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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 2,11-22</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 2,11-22, 25. Mai 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39026 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 205.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 2,11-22</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">205</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 2,11-22, 25. Mai 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1910">KBA 1453</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-05-25">25. Mai 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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      <div type="sermon">
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          <head><idno>471</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-05-25">25. Mai 1919</date>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.11 Eph.2.22">Epheser 2,11-22</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Darum gedenket daran, daß ihr, die ihr einst
                    nach dem Fleisch Heiden gewesen seid und Unbeschnittene genannt wurdet von
                    denen, die Beschneidung genannt sind (nach dem Fleisch, die mit Händen gemacht
                    ist!) - daß ihr zu jener Zeit außer Christus waret, ohne Anteil an der
                    Bürgerschaft Israels und ohne Anrecht auf die Testamente der Verheißung, ohne
                    Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Jetzt aber, in Jesus Christus, seid ihr, die ihr
                    einst <hi rend="spaced">ferne</hi> waret, <hi rend="spaced">nahe</hi> geworden
                    durch das Blut Christi.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Denn er ist unser Friede. Er hat aus den Getrennten
                    Eins gemacht und den Zaun, der dazwischen war, der Feindschaft, niedergerissen.
                    Er hat in seinem Fleische das Gesetz der in Satzungen gebrachten Gebote abgetan,
                    damit er als Friedensstifter aus <hi rend="spaced">zweien</hi>
                    <hi rend="spaced">einen</hi> neuen Menschen schaffe in ihm selber und die
                    Getrennten als ein Leib versöhne mit Gott durch das Kreuz. Er hat die
                    Feindschaft getötet durch sich selbst.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Und so ist er gekommen und hat Frieden verkündigt
                    euch, die <hi rend="spaced">ferne</hi> waren, und Frieden denen, die <hi rend="spaced">nahe</hi> waren. Denn durch ihn haben wir, die bisher
                    Getrennten, den Zugang zum Vater in <hi rend="spaced">einem</hi> Geist.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,
                    sondern seid Bürger mit den Heiligen und Hausgenossen Gottes, erbaut auf dem
                    Grunde der Apostel und Propheten, da Christus Jesus der Eckstein ist. In ihm
                    wächst Alles, was darauf gebaut ist, zusammengefügt zu einem heiligen Tempel im
                    Herrn. In ihm werdet auch ihr gebaut zu einer Behausung Gottes im
                  Geist.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">In Gott sind wir einig.</hi> Wir müssen es nicht erst werden, wir <hi rend="italic">sind</hi> es schon. In Gott sind wir nicht nur Viele, sondern in der
            Vielheit der Glieder <hi rend="italic">ein Leib.</hi> Von Gott sind wir bei aller
            Verschiedenheit <hi rend="italic">gemeinsam</hi> getragen und bewegt. Im Lichte der
            Wahrheit Gottes betrachtet, stehen wir alle, wo wir auch stehen mögen, an der <hi rend="italic">gleichen Sache</hi>, in der gleichen Not, aber auch in der gleichen
            Hoffnung. Und in der Kraft Gottes verstehen wir einander, freuen wir uns übereinander,
              <hi rend="italic">helfen</hi> wir einander. In Gott ist <hi rend="italic">Friede</hi>
            auf Erden - <hi rend="italic">ist</hi> Friede, hört ihr’s, so gewiß eben Gott ist und so
