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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaia 6,1-8 (Bettag I)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaia 6,1-8 (Bettag I), 17. September 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29042 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 322–328.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Jesaia 6,1-8 (Bettag I)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 344</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 6,1-8 (Bettag I), 17. September 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1784">KBA 1322</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-09-17">17. September 1916</date>
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          <head type="event">Bettag I</head>
        
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.1 Jes.6.8">Jesaja 6,1–8</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
        </div>
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          <p>Der heutige Tag hat uns hier zusammengerufen, um etwas zu <hi rend="italic">reden</hi> und zu <hi rend="italic">hören</hi> von unserem Volk und Vaterland, von dem, was uns alle gemeinsam bewegt, wenn wir daran denken, daß wir Schweizer sind. Was erwartet ihr nun wohl zu hören? Eine Ansprache mit der <hi rend="italic">Aufforderung</hi> zur treuen Erfüllung unserer vaterländischen Pflichten? Oder eine <hi rend="italic">Anklagerede</hi> gegen die bestehenden Mißstände und die, die dafür verantwortlich sind? Oder eine <hi rend="italic">religiöse</hi> Betrachtung unserer Lage mit dem Wunsch, wir möchten uns alle zu einem größeren und tieferen Glauben aufraffen? Oder von alledem <hi rend="italic">etwas</hi>, jedem das Seine, daß Keines unbefriedigt heimgeht nachher? Vielleicht traut ihr es mir zu, daß ich im einen oder anderen Sinn auch einige wichtige und wahre Gedanken vorzubringen hätte. O die <hi rend="italic">Pfarrer</hi>, die heute ihre Bettagspredigten halten landauf landab, wissen alle so unheimlich viel zu sagen über das Vaterland, jeder nach seiner Art und Richtung! Und die <hi rend="italic">Zeitungen</hi> erscheinen alle Tage und wissen alle unheimlich viel, jede nach der Melodie derer, die sie bezahlen. Und immer neue vortreffliche <hi rend="italic">Männer</hi> ergreifen in Schrift und Rede das Wort über das Vaterland, seine Sorgen, seine Nöte, seine Aufgaben. Und <hi rend="italic">wir alle</hi> haben wohl auch schon das Wort ergriffen in vielen Privatgesprächen und getrost mitgeredet über das, was im Volk und Vaterland geschieht und geschehen sollte, der eine zufrieden, der andere unzufrieden, der eine als Anhänger und Freund der jetzt bestehenden Verhältnisse, der andere als ein rechter Umstürzler, der dritte wenigstens als Freund eines gewissen behutsamen Fortschritts, der eine und andere wohl auch schon einfach als frommer Mensch, der sich mit seinen christlichen Gedanken zurechtzufinden versucht in dem großen Irrgarten der öffentlichen Dinge. Möglicherweise würde es euch interessieren, wieder einmal etwas von <hi rend="italic">meinen</hi> Meinungen zu hören, und ob ich nun wohl diesem oder jenem oder vielleicht Allen ein wenig recht geben werde. O nicht wahr, es ist ja etwas in uns, das treibt uns immer wieder, gerade in der gegenwärtigen Zeit, zu <hi rend="italic">reden</hi> von dem Zustand und von der Zukunft unserer Volksgemeinschaft. Ohne daß wir’s wollen, kommen uns die Worte auf die <pb xml:id="p323" ed="pga"/> Lippen über diese ganze Sache, bald Worte der Dankbarkeit und der Freude, bald Worte der Auflehnung und des Schmerzes, bald Worte