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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 5,21-33</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 5,21-33, 3. August 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39035 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 282.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 5,21-33</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">282</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 5,21-33, 3. August 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1919">KBA 1462</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-08-03">3. August 1919</date>
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          <head><idno>480</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-08-03">3. August 1919</date><note xml:id="n01">Vom <date when="1919-07-20">20.7.</date> bis zum <date when="1919-07-31">31.7.</date> war
              <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in den Ferien. So hat er am Sonntag, dem <date when="1919-07-27">27. Juli</date>, nicht gepredigt.</note>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.21 Eph.5.33">Epheser 5,21-33</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Seid einander untertan in der Furcht
                    Christi –</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">ihr Frauen euren Männern als dem Herrn: Denn der Mann
                    ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Gemeinde. Er allein ist
                    freilich der Erretter seines Leibes, aber wie die Gemeinde Christo untertan ist,
                    so sollen es auch die Frauen allezeit mit ihren Männern halten.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Ihr Männer, liebet eure Frauen! Wie Christus die
                    Gemeinde liebte und hat sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen
                    durch die Reinigung im Wasserbad durch das Wort und um sie für sich selbst
                    zuzubereiten: herrlich, ohne Flecken, Runzeln oder dergleichen, sondern heilig
                    und makellos - so müssen auch die Männer ihre Frauen lieben als ihre eigenen
                    Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Nie hat jemand sein eigenes
                    Fleisch gehaßt, sondern er hegt und pflegt es, wie es eben auch Christus hält
                    mit der Gemeinde, denn wir sind seines Leibes Glieder, von seinem Fleisch und
                    von seinem Gebein.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und
                    seinem Weibe anhangen, und die zwei werden sein <hi rend="spaced">ein</hi>
                    Fleisch. Groß ist das Geheimnis, ich deute es aber auf Christus und auf die
                    Gemeinde. Jedenfalls sollt auch ihr, jeder einzelne, seine Frau lieben als sich
                    selbst; die Frau aber fürchte ihren Mann.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> In der Furcht Christi!, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, und dann sagt er uns,
            wie ein Licht aufgeht über dem dunklen, schwierigen Gebiet der <hi rend="italic">Beziehungen zwischen Mann und Frau.</hi> Wenn wir verstehen könnten, was das heißt:
            in der Furcht Christi, dann könnten wir das <hi rend="italic">Licht auch aufgehen</hi>
            sehen über diesem dunklen Gebiet. Wir hätten es so nötig, nicht wahr, gerade hier? Man
            kann ja ohne Übertreibung sagen: der aller<hi rend="italic">größte Teil der
              Finsternis</hi> in unserem Leben besteht aus ungelösten und oft scheinbar ganz
            unlösbaren Ehefragen und Frauenfragen. Man <hi rend="italic">redet</hi> ja nicht gern
            und nicht oft von diesen Fragen, aber es ist doch so. Es gibt <hi rend="italic">andere</hi> Knechtschaften der Menschen, wie z. B. der unter das Geld, die viel
            deutlicher hervortreten, aber stärker und folgenschwerer ist doch eigentlich keine so
            wie die, die davon kommt, daß es zwischen Mann und Frau nicht so steht auf der Erde, wie
            es sollte. Wieviel <hi rend="italic">Anklagen und Gewissensbisse</hi> gerade in diesen
              Bezie<pb ed="pga" xml:id="p276" break="no"/>hungen haben tausende und tausende von
            Toten mit sich ins Grab genommen! Wieviel <hi rend="italic">Schuld und Jammer</hi>
            gerade auf dieser Seite des Lebens
            verbirgt sich fast in jedem Haus, das man betritt! Wieviel <hi rend="italic">Gift</hi>
            gerade aus dieser Quelle bedroht jetzt schon die kommenden Geschlechter! Wie selten sind
              <hi rend="italic">die Menschen</hi>, die nicht gerade zu diesem Punkt irgend eine
            große Enttäuschung in sich herumtragen! Wie selten <hi rend="italic">die Ehen</hi>, die
            einem den Eindruck machen, daß sie im Himmel geschlossen seien! Wie selten <hi rend="italic">die Ehegatten</hi>, die einander aufrichtig in die Augen blicken und
            sich sagen dürften: Wir haben Freude aneinander, wir sehen dankbar in die Vergangenheit
            und mutig in die Zukunft, wir wollten keinen Augenblick einen anderen Weg gegangen sein
            und gehen als den, auf dem wir sind! Was für eine dumpfe <hi rend="italic">Unsicherheit</hi> an so vielen Orten, ob es eigentlich recht steht, und was für ein
            furchtbares <hi rend="italic">Elend</hi> an anderen, weil es sicher nicht recht steht.
