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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 18,10-14</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,10-14, 26. Oktober 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39045 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 377.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 18,10-14</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">377</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 18,10-14, 26. Oktober 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1929">KBA 1472</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-10-26">26. Oktober 1919</date>
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          <head><idno>490</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-10-26">26. Oktober 1919</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.10 Mt.18.14">Matthäus 18,10-14</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen
                  verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht
                  meines Vaters im Himmel. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, das
                  verloren ist. Was dünkt euch? Wenn irgend ein Mensch hundert Schafe hätte und eins
                  unter ihnen sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht
                  hin und sucht das verirrte? Und so sich’s begibt, daß er’s findet, wahrlich ich
                  sage euch, er freut sich darüber mehr denn über die neunundneunzig, die nicht
                  verirrt sind. Also auch ist’s vor eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß
                  jemand von diesen Kleinen verloren werde.] 
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Wo ist Gott</hi> in der Menschenwelt? Das ist die große, brennende
            Frage unserer Zeit, die wie ein Erdbeben durch alle Herzen hindurchgeht, auch dort, wo
            man sie nicht eben in diese Worte kleidet. Gott ist die <hi rend="italic">Wahrheit</hi>,
            aber wo ist die Wahrheit in all dem, was heute gedacht und gesagt und geschrieben wird?
            Gott ist der Sinn des <hi rend="italic">Lebens</hi>, das Leben im Leben, aber wo ist der
            Sinn unseres Lebens, das Leben in unserem Leben? Gott ist <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, aber welche von all den Ordnungen und Verhältnissen, die heute
            z. T. vorhanden sind, z. T. erst erstrebt oder erträumt werden, verdienen den Namen
            Gerechtigkeit? Gott ist die <hi rend="italic">Liebe</hi>, aber wo ist die Liebe unter
            all den verschiedenartigen, geheimnisvollen Trieben und Kräften, von denen wir bewegt
            sind? wer kann sagen, daß er schon Liebe erfahren und Liebe geübt habe? Gott ist der <hi rend="italic">Schöpfer</hi>, aber wo in unserem Dasein ist denn die Schöpfung, wie
            Gott sie geschaffen und noch schafft, wo sind die Menschen, die Dinge, die Zustände so,
            wie sie aus Gottes schöpferischer Hand hervorgegangen sind? Gott ist <hi rend="italic">der Herr</hi>, der die Welt im Innersten hält und bewegt, aber wo sind sie in uns und
            um uns, die Kennzeichen seiner Herrschaft, die geltenden Gesetze seines Reiches, wo kann
            man es sehen und greifen in der kleinen Welt unseres Herzens und in der großen Welt der
            menschlichen Gesellschaft, in der geistigen und leiblichen Naturwelt, der wir angehören,
            dieses göttliche Halten und Bewegen? <hi rend="italic">Wo ist Gott?</hi> Nicht nur im
              <hi rend="italic">Himmel</hi>, sondern wo ist Gott auf Erden?, meinen wir. Nicht nur
            in den Gedanken, sondern im <hi rend="italic">Leben?</hi>, müssen wir fragen. Nicht nur
            als religiöse Wahrheit, sondern als <hi rend="italic">Weltwahrheit</hi>, als greifbare,
            wirksame, erleuchtende, <pb ed="pga" xml:id="p369"/> hilfreiche Tatsache unseres
            gewöhnlichen Daseins? Das ist’s, was uns beunruhigt. <hi rend="italic">Wo ist Gott</hi>,
            Gott <hi rend="italic">in</hi> uns, Gott <hi rend="italic">bei</hi> uns, Gott <hi rend="italic">mit</hi> uns? <persName ref="kbga-actors-10433">Immanuel</persName>, das Kind des Friedens und der Verheißung, von
