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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Psalm 84,10-13</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm 84,10-13, 5. Oktober 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39042 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 350.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39042</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Psalm 84,10-13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">350</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 84,10-13, 5. Oktober 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1926">KBA 1469</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-10-05">5. Oktober 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>487</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-10-05">5. Oktober 1919</date><note xml:id="n01">In der Morgenfrühe
              des Bettags, <date when="1919-09-21">21.9.</date>, an dem Pfarrer <persName ref="kbga-actors-582">Grob</persName> aus <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName>
              <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vertrat - «welche Erleichterung, so
              einmal dem Bettag zu entrinnen!!» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I,
                <ref type="pub" target="../volume/03/p344#p344">S. 344</ref></bibl>) -, reiste <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bis
                <placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt/Main</placeName>, am <date when="1919-09-22">22.9.</date> nach <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> (Thüringen), wo er am <date when="1919-09-25">25.9. </date>den
              Vortrag «<ref type="pub" target="48061">Der Christ in der Gesellschaft</ref>» hielt. Am <date to="1919-09-27" from="1919-09-26">26./27.9.</date> reiste er zurück bis <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, wo er am Sonntag, <date when="1919-09-28">28.9.</date>, eine Predigt von <persName ref="kbga-actors-733">Adolf
                Preiswerk</persName> hörte. Wer in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> predigte, ist nicht ersichtlich.</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.84.10 Ps.84.13">Psalm 84,10-13</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Gott, unser Schild, schaue doch; siehe an das
                  Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser denn sonst
                  tausend; ich will lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause, denn wohnen in der
                  Gottlosen Hütten. Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und
                  Ehre; er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Herr <persName ref="kbga-actors-8713">Zebaoth</persName>, wohl dem
                  Menschen, der sich auf dich verläßt!]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> «Gott, unser Schild, schaue doch; siehe an das Antlitz deines
            Gesalbten!» Da hat in alter Zeit ein Mensch <hi rend="italic">nach Gott gerufen.</hi> Er
            fühlte, daß der Mensch <hi rend="italic">ungedeckt</hi>, preisgegeben, verloren ist,
            darum nennt er Gott unseren Schild. Er wußte, daß es nicht auf unser Wissen, Denken,
            Reden und Leben ankommt, sondern darauf, daß die <hi rend="italic">Augen Gottes</hi> uns
            begleiten; darum bat er nur um Eins: Gott, schaue doch, schau mich doch an! Er merkte,
            daß bei aller Verlorenheit und Tiefe, in der sich der Mensch befinden kann, immer eine
              <hi rend="italic">Beziehung besteht</hi> zwischen ihm und Gott; darum nannte er sich
            selbst einen Gesalbten, einen Geweihten, der gleichsam das Recht hat, von Gott väterlich
            angeschaut zu werden. Das heißt nach Gott rufen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Das Rufen nach Gott ist immer und überall
            in den Herzen der Menschen. Aber uns Menschen der heutigen Zeit <hi rend="italic">liegt
              es sozusagen auf den Lippen.</hi> Was sonst das Verborgenste ist, drängt heute zur <hi rend="italic">Offenbarung.</hi> Längst Vergessenes, immer Übersehenes will endlich zur
              <hi rend="italic">Geltung</hi> kommen. Altes Unverständnis, alte Mißverständnisse sind
            am <hi rend="italic">Verschwinden.</hi> Wir <hi rend="italic">merken wieder</hi>, wovon
            wir leben und woran es uns fehlt. Wir können uns nicht mehr <hi rend="italic">ganz
