seinem Brief nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> die Worte geschrieben: <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Sed non pervincent!</foreign>»</hi> und fügt hinzu: «Daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und die Anderen Anstoß nehmen an meinem Ausspruch: Es muß recht sein, was ich schreib!, das tut mir leid. Sie verraten damit, daß sie mir gegenüber geistig nicht ganz gesund sind. Warum rühmen sie denn selber die <foreign xml:lang="lat">experimenta fidei</foreign>? Oder ist nicht jenes Wort des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> zwar stolz, wenn man es fleischlich betrachtet, aber überaus gesund, wenn man <pb ed="pga" xml:id="p383"/> auf die <ref type="term">Wahrheit</ref> sieht, wenn er verlangt, daß wir gewiß seien, das Wort <hi rend="italic">Gottes</hi> zu reden [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.11">1.Petr. 4,11</ref>]? 
                Wenn sie diese <ref type="term">Gewißheit</ref> nicht selber entbehrten, so würden sie meine <ref type="term">Gewißheit</ref> und mein Vertrauen nicht so verurteilen. Denn was ist das <foreign xml:lang="lat">experimentum fidei</foreign> und das <foreign xml:lang="lat">testimonium spiritus</foreign>, wenn wir solches <hi rend="italic">nicht</hi> rühmen oder von anderen rühmen <hi rend="italic">hören</hi> können? … <hi rend="italic">Wir</hi> sind sicher, daß sie irren, mögen sie zusehen, wie sicher <hi rend="italic">sie</hi> sind, <hi rend="italic">nicht</hi> zu irren» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 5,266f.</bibl>).<note xml:id="n541"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9512">Gregor Casel</persName> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,606,88-98 (Nr. 942)</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sieht keine andere Möglichkeit, als daß «entweder sie oder wir Diener des Satans sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,265</bibl>).<note xml:id="n542"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,602 (Nr. 941)</bibl>.</note>  
               «Wir behaupten hüben und drüben das Konträre als den Sinn der Worte Christi, dann kann es nicht anders sein, als daß entweder sie oder wir Christus falsch und lügenhaft auffassen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,387</bibl>).<note xml:id="n543"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9513">Johann Herwagen</persName> (13.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,473,15-17 (Nr. 1038)</bibl>.</note></p>
                <p>Nicht ganz so sicher ist <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in Bezug auf die <hi rend="italic">praktische Haltung</hi>, die er einnehmen will. Zuerst sieht er bloß grollend zu. Er will die Bekämpfung Anderen überlassen, und noch besser wäre es, die Angreifer einfach zu verachten (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,249</bibl>).<note xml:id="n544"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9511">Nikolaus Hausmann</persName> (Oktober 1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,599,6 (Nr. 940)</bibl>.</note> Er hofft noch Anfang 1526, die Sache möchte diesen selbst verleiden (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,321</bibl>).<note xml:id="n545"> Brief an <persName ref="kbga-actors-8107">Johann Agricola</persName> (18.2.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,33,9f. (Nr. 982)</bibl>.</note> «<foreign xml:lang="lat">Videant, quid agant</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,264</bibl>)<note xml:id="n546"> <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,604,34f. (Nr. 942)</bibl>.</note>, 
                das ist seine Stimmung. Oder noch resignierter: «Wer da liegt, der liegt, das Wort helf ihm wieder auf und bewahre die, so nach stehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,186</bibl>).<note xml:id="n547"> <bibl corresp="kbga-bibls-3151"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Zweite Vorrede zum Schwäbischen Syngramm</hi> (1526), WA 19,530,6f.</bibl></note> Und: «<foreign xml:lang="lat">Qui perit, pereat!</foreign>» (5,388).<note xml:id="n548"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9513"><choice><sic ed="pga">Nikolaus</sic><corr>Johann</corr></choice> Herwag</persName>en (13.9.1526)<bibl corresp="kbga-bibls-2078">, WA 19,473,25 (Nr. 103</bibl>8).</note> 
                Noch im Herbst 26 ist er wenig kampflustig: «Sie rufen: Warum schweigt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>? Warum rückt er mit seiner Ansicht nicht heraus? Stell dir vor, ich würde tausend Bücher schreiben, was würde ich damit unter diesen Tauben und Wilden erreichen, die weder hören noch sehen können?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,386</bibl>).<note xml:id="n549"> <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,472,6-8 (Nr. 1038).</bibl></note> Am liebsten würde er sich offenbar begnügen mit der Erklärung: «Ich bin ein vehementer <hi rend="italic">Gegner</hi> dieser Sekte, und wenn ich vor vielen Geschäften dazu käme, wäre ich’s <hi rend="italic">noch</hi> vehementer!» <pb ed="pga" xml:id="p384"/> (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,387</bibl>).<note xml:id="n550"> <bibl corresp="kbga-bibls-2078">WA 19,473,9-11 (Nr. 1038).</bibl></note>
                 «Christus wird, wenn es <ref type="term">Zeit</ref> wird, auf dem Plane sein, inzwischen ist es nur nützlich wenn sie sich offenbaren und öffentlich ergießen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,346</bibl>).<note xml:id="n551"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9483">Nikolaus Gerbel</persName> (26.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,64,10f. (Nr. 1004)</bibl>.</note> 
                Aber immer mehr werden diese Klänge übertönt von den anderen, in denen er seinen Freunden ankündigt, daß er bald einmal schreiben werde, «<foreign xml:lang="lat">si Christus otium dederit</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">5,400</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-496">346.376</bibl>).<note xml:id="n552"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9426">Johann Frosch</persName> (28.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,124,11 (Nr. 1044)</bibl>; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-9483">Nikolaus Gerbel</persName> (26.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,64,9f. (Nr. 1004)</bibl>; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-9515">Michael Stifel</persName> (11.8.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,108,4 (Nr. 1032)</bibl>.</note> Denn «wiewohl dem Teufel niemand wehren kann, denn Gott alleine, daß er nicht immer Unglück und Schaden anricht, … so sein wir doch schuldig, soviel wir mögen, Gotts Mitwirker zu sein und durchs Wort ihm wider zu stehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,185</bibl>).<note xml:id="n553"> <bibl corresp="kbga-bibls-3151">WA 19,529,4-10.</bibl></note></p> 
                </div> 
                <div>
                    <pb ed="pga" xml:id="p385"/>
                <head>[<persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schriften 1526]</head>
                <p>Aber die Hälfte des <ref type="term">Zeit</ref>raums, aus dem alle diese Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> stammen, war noch nicht verstrichen, als von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> aus schon ein neuer Angriff erfolgte. Es war <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schrift <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Eine klare Unterrichtung vom Nachtmahl Christi</bibl>»</hi>, erschienen am 23. Februar 1526 (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">II/1,426[-468]</bibl>).<note xml:id="n554"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">H. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Eine klare Unterrichtung vom Nachtmahl Christi</hi> (1526), <hi rend="italic"/> Z 4,789-862.</bibl></note> 
                Sie gibt sich zwar als Verteidigung, und sie ist es auch, taktisch betrachtet, sofern sie die Antwort war besonders auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-2077">Schreiben an die <ref type="term">Straßburg</ref>er vom November 1525</bibl> und dem an die <bibl corresp="kbga-bibls-2081">Reutlinger vom Januar 1526</bibl>, die man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> eiligst zugetragen hatte, vor Allem aber auf <bibl corresp="kbga-bibls-2079"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Vorrede zum Syngramma vom 2. Januar 1526</bibl>, in der dieser als Erster von den beiden <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> öffentlich beim Namen genannt und also, taktisch betrachtet, ihn angegriffen hatte. Aber wenn man Alles in Betracht zieht, was diesen Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> vorangegangen war, dann vor Allem die ganze ­entschieden ablehnende, aber eher überdrüssig-abwehrende als ­kampflustige Stimmung, aus der diese Äußerungen hervorgingen, und ­endlich die außerordentliche Eile, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hatte, auf diese mit ­Ausnahme der Syngramma-Vorrede privaten oder halbprivaten Ergüsse, die doch alle kaum ein paar Seiten umfaßten, mit einer 10 Bogen in Quart starken theologischen Schrift zu antworten, weist doch [Alles] darauf hin, daß, strategisch betrachtet, 
                wie von Anfang an, so auch jetzt, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi> der Angreifer war. Er weist zu Beginn darauf hin, daß er [sich] in dieser Sache zum ersten Mal in deutscher Sprache an die Leserwelt, d. h. aber an die Laien wende. Das war richtig, nur vergaß er, hinzuzufügen, daß alle seine bisher erschienenen Schriften nicht ohne sein Wissen und Wollen ins Deutsche übersetzt und eifrig verbreitet und gelesen worden waren, wie es ja auch den lateinisch geschriebenen Briefen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> gegangen war. Provozierend hat ferner der Umstand auf ihn gewirkt, daß seine Schriften in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-48">Nürnberg</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-299">Sachsen</placeName></ref> polizeilich verboten waren. Man hatte in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> bedauerlicherweise schon damals kein Verständnis dafür, daß man geistige Fragen eventuell auch auf dem Disziplinarweg erledigen <pb ed="pga" xml:id="p386"/> kann. Aber das wäre an sich noch kein Anlaß gewesen, der Zensur durch eine neue Schrift Arbeit zu machen. Der entscheidende Grund zum Schreiben war doch wohl <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> entschiedener <ref type="term">Wille</ref>, die begonnene Sache gründlichst durchzuführen, 
                und es kann angesichts des schneidigen und außerordentlich wohlgerüsteten theologischen Aufmarsches, den er auch in dieser Schrift vollzieht (und der von der merkwürdig ungeschützten, gelegenheitshaften Weise jener Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> stark absticht), gar kein Zweifel daran sein, daß er sprungbereit gewartet hat und über den Widerspruch, den er in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> erfuhr, nicht, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName></hi> meint (<bibl corresp="kbga-bibls-2853">II,330</bibl>)<note xml:id="n555"> <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 330.</bibl></note>,  
               «überrascht und betroffen», sondern erfreut war, weil er ihm die willkommene Gelegenheit gab, nachzustoßen, umso mehr, da die Parade des Gegners so nachlässig geführt war, wie man das doch von jenen Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, wenn man sie als Streitschriften betrachtet, sagen muß. Es wird mir immer unbegreiflicher, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1294">Tschackert</persName></hi> meinen konnte, daß die Abendmahlsfrage von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in kühler Gleichgültigkeit behandelt worden sei.<note xml:id="n556"> <bibl corresp="kbga-bibls-2885"><persName ref="kbga-actors-1294">P. Tschackert</persName>, a.a.O. (oben S. 26, Anm. 60), S. 235.249.</bibl></note> Gerade in dieser entscheidenden <ref type="term">Zeit</ref> 1525/26 jedenfalls ist in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref>, <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> ganz unverhältnismäßig viel mehr Eifer, Überlegung und Mühe daran gewandt worden als in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName></ref>, wo man sich, wie wir sahen, ohne viel Aufwand von Gründen und Beweisen, begnügte, Nein und abermals Nein zu sagen.</p>
                <p> In der «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klaren Unterrichtung</bibl>» hat nun auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Namen genannt, freilich wohlüberlegt nur in einem einzigen kurzen, aber an sichtbarer Stelle befindlichen Satz<note xml:id="n557"> Mskr.: «Stelle»; Änderung vom Hrsg.</note> am Schluß: «Deshalb ich mich des hochgeleerten manns, <persName ref="kbga-actors-261">Martini Luthers</persName> Anrühren will entsagt haben» (467).<note xml:id="n558"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,861,27f.-862,1.</bibl></note> Aber wer kann gemeint sein mit denen, «die, so sy am ersten Anblick der <ref type="term">Wahrheit</ref> sehend, was <hi rend="italic">grunds</hi> die Sach hat, zuckend sy von stund an mit ungestümen Schalkworten von leder, und schlahend haryn und blendend die einfaltigen, sprechende: Das sind <hi rend="italic">ufrürer</hi> … Die <hi rend="italic">grüblend in der Gschrift</hi> us <hi rend="italic">mutwilligem</hi> sinn und begird der eeren … Die habend den <hi rend="italic">glouben</hi> nit …» (428)?<note xml:id="n559"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,791,28-792,8.</bibl></note> 
                Wer kann <pb ed="pga" xml:id="p387"/> gemeint sein mit denen, die sich «in’n Anfang vertieft (d. h. ein Vorurteil gefaßt) haben und wellend nit sehen, daß es wäger ist widrum harus zu land gewatten» (wieder heraus ans Land zu waten), oder die (aus demselben Grund) «jetz ee die unwarheit bschirmen, weder sich bekennen wellend» (428.468).<note xml:id="n560"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,790,16f.; 4,862,5f.</bibl></note> 
                Ferner: Gegen wen hatte man sich des Vorwurfs zu erwehren, die Leugner der Realpräsenz «sygend noch nit gwüß» (427)?<note xml:id="n561"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,790,8.</bibl></note> Wem gegenüber hatte es Sinn zu beteuern (auch wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Name nicht gerade bei diesem Anlaß genannt wurde): Ich «hab als wenig zwyfel [als] an gott, der Himmel und erden gschaffen hat, als an Christo Jesu, warem gottes sun, daß nit möglich ist, daß der lychnam Christi in diesem sacrament sye; … <hi rend="italic">der Gloub muß brechen, oder aber unser leer ist grecht»</hi> (467f.).<note xml:id="n562"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,861,24-862,7.</bibl></note> 
                Wem gegenüber mußte die Uneinigkeit unter sich zwischen den symbolischen Erklärern der Abendmahlsworte gerechtfertigt oder vielmehr bestritten werden mit folgender Ausführung: «Ein Gegenwurf ist: … ein Teil spreche, man sölle die Wort Christi: ‹Das ist min Lichnam› also verston: Das <hi rend="italic">bedütet</hi> minen Lichnam (<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>). Der ander Teil spricht, man sölle sie also verston: Das ist <hi rend="italic">ein Bedütnuß</hi> mines Lichnams. So wir nun nit eins sygind mit den Worten Christi, so habind wir nit einen <ref type="term">Geist</ref>. Antwurt: Sich, welch ein treffenliche Klag das ist. So der Sinn einhellig ist, und auch die Wort im Sinn einhellig sind, so liegt nüts dran, ob einer andre Wort brucht denn der ander … Denn sölchen Unterscheid der Worten findt man nit allein in den Evangelisten und Apostlen gegeneinander, sondern auch bei einem jeden gegen ihm selbst; wär lang zu erzeigen.» Ob denn etwa die Vertreter der Realpräsenz unter sich einig seien?, wird zum Schluß nicht mit Unrecht gefragt (466).<note xml:id="n563"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,858,25-859,4.</bibl></note> 
                Und vor Allem: Wer vertrat die Konsubstantiationslehre, deren scharfsichtiger Widerlegung der erste und glänzendste Teil der zwinglischen Schrift gewidmet ist? Es kann gar kein Zweifel sein darüber, wohin seine Blicke jetzt noch viel mehr als in den Schriften von 1525 über alle <persName ref="kbga-actors-4654">Ecks</persName> und <persName ref="kbga-actors-9106">Bugenhagens</persName> hinweg gerichtet waren. |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p388" rend="noPipe"/> Ich referiere aus dem Inhalt der Schrift nur über das den früheren Schriften gegenüber Neue oder klarer Gesagte. Zu nennen ist vor Allem die prinzipielle Ausführung über die Unmöglichkeit des wesentlich oder substantive verstandenen «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>», in der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit bewundernswerter Dialektik die Transsubstantiationslehre und die Konsubstantiationslehre gegeneinander ausspielt und eine durch die andere ad absurdum führt (429[-431]).<note xml:id="n564"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,793-810.</bibl></note> 
                Die Transsubstantiation wird begründet mit dem Hinweis auf die Allmacht Gottes. Wie Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht! [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.3">Gen. 1,3</ref>], so bezeichnet das «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» die <ref type="term">Wunder</ref>tat Gottes, durch die das Brot zum <ref type="term">Fleisch</ref> Christi wird, wesentlich. Aber nun fordert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, daß dieses wesentliche «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» ernst genommen werde. Dann würde also Christus «wesentlich leiblich mit den Zähnen in der Menschen Mund zerbissen und empfindlich zermalen» (431).<note xml:id="n565"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,797,1-3.</bibl></note> 
                Denn wie das Licht, das durch Gottes Schöpferwort wird, wesentlich, d. h. empfindlich, gegenwärtig, sichtbar ist, so muß dann auch das Fleisch Christi wesentlich, d. h. empfindlich sein, wenn es eben mit jenem wesentlichen «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» seine Richtigkeit hat. Aber, lautet <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Einwand: es ist einfach nicht wahr, daß irgend jemand je empfindlich und wesentlich Christi Fleisch gegessen hat. «Ach himmelscher Gott! welcher Gläubiger hat sölchs je empfunden? oder welchem hätt nit gruset, so er sölchs empfunden hätt? … Glych als ob Gott <ref type="term">wunder</ref> würke, dero nieman innen werd»! (435).<note xml:id="n566"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,804,25-805,4.</bibl> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand: «‹etlicher Episteln, die in vielen Händen harum getragen werdend› (459)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,846,8f.</bibl>; «‹die schmähend Gott› (450)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,831,6</bibl>; «‹wir tätind der Schrift Gewalt› (455)»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,840,8f.</bibl></note>  
               «Wo Gott wesentlich redt, da ist es auch wesentlich; also daß es gsehen, ggriffen, empfunden wirt, das Gott redt. So nun das hie nit ist, so erfindt sich mit der Tat, daß Gott nit wesentlich geredt hat; dann Gott betrügt nit» (438).<note xml:id="n567"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,810,2-4.</bibl></note> «Wir empfindend und schmeckend wyn und brot; warum sagend wir denn, es sye fleisch, so wirs nit empfindend? … daß wir Gott ein mirakel zulegend, das er nit will» (435f.).<note xml:id="n568"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,805,8-12.</bibl></note> 
                So argumentiert der durch und durch praktische und unbestechlich <pb ed="pga" xml:id="p389"/> auf seine fünf Sinne vertrauende Mann und läßt sich nichts vormachen. Aber das ist nur ein Vorgefecht. Nun kommen ja die Anderen, wir wissen, wer: «Etlich aber sprechend: man esse den lychnam Christi in dem Brot oder unter dem Brot, doch daß das Brot Brot blybe; und sölle nieman fragen, <hi rend="italic">wie</hi> man ihn esse, sondern allein verjähen und glauben, <hi rend="italic">daß</hi> man ihn esse» (429).<note xml:id="n569"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,793,18-21.</bibl></note> 
                Diese «Verleugnung» der Transsubstantiation bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des wesentlichen «<foreign xml:lang="lat">est</foreign>» nennt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einen «offenen Frevel». Denn, sagt er, entweder es wird dabei heimlich doch eine Verwandlung der Substanz des Brotes angenommen, dann fällt diese Auffassung unter das <ref type="term">Gericht</ref>, von dem eben die Rede war. Oder man muß zulassen, daß die Einsetzungsworte einen figürlichen, symbolischen Sinn haben, aber das will man ja eben nicht. Oder aber, man «gat hin und tut das Wort ‹ist› gar hindan und spricht: In diesem Brot wirt der lichnam Christi gegessen, 
                und hat aber», triumphiert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, nun auch einmal auf das <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">est</foreign></hi><hi rend="italic">»</hi> pochend, «Christus nit also geredt»: <hi rend="italic">«in</hi> dem Brot isset man min Lichnam, sondern: Das <hi rend="italic">ist</hi> min Lichnam! Sich, wie weh es tut ertrinken! Tät <hi rend="italic">ich</hi> das, daß ich die Wort Christi also verkehret, da würdend die donderaxten gegen mich hauen!» So braucht man die katholische und die lutherische Lehre nur gegeneinander zu halten, «so stechend sie beed einandren ab». Die katholische die lutherische, indem sie den Gedanken einer «wesentlichen» Gegenwart des Fleisches Christi in allein sinngemäßer und ehrlicher Weise durchführt. Die lutherische die katholische, indem sie offenbar von der Voraussetzung ausgeht, daß es mit dieser wesentlichen, d. h. sinnfälligen Gegenwart Christi seine Richtigkeit nicht haben könne. Also sind sie offenbar beide falsch (432).<note xml:id="n570"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,798,1-799,15.</bibl></note> Aber wenn man das
                sagt, dann schreien sie: Ich will bei den einfältigen Worten Christi bleiben! «Antwort: Dem ist <hi rend="italic">recht;</hi> also sollt du, liebe Irrung, <hi rend="italic">das</hi> den einfaltigen Sinn nennen, der allerzwifaltigest, allerdunklest und unverständigest ist» (432).<note xml:id="n571"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,799,22-24.</bibl></note> «In der Schrift heißt das der einfaltige Sinn, der Grund und Bestand hat in der <ref type="term">Wahrheit</ref>, d. i. in Gottes Wort, und darin keinen Widerstand hat» (433).<note xml:id="n572"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,800,9-11.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p390" rend="noPipe"/> Man wird der Vollständigkeit dieses Beweises seine Bewunderung nicht versagen können. Er hat nur <hi rend="italic">einen</hi> schwachen Punkt, und das ist die Gleichsetzung von wesentlich und «empfindlich», sinnenfällig, die ihm zu Grunde liegt. Ist das so ohne Weiteres, so undialektisch, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> es hier behauptet, dasselbe? Und um dieses einen Punktes [willen] sieht man mit Besorgnis dem Augenblick entgegen, wo <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> unbelehrt auch durch diese scharfsinnige Darlegung sagen wird: «Das wußten wir auch schon, wir fragen nach etwas Anderem!»</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">30.I.23</date>
                 Der<note xml:id="n573"> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand: «3. Zwinglis Leben bis 1528; <hi rend="italic">4.</hi> Zwinglis Theologie im Rahmen des Abendmahlsstreites; <hi rend="italic">5</hi>. Zwinglis Ausgang».</note> andere interessante Punkt in der «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klaren Unterrichtung</bibl>» ist der in ihr zum ersten Mal ausführlich gegebene Grundriß der zwinglischen <hi rend="italic"><ref type="term">Christologie</ref></hi>, natürlich in der speziellen Abzweckung auf die Abendmahlsfrage (448[-456]).<note xml:id="n574"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,827,4-841,8.</bibl></note> 
                 <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> betont innerhalb der chalcedonensischen Einheit der Naturen die Zweiheit in der Einheit. Es handelt sich, sagt er, darum, ernst zu machen mit den drei Artikeln: Aufgefahren gen <hi rend="italic"><ref type="term">Himmel</ref></hi>, sitzend zur <hi rend="italic">Rechten Gottes</hi>, wiederkommend zum <hi rend="italic"><ref type="term">Gericht</ref>.</hi> Nach seiner <hi rend="italic">göttlichen</hi> Natur hat Christus die Rechte des Vaters nie verlassen, nach ihr ist er ja ein Gott mit dem Vater. 
                 Nach der <hi rend="italic">menschlichen</hi> Natur ist er auf Erden leiblich und an Weisheit gewachsen, hat er Hunger, Durst, Frost und Hitze erlitten, alle Bresten außer der <ref type="term">Sünde</ref>, ist er gestorben <hi rend="italic">und</hi> (und darauf kommt es <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an) gen <ref type="term">Himmel</ref> gefahren. Diese menschliche Natur «war ein Gast im <ref type="term">Himmel</ref>; denn dahin war vormals kein <ref type="term">Fleisch</ref> nie kommen» [449].<note xml:id="n575"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,828,10f.</bibl></note> 
                 Wollte man nun ohne Unterschied Alles, was sich auf die göttliche Natur bezieht, auf die menschliche beziehen, so würde man alle Gschrift, ja den Glauben verwüsten. «Ich bin bei euch alle Tage!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.20">Mt. 28,20</ref>] gilt z. B. nur von der göttlichen, «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.46">Mt. 27,46</ref>] nur von der menschlichen Natur.<note xml:id="n576"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,828,16-24.</bibl></note> 
                 Oratorischerweise mag eine rücksichtslose Übertragung der Prädikate der einen auf die andere, wie sie etwa in dem Satz: Gott hat für uns gelitten! stattfindet<note xml:id="n577"> Mskr.: «stattfinden»; Änderung vom Hrsg.</note>, 
                  geduldet werden, aber nicht ohne die Erinnerung, daß «eigentlich zu reden» die sinn<pb ed="pga" xml:id="p391" break="no"/>gemäßen Unterscheidungen die <ref type="term">Wahrheit</ref> sind. Eigenschaft der Gottheit Christi ist es also freilich, allgegenwärtig zu sein wie Gott selbst, aber nicht Eigenschaft der Menschheit, des (empfindlichen) Leibes Christi. Neben dem «Ich bin bei euch alle Tage!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.20">Mt. 28,20</ref>] steht das johannei­­sche: «Wiederum verlasse ich die <ref type="term">Welt</ref>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.28">Joh. 16,28</ref>] und: «Mich aber habt ihr nicht allezeit!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.11">Mt. 26,11</ref>].<note xml:id="n578"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,830,1f.9.</bibl></note>  
                «<hi rend="italic">Wie</hi> verläßt er die <ref type="term">Welt</ref>? Mit seiner göttlichen Gegenwärtigkeit, Fürsorge, Gnade, Guttat, Barmherzigkeit? Das well Gott nit, das red kein Kreatur!» [450].<note xml:id="n579"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,830,2-4.</bibl></note> Und doch hat er’s gesagt: Ich <hi rend="italic">verlasse</hi> die <ref type="term">Welt</ref>. So kann das nur von seiner menschlich-leiblichen Natur gemeint sein. Hat er es aber gesagt und das gemeint, so müßten ja die hellen Worte Christi brechen, wenn nun trotzdem eben diese seine menschlich-leibliche Natur im Sakrament gegenwärtig sein sollte. Die hat ja eben die <ref type="term">Welt</ref> <hi rend="italic">verlassen.</hi> Und soll nun Gottes Wort sich nicht in sich selbst widersprechen, so muß das dunkle Wort: «Das ist mein Leib!» nach diesen helleren gedeutet werden [450].<note xml:id="n580"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,831,14-16.</bibl></note> 
                 Es ist also nicht möglich, daß Christus bis zum jüngsten Tag anderswo sei denn zur Rechten Gottes des Vaters. <hi rend="italic">«Sitzt er nun droben, so ist er nicht hienieden.»</hi> [451]<note xml:id="n581"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,832,7f.</bibl></note> Diesem <hi rend="italic">droben</hi> gegenüber kommt ihm die Behauptung seiner Realpräsenz im <ref type="term">Sakrament</ref> als eine ebensolche Lüge vor, wie das Wort des Teufels zu <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>: «Ihr werdet nicht sterben, sondern wie die Götter werden!» - Oder «wie wär es nit ein Schmach Christi, daß man ihn also in gräuelnde, nüchtelnde hüslin<note xml:id="n582"> = schimmelige, muffig riechende Sakramentshäuschen.</note> verschluß?» (434).<note xml:id="n583"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,802,21-25.</bibl></note> Wäre er hienieden,
                so hätte es keinen Sinn - hier sehen wir <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einen Gedanken <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> aufnehmen -, von seiner <hi rend="italic">Wiederkunft</hi> zu reden. <hi rend="italic">Von nun an</hi>, hat Christus selbst gesagt, will er, <hi rend="italic">bis daß er wiederkommt</hi> auf den Wolken des <ref type="term">Himmel</ref>s, <hi rend="italic">zur Rechten Gottes</hi> gesucht sein. Sollte er im <hi rend="italic">Brot</hi> sein oder das Brot <hi rend="italic">selbst</hi> der Leichnam Christi, «so ist <hi rend="italic">jetz</hi> das jüngst Gricht, so sitzt er auf seinem Stuhl und ist <hi rend="italic">hie.</hi> So aber das jüngst Gricht <hi rend="italic">nit</hi> hie ist, so ist auch Christus <hi rend="italic">nit</hi> lyblich hie» [451]<note xml:id="n584"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,832,28-30</bibl>.</note>, 
                denn von seinem <pb ed="pga" xml:id="p392"/> <hi rend="italic">letzten</hi> Kommen, nicht von dem <ref type="term">Gericht</ref>, unter dem wir <hi rend="italic">täglich</hi> stehen, hat Christus dort geredet. Und dieses letzte Kommen Christi wird nicht unsichtbar, sondern nach <ref type="can" subtype="bible" target="Act.1">Act. 1</ref> so sichtbar sein wie seine Himmelfahrt. Also: «Kommt er herab in das Brot so sichtbarlich als ihn die Jünger gesehen haben hinauffahren, so wollen wir es <hi rend="italic">glauben</hi>, daß er da sei».<note xml:id="n585"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,833,16-18.</bibl></note> Kommt er <hi rend="italic">nicht</hi> so sichtbar, so wollen wir seiner leiblichen Zukunft warten, bis daß er also kommt, wie es dort durch den Engel verheißen ist, und dazwischen weder Engeln vom <ref type="term">Himmel</ref> noch Menschen noch Teufeln glauben, soviel sie von seiner leiblichen Gegenwart sagen mögen [452]. |</p>
                <p> Sollte man aber einwenden, daß es sich um die unsichtbare, unempfindliche Gegenwart des <hi rend="italic">auferstandenen</hi> Leibes Christi handle, so ist zu erwidern, 1. daß es dann aller Auferstandenen oder doch der Erwählten Art und <ref type="term">Natur</ref> sein müßte, zu sein, wo sie wollen, während in Wirklichkeit nicht einmal der auferstandene Christus, obwohl er durch verschlossene Türen ging, allgegenwärtig, sondern jetzt hier und jetzt dort war. 2. daß eben von dem auferstandenen Christus <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.110.1">Ps. 110,1</ref> gesagt ist: «Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache» [452f.]. 3. daß man, wenn nun doch die Identität des auferstandenen Leibes Christi mit dem von der Jungfrau geborenen und am Kreuz gestorbenen behauptet wird, mit <persName ref="kbga-actors-678">Marcion</persName> zu der Annahme gedrängt wird, daß dieser letztere ein «phantästiger, gspenstiger Leichnam»<note xml:id="n586"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,836,9.</bibl></note> 
                gewesen sei oder doch, daß sein Leiden gar nicht wirkliches Leiden (es war ja ein unsichtbarer, unempfindlicher Leib, der da litt!) gewesen sei. «Das doch die größt schändlichst Schmach Christi wär, der so bitterlich für die armen Sünder gelitten hat» [453].<note xml:id="n587"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,837,13-15.</bibl></note> Hat nun Christus «nicht unsichtbar, sondern sichtbar, nicht unempfindlich, sondern empfindlich den Tod erlitten»<note xml:id="n588"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,837,25f.</bibl></note>, und hätte er den Jüngern seinen Leib zu essen gegeben, wie er ihn ins Leiden gegeben hat, so müßte er nicht, wie die Lutheraner sagen, «<foreign xml:lang="lat">modo quodam ineffabili</foreign>», unsichtbar und unempfindlich, sondern «sichtbarlich, empfindlich und wesentlich mit den Zähnen <pb ed="pga" xml:id="p393"/> gegessen werden, denn also haben ihn schmerzlich Dörn, Geißlen, Nägel, Spieß durchgangen und -drungen, daß weder die Sunn noch Erd noch Stein ohn Mitleiden sein konnten» [454].<note xml:id="n589"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,837,28-838,1.</bibl></note> 
                Will man das <hi rend="italic">nicht</hi>, und will man auch jener Gefahr des <ref type="term">Doketismus</ref> entgehen - hier rührte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an den bedrohtesten Punkt der Lehre <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> -, dann darf man hier auch nicht mit dem Auferstehungsleib operieren, ganz abgesehen davon, daß 4. in den Einsetzungsworten von dem für euch zerbrochenen, also getöteten und nicht von dem auferstandenen Leib Christi die Rede ist. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> letztes Argument gegen die Ubiquität des Leibes Christi lautet: Was macht der Gegner mit Worten wie: «Ich werde euch zu mir nehmen, daß wo ich bin, auch ihr seid»? [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.3">Joh. 14,3</ref>].<note xml:id="n590"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,839,30.</bibl></note> 
                Das muß auf die menschliche Natur gehen, denn sonst mag die Kreatur nicht sein, wo der Schöpfer ist. Die, denen das gesagt ist, sollen also nach diesem Wort mit Christus zur Rechten Gottes im <ref type="term">Himmel</ref> sein. Wie nun, wenn diese Rechte Gottes und also die menschliche Natur Christi und also auch die, zu denen das gesagt ist, allüberall wären? Dann müßten die Jünger <hi rend="italic">auch</hi> allüberall oder an vielen Orten sein, ja auch in der sogenannten Hostie. «Sankt Christophel wäre zu groß.» [455].<note xml:id="n591"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,839,29-840,3.</bibl></note> 
                Der heilige <persName ref="kbga-actors-7600">Christophorus</persName> galt im <ref type="term">Mittelalter</ref> als ein Riese, und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mag etwa an jenen Christophel gedacht haben, der in riesengroßer Figur als weitberühmtes Wahrzeichen am oberen Tor zu <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName></ref> stand.</p>
                <p> Man müßte wiederum ein Barbar sein, wenn man an diesen wasserklaren logischen Deduktionen nicht seine Freude hätte. Die Rechnung stimmt wirklich bis aufs Tüpflein. Und doch ist gerade diese Wasserklarheit auch das Unheimliche an der Sache. Wir sahen seinerzeit bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wie die gewaltsam zusammengezwungenen Gegensätze von geistlich und fleischlich unvermeidlich auch in seinen stärksten Formeln wieder auseinanderstrebten, wie der 
                vermeintlich erreichte Schnittpunkt der parallelen Geraden sich durch irgendein verräterisches «gleich wie wenn» doch wieder als trügerisch erweist. Ist es soviel besser, wenn bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, dem schärferen Logiker, von einer <ref type="term">Hoffnung</ref> auf die Schneidung dieser Geraden bis zum jüngsten <pb ed="pga" xml:id="p394"/> Tag allerdings gar nichts übrig bleibt, dafür das Problem, die Unruhe, die mit diesem triumphierend festgestellten Sich-nicht-Schneiden doch erst ganz groß werden müßte, vor lauter theologischer Wasserklarheit fast ganz verschwindet? «Sitzt er nun droben, so ist er nit hienieden!» [451].<note xml:id="n592"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,832,7f.</bibl></note> 
                Eine treffliche, eine außerordentlich notwendige und wahre Negation. Aber kann es bei der Negation bleiben, wenn das von <hi rend="italic">Christus</hi> gesagt wird? Ist <hi rend="italic">diese</hi> Negation nicht <hi rend="italic">als</hi> Negation auch Position, <hi rend="italic">dieses</hi> droben nicht als solches auch hienieden? Kann man hier trennen, ohne gerade durch die Trennung verbinden zu wollen? Ist das starre zwinglische Entweder-Oder bei aller Dialektik nicht vielleicht doch noch undialektischer als die unbeholfenen Formeln, in denen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Eigensinn (und doch nicht nur sein Eigensinn!) darauf hinzielte, daß das in <hi rend="italic">Christus</hi> uns gesetzte Entweder-Oder das Ende dieser unserer Situation ist, die <hi rend="italic">Gegenwart</hi> des jüngsten Tages, im Blick auf den ja auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> seinen Widerspruch fallen lassen wollte? Wie war es nur möglich, daß ihm dieser Blick auf den jüngsten Tag seine saubere Rechnung nicht wenigstens etwas verwirrte? Wer diese Fragen empfindet, der wird, wie gestern schon gesagt, mit Sorge dem Augenblick entgegensehen, wo <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> stirnrunzelnd in dieser allzu <bibl corresp="kbga-bibls-3109">klaren Unterrichtung</bibl> blättern wird. Wird er nicht trotz aller aufgewandten Kunst auch hier wieder «Blä!» sagen? |</p>
                <p> Ich  nenne aus der Schrift noch folgende Einzelheiten. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> übersetzt das Fremdwort tropisch nicht übel mit «andergewendt» oder «anderverständig» (456)<note xml:id="n593"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,842,5.10.16.25.</bibl></note> und fordert, «daß man in der heiligen Gschrift nit gäch uf den Buchstaben falle, sondern allenthalb besehe, was die Gschrift wohl erlyden möge. Denn so sy von Gott yngesprochen ist, als <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> lehrend, so mag sie ihr selbs nit widerwärtig syn; sondern wo uns das dunkt, kommt es daher, daß wir sy nit verstond, nit recht gegeneinander halten» (456)<note xml:id="n594"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,841,17-22.</bibl></note>, 
                was dann eben an unzähligen Stellen zu «anderverständiger» Auslegung führen muß. So, wenn es von dem Lamm, das die Israeliten vor dem Aufbruch aus <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName></ref> schlachten mußten, heißt: ihr sollt es eilends essen, denn es <hi rend="italic">ist</hi> der Überschritt des Passah [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.12.11">Ex. 12,11</ref>] [458]. In den <pb ed="pga" xml:id="p395"/> Einsetzungsworten soll ja nicht von einander getrennt werden «dies ist mein Leib» und «für euch gegeben», dann wird sofort klar, von <hi rend="italic">welchem</hi> Leib Christus redet, daß das Brot nicht dieser getötete Leib ist, daß also das «ist» «anderverständig» genommen werden muß (460).<note xml:id="n595"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,848,27-849,13.</bibl></note> 
                In <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11">1.Kor. 11</ref> legt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Gewicht darauf, daß es nicht heißt: Dies ist das neue Testament, sondern: «Dies ist das <hi rend="italic">Blut</hi> des neuen Testamentes» oder «das neue Testament in meinem Blut» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.25">1.Kor. 11,25</ref>], also das, womit er das neue Testament, die Vergebung der Sünden, erobert hat. Ist aber das Blut nicht selbst die Sache, so folgt nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, daß der Trank, auf den das «Dies ist» hinweist, auch nur das Zeichen des Blutes sein kann (461f.).<note xml:id="n596"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,850,1-12.</bibl></note> 
                Endlich noch die zusammenfassende Definition: «Der Fronlychnam Christi sitzt an der Grechten des Vaters; aber das Sakrament, d. i. Zeichen des … Lychnams wird by uns zu Danksagung und Gedächtnus, daß der Fronlychnam für uns gestorben ist, in der Gemeind Christi geessen. Und darum, daß es den Fronlychnam Christi <hi rend="italic">bedüt</hi>, wird es oft der Fronlychnam und Blut Christi <hi rend="italic">genennt</hi>, darum daß Christus es auch also genennt hat» (464).<note xml:id="n597"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,855,11-17.</bibl></note></p>
                <p> Tinte und Druckerschwärze waren über der «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klaren Unterrichtung</bibl>» noch kaum getrocknet, als sich schon ein neuer, unter allen Umständen nicht unerwünschter Anlaß einstellte, der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die Feder in die Hand drückte. Es waren die Schriften der beiden bayrischen <ref type="term">Theologen</ref> <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9499">Theobald Billican</persName></hi> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-49">Nördlingen</placeName></ref> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName></hi> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName></ref>, die, beide von der lutherischen Ansicht herkommend und doch auch von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> schon so stark beeinflußt, daß man beinahe schon wagte, sie zur Partei zu rechnen, jetzt doch noch einmal einen Vorstoß zugunsten ihres bisherigen Standpunktes und gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> machten<note xml:id="n598"> Mskr.: «zu machen»; Änderung vom Hrsg.</note>. 
                Beide, besonders ausgesprochen <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName>, gingen in der Folge zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> über, ein bezeichnender Ausschnitt aus der damaligen Situation in <placeName ref="kbga-places-1242">Süddeutschland</placeName>. Gegen diese beiden Schriften wandte sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Mitte März 1526. Der Biograph des <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName> nennt <pb ed="pga" xml:id="p396"/> sie<note xml:id="n599"> Scil. die Antwortepistel <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> an <persName ref="kbga-actors-9499">Theobald Billican</persName>, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zusammen mit dem Antwortbrief an <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName> als Entgegnung drucken ließ; siehe unten <ref type="pub" target="#fn_n601">Anm. 601</ref>.</note>  
               «ein Meisterstück solcher  Polemik, die den Gegner zu gewinnen bestimmt ist, klar, gewandt, leicht, freundlich und ernst, aber immer mit der Protektormiene, anziehend und wieder drohend … Schonungslos deckt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die Schwächen des Gegners auf, und läßt doch immer wieder durchblicken, wie viel ihm daran gelegen ist, ihn zu gewinnen; er behandelt ihn als schon gewonnen, stellt es als unmöglich hin, daß er nicht zustimmen sollte» (<persName ref="kbga-actors-2618">G. Uhlhorn</persName> bei <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,371</bibl>).<note xml:id="n600"> <bibl corresp="kbga-bibls-3153"><persName ref="kbga-actors-2618">G. Uhlhorn</persName>, <hi rend="italic">Urbanus Rhegius</hi>, Elberfeld 1861, S. 101</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 371</bibl>.</note> |</p>
                <p> Gedanklich enthalten diese Episteln wie begreiflich wenig Neues über die «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klare Unterrichtung</bibl>» hinaus. Ich möchte nur einen Punkt hervorheben, und das ist die Behandlung des <hi rend="italic"><ref type="term">Wunder</ref>begriffs</hi> in der Epistel an <persName ref="kbga-actors-9499">Billican</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,656f.</bibl>)<note xml:id="n601"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Ad Theobaldi Billicani et Urbani Rhegii epistolas responsio</hi> (1526), Z 4,893-941, dort S. 893–931.</bibl></note>. Wir erinnern uns aus der «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klaren Unterrichtung</bibl>» des Satzes: «Glych als ob Gott <ref type="term">Wunder</ref> würke, dero nieman innen werd» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">II,435</bibl>).<note xml:id="n602"> <bibl corresp="kbga-bibls-3109">Z 4,805,3f.</bibl></note> 
                Dieser Gedanke wird hier nur noch schärfer pointiert: «Wo hat Christus ein <ref type="term">Wunder</ref> getan, das niemand gefühlt, niemand erfahren hätte! Oder waren die Blinden, denen er das Licht wiedergab, so sehend, daß sie nichts sahen? Oder sahen sie selbst und schienen doch den Anderen immer noch Blinde zu sein? Oder gehorchte das Licht, das Gott am Anfang der <ref type="term">Welt</ref> ins Sein rief, so, daß es zwar da war, aber nicht gesehen wurde? Ich denke nicht! Oder regnete das Manna in der Wüste so, daß niemand es schmeckte? … So steht es mit den <ref type="term">Wunder</ref>n des allmächtigen Gottes! … Hier aber (im Abendmahl), wo nichts dergleichen sichtbar oder fühlbar wird - warum sind wir da so schamlos (<foreign xml:lang="lat">impudentes</foreign>) zu behaupten, durch ein <ref type="term">Wunder</ref> geschehe, was niemand sieht, fühlt, erfährt? … Merken wir nicht, daß wir mit diesem einen <ref type="term">Wunder</ref> marcionisierend alle Wunder in Verdacht bringen? Wird nicht ein schwacher Sinn bei sich selber in Zweifel geraten, 
                ob die <ref type="term">Juden</ref> nicht recht haben, die wir ja fragen hören, ob denn die durch Christus von den Toten Erweckten <pb ed="pga" xml:id="p397"/> auch wirklich erweckt worden seien? Ja, Christi eigene Auferstehung ist ganz zweifellos sehr oft schon auf Grund der Behauptung dieses einen (unsichtbaren!) <ref type="term">Wunder</ref>s in Zweifel gezogen worden. Wir fühlen, daß Brot Brot und Wein Wein ist, und noch nie hat irgendein Sinn etwas Anderes erfahren. Und nun zwingen wir dem Glauben dieses <ref type="term">Wunder</ref> auf, d. h. wir <hi rend="italic">machen</hi> durch die Kraft unserer Worte ein Wunder. Ich weiß, daß nun einige aufbegehren werden: O Gott, die ziehen das <ref type="term">Fleisch</ref> (Christi) ins Sinnliche! Worauf ich antworte: Wir ziehen den Leib Christi nicht mehr ins Sinnliche, als es auch die heilige Schrift tut, die ja auch den <persName ref="kbga-actors-3001">Thomas</persName> <hi rend="italic">fühlen</hi> läßt! Wir nennen es eine unbesonnene Tat, bei diesem wunderbaren Essen zu beharren; … denn wenn wir das tun, kann es nicht anders sein, als daß wir den Glauben an alle <ref type="term">Wunder</ref> Christi erschüttern.»<note xml:id="n603"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,908,20-909,17.</bibl></note> 
                Ich teile Ihnen diese Stelle mit, weil sie lehrt, mit der Behauptung, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sei Rationalist gewesen, mindestens sehr sorgfältig umzugehen. Hier sehen wir ja vielmehr, daß er das unsichtbare Wunder bekämpft aus dem apologetischen Interesse, es könnte den Glauben an die sichtbaren <ref type="term">Wunder</ref> der Bibel gefährden, an denen er durchaus festhalten will. Erinnern Sie sich nur, welchen Wert er von Anfang an und auch in allen diesen Schriften auf die bleibende Jungfräulichkeit der  <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> gelegt hat. Nicht Rationalismus, sondern ein supranaturalistischer Sensualismus ist es, als was man seinen Standpunkt [wird] bezeichnen müssen, und nur insofern kann man von Rationalismus reden, als 
                1. das konsequente In-die-historische-Ferne-Rücken des <ref type="term">Wunder</ref>s, 2. die Abschwächung des Wunders durch die im <bibl corresp="kbga-bibls-2981">Subsidium</bibl> vorgetragene <ref type="term">Lehre</ref>, daß es wenigstens für die christlich erleuchtete <ref type="term">Vernunft</ref> eigentlich kein Wunder sei, 3. die gefährliche Bestimmung des <ref type="term">Wunder</ref>s als eines <hi rend="italic">sinnenfällig</hi> unerhört neuen Geschehens dem Rationalismus einer <hi rend="italic">späteren</hi> <ref type="term">Zeit</ref>, die auch die Bibel mit den nüchternen Augen anschauen lernte, mit denen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das <ref type="term">Sakrament</ref> ansah, jedenfalls <hi rend="italic">vorgearbeitet</hi> hat. Wo der Wunderbegriff so wenig verankert ist im Gottesbegriff wie  bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, da kann es nur eine Frage der <ref type="term">Zeit</ref> und der Gelegenheit sein, daß man ihn auch in der Bibel entbehren kann.</p>
                <p> Bevor wir uns nun zu der wichtigen kleinen Schrift über die Erbsünde wenden, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im August 1526 an denselben <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus <pb ed="pga" xml:id="p398"/> Rhegius</persName> gerichtet hat<note xml:id="n604"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">De peccato originali declaratio ad Urbanum Rhegium</hi> (1526),   Z 5,369-396.</bibl></note>, lassen Sie mich nun noch an Hand jener beiden Episteln und des übrigen Briefwechsels zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und seinen 
                Freunden als Gegenstück zu dem, was ich Ihnen aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Briefen mitteilte, die Stimmung etwas schildern, von der im selben <ref type="term">Zeit</ref>raum der zwinglische Kreis bewegt war. Der Gegensatz ist geradezu frappant. Da ist von Melancholie und Verdrossenheit keine Spur, sondern da sieht man hinein in ein trotz allerhand Verdruß und Widerwärtigkeit im Grunde ungebrochen frohes, geschäftiges Treiben, Reden, Kommen und Gehen wie in einem Ameisenhaufen oder, sagen wir, wie in einem großen Handelskontor oder Generalstabsbureau. Auch im Süden war es so, daß man auch abgesehen von der Abendmahlssache alle Hände voll zu tun hatte: die <ref type="term">Straßburg</ref>er mit dem Aufbau ihrer <ref type="term">Kirche</ref>, <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> mit der Abwehr all der Angriffe, die gegen ihn und sein Werk gerichtet wurden, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit den Täufern und mit den Eidgenossen und Alle mit der Badener Disputation, aus der ja die schweizerische Reformation jedenfalls nicht siegreich hervorging. 