            dem <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> in entscheidender Stunde geredet [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.7.14">Jes. 7,14</ref>]?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Es gab eine Zeit, und sie liegt noch nicht
            so weit hinter uns, da beschäftigten sich die Menschen mit der Frage: <hi rend="italic">Gibt es überhaupt einen Gott?</hi> Man kann sagen, daß diese Frage für uns <hi rend="italic">keine Bedeutung</hi> mehr hat. Es war die Frage eines <hi rend="italic">Zeitalters</hi>, in welchem sich die Menschen über sich selbst und ihr Leben so <hi rend="sans-serif">gründlich wie nur möglich täuschten.</hi> Sie waren im Großen
            Ganzen <hi rend="italic">mit sich selbst und mit dem Leben</hi> fertig. Sie
               hatten ein großes Vertrauen, daß das,
            was sie taten, oder wenigstens das, was sie dachten und wollten, <hi rend="italic">ungefähr das Richtige</hi> sei. Sie sahen die <hi rend="italic">Bewegungen</hi> ihres
            eigenen Lebens und des der Anderen an wie die Bewegungen einer Glocke, die wohl im
            Halbkreis hin und her schwingt und doch unfehlbar nur innerhalb des Raums, der ihr durch
            die Achse, in der sie schwingen kann, gegeben ist. Sie redeten wohl viel von einer
            gewissen <hi rend="italic">Entwicklung</hi> der Menschen und der Welt, wie sie eine
            solche in der Natur beobachtet zu haben meinten, aber sie sahen dieser Entwicklung zu
            mit der Gelassenheit und Ruhe eines Zuschauers im Theater, der zum vornherein weiß, daß
            Alles, was sich da vorne auf der Bühne abspielt, so kommt, wie es kommen muß, wie es
            abgemacht ist, und daß es für ihn, den Zuschauer, darum keine weitere Bedeutung haben
            wird, wie es kommt. <hi rend="sans-serif">Menschen, die mit sich selbst und der
              Welt fertig</hi> und zufrieden sind, <hi rend="italic">müssen allerdings auf die
              Frage</hi> kommen, ob es einen Gott gibt. Die <hi rend="italic">Ehrlichkeit</hi>, die
            man dem Menschen nicht ganz absprechen kann, zwingt ihn dann förmlich zum Zweifel.
            Glauben wir daran, daß Alles so ist, wie es sein muß, und Alles so sein muß, wie es ist,
            dann muß man doch auf den Gedanken kommen, daß das <hi rend="italic">jedenfalls nicht
              Gott ist</hi>, was man da glaubt.<note xml:id="n01">Zwischen die Zeilen geschrieben,
              nicht sicher zu entziffern, wahrscheinlich: «So wie so Glaube».</note> Auch Wahrheit,
            Gerechtigkeit, Liebe, Schöpfer, Erlöser sind ja für das alles <hi rend="italic">viel zu
              große Worte.</hi> Und <hi rend="italic">was soll dann noch Gott</hi> sein, wenn man
            eben doch nur an <hi rend="italic">das</hi> glaubt? Gott wird <hi rend="italic">überflüssig.</hi> Gott ist im Grunde überflüssig auch im Leben und in den Gedanken so
              <pb ed="pga" xml:id="p370"/> genannter religiöser Menschen. Sie brauchen ihn im Grunde
            nicht, sie machen es durchaus ohne ihn. Die Natur, das Schicksal, die bestehende Welt,
            der Mensch sind <hi rend="italic">an seine Stelle</hi> getreten. Vielleicht erwachen sie
            dann eines Tages und setzen <hi rend="italic">das Tüpflein aufs i</hi> mit der Frage:
            Gibt es einen Gott? Eine Frage, die im Munde der Menschen <hi rend="italic">vor</hi> dem
            Krieg sehr berechtigt und vernünftig war.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Man kann sagen, daß wir heute <hi rend="italic">diese Frage hinter uns</hi> haben. Es ist zwar in uns allen <hi rend="italic">ein Rest</hi>, in dem auch wir noch <hi rend="italic">vor</hi> dem Krieg
            sind, und da mag dann jene Frage der Zufriedenen und Fertigen: Gibt es einen Gott? auch
            in uns gelegentlich wieder auftauchen. <hi rend="italic">Aufs Ganze gesehen</hi> aber
            ist diese Frage heute beantwortet. Nicht durch die Predigten und Vorträge, die man
            gehalten, nicht durch die Bücher, die man geschrieben hat, um das Dasein Gottes <hi rend="italic">zu beweisen.</hi> Alle angeblichen Beweise vermochten es ja nicht, die
            Zufriedenheit und Fertigkeit der Menschen, die den Zweifel notwendig macht, zu
            erschüttern. Die Frage war immer wieder da. 
