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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Richter 5,23</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Richter 5,23, 12. November 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29048 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 373–381.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Richter 5,23</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 373-381</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 350</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ri 5,23, 12. November 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1790">KBA 1328</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1916-11-12">12. November 1916</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-11-12">12. November 1916</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ri.5.23">Richter 5,23</ref>
              <quote>Fluchet der Stadt <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, sprach der Engel des Herrn; fluchet ihren Bürgern, daß sie nicht kamen dem Herrn zu Hilfe, zu Hilfe dem Herrn unter den Helden!</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Im 5. Kapitel des Richterbuches steht ein uraltes Kriegs- und Siegeslied. Es fängt an mit den eindringlichen Worten: Lobet den Herrn, daß Israel wieder frei ist geworden und das Volk dazu willig gewesen ist! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.5.2">Ri. 5,2</ref>]. <persName ref="kbga-actors-6185">Debora</persName>, eine kühne Frau, hat Israel aufgerufen zum Kampf gegen seine Bedrücker. In der <placeName ref="kbga-places-1049">Ebene Jesreel</placeName> ist es zur Entscheidungsschlacht gekommen. Geschlagen wurde der übermütige Feind durch die todesmutigen <pb xml:id="p374" ed="pga"/> Scharen Israels, in den Wogen des <placeName ref="kbga-places-1050">Kisonflusses</placeName> versinken seine flüchtenden Reiter und Wagen, <persName ref="kbga-actors-6214">Sisera</persName>, der Feldhauptmann, findet ein schauerliches Ende. Gott selber führt die Sache seines Volkes: Vom Himmel ward wider sie gestritten, die Sterne in ihren Läufen stritten wider <persName ref="kbga-actors-6214">Sisera</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.5.20">Ri. 5,20</ref>].</p>
        <p>Mitten in diesem Kriegslied steht der Vers unseres Textes: Fluchet der Stadt <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, sprach der Engel des Herrn; fluchet ihren Bürgern, daß sie nicht kamen dem Herrn zu Hilfe, zu Hilfe dem Herrn unter den Helden! Ich habe davon einmal eine Abbildung gesehen: hoch auf einer sicheren Bergesspitze das Städtlein <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, unten in der Tiefe tobt die Befreiungsschlacht, durch die Gott seinem Volke hilft, die Leute von <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName> aber stehen und hocken hinter ihren Mauern und an ihren Fenstern und schauen bequem zu wie im Theater, unterhalten sich angenehm über das gewaltige Schauspiel oder gehen ihren eigenen Geschäften nach und rühren keinen Finger, als ob es sie nichts angehe. Sie sind nicht dabei, während gekämpft und gesiegt wird, als blöde Zuschauer stehen sie daneben. Da kann sich der Dichter dieses Liedes nicht helfen; ein tiefer Zorn oder auch ein tiefes Mitleid kommt über ihn: Fluch über sie, sie sind dem Herrn nicht zu Hilfe gekommen, zu Hilfe dem Herrn unter den Helden! Und das soll uns nun ein gutes Gotteswort sein, um uns weiterzuführen in den Gedanken, die uns an den letzten Sonntagen bewegt haben.</p>
          <p>Die Kriege, die das alte Volk Israel gegen seine Feinde führte, waren ja nur die merkwürdige Einleitung zu dem viel <hi rend="italic">größeren Krieg</hi>, den Gott in der Welt und besonders in der Menschheit führt, seit sein ewiges Wort in Christus unter uns Fleisch geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Da hat er ein Panier aufgerichtet, nicht mehr bloß gegen die falschen Götzen der Heiden, sondern gegen Alles, was falsch, böse und traurig ist auf der Erde. Da hat er erklärt, daß er sich unserer Sache annehmen wolle, wie einst des Volkes Israel, gegen unsere Feinde und Bedrücker. Da hat er ein Loch gemacht in die Mauer von Schicksal, Sünde, Leid und Tod, in der wir eingeschlossen sind wie in einem Gefängnis. Da hat er erklärt, daß nicht Alles ewig beim Alten bleiben solle unter uns. Da hat er verkündigt: Siehe, ich mache Alles neu! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]. Eine Kriegserklärung Gottes war es, als Jesus es ausrief, mit Vollmacht und allen Erdenmächten zum Trotz: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.15">Mk. 1,15 par.</ref>], eine Kriegserklärung, als er die Armen, die Leidtragenden, die Hungernden und Dür<pb xml:id="p375" ed="pga" break="no"/>stenden nach Gerechtigkeit zu sich rief: Selig seid ihr, euer ist das Himmelreich! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3 Mt.5.6">Mt. 5,3–6</ref>], eine Kriegserklärung, als er <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName> und Allen, die es hören wollten, melden ließ: die Lahmen gehen, die Blinden sehen, die Aussätzigen werden rein und den Armen wird eine frohe Botschaft verkündigt [vgl. 