            gewiß die Erde des Herrn ist und was darinnen ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.1">Ps. 24,1</ref>].</p>
          <p><hi rend="italic">Gott weiß nichts von den Gegensätzen,</hi> die uns trennen, und
            sofern  wir in Gott sind, wissen auch
            wir nichts davon. Sie betreffen nicht Gott und nicht das an uns, was aus Gott geboren
            ist. <hi rend="italic">Wir haben verschie<pb ed="pga" xml:id="p199" break="no"/>dene</hi> Meinungen, Standpunkte, Ideen und Interessen. Das ist wahr, und das läßt
            sich nicht wegwischen. Es ist ein unerhörter Reichtum oder auch ein verwirrendes
            Durcheinander an verschiedenen Wahrheiten, von dem wir Menschen erfüllt und umgetrieben
            sind. Das wird in der heutigen Zeit deutlich offenbar, sogar in einer kleinen Gemeinde
            wie der unsrigen, oft in der gleichen Familie, oft zwischen den nächststehendsten
            Menschen. Junge Leute möchten sich freuen über den Reichtum und die Bewegung, ältere
            möchten eher seufzen über das Durcheinander, aus dem man nicht mehr drauskomme. Es ist
            jedenfalls so. Die Verschiedenheiten sind vorhanden. Aber es ist <hi rend="italic">nicht</hi> wohlgetan, <hi rend="italic">in Gott getan</hi>, wenn wir uns um der
            Verschiedenheiten willen voneinander trennen, uns fallen lassen und abstoßen. In Gott
            sind wir einig. In Gott meinen wir bei allen Verschiedenheiten das Gleiche. Denn wenn
            wir uns fragen, woher sie eigentlich kommen, so können wir schwerlich auf etwas Anderes
            kommen, als daß es <hi rend="italic">Gaben Gottes</hi> sind, die wir <hi rend="italic">entweder</hi> rechtmäßig empfangen haben von ihm durch seine Güte <hi rend="italic">oder</hi> die wir uns übermütig genommen haben durch unsere Frechheit und
            Voreiligkeit, - Lichtstrahlen aus dem Schatz seiner Herrlichkeit, <hi rend="italic">entweder</hi> direkte, reine Strahlen <hi rend="italic">oder</hi> aber gebrochene und
            getrübte durch das schmutzige Glas unserer Herzenshärtigkeit. - Es kommt alles Eigene,
            was wir sind und haben, <hi rend="italic">entweder</hi> aus Gottes Gnade <hi rend="italic">oder</hi> aus unserem Abfall von Gott. - Es ist uns geschenkt, <hi rend="italic">oder</hi> es ist von uns geraubt. Es gibt im Grunde <hi rend="italic">nichts Eigenes.</hi> Um das, was uns nicht gehört, können wir <hi rend="italic">aber
              nicht streiten.</hi> Es kommt von Gott. In Gott <hi rend="italic">aber ist kein
              Streit.</hi> Alle menschliche <hi rend="italic">Größe</hi>, die echte und die unechte,
            alle menschliche Wahrheit, die reine und die verkehrte, alle menschliche <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, die wahre und die eingebildete, sie ruhen im Frieden
            seiner Hände<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5432"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Westöstlicher
                  Diwan</hi> I,4, «Talismane»</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Gottes ist der Orient!</l>
                  <l>Gottes ist der Okzident!</l>
                  <l>Nord- und südliches Gelände</l>
                  <l>Ruht im Frieden seiner Hände.</l>
                </lg></q></note>. Er weiß nichts von unseren Streitigkeiten. Und <hi rend="italic">unser Herz</hi> weiß auch nichts davon. Es ist bei allen Gegensätzen, die uns
            bewegen, etwas in uns, das nicht mitstreitet, das nicht hineingezogen sein will in die
            Gegensätze. Unser Herz steht über den Parteien. In unseren Herzen sind wir <hi rend="italic">einig.</hi> Unser Herz ist <hi rend="italic">still</hi> zu Gott, der uns
            hilft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.62.2">Ps. 62,2</ref>].</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p200" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">Was wird in Gott aus unseren Gegensätzen?</hi> Wollen wir etwa die <hi rend="italic">faule Parole</hi> ausgeben, unsere Verschiedenheiten seien gleichgültig?
