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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 4,7-16</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 4,7-16, 22. Juni 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39030 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 239.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39030</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 4,7-16</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">239</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 4,7-16, 22. Juni 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1914">KBA 1457</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-06-22">22. Juni 1919</date>
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          <term>sermon</term>
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          <head><idno>475</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-06-22">22. Juni 1919</date>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.7 Eph.4.16">Epheser 4,7-16</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Einem Jeden von uns ist die Gnade in dem Maß
                    gegeben, als sie ihm <hi rend="spaced">in Christus geschenkt</hi> ist. Darum
                    heißt es: Er ist aufgefahren in die Höhe und hat das Gefängnis gefangen genommen
                    und hat den Menschen Gaben gegeben. «Aufgefahren» - was heißt das Anderes, als
                    daß er auch niedergefahren ist in die Tiefe der Erde. Der niedergefahren ist,
                    ist derselbe, der auch aufgefahren ist über alle Himmel, auf daß er Alles
                    erfülle.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Und derselbe ist’s, der die Einen als Apostel, die
                    Anderen als Propheten, die Anderen als Evangelisten, die Anderen als Hirten und
                    Lehrer gegeben hat - Alles, um die Heiligen zuzubereiten zu ihrer Dienstleistung
                    am Bau des Leibes Christi - <hi rend="spaced">bis wir alle hinankommen zur
                      Einheit</hi> im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum
                    vollkommenen Mannesalter nach dem Maßstab der Fülle Christi, so daß wir nicht
                    mehr unwürdig sind, geschaukelt und umhergeworfen von jedem Wind der Lehre durch
                    das Spiel, das die Menschen treiben in ihrer Schlauheit, im Dienst trügerischen
                    Irrtums, sondern der Wahrheit dienen in Liebe und so wachsen in allen Stücken an
                    dem, der das Haupt ist, Christus.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Von ihm aus kann der ganze Leib, zusammengesetzt und
                    zusammengehalten durch den Dienst aller Gelenke, <hi rend="spaced">unter
                      bestimmter Betätigung jedes einzelnen Teiles wachsen</hi> und so sich selbst
                    auferbauen in der Liebe.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">«Der Mensch ist frei</hi> geboren, ist frei, und wäre er in Ketten
              geboren!»<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-1574"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, «Die Worte des Glaubens»</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,</l>
                  <l>Und würd’ er in Ketten geboren.</l>
                </lg></q></note> Nicht nur die Gedanken sind frei<note xml:id="n02">«Die Gedanken
              sind frei»: <bibl corresp="kbga-bibls-3718">«Lied der Verfolgten im Turm» eines unbekannten Verfassers in: <hi rend="italic">Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder</hi>, gesammelt von <persName ref="kbga-actors-4311">L. A.
              von Arnim</persName> (1781-1831) und <persName ref="kbga-actors-3823">Cl. Brentano</persName> (1778-1842)</bibl>.</note> - das ist nur der
            unvollkommene Anfang der Freiheit - <hi rend="italic">der Mensch selbst ist frei.</hi>
            Er darf sich <hi rend="italic">selber</hi><note xml:id="n03">= er selber.</note> sein.
