<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-29047">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 18,15-17 (Reformation)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 18,15-17 (Reformation), 5. November 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29047 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 365–373.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29047</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 18,15-17 (Reformation)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 365-373</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">47</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 349</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 18,15-17 (Reformation), 5. November 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1789">KBA 1327</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1916-11-05">5. November 1916</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p365" ed="pga"/>
        <div type="opener">
          <head>
                        <idno>349</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-11-05">5. November 1916</date>
                    </dateline>
          <head type="event">Reformation</head>
          <epigraph>
            <cit>
                <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.15 Lk.18.17">Lukas 18,15–17</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Von der <hi rend="italic">Reformation</hi> sollten wir eigendich heute reden, vom Katholizismus und Protestantismus und ihren Unterschieden, von der großen Geistesbewegung, die vor bald 400 Jahren in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> begonnen hat, und von der neuen evangelischen Kirche, die aus ihr hervorgegangen ist, und von dem Segen, den wir an dieser Kirche haben bis auf diesen Tag. Aber nun ist’s mir so gewesen, es sei uns besser, wir hören statt alledem diese liebe alte Geschichte, wie <hi rend="italic">Jesus</hi> die Kindlein zu sich rief und segnete. Es ist in dieser Geschichte und überhaupt im neuen Testament so eine ganz andere <pb xml:id="p366" ed="pga"/> Luft als da, wo man, wie wir es eigentlich heute sollten, so ernst und wichtig von Religionen und Konfessionen und Kirchen redet, und es ist mir, die Luft im neuen Testament sei reiner, gesünder als unsere Kirchenluft. Jesus hat von den Kindern und überhaupt von den Menschen gesagt: Lasset sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht!, er hat aber kein Wort gesagt von Katholizismus und Protestantismus – was ist das überhaupt: «-ismus»? Jesus hat gesagt: Wer nicht das Reich Gottes annimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen!, aber nichts von der Kirche, weder von dieser noch von jener. Jesus hat die Kindlein angerührt und gesegnet, wie es jene Frauen von ihm wollten, und das war eben ein wenig etwas Anderes und Besseres, als wenn wir ein Jubiläum feiern zur Erinnerung an große Dinge, die vor 400 Jahren geschehen sind.</p>
          <p>Diese Geschichte von Jesus, der die Kinder segnet, steht so grenzenlos <hi rend="italic">schlicht</hi>, fast nichtssagend da neben den großen Gedanken und Ereignissen, die uns am heutigen Sonntag beschäftigen sollten. Ja, Jesus selbst erscheint uns so schlicht und nichtssagend neben all dem, was im Lauf der Jahrtausende aus seinen Worten und Taten geworden ist. Ein katholischer <hi rend="italic">Gottesdienst</hi> mit seinen feierlichen, bedeutungsvollen Handlungen, seinen lateinischen Gesängen, seinen Gewändern und Kerzen und Weihrauchwolken – daneben Jesus, – erstaunt dort niemand über diesen Gegensatz? In <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> das gewaltige neue <hi rend="italic">Reformationsdenkmal</hi>, <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und seine Gefährten und Nachfolger längs einer hohen Steinmauer, selber in Stein gehauen<note xml:id="n01">In der Mitte des <date from="1909" to="1917">1909–1917</date> errichteten Genfer Reformationsdenkmals (la mur des Réformateurs) stehen monumentale Steinfiguren von <persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <persName ref="kbga-actors-547">G. Farel</persName>, <persName ref="kbga-actors-903">Th. Beza</persName> und <persName ref="kbga-actors-1697">J. Knox</persName>. Die Einweihung fand am <date when="1917-07-07">7.7.1917</date> statt.