                Im April 1524 wurde <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> durch einen Ohnmachtsanfall infolge von Überarbeitung überrascht. Aber, schreibt er seinem getreuen <persName ref="kbga-actors-9389">Vadian</persName> in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName>, der ja Arzt war, indem er ihm für eine erhaltene Medizin dankt: «Als ich wieder aufstand, da war ich wieder der alte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, <foreign xml:lang="lat">iterum antiquus <persName ref="kbga-actors-443">Zuinglius</persName> sum. … infractissimus quoque animo</foreign>, gänzlich ungebrochenen <ref type="term">Geist</ref>es» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,485</bibl>).<note xml:id="n605"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (29.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,580,7f.13 (Nr. 474).</bibl></note>  
               «<foreign xml:lang="lat">Significat</foreign>»!! Die Abendmahlssache wird neben allem Anderen mit jenem maskulinen Betätigungstrieb gepflegt, mit dem Leute, die ein absolut gutes <ref type="term">Gewissen</ref> haben, ein verheißungsvoll begonnenes und glücklich fortschreitendes Unternehmen zu fördern pflegen. Ebenso entschieden, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zur Abwehr, sind die Oberländer zu weiterer Propaganda entschlossen. Es handelt sich wirklich nur noch darum, die neue <ref type="term">Lehre</ref> zu verbreiten, jetzt hier, jetzt dort einen guten Kopf zu überzeugen, zu gewinnen.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">1.II.23</date>
                  Missionsstimmung könnte man ruhig sagen, denn es handelt sich für sie wirklich um den Kampf des Lichts gegen die Finsternis in dem doppelten Sinn, daß Alles ganz klar ist, was Recht und Unrecht be<pb ed="pga" xml:id="p399" break="no"/>trifft, und daß es auch sicher früher oder später gut endigen wird. Aber auch antikisierende Heroenstimmung, wenn <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> am 6. Februar 1526 schreibt: «Die Nach<ref type="term">welt</ref>, wenn es uns darauf ankäme, wird gerechter urteilen (als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>) und wird dem am meisten zusprechen, der am wenigsten begehrt hat, besonders unter denen, deren Werke dann noch vorhanden sein werden, wie die deinen, die den Genius atmen, der des Gedächtnisses der Nachwelt würdig ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,470</bibl>).<note xml:id="n606"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (6.2.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,301,26-302,3 (Nr. 362)</bibl>.</note> 
                 Ganz selten tönen in diese Korrespondenz Worte hinein, wie etwa die <persName ref="kbga-actors-3992">Capitos</persName> (28. Januar 1526): «Ich habe einen Schrecken vor der Verderblichkeit des Zwiespalts, und ich meinte fast, wir täten besser, unsere eigenen Stellungen für die Zukunft besser auszubauen, als die der Anderen anzugreifen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,465</bibl>)<note xml:id="n607"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (28.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,510,15-18 (Nr. 444).</bibl></note>, 
                 und am 3. Februar: «Ich möchte eigentlich sagen, daß es nicht ein <foreign xml:lang="lat">articulus fidei</foreign> ist, das Eine oder das Andere zu glauben, obwohl nur das Eine wahr ist, das Andere aber notwendigen Glaubensartikeln widerstreitet, damit den Brüdern der Weg zu uns nicht verschlossen wird. Wir sind ja Menschen und lassen uns leicht beleidigen. Und Einige aus dem Schoß der Gegner scheinen sich schon zu uns zu neigen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,468</bibl>)<note xml:id="n608"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (3.2.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,517,4-9 (Nr. 447)</bibl>.</note>, 
                 oder Worte wie die des <persName ref="kbga-actors-2157">Ambrosius Blaurer</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-556">Konstanz</placeName></ref> (5. Januar 1526): «Es sind überaus tragische Gefechte, die wir da aufführen, und die Nachwelt, wenn es eine solche gibt, wird einmal lachen über die Zanklust unseres Jahrhunderts, und daß wir wegen des Zeichens der Eintracht solche Zwietracht heraufbeschworen haben» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,460</bibl>).<note xml:id="n609"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (5.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,492,22-25 (Nr. 436)</bibl>.</note> 
                 <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst war jedenfalls durchaus nicht der Meinung, daß dies irgendwie etwa auch ihn angehen könnte. Er schreibt am Anfang seiner Epistel an <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName>: «Du beklagst dich schwer, daß der Satan begonnen hat, den Samen der Zwietracht auszustreuen. Als ob wir unsere klare und heilige Meinung von den Zeichen des Abendmahls <hi rend="italic">dazu</hi> vorgebracht hätten, um Zwietracht zu erregen; davon kann gar keine Rede sein. … Nichts Zwietrachterregendes, nichts Streitlustiges kann uns mit Recht zugeschrieben werden. … Mit Grund klagst du den Satan an, aber wegen derer, die lieber Streit wollen als einsehen, daß sie <pb ed="pga" xml:id="p400"/> etwas nicht gemerkt haben, und lieber der offenkundigsten Sache widerstehen, statt alle Wege zu öffnen, auf denen die <ref type="term">Wahrheit</ref> zu allen kommen möchte» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,671</bibl>).<note xml:id="n610"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,931,31-932,17.</bibl></note>  
                «<hi rend="italic">Wir verwünschen</hi> den Kampf stets und überall» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,676</bibl>).<note xml:id="n611"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,940,36f.</bibl></note> In gewissem Kontrast zu dieser Versicherung stehen doch die oft wiederholten Bitten der Freunde in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>, er möchte sich doch in seinen Schriften nur ja nicht gereizt und angriffig, sondern milde und zurückhaltend äußern (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,454.465.468.552</bibl>).<note xml:id="n612"> Briefe von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an Huldrych <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> (27.12.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,477,11-19 (Nr. 428)</bibl>; (28.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,510,19-21 (Nr. 444)</bibl>; (3.2.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,517,3f. (Nr. 447)</bibl>; (17.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,750,16-751,12 (Nr. 541)</bibl>.</note> 
                 Und wenn es verräterisch ist für die Stimmung eines Menschen, aus welchem Gebiet er seine Gleichnisse zu wählen liebt, so gibt es doch recht zu denken, wenn man in dem Schreiben an <persName ref="kbga-actors-9499">Billican</persName>, an der Stelle, wo es sich darum handelte, dem Vorwurf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> wegen der Uneinigkeit <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadts</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> unter sich zu begegnen, Folgendes liest: «Diese Verschiedenheit braucht so wenig jemand Anstoß zu geben, wie es unter Heerführern, die gemeinsam eine <ref type="term">Burg</ref> erstürmen wollen, Uneinigkeit oder Hindernis bedeutet, wenn der eine beschließt, sie mit dem Sturmbock zu erschüttern, der andere, sie zu unterminieren, der dritte, sie mit Leitern zu erklettern, der vierte, sie mit Maschinen zu zerschmettern. Denn darin sind sie einig, daß die <ref type="term">Burg</ref> zerstört werden müsse, nur über den
                Weg dazu wird disputiert» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,653</bibl>).<note xml:id="n613"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,5,903,7-14.</bibl></note> Oder wenn er am Schluß der Schrift an <persName ref="kbga-actors-9500">Rhegius</persName> schreibt: «Wenn fernerhin gewisse Leute meine <hi rend="italic">Krallen</hi>, welche ich bis jetzt nur zaghaft hervorgestreckt habe, <hi rend="italic">erproben</hi> wollen, so tut <hi rend="italic">mir</hi> das jetzt weh. Nachher aber fürchte ich, möchte es <hi rend="italic">ihnen</hi>, wenn sie sie verspürt haben, einigermaßen Schmerz bereiten. Werdet wieder weise …, solange es noch <ref type="term">Zeit</ref> ist. Wenn ihr das <hi rend="italic">nicht</hi> wollt, so bitte ich um nichts inständiger, als daß ihr noch <hi rend="italic">recht viele</hi> Episteln und Bücher<note xml:id="n614"> Mskr.: «Briefe» für «libros» bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>; Änderung vom Hrsg.</note> 
                  dieser Art schreiben möchtet!» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,676</bibl>).<note xml:id="n615"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,940,37-941,5.</bibl></note> «Ich wollte auf alle Weise, dieser innere Kampf wäre durchgekämpft», schreibt <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> (abgesehen von dem auch in der Sache nicht ganz einverstan<pb ed="pga" xml:id="p401" break="no"/>denen <persName ref="kbga-actors-2157">Ambrosius Blaurer</persName> der Kriegs<hi rend="italic">un</hi>lustigste des ganzen Kreises). Aber auch er fährt dann fort: «Da nun der Herr die Kriegstrompete bläst, muß man ihm eiligst gehorchen, bis er selbst Frieden stiftet, wenn wir genügend geprüft sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,16</bibl>).<note xml:id="n616"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (22.1.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,25,14f-17 (Nr. 578).</bibl></note> |</p>
                <p> Bezeichnend  dafür, wie <hi rend="italic">offensiv</hi> man fühlte, ist ein Detail aus <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schrift an <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName>. Er kommt auf die Schimpfworte «<foreign xml:lang="lat">Deus esculentus et impanatus</foreign>» zu sprechen, von denen er bezeugt, daß er weiß, wie schwer sie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gekränkt hatten. War es ihm um Verständigung und <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu tun, so mußte hier ein verständiges, den Gegner beruhigendes Wort erfolgen. Statt dessen erklärt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zwar, <hi rend="italic">er</hi> habe diese Worte nicht in Umlauf gebracht, um dann kaltblütig fortzufahren, <hi rend="italic">seine</hi> Bezeichnung für die Gegner laute «Fleischfresser», aber auch <hi rend="italic">jene</hi> Worte dürften doch nicht unwillig aufgenommen werden. Wenn <hi rend="italic">ich</hi> auf jenem Standpunkt stehen würde, so würde ich denen, die so reden, 
                noch dankbar sein, daß sie meinen Gott so anständig bezeichnen und nicht geradezu von einem gekochten oder gebackenen Gott reden. Und warum wollt ihr nicht Fleischfresser heißen, da ihr doch deshalb so hartnäckig Krieg mit uns führt, weil wir nicht heucheln wollen, im <ref type="term">Sakrament</ref> <ref type="term">Fleisch</ref> zu essen? Endlich sei doch das alles nicht persönlich, sondern sachlich gemeint: «Der <hi rend="italic">Irrtum</hi> wird <foreign xml:lang="lat">esculentus deus</foreign>, der <hi rend="italic">Irrtum</hi> wird Fleischfresser genannt, nicht der betreffende Mensch.» Nur Eines wird zugegeben: wenn Einige so weit gegangen sind, die Anhänger der Realpräsenz des ewigen Feuers für schuldig zu erklären, so haben sie das auf eigene Faust, ohne Auftrag des «<foreign xml:lang="lat">populus Christianus</foreign>», ohne Auftrag des himmlischen Königs getan (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,672</bibl>).<note xml:id="n617"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,934,9-13</bibl>.</note> 
                Das alles geht doch nicht, wenn man dabei beharren will, die Oberländer ganz und gar als friedliche Lämmer und nur <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als den bösen Wolf darzustellen.</p>
                <p> Die  Stimmung und Haltung des ganzen zwinglischen Kreises <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> gegenüber ist eine überaus merkwürdige. Man ist sich dessen sehr genau bewußt, wieviel auf diesen einen Mann ankommt. «Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht wäre, so wären Unzählige deiner Meinung beigetreten», meint aus seinen Bergen herunter Pfarrer <persName ref="kbga-actors-9501">Fridolin Brunner</persName> in <placeName ref="kbga-places-1260">Mollis</placeName> <pb ed="pga" xml:id="p402"/> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,14</bibl>)<note xml:id="n618"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (15.1.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,19,20f. (Nr. 575)</bibl>.</note>, 
                und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>: «Wenn einmal <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> Christus die Ehre geben wird, dann werden auch die Anderen verstummen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,25</bibl>).<note xml:id="n619"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (4.2.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,48,11f. (Nr. 588)</bibl>.</note> «Wenn er weicht, weichen alle» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,547</bibl>).<note xml:id="n620"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (13.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,735,5 (Nr. 536)</bibl>.</note> Noch scheint die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, ihn zu gewinnen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,25</bibl>).<note xml:id="n621"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (4.2.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,48,7f. (Nr. 588)</bibl>.</note> 
                Doch überwiegt die Ansicht <persName ref="kbga-actors-66">Butzers</persName>: «Wenn auch, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst betrifft, wenig <ref type="term">Hoffnung</ref> besteht, so doch für die Ungezählten, die ihm anhängen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,482</bibl>).<note xml:id="n622"> Vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (7.3.1526?), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,539-541 (Nr. 458)</bibl>; der nach S zitierte Text gehört nicht zum Original, sondern stammt aus einer späteren Zeit.</note> Jedenfalls muß er zuerst angegriffen werden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,547</bibl>).<note xml:id="n623"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (13.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,735,4f. (Nr. 536)</bibl>.</note>  
               «Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht geantwortet wird, wie könnten wir es noch wagen, uns treue Diener Christi zu nennen?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,523</bibl>).<note xml:id="n624"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (12.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,659,5f. (Nr. 505)</bibl>.</note> «<foreign xml:lang="lat">Res ipsa ita fieri efflagitat</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,563</bibl>).<note xml:id="n625"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (14.11.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,774,6f. (Nr. 551)</bibl>.</note> 
                Man möchte sich nur wundern, warum unter diesen Umständen eigentlich gar nichts getan worden ist, um eine direkte schriftliche oder persönliche Verständigung anzubahnen. War die Sache so entscheidend wichtig, wie man sie darstellte, dann hätte doch, kommt es einem vor, sogar eine Reise nach <placeName ref="kbga-places-277">Norddeutschland</placeName> in dem entscheidenden Jahr 1526 nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegen dürfen. Drei Jahre darauf, als es längst zu spät war, mußte man sie ja dann doch antreten. Im Februar 1527 erwägt <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> den Plan, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu schreiben: «Vielleicht, daß der Herr sein <ref type="term">Herz</ref> dadurch öffnen wird.» Aber der Plan kommt nicht zur Ausführung (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,27</bibl>).<note xml:id="n626"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (2.2.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,45,3f. (Nr. 586)</bibl>.</note> 
                Als <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im April 1527 tatsächlich einen ersten langen Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> richtete, war es in Begleitung der großen Streitschrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2830">Amica exegesis</bibl>»<note xml:id="n627"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,562-758.</bibl></note>, d. h. als die Schlacht in vollem Gange war (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,39</bibl>).<note xml:id="n628"> Brief an <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> (1.4.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,78-81 (Nr. 602)</bibl>.</note> 
                Vorher, da man mit dem Widersacher noch auf dem Wege war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.25">Mt. 5,25</ref>], ging man in weitem Bogen schlau und vorsichtig um ihn herum, nannte ihn unter sich das «<foreign xml:lang="lat">idolum saxonicum</foreign>» <pb ed="pga" xml:id="p403"/> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,409</bibl>)<note xml:id="n629"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (16.9.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,365,9 (Nr. 384)</bibl>.</note>, den «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γραφοτύραννος</foreign>» (454)<note xml:id="n630"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (27.12.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,477,13 (Nr. 428)</bibl>.</note>, den «<persName ref="kbga-actors-8806">Herkules</persName>» (521)<note xml:id="n631"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,652,1 (Nr. 503)</bibl>.</note>, 
                den «wütenden sächsischen Orestes» (572)<note xml:id="n632"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (10.12.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,800,17 (Nr. 557)</bibl>.</note>. Im <ref type="term">Straßburg</ref>er Pfarrerkonvent wurden <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <ref type="term">Predigt</ref>en «<foreign xml:lang="lat">in confirmationem dubitantium fratrum</foreign>» vorgelesen mit dem erfreulichen Erfolg, daß diese durch <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eigene Darstellung von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> abgeschreckt wurden (552).<note xml:id="n633"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (17.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,750,26f. (Nr. 541)</bibl>.</note> Man teilte sich entrüstet die bekannten mißliebigen Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> mit (522.578)<note xml:id="n634"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,653,20-654,1 (Nr. 503)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (23.12.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,815,16-19 (Nr. 562)</bibl>.</note> als «<foreign xml:lang="lat">specimen, cuius spiritus sit</foreign>» (524)<note xml:id="n635"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (12.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,659,10 (Nr. 505)</bibl>.</note>. |</p>
                <p> Man kann nicht sagen, daß etwa respektlos über ihn geredet würde, um von den runden, entschiedenen Verdammungen, in denen sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in seinen Briefen erging, nicht zu reden. Seine Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-1326">De servo arbitrio</bibl>» gegen <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> wird mit Anerkennung und Zustimmung begrüßt, nur mit dem Bedauern, daß ein so großer Mann nicht auch noch weitere Gaben besitze (464).<note xml:id="n636"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (28.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,510,2-9 (Nr. 444)</bibl> unter Bezug auf <bibl corresp="kbga-bibls-1326"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525), WA 18,600-787</bibl>.</note> 
                Man erklärt, nicht leugnen zu können, daß die Vehemenz <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, unter der man jetzt selber zu leiden hatte, einst in Sachen des Glaubens große Dienste geleistet habe (471)<note xml:id="n637"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (6.2.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,305,2f. (Nr. 362)</bibl>.</note>; doch weiß man sich zu trösten damit, daß der Herr wohl auch Anderen andere Gaben geben werde (471).<note xml:id="n638"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,305,4 (Nr. 362).</bibl></note> 
                Auch für <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gegenwärtige Motive scheint das Verständnis nicht ganz zu fehlen, wenn <pb ed="pga" xml:id="p404"/> <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> schreibt: «In einem Punkt wird man <persName ref="kbga-actors-261">Martinus</persName> entschuldigen müssen, nämlich wenn er fürchtet, es möchte dem göttlichen Wort <ref type="term">Gewalt</ref> angetan und so das Fenster zur Profanierung alles Heiligen geöffnet werden» (557).<note xml:id="n639"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (30.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,755,6-8 (Nr. 544)</bibl>.</note> 
                Die Regel ist ein gewisses duldend-überlegenes Seufzen über die Art des berühmten Mannes, die von der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> aus gesehen einfach als eine betrübliche Unart, wenn nicht gar als «<foreign xml:lang="lat">amor sui</foreign>» erscheint, was in der zwinglischen Dogmatik dasselbe wie <ref type="term">Sünde</ref> bedeutet (564).<note xml:id="n640"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (14.11.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,775,23 (Nr. 551)</bibl><hi rend="italic">.</hi></note>  
               «<foreign xml:lang="lat">O caro, o Satan, quae nobis negotia facessis!</foreign>», seufzt <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> einmal über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, merkwürdigerweise bei Anlaß des Berichtes über die Affäre mit dem gefälschten <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName>kommentar, die ihm doch vor Allem Anlaß geboten hätte, über sich selbst zu seufzen (521).<note xml:id="n641"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,652,6 (Nr. 503)</bibl>.</note> 
                Der Vorwurf, der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> begreiflicherweise immer wieder gemacht wird, ist der der Überhebung, die er sich selbst zuteil werden lasse oder die ihm durch seine Anhänger widerfahre. Im selben Brief schreibt <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName>: «Bei den <ref type="term">Sachsen</ref> und <ref type="term">Nürnberg</ref>ern regiert <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> so sehr, daß die Meisten sogar auf unserer hiesigen <ref type="term">Messe</ref> nichts als lutherische Schriften kaufen wollen. Sieh, wie leicht man doch aus Menschen Götter macht» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.14.11 Act.14.12">Act. 14,11f.</ref>] (521).<note xml:id="n642"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,652,11-14 (Nr. 503).</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wolle alle <ref type="term">Theologen</ref> beherrschen, den <ref type="term">Geist</ref> dämpfen, die <ref type="term">Propheten</ref> verachten [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.5.19">1.Thess. 5,19</ref>], das Urteil der <ref type="term">Kirche</ref> allein für sich und die Seinigen beanspruchen, denen es sowenig zugestanden werden könne wie weiland den Bischöfen und Universitäten, schreibt er zur selben <ref type="term">Zeit</ref> an <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> (523)<note xml:id="n643"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> (8.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,648,18-23 (Nr. 502)</bibl>.</note>, 
                und auch der mildere <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> ist der Meinung: «Er ist so von Sinnen, daß er meint, es gebe in der <ref type="term">Welt</ref> gar keine anderen Frommen, denen das Urteil Christi erfahrungsmäßig, durch den Geist des Vaters geschenkt, zustehen möchte» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,16</bibl>).<note xml:id="n644"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (22.1.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,26,10-12 (Nr. 578)</bibl>.</note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p405" rend="noPipe"/> Was mußte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> denken, wenn er in jener berüchtigten Vorrede <persName ref="kbga-actors-66">Butzers</persName> zu seiner eigenen lateinischen <ref type="term">Kirche</ref>npostille außer einer ausführlichen, einen Drittel des Ganzen ausmachenden Darlegung der oberländischen Abendmahlslehre folgende Sätze lesen mußte: «Wenn jemand über das Abendmahl mit uns streitet, so schließen wir ihn keineswegs aus unserer Freundschaft aus. Die im Glauben und in der Schrift<ref type="term">erkenntnis</ref> Schwachen wünschen wir zur sanftmütigen Erbauung aufzunehmen. Daß aber von anderen hierüber härter, als der christlichen <ref type="term">Liebe</ref> und Bescheidenheit geziemt, gestritten wird, ist zu Gottes gerechtem Urteil zu rechnen, welcher uns so prüfen will, daß wir merken, wieweit wir in der Selbstverleugnung und Nächstenliebe vorgeschritten sind. Die Schwachen werden freilich dadurch verwirrt, was gewiß denen, welche durch ihre Schuld dazu Ursache geben, das <ref type="term">Gericht</ref> Gottes zuziehen wird; 
                 doch den Auserwählten wird endlich Alles zum Besten dienen. Unser <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, durch den sicherlich Gott uns Unvergleichliches verliehen hat und noch verleiht, ist hier äußerst heftig. Nach unsrer Meinung bewegt ihn dazu sein ungemein großer Eifer für die Schrift. Seinen kämpferischen Styl, der die Milde vermissen läßt, die Schärfe seiner Schreibweise ahmen andere nach, ohne von derselben Ursache bewogen zu sein. Aber es ist notwendig, daß wir uns als (schwache) Menschen zu erkennen geben, damit Christus als der einzige Meister des <ref type="term">Leben</ref>s gehört und angebetet werde. Daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, in denen Christus - was niemand mit Recht in Abrede stellen kann - äußerst wirksam ist, hierüber zu schreiben keinen andern Beweggrund gehabt haben als die Ehre Gottes und die Reinheit des Glaubens, bezweifelt niemand, der sie kennt» (<persName ref="kbga-actors-9467"><hi rend="italic">Walther</hi></persName>, a.a.O., 933).<note xml:id="n645"> <bibl corresp="kbga-bibls-3112"><persName ref="kbga-actors-9467">W. Walther</persName>, a.a.O. (oben S. 258, Anm. 14), S. 933.</bibl></note> 
                Der merkwürdige Gesichtspunkt: <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> unbegreifliche Haltung eine Veranstaltung Gottes selbst zur Wahrung seiner alleinigen Ehre, wird besonders von <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> gerne geltend gemacht: «Gott sei Dank», bemerkt er nach Erwähnung von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift an die Waldenser, «der uns überall die Schwachheit der Menschen vor Augen stellt, damit wir Herrlichkeit und <ref type="term">Heil</ref> als allein von ihm empfangen begreifen möchten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[VII,]471</bibl>)<note xml:id="n646"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (6.2.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,304,20-305,1f. (Nr. 362)</bibl>.</note>, und ein anderes <pb ed="pga" xml:id="p406"/> Mal: «Die Meisten (in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>) sind der bestimmten Ansicht, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sei ein <foreign xml:lang="lat">organum Dei</foreign> und müsse <hi rend="italic">deshalb</hi> Unsinn reden (<foreign xml:lang="lat">desipere</foreign>), damit die ganze Ehre der geschehenen Taten Gott allein zugeschrieben werde, der das Geschenk seines Geistes (an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>) mit solchen menschlichen Leidenschaften vermischt gegeben hat» (564).<note xml:id="n647"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (14.11.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,775,14-16 (Nr. 551)</bibl>.</note> |</p>
                <p> Immer wieder werden nun Überlegungen angestellt und dem Chef in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> Ratschläge erteilt, wie der nun einmal so beschaffene <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> am besten zu behandeln sei, und das allgemeine Ergebnis ist: mit weiser Sanftmut, Milde und Zurückhaltung, weil das seiner polternden Grobheit gegenüber auf die <ref type="term">Zeit</ref>genossen den besten Eindruck macht und am sichersten zum Ziele führt. Es muß das scharf hervorgehoben werden: Der oberländische Pazifismus, der in der berühmten Szene mit der Bruderhand auf dem <placeName ref="kbga-places-1000">Schloß zu Marburg</placeName> seinen Triumph feierte, war eine von der Fragwürdigkeit alles Menschlichen umgebene Erscheinung so gut oder so schlecht wie <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Verbissenheit auf der anderen Seite. 
                Denn er war ein Pazifismus aus Nützlichkeitsgründen, ein durchaus und ausdrücklich auf das Publikum berechneter Pazifismus. <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName>, das <foreign xml:lang="fre">enfant terrible</foreign> des Kreises, hat das einmal erstaunlich offen ausgeplaudert: Du mußt so schreiben, <hi rend="italic">daß man sieht</hi>, daß du allein Christi Ehre gesucht habest, welche dann am leuchtendsten ist, wenn wir sein Ebenbild in größter <ref type="term">Liebe</ref>nswürdigkeit überall zur Schau tragen («<foreign xml:lang="lat">ut Christi gloriam solam, quae tum illustrissima est, quum ipsius imaginem, summa cum caritate <hi rend="italic">prae</hi> nobis ubique <hi rend="italic">ferimus</hi>, quaesisse <hi rend="italic">videare</hi></foreign>») (467).<note xml:id="n648"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (29.1.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,516,9-11 (Nr. 446)</bibl>.</note> 
                Wie das gemeint ist, ergibt sich unzweideutig aus folgenden Äußerungen <persName ref="kbga-actors-3992">Capitos</persName>: «Mir wird geschrieben, eure friedliche Art, die Sache zu behandeln, habe am meisten Eindruck gemacht» (552).<note xml:id="n649"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (17.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,750,18f. (Nr. 541)</bibl>.</note> «Versuche es ohne Krallen und Zähne, mein Bruder, denn um den Ruhm der <foreign xml:lang="lat">maledicentia</foreign> beneide ich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,2</bibl>).<note xml:id="n650"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (1.1.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,6,15f. (Nr. 568)</bibl>.</note>  
               «Möge er mit Schimpfen und Schelten siegen, siege <pb ed="pga" xml:id="p407"/> du durch die Schrift, durch <foreign xml:lang="lat">gravitas</foreign> und <foreign xml:lang="lat">lenitas</foreign>, damit euer beider <ref type="term">Geist</ref> allen von Gott gelehrten Leuten offenbar werde» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,51</bibl>).<note xml:id="n651"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (28.4.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,116,5-7 (Nr. 611).</bibl></note> «Maßhalten ist für uns darum nötig, weil er alles Maß überschreitet. Umso weniger dürfen wir es daran fehlen lassen» (579).<note xml:id="n652"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (26.12.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,819,9f. (Nr. 564)</bibl>.</note> 
                Eine <hi rend="italic">nicht</hi>-opportunistische Begründung der oberländischen Sanftmut kann man etwa in den folgenden Worten <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> finden: «Ich ermahne dich freundschaftlich, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht zu behandeln, wie er es verdient, sondern wie es unsere Sache, die Sache des <ref type="term">Evangelium</ref>s verlangt, die nur demütige Diener brauchen kann» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[VII,]578</bibl>).<note xml:id="n653"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (23.12.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,815,12-14 (Nr. 562)</bibl>.</note> 
                Daß diese Sanftmut nicht allzu grundsätzlich gemeint war, ergibt sich aus dem Ratschlag, den derselbe <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gibt, als es sich darum handelte, einen subalternen Gegner, den badischen <ref type="term">Prediger</ref> <persName ref="kbga-actors-9503">Strauß</persName> zu bekämpfen, der in der Abendmahlssache gegen die zwinglische Lehre aufgetreten war: Er solle den <persName ref="kbga-actors-9503">Strauß</persName> scharf hernehmen, mitten in der Schrift aber ganz zahm («<foreign xml:lang="lat">mansuete</foreign>») zeigen, daß damit auch den Schriften <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Genüge getan sei, indem sie von dem über <persName ref="kbga-actors-9503">Strauß</persName> Gesagten aus leicht zu widerlegen seien (555).<note xml:id="n654"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (17.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,747,34f.-748,1f. (Nr. 540)</bibl>.</note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat dann diese beiden Aufgaben doch gesondert in Angriff genommen, im Übrigen aber den Rat befolgt und meldet: Wir brauchen jetzt (zur Widerlegung von <persName ref="kbga-actors-9503">Strauß</persName>) die <hi rend="italic">Krallen</hi>, dann aber (wenn es gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gehen wird) werden wir eitel <hi rend="italic">Freundlichkeit</hi> sein (579) («<foreign xml:lang="lat">Exercemus nunc ungues; tunc autem quicquid blandum est</foreign>»).<note xml:id="n655"> Brief von <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> an <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> und die Brüder in <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (18.12.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,809,12-15 (Nr. 560)</bibl>.</note> |</p>
                <p> Aus allen diesen Erwägungen ergab sich folgende taktische Regel (<persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName>): <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> «ist mit männlicher Festigkeit, aber als Bruder zu behandeln, obwohl er uns in seinem Zorn dem Satan übergibt. Aus dem Geiste Gottes ist, was er sonst lehrt über <ref type="term">Gnade</ref>, <ref type="term">Gesetz</ref>, <ref type="term">Evangelium</ref> und dergleichen; aus dem <ref type="term">Fleisch</ref>e dagegen, was er rülpst (<foreign xml:lang="lat">de<pb ed="pga" xml:id="p408" break="no"/>stomachatur</foreign>) von seinem erbärmlichen Brote. Da ist er von seiner Galle getrieben und vermag nichts Besseres, ist also mehr erbarmens- als hassenswert. 
                Sieh zu, daß du Artigkeit an den Tag legst, die wahren Gaben des Mannes rückhaltlos anerkennst, und was ihm in dieser Sache Menschliches widerfährt, das decke mild und, wie bei dir gewohnt, scharfsinnig auf. Enthalte dich der Berührung fataler Dinge wie der Ursachen des Bauernaufstandes, seiner unerträglichen Arroganz und dergleichen. Alles kommt darauf an, daß du ihn behandelst, als ob er heilbar wäre» (552).<note xml:id="n656"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (17.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,751,3-12 (Nr. 541)</bibl>.</note> 
                Neben solchen Betrachtungen und Vorsätzen werden dann sehr lebhaft Nachrichten mitgeteilt über die brennend interessante Frage, ob <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wohl antworten (521.524; <bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,16.27</bibl>)<note xml:id="n657"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,651,16-652,8 (Nr. 503)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (12.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,659,8f. (Nr. 505)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (22.1.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,26,6-8 (Nr. 578)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (2.2.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,44,27-45,1 (Nr. 586)</bibl>.</note> 
                oder nicht antworten wird (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[VII,]521.543.564</bibl>)<note xml:id="n658"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,651,16-652,8 (Nr. 503)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (26.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,725,13f. (Nr. 531)</bibl>; Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (14.11.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,775,22f. (Nr. 551)</bibl>.</note>. 
                Man stellt Vermutungen an über sein langes Schweigen, man fordert den Chef auf, sich zur Abwehr bereit zu halten, man stellt ihm allerlei kluge Ratschläge, <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> sogar einmal eine ganze Disposition zu einer Gegenschrift im Voraus zur Verfügung (523[f., Anm. 2]).<note xml:id="n659"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (12.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,659,6f. (Nr. 505)</bibl> unter Bezug auf Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> (8.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,646,1-650,30 (Nr. 502)</bibl>.</note> 
                Daß man sich auf den Augenblick <hi rend="italic">freut</hi>, wo <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich ausführlicher äußern wird als in den spärlichen Dokumenten, die er bis dahin von sich gegeben, das ist ganz offenkundig; man ist ja gewiß, daß er sich nur noch mehr exponieren wird. Von der hemmenden Erwägung, daß vielleicht auch auf der eigenen Seite <hi rend="italic"><ref type="term">Schuld</ref></hi> vorliegen könnte, sind die Briefe der Oberländer so frei wie die <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> seinerseits. Auch die fatale Sache  mit dem <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName>schen Psalmenkommentar wird außerordentlich kaltblütig behandelt. <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> erzählt wie von einem <pb ed="pga" xml:id="p409"/> kleinen Unglücksfall ganz heiter davon, der <persName ref="kbga-actors-9492">Pomeranus</persName> sei sehr böse über ihn, weil er sein Psalterium «mit der <ref type="term">Wahrheit</ref> verunreinigt» habe («<foreign xml:lang="lat">veritate conspurcavi</foreign>») (521).<note xml:id="n660"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,651,17-652,1 (Nr. 503)</bibl>.</note> 
                Auch <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> stellt zwar fest, es sei gegen die theologische Artigkeit («<foreign xml:lang="lat">candor theologicus</foreign>») gewesen, daß <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> («<foreign xml:lang="lat">rusticus noster</foreign>») die Erlaubnis <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagens</persName>, bei der Übersetzung nach Gutdünken zu ändern, so wörtlich genommen und tatsächlich «Alles verschoben, verändert, verkehrt und umgewendet» habe («<foreign xml:lang="lat">commutat, variat, vertit, invertitque omnia</foreign>»), stellt aber den Tatbestand trotzdem lächelnd so dar: <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> habe Einiges, was <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName> bei der Auslegung des <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.110">110. Psalms</ref> nicht gerade absurd, aber etwas obskur ausgedrückt habe, etwas ausführlicher, als es dastehe, erklärt, so daß es nun aussehe, als habe <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName> die <ref type="term">Wahrheit</ref> (die zwinglische <ref type="term">Wahrheit</ref>!) gesagt («<foreign xml:lang="lat">unde videtur <persName ref="kbga-actors-9492">Pomeranus</persName> stare pro veritate</foreign>») (543).<note xml:id="n661"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (26.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,724,2-22 (Nr. 531)</bibl>.</note> 
                Bei dieser Unbedenklichkeit, mit der man nicht nur auf die Güte der Sache, sondern auch der Art, wie man sie vertrat, vertraute, kann man sich über die <hi rend="italic">Siegeszuversicht</hi> nicht wundern, die ich als letztes Charakteristikum dieser Korrespondenz nennen möchte. Sie erinnern sich an jenes «<foreign xml:lang="lat">vincet, vincet veritas</foreign>»<note xml:id="n662"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p343#p343">S. 343</ref>.</note>, 
                das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> schon im Frühjahr 1525 den Baslern zugerufen, jenes Hinweises auf das Gelächter, das kommende <ref type="term">Zeit</ref>en über die gegnerische Ansicht anstimmen würden. Dieser Ton bleibt auch 1525-1527 durchaus herrschend. «<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bedroht uns in nicht weniger [un]anständiger Weise, als er es den Bauern gemacht hat», schreibt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im Dezember 1525. «Wir haben in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>, <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> und hier die Beweise dafür. Gute Götter, welche Dürftigkeit, welches Vertrauen auf seine eigene Autorität. Aber so ist’s recht: so müssen alle die verwandelt und zu jedermanns Feind werden, die die <ref type="term">Wahrheit</ref> verlachen oder verbiegen wollen. Aber der Sieg ist in unserer Hand, soviel auch der <ref type="term">Papst</ref>, <persName ref="kbga-actors-9106">Eck</persName>, <persName ref="kbga-actors-9397">Faber</persName>, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, <persName ref="kbga-actors-9492">Bugenhagen</persName> dagegen wüten mögen» (451).<note xml:id="n663"> Brief von <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (23.12.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,471,16-472,1 (Nr. 426)</bibl>.</note>
                    </p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p410" rend="noPipe"/> Von den beiden unsicher zwischen den Parteien schwankenden Bayern <persName ref="kbga-actors-9499">Billican</persName> und <persName ref="kbga-actors-9500">Rhegius</persName> urteilt er im März 1526: «Gott sei Dank, ob sie es unaufrichtig oder aufrichtig meinen. Sind sie unaufrichtig, so zeigen sie damit, daß sie für die Sache fürchten, der sie mit Unaufrichtigkeit dienen wollen … Sind sie aber aufrichtig, was Angenehmeres könnte uns widerfahren; denn wenn die Engel im <ref type="term">Himmel</ref> sich freuen können über einen <ref type="term">Sünder</ref>, der Buße tut, um wieviel mehr werden wir uns freuen über die Brüder, die zur gesunden <ref type="term">Vernunft</ref> zurückgekehrt sind. … Wir siegen auf alle Fälle, ob man es so oder so auffaßt» (478).<note xml:id="n664"> Brief von <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (nach 7.3.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,543,12-19 (Nr. 459)</bibl>.</note> 
                Und dieses «Siegen» bedeutet für den, der so redet, ganz zweifellos: die Mehrheit der <ref type="term">Zeit</ref>genossen gewinnen für die «<foreign xml:lang="lat">veritas evangelii</foreign>», die für ihn nahezu gleichbedeutend ist mit «<foreign xml:lang="lat">veritas de eucharistia</foreign>». Man meint ihn oft vor einer Landkarte stehen zu sehen, die Städte und Länder überblickend, wohin diese «<foreign xml:lang="lat">veritas</foreign>» bereits, wohin sie noch nicht gedrungen ist. Und er hat, gewiß nicht mit Unrecht, das Bewußtsein, gleichsam der Mund der <ref type="term">Zeit</ref> zu sein, auszusprechen, was Unzählige längst gedacht haben. Fast mitleidig schreibt er darum an <persName ref="kbga-actors-9499">Billican</persName> über die 14 Unterzeichner des <bibl corresp="kbga-bibls-3107">Syngramma Suevicum</bibl>: «Stell dir einmal vor, wir würden diesen 14 zweihundert gegenüberstellen! Aber was sage ich 200! <foreign xml:lang="lat">cum universus ferme mundus sive tacite sive palam diversum sentiat</foreign>.» Wie eine unerlaubte Verschwörung kommt ihm von diesem Standpunkt universaler Übereinstimmung [aus] das Unternehmen der 14 vor: «Wo bliebe der Friede und die Ruhe, wenn jeder auf diese Weise die, die mit ihm einer Meinung sind, als Faktion um sich scharen würde, um sich so berühmt zu machen!» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,669</bibl>).<note xml:id="n665"> <bibl corresp="kbga-bibls-3154">Z 4,929,7-10.</bibl></note> 
                Und in der Tat meldet zur selben <ref type="term">Zeit</ref> <persName ref="kbga-actors-3992">Capito</persName> aus <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref>: «Ich erfahre, daß Frankreich von allen Artikeln diesen (von der Realpräsenz) am meisten ablehnt» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[VII,]468</bibl>)<note xml:id="n666"> Brief von <persName ref="kbga-actors-3992">Wolfgang Capito</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (3.2.1526 <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,517,9f. (Nr. 447)</bibl>.</note>, 
                und bald darauf <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName>: «Wir müssen fortfahren, die <foreign xml:lang="lat">gloria Dei</foreign> geltend zu machen, und wir werden diese Arroganz (<persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>) verschwinden sehen. Ganz Holland und Friesland ist durch <persName ref="kbga-actors-1192">Rode</persName> für die reine <ref type="term">Lehre</ref> gewonnen und auch <pb ed="pga" xml:id="p411"/> die Christen in <placeName ref="kbga-places-1060">Flandern</placeName>, <placeName ref="kbga-places-1261">Brabant</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1262">Geldern</placeName> kommen zur Besinnung» (521).<note xml:id="n667"> Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (9.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,652,6-11 (Nr. 503)</bibl>.</note> Also es blüht das fernste, tiefste Tal.<note xml:id="n668"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3160"><persName ref="kbga-actors-814">L. Uhlands</persName> Gedicht «Frühlingsglaube» (1812), 2. Str., Z. 4</bibl>.</note>  
               «Ich bin ganz überzeugt», meint <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName>, «wenn sie nur alle deine und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> Schriften lesen könnten, so würden binnen kurzem nur noch die allerwenigsten Christen auf der Seite der Gegner stehen» (522).<note xml:id="n669"> <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,654,1-3 (Nr. 503).</bibl></note> Und der Meister in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> respondiert: «Ich hoffe, daß binnen kurzem Alle, die noch widersprechen, die tropische Erklärung und die Einfachheit und Klarheit unserer Erklärung einsehen werden» (551).<note xml:id="n670"> Brief von <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> an <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName> (16.10.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,739,17-19 (Nr. 537)</bibl>.</note> Ich denke, ich brauche diesem Bilde nichts hinzuzufügen.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">2.II.23</date>
                 Wir erinnern uns, in dem Briefe <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> an die <ref type="term">Straßburg</ref>er vom 5. November 1525 der rasch hingeworfenen Bemerkung begegnet zu sein: «<foreign xml:lang="lat">Videte, quorsum eat <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglius</persName> in peccato originali!</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">5,262</bibl>).<note xml:id="n671"> Brief an die <ref type="o">Prediger</ref> zu <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,602,9f. (Nr. 941)</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p380#p380">S. 380</ref>.</note> 
                 Da wir außerhalb dieses Sätzleins selbst keinerlei Anhaltspunkte darüber haben, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit dieser Warnung gemeint hat, ist es wahrscheinlich aussichtslos, Behauptungen darüber aufzustellen, ob er aus dem allgemeinen <ref type="term">Charakter</ref> der zwinglischen <ref type="term">Sakrament</ref>slehre Verdacht in Bezug auf seine Stellung zu dieser reformatorischen Kardinalfrage geschöpft oder ob er<note xml:id="n672"> Mskr.: «ihm»; Änderung vom Hrsg.</note> die Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> über die <ref type="term">Taufe</ref><note xml:id="n673"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/40/p414#fn_n683">S. 414, Anm. 683</ref>.</note> 
                  mit ihren <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sicher anstößigen Sätzen über diesen Punkt gekannt und darauf angespielt hat. Die erstere Annahme scheint mir etwas gesucht; denn der Zusammenhang zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Sakraments- und seiner Erbsündenlehre liegt jedenfalls nicht auf der Oberfläche, und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hätte es bei einem solch allgemeinen Wink von der einen auf die andere doch kaum bewenden lassen können. Die zweite Annahme halte ich darum für unwahrscheinlich, weil <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kaum verfehlt hätte, die ihm anstößigen Sätze jener Schrift, wenn er sie gekannt hätte, irgendwie zu streifen. Der Satz <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> selbst ist aber über<pb ed="pga" xml:id="p412" break="no"/>haupt kein Angriff auf eine ihm bekannte oder von ihm vermutete Stellungnahme <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, sondern, wie das «<foreign xml:lang="lat">quorsum eat</foreign>» zeigt, eine Warnung vor einer möglichen <hi rend="italic">Konsequenz</hi> aus seiner ihm bekannten Anschauung. Paßt einmal auf, was das in der Erbsündenlehre für Folgen haben muß, wenn man so steht wie er!, scheint er, ganz im Allgemeinen mißtrauisch, sagen zu wollen, nachdem er im Satz vorher die Begeisterung der <ref type="term">Straßburg</ref>er für <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> heiliges <ref type="term">Leben</ref> («<foreign xml:lang="lat">sanctimonia</foreign>») und für die Blüte ihrer Kirche erwähnt hat.</p>
                <p> Doch wie dem auch sei, dieses Sätzlein gab in den Kreisen der Oberländer sehr viel zu denken und zu reden. Diesen Vorwurf hatte man offenbar nicht erwartet und blickte sich etwas verwirrt um, was wohl dran sein möchte. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> am 7. Dezember einen ganzen kleinen Brief fast nur darüber geschrieben. Er fürchte, es möchte daraus ein großer Händel entstehen. Er möchte ihn freundschaftlich und einfältig ermahnen: Nur nichts Unvernünftiges oder Plötzliches! Auch er verstehe nicht recht, <hi rend="italic">was</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> unter dem Namen der angeborenen Sünde in Abrede stelle (wir sehen, daß schon <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> die Warnung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> auf einen ganz bestimmten negativen Satz <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> bezogen hat). 