der ruhigen Vernunft, mit denen wir im Nächstliegendsten zu klären und zu helfen suchen, bald Worte einer stürmischen Sehnsucht, mit denen wir uns über alle Grenzen des Erreichbaren und Möglichen hinwegsetzen. Und das Gleiche, was da in uns ist, treibt uns auch immer wieder, zu <hi rend="italic">lauschen</hi>, ob nicht ein Anderer das rechte Wort findet für die große Sache. Wir blättern und suchen in den Zeitungen, wir spitzen die Ohren im Gespräch mit den Leuten, und so sind wohl auch heute viele in die Kirche gekommen in der stillen Erwartung: vielleicht, vielleicht könnte hier das rechte Wort fallen! Was uns treibt, zu reden und zu hören vom Vaterland, ist <hi rend="italic">nichts Schlechtes</hi> und nichts Gemeines. Wir glauben daran, daß das rechte Wort in der jetzigen Zeit eine <hi rend="italic">Macht</hi>, eine Erlösungsmacht wäre. Wir sind auch im Grunde alle überzeugt, wie hoch wir auch von uns selbst denken mögen, daß es <hi rend="italic">noch nicht</hi> gesprochen ist. Wir glauben auch daran, daß es gefunden werden <hi rend="italic">könnte</hi>, sonst würden wir nicht immer wieder probieren zu reden und zu hören. Und wenn jetzt Einer <hi rend="italic">auftreten</hi> würde und könnte unsere ganze seltsame Lage und alle die Verwirrungen unter uns, all das offene und geheime Unrecht, unter dem wir sind, aber auch allen guten Willen in unserem Volk, die Gegenwart und die Zukunft unseres Landes und Staates so recht zusammenfassen und überblicken und verstehen, könnte uns klar und überzeugend, mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.22">Mk. 1,22</ref> par.] sagen: so steht es mit uns: hier ist unser Heil und hier unser Unheil, hier tun sich unsere Wege auf zu einer besseren Zukunft, und so und so müssen wir nun handeln, um sie zu gehen! – nicht wahr, wir würden uns über eine solche Stimme freuen wie über die Stimme eines Engels, nicht wahr, wir würden ihr Glauben und Gehorsam schenken? Aber wer hat sie schon gehört? Oder wer dürfte gar aufstehen und sich rühmen: ich habe das Wort zu sagen, auf das man hören und dem man glauben muß? Und so <hi rend="italic">reden</hi> und <hi rend="italic">hören</hi> wir zwar tausend Worte, wahre, schöne, fromme Worte vielleicht, die Zeitungen drucken und drucken, an den Wirtstischen wird geredet und geredet, die Pfarrer predigen und predigen – aber das entscheidende, siegreiche, erlösende Wort ist nicht darunter! Wenn ich daran denke, gebe ich den nutzlosen <hi rend="italic">Versuch</hi> zum vornherein auf, euch nun auch noch mit meiner Meinung über das Vaterland zu unterhalten oder zu belästigen. Denn ich weiß zum vornherein, daß ich das rechte Wort auch nicht habe.</p>
          <p>
                        <pb xml:id="p324" ed="pga" rend="noPipe"/>Was sagt denn <hi rend="italic">Gott?</hi> Meine Freunde! <hi rend="italic">Das</hi> fragt sich eben, ob wir von <hi rend="italic">Gott</hi> überhaupt die Erlaubnis haben, das rechte Wort zu reden und zu hören. Wer es haben will, der muß es von ihm haben. Denn um <hi rend="italic">seine Sache</hi> handelt es sich. Er ist der Anfang und das Ende der <hi rend="italic">Welt</hi>, von der auch das Vaterland mit seinen Bergen und Tälern ein Teilchen ist. Er ist <hi rend="italic">der Herr</hi> der Geschichte, von deren wildem Strome wir jetzt getrieben werden wie ein dürres Blatt. Er ist’s, der es offenbar so gewollt hat, daß in der Schweizergeschichte neben unzähligen Torheiten, Schwatzereien und Verbrechen auch der Gedanke der <hi rend="italic">Freiheit</hi> eine Stätte gefunden hat bis auf den heutigen Tag, und der vielleicht auch für die Zukunft noch etwas mit uns vorhat. <hi