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        <title type="volume" n="vol-40">Die Theologie Zwinglis 1922/1923</title>
        <title type="content">§ 2 Das Problem der Reformation Zwinglis</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: § 2 Das Problem der Reformation Zwinglis, in: Die Theologie Zwinglis 1922/1923, 6. November 1922 – 17. November 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/40004 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Zwinglis 1922/1923, hrsg. v. Freudenberg, Matthias (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2004, S. 37–107.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Zwinglis 1922/1923</title>
          <title type="text">§ 2 Das Problem der Reformation Zwinglis</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Freudenberg, Matthias</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2004</date>
          <biblScope unit="page">37-107</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Die Theologie Zwinglis, 2. November 1922. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6608">KBA 1666</ref>. </bibl>
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          <term>lecture</term>
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                <pb ed="pga" xml:id="p037"/>
                <head>§ 2  DAS PROBLEM DER REFORMATION <persName ref="kbga-actors-443">ZWINGLIS</persName>
                    </head>
                
                <p>Durch alle die angeführten Äußerungen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und der <ref type="term">Lutheraner</ref> über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und die Seinen klingt etwas hindurch von jenem ingrimmig-wehmütigen Wort <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.19">1.Joh. 2,19</ref>:  «Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. 
                    Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns blieben.» Mit souveräner Mißbilligung und tiefem Bedauern sieht ein echter <ref type="term">Lutheraner</ref> wie  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName><note xml:id="n01"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 9–45</bibl>.</note> oder  <persName ref="kbga-actors-4290">Thomasius</persName><note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-2895">
                                <persName ref="kbga-actors-4290">G.  Thomasius</persName>,  a.a.O. (oben S. 20, Anm. 45), Bd. I<hi rend="sup">3</hi>, S. 520–529</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2895">Bd. II<hi rend="sup">3</hi>, S. 247f.316.329.346f.361</bibl>.</note> 
                zu einem Zwinglianer hinüber oder auf ihn herunter, mit <hi rend="italic">Mißbilligung</hi> darüber, daß der vom Reformatorischen, Evangelischen, Christlichen oder wie man es dann nennen mag, so tief abfallen konnte, mit <hi rend="italic">Bedauern</hi> darüber, 
                daß er es offenbar, da er so tief davon fallen konnte, gar nie wirklich begriffen und besessen hat. In diesem Verhältnis einer ursprünglichen <hi rend="italic"><ref type="term">Gemeinschaft</ref></hi> mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, 
                die dann aber durch den aufbrechenden <hi rend="italic">Gegensatz</hi> sofort ebenso gründlich in <hi rend="italic">Frage</hi> gestellt wird, werden wir offenbar, von der lutherischen Geschichtsauffassung herkommend, das Problem der Reformation <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> zu suchen haben.</p>
                <p> Wir beginnen mit der Feststellung, daß diese polemische, zugespitzte Auffassung des Verhältnisses im großen Ganzen die <hi rend="italic">lutherische</hi> ist und <hi rend="italic">nicht</hi> auf Gegenseitigkeit beruht. 
                Gewiß, es hat natürlich zu allen Zeiten auch Eiferer auf der reformierten Seite gegeben, die den Spieß umkehrten und ähnliche schwerwiegende Anklagen wie etwa die Anklage auf Krypto-Katholizismus, <ref type="term">Kreaturvergötterung</ref>, <ref type="term">Quietismus</ref>, <ref type="term">Welt</ref>seligkeit und dergl. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und dem <ref type="term">Luthertum</ref> zurückgaben. 
                Sieht man aufs Ganze, so ist solches vereinzeltes den Spieß Umkehren jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> charakteristisch. Eine Zusammenstellung ähnlicher Äußerungen über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von reformierter Seite wie die von lutherischer über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, 
                  die wir eben gemacht haben, wäre z. B. ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn nicht ganz besondere Gereiztheiten oder etwa zürcherischer Lokal<ref type="term">patriotismus</ref> vorlag, ist es den Refor<pb ed="pga" xml:id="p038" break="no"/>mierten immer verhältnismäßig leicht gefallen, in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ihr Eigenes wiederzufinden, 
                ja sogar, wenn denn durchaus verglichen sein mußte, die überragende Größe der Persönlichkeit und des Lebenswerkes des sächsischen Reformators willig zu anerkennen, gewiß nicht ohne staunendes 
                Kopfschütteln über gewisse Schärfen in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Charakter und Gedanken, die, von der reformierten Seite aus gesehen, sich als Wunderlichkeiten und Schrullen ausnehmen müssen, aber im Ganzen mit durchaus ehrlicher Anerkennung und Bewunderung und jedenfalls, 
                auch wenn das Kopfschütteln gelegentlich stark wurde, im Ganzen ohne jene unverkennbare Animosität, die das Urteil der echten <ref type="term">Lutheraner</ref> über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auszeichnet. Und so war es von Anfang an. Es versteht sich 
                von selbst, daß damals auch auf der schweizerischen Seite manch kräftiges Wörtlein gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gefallen ist, aber ebenso viele Worte des Respekts und der Verehrung hielten ihnen die Waage, und die Serie von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Worten, mit denen ich Sie bekanntgemacht habe, hat in ihrer erschreckenden Bitterkeit in 
                den entsprechenden Äußerungen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> keine Parallele. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi> das <ref type="term">Christentum</ref> und die ewige 
                Seligkeit abgesprochen, aber nicht <hi rend="italic">umgekehrt.</hi> Man kann in der bekannten Geste <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> mit der Bruderhand, die er auf dem Schloß zu Marburg <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> anbot<note xml:id="n03"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/40/p455#p455">S. 455f.</ref>
                        </note>, eine gewisse unverfrorene Sentimentalität erkennen, die dem Kenner der 
                ostschweizerischen Volksseele nur zu vertraut ist, man kann auch durchaus verstehen, daß das Dämonische in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich gegen diesen Anbiederungsversuch sträubte<note xml:id="n04"> Satz mit Rotstift am Mskr.-Rand bis zu dieser Stelle 
                    angestrichen.</note> und ihn zu dem berüchtigten Diktum<note xml:id="n05"> Es handelt sich um das oben <ref type="pub" target="../volume/40/p006#p006">S. 6</ref> erwähnte Diktum <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>  «<foreign xml:lang="lat">Vos habetis alium spiritum quam nos</foreign>»  im Brief an <persName ref="kbga-actors-7697">Jakob Probst</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-19">(1.6.1530), WA.B 5,340,46-60 (Nr. 1577)</bibl>.</note> 
                veranlaßte, aber es wird nicht zu beweisen sein, daß der Wille zur Aussöhnung und Verständigung auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite damals nicht ganz ernst und aufrichtig war, während <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> offenkundig zum vornherein nicht 
                wollte. Nach reformierter Auffassung verhält sich also lutherisches zu reformiertem <ref type="term">Christentum</ref> nicht wie der Irrtum zur <ref type="term">Wahrheit</ref>, also nicht wie ein Kreis zu einem zweiten mit einem anderen Mittelpunkt, sondern wie die enger zur weiter 
                gefaßten <ref type="term">Wahrheit</ref>, wie ein kleinerer zu einem <pb ed="pga" xml:id="p039"/> größeren Kreis, der aber mit ihm dasselbe Zentrum hat. Es geht nun nicht an, diese Verschiedenheit 
                der Auffassung etwa einfach auf eine Art Bosheit oder Borniertheit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> oder der <ref type="term">Lutheraner</ref> zurückzuführen und noch weniger etwa auf die gar so große evangelische Friedfertigkeit <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> und seiner Freunde. Oder vielmehr: es handelt sich darum, 
                die berüchtigte tiefsinnige Borniertheit des <ref type="term">Luthertum</ref>s und die in ihrer Weise ebenso fragwürdige Nicht-Borniertheit des Gegenparts in ihrer inneren Begründetheit zu 
                verstehen. Wir müssen zu verstehen suchen, daß nicht nur die ganze Spannung dieses Verhältnisses <hi rend="italic">überhaupt</hi>, sondern auch die ungleiche, hier so viel nervösere, dort so viel kaltblütigere <hi rend="italic">Auffassung</hi> von diesem Verhältnis auf einer in der Sache liegenden <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi> beruhte, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich 
                durch jenen Versuch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, die <ref type="term">Wahrheit</ref> weiter zu fassen, um es einmal so auszudrücken, nicht nur in einer Meinung gestört fühlte, in der er möglicherweise auch hätte nachgeben können, sondern
                verletzt in einem wesentlichen Interesse seiner reformatorischen Funktion, versetzt in den Zustand notwendigster Verteidigung. Wollte er <hi rend="italic">seine</hi> Funktion nicht preisgeben, so <hi rend="italic">konnte</hi> er über den zwinglischen Versuch nicht anders urteilen, als er es getan hat. Es 
                könnte paradoxerweise so sein, daß man <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nur dann richtig versteht, wenn man versteht, warum <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so gar nicht verstehen konnte.<note xml:id="n06"> Satz mit Blaustift am Mskr.-Rand angestrichen.</note>
                    </p>
              </div>
              <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">7.XI.22 </date>
                Die Reformation war eine der großen Stunden eintretender <hi rend="italic">Besinnung</hi> des <ref type="term">Mensch</ref>en auf das, was er <hi rend="italic">ist</hi>, und noch mehr auf das, was er nicht ist, darauf, daß sein Leben und Tun so ganz und gar <hi rend="italic">unmöglich</hi> und nur auf 
                die <ref type="term">Erkenntnis</ref> dieser seiner Unmöglichkeit begründet allenfalls auch <hi rend="italic">möglich</hi> ist, darauf, daß er <hi rend="italic">gerichtet</hi> und nur als Gerichteter 
                allenfalls <hi rend="italic">begnadigt</hi>, <hi rend="italic">gefangen</hi> und nur als Gefangener allenfalls <hi rend="italic">frei</hi>, ein <hi rend="italic">Sterbender</hi> und nur als Sterbender allenfalls ein <hi rend="italic">Lebendiger</hi> ist. Mehr oder weniger deutlich und stark ist diese Besinnung allerdings 
                der rote Faden, der sich durch <hi rend="italic">alle</hi> geschichtlichen Stunden, durch <hi rend="italic">alle</hi> Jahrhunderte hindurchzieht als das Letzte, Tiefste und ­zugleich Offenbarste und Naheliegendste, als das eigentlich Erschütternde und zugleich allein Beruhigende, als das Alles in 
                Frage Stellende und zugleich Alles Tragende, von dem die <ref type="term">Mensch</ref>en, <hi rend="italic">alle</hi> ­<ref type="term">Mensch</ref>en <hi rend="italic">aller</hi> Zeiten nur zu viel wissen. Es gibt, um eine moderne <pb ed="pga" xml:id="p040"/> Prägung zu gebrauchen, keinen  «<ref type="term">Kairos</ref>», der nicht, wenn er da ist, <hi rend="italic">auch</hi> schon dagewesen wäre, 
                und wenn er nicht mehr da ist, <hi rend="italic">auch</hi> noch da sein wird.<note xml:id="n07"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt auf den <seg type="org">
                                <orgName ref="kbga-actors-9367">Kairos-Kreis</orgName> an, dem in den zwanziger Jahren neben <persName ref="kbga-actors-9365">Eduard  Heimann</persName>, <persName ref="kbga-actors-686">Carl  Mennicke</persName>, 
                    <persName ref="kbga-actors-9366">Alexander  Rüstow</persName>, <persName ref="kbga-actors-9368">Arnold  Wolfers</persName>, <persName ref="kbga-actors-9369">Adolf  Löwe</persName> auch <persName ref="kbga-actors-406">Paul  Tillich</persName> angehörte. Dieser Arbeitskreis rief die <ref type="o">Kirche</ref> zu einer positiven Haltung gegenüber <ref type="o">Sozialismus</ref> und Sozialdemokratie auf und erstrebte eine Annäherung von <ref type="o">Christentum</ref> und <ref type="o">Sozialismus</ref>
                            </seg>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2123">
                                <persName ref="kbga-actors-406">P.  Tillich</persName>, <hi rend="italic">Kairos</hi> (1922), in: ders., <hi rend="italic">Der Widerstreit von Raum und Zeit. 
                    Schriften zur Geschichtsphilosophie</hi>, Gesammelte Werke, Bd. VI, Stuttgart 1963, S. 9–28.</bibl>
                        </note> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat nichts entdeckt, was vor ihm der mittelalterliche und der antike <ref type="term">Mensch</ref> und nach ihm der moderne <ref type="term">Mensch</ref> nicht auch gewußt hätte. Und doch gibt es nicht nur den großen <ref type="term">Kairos</ref>, 
                die <hi rend="italic">Erfüllung</hi> der Zeit, von der alle <ref type="term">Mensch</ref>en aller <ref type="term">Zeit</ref>en im tiefsten Grunde sehr wohl, nur zu viel wissen, sondern auch 
                außerordentliche Kairoi der <ref type="term">Verheißung</ref>, in deren Licht alle <ref type="term">Zeit</ref> steht, die sich dann als <hi rend="italic">Berge</hi> auf der Ebene der <ref type="term">Zeit</ref>, 
                als <hi rend="italic">außerordentliche</hi> Zeiten von den gewöhnlichen übrigen <ref type="term">Zeit</ref>en relativ abheben, Stunden besonderer eintretender <hi rend="italic"><ref type="term">Besinnung</ref></hi> auf das, was im Grunde Alle schon wissen und immer wissen werden. Solche großen Stunden 
                der <ref type="term">Besinnung</ref> pflegen im Jahrtausend nur ein- oder zweimal einzutreten, und die unzähligen <ref type="term">Mensch</ref>en, deren zeitliches Dasein in eine von den vielen <hi rend="italic">Zwischen</hi>stunden fällt, müssen, geschichtlich, relativ gesprochen, mehr oder weniger 
                davon leben, daß einmal <hi rend="italic">Andere</hi> gewesen sind, die sich auf das Eine, was not tut [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], ganz <hi rend="italic">anders</hi> besonnen haben als sie selber, und von der Sehnsucht danach, es möchten doch einmal wieder solche 
                <hi rend="italic">Andere</hi> kommen, es möchten ihnen auf ihrer Wanderung durch die Ebene der <ref type="term">Zeit</ref>, die umso schmerzlicher ist, je weiter die großen Stunden der Vergangenheit 
                zurückliegen, aufs Neue solche <hi rend="italic">Berge</hi>, von denen uns <hi rend="italic">Hilfe</hi> kommt [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.121.1">Ps. 121,1</ref>], begegnen, um uns die andere 
                Dimension unseres Daseins, von der wir nur zu gut wissen und die wir doch so leicht vergessen, aufs Neue erschreckend und doch tröstlich in <hi rend="italic">Erinnerung</hi> zu rufen.</p>
                <p> In der letzten derartigen großen Stunde hinter uns, in der <hi rend="italic">Reformations</hi>zeit, wurde diese <ref type="term">Besinnung</ref> empfunden, gedacht und beschrieben als <ref type="term">Besinnung</ref> 
                auf die Tatsache, daß <hi rend="italic">Gott sich zum Menschen</hi> <hi rend="italic"> wendet</hi> und daß <hi rend="italic">dadurch</hi> eben das Dasein des Menschen aufs Radikalste beschattet und gerade in und mit der Beschattung beleuchtet, <pb ed="pga" xml:id="p041"/> verurteilt und gerade in und mit der 
                Verurteilung gerechtfertigt, verdammt und gerade in und mit der <ref type="term">Verdammnis</ref> mit <ref type="term">Gewißheit</ref> der ewigen Seligkeit erfüllt werde. Man könnte den Gegenstand 
                der reformatorischen <ref type="term">Besinnung</ref> natürlich auch ganz allgemein als die <hi rend="italic">Wirklichkeit Gottes</hi> bezeichnen. Es ist ja klar, daß etwas Anderes etwa als ganz 
                schlicht die Wirklichkeit Gottes als Gegenstand solcher <ref type="term">Besinnung</ref> nicht in Betracht kommen kann. Der von jener letzten und doch einfachsten Frage betroffene, der jene letzte 
                und doch einfachste Antwort empfangende und ergreifende <ref type="term">Mensch</ref> steht eben als solcher vor der Wirklichkeit Gottes. Das ist’s, was die <ref type="term">Mensch</ref>en aller Zeiten 
                wissen, nur zu gut wissen, sagte ich, weil sie es in der Regel so gut wissen, daß das Wissen einem Vergessen und also einem Nicht-Wissen gleichkommt. |</p>
                <p> Die  <ref type="term">Besinnung</ref> darauf ist der rote Faden, der sich durch die Geschichte der Jahrhunderte hindurchzieht. In der Regel vollzieht sich diese <ref type="term">Besinnung</ref> 
                dadurch, daß man sich die Vorstellung bildet von einem rückwärts im Unendlichen liegenden Ursprung und vorwärts im Unendlichen liegenden Ziel der endlichen Dinge, die man sich im Schema der Zeit 
                unwillkürlich und notwendig als in eine Reihe gestellt anschaulich macht. Der Ewige jenseits, schlechthin jenseits aller Zeit, der doch als solcher aller Zeit Mitte und Ende ist, das ist die 
                Wirklichkeit Gottes. Ihn zu erkennen ist der der Wirklichkeit Gottes entsprechende Sinn unseres Lebens, der doch nur als Aufgabe begriffen werden kann, als die Aufgabe, als Wanderer durch die Zeit 
                nach ihm zu fragen und wiederum als Wanderer durch die Zeit ihm Ehre zu machen. Solche <ref type="term">Besinnung</ref> <hi rend="italic">ist</hi>, wo sie sich wirklich vollzieht, die <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit <hi rend="italic">Gottes</hi>, und zwar auf die <hi rend="italic">ganze</hi> Wirklichkeit Gottes, neben der es keine zweite, andere, tiefere, bessere gibt, 
                und es ist nicht abzusehen, wieso und von wem sich, wer wirklich solche <ref type="term">Besinnung</ref> vollzieht, verdächtigen zu lassen brauchte, als habe er auf eine noch tiefere und bessere Wirklichkeit Gottes sich noch nicht besonnen. Sie ist die <hi rend="italic">menschenmögliche</hi> <ref type="term">Besinnung</ref> 
                auf die Wirklichkeit Gottes. Sie kann gewiß hier deutlicher, dort verworrener, hier radikaler, dort gebrochener stattfinden, aber sie ist grundsätzlich unüberbietbar. Sie war auch in der geschichtlichen Stunde, die wir die Reformation nennen, <hi rend="italic">diese</hi> <ref type="term">Besinnung</ref> und keine andere. |</p> 
                <p>
                        <pb ed="pga" xml:id="p042" rend="noPipe"/> Aber was heißt das: solche <ref type="term">Besinnung</ref> <hi rend="italic">wirklich vollziehen?</hi> sich wirklich auf die Wirklichkeit Gottes besinnen? Offenbar muß 
                die Wirklichkeit solcher <ref type="term">Besinnung</ref> darin bestehen, daß sie ihrem Gegenstand <hi rend="italic">angemessen</hi> ist, das Erkennen angemessen dem zu Erkennenden, des <ref type="term">Mensch</ref>en Sinn also offen, erschlossen dem Ewigen, dem unendlichen Ursprung und Ziel. Und nun entsteht sofort die <hi rend="italic">Frage</hi>, wie denn eine der Wirklichkeit Gottes 
                angemessene <ref type="term">Besinnung</ref> menschenmöglicherweise überhaupt <hi rend="italic">zustande</hi> kommen soll. Mit seinen uns bekannten Organen, ob wir nun an das auf der äußeren Wahrnehmung beruhende diskursive oder an das sogenannte intuitive Erkennen denken, das man angemessenerweise 
                früher als  «Gefühl» bezeichnete, vermag der <ref type="term">Mensch</ref> offenbar wohl das Endliche, aber nicht das Unendliche, wohl das Zeitliche, aber nicht das Ewige, wohl die Dinge, aber nicht die Idee, wohl die Geschöpfe, aber nicht den Schöpfer zu begreifen. <hi rend="italic">Findet</hi> 
                nun solche wirkliche, ihrem Gegenstand angemessene <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit Gottes <hi rend="italic">statt</hi> (und wir wollen nun einmal die große <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> machen, daß dies tatsächlich der Fall sei), dann muß sich jenseits der 
                an sich unüberbietbaren menschenmöglichen <ref type="term">Besinnung</ref> noch eine andere <ref type="term">Besinnung</ref> ereignet haben, eine <hi rend="italic">Besinnung in</hi> der Besinnung gleichsam, deren Subjekt in keiner Weise der <ref type="term">Mensch</ref> mit seinen Organen <hi rend="italic">ist</hi> und deren Subjekt nun doch gerade der <ref type="term">Mensch</ref> als Empfänger 
                und Träger eines unbegreiflich neuen Organs <hi rend="italic">wird.</hi> Angemessen dem zu erkennenden <ref type="term">Gott</ref> ist offenbar nur das Erkennen Gottes <hi rend="italic">selbst</hi> und das <ref type="term">mensch</ref>liche Erkennen, dem <ref type="term">Gott</ref> die Angemessenheit 
                seines eigenen Erkennens <hi rend="italic">mitteilen</hi>, schenken will. Als <hi rend="italic">wirklich</hi>, als zum <hi rend="italic">Ziel</hi> kommend, läßt sich eine <ref type="term">Besinnung</ref> des <ref type="term">Mensch</ref>en auf <ref type="term">Gott</ref> gar nicht anders denken denn unter der <hi rend="italic">Voraussetzung</hi>, daß sie sozusagen einen lebendigen feurigen <hi rend="italic">Kern</hi> 
                in sich trägt, daß sich da eine <hi rend="italic">Peripetie</hi> ereignet, eine Umkehrung und zwar eine <hi rend="italic">doppelte</hi> Umkehrung: nicht mehr dieser uns bekannte <ref type="term">Mensch</ref> ist’s, der hier Gott erkennt als einen Zweiten, Anderen, Fernen, sondern Gott ist’s, der in der dem 
                Gegenstand angemessenen Weise und also wirklich sich selbst erkennt, und nun doch nicht Gott als ein Zweiter, Anderer, Ferner, sondern der <ref type="term">Mensch</ref> ausgerüstet mit dem diesem Gegenstand angemessenen Organ, mit der <ref type="term">Erkenntnis</ref>, die <ref type="term">Gott</ref> 
                  von sich selber hat, mit dem Geist, der alle Dinge erforscht, auch die Tiefen der Gottheit [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.10">1.Kor. 2,10</ref>]. Indem wir von Gott er<pb ed="pga" xml:id="p043" break="no"/>kannt <hi rend="italic">werden</hi>, <hi rend="italic">erkennen</hi> wir Gott. Kraft 
                dieses lebendigen feurigen Kerns, kraft dieser <hi rend="italic">Besinnung in</hi> der Besinnung <hi rend="italic">allein</hi> wird diese wirklich, <hi rend="italic">wird</hi> also das <ref type="term">Mensch</ref>en<hi rend="italic">un</hi>mögliche zum <ref type="term">Mensch</ref>en<hi rend="italic">möglichen</hi>, 
                läßt sich sagen, was wir vorher sagten: solche <ref type="term">Besinnung</ref> <hi rend="italic">ist</hi>, wo sie sich wirklich vollzieht, die <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit <hi rend="italic">Gottes</hi>, und zwar auf die <hi rend="italic">ganze</hi> Wirklichkeit Gottes, neben der es keine zweite, andere, tiefere, bessere gibt. |</p>
                <p>Man beachte dies Letztere. <ref type="term">Besinnung</ref> auf <ref type="term">Gott</ref> ist zunächst ein <ref type="term">mensch</ref>enmöglicher Akt, umgeben von der ganzen Problematik, von der alle <ref type="term">mensch</ref>enmöglichen Akte umgeben sind. Als <hi rend="italic">wirkliche</hi> 
                <ref type="term">Besinnung</ref> auf <ref type="term">Gott</ref>, so also, daß das <ref type="term">Mensch</ref>enmögliche zugleich das <ref type="term">Mensch</ref>en<hi rend="italic">un</hi>mögliche ist, ist sie nicht etwa ein weiterer, noch tieferer, noch anderer, noch frömmerer Akt, 
                sondern die <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> aller Akte, Akt <hi rend="italic">Gottes</hi>, der sich dem <ref type="term">Mensch</ref>en zu <hi rend="italic">eigen</hi> gibt, <ref type="term">Offenbarung</ref>, die dem <ref type="term">Mensch</ref>en <hi rend="italic">zuteil</hi> wird, Glaube, der dem <ref type="term">Mensch</ref>en <hi rend="italic">geschenkt</hi> wird, der heilige Geist, der primär <ref type="term">Gott</ref> <hi rend="italic">selber</hi> ist, nun allerdings <hi rend="italic">ausgegossen</hi> 
                wird in des <ref type="term">Mensch</ref>en <ref type="term">Herz</ref> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">Röm. 5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Tit.3.5 Tit.3.6">Tit. 3,5f.</ref>], ohne doch darum aufzuhören, <ref type="term">Gott</ref>es <hi rend="italic">eigener</hi> Geist zu sein. Das wirkliche Erfassen der Wirklichkeit Gottes, es findet 
                freilich wie Alles, was im <ref type="term">Mensch</ref>en geschieht, in der Zeit, in der zeitlichen Hülle eines menschlichen Geschehens statt, aber recht verstanden: als <hi rend="italic">solches</hi>, als <hi rend="italic">wirkliches</hi> Erfassen Gottes, als effektiv vollzogene <ref type="term">Besinnung</ref> auf <ref type="term">Gott</ref> gerade <hi rend="italic">nicht</hi> in der Zeit, sondern in der <ref type="term">Ewigkeit</ref>, denn nur in der <ref type="term">Ewigkeit</ref> ist das Ewige zu 
                erfassen. Kein <ref type="term">Mensch</ref> kann sich seiner rühmen vor einem Anderen, denn immer ist er, der <ref type="term">Mensch</ref> als solcher, mit dem, was er erfassen kann, nur elend, blind und bloß. Keine weitere, neueste, allerernsthafteste, allereifrigste oder gar allerinbrünstigste Zuwendung der Menschen zu Gott findet hier statt, sondern, wie es auch mit der 
                Zuwendung des Menschen zu Gott stehe, eine <hi rend="italic">Zuwendung Gottes zum Menschen</hi>, ohne die alle Zuwendung des Menschen zu Gott, alle <hi rend="italic">unsere</hi> <ref type="term">Besinnung</ref> auf <hi rend="italic">ihn</hi>, auch die tiefste und intensivste, sinn- und nutz- und wertlos ist, weil 
                sie uns bestenfalls zu einem Höchsten, das wir zu fassen vermögen, führen kann, nicht aber zu <ref type="term">Gott</ref>, der nur selber sich selber fassen kann. Diese Zuwendung Gottes zum Menschen, diese Besinnung in der Besinnung ist das Thema der Reformation. Nicht darum ist die <ref type="term">Reformationszeit</ref> eine große, außerordentliche Stunde eintretender <ref type="term">Besinnung</ref>, weil man sich etwa <pb ed="pga" xml:id="p044"/> damals besonders tief 
                und eindringend auf die Wirklichkeit Gottes besonnen hätte, nicht darum, weil <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> damals etwas Besonderes getan oder, wie man nicht ohne groben Unfug sagt, erlebt hätte<note xml:id="n08"> Der Erlebnisbegriff als theologisch-religiöse 
                Grundkategorie findet sich in der <ref type="o">Theologie</ref> von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Lehrer <bibl corresp="kbga-bibls-1793">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W.  Herrmann</persName> (in: <hi rend="italic">Der Verkehr des Christen mit Gott im Anschluß an Luther dargestellt</hi>, Stuttgart/Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>)</bibl> und bei <bibl corresp="kbga-bibls-52">
                                <persName ref="kbga-actors-311">R.  Otto</persName>, <hi rend="italic">Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und 
                sein Verhältnis zum Rationalen</hi>, Breslau 1917</bibl>, aber auch noch bei vielen anderen Autoren zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Polemisch wendet sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dagegen in <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2</bibl>, passim, und in: <bibl corresp="kbga-bibls-127">
                                <hi rend="italic">Ein Briefwechsel mit Adolf von Harnack</hi> (1923), in: K. Barth, <hi rend="italic">Offene 
                Briefe 1909-1935</hi> (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2001, <ref type="pub-" target="../volume/35/p035#p035">S. 63</ref></bibl>.</note>, sondern darum, weil man sich damals erinnerte an die Voraussetzung, ohne die alles Sich-auf-Gott-besinnen-Wollen Unsinn ist, an die Voraussetzung, daß <ref type="term">Gott</ref> <hi rend="italic">selber</hi> sich <hi rend="italic">zuerst</hi> auf <hi rend="italic">uns</hi> besonnen hat. |</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Man</hi> erinnerte sich. Sie werden mich im Stillen korrigieren: Nicht doch, <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> erinnerte sich. Sehr richtig, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> erinnerte sich. Er als Erster und er in 
                einzigartiger Lebendigkeit und Kraft hat in seinen Gedanken von der <foreign xml:lang="lat">theologia crucis</foreign>, von dem <ref type="term">Christ</ref>enleben als einer fortwährenden <ref type="term">Buße</ref>, von der Rechtfertigung des Gottlosen und [zwar] allein 
                durch den Glauben der Erinnerung seinen Mund geliehen, daß die <hi rend="italic">wirklich</hi> zu erfassende <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> Gottes die <hi rend="italic">Zuwendung Gottes</hi> zu <hi rend="italic">uns</hi> ist, Gott <hi rend="italic">geglaubt</hi> in seinem <hi rend="italic">Wort</hi>, in seiner <hi rend="italic"><ref type="term">Offenbarung</ref></hi> im Kindlein zu <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName>
                und im Gekreuzigten auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. Aber nun bedenke man, ob es, auf die <hi rend="italic">Sache</hi> gesehen, auf den <hi rend="italic"> Inhalt</hi> dieser Erinnerung gesehen, angeht, sie mit dem Namen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> in der Weise zu verknüpfen, wie man etwa eine 
                wissenschaftliche Errungenschaft, eine künstlerische Leistung, eine politische Tat verknüpft mit dem Namen ihres Urhebers? Ob es also angeht, von der reformatorischen <ref type="term">Erkenntnis</ref> im Ernst als von einer Entdeckung <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi>, 
                von einem Fortschritt <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> über das <ref type="term">Mittelalter</ref> hinaus, oder gar, was das Schlimmste ist, von einem  «Rechtfertigungserlebnis» <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> zu 
                reden?<note xml:id="n09"> Die theologische Bewegung der Lutherrenaissance zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte das Rechtfertigungserlebnis des jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in den Mittelpunkt ihres Programms. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dürften einerseits die diversen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Arbeiten von <bibl corresp="kbga-bibls-2914">
                                <persName ref="kbga-actors-191">K.  Holl</persName> (u. a.  <hi rend="italic">Gesammelte Aufsätze 
                zur Kirchengeschichte</hi>, Bd. I: Luther, Tübingen 1921)</bibl> vor Augen gestanden haben. Andererseits wird der Erlebnisbegriff im von <bibl corresp="kbga-bibls-2915">
                                <persName ref="kbga-actors-393">Carl  Stange</persName> verfaßten 
                Geleitwort der Zeitschrift für Systematische Theologie zum programmatischen Terminus erhoben (ZSyTh 1 [­1923], S. 3–5)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2916">H. Assel, <hi rend="italic">Der andere Aufbruch. Die Lutherrenaissance - 
                Ursprünge, Aporien und Wege: Karl Holl, Emanuel Hirsch, Rudolf Hermann (1910–1935)</hi>, Göttingen 1994, S. 33–41 (zur ZSyTh), S. 142–149 (zu K.  Holl)</bibl>.</note>  Als ob irgend jemand, und hieße er <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, die <ref type="term">Rechtfertigung</ref>  «erleben», das heißt doch wohl, wenn das Wort einen Sinn <pb ed="pga" xml:id="p045"/> haben soll, 
                als einen Akt <hi rend="italic">seines</hi> Lebens vollziehen könnte! Als ob das, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als Rechtfertigung gelehrt hat, nicht bedeutete, daß im Glauben an Gottes Wort der Akt <hi rend="italic">Gottes</hi> am Menschen sich vollzieht, der alles Rühmen, auch das Rühmen eines Erlebnisses nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27">Röm. 3,27</ref> ausschließt, auf Grund dessen der <ref type="term">Mensch</ref> sich nur <hi rend="italic"><ref type="term">Gott</ref>es</hi> rühmen kann [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.31">1.Kor. 1,31</ref>]? <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Erinnerung an die 
                Zuwendung Gottes zu uns, aufgefaßt als <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <hi rend="italic">Tat</hi> oder gar <hi rend="italic">Groß</hi>tat, wie man oft sagen hört - würde dieser Begriff nicht sich selbst Lügen strafen? Müßte man dann die Reformation nicht auffassen als einen genialen Versuch, die mittelalterlichen Methoden, sich auf <ref type="term">Gott</ref> zu besinnen, zu 