          </p>
          <p> Nun hat <hi rend="italic">das Leben selbst,</hi> die Geschichte,
            die Ereignisse der Zeit und die Verwandlung der Seele der Menschen, die sich damit
            vollzogen hat, die Antwort darauf gegeben. Wir hatten uns eben einfach <hi rend="italic">getäuscht.</hi> Wir hatten uns selbst und das Leben nicht verstanden. <hi rend="italic">Es ist gar nicht wahr</hi>, haben uns die letzten Jahre verkündigt, und
            unsere Seele hat es gehört: es ist gar nicht wahr, daß der Mensch <hi rend="italic">fertig</hi> ist. Es ist gar nicht wahr, daß die <hi rend="italic">Welt fertig
              ist.</hi> Es ist gar nicht wahr, daß man zufrieden und beruhigt <hi rend="italic">zuschauen</hi> kann, wie sich Alles entwickelt. Was wir als fertig und gegeben
            ansahen in der Welt, das hat sich als ein über und über rissiges, <hi rend="italic">altes Kleid</hi> erwiesen. Was wir als notwendige Ergebnisse der Entwicklung und der
            Geschichte ehrerbietig anstaunten, das stand auf einmal vor uns als Dinge, die <hi rend="italic">nicht sein sollen</hi> und nie hätten sein sollen. Was wir als höhere
            Schickung und Ordnung anerkannten, das trat auf einmal vor unsere Augen als <hi rend="italic">Zufall und Unordnung</hi>, zu dem wir gerade um des Höheren in uns
            willen Nein sagen mußten. Dafür war auf einmal ganz allgemein der Ruf da: Vieles, sehr
            Vieles muß nun <hi rend="italic">anders werden!</hi>, und ebenso allgemein das Gefühl,
            daß es nicht von selbst anders wird, das Gefühl der <hi rend="italic">Verantwortlichkeit</hi> der Menschen dafür, daß es anders werde. Wir sind <hi rend="italic">ins Suchen</hi> und Fragen, ins Tasten und Anklopfen nach allen Seiten
            hineingekommen. <pb ed="pga" xml:id="p371"/> Sehnsüchtig sind wir geworden nach etwas
              <hi rend="italic">ganz Neuem</hi> und aufmerksam spähend, ob sich dieses Neue noch
            nirgends zeigen wolle. <hi rend="italic">Zweifler</hi> sind wir geworden, aber nicht
            mehr Zweifler an Gott, sondern Zweifler an der Welt und an uns selbst. Wir zweifeln
            heute daran, daß <hi rend="italic">das letzte Wort</hi> in unserer Menschenwelt schon
            gesprochen sei. Wir zweifeln daran, ob <hi rend="italic">das wirklich Leben</hi> gewesen
            sei, was wir bis jetzt gelebt haben und noch leben. Wir zweifeln daran, ob wir selbst
              <hi rend="italic">so tot und arm und machtlos</hi> seien, wie wir bis jetzt geglaubt
            haben, blinde Geschöpfe einer unerbittlichen Geschichte, Spielbälle eines
            unbegreiflichen Schicksals, herrenlose und doch unfreie Atome in einem ewig sich selbst
            gleichen Naturganzen. Wir zweifeln an der alten Binsenwahrheit, daß der Mensch <hi rend="italic">nicht über sich selbst hinaus</hi> kann.</p>
          <p>Und eben damit haben wir <hi rend="italic">aufgehört, an Gott zu zweifeln.</hi> Die
            Frage: ob es einen Gott gibt? hat auf den Lippen von uns heutigen Menschen <hi rend="italic">keinen Sinn mehr.</hi> Indem wir irre geworden sind an der Welt und an
            uns selbst, sind wir ja bereits herübergetreten auf den Boden der <hi rend="italic">Wirklichkeit Gottes.</hi> Indem uns das Alte offenbar geworden ist als Altes,
            Vergängliches, dem Gericht Geweihtes, indem wir in die Erwartung eines Neuen, das noch
            nicht erschienen ist, gekommen sind, haben wir <hi rend="italic">Gott verstanden.</hi>
            Indem wir das bloße Zuschauen und Betrachten aufgegeben und begonnen haben, uns verantwortlich zu fühlen dafür, daß es anders
            wird, hat leise und fein der <hi rend="italic">Gehorsam gegen Gott</hi> in uns begonnen.