rend="italic">Ihn</hi> geht es eigentlich an, wenn wir jetzt so <hi rend="italic">dankbar</hi> und froh sind, gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Vaterland zu haben und gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Volkes Glieder zu sein. Und von <hi rend="italic">ihm</hi> her kommt es eigentlich, wenn unsere Herzen sich <hi rend="italic">empören</hi> gegen Manches, was eine Schande ist für die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und die Schweizerfreiheit. Er ist <hi rend="italic">der Größere</hi> über den Schweizerbergen, über der Schweizergeschichte, über dem Schweizergewissen – über Leben und Tod des Schweizervolkes. Er hält uns in seiner <hi rend="italic">Hand</hi> und beugt sich über uns wie ein Künstler über sein Werk und sieht, was geworden ist aus dem, was er gedacht hat, und was wohl noch daraus werden will. Seine Sache ist es, das rechte Wort, das Wort, das Wahrheit und Hilfe bringt, zu reden. Habt ihr auch schon darüber <hi rend="italic">nachgedacht</hi>, daß alle die Zeitungsschreiber und Volksredner und Schriftsteller und Pfarrer und Wirtshauspolitiker, die so viel und so sicher über Volk und Vaterland zu reden wissen, eigentlich tun, was nur Gott tun könnte – daß wir, wenn wir so eifrig lauschen auf die gescheiten Meinungen von dem und jenem, eigentlich lauschen auf das, was nur Gott uns sagen könnte? Wunderbares Bild! Hier ist <hi rend="italic">Gott</hi> und hat das rechte Wort – das rechte Lob und den rechten Tadel und den rechten Rat – o alles das, was wir so gerne sagen oder hören möchten, wenn es sich ums Vaterland handelt – und hier sind <hi rend="italic">wir</hi>, und reden und reden, hören und hören, tun, als ob wir das rechte Wort hätten, und wissen doch noch so gut, daß wir es allesamt nicht haben, wissen noch so gut, daß wir die Erlaubnis von Gott nicht haben, weder zum Reden noch zum Hören. Umsonst all das bedruckte Papier, umsonst all das Geschwätz, umsonst all das Predigen. Wir können allerlei Worte hören, das rechte Wort aber ist verschlossen bei Gott.</p>
          <p>
                        <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> war ein <hi rend="italic">feuriger</hi> Vaterlands- und Volksfreund. Sein Volk lebte in einem schönen, fruchtbaren <hi rend="italic">Lande</hi>. Es hatte eine herrliche <hi rend="italic">Vergangen<pb xml:id="p325" ed="pga" break="no"/>heit</hi> als das Volk, mit dem Gott einen besonderen Bund gemacht hatte. Es war ein <hi rend="italic">hochbegabtes</hi>, hoffnungsvolles Volk. Und jetzt war es in einer ernsten Lage, bedroht von mächtigen, kriegsbereiten Nachbarn, im Inneren aber düstere, gespannte Verhältnisse, Furcht und Unwilligkeit auf der einen Seite, bedenkliche sittliche, soziale und religiöse Zustände andererseits. Es war <hi rend="italic">nötig</hi>, daß ein rechtes Wort geredet werde. <hi rend="italic">Viel</hi> wurde geredet von vielen Seiten. Es fehlte weder an Politikern noch an Propheten. Die weltliche und die göttliche Seite der Probleme wurden von kompetenten Männern vorzüglich beleuchtet. Die Mauern der Häuser von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> widerhallten von klugen Judenmeinungen! Ehrwürdige Greise taten ihren Mund auf, lockige Jünglinge sprachen in Sprüchen! Nur einer <hi rend="italic">schwieg</hi>: <hi rend="italic">