            Möchte man nicht, wenn man an das alles denkt, beinahe in Versuchung kommen, <hi rend="italic">zu wünschen</hi>, es möchte diese ganze Seite des Lebens gar nicht
            geben, wir möchten irgendwie davon erlöst sein können, Männer und Frauen sein zu müssen,
            wenn dann doch diese dunkle Wolke fast beständig und fast überall auftauchen muß, sowie
            es sich um die Beziehungen beider zueinander handelt?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Und es <hi rend="italic">könnte doch recht
              stehen</hi> unter uns, meine Freunde, auch auf diesem schwierigen Gebiet. Es könnte
            uns gerade da ein <hi rend="italic">besonders helles Licht</hi> aufgehen. Kaum ein
            anderes irdisches Verhältnis wird in der Bibel mit so hohen und schönen Dingen
            verglichen wie die Ehe. Wir müssen an das Wort aus der Schöpfungsgeschichte denken, daß
            der Mensch zum Bilde Gottes geschaffen sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>], wenn wir hier von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hören: der Mann und die Frau sind wie
            Christus und seine Gemeinde. In der Furcht Christi, sagt er, ist es so. Wir stehen hier
            wieder <hi rend="italic">vor der Tatsache</hi>, die uns im Neuen Testament auf jeder
            Seite begegnet, daß alle Fragen in eine Frage zusammenlaufen. Eins ist not [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>]! Wenn das Eine in Ordnung ist,
            kommt Alles in Ordnung. Wenn das Eine fraglich ist, wird Alles fraglich. Dann gibt’s
            Ehefragen, Frauenfragen, Erziehungsfragen, soziale Fragen, ein ganzer böser Irrgarten
            von Fragen, in denen man sich notwendig verirren muß, wenn man nicht weiß, woher sie
            kommen. Alle Fragen können gelöst werden, wenn das Eine in Ordnung kommt. Dieses Eine
            nennt <pb ed="pga" xml:id="p277"/> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier <hi rend="italic">die Furcht
              Christi.</hi> Furcht bedeutet hier eine feine, scheue, gespannte <hi rend="italic">Aufmerksamkeit</hi>, wie man sie jemandem schenkt, von dem Alles abhängt. Solche
            Aufmerksamkeit können wir Christus schenken. Wir müssen nicht, aber wir können. Wir
            können uns durch das, was er uns zu sagen hat, erschrecken lassen über uns selbst und
            über die Welt. Wir können uns aber auch mit Hoffnung erfüllen lassen durch
             das Ziel, das er uns zeigt. Wir
            können unser Herz und unseren guten Willen, mag er noch so klein sein, hergeben zum
            Dienst für seine Sache. Wir können wachsam werden und eifrig im Dienst dieser Sache. <hi rend="italic">Allein Gott</hi> in der Höh sei Ehr!, haben wir vorhin gesungen. Darum
            handelt es sich. Wenn die Menschen das nicht nur sagen und singen mit ihrem Mund,
            sondern hören mit ihren Ohren, auf dieses Licht sehen mit ihren Augen, nach dieser Gabe
            greifen mit ihren Händen, an diese Bergluft sich gewöhnen mit ihrem Herz und ihren
            Lungen, auf diesem Boden stehen mit ihren Füßen, dann geschieht das Eine Notwendige.