                Ob er eigentlich einen Zustand kindlicher Unschuld im Allgemeinen behaupten wolle oder nur für Einige im Hinblick auf die ihnen durch Erwählung bestimmte göttliche Gnade? Mindestens eine durch den Sündenfall <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> verstockte allgemeine «<foreign xml:lang="lat">proclivitas</foreign>» der Menschen zum Bösen, möchte er, <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, doch behaupten, und von der Meinung der Pelagianer möchte er, soweit er es mit der Schrift vereinigen könne (!), doch lieber Abstand nehmen («<foreign xml:lang="lat">a Pelagianorum sententia libens, quantum per scripturam possum, recedo</foreign>»). Man sieht aus diesen unsicheren Sätzen, aus denen man die Besorgnis herausfühlt, es möchte nun auch in dieser Richtung noch zu Neuerungen kommen, daß der wackere <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> doch nicht ganz umsonst den Umgang des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> genossen und überhaupt Basler Luft geatmet hatte. Der Sinn für grundsätzliche Entscheidungen ist, vielleicht im Zusammenhang mit dem eigenartigen Klima der Rheinebene, bis auf den heutigen Tag nie das besondere Charisma der dortigen <ref type="term">Theologie</ref> gewesen.<note xml:id="n674"> Satz mit Rotstift am Mskr.-Rand angestrichen.</note> 
                Denken Sie <pb ed="pga" xml:id="p413"/> an die Namen <persName ref="kbga-actors-1319">Werenfels</persName>, <persName ref="kbga-actors-422">De Wette</persName>, <persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>.<note xml:id="n675"> Die Passage «Man sieht aus diesen unsicheren Sätzen ... <persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName>» zitiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, um den Zusatz «um von Lebenden nicht zu reden» erweitert, im Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> vom
                <date when="1923-02-16">16.2.1923</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p144#p144">S. 144f.</ref></bibl>).</note> In der Richtung, in der <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> suchte, sind jedenfalls, was auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gemeint haben mag, <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Gedanken über diesen Punkt nicht zu suchen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,445</bibl>).<note xml:id="n676"> Brief von <persName ref="kbga-actors-711">Johannes Oekolampad</persName> an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (7.12.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,453,9-16 mit Zitat ebd., 15f. (Nr. 419)</bibl>.</note></p>
                <p> Wir  wissen nicht, ob es ebenfalls im Zusammenhang mit jener Äußerung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> geschah, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im Frühling 1526 auch nach einer <hi rend="italic">anderen</hi> Seite, nämlich von jenem <ref type="term">Augsburg</ref>er <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName> über seine Stellung zur Erbsünde interpelliert wurde. Der betreffende Brief ist verloren gegangen. Er muß außer dieser Anfrage die Erklärung des <persName ref="kbga-actors-9500">Rhegius</persName> enthalten haben, daß er sich durch den Inhalt der an ihn gerichteten schon erwähnten kleinen Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> über das Abendmahl befriedigt und überzeugt fühle. Die längere <ref type="term">Zeit</ref> verzögerte (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,519</bibl>)<note xml:id="n677"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9442">Konrad Sam</persName> (2.7.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,633,3-6 (Nr. 499)</bibl>.</note> 
                Antwort ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schrift: <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2947">De peccato originali declaratio Huldrici Zuinglii ad Urbanum Rhegium</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,627[-645]</bibl>)<note xml:id="n678"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,369-396.</bibl></note>, erschienen am 15. August 1526. Es lohnt sich, etwas eingehender darauf einzutreten, weil sie eine Anschauung entwickelt, die für das Ganze der zwinglischen Theologie von jeher als charakteristisch angesehen worden ist, und weil diese Anschauung eine für das Verständnis seiner Haltung im Abendmahlsstreit instruktive Parallele bietet. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst scheint die verschiedenen Anfragen als Bemängelungen seiner in der 1525 bei Gelegenheit der Wiedertäuferwirren erschienenen Schrift über die <ref type="term">Taufe</ref> gegebenen Darlegungen aufgefaßt zu haben. Denn was er jetzt gibt, ist eigentlich nur eine Erläuterung und Vervollständigung dessen, was er schon dort gesagt. Wir werden also auch die Schrift über die <ref type="term">Taufe</ref> zur Interpretation gelegentlich heranzuziehen haben. Gleich auf der zweiten Seite redet <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von den «<foreign xml:lang="lat">epistolae certorum</foreign>», 
                in denen seine Freunde gewarnt würden, sich nicht von ihm ins Verderben führen zu lassen. Er wundert sich darüber, warum diese «<foreign xml:lang="lat">certi</foreign>» ihren Einwand nicht öffentlich erhoben hätten. «Ich bin nämlich nicht wenig anderer Ansicht als die, die bis jetzt in dieser Sache den Nagel auf <pb ed="pga" xml:id="p414"/> den Kopf getroffen zu haben meinen; die aber, denen meine Meinung so gefährlich vorkommt, daß sie ihre Freunde davor warnen zu müssen meinen, hätten <hi rend="italic">jedermann</hi> davor warnen und mich zu einer Äußerung darüber veranlassen sollen» (628).<note xml:id="n679"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,369,18.23–370,1f.</bibl></note> 
                Wir wissen nun bereits aus verschiedenen Fällen, daß, wenn diese geheimnisvoll-wichtigen Töne erklingen, unfehlbar von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Rede sein muß. Und richtig, mitten in der Schrift begegnet uns fast wörtlich zitiert, aber ohne Namen, jenes Sätzlein aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Brief nach <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (637).<note xml:id="n680"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,384,23-25.</bibl></note> 
                Damit hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst seine Schrift als eine Episode des eben angetretenen Feldzuges <ref type="term">Zürich</ref> gegen <ref type="term">Wittenberg</ref> charakterisiert. Er entwickelt dann sofort seine These, die er selbst mit Recht als kurz und klar bezeichnet: Die Erbsünde ist keine <ref type="term">Sünde</ref>, sondern eine Krankheit («<foreign xml:lang="lat">morbus</foreign>»), und die Kinder von Christen sind dieser Krankheit wegen <hi rend="italic">nicht</hi> ewig verloren. Als falsch wird abgelehnt die These, dieses Übel («<foreign xml:lang="lat">calamitas</foreign>») werde erst durch die <ref type="term">Taufe</ref> abgewaschen, und es sei nicht nur Krankheit, sondern <ref type="term">Schuld</ref> (628).<note xml:id="n681"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,370,2-12.</bibl></note> |</p>
                <p> Wir müssen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erst vollständig anhören, bevor wir uns über den Sinn dieser These und dieser Polemik ein Urteil bilden können. Als <ref type="term">Sünde</ref> im eigentlichen Sinn möchte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nur das gelten lassen, was im Griechischen <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">παράπτωμα</foreign>, im Lateinischen «<foreign xml:lang="lat">delictum</foreign>» heißt, also die <hi rend="italic">bewußte böse Tat</hi>, die nach freier Überlegung mit Wissen und Wollen geschieht (629).<note xml:id="n682"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,370,30-371,6.</bibl></note>  
               «Denn es mag kein Ding verdammen weder wider Gottes Wort getan haben. Dann tut man aber allein wider Gottes Wort, wenn man es eintweders veracht und nit wüssen will, oder aber weiß und verachtlich darwider tut» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,289</bibl>).<note xml:id="n683"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Von der Taufe, von der Wiedertaufe und von der Kindertaufe</hi> (1525), Z 4,310,31-34.</bibl></note> 
                  Beweis: Die <ref type="term">Erkenntnis</ref> der <ref type="term">Sünde</ref> kommt aus dem <ref type="term">Gesetz</ref> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">Röm. 3,20</ref>), wo aber kein <ref type="term">Gesetz</ref> ist, da ist auch keine Übertretung (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">Röm. 4,15</ref>) (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,288</bibl>).<note xml:id="n684"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,309,19f.23f.</bibl></note> Dem steht nun gegenüber das <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">malum naturale</foreign>»</hi>, zu deutsch: «ein natürlicher Bresten»<note xml:id="n685"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,371,15-372,1.</bibl></note>, um dessen willen niemand als schlecht be<pb ed="pga" xml:id="p415" break="no"/>urteilt werden kann, denn was von <ref type="term">Natur</ref> da ist, das ist nicht Schuld. Beispiel:  
               «Daß wir müssend geessen und getrunken haben, ist ein natürlicher brest, darum nieman zu schelten ist; aber frässig und versoffen syn ist ein mutwillig laster und verwägnuß» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,287</bibl>).<note xml:id="n686"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,307,21-24.</bibl></note> 
                Von <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">«culpa</hi> originalis</foreign>» kann also nur metonymisch geredet werden; gemeint ist die <ref type="term">Schuld</ref> des ersten Menschen, mit der «<foreign xml:lang="lat">misera conditio</foreign>» für alle seine Nachkommen, die sie nach sich gezogen hat, wie Kinder von Sklaven eben keine Freigeborenen sind. Schuld oder «<foreign xml:lang="lat">peccatum</foreign>» im eigentlichen Sinn kann es nicht sein, daß wir eben  <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Nachkommen sind. Mag man immer auch fernerhin unser Unglück als <ref type="term">Sünde</ref> bezeichnen - man muß sich aber bewußt sein, daß man damit die Infektion meint, unter der wir leiden. Heißt es z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>: 
                <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πάντες ἥμαρτον</foreign>, so ist das metonymisch zu verstehen für: «<foreign xml:lang="lat">omnes in hac misera conditione sunt</foreign>». Beweis: <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">Röm. 5,14</ref>: «Der <ref type="term">Tod</ref> regierte … auch über die, die nicht in derselben Weise wie   <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> gesündigt hatten», und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.17">Röm. 7,17</ref>: «Nicht ich wirke, sondern die in mir wohnende <ref type="term">Sünde</ref>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[III,]629f.</bibl>).<note xml:id="n687"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,372,12-373,24.</bibl></note> «Die Sünd ist nüts wesenlichs, daß sie in uns blyben könne, sie ist nüts [anders] weder ein mißwerk wider Gott» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,289</bibl>).<note xml:id="n688"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,310,17f.</bibl></note>
                    </p>
                <p> Über  den <ref type="term">Sündenfall</ref>  <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> äußert sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> folgendermaßen: Es waren unglückliche Auspizien, unter denen die Frau ins Dasein trat. Schuf sie doch Gott aus einer Rippe des schnarchenden  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>. «Was wird die Frau nicht wagen, in der Absicht, ihren Mann zu hintergehen und zu betrügen, nachdem sie ihn, kaum geboren, in so tiefem Schlaf liegend vorfand, daß er’s nicht einmal merkte, als ihm eine Rippe herausgenommen wurde.» Aus diesem Grunde und weil sie als die Jüngere doch auch noch unerfahrener war, wandte sich der Dämon gerade an sie. Das Verbot des Baumes der <ref type="term">Erkenntnis</ref> des Guten und Bösen hatte den Sinn, daß die Menschen in allen ihren Gedanken und Entschlüssen von Gott allein abhängen sollten (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[III,]630</bibl>).<note xml:id="n689"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,374,8-17.</bibl></note> 
                Der Mensch aber, in «<foreign xml:lang="lat">amor sui</foreign>», in Selbstliebe, läßt sich daran nicht begnügen, hält sich größerer Dinge für würdig, als bloß über die Tiere zu herrschen. Er <pb ed="pga" xml:id="p416"/> möchte zum Richter und Diktator über Gut und Böse werden. Das war die Quelle der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">φιλαυτία</foreign>, aus der nun alles Übel geflossen ist. Nun ist unser aller Lage die, «daß wir von der göttlichen Art abfällig und verwildet worden und zu der viehischen geneigt sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,287</bibl>)<note xml:id="n690"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,308,10-12.</bibl></note>, 
                daß wir in allen unseren Gedanken, Bestrebungen und Taten uns selbst in den Vordergrund, in den Mittelpunkt stellen. Nun heißt der Mensch <hi rend="italic"><ref type="term">Fleisch</ref></hi>, das Gott verachtende und sich selbst liebende Wesen. Und seine Art, seine «<foreign xml:lang="lat">propensio</foreign>» zum «<foreign xml:lang="lat">amor sui</foreign>» ist das «<foreign xml:lang="lat">peccatum originale</foreign>», nicht eigentlich <ref type="term">Sünde</ref>, sondern Quelle und Ingenium der <ref type="term">Sünde</ref>. «Also ist die Erbsünd ein Abstand, Mindrung oder Ärgernuß der ersten yngesetzten menschlichen Natur; glych als da in eim ungewitter oder hagel alle wynreben verderbt werdend, daß sie die vordrigen Art nit mee habend; oder, so ein Pflanz us <placeName ref="kbga-places-1263">Neapolis</placeName> in <placeName ref="kbga-places-151">Tütschland</placeName> gepflanzt wird, kummt sie zu ihrer ersten Art nimmermee» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,287</bibl>).<note xml:id="n691"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,307,26-308,3.</bibl></note> 
                Die Erbsünde ist aber «ein Brest, der von ihm selbs nit sündlich ist, dem der ihn hat; er mag ihn auch nit verdammen, Gott geb, was die theologi sagind, bis daß er us dem Bresten wider das gsatz Gottes tut» (wozu er es aber erst kennen muß!). Beispiel: «Der jung Wolf, dieweil er noch blind ist, weiß er nüts von Schafzwacken, noch so ist die Art in ihm; sobald er aber erwachst, so hebt er denn an ärtelen<note xml:id="n692"> = seine Art zu zeigen.</note>. 
                Also ist der Mensch aller Begierden und Anfechtungen unschuldig, alldieweil er nit weißt, was Begierd ist; noch so steckt die Art in ihm, die mag er so wenig hinlegen aus eigener Kraft als der Wolf. Wenn man aber den Wolf von Jugend auf mit Streichen zwingt, verdruckt er die Art, aber er verliert sy nüt, sondern wo er die gäns sicht, embleckt er die zähn, ob er glych nit schlächt. 
                Also vermag uns <hi rend="italic">gott</hi> ändren, die bösen Art in uns dämmen, und wir selbs <hi rend="italic">nit;</hi> und so uns gott glych zu ihm bringt durch glouben und liebe, so embleckend wir die Zähn dennoch dick, wenn wir die begierlichen Ding dieser <ref type="term">Welt</ref> sehend. Wenn wir aber demnach der Begierd <hi rend="italic">nachwerbend</hi>, da wir aber wüssend, daß es nit zimmt vor dem gsatz, so wird der <hi rend="italic">brest</hi> ein <hi rend="italic">Sünd</hi>; noch so kommt die sünd <hi rend="italic">us der bösen geschwächten Art</hi>, so man die nit meistret» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,288</bibl>).<note xml:id="n693"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,308,26-29.31–309,15.</bibl></note> 
                Das ist <pb ed="pga" xml:id="p417"/> dann das «<foreign xml:lang="lat">peccatum actuale</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">proprie dictum</foreign>», die Werke des <ref type="term">Fleisch</ref>es, das immer den «<foreign xml:lang="lat">res privatae</foreign>» nachgeht, ohne daß man es um dieses seines Vollbringens willen selbst sündig nennen dürfte, während der <hi rend="italic"><ref type="term">Geist</ref></hi> den «<foreign xml:lang="lat">res publicae</foreign>» nachgeht [<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,632</bibl>].<note xml:id="n694"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947"><choice><sic ed="pga">Z 5,5</sic><corr type="misprint" resp="pz">Z 5</corr></choice>,376,26-377,13.</bibl></note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hatte dieses Verhältnis von Erbsünde und eigentlicher Sünde schon in den Schlußreden von 1523 folgendermaßen beschrieben: «Hiebei muß man auch merken, daß das Wort sünd etwann genommen wird für blödigkeit der zerbrochnen natur, die uns allweg zu den Anfechtungen des <ref type="term">Fleisch</ref>es reizt, und mag kommlich genämt werden der <hi rend="italic">brest.</hi> Gleichwie das Wort Krankheit unter ihm begriffen hat alle besundern wee, Suchten, Fieber, Bülen, Paralys,
                Tropf, Darmwinden und all ander weetagen, die glych als äst sind der Krankheit. Also heißt Sünd den Bresten, darus die unterscheidenen sünd als äst wachsend. Deshalb eebruch, hury, fressery, gyt, hochfahrt, nyd, verbunst, rotten, totschläg frücht sind und äst des brestens» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">I,190</bibl>).<note xml:id="n695"> <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,44,17-26.</bibl></note>
                    </p>
                <p> Wie steht es nun mit der behaupteten Verdammlichkeit der Erbsünde? Vor Allem ist festzustellen - und nun fängt an, sichtbar zu werden, worauf <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hinaus will -, daß <ref type="term">Heil</ref> und Verdammnis allein von der göttlichen Erwählung oder Verwerfung abhängen können - also nicht vom Getauft- oder Nicht-Getauftsein. Da wir den göttlichen Ratschluß nicht übersehen, wie kommen wir dazu, ihm auf Grund dessen, was wir über Getauft -oder Nichtgetauftsein der Menschen wissen, vorzugreifen? 
                Man denke an Röm. 9-11. Man denke vor Allem an <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.18">Röm. 2,14–18</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.26 Röm.2.27">26f.</ref> und an <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31">Jer. 31</ref>, d. h. an das von Gott den Menschen ins <hi rend="italic"><ref type="term">Herz</ref></hi> geschriebene Werk des <ref type="term">Gesetz</ref>es, das ja, wenn es nicht das Gesetz des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> ist, nur das «Gsatz» der <ref type="term">Natur</ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,290</bibl>)<note xml:id="n696"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,311,21-23.</bibl></note> sein kann. Wo aber steht geschrieben: Wer nicht getauft wird, ist verdammt!? (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[III,]632f.</bibl>).<note xml:id="n697"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,379,10f.</bibl></note> |</p>
                <p> Das  Zeichen der <ref type="term">Taufe</ref> für sich vermag nichts. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war sich schon 1525 einer gewichtigen Einsicht in dieser Richtung bewußt gewesen. Er schrieb damals: «Im Tauf (verzychind mir alle Menschen) kann ich nüt anders finden, denn daß alle Leerer etwa vil geirret habend <pb ed="pga" xml:id="p418"/> syt der apostlen Zyt har. 
                Das ist ein groß treffenlich Wort (findet er selbst) und reden es so ungern, daß ichs verschwygen hätte myn lebtag, und darneben aber die <ref type="term">Wahrheit</ref> gelehrt, wo nit die Zänkischen (damals die Täufer) mich gezwungen hättind also zu reden. Es wird sich aber erfinden in der <ref type="term">Wahrheit</ref>, dann sie haben allsammen dem Wasser gegeben, das es nit hat … Christus Jesus, der wahre sun Gottes, der den Fluch des gsatzes hinweggenommen, hat uns auch hiemit alle usserliche rechtwerdung abgenommen, also daß uns <hi rend="italic">uswendig har nüts rein noch gerecht machen mag.</hi>» Denn, sind die äußerlichen Dinge «im alten Testament nun fleischlich und usserlich gsyn und habend die conscienz nit mögen reinigen oder ruhig machen; viel weniger mögend sie jetzt in Christo, da uns <hi rend="italic">allein der <ref type="term">geist</ref> lebendig macht»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,238</bibl>).<note xml:id="n698"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,216,14-217,14.</bibl></note> 
                Ausdrücklich abgelehnt wird aber auch die Meinung, «die Zeichen sygind geben zu festung des Glaubens deß, das man uns geleert oder zugesagt hab» (also etwa im Sinn der «<foreign xml:lang="lat">pignora promissionis</foreign>», von denen früher <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und später besonders  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> redete<note xml:id="n699"> <bibl corresp="kbga-bibls-2047">WA 8,437,4-9.440,35-40 (lat.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2045">WA 8,512,20-25.516,33-38 (dt.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-16"><persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, Inst. IV,14,12</bibl>.</note>);  
               «dem aber nit also ist» <bibl corresp="kbga-bibls-1931">[IIa,243f.]</bibl>.<note xml:id="n700"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,226,31-33.</bibl></note> Es «festend, eigenlich zu reden, weder <ref type="term">wunder</ref>zeichen noch pflichtliche Zeichen den Glauben» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,244</bibl> - eine der schärfsten Konsequenzen der genuin-zwinglischen Sakramentslehre!).<note xml:id="n701"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,228,20f.</bibl></note> «Lyblich Wasser mag nüts denn lybliche Ding gebären» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,256</bibl>).<note xml:id="n702"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,248,23.</bibl></note> Man soll auch nicht mit <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> sagen, daß das Wort mit dem Wasser zusammen es tue, denn es ist «keines mündlichen oder lyblichen Wortes Kraft größer weder die Kraft des lyblichen Wassers, denn es mag nieman die Sünd hinnemen weder Gott» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,256</bibl>).<note xml:id="n703"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,248,29-249,1f.</bibl></note> 
                Wobei ausdrücklich bemerkt wird, daß mit diesem «lyblichen Wort» auch die Worte «Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes» gemeint seien. Nicht diese Worte, auf die vielleicht ursprünglich gar nicht immer getauft worden ist, sondern Gewalt, Majestät und Gehorsam dessen, der diesen Namen trägt, machen selig (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,249.266f.</bibl>).<note xml:id="n704"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,236,30-237,6;267,11-268,20.</bibl></note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p419" rend="noPipe"/> Was sollen denn die Zeichen? Sie sollen ein «<foreign xml:lang="lat">momentum</foreign>» sein, das auf die «<foreign xml:lang="lat">res spirituales</foreign>» aufmerksam macht. Aber der barmherzige Gott hat Gnade, Geist und Erwählung nicht so an diese Zeichen gebunden, daß er niemanden zu sich ziehen würde und könnte, der sie nicht trägt (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[III,]633</bibl>).<note xml:id="n705"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,378,29-379,5.</bibl></note> 
                Die <ref type="term">Taufe</ref> ist «ein anheblich Zeichen (ein Initiationsritus), <foreign xml:lang="lat">ceremoni</foreign> oder <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τελετά</foreign>» [<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,246</bibl>]<note xml:id="n706"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,231,27.</bibl></note> (das sie «in Gott verzeichnet und pflichtet», <bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,249</bibl>).<note xml:id="n707"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,237,7f.</bibl></note> «Glych als wenn die jungen sind in die (Mönchs-)Orden gestoßen (worden), hat man jnen die Kutten angeschroten; noch haben sie die Gsatz und Statuten nit gewüsset, sondern sie erst erlernet in der Kutten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,246</bibl>).<note xml:id="n708"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,231,28-30.</bibl></note> «Christus will, daß man mit dem Touf die irrigen Schaf dem wahren Gott verzeichne und zuführe dem rechten Hirten unserer <ref type="term">Seele</ref>n» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,249f.</bibl>).<note xml:id="n709"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,237,22-24.</bibl></note> |</p>
                <p> Aus jenem Begriff von Erbsünde und <ref type="term">Sünde</ref> einerseits und aus diesem Begriff von <ref type="term">Sakrament</ref> andererseits ergibt sich nun für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> notwendig das Folgende: Weder die ungetauften Christenkinder noch die sogenannten Heiden sind als solche verdammt. Sie leiden ja wenigstens als solche, als Ungetaufte nur an jenem Bresten, der nicht <ref type="term">Schuld</ref> ist, und die <ref type="term">Taufe</ref>, 
                die sie entbehren, ist nicht die notwendige Reinigung von diesem Bresten. «Was wissen wir von dem Glauben, den sie vielleicht von Gottes Hand hineingeschrieben in ihren <ref type="term">Herz</ref>en tragen?» Wer würde nicht bewundern den Glauben <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1406">Senecas</persName></hi>, der ein «<foreign xml:lang="lat">vir sanctissimus</foreign>» war? Zeigen seine Worte nicht, daß Gott ihm den Glauben ins <ref type="term">Herz</ref> geschrieben? Nicht um eine Geringschätzung Christi handelt es sich, wenn wir das sagen, vielmehr um eine Vermehrung seiner Herrlichkeit; denn freilich nur durch Christus geschieht es, daß auch solche Menschen zu Gott hinzutreten (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">[III,]633f.</bibl>).<note xml:id="n710"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,379,11-26.</bibl></note> 
                Das Wort: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden! ist nicht absolut zu verstehen, sondern von denen, die dem <hi rend="italic">gehörten</hi> <ref type="term">Evangelium</ref> nicht glauben wollen. Beweis: <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.22">Joh. 15,22</ref>: «Wenn ich nicht <pb ed="pga" xml:id="p420"/> gekommen wäre und es ihnen gesagt hätte, hätten sie keine <ref type="term">Sünde</ref>.» [634].<note xml:id="n711"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,379,29-380,7.</bibl></note> Unwissenheit wird nicht angerechnet. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>  ist natürlich bibelfest genug, um die Gedankenreihe nicht zu vergessen: Aus einem <ref type="term">Sünder</ref> sind wir alle als Sünder geboren. Wenn <ref type="term">Sünder</ref>, dann sind wir Feinde Gottes. Wenn Feinde Gottes, dann verdammt. Alle sind abgewichen! Jeder Mensch ein Lügner! Alle haben gesündigt!, zitiert auch er. Aber diese Verdammlichkeit ist nur von der Erbsünde an sich zu behaupten, und dieses «an sich» kommt angesichts des von Gott sofort angewandten Heilmittels für uns nicht in Betracht. Wir sind <ref type="term">Fleisch</ref>, aber wir sind auch <ref type="term">Geist</ref>. Das macht es unmöglich, den Menschen darum, weil er Fleisch ist, 
                zu verdammen. Schon <hi rend="italic">vor</hi> <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Fall hatte ja, sagt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ganz <persName ref="kbga-actors-9">anselm</persName>isch, Gott beschlossen, seine Gerechtigkeit zu versöhnen durch den Tod seines sündlosen Sohnes, der uns seine Gerechtigkeit <hi rend="italic">und</hi> seine Barmherzigkeit offenbaren sollte. Im Hinblick darauf hat er den dem  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> angedrohten sofortigen <ref type="term">Tod</ref> - er lebte ja noch 900 Jahre - in eine lange «<foreign xml:lang="lat">calamitas</foreign>» verwandelt, ihn aus dem heiteren Paradies auf den unfruchtbaren Acker hinausgestellt - und doch mit der <ref type="term">Verheißung</ref> des Weibessamens, der der Schlange, dem öffentlichen Feind, den Kopf zertreten sollte. Was wäre das für eine <ref type="term">Verheißung</ref> gewesen, wenn die Frucht dieses Sieges<note xml:id="n712"> Mskr.: «wenn ihre Frucht nicht auch»; «dieses Sieges» ist am Mskr.-Rand nachgetragen, wobei «ihre» nicht korrigiert wurde.</note> 
                nicht auch schon  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> zuteil geworden wäre? <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und  <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> meinen nun freilich, schon ihr Sohn  <persName ref="kbga-actors-3688">Kain</persName> sei der Verheißene, und sprechen zueinander: «<foreign xml:lang="lat">Possedi hominem sive virum cum deo sive per deum</foreign>» ([634-]636).<note xml:id="n713"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,380,31-383,20.</bibl></note> Ebenso  <persName ref="kbga-actors-9502">Lamech</persName>, als ihm  <persName ref="kbga-actors-2233">Noah</persName> geboren wurde: «Siehe, der wird uns Ruhe bringen von der Mühe und Arbeit unserer Hände». Das waren Irrtümer, die aber die <ref type="term">Hoffnung</ref> beweisen, in der auch sie lebten. 
                  Sind wir aber von diesen sicher, daß die Erbsünde für sie <hi rend="italic">nicht</hi> <ref type="term">Verdammnis</ref> bedeutete, dann auch von den Christenkindern; als Vermutung und Aussicht möchte aber <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch den Satz für wahrscheinlich halten, daß dies auch von den Heidenkindern gelte und von den heidnischen Erwachsenen, denen Gott selbst sein <ref type="term">Gesetz</ref> ins <ref type="term">Herz</ref> geschrieben. Die Christenkinder stehen unter der <ref type="term">Verheißung</ref> des Sa<pb ed="pga" xml:id="p421" break="no"/>mens  <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>. Eine <ref type="term">Kirche</ref> verbindet ja die Gläubigen aus <ref type="term">Israel</ref> und aus den Heiden, also auch die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> einer Lage Gott gegenüber (637).<note xml:id="n714"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,383,27-385,3.</bibl></note> 
                Heißt es nicht von  <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>, daß er schon vor seiner Geburt der von Gott Geliebte gewesen sei? Also kommt die <ref type="term">Seligkeit</ref> aus der Erwählung, nicht aus den Zeichen. <hi rend="italic">Zeichen</hi> des <ref type="term">Bund</ref>es, «<foreign xml:lang="lat">symbolum testamenti</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">signum foederis</foreign>» heißt ja auch die <ref type="term">Beschneidung</ref>. Sollte je im Neuen Testament der Abendmahlskelch «das Testament» genannt werden, so ist es doch klar, daß damit metonymisch nur das <hi rend="italic">Zeichen</hi> des Testamentes gemeint sein kann (638).<note xml:id="n715"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,385,25-386,19.</bibl></note> 
                In diesem <hi rend="italic"><ref type="term">Bund</ref></hi> stehen auch die Kinder der Christen, nicht auf Grund und in Kraft der Zeichen, wenn auch nicht ohne sie, natürlich auch nicht etwa auf Grund und in Kraft der Frömmigkeit ihrer Eltern, sondern auf Grund und in Kraft der göttlichen Erwählung (639).<note xml:id="n716"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,387,6-13.</bibl></note> 
                Also das Böse, das durch  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> in die <ref type="term">Welt</ref> gekommen, ist durch Christus geheilt. Unsere «<foreign xml:lang="lat">corruptio</foreign>» kann uns nichts schaden, wenn wir nicht durch Auflehnung gegen das <ref type="term">Gesetz</ref> aufs Neue durch unsere <ref type="term">Schuld</ref> verloren gehen. Es erhebt sich natürlich die Frage, ob diese grundsätzliche Befreiung vom Fluch
                der Erbsünde nur der Kirche der Gläubigen gelte oder eben dem ganzen Menschengeschlecht. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> will darüber kein apodiktisches Urteil fällen. Er läßt aber gar keinen Zweifel darüber, daß er selber der letzteren Ansicht ist, die er als eine probable Meinung mitteilt, die jedenfalls Christus weniger Unehre antue als die andere, nach der sogar die innerhalb der Kirche Geborenen ohne <ref type="term">Taufe</ref> verloren gehen. Was kann man dagegen einwenden, wenn man auf jenes von Gott auch den Heiden in die <ref type="term">Herz</ref>en geschriebene <ref type="term">Gesetz</ref> verweist? <hi rend="italic">»<foreign xml:lang="lat">Ubi opera fiunt Deo digna isthic dudum fuit in deum religio</foreign></hi><hi rend="italic">»</hi> (640).<note xml:id="n717"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,388,6-389,8.</bibl></note> 
                Gegen den Vorwurf, als werde dabei den Werken zuviel zugeschrieben, sagt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, er meine natürlich die Werke, die aus dem Glauben kommen. Wo sie aber geschehen, da <hi rend="italic">beweisen</hi> sie eben das Vorhandensein des Glaubens. Was die <hi rend="italic">Kinder</hi> betrifft, so will <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> jenen Stand der Unschuld auf das zarteste Jugendalter beschränkt wissen, wo von <ref type="term">Gesetz</ref> noch gar keine Rede sein könne (641).<note xml:id="n718"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,389,27-390,20.</bibl></note>
                    </p>
              </div>
              <div type="session"> 
                <p><date rend="right-belowPb">5.II.23 </date>
                 <pb ed="pga" xml:id="p422"/> Die Erbsünde, d. h. das Erbübel wird allein durch das Blut Christi behoben, nicht durch das Taufbad. Keine Kreatur ist so rein, daß sie vor Gott rein machen kann. Dazu bedarf es dessen, der uns geschaffen hat, also des Sohnes Gottes. Das wahre Wasser ist die «<foreign xml:lang="lat">coelestis doctrina</foreign>», die der <ref type="term">Geist</ref> in unseren <ref type="term">Herz</ref>en wachsen läßt, das Vertrauen auf das Blut Christi. Könnten äußerliche Dinge das <ref type="term">Gewissen</ref>, Körperliches die unkörperliche Substanz der <ref type="term">Seele</ref> reinigen, so wäre der Tod Christi überflüssig («<foreign xml:lang="lat">supervacua esset mors Christi, si rebus corporeis incorporea substantia animorum purificari posset</foreign>», 642).<note xml:id="n719"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,391,27-392,3.</bibl></note> 
                 Metonymisch wiederum sind daher alle die Stellen zu verstehen, wo die <ref type="term">Taufe</ref> ohne Weiteres mit Tod und Leiden Christi gleichgesetzt wird. Die <ref type="term">Taufe</ref> ist das Zeichen der <ref type="term">Kirche</ref> Christi, wie ein Heer gewisse Abzeichen trägt. Nicht als ob der Empfang dieses Zeichens die Aufnahme in die Kirche bewerkstelligte, aber wer schon aufgenommen ist, der empfängt diese «<foreign xml:lang="lat">publica tessera</foreign>» (643).<note xml:id="n720"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,392,10-27.</bibl></note> 
                 Sehr handfest-schweizerisch hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> diese Gedanken in seinem <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Tauf-Buch von 1525</bibl> ausgedrückt: «Als, so einer ein wyß krüz an sich näjet, so fer zeichnet er sich, daß er ein eidgenoß welle syn; und wenn er an der Fahrt zu Nähenfels gott ouch lob und dank seit um den Sieg, den er unseren Vordren verliehen hat, so <hi rend="italic">tut er sich uf</hi>, daß er auch <hi rend="italic">von <ref type="term">Herz</ref>en</hi> ein Eidgenoß welle syn. Welcher nun sich mit dem Touf verzeichnet, der will hören, was ihm Gott sag, sin ordinanz <hi rend="italic">erlernen</hi> und nach dero <hi rend="italic">leben;</hi> welcher aber demnach in der Widergedächtnuß oder nachtmahl gott mit der gmeind <hi rend="italic">Dank</hi> seit, <hi rend="italic">der tut sich uf</hi>, daß er von <ref type="term">Herz</ref>en sich des Todes Christi <hi rend="italic">freue</hi>, ihm darum <hi rend="italic">Dank</hi> sage» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,239</bibl>).<note xml:id="n721"> <bibl corresp="kbga-bibls-2995">Z 4,218,4-13.</bibl></note> 
                 Aber noch einmal betont <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zum Schluß: Die Zeichen sind «<foreign xml:lang="lat">nihil nisi externae res</foreign>», durch die in den <ref type="term">Gewissen</ref> nichts ausgerichtet wird. Sie sind äußere Symbole der geistlichen Dinge, «<foreign xml:lang="lat">at ipsa minime sunt spiritualia, nec quicquam spirituale in nobis perficiunt</foreign>» (643).<note xml:id="n722"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,394,1-5.</bibl> Bleistiftnotizen am Mskr.-Rand zur Vorbereitung des Folgenden, dann durchgestrichen: «Eigentümliches nicht Erweichung der Willensfreiheit; <foreign xml:lang="lat">morbus</foreign> unüberwindlich; Aber Gott bleibt gerecht, verdammt nur wirkliche Tatsünder; 
                Nebenerfolg: die unschuldigen Kindlein; <persName ref="kbga-actors-1406">Seneka</persName> Thor offen; Um den Preis, daß der Mensch dem <hi rend="italic">Ursprung</hi> des Bösen als Zuschauer gegenübersteht; Durch Hinausdrängen des <ref type="o">Schuld</ref>begriffs aus der objektiven Sphäre wird eine objektive Bedeutung des <ref type="o">Sakrament</ref>s <hi rend="italic">überflüssig; 1.</hi> Die Krankheit durch Christus behoben. Sühnetod. Glaube; <hi rend="italic">2.</hi> Im Kampf gegen die wirkliche aber abgeleitete <ref type="o">Sünde</ref> genügen die <ref type="o">Sakrament</ref>e als Heerzeichen; Der bekannte unparadoxe Parallelismus der zwei Welten ist gesichert.»</note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p423" rend="noPipe"/> Was ist der <hi rend="italic">Sinn</hi> dieser ganzen <ref type="term">Lehre</ref>? Es wäre ganz verkehrt, ihn etwa mit jenem Brief <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> in der Richtung des Pelagianismus einer Aufhebung oder Einschränkung der <ref type="term">Lehre</ref> von der <hi rend="italic">Willensunfreiheit</hi> zu suchen. Es ist freilich zuzugeben, daß die gewisse <hi rend="italic">Sentimentalität</hi>, mit der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wenigstens dem zartesten, unwissenden Kindesalter eine sozusagen sündlose Erbsündigkeit zuschreiben, und der biedermännische <hi rend="italic">Moralismus</hi>, mit dem er den Heiden, die das <ref type="term">Evangelium</ref> nicht kennengelernt haben, dieselben mildernden Umstände zubilligen möchte, unverkennbar in diese Richtung weisen. Aber <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ist tatsächlich <hi rend="italic">nicht</hi> in dieser Richtung gegangen. Und es ist in seiner Art bewundernswert, wie er hier scharf abbiegend von dem <persName ref="kbga-actors-971">erasm</persName>ischen Weg, den man ihn im nächsten Augenblick meint antreten zu sehen, dem humanistischen Interesse an der Würde des Menschen <hi rend="italic">gerecht wird</hi>, 
                <hi rend="italic">ohne</hi> dem reformatorischen Interesse an der Ehre Gottes zu nahe zu treten, ja indem er, wenigstens nach seiner Meinung, auch <hi rend="italic">dieses</hi> Interesse erst zu seiner vollen, reinen Geltung bringt. Der Morbus oder Bresten der Selbstliebe wird von ihm durchaus als eine den Menschen in von ihm aus unüberwindlicher Weise von Gott scheidende Schranke beschrieben. Wenn er sagt, daß die Erbsünde nicht verdamme, so soll das keine Erweichung des Ernstes unserer Lage, unserer «<foreign xml:lang="lat">misera conditio</foreign>» [629] als Kinder  <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> bedeuten. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat dem <ref type="term">Sünder</ref>, wie <bibl corresp="kbga-bibls-2900"><persName ref="kbga-actors-380">Seeberg</persName> (IV,359)</bibl><note xml:id="n723"> <bibl corresp="kbga-bibls-2900"><persName ref="kbga-actors-380">R. Seeberg</persName>, a.a.O. (oben S. 30, Anm. 70), Bd. IV/1, S. 359.</bibl></note> 
                bemerkt, eher weniger als mehr an moralischen Qualitäten beigelegt als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Von sich aus vermag Keiner gut zu sein. Sondern in <hi rend="italic">Christus</hi> ist nach ihm diese Negation der Verdammlichkeit der Erbsünde begründet. «Wenn die <foreign xml:lang="lat">divina clementia</foreign> nicht beizeiten für ein wirksames Heilmittel gesorgt hätte, so wären Alle, die aus diesem Ursprung geboren sind, <hi rend="italic">verloren»</hi>, sagt er noch auf der letzten Seite unserer Schrift (644).<note xml:id="n724"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">Z 5,394,15f.</bibl></note> 
                  Durch Christi Blut allein sind also auch <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> und die an<pb ed="pga" xml:id="p424" break="no"/>deren wackeren Heiden gerettet, an deren Nicht-Ausgeschlossensein <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so sehr gelegen ist. Näher kommen wir der Sache durch die Beobachtung, daß [nach] <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Auffassung von der Erbsünde das richterliche Verhalten Gottes, das etwas Rätselhaftes hat, wenn man von einer angeborenen <hi rend="italic"><ref type="term">Schuld</ref></hi> des Menschen redet, moralisch durchsichtig wird: Der Zorn Gottes lastet nach ihm nur auf der zur reifen, bewußten Tat gewordenen <ref type="term">Sünde</ref>, 
                nicht aber (um Christi willen nicht!) auf dem Ursprung, aus dem solche Tatsünde hervorgeht und für die der einzelne  Adamssohn nicht verantwortlich ist. Er ist also ein gerechter, direkt verständlicher Zorn. Nicht an dem, was er ohne sein Zutun von Anfang an <hi rend="italic">ist</hi>, sondern an dem, was er heute und morgen als der, der er ist, <hi rend="italic">tut</hi>, kann und soll sich der Mensch das <ref type="term">Gericht</ref> klar machen, unter dem er steht. |</p>
                <p> Ich brauche wohl nicht auszuführen, wie das mit der ganzen <hi rend="italic">aktivistischen</hi> Lebensauffassung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> zusammenhing, aber auch mit seinem <hi rend="italic">Optimismus</hi>, der sich gegen die schwermütige Tragik einer schicksals- oder naturhaft gegebenen <ref type="term">Schuld</ref>verhaftung des Menschen sträubte. Aber es hat keinen Sinn, diesen Gedankenlinien nachzugehen, da <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <hi rend="italic">eigentliches</hi> Interesse an diesem Punkt offenbar in einer anderen Richtung zu suchen ist, die mit jenen Linien nur indirekt zusammenhängt. <hi rend="italic">Ausgebildet</hi> hat er diese Lehre jedenfalls erst im Zusammenhang mit seinen Kämpfen um <ref type="term">Taufe</ref> und <ref type="term">Abendmahl</ref>, 
                und die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2947">De peccato originali</bibl>» könnte, was ihren Inhalt betrifft, ebensowohl «<foreign xml:lang="lat">De sacramentis</foreign>» heißen; denn darauf zielt offenbar der ganze Gedanke von der Nicht-Verdammlichkeit der Erbsünde, den Gedanken einer objektiven Bedeutung der <ref type="term">Sakrament</ref>e überflüssig zu machen. Ist in Christus die Negation aller <hi rend="italic"><ref type="term">Schuld</ref></hi> begründet - außer der <hi rend="italic">einen</hi>, die  <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, des ersten Menschen, Schuld ist, und der <hi rend="italic">anderen</hi>, die sich direkt als böse Tat des einzelnen Menschen anschaulich machen läßt -, dann offenbar auch die Negation aller <hi rend="italic"><ref type="term">Gnade</ref></hi> - außer der <hi rend="italic">einen</hi>, der Gnade Gottes in Christus selbst, und der <hi rend="italic">anderen</hi>, die sich wiederum als menschliches Tun, sei es als sittlicher Gehorsam im Allgemeinen, sei es etwas oberhalb der Ebene des Alltags, aber immerhin mitten in der <ref type="term">Welt</ref> 
                als Feierhandlung der <ref type="term">Gemeinde</ref> der Gläubigen, verstehen läßt. Fällt die Erbsünde im strengen Sinn als <ref type="term">Schuld</ref><hi rend="italic">vermittlung</hi> zwischen  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und uns, dann auch das <ref type="term">Sakrament</ref> im strengen Sinn als Gnaden<hi rend="italic">mittel</hi>. Es ist die bekannte <pb ed="pga" xml:id="p425"/> abstrakte Auseinanderlegung des Verhältnisses von Gott und Mensch auf zwei scharf voneinander geschiedene Ebenen, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in seiner Erbsündenlehre in Bezug auf den <hi rend="italic">Abfall</hi> des Menschen, in seiner Sakramentslehre in Bezug auf seine <hi rend="italic">Wiederaufnahme</hi> durchführt, hier wie dort unter strengster Ausscheidung alles Mittlertums. 
                Auf der <hi rend="italic">oberen</hi> Ebene sehen wir den Menschen belastet mit der <ref type="term">Sünde</ref>  <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName>, der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">φιλαυτία</foreign>, unfähig, sich selbst zu helfen, aber auch geheilt und getröstet durch Gottes Gnadenveranstaltung in dem einen Christus und im Glauben an diese Veranstaltung frei von dieser Last. Auf der <hi rend="italic">unteren</hi> Ebene aber belastet ihn ausschließlich seine eigene Sünde, und die Antwort darauf kann nur in dem im Aufblick zu dem dort oben gewonnenen Sieg unternommenen Kampf des <ref type="term">Geist</ref>es gegen das <ref type="term">Fleisch</ref> bestehen, in dem ihm die Sakramente zwar nicht Hilfe bringen, wohl aber in der geschilderten Weise als Heereszeichen dienen können. <hi rend="italic">Keine</hi> Vermengungen der beiden getrennten Gebiete: <hi rend="italic">Kein</hi> Hineinragen der oberen Wirklichkeit in die untere vor Allem, 
                also <hi rend="italic">keine</hi> <ref type="term">Schuld</ref>, die als Krankheit, und <hi rend="italic">keine</hi> <ref type="term">Gnade</ref>, die als Heilmittel zu verstehen wäre (es wäre denn die <ref type="term">Schuld</ref> von  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und die <ref type="term">Gnade</ref> von Christus her, aber damit sind wir schon wieder in der oberen Wirklichkeit!). In der unteren Wirklichkeit aber ist <ref type="term">Schuld</ref> nur, was als Bosheit oder Trägheit, und <ref type="term">Gnade</ref> nur, was als tapfere Tat, als Übung im Kampf der christlichen Tugend verständlich gemacht werden kann. |</p>
                <p> Ich weiß so wenig wie sonst jemand, ob <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">das</hi> gemeint hat, als er jenen kurzen Alarmruf an die <ref type="term">Straßburg</ref>er: «<foreign xml:lang="lat">videte, quorsum eat <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglius</persName> in peccato originali!</foreign>»<note xml:id="n725"> Brief an die <ref type="o">Prediger</ref> zu <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> (5.11.1525), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 3,602,9f. (Nr. 941)</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p380#p380">S. 380</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p411#p411">411</ref>.</note> 
                aufs Papier warf. Aber was auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gemeint haben mag, ich möchte jedenfalls hier, in dem nach rückwärts in das Problem des Abfalls hinein verlängerten <hi rend="italic">Parallelismus</hi> seiner Gnaden- und <ref type="term">Sakramentslehre</ref> die objektive Antwort auf die von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgeworfene Frage erblicken: Die Parallelen durften sich auch dort <hi rend="italic">nicht</hi> schneiden: es sollte eine sichtbare und doch unbegreifliche <ref type="term">Schuld</ref> so wenig geben wie eine sichtbare und doch unbegreifliche <ref type="term">Gnade</ref>, damit die <hi rend="italic">Ehre Gottes</hi> auf der einen und die <hi rend="italic">Aufgabe des Menschen</hi> auf der anderen Seite ungeschmälert bleibe. Man <pb ed="pga" xml:id="p426"/> wird der zwinglischen Konzeption Originalität und Konsequenz sicher nicht absprechen können. Was sie hindert, eigentlich groß und fruchtbar zu sein, was ihr die Bedeutung nimmt, 
                die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst ihr offenbar zugeschrieben hat, das ist gerade ihre Stärke, ihre theologische Klarheit und Geschlossenheit, in der für das Paradox des Glaubens, der nicht Nein sagt, ohne auch Ja zu sagen, für die dialektische Demut, die allein eine solche Systematik allenfalls erlaubt und möglich macht, kein oder fast kein Raum blieb. In <hi rend="italic">dieser</hi> Rüstung konnten allenfalls Lorbeeren, aber nicht der Sieg errungen, konnte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> allenfalls theologisch widerlegt, sein <hi rend="italic">Anliegen</hi> aber <hi rend="italic">doch nicht</hi> erledigt werden. Von dem Adressaten der Schrift über die Erbsünde, <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName>, ist noch zu sagen, daß er in seiner brieflichen Antwort an <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit fliegenden Fahnen in dessen Lager überging.  