</note> – daneben Jesus, – wird sich bei der demnächst stattfindenden Einweihung niemand wundern, wie bescheiden Jesus dasteht neben all dieser steinernen Erinnerungspracht? In der ganzen protestantischen Welt gegenwärtig überall das Bemühen, dem sogenannten <hi rend="italic">kirchlichen Leben</hi> wieder mehr Eifer und Glanz einzuhauchen, überall Kirchenläuten, Gemeindehäuser, religiöse Monatsblätter, Vorträge, Bezirksfeste – daneben Jesus: Wer nicht das Reich Gottes annimmt als ein Kind …! Ist da niemand, der das seltsam findet? Unsere <hi rend="italic">Gelehrten</hi> alle, die großen und die kleinen, die wirklichen und die nichtwirklichen, mit ihren ernsten, wichtigen Gesichtern, mit ihren Büchern und Broschüren, mit ihren schweren Fragen: «Christentum und Staat»<note xml:id="n02">Vgl. z. B. 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2419">
            <persName ref="kbga-actors-491">G. Benz</persName>, 
            <hi rend="italic">Der Christ und der Staat</hi>, 
            Basel 1916</bibl>.</note>, «Christentum und <pb xml:id="p367" ed="pga"/> Krieg»<note xml:id="n03">Vgl. z. B. 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2420">
            <persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, 
            <hi rend="italic">Der Völkerkrieg und das Christentum</hi>, 
            in: CW 
            Jg. 29 (1915), 
            Sp. 294–303.</bibl>
          </note>, «Christentum und Sozialismus»<note xml:id="n04">Vgl. z. B. 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2423">
            <persName ref="kbga-actors-6182">J. G. Cordes</persName>, 
            <hi rend="italic">Fünfundzwanzig Jahre Christentum und Sozialismus</hi> (1902)</bibl>; 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2424">ders., 
            <hi rend="italic">Jesus und die soziale Frage</hi> (1911)</bibl>; 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2425">
            <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, 
            <hi rend="italic">Religiös und sozial</hi> (1914)</bibl>; 
            alle drei Aufsätze in: 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2422">
                                Religiöse Sozialisten, 
            hrsg. und eingeleitet von A. Pfeiffer, 
            Olten / Freiburg i. Br. 1976. 
            S. 109–127. 128-139. 153-166.</bibl>
          </note> und wie diese Nüsse alle heißen, an denen wir ja auch schon geknackt haben<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst hatte u. a. über folgende Themen Vorträge gehalten: «Kirche, Sozialismus und Christentum» (<date when="1914-12-06">6.12.1914</date> und in anderer Ausführung am <date when="1915-02-14">14.2.1915</date>), «Christus und die Sozialdemokraten» (<date when="1915-04-25">25.4.1915</date>), «Religion und Sozialismus» (<date when="1915-12-07">7.12.1915</date>), «Sozialismus und Kirche» (undatiert). Diese Vorträge werden demnächst veröffentlicht in: <bibl corresp="kbga-bibls-311">
                                <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="48001">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</ref></hi> (Gesamtausgabe, Abt. III)</bibl>.</note> – daneben Jesus, dieser merkwürdig einfache Jesus. Merkt denn niemand, daß das die schwerste aller Fragen ist, warum Jesus wohl so einfach war, während das Christentum offenbar eine unendlich schwierige, verwickelte Sache geworden ist?</p>