              <hi rend="italic">Gleichgültig</hi>, ob wir <hi rend="italic">gläubig</hi> seien oder
            ungläubig, <hi rend="italic">frei</hi> oder gefangen, <hi rend="italic">ernst</hi> oder
            leichtfertig, <hi rend="italic">offen</hi> oder borniert, <hi rend="italic">verständnisvoll</hi> oder verständnislos gegenüber den Zeitereignissen? Tue recht und
            scheue  niemand!<note xml:id="n02">1911
              hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Genfer Gemeinde-Blatt eine
              kleine Abhandlung über dieses «Sprüchlein» geschrieben in: <bibl corresp="kbga-bibls-215"><hi rend="italic">Vorträge und kleinere Arbeiten
                  1909-1914</hi> (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1993, <ref type="pub-" target="../volume/22/p288#p288">S. 288-292</ref></bibl>.</note>
            Wollen wir die Grundsätze der Grundsatzlosen verherrlichen, die Partei der Parteilosen,
            den Standpunkt derer, die überhaupt nirgends stehen? Dann wollen wir <hi rend="italic">uns wohl hüten</hi>, den Gott des Friedens zum Schanddeckel unserer
            Geistesschwachheit und Unaufrichtigkeit zu machen, die gut und böse, schwarz und weiß am
            liebsten ununterschieden lassen möchte. <hi rend="italic">Das hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></hi> in seiner
            Beschreibung des Friedens, der durch Christus gestiftet ist auf der Erde, auch nicht
            getan. Er hat die Juden und die Heiden miteinander verglichen und keinen Augenblick
            daran gezweifelt, daß <hi rend="italic">die Juden tausendmal mehr</hi> und die Heiden
            tausendmal weniger göttliches Recht und göttliche Wahrheit auf ihrer Seite hatten. Er
            hält das den Heiden auch ganz offen vor: Ihr waret weit weg, sagt er ihnen, während jene
            nahe waren. <hi rend="italic">Es gibt Recht</hi> und Unrecht, Wahrheit und Irrtum,
            Gottesgemeinschaft und Gottlosigkeit, und das verteilt sich nicht etwa gleichmäßig auf
            alle Menschen, so daß man nach bequemer Art sagen könnte: Alle haben Recht und alle
            haben Unrecht. Nein, es gibt <hi rend="italic">eine Partei</hi>, die mehr, und eine
            andere, die weniger das Richtige trifft, es ist hier mehr Gnade und dort mehr Abfall. Es
            sind hier <hi rend="italic">mehr reine</hi> und dort mehr getrübte Strahlen vom
            anfänglichen Gotteslicht. Aber nicht wahr, fährt er dann fort, nun ist ja <hi rend="italic">etwas anders geworden</hi> zwischen euch Juden und euch Heiden, zwischen
            euch Rechthabern und euch Unrechthabern. <hi rend="italic">Was waret ihr</hi>, fragt er
            die Heiden, und sie müssen ihm antworten: außer Christus, ohne Anteil an der
            Bürgerschaft Israels, ohne Anrecht auf die Testamente der Verheißungen, ohne Hoffnung
            und ohne Gott in dieser Welt. Das ist wenig, das ist nichts, das ist ein scharfes Urteil
            über sie. Aber <hi rend="italic">was seid ihr nun?</hi>, fragt er weiter, und sie können
            antworten: Nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes
            Hausgenossen. Das ist viel, das ist Alles, da stehen sie auf <pb ed="pga" xml:id="p201"/> einmal in einem ganz neuen, erfreulichen Lichte. Das ist’s, <hi rend="italic">was in
              Gott wird aus unseren Gegensätzen.</hi>
            <hi rend="italic">Das Verhältnis</hi> der Rechthaber und der Unrechthaber wird ein
            anderes. Es gehen unsichtbare Türen auf zwischen ihnen. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi>
            ist nicht nur der Juden Vater, sondern auch der Heiden, die in die Nachfolge seines
            Glaubens eintreten wollen. [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.7 Gal.3.9">Gal. 3,7-9</ref>]. Die <hi rend="italic">Wahrheit</hi> gehört
            nicht nur denen, die sie erkannt haben, sie haben sie nur in Aufbewahrung übernommen
            auch für die, die sie jetzt noch nicht erkennen. Das <hi rend="italic">Recht</hi> ist
            nicht das Eigentum derer, die Recht haben, sie verwalten es nur für die, die jetzt noch
            nicht Recht haben. Eine <hi rend="italic">gute Sache</hi> kann gar nicht Parteisache
            bleiben, sie hat den Drang in sich, die Sache aller Menschen zu werden. - In Gott wird
            aus den Gegensätzen unserer Verschiedenheiten ein <hi rend="italic">Teilnehmen.</hi> -
            Die  Heiden bekommen <hi rend="italic">Anteil</hi> an Israels Segen und Verheißungen. Die Armen dürfen sich zu den Reichen
            stellen und ihren Reichtum <hi rend="italic">mitgenießen.</hi> Die Unrechthaber treten
            frank und frei an die Seite der Rechthaber und haben <hi rend="italic">auch Recht.</hi>
            Die Irrenden werden die Brüder derer, die die Wahrheit kennen, denn es ist auch <hi rend="italic">ihre Wahrheit.</hi> - Die vorher Getrennten stehen nicht mehr da, die
            hier, die dort, sie sind in gemeinsame <hi rend="italic">Bewegung</hi> gekommen. Sie
            sind <hi rend="italic">noch, was sie sind</hi>, Juden und Heiden, Rechthaber und
            Unrechthaber, und doch in dieser gemeinsamen Bewegung auch schon etwas Drittes, Höheres.