                verbessern, zu raffinieren, zu überbieten? Wäre dann nicht der Vorschlag berechtigt, den ich einen geistreichen Mann einmal habe vertreten hören, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hätte, statt mit der römischen Kirche zu brechen, innerhalb der römischen Kirche die Gründung eines  
                «Ordens von der <ref type="term">Rechtfertigung</ref>» anregen und durchsetzen sollen?<note xml:id="n10"> Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand:  «(<persName ref="kbga-actors-317">Erik  Peterson</persName>!)». <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-317">Erik  Peterson</persName> (1890–1960) lehrte 1920-1924 in <ref type="o">Göttingen</ref> als Privatdozent für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befand sich mit  Peterson in einem intensiven Dialog über die Geschichte der 
                Alten Kirche und des <ref type="term">Mittelalter</ref>s</seg>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-965">
                                B.  Nichtweiß, <hi rend="italic">Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk</hi>, Freiburg/Basel/Wien 1992, S. 499–721</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2842">M.  Freudenberg, <hi rend="italic">Karl Barth und die reformierte Theologie</hi>, a.a.O. (oben S. VII, Anm. 3), S. 67–71</bibl>.</note> Von dem Versuch, das <ref type="term">Mittelalter</ref> zu überbieten, ist <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bekanntlich
                ausgegangen, aber zum Reformator ist er geworden, als er diesen Versuch abbrach und stehen ließ und das <foreign xml:lang="lat">«iustus ex <hi rend="italic">fide</hi> sua vivit»</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref>) in keinem Sinn mehr als das Ergebnis eines 
                intellektuellen oder moralischen oder religiösen Vorstoßes seinerseits, sondern als eine allen seinen Vorstößen vorausgehende, sie prinzipiell überflüssig machende Tat Gottes auffaßte, als er den Glauben begriff in seiner vollkommenen Selbständigkeit und Eigenherrlichkeit, als <ref type="term">Gott</ref>es aus freier Initiative 
                dargebotenes Geschenk, dem gegenüber alles unser Uns-auf-Gott-Besinnen und Gott-erfassen-Wollen grundsätzlich auf denselben <pb ed="pga" xml:id="p046"/> Nenner zu stehen kommt wie der Unflat unserer sonstigen <ref type="term">Werke</ref>. Eine Geschichtsauffassung, die nun doch wieder ausgerechnet aus jenem Abbrechen und Stehenlassen des mittelalterlichen Versuches eine neuen, 
                besseren Versuch macht, eine Geschichtsauffassung, die nicht sehen will, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit diesem Abbrechen und Stehenlassen allerdings in ganz einzigartiger Weise etwas höchst Bedeutsames getan, aber gerade kraft dessen, worauf sein Tun hindeutete, nicht als Heros aus der Reihe seiner Vorgänger, Zeitgenossen und Nachfolger heraus-, 
                sondern nun erst recht in sie zurücktritt, um einer unter Vielen, primus gewiß, aber <foreign xml:lang="lat">primus inter pares</foreign> zu werden, eine Geschichtsauffassung, die ausgerechnet aus dem Entdecker der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref> einen großen Mann macht, den man am liebsten mit  <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> und  <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName> in einem Atemzug nennt, eine solche Geschichtsauffassung 
                steht der Reformation in ganz unmöglicher Sinnwidrigkeit gegenüber. Faßt man das Thema der Reformation, das Thema <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> scharf und streng ins Auge, sieht man, was man doch nicht übersehen kann, daß es sich für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in seiner Lehre vom <ref type="term">Gesetz</ref>, von der <ref type="term">Gerechtigkeit</ref>, vom Wort, vom <ref type="term">Geist</ref>, vom Glauben im 
                Gegensatz zu der mystisch-scholastischen <ref type="term">Lehre</ref> von dem unter Mithilfe der <ref type="term">Gnade</ref> von <ref type="term">Erkenntnis</ref> zu <ref type="term">Erkenntnis</ref> stufenmäßig aufwärtsschreitenden <ref type="term">Mensch</ref>en umgekehrt um das Herabsteigen 
                Gottes zu uns, nicht um die Vergottung des Menschen, sondern um die Menschwerdung Gottes gehandelt hat, sieht man das, und zwar nicht bloß so, daß man es im nächsten Augenblick wieder vergißt, um dann sofort in schlechten modernen Kategorien weiterzudenken, sondern in der Erwägung, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> möglicherweise recht gehabt haben könnte und daß seine 
                Einsicht nun zur Geltung kommen müsse auch für die Geschichtsauffassung, so ergibt sich daraus für unser <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>-Problem als Erstes die <ref type="term">Erkenntnis</ref>, daß jedenfalls das <hi rend="italic">Prioritätsproblem</hi>, die Frage der Selbständigkeit oder Unselbständigkeit <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegenüber, aus der Reihe der ernsten Probleme ausscheidet. |</p>
                <p> Wenn man irgendein Gebiet der Geschichte nicht zum Schauplatz eines Wettkampfes größerer oder kleinerer <ref type="term">Geist</ref>er und Genialitäten hätte machen sollen, so ist es die <ref type="term">Reformationsgeschichte</ref>. Ich halte nach dem, was ich weiß, und bessere Belehrung vorbehalten, den Beweis für erbracht, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in der 
                theologischen Erfassung und Verwertung der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schüler gewesen ist. <pb ed="pga" xml:id="p047"/> Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, würde ich sagen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> viel eindrücklicher und stärker davon zu reden wußte als <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Aber gerade auf <hi rend="italic">Grund</hi> der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref> muß man sagen, daß es unerlaubt ist, in der theologischen 
                Erfassung und Verwertung der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref> die Reformation selbst zu sehen, das, was sie zu einer großen Stunde der <ref type="term">Besinnung</ref> machte. Denn wir erinnern uns: das Wirkliche in dieser <ref type="term">Besinnung</ref> ist die <hi rend="italic">Besinnung</hi> <hi rend="italic">in</hi> der Besinnung, das Zu-Worte-Kommen Gottes selber, und 
                wie käme man dazu zu sagen, daß <hi rend="italic">diese</hi> <ref type="term">Besinnung</ref>, die überhaupt nicht der <ref type="term">Mensch</ref>, sondern <ref type="term">Gott</ref> vollzieht, von diesem oder jenem <ref type="term">Mensch</ref>en zuerst, besser, tiefer, reiner und dergl. als 
                von anderen vollzogen worden sei? Der Blick auf die <hi rend="italic">Sache</hi>, um die es sich in der <ref type="term">Reformationszeit</ref> handelte, nötigt uns gebieterisch, von den ganz und gar weltlichen Maßstäben  «früher oder später»,  «größer oder kleiner»,  «tiefer oder weniger tief» und wie das alles heißt, höchstens zum Zweck der Veranschaulichung der Sache, höchstens heuristischen, 
                niemals aber konstitutiven Gebrauch zu machen, sondern die <ref type="term">Reformatoren</ref> unter sich und mit ihren übrigen Zeitgenossen, vom <ref type="term">Papst</ref> in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> bis zu den Schwärmern des äußersten linken Flügels in einer Reihe, d. h. bewegt von der <hi rend="italic">einen</hi> Problematik der <hi rend="italic">einen</hi> Sache zu sehen und zu verstehen zu 
                suchen. Und damit kommen wir auf die Bedeutung der <hi rend="italic">geschichtlichen Gegensätze</hi> innerhalb der Reformation, aus denen heraus wir die Gestalt <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> begreifen müssen. |</p>
                <p> Man wird schon bei der Vergleichung der Reformation mit dem <ref type="term">Mittelalter</ref> sehr vorsichtig umzugehen haben mit der Aufstellung, daß sie gegenüber diesem ein Neues bedeute. Ja, <hi rend="italic">bedeute</hi>, dann stimmt es! Die Reformation hat dem <ref type="term">Mittelalter</ref> gegenüber selbstverständlich etwas, geschichtlich betrachtet, ganz Neues gebracht. Aber dieses 
                geschichtlich betrachtet Neue <hi rend="italic">ist</hi> nicht, sondern <hi rend="italic">bedeutet</hi> nur das Neue, um deswillen die Reformation eine große Stunde der <ref type="term">Besinnung</ref> ist. Denn <hi rend="italic">dieses</hi> Neue, die Zuwendung Gottes zum Menschen, die in der Reformation 
                entdeckt wird, es erscheint als solches nicht in der Geschichte. Was in der Geschichte, auch in der <ref type="term">Reformationsgeschichte</ref>, als Neues erscheint, das gehört, von <hi rend="italic">diesem</hi> Neuen aus gesehen, zum Alten. In der Geschichte erscheint nur das, um deswillen 
                die Reformation eine Stunde wie andere Stunden ist. Und umgekehrt: von <hi rend="italic">diesem</hi> Neuen aus gesehen hört auch das geschichtlich betrachtet Alte, <pb ed="pga" xml:id="p048"/> das <ref type="term">Mittelalter</ref> also, auf, etwas absolut und hoffnungslos Altes zu sein. Sondern das 
                geschichtlich Neue der Reformation bedeutet <hi rend="italic">das</hi> Neue, an dem auch das <ref type="term">Mittelalter</ref> in seiner Weise Anteil hat. Es gilt, sich scharf klar zu machen, daß das wesentlich Neue nicht ein Ding ist, das wir bei den <ref type="term">Reformatoren</ref> feststellen können, und wiederum das wesentlich Alte nicht ein Ding, das wir bei den Scholastikern 
                und Mystikern, bei den Vorreformatoren und Humanisten der näheren oder ferneren Vorzeit der Reformation feststellen können. Was sich wesentlich gegenübersteht, das ist - um es nun in den 
                Kategorien des Römerbriefes auszudrücken - die Zuwendung Gottes zum Menschen in Christus als das Neue und der Abfall des Menschen von Gott in  <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> als das Alte [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.19">Röm. 5,12–19</ref>].<note xml:id="n11"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2, S. 154–181</bibl>.</note> 
                Was in der Geschichte erscheint, das ist eine Fülle von höheren und niederen, besseren und schlechteren, mehr oder weniger gelungenen Möglichkeiten des Menschen, sich Gott zuzuwenden, oder auch von Gott sich abzuwenden. Alle voll Hinweis auf jenen wesentlichen Gegensatz. Nirgends so, daß 
                eine menschliche Möglichkeit im Guten wie im Bösen etwa zusammenfallen könnte mit dem, was menschliche Möglichkeiten nur bedeuten können, aber auch nirgends so, daß eine menschliche Möglichkeit in Beziehung auf jenen wesentlichen Gegensatz etwa ganz und gar bedeutungslos wäre. Immer und überall Beziehung, aber auch immer und überall <hi rend="italic">nur</hi> Beziehung. 
                Geschichtliche Erscheinungen, die beziehungsreicher, bedeutungsvoller sind als andere - und es gibt solche -, können uns nur darauf aufmerksam machen, daß Beziehung und Bedeutung auch solchen Erscheinungen innewohnt, die an sich beziehungs<hi rend="italic">ärmer</hi>, <hi rend="italic">un</hi>bedeutender sind. Würdigung der Verschiedenartigkeit geschichtlicher Erscheinungen heißt <ref type="term">Erkenntnis</ref> ihres wesentlichen Zusammenhangs in jener tieferliegenden Problematik, 
                deren <hi rend="italic">Gleichnis</hi> nur alle geschichtliche Problematik sein kann. Man hüte sich vor Verwechslungen! Nicht die <ref type="term">Scholastik</ref> oder <ref type="term">Mystik</ref>, nicht das <ref type="term">Papsttum</ref> und Mönchstum ist der Abfall des Menschen von Gott im Sinn jener tieferliegenden Problematik, mögen wir noch so viel Abwendung des Menschen von Gott im 
                geschichtlichen Sinn in diesen Erscheinungen zu finden meinen. Sondern wenn vom Abfall des Menschen von Gott im <hi rend="italic">wesentlichen</hi> Sinn die Rede sein soll, dann <pb ed="pga" xml:id="p049"/> müssen wir sehen, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Turmerlebnis<note xml:id="n12"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Selbstzeugnis in einer 
                Tischrede aus dem Jahr 1532 <bibl corresp="kbga-bibls-1720">(WA.TR 2,177, Anm. 1 [Nr. 1681]</bibl>; vgl. ferner <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 2,177,8f. [Nr. 1681]</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-1720">WA.TR 23,228,22f. [Nr. 3232b]</bibl>):  «Diese kunst [sc. die richtige Auslegung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref>] hat mir der Geist Gottes auf dieser cloaca eingeben» sowie <bibl corresp="kbga-bibls-2917">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Vorrede zu Band I der Opera 
                Latina der <ref type="o">Wittenberg</ref>er Ausgabe (1545), WA 54,186,3-16</bibl>. Zur Diskussion über den Ort des reformatorischen Entdeckungsvorgangs vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2918">H. A. Oberman, <hi rend="italic">Wir sein pettler. Hoc est verum. Bund und Gnade in der Theologie des Mittelalters und der Reformation</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Die Reformation. Von Wittenberg nach Genf</hi>, Göttingen 1986, S. 93–101</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2919">B. Lohse, <hi rend="italic"> Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang</hi>, Göttingen 1995,
                S. 97–110</bibl>.</note> ebensowohl wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Heldentod bei <placeName ref="kbga-places-894">Kappel</placeName><note xml:id="n13"> Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/40/p508#p508">S. 508f.</ref></note> wie  <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> Bekehrung<note xml:id="n14"> <bibl corresp="kbga-bibls-696">
                                <persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, <hi rend="italic">Commentarius in Psalmos</hi> (1552), CO 31,
                21</bibl>:  «<foreign xml:lang="lat">Ac primo quidem, quum superstitionibus papatus magis pertinaciter addictus essem, quam ut facile esset e tam profundo luto me extrahi, animum meum, qui pro aetate nimis obduruerat, subita conversione ad docilitatem subegit. Itaque aliquo verae pietatis gustu imbutus tanto proficiendi 
                studio exarsi, ut reliqua studia, quamvis non abiicerem, frigidius tamen sectarer.</foreign>» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p179#p179">S. 179–193</ref></bibl>.</note> im Zeichen des <hi rend="italic">Abfalls</hi> stehen. Denn nicht diese geschichtlichen Erscheinungen sind die Zuwendung Gottes zum Menschen, mögen wir noch so viel 
                Zuwendung des Menschen zu Gott darin wahrzunehmen meinen. Sondern wenn davon, vom wirklichen <hi rend="italic">Thema</hi> der Reformation die Rede sein soll, dann müssen wir sehen, daß dieses Thema auch über den Sünden, Greueln und Finsternissen des <ref type="term">Mittelalter</ref>s steht. Der 
                wesentliche Protest der Reformation richtet sich automatisch sofort auch gegen den <ref type="term">Protestantismus</ref> auch in seiner Urgestalt, und das wesentliche Ja der Reformation gilt sofort auch dem katholischen <ref type="term">Mittelalter</ref>. Der Ernst des <hi rend="italic">wesentlichen</hi> Gegensatzes, der uns im Thema der Reformation entgegentritt, ist das Ende 
                des Ernstes des geschichtlichen Gegensatzes zwischen <ref type="term">Mittelalter</ref> und Reformation. Oder anders ausgedrückt dasselbe: Nur dann sind wir in der Lage, den <hi rend="italic">geschichtlichen</hi> Gegensatz von <ref type="term">Mittelalter</ref> und Reformation ernst 
                und wichtig zu nehmen, wenn wir uns darüber klar sind, daß er nicht wesentlich, daß wesentlich ernst nur das ist, was die geschichtlichen Gegensätze verbindet in der Einheit <hi rend="italic">jenes</hi> Gegensatzes, der in der Geschichte nie rein erscheint. |</p>
                </div>
                  <div type="session">
                    <p>
                 <date rend="right-belowPb">9.XI.22<note xml:id="n15"> Es findet sich folgende Bleistiftnotiz am Mskr.-Rand:  «Umweg auch heute. Problem <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> durch Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gestellt. 
                Thema der Reformation <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>. Durch dieses Thema Frage der <hi rend="italic">zeitlichen</hi> Priorität ausgeschlossen. Frage der <hi rend="italic">sachlichen</hi> Priorität. <ref type="o">Mittelalter</ref>: Altes und Neues in der Geschichte nur relativ, sie <hi rend="italic">sind</hi> nicht, sie <hi rend="italic">bedeuten</hi> den wahren Gegensatz.».</note> </date>
                    </p>
                 <p> <pb rend="noPipe" ed="pga" xml:id="p050"/> Und so steht es nun natürlich erst recht mit den geschichtlichen Gegensätzen innerhalb der Reformation. Der Gegensatz zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, wie 
                 er sich fast in allen Punkten ihrer Lebensauffassung und Theologie kundtut, wie sollte er nicht wichtig, wie sollte er nicht voll Beziehung, voll Bedeutung sein, voll Hinweis auf den wesentlichen Gegensatz von Licht und Finsternis, <ref type="term">Wahrheit</ref> und Irrtum, göttlicher <ref type="term">Gnade</ref> und menschlichem Ungehorsam? Wie sollte sich, wenn Einer am Anderen 
                 gemessen wird, nicht herausstellen das verhältnismäßige Recht und das verhältnismäßige Unrecht je des Einen <hi rend="italic">und</hi> des Anderen, <hi rend="italic">das</hi> Recht und <hi rend="italic">das</hi> Unrecht, die in ihrer Relativität Illustration sind des absoluten Unrechts und des absoluten 
                 Rechts, in dem sich jeder Mensch zu allen Zeiten befindet? Das aber kann sich, wenn es mit der Rechtfertigungslehre seine Richtigkeit hat, bei solchem Vergleich <hi rend="italic">nicht</hi> herausstellen, daß etwa der Eine <hi rend="italic">oder</hi> der Andere wesentlich, absolut Recht oder 
                 Unrecht hätte, kein wesentlicher Gegensatz beider also auch nur in einem einzigen Punkte. Wie nur ein <ref type="term">Gott</ref> ist (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29 Röm.3.30">Röm. 3,29f.</ref>), so auch nur <hi rend="italic">eine</hi> Zuwendung Gottes zum Menschen, kraft derer <hi rend="italic">Alles</hi>, was <hi rend="italic">beide</hi> tun, Unrecht <hi rend="italic">ist</hi> und 
                 Recht <hi rend="italic">wird.</hi> Zum vornherein als verkappte <ref type="term">Mythologie</ref> abzulehnen ist also eine Geschichtsauffassung, die damit endigt, daß der Eine belobt und der Andere getadelt wird, als ob die Geschichte eine Schulstunde wäre und wir die Schulmeister darin, und wenn 
                 es bei dieser Zensurierung noch so klug, gründlich und gerecht zuginge. Die Weltgeschichte ist <hi rend="italic">nicht</hi> das Weltgericht.<note xml:id="n16"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1343">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von  Schillers</persName> Gedicht  «Resignation» (1784), V. 85</bibl>: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. In der Erstfassung der 
                 Auslegung des Römerbriefs (1919) stimmte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>  <persName ref="kbga-actors-764">Schillers</persName> Vers noch zu (<bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="../volume/16/p048#p048">S. 48</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p071#p071">71</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/16/p417#p417">417</ref></bibl>); vgl. dagegen die Ablehnung des Satzes in <bibl corresp="kbga-bibls-115">Unterricht II, <ref type="pub-" target="../volume/20/p140#p140">S. 140f</ref></bibl>.</note> Ist es schon der <hi rend="italic">Vorgang</hi> der Weltgeschichte nicht, so darf es ihre Darstellung noch weniger sein. Sondern die Weltgeschichte ist jener Acker, auf dem Weizen und Unkraut ungeschieden und 
                beide unausgerottet wachsen dürfen und müssen dem freilich unvermeidlich kommenden Weltgericht entgegen <pb ed="pga" xml:id="p051"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.24 Mt.13.30">Mt. 13,24–30</ref>], das aber nicht in der <ref type="term">Zeit</ref>, sondern als das Gericht Gottes in der <ref type="term">Ewigkeit</ref> ist und von uns in keiner Weise vorweggenommen werden kann. 
                Danach hat sich unsere Auffassung und Darstellung der Ereignisse und Personen zu richten. Wir haben daher niemand anzugreifen und niemand zu verteidigen, es wäre denn mit jenem <hi rend="italic">Humor</hi>, der weiß, was er tut, und darum auch <hi rend="italic">das</hi> zur Illustration gelegentlich einmal wird wagen dürfen. 
                Denn der <ref type="term">Mensch</ref> als <ref type="term">Mensch</ref>, <hi rend="italic">jeder</hi> <ref type="term">Mensch</ref> <hi rend="italic">ist</hi> angegriffen und <hi rend="italic">ist</hi> verteidigt, aber bevor <hi rend="italic">wir</hi> zu diesem Zweck aufgestanden sind. Er <hi rend="italic">hat</hi> unrecht und er <hi rend="italic">hat</hi> recht, aber nicht vor <hi rend="italic">unserem</hi> Forum. 
                Merken wir uns das Wort <persName ref="kbga-actors-312">
                            <hi rend="italic">Overbecks:</hi></persName>  «Zu jüngsten Richtern sind wir <ref type="term">Mensch</ref>en untereinander nicht berufen.»<note xml:id="n17"> <bibl corresp="kbga-bibls-1340">
                                <persName ref="kbga-actors-312">Fr.  Overbeck</persName>, <hi rend="italic">Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie</hi>, aus dem Nachlaß hrsg. von C. A. Bernoulli, Basel 1919 (Nachdruck Darmstadt 1963), S. 250</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-2922">
                                <persName ref="kbga-actors-312">ders.</persName>, <hi rend="italic">Werke und Nachlaß. 
                    Kritische Neuausgabe</hi>, Bd. VI/1, hrsg. von B. v. Reibnitz, Stuttgart/Weimar 1996, S. 290</bibl>); vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2923"> <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Unerledigte Anfragen an die heutige Theologie</hi> (1920), in: ders., <hi rend="italic">Die Theologie und die Kirche. Gesammelte Vorträge</hi>, Bd. II, München 1928, S. 19</bibl>.</note> |</p>
                <p> Wir können nur mit aufmerksamstem Lauschen und demütigstem Verstehenwollen den wunderlich verschlungenen Wegen unserer Mitmenschen in Vergangenheit und Gegenwart zu folgen versuchen, ob sie uns wohl im Guten oder Bösen zum Zeugnis werden möchten von dem Anfang und Ziel aller Wege, man 
                könnte auch sagen: von dem Weg in allen Wegen, von <hi rend="italic">dem</hi> Weg, den der <ref type="term">Mensch</ref> nicht geht, sondern gegangen wird. Was ist <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, was ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> neben dem, von dem sie zeugen? Wenn es sinngemäß ist, ihre Geschichte in das Licht ihres eigenen Themas zu rücken, so würde als zweite Erkenntnis aus diesem Prinzip <hi rend="italic">das</hi> folgen, 
                daß mit dem Problem der <hi rend="italic">zeitlichen</hi> auch das Problem der <hi rend="italic">sachlichen</hi> Priorität des Einen vor dem Anderen in Wegfall kommt oder vielmehr an seinen Ort gestellt wird. Mehr als <hi rend="italic">illustrativ</hi>, mehr als <hi rend="italic">bedeutungsvoll</hi> können die 
                Unterschiede und die Kontraste, von denen hier allerdings die Rede sein muß, <hi rend="italic">nicht</hi> sein. Zu irgendeiner Rechthaberei reicht der Anlaß <hi rend="italic">nicht</hi> aus, und aus einem anderen Interesse als dem an der Problematik der <hi rend="italic">Sache</hi> kann also der 
                  Fehdehandschuh, den wir in unserem ersten Paragraphen betrachtet haben, <hi rend="italic">nicht</hi> aufgenommen werden. Aber aus <hi rend="italic">diesem</hi> Interesse kann und muß er allerdings aufgenommen werden. Mir scheint im Gegen<pb ed="pga" xml:id="p052" break="no"/>satz zu der Methode, die wir 
                dort kennengelernt haben, vor Allem wichtig, daß wir uns, ohne das in der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu Tage tretende Thema aus den Augen zu verlieren, nein, gerade indem wir es ins Auge fassen, gewöhnen an 
                die Vorstellung eines <hi rend="italic">Ganzen</hi> der Reformatorischen Bewegung, daran, daß <ref type="term">Gott</ref> damals seine Sonne scheinen ließ über Gute und Böse und regnen ließ über Gerechte und Ungerechte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">Mt. 5,45</ref>].</p>
                <p> Wir  setzen noch einmal ein bei der Feststellung: Reformation heißt <hi rend="italic"><ref type="term">Besinnung</ref> auf die Zuwendung Gottes zum Menschen</hi>. Wir sind uns darüber klar geworden, daß mit dieser <ref type="term">Besinnung</ref> wesentlich verstanden nicht ein Akt dieses oder jenes <ref type="term">Mensch</ref>en, nicht ein geschichtliches Ereignis, 
                sondern eine Voraussetzung geschichtlicher Ereignisse, ein Akt Gottes gemeint sein kann. Wesentlich verstanden - ich wiederhole aber, daß das für mich nicht bedeutet: irgendwie spekulativ verstanden, sondern einfach im Lichte des eigensten Themas der Reformation verstanden -, <hi rend="italic">ist</hi> 
                die Reformation gar kein historisches Ereignis, <hi rend="italic">betritt</hi> sie gar nicht jene Bühne, auf der wir <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vor <persName ref="kbga-actors-2056">Karl V.</persName><note xml:id="n18"> Seit Bekanntwerden der Bannandrohungsbulle bemühten sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und sein Landesherr <persName ref="kbga-actors-6968">Friedrich der Weise</persName> bei Kaiser  <persName ref="kbga-actors-2056">Karl V.</persName> um ein Verhör auf dem 
                bevorstehenden Reichstag in <placeName ref="kbga-places-676">Worms</placeName>. Unter Zusage freien Geleits wurde <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vorgeladen, aber nur um zu widerrufen, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> beim Auftritt vor dem Kaiser am 18.4.1520 ablehnte.</note>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName><note xml:id="n19"> Siehe unten § 4, <ref type="pub" target="../volume/40/p251#p251">S. 251–497</ref>.</note>,  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gegen  <persName ref="kbga-actors-942">Caroli</persName><note xml:id="n20"> Der  Lausanner Pfarrer <persName ref="kbga-actors-942">Peter  Caroli</persName> (um 1480-nach 1545) warf 1537  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und  <persName ref="kbga-actors-547">Farel</persName> 
                vor, die Trinitätslehre zu leugnen und die Bedeutung der altkirchlichen Bekenntnisse und Traditionen geringzuschätzen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p420#p420">S. 420–471</ref></bibl>.</note>,  <persName ref="kbga-actors-5171">Pighius</persName><note xml:id="n21"> Mit  dem niederländischen römischen <ref type="o">Theologen</ref> <persName ref="kbga-actors-5171">Albert  Pighius</persName> (ca. 1490-1542) stritt  
                <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> über den freien Willen und die Erwählungslehre; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2924">
                                <persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, <hi rend="italic">Defensio sanae et orthodoxae doctrinae de servitute et liberatione humani arbitrii adversus calumnias Alberti Pighii Campensis</hi> (1543), CO 6,225-404</bibl>.    </note> oder  <persName ref="kbga-actors-774">Servet</persName><note xml:id="n22"> <seg type="bio">Der  spanische Arzt <persName ref="kbga-actors-774">Michael  Servet</persName> (um 1511-1553) verfaßte seit 1531 mehrere antitrinitarische 
                Schriften, die ihm Verfolgung und Haft eintrugen. Nach Flucht aus dem Gefängnis zu Vienne begab er sich 1553 nach <ref type="o">Genf</ref>, wo er verhaftet, wegen Gotteslästerung angeklagt, vom Rat nach geltendem Recht am 26.10.1553 zum Feuertod verurteilt und am 27.10.1553 hingerichtet wurde.</seg> 
                Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2925">
                                <persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, <hi rend="italic">Defensio orthodoxae fidei de sacra Trinitate, contra prodigiosos errores Michaelis Serveti Hispani: Ubi ostenditur haereticos iure gladii coercendos esse, et nominatim de homine hoc tam impio iuste et merito sumptum Genevae fuisse supplicium</hi> (1554), CO 8,458-644</bibl> sowie  <bibl corresp="kbga-bibls-3401">Servets Briefe an  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und die <ref type="o">Genf</ref>er Prozeßakten CO 8,645-720</bibl> bzw. <bibl corresp="kbga-bibls-3402">721-872</bibl>.</note> 
                stehen sehen. Was auf dieser <hi rend="italic">Bühne</hi>, in der <pb ed="pga" xml:id="p053"/> <hi rend="italic">Zeit</hi> sich abspielt, das ist, vom Intimsten und Innerlichsten bis zum Gröbsten und Äußerlichsten, sagen wir z. B. von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <ref type="term">Turmerlebnis</ref><note xml:id="n23"> Siehe oben <bibl corresp="kbga-bibls-696">
                                <ref type="pub" target="../volume/40/p049#fn_n12">S. 49, Anm. 12</ref></bibl>.</note> bis zu dem Wurstessen in der Fastenzeit<note xml:id="n24"> Im März 1522 aßen der Zürcher Buchdrucker <persName ref="kbga-actors-9351">Christoph  
                Froschauer</persName> mit anderen Bürgern in der Fastenzeit Fleisch, um ihre christliche <ref type="o">Freiheit</ref> öffentlich zu dokumentieren. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2926">
                                <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Predigt vom 29.3.1522 <hi rend="italic">Von Erkiesen und Freiheit der Speisen</hi> (1522), Z 1,88-136</bibl>.</note>, mit dem die Reformation in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> ihren solennen Anfang nahm, 
                <hi rend="italic">nicht</hi> jene <hi rend="italic">Besinnung in</hi> der Besinnung, deren Subjekt Gott ist, sondern schlecht und recht, tiefsinnig oder trivial ein <hi rend="italic">Akt menschlicher <ref type="term">Besinnung</ref></hi>, wenn wir hochgreifen wollen, eine <hi rend="italic">Zuwendung des 
                Menschen zu Gott</hi>, umgeben von der ganzen Problematik, von der dieses Unternehmen seiner <ref type="term">Natur</ref> nach umgeben sein muß. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> macht beim Studium des Römerbriefs die exegetische Entdeckung der <ref type="term">Gerechtigkeit</ref>, die aus dem Glauben kommt<note xml:id="n25"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2917">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Selbstzeugnis in der Vorrede zu Band I der Opera Latina der
                <ref type="o">Wittenberg</ref>er Ausgabe (1545), WA 54,186,3-13</bibl>.</note> - die Erinnerung dürfte hier nicht unangebracht sein, daß die Reformationshistoriker eine Zeitlang interessiert waren für das Problem, ob der  «Turm» zu <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName>, wo diese Entdeckung stattfand, nicht 
                dasselbe gewesen sein möchte, was man zu jener <ref type="term">Zeit</ref> das  «heimliche Gemach»<note xml:id="n26"> Umschreibung für den Abort. Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p049#fn_n12">S. 49, Anm. 12</ref>.</note> nannte -; jene Zürcher Bourgeois auf ihrer Zunftstube dagegen machen die in ihrer Fragwürdigkeit viel 
                offenkundigere praktische Entdeckung, daß man das Fastengebot der katholischen Kirche, ohne <ref type="term">Sünde</ref> zu tun, übertreten dürfe; und irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen machen der Pfarrer von <placeName ref="kbga-places-818">Einsiedeln</placeName> <persName ref="kbga-actors-443">Ulrich Zwingli</persName> und der Studiosus der Rechte zu <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> <persName ref="kbga-actors-77">Jean  Calvin</persName>, beide ebenfalls bei Anlaß ihrer Beschäftigung mit dem Neuen Testament und beide 
                an Hand von Winken des  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>, die Entdeckung der <foreign xml:lang="lat">philosophia christiana</foreign>, die für sie darin besteht, daß des Menschen Leben ein  Akt des Gehorsams <pb ed="pga" xml:id="p054"/> im  Dienst der Ehre Gottes werden müsse.<note xml:id="n27"> Zu  <bibl corresp="kbga-bibls-2927">
                                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> vgl. den Brief an <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> von Rotterdam (29.4.1516), Z 7,35f. (Nr. 13)</bibl>, und dessen <bibl corresp="kbga-bibls-2927">Antwortbrief an <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> (Mai 1516), Z 7,37f. (Nr. 14)</bibl>, sowie <bibl corresp="kbga-bibls-2928">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Der Labyrinth</hi> (1516), Z 1,53-60</bibl>; zu 
                <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2929">
                                <persName ref="kbga-actors-77">J.  Calvin</persName>, <hi rend="italic">Concio academica</hi> (1533), OS I,4</bibl>:  «<foreign xml:lang="lat">Magna quaedam res est ac longe praestantior quam dici aut animo et cogitatione comprehendi possit, christiana philosophia</foreign>»; <bibl corresp="kbga-bibls-30">dt. Übers. von H.  Scholl in: <hi rend="italic">Calvin-Studienausgabe</hi>, hrsg. von E. 