                          <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName></hi>. Warum wohl? Hatte er kein Herz für sein Volk? Sah er nicht und hörte er nicht, was um ihn her vorging? Hatte er gar nichts zu sagen gegen all das Unrechte, das die Menschen um ihn her taten? Kein erbauliches Wort vorzubringen aus alter Zeit für die Gegenwart? Gar keinen einzigen kleinen guten Rat zu geben in die Verwirrung hinein? Alle, Alle scheinen ein rechtes Wort zu haben, nur er nicht. Nein, das ist nicht richtig: er ist der <hi rend="italic">Einzige, der weiß</hi>, daß Alle, Alle und er auch das rechte Wort nicht haben und daß das Volk Gottes vor lauter Beredsamkeit mit verbundenen Augen in den Abgrund läuft. Das rechte Wort ist verschlossen bei Gott, <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> weiß es, und er weiß warum, darum schweigt er.|</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Zwei Erfahrungen</hi> hat er gemacht, die man nicht machen kann, wenn man zu viel reden und hören will. Er hat die <hi rend="italic">Herrlichkeit des Herrn</hi> gesehen. Sein Stuhl war hoch und erhaben. Der Saum seines Mantels, nur der Saum füllte den Tempel. Die Engel riefen einander das Heilig! zu. Ihre Stimme war wie Erdbeben, und was von dem Herrn ausging, wie ein verzehrendes Feuer [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joel.2.3">Joel 2,3</ref> u.ö.]. Das war Gott. Gott der Lebendige, der Ewige, nicht das Ding, das die Menschen so nennen und im Kopf haben, das Ding, mit dem sie ein wenig rechnen und ein wenig spielen, Gott, der Gott ist. Ihn hat <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> erkannt, sicher nicht aus dem, was die Politiker und die Propheten redeten. Das war seine eine Erfahrung. Die andere war eine Erfahrung mit sich selber: <hi rend="italic">Wehe mir</hi>, ich vergehe!, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen, denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen mit meinen Augen! Gottes Erhabenheit und Heiligkeit und der kleine Mensch, das verträgt sich nicht! Es ist etwas Geheimnisvolles in Gott, das <pb xml:id="p326" ed="pga"/> den Menschen zu Boden drückt, wenn et es etkannt hat. Die wenigen Strahlen der großen Sonne, die so ein kleines Brennglas auffängt, werden in ihm zur unerträglichen Flamme. Wie könnte er es unternehmen, zu reden von Gott und von seiner Sache? Ich bin ein Mann von unreinen Lippen! Warum bin ich der einzige, der es merkt? Warum reden sie alle so fröhlich und sicher vom Größten, reden, als ob es gar nicht das Größte wäre? reden, als ob sie reden dürften und könnten? Das war seine Erfahrung mit sich selber. <hi rend="italic">Beides</hi> zusammen: Gottes Größe und des Menschen Nichtigkeit haben <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> gezwungen zu schweigen. Merkwürdiges Schauspiel: ein Vaterlands- und Volksfreund, der nichts sagt. Der alles, alles sehr wohl <hi rend="italic">sieht</hi> und hört und weiß: Vergangenheit und Gegenwart, Fehler und Tugenden seines Volkes, die Politik und die sozialen Verhältnisse. Aber er <hi rend="italic">weiß</hi> auch: in dem allem handelt es sich um Gott! Und ich würde Gott verunreinigen mit meinen Worten, das rechte Wort könnte <hi rend="italic">ich</hi> doch nicht sprechen. Und darum sagt er nichts.</p>
          <p>Was soll uns diese merkwürdige Geschichte? Sollte sie uns <hi rend="italic">erklären</hi>, warum das rechte Wort auch zu unserer Zeit verschlossen sein muß bei Gott? Jawohl, hier haben wir die beiden Gründe dafür, eng verbunden. Der erste Grund ist der: Das, was jetzt in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> gesagt werden müßte, das ist <hi rend="italic">das Göttliche selber</hi>. Versteht mich wohl: ich sage nicht «das Fromme» oder «das Christliche», ich sage «das Göttliche». Es müßte uns jetzt aus der tiefsten Wahrheit heraus und mit der größten Kraft gesagt werden können, was wir Schweizer für eine