            Etwas <hi rend="italic">völlig Neues</hi> taucht da auf in dem Menschen, wenn er den
            Heilandsruf: Folge du <hi rend="italic">mir</hi> nach [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.22">Joh. 21,22</ref> par.]! hört und ihm gehorsam wird. Es handelt sich nicht
            ums Bravwerden und nicht ums Frommwerden. Es handelt sich nicht um den Anstand und nicht
            um die Arbeitsamkeit und nicht um irgendwelche guten Werke. Es handelt sich um den Sinn
            und Geschmack für Gottes eigene ewige Welt<note xml:id="n02">Anspielung auf
              <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Bestimmung der Religion als «Sinn und Geschmack fürs Unendliche» in
              der zweiten der Reden <hi rend="italic">Über die Religion</hi> (Kritische
              Gesamtausgabe, 1. Abt., Bd.2, Berlin / New York 1984, S. 212, Z.31f.</bibl>)</note>, die mit
            keiner menschlichen Sache oder Tugend eine Ähnlichkeit hat und die doch unter den
            Menschen erscheinen und sich offenbaren möchte. Es handelt sich um die <hi rend="italic">Sehnsucht nach ihr</hi>, um das Hinschauen nach ihr hin, um das Wachwerden und
            Aufstehen, um sie zu begrüßen, um die Willigkeit, ihr nicht im Wege zu sein. Wenn diese
            Sehnsucht, dieses Wachwerden, dieses Hinschauen, diese Willigkeit über einen Menschen
            kommt, wenn seine Gedanken und danach leise und schüchtern auch sein Leben beginnt, sich
            zu sammeln, zu vereinfachen, zu ordnen, zu vertiefen in Gott und um Gott, das ist die
            Furcht Christi.</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p278" rend="noPipe"/> Wenn wir in der Furcht Christi stehen, sagt
            unser Text, <hi rend="italic">dann kommt Licht</hi> auch in die Ehefrage. Und das mit
            unbedingter <hi rend="italic">Sicherheit.</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gibt uns über diese Frage nicht
            Vorschläge, die uns vielleicht helfen, vielleicht auch nicht helfen. Er teilt uns nicht
            Erfahrungen aus seinem Leben mit, die zu unserem Leben vielleicht stimmen, vielleicht
            auch nicht stimmen. Er drückt uns den Schlüssel in die Hand, der das Schloß unsichtbar
            öffnet. Das, was er uns da mitteilt, leuchtet als Hoffnungslicht über das ganze Männer-
            und Frauenelend. Es ist ein Wort, das ausnahmslos Alle angeht, die in dieser Beziehung
            schuldbeladen oder betrübt sind. Es gibt keine endgültigen, unverbesserlichen Fehler im
            Verhältnis von Mann und Frau. Es gibt keine hoffnungslose Enttäuschung. <hi rend="italic">Es gibt keine</hi> Unmöglichkeit, sich zu finden und sich zu behalten.