                Busch u. a., Bd. 1.1, Neukirchen-Vluyn 1994, S. 11</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p188#p188">S. 188f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p198#p198">198</ref></bibl>. </note> Gewiß, das ist nicht alles dasselbe, sondern hier wird ein Weg sichtbar, eine Stufenleiter von einem von höchst intensivem Erdgeruch umgebenen Empörungsakt über einen Akt tiefster ethischer Selbstbesinnung
                zu einem Akt, den man fast nur noch als religiös ansprechen kann und jenseits dessen man den brennenden Busch des  <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.1 Ex.3.4">Ex. 3,1–4</ref>], den Akt Gottes selbst fast zum Greifen nahe zu sehen meint. Und dieser auf der, sagen wir einmal, 
                höchsten Stufe stehende menschliche Akt in diesem Zusammenhang ist zweifellos das, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> getan hat. Aber auch das, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> getan hat, seine exegetische Entdeckung hat ihre <ref type="term">Rechtfertigung</ref> und Würde, ihren im wesentlichen Sinn reformatorischen <ref type="term">Charakter</ref> nicht in sich selbst, sondern in ihrem Gegenstand, d. h. aber, sie tritt 
                an sich, als Entdeckung betrachtet, prinzipiell in die Reihe der anderen Entdeckungen, die damals gemacht wurden, als höchste zwar, weil keine der anderen diesem ihrem Gegenstand so nahe kam, aber immerhin in ihre Reihe, und die anderen damals gemachten Entdeckungen treten mit ihr selbst in das Licht dieses ihres Gegenstandes, sie nehmen mit ihr selbst Anteil an der von diesem ihrem Gegenstand ausstrahlenden <ref type="term">Rechtfertigung</ref> und Würde. Das Recht, alle diese so 
                verschiedenartigen Entdeckungen in <hi rend="italic">einen</hi> Zusammenhang zu stellen, liegt historisch darin ­begründet, daß nicht nur <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, sondern auch die Fastengebotsübertreter von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> und so viele <ref type="term">Reformationszeit</ref>genossen ihresgleichen die von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> 
                entdeckten theologischen Formeln, sowie sie ihnen bekannt wurden, hemmungslos und sofort bejahten als ihr Eigenstes, als den Sinn und die wahre Meinung auch ihrer eigenen auf etwas anderer, sagen wir einmal, tieferliegender Stufe gemachten Entdeckungen. |</p>
                <p>  Daß  zwischen der Rechtfertigung allein aus Glauben und der philosophia christiana ein ausschließender Gegensatz bestehen könnte, das ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, als er, schon lange ein eifriger Leser des  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, die <pb ed="pga" xml:id="p055"/> Traktate <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zur Kenntnis nahm<note xml:id="n28"> 
                Zur  Debatte über die sogenannte reformatorische Wende <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2846">U.  Gäbler, <hi rend="italic">Huldrych Zwingli. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk</hi>, München 1983, S. 46f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2845">ders., <hi rend="italic">Huldrych Zwingli im 20. Jahrhundert. ­
                Forschungsbericht und annotierte Bibliographie 1897-1972</hi>, Zürich 1975, ­S. 39–60</bibl>.</note>, so wenig zum Bewußtsein gekommen, daß er der Meinung sein konnte, er selber habe gerade das schon längst gewußt und gesagt. Und bei  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> fiel die Entdeckung der <foreign xml:lang="lat">philosophia christiana</foreign> aus  
                <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> und der Rechtfertigung durch den Glauben aus <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wie es scheint, sogar zeitlich zusammen, und mit einem Schlag steht, wenn auch noch unausgebildet, seine <ref type="term">Theologie</ref> da, die Formeln <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> an einer bestimmten entscheidenden Stelle in sich tragend und doch vom ersten Augenblick an <hi rend="italic">seine</hi> <ref type="term">Theologie</ref> in der 
                Rektoratsrede, die er 1533 seinem Freunde <persName ref="kbga-actors-5087">Nicolaus  Cop</persName> suggeriert hat.<note xml:id="n29"> <bibl corresp="kbga-bibls-2929">OS I,4-10</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p187#p187">S. 187–191</ref></bibl>.</note> In ähnlicher, wenn auch primitiverer Weise hat damals aber auch der gemeine Mann in seinem dumpfen und oft so brutalen Sehnen und Streben die theologischen Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> nicht als etwas Neues im 
                Sinne von etwas Anderem, Fremdem, sondern als das Neue, das er selbst meinte und nicht sagen konnte, als das lösende Wort für das, was er in ganz anderer, viel dürftigerer, viel profanerer Weise auch schon wußte, empfunden und aufgenommen. Die Entdeckung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> hatte zur Folge eine weitgreifende Übereinstimmung der verschiedenartigsten Menschen darin, daß sie nun auf einmal - was verstanden? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>? 
                Vielleicht, aber doch vielleicht auch nicht oder nur sehr teilweise, dafür aber, und das bestimmt, sich selbst und den Sinn der Problematik, in der sie selbst standen. Sie dachten zum großen Teil gar nicht daran, <ref type="term">Lutheraner</ref> zu werden. Sie gingen den Weg weiter, den sie bisher gegangen waren. 
                Sie traten z. T. in tiefster Dankbarkeit für das von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> Vernommene sofort in latenten oder offenen Widerspruch zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Aber was sie von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vernahmen, das war eben das Wort für <hi rend="italic">ihre Lage</hi>, für <hi rend="italic">ihren Weg</hi>, auch für <hi rend="italic">ihren Widerspruch</hi> zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, das Wort, das jenseits aller Verschiedenheiten 
                den Sinn des allgemeinen geschichtlichen Augenblicks enthüllte. Wie will man sich diese merkwürdige Übereinstimmung erklären, die sich schon von <persName ref="kbga-actors-2197">Ulrich von  Hutten</persName> bis zu  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>, von <persName ref="kbga-actors-2019">Albrecht  Dürer</persName> bis zu  <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName> und  <persName ref="kbga-actors-704">Münzer</persName>, von <pb ed="pga" xml:id="p056"/> den überzeugten Reformationsfreunden bis tief hinein in die Reihe derer erstreckte, die entschlossen waren und blieben, mit der römischen 
                Kirche trotz Allem <hi rend="italic">nicht</hi> zu brechen, diese Übereinstimmung bei bleibender tiefster Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit, die ja z. T. tragisch genug zum Ausdruck und Ausbruch kam, dieses Zusammenschießen der Kristalle, deren Mittelpunkt nun eben doch nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und seine Entdeckung war, sondern unsichtbar das, dem <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Wort Ausdruck verliehen hatte, und unter denen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Wort nachher ein Kristall neben anderen war - wie 
                will man sich das alles erklären, wenn nicht unter der Voraussetzung, daß eben tatsächlich die verschiedenen Entdeckungen, die damals gemacht wurden, als solche in einer Reihe standen - alle <hi rend="italic">menschlich</hi> bedingt mit Allem, was damit gesagt ist, aber auch alle bedeutsam <hi rend="italic">hinweisend</hi> auf das, was auch damals niemand entdeckte, was aber damals in außerordentlichster Weise sich selbst entdeckte. Was für ein absurdes Bild würde entstehen, wenn man 
                statt dessen annehmen wollte, sie alle alle:  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName>,  <persName ref="kbga-actors-2197">Hutten</persName>, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>,  <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>,  <persName ref="kbga-actors-66">Butzer</persName> und wie sie alle hießen, aber auch  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> und die Schüler <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> im engeren Sinn, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> so freudig begrüßten als den, der ihrem <hi rend="italic">Eigensten</hi> 
                Ausdruck gab, und die darum - und wahrhaftig der getreue  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> Allen voran - blieben oder wurden, was sie <hi rend="italic">selbst</hi> sein mußten, sie alle hätten sich eben in der Annahme dieser
                Übereinstimmung gröblichst geirrt oder gar böswilligerweise <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Botschaft bloß als Vorwand zum Verfolgen ihrer eigenen, ganz fremdartigen Tendenzen mißbraucht. 
                Nein. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">hat</hi> eben das <hi rend="italic">Wort</hi> gefunden für das, was damals das Eigenste Unzähliger war und was darum, auch nachdem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dies Wort gesprochen, ihr Eigenstes <hi rend="italic">blieb</hi>, was seinen besonderen Weg <hi rend="italic">neben seinem</hi> Weg fernerhin <hi rend="italic">gehen</hi> mußte, wie es ihn vorher gegangen war. In <hi rend="italic">dem</hi> Akt menschlicher <ref type="term">Besinnung</ref> leuchtete das auf, was wir die <hi rend="italic">Besinnung in</hi> der 
                Besinnung genannt haben. Sie leuchtete auf, alle die anderen sich Besinnenden verständigend über das, was sie taten, um sie dann zu ihrem <ref type="term">Heil</ref> oder Schaden wieder sich selbst zu überlassen, um dann selber wieder ein Akt menschlicher <ref type="term">Besinnung</ref> neben anderen zu werden, der <hi rend="italic">so</hi> durchaus nicht jedermanns Akt sein konnte und mußte, so gewiß es Manche nötig gehabt hätten, sich von ihm etwas gründlicher über sich selbst verständigen zu 
                lassen, als es geschehen ist. Also nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als <hi rend="italic">der</hi> <pb ed="pga" xml:id="p057"/> Entdecker und die Anderen als seine mehr oder weniger berufenen und begnadigten Nachempfinder und Nachredner, sondern <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als <hi rend="italic">ein</hi> Entdecker, aber allerdings als der, der in der überzeugendsten, umfassendsten, grundsätzlichsten Weise zu sagen wußte, was Alle 
                entdeckt hatten und was ja eben darin bestand, daß Gott sich selbst entdeckt. Ich glaube, daß die geschichtliche Bedeutung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> im Unterschied zu seinen Zeitgenossen bei dieser Betrachtungsweise, die ihn schlecht und recht selber als Zeitgenossen verstehen will, nicht kleiner, sondern größer wird.</p>
                <p> Aber wir müssen dem, was diese <hi rend="italic">Unterschiede</hi> bedeuten, noch näher treten. Sie erinnern sich an die These von <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-5355">F. J. Stahl</persName></hi><note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J. Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 14</bibl>.</note>, man müsse, in der Reformationsbewegung unterscheiden zwischen einer Bewegung aus 
                <hi rend="italic">evangelischem</hi> Geist und einer Bewegung aus <hi rend="italic">natürlichem</hi> Geist. Unter der Bewegung aus evangelischem Geist versteht er natürlich die <hi rend="italic">religiöse</hi> Intention <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, und unter der Bewegung aus natürlichem Geist die aus <hi rend="italic">rationalen</hi> Intentionen hervorgegangene Bewegung des 
                wissenschaftlichen <ref type="term">Humanismus</ref>, in die nach ihm <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zur Hauptsache hineingehört. Sachgemäßerweise müßte m.E. von mindestens <hi rend="italic">sechs</hi> Bewegungen gesprochen werden, nämlich außer von den genannten 
                drittens auch noch von einer <hi rend="italic">politischen</hi>, nämlich von den anti-kaiserlichen Bestrebungen einer ganzen Reihe deutscher Fürsten und Städte, die im Leben <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> ebenfalls eine große Rolle gespielt hat; viertens von einer <hi rend="italic">künstlerischen</hi>; denn außer den <ref type="term">Theologen</ref> und anderen 
                Gelehrten waren wahrhaftig auch <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelo</persName> und  <persName ref="kbga-actors-9360">Raffael</persName>, auch  <persName ref="kbga-actors-584">Grünewald</persName> und  <persName ref="kbga-actors-2019">Dürer</persName>, deren direkten oder indirekten Zusammenhang mit der einen großen Unruhe der <ref type="term">Zeit</ref>, wer Augen hat zu sehen, doch nicht bestreiten kann, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Zeitgenossen; fünftens von einer <hi rend="italic">enthusiastisch-sozialen</hi>, wobei ich an 
                den linken Flügel des Schwärmertums und an die aufständischen Bauern denke, die ja ebenfalls und jedenfalls nicht mit absolutem Unrecht im Spiegel der lutherischen Botschaft sich selbst erkannten; und endlich sechstens von jener freilich zu allen Zeiten vorhandenen, aber in <hi rend="italic">solchen</hi> <ref type="term">Zeit</ref>en offener als sonst sich ans Licht wagender Bewegung, die man kaum 
                  anders denn als <hi rend="italic"> «Emanzipation des <ref type="term">Fleisch</ref>es»</hi> bezeichnen kann, mit der z. B. jene Fastengebotsübertreter von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> jeden<pb ed="pga" xml:id="p058" break="no"/>falls Einiges gemeinsam hatten, die da und dort den dunklen Hintergrund der humanistischen und der enthusiastischen Bewegungen bildete und mit der alle drei <ref type="term">Reformatoren</ref> ihre Mühe hatten, gerade darum, weil ein Zusammenhang des Erwachens 
                auch <hi rend="italic">dieses</hi> <ref type="term">Geist</ref>es mit dem Ganzen der Bewegung unmöglich ganz geleugnet werden konnte, gerade weil auch <hi rend="italic">diese</hi> Deutung der <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref>, so verzerrt sie war, auf der geschichtlichen Bühne tatsächlich möglich und wirklich war. |</p>
                <p> Es  fragt sich nun, ob man der zugegebenerweise in <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> am kräftigsten verkörperten <hi rend="italic">religiösen</hi> Bewegung dadurch gerecht wird, daß man sie, wie in der lutherischen Geschichtsdarstellung immer wieder versucht worden ist und 
                versucht wird, diesen übrigen Bewegungen gegenüber als etwas schlechthin für sich Stehendes <hi rend="italic">isoliert.</hi> Immer wieder wird, wie wir gesehen haben, hervorgehoben, wie die Reformation <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eben auf seiner religiösen <ref type="term">Erfahrung</ref>, die anderen Reformationsversuche aber auf, ich weiß nicht, welchen 
                andersartigen <ref type="term">Erfahrung</ref>en und Eindrücken beruht habe, wie jene aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>  «<ref type="term">Herz</ref>en» oder  «<ref type="term">Gewissen</ref>», diese aber aus dem Verstand, dem <ref type="term">Wille</ref>n oder aus noch anderen Provinzen des menschlichen Geistes gestammt hätten. Und immer wieder wird dann auf 
                Grund dieser Kontrastierung mit außerordentlich hohem Mut auf diejenigen Zeitgenossen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> herabgesehen, die möglicherweise in der Tat vorwiegend Humanisten, Politiker oder auch Enthusiasten waren. Ich möchte zunächst sachlich fragen: <hi rend="italic">woher nimmt man</hi> eigentlich den hohen Mut, in dieser Weise ausgerechnet für die <ref type="term">Religion</ref> Partei zu ergreifen und auf Grund dieser Wertung das ganze Geschichtsbild 
                zu gestalten? Hat sich ausgerechnet die <ref type="term">Religion</ref> in der Geschichte wirklich so unzweideutig als das schlechthin Überlegene oder auch nur als das Beste unter den verschiedenen menschlichen Hervorbringungen ausgewiesen? Wie begründen wir eigentlich eine Wertung, mit der wir außer den engsten theologischen Kreisen ganz allein stehen? Aber selbst wenn diese Begründung so 
                sicher wäre, wie sie tatsächlich unsicher ist, graut Ihnen nicht auch manchmal vor dem <hi rend="italic">Pharisäismus</hi> einer Geschichtsauffassung, die die Superiorität der religiösen Provinz des menschlichen Gemütes in dieser Weise gegen alle anderen auszuspielen wagt? Nehmen wir an, <hi rend="italic">wir wären</hi> in der Lage, das sogenannte  «rein Religiöse» von dem man so viel redet, 
                erstens in <pb ed="pga" xml:id="p059"/> seiner Isoliertheit, zweitens in seiner Überlegenheit dem unreinen sonstig <ref type="term">Mensch</ref>lichen gegenüber nachzuweisen. Wie aber kommen wir in die Lage, nun wirklich den Zaun aufzubauen und aufrechtzuerhalten, der es von jenem sondert als etwas <hi rend="italic">für sich</hi> und als etwas <hi rend="italic">Besseres?</hi> Müßte nicht das <hi rend="italic">rein</hi> Religiöse diesen Zaun umwerfen, noch bevor er errichtet ist, und sich als etwas 
                Menschliches in die Reihe <hi rend="italic">alles</hi> Menschlichen stellen? Aber selbst wenn wir auch <hi rend="italic">diesen</hi> Einwand <hi rend="italic">zurückstellen</hi> wollten: Die <hi rend="italic">historische</hi> Schwierigkeit, die sich einer Geschichtsauffassung, die das übersieht, entgegenstellt, besteht darin, daß es nie gelingen kann, das <hi rend="italic">religiöse</hi> Motiv in den geschichtlichen Erscheinungen auch nur ideell, geschweige denn wirklich anschaulich zu sondern 
                von den <hi rend="italic">anderen</hi> Motiven. In der Wirklichkeit der Erscheinungen des <ref type="term">Reformationszeitalter</ref>s bestanden alle diese Motive doch nur in den merkwürdigsten Überkreuzungen und Verbindungen. War die exegetische Entdeckung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref> etwa ein rein religiöser Akt?<note xml:id="n31"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1974">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vorrede zum ersten Bande der Gesamtausgabe 
                seiner lateinischen Schriften</hi> (1545), WA 54,186,3-13</bibl>.</note> War <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht <hi rend="italic">auch</hi> Humanist und <hi rend="italic">auch</hi> Politiker, wenigstens politischer Literat? War nicht, als er seine entscheidende religiöse <ref type="term">Erfahrung</ref> machte, das enthusiastische Motiv gebändigt und zurückgehalten, aber 
                unausgeschieden auch in ihm? Hat man etwa einwandfreie Kriterien um die sehr richtig empfundene religiöse Tiefe seiner Gedanken von den Tiefen einer philosophischen Spekulation zu unterscheiden, oder wäre sie darum religiös weniger tief, weil man sie möglicherweise auch philosophisch-spekulativ auffassen könnte? Und gab es nicht Zeitgenossen, die ihn feindseligerweise als das  «sanftlebende <ref type="term">Fleisch</ref> zu 
                            <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName>»<note xml:id="n32"> So der Titel 
                der Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-2930">
                                <persName ref="kbga-actors-704">Th. Müntzer</persName>, <hi rend="italic">Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose sanftlebende Fleisch zu Wittenberg</hi> (1524), in: ders., <hi rend="italic">Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe</hi>, hrsg. von G. Franz, Gütersloh 1968, S. 321–343</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2931">
                                <persName ref="kbga-actors-704">ders.</persName>, <hi rend="italic">Auslegung des anderen Unterschieds Danielis</hi> (1524), in: ders., <hi rend="italic">Schriften und Briefe</hi>, a.a.O., S. 254,12f.</bibl>:  «Drumb ists nicht wunder, das
                sie bruder mastschwein und bruder sanffteleben vorwirffet, Job. 28.»</note> sogar ein wenig in der sechsten Klasse sitzen sahen? |</p> 
                <p>
                        <pb ed="pga" xml:id="p060" rend="noPipe"/> Besondere Schwierigkeiten bereitet die Kategorie des Schwärmertums.<note xml:id="n33"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-974">Th. Schl., <ref type="pub-" target="../volume/11/p009#p009">S. 9</ref></bibl>:  «Ein Historiker, der z.B. aus einer ganz bestimmten Auffassung des reformatorischen <ref type="o">Christentum</ref>s heraus <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im wesentlichen ablehnend gegenübersteht, wird ihm 
                wahrscheinlich in seinem Gesamtbild von der Reformation eine Stelle irgendwo in der Mitte des fatalen Dreiecks von mittelalterlichem Reform<ref type="o">katholizismus</ref>, <ref type="o">Humanismus</ref> und Schwärmertum anweisen ...»</note> Wer gehört dahin? Wer nicht? Mit katholischen Augen gesehen sicher <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zuerst, 
                mit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Augen gesehen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Augen gesehen  <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfeld</persName>, mit  <persName ref="kbga-actors-773">Schwenckfelds</persName> Augen gesehen die Täufer, eine wahrhaft <persName ref="kbga-actors-967">Einstein</persName>ische Bedrohung jedes allzu dogmatisch aufgebauten Geschichtsbildes. Und mit welchen 
                Kriterien will man eigentlich den Grad des sogenannten rein religiösen Interesses, das man <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nachrühmt, bei seinen übrigen Zeitgenossen ganz oder teilweise in Abrede stellen? Sofern es sich um Dinge handeln muß, die in die Erscheinung treten - und das muß es doch, wenn wir von dem reden, was auf der geschichtlichen Bühne sich abspielte -, ist 
                doch wohl daran zu erinnern, daß auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in seiner Umgebung den Eindruck eines reinen Gottesmannes hinterließ, daß auch  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> ein gewaltiger Beter war, daß auch die Täufer eifrigst in der <ref type="term">Bibel</ref> lasen, daß auch  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> ein warmes religiöses Pathos entwickeln konnte. Wirklich isoliert den anderen gegenüber, wenn auch nicht ohne inneren Zusammenhang, geht in der <ref type="term">Reformationszeit</ref> nur die künstlerische 
                Bewegung ihren Weg. Einen führenden reformatorischen Geist unter den Nicht-Künstlern, der zugleich als Ästhet anzusprechen wäre, wüßte ich wenigstens nicht ­namhaft zu machen. Ich rede von dem allen nicht, um die relative ­Brauchbarkeit aller dieser Kategorien zu bestreiten - sie können heuristisch 
                sehr wertvolle Dienste leisten, auf die ich auch nicht verzichten möchte -, wohl aber um auf ihre <hi rend="italic">Relativität</hi> hinzuweisen, um grundsätzlich festzustellen, daß der Unterschied der Bewegungen, so bestimmt er ins Auge zu fassen ist, doch fast auf allen Punkten im Fließen ist, daß insbesondere aus dem religiösen Motiv, aus dem religiös <ref type="term">Erfahrung</ref>s- oder 
                  Erlebnishaften, dem religiös Tiefen und Unmittelbaren bei ihm nicht heimlich eine absolute Kategorie [ge]macht [werden darf], mit der dann Alles, was unter die anderen Kategorien fällt, gezählt, gewogen und zu leicht erfunden wird [<ref type="can" subtype="bible" target="Dan.5.27">Dan. 5,27</ref>]. Son<pb ed="pga" xml:id="p061" break="no"/>dern wenn denn mit  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName> unterschieden, aber scharf unterschieden werden soll zwischen einer Bewegung aus 
                natürlichem und einer anderen aus evangelischem Geiste<note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>,  a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 14</bibl>:  «So ist es eine Verschiedenheit, daß in <hi rend="italic">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> rein der evangelische Geist, in <hi rend="italic">
                                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi> neben ihm auch der natürliche, namentlich der humanistische Geist, beide miteinander vermengt, das Wirksame waren.»</note>, so müßte, <hi rend="italic">anders</hi> als  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName> offen und die Anderen heimlich annehmen, die Schnittlinie so 
                gezogen werden, daß sie quer durch alle die verschiedenen Bewegungen und Persönlichkeiten hindurchgeht, niemand, auch nicht die aufrührerischen Bauern oder die voreiligen Fleischesser von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, mit absolutem Verdikt zu den Böcken, aber auch niemand, auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht, mit absolutem Verdikt zu den Schafen 
                stellend [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.31 Mt.25.33">Mt. 25,31–33</ref>]. Sondern als <hi rend="italic">Krisis</hi> müßte dann diese Schnittlinie aufgefaßt werden, als die Krisis aller Bewegungen und all der bewegten <ref type="term">Mensch</ref>en auf den höchsten wie auf den 
                tiefsten Stufen, als die Krisis herrührend von dem allein Bewegenden, dem Thema der Reformation, das, hier hell und klar, dort dunkel und verworren erkannt, hier rein und dort verzerrt gedeutet, doch allen <ref type="term">Erkenntnis</ref>- und Deutungsweisen, allen Erkennenden und Deutenden 
                selbständig und überlegen gegenübersteht. Es allein ist der  «evangelische Geist» - und nicht dieser oder jener menschliche Geist -, wenn diese Bezeichnung einen Sinn haben soll, und ihm stehen alle <ref type="term">Erkenntnis</ref>se und Deutungen der menschlichen Geister mit diesen selbst gegenüber als ein Inbegriff von  «natürlichem Geist», keiner von diesen Geistern ganz ohne die Verheißung, die mit dem Inhalt jener großen geschichtlichen Stunde gegeben war, aber
                auch keiner ganz außerhalb des Gerichtsschattens, den derselbe Inhalt dieser Stunde werfen mußte und geworfen hat. Also <hi rend="italic">kein</hi> Einzug der Götter in den Olymp und <hi rend="italic">kein</hi> 
                Sturz der Verdammten auf dieser, der geschichtlichen Bühne; sondern hier gilt Kontinuität, Zusammenhang, nicht Gleichheit, aber Einheit, nicht Harmonisierung, aber <ref type="term">Friede</ref>, nicht <ref type="term">Union</ref>, aber <ref type="term">Gemeinschaft</ref>, Schicksals<ref type="term">gemeinschaft</ref>, aber auch Gottes<ref type="term">gemeinschaft</ref>.</p>
              </div>
              <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">10.XI.22 </date>
                 Und nun sind wir vielleicht gesichert genug, um ohne Gefahr, zu pfuschen und Unheil anzurichten, an die <hi rend="italic">Unterschiede und Gegensätze selbst</hi> heranzutreten. Es hat mit der von  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName> vorgeschlagenen <pb ed="pga" xml:id="p062"/> 
                 Zweiteilung doch auch innerhalb der geschichtlichen Erscheinungen seine gewisse Richtigkeit. Sieht man auf den Akt <ref type="term">mensch</ref>licher <ref type="term">Besinnung</ref>, als den sich die Reformation in der Zeit darstellt, so lassen sich in der Tat statt der sechs oder mehr 