               «<foreign xml:lang="lat">Quod ad Eucharistiam attinet … Veritas triumphat</foreign>, wie auch Einige, die über eine nicht verstandene Sache töricht reden und dann nichts dagegen ausrichten, wider sie schäumen mögen!», schreibt er ganz im Stil des zwinglischen Kreises (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VII,545</bibl>).<note xml:id="n726"> Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (28.9.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,727,25-28 (Nr. 532)</bibl>.</note> Nichtsdestoweniger ist er selbst im Herbst 1528 in aller Form zur lutherischen Ansicht zurückgekehrt (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">E. 6,296</bibl>).<note xml:id="n727"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9500">Urbanus Rhegius</persName> (7.7.1528), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 4,492f. (Nr. 1291)</bibl>.</note> |</p>
                <p> Wir <hi rend="italic">übergehen</hi> der Kürze halber die Zwiesprache, die er im Anschluß an <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schrift über die <ref type="term">Lehre</ref> des <persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName> von der Apokatastasis panton [hielt], an die er sich durch dessen Ausführungen nicht unbegreiflicherweise erinnert fühlte, ebenso seine [sc. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>] Auseinandersetzung mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9503">Jakob Strauß</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-409">Baden-Baden</placeName>, der, im Bauernkrieg als <ref type="term">Prediger</ref> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-195">Eisenach</placeName></ref> ein ausgesprochener Revolutionstheologe und deshalb mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in Widerspruch geraten, nun der Meinung war, es sei um das <ref type="term">Christentum</ref> geschehen, wenn es gelänge, Christus aus dem Brote des <ref type="term">Abendmahl</ref>s herauszunehmen, und deshalb im Sommer 1524 gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geschrieben hatte (<bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,386[-410]</bibl>).<note xml:id="n728"> <bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">A. Baur</persName>, a.a.O. (oben S. XIV, Anm. 33), Bd. II, S. 386–410.</bibl></note> 
                Und ebenso endlich den Briefwechsel <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> mit den <ref type="term">Nürnberg</ref>ern <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2475">Wilibald Pirkheimer</persName></hi>, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9359">Johannes Haner</persName></hi> und <hi rend="italic">Andreas <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,410[-434]</bibl>).<note xml:id="n729"> <bibl corresp="kbga-bibls-2853">A.a.O., Bd. II, S. 410–434.</bibl></note> Und endlich den lokal-zürcherischen <pb ed="pga" xml:id="p427"/> Abendmahls-Streit, den <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit dem Chorherrn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9403">Jakob Edlibach</persName></hi> auszufechten hatte (<bibl corresp="kbga-bibls-2853"><persName ref="kbga-actors-894">Baur</persName> II,434</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3113"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-725">Pestalozzi</persName></hi>, Die Gegner Zwinglis in <ref type="term">Zürich</ref>, S. 170[-201]</bibl>).<note xml:id="n730"> <bibl corresp="kbga-bibls-2853">A.a.O., Bd. II, S. 434</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3113"><persName ref="kbga-actors-725">Th. Pestalozzi</persName>, <hi rend="italic">Die Gegner Zwinglis am Großmünsterstift in Zürich</hi>, Zürich 1918, S. 170–201</bibl>.</note> Ihr systematischer Ertrag wird uns bei der Besprechung der gleich darauf oder gleichzeitig erschienenen großen Schriften <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nicht entgehen. |</p>
                <p> Nur eine Stelle aus einem Brief <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> an <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName> vom 6. Mai 1527 möchte ich nicht versäumen mitzuteilen, weil sie uns die ganze Situation noch einmal in grellen Farben klar macht.<note xml:id="n731"> Brief an <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName> (6.5.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,127-130 (Nr. 617)</bibl>.</note> 
                Ich erinnere zum Verständnis daran, daß in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-48">Nürnberg</placeName></ref> wie in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-299">Sachsen</placeName></ref> die zwinglischen Schriften polizeilich verboten waren, natürlich auf Betreiben der lutherischen Theologen, ferner daran, daß Ende 1526 <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gleich zu besprechender <bibl corresp="kbga-bibls-2058">Sermon wider die Schwarmgeister</bibl> und im März 1527 die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2080">Daß diese Worte Christi ‹Das ist mein Leib› noch fest stehen</bibl>»<note xml:id="n732"> <bibl corresp="kbga-bibls-2080"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Daß diese Worte Christi ‹Das ist mein Leib› noch fest stehen, wider die Schwärmgeister</hi> (1527), WA 23,64-283.</bibl></note> 
                erschienen war, und andererseits kurz vor der Abfassung dieses Briefes an <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName> auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> große Streitschrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2830">Amica exegesis … ad Martinum Lutherum</bibl>»<note xml:id="n733"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,562-758.</bibl></note> und die kleinere deutsche «<bibl corresp="kbga-bibls-3116">Fründlich Verglimpfung</bibl>»<note xml:id="n734"> <bibl corresp="kbga-bibls-3116"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Freundliche Verglimpfung über die Predigt Luthers wider die Schwärmer</hi> (1527), Z 5,771-794.</bibl></note>, 
                während er an der Antwort auf jene zweite Schrift <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eben arbeitete. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> schreibt Folgendes: «Möchten die Götter verhüten, mein <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName>, daß meine Absicht sei, eine Sache mit Lügen zu stützen, die durch ihre eigene Kraft so fest steht, daß sie durch keinen Sturm, durch keinen Blitz, durch keine Maschinen, durch keine Macht in der <ref type="term">Welt</ref> erschüttert werden kann. Was ist denn das alles, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> jetzt eben zuletzt ans Licht gebracht hat, als leeres Geschwätz (<foreign xml:lang="lat">inanes offutiae</foreign>)? 
                Auf das ich binnen zwei Monaten so antworten werde, daß von diesem ganzen Heer von Worten kaum ein Soldat lebendig entrinnen wird, da der Herr die <ref type="term">Wahrheit</ref> so beschirmen wird, daß die <ref type="term">Welt</ref> sehen muß, was schwarz und was weiß ist. Darum beruhige dich, mein <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName>, und lies, was ich dir da schreibe, ohne Aufregung. … Die <ref type="term">Welt</ref> wird anders <pb ed="pga" xml:id="p428"/> urteilen als der wütende <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Und wenn das eintritt, was wird dann aus denen werden, die gestehen werden müssen, entweder gegen die <ref type="term">Wahrheit</ref> gekämpft und sich dabei geirrt zu haben, oder die dann, im Irrtum beharrend, gottlos (<foreign xml:lang="lat">per impietatem</foreign>) Alles verwirren werden! <hi rend="italic">Keine drei Jahre werden vorübergehen</hi>, so werden <hi rend="italic">Italien</hi>, 
                <hi rend="italic">Gallien</hi>, <hi rend="italic">Spanien</hi>, <hi rend="italic">Deutschland</hi> meiner Meinung beigetreten sein. Wo sollen dann die hin, die jetzt mit dem eisernen Schwert versuchen, was sie mit dem Schwert des <ref type="term">Geist</ref>es nicht vollenden können? Damit du also ein heiliger Mann seist, woran uns dein Name ‹Hosiander› erinnert, mußt du so handeln, daß du nicht einst reuig gestehen mußt: Ich habe es nicht geglaubt!» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII,61</bibl>).<note xml:id="n735"> Brief an <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName> (6.5.1527), <bibl corresp="kbga-bibls-3056">Z 9,129,9-130,6 (Nr. 617)</bibl>.</note></p>
                <p> Wir wenden uns nun wieder dem Gegenspieler zu und kommen zu der Schrift <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi>, die in dem eigentlichen Zweikampf Mann gegen Mann zwischen den beiden Führern als der erste Hieb zu betrachten ist, dem <bibl corresp="kbga-bibls-2058">«<hi rend="italic">Sermon von dem Sakrament des Leibes</hi> <hi rend="italic">und Blutes</hi> <hi rend="italic">Christi, wider die Schwarmgeister</hi></bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">29,328[-359]</bibl>), erschienen Ende 1526.<note xml:id="n736"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sermon von dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi, wider die Schwarmgeister</hi> (1526), WA 19,482-523.</bibl></note> 
                Sie ist mit der bekannten lutherischen Lebhaftigkeit und stellenweisen Grobheit geschrieben, macht aber trotzdem einen merkwürdig ahnungslosen und unbewehrten Eindruck, wenn man bedenkt, daß das nun die erste, lang erwartete, befürchtete und erhoffte Antwort des sächsischen Orestes auf alles von der anderen Seite Vorangegangene war. Hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gar nichts gemerkt von dem Ernst des Angriffs, der da aus der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> gegen ihn vorgetragen wurde, daß er immer noch redet, als habe er es mit einem einzigen Haufen von «Schwarmgeistern» zu tun, innerhalb dessen der Mann, der die seit den Tagen der Apostel verkannte «<foreign xml:lang="lat">veritas de Eucharistia</foreign>» wieder auf den Leuchter stellte, gar keine besondere Beachtung verdiente? 
                Daß er den doch recht ansehnlichen theologischen Apparat, den dieser sein Gegner etwa in der «<bibl corresp="kbga-bibls-3109">Klaren Unterrichtung</bibl>» heranführte, fast gänzlich unbeachtet ließ, sondern sich begnügt, ein paar ungefüge Schwerthiebe zu tun ungefähr in der Richtung, in der er sehr unbestimmt allerlei Leute vermutete, die sagten, was er eben nicht hören wollte, daß Christi Leib und Blut nicht in Brot und Wein seien. Sicher ist, daß das Bild dieser <pb ed="pga" xml:id="p429"/> Gegner, das man aus seiner Schrift gewinnt, außerordentlich allgemein und unscharf gesehen und ein wirkliches Eingehen auf ihren Einwand auch nicht von ferne unternommen, ja nicht einmal dieser Einwand wirklich zur Kenntnis genommen ist. 
                Sondern mit großer Kraft und Genialität, befruchtet und beschwingt durch den Zorn über den erlebten Widerspruch, bereichert durch verschiedene neue Erwägungen, die durch das Vorhandensein dieses Widerspruchs notwendig geworden sind, wird mit Entschlossenheit das noch einmal gesagt, was von Anfang an gesagt wurde, dem Widersprecher aber seine Nichtigkeit außer einigen Beschimpfungen dadurch zu Gemüte geführt, daß man sich gar nicht darum kümmert, was er im Einzelnen gesagt hat. Es ist wie ein Naturvorgang. |</p>
                <p> Doch lassen wir <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selber reden. Ihm sei das Wichtigste am <ref type="term">Sakrament</ref>, sagt er zu Beginn, der Glaube selbst, wie sich das <ref type="term">Herz</ref> gegenüber dem äußerlichen Sakrament verhalten soll. Aber da nun <ref type="term">Prediger</ref>, die man für die besten gehalten, sich spalteten und rotteten und «bereits in auswendigen Ländern» eine große Menge darauf falle, Christi Leib und Blut nicht in Brot und Wein sein zu lassen, wolle er, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, da es die <ref type="term">Zeit</ref> erfordere, auch dazu, zu der Frage des <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">objectum fidei</foreign>»</hi> etwas sagen. Zuerst das, daß wer solchen Irrtums sei, doch lieber vom <ref type="term">Sakrament</ref> <hi rend="italic">wegbleiben</hi> solle, bis er heraus käme und im Glauben wieder stark werde. «Denn wir haben für uns den dürren hellen Text und Wort Christi: Nehmet und esset usf. … Das sind die Wort, darauf wir pochen» (329).<note xml:id="n737"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,483,22-26.</bibl></note>  
               «Wenn solche Wort nicht klar sind, weiß ich nicht, wie man deutsch reden soll» (331).<note xml:id="n738"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,485,13.</bibl></note> Es handelt sich um den <hi rend="italic">Teufel</hi>, der das Ei aussaufen und uns die Schale, nicht mehr denn schlecht Brot wie der Bäcker bäckt, lassen will. Darum die Schimpfrede vom Fleischfresser, Blutsäufer und gebackenen Gott! «Nun ist aber Gott ein solcher Mann, der da Lust hat, zu tun, was für die <ref type="term">Welt</ref> närrisch und untüchtig ist …, durch törichte <ref type="term">Predigt</ref> selig zu machen, die, so an ihn glauben. Wohlan, wers nun nicht gläubt, der gläube darnach, es sei lauter Brot. … Wer des Glaubens gefehlt hat, der mag darnach gläuben, was er will, gilt eben gleich. Als, wer ersaufen soll, der ersaufe in einem Bach oder mitten im Strom, so ist er eben <pb ed="pga" xml:id="p430"/> sowohl ersoffen» (330).<note xml:id="n739"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,484,13-21.</bibl></note> 
                Dies geht auf die sechs oder sieben Sekten, in die [nach] <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seine Gegner jetzt bereits zerspalten sind. Sie begehen alle den Fehler, statt im Wort zu bleiben, über die Gegenwart Christi in den Elementen sich Gedanken zu machen und dann durch dieses gemalte Glas das Wort zu betrachten. «Wer aber den rechten Glauben schöpft aus den Worten, der gläubt also: Gott gebe, Christus krieche ins Brot oder Kelch oder worein er will; wenn ich die Wort habe, will ich nicht weiter sehen noch gedenken. Was er sagt, das will ich halten. So wickelt er sich ins Wort, lasset sich nicht davon weisen, wird auch dadurch erhalten» (331).<note xml:id="n740"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,485,6-11.</bibl></note> Oder wie er später sagt: «Siehe nur, daß du auf Gottes Wort Acht habest und darin bleibest, wie ein Kind in der Wiegen» (342).<note xml:id="n741"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,498,11f.</bibl></note>  
               «Bleiben wir stracks bei den Worten und tun darnach Augen und Sinne zu, weil jedermann weiß, was das heißt: Das ist mein Leib! … Wir wissen ja, was Christus Leib ist, nämlich von  <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> geboren, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist» (332).<note xml:id="n742"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,485,24-28.</bibl></note> |</p>
                <p> Die Gegner haben zwei Einwände. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gibt sie wieder wie in der <bibl corresp="kbga-bibls-2079">Vorrede zum Syngramma</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">65,184</bibl>)<note xml:id="n743"> <bibl corresp="kbga-bibls-2079">WA 19,460,39-461,2.</bibl></note>: Zum ersten sagen sie, es <hi rend="italic">schicke sich nicht</hi>, zum anderen, es sei <hi rend="italic">nicht vonnöten</hi>, daß Christi Leib und Blut im <ref type="term">Sakrament</ref> seien. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> antwortet auf das Erste: man könnte ebensowohl sagen: «Es reimt sich nicht, daß Gott sollte herab vom <ref type="term">Himmel</ref> steigen und sich geben in Mutter Leib … Item daß Christus ein König der Ehren, dem alle Engel müssen zu Füßen fallen und alle Kreaturen müssen vor ihm zittern, sich so herunter wirft unter alle Menschen und soll sich lassen ans Kreuz henken» (332).<note xml:id="n744"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,486,14-19.</bibl></note> 
                Daß die Gegner sich stoßen an dem Glauben, daß der einige Leib Christi an hunderttausend Enden sei, soviel Brot gebrochen wird, das führt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> darauf zurück: «Es fehlet den Leuten nichts, denn daß sie nie keine Kreatur recht angesehen haben», sonst wüßten sie z. B., daß die eine <ref type="term">Seele</ref> des Menschen in allen seinen Gliedern ist, «daß wenn ich das kleinst Glied mit einer Nadel steche, so treffe ich die ganze Seele, <pb ed="pga" xml:id="p431"/> daß der ganze Mensch zappelt», daß aus dem einen Korn auf dem Felde viele werden, daß ich mit zwei Augen tausend Körnlein [sehe] und wiederum daß tausend Augen auf ein Körnlein zielen, daß ich mit meiner armen elenden Stimme unter Umständen ein ganzes Land regieren kann (333).<note xml:id="n745"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,487,25-488,21.</bibl></note>  
               «Sollt es Christus nicht viel mehr können tun mit seinem Leibe?» Vor Allem aber: Ich predige Christus, und wenn dein <ref type="term">Herz</ref> das Wort faßt, was hast du dann im Herzen? «Den wahrhaftigen Christus, nicht also, daß er drinnen sitzt, als einer auf einem Stuhl sitzet, sondern wie er ist zur Rechten des Vaters. Wie das zugeht, kannst du nicht wissen, dein <ref type="term">Herz</ref> fühlet ihn aber wohl, daß er gewißlich da ist, durch die <ref type="term">Erfahrung</ref> des Glaubens. … Er läßt sich nicht stücklich zerteilen und wird doch gänzlich ausgebreitet in alle Gläubigen» (334).<note xml:id="n746"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,488,28-489,1;489,9-20.</bibl></note>  
               «Gehets also zu, wie sie gedenken, daß er auf einer Leitern herabfähret und hinaufklettert» (hier könnte <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> gemeint sein). Nein, antwortet <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: «Noch sitzt Christus zur Rechten des Vaters und auch in deinem <ref type="term">Herz</ref>en, der einige Christus, der da Himmel und Erde erfüllet. Ich predige, daß er sitzet zur Rechten Gottes und herrschet über alle Kreatur, Sünd, <ref type="term">Tod</ref>, <ref type="term">Leben</ref>, <ref type="term">Welt</ref>, Teufel, Engel: wenn du das gläubst, so hast du ihn bereits im Herzen. Also ist dein <ref type="term">Herz</ref> im <ref type="term">Himmel</ref>, nicht in einem Schein oder Traum, sondern wahrhaftig.» Das hätte nun <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch sagen können. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aber folgert daraus: «Wer solches glauben kann, dem ist es auch nicht schwer, zu glauben, daß sein Leib und Blut im Sakrament sei» (335).<note xml:id="n747"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,489,24-490,7.</bibl></note>  
               «Ist nicht das <ref type="term">Herz</ref> viel subtiler, denn das Brot? … Wie er nun ins Herz kommt und nicht ein Loch hineinbricht, sondern allein durchs Wort und Hören gefasset, so kommt er auch ins Brot, daß er kein Loch darf hinein machen» (336).<note xml:id="n748"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,490,13-23.</bibl></note> Viel größer ist das <ref type="term">Wunder</ref>, daß Christus durch den Glauben ins <hi rend="italic">Herz</hi> kommt, denn daß er im <hi rend="italic">Brot</hi> ist. Das <hi rend="italic">kleinere</hi> <ref type="term">Wunder</ref> muß nur sein, daß er uns dadurch an die <hi rend="italic">größeren</hi> erinnere. Wenn wir das bedenken würden, würden wir nicht «so groß von Wunder sagen» (339).<note xml:id="n749"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,493,25-28.</bibl></note> 
                Mit den Worten des Engels <pb ed="pga" xml:id="p432"/> <persName ref="kbga-actors-9504">Gabriel</persName> kam ja Christus auch nicht nur ins Herz, sondern in den Leib der  <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName>. Die Kraft kommt durchs <hi rend="italic">Wort</hi>, nicht anders freilich, aber durchs Wort <hi rend="italic">kommt</hi> sie. «Wenn das Wort nicht da ist, so ist es schlecht Brot, aber so die Wort dazu kommen, bringen sie das mit, davon sie lauten» (337).<note xml:id="n750"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,490,31-491,16.</bibl></note> Unsere Worte, die wir sprechen, können ihn freilich nicht herunter ziehen, aber sie sind uns gegeben zur <hi rend="italic">Sicherung</hi>, daß wir werden ihn <hi rend="italic">gewiß</hi>
                finden (337).<note xml:id="n751"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,492,16-18.</bibl></note> Was das heißt, daß Christus gen <ref type="term">Himmel</ref> gefahren, nämlich daß er <hi rend="italic">über</hi> alle Kreaturen und <hi rend="italic">in</hi> allen und außer [allen] Kreaturen ist, davon verstehen die Gegner nichts. Sie verstehen dieses «überall» durch die Kraft des Wortes und unter dem Vorbehalt des Wortes nicht, darum lehnen sie sich so dagegen auf. «Überall ist er, er will aber nicht, daß du überall nach ihm tappest, sondern wo das Wort ist, da tappe nach, so ergreifst du ihn recht, sonst versuchst du Gott und richtest Abgötterei an.» Dies einmal begriffen, mag dann wohl gesagt werden: «Himmel und Erde ist sein Sack: Wie das Korn den Sack füllet, also füllet er alle Ding» (338).<note xml:id="n752"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,492,22-25;493,9f.</bibl></note>
                    </p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">6.II.23</date>
                 Der zweite Grund, den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bei seinen Gegnern vermutet, lautet, die Realpräsenz sei <hi rend="italic">nicht nötig.</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> empfindet das als ein Christus-zur-Schule-Führen-und-Meistern. «Denn so sagen sie: Wenn ich glaube an Jesum Christum, der für mich gestorben ist: was ist not, daß ich glaube an den gebackenen Gott? Wohlan, er wird sie noch einmal backen, daß ihnen die Rinde wird verbrennen» (339).<note xml:id="n753"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,494,17-20.</bibl></note> 
                 Mit dem Einwand, daß der Glaube allein rechtfertige, könnte auch begründet werden, daß Christus nicht nötig oder nicht von der Jungfrau geboren oder nicht Gott sei. «Was liegt mir daran, ob es <hi rend="italic">vonnöten</hi> sei oder nicht, Gott weiß es <hi rend="italic">wohl</hi>, <hi rend="italic">wie</hi> oder <hi rend="italic">warum</hi> es so sein soll oder müsse. Wenn er sagt, daß es not ist, so schweigen alle Kreaturen» (340).<note xml:id="n754"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,496,13-15.</bibl></note> So will <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den Einsetzungsworten gegenüberstehen: Wenn Christus gleich nur einen Strohhalm reichte und solche Worte spräche, sollt ichs glauben! (341)<note xml:id="n755"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,496,17f.</bibl></note> Warum macht Gott die Menschen nicht wie  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und  <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> in einem Augenblick? Warum hat er diesem einen <pb ed="pga" xml:id="p433"/> großen Leib gegeben und mir einen kleinen, diesem schwarze Haare, jenem gelbe, diesem braune, jenem graue Augen? (342)<note xml:id="n756"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,497,19-30.</bibl></note>
                    </p>
                <p> Ich mache wiederholt darauf aufmerksam, daß diese beiden Argumentationen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> über die Möglichkeit und Notwendigkeit der Realpräsenz an den Schriften <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> durchaus vorbeireden. Ich führe sie nur deshalb an, um Ihnen die Stellung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> selbst, ohne die die folgenden Äußerungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nicht verständlich sind, deutlich zu machen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst sagt ausdrücklich: 
                Das seien noch <hi rend="italic">vernünftige</hi> <ref type="term">Herz</ref>en, welche die berührten zwei Stücke bekümmern, solchen sei noch zu raten (er denkt hier offenbar an <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfeld</persName>, <persName ref="kbga-actors-9498">Krautwald</persName> u.A.). Die <hi rend="italic">anderen</hi> aber seien eitel <hi rend="italic">Schwärmer</hi> und rechte <hi rend="italic">Erz</hi>schwärmer, die nämlich die Worte Christi verzwackten und nicht <hi rend="italic">einen</hi> Grund für sich hätten. Jene seien subtile philosophische Schwärmer, diese aber grobe grammatische Schwärmer, die nicht wert seien, daß man sich mit ihnen schlage (342).<note xml:id="n757"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,498,16-30.</bibl></note> 
                Wichtiger als diese Gedanken, in denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seine Vorstellung vom Sakrament zu rechtfertigen oder zu verteidigen gesucht hat, sind übrigens zum Verständnis des Gegensatzes auch hier die anderen, in denen die innere, wirkliche Motivierung seiner Stellung sichtbar wird. Sein Interesse haftete ja, wie schon zu Beginn festgestellt, am rechten <hi rend="italic">Gebrauch</hi>, nicht am <hi rend="italic"><ref type="term">Wesen</ref></hi> des Sakraments und darum auch an sich <hi rend="italic">nicht</hi> am Gegensatz zu den symbolistischen Theorien, die ja nur das <hi rend="italic">letztere</hi> berührten und in deren Nähe er selbst sich früher mit einer gewissen Unvorsichtigkeit begeben hatte. Das Pochen auf den Wortlaut der Einsetzungsworte und erst recht die Beweisreihen für die Ubiquität des Leibes Christi sind als sekundäre Erscheinungen aufzufassen. Was man auch von ihrem Wert denken mag, sie machen jedenfalls in diesem Sermon von 1526 den Eindruck eines modernen Neubaus, hinter dem erst man den eigentlichen Kern der lutherischen Abendmahlslehre suchen muß. Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> es ein «<ref type="term">Herz</ref>leid» (343)<note xml:id="n758"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,501,29.</bibl></note>, 
                  einen «Jammer» nennt, was durch die neue <ref type="term">Lehre</ref> angerichtet werde, so liegt ihm offenbar etwas am Herzen, was durch jenes harte, scholastisch anmutende Pochen und durch jene eine ganze Metaphysik ankündi<pb ed="pga" xml:id="p434" break="no"/>genden Hilfskonstruktionen nur indirekt sich Ausdruck verschaffen kann. Wir haben dieses Anliegen kennengelernt in der Form, die es <hi rend="italic">vor</hi> dem Zusammenstoß mit den Spiritualisten hatte. Jetzt, wo der Gegensatz da war, kommt es folgendermaßen zum Ausdruck: «Sie sagen, es soll nur ein <hi rend="italic">Zeichen</hi> sein, dabei man die Christen erkennen und richten solle … Da kommen sie zusammen, … darum daß sie seinen Tod bedenken. In dem <hi rend="italic">Bedenken</hi> soll die Kraft gar stehen … Warum tun sie das? … Ja, freilich soll man seinen Tod verkündigen; wir habens <hi rend="italic">auch</hi> gepredigt herrlicher denn sie immer, und hätten sie es nicht von uns, sie würden wohl nichts davon wissen. … Drum dürfen sie uns solches nicht lehren und groß davon rühmen, als hätten sie etwas <hi rend="italic">Neues</hi> erdacht» (345).<note xml:id="n759"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,503,25-504,19.</bibl></note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> möchte aber (wir erinnern uns des Gedankens von früher) unterscheiden zwischen der öffentlichen Predigt in der <hi rend="italic"><ref type="term">Gemeinde</ref></hi> und der <hi rend="italic">individuellen</hi> Zueignung der Vergebung der <ref type="term">Sünde</ref>n durch das Sakrament. Dort «malet man keine <hi rend="italic">Person</hi> ab, aber hier wird es dir und mir (obwohl es dasselbe ist!) <hi rend="italic">insonderheit gegeben.</hi>» Auch die Abendmahlsfeier soll freilich eine <ref type="term">Predigt</ref>, ein öffentliches Ausschreien sein, und also nicht «im Winkel» zu begehen. Aber die daran teilnehmen, sollen die <ref type="term">Verkündigung</ref> des Todes Christi nun eben <hi rend="italic">empfangen</hi> und <hi rend="italic">annehmen</hi>, d. h. glauben und <hi rend="italic">sicher sein</hi>, daß sie Christi wahrhaftig Leib und Blut darin <hi rend="italic">nehmen:</hi> daß es ihnen da <hi rend="italic">geschenkt</hi> und «ihr <hi rend="italic">eigen</hi> sei … zur Vergebung der Sünde». 
                Das in den Haufen der <hi rend="italic">sichtbaren</hi> <ref type="term">Gemeinde</ref> gestreute Wort der <ref type="term">Vergebung</ref> wird eben, wo es <hi rend="italic">Glauben</hi> findet, dynamisch wirksam, <hi rend="italic">mehr</hi> als Wort. «Nun wissen wir wohl, was Vergebung der Sünde heißt. Wenn er vergibt, so vergibt er Alles <hi rend="italic">ganz und gar</hi>, lässet nichts unvergeben. Wenn ich von der <ref type="term">Sünde</ref> los und frei bin, so bin ich auch des <ref type="term">Tod</ref>s, Teufel und Hölle los und bin ein Sohn Gottes, ein Herr Himmels und der Erden. … <hi rend="italic">Darum</hi> gehe ich zum <ref type="term">Sakrament</ref>, Solches zu suchen.» «Nicht daß es nur <hi rend="italic">getan</hi> sei und der <hi rend="italic"><ref type="term">Kirche</ref> Gehorsam</hi> vollbracht. Denn so möcht eine Sau auch wohl hinzugehen. 
                Es ist nicht ums Werk zu tun.» Denn «kein Werk, kein Tun hilft mir von <ref type="term">Sünde</ref>n, sondern ich habe einen <hi rend="italic">anderen</hi> Schatz, meines Herrn Leib und Blut, mir gegeben zur Vergebung der Sünden. Das ist der einige Schatz und Vergebung und kein <pb ed="pga" xml:id="p435"/> ander im Himmel und auf Erden.» Fruchtlos ist Christi Gegenwart nach der Lehre der <hi rend="italic">Papisten</hi>. Aber fruchtlos auch nach der Lehre der <hi rend="italic"> «Anderen»</hi>, nach der es bloß «<foreign xml:lang="lat">ut signum</foreign>» da ist, als eine Losung, die uns keine Besserung bringt. «Sollt Christus so groß Ding umsonst einsetzen <hi rend="italic">ohne Nutz und Frommen?»</hi> (345–348)<note xml:id="n760"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,505,11-508,22.</bibl></note>  
               «Was ists denn», schreibt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> am Schluß, «daß du sonderlich Ding willt für andre wissen, so du <hi rend="italic">das</hi> nicht weißt, daran es <hi rend="italic">allzumal</hi> liegt. Und wer das weiß, <hi rend="italic">alles</hi> weiß, was er wissen <hi rend="italic">soll</hi>, <hi rend="italic">ohne</hi> welches alles Andre, wieviel man wissen kann, <hi rend="italic">nichts</hi> ist! … So führet der Teufel die Leute bei der Nasen, daß sie das <hi rend="italic">Hauptstück</hi> nicht ansehen, wollen oben <hi rend="italic">hinaus</hi> und etwas <hi rend="italic">Sonderliches</hi> herfürbringen, <hi rend="italic">verlieren</hi> damit den hohesten und einigen Schatz» (352).<note xml:id="n761"> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">WA 19,512,16-24.</bibl></note> 
                Ja <hi rend="italic">ist</hi> es nicht ein Jammer und <ref type="term">Herz</ref>leid, möchte man hier einschalten, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für dieses Anliegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, das doch wahrhaftig auch <hi rend="italic">sein</hi> Anliegen sein mußte, so gar keine Augen und Ohren hatte und sich statt dessen um seines «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» willen in der Meinung, jetzt erst komme der wahre, volle Sieg der <ref type="term">Wahrheit</ref>, auf ernsten [?] Kriegspfad begeben mußte? Aber auch das Andere ist schmerzlich, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht schlicht und überlegen bei der Betonung dieses Hauptpunktes beharren und durch Konzedierung, daß man auch «<foreign xml:lang="lat">significat</foreign>» sagen könne, ja müsse, demonstrieren konnte, wie furchtbar wenig darauf doch ankam, in der Einsicht, daß man das, was er behaupten wollte, die Gegenwart Christi <hi rend="italic">selbst</hi>, ja wirklich nur <hi rend="italic">so</hi> behaupten kann, daß man dabei <hi rend="italic">nicht</hi> behaupten, d. h. recht haben will? 
                Hatte er es nicht früher selbst so gehalten? Hätte er sich nicht durch den erfahrenen Widerspruch nicht nur in der <ref type="term">Wahrheit</ref>, sondern auch in der von der Wahrheit untrennbaren <hi rend="italic">Freiheit</hi> bestärken lassen können? Der Sermon von 1526 zeigt uns besonders in seinem zweiten Teil noch einmal das Kostbare, das <hi rend="italic">verschüttet</hi> worden ist dadurch, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich in diesen Jahren (nicht nur in diesem Punkt) von der <hi rend="italic">Freiheit</hi> mehr und mehr abwandte und der «alte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>» wurde, der für den Gang der Geschichte des
                <ref type="term">Christentum</ref>s in der <ref type="term">Welt</ref> maßgebend geworden ist. Er<note xml:id="n762"> Mskr.: «Sie»; Änderung vom Hrsg.</note> zeigt uns, wie die Türe nun auch bei ihm ins Schloß fällt.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p436" rend="noPipe"/> Es mangelt uns nun leider ganz einfach an <ref type="term">Zeit</ref>, die große, eigentliche Kampfhandlung, zu der <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Sermon das Zeichen gab, ins Einzelne zu verfolgen, so sehr es sich lohnen würde, diesen einzigartigen Vorgang in der Geistesgeschichte gerade im Einzelnen zu Ende zu denken, wie wir es begonnen haben. Denn die sogenannten «großen Züge» sind m.E. in der Geschichte nichts nütze. Das Interessante, Lebendige und Lehrreiche liegt gerade in den Einzelheiten. 
                Ich hoffe aber, daß Ihnen mit mir wenigstens deutlich geworden ist, <hi rend="italic">wer</hi> ­gestritten hat und <hi rend="italic">um was</hi> gestritten worden ist in dieser seltsamen ­Tragödie, die fast immer auch Komödie ist, wenn ich nun auch die ­Erforschung des Wie? Ihrem eigenen Studium aus den Quellen überlassen muß. Drei Dinge möchte ich trotzdem noch ausführlich durchnehmen: 1. die <ref type="term">Christologie</ref>, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in dem nun anhebenden Schriftenwechsel entwickelt hat, 2. die Tagung von <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> als den äußeren Höhepunkt des Dramas und 3. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> aus einer in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></ref> gehaltenen <ref type="term">Predigt</ref> hervorgegangene Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>»<note xml:id="n763"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Ad illustrissimum Cattorum principem Philippum sermonis de providentia dei anamnema</hi> (1530), Z 6/III,64-230.</bibl></note>, aus der wir vor Allem seinen Gottesbegriff näher kennenlernen werden.</p> 
                </div> 
                <div>
                    <pb ed="pga" xml:id="p437"/>
                <head>[Die großen Etappen des Kampfes, <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Christologie und das Religionsgespräch zu <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>]</head>
                <p>Zunächst möchte ich Ihnen aber immerhin die großen Etappen des Kampfes mitteilen, die zugleich die Quellen sind, aus denen alles das, worauf wir nun leider verzichten müssen, zu entnehmen wäre. |</p>
                <p> Im Februar 1527 erschien <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> große Schrift, an der er unter dem ermunternden Beistand der Seinen während des Winters gearbeitet hatte, die <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2830">Amica Exegesis id est Expositio Eucharistiae Negotii ad Martinum Lutherum</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,459[-562]</bibl>)<note xml:id="n764"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,562-758.</bibl></note>, 
                der er im März als spezielle Antwort auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-2058">Sermon wider die Schwärmer</bibl> gleich noch die kleinere deutsche folgen ließ: «<bibl corresp="kbga-bibls-1929"><hi rend="italic">Fründlich Verglimpfung und Ableinung über die Predig des treffenlichen Martini Luthers wider die Schwärmer</hi> zu <ref type="term">Wittenberg</ref> getan und beschrieben zu Schirm des wesenlichen lychnams und bluts Christi im Sakrament. Zu guter Bewahrung von Huldrychen Zwingli ylends und kurz begriffen</bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,1[-15]</bibl>)<note xml:id="n765"> <bibl corresp="kbga-bibls-3116">Z 5,771-794.</bibl></note>. 
                Aber inzwischen war auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht müßig gewesen; schon im Januar, also noch einen Monat vor der «<bibl corresp="kbga-bibls-2830">Amica exegesis</bibl>» war er wieder am Schreiben, denn auch ohne diese beiden neuen zwinglischen Schriften war das Maß seines Zornes nun voll. Das Ergebnis war <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2080">Daß diese Worte Christi ‹Das ist mein Leib etc.› noch fest stehen, wider die Schwärmgeister</bibl>»</hi>, erschienen im April 1527 (<bibl corresp="kbga-bibls-496">30,14[-150]</bibl>).<note xml:id="n766"> <bibl corresp="kbga-bibls-2080">WA 23,64-283.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> repliziert im Juni: «<bibl corresp="kbga-bibls-3117"><hi rend="italic">Daß diese Worte Jesu Christi ‹Das ist min lychnam, der für üch hingegeben wirt› ewiglich den alten einigen Sinn haben werdend</hi> und M. Luther mit sinem letzten Buch sinen und des papsts Sinn gar nit geleert noch bewärt hat. Huldrych Zwinglis christenlich Antwort</bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,16[-93]</bibl>).<note xml:id="n767"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,805-977.</bibl></note> |</p>
                <p> Im Januar 1528 stößt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auf der <hi rend="italic">Berner Disputation</hi> außer mit den Katholiken auch mit süddeutschen und schweizerischen Lutheranern zusammen und hält seine große <bibl corresp="kbga-bibls-3074"><ref type="term">Predigt</ref> über das Apostolikum</bibl>, <pb ed="pga" xml:id="p438"/> in der hauptsächlich vom <ref type="term">Abendmahl</ref> die Rede ist (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIa,203[-226]</bibl>).<note xml:id="n768"> <bibl corresp="kbga-bibls-3074"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Predigt über das Apostolische Glaubensbekenntnis</hi> (19.1.1528), Z 6/I, 450-492.</bibl></note> Aber schon seit November 1527 war auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wieder an der Arbeit und veröffentlichte im März 1528 sein sogenanntes <bibl corresp="kbga-bibls-2075"><hi rend="italic">«großes» «Bekenntnis vom Abendmahl Christi»</hi></bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-496">30,151[-373]</bibl>) (<bibl corresp="kbga-bibls-3118">das «kleine» 1544</bibl>).<note xml:id="n769"> <bibl corresp="kbga-bibls-2075"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis</hi> (1528), WA 26,261-509</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3118"><hi rend="italic">Kurzes Bekenntnis vom heiligen Sakrament</hi> (1544), WA 54,141-167</bibl>.</note> |</p>
                <p> Und im August 1528 tritt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nochmals auf den Plan und behält vorläufig das letzte Wort, wie er das erste gehabt hatte. Seine Schrift heißt: <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-3119">Über Dr. Martin Luthers Buch, Bekenntnis genannt</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,94[-223]</bibl>).<note xml:id="n770"> <bibl corresp="kbga-bibls-3119"><persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Über D. Martin Luthers Buch, Bekenntnis genannt</hi> (1528), Z 6/II,22-248.</bibl></note> Eine allgemeine Charakteristik dieses Gewühls zu geben, ist mir ganz unmöglich, sie könnte vielleicht nur futuristisch durchgeführt werden. Die ganze zeichenhafte Größe jenes Geisteszeitalters, aber auch die ganze menschliche Eitelkeit und Borniertheit aller Zeiten, die heilige Dringlichkeit letzter, aktuellster, ewiger Fragen, aber auch die unglaubliche Willkür, Phantastik und Unglaubwürdigkeit des Rätselwesens, das man <ref type="term">Theologie</ref> nennt, eine Nähe der <ref type="term">Wahrheit</ref>, so groß, daß man sie fast, jetzt zur Rechten, 
                jetzt zur Linken zu greifen meint, und dann wieder ein toller Spuk von wunderlicher Rechthaberei, der einen an aller <ref type="term">Wahrheit</ref> irrewerden lassen möchte, das alles strömt da auf den Zuschauer ein, der doch, wenn er sieht, was vorgeht, ganz unmöglich Zuschauer bleiben und doch noch viel unmöglicher etwa Partei ergreifen kann. Ist <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> grob, so ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht minder spitz, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> tiefsinnig, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> scharfsinnig, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu <ref type="term">Herz</ref>en redend, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht minder kräftig zum Verstande, der ja auch eine gute Gabe Gottes sein soll. Arbeitet <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit ganzen Ketten von Syllogismen, so <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit ganzen Sturzbächen von Paradoxien. Bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> ein Ergebnis, bei dem sich einem, wenn man versucht, es nachzudenken, die Haare sträuben; 
                  es kann natürlich keine Rede davon sein, daß die modernen Lutheraner etwa den Mut haben, da wirklich mitzugehen; aber wirklich nicht weniger abenteuerlich und phantastisch trotz aller Klarheit des Weges ist das Resultat, bei dem besonders in seiner <ref type="term">Christologie</ref> <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi> schließlich an<pb ed="pga" xml:id="p439" break="no"/>kommt, die natürlich in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> und <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> ebenso verschollen ist, wie die <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-296">Rostock</placeName></ref> oder <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName></ref>! <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zweifellos der religiös schlechthin Überlegene - aber was heißt religiös, daß Religion auch <ref type="term">Fleisch</ref> ist, kann man gerade bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> fast keinen Augenblick vergessen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ebenso zweifellos theologisch schlechthin siegreich, 
                aber wie grauenhaft kalt läßt einen diese wie jede theologische Systematik und Abschlachtung. Was soll das?, möchte man immer wieder dazwischenrufen bei seinen triumphierenden Schlüssen, und sehnt sich fast nach <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> logischen Sprüngen, nach seinen Flüchen und Verdammungen, die dann doch auch wieder nicht viel schöner und zweckdienlicher sind, sondern demselben dämonischen Zwischenreich zu entstammen scheinen. Ja, und wer hat nun schließlich recht? Keine törichtere und zugleich vielleicht keine dringlichere Frage als diese. Keine, die scheinbar so ganz bloß <hi rend="italic">historisch</hi> zu beantworten ist und die vielleicht in Wirklichkeit mit der Beantwortung der schwersten Frage der Gegenwart und aller <ref type="term">Zeit</ref>en so <hi rend="italic">innig</hi> zusammenhängt. 
                Man kann mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und man kann mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sympathisieren, und man kann beide schrecklich finden, und man kann das Eine wie das Andere überflüssig und unerlaubt finden, ohne doch von der Frage loszukommen, wie sich in diesem bunten Knäuel <ref type="term">Wahrheit</ref> und Irrtum, Recht und Unrecht, soweit wir überhaupt von solchen Dingen reden können, eben doch unterscheiden möchten. Wer hier mit Vollmacht urteilen könnte, müßte vielleicht zugleich der neue Reformator sein, der uns nach der vierhundertjährigen Dämmerung, die damals nach kurzem Morgenrot wieder angebrochen ist, herausführen würde. Er allein dürfte vielleicht diese Geschichte schreiben, dieses alte Schlachtfeld endlich aufräumen. Als Eingeständnis, wie wenig weit wir <hi rend="italic">selber</hi> sind und wie wenig <hi rend="italic">darum</hi> in der Lage zu durchschauen, ist es vielleicht ganz gut, wenn auch unser Versuch nun in mehr als einer Beziehung ein Torso bleibt.</p>
                <p> Wir wenden uns also zu der Aufgabe, uns <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <ref type="term">Christologie</ref></hi> an Hand seiner drei letzten Abendmahlsschriften (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,525[-538]</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,66[-85].151[-184]</bibl>)<note xml:id="n771"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,679-701</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,922-959</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3119">Z 6/II,126-159</bibl>.</note> zu veranschaulichen, einfach zu dem Zweck, um zu sehen, wie sich seine bekannte Physiognomie nun auch auf diesem Hintergrund abzeichnet. Etwas grundsätzlich Neues wird uns, wie <pb ed="pga" xml:id="p440"/> ich gleich vorausschicken muß, auch hier nicht begegnen, aber ein neuer Beweis für die große Geschlossenheit und Einheitlichkeit seines Denkens, die einen, wie man auch sonst zu ihm stehen mag, immer wieder mit Respekt erfüllt. 
                Wir hörten bereits, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ein strammer Chalcedonenser war, wenigstens dem Wortlaut der Zweinaturenlehre nach, auf die er viel mehr Gewicht legte als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. In Wirklichkeit hat er sich von dem, was den Vätern von <placeName ref="kbga-places-1004">Chalcedon</placeName> als die richtige Mitte vorschwebte (eine Mitte, in der sich wahrscheinlich noch nie auch nur ein einziger Theologe wirklich aufgehalten hat!), nach der Seite des <ref type="term">Nestorianismus</ref> ebensoweit entfernt wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nach der Seite des Monophysitismus. Er hat die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur in Christus kräftig behauptet: «<hi rend="italic">ein</hi> Christus Jesus, wahrer Gott und <persName ref="kbga-actors-2224">Mariä</persName> Sohn, der von <hi rend="italic"><ref type="term">Ewigkeit</ref></hi> her geboren wird bei seinem himmlischen Vater ohne eine Mutter und in der <hi rend="italic"><ref type="term">Zeit</ref></hi> von der leiblichen Mutter ohne einen leiblichen Vater» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,67</bibl>).<note xml:id="n772"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,923,29-32.</bibl></note> 
                Aber dieser Behauptung fehlt bei ihm das eigentliche Metall, weil ganz offenkundig sein ganzes Interesse an dem Nachweis hängt, «daß Gott ihnen beiden auch ihr Art und Eigenschaft <hi rend="italic">behalten</hi>, also daß man an ihrem Tun und Leiden das <hi rend="italic">Besondere</hi> einer jeden öffentlich empfinde» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,67</bibl>).<note xml:id="n773"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,923,1-3.</bibl></note> Saubere, konsequente Scheidung innerhalb des Einen um der Würde der göttlichen Natur und um der daran hängenden Kraft der <ref type="term">Erlösung</ref> willen, das ist das sein Denken auch hier bewegende Motiv. Natürlich sieht auch er sich vor die Tatsache gestellt, daß in der Bibel an unzähligen Stellen so von Christus die Rede ist, daß es jedenfalls nicht auf den ersten Blick klar ist, welche Natur dabei gemeint sei. Drei Möglichkeiten will er unterscheiden: 1. von dem einen Christus wird ausgesagt, was in Wirklichkeit nur von einer seiner Naturen gilt, z. B. «Christus mußte leiden» nur von seiner menschlichen Natur<note xml:id="n774"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,926,12-20.</bibl></note>; 
                2. der einfachste Fall: von dieser oder jener Natur wird gesagt, was ihr zukommt, z. B. «des Menschen Sohn wird verraten» von der menschlichen oder «das Wort war bei Gott» von der göttlichen Natur<note xml:id="n775"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,926,21-927,10.</bibl></note>; 3. der schwierigste und für sein Anliegen heikelste Fall: von der <pb ed="pga" xml:id="p441"/> einen Natur wird ausgesagt, was nur von der anderen gelten kann, z. B. «das Wort ist Mensch geworden»<note xml:id="n776"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,927,11-928,17.</bibl> Die ursprünglich folgende Erklärung «von der göttlichen» hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nachträglich gestrichen, weil er es wohl verwirrend fand, daß hier die begrifflich genannte Natur angegeben wäre, beim gleich folgenden Beispiel aber die per alloiosin gemeinte.</note> oder «der Sohn Gottes ist gekreuzigt worden»<note xml:id="n777"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,687,8-19</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,681,5-8.</bibl></note> 
                von der menschlichen Natur. Die überlieferte <ref type="term">Theologie</ref> hat für diesen Fall den Begriff der «<foreign xml:lang="lat">communicatio idiomatum</foreign>», <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> verwirft ihn nicht, faßt ihn aber bezeichnenderweise auf als eine Redefigur, die er <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀλλοίωσις</foreign>, zu deutsch «Gegenwechsel» nennt: einen Übergang oder eine Permutation, bei der wir von der einen Natur mit den Prädikaten der anderen reden (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,525</bibl>).<note xml:id="n778"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,679,13-681,1.</bibl></note> 
                Gelegentlich hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dafür auch den Begriff <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἠθοποιία</foreign> («Sittendichtung») angewendet, «da man einem Sitten andichtet, die er von Natur nicht hat», so z. B. wenn es <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2">Phil. 2</ref> von Christus heiße, «er entäußerte sich selbst», was doch von Gott nicht gesagt werden könne (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb, 74f</bibl>).<note xml:id="n779"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,938,6-939,14.</bibl></note> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> will natürlich damit nichts gegen diesen biblischen Sprachgebrauch einwenden.