              verlieren</hi> im sorgenlosen und gedankenlosen Genuß und Betrieb des Lebens. Wir
            können uns auch nicht mehr <hi rend="italic">ganz sinken lassen</hi> in trostloses
            Seufzen und Klagen. Selbst wenn wir das noch Stunden und Tage tun, die Erinnerung stellt
              <pb ed="pga" xml:id="p344"/> sich rasch wieder ein, daß das ja nicht wahr und nicht
            möglich ist. Die <hi rend="italic">Oberflächlichkeit</hi> ist gerichtet. Oberflächliche
            Freude und Friede und Ruhe und Christentum, das paßte vielleicht in die alte Zeit, aber
            diese alte Zeit ist vorbei und kehrt nicht wieder, und wenn wir es etwa versuchen, zu
            tun, als ob sie immer noch da wäre, so müssen wir mit Schmerzen erfahren, wie das ist,
            wenn man sich selber anlügt. <hi rend="italic">Der Boden</hi>, auf dem wir einst standen
            und gingen, die Gedanken, die uns einst selbstverständlich waren, der Mantel der
            Gerechtigkeit, in den wir uns einst hüllten, die Götter, die wir einst anbeteten, das
            alles ist heute unterwühlt wie von einem Erdbeben, geborsten, niedergesunken, ein
            Trümmerfeld, in dem man nicht mehr wirklich wohnen kann. So ist uns das <hi rend="italic">Rufen nach Gott</hi> auf die Lippen gelegt. <hi rend="italic">Es
              versteht sich freilich</hi> nicht von selbst, daß wir ihm einen ehrlichen Klang,
            deutliche Worte, herzliche Kraft geben. Es kann auch 
            <hi rend="italic">hinuntergeschluckt</hi> werden. Es kann auch <hi rend="italic">ersterben</hi> in einem feigen, unehrlichen Flüstern oder Brummen. Wir können auch
            heute uns selbst <hi rend="italic">anlügen, rückwärts</hi> blicken statt vorwärts, uns
              <hi rend="italic">anklammern</hi> an das, was vergehen will und vergehen muß, statt
            uns auszustrecken nach dem, was kommen will. Wir können uns auch heute als solche, die
            immer <hi rend="italic">zu spät</hi> kommen, auf dem Trümmerfeld herumtreiben, lachend
            oder klagend, ruhig oder aufgeregt, friedlich oder streitsüchtig. Wir können auch heute
            tun, als ob es sich <hi rend="italic">nicht um Gott</hi> handelte. Aber es muß nicht so
            sein. Wir stehen in einer Zeit großer <hi rend="italic">Möglichkeiten</hi> und
            Gelegenheiten.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Wir stehen heute jedenfalls vor großen <hi rend="italic">Entscheidungen.</hi> Angesichts des Vielen, was heute in Umwandlung und
              <hi rend="italic">Zusammenbruch</hi> begriffen ist, müssen wir entweder zu der <hi rend="italic">schmerzlichen Erkenntnis</hi> kommen, daß wir nichts sind, nichts haben,
            nichts ausrichten, oder aber uns dem <hi rend="italic">Einen zuwenden</hi>, von dem uns
            Alles, was uns jetzt genommen wird und genommen werden kann, in neuer, tieferer,
            vollständigerer Weise wiedergegeben wird. Alles <hi rend="italic">drängt uns heute
              dazu</hi>, entweder ganz ungläubig zu werden oder dann ganz gläubig. Mit dem <hi rend="italic">alten halben Glauben</hi> geht es nicht mehr. Wir würden uns selbst den
            schlechtesten Dienst tun, wenn wir uns das verhehlen wollten. Wir haben wie der
            Psalmsänger <hi rend="italic">tausend Tage zugebracht</hi> außerhalb der Vorhöfe Gottes.
            Wir haben ausgiebige <hi rend="italic">Erfahrung</hi> von dem, was in den Hütten der
            Gottlosen zu sehen und zu erleben ist. Wir haben <hi rend="italic">lange geglaubt</hi>
            an <pb ed="pga" xml:id="p345"/> die vortreffliche Natur des Menschen, an den sicheren,
            allmählichen Fortschritt, an unsere Tugend und Frömmigkeit, an unsere Kirchen und
            Kapellen<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p051#fn_n01" type="pub">S. 51, Anm.1</ref>.</note>. Es geht <hi rend="italic">nicht mehr.</hi> Wir sind <hi rend="italic">müde</hi> und mißtrauisch geworden. Der
              <hi rend="italic">Sturm</hi>, der durch die Welt geht, ist daran, diese alten Bäume zu
            entwurzeln, und dann werden [?] sie verdorren [?]. Es wird heute <hi rend="italic">Gericht</hi> gehalten über Alles, was nicht ganz echt und wahr ist. Zahllos sind
            heute die Menschen, die heimlich oder offen an <hi rend="italic">gar nichts mehr</hi>
            glauben. Man sollte das <hi rend="italic">nicht bedauern.</hi></p>
          <p><hi rend="italic">Es muß so</hi> sein um der Entscheidung willen, in der wir stehen.