                 historisch zu umschreibenden Gruppen <hi rend="italic">zwei</hi> große konkrete Möglichkeiten, Richtungen oder Bestrebungen unterscheiden, auf die sich alle übrigen mehr oder weniger deutlich zurückführen lassen, und wenn man durchaus will, kann man sie sogar mit  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName> als die evangelische und natürliche unterscheiden, obwohl ich nicht dazu raten würde. Schon eher würde ich mir die Unterscheidung von  «religiös und ethisch» 
                 oder  «religiös und rational» oder  «religiös und profan oder weltlich» gefallen lassen, immer vorausgesetzt, daß diese Kategorien nun keinerlei absoluten Ton mehr haben dürfen, sondern rein heuristisch gemeint sind. Und bei dieser Unterscheidung käme dann wirklich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wesentlich auf die erste, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wesentlich auf die zweite Seite zu stehen. Sie sehen also, daß ich die bekannte Bezeichnung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> als des 
                 spezifisch religiösen Reformators, sobald sich keinerlei Anmaßung mehr damit verbindet, akzeptiere und ebenso die gewohnte Charakterisierung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, sobald sie ohne alle Nervosität und Animosität gemeint ist, und beides selbstverständlich unter der Voraussetzung einer gewissen, wenn auch beschränkten <foreign xml:lang="lat">communicatio idiomatum</foreign> zwischen hüben und drüben.</p>
                <p> Wenn jenes Unerhörte und Unanschauliche, die Zuwendung Gottes zum Menschen, zum Gegenstand menschlicher <ref type="term">Besinnung</ref> wird, dann ereignet es sich fataler-, aber unvermeidlicherweise sofort, daß dieser Gegenstand sich spaltet, an die Stelle des Zentrums eines 
                Kreises die beiden Brennpunkte einer Ellipse treten.<note xml:id="n35"> Folgende Zeichnung findet sich am Mskr.-Rand:

                        <figure rend="inline">
                                <graphic url="../images/40/Abb-1.png"/>
                                
                        </figure></note> Aus dem Einen: der Zuwendung <hi rend="italic">Gottes</hi> zum <hi rend="italic">Menschen</hi> wird in unserem Bewußtsein ein Doppeltes: die Zuwendung <hi rend="italic">Gottes</hi> zum Menschen und: die Zuwendung Gottes zum <hi rend="italic">Menschen</hi>, und je 
                nach dem Grad der Schärfe und Einseitigkeit, mit der je das Eine oder das Andere betont wird, kann das  «und», das beide Bestimmungen miteinander verbindet, den Klang eines  «oder» bekommen. Was das Eine heißen soll und was das Andere heißen soll, das vermögen wir uns mittelst der Kategorien  
                unseres Bewußtseins allenfalls klar zu machen, und zwar werden wir dann im <pb ed="pga" xml:id="p063"/> ersten Fall vorwiegend von <hi rend="italic">Gottes</hi> Aktivität, von seinem guten Willen gegen uns, von der Barmherzigkeit und Macht, mit der er sich unser annimmt, reden, nicht ohne 
                kräftigste Erinnerung, daß mit diesem Tun Gottes selbstverständlich eine neue Aktivität des <ref type="term">Mensch</ref>en unzertrennbar verbunden ist; im zweiten Fall aber vorwiegend von des <hi rend="italic">Menschen</hi> Aktivität, von seiner Bestimmung, als Mensch zur Ehre Gottes zu leben, von der Pflicht des Gehorsams, nicht ohne die kräftigste Erinnerung an die in diesem Tun des Menschen selbstverständlich vorausgesetzte, sie allein wirklich begründende Aktivität Gottes. |</p>
                <p> Wir <hi rend="italic">meinen</hi> beidemal <hi rend="italic">dasselbe.</hi> Ja, aber das Merkwürdige ist das, daß wir <hi rend="italic">dasselbe</hi> offenbar nur <hi rend="italic">meinen</hi>, wenn wir es aber denken und aussprechen wollen, sofort genötigt sind, entweder das Eine oder das Andere zu sagen, oder das Eine unter nachträglicher und wahrscheinlich etwas nachklappender Ergänzung und 
                Verbesserung durch das Andere, oder zuerst das Eine und dann in dialektisch-paradoxer Umkehrung das Andere, daß es uns aber nicht gelingt, <hi rend="italic">dasselbe</hi> zu denken und auszusprechen, <hi rend="italic">das</hi> Eine, das nicht das Eine oder das Andere ist, sondern eben <hi rend="italic">das Eine</hi>, das kein Zweites neben sich hat, das keiner Ergänzung und auch keiner dialektischen Umkehrung 
                bedürftig ist. Wir stehen hier wieder vor der Tatsache jener Verlegenheit, in die wir durch die <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit Gottes geführt werden. Wir verfügen über das Organ nicht, um sie zu begreifen. Begreifen wir sie, so können wir wieder das Organ, mittelst dessen wir das tun, nicht begreifen als ein Stück des psychischen Apparates, über den <hi rend="italic">wir</hi> 
                verfügen, sondern nur als ein Geschenk Gottes, also selber schon als eine Tat jener göttlichen Zuwendung zu uns, die also in ihrer Wirklichkeit für uns gar nicht <hi rend="italic">Objekt</hi> wird, sondern streng und ausschließlich <hi rend="italic">Subjekt</hi> ist. Gott offenbart sich. Gott wirkt in und mit der <ref type="term">Offenbarung</ref> den Glauben. So allein wird unsere <ref type="term">Besinnung</ref> auf ihn wirklich. Ich nannte das die <hi rend="italic">Besinnung in</hi> der 
                Besinnung.<note xml:id="n36"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p042#p042">S. 42f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p047#p047">47</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p053#p053">53</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p056#p056">56</ref>.</note> Sowie wir aber wieder auf den menschlich-anschaulichen Akt unserer <ref type="term">Besinnung</ref> reflektieren, auf <hi rend="italic">die</hi> <ref type="term">Besinnung</ref>, die psychologisch und geschichtlich betrachtet allein in Betracht kommen kann, auf unsere <hi rend="italic">Einstellung</hi>, oder auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <hi rend="italic">Einstellung</hi> zu der Wirklichkeit Gottes, zu seiner Zuwendung zum Menschen, wie sie in
                unseren <hi rend="italic">Gedanken</hi> und <pb ed="pga" xml:id="p064"/> <hi rend="italic">Worten</hi> oder auch in denen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> oder <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> zum Ausdruck kommt, dann entgleitet uns jene Wirklichkeit, jedenfalls in ihrer Einheit, dann spaltet sie sich, dann ist das leidige, aber in keiner Weise zu 
                umgehende Schema von Subjekt und Objekt wieder da, dann entsteht die Dialektik jener beiden Deutungsmöglichkeiten, die man wohl nebeneinanderstellen, durch einander ergänzen, paradox aufeinander beziehen kann, die aber immer zwei Deutungen sind: <hi rend="italic">Zwei</hi> und <hi rend="italic">Deutungen</hi>, nicht die eine <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> <hi rend="italic">angemessen 
                begriffen</hi> in <hi rend="italic">einem Gedanken</hi>, in <hi rend="italic">einem Wort</hi> oder auch nur in <hi rend="italic">einer Meinung.</hi> (Denn wir sollten nicht so optimistisch sein, zu meinen, als ob wir das Eine, die Wirklichkeit Gottes, auch nur <hi rend="italic">meinen</hi> könnten, nein, auch unser 
                Meinen, unser Fühlen, Erleben, Erfahren, oder wie man das nennen mag, ist schlecht und recht eine Deutung, und zwar die eine <hi rend="italic">oder</hi> die andere, oder beide irgendwie <hi rend="italic">miteinander verbunden</hi>, aber nicht das adäquate Ergreifen des Gegenstandes.) <hi rend="italic">Dieser</hi> Gegenstand läßt sich eben nicht ergreifen. Er ist nur Subjekt, nicht Objekt - 
                und Sie sehen auch aus dieser Formulierung, wie wenig wir im Stande sind, aus dieser Sphäre der Deutungen etwa herauszubrechen. Denn was ist diese Formulierung Anderes als eine bestimmte Anwendung der erstgenannten Deutungsmöglichkeit, bei der einseitig die Aktivität Gottes in den Vordergrund gerückt wird?! Angemessen begriffen wird die Wirklichkeit Gottes durch den Glauben, jawohl, aber wer 
                Glaube sagt, der sagt Gott selber. Treten wir dagegen an <hi rend="italic">
                            <ref type="term">Mensch</ref>en</hi> heran, an ihre religiöse oder theologische Einstellung, an die Äußerungen und Wiedergaben ihrer Erlebnisse, Erfahrungen, ihre Gedanken und Meinungen, dann müssen wir uns zum vornherein darauf gefaßt machen, in jene Sphäre der Deutungen, in jenes dialektische Zwielicht 
                hineinzutreten, wo kein Wort das Eine, das Ganze, das Wirkliche sagt, sondern, jedes Wort in mehr oder weniger scharfer Spannung zu anderen Worten, die <hi rend="italic">eine</hi> oder die <hi rend="italic">andere</hi>, als solche dringend der Ergänzung, ja der Umkehrung bedürftige <hi rend="italic">Seite</hi> dieses Einen zu beschreiben unternimmt.</p>
                <p> Ich brauchte das Bild von dem <hi rend="italic">Kreiszentrum</hi>, das sich in zwei <hi rend="italic">Ellipsenbrennpunkte</hi> spaltet.<note xml:id="n37"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p038#p038">S. 38f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/40/p062#p062">62</ref>.</note> Diejenigen, die im Sommersemester hier waren, werden sich erinnern, daß ich damals für dieselbe Sache das andere mathematische Gleichnis von der <hi rend="italic">Horizontalen</hi>, die in einem <pb ed="pga" xml:id="p065"/> Winkel von neunzig Grad von einer <hi rend="italic">Vertikalen</hi> geschnitten
                wird, verwendete.<note xml:id="n38"> <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p061#p061">S. 61</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p064#p064">64–66</ref>
                                <ref type="pub-" target="../volume/23/p082#p082">.82</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p086#p086">86</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p089#p089">89</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p098#p098">98f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p101#p101">101</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p104#p104">104</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p107#p107">107f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p111#p111">111</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p119#p119">119</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p206#p206">206</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p224#p224">224</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p237#p237">237</ref></bibl>.</note> Man kann es auch so sagen. Die Horizontale bezeichnet dann das, was wir eben die menschliche Aktivität nannten, die sie von oben durchschlagende Vertikale aber die göttliche
                Aktivität. Es gibt einen Schnittpunkt, gewiß, aber für unser Bewußtsein, als Gegenstand unserer <ref type="term">Besinnung</ref> existiert er nur als Punkt <hi rend="italic">entweder</hi> der Horizontale <hi rend="italic">oder</hi> der Vertikale, er kann als Schnittpunkt wohl konstruiert, aber in keiner 
                Weise anschaulich gemacht, er kann in seiner Wirklichkeit nur behauptet werden, aber auch das nur <hi rend="italic">entweder</hi> von der Horizontale <hi rend="italic">oder</hi> von der Vertikale aus. Da aber nur der Schnittpunkt beider die unserem Reden von göttlicher und menschlicher Aktivität entsprechende Wirklichkeit bezeichnen würde, so kann uns auch dieses Bild nur veranschaulichen, daß 
                wir <hi rend="italic">nicht</hi> in der Lage sind, diese Wirklichkeit zu bezeichnen, und nichts Anderes erwarten dürfen, als daß wir uns überall in der Geschichte der Religion und der <ref type="term">Theologie</ref> in jenem dialektischen Zwielicht, in jener Sphäre der mehr oder weniger deutlich aufeinander bezogenen Deutungen bewegen werden. Von jeder Erscheinung, der wir da begegnen 
                werden, können wir, noch bevor wir sie im Einzelnen kennengelernt haben, jedenfalls das Eine bestimmt wissen, daß sie eine reine Erscheinung der göttlichen Wirklichkeit nicht sein, reine Mitteilungen darüber uns nicht zu machen haben wird, sondern irgendwie und irgendwo innerhalb der beschriebenen Problematik ihren Ort haben muß. |</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Jesus von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName></hi> als der <hi rend="italic">Christus Gottes</hi>, ja ihn haben allerdings die Apostel und dann auch die <ref type="term">Reformatoren</ref> aufgefaßt als den Schnittpunkt, den Kreismittelpunkt selbst, wo das Spinnengewebe menschlicher Problematik, in dem 
                sie selber steckten, zerrissen sei, als die reine Erscheinung und Mitteilung der göttlichen Wirklichkeit, nicht als <hi rend="italic">ein</hi> Wort, ein Deutungswort, ein der Ergänzung und Umkehrung bedürftiges Wort wie ihre eigenen Worte, sondern als <hi rend="italic">das</hi> Wort, den <ref type="term">Logos</ref>, 
                der im <hi rend="italic">Anfang</hi> war, bei <hi rend="italic"><ref type="term">Gott</ref></hi> war und <hi rend="italic">selber</hi> <ref type="term">Gott</ref> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.1 Joh.1.2">Joh. 1,1f.</ref>], das ungespaltene eine Wort der <ref type="term">Wahrheit</ref>, das auf keines <ref type="term">Mensch</ref>en Lippen kommt. So nahmen sie denn, um an dies <hi rend="italic">eine</hi> Wort zu erinnern, <hi rend="italic">seinen Namen</hi>, den Namen Jesus Christus auf 
                ihre Lippen. Aber vergessen wir nicht: die das eine Wort der Wahrheit in ihm <pb ed="pga" xml:id="p066"/> fanden, die haben eben damit über die Geschichte hinaus oder vielmehr durch die Geschichte, auch durch seine Geschichte hindurchgesehen, hinein in das nahe herbeigekommene Reich Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.2">Mt. 3,2</ref> par.]. Was zwischen ihm und ihnen sich abspielte, das war nicht das Betrachten und Betrachtetwerden eines Stückes Religions- 
                oder Theologiegeschichte, sondern <ref type="term">Offenbarung</ref> und Glaube. Das Wort ward <ref type="term">Fleisch</ref> und wohnte unter uns [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Sofern es sich etwa, wo wir jenseits der geschichtlichen Gegensätze die Einheit zu sehen meinen, um Jesus Christus handeln sollte, sind wir allerdings der Sphäre der 
                Zweideutigkeit, der Problematik und Dialektik entrückt, stehen wir allerdings vor der Zuwendung Gottes zum Menschen in ihrer Wirklichkeit. So jedenfalls, wenn wir das Zeugnis der <ref type="term">Apostel</ref> und <ref type="term">Reformatoren</ref> anzunehmen in der Lage sind. Aber mit einem anderen Namen als dem Namen Jesus Christus können wir diesen Punkt nicht bezeichnen. Nur 
                Jesus Christus <hi rend="italic">selbst</hi> ist dieser Punkt, Alles, was seine Zeugen über ihn gesagt haben und was wir selbst von ihm hören und unsererseits von ihm sagen können, steht aber wieder in dem bekannten Dämmerlicht, in welchem immer die eine <hi rend="italic">und</hi> die andere 
                Betrachtungsweise möglich ist und in welchem es zu letzten, eindeutigen Worten nicht kommen kann. In dieser Dämmerung steht die Geschichte des Urchristentums, soweit sie uns als Geschichte überhaupt anschaulich ist und ihre Konturen nicht verschwimmen in jener <hi rend="italic">Unanschaulichkeit</hi>, die  <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>  «Urgeschichte» nennt<note xml:id="n39"> <bibl corresp="kbga-bibls-1340">
                                <persName ref="kbga-actors-312">Fr. Overbeck</persName>, <hi rend="italic">Christentum und 
                Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie</hi>, a.a.O., S. 20f.</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-2922">
                                <persName ref="kbga-actors-312">ders.</persName>, <hi rend="italic">Werke und Nachlaß. Kritische Neuausgabe</hi>, Bd. VI/1, a.a.O., S. 52–60</bibl>); zum Begriff  «Urgeschichte» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-220">Chr.Dogm., <ref type="pub-" target="../volume/14/p309#p309">S. 309–321</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 6f.</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2">III/2, S. 188.193</bibl>.</note>, 
                während die banalere Sprache dafür das Wort  «<ref type="term">Mythus</ref>» hat, und die kurz und gut die <hi rend="italic">Grenze</hi> dessen, was für uns als Geschichte in Betracht kommt, bezeichnet. |</p>
                <p>In dieser Dämmerung, in der wohl viele <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λόγοι</foreign>, aber nicht der <ref type="term">Logos</ref> vernehmbar wird, steht aber mit aller nachfolgenden Geschichte auch die <ref type="term">Reformationsgeschichte</ref>. Wir können auch hier nicht erwarten, einer Lösung der 
                  Quadratur des Zirkels zu begegnen. Nur Lösungs<hi rend="italic">versuche</hi> werden uns begegnen, und zwar, wie sich aus der prinzipiellen Unlösbarkeit der Aufgabe ergibt, nur <hi rend="italic">mißlungene</hi> Lösungsver<pb ed="pga" xml:id="p067" break="no"/>suche. Ein Gang durch die <ref type="term">Reformationsgeschichte</ref> ist also wie alle Gänge durch die Geschichte nur einem Gang 
                durch ein Spital zu vergleichen, in dem hier ein Einäugiger und hier ein Lahmer und hier ein Schwindsüchtiger nebeneinanderliegen, mit der selbstverständlichen Erinnerung, daß wir, die Besucher dieses Spitals, nicht etwa meinen sollen, gesund zu sein. Das ist die Schicksalsgemeinschaft der <ref type="term">Reformationszeit</ref>genossen, von der ich gestern zuletzt redete.<note xml:id="n40"> 
                Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p061#p061">S. 61</ref>.</note> Daß diese Schicksals<ref type="term">gemeinschaft</ref> zugleich Gottes<ref type="term">gemeinschaft</ref> ist, daß in diesem Spital krank sein höchste Gesundheit und in diesem Spital etwa als Gesunder aus- und einzugehen erbärmlichste Krankheit bedeuten könnte, das steht in einem anderen Buch, das ist jedenfalls <hi rend="italic">nur</hi> unter dem Schutz des Namens Jesus Christus zu sagen.</p>
                <p> Das innere Problem der Reformation, das Problem, das besonders die lutherische von der reformierten Reformation trennte, die in <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ihren ersten und in gewisser Hinsicht klassischen Vertreter gefunden hat, war identisch mit ihrem äußeren 
                Problem, das sie als Ganzes von der mittelalterlichen Kirche trennte.<note xml:id="n41"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p065#p065">S. 65</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p077#p077">77</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p079#p079">79f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p089#p089">89</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p095#p095">95</ref><ref type="pub-" target="../volume/23/p224#p224">.224</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p275#p275">275</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/23/p331#p331">331</ref></bibl>.</note> Es war das Problem des Verhältnisses von <hi rend="italic">Religion</hi> und <hi rend="italic">Ethik</hi>, Religion hier verstanden als Orientierung an der göttlichen, Ethik verstanden als Orientierung an der menschlichen Aktivität. Die Besinnung auf die
                Zuwendung Gottes zum Menschen war das Gemeinsame. Aber dieses ­Gemeinsame spaltete sich sofort in ein überwiegendes Interesse nach der einen und nach der anderen Seite. Dort verdichtet sich dieses Interesse zu der Forderung des Glaubens, hier zu der Forderung des Gehorsams, nicht ohne daß dort 
                aus dem Glauben sofort die Konsequenz des Gehorsams abgeleitet und nicht ohne daß hier der Gehorsam sofort auf den Glauben begründet wird. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und alle <ref type="term">Reformatoren</ref> haben die Unzertrennlichkeit von Religion und Ethik behauptet,  das Vorhandensein einer wirklichen Spannung mit allen Mitteln einer überzeugten Beredsamkeit in 
                Abrede gestellt, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mehr von der Religion, die Reformierten mehr von der Ethik aus. Das beweist, daß ihr gemeinsames Thema die <ref type="term">Besinnung</ref> auf ein Datum war, das jenseits dieses Kontrastes war, eine <ref type="term">Besinnung</ref>, die freilich sofort diesen Kontrast aus sich entlassen mußte, um sich nun doch als <pb ed="pga" xml:id="p068"/> das Ursprüngliche darin geltend zu machen, daß man sich 
                auf beiden Seiten nicht genug tun konnte in der Versicherung, man wisse auch, was man auf der Gegenseite wisse. Aber der Kontrast war da, sonst hätte man sich nicht auf beiden Seiten so lebhaft um seine Überwindung oder doch Inabredestellung bemühen müssen. Man wird einwenden, daß weder zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> noch später zwischen <ref type="term">Lutheraner</ref>n und 
                Calvinisten über das Verhältnis von Religion und Ethik erheblicher Streit geführt worden ist. Das ist richtig. In den Formeln über <ref type="term">Rechtfertigung</ref> und Werke, Gesetz und Evangelium, Glaube und <ref type="term">Liebe</ref> oder Gehorsam war man nahezu einig. Schon darum, weil man hier die gemeinsame Front gegen den <ref type="term">Katholizismus</ref> zu verteidigen 
                hatte. Daß man unter sich in demselben Punkte, wenn auch auf einer ganz anderen Stufe der Auseinandersetzung und in ganz anderem Sinn, uneinig war wie dem katholischen Gegner gegenüber, das wollte man sich, abgesehen von gelegentlichen polemischen Blitzen, nicht eingestehen, das konnte man wohl auch damals aus der Nähe nicht so übersehen. Es kam dazu, daß jeder Teil mit der Überwindung 
                der Kontraste bei sich selber so viel zu tun hatte, daß man kaum gewahr wurde, daß die Art, wie man auf der anderen Seite an der Überwindung dieses Kontrastes arbeitete, doch so ganz anders war. Sie <hi rend="italic">war</hi> aber anders. Die Ähnlichkeit der Formeln, die ja auch wirklich in der Einheit des Themas begründet war, war doch wie geladen mit Differenz. |</p>
                <p> Für<note xml:id="n42"> Der hier folgende Absatz ist im Mskr. mit Rotstift in eckige Klammern gesetzt und am Mskr.-Rand mit der Notiz versehen worden:  «gelesen, aber nachher kassiert und verbessert!».</note> <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> bedeutete dieses eine Thema, die Zuwendung Gottes zum Menschen, die Notwendigkeit eines unermüdlichen und unendlichen Kampfes für die reine <ref type="term">Erkenntnis</ref> dieser Gottestat als solcher und 
                gegen den Irrwahn, der Mensch könne oder müsse ihr durch einen Akt der Zuwendung zu Gott seinerseits etwa zuvorkommen. Immer wieder muß er das <ref type="term">Gesetz</ref> einschärfen, freilich als den heiligen Gotteswillen, aber doch nur zu dem Zweck, den menschlichen Willen endgültig <foreign xml:lang="lat">ad absurdum</foreign> zu führen, immer wieder das <ref type="term">Evangelium</ref> als die alleinige Rettungsmacht in der 
                gänzlichen Katastrophe des Menschen, immer wieder die <ref type="term">Rechtfertigung</ref> als den freien Akt des Gottes, <pb ed="pga" xml:id="p069"/> der verdammen, aber auch freisprechen kann und in Christus uns freispricht, immer wieder den Glauben als das nackte Vertrauen auf das, was Gott tut und sagt. Dann freilich, nach einer kleinen Atempause, sofort auch den Glauben als ein lebendig, geschäftig tätig Ding, als den rechten Werkmeister, als der mit der <ref type="term">Liebe</ref> 
                eins ist wie die Hitze mit dem Feuer.<note xml:id="n43"> <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von der Freiheit eines Christenmenschen</hi> (1520), WA 7,24,30-35;26,20-27</bibl>; <hi rend="italic"/>vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2061">ders., <hi rend="italic">Sermon von den guten Werken</hi> (1520), WA 6,213,13f.</bibl>
                        </note> Das ist Religion, was da in <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> gepredigt wurde, echte, reine, starke 
                Religion, auch darin stark, daß nach jener Atempause die Wendung zur Ethik sofort und sehr eifrig stattfindet. Aber das Ursprüngliche ist doch der Streit für das reine Wort. Hier schlägt <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <ref type="term">Herz</ref>. Hierher kehrt er immer wieder zurück. Und das reine Wort ist eben das Wort von der Aktivität Gottes, der gegenüber der Glaube allein und an sich wichtig ist, als ob es keine <ref type="term">Welt</ref> gäbe, kraft derer aber 
                allerdings der Glaube ohne Gehorsam, ohne Werke nicht sein kann. Das ist eine bestimmte mögliche Art der <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit Gottes, diejenige, in der, wie wir gestern hörten, die verschiedensten Zeitgenossen die Begründung und Notwendigkeit ihrer eigenen Art, diese <ref type="term">Besinnung</ref> zu vollziehen, mit mehr oder weniger Recht zu entdecken meinten und 
                deren Formeln darum von allen Seiten mit Begeisterung aufgenommen und dankbar übernommen wurden - als tiefster Ausdruck dessen, was sie in ihrer Weise selber entdeckt hatten. Es war wirklich der tiefste Ausdruck dessen, was damals entdeckt wurde. Wie konnte man die Wahrheit der Zuwendung Gottes 
                zum Menschen, von der jenes Geschlecht beunruhigt war, tiefer ausdrücken als durch diese energische Orientierung an der Aktivität Gottes, vollzogen in einer grandiosen Apotheose des Glaubens und <hi rend="italic">seiner</hi> Gerechtigkeit, die doch nicht so einseitig war, den Glauben daran zu isolieren, sondern ihn von Haus aus in paradoxe Beziehung setzte zu dem, was ja auch zur Geltung kommen muß, wenn es mit jener <ref type="term">Wahrheit</ref> ernst gelten sollte, mit der Aktivität des Menschen. Es war und ist ja doch wohl die religiöse Möglichkeit des Menschen das gegebene 
                Einfallstor für jene mehr als religiöse <ref type="term">Wahrheit</ref>, und von dieser Möglichkeit hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> Gebrauch gemacht mit einer Weisheit und Gewalt zugleich wie seit ihm wohl keiner mehr. Daß es gerade diese Möglichkeit war, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wählte, hängt <pb ed="pga" xml:id="p070"/> wohl, abgesehen 
                von seiner persönlichen Ausrüstung, auch damit zusammen, daß er aus dem Kloster kam, aus der Welt der Mystik und Askese, aus einer mehr als ein Jahrzehnt lang tief in sich aufgenommenen Anschauung der Übung und Pflege der <ref type="term">Frömmigkeit</ref>, der Religion an sich. Er hat nachher dieser Übung und Pflege angesichts der Entdeckung der entscheidenden Taten Gottes allen direkten 
                Wert abstreiten, er hat einsehen gelernt, daß auch dieses Tun des Menschen <hi rend="italic">mit</hi> dem unfrommen weltlichen Tun der Laien gerichtet und nur <hi rend="italic">mit</hi> diesem, nicht als etwas Besonderes vor <ref type="term">Gott</ref> auch gerechtfertigt sei. Daß sein späteres Verfahren, den Akt des Glaubens so beharrlich an die Spitze zu stellen, ihn zu einem Akt über allen anderen Akten zu erheben, die Aktivität Gottes manchmal fast zu identifizieren mit diesem doch immerhin auch menschlichen Tun - dieses Verfahren steht doch wohl in einer gewissen Analogie mit dem ganzen Verfahren des Mönchstums der <ref type="term">Welt</ref>
                und ihrem Treiben gegenüber, nur daß es hier aus den Klostermauern herausbricht und die ganze <ref type="term">Welt</ref> - gewiß nicht zu Mönchen im Sinn von Heiligen und Helden, aber zu Mönchen im Sinn von vor Allem religiös gesinnten und gestimmten <ref type="term">Mensch</ref>en machen will. 