            Er darf seinen eigenen <hi rend="italic">Weg</hi> gehen. Es ist in Jedem etwas <hi rend="italic">Besonderes</hi>, dieses Besondere darf sich zeigen, sich erfüllen und
            ausleben. Es hat Jeder seine <hi rend="italic">Bestimmung</hi> ganz für sich, dieser
            Bestimmung darf er treu sein. Kein Mensch hat das Recht, andere Menschen daran zu <hi rend="italic">hindern.</hi>
            <hi rend="italic">Kein Mensch hat das Recht</hi>, dich oder mich mit <pb ed="pga" xml:id="p233"/>
            <hi rend="italic">Mißtrauen oder Verachtung</hi> zu behandeln aus dem Grunde, weil wir
            nicht sind, was er und wie er ist. Weder großer Besitz, noch große Klugheit und
            Erfahrung, noch große Frömmigkeit geben dir die Erlaubnis, zu einem Anderen zu sagen
            oder auch nur von ihm zu denken: du solltest <hi rend="italic">dich mir anpassen</hi>,
            dahin stehen, wo ich stehe! Weder die Rücksicht auf  Familienzusammengehörigkeit noch die besten Erziehungsabsichten,
            weder die Aufrechterhaltung der besten Ordnung noch die Erzielung des größten
            Fortschritts geben uns die Erlaubnis, <hi rend="italic">die Freiheit Anderer zu
              bedrücken</hi> [?]. Wir dürfen sie dem Anderen <hi rend="italic">unter keinem
              Vorwand</hi> nehmen wollen, und wir dürfen sie uns selbst unter keinem Vorwand nehmen
            lassen. Was gegen die Freiheit des Menschen geht, <hi rend="italic">ist Sünde</hi>, und
            wenn es die größte Gerechtigkeit wäre. Denn <hi rend="italic">in Gott ist Freiheit.</hi>
            Gott will freie Menschen. Gott will in freien Menschen zu Ehren kommen auf der Erde. Es
            ist eine <hi rend="italic">direkte Beziehung</hi> zwischen Gott und jedem einzelnen
            Menschen, die duldet keine Störung, keine Einmischung, keinen Zwang. <hi rend="italic">Ihre Engel</hi> im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters! Das hat Jesus
            von den Kindern, von den Geringsten gesagt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.10">Mt. 18,10</ref>]. Es hat also allgemeine Geltung. Wir haben nicht nur das Recht,
            sondern die Pflicht, diese direkte Beziehung <hi rend="italic">rein zu halten</hi>,
            unsere eigene und die anderer. Es handelt sich um etwas, mit dem wir um Gottes Willen
              <hi rend="italic">mit Respekt</hi> umgehen müssen. Freiheit ist nicht nur
            Menschen-Recht, sondern <hi rend="italic">göttliche Gerechtigkeit</hi> für den Menschen.
            Wer sich danach sehnt, sich dafür wehrt, darum kämpft, meint <hi rend="italic">im Grunde
              das Richtige</hi>, auch wenn er vielleicht im Übrigen mit allerlei Irrtümern belastet
            ist.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> «Einem Jeden von uns ist die Gnade in dem
            Maß gegeben, als sie ihm in Christus geschenkt ist.» Ich möchte diese Worte den <hi rend="italic">Geburtsschein der Freiheit</hi> nennen. Wer die Freiheit nicht <hi rend="italic">versteht</hi>, wem es schwer fällt, mit seiner eigenen Freiheit und der
            Anderer einmal <hi rend="italic">ernst</hi> zu machen, wer sich nicht getraut, an die
            Notwendigkeit und an den Triumph der Freiheit zu <hi rend="italic">glauben</hi>, der
            sollte immer wieder diese Worte lesen und überdenken und sich fragen, ob es ihm nicht
            doch möglich wäre, zu verstehen, wie es gemeint ist. Diese Worte sind <hi rend="italic">eine Siegesbotschaft.</hi> Man sieht ja im Leben Vieles, was Einem an der Freiheit
              <hi rend="italic">irremachen</hi> könnte. Man sieht Millionen Menschen, die <hi rend="italic">unfrei sind</hi> und nicht einmal frei werden wollen. Man sieht die
            großen <hi rend="italic">Gefäng<pb ed="pga" xml:id="p234" break="no"/>nisse und
              Knechtungen</hi>, unter denen sich die Menschen befinden, ohne es zu wissen, z. B. das
            Geld. Man sieht die großen <hi rend="italic">moralischen Unterschiede</hi> zwischen den
            Menschen, man sieht, wie der Gedanke der Freiheit in der Welt <hi rend="italic">mißbraucht</hi> wird, wie man von Freiheit redet, wo es sich nur um Torheit und
            Selbstsucht handelt. Man sieht in sich selber eine so große <hi rend="italic">Schwachheit</hi>, ein so großes Bedürfnis, sich anzulehnen und leiten zu lassen. Das
            alles kann einen in Versuchung führen, die Freiheit zu <hi rend="italic">verdächtigen</hi> als etwas Gefährliches und Unmögliches, uns darein zu
              
            <hi rend="italic">ergeben</hi>, daß wir selbst und Andere ohne Druck und Zwang nicht
            auskommen, die Freiheit als ein hohes <hi rend="italic">Vorrecht</hi> einzelner edler
            Seelen zu betrachten. <hi rend="italic">Aber die Bibel</hi> ist nicht dieser Meinung.