            Worte wie: <hi rend="italic">Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe</hi> drängen sich uns heute
            von selbst auf die Lippen, ohne daß wir das unangenehme Gefühl haben, Phrasen und große
            Sprüche zu machen; wir können es ja nicht mehr anders ausdrücken, das, was uns heute
            tatsächlich bewegt. Noch größere [?] Worte wie <hi rend="italic">Schöpfung, Erlösung,
              Offenbarung, Wunder</hi> - wir ahnen wieder, was damit eigentlich gemeint sein könnte,
            es kommt uns nicht mehr in den Sinn, diese Dinge mit ein paar billigen
            naturwissenschaftlichen Gründen erledigen zu wollen. Gott - ja vielleicht darf und kann
            man jetzt bald auch wieder guten Gewissens <hi rend="italic">von Gott reden</hi>, muß
            nicht befürchten, daß bei diesem Wort ja doch nur an jenes Überflüssige, an jene unwahre
            Verzierung menschlicher Schwachheit und Trägheit gedacht wird, darf damit rechnen:
            dieses Wort wird verstanden, weil uns der, den dieses Wort meint, nicht mehr ganz
            unbekannt, sondern ein wenig bekannt geworden ist. <hi rend="italic">Wir sind zu
              bewegt</hi> und aufgewühlt durch das, was uns <pb ed="pga" xml:id="p372"/> vor Augen
            trat, als wir das blinde Vertrauen zu uns selbst und der Welt verloren. <hi rend="italic">Wir sind ja gerichtet</hi> und beseligt durch das, was uns aufging, als
            uns das Alte alt und das Neue neu wurde. <hi rend="italic">Wir sind ja auf festen
              Boden</hi> gekommen, indem wir Zweifler wurden gegenüber dem Sumpf, in dem wir uns
            befanden. <hi rend="italic">Gott ist.</hi> Gott lebt. Wir streben nicht mehr mühsam hin
            zu dieser Erkenntnis, wir kommen <hi rend="italic">von ihr her.</hi> Das <hi rend="italic">Leben selbst</hi> hat gesprochen zu uns. Unsere <hi rend="italic">Seele
              selbst</hi> hat sich ihres Ursprungs in Gott wiedererinnert. Gibt es einen Gott?
            Antwort: wie ist es nur möglich, daß ein Mensch, der sich selbst und unsere Zeit
            versteht, <hi rend="italic">noch so fragen</hi> kann?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Und nun ist an die Stelle dieser veralteten
              <hi rend="italic">die neue Frage getreten:</hi>
            <hi rend="sans-serif">Wo ist Gott in der Menschenwelt?</hi> Wir <hi rend="italic">würden ihn nicht suchen</hi>, wenn wir ihn nicht gefunden hätten. Aber weil wir ihn
            gefunden haben, müssen wir ihn nun auch suchen.<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p321#fn_n13" type="pub">S. 321,
              Anm.13</ref>.</note> Wir <hi rend="italic">würden uns nicht so sehnen</hi> nach echter
            Wahrheit, echter Gerechtigkeit, echter Liebe, wenn wir nicht in den Erschütterungen
            unserer Zeit und unserer Seele den Sinn und Geschmack für das Echte, Ewige wieder
            gewonnen hätten. Aber indem wir diesen Sinn und Geschmack gewonnen haben, können wir uns
            nicht mehr verstecken und vergessen, daß wir uns sehnen, sehnen nach dem, was ewig ist.
            Wir würden <hi rend="italic">die Frage nicht haben in unserer Seele</hi> nach dem, was
            groß und göttlich ist in unserem Leben, wenn das Große und Göttliche nicht bereits einen
            Eingang hätte in unsere Seele. Aber indem dieser Eingang sich eröffnet
               hat, müssen wir die Entdeckung
            machen, daß wir <hi rend="italic">dastehen als die Kleinen</hi>, von denen Jesus in
            unserem Text geredet hat, daß wir <hi rend="italic">ganz am Anfang des Lebens</hi>
            stehen, in großer Klarheit allerdings, aber auch in großer Schwachheit, <hi rend="italic">das ganze Leben eine Frage</hi>, eine Aufgabe, deren Lösung vor uns
            liegt. Das ist’s ja eben, daß wir aus Zuschauern zu <hi rend="italic">Verantwortlichen</hi> geworden sind. Das ist’s ja eben, daß wir erwacht sind und nun
              <hi rend="italic">wachen</hi> müssen. Das ist’s ja eben, daß wir das Wort «Gott»