                Aber er will, daß man sich, wenn man sich seiner bedient, bewußt sei, daß man nun «<foreign xml:lang="lat">per alloiosin</foreign>» rede. Es ist klar, daß er sich dadurch dogmatisch das Recht sichern wollte, z. B. die Einsetzungsworte tropisch zu deuten. Die Anwendung des Tropus ist ja nur eine Anwendung der Einsicht, daß eine bestimmte Aussage von Christus «<foreign xml:lang="lat">per alloiosin</foreign>» zu verstehen ist, was sich nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Meinung so ziemlich in jedem Fall aus dem Zusammenhang und aus der Sache klar genug ergibt.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">19.II.23</date>
                 Die<note xml:id="n780"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand: «Grippe!». Vgl. Briefe an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> vom
                <date when="1923-02-09">9.2.1923</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p137#p137">S. 137</ref></bibl>: «Eine kleine Grippe hat mich zur Strecke gebracht...» und vom <date when="1923-02-16">16.2.1923</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p142#p142">S. 143</ref></bibl>: «Die schon gewichene Grippe ist anfangs dieser Woche, im Zusammenhang mit meinem allgemeinen ‹Erledigtsein›, in Form einer großen Erschöpfung wiedergekehrt, so daß ich jetzt aussetzen mußte und erst Montag [19.II.23] wieder anfangen resp. den Schluß von 1 
                Wochen noch durchführen kann. Auch gut, da ich die Freudigkeit zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wirklich etwas verloren habe.»</note> Anschauung von Christus, die sich auf diesen Grundsatz begründet, hat er einmal so zusammengefaßt: «Wie die <hi rend="italic">Menschheit</hi> <pb ed="pga" xml:id="p442"/> vom Sohne Gottes zu dem Zweck angenommen wurde, daß natürlicherweise der Schöpfer zum Opfer werden könne, ist sie durch die Herrlichkeit des Leidens, Todes und Kreuzes zum höchsten Sitz der Gottheit aufgefahren und sitzt zur Rechten Gottes - so bleibt seine <hi rend="italic">Gottheit</hi> unveränderlich, regiert und leitet allein alle Dinge» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,537f</bibl>.).<note xml:id="n781"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,701,13-16.</bibl></note> 
                Es ist der bekannte unverbrüchliche zwinglische <hi rend="italic">Parallelismus.</hi> Hören wir zunächst, wie sich das im Licht einer Zentralstelle, des Wortes <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref> «Das Wort ward <ref type="term">Fleisch</ref>», ausnimmt. Hier tritt Fall 3 ein, also <foreign xml:lang="lat">Alloiosis</foreign>. Denn Gott kann <hi rend="italic">nichts werden</hi>, oder er wäre ja unvollkommen. Also muß dies Wort den Sinn haben: Der <hi rend="italic">Mensch</hi> ist <hi rend="italic">Gott</hi> geworden, d. h. der Mensch ist in der <ref type="term">Ewigkeit</ref> der Person des Sohnes Gottes angenommen worden, ohne Verkehrung der menschlichen Natur in die göttliche, die ja ebenso unmöglich wäre (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,69</bibl>).<note xml:id="n782"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,927,11-29.</bibl></note> 
                Man sage also nicht: Gott hat sich in einen Menschen verwandelt (natürlich auch nicht das Umgekehrte!), sondern: der nicht Mensch war, hat die Menschheit angenommen, was aber ohne Gefahr mit der Bibel auch so gesagt werden darf: Gott ward Mensch! (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,526</bibl>).<note xml:id="n783"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,683,21-684,8.</bibl></note> Umgekehrt kann ein Satz wie der: Der Herr der Herrlichkeit ward gekreuzigt! natürlich, und wenn er sechshundertmal wiederholt würde, nicht besagen, daß die Gottheit gelitten habe, sondern nur die Menschheit (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">III,528</bibl>).<note xml:id="n784"> <bibl corresp="kbga-bibls-2830">Z 5,687,8-10.</bibl></note> |</p>
                <p> Die besondere Anschauung, an der <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Christuslehre orientiert ist, ist die <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">sessio ad dextram</foreign></hi><hi rend="italic">».</hi> In immer neuen Ansätzen hat er versucht zu zeigen, was er damit meinte, wenn er aufstellte: Christi Menschheit ist jetzt <hi rend="italic">zur Rechten Gottes</hi>, <hi rend="italic">nur</hi> dort und darum <hi rend="italic">nicht</hi> überall. Als <hi rend="italic">Gott</hi>, eins mit dem <hi rend="italic">Vater</hi>, hat er diesen höchsten Ort ja nie <hi rend="italic">verlassen.</hi> Wohl aber zur <ref type="term">Zeit</ref> der <ref type="term">Fleisch</ref>werdung als <hi rend="italic">Mensch</hi>, wird im Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bemerkt, denn Christi <ref type="term">Menschheit</ref> war zur Zeit seines Erdenlebens leidensfähig, also nicht im <ref type="term">Himmel</ref> denkbar, es wäre denn, man wollte einen doppelten Leib Christi, einen irdischen und einen himmlischen annehmen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,75f.</bibl>).<note xml:id="n785"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,940,1-942,5.</bibl></note> 
                Die Himmelfahrt ist <pb ed="pga" xml:id="p443"/> die Rückkehr der <hi rend="italic">Menschheit</hi> Christi in den <ref type="term">Himmel</ref> zu Gott. Sie <hi rend="italic">bleibt</hi> aber <hi rend="italic">Menschheit</hi> und ist darum <hi rend="italic">nicht</hi> an mehr denn einem Ort, also <hi rend="italic">nicht</hi> allgegenwärtig. Denn die Menschheit Christi ist eine wahre <hi rend="italic">Kreatur</hi> und also <hi rend="italic">nicht</hi> unendlich, sondern umschrieben, «ynzilet», das Vorbild dessen, was wir bei Gott sein werden. Sie wird nicht ein und dasselbe mit Christus, dem Sohne Gottes, sie <hi rend="italic">besitzt</hi> und <hi rend="italic">genießt</hi> zwar die Gottheit, aber als eine endliche Kreatur und <hi rend="italic">so</hi> gewinnen wir sie mit als die «<foreign xml:lang="lat">cooptati</foreign>», die angenommenen Kinder (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,82f.</bibl>).<note xml:id="n786"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,954,1-955,23.</bibl></note> 
                Die <ref type="term">Menschheit</ref> Christi kann darum nicht überall sein, weil sonst anzunehmen wäre, daß sie unendlich geworden wäre. Dann gäbe es aber <hi rend="italic">zwei</hi> Unendlichkeiten. Das widerspricht sich selber. Nur <hi rend="italic">ein</hi> Ding kann unendlich sein, das ist die einige <hi rend="italic">Gottheit</hi>. Was aber <hi rend="italic">gemacht</hi> ist, das ist <hi rend="italic">nicht</hi> unendlich. Daß die «Rechte Gottes» überall ist, das ist für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbstverständlich. Aber die Rechte Gottes ist eben Christus nach seiner <hi rend="italic">Gottheit.</hi> Nach seiner Menschheit ist er freilich <hi rend="italic">auch</hi> zur Rechten Gottes, aber eben nicht so, daß er an ihrer <ref type="term">Gewalt</ref>, <ref type="term">Ewigkeit</ref> und Allgegenwart Anteil hätte, sonst wäre es nicht seine <ref type="term">Menschheit</ref>. Die andere Begründung der Allgegenwart der Menschheit Christi wäre die Annahme ihrer Verwandlung in die Gottheit. Aber, sagt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, es muß «styf bei der alten rechten theology» bleiben, daß beide Naturen unvermischt bleiben, und darum auch bei dem Ausschluß der Menschheit von den Prädikaten der Gottheit (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIb,73</bibl>).<note xml:id="n787"> <bibl corresp="kbga-bibls-3117">Z 5,933,13-934,10.</bibl></note> 
                Eine Verwandlung der Menschheit in die Gottheit ist in ihrem Begriff so unmöglich wie eine himmlische <hi rend="italic">neben</hi> einer irdischen Leiblichkeit Christi, und da ja auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> weder eine Verwandlung noch ein solches Nebeneinander annehmen wollte, meinte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit diesem Nachweis den Gegner endgültig eingekreist und zur Kapitulation genötigt zu haben. Daß dies nicht der Fall war, versteht sich von selbst, obwohl <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf dem Boden dieses Entweder-Oder-Denkens etwas Triftiges nicht mehr zu erwidern wußte. Seine Erwiderung bestand eben darin, daß er sich hartnäckig weigerte, sich überhaupt auf diesen Boden zu begeben, sondern sich hartnäckig damit begnügte, das Paradox der <ref type="term">Offenbarung</ref>, daß Gott Mensch <hi rend="italic">wurde</hi> (<hi rend="italic">ohne</hi> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀλλοίωσις</foreign>, <hi rend="italic">ohne</hi> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἠθοποιία</foreign> geredet, natürlich!), zu behaupten. |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p444" rend="noPipe"/> Es wird Ihnen gehen wie mir, man fühlt sich unglücklich beim Durchdenken dieser christologischen Gedanken <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, gerade weil sie so überaus reinlich und gerecht jedem Teil das Seine geben. Das Anliegen, das ihn letztlich bewegt, ist ja deutlich genug: Die Ehre Gottes soll gewahrt bleiben auch in der Anschauung von Christus, keine Vermischung, keine Befleckung des Göttlichen mit dem Menschlichen soll stattfinden, damit es der Anbetung würdig sei und bleibe, damit der für die sittliche Anspannung des Menschen unentbehrliche Gegensatz von Himmel und Erde auch in dieser Zentralanschauung, auch wenn unser Blick sich zur Rechten Gottes erhebt, nicht verschwinde. Aber diese negative Feststellung konnte und kann doch nur eine allerdings dringend nötige Randbemerkung sein zu jenem von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> behaupteten Paradox der <ref type="term">Offenbarung</ref>, eine Hervorhebung all der Schwierigkeiten, ja der Unmöglichkeit, 
                von der diese Behauptung bedrückt ist, also einfach eine Hervorhebung des <hi rend="italic">paradoxen</hi> <ref type="term">Charakter</ref>s der Behauptung: Gott ward Mensch. Daß sie bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und seinen Schülern diesen <ref type="term">Charakter</ref> <hi rend="italic">verlor</hi>, je mehr er sich im Eifer des Behauptens die Ohren verschloß gegen das Berechtigte jenes Anliegens und dieser Randbemerkung, daß sie zum starren dogmatischen Versuch einer direkten Mitteilung<note xml:id="n788"> Der Begriff «direkte Mitteilung» geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Einübung im Christentum</hi>,  Gesammelte Werke, hrsg. von H. Gottsched und Chr. Schrempf, Bd. 9, Jena 1912, S. 110–131</bibl>.</note> 
                werden und ihres Gehalts verlustig gehen mußte, je mehr sie allein und abgesehen von dem von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> angemeldeten und früher auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> lebendigen Bedenken <hi rend="italic">wahr</hi> sein wollte, das ist klar und das ist das nicht genug zu beklagende Unglück der lutherischen Theologie geworden. Aber das noch Fatalere bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war, daß er gar nicht merkte, daß seine an sich richtige negative Feststellung nur eine Randbemerkung sein konnte zur Erläuterung jener Behauptung, eine Verschärfung der <hi rend="italic">Paradoxie</hi> jener Behauptung, sondern durch die Einschaltung jener «Philosophie des Als ob»<note xml:id="n789"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3162"><persName ref="kbga-actors-1297">H. Vaihinger</persName>, <hi rend="italic">Die Philosophie des Als Ob: System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus</hi>, Berlin 1911 (Nachdruck Aalen 1986)</bibl>.</note>, 
                  durch die Umkehrung des «Gott ward Mensch» in «Der Mensch ward Gott» jene Behauptung entspannte und entleerte, sie ihrer Paradoxie geradezu beraubte, und darin gera<pb ed="pga" xml:id="p445" break="no"/>de, in dem triumphierenden Nachweis, daß Gott eigentlich und im Grunde nicht Mensch geworden sein könne, weil das mit unseren Begriffen von Gott und Mensch nicht vereinbar sei, die wahre, endgültige <ref type="term">Christologie</ref> gefunden zu haben meinte. |</p>
                <p>  Man  muß auch hier  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> daneben halten, der den Satz, daß wir Christus nach dem <ref type="term">Fleisch</ref>e jetzt nicht mehr kennen [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16</ref>], wahrhaftig <hi rend="italic">auch</hi> und auch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> und dem Luthertum gegenüber kräftig zur Geltung gebracht hat, ohne ihn doch in dieser rechthaberischen Isolierung als letztes Wort aufzurichten, um zu sehen, wie sehr sich leider auch hier <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Haltung charakterisiert als «<ref type="term">Protestantismus</ref>» in dem fatalen Doppelsinn der Anmeldung eines Protestes, bei dem es dann aber auch sein Bewenden hat, der Betonung eines <ref type="term">Wahrheit</ref>s<hi rend="italic">momentes</hi>, das doch nur im lebendigen Fluß einer dialektischen <hi rend="italic">Bewegung</hi> ein <hi rend="italic">Wahrheits</hi>moment sein und bleiben konnte. 
                Hat man bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> am Ende des Abendmahlsstreites den Eindruck eines berechtigten, aber hölzern und unfruchtbar gewordenen Behauptens, so hat man bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> noch viel mehr den eines zwar auch berechtigten, aber auch hölzernen und noch unfruchtbareren Bestreitens. Das Plus an Unerfreulichkeit auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite rührt davon her, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von Hause aus in der glücklichen Lage war, das <hi rend="italic">primäre</hi> Interesse des <hi rend="italic"><ref type="term">Evangelium</ref>s</hi> zu vertreten, während <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Interesse, das auch wichtige, aber doch sachlich sekundäre, das des <hi rend="italic">­Menschen</hi> war, der versucht, sich mit dem <ref type="term">Evangelium</ref> auseinanderzusetzen, und daß er sich der Tragik dieser historischen Aufgabe, der ­notwendigen dialektischen Gebrochenheit, in der sie allein in Angriff genommen werden kann, im Unterschied zu  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> so gar nicht ­bewußt gewesen ist. Der beste Beweis dafür, 
                daß diese <ref type="term">Christologie</ref>, wie letztlich die ganze Theologie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nur als selber ergänzungsbedürftigste Ergänzung und gerade nicht im Sinn ihres Urhebers als die vollendende reformatorische <ref type="term">Wahrheit</ref> aufgefaßt werden kann, liegt wohl darin, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst nicht im Geringsten verstanden hat, sie zu dem, was ihm von Christus wirklich lebendig war, irgendwie in Beziehung zu setzen. Wer würde, wenn man ihn mit <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> von der «<foreign xml:lang="lat">militia Christi</foreign>», von dem himmlischen Hauptmann und Vorbild reden hörte, an seine Auslegung des Chalcedonense denken, und wem würden bei seinen Darlegungen über die <foreign xml:lang="lat">Alloiosis</foreign> und über die weltfern zur Rechten Gottes thronende Menschheit des Erlösers jene vielleicht nicht allzu tief greifende, aber <pb ed="pga" xml:id="p446"/> jedenfalls lebendig empfundene und bedeutungsvolle praktische Anschauung von Christus dem Führer in den Sinn kommen? 
                Beide Gedankenreihen könnten ebensogut die zweier ganz verschiedener Menschen sein; sie widersprechen sich nicht, sie haben aber auch weiter nichts miteinander zu tun. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst hat jedenfalls den Verbindungsfaden nicht zu ziehen gewußt. Hätte er es getan, so hätte er mit seinem Entweder-Oder-Denken auf die Länge unmöglich durchkommen können. Die optimistische Sieghaftigkeit, mit der er trotzdem gegen die immerhin ganz anders durchdachte und in sich geschlossene Christus-Anschauung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> angehen zu müssen und zu können meinte, zeigt nur, wie notwendig und glücklich es war, daß dieses erste Wort reformierter Theologie nicht das letzte geblieben ist.</p>
                <p> Das zweite versprochene Ersatzstück für Vieles, was wir nun ausfallen lassen müssen, ist ein kurzer Bericht über das <hi rend="italic">Religionsgespräch zu <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> von 1529</hi>.<note xml:id="n790"> Vgl. die Textsammlung <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, hrsg. von G. May (Texte zur Kirchen und Theologiegeschichte, Heft 13), Gütersloh 1970</bibl>, sowie zum Verlauf des  Gesprächs <bibl corresp="kbga-bibls-1942"><persName ref="kbga-actors-646">W. Köhler</persName>, <hi rend="italic">Zwingli und Luther</hi>, a.a.O. (oben S. 268, Anm. 53), Bd. II, Gütersloh 1953, S. 66–163</bibl>. In der Darstellung des Marburger Religionsgesprächs folgt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> neben den im folgenden genannten Quellen der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>-Vorlesung von <persName ref="kbga-actors-21">Fr. Barth</persName> (1903), 43-44.</note> 
                Sie finden die Quellen dazu in den Berichten von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Begleiter <persName ref="kbga-actors-9505">Rudolf Collinus</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,173[-182]</bibl>)<note xml:id="n791"> <bibl corresp="kbga-bibls-3164"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Relatio Rodolphi Collini</hi>, S IV,173-182</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,110-171</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 33–39</bibl>).</note>, 
                von <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName><note xml:id="n792"> <bibl corresp="kbga-bibls-3165"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Epistola Philippi Melanchthonis ad Principem Electorem Saxoniae</hi>, S IV,184-187</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-39">CR 1,1098-1102 (Nr. 637)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3166"><hi rend="italic">Melanchthons Briefwechsel</hi>, Bd. T 3 (Texte 521-858), hrsg. von R. Wetzel, Stuttgart-Bad Cannstadt 2000, S. 613–619 (Nr. 831)</bibl>. <bibl corresp="kbga-bibls-3167"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Epistola Philippi Melanchthonis ad Henricum Saxoniae Ducem</hi>, S IV,187-189</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-39">CR 1,1102-1106 (Nr. 638)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3166"><hi rend="italic">Melanchthons Briefwechsel</hi>, a.a.O., S. 620–627 (Nr. 832)</bibl>.</note>, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName></hi><note xml:id="n793"> <bibl corresp="kbga-bibls-3168"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Oecolampadius ad Berchtoldum Hallerum</hi>, S IV,191-193.</bibl></note>, 
                <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName></hi><note xml:id="n794"> <bibl corresp="kbga-bibls-3169"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Bucerus in praefatione ad Commentaria in Evangelia</hi>, S IV,193f.</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3170"><persName ref="kbga-actors-1107">A. Lang</persName>, <hi rend="italic">Der Evangelienkommentar Martin Butzers und die Grundzüge seiner Theologie</hi>, Leipzig 1900 [Nachdruck Aalen 1972], S. 403–410</bibl>).</note> 
                und <pb ed="pga" xml:id="p447"/> <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1496">Bren</persName>z</hi><note xml:id="n795"> <bibl corresp="kbga-bibls-3171"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Brentius Schradino ceterisque Ecclesiae Reutlingensis Symmystis</hi>, S IV,201-204</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,152-156</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 82–86)</bibl>.</note> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,184[-204]</bibl>), in der Darstellung <persName ref="kbga-actors-1506"><hi rend="italic">Bullingers</hi></persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IIc,45[-52]</bibl>)<note xml:id="n796"> <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>,  <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O. (oben S. 122, Anm. 61), Bd. II, S. 224–236 (Nr. 327f.).</bibl></note>, 
                im Briefwechsel <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">VIII</bibl>)<note xml:id="n797"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (20.10.1529), <bibl corresp="kbga-bibls-2941">Z 10,316-318 (Nr. 925)</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 80f.</bibl>).</note> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1949">End. 7</bibl>)<note xml:id="n798"> Brief an <persName ref="kbga-actors-5070">Katharina Luther</persName> (4.10.1529), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,153 (Nr. 1476)</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 72</bibl>); Brief an <persName ref="kbga-actors-9483">Nikolaus Gerbel</persName> (4.10.1529), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,154 (Nr. 1477)</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 71</bibl>); Brief an <persName ref="kbga-actors-8107">Johann Agricola</persName> (12.10.1529), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,160f. (Nr. 1479)</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 76</bibl>).</note>, 
                in dem Reisebericht des <ref type="term">Straßburg</ref>ers <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-166">Hedio</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-3172">Zsch. f. Kgsch. IV</bibl>)<note xml:id="n799"> <bibl corresp="kbga-bibls-3172"><persName ref="kbga-actors-9131">A. Erichson</persName>, <hi rend="italic">Straßburger Beiträge zur Geschichte des Marburger Religionsgespräches, I.: Hedios Itinerarum</hi>, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte, Bd. IV, Heft III (1880), S. 414–436</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,110-171 [nur Hauptgespräch]</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 13–30)</bibl>.</note>, 
                in <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> «<bibl corresp="kbga-bibls-3120">Auslegung etlicher Kapitel aus dem 5. Buch Mose</bibl>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">36,320[-322]</bibl>)<note xml:id="n800"> <bibl corresp="kbga-bibls-3120"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Wochenpredigten über das 5. Buch Mose</hi> (1529), WA 28,668,19-669,35.</bibl></note> und in seinem (kleinen) <bibl corresp="kbga-bibls-3118">Bekenntnis vom Abendmahl von 1544</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-496">32,396[-425]</bibl>)<note xml:id="n801"> <bibl corresp="kbga-bibls-3118">WA 54,141-167.</bibl></note>. Alle diese Berichte sind Parteiaussagen, insbesondere die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> können vom ersten Brief an seine Frau
                <persName ref="kbga-actors-5070">Käthe</persName> von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></ref> aus bis zu dem 15 Jahre später im kleinen <ref type="term">Bekenntnis</ref> ertönenden letzten Echo jener Tage nur als mythologische Alfresco-Darstellung aufgefaßt werden, aber auch die Darstellungen der Gegner sind naturgemäß stark durch ihre bestimmte Brille bestimmt. So kommt es, um dies gleich vorwegzunehmen, daß beide Parteien in rührender Übereinstimmung sich selber bedingungslos den glänzendsten und vollständigsten Sieg zugeschrieben haben, während die <ref type="term">Wahrheit</ref> wohl, wie nach allem Vorausgegangenen zu erwarten, die war, daß die Oberländer noch einmal disputatorisch das Feld behaupteten resp. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> so in die Ecke drängten, 
                  daß ihm außer der Berufung auf den Wortlaut der Einsetzungsworte eigentlich kein Argument mehr übrig blieb, während sie umgekehrt die Enttäuschung erleben mußten, daß der disputatorische Erfolg, den sie offenkundig einheim<pb ed="pga" xml:id="p448" break="no"/>sen konnten, auf <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> doch nicht den geringsten Eindruck machte, daß sie ihn am letzten Tag wie am ersten in einer Stellung unerschüttert sich behaupten sehen mußten, an die sie <hi rend="italic">nur</hi> noch mit der Anklage völliger Borniertheit oder aber mit einer bedingungslosen Kapitulation ihrer eigenen Stellung herankommen konnten. 
                Sie wählten natürlich das erstere, im Bewußtsein, ihre <ref type="term">Schuld</ref>igkeit getan zu haben, und mußten es dafür geschehen lassen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sie ziehen ließ als Solche, die noch nicht einmal das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">α</foreign> von dem, worauf es ihm ankam, begriffen hatten, wobei ihre Bereitwilligkeit, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in Allem außer in der Abendmahlssache zuzustimmen, sie erst noch in den Nachteil versetzte, daß ihr ganzer kunstvoller Widerstand in dem einen Punkte nur ein Rückzugsgefecht sei, bei dem sie im Grunde, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hüben meinte, das Bier gerne wieder im Faß gehabt hätten, wenn sie sich nicht schon zu weit vorgewagt hätten.<note xml:id="n802"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3120">WA 28,669,11f.</bibl></note> 
                Aber hier greift schon die lutherische Mythologie ein, die die Anderen natürlich nicht gelten ließen. Soweit man das tatsächliche Material der gefallenen Voten von beiden Seiten übersehen kann, bleibt doch für uns betrachtende Nachfahren der bestimmte Eindruck, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und die Seinen theologisch-technisch damals entschieden den Kürzeren gezogen haben und daß sich das Siegesbewußtsein, das auch sie davontrugen, auf Faktoren gründete, die sie theologisch-technisch nicht geltend zu machen wußten. Es war ein Kampf zwischen Walfisch und Elefant, bei dem jeder sich als Sieger fühlte, weil der Andere das Element, in dem <hi rend="italic">er</hi> Meister war, aus Gründen nicht betreten konnte.<note xml:id="n803"> 
                Die Metapher von Elefant und Walfisch, «die nicht zueinander können», dürfte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> übernommen haben von <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Fr. Overbeck</persName>, <hi rend="italic">Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie</hi>, hrsg. von C. A. Bernoulli, Basel 1919 (Nachdruck Darmstadt 1963), S. 215f</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat diese Metapher gelegentlich angewandt, und zwar auf sein Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>, in: <bibl corresp="kbga-bibls-1921">Bw.B., <ref type="pub" target="../volume/01/p192#p192">S. 192</ref></bibl>, sowie auf sein Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName>, in: <bibl corresp="kbga-bibls-2494"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gespräche 1959-1962</hi>, hrsg. von E. Busch  (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 1995, <ref type="pub-" target="../volume/25/p160#p160">S. 160f</ref></bibl>.</note> 
                Ein offizielles, unparteiisches Protokoll ist auf ausdrücklichen Wunsch <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und gegen den ebenso ausdrücklichen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nicht aufgenommen worden. Das Bild würde jedenfalls in Bezug auf die Frage nach dem Sieger kein anderes sein, auch wenn wir einen solchen objektiven Bericht besitzen würden.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p449" rend="noPipe"/> Die  Initiative zu dieser berühmten Aktion ist bekanntlich von dem jugendlichen Landgrafen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-319">Philipp von Hessen</persName></hi> ausgegangen, der mit dem Plan einer Koalition aller nicht-katholischen Staaten <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName> nicht nur unter sich, sondern auch mit <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> und <ref type="term"><orgName ref="kbga-actors-9628">Venedig</orgName></ref> gegen die habsburgisch-katholische Vormacht umging, eine Idee, die ihn zum natürlichen Gesinnungsgenossen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> ebensosehr zum vornherein machte, wie sie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> andererseits Mißtrauen und Zurückhaltung einflößen mußte. 
                Eine erste Notwendigkeit zu diesem Zweck war die Einigung der durch die Abendmahlssache tief zerspaltenen Evangelischen Nord- und Süddeutschlands. So kam es zu der Einladung an die beiderseitigen theologischen Schulhäupter, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, nicht zum mindesten in Erwartung der mit dem Landgrafen privatim zu führenden politischen Nebengespräche, sofort und freudig, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dagegen nur zögernd und offenkundig lustlos, ja widerstrebend annahm. Er hat sich von der Sache zum vornherein und ausdrücklich <hi rend="italic">keinen</hi> Erfolg versprochen, zog es aber, da der <persName ref="kbga-actors-319">Landgraf</persName> seine Einwendungen sichtlich überhören <hi rend="italic">wollte</hi>, vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. 
                Er hat es seinen Freunden gegenüber offen ausgesprochen, daß er befürchte, in eine geistige Falle gelockt zu werden.  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> war es, der damals den merkwürdigen Vorschlag machte, einige gelehrte und achtbare <hi rend="italic">katholische</hi> Theologen zu Schiedsrichtern in der beabsichtigten Disputation zu ernennen. Umso williger war man auf der anderen Seite. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> reiste am 3. September heimlich von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> ab, erst nachträglich die Erlaubnis des Rates und die Beigabe eines staatlichen Vertreters erbittend, die denn auch sofort gewährt wurde; sogar seine <persName ref="kbga-actors-9398">Frau</persName> erfuhr erst, als er schon in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> war, wohin die Reise gehen sollte; 
                in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></ref> schloß sich ihm <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> an, in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName>, <persName ref="kbga-actors-166">Hedio</persName> und der Stättmeister <persName ref="kbga-actors-9506">Jakob Sturm</persName>, die Reiseroute folgte solang als möglich dem linken Rheinufer; am 27. September kam die Gesellschaft am angegebenen Treffpunkt, dem landgräflichen <placeName ref="kbga-places-1000">Schloß zu <ref type="term">Marburg</ref></placeName> an, drei Tage später <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>, <persName ref="kbga-actors-9835">J. Jonas</persName>, <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName>, <persName ref="kbga-actors-8107">Agricola</persName> und <persName ref="kbga-actors-1496">Brenz</persName>. Sie hatten auf freies Geleit von der sächsischen Grenze her gewartet, was man, als im Gegensatz zu der Unbesorgtheit der weithergereisten Schweizer, übel oder doch spöttisch aufgenommen zu haben scheint. Einem der untergeordneten Zürcher Begleiter <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> scheint es aufgefallen zu sein, daß die <ref type="term">Wittenberg</ref>er in prächtigen <pb ed="pga" xml:id="p450"/> Pelzschauben aufrückten und an allen Fingern goldene Ringe trugen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> liebte es, sich bei solchen Begegnungen mit Gegnern festlich herauszuputzen. Umgekehrt gab <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Schweizerhochdeutsch und besonders seine Aussprache des Griechischen den Norddeutschen alsbald Anlaß zu Bemerkungen, die nicht streng zur Sache gehörten. | </p>
                <p>  Am 1. Oktober wurde der Anfang gemacht mit zwei Einzelkämpfen zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> einerseits und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> andererseits, die ersteren brauchten drei, die letzteren sechs Stunden, um vorläufig kopfschüttelnd auseinanderzugehen. Zwischen <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist anscheinend sofort und ausschließlich das Abendmahl, zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> zunächst die Gottheit Christi, die Erbsünde und die <ref type="term">Rechtfertigung</ref>, und zwar mit erreichtem Einverständnis, dann mit Mißerfolg auch das Abendmahl verhandelt worden. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war, sicher im Blick auf die politischen Intentionen des <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName>, zum vornherein zu weitmöglichstem Entgegenkommen entschlossen. 
                Die theologische Offensive, die in den vorangegangenen Jahren seine beherrschende Absicht gewesen war, wurde nun eben durchkreuzt durch den <ref type="term">Wille</ref>n, um des notwendig gewordenen äußeren Zusammengehens mit den Norddeutschen willen womöglich einen theologischen Modus <foreign xml:lang="lat">vivendi</foreign> mit ihnen zu suchen. Anders als damit und mit jenem Sinn für den vorteilhaften Aspekt einer friedlichen Haltung, von dem ja in der Korrespondenz der Oberländer öfters die Rede gewesen, kann man sich seine ganze Haltung in jenen Tagen kaum erklären. Aber wie dem auch sei: an der Abendmahlsfrage scheiterten schon die beiden Vorverhandlungen. <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> beklagte sich nachher, er sei in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf einen neuen <persName ref="kbga-actors-9106">Eck</persName> gestoßen, während <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von seinem Partner  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> den Eindruck eines schlüpfrigen, proteusartigen Wesens hatte, das er, auch wenn er seine Aussagen schriftlich fixierte, nicht auf dem, was er gesagt, behaften konnte. 
                  Umgekehrt machte <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, um dies gleich vorwegzunehmen, den Lutheranern statt des erwarteten milden, gelegentlich einen grämlich-empfindlichen Eindruck, während sie bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zwar «<foreign xml:lang="lat">agreste quoddam et arrogantulum</foreign>» konstatierten und fanden, er müsse bei aller Anerkennung seiner großen Gelehrsamkeit, die ihn weit gefährlicher mache als die katholischen Gegner, doch «<foreign xml:lang="lat">iratis Musis et invita Minerva</foreign>» stu<pb ed="pga" xml:id="p451" break="no"/>diert haben<note xml:id="n804"> <bibl corresp="kbga-bibls-3171">S IV,204</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,156,9-14</bibl>.</note> 
                - andererseits aber betroffen waren durch die Beobachtung, daß er offenbar die gewohnte Schärfe seines Ausdrucks mildere und in seinen Anreden an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> «<foreign xml:lang="lat">amicissime domine</foreign>», «<foreign xml:lang="lat">vestra charitas</foreign>» und dergleichen ganz außerordentlich freundlich-brüderlich sich vernehmen lasse.<note xml:id="n805"> <bibl corresp="kbga-bibls-3171">S IV,201</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,152,16</bibl>.</note> Man erkennt aus diesen Äußerungen unschwer, daß der unpolitischere <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> die Rücksicht nicht so nahm, zu der sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> jetzt entschlossen hatte. Aber sein taktischer Rückzug kam zu spät, und so kam Alles, wie es trotz der neu aufgetretenen politischen Rücksicht kommen mußte. |</p>
                <p> Am Samstag 2. Oktober kam es zu der ersten Plenarsitzung im Rittersaal. Nur fünfzig Personen waren zugelassen, wieder auf Wunsch <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und gegen den <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, der nach guter Schweizersitte gerne vor weit geöffneten Türen und Fenstern verhandelt hätte. Zahlreiche weithergereiste Fremde, z. T. vornehmen Standes, auch Theologen mußten deshalb unverrichteter Dinge wieder abreisen. Der <persName ref="kbga-actors-319">Landgraf</persName> in Person präsidierte, neben ihm sein Schwager <persName ref="kbga-actors-9431">Ulrich von <ref type="term">Württemberg</ref></persName>, der Kanzler <persName ref="kbga-actors-9836">Feige</persName> eröffnete. Dann begann die Verhandlung wenig verheißungsvoll mit einem «Protest» <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, 
                in dem er das <hi rend="italic">Ganze</hi> der <ref type="term">Lehre</ref> der Oberländer in Frage stellte, ihre Stellung zu Trinität, Gottheit Christi, Erbsünde, Rechtfertigung durch den Glauben. Es gelang dann <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>, die Diskussion zunächst auf das Abendmahl zu beschränken, aber nun geschah es, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sein erstes und letztes Wort sprach, indem er die Worte «<foreign xml:lang="lat">hoc est corpus meum</foreign>» als seine Meinung bezeichnete, von der er nicht weichen werde. Nach dem einen Bericht soll er sie sogar mit Kreide vor sich auf den Tisch geschrieben haben.<note xml:id="n806"> 
                Vgl. den Bericht von <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,145,12f.</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 52</bibl>) und zum gesamten Verlauf <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,110-112</bibl> sowie <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O.  (oben S. 122, Anm. 61), Bd. II, S. 226f. (Nr. 327)</bibl>.</note></p>
              </div>
              <div type="session">
                <p><date rend="right">20.II.23</date> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>  und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> greifen zunächst mit <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> an. Sind <ref type="term">Geist</ref> und <ref type="term">Fleisch</ref> ausschließende Gegensätze? <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Ja! <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: in Christus Nein! Ist es möglich, daß Gott uns etwas Unbegreifliches zum Glauben vorlegt? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Ja! <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Nein! <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Wenn Christus mir Holzäpfel als seinen Leib essen hieße, ich würde es annehmen. <pb ed="pga" xml:id="p452"/> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Gott heißt uns aber keine Holzäpfel essen, sondern das Brot zum Gedächtnis. Weiter <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>:  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> habe zugegeben, daß die Einsetzungsworte etwas <hi rend="italic">bezeichnen</hi> («<foreign xml:lang="lat">significare</foreign>»). Auch  <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> hat auf die Worte des Engels geantwortet: Wie soll das zugehen? Wie soll der Leib Christi anders als geistlich genossen werden? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: durch die Einsetzungsworte Christi <hi rend="italic">kommt</hi> aber der Leib ins Brot. Es handelt sich um <hi rend="italic">Gottes</hi> Werk. Ich frage nicht, ob es so sei, ich stelle fest, daß Christus es so gesagt hat. 
                 Man soll Gottes Wort nicht glossieren. «Wenn ihr hier einen Tropus machet, warum nicht auch bei dem Wort: er ist in den <ref type="term">Himmel</ref> gefahren?» <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Zum Verständnis des <ref type="term">Apostolikum</ref>s ist kein Tropus nötig. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Zum Verständnis der Einsetzungsworte auch nicht. Da die Gründe der Gegner so schwach seien, möchten sie doch nach- und Gott die Ehre geben! <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Umgekehrt: <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und seine Freunde sollen Gott die Ehre geben und ihre «<foreign xml:lang="lat">petitio principii</foreign>» verlassen. «<foreign xml:lang="lat">Hic locus</foreign>», die Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6">Joh. 6</ref> «bricht euch den Hals». <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> braust auf: «Rühmet nicht zu sehr, die Hälse brechen nicht also. Ihr seid in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-611">Hessen</placeName></ref>, nicht in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>!» <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> muß sich entschuldigen, er habe einen kräftigen Helvetizismus gebraucht, der nicht so schlimm gemeint sei. Darauf versöhnende Unterbrechung durch das Kämpfern und Zuhörern gerüstete <hi rend="italic">Mittagessen.</hi><note xml:id="n807"> <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,113-123</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 227f. (Nr. 327)</bibl>.</note></p>
                <p> Am Nachmittag eröffnete <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit der nicht ganz neuen These («<foreign xml:lang="lat">veterem suam cantilenam</foreign>», <persName ref="kbga-actors-1496">Brenz</persName>)<note xml:id="n808"> <bibl corresp="kbga-bibls-3171">S IV,201</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,152,22</bibl>.</note>, daß das <ref type="term">Fleisch</ref> nichts nütze sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>], und beruft sich auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eigene frühere Auslegung dieses Wortes und auf  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> lehnt die Verhandlung über seine und  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthons</persName> frühere Äußerungen ab. Noch sind die Worte: «Das ist mein Leib!» nicht widerlegt. Wenn Gott sagt: nehmet, machet, sagt die Worte, da <hi rend="italic">geschieht</hi> es, <hi rend="italic">er</hi> hat es gesagt, und es ist <hi rend="italic">geschehen.</hi> Nicht auf den Glauben der Empfänger kann es hier ankommen. Wir wissen nicht, wer glaube und nicht glaube. Gott gründet das <ref type="term">Sakrament</ref> nicht auf unsere Heiligkeit, sondern auf sein Wort. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: 
                Aber können denn die Gottlosen etwas Heiliges verrichten? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Auch das ist gegen euch, weil ihr so weder getauft [werden] noch das Wort hören noch das Mahl nehmen werdet, da ihr die <pb ed="pga" xml:id="p453"/> «Rechtschaffenheit» eines Menschen nicht kennt. «Im Wort Gottes dienen Fromme und Gottlose.» <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName>: Warum <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den Tropus verwerfe und die Synekdoche annehme? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Mit der Synekdoche behalte er den Leib im Brot wie das Schwert in der Scheide oder wie das Bier in dem Kantel, mit dem Tropus aber nehme man den Leib hinweg. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> versucht die Ubiquität zu widerlegen durch die Erinnerung an die <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2">Phil. 2</ref> bezeugte Gleichheit Christi mit uns. Er erlebt den Triumph, daß er, griechisch zitierend, von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ersucht werden muß, es lateinisch oder deutsch zu wiederholen, <hi rend="italic">er</hi>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, benutze eben seit 12 Jahren nur noch das griechische Neue Testament. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> erwidert wegen der Gleichheit Christi mit uns, dann müßte Christus auch ein Weib gehabt haben und schwarze Äuglein. 
                Christi Leib sei allerdings umschrieben wie der unsere, wie die Nuß in der Schale, <hi rend="italic">wo</hi> er aber sei, das stehe jederzeit in Gottes Macht. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> will einfallen: Nein, wenn umschrieben wie unser Leib, dann auch örtlich beschränkt im <ref type="term">Himmel</ref> und also nicht im Brot. Oder doch im Brot?, versucht er nun den Gegner einzukreisen, der den Ausdruck gebraucht hatte, daß der Leib Christi «da» sei. «Localiter?», fragt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Ihr sagt ja: Der Leib Christi muß da sein, <hi rend="italic">da</hi>, <hi rend="italic">da.</hi> <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">Ibi</hi> est adverbium loci</foreign>. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>: Das ist Mathematik! «Ich will es nicht gehebt haben, ich will sie nicht!» <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>: Was ist aber das? «Muoß man denn gerade das, was <hi rend="italic">ihr</hi> wöllend?» Mit dieser nicht unbegreiflichen Frage schloß der zweite Tag.<note xml:id="n809"> <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,124-136</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 228f. (Nr. 327)</bibl>.</note></p>
                <p> Als  aus Abend und Morgen der dritte Tag geworden und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die sonntägliche <ref type="term">Predigt</ref> gehalten hatte, setzte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> aufs Neue ein mit der Behauptung der durch den Begriff Leib gegebenen örtlichen Beschränktheit des Leibes Christi. Wieder verwirft <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> diese mathematische Betrachtung. Wer bin ich, um Gottes Macht zu messen? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat aber nachher selbst erzählt, daß er hier «<foreign xml:lang="lat">ex philosophia</foreign>» argumentiert habe, daß ein Leib nicht notwendig an einem Ort sein müsse, beweise der <ref type="term">Himmel</ref>, der ein «<foreign xml:lang="lat">magnum corpus</foreign>» und doch «<foreign xml:lang="lat"><ref type="term">natur</ref>aliter sine loco</foreign>» sei (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,190</bibl>)<note xml:id="n810"> <bibl corresp="kbga-bibls-3175"><hi rend="italic">De colloquio Marburgensi relationes latine scriptae. Lutherus ad Iacobum Praepositum Bremensem</hi>, S IV,190</bibl>; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-7697">Jakob Propst</persName> (1.6.1530), <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,340,42-45 (Nr. 1577)</bibl>.</note>, 
                eine spekulative Abschweifung, für <pb ed="pga" xml:id="p454"/> die nun wieder <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> kein Verständnis hatte. Um keine örtliche Anwesenheit im Abendmahl handle es sich, da man ihn ja an vielen Orten zugleich esse. Darin findet <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wieder eine «<foreign xml:lang="lat">petitio principii</foreign>»: «So nehmet ihr eure Auffassung, die wir falsch nennen, immerdar für gewiß und recht und beweiset sie doch nicht. Das ist ein häderiger Zank!» Der Streit ging dann weiter um gewisse Stellen bei <persName ref="kbga-actors-9507">Fulgentius</persName> und <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, bei dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> einmal so in die Enge getrieben wurde, daß er nur noch sagen konnte: <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> sei, als er die von den Gegnern angeführten ihrer Deutung günstigen Worte schrieb, noch jung und ohne Schriftkenntnis [gewesen], 
                was von <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> mit der Erinnerung, daß sie in den Retraktationen nicht widerrufen worden seien, leicht widerlegt werden konnte. Das war bereits am Nachmittag. Noch einmal scheint in diesen letzten Stunden im Anschluß an ein offenbar kluges und versöhnliches Votum <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampads</persName> die Möglichkeit einer Verständigung nicht ganz ausgeschlossen gewesen zu sein, indem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich sofort schriftlich notierte, wörtlich zugab: «Es ist mir nicht zuwider, daß man es nenne das <hi rend="italic">Zeichen</hi> des Leibes Christi»; nur daß man es ein <hi rend="italic">reines</hi> Zeichen nenne, könne er nicht zulassen. Er ließ aber den Gegnern nicht <ref type="term">Zeit</ref>, ihm auf dieser Spur zu folgen.  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> wäre der Mann gewesen, es mit Erfolg zu tun, aber der war damals noch Student der Rechte in <placeName ref="kbga-places-147">Orleans</placeName> und <placeName ref="kbga-places-148">Bourges</placeName>. 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> fing an, merken zu lassen, er lasse sich nicht weiter drängen, gedenke auch keine Beweise aus den Kirchenvätern vorzubringen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName> sollten nun seiner Meinung beitreten, da er das klare Wort Gottes für sich habe. Auf dieses Ansinnen und die Aufforderung, die Gegner möchten Gott bitten, sie gescheit zu machen, konnten diese selbstverständlich nur mit der Einladung antworten, dies für sich selber zu erbitten. Es war aus. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bestand auch gegenüber den Vermittlungsversuchen des <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> und der <ref type="term">Straßburg</ref>er darauf, daß Christus im Abendmahl leiblich gegenwärtig sei und mit dem Munde gegessen werde. Und ebenso vergeblich waren die nun einsetzenden Versuche, bei Anerkennung der bestehenden Differenzen die Anerkennung der brüderlichen <ref type="term">Gemeinschaft</ref> zwischen den Gegnern von ihm zu erlangen.<note xml:id="n811"> <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,137-144</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 229–232 (Nr. 327)</bibl>.</note> |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p455" rend="noPipe"/> Es mag zum lutherischen Mythus gehören, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geradezu mit <hi rend="italic">Tränen</hi> in den Augen darum gebeten habe<note xml:id="n812"> <bibl corresp="kbga-bibls-3175">S IV,190</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,340,49-52</bibl>.</note>, und die Gegner mögen etwas im Klang seiner Worte, das zum Naturell des Ostschweizers gehört, als rührselig aufgefaßt haben, was bloß als eindringlich gemeint war; <hi rend="italic">sicher</hi> ist, daß er außerordentlich lebhaft um diese Bruderschaft geworben hat und daß das <hi rend="italic">nur</hi> aus der politischen, <hi rend="italic">nicht</hi> aber aus der theologischen Vorgeschichte dieses denkwürdigen Tages zu verstehen ist. 
                Was aus der letzteren hervorgeht, ist, daß die Schweizer der Ansicht waren, die lutherische Ansicht sei ein Stück, und zwar das entscheidendste, zentralste Stück des <hi rend="italic"><ref type="term">Papsttum</ref>s</hi>, und daß sie sich mit dem Vertreter dieser Ansicht nicht zu verbrüdern [gedachten], sondern entweder ihn zu <hi rend="italic">überzeugen</hi> oder aber ihn vor aller <ref type="term">Welt</ref>, und zwar binnen drei Jahren, siegreich zu <hi rend="italic">widerlegen</hi> drohten. Wüßte man nicht, 
                1. daß die Friedensbereitschaft notorisch zu dem wenigstens exoterischen theologischen <hi rend="italic">Stil</hi> dieser Gruppe gehörte und daß sie jetzt 2. durch die Rücksicht auf die Pläne des <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> noch besonders notwendig gemacht war, so müßte man es ganz unbegreiflich finden, daß man jetzt auf einmal Bruderschaft und gegenseitige christliche Anerkennung einführen wollte, wo man vorher wahrhaftig im Namen des <ref type="term">Christentum</ref>s schärfstes Alarmschlagen für nötig gehalten hatte. 