            «Einem Jeden von uns ist die Gnade gegeben». Da haben wir die <hi rend="italic">direkte
              Beziehung</hi> von Gott zu jedem Einzelnen. Es ist ein <hi rend="italic">Durchbruch</hi> geschehen durch alle Arten von Unfreiheit hindurch. Es ist eine <hi rend="italic">göttliche Erlaubnis</hi> gegeben: Du darfst dich selber sein! und ein
              <hi rend="italic">göttlicher Befehl:</hi> Du sollst auch die Anderen sich selber sein
            lassen! Es ist von Gott in Christus <hi rend="italic">Jedem Gnade</hi> gegeben. Es mag
            Alles wahr sein, was man gegen die Freiheit des Menschen einwenden kann, aber <hi rend="italic">in Christus hat sich Alles gewendet.</hi> Der Mensch ist Allem zum Trotz
            doch frei in Christus. <hi rend="italic">Wer diesen göttlichen Sieg begreift</hi> und
            sich auf diesen Boden stellt, der muß an die Freiheit glauben und Freiheit betätigen.
            Alles, was er <hi rend="italic">dagegen sagen und tun</hi> könnte, ginge ja an Christus
            und an seinem Sieg vorbei, es würde gleichsam im Schatten geschehen, wo das Licht noch
            nicht hingedrungen ist. Er verehrt die Freiheit als <hi rend="italic">das große
              göttliche Wunder</hi> und macht eben darum keine Vernunftgründe mehr dagegen geltend.
            Er <hi rend="italic">seufzt zum mindesten darüber</hi>, wenn er teilweise noch nicht
            frei ist und wohl auch Anderen noch nicht Freiheit lassen kann. Es kann ihm <hi rend="italic">nicht wohl sein</hi> beim Zwängen und Drängen, sondern er schreit in
            seinem Inneren zu Gott um mehr Gnade, mehr Freiheit für sich und die Anderen. Er <hi rend="italic">fürchtet sich nicht</hi> mehr vor der Freiheit, sondern er sagt Ja dazu
            aus ganzem Herzen und ohne Mißtrauen. Er wagt es, <hi rend="italic">den Anderen immer
              ein wenig voran</hi> zu sein im freien Denken, freien Reden und freien Handeln, im
            Freigeben auch seiner Mitmenschen, und wenn man ihn darum einen Toren nennen würde. <hi rend="italic">Wer das weiß</hi>, daß Freiheit ein Geschenk ist, ein Wunder, ein Sieg
            Gottes, der wird keinen Anfang damit und keine Befreiungen [?] verachten. Was man als
              <hi rend="italic">göttliches Geschenk</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p235"/> bekommt und versteht und annimmt und gebraucht, das muß zum
            Segen ausschlagen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi>
            <hi rend="italic">Die Freiheit ist für alle Menschen.</hi> Wenn wir unseren Text lesen,
            bekommen wir den Eindruck, als ob tausende und <hi rend="italic">tausende von Türen</hi>
            aufgingen von Gott her gegen die Menschenwelt hin. Da ist <hi rend="italic">Keines, für
              das sich nicht</hi> eine Tür öffnete vom Himmel her. Es ist wohl wahr, daß es Menschen
            gibt, die <hi rend="italic">in einer so grausigen Tiefe</hi> von Sünde und Not leben,
            daß es fast wie ein Hohn aussieht, zu ihnen zu sagen: auch du bist ein freier Mensch,
            frei in Gott. Aber es ist <hi rend="italic">noch wahrer</hi><note xml:id="n04">Die
              beiden Worte «noch wahrer» sind durch einen Bogen unterstrichen.</note>, daß das Wort