          <p>Aber nun nehmt zu diesem ersten Rätsel gleich noch ein zweites. Wir wollen gerne annehmen, daß wir alle, Katholiken und Protestanten, es herzlich gut meinen mit unserem Christentum, daß es uns um die Wahrheit und um das Rechte zu tun ist mit unserem Eifer, mit unseren Kirchen und Anstalten und Büchern. Aber woher kommt es, daß jener einfache Jesus es offenbar nicht nur gut <hi rend="italic">meinte</hi> wie wir, sondern <hi rend="italic">das Gute <hi rend="italic">war</hi> in ihm</hi>, ja, es <hi rend="italic">war</hi> in ihm und um ihn herum, das, was wir immer nur meinen und suchen, jene große Güte und Freude und Wärme, die das Leben hell und schön macht, die das böse, traurige Menschenleben sogar verwandelt, daß der Mensch wirklich ein Mensch wird, wirklich leben kann. Dieses Gute ging von ihm aus wie eine Kraft, und wir sehen in unserer Geschichte, wie die Leute davon wie angezogen waren, und er verwehrte es ihnen nicht, sondern schenkte ihnen, soviel sie haben wollten. Wir wollen gerne glauben, daß es uns allen um Gott zu tun ist, wenn wir Gotteshäuser bauen und haben, Gottesdienste feiern, Gottes Namen so ernst und wichtig im Munde führen. Aber wie kommt es, daß Jesus es eigentlich ohne das alles machen konnte, dafür war aber <hi rend="italic">Gott gegenwärtig</hi>, wo er war, dafür verstummten um ihn herum die armen Menschenfragen: ob es wohl sicher einen Gott gebe? ob Gott uns wohl helfen wolle? ob wir es Gott wohl recht machen könnten?, und der helle Sonnenschein der Gottesmacht und Gottesliebe brach hindurch durch die finsteren Schicksalswolken von Sünde, Traurigkeit und Sterben, und es gab gar nichts zu <pb xml:id="p368" ed="pga"/> fragen und zu suchen, weil Gott greifbar und sichtbar da war in der wirklichen Welt. O, wir wollen sicher das Streben und Ringen der Menschenseelen in allen Religionen und Konfessionen nicht herabsetzen, und wir wollen uns durch diesen Gedächtnistag der Reformation gerne daran erinnern lassen, wie heiß und eindringlich in der Menschheit schon nachgedacht, gearbeitet, gebetet worden ist darum, daß Gott auf der Erde zu Ehren kommen, daß der verschlossene Himmel über uns sich öffnen und uns segnen möchte. Aber können wir denn anders, als dabei gleichzeitig an all das Schreckliche zu denken, was eben jetzt auf dieser Erde geschieht, müssen wir uns dabei nicht gestehen, daß Gott offenbar nicht unter uns herrschen und walten kann trotz dem, was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> vor 400 Jahren gestrebt und gerungen haben, trotz all dem Aufrichtigen, Ernsten, Eifrigen, das bis auf den heutigen Tag in den Seelen von tausenden und tausenden von religiösen, christlichen Menschen vorgeht? Und überrascht es uns nicht, dann daran zu denken, wie Jesus so ganz anders dran war, wie er das <hi rend="italic">Reich Gottes auf der Erde</hi> nur so anbieten und auftun konnte als etwas, was einfach da und vorhanden war, und so redete er nicht nur, sondern es <hi rend="italic">wurde</hi> um ihn her Reich Gottes, es gab da gottbeherrschte Menschen, überwundene Sünder, getrocknete Tränen. Trost und Stärke und Kinderlachen waren um ihn her. Es war wirklich der Anfang gemacht zu einem Menschenleben, das Gott Ehre machte. Es ging eine Quelle auf, aus der all das Herrliche und Große, wonach die Menschen in ihren Kirchen und Tempeln sich immer gesehnt haben, so lebendig und wirklich hervorging für alle Durstigen. Ist das nicht überraschend?</p>
          <p>Warum wohl haben wir so ein schwieriges, geheimnisvolles Christentum und nicht die Einfachheit Jesu? Warum all die Ohnmacht, all die bloßen Formen, all die bloße Sehnsucht der katholischen und der protestantischen Konfession und nicht die Kraft und Fülle Jesu? Warum überhaupt eine Kirche und nicht Jesus? Liebe Freunde, wir <hi rend="italic">wollen es vorläufig nicht anders</hi>. Diese ganze Veränderung ist nicht von Gott her, sondern von uns aus so gekommen. Gerade wie wir an den letzten Sonntagen vom Schicksal gehört haben, daß es in uns ist, daß wir selber es sind, die denken: es muß so sein! und es schließlich so haben wollen. Gerade wie der Teufel wahrhaftig nicht von Gott eingesetzt ist zum Fürsten dieser Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.31">Joh. 12,31 u. ö.