            Wenn der Mensch <hi rend="italic">anfängt</hi> zu rufen: Gott, mein Schild, schaue
            doch!, wenn es <hi rend="italic">wahr wird</hi>, daß ihm ein Tag in den Vorhöfen Gottes
            lieber wird als sonst tausend, wenn es <hi rend="italic">wahr wird</hi>, daß er lieber
            der Tür hüten will im Hause Gottes, als wohnen in der Gottlosen Hütten, dann ist das
            etwas <hi rend="italic">Neues</hi>, eine Entdeckung, ein Durchbruch. Er muß <hi rend="italic">in den Unglauben</hi> hinein und durch den Unglauben hindurch, um Gott
            zu erkennen. Und durch die Erkenntnis Gottes wird er von allem anderen Glauben <hi rend="italic">frei</hi>- und losgesprochen.</p>
          <p>Wenn wir menschlich betrachtet <hi rend="italic">vor dem Nichts stehen</hi>,
           dann kann es sein, daß wir eben damit
            endlich vor Gott gestellt werden. Wenn unsere alten <hi rend="italic">Götter ins
              Wanken</hi> kommen, dann kann er zu Ehren kommen. Wenn die Menschen <hi rend="italic">unruhig fragen:</hi> was hilft uns nun unsere Religion, unsere Tüchtigkeit, unsere
            Rechtschaffenheit, unser Christentum?, dann kann es sein, daß er hervortritt und uns
            antwortet: ich, ich allein bin es, der helfen kann und will. Wenn wir überall das <hi rend="italic">Ende unserer Wege</hi> vor uns sehen, dann kann es geschehen, daß sich
            uns der Anfang der Wege Gottes auftut. Wenn uns <hi rend="italic">unsere alten
              Sachen</hi>, auf die wir uns verließen, an denen wir uns freuten, die wir rühmten und
            für groß und ewig hielten, heute wie von einer starken Hand weggenommen und zum alten
            Eisen gelegt werden, so kann es sein, daß uns die Heilandsstimme vernehmbar wird, die
            uns sagt, daß es sich im Leben noch um eine ganz andere Sache handelt, als wir bisher
            dachten, daß es einen Dienst, eine Aufgabe, ein Ziel gibt, an denen wir bis jetzt
            achtlos vorbeigingen, weil wir sie ob all dem Anderen einfach nicht verstanden - die
            Heilandsstimme, die uns ruft: Folge du <hi rend="italic">mir</hi> nach [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.22">Joh. 21,22</ref>]!</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p346" rend="noPipe"/> Wir wollen also <hi rend="italic">nicht
              erschrecken</hi> darüber, wenn wir heute Andere und uns selbst unsicher werden sehen.
            In Entscheidungszeiten <hi rend="italic">müssen die Menschen</hi> unsicher werden. Es
            handelt sich um eine <hi rend="italic">Veränderung.</hi> Wir können uns aber nicht
            verändern, wenn wir nicht zuerst <hi rend="italic">unsicher</hi> werden.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Und nun wollen wir uns auch darüber nicht
            den Kopf zerbrechen, ob wir und die Anderen die große Möglichkeit und Gelegenheit, die
            jetzt vorhanden ist, denn auch <hi rend="italic">richtig erkennen und benützen</hi>
            werden. O <hi rend="italic">unser Herz</hi> erkennt sie, unser Herz hat schon <hi rend="italic">längst Ja</hi> gesagt, unser Herz ist immer zum vornherein <hi rend="italic">auf Gottes</hi> Seite. Es ist uns <hi rend="italic">nicht gleich
              natürlich</hi>, auf der alten Oberfläche zu lachen und klagen oder nach Gott zu rufen.