            Gottes, das Wort der Erlösung <hi rend="italic">an alle Menschen gerichtet</hi> ist, an
            die auf der Höhe und an die in der Tiefe. <hi rend="italic">Mit Menschenaugen</hi>
            betrachtet  mag es unerreichbare,
            unerlösbare, hoffnungslos unfreie Menschen geben, <hi rend="italic">vom Standpunkte
              Gottes</hi> aus gibt es nichts Unerreichbares [?]. <hi rend="italic">Christus ist
              niedergefahren</hi> zur Hölle und aufgefahren gen Himmel.<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-544"><hi rend="italic">Symbolum Apostolicum</hi>, BSLK, S. 21</bibl>.</note> Er ist <hi rend="italic">der Heiland</hi> der Sünder und der Gerechten, der Blöden und der
            Klugen. Im Reich Gottes herrscht in diesem Sinn <hi rend="italic">volle Demokratie.</hi>
            Wenn wir es damit ernst nehmen würden, so würden wir sehen, wie wahr das tatsächlich
            ist. |</p>
          <p>Auch das ist wahr, daß <hi rend="italic">wir alle in Gefängnissen</hi> sind, die es uns
              <hi rend="italic">verleiden</hi> möchten, an die Freiheit des Menschen zu glauben. <hi rend="italic">Muß man nicht</hi> fast an die Notwendigkeit von Zwang und Gewalt
            glauben, wenn man etwa an einem <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName><note xml:id="n06">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p204#fn_n05" type="pub">S. 204, Anm.5</ref>.</note>
            sieht, wie abhängig auch die besten Menschen von Anderen sind, von Mächten, gegen die
            sie nichts vermögen? Aber es ist auch da <hi rend="italic">noch wahrer</hi><note xml:id="n07">Die beiden Worte «noch wahrer» sind durch einen Bogen
              unterstrichen.</note>, daß das <hi rend="italic">Urteil</hi> über alle solche
            Abhängigkeiten von Gott gesprochen ist, wir würden sonst nicht so darunter <hi rend="italic">leiden</hi>, wir würden es gar nicht <hi rend="italic">merken</hi>, wir
            wären nicht so <hi rend="italic">enttäuscht</hi> über diesen Mann, nachdem wir so viel
            von ihm erwartet haben. Das Gefängnis ist <hi rend="italic">gefangen</hi> genommen!,
            sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Es geht ein Hauch von <hi rend="italic">Freiheitsluft</hi> durch alle die
            Löcher, in denen wir uns befinden. Wir <hi rend="italic">müßten nicht</hi> in diesen
            Löchern sein, niemand müßte. <hi rend="italic">Niemand</hi> ist ausgeschlossen. Wir
            müßten auch das nur ernst nehmen, um schon zu sehen, wie wahr es ist. |</p>
          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p236" rend="noPipe"/> Auch das ist wahr, daß es <hi rend="italic">unter den Menschen so große Unterschiede</hi> der Richtung und des Charakters gibt,
            daß man <hi rend="italic">das Schlimmste befürchten</hi> müßte, wenn jeder die Erlaubnis
            bekommt, sich selber zu sein und in Gottes Sonne seinen eigenen Weg zu gehen. Aber <hi rend="italic">noch wahrer</hi><note xml:id="n08">Die beiden Worte «noch wahrer» sind
              durch einen Bogen unterstrichen.</note> ist’s, daß der <hi rend="italic">Irrtum</hi>