</ref>], sondern nur durch unsere Abwendung vom lebendigen Gott eine gewisse Macht über uns bekommen hat, so daß er <pb xml:id="p369" ed="pga"/> uns immer wieder versuchen und zu Fall bringen kann. So gehört auch unser ganzes Christentum, das etwas so Künstliches und Armseliges ist, wenn wir es mit Jesus vergleichen, nicht zum Lichte Gottes, sondern zu dem Schatten, den wir selber werfen. Wir müßten nicht Katholizismus und Protestantismus und andere «-ismus» haben, wenn wir Gott hätten. Wir brauchten keine Kirche, wenn wir es merken wollten, daß wir nur Gott brauchen. Es gäbe keine Fragen für uns, wenn wir wirklich nach Gott fragen wollten. Wir müßten uns auch nicht alle Jahre erst mühsam an die Reformationszeit erinnern, wenn wir wie die Reformatoren in unserer Zeit einfach Kinder Gottes sein wollten. Aber es ist in uns eine Verwirrung, eine Veränderung Gott gegenüber, ein Widerstand gegen ihn, es ist in uns ein Nein gerade gegen diese einfache, starke Wahrheit, die in Jesus erschienen ist, daß wir Gottes Kinder sind. Wir möchten es wohl sein, aber wir wollen nicht eigentlich. Wir meinen es gut, aber wir begehren das Gute nicht, wie es begehrt sein will. Wir wollen Gott verehren, aber nicht ihn anerkennen. Wir seufzen nach einer göttlichen Welt, aber sie soll nicht in uns anfangen dürfen. Darum hängt das Schicksal so schwer über uns. Darum spüren wir so viel Teufelsherrschaft in der Welt statt Gottesherrschaft. Darum müssen wir auch das rätselhafte, schwache christliche Wesen unter uns haben statt den Kräften Gottes, die doch in Jesus auch für uns angefangen haben. Darum müssen wir auch hier wie vor einer Mauer stehen.|</p>
          <p>Liebe Freunde, ihr <hi rend="italic">begreift mich jetzt vielleicht ein wenig</hi>, warum ich nicht gerne dabei bin, so ernst und wichtig von der Kirche zu reden, wie es jetzt immer mehr wieder Brauch zu werden scheint. Warum ich mich von allerlei Bestrebungen gerade auf diesem Gebiet lieber zurückhalte. Warum es mir nicht wohl ist bei solchen Erinnerungsfesten wie das 400-jährige Reformationsjubiläum, das jetzt schon für das Jahr <date when="1917">1917</date> vorbereitet wird.<note xml:id="n06">Vgl. 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2421">
              Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, 
              Jg. 31 (1916), 
              S. 118f.</bibl>: Die schweizerische reformierte Kirchenkonferenz beschloß bei ihrer Tagung am <date>14.6.916</date>, daß «auf den 400jährigen Gedenktag der Reformation eine Gedenk-Schrift in deutscher und französischer Sprache herausgegeben werden soll. … Als Gedächtnistag wurde das Reformationsfest <date when="1917-11-04">(4. November) 1917</date> für die ganze reformierte <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> festgesetzt. Damit an diesem Tage die im Geiste einige protestantische Schweizerkirche geschlossen vor das Volk trete, soll vom Bureau der Konferenz eine Proklamation an das evangelische Schweizervolk erlassen werden, die von den Kanzeln verlesen und der Presse zugänglich gemacht wird.»</note> Ich sehe in dem allem zu deutlich die Mauer, die uns von Gott scheidet. <pb xml:id="p370" ed="pga"/> Es ist mir, man treibt da Nebensachen, um der Hauptsache aus dem Weg zu gehen. Es scheint mir so seltsam, so ein großes Wesen zu machen aus Dingen, die ja nur dasein müssen, weil Gott nicht mehr oder noch nicht da ist. Ich kann es nicht begreifen, wie man über die Reformation vor 400 Jahren jubilieren kann, wo wir doch gerade nicht wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> über Gott jubilieren wollen. Zeigen wir nicht mit alledem, daß wir eben gerade unser seltsames, kraftloses Christentum selber wollen – und nicht Jesus, obwohl wir ja deutlich sehen müssen: Jesus war etwas ganz Anderes; daß uns an unserer Kirche oder Gemeinschaft mehr gelegen ist als an Gott, obwohl wir ja sehr wohl wissen, daß Gott nicht in Häusern wohnt, die von Händen gemacht sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.7.48">Act. 7,48</ref>]. Ist das nicht gefährlich, gefährlich darum, weil wir uns damit bestärken in dem, was ja nicht sein müßte, wenn es auf Gott ankäme, gefährlich, weil wir darüber das nicht tun, was getan werden könnte? Versteht mich wohl, ich weiß ja, daß Kirchen und Konfessionen, Protestantismus und Katholizismus und wohl auch solche Erinnerungsfeiern vorläufig sein müssen – ich meine nur, wir sollten ganz, ganz still davon sein, wir dürften das alles nie wichtig und ernst nehmen, wir sollten das alles haben und mitmachen nur als etwas Unvermeidliches – aber mit ganzer Seele und aus allen unseren Kräften müßten wir gleichzeitig einen total anderen Weg gehen, den Weg, der uns zu Jesus selbst, zu Gott selbst zurückführen würde aus all dem menschlichen, vorläufigen Wesen.</p>