            Es ist uns natürlicher, nach Gott zu rufen. Ja, <hi rend="italic">wir sind
              vielleicht</hi>
            <hi rend="italic">noch sehr unsicher</hi> mitten drin zwischen dem Trümmerfeld unseres
            bisherigen Lebens, unserer alten Welt und der Möglichkeit, es nun mit Gott zu wagen. Wir
            sind vielleicht kaum <hi rend="italic">erst unruhig geworden</hi> in unserem tiefen
            Schlaf (wir hier in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, die wir eigentlich gar nichts
            Schweres persönlich durchzumachen hatten, vielleicht noch besonders!<note xml:id="n03">Die besondere Situation der Schweizer aufzuhellen, gehört zu den Aufgaben des
              Bettags, dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesmal «entronnen»
              war; vgl. oben <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm.1</ref>.</note>), wir <hi rend="italic">zweifeln vielleicht</hi> mit
            gewissem Recht an dem Ernst und der Aufrichtigkeit unserer Zeitgenossen, wir stehen
            vielleicht <hi rend="italic">noch sehr abseits</hi> von der großen Bewegung und Frage,
            die heute durch die Welt geht. Aber darum sollten wir weder uns selbst noch Andere davon
            ausschließen. Die Frage, ob denn heute die Menschen wirklich nach Gott rufen, kann man
              <hi rend="italic">nur damit beantworten</hi>, daß man selbst damit den Anfang
               macht. <hi rend="italic">Gott ist uns
              nicht fremd.</hi> Unsere Oberflächlichkeit ist uns fremd. Unsere alten Götter sind uns
            fremd. Alles das, was uns jetzt unsicher wird, ist uns fremd. Aber Gott, der uns heute
            ruft, damit wir nach ihm rufen sollen, ist uns nicht fremd. Es ist die <hi rend="italic">Heimat</hi>, die uns ruft, wenn er uns ruft. Wir waren <hi rend="italic">zuerst bei
              ihm</hi>, und dann erst kamen wir in alles das hinein, dessen Vergehen sich heute
            ankündigt. Wir <hi rend="italic">kommen von Gott her</hi>, darum können wir heute
            weniger als je glauben an all das, was nicht wirklich zu ihm hinführt. O siehe, wie an
            allen Orten sich deiner Kinder <hi rend="italic">Herz und Sinn bewegt!</hi> <note xml:id="n04">Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-65">Strophe 3 des Liedes 162
                «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von <persName ref="kbga-actors-2805">K. H. von Bogatzky</persName> (EG 241,3; die
                Strophe fehlt in den jüngeren schweizerischen Gesangbüchern)</bibl>.</note> Es
            bewegt sich ja auch in uns. Und wie es sich in uns <pb ed="pga" xml:id="p347"/> bewegt,
            so bewegt es sich auch in den Anderen. Wir müssen nur von innen heraus <hi rend="italic">mitfühlen</hi> mit der Not und Sehnsucht unserer Zeit, statt sie von außen zu
            betrachten und kluge Gedanken darüber zu spinnen. <hi rend="italic">Es bewegt sich</hi>,
            weil wir Menschen alle ursprünglich und anfänglich Gottes sind<note xml:id="n05">Vgl.