            wieder zu verstehen beginnen, und nun muß es <hi rend="italic">mit Gott ernst</hi>
            werden. Das ist’s ja eben, daß es uns selbst keine Frage mehr ist, daß Gott lebt, und
            nun müssen auch <hi rend="italic">wir selbst hungern und dürsten</hi> - ja, was sage
            ich: schreien und lechzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.42.2">Ps. 42,2</ref>] nach göttlichem Leben, göttlichen Taten, göttlichen Lichtern und
            Kräften.</p>
          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p373" rend="noPipe"/>
            <hi rend="sans-serif">Wer einmal in</hi> den Machtbereich Gottes gekommen ist, <hi rend="italic">dessen Herz hat keine Ruhe</hi> mehr, bis daß es ruht in Gott.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1312">A. Augustinus</bibl>; oben <ref target="../volume/39/p208#fn_n02" type="pub">S. 208,
              Anm.2</ref>.</note> Ihm muß <hi rend="italic">die Menschenwelt</hi>, sein Leben und das der
            Anderen zum <hi rend="italic">Rätsel</hi> werden, um dessen Lösung er fortan ringen muß,
            zum <hi rend="italic">Geheimnis</hi>, das er nicht mehr vergessen kann, zur <hi rend="italic">Sorge</hi>, die er nun immer und immer tragen muß, zum <hi rend="italic">Heiligtum</hi>, das er nun ängstlich und eifrig hüten muß. Ganz, <hi rend="italic">ganz anders</hi> tritt er an das ganze [?] Leben heran. Eben darum, weil er <hi rend="italic">nirgends fertig</hi> ist und nirgends etwas Fertiges sehen kann. Eben
            darum, weil er nie ein Ende, sondern immer <hi rend="italic">einen Anfang</hi> sieht. Er
            hat immer noch etwas zu <hi rend="italic">fragen</hi>, wo die Anderen schon wieder mit
            einer guten Antwort in der Tasche davon gehen. Er hat immer noch etwas zu <hi rend="italic">rütteln</hi> [?] und zu bewegen, wo Anderen bereits Alles wieder fest
            und sicher geworden ist<note xml:id="n04"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «sind»; Korr. vom Hrsg.</note>. Er hat
            immer noch etwas gegen sich selbst <hi rend="italic">einzuwenden</hi>, auch wenn er
            selbst von allen Seiten anerkannt und belobt wird. Er hat vor keinem Tellenhut <hi rend="italic">Respekt</hi><note xml:id="n05">Richtiger: Hut des Landvogts <persName ref="kbga-actors-9078">Geßler</persName>.
              Siehe: <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm
                  Tell</hi>, V.392–398 (1. Aufzug, 3. Szene)</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Ihr sehet diesen Hut, Männer von <placeName ref="kbga-places-1111">Uri</placeName>!</l>
                  <l>Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule, …</l>
                  <l>Und dieses ist des Landvogts Will und Meinung:</l>
                  <l>Dem Hut soll gleiche Ehre wie ihm selbst geschehen,</l>
                  <l>Man soll ihn mit gebognem Knie und mit</l>
                  <l>Entblößtem Haupt verehren …</l>
                </lg></q></note>, auch da, wo jedermann ehrerbietig den Hut abzieht. Weil er weiß,
            was <hi rend="italic">Wahrheit</hi> ist, ist er mißtrauisch gegen alle Meinungen. Weil
            er sich <hi rend="italic">vor Gott fürchtet</hi>, stellt er sich nie ein für allemal auf
            einen Standpunkt. Weil er an die <hi rend="italic">Vergebung der Sünden</hi> glaubt,
            hält er es immer mit denen, die man schießen und hängen will. Weil er eine <hi rend="italic">Hoffnung hat</hi>, versucht er immer um die Ecke zu sehen, wo die
            Anderen betrübt vor einer Mauer stehen. Weil er an <hi rend="italic">Wunder glaubt</hi>,
            geht er sehr sorgfältig um mit dem Wörtlein «unmöglich». Weil er die <hi rend="italic">Ewigkeit</hi> im Sinn hat, ist ihm nichts Großes groß genug, nichts Kühnes kühn
            genug, nichts Feines fein genug, nichts Starkes stark genug. Er ist eben in der Ewigkeit
              <hi rend="italic">daheim</hi>, und das kann er nimmer los werden. Es ist etwas in ihm,
            das immer <hi rend="italic">weiter schafft</hi>, das immer auf den Anfang <hi rend="italic">zurückkehrt</hi> und auf das Ziel hin schaut.