          <p>Und da sind wir eben wieder bei Jesus und den Kindern, von denen unser Text erzählt. Da waren so ein <hi rend="italic">paar einfältige Frauen</hi>, die konnten es nicht fassen, daß das große, helle, freundliche Licht, das in Jesus war und von ihm ausging, nur für sie und für die Männer, nur für die großen, gescheiten Leute gut sein solle, nur für die, die über die Reden und Gleichnisse des Meisters tiefsinnig studieren<note xml:id="n07">= nachgrübeln.</note> und kluge Worte machen konnten, nur für die Erfahrenen, die viel von Gott wußten, die ein Wunder wohl zu unterscheiden wußten von einem gewöhnlichen Ereignis, die die außerordentliche Persönlichkeit des neuen Propheten erkannten und verstanden. Nein, das konnten diese Frauen nicht fassen. Denn sie hatten ja ihre schreienden, zappelnden, schwätzenden Kindlein, ihre Bübli und Meiteli, und die wußten freilich kein Wort von Gott und der Menschheit und der Religion, von Propheten und Persönlichkeiten, die <pb xml:id="p371" ed="pga"/> wollten nur leben und lustig sein und liebgehabt sein vor Allem – aber sollten sie darum ausgeschlossen sein, wenn es nun so schön wurde auf der alten Erde, daß man sie fast nicht mehr kannte, wenn die Menschen alle, die wollten, so herrlich gesegnet wurden, wenn die Eiskrusten des Mammons und der Sorge schwanden, die um die Herzen der Großen lagen, und bis in die Krankenzimmer der Hoffnungslosen und in die Zellen der Irrsinnigen hinein das Leben wieder zu seinem Rechte kam bei den armen Menschen. Sollte das die Bübli und Meiteli nichts angehen, wenn Alles sich kehren wollte, was den Menschen Angst und Grauen bereitete, wenn das Reich des himmlischen Vaters mit Macht hereinbrach? Oder ging das nicht gerade sie an, sie zuerst? Und da faßten diese Frauen, die in ihrer Einfalt so viel verständiger waren, als sie selbst wußten, Mut und brachten ihre Kleinen zu Jesus, daß er sie anrühre, nur anrühre. O, sie verstanden so gut, worauf es ankam, daß diesen Kleinen, die nichts wußten und wollten als Leben und Freude und Liebe, gerade sie mitten hinein gehörten in den Sonnenschein Gottes, der da aufgegangen war.|</p>
          <p>Seht, das war ja auch <hi rend="italic">das Große an den Reformatoren</hi>, an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> vor Allem, daß sie sich wie diese Frauen mit ihren Kindern in aller Einfalt und ohne sich zu schämen wieder an Jesus herandrängten. Sie waren ja freilich gelehrte und fromme Männer, aber davon konnten sie alle ganz still sein, das war ihnen gerade nicht wichtig, sonst wären sie geblieben, was sie waren. Nein, es war etwas Größeres in ihnen, etwas Kindliches, ein ganz reines Bedürfnis nach Leben und Freude und Liebe, nach Gott, wie es in den Kindern ist, und diesem Bedürfnis gaben sie nach, von ihm ließen sie sich führen durch Alles hindurch. Und da wurden sie an der Messe und den Klöstern, am Papst und an den guten Werken vorbei zu Jesus selbst geführt. Da erwachte in ihnen wieder der Geist der ersten Zeit, die noch keine Kirchen, kein Christentum, keine schweren Fragen, keine umständlichen Einrichtungen hatte, dafür aber Gott selber. Es gab wieder einen Zwang, eine Notwendigkeit in ihnen, daß sie zu Gott Ja sagen mußten statt Nein, und durch diesen Zwang bekamen sie eine große Freiheit, daß sie sich vor der Sünde und vor dem Tod nicht mehr fürchteten, daß sie vom Teufel singen konnten: ein Wörtlein kann ihn fällen<note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-songs-59" type="song">