            Sie können wohl <hi rend="italic">noch streiten</hi>, aber nicht mehr im Ernst, nicht
            mehr mit Trennungsgedanken, sondern wie im Spiel, zur Erklärung, zum gemeinsamen
            Fortschreiten. Die <hi rend="italic">Verschiedenheit</hi> ist nicht beseitigt, wie die
            Verschiedenheit von Mann und Frau in der Ehe nicht aufhört, aber aus der Verschiedenheit
            wird nun etwas Neues, Besseres erzeugt und geboren, dem wenn nicht die Gegenwart, so
            doch die Zukunft gehört. Die <hi rend="italic">Verschiedenheiten</hi> lösen sich nicht
            auf, sie werden aber zu Bausteinen an der Behausung, die Gott bei den Menschen, nicht
            nur bei einzelnen, sondern im Ganzen des Menschheitslebens haben will. Die gegensätzlich
            gestellten Menschen <hi rend="italic">trennen sich nicht mehr;</hi> sie wachsen
            miteinander in das hinein, was größer ist als beide Teile.</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">wie ist ihnen das möglich,</hi> wie kommen sie dazu? <hi rend="italic">Nicht damit</hi>, daß sie zueinander sagen: Wir müssen auszukommen
            suchen, weil wir aufeinander angewiesen sind. Das ist gegenüber den ernsten Gegensätzen,
            von denen wir z. B. heute bewegt sind, eine ganz unzulängliche Weisheit. Sondern <hi rend="italic">im Geist</hi>, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, wird’s wahr, daß <pb ed="pga" xml:id="p202"/> wir einig sind. Der Geist ist die <hi rend="italic">Macht Gottes.</hi> Wenn die Macht
            Gottes <hi rend="italic">durchbricht</hi> bei den Menschen, wenn die Menschen <hi rend="italic">erkennen, woher</hi> sie ihre Ideen und Meinungen haben, die wahren und
            die falschen, wenn sie wieder <hi rend="italic">verstehen</hi>, <hi rend="italic">wo das
              Gute</hi>, das mehr und das weniger Gute, seinen Ursprung hat, wenn die Rechthaber
            nicht mehr hochmütig sind, sondern nur noch <hi rend="italic">dankbar</hi> und die
            Unrechthaber nicht mehr blind, sondern nur noch <hi rend="italic">erschrocken</hi> und
            Beide nur noch demütig, wenn es hüben und drüben <hi rend="italic">klar wird</hi>, daß
            die Verschiedenheiten der Menschen <hi rend="italic">Stücklein</hi> sind vom Gewande
            Gottes, geschenkt hier, geraubt dort, vollkommen hier, unvollkommen dort - dann wird <hi rend="italic">Friede gestiftet</hi>, dann öffnen sich die unsichtbaren Türen zwischen
            den Parteien, dann kommt’s zum <hi rend="italic">Geben und Nehmen</hi>, zuerst zwischen
            den Reichen und Armen und dann zum gemeinsamen <hi rend="italic">Weiterfortschreiten</hi>, dann kommt das <hi rend="italic">Herz zu seinem Recht</hi>,
            das Herz in uns, das immer weiter sucht als alle unsere Gerechtigkeit und Weisheit, das
            Herz, das auch in den  größten
            Rechthabern und Unrechthabern nicht streiten, sondern lieben möchte. Der Geist <hi rend="italic">des Lebens</hi> ist’s, der dieses Wunder fertig bringt. Der Geist
            macht’s eben wahr, daß wir <hi rend="italic">in Gott sind</hi> und in Gott <hi rend="italic">einig</hi> sind.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Es ist <hi rend="italic">ein Wunder,</hi>
            darüber wollen wir uns nicht täuschen. Dieses «in Gott sein» und «in Gott einig sein»
            gegensätzlicher Menschen ist ein unerhörtes, unerwartetes, über alle Maßen
            einschneidendes und entscheidendes Ereignis. Wir können das nicht nur so sagen und
            annehmen: in <hi rend="italic">Gott sind wir einig</hi>, so wahr es ist. Es ist nicht