                Nicht mit Unrecht hat <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> in einer seiner Relationen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,186</bibl>) die Frage so gestellt: <hi rend="italic">Entweder</hi> die Gegner halten uns im <hi rend="italic">Ernst</hi> für «<foreign xml:lang="lat">errantes in doctrina</foreign>», und dann <hi rend="italic">bleibt</hi> es dabei, daß man sich gegenseitig exkommuniziert - <hi rend="italic">oder</hi> sie können es mit ihrem <ref type="term">Gewissen</ref> vereinbaren, uns Brüder zu nennen, und dann müßten sie gestatten, daß in ihren Kirchen ihre und unsere Lehre nebeneinander vertreten und verkündigt wird.<note xml:id="n813"> <bibl corresp="kbga-bibls-3165">S IV,186</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-39">CR 1,1101 (Nr. 637)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3166"><hi rend="italic">Melanchthons Briefwechsel</hi>, a.a.O., S. 619 (Nr. 831)</bibl>.</note></p>
                <p> Das Gedränge, in dem sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hier befand, war wirklich nicht ganz klein: Die erste Lösung, zu der er ja sagen mußte, wenn er seiner Vergangenheit getreu bleiben wollte, war jetzt aus außertheologischen Gründen inopportun geworden. Die zweite indifferentistische Lösung, die allerdings in der Konsequenz seines Bruderschaftsangebotes lag, hätte das ganze Pathos seines seit 1523 geführten Feldzuges Lügen <pb ed="pga" xml:id="p456"/> gestraft. Skylla und Charybdis! Er konnte vielleicht, wie ich schon einmal andeutete<note xml:id="n814"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p038#p038">S. 38</ref>.</note>, 
                von Glück sagen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht raffiniert genug und selber zu sehr Rechthaber war, um ihm, durch Annahme der Bruderhand, zu der zweiten Lösung zu verhelfen und ihn damit theologisch in der schlimmsten Weise bloß- und kaltzustellen. Denn was wäre aus seiner triumphierenden «<foreign xml:lang="lat">veritas de Eucharistia</foreign>» geworden, wenn er sie nun plötzlich nur noch als <hi rend="italic">eine</hi> <foreign xml:lang="lat">veritas</foreign> hätte vertreten dürfen, um <hi rend="italic">neben</hi> ihr die einst als Bollwerk des Papismus bekämpfte These des <ref type="term">Wittenberg</ref>ischen «Bruders» <hi rend="italic">auch</hi> als «<foreign xml:lang="lat">veritas</foreign>» gelten lassen zu müssen?! Von hier aus muß man denn auch das berühmte «<foreign xml:lang="lat">Vos habetis alium spiritum quam nos!</foreign>» <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> verstehen, das nach seiner eigenen Aussage (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,190</bibl>) bei jenen Schlußverhandlungen mehr als einmal über seine Lippen gegangen ist.<note xml:id="n815"> <bibl corresp="kbga-bibls-3175">S IV,190</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,340,54 (Nr. 1577)</bibl> und den Bericht von <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,150,6-10</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 56f.</bibl>).</note> 
                Wir haben gesehen, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> fast wörtlich dasselbe schon 1525 gesagt hat<note xml:id="n816"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p359#p359">S. 359–372</ref>.</note>, und seine ganze Haltung in den Jahren seither hätte keinen Sinn gehabt, wenn er nicht wirklich genau das <hi rend="italic">gedacht</hi> hätte. Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ihn und die <ref type="term">Straßburg</ref>er, die übrigens in <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></ref> bereits leise die Stellung einer dritten, vermittelnden Partei einzunehmen begannen, dabei <hi rend="italic">behaftete</hi>, so kann man ihm mangelndes Verständnis für die <hi rend="italic">politischen</hi> Notwendigkeiten vorwerfen, die die immer gefährlicher werdende äußere Lage der evangelischen Sache mit sich brachte, darf aber nicht übersehen, daß die höhere innere Sachlichkeit und Folgerichtigkeit auf seiner Seite war, wenn er sich weigerte, nun plötzlich um der für ihn ohnehin nicht einwandfreien Pläne des jungen <persName ref="kbga-actors-319">Herrn von <ref type="term">Hessen</ref></persName> willen eine Frage als Adiaphoron zu behandeln, 
                  die er bis dahin <hi rend="italic">(und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit ihm)</hi> als entscheidend ernst aufgefaßt hatte. Vergleicht man seine verschiedenen Äußerungen über die oberländische Friedensliebe vor Marburg, so sieht man deutlich, wie er ratlos hin- und herschwankt zwischen der Annahme, es könnte des Gegners ernstlicher, wenn auch noch nicht siegreicher <ref type="term">Wille</ref> sein, sich tatsächlich mit ihm verständigen zu wollen, der zweiten, sie seien sichtlich ihrer Sa<pb ed="pga" xml:id="p457" break="no"/>che nicht so recht sicher, daß sie sich jetzt so plötzlich um seine Anerkennung bemühten, und der dritten, sie wollten ihn heuchlerisch in eine «<foreign xml:lang="lat">simulata concordia</foreign>» hineinziehen.<note xml:id="n817"> <bibl corresp="kbga-bibls-3175">S IV,190</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 5,340,63-65</bibl>.</note> 
                Nur zu einer Annahme konnte er sich <hi rend="italic">nicht</hi> entschließen, nämlich zu der, daß das Friedensangebot auf innerer, in sich klarer <ref type="term">Wahrheit</ref> beruhe und deshalb annehmbar sei. Wer will ihm das verargen, angesichts der Tatsache, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <hi rend="italic">nach</hi> wie vor Marburg, als sein Antrag seinen Zweck verfehlt hatte, <hi rend="italic">fortfuhr</hi>, <ref type="term">Luthertum</ref> und <ref type="term">Papsttum</ref> in einem Atemzug zu nennen? Man braucht das wiederum <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht weiter zu verübeln, nur muß man sehen, daß seine Haltung in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> wirklich nicht sachlich, sondern <hi rend="italic">nur</hi> taktisch zu verstehen ist und daß die Beurteilung der Haltung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sich demgemäß nur darüber erstrecken kann, ob auch er damals aus taktischen Gründen besser getan hätte, Fünfe gerad sein zu lassen und Konnivenz mit Konnivenz zu erwidern. | </p>
                <p> Ich sage das alles, weil ich die altschweizerische Nationalkunst, grundsätzliche Fragen im letzten Augenblick durch einen Kompromiß, einen sogenannten Kuhhandel zu erledigen, nur zu gut kenne und weil es mir ganz unmöglich scheint, hier etwas <hi rend="italic">verteidigen</hi> zu wollen, was man eben nur <hi rend="italic">begreifen</hi> kann. Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> jemand <hi rend="italic">unrecht</hi> tat, als er dabei blieb, von Bruderschaft könne zwischen ihnen nicht die Rede sein, sondern nur von der Liebe, die man auch dem Feind schuldig sei, so war es nicht <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi>, der damit nur erntete, was er reichlich gesät hatte. Auch nicht der Schlaumeier <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName></hi>, der in einer <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gegenüber nicht feinen Weise versuchte, einen Separatfrieden für <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-149">Straßburg</placeName></ref> zu erlangen, 
                indem er eine Zusammenfassung der dort gepredigten <ref type="term">Lehre</ref> vortrug und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Urteil darüber erbat, womit er sich doch nur eine ziemlich rüde Ablehnung zuzog. Wohl aber, wie mir scheint, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-711">Oekolampad</persName></hi>, dessen über den augenblicklichen Stand des Streites hinausweisende Ansicht auch diesmal neben den schärfer geschnittenen und auffallenderen Umrissen der zwinglischen Ansicht zu wenig zur Geltung kam. Daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auch ihm gegenüber in der <hi rend="italic">Sache</hi> so unnachgiebig blieb, das Ja im Nein, das er bei ihm hätte hören <hi rend="italic">können</hi>, so beharrlich überhörte, darin möchte ich viel eher als in der Zurückweisung der politisch gemeinten Bruderschaft mit <pb ed="pga" xml:id="p458"/> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schuld in jenen Tagen erblicken. Sie rächte sich damit, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dann auch zehn Jahre später, als  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> auf dem Plane war, das Sensorium für die Möglichkeit einer <hi rend="italic">wirklichen</hi> evangelischen <ref type="term">Gemeinschaft</ref> <hi rend="italic">nicht</hi> mehr hatte, mit greisenhafter Hartnäckigkeit (wofür sein <bibl corresp="kbga-bibls-3118">kleines <ref type="term">Bekenntnis</ref> vom Abendmahl von 1544</bibl> ein schauerliches Zeugnis ist)<note xml:id="n818"> WA 54,141-167.</note> 
                sich gegenüber jedem möglichen Widerspruch nur noch unter Beschimpfungen zu wiederholen wußte und so seine eigene Theologie und Kirche in jene unfruchtbare Isolierung gegenüber Allem, was sonst evangelisch hieß, hineindrängte, an deren Folgen sie noch heute zu leiden hat. |</p>
                <p> Die Marburger Tagung schloß bekanntlich mit der gemeinsamen Unterzeichnung von 15 von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgestellten Glaubensartikeln über <ref type="term">Trinität</ref>, <ref type="term">Christologie</ref>, Erbsünde, Glauben, <ref type="term">Rechtfertigung</ref>, Wort, <ref type="term">Taufe</ref>, gute Werke, <ref type="term">Beichte</ref>, <ref type="term">Obrigkeit</ref> und endlich Abendmahl.<note xml:id="n819"> <hi rend="italic">Die Marburger Artikel</hi> (1529), <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,160-171</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3177">Z 6/II,521-523</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 67–70</bibl>).</note> 
                Dieser 15. Artikel stellt die Einigkeit der Parteien fest über Ablehnung der <ref type="term">Messe</ref>, über den geistlichen Genuß des Leibes Christi und über die Auffassung des Sakraments als eines Wortes Gottes. Der Schluß lautet folgendermaßen: «Und wiewohl aber wir uns, ob der wahre Leib und Blut Christi leiblich in Brot und Wein sei, dieser <ref type="term">Zeit</ref> nicht verglichen haben, so soll doch ein Teil gegen den andern christliche <ref type="term">Liebe</ref>, sofern jedes <ref type="term">Gewissen</ref> immer leiden kann, erzeigen und beide Teile Gott den Allmächtigen fleißig bitten, daß er uns durch seinen Geist den rechten Verstand bestätigen wolle.»<note xml:id="n820"> <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,170,5-15</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3177">Z 6/II,523,22-27</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 235 (Nr. 328)</bibl>.</note> 
                Es wurde ferner die Vereinbarung getroffen, daß sich die Parteien «zu allen Teilen freundlich gegeneinander halten, den Frieden lieben und Ärgernis zu verhüten sich hinfür von dem bittern und zänkischen Schreiben enthalten wollten».<note xml:id="n821"> Bericht von <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,151,27-30</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 58</bibl>); Brief von <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> an <persName ref="kbga-actors-2157">Ambrosius Blarer</persName> (18.10.1529), in: <bibl corresp="kbga-bibls-3163"><hi rend="italic">Das Marburger Religionsgespräch 1529</hi>, a.a.O., S. 77</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 236 (Nr. 328)</bibl>.</note> 
                Die Tatsache, daß die Oberländer die 15 von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> aufgesetzten Punkte nach Anbringung einiger, wie es scheint, für <pb ed="pga" xml:id="p459"/> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> annehmbaren kleinen Abänderungen (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,181[f.]</bibl>)<note xml:id="n822"> <bibl corresp="kbga-bibls-3164">S IV,181f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3177">Z 6/II,521-523</bibl>.</note>, ohne mit der Wimper zu zucken, unterschrieben haben, hat schon damals viel zu denken und zu reden gegeben. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war naiv genug, sie als eine halb gezwungene halb freiwillige, halb aufrichtige halb unaufrichtige Kapitulation mit Ausnahme des einen letzten Punktes aufzufassen. Und in der Tat läßt sich nicht leugnen, daß diese 15 Formeln an den verschiedensten Punkten Dinge sagen, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von sich aus auf keinen Fall so gesagt haben würde. 
                Die christologischen Sätze betonen z. B. ganz einseitig die Einheit der beiden Naturen, Art. 4 über die Erbsünde sagt ausdrücklich, daß diese alle Menschen verdamme, Art. 8 über das Wort unterstreicht stark die mittlerische Wirksamkeit des äußeren Wortes, Art. 9 über die <ref type="term">Taufe</ref> sagt ausdrücklich: «so ists nicht allein ein ledig Zeichen oder Losung unter den Christen, sondern ein Zeichen und Werk Gottes, daran unser <hi rend="italic">Glaube</hi> gefordert, 
                durch welchen wir zum Leben wiedergeboren werden.» Art. 11 nennt die <ref type="term">Beichte</ref> zwar frei, aber doch fast nützlich wegen der Absolution oder Tröstung des Evangelii. Art. 13 gebietet in Sachen der Tradition <ref type="term">Freiheit</ref>, sofern sie nicht öffentlich wider Gottes Wort streite, und daß bei ihrer Beseitigung kein unnötiges Ärgernis gegeben werden dürfe. Art. 14 sagt, daß die Kinder durch die Taufe zu Gottes Gnade aufgenommen werden. Art. 15 redet auch im zweiten Consenspunkt vom «<ref type="term">Sakrament</ref> des wahren Leibs und Bluts Christi».<note xml:id="n823"> <bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/III,160-171</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3177">Z 6/II,521-523</bibl>.</note> |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>,  der diese Artikel zwar in der Absicht entgegenzukommen, aber zweifellos nicht ohne die Absicht, zugleich durch alle diese Spitzen Farbe zu bekennen, aufgesetzt hatte, mochte sich wohl wundern, daß sie ihm so widerspruchslos abgenommen wurden. Aber er täuschte sich doch gründlich, wenn er ausdrücklich meinte, die Gegner hätten sich in diesen Punkten von ihm belehren lassen, schon darum, weil ja nur über den letzten, nur halb erledigten, disputiert worden war. Wir besitzen einen Zeddel von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Hand (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,183</bibl>)<note xml:id="n824"> <bibl corresp="kbga-bibls-3178"><hi rend="italic">Notae Zuinglii. Randbemerkungen Zwinglis zu den Marburger Artikeln von 1529</hi>, Z 6/II,549-551</bibl>.</note>, 
                  auf dem er seine Zustimmung zu diesen Artikeln im Einzelnen erläutert und aus dem hervorgeht, daß er, der Meister der tropischen Erklärung, unter glän<pb ed="pga" xml:id="p460" break="no"/>zender Anwendung des nicht erst 1917 erfundenen Kanons «so wie <hi rend="italic">ich</hi> sie verstehe»<note xml:id="n825"> Der deutsche Reichskanzler <persName ref="kbga-actors-692">Georg  Michaelis</persName> nahm in seiner Antrittsrede vor dem Reichstag am <date when="1917-07-19">19.7.1917</date> Bezug auf die vom Interfraktionellen Ausschuß erarbeitete «Friedensresolution», deren Wortlaut am
                <date when="1917-07-14">14.7.1917</date> bekannt geworden war. Er wich dabei vom vorher festgelegten Text «Diese Kriegsziele hoffe ich im Rahmen Ihrer Resolution zu erreichen» ab: «Um wahr zu bleiben ... fügte ich den Worten: ‹Im Rahmen Ihrer Resolution› den Zusatz  bei: ‹wie ich sie auffasse.› Der Zusatz ist geflügeltes Wort geworden.» (<bibl corresp="kbga-bibls-3179">G.  Michaelis, <hi rend="italic">Für Staat und Volk. Eine Lebensgeschichte</hi>, Berlin 1922<hi rend="sup">2</hi>, S. 328f.</bibl>).</note> 
                durchaus mit ihnen fertig zu werden wußte. Wenn <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> z. B. die <ref type="term">Taufe</ref> ein «Werk Gottes» genannt hatte, so bemerkt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dazu, so müsse sie heißen, «ne quis contemnat». Und der von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> geforderte Glaube an dieses Werk wird von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> umgedeutet in den notwendigen Glauben der Eltern oder des Täuflings. Wenn Art. 8 das «Wort» eine bedrohliche Selbständigkeit zu gewinnen scheint, so unterstreicht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, daß es heiße: <hi rend="italic">er</hi> wirkt, <hi rend="italic">er</hi> schafft durch das Wort. Wenn Art. 11 die <ref type="term">Beichte</ref> eine «Absolution und Tröstung» genannt wird (hier sicher einer von jenen Kompromissen!), so beruhigt sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dabei, 
                daß er zwar die Absolution ablehne und nur von Tröstung wisse, daß aber ja eben zum Glück beides zur Auswahl gesagt sei. Wenn Art. 13 vor unnötigem Ärgernis bei Abschaffung der Tradition warnt, so erinnert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> daran, daß die <ref type="term">Apostel</ref> dem Tempel<ref type="term">gottesdienst</ref> doch nur in der stillen Absicht beiwohnten, ihn dereinst abzuschaffen. Wenn nach Art. 14 die Kinder durch die Taufe zu Gottes Gnade angenommen werden, so ergänzt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> «sacramentaliter», nämlich die schon Begnadigten würden durch die <ref type="term">Taufe</ref> für den Glauben bezeichnet. Und zu dem Ausdruck «Sakrament des wahren Leibes und Blutes Christi» in Art. 15 bemerkt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einfach,  
               «<foreign xml:lang="lat">sacramentum</foreign>» heiße bekanntlich «<foreign xml:lang="lat">signum»: <hi rend="italic">«non</hi> est igitur verum corpus</foreign>», um Alles in Ordnung zu finden. Von einem Preisgeben seiner Ansichten kann hier wirklich auch nicht im kleinsten Punkte die Rede sein, <hi rend="italic">aber</hi>, wird man hinzufügen müssen, auch nicht von einem <hi rend="italic">Geltendmachen</hi>, wie es eigentlich nach der Offensivstimmung der vergangenen Jahre zu erwarten gewesen wäre. Faktum ist vielmehr, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich jetzt damit begnügt, seine bestimmten Ansichten zu haben und zu behalten, daß er sich aber darum bemüht, sie und diejenigen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> als vereinbar zu denken oder wenigstens erscheinen zu lassen. |</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p461" rend="noPipe"/> Wenn es ziemlich klar ist, daß auch hier das Wollen des Theologen durch das des <hi rend="italic"><ref type="term">Staat</ref>smannes</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> durchkreuzt und gebrochen wird, so bleibt doch die Frage schwer zu beantworten, ob denn die Offensive, die der <hi rend="italic">Theologe</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einst auf der ganzen Linie so frisch gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> eröffnet hatte, so wenig grundsätzlich gemeint war, daß er jetzt, wo er dem lange genug gesuchten Gegner Auge in Auge gegenüberstand, dessen Formulierungen einfach akzeptierte und sich nur im Stillen und zu Händen seiner Freunde einen Zeddel mit Vorbehalten füllte, deren Inhalt allerdings jenen Formulierungen einen z. T. dem Wortlaut gerade entgegengesetzten Sinn gab. Nur darum, weil ihm jetzt auf einmal die <ref type="term">Welt</ref>lage die Einigkeit der Evangelischen als wünschbarer erscheinen ließ als die Fortsetzung des Streites um die <ref type="term">Lehre</ref>? 
                Warum hat sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht schon sechs Jahre früher darum bemüht, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von innen statt von außen zu verstehen, wie er es jetzt nachträglich doch zu tun versuchen mußte und - nicht mehr konnte? Was soll man von dieser jetzt auf einmal so wichtig gewordenen <hi rend="italic">Einigkeit</hi> denken angesichts der Tatsache, daß er den Streit um die Lehre so lange hatte führen können, ohne an <hi rend="italic">diese</hi> Notwendigkeit auch nur zu denken? War das <hi rend="italic">evangelische</hi> Einigkeit, was jetzt da so ex abrupto angestrebt wurde? Und was soll man denken von dem <hi rend="italic">Streit um die Lehre</hi>, um die <ref type="term">Christologie</ref>, die Erbsünde und alle jene scheinbar unwichtigeren Punkte, in denen doch überall der große Gegensatz steckte, wenn es nun möglich war, auf einmal auch anders zu können, auf einmal jedenfalls zu schweigen, wo man vorher laut genug geredet hatte? 
                War das die «<foreign xml:lang="lat">veritas <hi rend="italic">evangelica</hi></foreign>», die man in diesem entscheidenden Augenblick auf einen Privatzeddel niederzulegen sich entschließen konnte um der Einigkeit willen? Wieder bekommt man angesichts dieses rätselhaft zersprengten Anblicks Heimweh nach  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, bei dem die evangelische <ref type="term">Wahrheit</ref> und die evangelische Einigkeit vom ersten Ansatz an <hi rend="italic">ein</hi> klar geschautes Ziel waren und bei dem darum dem Theologen und dem <ref type="term">Staat</ref>smann, dem christlichen Denker und dem christlichen Ethiker Konflikte <hi rend="italic">dieser</hi> Art erspart blieben. Und wieder ist man froh, daß der Ansatz <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, bei dem man wohl ahnt, daß wichtige, dringende Anliegen auf dem Spiel standen, bei dem man aber auch das peinliche Gefühl nicht los wird, daß der diese Anliegen anmeldete, ihnen schließlich doch nicht gewachsen war - daß dieser Ansatz zwar das erste, aber zum Glück nicht <pb ed="pga" xml:id="p462"/> das letzte Wort reformierter Theologie gewesen ist. 
                Es brauchte aber auch wirklich einen  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> dazu, um diese sozusagen verlorene Partie neu aufzunehmen und in seiner Weise siegreich durch- und zu Ende zu spielen. Ich war früher der Meinung, wenn <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht verhältnismäßig so früh gestorben wäre, so wäre er selber vielleicht noch in entscheidender Weise über sich selbst hinausgewachsen. Wer will das bestimmt in Abrede stellen? Es scheint mir aber jetzt wahrscheinlicher, daß dies nicht geschehen wäre; denn zu sehr hatte er sich überall bereits festgelegt auf Positionen, von denen aus etwas Fruchtbares nicht mehr zu sagen und zu machen war. Noch weniger aber wären die von ihm Abhängigen oder unklar zwischen ihm und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vermitteln Wollenden wie sein Nachfolger  <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> oder <persName ref="kbga-actors-547">Farel</persName> oder die <ref type="term">Straßburg</ref>er allein in der Lage gewesen, dem notwendigen Protest gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit dem dazu notwendigen eindringenden Verständnis für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> neues Leben und geschichtliche Bedeutung zu geben. Es wartete wirklich Alles auf den Fahnenträger, an dem wir uns letztes Semester mehr erfreuen konnten als an dem Helden dieses Winters!</p>
                <p> Von der Marburger Tagung ist nur noch das zu sagen, daß die Verhandlungen nach übereinstimmendem Zeugnis mit Ausnahme weniger kritischer Momente in einer durchaus loyalen und anständigen Weise geführt wurden. Es war keine Räubersynode<note xml:id="n826"> Anspielung auf die Synode von <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName> 449, die wegen ihres tumultuarischen Verlaufs die Bezeichnung Räubersynode (Latrocinium) trägt.</note> 
                und überhaupt kein übles Theologengezänk, sondern ein in seiner Art würdiges und sachliches Männergespräch, dessen sich die Geschichte des <ref type="term">Protestantismus</ref> nicht zu schämen hat, wenn sie seiner auch nur trauernd gedenken kann. Als man sich zum letzten Mal von der landgräflichen Speisetafel erhob, hat man sogar «die händ einander fründlich geboten», wie  <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> erzählt, und so «sind sie von einander gescheiden und widerum zu allen teilen frisch und gesund wohl heimkommen»<note xml:id="n827"> <bibl corresp="kbga-bibls-3055"><persName ref="kbga-actors-1506">H.  Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Reformationsgeschichte</hi>, a.a.O., Bd. II, S. 236 (Nr. 328)</bibl>.</note>, 
                  nicht ohne daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die bewußten politischen Privatgespräche mit dem <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> gepflogen hatte, an denen ihm ja wenigstens damals wirklich mehr gelegen war und über die er dann dem Rat von <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></ref> ausführlichen Bericht erstattete. Die optimistische Meinung scheint geäußert worden zu sein, daß die Parteien einander noch näher ge<pb ed="pga" xml:id="p463" break="no"/>kommen wären, wenn sie noch länger beisammen geblieben wären. Am Eifer des <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName>, sie zu diesem Zweck beieinander zu behalten, hat es nicht gefehlt. 
                Daß es nicht dazu kam, daran war der «englische Schweiß» schuld, eine von englischen Schiffen nach <ref type="term">Hamburg</ref> eingeschleppte ansteckende Krankheit, die plötzlich in der Stadt <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></ref> auftauchte und die Versammlung  auseinandertrieb.<note xml:id="n828"> Die gefürchtete Seuche des «englischen Schweißes» (sudor Anglicus), die eine Form des Schweißfriesels ist und wie eine gefährliche Grippe verläuft, breitete sich Anfang Oktober 1529 in <ref type="o"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></ref> aus; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3180">H. U. Keller, <hi rend="italic">Die letzte große Epidemie von Suette Miliaire (1887)</hi>, Zürich 1970, S. 6f.26</bibl>.</note> 
                Es wird kaum etwas dagegen einzuwenden sein, wenn man dieses aus dem Dunkel der Naturregion plötzlich in die <ref type="term">Theologie</ref> hineinragende Zeichen als ein Signal der <ref type="term">Vorsehung</ref> auffassen will, daß es diesmal nicht sein konnte und sollte. </p> 
                </div> 
                <div type="session">
                    <pb ed="pga" xml:id="p464"/>
                <head>
                 <date rend="right">22.II.23</date>
                 [«Sermonis de providentia Dei anamnema»]</head>
                <p><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat  auf dem <placeName ref="kbga-places-1000"><ref type="term">Marburg</ref>er Schloß</placeName>, wahrscheinlich an einem der letzten Tage, an denen nach Abschluß des eigentlichen Gesprächs über die 15 Artikel und über die Möglichkeit einer teilweisen Konkordie verhandelt wurde, vor dem <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> und den versammelten Theologen eine <ref type="term">Predigt</ref> über die göttliche Vorsehung gehalten. Auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war unter den Zuhörern und hat sich in späteren Jahren bei Tisch gelegentlich moquiert über die griechischen, hebräischen und lateinischen Zitate, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> angebracht, und überhaupt über die große Pracht und Kunst, die er entfaltet habe, als wollte er sagen: «Siehe, D. <persName ref="kbga-actors-261">Martinus</persName> und <persName ref="kbga-actors-319">Philippus</persName> sehen, wie ich so ein gelehrter Geselle bin» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">59,228.260</bibl>).<note xml:id="n829"> <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 4,447,17f. (Nr. 4719)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 4,610,5-10 (Nr. 5006)</bibl>.</note> 
                Das war nur allerdings schwerlich <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Absicht, vielmehr handelte es sich für ihn offenbar darum, bei diesem Anlaß den systematisch-theologischen Hintergrund, die ihn im letzten Grund bewegenden positiven theologischen Gedanken ohne ausdrückliche Beziehung auf den Streitgegenstand und doch so, daß dieser von seiner Seite aus noch einmal scharf beleuchtet wurde, vor dem <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> zu entrollen. Man darf, wenn man weiß, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dort vorgetragen hat, wohl sagen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vielleicht doch besser getan hätte, sich gegen den <hi rend="italic">Inhalt</hi> dieser <ref type="term">Predigt</ref>, so sehr ihm ihre Form mißfallen mochte, nicht so ganz zu verstocken. Es gilt dies ja von dem <hi rend="italic">ganzen</hi> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dem <hi rend="italic">ganzen</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gegenüber. Der <persName ref="kbga-actors-319">Landgraf</persName> forderte denn auch nachträglich eine Niederschrift dieser <ref type="term">Predigt</ref> ein, worauf <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich hinsetzte und die offenbar aus dem Stegreif vorgetragenen Grundgedanken seiner <ref type="term">Predigt</ref> zu der Schrift erweiterte, die am 30. August 1530 erschienen ist unter dem Titel <hi rend="italic">«<bibl corresp="kbga-bibls-2439">Sermonis de providentia Dei anamnema</bibl>»</hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">IV,79[-144]</bibl>).<note xml:id="n830"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,64-230.</bibl></note> 
                  Sie enthält, kurz gesagt, eine Darstellung seines Gottesgedankens. Die Beziehungen auf den Streitgegenstand, die ihm schon in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> zweifellos vorschwebten, ohne geltend gemacht zu werden, sind in dieser gedruckten Darstellung wieder sichtbar, und so rechtfertigt es sich innerlich und äußerlich, wenn wir auch dieses krönende Schlußstück der zwinglischen Theo<pb ed="pga" xml:id="p465" break="no"/>logie im Rahmen des Abendmahlsstreites zur Besprechung bringen. «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» ist <hi rend="italic">die</hi> systematische Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, wohl die durchdachteste und überlegenste von allen. Sie ist eingeteilt in sieben Kapitel mit einem Epilog, das sechste unterbrochen durch einen Exkurs «<foreign xml:lang="lat">De fide</foreign>». Versuchen wir einen raschen Gang durch ihren Inhalt. |</p>
                <p>Das <hi rend="italic">Vorwort</hi><note xml:id="n831"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,64,1-70,5</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">»Vorwort».</hi></note> 
                rühmt den <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName>, weil er eingesehen habe, daß außer dem einen Gott niemand Alles richtig wissen könne, daß es unklug sei, auf eines einzigen Menschen Ansicht Alles abzustellen; er, der <persName ref="kbga-actors-319">Landgraf</persName>, habe eingesehen, was Eifersucht, Groll, Irrtum und Ruhmsucht unter den Dienern der christlichen Religion anzurichten vermöchten, und wolle mit Recht verhindern, daß die ­Herde der Nachtreter, die auch die Fehler des Meisters nachahme, ­Zwiespalt und Tumult anrichte, weil er einsehe, daß bei Festhalten an der «<foreign xml:lang="lat">summa religionis</foreign>» die Verschiedenheit der übrigen Meinungen nicht so wichtig sei, um deshalb das Band der <ref type="term">Liebe</ref> zu zerreißen, und habe deshalb als echter christlicher Friedensstifter es unternommen, obwohl er in der Sache, die von einigen «<foreign xml:lang="lat">incivilius</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">indoctius</foreign>» immer noch bestritten werde, persönlich sicher sei, «<foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">sancta quadam hypocrisi</hi> fluctuare [te] atque ambigere simulas</foreign>», 
                in einer Art von heiliger Heuchelei Schwanken und Zweifeln vor[zu]täusche[n], um so als scheinbarer Genosse der Irrenden sie umso sicherer vom Irrtum loszureißen. Er möge nun - dies der Sinn der Dedikation - die «<foreign xml:lang="lat">scientia divinarum rerum</foreign>» und die «<foreign xml:lang="lat">innocentia</foreign>» fernerhin so pflegen, daß wir alle uns freuen können, der Fürst der <ref type="term">Hessen</ref> sei klug wie eine Schlange («<foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">cattorum</hi> principem <hi rend="italic">catum</hi> sicut serpentem</foreign>») und einfältig wie eine Taube [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.16">Mt. 10,16</ref>]. |</p>
                  <p> Das <hi rend="italic">erste Kapitel</hi><note xml:id="n832"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,70,6-78,5</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">»1. Kapitel».</hi></note> handelt von der notwendigen Einheit des Begriffs der Vorsehung mit dem Gottesbegriff selbst. Gott ist das «<foreign xml:lang="lat">summum <hi rend="italic">bonum</hi></foreign>», von dem alles Gute seine Güte <hi rend="italic">leihweise</hi> hat, eben darum aber auch <hi rend="italic">wahr</hi>, <hi rend="italic">einfach</hi> und <hi rend="italic">unveränderlich</hi>. Als Gut in diesem allen Dingen überlegenen Sinn muß er dann aber auch allwissend und allmächtig sein. Jede Einschränkung seiner All- und Alleinwirk<pb ed="pga" xml:id="p466" break="no"/>samkeit, jede Annahme eines Zufalls also oder einer Ohnmacht oder Gleichgültigkeit Gottes würde ja der in seinem Begriff gesetzten Überlegenheit widerstreiten. |</p>
                <p> Im <hi rend="italic">zweiten Kapitel</hi><note xml:id="n833"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,78,6-83,23</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">»2. Kapitel».</hi></note> entwickelt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, nachdem er im ersten dargetan zu haben meint, daß die Vorsehung notwendig <hi rend="italic">ist</hi>, «<foreign xml:lang="lat">quid sit</foreign>», was ihr <ref type="term">Wesen</ref> sei. Er unterscheidet ein potentielles und ein aktuelles Wissen der Gottheit, «<foreign xml:lang="lat">sapientia</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">prudentia</foreign>». «<foreign xml:lang="lat">Virtus</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">energia agendorum ac disponendorum</foreign>» nennt er die letztere, und dies eben, dieses aktuelle, handelnde Wissen Gottes ist die Vorsehung.<note xml:id="n834"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,79,7-9</bibl>.</note> 
                Er definiert sie als <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">perpetuum et immutabile rerum universarum regnum et administratio</foreign>».</hi><note xml:id="n835"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,81,5f.</bibl></note> Der Begriff «<foreign xml:lang="lat">administratio</foreign>» wird ausdrücklich hinzugefügt zu dem Zweck, um von dem Begriff «<foreign xml:lang="lat">regnum</foreign>» die Vorstellung des Tyrannischen fernzuhalten; «<foreign xml:lang="lat">perpetuum</foreign>» ist = ewig; «<foreign xml:lang="lat">immutabile</foreign>» soll ausdrücklich die menschliche <ref type="term">Wille</ref>nsfreiheit in jeder Form ausschließen; «<foreign xml:lang="lat">rerum universarum</foreign>» soll streng verstanden werden: jede Eigengesetzlichkeit irgendeines Dinges würde die göttliche Aktualität aufheben. Also keine Selbständigkeit geschaffener Aktualitäten, selbständig ist nur die ungeschaffene allgemeine Kraft Gottes selbst, alle geschaffenen Aktualitäten aber sind nur deren Darstellung in diesem und jenem neuen Subjekt, in dieser und jener Spezies. «<foreign xml:lang="lat">Testes sunt  <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>,  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName>, <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName></foreign>», wird lakonisch hinzugefügt.<note xml:id="n836"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,83,15f.</bibl></note> |</p>
                <p> Im <hi rend="italic">dritten Kapitel</hi><note xml:id="n837"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,83,24-115,12</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«3. Kapitel».</hi></note> untersucht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> den Begriff der <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">causae secundae</foreign>».</hi> Er will zeigen, daß diese zu Unrecht, nur metonymisch «<foreign xml:lang="lat">causae</foreign>» genannt werden und daß eben diese Einsicht der Weg ist zur <ref type="term">Erkenntnis</ref> der Vorsehung Gottes. «<foreign xml:lang="lat">Nihil a se ipso est.</foreign>»<note xml:id="n838"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,84,1.</bibl></note> 
                Hätte die <ref type="term">Welt</ref> sich selbst geschaffen, so müßte sich sofort die Frage nach dem Schöpfer dieser schöpferischen <ref type="term">Welt</ref> erheben, ebenso wenn sie aus einem anderen Stoff gleicher oder fremder Art geschaffen wäre, die <pb ed="pga" xml:id="p467"/> Frage nach dem Schöpfer dieses Stoffes. Also bleibt nur die Annahme einer <ref type="term">Schöpfung</ref> aus dem Nichts, <hi rend="italic">dieser</hi> Schöpfer, die Ursache jeder denkbaren Ursache ist Gott. 
                Seine Überlegenheit über die <ref type="term">Welt</ref> der Dinge ist unendlich, also kann diese nicht selbst unendlich sein, was sich aber auch aus ihrem Teil<ref type="term">charakter</ref> ergibt. Sie ist im Einzelnen und im Ganzen endlich, sie ist nicht von Ewigkeit oder von <ref type="term">Natur</ref>, sondern sie ist geschaffen, es wäre denn, fügt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hinzu, man wollte Natur jenes «<foreign xml:lang="lat">esse</foreign>», jene «<foreign xml:lang="lat">virtus</foreign>» aller Dinge, d. h. man wollte die Gottheit selbst <ref type="term">Natur</ref> nennen. Was überhaupt <hi rend="italic">ist</hi>, das ist aus Gott. Das Sein der Geschöpfe kann nicht konträr sein dem Sein Gottes, es ist «<foreign xml:lang="lat">eiusdem generis, eiusdem fontis ac parentis</foreign>».<note xml:id="n839"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,93,3-5.</bibl></note> 
                Außer seinem unendlichen Sein kann es kein zweites geben. Was da <hi rend="italic">ist</hi>, das ist selbst die Gottheit, oder die Gottheit ist selbst das Sein aller Dinge. Die Annahme eines zweiten selbständigen Seins neben dem der Gottheit scheitert notwendig an der Unmöglichkeit, ein Sein neben dem unendlichen Sein der Gottheit als wirklich zu denken. Den Einwurf, daß dies Philosophie und nicht Religion sei, 
                wehrt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ab mit der Bemerkung, daß die <ref type="term">Wahrheit</ref>, auch wenn sie von Philosophen vorgetragen werde, aus dem heiligen Geiste stamme. Die Einheit des Seins illustriert er nun an dem, was man heutzutage die «Erhaltung der Substanz» nennt.<note xml:id="n840"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2489"><persName ref="kbga-actors-150">E. Haeckel</persName>, <hi rend="italic">Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie</hi>, Bonn 1899, S. 243–268 (12. Kapitel: «Das Substanz-Gesetz»), bes. S. 265</bibl>. Dieses Buch <persName ref="kbga-actors-150">Haeckels</persName> befand sich seit dem Winter 1906/07 in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Besitz. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befaßte sich mit Haeckel bereits 1909 im Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-3181"><hi rend="italic">«Der kosmologische Beweis für das Dasein Gottes»</hi>, in: V.u.kl.A. 1905-1909, <ref type="pub-" target="../volume/21/p373#p373">S. 373–413</ref></bibl>.</note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> will zwar ausdrücklich nur von der Erhaltung der «<foreign xml:lang="lat">essentia</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">consistentia</foreign>» reden, die sich durch alles Werden und Vergehen der einzelnen Dinge hindurch bewährt und in der er den verkannten Sinn der <persName ref="kbga-actors-2480">pythagorä</persName>ischen <ref type="term">Lehre</ref> von der <ref type="term">Seele</ref>nwanderung findet: Wenn nicht einmal ein Uhu oder Schwein so vergeht, daß es zu sein aufhört, wie könnte dann jener Geist, der eine so lebendige, unermüdlich tätige Substanz ist, begrenzt sein, zunichte werden? Er ist eben selbst die Entelechie, das vollkommene Sein auch im Schwein oder im Uhu, ist natürlich die Meinung. <persName ref="kbga-actors-9508">Plinius</persName> hat nicht Gott geleugnet, wenn er die Götter leugnete und an ihre Stelle die eine <pb ed="pga" xml:id="p468"/> <ref type="term">Natur</ref> setzte. «<foreign xml:lang="lat">Quod enim ille naturam, nos numen appellamus</foreign>.»<note xml:id="n841"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,97,12f.</bibl></note> 
                Darum  nennt Gott dem  <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seinen Namen: <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">Existo</foreign>»</hi> (übersetzt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das berühmte Wort): Ich bin, der wahrhaft ist. Ich bin das wahrhafte Sein aller Dinge. In <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐξ αὐτοῦ καὶ δι᾽ αὐτοῦ καὶ εἰς αὐτὸν τὰ πάντα</foreign> müsse, meint <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">εἰς αὐτὸν</foreign> im Sinne von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐν αὐτῷ</foreign> verstanden werden. Und <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐν αὐτῷ γὰρ ζῶμεν καὶ κινούμεθα καὶ ἐσμέν</foreign> liege ein Hysteronproteron vor. Sinngemäß sei zu übersetzen: In ihm sind wir, leben wir und
                bewegen wir uns. Und wenn es daselbst heiße: «Wir sind seines Geschlechts», so sei das synekdochisch von allen Kreaturen zu verstehen, wofür er, nicht im Sinn des Buches Hiob, wohl aber im Sinn des 18. Jahrhunderts, die erstaunlichen Eigenschaften des Igels, des Murmeltiers und des Eichhorns, die «<foreign xml:lang="lat">universorum altrix terra</foreign>» und die Berge als Zeugen anruft. Aber auch Jesu Wort von den beiden Sperlingen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.29 Mt.10.30">Mt. 10,29f.</ref>] schließt jede Zufälligkeit der sogenannt zufälligen Dinge aus. Endlich zitiert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> noch eine lange Stelle aus einer Stelle bei <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> über <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName> Ideenlehre, die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> freilich selbst wieder aus dem Stoischen ins Neuplatonische zurückinterpretiert hat, um ihr Beweiskraft zu geben. Er erklärt dabei ausdrücklich, die vielleicht befremdliche Herbeiziehung solcher heidnischer Autoren sei für ihn durch den Grundgedanken seines Werkes gegeben und gerechtfertigt: Was irgendwo <hi rend="italic">ist</hi>, das ist aus <hi rend="italic">Gott</hi>, und wenn es unter den Tieren wäre. Um wieviel mehr, wenn es bei Männern wie <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> ist, «<foreign xml:lang="lat">si modo sanctum, religiosum ac irrefragabile sit</foreign>».<note xml:id="n842"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,110,17f.</bibl></note> 
                So bleibt, dies war zu beweisen, nur <hi rend="italic">eine</hi> wahre «<foreign xml:lang="lat">causa</foreign>», alle anderen «<foreign xml:lang="lat">causae</foreign>» verhalten sich zu ihr nur wie der Gesandte zu seinem König, wie der Hammer zum Handwerker, wie der Ochse zum pflügenden Bauern, d. h. sie sind nicht wirkliche «<foreign xml:lang="lat">causae</foreign>», sondern nur «<foreign xml:lang="lat">media et instrumenta</foreign>». <hi rend="italic">Gott</hi> redet mit den biblischen Menschen, nicht die Engel, <hi rend="italic">Gottes</hi> ist die «<foreign xml:lang="lat">essentia</foreign>», «<foreign xml:lang="lat">virtus</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">operatio</foreign>» der Gestirne, nicht ihrer selbst, Gott vergibt die Sünden (ein kleiner Ausfall gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>!), nicht die <ref type="term">Apostel</ref> und ihre Nachfolger, obwohl immer Gott <hi rend="italic">durch</hi> alle diese Mittelursachen. «<foreign xml:lang="lat">Instrumenta causae</foreign>» also sind die vermeintlichen «<foreign xml:lang="lat">causae</foreign>». Und diese Einsicht ist nun streng festzuhalten. Keine Ausnahmen! Keine Zufälligkeiten! Nichts noch so <pb ed="pga" xml:id="p469"/> Kleines, was Gott etwa <hi rend="italic">nicht</hi> wüßte, worüber er <hi rend="italic">keine</hi> Macht hätte, worum er sich <hi rend="italic">nicht</hi> bekümmerte, es wäre denn, Gott wäre <hi rend="italic">nicht</hi> Gott, sondern die betreffenden Dinge wären selbst Gott, d. h. es wäre überhaupt kein Gott und <hi rend="italic">Alles</hi> wäre zufällig. Leugnung der Vorsehung in diesem strengsten Sinn ist Atheismus, und Glaube an Gott ist identisch mit dem Glauben an die Vorsehung in diesem strengsten Sinn. |</p>
                <p> Das <hi rend="italic">vierte Kapitel</hi><note xml:id="n843"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,115,13-140,19</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«4. Kapitel».</hi></note> 
                handelt vom <hi rend="italic">Menschen</hi> und von der dem Gedanken der Vorsehung in diesem strengsten Sinn scheinbar widersprechenden Tatsache, daß er unter einem <hi rend="italic"><ref type="term">Gesetz</ref></hi> steht. Was ist der Mensch? Das seltsamste unter allen Wesen, denn er ist im Gegensatz zu den Engeln «<foreign xml:lang="lat">non coeleste solum, sed etiam terrestre animal</foreign>», im Gegensatz zu allen anderen Wesen aber unter den «<foreign xml:lang="lat">rex et moderator</foreign>» einer intellektuellen Substanz gestellt.<note xml:id="n844"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,116,2-8.</bibl></note> 
                Er ist dazu bestimmt, «<foreign xml:lang="lat">Deo frui</foreign>», ein Schattenbild darzustellen von der <ref type="term">Gemeinschaft</ref> zwischen Gott und Mensch, die in Christus verwirklicht ist. Er ist für die <ref type="term">Welt</ref> das, was für ihn selbst Gott ist; ohne ihn wäre die Welt wie eine trauernde Witwe. Ihn bewohnt im Unterschied zu den anderen <ref type="term">Wesen</ref> der <ref type="term">Geist</ref>, der ihn zum Verwandten Gottes macht, darum ist sein Leib wehrlos, aber dafür aufrecht, damit er zum <ref type="term">Himmel</ref> aufsehe, den er zu ererben hofft. Aber eben dieses sein Doppelwesen ist nun auch sein Problem. Denn mit was kann man sein Geistsein inmitten und trotz seiner Leiblichkeit vergleichen als mit einem klaren Bächlein, in das eine Handvoll Dreck geworfen ist und das nun fortwährend, indem es sie überspült, davon beschmutzt wird? So ist sein <ref type="term">Leben</ref> ein fortwährender Kampf zwischen Geist und Leib, ein Kampf, 
                der kein Ende nimmt, weil es in ihm keinen Sieger gibt. Denn welche gute Tat wäre von der Art des <ref type="term">Fleisch</ref>es etwa ganz frei, und welcher <persName ref="kbga-actors-1387">Nero</persName> oder <persName ref="kbga-actors-9838">Heliogabal</persName> könnte sich der Frage: «<foreign xml:lang="lat">Tu vero quis</foreign>?» etwa ganz entziehen? Wie neben dem Geist immer das rebellische <ref type="term">Fleisch</ref> weiterlebt, so ist dieses Fleisch doch unfreiwillig immer der Affe des <ref type="term">Geist</ref>es, sein heuchlerischer Nachahmer, der nicht von ihm loskommt. |</p>
                <p>Aber nun erhebt sich ein Problem nach dem anderen: <hi rend="italic">Warum hat Gott den Menschen in diese friedlose Lage versetzt?</hi> Antwort: Schon <pb ed="pga" xml:id="p470"/> diese Frage ist eine «<foreign xml:lang="lat">suggestio carnis</foreign>». Hat nicht der Töpfer Macht, mit dem Ton zu machen, was ihm beliebt? So hat Gott dem Elephanten seine Stoßzähne gegeben und dem Eber seine Hauer. Ihm gefällt, was ihm beliebt, und ihm beliebt nichts, was nicht «<foreign xml:lang="lat">bonum, sanctum, iustum</foreign>» ist. Alles steht von ihm aus gesehen in Reih und Glied: Panther, Tiger, Stiere, Pferde, Adler, Geier, Nachtigallen, Amseln, Thunfische und Delphine. So wollte Gott den Menschen so machen, wie er es <hi rend="italic">getan</hi>, und uns sei es genug, daß <hi rend="italic">er</hi> es <hi rend="italic">gewollt</hi> hat. Aber <hi rend="italic">warum ist sein Geist verdammlich</hi><hi rend="italic">, 
                wenn er durch Kraft der Verführung oder Gewalt des Fleisches sündigt?</hi> Antwort: Weil er sich gegen das <ref type="term">Gesetz</ref> vergeht. Wäre kein Gesetz, so wäre auch keine Übertretung. Hunde, die sich balgen, tun kein Unrecht, denn sie haben kein Gesetz. Der Mensch aber ist verdammlich, weil er gegen das <ref type="term">Gesetz</ref> sündigt. Aber <hi rend="italic">warum hat Gott dem Menschen ein <ref type="term">Gesetz</ref> gegeben, gegen das er sündigen kann</hi>, statt ihm zu seinem <ref type="term">Heil</ref> zu erlauben, ebenfalls [als] «<foreign xml:lang="lat">exlex</foreign>» zu leben? Antwort: man überlege, was denn das Gesetz ist! Wesentlich verstanden offenbar das Gebot der Gottheit, ja ganz konzis gesagt: der Wille Gottes selbst. Hören wir das Gesetz, so hören wir, was Gott will, also, «<foreign xml:lang="lat">quod ipse eius ingenii est</foreign>». 