          </p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p374" rend="noPipe"/> Er wird <hi rend="italic">ein merkwürdiger
              Mensch</hi> mit merkwürdigen Gedanken und Wegen. Er hat eben immer nur das Anliegen,
              <hi rend="italic">ja nichts zu verpassen</hi>, wenn Gott ihn ruft, nur ja dafür zu
            sorgen, daß das Göttliche <hi rend="italic">nicht menschelig</hi><note xml:id="n06">=
              vermenschlicht, menschenförmig.</note> wird, nur ja Alles <hi rend="italic">zurückzulassen</hi>, was ihn hindert, Gottes Werk zu treiben. Er trägt mit dem allem
            eine schwere Last.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Jesus hat die Menschen, die von der Frage:
            Wo ist Gott in der Menschenwelt? bewegt sind, <hi rend="italic">Kleine genannt.</hi>
            Wenn es wahr ist, was ich sagte, daß unsere heutige Zeit von dieser Frage bewegt ist
            oder doch im Begriff steht, nun an diese Frage heranzukommen, dann müssen wir uns also
              <hi rend="italic">darauf gefaßt machen</hi>, solche Kleine zu werden. Wir müssen uns,
            um es mit anderen Worten Jesu auszudrücken, darauf gefaßt machen, daß es dem <hi rend="italic">schmalen Weg</hi> und der engen Pforte entgegen geht, durch die man ins
            Leben eingeht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13">Mt. 7,13</ref>], gefaßt
            darauf, <hi rend="italic">sein Joch</hi>, das Joch Christi auf uns zu nehmen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">Mt. 11,29</ref>]. Wir werden von Gott
            gleichsam <hi rend="italic">in die Enge</hi> getrieben, wie von einem Feind, dahin,
            wohin wir nicht wollen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.18">Joh. 21,18</ref>]. Denn wir haben <hi rend="italic">von uns aus sicher nicht</hi> die
            Absicht, solche merkwürdigen Menschen zu werden, auch heute nicht. Für unzählige
            Menschen bereitet sich jetzt eine <hi rend="italic">Entscheidung</hi> vor: sie haben
            gefunden, nun müßten sie suchen - sie sind erwacht, nun müßten sie wachen - sie sind
            aufgestanden, nun müßten sie vorwärts; es wird sich zeigen, ob sie tun, was sie tun
            müßten. In unzähligen Menschen regt sich heute <hi rend="italic">Ausrede um
              Ausrede:</hi> ich bin zu alt, ich bin zu gescheit, ich habe meine Ruhe zu lieb, ich
            bin zu sehr auf meine Umgebung angewiesen, ich habe zu sehr Freude an mir selbst, ich
            habe zu wenig Mut! Wer wollte nicht irgend eine Ausrede wissen, um kein Kleiner werden
            zu müssen? Es wird sich zeigen, ob diese Ausreden stark genug sind, uns zu hindern an
            dem, was wir tun müssen. Es ist klar und wahr, daß es für alle Menschen <hi rend="italic">schwer und bedenklich</hi> ist, sich von Gott dahin drängen zu lassen,
            wohin wir heute gedrängt werden. Denn niemand wird gern <hi rend="italic">klein</hi>,
            wir wären alle lieber groß. Niemand steigt gern herunter in die <hi rend="italic">Tiefe</hi>, wir wohnten alle lieber auf den hohen Bergen unserer Gerechtigkeit.
            Niemand läßt sich gern <hi rend="italic">verachten</hi>, und wenn man ein Kleiner wird,
            muß man es sich gefallen lassen, gelegentlich verachtet zu werden, gelegentlich sich <pb ed="pga" xml:id="p375"/> selbst verachten zu müssen; so merkwürdige Menschen sind
            diese Kleinen! Niemand möchte das <hi rend="italic">verlorene Schaf</hi> sein neben den
            99, die ruhig auf den Bergen grasen. Es wird sich zeigen, ob uns Gott heute schon stark
            genug bedrängt, um uns dieses Schwere und Bedenkliche überwinden zu lassen. Aber auf
            diese Frage müssen wir alle uns <hi rend="italic">selbst Antwort geben.</hi>
             Wir selbst müssen uns entscheiden, ob
            es uns <hi rend="italic">ernst</hi> ist mit dem Rätsel: Wo ist Gott?, das uns heute
            gepackt hat. Von dieser Entscheidung wird es dann abhängen, ob der <hi rend="italic">Verheißung</hi>, die wir heute unzweifelhaft haben, die <hi rend="italic">Erfüllung</hi> folgen kann.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">6.</hi> Aber eines wollen wir uns nun <hi rend="italic">von Jesus noch sagen lassen</hi> von diesen Kleinen. «Ich sage euch»,