            ein Gemeinplatz, kein Kalendersprüchlein wie unsere menschlichen Friedensweisheiten. Es
            bedeutet die ungeheuerste <hi rend="italic">Wendung</hi>, wenn die bisher
            Getrenntstehenden bewegt werden sollen zu gemeinsamer <hi rend="italic">Arbeit</hi>,
            wenn das, was <hi rend="italic">zwischen</hi> den Menschen steht, weggenommen werden
            soll, wenn es zu jenem <hi rend="italic">Geben und Nehmen</hi> kommen soll zwischen
            denen, die mehr und die weniger Recht und Wahrheit haben. Der <hi rend="italic">Geist</hi> versteht sich nicht von selbst. Die <hi rend="italic">Demut</hi> versteht
            sich nicht von selbst, weder bei den Rechthabern noch bei den Unrechthabern. <hi rend="italic">Meinen</hi> Frieden gebe ich euch; nicht gebe ich euch, wie die <hi rend="italic">Welt</hi> gibt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.27">Joh. 14,27</ref>]! Dazu hat Christus sterben müssen. In diesem Sinn müssen wir <hi rend="italic">an Gott denken</hi>, wenn wir das sagen und annehmen, daß wir in Gott
            einig sind. Ohne diesen mächtigen und lebendigen Sinn ist’s <pb ed="pga" xml:id="p203"/>
            nämlich <hi rend="italic">nicht wahr</hi>, daß wir einig sind. Denn ohne das <hi rend="italic">sind wir gar nicht</hi> in Gott. </p>
          <p>Ohne Gottes Wunder <hi rend="italic">sind wir uneins,</hi> müssen es sein, müssen <hi rend="italic">immer uneiniger</hi> werden. Wenn wir’s vergessen, daß unser
            Verschiedenes von Gott kommt und solange wir uns nicht daran erinnern wollen, wird unser
            Verschiedenes <hi rend="italic">immer gegensätzlicher.</hi> Die Juden werden immer
            jüdischer und die Heiden immer heidnischer. Die Rechthaber bekommen immer mehr Recht und
            die Unrechthaber immer mehr Unrecht. Die Gläubigen versteifen sich immer mehr in ihrem
            Christentum und die Ungläubigen immer mehr in ihrer Weltlichkeit. Das, was zwischen den
            Menschen und Parteien steht, ist dann <hi rend="italic">furchtbar ernst.</hi> Die <hi rend="italic">Wahrheit</hi>, die die Einen haben, treibt sie rücksichtslos immer
            weiter und weiter in ein gesetzliches, fanatisches, ausschließliches Wesen hinein. Und
            die <hi rend="italic">Unwahrheit</hi>, in der die Anderen sich befinden, treibt sie
            ebenfalls weiter und weiter in den Leichtsinn, in die Faulheit, in die Gier hinein, nur
            schon den Anderen zum Trotz. <hi rend="italic">Der unerlöste Mensch</hi> ist notwendig
            entweder ein Pharisäer oder ein Weltkind, entweder ein Eiferer oder ein Oberflächlicher,
            entweder ein Dränger und Treiber oder ein Schläfer.  Und zwischen beiden ist <hi rend="italic">Feindschaft</hi>, muß es
            sein. Das <hi rend="italic">Göttliche selbst</hi>, ohne Gott, ohne Gottes Kraft und
            Wunder, scheidet sie. Es entwickelt sich dann auf der einen Seite eine <hi rend="italic">Gottlosigkeit im Bösen</hi>, im Mammon, in der sinnlichen Lust, in der Eitelkeit, auf
            der anderen Seite ebenfalls eine <hi rend="italic">Gottlosigkeit - im Guten</hi><note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-5439">«Von der Gottlosigkeit des Menschen im
                Bösen» und «Die Gottlosigkeit des Menschen im Guten» heißen die Überschriften der
                Erklärungen zu Röm. 1,19ff. und Röm. 2,1ff. in: <persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Das
                  Bilderbuch Gottes für Groß und Klein</hi>, <hi rend="italic">I. Römerbrief Kapitel
                  1-4</hi>, Basel 1917</bibl>. Die beiden Kapitel wurden 1918 auch als