              oben <ref target="../volume/39/p206#fn_n01" type="pub">S. 206, Anm.1</ref>.</note>, seine verirrten Kinder, seines Geschlechts verlorene
            Angehörige [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>],
            seines Reiches fremdgewordene Bürger. <hi rend="italic">Aber doch</hi> immer noch
            Kinder, Angehörige, Bürger, Gesalbte Gottes, die nur darauf warten, daß Gott uns wieder
            anschaut. Laß leuchten dein Angesicht, so genesen wir [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.80.4">Ps. 80,4</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Ps.80.20">.20</ref>]! Das ist die tiefste Wahrheit über den heutigen Menschen. <hi rend="italic">O nichts Fremdes</hi>, Unbekanntes, Fernes müssen wir begreifen, um Gott
            zu begreifen - nur uns selbst verstehen, uns selber treu werden, unser Herz, unser
            tiefstes Herz endlich reden lassen. <hi rend="italic">Nicht an unsere Gottlosigkeit</hi>
            und [an] die Anderer zuviel denken, in der wir heute scheinbar mit Gott fertig sind,
            sondern an die Vergebung, von der wir auch in unserer Gottlosigkeit getragen sind und
            mit uns die vielen Anderen und die uns gerade heute die Macht gibt, mit Gott neu
            anzufangen. <hi rend="italic">Dann verstehen wir Gott,</hi>
            <hi rend="italic">verstehen</hi> unsere Zeit, <hi rend="italic">klagen nicht</hi> mehr
            über das große Erdbeben, treiben kein törichtes <hi rend="italic">Spiel</hi> mehr
            zwischen den Trümmern, <hi rend="italic">verlieren</hi> keine Kraft mehr, zu halten, was
            doch nicht zu halten ist, verirren uns nicht mehr auf <hi rend="italic">sinnlose</hi>,
            böse Wege, sondern brechen durch: Gott, unser Schild, schaue doch!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß
            das <hi rend="italic">etwas Großes ist,</hi> wenn Gott uns wieder anschaut. Wir müssen
              <hi rend="italic">wissen, was wir tun</hi>, wenn wir nach Gott rufen. Wir kommen damit
            nicht mitten in die Seligkeit und Gerechtigkeit hinein, sondern auf einen <hi rend="italic">Wachtposten</hi> gleichsam an einer Grenze. Nicht umsonst ist in unserem
            Psalm von den <hi rend="italic">Vorhöfen Gottes</hi> die Rede, in die wir dann
            allenfalls zu stehen kommen, an die <hi rend="italic">Tür seines Hauses</hi>, die wir
            dann allenfalls hüten dürfen. Wenn wir <hi rend="italic">mehr wollen</hi>, erreichen wir
            weniger.</p>
          <p>Wohl braucht es ein stürmisches <hi rend="italic">Wagen und</hi>
            <hi rend="italic">Hindurchbrechen</hi> zur Erkenntnis Gottes. Aber das Verhältnis, in
            das wir dann zu Gott kom<pb ed="pga" xml:id="p348" break="no"/>men, ist ein überaus <hi rend="italic">feines, zartes.</hi> In aller <hi rend="italic">Ehrfurcht</hi>,
            Aufmerksamkeit und Zurückhaltung müssen wir ihm gegenüberstehen. Da gibt’s <hi rend="italic">nichts zu stürmen</hi>, zu rauben, an uns zu reißen. Da können wir nur
              <hi rend="italic">lebendig werden</hi> und dann wachsen und reifen. Auf einen <hi rend="italic">hohen Berggrat</hi> sind wir gestellt [?]; da müssen wir wandeln [?],
            ein Abgrund zur Rechten, ein Abgrund zur Linken, und vorsichtig und fein unsere Schritte
            setzen [?]. Ein <hi rend="italic">kostbares Gefäß</hi> ist in unsere Hand gegeben, mit
            erhobenen, festen Händen müssen wir es tragen, und kein Tropfen sollte verschüttet
            werden. Es liegt also auch wieder <hi rend="italic">ein gewisser Verzicht</hi> darin,
            eine Einschränkung unserer Wünsche und Hoffnungen, wenn wir anfangen, nach Gott zu
            rufen. Wir müssen <hi rend="italic">warten können.</hi> Das <hi rend="italic">weiß
              Mancher nicht</hi>, der heute gerne von Herzen nach Gott rufen möchte. Er versteht das
            Feine daran nicht, den Respekt, das Warten, das dazu gehört. Wir dürfen z. B. nicht
            erwarten, daß wir mit Gott sofort große oder auch nur kleine <hi rend="italic">Wirkungen