                                Schlußzeile der 3. Strophe von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> Lied «Ein feste Burg ist unser Gott», Nr. 157 (GERS [1952] 342; EG 362)</bibl>.</note>, daß ihnen eine ganze Menge von religiösen und kirchlichen <pb xml:id="p372" ed="pga"/> Meinungen und Einrichtungen ganz nebensächlich und überflüssig wurden. Es gab wieder ein Christentum, das eigentlich gar keines war, wenigstens gar nicht das, was wir heute bei dem Wort denken, etwas unendlich Einfaches und dafür Starkes, etwa so wie das, was eben zwischen Jesus und den Kindlein war, als er sie anrührte und ihnen sagte, daß auch sie und gerade sie ins Reich Gottes gehörten. Ja, die Reformatoren nahmen das Reich Gottes auf wie die Kinder. Sie suchten gerade nur das, was eben bei Jesus zu finden [war], und fanden es überreichlich und wußten und wollten nichts mehr als das, so wie dort die Kindlein nur angerührt sein wollten. O, wir spüren es noch heute, wenn wir ihre Schriften lesen, was das für ein Angerührtwerden war, wie Gott ihnen so deutlich, so lebendig, so vertraut wurde, daß sie oft fast das Jauchzen nicht unterdrücken konnten über das, was ihnen da passiert war. Und etwas von diesem Kindlichen, das direkt und ohne Umwege auf Gott losgeht, war in jener ganzen Zeit. Es war jenen Menschen gegeben, einmal ganz von vorne anzufangen mit Gott und Jesus, ohne Umstände und Künste sich Leben und Freude und Liebe schenken zu lassen. Wie die Kinder ein Bilderbuch schlugen sie die Bibel auf, und sie fanden etwas darin. Wie die Kinder fragten sie: was hat dieser Jesus für uns getan? und sie merkten es: er hat uns frei gemacht! Wie die Kinder vor ihren Vater traten sie vor Gott hin und baten, und Gott gab ihnen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.9 Mt.7.11">Mt. 7,9-11 par.</ref>]. Darum war die Reformationszeit eine große Zeit.</p>
          <p>Was die Reformatoren getan haben, das <hi rend="italic">müßten wir wieder tun</hi>: Wir müßten als Kinder zu Jesus gehen. Das ist der andere Weg, den wir in aller Stille antreten sollten. Wir sind ja Kinder, in uns allen ist ein Kind, wenn wir’s nur gelten lassen wollten. Kinderspiel ist all das Eifrige, Emsige, das uns die ganze Woche hindurch in unserer Arbeit und in unseren Gedanken außer Atem hält, Kinderlehre<note xml:id="n09">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/29/p153#fn_n01">S. 153, Anm. 1</ref>.</note> auch das, was wir hier miteinander treiben. Wir wollen doch unser Erwachsensein in den Jahren nicht so wichtig und ernst nehmen. Es gibt nur ein wirkliches Erwachsen[werden], und da werden wir eben unseren Jahren zum Trotz nicht alte Menschen, sondern jung und immer jünger. Wir wollen eigentlich alle nur leben und uns freuen und liebgehabt sein. Wenn wir uns davon wollten führen lassen, dann würden wir zu Jesus geführt, daß er uns auch anrühren könnte. Das Kind in uns allen sagt zu Gott Ja und nicht Nein. <pb xml:id="p373" ed="pga"/> Es möchte das Gute nicht nur, es begehrt danach. Es will Gott nicht verehren, sondern in ihm leben. Es begehrt nach dem unmittelbaren Lichte und mag nicht im Schatten sein. Lasset die Kindlein zu mir kommen! – die großen Reformatoren haben diese schlichte Einladung gehört. Darum waren sie groß. Als sie sie nicht mehr hörten, war es mit ihrer Größe vorbei. Sie ist seither nicht wieder oder nur noch ganz vereinzelt gehört worden, dafür kam dann alles Andere bis auf diesen Tag.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Wir sollten</hi> dieses Andere ganz klein werden lassen in unseren Gedanken. Wir sollten auch nicht rückwärts blicken und uns erbauen daran, daß es einmal eine solche Zeit gegeben hat. Wir sollten vorwärtsblicken. Wir sollten ganz feine Ohren bekommen, bis wir diese schlichte Einladung auch wieder hören!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-139" type="song">Nr. 163 «Eine Herde und ein Hirt» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 385,1-3; EKG 220,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-165" type="song">Nr. 258 «Dir will ich danken bis zum Grabe» von <persName ref="kbga-actors-642">G. Knak</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 315,1-3)</bibl>
            <!-- alt
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1925" target="b0163">Nr. 163</ref> «Eine Herde und ein Hirt» von Fr. A. Krummacher, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 385, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EKG</title> 220, 1-3</bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1933" target="b0258">Nr. 258</ref> «Dir will ich danken bis zum Grabe» von G. Knak, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 315, 1-3</bibl>)</item>
            -->
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