            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.4 Mt.11.5">Mt. 11,4f.</ref>], und als er auch seinen Jüngern Macht gab, Kranke zu heilen und böse Geister auszutreiben [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.1">Mt. 10,1 par.</ref>]. Eine Kriegserklärung war sein Tod und seine Auferstehung von den Toten. Und seit das geschehen ist, wird der Krieg Gottes in der Welt geführt. Gegen die Macht der Finsternis hat Gott seine Macht aufgestellt, gegen das Recht des Schicksals sein Recht, gegen die Sünde seine Gerechtigkeit, gegen das Leid seinen Frieden und seine Freude, gegen den Tod sein ewiges Leben. Gott will es nicht zulassen, daß sein Name auf der Erde, in unserem Menschenleben, immer und immer wieder durch soviel Seufzer und Flüche und Lügen und Tränen und Blutströme geschändet werde. Gott will seine Ehre keinem anderen lassen [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.48.11">Jes. 48,11</ref>]. Gott will in unserer Welt Gott sein, wie die Sonne mit den Wolken ringt. Gott kämpft um den Sieg. Das ist die große Botschaft vom Kreuz und von der Auferstehung des Heilands.</p>
          <p>Um <hi rend="italic">unsere Sache</hi> geht dieser Kampf. Es konnte Gott gleichgiltig sein, ob Israel frei oder geknechtet war, um seiner selbst willen brauchte er nicht zu streiten vom Himmel her wider die Kanaaniter. Es könnte Gott, wenn es ihm nur um sich selbst zu tun wäre, das Falsche, Böse und Traurige in unserer Welt gelten lassen als Antwort darauf, daß wir ihn nicht gelten lassen. Es ist ja all das Wüste in der Welt nicht <hi rend="italic">seine</hi> Schöpfung, sondern <hi rend="italic">unsere</hi>. Nicht ihm macht es Schande und Schmerz, sondern <hi rend="italic">uns</hi>. Aus uns heraus, nicht aus Gott heraus ist die Finsternis gekommen, die das Erdreich bedeckt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.60.2">Jes. 60,2</ref>], unser eigener böser Geist ist der Teufel, kein böser Nebengott, der ihm, dem Ewigen, Lebendigen etwas anhaben könnte. Gottes Herrlichkeit ist dadurch nicht angetastet, daß wir uns mit Schmach und Schmerz bedecken. Wahr bleibt wahr, ob wir in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> es merken oder nicht. Recht bleibt Recht, ob wir es anerkennen oder verwerfen wollen. Freude bleibt Freude, ob wir uns mitfreuen oder ob wir sie den Kindlein und den Engeln Gottes überlassen. Leben bleibt Leben, ob wir daran Anteil haben oder ob wir lieber vergehen und sterben wollen. Gott bleibt Gott, ob wir an ihn glauben oder ob wir ein hochmütiges, gebildetes Gesicht gegen ihn machen. <hi rend="italic">Er muß</hi> nicht in unserer Welt leben. Aber <hi rend="italic">wir</hi>, liebe Freunde. Für <hi rend="italic">uns</hi> kommt etwas darauf <pb xml:id="p376" ed="pga"/> an, ob Gott uns nun wirklich uns selbst überlassen oder ob er sich unser annehmen will. <hi rend="italic">Wir</hi> müssen das Falsche, Böse, Traurige in der Welt haben und erleben. <hi rend="italic">Wir</hi> müssen es schmecken und fühlen, wie herrlich es ist, immer miteinander zu zanken, <hi rend="italic">wir</hi> müssen uns voreinander lächerlich machen durch unsere Eitelkeit, <hi rend="italic">wir</hi> müssen in der Hölle und in der Qual sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.23">Lk. 16,23</ref>], weil wir uns selbst so furchtbar wichtig nehmen, <hi rend="italic">wir</hi> müssen uns in schönen Häusern und umgeben von allem Reichtum langweilen und das Leben entsetzlich unbefriedigend und schwer finden, <hi rend="italic">wir</hi> müssen jammern und seufzen, wenn uns das geliebte Geld dann plötzlich einmal ausgeht, <hi rend="italic">wir</hi> müssen den Krieg haben und alle seine bösen Folgen, <hi rend="italic">wir</hi> müssen Spitäler, Armenhäuser, Irrenhäuser, Gefängnisse bauen und bewohnen, <hi rend="italic">wir</hi> müssen in schwarzem, dumpfem Leichenzug unsere Toten da hinauf begleiten und schließlich uns selbst einmal diesen Weg tragen lassen als solche, die keine Hoffnung haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.12">Eph. 2,12</ref>]. Was hat Gott mit dem allem zu tun? Nichts! Aber <hi rend="italic">wir</hi> haben sehr viel damit zu tun: <hi rend="italic">uns</hi> trifft’s, <hi rend="italic">uns</hi> plagt’s, <hi rend="italic">uns</hi> drückt’s, <hi rend="italic">wir</hi> müssen fortwährend ernten, was wir fortwährend aufs neue säen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>].</p>