              und Erfolge</hi> erzielen werden. Ganz wird das ja nicht fehlen; aber das wird dann
            nur gleichsam <hi rend="italic">hinzugetan.</hi> Damit rechnen dürfen wir nicht. Böse
            werden, wenn es uns nicht gelingen will, dürfen wir nicht. Die Erkenntnis Gottes wird
            uns vielmehr zunächst in Vielem die <hi rend="italic">Hände binden</hi>, uns zu Vielem
            in einen gewissen <hi rend="italic">Abstand</hi> bringen. Gott drückt uns nicht ein
            Rezept oder einen Fahrplan in die Hand für die Einzelheiten des Lebens, wir müssen es
            erst wieder lernen, <hi rend="italic">zum Ganzen des Lebens</hi> ins rechte Verhältnis
            zu kommen. Darüber kann <hi rend="italic">lange Zeit</hi> verstreichen, und unterdessen
            stehen wir oft recht ratlos da, ratloser als solche, die von Gott nichts wissen. Wir
            müssen es uns gefallen lassen, uns von ihnen überflügeln zu lassen. Wenn wir nur bei
            aller Ungeschicklichkeit und Erfolglosigkeit weiter <hi rend="italic">offen und
              bereit</hi> bleiben zu lernen. Wir stehen eben <hi rend="italic">in den Vorhöfen</hi>,
            aber ein Tag in den Vorhöfen ist besser denn sonst tausend. |</p>
          <p>Wir dürfen auch das nicht erwarten, daß wir mit Gott gleich zu einer großen <hi rend="italic">Einigkeit und Gemeinschaft</hi> mit anderen gleichgesinnten Menschen
            kommen werden. Man kann oft beobachten, daß <hi rend="italic">gerade Menschen</hi>,
            denen es mit Gott ernst wird, gar nicht eins werden untereinander, während die Gottlosen
            ganz gut miteinander auskommen. Dabei dürfte es freilich nicht bleiben, aber es ist auch
              <hi rend="italic">nichts Schreckliches</hi> dabei, sondern es hat etwas Natürliches.
            Wenn es uns mit Gott ernst wird, dann werden wir eben damit stark auf <hi rend="italic">uns selbst gestellt</hi>, <pb ed="pga" xml:id="p349"/> gegen andere Einflüsse
            abgeschlossen, zugespitzt gleichsam, d. h. auf ein Ziel gerichtet. Wenn wir dabei mit
            Anderen zusammentreffen, so ist das wieder eine glückliche
            <hi rend="italic">Zugabe</hi>, für die wir dankbar sein wollen, aber es versteht sich
            nicht von selbst. Es ist besser, wir <hi rend="italic">rechnen damit, zunächst</hi>
            einsam zu werden auch unter unseren Nächsten. Es ist darum ganz verfehlt, wenn die
            Menschen, sobald sie ein wenig erwacht sind, meinen, alsbald zusammenlaufen und einen
            Klumpen [?] bilden zu müssen. Damit wird die rechte Einigkeit <hi rend="italic">verdorben</hi>, die in der Stille wachsen möchte. Wir müssen <hi rend="italic">warten
              und der Tür hüten</hi> lernen, jeder seiner Türe zunächst; ich will aber lieber der
            Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. |</p>
          <p>Und so ist’s sogar mit dem inneren <hi rend="italic">Frieden der Seele.</hi> Man darf
            auch da nicht erwarten, mit Gott alsbald ein großes <hi rend="italic">inneres
            Licht</hi>, eine große Freude und Freiheit zu bekommen. Etwas davon wird sich ja
            schon [?] <hi rend="italic">einstellen</hi> mit der Zeit, aber es ist verdächtig, wenn 
            es zu schnell kommt, und es ist besonders verdächtig, wenn man zu laut und sicher davon
            reden kann. Ein ruhiges Gewissen, ein getröstetes Herz, eine aufrichtige Zuversicht,
            eine klare, weise Einsicht ins Leben - das sind große Dinge, die man sich nicht nur so
            vom Baum reißen kann. Die Menschen, die es <hi rend="italic">ohne Gott machen</hi>,
            kommen auch darin viel schneller weit, und wir dürfen uns dadurch nicht irre machen
            lassen. <hi rend="italic">Gott tut uns die Augen auf</hi>, und da sehen wir in unserem
            Leben und in dem Anderer Vieles, was nicht geeignet ist, uns ruhig zu machen. Gott führt
            uns aus dem sicheren Hafen <hi rend="italic">aufs hohe Meer</hi> heraus, und da sind
            Wellen und Stürme. Gott führt uns nicht breite, lichte, volle Straßen<note xml:id="n06">Anspielung auf <bibl type="song" corresp="kbga-songs-71">Strophe 2 des Liedes 250