                Warum nicht? Die religiöse Möglichkeit <hi rend="italic">ist</hi> ja wirklich eine Möglichkeit. Eine feine, bis zu  <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> hinaufreichende und aus vielen Nebenflüssen sich zusammensetzende Strömung des <ref type="term">Mittelalter</ref>s hätte dann in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Rechtfertigungs- und Glaubenslehre ihre Mündung ins Meer gefunden. Und der hohen 
                Bedeutsamkeit, die sie in seiner Person und in seinem Lebenswerk gewann, brauche ich wohl hier kein besonderes Loblied zu singen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">war</hi> eben mit seiner Religion <hi rend="italic">der</hi> Reformator, neben den in dieser Beziehung vielleicht in der Tat kein Zweiter zu stellen ist. Wenn man andererseits von einer Gefahr der von 
                ihm gewählten Möglichkeit reden kann, so war sie darin gegeben, daß das Interesse nach der religiösen Seite sich bei ihm und denen, die im engeren Sinn seine Schüler und Nachfolger wurden, leicht so verdichten konnte, daß für die auch behauptete ethische Seite kein oder fast kein Interesse übrig blieb. Der Zusammenhang mit der Ethik kann bloße Behauptung bleiben und sich 
                tatsächlich dann etwas lockern. In harter Paradoxie wird bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> beides nebeneinander gestellt: die Alleingenugsamkeit des Glaubens und die Notwendigkeit, daß der Glaube gute Werke bei sich haben müsse. Aus diesem harten Nebeneinanderstehen konnte dann doch, da es klar war, daß <pb ed="pga" xml:id="p071"/> das Gewicht hüben und drüben nicht gleich 
                groß war, auch eine Trennung werden und <hi rend="italic">ist</hi> es geworden. Und dann wurde sichtbar, daß auch das, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> Glaube nannte, <hi rend="italic">eine Deutung</hi> war, eine Möglichkeit, aber nicht die Wirklichkeit Gottes.</p>
                
                  </div>
                <div type="session">
                  <p>
                 <date rend="right">13.XI.22 </date>
                 Lassen Sie mich das am Ende der letzten Vorlesung über <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> Gesagte noch einmal erläutern und zusammenfassen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat die Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes, der gnädigen Zuwendung Gottes zu dem sündigen Menschen mit leidenschaftlicher Energie des Gefühls, 
                 des <ref type="term">Wille</ref>ns und des Verstandes ergriffen in Form des Gedankens der <hi rend="italic">Aktivität Gottes</hi>. Ein Jahr vor seinem Tod hat er selber noch einmal Rechenschaft gegeben über seine entscheidende Entdeckung (in der Vorrede zu seinen lateinischen 
                 Schriften <bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. v. a. I,22f.</bibl>).<note xml:id="n44"> <bibl corresp="kbga-bibls-1974">WA 54,186,3-13</bibl>.</note> Er habe einst einen Haß gehabt gegen das Wort  «Gerechtigkeit Gottes» in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1[,17]</ref> schreibt er dort, solange er nicht verstanden habe, daß damit <hi rend="italic">die</hi> 
                 Gerechtigkeit gemeint sei, von der der Gerechte <hi rend="italic">lebt</hi> als von der Gabe <hi rend="italic">Gottes</hi>, nämlich im <hi rend="italic">Glauben</hi>. Als offenbarte, als des <hi rend="italic">Menschen</hi> <ref type="term">Gerechtigkeit</ref>, müsse also die Gerechtigkeit 
                 Gottes verstanden werden als <foreign xml:lang="lat">iustitia <hi rend="italic">passiva</hi> </foreign>(passiv natürlich vom Menschen gemeint!), mit der Gott uns Elende rechtfertigt («<foreign xml:lang="lat">iustificat</foreign>») durch den Glauben. Als er <hi rend="italic">das</hi> entdeckt habe, da habe er sich geradezu neu geboren gefühlt, als ob er durch 
                 offene Türen ins Paradies eingegangen wäre. Und von da aus habe für ihn die ganze heilige Schrift ein neues Gesicht bekommen. Überall habe er nun das Werk Gottes, nämlich das Werk, das <hi rend="italic">Gott</hi> in <hi rend="italic">uns</hi> wirkt, gefunden, die Kraft Gottes, durch die <hi rend="italic">er uns</hi> stark macht, die Weisheit Gottes, durch die <hi rend="italic">er uns</hi> klug 
                 macht, die Energie Gottes, das Heil Gottes, die Ehre Gottes. Und dieselbe Einsicht habe er dann auch in  <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName>  «De spiritu et littera» bezeugt gefunden.<note xml:id="n45">  <bibl corresp="kbga-bibls-2933">
                                <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, <hi rend="italic">De spiritu et littera</hi> 9,15, PL 44,209</bibl> (= <bibl corresp="kbga-bibls-2987">CSEL 60,167</bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2934">B. Lohse,  <hi rend="italic">Die Bedeutung Augustins für den jungen Luther</hi>, in: Kerygma und Dogma, Jg. 11 (1965), S. 116–135</bibl>; H.-<bibl corresp="kbga-bibls-2935">U. Delius, <hi rend="italic">Augustin als 
                Quelle Luthers</hi>, Berlin 1984, S. 171–174</bibl>. </note> Aus diesem Blick auf das, <hi rend="italic"> «<foreign xml:lang="lat">quod operatur in nobis Deus»</foreign></hi>, ist <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Reformation, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Theologie gewachsen.<note xml:id="n46"> <bibl corresp="kbga-bibls-1974">WA 54,186,12</bibl>.</note> An diesem <foreign xml:lang="lat">operari</foreign> Gottes in 
                uns hängt sein brennendes Interesse, sein Eifer und seine Sorge, auch sein Zorn, es möchte in <pb ed="pga" xml:id="p072"/> seiner Reinheit und Unbedingtheit verkannt werden durch einen an seiner Alleingenugsamkeit zweifelnden Seitenblick auf das <foreign xml:lang="lat">operari</foreign> des Menschen. Er beweist seine <hi rend="italic">Unentbehrlichkeit</hi>, indem er einerseits die Majestät des göttlichen <ref type="term">Gesetz</ref>es, andererseits die vollkommene Unfähigkeit des menschlichen <ref type="term">Wille</ref>ns, 
                das <ref type="term">Gesetz</ref> zu erfüllen, einschärft. Er beschreibt die Quelle seiner <ref type="term">Erkenntnis</ref>, indem er es schildert als das <hi rend="italic">Wort</hi>, die objektive, alle menschliche <ref type="term">Vernunft</ref> zu Schanden machende Mitteilung Gottes selbst, deren Inhalt sich ganz und gar erschöpft in der unbegreiflichen Tatsache, daß Gott dem Menschen 
                seine <ref type="term">Sünde</ref>n vergibt, daß er ihn, den <foreign xml:lang="lat">peccator</foreign>, aus keinem Grunde, der nicht in ihm selbst läge, als <foreign xml:lang="lat">iustus</foreign> anspricht. Er begründet seine <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi>, indem er den Inhalt dieses Wortes herausstellt: Christus, der in der Fleischwerdung in unsere Niedrigkeit und in seinem Kreuzestod auch in den Fluch unserer <ref type="term">Sünde</ref> und unseres Todes 
                eingegangene ewige Gott selber, der nun dem sündigen, sterblichen Menschen gegenwärtig ist bis zur Ununterscheidbarkeit, so daß er des Menschen Elend auf sich nimmt, um ihm dafür seine Herrlichkeit zu geben. Er macht den <hi rend="italic">Vollzug</hi> dieses göttlichen <foreign xml:lang="lat">operari</foreign> klar, indem er den Glauben beschreibt als den Akt, durch den der Mensch in den Besitz jener passiven <ref type="term">Gerechtigkeit</ref> kommt: er hört das Wort und hält sich daran, ohne Gründe, 
                ohne Warum?, in nacktem Vertrauen, nur darum, weil es das Wort Gottes ist, aber darum auch in völliger <ref type="term">Gewißheit</ref>, als an das <foreign xml:lang="lat">certissimum</foreign>. Wer vollzieht diesen Akt? Der Mensch oder Gott? Ist der Glaube der Schöpfer der Gottheit oder Gott der Schöpfer des Glaubens? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat beides gesagt. Der Glaube ist grundsätzlich sein letztes Wort: er ist das göttliche <foreign xml:lang="lat">operari</foreign> selbst, aber als menschlicher Akt, der menschliche Akt, der mit dem göttlichen <foreign xml:lang="lat">operari</foreign>
                identisch ist. <hi rend="italic">Hinzukommen</hi> kann zu diesem Letzten grundsätzlich <hi rend="italic">nichts</hi> mehr. Es kann nur noch nach allen Seiten gesagt werden, daß es das Letzte <hi rend="italic">ist.</hi> Der Glaube, die <foreign xml:lang="lat">nuda fiducia</foreign>, <hi rend="italic">ist</hi> die <foreign xml:lang="lat">iustitia passiva</foreign>. Ja er <hi rend="italic">ist</hi> selbst der Akt der göttlichen <foreign xml:lang="lat">iustificatio</foreign>. Darum ist er aber auch das eine einzige gute <hi rend="italic">Werk</hi>, das der <hi rend="italic">Mensch</hi> tun kann und soll, das Werk 
                der ersten Tafel, gut <hi rend="italic">darum</hi>, weil es ja das Werk Gottes selbst ist, aus dem alle anderen guten Werke, die Werke der zweiten Tafel, fließen müssen. Aber daß dem so ist, daß der Glaube auch die <ref type="term">Liebe</ref> ist, das kann nur in stärkster Paradoxie <hi rend="italic">behauptet</hi> werden. Etwa so (in einer Disputation von 1520, <bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. v. a. IV,337</bibl>): <pb ed="pga" xml:id="p073"/>  «Wenn der Glaube nicht <hi rend="italic">ohne</hi> irgendwelche, auch die 
                geringsten Werke ist, so rechtfertigt er nicht, ja so ist er gar nicht Glaube.»<note xml:id="n47"> <bibl corresp="kbga-bibls-2936">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Quaestio, utrum opera faciant ad iustificationem</hi> (1520), WA 7,231,7f.</bibl>
                        </note> -  «Es ist unmöglich, daß der Glaube ohne eifrige, viele und große Werke <hi rend="italic">sein</hi> kann.»<note xml:id="n48"> <bibl corresp="kbga-bibls-2936">WA 7,231,9.</bibl>
                        </note> Oder noch 
                kürzer:  «Der Glaube <hi rend="italic">allein</hi> rechtfertigt, aber er ist <hi rend="italic">niemals</hi> allein» (<bibl corresp="kbga-bibls-1712">Loofs, 765</bibl>).<note xml:id="n49"><bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs</persName>, a.a.O. (oben S. 22, Anm. 49), S. 765</bibl>: «<hi rend="italic">fides sola justificat, sed numquam est sola</hi>» unter Bezug auf<bibl corresp="kbga-bibls-2937"> <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,  <hi rend="italic">In primum librum Mose enarrationes</hi> (1535–1545), WA 42,566,35;567,14</bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.15.6">Gen. 15,6</ref>).</note> 
                Das Recht zu dieser Behauptung hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> daraus abgeleitet, daß das göttliche <foreign xml:lang="lat">operari</foreign> im Glauben ein integrierender Bestandteil des menschlichen Lebens wird und also die menschliche Aktivität gleichsam mit sich reißt. Der Delinquent müsse auch 
                dabei sein, wenn er gehängt werde, konnte er dann wohl sagen.<note xml:id="n50"> <bibl corresp="kbga-bibls-1712">
                                <persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs</persName>, a.a.O., S. 765, Anm. 1</bibl>, unter Bezug auf <bibl corresp="kbga-bibls-2938">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Disputatio de iustificatione</hi> (1536), WA 39/I,96,4f</bibl>.</note> Oder auch so:  «Dieweil 
                denn menschlich Wesen und <ref type="term">Natur</ref> kein Augenblick mag sein ohne Tun und Lassen, Leiden oder Fliehen (denn das Leben ruhet nimmer, wie wir sehen); wohlan, so hebe an, <hi rend="italic">wer da will fromm sein</hi>…, und übe sich selbst in allem Leben und Werken, zu allen 
                Zeiten an diesem Glauben» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. 20,206</bibl>)<note xml:id="n51"> <bibl corresp="kbga-bibls-2061">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Sermon von den guten Werken</hi> (1520), WA 6,212,32-36</bibl>.</note>. Oder auch so:  «Die Werke <hi rend="italic">folgen</hi> der Glaubensgerechtigkeit <foreign xml:lang="lat">infallibiliter, cum non sit otiosa</foreign>» 
                (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. v. a. IV,340</bibl>)<note xml:id="n52"> <bibl corresp="kbga-bibls-2940">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Disputatio de fide infusa et acquisita</hi> (1520), WA 6,85,23.</bibl>
                        </note>. Oder auch so:  «<foreign xml:lang="lat">Qui enim orthodoxus in Deum est, non potest nisi bona facere, bonos mores praestare</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. o. l. XIV,17</bibl>)<note xml:id="n53"> <bibl corresp="kbga-bibls-1982">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, 
                <hi rend="italic">Operationes in Psalmos</hi> (1519–1521), WA 5,528,14-16.</bibl>
                        </note>. Ein <hi rend="italic">selbständiges</hi> Interesse aber an diesem oder jenem guten Werk neben dem <hi rend="italic">einen</hi> guten Werk des Glaubens kann <hi rend="italic">nicht</hi> stattfinden. Interessant, weil gut sind sie ja nur, weil und sofern sie  
                «in diesem Werk … gehen, und ihrer <hi rend="italic">Gut</hi>heit Einfluß, gleichwie ein Leben, von <hi rend="italic">ihm</hi> empfangen» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. 20,196</bibl>)<note xml:id="n54"> <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,204,31f.</bibl>
                        </note>. So sind sie angesichts und gegenüber dem Glauben, der ihr Werkmeister und Hauptmann ist (<bibl corresp="kbga-bibls-496">ib. 207</bibl>)<note xml:id="n55"> <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,213,13f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1302">ders., <hi rend="italic">Von der Freiheit eines Christenmenschen</hi> (1520), WA 7,26,20-27</bibl>.</note>, 
                unter sich indifferent:  «In diesem Glauben werden alle Werke <pb ed="pga" xml:id="p074"/> gleich, und ist eines wie das andere; fället ab aller Unterscheid der Werke, sie sein groß, klein, kurz, lang, viel oder wenig» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">ib. 198</bibl>)<note xml:id="n56"> <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,206,33-35.</bibl>
                        </note>. Ja, ihr moralischer 
                Charakter wird überhaupt indifferent:  «Wenn ein Ehebruch im Glauben begangen werden könnte, so wäre er keine <ref type="term">Sünde</ref>. Wenn du im Unglauben Gott anbetest, so tust du Götzendienst» (<bibl corresp="kbga-bibls-496">E.A. v. a. IV, 337f.</bibl>)<note xml:id="n57"> <bibl corresp="kbga-bibls-2936">WA 7,231,18f.</bibl>
                        </note>. |</p>
                <p> Ein <hi rend="italic">selbständiges</hi> Interesse an der Aktivität des Menschen, d. h. aber am Problem der Ethik hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">nicht</hi> gehabt. Sein Interesse an der Aktivität des Menschen erschöpft sich im Grunde darin, daß er 
                unvermeidlicherweise den Glauben auch als solche beschreiben muß, und sofern dann mit dem <hi rend="italic">Glauben</hi> auch die Notwendigkeit <hi rend="italic">guter Werke</hi> gegeben ist, mit der <hi rend="italic"><ref type="term">Frömmigkeit</ref></hi> das Problem der <hi rend="italic">Ethik.</hi> Er ist überlegen und weise genug, diesen Zusammenhang nicht nur nie in Abrede zu stellen, sondern immer und 
                aufs Stärkste zu behaupten, aber die offene Türe, durch die er in das Paradies eingegangen ist, ist die Entdeckung der <foreign xml:lang="lat">iustitia <hi rend="italic">passiva</hi></foreign>, <hi rend="italic">des</hi> Werkes, das <hi rend="italic">darum</hi> gut ist, weil es letztlich <hi rend="italic">Gottes</hi> Werk ist. Die Not und die 
                Aufgaben des konkreten Daseins des Menschen außerhalb der religiösen Sphäre interessierten ihn entweder wegen ihres vorbereitenden oder abzuleitenden Zusammenhangs mit dieser Sphäre oder dann rein sachlich-technisch, aber nicht in seiner Eigenschaft als Prediger des Worts, als ­Reformator. 
                Sie interessierten ihn als Reformator nicht primär, sondern sekundär, nicht direkt, sondern indirekt. Zu dem Glauben kann nichts hinzukommen. Er ist grundsätzlich das Letzte. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> konnte oder wollte nicht sehen, daß es freilich neben der im Glauben erfaßten (menschlich erfaßten!) <hi rend="italic">Wirklichkeit Gottes</hi> allerdings keine 
                andere gibt, wohl aber neben dem <hi rend="italic">Glauben</hi>, d. h. neben der menschlichen Funktion, die man die religiöse nennt, auch noch andere selbständige und ernsthafte Anliegen. Er konnte oder wollte über den - im engeren Sinn gemeint - theologischen Gesichtskreis des Mönchs, des Mystikers oder Scholastikers nicht hinaussehen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war der 
                  fromme, der religiöse, der theologische Reformator <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κατ᾽ ἐξοχήν</foreign> und als solcher ohne seinesgleichen. Das war seine Stärke wie seine Schwäche, jedenfalls aber die auf Grund <hi rend="italic">seiner</hi> Begabung, <hi rend="italic">seines</hi> Schicksals, <hi rend="italic">sei<pb ed="pga" xml:id="p075" break="no"/>ner</hi> historischen Bedingtheit und kraft <hi rend="italic">seiner</hi> 
                besonderen Berufung von <hi rend="italic">ihm</hi> gewählte Möglichkeit, sich auf <ref type="term">Gott</ref> zu besinnen. Wir können nach dem in der letzten Stunde grundsätzlich Ausgeführten auch sagen: So hat sich die in jedem menschlichen Bewußtsein notwendig eintretende Spaltung und Zweiteilung der <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit Gottes in <hi rend="italic">ihm</hi> ausgewirkt. So 
                wurde der <hi rend="italic">eine</hi> Brennpunkt der reformatorischen Ellipse gesetzt und bezogen. Wir haben damit gesagt, daß die Reformation <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> nicht die ganze Reformation ist.</p>
                <p> Es  gibt daneben eine <hi rend="italic">zweite</hi> Möglichkeit. Oder genauer gesagt: es gibt eine zweite Möglichkeit, die die von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gewählte nicht <hi rend="italic">aus-</hi>, sondern, wenn sie voll und ernsthaft realisiert wird, <hi rend="italic">ein</hi>schließt, 
                so daß zwischen den beiden <hi rend="italic">unter sich</hi>, wie schon früher gesagt, das Verhältnis eines weiteren zu einem engeren Kreise besteht. Nur das soll mit dem anderen Bild von den beiden Ellipsenbrennpunkten gesagt sein, daß die Verschiedenheit der beiden Möglichkeiten nicht etwa zufällig und willkürlich war, sondern auf einer ernsten Verschiedenheit des Ansatzes beruhte, daß 
                die Tatsache des dort enger, hier weiter gezogenen Kreises eine tragische, aber unvermeidliche Notwendigkeit war. Der historische Sammelbegriff für die zweite Möglichkeit heißt <hi rend="italic"><ref type="term">Renaissance</ref>.</hi><note xml:id="n58"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p086#p086">S. 86–90</ref></bibl>.</note> Die zweite, 
                vollendende Wendung der Reformation, die <hi rend="italic">reformierte</hi> Reformation, die in <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auf den Plan tritt und durch  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> auf ihren Gipfel geführt wird, ist nichts Anderes als die <ref type="term">Renaissance</ref>bewegung, die sich 
                dadurch voll und ernsthaft realisiert, daß sie in den Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> ihren eigenen tiefsten Sinn wiedererkennt und sie darum entschlossen und rückhaltlos als Antwort auf <hi rend="italic">ihre</hi> Frage aufnimmt.  «Aufnimmt», damit ist die Identität der reformierten mit der lutherischen Reformation bezeichnet.  «Als Antwort auf <hi rend="italic">ihre</hi> Frage», darin beruht der Keim aller Gegensätze zwischen beiden. Daß die 
                Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> die Antwort seien auf die Frage der <ref type="term">Renaissance</ref>, das war <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> Entdeckung. Es sah wohl aus, als ob auch <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> etwa und andererseits die <hi rend="italic">Schwärmer</hi> diese Entdeckung auch hätten machen können und wollen; wir redeten ja schon 
                von dem allgemeinen Aufbrechen, dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sofort begegnet ist. Aber hier kam es <hi rend="italic">nicht dazu</hi>, man blieb so oder so stecken in der <ref type="term">Renaissance</ref>frage und ihren eigenen vermeintlichen Antworten, weil man nicht in der Lage war, <pb ed="pga" xml:id="p076"/> den tieferen Gehalt der Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> wirklich auszuschöpfen und den entsprechenden Gebrauch 
                davon zu machen. Und es sah wohl auch einen Moment aus, als ob <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst</hi> diese Entdeckung machen werde. Er ist ihr nahe genug gewesen. Aber als er sie ahnte, ist er mit Entsetzen und Abscheu, mit einem wahren  «Apage Satanas!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.23">Mt. 16,23</ref> par.] davor 
                zurückgescheut, zweifellos darum, weil er seinerseits den Ernst und die Tiefe und das Recht der <ref type="term">Renaissance</ref>frage nie wirklich und positiv selber empfunden hat. Er war, historisch betrachtet, Mönch, Mystiker und Scholastiker. Er konnte oder wollte nicht auch noch Renaissancemensch sein. Er hat sich gewissermaßen verkapselt in die von ihm gewählte Möglichkeit, in 
                der er nicht nur die Grenze seiner persönlichen Berufung, sondern auch die Grenze der reformatorischen <ref type="term">Wahrheit</ref> überhaupt zu sehen meinte, und hat mit allen anderen derartigen Versuchen auch den Versuch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, 
                als Renaissancemensch um den engen Kreis herum den <hi rend="italic">weiteren</hi> zu ziehen, als Rückfall und Abfall beurteilt und abgelehnt, ohne genauer zu prüfen, ob der Versuch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nicht etwas grundsätzlich Anderes sein könnte als die Versuche eines  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> oder  <persName ref="kbga-actors-1081">Karlstadt</persName>. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Bedeutung besteht zunächst darin, daß er der erste wirklich berufene und begabte Interpret jenes allgemeinen Zeitbewußtseins war, das mehr oder 
                weniger dumpf in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <ref type="term">Frömmigkeit</ref>, religiöser Botschaft und Theologie das lösende Wort für sein eigenes Anliegen erkannte, denn dieses allgemeine Zeitbewußtsein war ja eben außerhalb der Klostermauern, 
                in denen sich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bewegte, das <ref type="term">Renaissance</ref>bewußtsein. Sofern er <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schüler war, war er jedenfalls sein erster Schüler, der es zur Selbständigkeit, zur eigenen Meisterschaft brachte; denn er hat das, was er von ihm gelernt hat, nicht nur wie die <ref type="term">Wittenberg</ref>er mit mehr oder weniger Verständnis nachgesagt, sondern getreu und doch 
                als sein Eigenstes, als das, was es war, und doch in einem ganz neuen Zusammenhang wieder gesagt. Er war der reformatorische Mann, der wie kein anderer vor ihm, und darin auch ganz anders als sein größerer Nachfolger  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, vom Interesse an der Not und den Aufgaben des konkreten Daseins der Menschen außerhalb der religiösen Sphäre herkam und der nun doch, durchaus aus diesem selbständigen 
                  Interesse heraus, merkte und verstand, daß das hilfreiche Neue, das <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> innerhalb jener begrenzten Sphäre gefunden, das <hi rend="italic">eine</hi> hilfreiche Neue sei, das auch für die anderen Sphä<pb ed="pga" xml:id="p077" break="no"/>ren gelte und von Nöten sei. Er hat die Entdeckung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> in der Klosterzelle <hi rend="italic">gesehen</hi> von der humanistischen Studierstube, von der bürgerlichen 
                Ratsstube, ja von der Straße aus, ohne darum vor ihr zurückzuschrecken wie  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> und im Grunde doch auch  <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>, ohne sie zu vergröbern und in ihr Gegenteil zu verkehren wie die Bauern und wie die Schwärmer, aber auch ohne sich mit ihrer Bedeutung für die religiöse Sphäre begnügen zu können, weil er selbst fest und auf beiden Beinen da draußen stand, ein <ref type="term">Welt</ref>kind unter Weltkindern, aber ein Weltkind, das Ohren hatte zu hören. |</p>
                <p>  Mit diesem weltlichen Sehen der geistlichen Entdeckung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> stand <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> abgesehen von dem Kreis seiner nächsten Freunde und Anhänger nicht weniger allein, als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst sich mit seinem Sehen innerhalb der religiösen Sphäre gefühlt hat, alleingelassen 
                von  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> zur Linken, alleingelassen von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zur Rechten, dem  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName> zu grob, zu gläubig-radikal<note xml:id="n59"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2927">Brief an <persName ref="kbga-actors-443">Huldrych Zwingli</persName> (8.9.1522), Z 7,582,1-7 (Nr. 236).</bibl>
                        </note>, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu fein, zu weltklug. Mit dieser Einsamkeit des 
                Mannes hängt seine Einseitigkeit zusammen, die Übertreibungen und Extravaganzen, die ihm unterlaufen sind so gut wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in <hi rend="italic">seiner</hi> Einsamkeit. Er hat sich gerade mit <hi rend="italic">dieser</hi> Neu-Entdeckung in tragische Schuld verwickeln, in den Schatten des Wortes begeben <hi rend="italic">müssen</hi>, daß man die Perlen nicht 
                vor die Säue und das Heilige nicht vor die Hunde werfen solle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>]. Daß sein Versuch <hi rend="italic">darauf</hi> hinauslaufen konnte, war die ebenso dringende Gefahr wie die über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Versuch schwebende, daß das Licht unter den Scheffel zu stehen kommen und das Salz dumm werden konnte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13 Mt.5.15">Mt. 5,13–15</ref> par.]. Man wird gut tun, sein Urteil über die Versuche beider Männer nicht zum vornherein mit dem Gedanken an diese Gefahren zu 
                belasten, oder wenn man es denn tun will, dann jedenfalls gleichmäßig nach <hi rend="italic">beiden</hi> Seiten. Wobei bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> noch besonders zu bedenken ist, daß er infolge seines frühen Todes gar nicht im Fall war, seinen Versuch bis zum vollendeten Lebenswerk durchzuführen, daß wir nicht viel mehr als ein Gerüst und eine Bauruine vor uns haben, 
                deren Sinn und Wert sich uns letztlich nur erschließt, wenn wir das, was mit demselben Ansatz und belehrt, auch negativ belehrt durch <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Erfahrungen, nachher <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gewollt, angestrebt und - im Unterschied zu <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> - durchgeführt und erreicht hat, [mitbedenken].</p>
                <p rend="margin-top">
                        <pb ed="pga" xml:id="p078" rend="noPipe"/> Aber zunächst müssen wir uns nun natürlich fragen, ob es denn mit dieser zweiten Möglichkeit und Wendung der Reformation überhaupt und grundsätzlich seine Richtigkeit hatte - seine Richtigkeit hatte mit dem Versuch, die Entdeckung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> von der <ref type="term">Welt</ref> aus zu sehen und in der 
                <ref type="term">Welt</ref> anzuwenden, sie aufzufassen als die Antwort auf die Frage der <ref type="term">Renaissance</ref>, als die volle und ernsthafte Realisierung der <ref type="term">Renaissance</ref>bewegung. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst hat diesen Versuch abgelehnt und mit scharfem Schnitt sich von Allem, was nach <ref type="term">Renaissance</ref> schmeckte, gesondert. Die übliche Auffassung hat sich dem 
                angeschlossen und lautet durchaus dahin, daß Reformation und <ref type="term">Renaissance</ref> zwei ganz verschiedene Dinge seien.<note xml:id="n60"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p086#p086">S. 86–90</ref></bibl>.</note> Wenn diese Auffassung recht hat, so ist das Urteil über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gesprochen, denn auch nach meiner Meinung muß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> 
                wesentlich als <ref type="term">Renaissance</ref>mensch, wenn auch als bekehrter <ref type="term">Renaissance</ref>mensch verstanden werden. Aber Sie werden es nach den Voraussetzungen, die ich in der letzten Woche hier entwickelt habe, begreiflich finden, wenn ich jener Auffassung <hi rend="italic">nicht</hi> beipflichte. Gewiß, das Problem der <ref type="term">Renaissance</ref> war gerade das Problem, das <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Problem <hi rend="italic">nicht</hi> war, nämlich das Problem der <hi rend="italic">Aktivität des Menschen</hi>, und zwar 
                des <hi rend="italic">ganzen</hi> Menschen in allen seinen Möglichkeiten, nicht nur in der religiösen Sphäre, wo es sich in sein Gegenteil verkehren muß, wo das Tiefste, was man über die Aktivität des Menschen sagen kann, das Wort von der <foreign xml:lang="lat">iustitia passiva</foreign> ist. Für den Renaissancemenschen, auch den religiösen, den bekehrten Renaissancemenschen, gibt es nun einmal außerhalb dieser religiösen Sphäre 
                eine ganze Reihe von Anliegen, bei denen es sich ganz zweifellos darum handelt, daß der <ref type="term">Mensch</ref> etwas sei, wisse, wirke und handle, Anliegen, die ihm aber trotzdem <ref type="term">Herz</ref>ensanliegen sind und in denen er sich einfach nicht verstanden fühlen würde, wenn man ihm nun etwa sagen wollte, das alles seien schlimmstenfalls Werke der vom Teufel inspirierten natürlichen <ref type="term">Vernunft</ref>, bestenfalls aber gute Werke, die von dem 
                einen guten Werk des Glaubens ihrer Gutheit Einfluß nur zu Lehen trügen, ihr Inhalt sei an sich gleichgültig, es komme ja doch nur auf die Zuversicht des <ref type="term">Herz</ref>ens zu Gott an, die der Mensch dabei habe. Was soll der Renaissancemensch damit anfangen? Ihm ist ja nun gerade 
                  wieder in ganz neuer, dringlicher Weise <hi rend="italic">interes<pb ed="pga" xml:id="p079" break="no"/>sant</hi> geworden, was da mit einem einzigen Federstrich als gleichgültig, als der religiösen Frage gegenüber als neutral, wenn nicht gar hinderlich hingestellt ist. Er hat <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> entdeckt.<note xml:id="n61"> <seg type="bibl">
                                <persName ref="kbga-actors-6522">Christoph  Columbus</persName> (1446/47-1506), Seefahrer aus Genua, entdeckte bei der Suche nach einem westlichen Seeweg nach Indien 1492 die Karibischen Inseln und amerikanische Festlandküsten.</seg>
                        </note> 
                Er hat die Buchdruckerkunst erfunden.<note xml:id="n62"> <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-9370">Johannes  Gutenberg</persName> (um 1400-1468) war Erfinder des Buchdrucks mit gegossenen beweglichen Lettern. Um 1452/56 ließ er die  «Gutenbergbibel» in lateinischer Sprache drucken.</seg>
                        </note> Er hat den <placeName ref="kbga-places-1091">St. Petersdom</placeName> erbaut.<note xml:id="n63"> Die <placeName ref="kbga-places-1091">Peterskirche in Rom</placeName> geht auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Unter dem Einfluß L. B.  
                Albertis (1404–1472) entschloß sich Papst  Nikolaus V. 1452 zu Abriß und Neubau von Alt-St. Peter. Am Bau waren u. a. B.  Rosselino,  Bramante,  Raffael, A. de  Sangallo d.J., Michelangelo  Buonarroti und C.  Maderna beteiligt.</note> Er hat die Antike wieder an den Quellen aufgesucht. Er 
                wagt in der Medizin, in der Physik, in der Botanik seine ersten Vorstöße hinaus über das, was man nur allzu lange wußte. Aber nicht die Ergebnisse, die Leistungen, die Erfolge sind das Kennzeichnende des Renaissancemenschen, auch nicht der Prunk der <orgName ref="kbga-actors-9361">Medicis</orgName><note xml:id="n64"> <seg type="org">Die  
                <orgName ref="kbga-actors-9361">Medici</orgName> waren ein florentinisches Patriziergeschlecht, das durch Bankgeschäfte reich geworden 1434 die Herrschaft über Florenz erhielt. Besonders unter den
                Stadtherren  Cosimo d. Ä. und  Lorenzo I. gelangte Florenz im 15. Jahrhundert zur architektonischen Blüte.</seg>
                        </note>, die Greuel der <orgName ref="kbga-actors-9362">Borgias</orgName><note xml:id="n65"> <seg type="org">Die  <orgName ref="kbga-actors-9362">Borgia</orgName> war ein spanisches 
                Adelsgeschlecht, das Anfang des 15. Jahrhunderts nach Italien gelangte. Zu ihm gehörte u. a. Cesare  Borgia (1475/76-1507), der sich 1499-1502 die Romagna, Umbrien und Siena unterwarf und als rücksichtsloser Gewaltmensch galt.</seg>
                        </note>, auch nicht eine so gen <ref type="term">Himmel</ref> 
                schreiende Untat wie die Verwüstung des heiligen <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> durch die deutschen Landsknechte <persName ref="kbga-actors-2056">Karls V.</persName><note xml:id="n66"> Im Rahmen der Kämpfe mit König <persName ref="kbga-actors-5108">Franz I.</persName> erstürmten am 6.5.1527 die deutschen Landsknechte von Kaiser  <persName ref="kbga-actors-2056">Karl V.</persName> <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> und suchten es mit schweren Plünderungen heim (Sacco di Roma).</note>, 
                so gewiß sie ein Zeichen der <ref type="term">Zeit</ref> war, also gerade <hi rend="italic">nicht</hi> alles das, was sich unter den Mönchsbegriff gute oder böse Werke allenfalls subsumieren ließ. Nicht sein Tun und seine Taten, sondern die empfundene Problematik seines Tuns und seiner Taten ist das Typische des Renaissancemenschen. 