            Es gibt keine Notwendigkeit, sich zu widerstreben, zu grollen, sich voneinander
            abzuwenden, sich äußerlich oder, was noch schlimmer ist, innerlich zu scheiden. Und wenn
            eine Ehe zur Hölle geworden wäre, sie muß es nicht bleiben. Und wenn die Verhältnisse
            hier und alle Sitten und Gewohnheiten
            dort die Ehe von Grund aus verdorben hätten, sie muß es nicht bleiben. Es gibt überall
            eine Möglichkeit, einen Weg, eine offene Türe.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber allerdings <hi rend="italic">nur diese
              eine:</hi> In der Furcht Christi kann der himmlische Sinn des Verhältnisses von Mann
            und Frau wieder zu Ehren kommen. - <hi rend="italic">Alle Dinge und Verhältnisse</hi>
            auf Erden haben einen irdischen und einen himmlischen, einen menschlichen und einen
            göttlichen <hi rend="italic">Sinn.</hi> Unser Essen und Trinken, unser Arbeiten und
            Ruhen, unser Schlafen und Wachen, unser Leben und Sterben, unser ganzes Dasein hat auch
            eine andere <hi rend="italic">Seite</hi> außer der, die wir zunächst beachten. Es trägt
            Alles ein göttliches <hi rend="italic">Geheimnis in sich</hi>, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier sagt. -
            Aber das Himmlische kann vom Irdischen <hi rend="italic">nicht getrennt</hi> bleiben, es
              <hi rend="italic">strebt ihm</hi> entgegen, es will sich in ihm offenbaren, es
            überkleiden und verherrlichen, das Irdische in sich aufnehmen. Und so <hi rend="italic">hungert und dürstet</hi> denn auch alles Irdische nach dem Himmlischen, durch das es
            erst ganz und klar und rein wird. Das ist das Seufzen der Kreatur nach Erlösung und
            unsere eigene Sehnsucht nach unserer himmlischen Behausung, von denen an anderen Stellen
            der Bibel die Rede ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.19 Röm.8.22">Röm. 8,19-22</ref>;
              <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.2">2.Kor. 5,2</ref>]. Wenn <hi rend="italic">der Mensch ohne Erkenntnis</hi> Gottes ist, dann kommt diese Bewegung zwischen Himmel
            und <pb ed="pga" xml:id="p279"/> Erde ins Stocken. Dann wird das Leben auf der Erde
            trübe und verworren und zerrüttet. Dann bleibt das Himmlische unerreichbar hoch über ihm
            stehen wie der Stern über unseren Häuptern. Es wird dann zu einem Ideal, wie man sagt,
            zu einem schönen Gedanken, über den man mit ungläubigem Herzen allerlei liest und hört,
            von dem man vielleicht auch eifrig redet, über den man sich unter Umständen streitet und
            aufregt, der aber nicht Leben und Kraft gewinnen kann. <hi rend="italic">Durch die
              Erkenntnis Gottes</hi> in der Furcht Christi wird das anders. Das Himmlische ist ja
            eben die ewige Welt Gottes, auf die man da aufmerksam wird. Und indem man darauf
            aufmerksam wird, kommt es in Bewegung, dem Irdischen entgegen. Es hört auf, bloß
            himmlisch zu sein. Man kann nicht mehr bloß damit spielen wie mit einem schönen
            Gedanken, es wird ernst, lebendig und kräftig; es leuchtet durch das Irdische hindurch
            und nimmt ihm Schritt für Schritt seine Schwachheit und Not. Die ewige Gotteswelt läßt
            sich finden, wenn man sie sucht. Und indem sie gefunden wird, wird die Menschenwelt an
            ihr gesund.</p>
          <p><hi rend="italic">So ist’s auch mit der Ehe.</hi> Sie ist ein ganz <hi rend="italic">starkes, großes und wichtiges Stück</hi> des irdischen Wesens, der Natürlichkeit, der
            Menschenwelt. Aber sie hat einen himmlischen Sinn, der in ihr zur Ehre kommen kann und
            will. Ein ebenso großes Stück Gotteswelt möchte sich in ihr offenbaren. Aber die Gotteswelt muß auch hier gesucht werden.