              «Sonderdrucke» herausgebracht.</note>, in der Gerechtigkeit, in der Frömmigkeit, im
            Fanatismus jener schrecklichen Parteimenschen, die nur mit einem Auge die Welt
            anzuschauen scheinen. Aber Gottlosigkeit hüben und drüben, in der Kapelle und im
            Wirtshaus, bei den Ernsten und bei den Ausgelassenen, bei den Freisinnigen und bei den
            Sozialisten. Wenn wir <hi rend="italic">darauf angewiesen wären</hi>, einig zu werden,
            ohne uns zu Gott zu kehren, so müßte man zum vornherein prophezeien, daß wir nicht einig
            werden können, daß alle vorhandenen Gegensätze noch viel schrecklicher ausbrechen
            werden. <hi rend="italic">Das Herz</hi>, das lebendige Herz des Menschen, das nach dem
              Frie<pb ed="pga" xml:id="p204" break="no"/>den fragt, wird ungestillt bleiben, und das
              <hi rend="italic">Bild der Welt</hi> wird immer gleich grausig sein. Wenn nicht alle
            Zeichen täuschen, haben wir <hi rend="italic">ein großes Beispiel</hi> dieser gänzlich
            unfruchtbaren Art der Friedensstiftung vor uns in dem, was heute in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> geschieht<note xml:id="n04">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p186#fn_n02" type="pub">S. 186,
                Anm.2</ref>.</note>. Die <hi rend="italic">Gegensätze</hi> von Recht und Unrecht,
            Wahrheit und Unwahrheit sind zu ernst, als daß der Mensch ohne den Geist, ohne die
            Demut, ohne Gottes Macht und Wunder darüber hinwegkäme. Daran scheint auch die Tatsache
              <hi rend="italic">nichts zu ändern</hi>, daß Präsident <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName> ein fleißiger Bibelleser
            und Predigtbesucher und Beter<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5438">Kl. Schwabe, <hi rend="italic">Woodrow Wilson, Ein Staatsmann zwischen Puritanertum
                  und Liberalismus</hi>, Göttingen / Zürich / Frankfurt 1971, S. 8.18</bibl>:
              «<persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName> bekannte sich damit zu einem religiös-moralischen Rigorismus, der leicht den
              Charakter starrer Selbstgerechtigkeit annehmen und der vor allem leicht mit dem
              liberalen Credo in Konflikt geraten konnte, das <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName> dann als Politiker angenommen
              hat. … An der täglichen Ausübung seines Glaubens durch Bibellesungen hielt er streng
              fest. … Das Wort Gottes und das von diesem abgeleitete Vermögen, moralische Urteile zu
              bilden, sah er als Hauptquelle politischen Denkens an. Ohne Gott als ‹Steuermann
              unserer Seelen› konnte er sich die demokratische Selbstbestimmung des Volkes nicht
              vorstellen.»</note> und <persName ref="kbga-actors-672">Lloyd George</persName> sogar Anhänger einer besonders strengen
              Sekte<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-672">Lloyd George</persName>,
              selber religiös nicht engagiert, wurde zuerst dadurch weithin bekannt, daß er für die
              Rechte der «Nonconformists» oder «Dissenters» eintrat, d. h. insbesonders radikaler
              Gruppierungen außerhalb der Kirche von <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName>.</note> ist. Auch die eifrigsten Christen können eben <hi rend="italic">nicht Friedensstifter</hi> sein ohne den Geist und ohne die Demut. Wir
            können gerade an diesem Beispiel sehen, was uns allen mangelt.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber auch das, was fehlt: <hi rend="italic">Christus selbst.</hi>