Aufgabe haben in der Welt, woran es uns fehlt, was wir anders machen sollten. Was <hi rend="italic">jetzt</hi> vorgebracht werden kann, das rupft und zupft auf der Oberfläche, da schwatzt ein jeder ein wenig nach seinem eigenen kleinen Menschenkopf. Was uns not tut, das sind <hi rend="italic">große Gedanken</hi>, groß, wie Gott selber groß ist, heilige Meinungen, wie Gott heilig ist, Feuer von dem Feuer, das von Gott ausgeht, Liebe und Gerechtigkeit aus dem Meer des Guten, das in Gott ist. Wir müßten uns danach sehnen und ausstrecken, den Unfaßbaren zu sehen mit unseren Augen, statt uns immer wieder so schnell mit dem zu begnügen, was wir verstehen und uns ein wenig ausmalen können, die Stimme der Seraphim zu hören und zu vernehmen, die erschütternde und bewegende, statt uns immer wieder mit «Ansichten» und «Standpunkten» zufrieden zu geben, durch die in Ewigkeit nichts anders wird. Wir sind zu <hi rend="italic">genügsam</hi>. Wir sind zufrieden damit, kalte, menschliche, oberflächliche Worte zu hören und zu reden, Worte, die nur aus unseren <pb xml:id="p327" ed="pga"/> eigenen harten Schweizerköpfen kommen. Das rechte Wort, das wir brauchen, ist das Wort, das Gott selbst sprechen möchte. Aber wir haben uns noch nie ganz klar gemacht, daß <hi rend="italic">das</hi> es ist, was geredet und gehört werden müßte. Das ist der eine Grund, warum das rechte Wort, das uns helfen könnte, verschlossen sein muß bei Gott.|</p>
          <p>Der andere Grund ist der, daß auch wir <hi rend="italic">ein Volk von unreinen Lippen</hi> sind. Denkt euch, wir <hi rend="italic">würden</hi> das merken: nur das Tiefste und Größte kann jetzt wahr sein, und alles Reden und Hören von den äußerlichen Dingen hilft jetzt wenig! O, es <hi rend="italic">haben</hi> es Manche wenigstens geahnt, und es war in Manchem, was besonders in den beiden letzten Jahren in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> gesagt und gehört worden ist, ein Streben nach diesem Tiefsten und Größten. Ich denke ganz besonders an alle die Stimmen direkt aus dem Volke, die lauter und immer lauter schreien möchten gegen das Unrecht, von dem jetzt die Welt und auch unser Land voll ist. Das ist die Stimme des Gewissens, die auf Gott hinweist, mag sie auch oft noch so rauh und heiser und wüst tönen. Ich möchte aber auch nicht verkennen, daß etwas von diesem Streben nach dem Tiefsten und Größten in Manchem von dem liegt, was uns jetzt über die treue vaterländische Pflichterfüllung im Nächstliegendsten gesagt wird. Und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß in dieser Stunde in vielen, vielen Kirchen und Kapellen unseres Landes aufrichtig danach gestrebt und gerungen wird, nicht nur etwas Christliches, sondern das Göttliche selbst zu sagen, nach dem wir hungern. Aber <hi rend="italic">wer ist der Mann</hi>, das Göttliche zu sagen, und wenn er noch so gerne wollte? Wo sind die Politiker, die Zeitungsschreiber, die Pfarrer, die es dürfen und können? <hi rend="italic">Warum</hi> spüren wir bei ihnen allen immer so peinlich deutlich das menschlich Beschränkte und Fehlerhafte? Warum können wir so gemütlich die wunderbarste Predigt hören oder den flammendsten Artikel lesen und lassen uns im Grunde doch überall nur in unseren eigenen Meinungen bestärken? Warum entsteht aus dem vielen, was wir reden und hören, im besten Fall ein angeregtes Disputieren, bei dem jeder an sich selbst die größte Freude hat? <hi rend="italic">Wehe mir!