                «Wenn ich ihn nur habe» von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName></bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l> … </l>
                  <l>Lasse still die andern</l>
                  <l>Breite, lichte, volle Straßen wandern.</l>
                </lg></q></note>, sondern <hi rend="italic">schmale Wege</hi> und durch enge Pforten
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13 Mt.7.14">Mt. 7,13f.</ref>], und da
            geht es ohne Seufzen nicht ab. Es ist ein viel besseres Zeichen für unsere Gemeinschaft
            mit Gott, wenn wir tief innen in unserem Herzen noch unruhig sind und zu seufzen haben;
            es ist ein Zeichen dafür, daß Gott noch <hi rend="italic">etwas vor hat mit uns.</hi>
            Wenn wir so ölglatt zufrieden und sicher geworden sind, könnte es das Zeichen sein
            dafür, daß Gott uns <hi rend="italic">bereits weggeworfen</hi> hat. In den Vorhöfen ist
            unser <hi rend="italic">Platz</hi>, Tür hüten ist unser <hi rend="italic">Amt</hi>,
            freuen wir uns, wenn wir diesen <pb ed="pga" xml:id="p350"/> Platz und dieses Amt
            bekommen. Alles Andere sind <hi rend="italic">Übergriffe</hi>, die uns nicht
            zustehen.</p>
          <p>Das muß <hi rend="italic">heute gesagt sein,</hi> wie es auch im Psalm gesagt ist. Denn
            wenn heute die <hi rend="italic">Gefahr</hi> besteht, daß Viele nicht aufwachen, nicht
            merken, daß man jetzt nach Gott rufen müßte, so besteht gerade heute auch die <hi rend="italic">andere Gefahr</hi>, daß Viele zu schnell, zu hitzig, zu aufdringlich
            werden und Gott zu nahe treten. Beides führt uns an Gott und am Leben vorbei. Gott will
              <hi rend="italic">in Ehrfurcht angerufen sein.</hi> Das ist’s, was heute zur Geltung
            kommen muß. 
          </p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top">
            <hi rend="italic">6.</hi> Wenn wir das begreifen und zur Geltung kommen lassen, dann <hi rend="italic">gehen wir sicher.</hi> Wir brauchen dann <hi rend="italic">nichts zu
              befürchten:</hi> weder den Sturm und Drang der Welt, der uns ängstigt, solange wir
            Gott <hi rend="italic">nicht erkannt</hi> haben, noch die Erfolglosigkeit, die
            Einsamkeit, die Unruhe, in die wir hineinkommen, wenn wir Gott <hi rend="italic">erkannt</hi> haben. Es handelt sich bei dem allem ja nicht um uns, sondern <hi rend="italic">um Gottes Ehre</hi>, die an den Tag kommen will. Wenn wir uns diesem
            Gedanken hingeben, dann sind wir <hi rend="italic">geborgen.</hi> Es wird uns dann Alles
              <hi rend="italic">wieder gegeben</hi>, was uns jetzt scheinbar genommen wird [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.29 Lk.18.30">Lk. 18,29f.</ref> par.]. Es
            wächst und <hi rend="italic">kommt dann Alles</hi>, was jetzt scheinbar nur in so
            nichtigen Anfängen vorhanden ist in uns. Wir müssen nur <hi rend="italic">treu</hi>
            werden und treu sein, daran liegt Alles [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.2">1.Kor. 4,2</ref>]. Darin erfüllt sich dann auch der <hi rend="italic">Sinn unserer Zeit.</hi> Die neue Welt kommt, wenn wir treu werden und
            treu sind im Rufen nach Gott. Je weniger wir nach links und rechts und auf uns selber
            sehen, um so näher kommt die Erfüllung. Möchten sich heute Viele bereit machen, <hi rend="italic">unentwegt auf Gott</hi> zu schauen, damit er auch uns wieder anschauen
            kann.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-115" type="song"> Nr. 168 «O daß doch bald dein Feuer brennte»
              von <persName ref="kbga-actors-1353">G. Fr. Fickert</persName>, Strophen 1-3. 6 (RG [1998] 816,1-3.6; EG 255,1-3.6 mit geringen
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-144" type="song">Nr. 294 «Mir nach! spricht Christus, unser
              Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName>, Strophen 1.5.6 (RG [1998] 812,1.4.5; EG 385,1.4.5; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