            gerade da sein Spiel treibt, wo man die Freiheit nicht versteht, wo man sich nicht
            getraut, geradeaus zu gehen und andere geradeaus gehen zu lassen. Wenn dagegen die
            Freiheit kommt, dann <hi rend="italic">kommt mit ihr die Wahrheit</hi>, dann <hi rend="italic">dienen die Menschen</hi> von selbst der Wahrheit, und zwar in Liebe, wie
            es in unserem Text so schön heißt. Das «Geschaukelt- und Umhergeworfenwerden von jedem
            Wind der Lehre» <hi rend="italic">hört auf</hi>, wenn der Mensch auf seine eigenen Füße
            zu stehen kommt. Der Betrug liegt immer darin, daß man <hi rend="italic">nach dem
              Anderen schielt.</hi> Würde nur ein Jedes <hi rend="italic">aufrichtig sich selber
              suchen und finden</hi>, würde man nur ganz ernst damit machen, so würden wir gerade
            damit aus dem Durcheinander und den Trennungen <hi rend="italic">heraus</hi>kommen und
            es lernen, einander <hi rend="italic">wirklich</hi> zu dienen. Denn dienen kann man
            einander nur mit der <hi rend="italic">Wahrheit.</hi> Die Wahrheit aber gedeiht nur in
            der Luft der <hi rend="italic">Freiheit.</hi></p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Seht, das ist gerade das Große, daß die <hi rend="italic">Freiheit der Friede</hi> ist, daß die Freiheit den Streit und die
            Gegensätze aufhebt. Man kann nur 
            solange <hi rend="italic">zanken</hi>, als man die Freiheit noch nicht verstanden hat.
            Es sind tausend und tausend von <hi rend="italic">verschiedenen</hi> Türen, große und
            kleine, enge und weite, schöne und weniger schöne, die sich von Gott her öffnen gegen
            die Menschenwelt. Es ist in der Gnade und im Dienste der Wahrheit ein unendlicher <hi rend="italic">Reichtum</hi> von Möglichkeiten. Im Reich Gottes gibt es keine öden <hi rend="italic">Uniformen</hi> und keine langweiligen <hi rend="italic">Fabrikwaren</hi>, wo ein Stück dem anderen gleichen muß. Hier darf man <hi rend="italic">ungleich</hi> sein. Hier darf man seine <hi rend="italic">Meinung</hi>
            haben und seinen Weg gehen. Hier hat man’s nicht wie in gewissen <hi rend="italic">Vereinen</hi>, wo man sich das Wort gibt: von dem und dem wird bei uns nicht geredet,
            weil wir sonst doch nur auseinander kommen. Im Reich Gottes kann man von Allem reden und
            kommt doch nicht auseinander, im Gegenteil: <hi rend="italic">je aufrichtiger</hi> und
            tapferer jedes seinen Weg sucht und findet und geht, <hi rend="italic">um so
              sicherer</hi> kommt das Ganze zueinander, wie es beim Singen darauf <pb ed="pga" xml:id="p237"/> ankommt, daß jede Stimme ihren eigenen Ton trifft und sich nicht durch
            die anderen verwirren läßt. Denn <hi rend="italic">Gott ist’s nicht leid</hi>, daß du so
            bist und du so und ich so, sondern er <hi rend="italic">will gerade das haben</hi>, er
            hat mit <hi rend="italic">Absicht</hi> jedem seinen Ton gegeben, und nun kommt es nur
            darauf an, daß wir ihn mit aller Treue <hi rend="italic">sicher und fest</hi> halten.
            Dann können wir sicher sein, daß es im Ganzen <hi rend="italic">stimmt</hi> zueinander.