              <hi rend="italic">Ohne die Erkenntnis Gottes</hi> kann die Verklärung und Erlösung
            auch hier nicht kommen. Ohne die Erkenntnis Gottes muß das ganze Verhältnis von Mann und
            Frau das sein, was es für Millionen ist und für andere Millionen zu werden droht: ein
            dunkler oder sogar ganz dunkler <hi rend="italic">Höllenwinkel</hi>, in dem sie in
            diesem und sicher auch noch weit ins jenseitige Leben hinein sitzen müssen. Es bleibt
            dann <hi rend="italic">der Mann</hi>, stark und selbstsüchtig, was er ist, und <hi rend="italic">die Frau</hi>, schwächer und überall benachteiligt, was sie ist. Es
            bleibt dann <hi rend="italic">die Ehe</hi> eine Einsamkeit zu zweien, die nicht eine
            Einheit zu zweien werden kann. Es bleibt dann das ganze Verhältnis von Mann und Frau ein
              <hi rend="italic">Mißverhältnis</hi> von zwei Teilen, von denen der eine nur Unrecht
            tun, der andere nur Unrecht leiden kann. Der Mann geht zu Grunde, indem er die Frau
            verdirbt, und die Frau geht zu Grunde, indem sie sich vom Mann verderben läßt. <hi rend="italic">Gegen diese fatale Entwicklung</hi> hilft keine Liebe, keine Klugheit,
            kein noch so großer sittlicher Ernst, keine noch so nötigen und nütz<pb ed="pga" xml:id="p280" break="no"/>lichen Versuche, dem Mann seine Pflichten einzuschärfen und
            der Frau zu mehr Recht und Selbständigkeit zu verhelfen. Alles, was in dieser Richtung
            getan wird im Einzelnen und im Ganzen, kann wohl dazu dienen, die Ehenot zu bekämpfen,
            zum Bewußtsein zu bringen, nicht aber sie zu heilen. <hi rend="italic">Die unerlöste
              Natur</hi> ist stärker als aller gute Wille und alle guten Absichten. <hi rend="italic">Das Irdische für sich</hi> allein, ohne die Bewegung vom Himmel her, ist
            und bleibt Verworrenheit, Unrecht und Leiden. <hi rend="italic">Aus Tod</hi> kann nicht
            Leben werden. |</p>
          <p>Wohl aber <hi rend="italic">kann das Leben den Tod überwinden.</hi> Mann und Frau oder
            auch nur eins von Beiden - es ist dann wenigstens für dieses Eine von beiden genug [?] -
            können die Entdeckung machen, <hi rend="italic">daß sie noch mehr sind</hi> als Mann und
            Frau. Sie können <hi rend="italic">den Ruf vernehmen</hi>, als Mann oder als Frau: Folge
            du <hi rend="italic">mir</hi> nach! (So kann <hi rend="italic">die Hand des
              Schöpfers</hi> wieder bewahren [?], der das, was er erschaffen hat, auch erhalten<note xml:id="n03"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">3. Strophe des Liedes Nr.9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J.
              Schütz</persName> (RG [1998] 240; EG 326)</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Was unser Gott geschaffen hat,</l>
                  <l>das will er auch erhalten …</l>
                </lg></q></note> und zu Ehren bringen will.) Dann neigt sich die ewige Gotteswelt
              <hi rend="italic">ihnen entgegen</hi> und mit ihr [?] die himmlische Ordnung und
            Gestaltung der Ehe, die Verklärung und Erlösung der Ehe von oben her, nach der sie,
            solange sie das Eine nicht haben, vergeblich seufzen und suchen müssen. Dann wird die
            Ehe zu einem Stück <hi rend="italic">Kampf und Wanderschaft</hi>, das seine große
            Verheißung hat. Es fehlt ihr zwar auch dann nicht an Fragen und Rätseln, an
            Todeserscheinungen, es eröffnet sich aber die Aussicht auf die Auferstehung, es bahnt
            sich ein Weg, auf dem die Antworten und Kräfte je länger desto weniger ganz fehlen. <hi rend="italic">Es kann der Mann</hi> über seine selbstsüchtige Stärke hinweg lernen,
            liebzuhaben und weniger Unrecht zu tun. Und es kann die Frau über ihre Schwäche hinweg lernen,
            stark [zu] werden im <hi rend="italic">Dienen</hi> und weniger Unrecht zu leiden. Dem
            Manne, der liebt, kann die Frau gehorchen, und die Frau, die dient, kann den Mann
            lieben.</p>