                  Er meint nicht mehr zu wissen. Er kann sich nicht mehr zufriedengeben. Er sucht, er forscht, er lehnt sich innerlich und viel<pb ed="pga" xml:id="p080" break="no"/>leicht auch äußerlich auf. 
                Er zweifelt, und zwar vielleicht umso radikaler, je mehr er sich äußerlich mäßigt. Er empfindet die <ref type="term">Endlichkeit</ref> seines Daseins. Er läßt sich aber auch nicht mehr abspeisen mit den Pseudo-Unendlichkeiten, die eine überlieferte Dogmatik und <ref type="term">Philosophie</ref> ihm bieten. Vielleicht nun um sich umso unberatener den neuen Pseudo-Unendlichkeiten der Magie, der 
                Astrologie, der Alchymie oder des eben aufkeimenden modernen Naturalismus und Mechanismus in die Arme zu werfen. Aber auf alle Fälle: er <hi rend="italic">besinnt</hi> sich! Er besinnt sich wieder, was die <hi rend="italic">richtige</hi> <ref type="term">Philosophie</ref>, die <hi rend="italic">richtige</hi> Kunst, das <hi rend="italic">richtige</hi> Bild des Altertums, die <hi rend="italic">richtige</hi> Moral, der <hi rend="italic">richtige</hi> Sinn der Erziehung, das <hi rend="italic">richtige</hi> 
                Wissen von der <ref type="term">Natur</ref>, der <hi rend="italic">richtige</hi> Gebrauch ihrer Kräfte, die <hi rend="italic">richtige</hi> Gestalt von <ref type="term">Staat</ref>, Gesellschaft und <ref type="term">Kirche</ref> sein möchte. Sein Glaube an die Selbstverständlichkeit des Guten, Wahren und Schönen, sein Vertrauen auf das Überlieferte und Gewohnte ist auf der ganzen Linie ins Schwanken 
                gekommen. Er ist bei <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> in die Schule gegangen und hat <hi rend="italic">fragen</hi> gelernt. Die Signatur des Zeitbewußtseins von den Trinkstuben der deutschen Städte bis zu den Zirkeln der Wissenden im Vatikan und seiner Umgebung ist eine das ganze Leben, vom Tiefsten bis zum Höchsten umfassende <hi rend="italic">Beunruhigung</hi>, das Gefühl, eine alte Zeit sei zu Ende, die Erwartung unerhörter Möglichkeiten und Wendungen. |</p>
                <p> Sehen Sie sich einmal den verstörten, in unendliche Fernen blickenden Gesichtsausdruck der Propheten und Sibyllen <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelos</persName> an<note xml:id="n67"> <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelo  Buonarroti</persName> (1475–1564) malte 1508-1512 in der Sixtinischen Kapelle die Gewölbefresken der Schöpfungsgeschichte. Auf den 
                sich anschließenden Gewölbezwickeln thronen, angeführt von  Jona, die Sibyllen und <ref type="o">Propheten</ref>, die durch die Jünglinge, Symbole des Eros, mit der oberen Sphäre verbunden sind.</note>, aber auch jenes furchtbare wissende Lächeln der Mona Lisa <persName ref="kbga-actors-4818">Leonardo da Vincis</persName><note xml:id="n68"> <persName ref="kbga-actors-4818">Leonardo da Vinci</persName> (1452–1519) malte um 1503-1506 das Bildnis der Mona Lisa, bei der es 
                sich vermutlich um die Gattin des florentinischen Edelmanns Francesco del  Giocondo handelt.</note>, aber auch jene unbestechlich uns anschauenden Augen von  <persName ref="kbga-actors-2019">Dürers</persName> <persName ref="kbga-actors-9363">Hieronymus  Holzschuher</persName> (der beinahe der Gatte der <persName ref="kbga-actors-5070">Katharina von  Bora</persName> geworden wäre)<note xml:id="n69"> Albrecht  <persName ref="kbga-actors-2019">Dürer</persName> (1471–1528) malte 1526 das Bildnis des Nürnberger Ratsherrn <persName ref="kbga-actors-9363">Hieronymus  Holzschuher</persName> (1469–1529). Nach ihrem 
                Entkommen aus dem <placeName ref="kbga-places-1193">Kloster Marienthron</placeName> am 4./5.4.1523 fand <persName ref="kbga-actors-5070">Katharina von  Bora</persName> in <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> 
                Zuflucht in der Familie des Stadtschreibers Philipp  Reichenbach. Dort lernte sie, anders als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> notiert, den Nürnberger Ratsherrn <persName ref="kbga-actors-9624">Hieronymus Baumgartner</persName> (1498–1565) kennen. Er versprach ihr die Ehe, zog sich aber von ihr zurück, als ihm die reiche Sippe die 
                  Enterbung androhte, falls er die flüchtige Nonne heiraten würde.</note> oder auch jene schmerzli<pb ed="pga" xml:id="p081" break="no"/>che Skepsis in den Mundwinkeln des  <persName ref="kbga-actors-9364">Holbein</persName>schen  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus</persName><note xml:id="n70"> 
                <persName ref="kbga-actors-9364">Hans  Holbein d.J.</persName> (1497/98-1543) malte zwischen 1523 und 1533 mehrfach  <persName ref="kbga-actors-971">Erasmus von Rotterdam</persName>.</note> - das ist der Renaissancemensch. Denn als der Gefragte, Beunruhigte fühlt er sich <hi rend="italic">selbst;</hi> mit der Erschütterung des Respekts vor der <ref type="term">Kirche</ref> ist es auch vorbei mit dem Vertrauen auf das beruhigende System von Stellvertretungen und Genugtuungen, 
                mit dem sie ein Jahrtausend lang den <ref type="term">Mensch</ref>en in seiner Lebensverlegenheit getröstet, beschwichtigt, ermutigt, ihm immer wieder über das Schlimmste hinweggeholfen hatte durch Verweis auf gegebene Lösungen, auf fremde Verdienste, auf mechanisch wirksame höhere Kräfte. Nein, 
                wer dieses Zeitbewußtsein in sich trägt, der fühlt sich verantwortlich, auf sich selbst gestellt, aufgefordert, selber zu fragen, selber Antwort sich zu holen, selber zu handeln, selber dem Schicksal, der <ref type="term">Natur</ref>, der Torheit der Masse, der Unvernunft des <ref type="term">Welt</ref>laufs und dem Bösen in der eigenen Brust sich entgegenzuwerfen. Mit der Nüchternheit und Strenge, mit dem <ref type="term">Freiheit</ref>s- und Pflichtgefühl der alten 
                Römer, eines  <persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName> und  <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> will man den unvermeidlichen Kampf aufnehmen. Daß er gekämpft werden muß, darüber sind sich alle Zeitbewußten einig. Wie aber? geistig oder auch sonst? auf welchem Gebiet zuerst? 
                mit konservativer Weisheit oder mit kühnem Radikalismus? lieber <hi rend="italic">zu</hi> vorsichtig als etwa unbedacht oder lieber zu grob als gar nicht? vom <ref type="term">Mensch</ref>en aus oder von den Verhältnissen aus? mit der <ref type="term">Kirche</ref>, ohne sie oder gegen sie? - das waren die Probleme, über die die Meinungen nach allen Seiten 
                auseinandergingen. Das Gemeinsame, <hi rend="italic">das</hi> Problem: das in ganz neuer Weise akut gewordene Problem der Aktivität des Menschen, das Problem der Ethik, das hinter allen diesen divergierenden Erscheinungen steht, ist darum in der ganzen imponierenden Dringlichkeit, mit der es sich anmeldet, unmöglich zu übersehen. |</p>
                <p> Und nun überlegen Sie sich, was es heißt, wenn man sich von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht<note xml:id="n71"> Mskr.:  «wenn man sich nicht von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht»; Änderung vom Hrsg.</note> nur <hi rend="italic">sein</hi> Problem, das entschieden ein anderes war, ins <pb ed="pga" xml:id="p082"/> <ref type="term">Herz</ref> und <ref type="term">Gewissen</ref> und nicht zuletzt in den Kopf schreiben 
                läßt, was nicht genug geschehen kann, sondern sich nun auch von ihm sein <hi rend="italic">Geschichts</hi>bild, das Bild seiner <ref type="term">Zeit</ref> und von seinen Zeitgenossen diktieren läßt, das nun einmal schlechterdings dadurch bestimmt war, daß er <hi rend="italic">sein</hi> Problem als das <hi rend="italic">einzige</hi> legitime Problem ansah, wenn man also immer wieder aufstellt, die Reformation habe mit der <ref type="term">Renaissance</ref> und die <ref type="term">Renaissance</ref> habe mit der Reformation gar nichts zu tun. |</p>
               
                  </div>
                  <div type="session">
                    <p>
                 <date rend="right">14.XI.22 </date>
                 Was <hi rend="italic">war</hi> denn die Reformation, wenn sie gerade mit der <ref type="term">Renaissance</ref>, d. h. aber mit den wirklichen Menschen ihrer Zeit, wenn sie mit <hi rend="italic">dieser</hi> Frage, <hi rend="italic">dieser</hi> Unruhe nichts zu tun hatte? Offenbar entweder eine ganz direkte Gottestat, von der sich dann allerdings sagen ließe, daß sie allem Menschlichen 
                 gegenüber etwas ganz Anderes ist. Aber man meint ja doch die geschichtliche Reformation mit all den menschlichen Zügen, die sie auch in <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> getragen hat, und dann müßte also - die andere Möglichkeit - von diesem geschichtlichen Ereignis, dem religiösen Erlebnis und 
                 den theologischen Gedanken ­<persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gesagt werden, daß sie beziehungslos als etwas Fremdes, in ­irgendeine ferne Vergangenheit oder Zukunft Weisendes, nur als ­unverstandenes <ref type="term">Gericht</ref>, als das nur von einigen Wenigen verstandene 
                 <ref type="term">Geheimnis</ref> einiger Symmysten und Eingeweihten neben dem standen, was die wirklichen Menschen seiner Zeit bewegt hat. Aber stimmt das zu der Tatsache, daß Tausende aus 
                 ganzem <ref type="term">Herz</ref>en sich als <ref type="term">Lutheraner</ref> oder doch Luther<hi rend="italic">schüler und</hi> als Renaissancemenschen fühlten und aussprachen, nur weil <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> selbst es in 
                 der Tat ungefähr so angesehen hat? Oder drängt sich da nicht ganz von selbst die Notwendigkeit einer Zusammenschau des <hi rend="italic">ethischen</hi>, des <ref type="term">Renaissance</ref>problems, und des <hi rend="italic">religiösen</hi>, des Reformationsproblems auf, so, daß das 
                 letztere als <hi rend="italic">der</hi> Punkt erscheint, wo das erstere dadurch gelöst wird, daß ihm die Spitze abgebrochen, daß der Gedanke der Aktivität des Menschen gleichsam geknickt wird durch den Gedanken der Aktivität Gottes? Man mag dann immer noch die vorzügliche Bedeutung des rein <hi rend="italic">religiösen</hi> Problems anerkennen, sofern hier ja die Lösung erscheint, und wird doch 
                 nicht aus den Augen verlieren, daß diese Lösung doch nur als Lösung des umfassenderen <hi rend="italic">ethischen</hi> Problems ihre Bedeutung hat, also gerade nicht getrennt von dem Suchen der Zeit, sondern in unauflöslichem Zusammenhang mit ihm. Man wird also nicht mehr <pb ed="pga" xml:id="p083"/> jener hochmütig-theologischen Ansicht sein, als ob zwischen den beiden Bewegungen 
                 das Verhältnis von Himmel und Erde, Göttlichem und Menschlichem stattgefunden habe, man wird sie nicht nur als geschichtliche Bewegung nebeneinander sehen, wie es ja die Historiker längst getan haben, sondern auch begreifen, daß sie nebeneinander stehen müssen als menschliche Frage und 
                 menschliche Antwort, die beide dieselbe göttliche Wirklichkeit betreffen. Was heißt Frage, was heißt Antwort? Was heißt aktiv, was heißt passiv? Was heißt ethisch, was heißt religiös - der Wirklichkeit Gottes gegenüber? Ein absoluter Vorzug der zweiten vor der ersten Deutung ist nicht 
                 einzusehen, Deutungen sind beide. War die <ref type="term">Renaissance</ref>, das, was einen <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelo</persName> erschütterte, kein Akt der <ref type="term">Besinnung</ref> auf Gott, was will man dann noch so nennen? Daß er als menschlicher Akt brüchig war, das ist freilich nicht zu bestreiten. 
                 Brüchig war an sich der moralische <ref type="term">Monismus</ref> der <ref type="term">Renaissance</ref>, denn er war titanisch und brachte es nicht weiter als zu einer Frage, auf deren tiefstem Grunde eine große Hoffnungslosigkeit schlummerte. Aber brüchig war an 
                 sich auch der Glaubens<ref type="term">monismus</ref> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, denn auch er hatte etwas Titanisches, und er antwortete wohl, aber gleichsam ins Leere, nicht auf die Frage, von der die <ref type="term">Mensch</ref>en tatsächlich bewegt waren. Sinnvoll wurden beide Deutungen erst dadurch, daß sie aufeinander bezogen wurden. |</p>
                <p> Ist die These von der Aktivität des <hi rend="italic">Menschen</hi> <hi rend="italic">sinnvoll</hi>, wenn sie durchgeführt wird und nicht vielmehr, auf Konsequenz des Systems verzichtend, gipfelt in der Bankerotterklärung des Menschen und in der Erkenntnis der <foreign xml:lang="lat">iustitia passiva</foreign> als der 
                allein möglichen Gerechtigkeit? Und ist umgekehrt die These von der Aktivität <hi rend="italic">Gottes</hi> <hi rend="italic">sinnvoll</hi>, wenn sie durchgeführt wird und nicht vielmehr, auch sie auf Konsequenz verzichtend, sich selbst versteht als die letzte <ref type="term">Erkenntnis</ref> des 
                Menschen, dem das <hi rend="italic">ganze</hi> Leben ernsthaft zur <hi rend="italic">Frage</hi> geworden, der sich auf der <hi rend="italic">ganzen</hi> Breite des Lebens und nicht nur in der religiösen Sphäre vor <hi rend="italic">Verantwortungen</hi> und <hi rend="italic">Aufgaben</hi> gestellt sieht? Die merkwürdige Gleichzeitigkeit von <ref type="term">Renaissance</ref> und Reformation <hi rend="italic">kann</hi> doch 
                nicht einfach ein Zufall gewesen sein, <hi rend="italic">kein</hi> Zufall und <hi rend="italic">kein</hi> blöder Irrtum auch die Tatsache, daß die erstere, die <hi rend="italic">ethische</hi> Bewegung sich selbst mit einem der tiefsten <hi rend="italic">religiösen</hi> Begriffe, dem Begriff der  «<ref type="term">Wiedergeburt</ref>» am besten zu benennen und zu verstehen meinte. Es ist richtig, wenn 
                man sagt, die <ref type="term">Renaissance</ref> sei nichts Anderes als der <pb ed="pga" xml:id="p084"/> Höhepunkt mittelalterlichen <ref type="term">Geist</ref>es und Wesens einerseits und andererseits der Quellpunkt der <ref type="term">Neuzeit</ref>.<note xml:id="n72"> <bibl corresp="kbga-bibls-2900">
                                <persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>,  a.a.O. (oben S. 30, Anm. 70), Bd. IV/1, S. 4–7.44–52</bibl>; 
                vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-201">
                                <persName ref="kbga-actors-410">E.  Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit. Ihre Entwicklung und ihre Ziele</hi>, in: <hi rend="italic">Die Kultur der Gegenwart</hi>, hrsg. von P. 
                Hinneberg, Teil I, Abt. IV, 1. Hälfte, Berlin/Leipzig 1906, S. 254–269 (zum Mittelalter)</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-1310">
                                <persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des Christentums</hi>, Leipzig 1900<hi rend="sup">3</hi>, S. 173–176 (zur Neuzeit)</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> äußert sich dazu in <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p015#p015">S. 15–92</ref></bibl>, und in <bibl corresp="kbga-bibls-90">Th. B., <ref type="pub-" target="../volume/30/p321#p321">S. 321f</ref></bibl>. </note> Aber was 
                ist damit Anderes gesagt, als daß sie eben eine besonders starke Inkarnation des geschichtlichen Menschen überhaupt ist, der sich als solcher jetzt mehr, jetzt weniger deutlich bewußt ist, ein 
                Kämpfer, ein Strebender, ein Fragender zu sein? Was hat <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Reformation und Theologie anderes geleistet, als daß sie ebenfalls in besonders starker Weise die <hi rend="italic">Antwort</hi> gab, die zu allen Zeiten auf das Problem dieses Menschen gegeben werden mußte, die auch vor ihm und nach ihm, wenn auch weniger kraftvoll, tatsächlich gegeben worden 
                ist? Sie gab sie in der allein möglichen religiösen Weise, in Form des Gedankens der Aktivität Gottes. Aber zu dieser Antwort gehört unveräußerlich die <hi rend="italic">Frage</hi>, der geschichtliche <hi rend="italic">Mensch</hi> in seiner <hi rend="italic">Aktivität</hi>, und Antwort und Frage stehen als 
                solche auf <hi rend="italic">einer</hi> Ebene, ihnen gegenüber als das <hi rend="italic">wirklich</hi> ganz Andere, das mit der Reformation ebensowenig und ebensoviel zu tun hatte wie mit der <ref type="term">Renaissance</ref>, die Wirklichkeit Gottes <hi rend="italic">selber</hi>, in der kein Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein ist [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.1.18 2.Kor.1.19">2.Kor. 1,18f.</ref>]. Wer diese Relativität und Zusammengehörigkeit beider Bewegungen einsieht, der wird 
                sagen müssen, daß es ebenso reformatorisch war, nicht gleich mit dem Ende, mit der spezifisch religiösen Problematik anzufangen, sondern dieses Ende zu verstehen als das Ende eines Weges, als die Spitze der menschlichen Lebensproblematik überhaupt, also zunächst einmal ganz einfach und naiv 
                ein kämpfender, strebender, fragender Mensch in allem Ernst zu <hi rend="italic">sein</hi>, um dann <hi rend="italic">als solcher</hi> und ohne aufzuhören, ein <hi rend="italic">solcher zu sein</hi>, die Antwort zu begreifen und zu ergreifen, daß der Mensch nur Eines tun kann, nämlich <hi rend="italic">glauben</hi>. |</p>
                <p> Und das war die Reformation <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, die reformierte Reformation. Es hatte seine Richtigkeit mit dieser zweiten Wendung und Möglichkeit der Reformation, gerade wenn man sie in <hi rend="italic">dem</hi> Zusammenhang energisch ins Auge faßt, der ihr von 
                lutherischer Seite so sehr zum Vorwurf gemacht wird, im Zusammenhang der <ref type="term">Renaissance</ref>. Sie <pb ed="pga" xml:id="p085"/> war nicht nur möglich, sondern notwendig, so notwendig <hi rend="italic">wie</hi> die erste. Deutungsversuche, und <hi rend="italic">nur</hi> 
                das, waren beide, und also beide belastet mit Unvollkommenheit und jede mit ihren besonderen Gefahren. Es war aber wahrhaftig <hi rend="italic">auch</hi> ein ernstes Anliegen, dem religiösen den umfassenden ethischen Deutungsversuch ergänzend und jenen nicht <hi rend="italic">aus-­</hi>, sondern aufs Nachdrücklichste <hi rend="italic">ein</hi>schließend zur Seite zu stellen. </p>
                <p> Und nun sollten wir in der Lage sein, die Eigentümlichkeiten der Reformation und Theologie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> nicht nur wie die Autoren, die in unserem § 1 zu Worte kamen<note xml:id="n73"> <persName ref="kbga-actors-1183">L. von  Ranke</persName>; <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>; <persName ref="kbga-actors-4290">G.  Thomasius</persName>; <persName ref="kbga-actors-1119">Fr.  Loofs</persName>; 
                <persName ref="kbga-actors-923">G. N.  Bonwetsch</persName>; <persName ref="kbga-actors-1294">P.  Tschackert</persName>; <persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>.</note>, erstaunt und mißbilligend <hi rend="italic">festzustellen</hi>, sondern in ihrer Notwendigkeit vorläufig zu <hi rend="italic">verstehen.</hi> Wir halten uns dabei, da es sich jetzt noch nicht um den inneren Zusammenhang von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> System, 
                sondern um seine geschichtliche Erscheinung handelt, an die Sätze, in denen ich am Schluß jenes Paragraphen die geläufige an ihm geübte Kritik zusammengefaßt habe.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">1. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Reformation ist nicht von seinen religiösen Erfahrungen</hi>
                        <hi rend="italic">, sondern von seinen humanistischen</hi> <hi rend="italic">und patriotischen</hi> <hi rend="italic">Reformideen ausgegangen.</hi><note xml:id="n74"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> 
                Das ist richtig. Er war ein Weltkind und ist es in gewissem Sinn immer geblieben. Er ging nicht aus von der Frage, wie er seiner <ref type="term">Seele</ref> <ref type="term">Heil</ref> finden möchte, sondern von der <ref type="term">Wahrheit</ref>sfrage und von der für ihn unmittelbar damit verbundenen Frage, wie dem Menschen, dem ganzen Menschen, geholfen werden könne. Er war Gelehrter 
                und ist als solcher zu den Quellen der christlichen <ref type="term">Lehre</ref> vorgestoßen und fand, daß diese so, wie sie überliefert war, nicht ursprünglich sei. Und er war Schweizer, erschrak über die gesellschaftlichen Zustände, die er in seiner Umgebung vorfand, und noch mehr über die unwürdige, untätige, ja mitschuldige Rolle, die die christliche <ref type="term">Kirche</ref> in dieser Not spielte, und fand, daß es so nicht weitergehen könne. Das waren zweifellos rationale und, 
                verglichen mit der Entdeckung der <foreign xml:lang="lat">iustitia passiva</foreign>, um die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich mühte, bescheidene Entdeckungen. Hunderte und Tausende haben damals diese Entdeckungen auch gemacht. Man kann dazu nur sagen: so mußte es damals zugehen, wenn ein Mensch, 
                  anders als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, wirk<pb ed="pga" xml:id="p086" break="no"/>lich in seiner <hi rend="italic"><ref type="term">Zeit</ref></hi> und in dem, was sie <hi rend="italic">bewegte</hi>, <hi rend="italic">lebte</hi> und also, wenngleich als Pfarrer, ein bewußter Renaissancemensch war. 
                Und allgemein gesagt: so muß es zugehen, wenn ein Mensch wirklich angepackt ist von der Problematik des Lebens, wie sie sich auch im religiösen Leben, aber nicht nur im religiösen Leben, sondern zunächst ganz anschaulich einerseits in dem, was die gebildete Welt weiß und nicht weiß und wissen 
                möchte, andererseits in der <choice><sic ed="pga">krassen [?]</sic><corr type="misprint" resp="pz">blossen</corr></choice> praktischen Situation des gemeinen Mannes widerspiegelt. So muß es zugehen, wenn ein Mensch am Problem der Ethik ein selbständiges Interesse nimmt, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nie getan hat. Dann steht man zunächst demokratisch in der Reihe, ist [man] einer von Hunderten und Tausenden. Man befindet sich ja wie  <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> auf dem Markte. Und dann verwundert man sich zunächst rein sachlich über allerlei 
                Dunkelheiten und Widersprüche, die man da wahrnimmt, und dann fühlt man sich beteiligt und beginnt zu forschen, ob das, was Alle sagen, sich wirklich so verhalte, und sich zu besinnen, ob das, was von Allen gemacht wird, nicht anders und besser gemacht werden sollte. Eine gewisse Enge des Gesichtsfeldes ist dabei unvermeidlich: man hat es, gerade wenn es ernst gilt, nicht gleich mit dem 
                Tiefsten und Letzten, sondern mit dem Nächsten, vielleicht ziemlich Banalen zu tun. Man läßt es sich nicht verdrießen, dieses Nächste ernst zu nehmen und also nur ein kleiner Entdecker zu sein. Warum nicht! Der kleinste Punkt kann ja die höchste Kraft erfordern, und man ist entschlossen, sie 
                herzugeben, weil man die Scheu und Verachtung gegenüber dem Kleinen nicht hat, sondern im Kleinen das Große sucht.<note xml:id="n75"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2391">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von  Schillers</persName> Gedicht  «Breite und Tiefe» (1797), zweite Strophe</bibl>: Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt gern was Großes geboren, Der sammle still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.</note>  «Religiöse Erfahrungen»? Man 
                versteht vielleicht von da aus gar nicht so recht, was wohl damit gemeint sein könnte. Es kann sich doch nur darum handeln, der inneren Stimme gehorsam zu sein. Was zu wissen not tut, auch in den tiefsten Dingen, wird sich auf dem betretenen Wege von selber erschließen, wenn es sein soll. Die religiöse Erfahrung besteht allenfalls in der unentwegten Zuversicht, daß der Gott, der Einen auf 
                diesen <pb ed="pga" xml:id="p087"/> Weg gestellt hat, viel zu groß und zu stark ist, um ihn wieder fallen zu lassen, vor Allem aber in der Notwendigkeit, im Blick auf ihn diesen Weg tapfer zu gehen.  «Fortitudo» war ein Wort, das <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sehr geliebt hat. Es war für ihn ein religiöses Wort. Und wenn man den Entschluß, in Gottes Namen tapfer zu sein<note xml:id="n76"> Vgl. u. a. <bibl corresp="kbga-bibls-2941">Brief an Bürgermeister und Rat von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> aus dem Lager bei <placeName ref="kbga-places-894">Kappel</placeName> (16.6.1529), Z 10,165,4f. (Nr. 858)</bibl>:  «Tund umb gotzwillen etwas dapfers, ich wil by minem leben nit verfueren noch hälen.»</note>, als eine religiöse Erfahrung bezeichnen will, so war das die religiöse Erfahrung, von der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ausgegangen ist. </p>
                <p> <hi rend="italic">2. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war als religiöser Reformator</hi> <hi rend="italic">von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> abhängig.</hi><note xml:id="n77"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> Auch das ist richtig. Dringt man tiefer in seine Gedanken ein, über das hinaus, was er als Humanist und Patriot gesagt und geschrieben hat, so stößt 
                man überall mehr oder weniger sicher und deutlich neben gewissen eigenen und widerstrebenden Bildungen auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Gedanken. Er hat sie sich zu eigen gemacht, ohne dabei irgendwie einen Bruch mit seiner bisherigen Entwicklung durchzumachen, 
                jedenfalls ohne einen solchen zu empfinden. Die Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war ihm so wenig die Begegnung mit einem Fremdkörper, daß er sich kaum bewußt war, daß er, indem er sich seine Formeln assimilierte, etwas von ihm lernte. Er hat sich vielmehr nur gefreut über das Auftauchen dieses mächtigen Streitgenossen, dessen Gedanken er 
                dann unter bestimmten Modifikationen und unter eigentümlicher Begründung und Betonung vertrat, wie wenn es seine eigenen gewesen wären, und zwar so, daß bisher noch niemand bei allem Mißtrauen, mit dem man ihm begegnet, hat nachweisen können, daß er sie durch diese besonderen Modifikationen, Begründungen und Betonungen etwa wirklich umgebogen und verfälscht hätte. Unter den tatsächlichen 
                Abweichungen sind, abgesehen von der Lehre von den Sakramenten, von Kirche und Staat, wenige, die man als geradezu unlutherisch bezeichnen könnte. Es ist eine müßige Frage, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Theologie sich wohl gestaltet hätte, wenn er <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht kennengelernt hätte. Sicher ist, daß für den 
                  entscheidenden Gedanken <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, den von der Aktivität Gottes, Alles auch in ihm vorbereitet war, daß er durch intensive Beschäftigung mit  <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auch für eine der lutherischen minde<pb ed="pga" xml:id="p088" break="no"/>stens parallele nähere Fassung dieses Gedankens prädisponiert war. Aber noch sicherer ist, daß er unter dem mächtigen Einfluß <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eine Konkretisierung und Bereicherung seiner eigenen dahin 
                zielenden Gedanken erfuhr, die er so aus sich selber schwerlich hervorgebracht hätte, was ihn freilich nicht hinderte, auch seine eigenen Gedanken fortzubilden und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Gedanken einzubetten in einen Zusammenhang, der ihnen von 
                Haus aus fremd war. Und ganz sicher ist, daß man ihn, Alles ineinandergerechnet, als <hi rend="italic">religiösen</hi> Reformator im engeren Sinn ruhig als <ref type="term">Lutheraner</ref> ansprechen kann, daß er aber merkwürdigerweise gerade das nicht sein wollte. Was folgt daraus? Jedenfalls das, daß auch er die <hi rend="italic">religiöse</hi> Reformation als integrierenden 
                Bestandteil seines eigenen Programmes auffaßte und daß seine Gedanken über die Aktivität Gottes so sehr in derselben Richtung lagen wie die <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, daß er sie, als er mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bekannt wurde, in die Gedanken des letzteren kleiden konnte, als ob es so sein müßte. Gerade diese seine selbstverständliche 
                theologische Abhängigkeit von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> scheint mir der entscheidende Beweis dafür, daß man die unter Punkt <hi rend="italic">1.</hi> genannte Verschiedenheit seines Ansatzes nicht dahin übertreiben darf, als sei es ihm um etwas ganz Anderes, von dem, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wollte, Grundverschiedenes gegangen. Nein, so stand es, daß der humanistisch-patriotische Reformator in dem religiösen Reformator sich selbst ohne 
                Weiteres wiederentdeckte und in der entscheidenden und auch für ihn brennenden religiösen Frage im Wesentlichen und mit Ausnahme bestimmter Punkte einfach dankbar <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> beipflichten konnte. Das scheint mir hinzuweisen auf eine bei aller Verschiedenheit des Ansatzes bestehende Einheit des Themas.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">3. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nie ganz verstanden.</hi><note xml:id="n78"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> Damit sagt man etwas Selbstverständliches; denn kein Mensch hat den anderen je ganz 
                verstanden. Irgendwie redet man immer aneinander vorbei, und wenn man sich noch so gut verstünde. Sicher ist, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> erheblich viel besser verstanden hat als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf alle Fälle gelernt, mehr als er wußte und Wort haben wollte, während man wohl mit 
                Bestimmtheit sagen kann, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gar nichts gelernt hat. Aber es gab in der Tat Punkte, wo auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> nicht verstehen, ihm nicht folgen konnte oder wollte. <pb ed="pga" xml:id="p089"/> Wir können sie jetzt nur allgemein bezeichnen. Er konnte ihn nicht verstehen in dem, was wir die Stärke 
                und die Schwäche der lutherischen Reformation genannt haben: in jener wunderbar kräftigen, aber auch unheimlich selbstherrlichen Isolierung des Glaubens, sofern der Glaube dasselbe ist wie religiöses Leben. Ganz banal gesagt: <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> war lange nicht so 
                fromm wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Er sieht wohl wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> die Gemeinschaft des Menschen mit Gott aufgerichtet in dem Akt des reinen Vertrauens zu Gottes Barmherzigkeit, aber er verweilt nie lange auf dieser Höhe der <ref type="term">Erkenntnis</ref>, wo der Mensch eigentlich nicht atmen kann, er erinnert sich 
                daran, daß es der <hi rend="italic">Mensch</hi> ist, der da vertraut, und daß des Menschen Vertrauen eitel wäre, wenn es nicht sofort auch Gehorsam ist. Er ist gar nicht oder fast gar nicht Mystiker, sondern auch als Glaubenstheologe entschlossener Ethiker. Darum versteht er <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Sakramentslehre nicht. Die Gegenwart des Göttlichen, die 
                sie vertritt, stimmt nicht zu seiner Anschauung von der Lage des Menschen, die er immer von unten zu sehen geneigt ist, als die Lage eines Kämpfenden, Suchenden, Fragenden. Die Fülle, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im Glauben gegenwärtig sieht, sieht <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, ebenfalls im Glauben, bei Gott allein. |</p>
                <p> Und er konnte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zweitens nicht verstehen darin, daß für jenen das Problem der Ethik so gar keine Selbständigkeit hatte, was zur Folge hatte, daß er in der Stellung dem praktischen Leben, etwa dem Staat und der Kirche gegenüber, geneigt war, Dinge 
                als gegeben, gottgegeben hinzunehmen, die für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Gegenstand rationaler Überlegung waren. Wenn unsere grundsätzlichen Beobachtungen zutreffend sind, so ist es klar, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in diesen Punkten nicht verstehen <hi rend="italic">konnte.</hi> 
                Es waren die Punkte, in denen das weltliche Empfinden des Einen, das spezifisch religiös-theologische Denken des Anderen gegensätzlich zum Ausdruck kommen <hi rend="italic">mußten.</hi> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName><note xml:id="n79"> Sätze bis zum Ende des 
                Absatzes am Mskr.-Rand mit Bleistift angestrichen und mit Fragezeichen versehen.</note> hat das starke Bedürfnis empfunden, sich über die <ref type="term">Abendmahlslehre</ref> mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auseinanderzusetzen, er sah in ihr ganz zweifellos eine Gefahr für das rechte Verständnis des <ref type="term">Christentum</ref>s, aber er würde sich damit 
                begnügt haben, von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wenigstens die Anerkennung der Gleichberechtigung seiner Anschauung zu erlangen, auch ohne <pb ed="pga" xml:id="p090"/> ihn selbst zu überzeugen. So wichtig war ihm der Gegensatz, so tief also sein Nicht-Verstehen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> auch an diesen Punkten nicht, daß er etwa um ihretwillen die <ref type="term">Gemeinschaft</ref> mit ihm für verhindert angesehen hätte. Sein Nicht-Verstehen 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> war nicht exklusiv; es war umgekehrt das Nicht-Verstehen eines engeren exklusiven Gedankens vom Standpunkt eines freieren und weiteren aus, der sich an sich mit jenem wohl hätte vertragen können.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">4. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Verständnis des <ref type="term">Christentum</ref>s ist moralistisch</hi>
                        <hi rend="italic">-politisch</hi>.<note xml:id="n80"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> Es ist klar, was mit diesem Satz gemeint ist. Der 
                beherrschende Gesichtspunkt in seinem <ref type="term">Christentum</ref> ist in der Tat, seinem Ansatz entsprechend, der ethische. Ihn hat die Wirklichkeit Gottes in der Weise angesprochen, daß er erfüllt, beschäftigt und bewegt worden ist vom Anblick der Torheit und Bosheit des menschlichen Tuns 
                bei Hohen und Niederen und von der Frage, was denn nun Hilfreiches <hi rend="italic">getan</hi> werden könne und solle, um dem Unheil zu wehren. Seine Antwort lautet mit voller Klarheit: Glaubet an das <ref type="term">Evangelium</ref>! Glaubet an Gott! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.1">Joh. 14,1</ref>].  «Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>] lautet der evangelische Wahlspruch, den er fast 
                allen seinen Schriften vorangesetzt hat. Denn im Glauben an den in Christus offenbaren Gott sieht er das alleinige Heilmittel für das Leben des Einzelnen und des Volkes. Aber eben das <hi rend="italic">Heil</hi>mittel, das also angewandt werden muß! Er glaubt daran, daß das <ref type="term">Evangelium</ref> das <hi rend="italic">ist</hi>, und darum drängt er darauf, 
                daß es als das <hi rend="italic">verstanden</hi> werde. Ein Christ ist für ihn ein Kämpfer nicht nur in den inneren Verwicklungen seines <hi rend="italic"><ref type="term">Herz</ref>ens</hi> und <hi rend="italic"><ref type="term">Gewissen</ref>s</hi>, sondern als Träger dieser heilbringenden Botschaft, 
                als Bekenner des Namens Christi, ein Kämpfer seines Herrn auch inmitten der kranken und entarteten <hi rend="italic">
                            <ref type="term">Welt</ref>.</hi> Die Relativierung des Unterschiedes der religiösen und der weltlichen Sphäre bekommt hier die positive Bedeutung, daß mit dem Glauben des Menschen auch 
                sein Dasein in der <ref type="term">Welt</ref> unter den Gehorsam des Glaubens gebeugt werden muß, wobei der Glaube naturgemäß und unvermeidlich hineingezogen wird in die Fragwürdigkeit dieses Weltdaseins. |</p>
                    <p> Da kommt <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> dann die Erinnerung an das Alte Testament und an die Antike zu Hilfe, mit ihren Vorbildern einer mannhaften Betä<pb ed="pga" xml:id="p091" break="no"/>tigung gottesfürchtiger Gesinnung. Und wie er den einzelnen Christen wirken sehen 
                möchte als Salz der <hi rend="italic">Erde</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Mt. 5,13</ref>], so gibt es für ihn auch unmöglich eine reinliche Scheidung zwischen den Funktionen der Kirche und des Staates. Die rechte Kirche ist eben nur die, die des Volkes Bestes sucht [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.7">Jer. 29,7</ref>], und der rechte <ref type="term">Staat</ref> kann nur der christliche <ref type="term">Staat</ref> sein. 