            <hi rend="italic">«Durch ihn haben wir</hi>, die Getrennten, den <hi rend="italic">Zugang</hi> zum Vater in einem Geist.» Da kommt die Stimme des <hi rend="italic">Herzens</hi>, die in uns allen ist, zu ihrem Recht. Da erscheint die <hi rend="italic">neue Welt</hi>, in der die Guten nicht mehr ohne die Bösen sind, die
            Bösen nicht mehr ausgeschlossen von den Guten. Er geht <hi rend="italic">den Weg des
              Guten</hi>, reiner, vollständiger, konsequenter als je ein Eiferer es sich hat träumen
            lassen. Und er erleidet den <hi rend="italic">Fluch des Bösen</hi>, schwerer,
            schrecklicher, als je ein Weltmensch unter seiner Lage gelitten hat. Er lebt in voller
              <hi rend="italic">Gemeinschaft mit Gott</hi>, aber er nimmt die <hi rend="italic">Gottlosen mit</hi>, er trägt sie, er vergibt ihnen, er versöhnt sie, er hilft ihnen.
            Er hat <pb ed="pga" xml:id="p205"/> Recht, aber er kann auch Unrecht haben. Die Guten
            haben ihm ihre Gemeinschaft mit den Bösen beweisen müssen, und die Bösen haben ihm
            gegenüber gezeigt, daß auch sie vom Guten nicht loskommen. <hi rend="italic">«So ist er
              gekommen</hi>
             und hat uns Frieden verkündigt.» Er ist
            unser Friede. In seinem Leibe sind die Getrennten <hi rend="italic">vereinigt.</hi> Sie
            können sich alle in ihm <hi rend="italic">wiedererkennen.</hi> Er geht sie <hi rend="italic">alle an.</hi> Das Kreuz Christi ist <hi rend="italic">das Ende der
              Parteien</hi> und Gegensätze. Nur das Kreuz. Aber das Kreuz ist das Ende. Hier bricht
            der Geist durch. Hier ist die <hi rend="italic">Erinnerung an den Ursprung</hi> und die
            gemeinsame Heimat für die Gerechten und für die Ungerechten. Hier kommt Gott selbst zur
            Geltung als der <hi rend="italic">Herr</hi> über Alle, die ihn anrufen, über denen, die
            ferne, und über denen, die nahe sind. Zu <hi rend="italic">rühmen</hi> hat sich Keiner
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.9">Eph. 2,9</ref>]. Es kann aber
            auch jeder <hi rend="italic">teilnehmen</hi> am Werk Gottes. Das Werk Gottes wird für
            alle wichtig und groß. Darum können sich die getrennten Menschen hier wieder <hi rend="italic">finden.</hi> Das ist die Macht, die Wende Gottes in ihm. Die <hi rend="italic">Versöhnung mit Gott</hi> versöhnt auch die Menschen, sie schafft eine
            neue Menschheit. Und so ist’s das Aufmerken auf diese Versöhnung mit Gott in Christus,
            von der wir Hilfe zu erwarten haben. Was daran <hi rend="italic">vorbeigeht</hi>, das
            kann nicht Frieden stiften. Was <hi rend="italic">Forschen und Fragen</hi>, Bitten,
            Suchen und Anklopfen ist an diesen Türen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.], das wird uns den Frieden bringen. Es handelt sich
            um die große <hi rend="italic">Wendung</hi>, daß wir uns in Christus zu Gott kehren und
            Gott die Ehre geben. Sofern wir in dieser Wendung stehen, ist der Zaun auch für uns
            niedergerissen, heute schon.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-73" type="song"> Nr. 148 «Komm, o komm, du Geist des Lebens»
              von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 509,1.2.-; EG 134,1.2.-)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-154" type="song">Nr. 166 «Der du in Todesnächten» von
              <persName ref="kbga-actors-468">Chr. G. Barth</persName>, Strophen 1.2.4 (GERS [1952] 362,1.2.4; EG 257,1.2.-)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