</hi> ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen, denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen mit meinen Augen! Und wenn wir es erkennten, daß das Göttliche gesagt werden müßte, wir können es nicht sagen, weil wir die Leute dazu nicht [sind], wir alle. Je mehr uns die Augen aufgehen für das, was eigentlich nötig wäre zu reden und zu hören, desto gewaltiger <hi rend="italic">drückt es uns:</hi> Wer <pb xml:id="p328" ed="pga"/> aber sind wir, uns damit abzugeben? Was sind unsere Gedanken, die ewigen Gedanken aufzufassen, in denen Erlösung ist? Was ist unsere Sprache, das Geheimnis auszusprechen, ohne das wir doch nicht leben können? Was für eine Lächerlichkeit von uns, aus dem Goldschatz der göttlichen Wahrheit kleine Münzen machen zu wollen für den Tagesgebrauch? Und dann <hi rend="italic">versuchen</hi> wir es doch immer wieder, und unsere Stimme tönt kindisch und heiser und häßlich und dringt nicht durch, und dem Größten und Tiefsten, das wir zu Ehren bringen möchten, ist nicht gedient, und wieder und wieder verunreinigen wir Gott selber durch unser frevelhaftes Bemühen, mit unreinen Lippen von ihm und seiner Sache zu reden, mit unreinen Ohren das Göttliche zu hören. Das ist der andere Grund, warum es bei ihm verschlossen sein muß.</p>
          <p>Und so müßte das die <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> sein, die wir heute am Bettag still nach Hause nähmen: daß das rechte Wort von Volk und Vaterland derzeit nicht zu haben ist? Aber die Geschichte des <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> tut uns eine <hi rend="italic">Aussicht</hi> und eine Hoffnung auf. Hat nicht ein Engel <hi rend="italic">Feuer</hi> vom Feuer Gottes zu ihm gebracht? Sind nicht seine unreinen <hi rend="italic">Lippen</hi> geheiligt worden mit glühender Kohle vom Altar des Herrn? «<hi rend="italic">Siehe</hi>, hiemit sind deine Lippen berührt, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnet sei!» Es ist etwas geschehen zwischen Gott und diesem Menschen. Und jetzt konnte <hi rend="italic">Gott</hi> eine Möglichkeit und eine Bereitschaft finden für seine Frage: wen soll ich senden? wer will unser Bote sein? Und jetzt konnte <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName></hi>, ein armer, gewöhnlicher kleiner Mensch, antworten: hier bin ich, sende mich! und konnte das rechte Wort haben für Volk und Vaterland. So könnte es <hi rend="italic">geschehen</hi>, daß das rechte Wort auch für uns einmal wieder zu haben wäre, wenn zwischen Gott und den Menschen etwas geschähe, eine Entsündigung und eine Versöhnung, ein Rufen und ein Gehorchen. Dann wird’s <hi rend="italic">Zeit</hi> sein zum Reden und Hören. Und für <hi rend="italic">heute</hi>, für den Bettag, mögen wir an diese Aussicht und Hoffnung denken und werden dann wissen, um was wir zu beten haben, wenn uns unser Volk und Vaterland lieb ist.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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            <bibl corresp="kbga-songs-36" type="song">Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von <persName ref="kbga-actors-1356"> I. Franz</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 59,1-3; EG 331,1-3, jeweils mit leichten Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-59" type="song">Nr. 157 «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261"> M. Luther</persName>, Strophen 1.2 (GERS [1952] 342,1.2 EG 362,1.2)</bibl>
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          <item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0025">Nr. 25</ref> «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 59, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 331, 1-3</bibl>, jeweils mit leichten Textabweichungen)</item>
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