          <p>Gott hat sich unserer Sache <hi rend="italic">angenommen</hi>. Sie ist ihm nicht gleichgiltig, sowenig ihm die Not und Unfreiheit seines Volkes Israel gleichgiltig war. Das ist gerade das Wunder seiner Gnade in Christus, daß er sich da solidarisch erklärt hat mit uns, nicht nur mit einem Volk für eine Zeitlang, sondern mit der ganzen Menschheit für immer, nicht nur mit einigen hervorragenden Gottesmännern für ihren besonderen Beruf, sondern mit uns allen bis auf den Letzten für unser ganzes Leben. Gott kehrt sich nicht ab von uns, sondern er kehrt sich uns zu. Gott stellt sich mit uns hinein in unsere Welt, die wir doch so unerträglich verdorben und verfinstert und verpestet haben. Er läßt sich all das Wüste, was da ist und geschieht, von Herzen leid tun. Ja, er leidet mit uns, daß wir so böse und so betrübt und so vergänglich sein müssen. Es tut ihm selber weh, uns so unter der Herrschaft des Teufels, unseres verkehrten Menschengeistes zu sehen. Seine ganze Herrlichkeit freut ihn nicht, solange er uns davon ausgeschlossen sieht. Er will keine Ruhe haben im Himmel, solange er sieht, wie auf der Erde die Hölle ist. Alle seine Engel müssen mit angehaltenem Atem lauschen und warten, ob es hier bei uns ewig und ewig das Gleiche bleiben wolle. Gott versetzt sich ganz an unsere Stelle. Gott wird Mensch, er macht unsere Not zu seiner Not, unsere Feinde zu seinen Feinden. Seht, da grüßt uns schon von Weitem die Weihnachtsbotschaft:</p>  
          <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve"><pb xml:id="p377" ed="pga" rend="noPipe"/>Bis willekomm, du edler Gast,</l>
                                <l xml:space="preserve">Den Sünder nicht verschmähet hast,</l>
                                <l xml:space="preserve">Und kommst ins Elend her zu mir,</l>
                                <l xml:space="preserve">Wie soll ich immer danken dir?<note xml:id="n01">Originaltext der <bibl corresp="kbga-songs-32" type="song">8. Strophe von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> «kinder lied auff die Weinacht Christi», 
                                  <bibl corresp="kbga-bibls-3385">WA 35, 460,25-28</bibl> (vgl. GERS [1952] 115,7; EG 24,8)</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q> 
                        <p>Da sehen wir, was Gottes Gnade und Liebe ist gegen uns und was für ein seliges Geheimnis wir aussprechen, wenn wir’s der Bibel nachsagen: Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.16">Joh. 3,16</ref>]. Ja, Gottes unbegreifliche Gnade ist es, daß wir ihm nicht gleichgiltig sind, daß er unseren Lebensfeinden, denen wir selbst die Waffen in die Hand gedrückt haben, den Krieg erklärt hat, daß er in Christus verkündigt: eure Not soll nicht mehr sein!, daß er sein Recht, seine Wahrheit, seine Freude, sein ewiges Leben nicht für sich behält, sondern als eine kämpfende Partei hineinstellt in unser menschliches Wesen, daß er selber, der ewige Gott, als Kämpfer gegen das Falsche, Traurige, Böse hineinsteht in das Weltgetümmel, für uns, für die Menschheit, für dich und mich. Wo unter uns ein Gewissen in Streit kommt mit der alten Seele eines Menschen oder auch mit den Anschauungen und Gewohnheiten und Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, da kommt Gott in Streit, denn Gott ist das, was im Gewissen hervorbricht. Wo