            Ich möchte als größtes Beispiel <hi rend="italic">die Bibel selbst</hi> nennen mit ihrer
            wahrhaft erstaunlichen Mannigfaltigkeit. Es ist <hi rend="italic">Alles Wort
            Gottes</hi>, gerade darum darf es so mannigfaltig sein. Und gerade in seiner <hi rend="italic">Mannigfaltigkeit</hi> redet es um so deutlicher und kräftiger von dem
            Einen. «Derselbe ist’s, der die Einen als Apostel, die Anderen als Propheten, die
            Anderen als Evangelisten, die Anderen als Hirten und Lehrer gegeben hat.» Es haben alle
            Platz <hi rend="italic">nebeneinander</hi>, gerade darum, weil sie eigentlich nicht
            nebeneinander stehen in ihrer Verschiedenheit, sondern miteinander an der großen,
            gemeinsamen Sache Gottes. Und sie können die <hi rend="italic">gemeinsame
              Gottessache</hi> vertreten, weil sie auch wieder ruhig nebeneinander stehen können in
            ihrer Verschiedenheit. Wo es sich um die <hi rend="italic">Wahrheit</hi> handelt, da
            waltet Freiheit. Und wo <hi rend="italic">Freiheit</hi> ist, da gerade kommt auch die
            Wahrheit zu Ehren, und das eben in der Liebe, im Frieden, in der Einheit. |</p>
          <p>Wenn jeder <hi rend="italic">einzelne Teil</hi> seine bestimmte Tätigkeit hat, dann
            wächst <hi rend="italic">der Leib Christi</hi>, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Er will uns auffordern,
            doch endlich einmal <hi rend="italic">Vertrauen zu fassen zu dem Ganzen</hi>, zum
            Zusammenhang, in dem wir stehen - und dann auch zu uns selber - und dann auch zu den
            Mitmenschen. Sind wir in Christus, so wagen wir es, uns selbst ganz <hi rend="italic">ernst zu nehmen</hi>, unseren eigenen Weg nicht mehr als einen Zufall aufzufassen,
            sondern  als eine hohe Berufung, der wir
            folgen müssen. Sind wir in Christus, dann nehmen wir aber <hi rend="italic">auch die
              Anderen ganz ernst</hi>, trauen es ihnen zu, daß auch sie nicht nur aus Laune oder
            Bosheit ihren Weg gehen, glauben ihnen, daß auch sie ihre Berufung haben, und freuen
            uns, wenn sie ihr folgen, und helfen ihnen dazu aus allen Kräften. Sind wir in Christus,
            dann <hi rend="italic">verlieren wir die Angst</hi>, als ob der Mangel an Uniform, der
            Mangel an Friedhofsfrieden ein Unglück sei, dann suchen wir das, was uns und die Anderen
            zusammenhält, zusammenbringt, zusammenführt dem gleichen Ziel entgegen. Sind wir in
            Christus, dann brauchen wir die faule Ermahnung zur sogenannten <hi rend="italic">Toleranz nicht.</hi> Toleranz heißt: sich gehen las<pb ed="pga" xml:id="p238" break="no"/>sen. Wir sollen uns nicht gehen lassen, wir sollen miteinander gehen, und
            zwar in Gott miteinander gehen, und dazu muß man wissen, was man will, muß man eine
            feste Wahrheit vor Augen haben. Sind wir in Christus, dann wird doch <hi rend="italic">kein Zank daraus</hi>, sondern man geht respektvoll und zart miteinander um, man
            schont sich, man trägt sich, man hilft einander. Wenn wir doch Vertrauen fassen wollten,
              <hi rend="italic">Vertrauen zu Gott</hi>, der dein und mein Herr ist und der Herr
            aller Menschen! Es ist ja doch nur ein Mangel an Gottvertrauen, wenn wir so unfrei sind.
            Ein starker Glaube lebt in einer großen Freiheit. Wem es <hi rend="italic">ernst
              wird</hi> mit dem Leben, der steht und geht auf <hi rend="italic">seinen</hi> Füßen.