                Die Gefahren, die in dieser ganzen Konzeption lauern, liegen auf der Hand. Das halb alttestamentliche, halb antik-römische Leben des Weisen und des Helden, das er selber gelebt hat und von den Gläubigen gelebt haben wollte, bietet ein merkwürdiges Bild, an dem man viel aussetzen kann. 
                Aber man vergesse nicht: auch hinter diesem Leben steht der Glaube an den Gott, der allein aus <ref type="term">Gnade</ref> selig macht, dem gegenüber von Werkgerechtigkeit gar keine Rede sein kann, aber dieser Glaube muß nach <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> unbedingt <hi rend="italic">gelebt</hi> werden, sonst <hi rend="italic">ist</hi> er nicht Glaube, und dieses Gelebtwerden 
                des Glaubens greift nun eben das Innere wie das Äußere des Menschen an mit seiner Unruhe, und wenn das Tun des Menschen unter diesem Druck alttestamentlich und etwa gar heidnisch wird, so ist das immer noch besser, als wenn sein <ref type="term">Christentum</ref> etwa müßig ginge. Die Majestät und Überlegenheit Gottes erlaubt, ja gebietet es ihm, auf der Erde irdisch zu leben, wenn es nur im 
                Gehorsam geschieht, und gerade aus der Rechtfertigung allein durch den Glauben hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> auch die Pflicht solchen Gehorsams abgeleitet. Man kann das alles ein moralistisch-politisches Verständnis des <ref type="term">Christentum</ref>s nennen, aber 
                man wird, auch wenn es einem nicht sympathisch ist, nicht übersehen können, daß der Versuch einer ethischen Reformation, d. h. aber doch wohl einer durchgeführten Reformation, als Versuch ungefähr so ausfallen mußte.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">5. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Theologie</hi> <hi rend="italic">verrät einen starken rational-philosophischen Einschlag.</hi><note xml:id="n81"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> 
                Man meint damit offenbar zweierlei: erstens den <hi rend="italic">systematischen Charakter</hi> seines Denkens überhaupt, den in Abrede zu stellen wohl einer der unglücklichsten Einfälle von  <persName ref="kbga-actors-1294">Tschackert</persName> war.<note xml:id="n82">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2885">
                                <persName ref="kbga-actors-1294">P.  Tschackert</persName>, a.a.O. (oben S. 26, Anm. 60), S. 257</bibl>.</note> 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gleicht darin in der Tat den Scholastikern mehr als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, daß er die religiösen Begriffe in eine Reihe stellt, sie unter einen nicht der religiösen <ref type="term">Erfahrung</ref>, sondern der Logik der Sache entnommenen <pb ed="pga" xml:id="p092"/> Begriff, den Gottesbegriff subsumiert und endlich den 
                deutlichen Versuch macht, Alles von diesem einen Begriff abzuleiten. Dabei geschieht es denn, wie  <persName ref="kbga-actors-380">Seeberg</persName> ganz richtig festgestellt hat<note xml:id="n83"> <bibl corresp="kbga-bibls-2900">
                                <persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O. (oben S. 30, Anm. 70), Bd. IV/1, S. 358–361</bibl>.</note>, 
                daß auch die Begriffe  «<ref type="term">Sünde</ref>» und  «Christus», so kräftig <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sie erfaßt hat, doch in die Reihe zu stehen kommen, nicht als Alles sprengend, entwurzelnd und begründend außerhalb, sondern an ihrer bestimmten Stelle innerhalb der rational begriffenen <ref type="term">Welt</ref> zu stehen kommen. Man kann zu dem 
                allem nur sagen, daß auch darin der ethische <ref type="term">Charakter</ref> von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Theologie durchschlägt. Er kann die christlichen Gedanken ernst und tief erfassen, aber er ist immer zuerst Mensch und dann Christ und Theologe, und das vergißt er keinen Augenblick, sondern auch wenn er christlich-theologisch denkt, denkt er 
                menschlich. Er hat auch seinen Enthusiasmus und sein Pathos, aber ihm fehlt jene Kühnheit der Intuition, die es wagt, vom Paradox des Glaubens aus die Dinge wirklich auf die Spitze zu stellen. Man vergißt bei ihm nie, daß man auf der Erde ist, auch wenn man in der <ref type="term">Bibel</ref> 
                liest, auch wenn man sich mit den höchsten Dingen beschäftigt. Es gibt für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in der Tat keine höchsten Dinge, die etwa ganz aus der Reihe heraustreten. Denn Gott ist kein Ding. Seine Wirklichkeit steht für sich und wird auch durch das Denken über ihn nicht hereingezogen in die menschliche <ref type="term">Welt</ref>, so daß es da 
                gegenständlich aufträte als das Irrationale. Sondern wenn denn über ihn gedacht wird, dann geschieht es rational, d. h. sachlich-menschlich. Zu der beständigen Polemik gegen die Hure <ref type="term">Vernunft</ref>, die sich bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> findet<note xml:id="n84"> <bibl corresp="kbga-bibls-2044">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Wider die himmlischen Propheten von den Bildern und Sakrament</hi> (1525), WA 18,164,25-27</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2043">
                                <hi rend="italic">Predigt über 1.Mose 30</hi> (27.1.1521), WA 9,559,28f.</bibl>; 
                <bibl corresp="kbga-bibls-2943">
                                <hi rend="italic">Predigt über Joh. 1,1ff.</hi> (27.12.1523), WA 11,227,29f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2944">
                                <hi rend="italic">Predigt über 1.Mose 14</hi> (30.8.1523), WA 14,232,27-29</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2945">
                                <hi rend="italic">Deuteronomion Mosi cum annotationibus</hi> (1525), WA 14,593,5f.</bibl>; 
                <bibl corresp="kbga-bibls-1988">
                                <hi rend="italic">Predigt über Matth. 11,2ff.</hi> (16.12.1526), WA 20,586,13f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2509">
                                <hi rend="italic">Predigt über 1.Mose 26</hi> (1527), WA 24,449,4f.</bibl>; 
                <bibl corresp="kbga-bibls-2946">
                                <hi rend="italic">Predigt De sacramento</hi> (22.3.1529), WA 29,165,3-5</bibl>.</note>, hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> darum keinen Anlaß gehabt. Er hat sich damit abgefunden, daß wir es auf Erden mit dieser Hure nun einmal zu tun haben, auch als Christen und Theologen.</p>
                
                  </div>
                  <div type="session">
                    <p>
                 <date rend="right">16.XI.22 </date>
                      Das Zweite, was mit dem rational-philosophischen <ref type="term">Charakter</ref> der zwinglischen Gedanken gemeint ist, ist im Besonderen sein <hi rend="italic">Gottes<pb ed="pga" xml:id="p093" break="no"/>begriff</hi>, sein strenger Theomonismus, der in der Lehre von der Prädestination gipfelte<note xml:id="n85"> <bibl corresp="kbga-bibls-2947">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">De peccato 
                originali declaratio ad Urbanum Rhegium</hi> (1526), Z 5,377,28-379,9</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2948">
                                <hi rend="italic">Auslegen und Gründe der Schlußreden</hi> (1523), Z 2,180,26-181,23;272,3-20;426,19-25</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-627">
                                <hi rend="italic">De vera et falsa religione commentarius</hi> (1525), Z 3,650,18-651,2;842,1-845,32</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2913">
                                <hi rend="italic">In catabaptistarum strophas elenchus</hi> (1527), Z 6/I,172,6-184,6</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2439">
                                <hi rend="italic">Ad illustrissimum 
                Cattorum principem Philippum sermonis de providentia dei anamnema</hi> (1530), Z 6/III,150,3-169,7</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-257">
                                <hi rend="italic">Fidei ratio</hi> (1530), Z 6/II,799,4-801,30</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2864">
                                <hi rend="italic">Christianae fidei brevis et clara expositio ad regem Christianum</hi> (1531), Z 6/V,117,18-118,1;131,10-132,9</bibl>.</note>, die dann bekanntlich unabhängig von ihm und in ganz anderem Zusammenhang auch von  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> aufgenommen<note xml:id="n86"> <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,21-24</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-453">
                                <persName ref="kbga-actors-77">ders.</persName>, 
                <hi rend="italic">De aeterna Dei praedestinatione</hi> (1552), CO 8,249-366</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th. C., <ref type="pub-" target="../volume/23/p158#p158">S. 158–160</ref></bibl>.</note> und zu einem Charakteristikum der reformierten Theologie überhaupt gemacht worden ist.  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName><note xml:id="n87"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 35</bibl>.</note> hat gemeint, 
                sie aus dem ableiten zu können, was er <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> antimysterische Tendenz nannte, aus dem Interesse, schon im Gottesgedanken alle kreatürliche Vermittlung der <ref type="term">Gnade</ref> auszuschließen. Er kommt damit der <ref type="term">Wahrheit</ref> jedenfalls näher als die übliche Ansicht, wonach es einfach der 
                spekulative Trieb an sich gewesen wäre, der <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zu dieser zugespitzten Auffassung geführt hätte. Aber bloß als Instrument der Polemik gegen die Kreaturvergötterung läßt sich dieser Gottesbegriff auch nicht erklären, ganz abgesehen davon, daß diese Polemik selbst wieder einer Erklärung bedürftig ist. Mir scheint, man müsse hier ausgehen von dem doch in die Augen springenden Gegensatz zwischen dem ethischen Ansatz und Grundcharakter der 
                zwinglischen und überhaupt der reformierten Theologie und einem Gottesgedanken, der die Anschauung von der Aktivität Gottes in einer Weise isoliert und auf die Spitze treibt, daß man meint - und immer wieder hat man ihn damit bekämpft, daß man gemeint hat, dabei könne eine ethische Einstellung, die Anerkennung von einer Aktivität des Menschen in irgendeinem Sinn unmöglich bestehen, da müsse 
                sich alles Wollen, Kämpfen und Streben auflösen in jene Passivität, mit der der Mensch einem unvermeidlich über ihn kommenden Schicksal gegenübersteht. Wie löst man das Rätsel, daß gerade in der reformierten Reformation, die am Wirken des Menschen ein so selbstverständliches, ursprüngliches In<pb ed="pga" xml:id="p094" break="no"/>teresse genommen hat, der Gedanke der Alleinwirksamkeit Gottes so 
                kräftig, ja teilweise so brutal in den Vordergrund treten konnte? Offenbar ist ja dieser Gedanke nichts Anderes als die auf ihren schärfsten Ausdruck gebrachte lutherische <ref type="term">Rechtfertigungslehre</ref>: in dem Maß ist der Gott, der uns unsere <ref type="term">Sünde</ref>n vergibt, frei und überlegen in seiner Gnade, daß er als die <foreign xml:lang="lat">causa prima</foreign> des 
                Guten <hi rend="italic">und</hi> des Bösen, als der eigentlich Bestimmende über <ref type="term">Seligkeit</ref> <hi rend="italic">und</hi> Unseligkeit des Menschen gedacht werden muß. Diesen schärfsten Ausdruck konnte <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zurückschieben in das <ref type="term">Geheimnis</ref> Gottes, über das wir nichts zu sagen hätten, er konnte sich auch hier auf dem engeren inneren Kreis halten, weil er andererseits gerade an der Aktivität des 
                Menschen nicht so jenes lebendige, starke Interesse nahm wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>. Die rein religiöse Betrachtungsweise braucht die Verankerung des Gedankens der Aktivität Gottes in der Tat nicht notwendig. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat sie bekanntlich eine Zeitlang angewendet, um sie dann 
                als überflüssig wieder aufzugeben. Die rein religiöse Betrachtungsweise enthält jenen Gedanken genugsam gesichert in sich selber. Was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu zeigen hatte, das war, wie es bei seinem rein religiösen Ansatz zu guten Werken, zu einem Handeln des 
                Menschen in der <ref type="term">Welt</ref> komme. Das brauchte <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht besonders zu zeigen, denn daß es dazu kommen müsse, das war sein Ansatz und Thema zum vornherein. Wohl aber hatte er zu zeigen, inwiefern dieser sein Ansatz sich vereinigen lasse mit der in der religiösen Sphäre auch von ihm klar erkannten
                <ref type="term">Wahrheit</ref>, daß Gott allein es ist, der Wollen und Vollbringen in uns wirkt [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.13">Phil. 2,13</ref>]. Der Weg der Rückkehr zu einer semipelagianischen Kombination von göttlichem und menschlichem Wirken war auch ihm, wohl schon bevor 
                er <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Lehre kennengelernt hatte, verrannt, und so blieb ihm nichts übrig als die paradoxe Aufstellung, daß Gott selbst lebendig, bewirkend, bewegend <hi rend="italic">vor</hi> allem menschlichen Tun stehe, selber und allein das Gute verursachend, das vom Menschen gefordert sei, womit dann allerdings alles Mißverständnis seiner <hi rend="italic">moralischen</hi> Christlichkeit an der Wurzel abgeschnitten war, so gut dies bei 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> rein <hi rend="italic">religiöser</hi> Christlichkeit unter Anwendung weniger radikaler Gedanken geschehen ist. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, der den <hi rend="italic">weiteren ethischen</hi> Kreis zu halten hatte, brauchte als Gegengewicht auch den <hi rend="italic">radikaleren theologischen</hi> Gedanken. Er hat ihn nicht ohne 
                Zuhilfenahme philosophischer Konstruktionen durchgeführt. Ich halte aber dafür, daß man ihm unrecht <pb ed="pga" xml:id="p095"/> tut, wenn [man] ihm gerade hier spekulative Interessen unterschiebt. Rein historisch genommen war der Prädestinationsgedanke <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Abgrenzung gegenüber dem Schwärmertum gerade der Observanz, mit der er es zu tun hatte, 
                das in jener Überspannung der ethischen Betrachtungsweise, deren <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> sich gerade nicht schuldig gemacht hat, nichts als eine Erneuerung der katholischen Werkgerechtigkeit war. Gerade hier war er und ebenso später  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> besonders ausgesprochen <ref type="term">Lutheraner</ref>, mußte aber als ethisch orientierter <ref type="term">Lutheraner</ref> gerade hier über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hinausgehen.</p>
                <p> Ein drittes Element in <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Theologie, das man als rational-philosophisch bezeichnen kann, ist die ihm im Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">und</hi> Calvin eigentümliche Ausdehnung des <hi rend="italic">Offenbarungsbegriffs</hi> auf die außerchristliche 
                <ref type="term">Menschheit</ref>.<note xml:id="n88"> <bibl corresp="kbga-bibls-2864">Z 6/V,130,1-132,7</bibl>;  <bibl corresp="kbga-bibls-2948">Z 2,327,3-7</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 42f</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2950">
                                <persName ref="kbga-actors-4887">R.  Pfister</persName>, <hi rend="italic">Die Seligkeit erwählter Heiden bei Zwingli. Eine Untersuchung zu seiner Theologie</hi>, Zürich 1952</bibl>. </note> 
                Er hat bekanntlich den Begriff der unsichtbaren Kirche auch auf die Edleren unter den Heiden ausgedehnt, auch ihnen den Glauben und ein Plätzlein im <ref type="term">Himmel</ref> zugesprochen. Daß ihm das als einem Verehrer des klassischen Altertums nahelag, ist klar, aber die eigentliche Begründung muß auch hier tiefer gesucht werden. Eine optimistische Beurteilung des Menschen oder 
                eine Relativierung der christlichen Offenbarung war für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit diesem Gedanken nicht verbunden. Er bedeutet also bei ihm keinesfalls ein Leichtnehmen der Verlorenheit des natürlichen Menschen oder einen Verzicht auf den Gedanken, daß der Glaube ein <foreign xml:lang="lat">donum Dei</foreign> ist. Wohl aber, daß er auch diese <hi rend="italic">Verlorenheit</hi>, auch den von Gott 
                geschenkten <hi rend="italic">Glauben</hi> vom Standpunkt der <hi rend="italic">Humanität</hi> aus, wenn auch als die <hi rend="italic">Grenze</hi> der <ref type="term">Humanität</ref> sieht, daß für ihn das Besondere, Außerordentliche der <ref type="term">Offenbarung</ref> nicht etwas im 
                kirchlich-theologischen Sinn Exklusives, sondern als das Besondere, Außerordentliche <hi rend="italic">Gottes</hi> an der Grenze der <ref type="term">Humanität</ref> auch das Aller<hi rend="italic">allgemeinste</hi> ist. Da er die <ref type="term">Erlösung</ref>, die er diesen Heiden 
                zuspricht, durchaus auch als [Er]lösung durch und in <hi rend="italic">Christus</hi> aufgefaßt hat, gerade wie ja nach gemein-reformatorischer <ref type="term">Lehre</ref> auch  <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und  <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> in <hi rend="italic">Christus</hi> erlöst sind, ist zu sagen, daß er auch hier nichts getan hat, was nicht als eine seinem weiteren Gesichtskreis entsprechende entschiedenere <pb ed="pga" xml:id="p096"/> Durchführung des religiösen Grundgedankens der Reformation gedeutet werden könnte und müßte. Es 
                wären der späteren <ref type="term">Theologie</ref> vielleicht manche unnötige Verlegenheiten erspart geblieben, wenn sie es gewagt hätte, den in diesem weiteren <ref type="term">Offenbarung</ref>sbegriff <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> gegebenen Anregungen Folge zu leisten.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">6. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Anschauung von dem Verhältnis zwischen Schöpfer</hi> <hi rend="italic">und Geschöpf</hi> <hi rend="italic">betont einseitig die Verschiedenheit beider.</hi><note xml:id="n89"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/40/p035#p035">S. 35</ref>.</note> Es ist so. Und an diesem 
                Punkt, der in der <ref type="term">Abendmahlslehre</ref> und <ref type="term">Christologie</ref> brennend wurde, ist die ganze Differenz zwischen ihm und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zum Ausbruch gekommen. Aber auch ihr Auseinandergehen in der Auffassung von Kirche und 
                Staat hat an diesem Punkte stattgefunden. Wer <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> angreifen will, muß ihn hier angreifen, und wer ihm etwa hier recht gibt, dürfte kaum in der Lage sein, ihn in anderen Punkten [in] begründeter und wirksamer Weise anzugreifen. Für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> 
                ist und bleibt der Schöpfer der Schöpfer auch dann, wenn er in Christus Fleisch annimmt und selber Geschöpf wird, auch dann, wenn er sich im Glauben dem Menschen mitteilt. Und es ist und bleibt das Geschöpf das Geschöpf, auch dann, wenn es die menschliche Natur Christi ist, auch dann, wenn der Mensch in der Gegenwart des offenbar gewordenen Gottes steht. Es sind und bleiben beide, Schöpfer 
                und Geschöpf, ganz, was sie sind, auch in ihrer lebendigsten wirklichen Beziehung zueinander. Es gibt für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nur zweierlei: hier das volle überschwengliche <ref type="term">Heil</ref> des unendlich lebendigen Gottes und hier die Bedürftigkeit, die Sehnsucht, den Glaubensgehorsam des in die Welt der Zeit und der Dinge 
                eingeschlossenen Menschen. Die Beziehung beider aufeinander ist das christliche Heilsgut, der Gegenstand der <ref type="term">Theologie</ref> und der christlichen Verkündigung. Es ist völlig verkehrt, wenn man die<note xml:id="n90"> Mskr.:  «in der»; Änderung vom Hrsg.</note> Anschauung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> von dem Verhältnis zwischen Schöpfer und 
                Geschöpf als  «negativ» bezeichnet.<note xml:id="n91"> Vgl.  besonders <bibl corresp="kbga-bibls-2885">
                                <persName ref="kbga-actors-1294">P.  Tschackert</persName>, a.a.O. (oben <ref type="pub" target="../volume/40/p026#fn_n60">S. 26, Anm. 60</ref>), S. 242–246</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben <ref type="pub" target="../volume/40/p006#fn_n10">S. 6, Anm. 10</ref>), S. 30–45</bibl>. </note> Nicht an der Verschiedenheit ist ihm gelegen, wenn er 
                die Verschiedenheit betont, sondern an der Reinheit der <ref type="term">Erkenntnis</ref> des Schöpfers <hi rend="italic">und</hi> des Geschöpfs. Das Verhältnis selbst, die Beziehung ist für ihn so positiv <pb ed="pga" xml:id="p097"/> wie nur denkbar. Aber gerade deshalb darf und kann aus ihr nicht ein<note xml:id="n92"> Mskr.:  «kein»; Änderung vom Hrsg.</note> Drittes werden zwischen jenen 
                beiden Gegensätzen, sondern ganz und gar <hi rend="italic">Gottes</hi> Beziehung zum Menschen, des <hi rend="italic">Menschen</hi> Beziehung zu Gott muß sie sein und nichts sonst; also sofern sie Gottes Tat ist, gehört sie ganz und gar und in allen ihren Prädikaten auf die erste Seite, ist sie unendlich und nicht endlich, <ref type="term">Geist</ref> und nicht <ref type="term">Fleisch</ref>, ewig, 
                nicht zeitlich, sofern sie aber, wohl davon zu unterscheiden, in irgendeinem Sinn des Menschen Tat ist, des Menschen Glaube, Werk, Wort, <ref type="term">Gottesdienst</ref> samt Allem, was dazu gehört, steht sie ebenso ganz und gar und mit allen Prädikaten auf der zweiten Seite, ist sie also <ref type="term">Fleisch</ref> und nicht <ref type="term">Geist</ref>, endlich und nicht unendlich, 
                zeitlich und nicht ewig. Es fehlt bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> nicht der Begriff der Heilsvermittlung, denn die ereignet sich fortwährend in dieser <hi rend="italic">Beziehung;</hi> es fehlt ihm aber, und das ist das Entscheidende, der Begriff des Heils<hi rend="italic">mittels</hi>, d. h. eben eines Dritten zwischen dem Spender und dem Empfänger des <ref type="term">Heil</ref>s, das <hi rend="italic">als solches Drittes dazwischen</hi> etwas Selbständiges, Eindeutiges, 
                Für-sich-Bestehendes, das nicht in jedem Augenblick das Eine <hi rend="italic">und</hi> das Andere, sondern die Einheit des Einen und des Anderen wäre. Er denkt also den Gottmenschen korrekt nach dem Chalcedonense als Einheit der Naturen, aber will mit  <persName ref="kbga-actors-2942">Nestorius</persName> keinen Augenblick vergessen wissen die Zweiheit in der Einheit.<note xml:id="n93"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2830">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, 
                <hi rend="italic">Amica exegesis, id est expositio eucharistiae negocii ad Martinum Lutherum</hi> (1527), Z 5,681,13-682,9</bibl>; weiter <bibl corresp="kbga-bibls-257">Z 6/II,792,11-794,30</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2864">Z 6/V,63,10-68,6</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-627">Z 3,681,20-691,11</bibl>.</note> Er lehrt also die Gegenwart Christi in seinem Wort, in der <ref type="term">Taufe</ref>, im 
                <ref type="term">Abendmahl</ref>, aber keine andere Gegenwart als [die,] die sofort zu unterscheiden ist als die <hi rend="italic">geistig</hi> durch den gottgewirkten Glauben, <hi rend="italic">fleischlich</hi> nur durch das
                menschliche Wort oder durch das bedeutungsvolle Zeichen stattfindende. Er lehrt also, daß die <ref type="term">Kirche</ref> von Christus gestiftet, die <ref type="term">Obrigkeit</ref> von Gott verordnet ist, aber sofort muß auch wieder auseinandertreten Christi <ref type="term">Verheißung</ref> 
                und Gottes Gebot auf der einen, die rational, von unten menschlich zu betrachtende und zu behandelnde Wirklichkeit dieser Institutionen auf der anderen Seite. Abgewehrt wird auf der ganzen Linie das Zwischenhineintreten eines kreatürlich-überkreatürlichen, eines mysteriösen Faktors. 