          <p>
            <anchor type="note" xml:id="fn4"/>Das <hi rend="italic">Untertansein der Frau</hi> wird
            dann nicht mehr eine Folge ihrer Schwäche sein, ein hilfloses Nachgeben und Sich-Fügen
            unter den Launen und Einfällen der Männer, sondern in ihrer Weise auch etwas <pb ed="pga" xml:id="p281"/> Starkes. Ihr Respekt vor dem Mann wird dann willig und
            freudig sein und sie selbst nicht entwürdigen. Und so wird das <hi rend="italic">Liebhaben des Mannes</hi> nicht mehr eine fatale [?] Laune des Starken sein, sondern
            ein Tragen und Mitnehmen des schwachen Teiles. Und die Überlegenheit, die er in Anspruch
            nehmen darf, wird etwas im Grunde Demütiges sein. Der <hi rend="italic">Vergleich mit
              Christus</hi> ist für den Mann kein Anlaß, sich zu rühmen, denn Christus ist gekommen,
            um aller Diener zu sein und sich selbst hinzugeben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.45">Mk. 10,45</ref> par.]. Und der <hi rend="italic">Vergleich mit der
              Gemeinde</hi>, die von Christus erlöst ist, hat für die Frau nichts Beschämendes, denn
            die Gemeinde wird ja durch die Hingabe Christi herrlich und heilig gemacht. So kann sich
            das, was in der Ehe der Einheit widerstrebt, auflösen, und es entsteht doch kein
            ekles [?] Einerlei.<note xml:id="n04" target="fn4" n="4">Der Abschnitt ist im Mskr. am
              Ende des 3. Teiles nachgetragen und hierher verwiesen.</note></p>
          <p>Das <hi rend="italic">Unmögliche wird möglich.</hi> Die <hi rend="italic">Ungleichheit</hi> der Kräfte und der Aufgaben ist keine Gefahr und kein Verhängnis
            mehr in der Erkenntnis Gottes. Der <hi rend="italic">Schöpfer</hi>, der den Mann als
            Mann und die Frau als Frau geschaffen, findet seine Rechtfertigung, indem er sie erlöst.
            Es ist <hi rend="italic">kein Fehler</hi> in der Natur, wenn die Natur wieder richtig
            verstanden wird. Ehe heißt dann <hi rend="italic">Einheit, Verständnis, Hilfe.</hi> Die
            größte Hilfe, die ein Mensch dem anderen sein kann. Ehe heißt dann ein gemeinsames <hi rend="italic">Tragen und Getragenwerden</hi>, nicht mit gleichen Aufgaben und Kräften,
            aber in der Verbundenheit durch das gleiche Ziel, in der Gemeinschaft, die aus zwei
            Menschen wirklich einen macht.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Die Frage, vor der wir in dieser Sache
            stehen bleiben müssen, ist die, ob wir von der <hi rend="italic">Furcht Christi
              bewegt</hi> und erfüllt und getrieben sind. Das ist die Frage, die brennend werden muß
            überall, wo man empfindet, daß es zwischen Mann und Frau nicht steht, wie es sollte. Wir
            können die Ehefrage nicht allein und für sich lösen. Sie kann uns, wenn sie uns aufgeht,
            nur <hi rend="italic">tiefer hineintreiben</hi> in das Bitten, Suchen und Anklopfen
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.] um die Antwort, die
            Licht in alle Fragen bringt. Wenn es uns so stark fehlt an Kräften der Erlösung auf
            diesem Gebiet, so liegt es nicht daran, daß es hier keine Erlösung und Hoffnung gebe,
            wohl aber daran, daß wir noch nicht wissen, was Bitten, Suchen und Anklopfen ist, daran,
            daß wir dem Ruf: Folge du <hi rend="italic">mir</hi> nach! noch nicht getreu und gehorsam geworden sind.
            Warum <pb ed="pga" xml:id="p282"/> sollten wir’s nicht werden? Und dann wird dem
            Irdischen die heilende Kraft des Himmlischen zugute kommen.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-125" type="song"> Nr. 1 «Allein Gott in der Höh sei Ehr» von
              <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 221,1-3; EG 179,1-3 mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-139" type="song">Nr. 163 «Eine Herde und ein Hirt» von
              <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen 2.3.6 (GERS [1952] 385,2.3.6; EKG 220,2.3.6)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