            Wer <hi rend="italic">Gott versteht</hi>, der wird demütig, sanftmütig, geduldig [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.2">Eph. 4,2</ref>]. Nur <hi rend="italic">ohne
              Gott</hi> sind wir abhängig, furchtsam, auf Andere angewiesen. Nur <hi rend="italic">ohne Gott</hi> können wir Andere bedrängen, knechten, meistern. In Gott gibt es <hi rend="italic">nichts Steifes</hi>, Gefrorenes, Hölzernes. In Gott ist Alles <hi rend="italic">lebendig</hi>, ein jegliches nach seiner Art [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.21">Gen. 1,21</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.24 Gen.1.25">24f.</ref>]. Und daß <hi rend="italic">das Böse</hi>, die Lüge, das Unrecht sein
            Gericht finde, dafür ist gerade in Gott gesorgt. Es hat jetzt seine Zeit, aber es wird
            mit Feuer verbrannt, wenn seine Stunde da ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.40">Mt. 13,40</ref>]. Wir aber sollen <hi rend="italic">Gottes klaren
              Willen</hi> ernster nehmen als das Böse, das ihm entgegensteht. Laß dich nicht vom
            Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse <hi rend="italic">mit Gutem</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">Röm. 12,21</ref>]!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi>
            <hi rend="italic">In Gott ist Freiheit.</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat nicht von schönen Idealen
            geredet, sondern von dem, was <hi rend="italic">in Gott</hi> wahr ist und wirklich wird.
            Wir wollen nicht heimgehen und sagen: ja, das ist schön, so sollte man sein!, um dann
            seufzend zu erkennen, daß wir doch nicht so sind. Sondern wir wollen heimgehen und uns
            fragen, <hi rend="italic">wie wir zu Gott stehen.</hi>
            <hi rend="italic">Ohne Gott</hi> ist keine Freiheit. <hi rend="italic">Ohne Gott</hi>
            müssen wir die schwersten Bedenken haben gegen die Freiheit. <hi rend="italic">Ohne
              Gott</hi> sehen wir überall die Schranken, die uns und Anderen die Freiheit unmöglich
            machen. Ohne Gott fällt Alles auseinander: die  Freiheit der Welt ist der Krieg Aller gegen Alle<note xml:id="n09">Vgl.
              <bibl corresp="kbga-bibls-5421"><persName ref="kbga-actors-2041">Th. Hobbes</persName>, <hi rend="italic">Elementa philosophica de cive</hi>, Paris 1642,
              Amsterdam 1647, S. 12f.</bibl>: der Zustand der Menschen außerhalb der Gesellschaft war kein
              anderer als ein «<foreign xml:lang="lat">bellum omnium contra omnes</foreign>».</note>. Aber <hi rend="italic">es muß ja
              nicht sein</hi>, daß wir «ohne Gott in der Welt» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.12">Eph. 2,12</ref>] stehen. Wir können auch <hi rend="italic">ernsthaft</hi>
            werden. Wir können <pb ed="pga" xml:id="p239"/> auch <hi rend="italic">glauben.</hi> Wir
            können auch <hi rend="italic">Verständnis</hi> und Zutrauen gewinnen zu Gott. Wir können
            auch, statt lahm und tot und abgeschnitten zu sein, <hi rend="italic">wachsen</hi> in
            allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus. Wir können uns auch <hi rend="italic">bekehren</hi> zu dem, der uns geschaffen und erlöst hat. Dann wird Alles anders. Auf
            den <hi rend="italic">Bergen</hi> ist Freiheit.<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-1543"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Braut von Messina</hi>, V.2586</bibl>.</note> Wir sind <hi rend="italic">noch nicht</hi> auf den Bergen. Aber wir können unsere <hi rend="italic">Augen
              erheben</hi> zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.121.1">Ps. 121,1</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-66" type="song"> Nr. 33 «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von
              <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName>, Strophen 1-3 (Reichs-Lieder 513,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-120" type="song">Nr. 159 «Fahre fort, fahre fort» von
              <persName ref="kbga-actors-5610">J. E. Schmidt</persName>, Strophen 1.4.5 (GERS [1952] 351,1.5.6; EKG 213,1.5.6)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