                <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> kennt das <pb ed="pga" xml:id="p098"/> nicht, was man mit einem modernen Ausdruck die  «spezifisch religiöse Sphäre» nennt, auch da, wo er sich zweifellos jenseits des moralisch-politischen Gebiets bewegt. Ein <hi rend="italic">zwischen</hi> Gott 
                und Mensch sich eröffnendes, für sich existierendes Gebiet <hi rend="italic">eigener</hi> Ordnung gibt es grundsätzlich auch da <hi rend="italic">nicht</hi>, sondern hier wie überall, aber auch auf den tiefsten Stufen nur das große Entweder-Oder: Gott <hi rend="italic">oder</hi> der Mensch! Und dann die große Synthese: Gott <hi rend="italic">und</hi> der Mensch! Aber immer  «oder» und  «und», keine 
                Identifikationen. Es gibt für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wohl ein <ref type="term">Geheimnis</ref>, <hi rend="italic">das</hi> <ref type="term">Geheimnis</ref>, Gott, Christus, der Geist in <hi rend="italic">seiner</hi> Beziehung zu <hi rend="italic">uns</hi>, aber keine <ref type="term">Geheimnis</ref>se in der Mehrzahl, 
                d. h. keine geheimnisvollen Beziehungen <hi rend="italic">unsererseits</hi> zu Gott, keine Mysterien im bekannten religionsgeschichtlichen Sinne von Einigungsmöglichkeiten und -wirklichkeiten zwischen Gott und Mensch. Hier hat  <persName ref="kbga-actors-5355">Stahl</persName> m.E. mit dem feindseligen Auge des echten 
                <ref type="term">Lutheraner</ref>s ganz richtig gesehen.<note xml:id="n94"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 30–40.65.80</bibl>.</note> Das ist’s, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <ref type="term">Frömmigkeit</ref> und Theologie, seine ganze Reformation und Erscheinung, so nüchtern und trocken, wenn man will, so profan und unreligiös macht. |</p>
                <p> Aber man täusche sich nicht. Das <ref type="term">Geheimnis</ref> im zwinglischen Sinn ist wahrhaftig <hi rend="italic">auch</hi> ein <ref type="term">Geheimnis</ref>, nach seiner Meinung gerade das <hi rend="italic">echte</hi> <ref type="term">Geheimnis</ref>, höher als alle <ref type="term">Vernunft</ref> [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>], weil 
                höher als alles menschliche Setzen, Begreifen und Erleben, weil Gottes eigenes und ihm zu eigen <hi rend="italic">bleibendes</hi> <ref type="term">Geheimnis</ref>. Es gibt auch ein Pathos, einen Enthusiasmus, eine <ref type="term">Mystik</ref> des <ref type="term">Monotheismus</ref>, der auf 
                alle Gegenständlichkeit des Göttlichen auch im feinsten Sinn, auf alle Verjenseitigungen des Diesseitigen, auf alle Geistleiblichkeiten entschlossen verzichtet. Aber wie dem auch sei: von hier aus ist es zu verstehen, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> den Kampf gegen die Messe, gegen den <ref type="term">Bilder</ref>- und Heiligendienst der alten Kirche mit einer 
                Lebhaftigkeit aufgenommen hat, die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ganz fremd war, daß die kirchlichen Räume in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> geräumt werden mußten, bis nur noch die nackten weißen Mauern übrig waren, daß sie aus Stätten des <ref type="term">Gottesdienst</ref>es im eigentlichen 
                Sinn ganz und gar zu Stätten der <ref type="term">Verkündigung</ref>, ja zu <ref type="term">Schule</ref>n werden mußten, gleichviel, ob gepredigt oder die <ref type="term">Sakrament</ref>e gespendet wurden, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so demokratisch-schweizerisch-respektlos gedacht hat von allen gottgegebenen Abhängigkeiten in Staat und Kirche, so <pb ed="pga" xml:id="p099"/> grundsätzlich mißtrauisch von allem Kultischen, von 
                Allem, was an vorletzte Autoritäten, an ein Zwischenreich, an ein Mittlersystem erinnerte, daß die Grenze zwischen politischer und religiöser Aktion, zwischen dem staatlichen und kirchlichen Verband und ihren Funktionen sich verwischte, daß aber auch im individuellen religiösen Leben Glaube und Gehorsam fortwährend ineinander übergingen. Die <hi rend="italic">große Grenze</hi> zwischen Gott und 
                Mensch ist <hi rend="italic">wichtig</hi>, darum die große Abwehr gegen alle Verwischungen und Verwechslungen an dieser Stelle, darum die Reinigung des religiösen Gebietes von allen Anmaßlichkeiten und Illusionen auf die Gefahr hin, daß diese Reinigung aussehe wie eine Profanierung des Heiligen. Die <hi rend="italic">kleine Grenze</hi> aber zwischen Menschlichem und Menschlichem ist 
                <hi rend="italic">unwichtig</hi>, darum die ungehemmte Verbindung von Religion und <ref type="term">Moral</ref>, <ref type="term">Kirche</ref> und <ref type="term">Politik</ref>, auf die Gefahr hin, daß bei solcher Hemmungslosigkeit auch die innerhalb des Menschlichen berechtigten und notwendigen Grenzen unvorsichtig überrannt werden.</p>
                <p>  Wenn  wir <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> an diesem entscheidenden Punkt verstehen wollen, müssen wir auch hier, wie bei seinem Gottesgedanken einsetzen bei der Beobachtung, wie paradox es doch eigentlich war, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gerade 
                hier gerade diese Haltung einnahm. Wäre er wirklich, wie  <persName ref="kbga-actors-380">Seeberg</persName> meint<note xml:id="n95"> <bibl corresp="kbga-bibls-2900">
                                <persName ref="kbga-actors-380">R.  Seeberg</persName>, a.a.O. (oben S. 30, Anm. 70), Bd. IV/1, S. 373</bibl>.</note>, der im Gegensatz zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> noch ganz mittelalterlich-scholastische Denker gewesen, wäre er also Ethiker gewesen im Sinne des Glaubens an eine in stufenmäßigem Anstieg mehr und mehr zu realisierende <ref type="term">Gemeinschaft</ref> und Vereinigung des Menschen mit der Gottheit, so 
                hätte er in dem Augenblick, wo auch die religiöse Frage für ihn aktuell wurde, den Gedanken eines Mysteriums, einer realen unio zwischen Schöpfer und Geschöpf, unweigerlich gutheißen oder selber bilden müssen, vielleicht in Form einer geläuterten Sakramentsmystik, vielleicht wie so mancher spiritualistische Schwärmer in Form eines inneren seelischen Erlebens, vielleicht in Form eines 
                supranaturalen Weiterbaus jenes Stufenweges in der Art, wie er heute von den Anthroposophen vorgeschlagen wird<note xml:id="n96"> <persName ref="kbga-actors-791">Rudolf  Steiner</persName> (1861–1925), der Begründer der Anthroposophie, sprach von einem Stufenweg der Erkenntnis, der an seinem Ende zur Vollendung in der Gottseligkeit 
                führt: <bibl corresp="kbga-bibls-2952">
                                <hi rend="italic">Die Stufen der höheren Erkenntnis</hi> (1905–1908), hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach 1993</bibl>.</note> und schon damals als Möglichkeit <pb ed="pga" xml:id="p100"/> erwogen wurde, vielleicht auch einfach in Form eines <ref type="term">Pantheismus</ref>, wie er damals etwa von <persName ref="kbga-actors-1346">Giordano  Bruno</persName> gedacht worden ist.<note xml:id="n97"> 
                Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2769">
                                <persName ref="kbga-actors-3742">K.  Vorländer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Philosophie</hi>, Bd. I (PhB 105), Leipzig 1908<hi rend="sup">2</hi>, S. 301</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ist diesen Weg <hi rend="italic">nicht</hi> gegangen, sondern einen schroff entgegengesetzten, was offenbar genügen muß zu der Feststellung, daß dieser Weg nicht sein Weg war. Seine ethische Grundhaltung ist nicht 
                motiviert durch die Tendenz, menschliches Denken und Tun höher und höher zu treiben bis zu einer Einigung mit der Gottheit, vielmehr gerade durch das starke Bewußtsein von seiner nicht zu beseitigenden <hi rend="italic">Endlichkeit</hi>, Kreatürlichkeit und Diesseitigkeit. Eben kraft dieses 
                Verzichtes auf ein irgendwie zu erreichendes Einmünden ins Mysterium ist das menschliche Denken und Tun nach seiner Auffassung grundsätzlich so <hi rend="italic">frei</hi>, seinen <hi rend="italic">eigenen</hi> Gesetzen und Ordnungen untertan, die nun freilich keine letzten Wirklichkeiten sind, sondern selber 
                wieder bezogen auf das <ref type="term">Gesetz</ref> aller Gesetze. Denn das Bewußtsein von der <hi rend="italic">Kreatürlichkeit des Menschen</hi> und alles Menschlichen ist ja nur darum so stark, weil es ursprünglich und primär das Bewußtsein von der <hi rend="italic">Göttlichkeit des Schöpfers</hi> ist. 
                Derselbe Respekt, mit dem der Mensch seine Distanz Gott gegenüber erkennen soll, weist ihn auch in dem Sinn in seine Schranken, in seine menschlichen Schranken, daß ihm nichts übrig bleiben soll, als jenen eigenen, wenngleich nicht selbständigen <ref type="term">Gesetz</ref>en und Ordnungen des 
                Menschlichen getreu als Mensch aktiv zu werden, als Mensch zu denken und zu handeln. Trägheit, Feigheit, Passivität wäre ebenso respektlos Gott gegenüber wie etwa ein übermütiges Ansichreißen göttlicher Würde, Heiligkeit und Glückseligkeit. Gott die Ehre geben heißt in gleicher Weise: 
                Verzichten auf alle irdische Gottähnlichkeit wie sich aufrecken und seinen Weg laufen in echter, illusions- und anspruchsloser, aber in dieser Beschränkung starker und stolzer <ref type="term">Humanität</ref>. |</p>
                <p> Zwischen der <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes und dem Gehorsam kann es für das Geschöpf kein Drittes geben, weder die Ruhe des fleischlichen noch die nicht minder verdächtige Ruhe des geistlichen, des religiösen Menschen. <foreign xml:lang="lat">
                            <hi rend="italic"> «Nihil</hi> det <hi rend="italic">otii</hi> Christus suis</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1931">4,152</bibl>)<note xml:id="n98"> 
                <bibl corresp="kbga-bibls-2953">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Quo pacto ingenui adolescentes formandi sint</hi> (1523), Z 2,542,4</bibl>.</note>, hat <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> einmal gesagt. 
                  Ja, die <ref type="term">Erkenntnis</ref> Gottes <hi rend="italic">ist</hi> selbst schon der Akt des Gehor<pb ed="pga" xml:id="p101" break="no"/>sams, so daß auch nicht der Schein entstehen kann, es gebe zwischen Gott und dem im Kampf stehenden Menschen noch ein vermittelndes Drittes, eine besondere Gegenwart Gottes physischer oder psychischer Art. Nein, Gott ist eben immer Gott, Gott selber, und der Mensch 
                ist immer der Mensch, der kämpfende Mensch, und die Beziehung zwischen beiden ist in jedem Augenblick, auch im Augenblick der Andacht, der <ref type="term">Besinnung</ref>, des Gebets, die <hi rend="italic">ethische</hi> Beziehung und keine andere. Und Gott vertrauen, seiner sündenvergebenden Gnade vertrauen, heißt Gott die Ehre geben, Gott recht geben gegen sich selber, sich Gott bedingungslos unterwerfen und daneben nichts sonst. Hier greift dann der Prädestinationsgedanke ein 
                mit seiner Aufstellung, daß der Glaube Gabe <hi rend="italic">des</hi> Gottes ist, der diese Gabe auch verweigern könnte, und verhindert damit die Annahme, als ob solcher Akt gehorchender Hingabe etwa als ein verdienstliches Werk aufgefaßt werden könnte, - dies [ist] die Gefahr, von der die reformierte Konzeption immer bedroht ist. Aber an dem <hi rend="italic">ethischen</hi> <ref type="term">Charakter</ref> der Beziehung von Gott und Mensch ändert diese Rückversicherung gar 
                nichts. Sie ist vielmehr seine<note xml:id="n99"> Mskr.:  «ihre»; Änderung vom Hrsg.</note> Bestätigung. So hängt bei <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> beides unauflöslich zusammen: sein exklusiver <ref type="term">Monotheismus</ref>, sein Kampf gegen die <ref type="term">Kreaturvergötterung</ref>, sein  «antimysterischer Grundgedanke»<note xml:id="n100"> <bibl corresp="kbga-bibls-2908">
                                <persName ref="kbga-actors-5355">Fr. J.  Stahl</persName>, a.a.O. (oben S. 6, Anm. 10), S. 35</bibl>.</note> einerseits und seine ethische Weltanschauung andererseits, und immer muß man bei ihm, wie später 
                bei  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, wenn man das Eine ins Auge faßt, das Andere mitsehen. <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Moralismus und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> <ref type="term">Nestorianismus</ref> müssen sich gegenseitig erklären und beide miteinander durch das Korrektiv des Prädestinationsgedankens. Sie besagen dasselbe: daß Gott seine 
                Ehre keinem Anderen lassen will. Das ist das Pathos, mit dem <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in den <ref type="term">Abendmahlsstreit</ref> gezogen ist. Es ist wirklich allzu billig, wenn man einfach annimmt, die aufklärerische Lust am Negieren des Übernatürlichen oder gar der Ehrgeiz, sich mit seinem berühmten Zeitgenossen zu messen, habe ihn 
                nach <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> geführt. Nein, so gewiß bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ein wesentliches Interesse: letztlich sein ganzes Lebenswerk auf dem Spiel stand, so gewiß war dies auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite der Fall, so gelassen er, wie man öfter festgestellt hat, die ganze Sache genommen hat. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat <pb ed="pga" xml:id="p102"/> nie Einspruch erhoben 
                gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schilderungen des <hi rend="italic">Glaubens</hi> als einer Art zwischen Gott und dem Menschen stehender Hypostase, neben deren Wichtigkeit und Herrlichkeit die ethische Problematik, in die der Mensch in dieser Zeitlichkeit verflochten ist, oft 
                beinahe in Rauch aufzugehen droht vor lauter betonter Unbetontheit, wichtiger Unwichtigkeit des menschlichen Tuns und Lassens. Aber <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> konnte und mußte ja angesichts seiner fortwährenden Behauptung des Zusammenhangs von Glauben und Leben auch 
                anders und besser verstanden werden als so. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> jedenfalls hat sich an diese Behauptung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> gehalten. <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat ebenfalls keinen Einspruch erhoben gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <hi rend="italic">pietätvoll-konservative</hi> Haltung 
                den überlieferten Formen von <hi rend="italic">Staat und Kirche</hi> gegenüber, obwohl der große Gegensatz der religiösen und der ethischen Einstellung beiden gelegentlich auch hier zum Bewußtsein kam. Der Weg von <ref type="term">Zürich</ref> nach <ref type="term">Wittenberg</ref> war weit, und Anlaß zu Friktionen auf diesem Gebiet war nicht vorhanden. Wer weiß, wie es gegangen wäre, wenn <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> etwa die Zeiten des Schmalkaldischen Krieges  noch miterlebt hätte. |</p>
                <p> Anders war es in der die ganze Christenheit interessierenden und bewegenden Frage des <hi rend="italic"><ref type="term">Abendmahl</ref>s</hi>, in der Frage, wie die reformatorische Bewegung in diesem Zentrum der katholischen Kirche und Lehre, <ref type="term">Frömmigkeit</ref> und 
                Lebenspraxis Stellung zu nehmen habe. Blieb hier die Zweideutigkeit übrig, als möchte es zwischen Schöpfer und Geschöpf etwa doch, wenn auch kraft des Glaubens, ein Drittes geben, eine Gegenwart des Göttlichen in Identität mit einem Gegenstand menschlicher Erfahrung, eine Auflösung also der 
                Paradoxie der <ref type="term">Gemeinschaft</ref> von Gott und Mensch, dann schien für <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> Alles bedroht, die Reformation unvollendet, denn bedroht schien ihm durch die lutherische Konzeption mit Recht sein ganzer Ansatz, der ethisch-monotheistische Ansatz, von dem aus er <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im 
                Übrigen allenfalls verstehen, dankbar begrüßen, ja sich von ihm belehren lassen, neben dem er sich aber einen wirklich anderen nicht denken konnte, so wenig wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, dessen spezifisch religiöser Ansatz sich seinerseits darin auslebte, daß er in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> behaupten mußte, was <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> 
                verneinte. Die Rollen waren verteilt, das Spiel konnte beginnen: der  «leidige <ref type="term">Abendmahlsstreit</ref>», wie  <persName ref="kbga-actors-1294">Tschackert</persName> sagt.<note xml:id="n101"> <bibl corresp="kbga-bibls-2885">
                                <persName ref="kbga-actors-1294">P. Tschackert</persName>, a.a.O. (oben S. 26, Anm. 60), S. 229.235</bibl>.</note> Es ist in <pb ed="pga" xml:id="p103"/> der Tat eine  «leidige» Sache, zu sehen, wie zwei so hochstehende Menschen in der denkbar dringlichsten Angelegenheit und beide in den denkbar höchsten Intentionen derart hoffnungslos aufeinander rennen 
                können, wie es damals geschehen ist,  «leidig» besonders darum, weil, Alles überlegt, schlechterdings nicht einzusehen ist, wie es etwa anders hätte gehen sollen. Denn - wir können hier unsere vorläufige Darstellung <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> abbrechen - wir 
                können von ihm nur wiederholen, was von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gesagt wurde: Das war die auf Grund <hi rend="italic">seiner</hi> Begabung, <hi rend="italic">seines</hi> Schicksals, <hi rend="italic">seiner</hi> historischen Bedingtheit und kraft <hi rend="italic">seiner</hi> besonderen Berufung von <hi rend="italic">ihm</hi> gewählte Möglichkeit, sich auf Gott zu besinnen. So hat sich die 
                in jedem menschlichen Bewußtsein notwendig eintretende Spaltung und Zweiteilung der <ref type="term">Besinnung</ref> auf die Wirklichkeit Gottes in <hi rend="italic">ihm</hi> ausgewirkt. Seine Antithese zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war so unvermeidlich wie die für ihn so herausfordernde These <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>. Und wir haben damit gesagt, daß auch <hi rend="italic">seine</hi> Reformation nicht die ganze Reformation ist.</p>
              
                <div type="excursus">
                    <p>Wir<note xml:id="n102"> Der hier inbibx Petit gesetzte Text, für den die Kollegstunde nicht mehr gereicht hatte, ist im Mskr. mit Rotstift gestrichen und für die nächste Kollegstunde als Abschluß des Paragraphen noch einmal neu formuliert worden.</note> haben zu Beginn unseres Paragraphen die Frage aufgeworfen, wie es kam, daß das Verhältnis der gegenseitigen Ablehnung zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so ungleichmäßig war, auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite ein wichtiger, aber doch 
                    nur gelegentlich an einem Punkt hervorbrechender Widerspruch, auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Seite ein gründlicher Abscheu auf der ganzen Linie. Wir fragten uns rein sachlich, ohne die uninteressante Absicht, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> etwa moralisch belasten zu wollen. Wenn wir das Problem der Theologie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> richtig aufgefaßt haben, indem wir es als das ethische Problem im verbalen Sinn bezeichneten, so ist 
                    diese Frage beantwortet. Es ist die Tragik der Religion, der Anschauung von der Aktivität Gottes, daß sie Allem, was diese Anschauung etwa durchkreuzen könnte, exklusiv gegenüberstehen <hi rend="italic">muß.</hi> Der engere Kreis schließt eben den weiteren <hi rend="italic">aus.</hi> Und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vertrat auch in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> die Religion, die Aktivität Gottes als ein Ding an sich in der 
                    Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl. Immer wird die Religion irgendwie diese Aktivität Gottes <hi rend="italic">an sich</hi> vertreten und darum ausschließlich, unfriedlich, streitsüchtig sein. Sie kann nicht anders. Wo <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und  <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> die Religion vertraten, wo sie Lutheraner waren, benahmen auch sie sich nicht anders als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> 1529 und später. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gegenüber war 
                      <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> in der Lage, Menschliches gegen nach seiner Ansicht Menschliches zu vertreten. Sein Einwand gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war ja eben von ihm aus gesehen der Einwand, der vom Standpunkt eines humanen, ethisch ver<pb ed="pga" xml:id="p104" break="no"/>standenen <ref type="term">Christentum</ref>s gegen ein inhumanes und überheblich gewordenes erhoben werden mußte. Er hatte allerhand zu bemerken, aber letztlich nichts zu zürnen. Der weitere Kreis seiner Reformation schloß ja den engeren nicht aus, sondern ein. Nur daran, daß der engere Kreis durchaus der
                engere in sich geschlossene Kreis sein wollte, konnte er sich allenfalls stoßen. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und die Aktivität Gottes war für ihn inbegriffen, inbegriffen in seine Anschauung von der Aktivität des Menschen. Aber gerade gegen dieses Inbegriffensein hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> sich gewehrt. Er wäre nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> 
                gewesen, wenn er es nicht getan hätte, und auch wir Reformierten können ihn uns nicht anders wünschen, als er gewesen ist. Wenn die Reformation <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, wie es unsre Meinung ist, <hi rend="italic">seine</hi> Reformation ergänzt hat, so ist sein Widerspruch gegen diese Ergänzung, so wenig sympathisch er uns rein menschlich und so seltsam er uns sachlich berühren mag, eine Warnung, die 
                wir nicht überhören werden wollen. Das ethisch-human verstandene <ref type="term">Christentum</ref> <hi rend="italic">konnte</hi> ja an sich der grauenhafteste Irrweg sein. <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Haltung in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> aber <hi rend="italic">konnte</hi> das Verdienst zukommen, den nötigen Protest gegen diesen Irrweg zum vornherein eingelegt zu haben. Und welche geschichtliche Möglichkeit sollte solchen Protest zum vornherein nicht nötig haben?</p>
            </div>
          </div>
            <div type="session">
                <p>
                 <date rend="right">17.XI.22</date>
                 Wir haben zu Beginn unseres Paragraphen die Frage aufgeworfen, wie es kam, daß das Verhältnis der gegenseitigen Ablehnung zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> so <hi rend="italic">ungleichmäßig</hi> war: auf 
                 <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Seite ein gewiß wichtiger und energischer, aber doch nur gelegentlicher und an einem Punkt hervortretender <hi rend="italic">Widerspruch</hi>, auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Seite ein grundsätzlicher <hi rend="italic">Abscheu</hi> dem ganzen Mann gegenüber. Ich deutete schon damals an, daß ich nicht damit einverstanden bin, wenn man hier mit psychologischen, moralischen, historischen Kategorien wirklich antworten zu können meint. Alles Derartige abgerechnet, was natürlich auch hier mitspielte wie 
                 überall in der Geschichte, so bleibt doch ein Rest von Begründung dieses seltsamen Verhältnisses, der nicht pragmatisch, sondern nur rein sachlich sich erklären läßt und der dann zum Verständnis 
                 <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> sowohl wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> entscheidend wichtig ist. Ich lege mir die Sache so zurecht: Es ist die Notwendigkeit, aber auch die Tragik der Religion, daß sie zwar selber auch ein Stück <ref type="term">Humanität</ref>, und zwar das alle übrigen Stücke der <ref type="term">Humanität</ref> 
                 vollendende, aber auch das sie störende, ihnen ganz und gar fremdartig gegenüberstehende Stück <ref type="term">Humanität</ref> ist. Hier kommt der Mensch, indem er die Anschauung von der Aktivität Gottes sich bildet und aneignet, in Konflikt mit sich selber, mit der Anschauung von seiner eigenen 
                  Aktivität. Je einseitiger sich ein bestimmter Mensch die reli<pb ed="pga" xml:id="p105" break="no"/>giöse Lebensanschauung zu eigen macht, je mehr er sich dem Gedanken der Aktivität Gottes zum Opfer gibt, desto mehr ist damit zu rechnen, daß er sich selbst ins Unrecht setzen muß, dadurch, daß er sich zu allen Anderen in Opposition setzt, die solcher Einseitigkeit nicht fähig, vielleicht auch nicht 
                 dazu berufen sind. Er muß, ein Opfer seiner Berufung, ausschließlich, unfriedlich, streitlustig werden, wobei es in Anbetracht dessen, daß er auch nur ein Mensch ist, ohne <ref type="term">Sünde</ref> oder sagen wir vorsichtiger: ohne stärkste Unliebenswürdigkeit nicht abgehen wird. Denken Sie an  <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>. Darin, daß die Religion <hi rend="italic">so</hi> wirkt, so menschlich-allzumenschlich gerade in ihren Getreuesten, ihren Entschlossensten, Aufgeopfertsten, zeigt sich doch wohl, daß 
                 auch sie selber ein Stück <ref type="term">Humanität</ref> ist und an sich nicht mehr als das, ja innerhalb der <ref type="term">Humanität</ref> und vom Standpunkt der <ref type="term">Humanität</ref> aus gesehen eines ihrer fragwürdigsten Stücke. So kommt es, daß sich niemand so zu exponieren, so ins Unrecht zu setzen pflegt wie ausgerechnet der homo religiosus. So kommt es, daß Religion, die angebliche <ref type="term">Himmel</ref>stochter, wie ihre Gegner ganz mit Recht feststellen, in der Geschichte sehr viel mehr Unfrieden als <ref type="term">Friede</ref>n gestiftet hat. |</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war nun jedenfalls für sich der Meinung, <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> gegenüber die Sache der Religion verteidigen zu müssen, die Sache der Aktivität Gottes gegen die nach seiner Meinung überwuchernde menschliche Aktivität, die Objektivität des göttlichen Wortes und des Glaubens daran gegen einen 
                irdischen Rationalismus, Moralismus und Spiritualismus. Er konnte und wollte den Renaissancemenschen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit seinem brennenden ethischen Anliegen nicht verstehen, nicht verstehen und anerkennen, daß der engere religiöse Kreis, den er selber hielt, von dem weiteren ethischen Kreis <hi rend="italic">ein</hi>geschlossen sei. Er witterte in dem Gegensatz des Religiösen und Ethischen, des 
                Kirchlichen und Humanen, der ihn von <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> trennte, den tiefen, letzten Gegensatz von Gott und Mensch und meinte, indem er gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> stritt, in <hi rend="italic">diesem</hi> Streit Partei nehmen zu können und zu müssen, also demonstrieren zu müssen für die Wirklichkeit Gottes, um die es doch 
                  letztlich auch <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> ging, nur daß dieser die <hi rend="italic">andere</hi>, die <hi rend="italic">ethische</hi> Deutungsmöglichkeit dieser Wirklichkeit Gottes gegenüber gewählt hatte. Wenn wir einmal annehmen wollten, er habe in seinem Urteil über <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> recht gehabt und darum auch darin, daß er ihm entgegen<pb ed="pga" xml:id="p106" break="no"/>treten zu müssen meinte, so wäre zu sagen, daß seine Lehre von der leiblichen Gegenwart Christi im <ref type="term">Abendmahl</ref>, als Stein des Anstoßes auf den 
                klaren Weg des Renaissancemenschen geschleudert, zum Zweck solcher Demonstration allerdings sehr geeignet war. Wir haben aber gestern gesehen, daß <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Auffassung jedenfalls durchaus auch so gedeutet werden kann, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Voraussetzung und <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Protest hinfällig wird, ja daß im Gegenteil ein sehr berechtigter Einwand gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> eigene Stellung übrigbleibt. Wir könnten dann 
                <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Protest gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> humanes und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Protest gegen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> rein religiöses <ref type="term">Christentum</ref> nur auffassen als gegenseitige <hi rend="italic">Warnungen</hi>, die gegenüber dem einen wie dem anderen wohl am Platze waren, ganz abgesehen von der Frage, welcher von den beiden Klägern in concreto letztlich im Rechte war. Wobei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> als der Vertreter der religiösen Position insofern im Vorteil oder auch im Nachteil war, daß er, weil für ihn direkt die 
                Sache Gottes engagiert war, grimmiger zürnen durfte oder mußte, während <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, für den es sich um den Kampf einer besseren gegen eine schlechtere Menschenmeinung handelte, in der Lage war, sich humaner und liebenswürdiger zu benehmen. Welcher geschichtlichen Möglichkeit, welcher Deutung der Wirklichkeit Gottes gegenüber sollte solche Warnung nicht am Platze sein? Und wie sollte es nicht am 
                Platze sein und aus der Logik der Sache folgen, daß die Tonart, in der die Religion die <ref type="term">Humanität</ref> zu warnen hat, um eine entschiedene Nuance schärfer sein muß als umgekehrt? Das <hi rend="italic">Beste</hi> auch in <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Position war ja wirklich das, worum <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <hi rend="italic">gegen</hi> ihn eiferte, wenn auch vielleicht mit Unverstand, die Wirklichkeit Gottes, 
                die <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> <hi rend="italic">zuerst</hi> als Mensch und <hi rend="italic">dann</hi> als Christ - und auch als Christ, ohne sein <hi rend="italic">Mensch</hi>sein zu vergessen - deuten zu müssen meinte, während <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit seinem Glaubensbegriff und mit seiner Sakramentslehre nach der Aktivität Gottes direkt 
                greifen zu dürfen glaubte. Man kann sich, auch wenn man mit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> der Meinung ist, es müsse der <hi rend="italic">weitere</hi> und nicht der engere Kreis gezogen und gehalten werden, nur freuen darüber, daß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seinerseits den inneren Kreis so energisch gehalten hat. Denn der innere Kreis <hi rend="italic">erinnert</hi> auf alle Fälle an das Zentrum, auch wenn er nicht selber das Zentrum ist. 
                Hält man eine Abwehr der lutherischen Polemik gegen <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> für nötig, so vollzieht man sie am besten damit, daß man <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, auch den grollenden und polternden <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> <pb ed="pga" xml:id="p107"/> <hi rend="italic">gelten</hi> läßt, wie <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> selbst es getan hat. Wenn es eine Widerlegung von <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und der Seinen Klage und Anklage gibt, so ist es <hi rend="italic">diese.</hi> Und wenn es ein Verstehen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></hi> gibt, so ist es <hi rend="italic">darin</hi> begründet.</p>  
            </div>
</div>
        </body>
    </text>
</TEI>