Anfechtung und Betrübnis ihre grauen Schleier über die Menschenherzen geworfen haben, und nun ringen und suchen sie nach einem Trost, da ringt und sucht Gott selber in ihnen um sein Recht, denn er selber will unser Trost sein. Wo in einer Seele oder auch in einem Haus oder in einer Gemeinde Vernunft und guter Wille sich wehren gegen Unsinn und Unrecht, da wehrt sich Gott selber für seine Sache. Wo Glauben steht gegen Unglauben, Liebe gegen Kälte und Gleichgiltigkeit, Mut gegen Trostlosigkeit, großmütiges Verstehen und Übersehen gegen persönliche Empfindlichkeit, Füreinander gegen Gegeneinander, Lebenwollen gegen Altwerden und Vergehen, da steht Gott gegen unsere Feinde. Da wird das Schicksal zu Schanden gemacht, Sünde vergeben, Leid überwunden, Tod aufgehoben durch Gott, der nicht will, daß seine Schöpfung unter uns geschändet werde. Gott will auch bei uns in Ehren stehen, das ist seine Gnade gegen uns. Gott will, daß uns geholfen sei.<note xml:id="n02">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/29/p339#fn_n06">S. 339, Anm. 6</ref>.</note> Gott will, daß einmal <pb xml:id="p378" ed="pga"/> auf der ganzen Erde das Deboralied erschalle: Lobet den Herrn, daß Israel wieder frei geworden ist und das Volk willig dazu gewesen ist! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.5.2">Ri. 5,2</ref>].</p>
          <p>Seht, da sind wir schon wieder bei den Leuten von <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>. Gott <hi rend="italic">hilft</hi>. Aber Gott will und braucht und sucht ein Volk, das <hi rend="italic">willig</hi> ist, ihm zu helfen bei seiner Hilfe. Gott will nicht allein kämpfen für unsere Sache. Wir müssen mit hinein in das große Ringen und Streiten. Wollen wir’s halten wie die Leute von <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, dann kann nichts geschehen. Dann sind wir jedenfalls nicht dabei, wenn das Deboralied des Sieges und der Befreiung auf der Erde angestimmt wird. Dann gewinnt’s Gott mit anderen Leuten, und wir müssen mit Schanden bei Seite stehen. Dann wird Gottes Ehre uns zur Unehre. Unsere Antwort auf die Gnade Gottes, auf seine wunderbare Kriegserklärung in Jesus Christus muß lauten: Auf! dem Herrn zu Hilfe unter den Helden!</p>
          <p>Denn <hi rend="italic">wir</hi> haben sie zerstört, die schöne Welt Gottes, durch <hi rend="italic">unsere</hi> Abwendung von Gott, dem lebendigen Gott. <hi rend="italic">Wir</hi> haben die Schicksalsmauer gebaut. <hi rend="italic">Wir</hi> haben den Teufel eingesetzt in sein verlogenes Regiment. Sünde, Leid und Tod sind <hi rend="italic">unsere</hi> eigenen Schatten. Der Riegel unseres Gefängnisses ist von <hi rend="italic">innen</hi> geschoben, nicht von außen. So muß die Welt Gottes auch wieder hergestellt werden <hi rend="italic">durch uns</hi> Menschen, wie die Israeliten selbst ihre Schlacht schlagen mußten gegen <persName ref="kbga-actors-6214">Sisera</persName> und seine Scharen. Gottes ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>], und die Erlösung ist nicht unser Verdienst und wird es nie sein. Aber sie muß durch uns Menschen hindurch kommen und nicht an uns vorbei. Von innen muß der Riegel zurückgezogen werden, wie er von innen geschoben wurde. <hi rend="italic">Wir</hi> müssen aus Zerstörern und Verderbern zu Pflanzern und Bauleuten werden. <hi rend="italic">Wir</hi> müssen den Teufel, den falschen Tyrannen, von seinem Thron stoßen. <hi rend="italic">Wir</hi> müssen dazu kommen, unsere eigenen Schatten mit Füßen zu treten. Gott ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen<note xml:id="n03">Vgl. <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Gedicht oben <ref type="pub" target="../volume/29/p357#fn_n01">S. 357, Anm. 1</ref>.</note>, und das heißt eben durch uns, durch uns Menschen. Dazu ist Gott eben in Christus Fleisch<note xml:id="n04">