                Unangebracht ist es darum, wenn zu unserer <ref type="term">Zeit</ref> gewisse Giganten, einige, die sich in Sachen der Schrift für allein urteilsfähig halten - man merkt wiederum ohne Mühe, wer gemeint ist -, vom <ref type="term">Gesetz</ref> so reden, als ob es nur erschrecken und verdammen könne.  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat eine «<foreign xml:lang="lat">enallagae</foreign>», eine rhetorisch-feine Verwechslung gebraucht, wenn er z. B. sagt, daß wir vom Gesetz befreit werden sollen, da doch das Gesetz so wenig aufgehoben werden kann wie Gott selber; nicht vom <ref type="term">Gesetz</ref>, sondern von der uns wegen Verachtung des Gesetzes drohenden <ref type="term">Verdammnis</ref> sollen wir befreit werden. Das Gesetz ist freilich das Licht, das in eine im Dunkeln sitzende Versammlung von Buckligen gebracht wird, aber das berechtigt uns noch nicht, zu rufen: Nur kein Licht hereinbringen, damit man nicht sehe, wie bucklig wir sind. Denn wie unangenehm es uns sei, es ist doch <hi rend="italic">Gottes</hi> Licht. Gebietet es uns, unseren Nächsten zu lieben, so offenbart es uns damit Gottes Wesen als die Liebe. Freilich: was für <hi rend="italic">uns</hi> <ref type="term">Gesetz</ref> ist, 
                das ist Gottes «<foreign xml:lang="lat">ingenium</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">natura</foreign>», <hi rend="italic">er</hi> steht also <hi rend="italic">über</hi> dem Gesetz, in dem sich sein Wesen ausdrückt, weil er das Wesen <hi rend="italic">selbst</hi> ist. Wir aber sind <hi rend="italic">unter</hi> dem Gesetz. Aber - Zwischenfrage! - <hi rend="italic">handelt nicht Gott selbst manchmal gegen <pb ed="pga" xml:id="p471"/> sein Gesetz?</hi>, z. B. gegen das Gebot: Du sollst nicht töten? Handelt er dann nicht gegen seine eigene <ref type="term">Natur</ref>, die sich in diesem Gebot ausspricht? Antwort: Nein, denn auch der gerechte menschliche Richter, der tötet, ist darum kein Übertreter des Gebotes; so kann auch Gott, der die «<foreign xml:lang="lat">aequitas</foreign>» selbst ist, sich selbst nicht verleugnen, sondern tut, 
                was billig und recht ist, auch wenn er tötet. Die <ref type="term">Verkündigung</ref> des Gesetzes dient also unter allen Umständen zur Auffrischung der <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes. Durch sie werden wir uns unserer <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit Gott bewußt, was den Tieren, die kein Gesetz kennen, so nicht widerfährt. So wird das <ref type="term">Gesetz</ref>, das uns in jenen Konflikt stürzt, für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geradezu zur <foreign xml:lang="lat">magna charta</foreign> unserer <ref type="term">Humanität</ref>, unserer ursprünglichen Gottzugehörigkeit. |</p>
                <p>Aber - schwerste Frage - wenn nun dieser Kampf zwischen <ref type="term">Geist</ref> und <ref type="term">Fleisch</ref> unvermeidlich ist und der Mensch als Mensch der unglückliche Kriegsschauplatz dieses Kampfes, wenn aber andererseits auf Grund der Einsichten der vorhergehenden Kapitel die Kraft des Fleisches sowohl wie die des Geistes des gegenwärtigen Gottes sein muß, der ja aller Dinge Sein, Dasein und Kraft ist, wenn folglich mit <hi rend="italic">Gottes</hi> Willen und Wissen das Fleisch den Geist anbellt, während der Geist auf Gottes Stimme hören möchte - <hi rend="italic">ist dann das Gesetz nicht umsonst gegeben?</hi> wird er dann nicht mit Unrecht verurteilt wegen des Übermuts des <ref type="term">Fleisch</ref>es, da dieses doch, was es tut, aus Gott und durch Gott tut? Antwort: 
                Wie Gottes Kraft dem Fleisch Existenz und Vitalität verleiht, so auch dem <ref type="term">Geist</ref> in seinem Kampf gegen das Fleisch die notwendige <ref type="term">Erkenntnis</ref> und Erleuchtung. Ohne diese Hilfe wäre der Mensch <hi rend="italic">kein</hi> Mensch, sondern ein Tier, wie die anderen Geschöpfe Gottes, die eben <hi rend="italic">nur</hi> Fleisch sind. Wie sollte das umsonst gegeben sein, was ihn zu Mehr-als-Tier macht. Daß aber Gott dem widerstrebenden Fleisch Existenz und Vitalität gibt, das geschieht genau aus demselben Grunde wie das Andere, daß er den Geist durch das Gesetz lebendig erhält: der Mensch soll eben der Mensch sein, das merkwürdige Wesen, das nach Gott strebt und in der Körperwelt lebt. 
                Daher kommt es, daß es außer dem einen Sohne Gottes keinen absolut Weisen und Gerechten gibt, der nicht irgendwie seine Menschlichkeit verraten würde. Wir wundern uns über die Irrtümer großer Männer, wo es doch vielmehr ein <ref type="term">Wunder</ref> wäre, wenn sie nicht geirrt hätten, denn Irrtumslosigkeit kommt nur Gott zu. Das Fleisch ist Schmutz; <pb ed="pga" xml:id="p472"/> was also vom Menschen kommt, das ist befleckt. Immer verrät der kumänische Löwe irgendwo seine Ohren, nämlich seine Eselsohren!<note xml:id="n845"> Anspielung auf die Fabel vom Esel in der Löwenhaut, wie sie sich schon in <bibl corresp="kbga-bibls-3182"><persName ref="kbga-actors-2335">Aesops</persName> <hi rend="italic">Fabulae</hi></bibl> findet und in <bibl corresp="kbga-bibls-3183"><persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>’ <hi rend="italic">Adagia</hi></bibl> zur Redensart «Der Esel bei den Cumanern» wurde. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> stellt seinen Kritiker als Esel im Löwenfell und damit als einen harmlosen Schwätzer dar; siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,156,14-17</bibl>.</note> 
                So z. B. fühlt sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gedrungen zu illustrieren: wenn heute Einige die Meinung vertreten, daß der Leib Christi «<foreign xml:lang="lat">per essentiam, re ipsa, naturaliter ac vere</foreign>» im Abendmahl gegessen werde, so ist dazu zu bemerken, daß der Herr bei diesem ihrem Tun so sehr dabei ist, daß, wenn er ihnen nicht <ref type="term">Leben</ref> und Kraft geben würde, sie unmöglich leben und dies verfechten könnten. Und doch will er damit nichts Anderes, als uns durch diese ihre Irrtümer zeigen, daß sie, die wir allmählich für Übermenschen zu halten begannen, auch nur Menschen seien, und [als daß wir] so zur <ref type="term">Erkenntnis</ref> kämen, daß Irrtumslosigkeit nur bei Gott ist.</p>
                <p> <hi rend="italic">Also</hi> lautet der Schluß dieser großen Erörterung: Der Mensch, der mit Gott und seinem Willen vertraut, den Geist vernachlässigend und dem Fleische nachgebend, <hi rend="italic">gegen</hi> Gott handelt, wird mit Recht verdammt. Der Mensch kann und darf nicht [als] «<foreign xml:lang="lat">exlex</foreign>» leben. Wer [als] «<foreign xml:lang="lat">exlex</foreign>» lebt, kennt den Willen Gottes nicht und ist «<foreign xml:lang="lat">ad illius amicitiam et contubernium</foreign>» nicht geschaffen; er ist ein Tier. Auch das <ref type="term">Gesetz</ref> kommt aus der «<foreign xml:lang="lat">providentia Dei</foreign>», so gewiß diese Alles bedenkt und verfügt auch über die, die kein Gesetz haben. Das <ref type="term">Gesetz</ref> ist die <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes, die den Menschen zum Menschen macht, indem sie ihn auf den <hi rend="italic">verweist</hi>, der der «<foreign xml:lang="lat">dominus et moderator rerum omnium</foreign>» ist. Und nicht einmal zweierlei Werke Gottes kann man beides nennen, die Regierung der <ref type="term">Welt</ref> durch die <foreign xml:lang="lat">providentia</foreign> und die Erziehung des Menschen durch das <ref type="term">Gesetz</ref>, sondern <hi rend="italic">durch</hi> das Gesetz regiert Gott die Menschen, diese sonderbarste Klasse unter allen seinen Geschöpfen.</p>
                <p> Das <hi rend="italic">fünfte Kapitel</hi><note xml:id="n846"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,140,20-150,2</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«5. Kapitel».</hi></note> handelt von des Menschen <hi rend="italic">Fall</hi> und seinem Verhältnis zu Gottes Güte und Weisheit. Die eben entwickelte Aufhebung des Dualismus von <ref type="term">Geist</ref> und <ref type="term">Fleisch</ref> im Menschen durch den Monismus der göttlichen Providenz hat ja, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sehr genau <pb ed="pga" xml:id="p473"/> weiß, das Problem nur zurückgeschoben in Gott selbst hinein. Entweder Gott hat den Fall des Menschen, in der Sprache der vorhergehenden Kapitel ausgedrückt: die Schwachheit des <ref type="term">Geist</ref>es und die Macht des Fleisches, <hi rend="italic">nicht</hi> vorausgewußt - wo bleibt dann seine Weisheit? Oder er hat ihn vorausgewußt - wo bleibt dann seine Güte? Weisheit und Güte lassen sich aber vom Begriff der «<foreign xml:lang="lat">providentia</foreign>», wie er im zweiten Kapitel entwickelt ist, nicht trennen, also darf diesen Problemen hier nicht ausgewichen werden. </p>
                <p>Erstens zur <hi rend="italic">Güte</hi> Gottes. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> findet ihre Manifestation a) in der <ref type="term">Schöpfung</ref>, b) in der <ref type="term">Erlösung</ref> des Menschen. Die Schöpfung ist schon an sich ein Werk der göttlichen Güte. Die intellektuellen Wesen, Menschen und Engel, hat Gott dazu geschaffen, daß sie ihn erkennen sollten. Seine Güte ist aber nicht nur Wohlwollen, sondern auch Gerechtigkeit. <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes muß also jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> sein Erkenntnis seiner <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>. Wie könnte diese aber erkannt werden ohne ihr Kontrastbild, die Ungerechtigkeit? Wir wüßten ja auch von keiner Süßigkeit, wenn wir nicht wüßten, was bitter ist. Nun könnte uns Gott aber Ungerechtigkeit nicht an sich selbst zeigen, er, 
                der von <ref type="term">Natur</ref> nur heilig, wahr und gut ist. Es könnte aber auch die Kreatur, die ja weder leben noch etwas wirken kann ohne Gott, sie [nicht] hervorbringen, sondern, folgert <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit wirklich bewundernswerter denkerischer Kühnheit, «<foreign xml:lang="lat">numen ipsum auctor est eius quod nobis est iniustitia, illi vero nullatenus est</foreign>».<note xml:id="n847"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,143,6f.</bibl></note> 
                Ohne Kenntnis des Oppositums Ungerechtigkeit wäre <ref type="term">Gerechtigkeit</ref> Engeln und Menschen etwas Dunkles und Wertloses geblieben. Nur durch Übertretung konnten sie Ungerechtigkeit kennenlernen. Sie übertraten beide und sahen das Angesicht der Gerechtigkeit, <persName ref="kbga-actors-9509">Luzifer</persName> in seinem Sturz in die Hölle, der Mensch in seiner Austreibung aus dem Paradiese. Beides hat Gott bewirkt und ist doch selbst nicht ungerecht, denn er ist nicht unter dem <ref type="term">Gesetz</ref>e. Das Gebot an <persName ref="kbga-actors-9509">Luzifer</persName>: <hi rend="italic">Mir</hi> gehorche! und das Gebot an den Menschen: Iß <hi rend="italic">nicht</hi> von dem Apfel! konnte ja wirklich Gott selbst nicht gelten. Er selbst wurde nicht zum Übertreter, indem er den Engel und den Menschen zum Übertreter machte. Der Mensch und der Engel aber haben gesündigt, denn sie <hi rend="italic">standen</hi> unter dem Gesetz. 
                Gott kann mit seinen Geschöpfen tun, was ihm beliebt, <pb ed="pga" xml:id="p474"/> er wird damit auf keine Fall sündigen, er wird damit vielmehr immer «<foreign xml:lang="lat">insigne aliquod bonum</foreign>» tun, während der Mensch, auch wenn er dabei von Gott bewegt ist, sündigt, indem er etwas gegen das <ref type="term">Gesetz</ref> tut. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erläutert dieses Verhältnis an zwei Gleichnissen. Das zweite ist schweizerisch bis zur Verwegenheit. 1. Wenn die Hausmutter von dem Honig nimmt, den der Vater den Kindern verboten hat, so verfehlt sie sich nicht; <hi rend="italic">sie</hi> steht ja nicht unter diesem Verbot, aber die Kinder verfehlen sich, denn für sie <hi rend="italic">gilt</hi> das Verbot. 2. Ein Zuchtstier, der eine ganze Herde bespringt, handelt löblich. Der menschliche Besitzer dieses Tieres aber, der sich auch nur mit einem fremden Weibe vergeht, ist des Ehebruchs schuldig. Das <foreign xml:lang="lat">tertium comparationis</foreign> lautet: Wo kein <ref type="term">Gesetz</ref> ist, da ist keine Übertretung [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.15">Röm. 4,15</ref>] - diesmal auf Gott angewendet: seine Güte ist von dem, auch von dem für uns Bösen, was er tut, unberührt, ja sie kann in Allem, was er tut, nur umso heller leuchten.</p>
                <p> Also: indem Gott den Menschen schuf mit der Fähigkeit zu fallen, offenbarte er seine Güte. In ihrem Fall erstrahlte ja seine Gerechtigkeit. Die «<foreign xml:lang="lat">miseri</foreign>», die Verdammten verkündigen als Exempel seiner Gerechtigkeit die «<foreign xml:lang="lat">gloria Dei</foreign>»; konnten sie etwa etwas Größeres tun für ihn? Tiger und Krokodil verkündigen die Majestät Gottes so gut wie Ochse und Schaf, obwohl diese sanfte Haustiere, jene aber Bilder alles Greuels sind. Sie verkündigen die «<foreign xml:lang="lat">iniustitia</foreign>», die ja um der «<foreign xml:lang="lat">iustitia</foreign>» willen <hi rend="italic">auch</hi> verkündigt werden muß. Also Summa: die Güte Gottes versagt nicht, sondern sie bewährt sich darin, daß Gott den Menschen so geschaffen, daß er fallen konnte. Denn auf diesem Wege kam er zur <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes. Neben der <ref type="term">Schöpfung</ref> steht ja übrigens b) die <ref type="term">Erlösung</ref> als Werk der göttlichen Güte. In freier Güte <hi rend="italic">erlöst</hi> ja Gott den Menschen, den er frei <hi rend="italic">geschaffen</hi> hatte. Der Gerechte (Christus) muß die Ungerechten loskaufen, damit der Mensch die Alleingerechtigkeit Gottes erkenne und zugleich das Gewicht der <ref type="term">Sünde</ref> und Ungerechtigkeit in ihrem ganzen Widerspruch zu Gott und [das] Streben nach Gerechtigkeit und Unschuld als das, was Gott wohlgefällig ist.</p>
                  <p> Und nun zweitens Gottes <hi rend="italic">Weisheit</hi>. Ist es etwa mit dem Menschen anders herausgekommen, als Gott es vorausgesehen hatte? Nein, denn Sache der göttlichen Weisheit war es, den Menschen gerade die<pb ed="pga" xml:id="p475" break="no"/>sen, den rechten Weg zu führen, den Weg der <ref type="term">Erkenntnis</ref> der <ref type="term">Gerechtigkeit</ref>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ergänzt diese Erwägung nun noch durch eine zweite: Was göttlich ist, das muß von <ref type="term">Ewigkeit</ref> her sein, also auch Gottes Weisheit. Also ist die <ref type="term">Erlösung</ref> ebensosehr von Ewigkeit her in Gottes Weisheit beschlossen wie die <ref type="term">Schöpfung</ref>. Also aber auch der Sündenfall, ohne den die <ref type="term">Erlösung</ref> ja gegenstandslos wäre. Denn wer bestimmt ein Heilmittel für eine Krankheit, die er nicht kennt? Für die Gottheit gibt es kein «<foreign xml:lang="lat">recens ac novum</foreign>», kein nachträglich hinzutretendes schlechthin Neues (!), sie hat die <ref type="term">Erlösung</ref> ebenso vorausgewußt und beschlossen wie die <ref type="term">Schöpfung</ref> und den Fall des Menschen ebenso wie die <ref type="term">Erlösung</ref>. 
                Darum gibt es, so wenig wie dem Lauf der Sterne gegenüber, kein Fragen: Warum ist der Mensch so, wie er ist?, sondern nur das Akzeptieren der allein möglichen Antwort: <hi rend="italic">Da</hi> er so geschaffen ist, muß er <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">sapientissime</foreign>» so</hi> geschaffen sein. Frech und rebellisch ist es, Gott zur Rechenschaft zu ziehen, fromm und heilig ist es, bei Betrachtung des Menschen die göttliche Weisheit staunend zu verehren. «<foreign xml:lang="lat">Suspicere</foreign>» gebührt sich der Gottheit gegenüber, nicht herauszuheischen, «<foreign xml:lang="lat">contemplare</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">admirare</foreign>» ihren Werken gegenüber, nicht «<foreign xml:lang="lat">censere, corrigere</foreign>» und daran rütteln wollen. Was von diesem Guten herkommt, das ist zu seinem besonderen Zweck «<foreign xml:lang="lat">absolutum, perfectum ac integrum</foreign>».<note xml:id="n848"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,149,22.</bibl></note> Nichts ist, was er nicht wüßte, bevor es geschieht, nichts, was er nicht ordnete, so wie es geschieht, nichts, was er beschlösse, bei dem er nicht auch beharrte.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <div>
                <p><date rend="right">[23.II.23]</date>
                 Das <hi rend="italic">sechste Kapitel</hi><note xml:id="n849"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,150,3-169,7</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«6. Kapitel».</hi></note> ist überschrieben: «<foreign xml:lang="lat">De electione, quam theologi praedestinationem vocant</foreign>»<note xml:id="n850"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,150,3.</bibl></note>, es enthält aber nicht nur eine rekapitulierende Darstellung des vorher im Einzelnen dargelegten zwinglischen Gottesgedankens, sondern, wenn man den ihr angehängten Exkurs «<foreign xml:lang="lat">De fide</foreign>» hinzunimmt, eine Entwicklung seiner ganzen Anschauung von der <ref type="term">Heil</ref>sordnung oder vielmehr Gottesordnung, 
                 unter der der Mensch nach seiner Überzeugung steht. Der strenge Zusammenhang zwischen <ref type="term">Schöpfung</ref>, <ref type="term">Gesetz</ref>, <ref type="term">Sündenfall</ref> und <ref type="term">Erlösung</ref>, die nach Kapitel 5 alle gleich klar und notwendig aus der <pb ed="pga" xml:id="p476"/> göttlichen Vorsehung hervorgehen, - er ist nicht etwa nur ein Werk der göttlichen Gerechtigkeit, sondern, nochmals zu unterstreichen, das Werk der göttlichen <hi rend="italic">Güte</hi>. Immer muß, wo in dem Bild von Gerechtigkeit Gottes die Rede ist, auch an seine <hi rend="italic">Güte</hi> gedacht werden. Denn Gerechtigkeit und Güte sind in ihm eins und dasselbe. Sollte daraus folgen, wie <persName ref="kbga-actors-2052">Chrysostomus</persName> klagt, <hi rend="italic">daß wir dann mit Unrecht die Schuldigen strafen würden?</hi> Nein, denn der <ref type="term">Sünder</ref> übertritt ja das <ref type="term">Gesetz</ref>, obwohl er nichts tun kann, «<foreign xml:lang="lat">nisi in deo, ex deo et per deum</foreign>».<note xml:id="n851"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,152,16-18.</bibl></note> 
                 Was Gott durch ihn tut, das ist nur für Gott gut, für ihn aber böse. Dieselbe Tat, ein Ehebruch oder Mord z. B., ist, sofern <hi rend="italic">Gott</hi> ihr «<foreign xml:lang="lat">auctor, motor ac impulsor</foreign>» ist, ein Werk, und zwar nicht nur ein neutrales, nicht nur ein sündloses, sondern wie alle Werke Gottes ein gutes Werk und kein Verbrechen, sofern sie des <hi rend="italic">Menschen</hi> Tat ist, aber zweifellos ein Verbrechen und <hi rend="italic">nur</hi> als solches zu behandeln. Unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Urheberschaft betrachtet, ist der Ehebruch  <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName> nicht sündiger als - noch einmal!  - das, was ein Zuchtstier unter einer ganzen Herde tut. Läßt Gott einen Menschen töten durch einen Räuber oder ungerechten Richter, so verfehlt er sich so wenig, als  wenn er einen Wolf durch einen anderen oder einen Elefanten durch einen Drachen umbringen läßt. «<foreign xml:lang="lat">Sua enim sunt universa</foreign>.»<note xml:id="n852"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,153,16.</bibl></note> 
                  Der Mensch aber, der das Gesetz übertritt, ist, obgleich er dabei, von Gott aus gesehen nur «<foreign xml:lang="lat">instrumentum</foreign>» ist, strafwürdig, und zwar ohne daß Gott ihm mehr Unrecht täte als Einer, der ein Glas Wasser lieber ausgießt, statt es zu trinken. Die Notwendigkeit, unter der der Mörder wie der unschuldig Gemordete stehen, darf nur nicht sozusagen in Momentbildern aufgefaßt werden, so daß dann die Fragen entstehen können: warum muß der Unschuldige gemordet werden?, und wenn er es muß, ist dann nicht der Mörder unschuldig? Eitle Fragen! Denn es handelt sich um die Notwendigkeit der ganzen <ref type="term">Ordnung</ref>, unter der beide stehen: Der unschuldig Gemordete, dem es ja ohnehin gesetzt ist, einmal zu sterben, kommt in den <ref type="term">Himmel</ref>, vielleicht auch nach Verdienst in die Hölle, der Mörder aber nach <ref type="term">Gesetz</ref> und Recht ans Kreuz. Also nicht stehen bleiben bei dem Satz: «<foreign xml:lang="lat">providentia movit latronem</foreign>». Sondern: «<foreign xml:lang="lat">Perge, perge ultra!</foreign>», sie be<pb ed="pga" xml:id="p477" break="no"/>wegt auch den Richter, sie bewegt den ganzen Zusammenhang, und immer ist sie selbst rein und unanfechtbar.<note xml:id="n853"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,155,13-18.</bibl></note> </p>
                <p> Und nun steht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vor dem eigentlichen Gegenstand dieses Kapitels, vor der göttlichen <hi rend="italic">Erwählung</hi>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> definiert: <hi rend="italic">«<foreign xml:lang="lat">electio est libera divinae voluntatis de beandis constitutio</foreign>».</hi><note xml:id="n854"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,156,3.</bibl></note> Er wählt den Begriff «<foreign xml:lang="lat">constitutio</foreign>», weil er am besten ausdrücke, daß es sich, was, wenn er «<foreign xml:lang="lat">sententia</foreign>», «<foreign xml:lang="lat">consilium</foreign>» oder sogar «<foreign xml:lang="lat">decretum</foreign>» sagen würde, nicht so herauskäme, um einen durch keinen außerhalb Gottes selbst begründeten <hi rend="italic">Regierungs</hi>akt handle; «<foreign xml:lang="lat">libera</foreign>» soll speziell den Gegensatz zu <hi rend="italic">unserer</hi> Freiheit des <ref type="term">Wille</ref>ns bezeichnen. 
                Die «<foreign xml:lang="lat">praedestinatio</foreign>» <hi rend="italic">folgt</hi> nicht, wie es nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> (unrichtiger!) Meinung <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName> lehrte, der menschlichen «<foreign xml:lang="lat">dispositio</foreign>», sondern sie geht ihr voran. Jene falsche Meinung würde die Güte sowohl wie die Allmacht Gottes wieder problematisch machen. Nur die Unbeholfenheit unseres Intellektes, der sich, wie man später gesagt haben würde, nicht zur Zentralschau<note xml:id="n855"> Vgl. zu diesem von <bibl corresp="kbga-bibls-3184"><persName ref="kbga-actors-306">Fr. Chr.  Oetinger</persName> gebrauchten Begriff dessen <hi rend="italic">Anmerkungen von der Central-Schau oder <ref type="o">Erkenntnis</ref>, wie die Engel erkennen, von ihrem Unterschied von den Gesichten und <ref type="o">Offenbarung</ref>en Gottes in den äußeren Kräften der <ref type="o">Seele</ref></hi> (in: Sämtliche Schriften, hrsg. von K. Chr. E. Ehmann, 2. Abt.: Theosophische Schriften, 5. Bd., Stuttgart 1863, S. 285–298)</bibl>.</note> 
                erheben kann, läßt uns die Handlungen des göttlichen Richters immer wieder zerlegen in eine Folge: Feststellung des Tatbestandes, Urteil, Strafe. Die Gottheit selbst aber ist «<foreign xml:lang="lat">simplicissimum</foreign>» und darum ihre «<foreign xml:lang="lat">constitutio</foreign>» über uns «<foreign xml:lang="lat">libera</foreign>», nur in ihr selbst begründet. «<foreign xml:lang="lat">Constitutio <hi rend="italic">voluntatis</hi></foreign>» will <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die Erwählung aus demselben Grunde nennen: würde er «<foreign xml:lang="lat">constitutio sapientiae</foreign>» sagen, so bestünde die Möglichkeit, sie als ein bloßes Vorher<hi rend="italic">wissen</hi> zu deuten, wobei aber - noch einmal: «<foreign xml:lang="lat">numen est simplex</foreign>» - der Wille Gottes und seine Weisheit natürlich Eines sind. «<foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">De beandis</hi> constitutio</foreign>» endlich - auch die Verdammten sind, was sie sind, als Beispiele der göttlichen Gerechtigkeit, durch Gottes Willen; die Erwählung aber hat es mit den zur <ref type="term">Seligkeit</ref> Bestimmten zu tun. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bespricht dann die bekannten biblischen Belegstellen: das Wort an  <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>:  
                  «Ich erbarme mich, welches ich will!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.33.19">Ex. 33,19</ref>], die Verstockung des Pharao [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.7.3 Ex.7.4">Ex. 7,3f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.9.17 Ex.98.17">9,17</ref>], <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9">Röm. 9</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11">Röm. 11</ref>. Wie seine Stel<pb ed="pga" xml:id="p478" break="no"/>lungnahme sich gestaltet zu dem damals durch die Kontroverse <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> contra <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> wieder einmal aktuell gewordenen Problem der <ref type="term">Wille</ref>ns<ref type="term">freiheit</ref>, das ist nach dem allem selbstverständlich. 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> steht hier natürlich unbedingt auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Seite, lutherischer als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, indem das, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hier bloß in der Abwehr, negativ vertrat, für ihn der positive «<foreign xml:lang="lat">articulus stantis et cadentis ecclesiae</foreign>»<note xml:id="n856"> Ursprünglich bringt diese Formel, für die in den Schriften der Reformatoren kein direkter Beleg vorliegt, die reformatorische Hochschätzung der <ref type="o">Rechtfertigungslehre</ref> zum Ausdruck; zur Herkunft dieser Wendung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-559">Th.  Mahlmann, Art. «Articulus stantis et (vel) cadentis ecclesiae», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> I, Sp. 799f</bibl>.</note> 
                war, die Alleinfreiheit Gottes. «Die Gottheit ist das <foreign xml:lang="lat">summum bonum</foreign>. Alles was ist, ist aus ihr, bedarf ihrer Kraft und lebt von ihr. Sie aber bedarf keines Dinges außer ihrer selbst, sie besteht in eigener Stärke, sie freut sich daran, alle Dinge ihre wesentliche Güte gewinnen zu lassen, sie sucht aller Dinge Bestes, sie sorgt für sie alle, sie ist das Licht alles Intellektes, die einzige Quelle alles Intellektes. Was da lebt, erkennt und wirkt, das lebt, erkennt und wirkt in ihr. Wie könnten wir etwas uns selbst zuschreiben, die wir nicht einmal sind, geschweige denn leben und wirken ohne sie? … Wie könnte es da ein freies, menschliches Beschließen geben?»<note xml:id="n857"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,164,3-14.</bibl></note> 
                Werkzeug, «<foreign xml:lang="lat">instrumentum</foreign>» nur ist alles menschliche Werk: So - sofort schwenkt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wieder von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ab und geht seinen charakteristisch eigenen Weg - die von Menschen verkündigte Sündenvergebung, so die <ref type="term">Sakrament</ref>e. Daß man doch besonders im
                <ref type="term">Abendmahl</ref> nicht vergesse den Unterschied zwischen der «<foreign xml:lang="lat">expiatio</foreign>» selbst und der «<foreign xml:lang="lat">expiationis memoria et gratiarum actio</foreign>». Die äußere <foreign xml:lang="lat">actio</foreign> oder <foreign xml:lang="lat">res</foreign> kann den Glauben und die Vergebung nicht bringen, der <ref type="term">Geist</ref> selbst bringt sie, und er geht allem äußerlichen Tun voraus, das als solches nur «<foreign xml:lang="lat">nuntiare et significare</foreign>» kann zur Übung des Glaubens, der schon vorher da ist. Nie können Zeichen und Sache zusammenfallen, wie die in wahrer <ref type="term">Frömmigkeit</ref> und Bildung Rohen meinen (mit denen sich aber <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> immerhin hatte verbrüdern wollen!), sondern das Brot ist das Zeichen, die Sache aber ist der für uns dahingegebene Christus, der nicht den Sinnen, sondern dem Geiste dargeboten wird. «Unrecht wäre es, so töricht zu sein, das, was nur Gottes Sache sein kann, einem sinnlichen <pb ed="pga" xml:id="p479"/> Gegenstand zuzuschreiben und so den Schöpfer zum Geschöpf, das Geschöpf zum Schöpfer zu verkehren.»<note xml:id="n858"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,168,15-17.</bibl></note> |</p>
                <p> Hier setzt nun der Exkurs vom Glauben<note xml:id="n859"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,169,8-192,7</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«Exkurs De fide».</hi></note> ein und zwar mit einer Exegese von <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> faßt <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὑπόστασις</foreign>, wie wir schon früher hörten<note xml:id="n860"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p350#p350">S. 350</ref>.</note>, als «<foreign xml:lang="lat">essentialis res animi</foreign>». Und was könnten die <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐλπιζόμενα</foreign> Anderes sein als die Elohim, d. h. aber Gott selber? <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Ἔλεγχος</foreign> überträgt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hier mit «<foreign xml:lang="lat">evidentia</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">certitudo</foreign>», zusammengefaßt also: der Glaube ist die «<foreign xml:lang="lat">certitudo animi</foreign>». Was aber sind die «unsichtbaren Dinge»? Doch ja nicht Alles und Jedes, was mit Gott das gemeinsam hat, daß man es nicht sieht, alle möglichen «<foreign xml:lang="lat">historiae fictae</foreign>», «<foreign xml:lang="lat">miracula portentosa</foreign>», 
                oder - wieder ein Schuß nach dieser Richtung - das, was die «Sakramentarier» in den Zeichen als gegenwärtig behaupten, als ob Worte und Elemente die Sache selbst in sich schließen könnten. Die <ref type="term">Taufe</ref> bringt nichts, sondern an ihr wird erkannt, was schon gebracht ist. Und die Eucharistie ist nicht der Leib Christi, trotz des Wortlauts der Einsetzung, denn das <ref type="term">Fleisch</ref> ist nichts nütze [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>]. Mit demselben Recht könnte uns der <ref type="term">Papst</ref> unter Berufung auf die «unsichtbaren Dinge» noch ganz andere Dinge glauben machen wollen. Nein, auch die «unsichtbaren Dinge» sind nur hebraisierende Periphrase für «Der eine Gott». <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes und <ref type="term">Hoffnung</ref> auf ihn, und das «<foreign xml:lang="lat">cum</foreign> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πληροφορίᾳ</foreign>­», <hi rend="italic">das</hi> ist der Glaube, 
                aus dem der Gerechte lebt [<ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.4">Hab. 2,4</ref>]. Und er kann nicht des Menschen Werk, sondern nur Gottes Gabe sein, die dem Erwählten gegeben wird; er ist geradezu das «<foreign xml:lang="lat">symbolum</foreign>», das die Tatsache der Erwählung bestätigt. Er ist die Berufung durch den heiligen Geist und in seiner Wirkung die <ref type="term">Rechtfertigung</ref> und Sündenvergebung. Von Gott belehrt kann der menschliche <ref type="term">Geist</ref> in der <ref type="term">Gewißheit</ref>: Gott ist mein! gegenüber <ref type="term">Papst</ref>, <ref type="term">Sünde</ref> und Teufel (!) bestehen. 
                Die Erwählung ist also für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ein Tatbestand, den nicht nur Gott, sondern auch der Erwählte im Glauben <hi rend="italic">kennt</hi>, aber immer so, daß die Erwählung das Erste, der Glaube das Zweite ist. Darum ist das exklusive Wort: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.16">Mk. 16,16</ref>] synekdochisch <pb ed="pga" xml:id="p480"/> zu verstehen. Entscheidend zur <ref type="term">Verdammnis</ref> ist die göttliche Verwerfung, die sich vielleicht (!) an denen zeigt, die die Botschaft des Glaubens hören und doch im Ungehorsam verharren und so sterben, keinesfalls sicher aber an denen, die nicht glauben, weil sie die Botschaft nicht gehört, wie an den kleinen Kindern, die früh sterben, oder vor Allem an den Heiden. Nichts kann Gott hindern, auch unter den Heiden seine Erwählten zu haben, «<foreign xml:lang="lat">libera enim est electio eius</foreign>». «Ich wenigstens wollte mir lieber das Los eines <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> oder <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> wünschen als das eines römischen <ref type="term">Papst</ref>es. Denn jene waren, obwohl sie die Religion, was Wort und Sakrament betrifft, nicht kannten, dafür aber die Sache selbst, frömmer und heiliger als alle Dominikaner und Franziskaner miteinander.»<note xml:id="n861"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,182,18-183,6.</bibl></note> 
                Also: die Erwählung ist die <hi rend="italic">Blüte</hi>, der Glaube die <hi rend="italic">Frucht.</hi> Synekdochisch sind aber auch alle Schriftworte zu verstehen, die vom <ref type="term">Heil</ref>swert des menschlichen <hi rend="italic">Tuns</hi> reden («Halte die Gebote, so wirst du leben!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.17">Mt. 19,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.28">Lk. 10,28</ref>] und dergl.). Die guten Werke sind gleichsam das Experiment, das mit dem als Siegel und Unterpfand der Erwählung empfangenen Glauben gemacht wird. Wo der Glaube ist, da können gute Werke nicht nicht sein. Ihr «Verdienst» aber ist, da ja der Glaube Gottes Werk ist, <hi rend="italic">Gottes</hi> und nicht <hi rend="italic">unser</hi> Verdienst. Die gute Werke tun, zeigen damit nur, daß sie Gottes voll («<foreign xml:lang="lat">deo plenos</foreign>») sind. Dies gegen den «Logodaedalus» <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>, auf den hier
                unzweideutig angespielt ist. Und auch das ist wohl zu beachten, daß, wenn  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, der Glaube komme aus dem Hören [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.17">Röm. 10,17</ref>], der nächsten Ursache zugeschrieben wird, was in Wirklichkeit nur Sache des <ref type="term">Geist</ref>es sein kann, nicht die der äußeren <ref type="term">Predigt</ref>, wie wiederum die «Sakramentarier» behaupten. Denn die äußere <ref type="term">Predigt</ref> kann man hören und doch nicht glauben. Was endlich das Problem des Glaubens und der Erwählung der früh sterbenden kleinen Kinder angeht, so stellt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> fest, daß natürlich kein Kind sterbe, dessen Schicksal nicht von <ref type="term">Ewigkeit</ref> her bestimmt ist, sein <ref type="term">Leben</ref> und Handeln sowohl wie seine Erzeugung und sein Sterben, um dann gerade damit den tröstlichen Gedanken zu verbinden, daß man, wenn man überhaupt von Anderen etwas vermuten könne, niemand so sicher unter die Erwählten rechnen dürfe wie solche Kinder, bei denen dann ihr Abscheiden als Zeichen der Erwählung, der rettenden Güte <pb ed="pga" xml:id="p481"/> Gottes an die Stelle des Glaubens bei den Erwachsenen trete. Wer von Gott verworfen ist, der stirbt nicht in diesem Stande der Unschuld, sondern wird von der göttlichen Vorsehung aufbewahrt, damit seine Verwerfung in einem entsprechenden Leben sichtbar werde.</p>
                <p> Das <hi rend="italic">siebente Kapitel</hi><note xml:id="n862"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,192,8-217,12</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«7. Kapitel».</hi></note> ist überschrieben: «Beispiele, die das Vorangehende bestätigen sollen»<note xml:id="n863"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,192,8.</bibl></note>, 
                aber auch es bietet mehr, als diese Überschrift erwarten läßt. Denn die Anwendung des Grundgedankens der ganzen Schrift auf <ref type="term">Natur</ref> und Geschichte zeigt ihn selbst doch schließlich noch einmal in ganz neuem Lichte. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> geht aus von dem Unterschied zwischen Gott und Mensch, der darin besteht, daß es bei Gott kein Zaudern, Bereuen und anders Anfangen in irgendeiner Sache gebe. Seine Beschlüsse sind fest, wie er selber fest und unveränderlich ist. Darum ist er heute im Verhältnis zu allen seinen Geschöpfen, zu Erwählten und Verworfenen, was er immer war. Daher die Möglichkeit - dies ist offenbar der Sinn dieser Einleitung -, <ref type="term">Natur</ref> und Geschichte zu betrachten als das große Bilderbuch Gottes, in dem immer neu immer das Alte zu sehen, nicht genug zu <hi rend="italic">sehen</hi> ist. 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> beginnt mit einer großen Betrachtung über die Sintflut und über jenen Regen, der auf Geheiß des <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> fiel. Woher diese Ereignisse? Aus der <ref type="term">Natur</ref>!, antworten die Philosophen, und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bestreitet das nicht, aber er sagt: der «<foreign xml:lang="lat">auctor rerum omnium, qui vere natura et virtus omnium est</foreign>», <hi rend="italic">er</hi> tat das, und das ist für ihn doch etwas Anderes, als was die «<foreign xml:lang="lat">philosophi</foreign>» mit demselben Wort zunächst meinen. Man kann ja diese Ereignisse doppelt deuten; entweder als außerordentliche Wirkungen der altgewohnten bekannten Weltordnung oder als neue besondere <ref type="term">Wunder</ref>taten, «<foreign xml:lang="lat">ex ordine</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">extra ordinem</foreign>» - tut Gott so etwas «<foreign xml:lang="lat">extra ordinem</foreign>», dann um die Naturwissenschaften, die sich wie die Giganten gegen seine Monarchie auflehnen wollen, zur Ordnung zu rufen, wobei es ihm nicht darauf ankommt, die Sonne jetzt still stehen und jetzt ihren Schein verlieren zu lassen - auf alle Fälle aber ist das, was da geschieht, ein Werk der «<foreign xml:lang="lat">providentia</foreign>». 
                Naturordnung und <ref type="term">Wunder</ref> stehen gleichsam auf demselben Nenner, und der ist die Entelechie, das vollkommene Sein, das «<foreign xml:lang="lat">ex ordine</foreign>» <pb ed="pga" xml:id="p482"/> oder «<foreign xml:lang="lat">extra ordinem</foreign>» eines und dasselbe ist. Die Vorsehung kann nicht jetzt schlafen, jetzt wachen, kein Regentropfen fällt ohne sie. Würde sie im Kleinsten aussetzen, so wäre sie nicht die Vorsehung, so wäre kein Gott, denn Gott muß das Einfache («<foreign xml:lang="lat">simplex</foreign>») sein, das in Allem ist, ob man ihn nun Gott oder <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κατ᾽ ἀντονωμασίαν</foreign> <ref type="term">Natur</ref> nenne. Hat man also entdeckt, daß Sonnenfinsternisse, Erdbeben, Blitze, die man früher für <ref type="term">Wunder</ref> hielt, natürlich zu erklären sind, so geschieht das alles darum nicht weniger <hi rend="italic">allein</hi> in Kraft der Gottheit. Ja, nur umso bewundernswerter ist es, daß die einmal eingesetzte Ordnung ihre Pflicht andauernd tut, statt daß solche Dinge nur zu einzelnen Stunden und zu bestimmtem Anlaß geschehen.</p>
                <p><persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> führt dann im Anschluß an die auf das Jahr 1524 aus den Sternen geweissagte <ref type="term">Welt</ref>katastrophe aus, Astrologen und <ref type="term">Theologen</ref> brauchten nicht uneins zu sein. Natürlich bestimmen nicht die Sterne die Schicksale der Erdenbewohner, aber die <ref type="term">Theologen</ref> sollen sich immerhin sagen lassen, daß auch der Lauf der Sterne nicht etwas Besonderes neben dem Wirken der Gottheit ist und daß in der Vorsehung das Gemeinsame zwischen jenem und den irdischen Ereignissen auf alle Fälle zu suchen ist. Immer ist das «<foreign xml:lang="lat">ingenium</foreign>» der Gottheit das «<foreign xml:lang="lat">operari</foreign>», sie ist «<foreign xml:lang="lat">ab otio alienissima</foreign>», sie kennt keine Ruhe, weil sie keine Ermüdung, keine Ermüdung, weil sie keine Schwäche kennt. Ihre ganze <ref type="term">Liebe</ref> und Freude erfüllt sich in ununterbrochenem Tun. Ein Greuel ist der wahren Religion der Begriff des <hi rend="italic">Zufalls</hi> oder der Kontingenz. 
                Wie sollten <persName ref="kbga-actors-3722">Sauls</persName> Eselinnen, das Eselsfüllen des Palmsonntags, der Strick, den Jesus im Tempel fand, der unfruchtbare Feigenbaum, die Fische im Netz des  <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, die fünf Brote bei der Speisung bloß zufällig zur Stelle gewesen sein? Die <persName ref="kbga-actors-5829">Joseph</persName>sgeschichte gibt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Anlaß, eingehend von den <hi rend="italic">Träumen</hi> zu reden. Mögen sie uns etwas Nützliches lehren oder uns bloß unseren Zorn oder unsere Libido (!) offenbaren, mögen wir nachher damit anfangen, was wir wollen, jedenfalls sind sie ein Zeugnis für die Unsterblichkeit, für die ruhelose Entelechie der menschlichen <ref type="term">Seele</ref> und spielen so oder so wirksam in unser <ref type="term">Leben</ref> hinein. Für die <ref type="term">Vorsehung</ref> gibt es ja weder Großes noch Kleines; hat der Sohn Gottes Menschheit angenommen, so wird Gott wohl auch in unseren nichtigsten Träumen wirksam sein. 
                Weiter gibt sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Mühe, begreiflich zu machen, daß auch Wanzen, Läuse, Flöhe, Motten, Bremsen, Schaben und dergl. in diesen <pb ed="pga" xml:id="p483"/> großen Zusammenhang hineingehören, und kommt dann wieder auf die Menschen selbst, um am Beispiele von Erwählten und Verworfenen zu zeigen, wie immer und unter allen Umständen aus den Werken Gottes auch das Gute Gottes folgt, auch wenn der Anfang noch so ungöttlich ist. Die Haare auf unserem Haupte sind gezählt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.30">Mt. 10,30</ref> par.]. Den Erwählten muß Alles zum Besten dienen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>], den Verworfenen Alles zum Unheil und beide der Ehre Gottes.<ref type="term"/></p>
                <p> Zum <hi rend="italic">Epilog</hi><note xml:id="n864"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,217,13-230,13</bibl>; Notiz am Mskr.-Rand, mit Rotstift unterstrichen: <hi rend="italic">«Epilog».</hi></note> übergehend hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst das Gefühl, einen «<foreign xml:lang="lat">immensus pelagus rerum admirandissimarum</foreign>»<note xml:id="n865"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,217,14.</bibl></note> 
                durchfahren und im Hafen angelangt zu sein: es sei <ref type="term">Zeit</ref>, die Segel einzuziehen. Er faßt dann den Gedankengang des Ganzen nach damaliger Sitte noch einmal in kurzen Sätzen zusammen: Wenn ein Gott ist, und er ist, weil alle Dinge einen Ursprung haben müssen, dann ist er höchste Güte, Intelligenz und Macht. Das alles aber in sich selbst bestehend, sich selbst nicht im Kleinsten widersprechend, die Idee aller Dinge in sich enthaltend. Also alle Dinge aus ihm und in ihm. Keine <ref type="term">Freiheit</ref> neben ihm. Kein Gutes, ja kein Sein außer dem seinigen. Alles Sein vielmehr aus dem seinigen. So auch der Mensch samt seiner Fähigkeit zu fallen, samt der Wirklichkeit seines Falles, aber auch von <ref type="term">Ewigkeit</ref> her bestimmt zur <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit Gott und also zur <ref type="term">Erlösung</ref>, die freilich nur denen zugute kommt, die Gott ebenso von <ref type="term">Ewigkeit</ref> her dazu erwählt hat. 