            erklärt er, «<hi rend="italic">Ihre Engel</hi> im Himmel sehen allezeit das Angesicht
            meines Vaters im Himmel. Denn <hi rend="italic">des Menschen Sohn</hi> ist gekommen,
            selig zu machen, was verloren ist. Und wenn es sich begibt, <hi rend="italic">daß der
              Hirt</hi> das eine verirrte Schaf findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich
            darüber mehr denn über die 99, die nicht verirrt sind. Und <hi rend="italic">der Wille
              Gottes</hi> ist’s nicht, daß einer von diesen Kleinen, Verlorenen verloren, wirklich
            verloren gehe.» Alle diese Worte zielen deutlich auf Eines hin: <hi rend="italic">Der
              Kleine</hi>, die Kleine sind die wahrhaft Großen, wenn sie es nur wagen, wirklich
            einmal Kleine zu sein. <hi rend="italic">Die Verlorenen</hi> werden gesucht und selig
            gemacht, wenn sie es nur wagen, sich einmal verloren zu geben. <hi rend="italic">Die
              Verirrten</hi> werden mit Freuden gefunden, wenn nur das Gleichnis einmal wahr wird,
            daß der Mensch es wagt, nichts, gar nichts anderes zu sein als das verirrte Schaf, fern
            von der weidenden Herde der 99.</p>
          <p><anchor type="note" xml:id="fn-7"/>Jesus <hi rend="italic">malt uns die Lage,</hi> in
            die wir kommen, wenn wir uns von Gott suchen lassen, nicht leichter und schöner, als sie
            ist. <hi rend="italic">Klein</hi>, verloren, verirrtes Schaf … es sind <hi rend="italic">merkwürdige</hi> Menschen, die Menschen, bei denen es mit der Frage: Wo ist Gott?
            ernst wird. <hi rend="italic">Es geht leichter</hi>, schöner, anständiger, frömmer zu
            bei den 99, die von dieser Frage nicht bedrängt sind. Es ist fast, wie wenn er uns <hi rend="italic">einladen wollte: weicht</hi> doch aus, <hi rend="italic">vergeßt</hi>
            wieder, daß Gott lebt, vergeßt die Ewigkeit, <hi rend="italic">seht das Leben</hi>
            wieder an, wie man als gewöhnlicher, normaler, bisheriger Mensch es angesehen hat! <hi rend="italic">Erstickt die Unruhe</hi>, die über euch gekommen ist! <hi rend="italic">Tut, als ob</hi> es keine Vergebung gäbe, keine Hoffnung, <pb ed="pga" xml:id="p376"/> kein Wunder! <hi rend="italic">Versetzt euch zurück</hi> in den Zustand, wo man heute
            an Gott glaubt und morgen fragt, ob es überhaupt einen Gott gibt! <hi rend="italic">Flieht, flieht</hi> zu den 99, denn hier ist es für euch zu gefährlich, hier müßtet
            ihr ja klein werden, verloren, verirrtes Schaf!<note xml:id="n07" target="fn-7" n="7">Der Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige
              Klammern gesetzt.</note></p>
          <p>Aber nein, dazu will Jesus uns nicht einladen. <hi rend="sans-serif">Sondern wenn
              wir ihn hören,</hi> dann hören wir: <hi rend="italic">Gerade die Menschen</hi> mit der
            brennenden Frage: Wo ist Gott? haben auch [?] die Antwort. <hi rend="italic">Da ist
              Gott</hi>, wo man so fragt. <hi rend="italic">Da ist die Höhe</hi>, wo der Mensch in
            die Tiefe geht, da ist <hi rend="italic">das Ziel</hi>, wo der Mensch sich an den Anfang
            stellt. Da ist <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10433">Immanuel</persName></hi>, Gott mit uns, wo es mit dem Entbehren
            und Suchen der Gegenwart Gottes bitterer Ernst wird. Nun weicht nicht aus, sondern
            <hi rend="italic">haltet stand!</hi> Nun vergeßt nicht, sondern <hi rend="italic">erinnert euch</hi>, erinnert euch immer wieder dessen, was ihr ja doch nicht
            vergessen könnt! Nun erstickt die Unruhe nicht in euch, denn ohne diese Unruhe gibt es
              <hi rend="italic">keine Ruhe!</hi> Nun flieht nicht, sondern <hi rend="italic">kämpft</hi>, denn wer ausharrt bis ans Ende, der wird selig [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.13">Mt. 24,13</ref> par.]! Sehet zu, daß ihr nicht einen
            von diesen Kleinen verachtet. Sie haben <hi rend="italic">einen Engel</hi> im Himmel,
            der das Angesicht Gottes sieht. Zwischen ihnen und Gott <hi rend="italic">ist</hi> schon
            etwas Direktes, Unmittelbares, indem sie hungernd und dürstend danach verlangen. Zu <hi rend="italic">ihnen</hi> ist <hi rend="italic">der Heiland</hi> gekommen, zu suchen