                            <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «in Christus Mensch Fleisch»; Streichung vom Hrsg.</note> geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], damit durch Christus eine neue Menschheit werde und durch eine neue Menschheit ein neues Leben, eine neue Welt, die Befreiung von unserem Elend, die Herstellung der göttlichen Schöpfung in unserem kleinen menschlichen Erdenbezirk. Gott schafft nicht als ein Zauberer, sondern, wie wir es in der Natur beständig sehen: organisch, indem er aus einem neuen Keim <pb xml:id="p379" ed="pga"/> ein neues Wesen von innen heraus werden und wachsen läßt. Darum muß es heißen: dem Herrn zu Hilfe unter den Helden! Darum will er es nicht anders als <hi rend="italic">mit</hi> uns machen! Darum dürfen wir es nicht halten wie die Leute von <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, wenn wir nicht ihrem Fluch verfallen wollen!</p>
          <p>Wir dürfen <hi rend="italic">nicht Zuschauer</hi> sein. Gott will keine Zuschauer. Wir müssen seine Mitarbeiter werden. Zuschauer sind wir, solange wir den Ruf nicht hören wollen: Einstehen für Gott, damit uns geholfen werden kann! Ihm die Ehre geben, damit er bei uns zu Ehren kommen kann! Sein Recht anerkennen, damit er uns Recht verschaffen kann gegen unsere Feinde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.3">Lk. 18,3</ref>]! Zuschauer sind wir, solange wir in unseren eigenen menschlichen Angelegenheiten unser Leben finden wollen, heißen sie nun Geschäft, Verdienst, Genuß, Vaterland, Kirche, Schule, christliche Bestrebungen, Verein, Partei, und dabei wohl gar noch verlangen, daß Gott uns in dem allem, was wir da anfangen und unternehmen, helfen solle, als ob nicht wir in erster Linie Gott helfen müßten, wenn es auf irgend einem Gebiet etwas Rechtes geben soll. Zuschauer sind wir, wenn wir in irgend einer von den großen und kleinen Verlegenheiten und Betrübnissen unseres Lebens erwarten, nun müsse sich Gott natürlich bemühen, uns irgend einen Trost oder einen Ausweg zu verschaffen, und haben uns noch keinen Augenblick darum bemüht, Gott sein Recht zu geben, das er bei uns haben müßte. Zuschauer sind wir, und wenn wir noch so fromm wären und wenn wir nach allen Regeln «bekehrt» wären<note xml:id="n05">In der Woche vom <date from="1916-11-13" to="1916-11-20">13.-20. November</date> hielt <persName ref="kbga-actors-3943">J. Vetter</persName> allabendlich Evangelisationsvorträge in der <placeName ref="kbga-places-1044">Safenwiler Kirche</placeName>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p161#p161">S. 161–165</ref></bibl>.</note>, wenn uns die Not und das Leiden Gottes in unserer Welt, in unserem eigenen Leben eigentlich eine fremde, gleichgiltige Sache ist. Kritisierer, Zuschauer sind wir, und wenn wir die besten, vortrefflichsten Menschen wären und wenn wir alle guten Werke täten und wenn wir für die Rettung der ganzen Welt unser Geld und unseren Fleiß hingäben und stehen doch nicht ein für die Ehre Gottes bei uns selbst. Gott will keine Zuschauer, und wenn wir noch so brave, wohlgesinnte, gläubige, pflichteifrige, ernste Zuschauer wären. Wollen wir durchaus nur Zuschauer sein, so kann uns Gott durchaus nicht helfen, und es muß Alles beim Alten bleiben.</p>
          <p>Sondern wir müssen den Kampf, der mit dem Kreuz und der Auferstehung des Heilands begonnen hat, in uns <hi rend="italic">weiterkämpfen</hi>. In uns ist der Feind, und in uns muß er besiegt werden. Gottes Gnade gegen uns ist es, <pb xml:id="p380" ed="pga"/> daß er den Krieg erklärt und eröffnet hat und Tag für Tag führt. Unsere Dankbarkeit aber muß es sein, daß wir ihn in uns selber fortsetzen. Gott ist Mensch geworden in Christus, um es auch in uns zu werden, aber wir haben es noch nicht zugelassen. Gott hat erklärt, daß er mitten in unserem Elend seine Ehre will geltend machen, aber wir haben ihn noch nicht unseren Gott werden