                Wollten sie sich dabei beruhigen, so würden sie eben damit zeigen, daß sie <hi rend="italic">nicht</hi> erwählt sind oder Gott noch nicht erkannt haben. Die Erwählten und Glaubenden aber können nicht anders als ihr Leben dem Wink Gottes gehorsam machen, und darum gereicht ihnen Alles, einfach <hi rend="italic">Alles</hi> [zum Guten]. Dankbarkeit und zugleich das Bewußtsein, bewacht zu sein, gibt ihnen die Regel, nach der sie in Glück und Unglück leben sollen und leben können. «<foreign xml:lang="lat">Instrumentum Dei es, te vult utendo non otio consumere; o te felicem, quem ad operam suam arcessit.</foreign>»<note xml:id="n866"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,224,13f.</bibl></note> In Allem weiß er: Kein Zufall! «<foreign xml:lang="lat">Facta oportet: aliter fieri nequit</foreign>.»<note xml:id="n867"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,224,27.</bibl></note> 
                Der Tapfere gewinnt es zuletzt, zieht ein in <pb ed="pga" xml:id="p484"/> jene Versammlung der Seligen, der alle Tapferen, Weisen, Gelehrten, Frommen von Anfang der <ref type="term">Welt</ref> an angehören, wo der gerechte, alleswissende Richter wohnt. Umsonst sucht andererseits ein  <persName ref="kbga-actors-2155">Bileam</persName> dem Plan der <ref type="term">Vorsehung</ref> auszuweichen, empören sich heute die Tyrannen und die aufrührerischen unglücklichen Bauern gegen die aufsprossende Saat des <ref type="term">Evangelium</ref>s. Sicher ruht <ref type="term">Israel</ref> in seinen Hütten unter dem Schutz des Herrn! [<ref type="can" subtype="bible" target="Num.22.1">Num. 22,1</ref>]. Und wollten wir trotz Allem noch einmal fragen: Warum sind wir solche <persName ref="kbga-actors-2155">Bileams</persName>? Ja, warum hat Gott den Menschen geschaffen, da er es so schwer haben soll? 
                Warum nimmt er ihn nicht in den <ref type="term">Himmel</ref>, sobald er geboren ist, ja bevor er geboren ist? Antwort: die <ref type="term">Welt</ref> ist für den Menschen geschaffen, daß er daselbst wie ein Apfel am Baum eine Zeitlang lebe und reife, und wenn seine <ref type="term">Zeit</ref> um ist, abgenommen werde, gesammelt in die himmlischen Scheuern. Inzwischen aber rebelliert das <ref type="term">Fleisch</ref> und muß bekämpft werden, gibt es einen Vorschmack des ewig Guten und Bösen, trösten die Engel und drohen die Dämonen. Auf alles Warum? gibt es nur <hi rend="italic">eine</hi> Antwort: der Wille Gottes, und Gott ist nicht unvollkommen, oder er <hi rend="italic">ist</hi> nicht Gott. Die «<foreign xml:lang="lat">causa</foreign>» ist auch der «<foreign xml:lang="lat">finis</foreign>». Zu ihm einzugehen, das ist das Ende, dessen wir warten. </p>
                <p> Die Anrede an den <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName> schließt mit den Worten, mit denen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch sein Werk unter den Gesichtspunkt seines Werkes stellt: Die göttliche <ref type="term">Vorsehung</ref> bewahre dich der <ref type="term">Kirche</ref>. Dazu hast du dies Geschenk von mir verlangen müssen, damit entweder einiges Licht oder meine Torheit dadurch offenbar werde.</p> 
                </div>
                <div type="excursus"> 
                    <p>Das Erste<note xml:id="n868"> Der hier in Petit gesetzte Text, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, nachdem er am 23.II.1923 nicht mehr zum Vortrag gekommen war, noch einmal neu formuliert hat, ist im Mskr. gestrichen.</note>, was dieser Schrift gegenüber am Platze ist, ist m.E., daß man vor ihr als vor einer theologisch einfach <hi rend="italic">glänzenden</hi> Leistung Respekt empfindet. 
                    Man mag zu ihrem Inhalt stehen, wie man will, technisch betrachtet soll man das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erst einmal nachmachen, bevor man über seine Arbeit als solche so abfällige Bemerkungen macht, wie z. B. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName></hi>. Sie ist wegen ihres Gegenstandes natürlich oft mit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> «<bibl corresp="kbga-bibls-1326">De servo arbitrio</bibl>» verglichen worden, obwohl meines Wissens noch nie ausführlich und gründlich (Arbeit!). Die  calvinische Parallele dazu ist die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-453">De praedestinatione</bibl>». An Klarheit und Geschlossenheit, an Einheitlichkeit des Eindrucks auf den Leser scheint mir die Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> diesen beiden Konkurrenten überlegen zu sein, was freilich <pb ed="pga" xml:id="p485"/> auch schon mit den schwersten Bedenken, die man <hi rend="italic">gegen</hi> sie erheben kann, zusammenhängt. Wenn man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> von seiner besten Seite kennenlernen will, aber auch die Quelle all der seltsamen Zweideutigkeiten, auf die wir bei der Beobachtung seines Weges immer wieder und immer stärker gestoßen sind, aber noch mehr: wenn man die historische Mission der reformierten Theologie, 
                    ihren notwendigen Einwand innerhalb der Gesamt<ref type="term">reformation</ref>, freilich auch in seiner ungebrochenen selber gar nicht einwandfreien Form studieren will, wenn man sehen will, wie das war, als, wie wir am Anfang des Winters feststellten, die <ref type="term">Welt</ref>, die <ref type="term">Renaissance</ref> an die Türe der <ref type="term">Kirche</ref> klopfte und bei der <ref type="term">Reformation</ref>, die von so ganz anderen Quellen kam, <hi rend="italic">auch</hi> dabei sein wollte, wie gefährlich das war, was sich da meldete und wie dieses Gefährliche doch wieder nichts Anderes als die <ref type="term">Wahrheit</ref> war, die eben immer gefährlich ist, 
                    dann muß man «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» studieren. Es ist in dieser Schrift etwas von der damals weltberühmten Bravour der Schweizersöldner, wie sie gesenkten Kopfes und mit vorgestreckten Speeren ihre Feinde, wenn sie sie einmal zu Gesicht bekamen, zu unterlaufen pflegten, und denen weder durch Landsknechte noch durch Donnerbüchsen noch durch geharnischte Reiter Einhalt zu tun war, bis es dann eines Tages bei <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-1198">Marignano</placeName></ref>, wo <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ja dabei war, doch geschah. So bricht er hier durch die unerhörtesten Hindernisse einer höchst abstrusen und doch höchst praktischen Problematik, Alles überrennend, was sich ihm in den Weg stellt, immer der Gleiche - «<foreign xml:lang="lat">Iterum antiquus <persName ref="kbga-actors-443">Zuinglius</persName> sum!</foreign>» konnte man auch hier jedesmal sagen, wenn er wieder eine bedrohliche Frage glücklich beantwortet -, nie ermüdet, nie verlegen, nie erschüttert, fast wie sein Gott selber, mit einer Vitalität und Dämonie, mit einem Atem, der nie zu versagen scheint, wie es doch in der Geschichte der <ref type="term">Theologie</ref> so nur selten anzutreffen ist. 
                    Man möchte, um ein anderes Bild zu gebrauchen, auch an einen jener Bergbäche denken, der aus einem fernen Gletscherausläufer entspringend, nun stunden- und stundenweit talabwärts rast, immer aufs Neue stürzend, sich selbst aufwühlend, in Staub auflösend, wieder sich findend und wieder sich auflösend, dem man alle <ref type="term">Zeit</ref> vergessend zusehen und zuhören könnte - auch eine Entelechie möchte man sagen, je mehr man sich in seine Gedanken vertieft und sieht, wie außerordentlich klar und wahr und gesund sie alle gedacht sind. Mehr als ein paar Fragezeichen zur Kritik möchte ich heute nicht mehr sagen. Es ist ja das Grundproblem aller Theologie, um das es bei einer wirklichen Kritik hier gehen müßte. Gesundheit sagte ich eben. Wird es einem nicht unheimlich gerade bei dieser Gesundheit? Kann man, darf man von Gott ebengerade so gesund denken und reden? Entspricht das der Lage, in der sich der Mensch Gott gegenüber befindet? Sollte hier nicht eine kühne allerkühnste Verwechslung und Vorwegnahme vorliegen, weniger im Einzelnen, über alles Einzelne läßt sich reden, aber in diesem Unternehmen als Ganzem, die <ref type="term">Welt</ref> von Gott aus begreifen zu wollen und das nun wirklich auch zu tun? Und
                an was erinnert eigentlich diese merkwürdige, nicht genug zu bewundernde, ruhige, unwiderstehlich sich entfaltende <hi rend="italic">Klarheit</hi> dieser Schrift? Ich weiß kein anderes Beispiel als entweder die Werke der Scholastiker <hi rend="italic">oder</hi> <pb ed="pga" xml:id="p486"/> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubens<ref type="term">lehre</ref>. Da waltet auch dieser unwiderstehliche Friede, der Alles schon weiß, aus einem Prinzip Alles ableitet und in <ref type="term">Ordnung</ref> bringt und schließlich mit gerafften Segeln froh in den Hafen fährt. Man kann wählen, ob <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mehr nach rückwärts oder mehr nach vorwärts weist, wahrscheinlich mehr das Letztere. Es wäre dann der moderne liberale <ref type="term">Protestantismus</ref> in seiner ursprünglichen Dämonie und Vitalität, heute und schon zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> <ref type="term">Zeit</ref> natürlich längst verschwunden, hier aber noch frisch und wahr und sympathisch, 
                was heute die Senilität selber ist, was wir hier vor uns haben, und wir hätten dann wahrlich Anlaß genug, uns genau damit zu beschäftigen. Daß es ein gefährlicher Augenblick war, als mitten in der <ref type="term">Reformation</ref> <hi rend="italic">das</hi> auftauchte, dieses hemmungslose Denken von einem Prinzip aus, das ist aber nicht zu verkennen. Man kann ja die Frage einfach so stellen: Woher <hi rend="italic">weiß</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> alles das, was wir da gehört haben? so ist Eines ganz deutlich: er wüßte es, auch wenn er es nicht durch Christus wüßte, er weiß es a priori und daher findet er es auch bei Christus, dies ist das Verhältnis. Christus ist ihm ein Punkt, ein wichtiger, zentraler, aber ein Punkt unter vielen anderen, an denen er sein Wissen um die <ref type="term">Vorsehung</ref> bestätigt findet. Aber nicht <hi rend="italic">der</hi> Punkt, an dem er dieses Wissen erst gewinnt. 
                Wäre sein Wissen an<note xml:id="n869"> Der Text bricht hier ab, weil <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> das Folgeblatt vernichtet hat. Am Rand hat sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit Bleistift Stichworte zur Vorbereitung des Folgenden notiert (siehe unten <ref type="pub" target="../volume/40/p493#p493">S. 493–497</ref>): «Anthropomorphismus? Was  Gott dem Menschen ins Herz geschrieben? Aber Offenbarung? Nicht das Allgemeine, sondern das Einzelnste, das zum Menschen gesagt ist; Christus; Aber <hi rend="italic">ein</hi> Punkt; der das Wissen von Gott <hi rend="italic">bestätigt;</hi> nichts Neues bringt; Glaube selbstverständlich, Gott das Einfache; Eine Erinnerung, ein Ruf zur Sache an alle Offenbarungsbesitzenden [?]; Daher der Protest gegen das Mittlertum!»</note></p>
                    </div>
                  </div>
                    <div type="session">
                <p><date rend="right">26.II.23</date>
                 Das Erste, was der Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> über die göttliche <ref type="term">Vorsehung</ref> gegenüber am Platze ist, ist m.E. auch hier unbedingt der Respekt vor der Leistung als solcher. Sie ist nicht nur die reifste und eigenartigste Schrift, die wir überhaupt von ihm besitzen, sondern auch an sich, wie Ihnen meine Analyse hoffentlich einigermaßen eindrücklich veranschaulicht hat, technisch betrachtet, theologisch einfach glänzend. Man mag zu ihrem Inhalt stehen, wie man will, aber ein solches Wort aus einem Guß, von solch glasheller Klarheit über die schwerste Frage, die es überhaupt gibt, soll man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> erst einmal nachmachen, bevor man sich gerade über das Technische dieser Arbeit so abfällige Bemerkungen erlaubt, wie z. B. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName></hi>.<note xml:id="n870"> <bibl corresp="kbga-bibls-2891"><persName ref="kbga-actors-420">P.  Wernle</persName>, a.a.O. (oben S. 4, Anm. 7), Bd. II, S. 246–306.</bibl></note> 
                 Sie ist wegen ihres Gegenstandes natürlich oft mit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> «<bibl corresp="kbga-bibls-1326">De servo arbitrio</bibl>»<note xml:id="n871"> <bibl corresp="kbga-bibls-1326">WA 18,600-787.</bibl></note> verglichen <pb ed="pga" xml:id="p487"/> worden, obwohl m.W. noch nie ausführlich und gründlich (Arbeit!). Die  calvinische Parallele dazu ist die Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-453">De praedestinatione» von 1552</bibl>».<note xml:id="n872"> <bibl corresp="kbga-bibls-453"><persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, <hi rend="italic">De aeterna Dei praedestinatione</hi> (1552), CO 8,249-366.</bibl></note> |</p>
                <p> An innerer Geschlossenheit des beherrschenden Gesichtspunkts und der Durchführung, an Einheitlichkeit des Eindrucks auf den Leser scheint mir die Schrift <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> diesen beiden bedeutenden Konkurrenten überlegen zu sein. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ist hier <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> gegenüber im Vorteil dadurch, daß es sich für ihn nicht nur um den abwehrenden, negativen Satz von der <ref type="term">Wille</ref>ns<hi rend="italic">un</hi><ref type="term">freiheit</ref> des <hi rend="italic">Menschen</hi>, sondern um die positive These von der Freiheit und Majestät Gottes handelt.<note xml:id="n873"> Satz am Mskr.-Rand angestrichen.</note> 
                Das gibt seinen Ausführungen, die mit denen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sachlich zusammentreffen, bei aller Verstandesmäßigkeit, die auch hier bei ihm auffällt, einen Glanz, ein Pathos, eine Wärme, die diejenigen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> so nicht haben. Und gegenüber der Schrift <persName ref="kbga-actors-77"><hi rend="italic">Calvins</hi></persName> empfindet man so recht den Unterschied zwischen der ungebrochenen Form, in der die reformierte Grundidee in <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ursprünglich auf den Plan getreten ist, und der gebrochenen, durch die Synthese mit der lutherischen Grundkonzeption lange nicht mehr so gesund und voll auftretenden Gestalt, 
                in der sie am Abend der <ref type="term">Reformation</ref> historisch wirksam wurde. Wohl dem, der gescheit genug ist, eine gute Einsicht wirklich zu ergreifen und rücksichtslos durchzuführen, und zugleich naiv genug, um nicht zu merken, daß auch die beste Einsicht gehemmt ist von einem Aber!, das ihr entgegensteht und mindestens <hi rend="italic">auch</hi> gut ist, der kann es in der <ref type="term">Theologie</ref> zu etwas bringen, obwohl die Geschichte dann gerade bei solchen Glanzleistungen nicht stehen zu bleiben pflegt. 
                Und das war nun eben <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Fall. Er hat es mit Vehemenz begriffen, daß es sich im <ref type="term">Christentum</ref> und nun in der Erneuerung des Christentums, in der <ref type="term">Reformation</ref>, um <hi rend="italic">Gott</hi> handelt. Diese Entdeckung, so einfach und so unendlich, daß Gott <hi rend="italic">Gott</hi> ist<note xml:id="n874"> Eine theologische Grundsatzaussage in <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName> früher Theologie; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="../volume/16/p047#p047">S. 47</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p097#p097">79</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p097#p097">97</ref> u. ö.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2 (1922), S. XIII.56.326.328 u. ö. (= 1923, S. XIV.54.324.326 u. ö.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p028#p028">S. 28</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p051#p051">51</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p277#p277">277</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p300#p300">300</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-90">Th. B., <ref type="pub-" target="../volume/30/p125#p125">S. 125</ref></bibl>.</note>, 
                hat ihn nicht zu Boden geworfen, sondern im Gegenteil in seiner gesunden Männlichkeit erst recht hoch aufgerichtet. Er hat sie bejaht, begriffen, sich <pb ed="pga" xml:id="p488"/> zu eigen gemacht als die lange verschüttete <ref type="term">Wahrheit</ref>, als das lange entbehrte Heilmittel für die kranke <ref type="term">Welt</ref>, und nun bricht er eben los mit diesem seinem Besitz, unaufhaltsam Konsequenz auf Konsequenz daraus entwickelnd. So war’s nun eben, wie wir am Anfang dieses Winters feststellten, als die <ref type="term">Renaissance</ref>, die Welt, die tatenfrohe, selbstbewußte Welt an die Türe der <ref type="term">Kirche</ref> klopfte und bei der aus dem Kloster stammenden <ref type="term">Reformation</ref> auf ihre Weise auch dabei sein wollte. |</p>
                <p> Es ist in «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» und im ganzen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> etwas von der damals weltberühmten Bravour der Schweizersöldner, wie sie mit gesenkten Köpfen und vorgestreckten Speeren ihre Feinde, wenn sie sie einmal zu Gesicht bekommen, zu unterlaufen pflegten, und denen weder durch Landsknechte noch durch Donnerbüchsen noch durch geharnischte Reiter Einhalt zu gebieten war, bis es dann allerdings eines Tages bei <ref type="term"><placeName ref="kbga-places-1198">Marignano</placeName></ref>, wo <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ja dabei war, <hi rend="italic">doch</hi> geschah. Ich denke, das, was wir über <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Haltung in der Abendmahlssache gehört haben, läßt dieses kriegerische Bild nicht unangebracht erscheinen. Gerade wie seine Landsleute auf dem Schlachtfeld sehen wir <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» hindurchbrechen durch die unerhörtesten Hindernisse einer theoretisch und praktisch gleich schweren Problematik, Alles überrennend, was sich ihm in den Weg stellen will, immer der Gleiche nach wie vor dem Auftauchen jeder noch so bedrohlichen Frage, «<foreign xml:lang="lat">iterum antiquus <persName ref="kbga-actors-443">Zuinglius</persName> sum!</foreign>»<note xml:id="n875"> Brief an <persName ref="kbga-actors-9389">Joachim Vadian</persName> (29.4.1526), <bibl corresp="kbga-bibls-3019">Z 8,580,7f. (Nr. 474)</bibl>.</note>, 
                wie damals, als er zwei Tage krank gelegen, nie ermüdet, nie verlegen, nie erschüttert, fast wie sein Gott selber, mit einer Vitalität, mit einem Atem, der nie zu versagen scheint - ein Schauspiel, das in der Geschichte der <ref type="term">Theologie</ref> doch wohl nur wenige seinesgleichen hat. Man könnte auch an einen jener Bergbäche denken, der, aus einem fernen Gletscherausläufer entspringend, nun stunden- und stundenweit talabwärts rast, immer aufs Neue, sich selbst bis ins Tiefste aufwühlend, in Staub sich auflösend, wieder sich findend und wieder sich auflösend, immer ein anderer und doch immer der gleiche. Ich will sagen: «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» und der Mann, der dahinter steht, ist in seiner Weise selbst eine Entelechie, ein vollkommenes Sein, wie das, wovon er redet. 
                Je mehr man versucht, seine Gedanken nachzudenken, desto <pb ed="pga" xml:id="p489"/> mehr ist man verblüfft durch die Feststellung, wie ungemein klar und wahr und gesund das alles an seinem Platze steht und gerade so dastehen muß, wenn man etwa absehen will von den höfischen Schnörkeln des Vor- und Nachworts an den <persName ref="kbga-actors-319">Landgrafen</persName>, in denen sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> übrigens auch dem <persName ref="kbga-actors-5108">König von <ref type="term">Frankreich</ref></persName> gegenüber gelegentlich mit der Gravität des republikanischen Neulings geübt hat, und etwa von den Ausfällen gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, die, wie schon <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> gleich nach Erscheinen des Werkes feststellte (allerdings aus opportunistischen Gründen), ihm nicht eben zur Zierde gereichen. |</p>
                <p> Und verblüfft von dieser Entelechie fragt man sich dann doch, ob man nun das Ganze ganz <hi rend="italic">gut</hi> oder ganz <hi rend="italic">schlimm</hi> finden soll. Ich will Ihnen nur gleich gestehen, daß ich Sie über die Zweideutigkeit dieses Eindrucks auch heute nicht hinausführen will. Man kann wirklich beides sagen: <hi rend="italic">ganz</hi> gut und <hi rend="italic">ganz</hi> schlimm! <hi rend="italic">Ganz</hi> gut, weil ja wirklich in der <ref type="term">Reformation</ref> diese Stimme nicht fehlen durfte, die sich im Grunde darauf beschränkte, das Thema, die Sache, Gott beim Namen zu nennen und unerbittlich geltend zu machen gegenüber allen Verwechslungen und Vertauschungen, die [sich darauf beschränkte, sie] denen, denen dieses Thema, diese Sache, denen Gott ins <ref type="term">Herz</ref> gegeben war, auch den Größten, auch einem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegenüber geltend zu machen, der ja, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wiederum verblüffend richtig festgestellt hat, auch nur ein Mensch, auch nur <ref type="term">Fleisch</ref> war, und «<foreign xml:lang="lat">caro non prodest quicquam</foreign>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>]. 
                Daß das <ref type="term">Welt</ref>kind dem Gotteskind gegenüber die Rolle übernehmen mußte, die Sachlichkeit Gottes zu vertreten, das ist ja damals weder zum ersten noch zum letzten Mal geschehen. <hi rend="italic">Ganz</hi> gut, müssen wir auch darum sagen, weil alle diese Gedanken <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, von ihrem zufälligen Ausdruck abgesehen, wenn die Sachlichkeit Gottes respektiert wird, bis auf den heutigen Tag irgendwie und irgendwo so gedacht werden müssen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat ganz recht: Wenn Gott nicht die <ref type="term">Vorsehung</ref> ist, der Alles, Alles sich beugen muß, alle Selbständigkeiten, alle Mittelursachen, alle nicht-göttlichen <ref type="term">Wille</ref>ns<ref type="term">freiheit</ref>en, dann <hi rend="italic">ist</hi> er nicht Gott, dann ist <hi rend="italic">kein</hi> Gott. Eine <ref type="term">Theologie</ref>, die hier mit teils-teils, sowohl-als auch operieren wollte, wäre <hi rend="italic">keine</hi> gute <ref type="term">Theologie</ref>. 
                Ich wiederhole auch hier: <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hätte sich den Einspruch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <hi rend="italic">gefallen</hi> lassen müssen. Von dem Augenblick an, wo er aufhörte, dialektisch weiterzudenken, wie er selbst es früher getan hatte, wo er sich endgültig dazu entschloß, die Stimme <pb ed="pga" xml:id="p490"/> des Wächters, so unangenehm sie ihm sein mochte, zu überhören, von dem Augenblick an tritt auch <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Theologie in den Schatten, in dem alles unbewegliche theologische Denken zu stehen verurteilt ist. Aber es fragt sich, ob nicht <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> Theologie <hi rend="italic">zum vornherein</hi> in diesem Schatten stand, ob man sie in einem anderen Sinn ganz gut nennen kann als in ihrem kritischen Verhältnis zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, als Beleuchtung des Moments in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Theologie, das einst in notwendigster Ergänzung <hi rend="italic">auch</hi> lebendig und nachher leider nicht mehr lebendig war. Sofern man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> aus diesem Zusammenhang herausnimmt und ihn ganz für sich betrachtet mit seiner Theologie - was man aber eben <hi rend="italic">nicht</hi> tun sollte -, würde man vielleicht in der Tat sagen müssen, daß sie «ganz schlimm» ist. |</p>
                <p> Ich brauchte vorhin dreimal das Wort <hi rend="italic">«gesund»</hi> zur Charakterisierung dieser Theologie. Es fehlt ihr wirklich alle, alle und jede Hysterie und Aufgeregtheit und Krankhaftigkeit. Wie sollte man das nicht loben? Aber ist eine «gesunde» Theologie (trotz der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὑγιαίνουσα διδασκαλία</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.1.10">1.Tim. 1,10</ref>, wo man eben besser mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit «heilsam» übersetzt) nicht etwas sehr Merkwürdiges? Wenn es nämlich Aufgabe der <ref type="term">Theologie</ref> ist, wie auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> anerkannte, die Lage zwischen Gott und Mensch darzustellen. Kann da, wo das entscheidende Wort das Kreuz ist, so «gesund» geredet werden? 
                Ja, wenn in diesem entscheidenden Wort ein Prinzip, eine Idee gegeben ist, das nachher nur möglichst streng und folgerichtig zu entwickeln ist. Nein, wenn es sich um Gottes <ref type="term">Offenbarung</ref> handelt, bei der Gott <hi rend="italic">nichts</hi> gibt, was er nicht immer <hi rend="italic">wieder</hi> geben müßte, der gegenüber also der Mensch mit seiner <ref type="term">Theologie</ref> der Kranke, der <ref type="term">Tod</ref>kranke ist und bleibt. Daß man von dem Letzteren bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so wenig merkt, daß er mit seiner begriffenen <ref type="term">Wahrheit</ref> so männlich-froh vorwärtseilen kann, nicht nur über alle Einwände hinweg, das ist gut, aber über den Grundeinwand hinweg, daß uns diese <ref type="term">Wahrheit</ref> nicht <hi rend="italic">so</hi> gegeben, daß wir sie <hi rend="italic">so</hi> begreifen können, als wäre sie wie eine <hi rend="italic">andere</hi> <ref type="term">Wahrheit</ref>, das scheint mir ein schweres Bedenken zu sein, das sich hier erheben muß. Wir rühmten vorher seine Einheitlichkeit und Klarheit, die ihn sicher vor <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und sogar vor  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> auszeichnet. Wie sollte sie nicht etwas Großes, eine <ref type="term">Verheißung</ref> und ein notwendiges Ziel alles theologischen Denkens, wie alles Denkens überhaupt sein? 
                Es fragt sich nur, woher sie kommt. Und ich kann mir nicht helfen, da fühle ich mich bei der <pb ed="pga" xml:id="p491"/> zwinglischen Klarheit unwiderstehlich an <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-920">Bonaventura</persName></hi> oder <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName></hi> erinnert, wo auch dieser sonnenhelle Tag der <ref type="term">Erkenntnis</ref> die hintersten Winkel, die entlegensten Fragenkomplexe erleuchtet und einem alle Zweifel und Einwände aus der Hand nimmt. Aber war die <ref type="term">Reformation</ref> nicht gerade die Unterbrechung und Störung dieser und aller derartigen Klarheit gewesen? 
                Wo<note xml:id="n876"> Sätze bis «<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi>» am Mskr.-Rand angestrichen.</note> ist bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> der <foreign xml:lang="lat">Deus absconditus</foreign> hingekommen, mit dem <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> die Willensfreiheit des <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> niedergeschlagen hatte? Ist es nicht ein fatales Symptom, daß das, was bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ein schweres, schreckliches, nur von Gott selbst aufzulösendes <ref type="term">Geheimnis</ref> war, die Vereinigung von «<foreign xml:lang="lat">bonitas</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">potentia</foreign>» in Gott, bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ein Licht ist, das er in seinem ersten Kapitel anzündet, 
                wie man eine Kerze anzündet, um dann ganz selbstverständlich damit zu leuchten allen denen, die im Hause sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref>]? Und ebenso unwiderstehlich fühle ich mich bei der zwinglischen Einheitlichkeit erinnert an - <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, von dessen Glaubenslehre <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> einmal gesagt hat, er empfinde darin etwas von dem Frieden Gottes, der höher ist als alle <ref type="term">Vernunft</ref> [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>].<note xml:id="n877"> <bibl corresp="kbga-bibls-2195"><persName ref="kbga-actors-706">Fr.  Naumann</persName>, <hi rend="italic">Zur Einführung</hi>, in: <hi rend="italic">Schleiermacher der Philosoph des Glaubens. Sechs Aufsätze</hi> (von E.  Troeltsch, A.  Titius, P.  Natorp, P.  Hensel, S. Eck, M.  Rade), Berlin-Schöneberg 1910, S. 7.</bibl></note> 
                Was ich energisch in Abrede stellen möchte. Aber das <foreign xml:lang="lat">tertium comparationis</foreign> zwischen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">ist</hi> allerdings ein großer <hi rend="italic"><ref type="term">Friede</ref></hi>, eine große, kräftig durchgeführte Harmonie aller aus unserer ­Bekanntschaft und Unbekanntschaft mit Gott sich ergebenden ­Aussagen. Und dieser Friede ist der <ref type="term">Friede</ref>, der von einem glücklich ­gewählten und folgerichtig durchgeführten theologischen Prinzip immer auszugehen pflegt. Und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <hi rend="italic">hat</hi> glücklich gewählt, glücklicher
                als  <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, dessen «schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl»<note xml:id="n878"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-36"><persName ref="kbga-actors-360">Fr.  Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt</hi>, 7. Aufl. auf Grund der 2. Aufl. neu hrsg. von M. Redeker, Berlin 1960, Bd. I, S. 25–41.163f.171–187.224–249.255–263.307–311; Bd. II, S. 28 u. ö.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-974">Th. S., <ref type="pub-" target="../volume/11/p348/#p348">S. 348f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/11/p353/#p353">353–357</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/11/p370/#p370">370f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/11/p382/#p382">382–414</ref> u. ö.</bibl></note>
                man vielleicht geradezu eine schlechte moderne Karikatur der zwinglischen «<ref type="term">Vorsehung</ref>» nennen könnte. Aber daß zwischen diesen beiden Prinzipien doch eine, wenn auch entfernte, auch inhaltliche <pb ed="pga" xml:id="p492"/> Verwandtschaft besteht (sie berühren sich in der dominierenden Rolle, die der Kausalgedanke in beiden spielt), das bestätigt, daß jedenfalls formal das Denken <hi rend="italic">hier</hi> wie dort ein Denken aus einem <hi rend="italic">Prinzip</hi> ist. Das ist ja das Gemeinsame, das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> außer mit dem modernen <ref type="term">Protestantismus</ref> auch mit der <ref type="term">Scholastik</ref> verbindet und von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sowohl wie von  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> unterscheidet. |</p>
                <p> Stellen wir uns die Frage einmal so: woher hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> die glänzende umfassende Wissenschaft, die er in «<bibl corresp="kbga-bibls-2439">De providentia</bibl>» entwickelt? Ich meine das natürlich nicht in dem belanglosen historischen Sinn, woher das konkrete Material seiner Gedanken stammt. Es stammt etwa zu gleichen Teilen aus der Bibel und aus dem <hi rend="italic">klassischen Altertum</hi> (erinnern Sie sich an jenes typische: «<foreign xml:lang="lat">testes sunt  <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>,  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName>, <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName></foreign>» gleich am Anfang)<note xml:id="n879"> <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Z 6/III,83,15f.</bibl>; siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p466#p466">S. 466</ref>.</note>; 
                aber es wäre borniert, ihm das zum Vorwurf zu machen. Er hat ja wirklich recht, und es ist etwas Befreites und Befreiendes darin, daß er die Möglichkeit geltend macht, auch die Heiden als Zeugen der <ref type="term">Wahrheit</ref> anzurufen. Es fragt sich nur, <hi rend="italic">in welchem Sinn</hi> das geschieht. Und auch das wäre ein alberner Vorwurf, wenn man etwa sagen wollte, was beschränkte Leute schon damals gemunkelt haben, seine Theologie sei eben doch mehr <hi rend="italic">Philosophie</hi>, als ob nicht jede <ref type="term">Theologie</ref> bewußt oder unbewußt auch Philosophie wäre; es kann sich doch nur fragen, <hi rend="italic">was</hi> für eine <ref type="term">Philosophie</ref>. 
                Und nun steht es so, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Philosophie eine Verbindung von Neu<ref type="term">platonismus</ref> und Aristotelismus war, und der Aristotelismus war der stärkere Teil in dieser Verbindung. Auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> waren philosophisch Neuplatoniker und Aristoteliker, aber bei ihnen überwog das platonische Element. Und das bedeutet nun, daß bei ihnen an der Spitze oder vielmehr an der Wurzel ihres Denkens abgesehen von der <ref type="term">Offenbarung</ref> mehr oder weniger bewußt ein Nicht-Wissen, eine kritische Negation alles Gewußten stand, und genau an die Stelle dieses Nicht-Wissens trat dann, in dialektischem Gegensatz zu allem sonst Gewußten, das Wissen aus der <ref type="term">Offenbarung</ref>, 
                das Wissen von Gott. Das Wissen von Gott war bei ihnen von allem sonstigen Wissen abgehoben als ein ursprüngliches, uns verloren gegangenes, durch <ref type="term">Offenbarung</ref> neu zu gewinnendes Wissen. So war ihre <ref type="term">Philosophie</ref> in hohem Maße geeignet als Propädeutik zu <pb ed="pga" xml:id="p493"/> einer Theologie, deren oberster Satz nicht ein von Menschen gewußter, sondern von Gott gesprochener und immer neu zu sprechender Satz war. |</p>
                <p> Bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, der in der Hauptsache Aristoteliker war, verhielt es sich etwas anders. Seine <ref type="term">Philosophie</ref> fängt nicht mit einem Nicht-Wissen, sondern durchaus mit einem Wissen an, nicht mit einer Frage, sondern mit einer Antwort.<note xml:id="n880"> Satz am Mskr.-Rand angestrichen.</note> Am Anfang steht für ihn - fragen wir nicht, wie er dazu kommt - das Wissen um das große «<foreign xml:lang="lat">esse</foreign>», die göttliche Entelechie, dessen nähere Eigenschaften als das Wahre, Gute und Mächtige sich mit wenig Mühe aus seinem Begriff ergeben.<note xml:id="n881"> Satz am Mskr.-Rand angestrichen.</note> 
                Und dieses Sein ist nun nicht etwa, wie man ja immer noch platonisch weiterdenken könnte, das Nicht-Sein aller Dinge, der Ursprung aller Dinge, der, obwohl der Ursprung, nein gerade <hi rend="italic">weil</hi> der Ursprung, ihnen immer wieder als das Andere gegenübersteht, als das, was sie nicht sind. Sondern durchaus und ausdrücklich ist dieses höchste Sein bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, obwohl er die <ref type="term">Schöpfung</ref> aus dem Nichts gelehrt hat, sich selbst identisch aller <hi rend="italic">Dinge</hi> Sein, und das Sein der Dinge identisch mit dem Sein des Ursprungs. Diese Identität, die bei einem theologischen <hi rend="italic">Platoniker</hi> nur als offenbarte und immer wieder zu offenbarende <ref type="term">Wahrheit</ref> in Betracht kommen könnte, ist für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> das Prinzip, mit dem er abgesehen von der <ref type="term">Offenbarung</ref> getrost anfängt.<note xml:id="n882"> Satz am Mskr.-Rand angestrichen.</note> 
                Die <ref type="term">Offenbarung</ref> bringt ihm die Anregung dazu, dieses Prinzip zu denken, sie bestärkt ihn mächtig darin, aber sie ist nicht selbst das Subjekt, das sagt, was hier zu wissen ist.<note xml:id="n883"> Satz am Mskr.-Rand angestrichen.</note> So stand es bei der <ref type="term">Scholastik</ref>. So steht es <foreign xml:lang="lat">mutatis mutandis</foreign> im modernen <ref type="term">Protestantismus</ref>. So stand es bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Seine <ref type="term">Philosophie</ref> gab ihm einen positiven Satz an die Hand, den er mit der Wucht des Biblizisten und des reformatorischen Denkers entwickelt und in seine Konsequenzen verfolgt hat. Sie machte ihn, weil jener positive Satz inhaltsreich und bedeutsam genug war, fähig, jenes Amt als des Wächters und Hüters der göttlichen Sachlichkeit zu übernehmen, 
                sie panzerte ihn gleichsam zu dem rüstigen <ref type="term">Ordnung</ref>sdienst, den zu übernehmen seine historische Mission innerhalb <pb ed="pga" xml:id="p494"/> der <ref type="term">Reformation</ref> war. Aber man darf neben dieser erfreulichen Wirkung und neben dem kräftigen biblisch-reformatorischen Wind, den er dabei in den Segeln hatte, doch nicht übersehen, daß jener positive Satz vom «<foreign xml:lang="lat">summum esse</foreign>» oder «<foreign xml:lang="lat">bonum</foreign>», so wahr er ist, für ihn doch nicht ein von Gott gesprochenes Wort in dem Sinn ist, daß wir Menschen seinen Inhalt nicht wissen, daß es uns zuerst eröffnet und gesagt werden muß, sondern durchaus wissen wir ihn eigentlich <hi rend="italic">schon</hi>, ist er uns als Menschen eingesprochen, 
                und nur als Anregung und Bestärkung, uns seiner zu erinnern, das Gegebene zu realisieren, kommt die <ref type="term">Offenbarung</ref> in Betracht, und der Glaube, obwohl <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> natürlich auch ihn wie alles endliche Geschehen als ein Tun Gottes beschreibt, doch nur [als] eine selbstverständliche Realisierung des Apriori, wie man vielleicht heute sagen würde, [also] weder <ref type="term">Offenbarung</ref> noch Glaube [als] etwas grundsätzlich Neues. Denken Sie daran, wie eifrig und ausdrücklich sich <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gerade gegen den Gedanken verwahrt hat, es könne bei Gott etwas Neues geben. 
                Sein Gott, so eifrig er ihn als höchste Aktualität beschrieben hat, tut im Grunde nichts. Denn was sollte er Anderes tun, als daß er eben <hi rend="italic">Gott</hi> ist, im <ref type="term">Sündenfall</ref> wie in der <ref type="term">Erlösung</ref>, in Christi Tod wie in Christi Auferstehung, in der Hölle und im <ref type="term">Himmel</ref>, Alles in einer Linie und durch mehr oder weniger einleuchtende Syllogismen sehr wohl miteinander zu verbinden. Die <ref type="term">Sünde</ref> reißt keinen unüberbrückbaren Abgrund auf zwischen Gott und Mensch. Und die <ref type="term">Offenbarung</ref> und der Glaube brauchen nicht das Unmögliche zu vollbringen, diesen Abgrund zu schließen. Über alles Rätseln triumphiert siegreich - wer? Gott? <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sagt es so, aber wenn man genau zusieht, ist es doch mehr <hi rend="italic">seine</hi> Gottes<hi rend="italic">anschauung</hi>, sein Grundprinzip, das er überall durchzusetzen weiß, wobei man sich nur wundern muß darüber, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich nicht gewundert hat über die Tatsache, daß die
                  <ref type="term">Propheten</ref> und <ref type="term">Apostel</ref> mit den unsachlichen Tropen, Metonymien, Metaphern, die er auf Schritt und Tritt bei ihnen fand, ihm so viel Mühe machten und damit bewiesen, daß sie von dem Triumph, den er feiern durfte, noch nichts zu wissen schienen. Die <ref type="term">Sünde</ref> sowohl [wie] die <ref type="term">Offenbarung</ref> und der Glaube stellen sein Grundprinzip nie in Frage, sondern im Gegenteil: sein Grundprinzip hat die <ref type="term">Offenbarung</ref> und den Glauben in sich aufgenommen, ist durch sie bestätigt und bestärkt worden und wird von ihm gerade <hi rend="italic">deshalb</hi> mit jener unheimlichen Rasanz und Folgerichtig<pb ed="pga" xml:id="p495" break="no"/>keit geltend gemacht. Er ist dieser letzten Dinge <hi rend="italic">mächtig</hi> geworden; wie sollte dabei nicht eine glänzende Theologie herauskommen?</p>
                <p>Aber das Bedenken <hi rend="italic">besteht</hi>, ob diese Theologie, obwohl sie in ihrer Form theozentrisch ist wie selbst die  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> später nicht, doch im Grunde ein einziger gigantischer Anthropomorphismus sein möchte: Gott mit der ganzen Inbrunst eines zweifellos religiösen <ref type="term">Herz</ref>ens gedacht, wie wir <hi rend="italic">Menschen</hi> Gott allenfalls zu denken vermögen, mit der nicht ganz sicheren Gewähr, ob dieser Gott denn auch wirklich <hi rend="italic">ist.</hi> Es ist doch wohl kein Zufall, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Gott mit Vorliebe das «<foreign xml:lang="lat">numen</foreign>» genannt hat. Gerade in diesem so rein geistig klingenden Neutrum (heute würde man wohl «das Absolute» oder «das Heilige» sagen)<note xml:id="n884"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-52"><persName ref="kbga-actors-311">R.  Otto</persName>, <hi rend="italic">Das Heilige</hi>, a.a.O.  (oben S. 44, Anm. 8)</bibl>; vgl. Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard  Thurneysen</persName> (<date when="1919-06-03">3.6.1919</date>), <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p330#p330">S. 330</ref></bibl>: «Ich las diese Woche mit ziemlicher Freude ‹Das Heilige› von  <persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName>. Die Sache ist zwar psychologisch orientiert, weist aber deutlich über die Grenze hinaus auf das Moment des ‹Numinosum›, dem rational nicht beizukommen ist, weil es das ‹Ganz Andere›, das Göttliche an Gott ist.»</note> 
                verrät sich das, was ich hier Anthropomorphismus nenne, der Titanismus des Aristotelikers, der der <ref type="term">Wahrheit</ref> Gottes mächtig geworden ist, so mächtig, daß ihm Gott zu einem Ding, zu einer Sache geworden ist - zur höchsten Sache, aber immerhin zur Sache, und was Sache ist, dem ist der Mensch offen oder heimlich überlegen, das ist <hi rend="italic">sein</hi> Werk, und wenn es nur ein Gedankenwerk wäre. Das Ende, die Überwindung dieses Anthropomorphismus wäre, wenn Gott dem menschlichen Du höchst persönlich als ein Ich entgegentreten würde. Das wäre das, was für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <ref type="term">Offenbarung</ref> war. Aber das wäre die Infragestellung des zwinglischen Grundprinzips, das würde die Sprengung des Kausalgedankens bedeuten; denn zwischen Ich und Du besteht keine Kausalität. 
                Das wäre das Aufreißen des unüberbrückbaren Abgrunds und seine Schließung durch das Unmögliche. Das wäre ein gründlich neues Geschehen. Das wäre das Endlichwerden des Unendlichen, das Geschöpfwerden des Schöpfers, das Fleischwerden des Wortes, aber ohne Metonymie, die Gegenwart des Fleisches und Blutes Christi in Brot und Wein, aber ohne Tropus. Das wäre das Ärgernis.<note xml:id="n885"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">S.  Kierkegaard</persName>,  <hi rend="italic">Einübung im Christentum</hi>, a.a.O. (oben S. 444, Anm. 788), S. 65–131</bibl>, bei dem die «Möglichkeit des Ärgernisses» ein leitender Begriff ist.</note> 
                  Das Nu<pb ed="pga" xml:id="p496" break="no"/>men in seiner reinen Geistigkeit, das Sein, das gleichmäßig aller Dinge Sein ist, ist kein Ärgernis. Weil das Ärgernis grundsätzlich umgangen ist, darum kann es so gesund, so einheitlich, so klar, so siegreich zugehen bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Man soll ihm nicht das vorwerfen, daß ihm die Erlebnisse und Aufregungen, die <ref type="term">Herz</ref>ens- und <ref type="term">Gewissen</ref>s- und Teufelskämpfe <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gefehlt haben. Das gehört gerade zum Guten an ihm, daß er in seiner fröhlichen Verständigkeit der lebende Protest ist dagegen, als ob es <hi rend="italic">darauf</hi> ankäme. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ist nicht wegen jener Kämpfe und Krämpfe <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gewesen, und es braucht ja wirklich nicht jeder ausgerechnet ein Melancholiker zu sein. Aber daß es ihm gelungen ist wie früher den <ref type="term">Scholastik</ref>ern und wie nachher  
                <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, mit dem Ärgernis mit Hilfe Gottes so vollständig oder sagen wir nahezu vollständig fertig zu werden, das ist das Fatale bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Nicht sein Determinismus ist schlimm, der ist vielmehr gut, aber die leichte Art, wie er es fertiggebracht hat, der höchsten Ursache das Prädikat «gut» zu geben, als ob  <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> nicht in seiner Bibel gestanden hätte. Nicht daß er die Heiden in den <ref type="term">Himmel</ref> gebracht hat, ist schlimm, das ist vielmehr gut, wohl aber, daß er nicht die verlorenen, nicht die armen, die wirklich gottlosen Heiden, sondern ausgerechnet die tugendhaften und braven im <ref type="term">Himmel</ref> versammeln wollte. Nicht sein Dringen auf die Geistigkeit des Sakraments ist schlimm, das ist vielmehr gut, aber seine Absicht dabei, die <ref type="term">Offenbarung</ref> Gottes umzudeuten in die unanstößigere allgemeine Geistigkeit der Gottheit, des «<foreign xml:lang="lat">numen simplicissimum</foreign>». Das Schlimme ist die Tendenz, das Paradox, in dem der Glaube sein <ref type="term">Leben</ref> hat, auszurotten und es durch eine plane <ref type="term">Wahrheit</ref> zu ersetzen. |</p>
                <p> Nur als auf einen Exponenten dieses Sachverhalts sei noch darauf hingewiesen, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nie in der Lage gewesen ist zu zeigen, inwiefern Christus <hi rend="italic">notwendig</hi> in seine Theologie gehörte. Christus ist ihm ein wichtiger, der zentrale Punkt, an dem er sein Wissen von Gottes <ref type="term">Vorsehung</ref> bestärkte und bestätigte, aber dort, wo er dieses Wissen <hi rend="italic">gewinnt</hi>, ist von Christus nicht die Rede. Er wußte das für ihn Entscheidende auch ohne Christus. 
                Der leere Raum eines gründlichen Nicht-Wissens ist bei ihm besetzt. Das zeigt sich im Einzelnen darin, daß er z. B. für die kirchliche <ref type="term">Lehre</ref> von der Gottmenschheit nur jenes nestorianisierende negative, aber kein positives Interesse aufbrachte. Der Heilstod Christi ist bei ihm ein sehr wichtiges Rad in der großen <pb ed="pga" xml:id="p497"/> Maschinerie der «<foreign xml:lang="lat">providentia</foreign>», aber wenn man Alles übersieht, so hat man den Eindruck, es könnte zur Not doch auch ohne ihn gehen. Auf alle Fälle steht er nicht am Anfang, sondern irgendwo unter anderen Dingen in der Mitte der <ref type="term">Erkenntnis</ref>. Die praktische Anschauung von Christus, dem himmlischen Hauptmann endlich war gewiß ein sehr kräftiges, warm empfundenes symbolisches Motiv, aber daß er etwa darin die <ref type="term">Offenbarung</ref> Gottes in Christus zu finden gemeint hätte, das ist ihm selbst nicht eingefallen.</p>
                <p> Diese Bedenken alle sollen das Große, das uns in seiner Theologie berührt hat, nicht umstoßen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat mit seiner Leistung gerade innerhalb der ihm gesetzten Schranken ein Zeichen aufgerichtet, das nicht wieder fallen konnte. Daß sie nur Zeichen, nicht die Sache selbst [ist], bedrückt von schwerer Unvollkommenheit, das hat sie mit den Leistungen Anderer, auch der <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, gemein. Schwere, scharfe Bedenken geltend zu machen, würde auch dort möglich und notwendig sein, nur von anderer Seite. Wichtiger ist, daß wir solche Zeichen ihren Dienst tun lassen, über sich selbst hinauszuweisen auf die Sache, der sie in ihrer Unvollkommenheit trotz Allem gedient haben und noch dienen.</p>
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