            und selig zu machen, was verloren ist, nachdem sie mühselig und beladen zu ihm gekommen
            sind, um sein Joch und seine Last auf sich zu nehmen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28f.</ref>]. Über <hi rend="italic">ihnen</hi> ist <hi rend="italic">die Freude Gottes</hi>, der seinen Willen geschehen
            läßt auf Erden wie im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>], wenn Menschen da sind, die nach seinem Willen fragen wollen. Über
              <hi rend="italic">ihnen</hi> ist das <hi rend="italic">Licht der zukünftigen
            Welt</hi>, in der die Kleinen groß dastehen werden, weil sie schon in dieser Welt
            Zukunftsmenschen gewesen sind. Ewiges <hi rend="italic">Licht</hi> ist schon jetzt da,
            wo man <hi rend="italic">ewiges</hi> Licht haben und hüten will. <hi rend="italic">Kommet</hi> her zu mir [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]! <hi rend="italic">Fürchtet euch nicht</hi>, glaubet nur [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.5.36">Mk. 5,36</ref> par.]! <hi rend="italic">Getrauet euch</hi> zu tun, was ihr heute tun müßt! <hi rend="italic">Das ist’s</hi>,
            was wir hören, wenn wir Jesus hören.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">7.</hi> Und wenn wir hören, was wir von Jesus hören
            können, dann kann heute <hi rend="italic">wieder biblische Geschichte</hi> geschehen.
            Das <hi rend="italic">Geheimnis der biblischen</hi> Menschen, das Geheimnis der
            Propheten und Apostel ist kein Anderes, als daß sie Kleine waren, merkwürdige Menschen
            mit der bitter ernsten Frage: Wo ist Gott? im Herzen und auf den Lippen. <pb ed="pga" xml:id="p377"/>
            <hi rend="italic">Gäste</hi> und Pilger und Fremdlinge waren sie in dieser Welt, <hi rend="italic">wartend auf eine Stadt</hi>, die einen Grund hat, deren Baumeister und
            Schöpfer Gott ist, Menschen, die <hi rend="italic">kein Vaterland</hi> hatten, weil sie
            das Vaterland suchten. Und zwar, wo sie das gemeint hätten, von welchem sie waren
            ausgezogen, hatten sie ja Zeit, wieder umzukehren. Nun aber begehrten sie eines
            besseren, nämlich eines himmlischen. Darum schämte sich Gott nicht, ihr Gott zu heißen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.9 Hebr.11.16">Hebr. 11,9-16</ref>].
            Darum hatten sie <hi rend="italic">Gedanken</hi>, die wir ihnen heute nur mit Mühe
            nachzudenken versuchen. Darum konnten <hi rend="italic">sie reden</hi>, wie heute
            niemand reden kann. Darum hatten sie eine <hi rend="italic">Kraft zum Tragen</hi>, die
            wir heute schmerzlicher als je entbehren. Darum hatten sie eine <hi rend="italic">Kühnheit und Freiheit</hi>, die wir uns nicht nehmen können, und wenn uns noch so
            sehr danach gelüstet. Darum konnten sie <hi rend="italic">Taten verrichten</hi>, die
            unserem heutigen schwachen Zeitalter immer noch als Sagen und Märchen vorkommen. Aber
            warum soll zwischen heute und damals diese <hi rend="italic">ewige Kluft sein?</hi> Die
            Zeit wird kommen, da, was von Gott her
            zu uns kommt, die Menschen <hi rend="italic">so stark</hi> bedrängen wird, daß sie die
            biblischen Menschen nicht mehr bloß von fern betrachten, sondern sich mit ihnen im Geist
            und in der Wahrheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>] <hi rend="italic">in die Reihe</hi> stellen werden. Denn wenn es mit
            der <hi rend="italic">Frage:</hi> Wo ist Gott? wieder ernst werden wird unter uns, dann
            wird auch die <hi rend="italic">Antwort</hi> da sein.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-102" type="song"> Nr. 30 «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr»
              von <persName ref="kbga-actors-4149">M. Schalling</persName>, Strophen 1-2 (RG [1998] 651,1-2; EG 397,1-2; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-126" type="song">Nr. 190 «Walte, walte nah und fern, allgewaltig
              Wort des Herrn» von <persName ref="kbga-actors-2150">J. Fr. Bahnmaier</persName>, Strophen 1.5–7 (RG [1998] 257,1. 5-7)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