lassen. Gott hat ein Recht an uns, das haben wir ihm noch nicht gegeben. Gott streitet für seine Sache, die ja die unsrige ist, aber wir suchen noch unser Eigenes, der gröber und der feiner. Seht, hier fängt die Mitarbeit, das Mitkämpfen an: Gott <hi rend="italic">helfen</hi> heißt <hi rend="italic">Gott</hi> helfen, statt uns selber helfen zu wollen. Uns selber helfen, wer wollte das nicht? Unser Auskommen, unsere Gesundheit, unser guter Name, Trost und Hilfe in unseren Seelenschwierigkeiten, Besserung unserer Lage, der Weltfrieden, die ewige Seligkeit nach dem Tode – all das, was uns selber angeht, wer suchte nicht danach, wer mühte sich nicht offen oder heimlich darum? Aber in alledem hilft uns Gott nicht, kann und will er uns nicht um eine Fingerbreite weiter helfen, solange wir <hi rend="italic">ihm</hi> nicht helfen wollen. Nicht nur alle unsere äußeren Bemühungen, sondern sogar unsere Gebete sind nichtig und wertlos, bis wir eines Tages merken: wir müssen <hi rend="italic">Gott</hi> helfen, daß uns geholfen werde, statt daß wir «mit Hilfe Gottes» uns selbst helfen wollen. Wir müssen von unserer Seite auf die Seite Gottes hinübertreten. Es ist Alles, Alles, was wir uns wünschen und begehren können, ganz nebensächlich, sogar unsere eigene Seligkeit ist nebensächlich, aber Gott ist wichtig. Dadurch ist ja die Sünde und der Tod in die Welt gekommen, dadurch haben wir die Schicksalsmauer gebaut und dem Teufel die Herrschaft über uns eingeräumt, daß wir Menschen uns selbst das Wichtigste wurden. Wir selbst die Ersten, Gott [der Zweite], wir wollten es gut haben und recht sein und in den Him[mel kommen], Gott sollte uns dazu helfen. Und dadurch muß [die Hilfe]<note xml:id="n06">Das <ref corresp="A">Mskr.</ref>-Blatt ist durch Zusammenkleben mit einem anderen Blatt beschädigt; Ergänzungen nach Vermutungen des Hrsg.</note> kommen, daß wir uns selbst absetzen und Gott wieder unseren König sein lassen. Daß Gott uns wichtiger wird als Glück und Unglück, Leben und Tod, Himmel und Hölle. «Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.26">Ps. 73,26</ref>]. Seht, das ist der Kampf, den der Heiland für uns eröffnet hat und der mit der Erlösung der Welt endigen wird. Wo er gekämpft wird, da hilft Gott, darum brauchen wir nicht Angst zu haben. Den Leuten von <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, den <pb xml:id="p381" ed="pga"/> Zuschauern, wird in Ewigkeit nicht geholfen. Wir aber gehören nicht nach <placeName ref="kbga-places-1048">Meros</placeName>, sondern ins kommende Reich Gottes.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-58" type="song">Nr. 6 «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren» von <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName>, Strophen 1.2.5 (GERS [1952] 52,1.2.5; EG 316,1.2.5)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-120" type="song">Nr. 159 «Fahre fort, fahre fort» von <persName ref="kbga-actors-5610">J. E. Schmidt</persName>, Strophen 1.4.5 (GERS [1952] 351,1.5.6 mit geringen – EKG 213,1.5.6 mit erheblichen Textabweichungen)</bibl>
            <!-- alt
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-gesd" target="b0006">Nr. 6</ref> «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren» von J. Neander, Strophen 1. 2. 5 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 52, 1. 2. 5</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 316, 1. 2. 5</bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1925" target="b0159">Nr. 159</ref> «Fahre fort, fahre fort» von J. E. Schmidt, Strophen 1. 4. 5 (<bibl><title level="m">GERS</title></bibl> [<date when="1952">1952</date>] 351, 1. 5. 6 mit geringen – <bibl><title level="m">EKG</title> 213, 1. 5. 6 mit erheblichen Textabweichungen</bibl>)</item>
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          </listBibl>
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