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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 3,21-24</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 3,21-24, 10. September 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29041 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 315–321.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 3,21-24</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 315-321</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 343</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 3,21-24, 10. September 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1783">KBA 1321</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-09-10">10. September 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
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          <salute>Liebe Freunde!</salute>
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        <p>Es liegt in diesen Worten des Apostels eine erstaunliche Kraft und Sicherheit. Ist’s nicht ein rechtes Wunder, wie dieser Mensch, der doch auch nur ein Mensch war wie wir und kein Engel, mit Gott gelebt haben muß, um so reden zu können? Steht er nicht vor uns wie Einer, der mit kühner Hand in den Himmel hineingreift, um die Schätze Gottes an sich zu reißen und auf die Erde zu bringen, die doch zu uns Menschen und in unser Leben hinein gar nicht passen wollen? Ist nicht jedes Wort, das wir da gehört haben, wenn man’s recht betrachtet, eigentlich ganz unbegreiflich: Wir haben eine Freudigkeit zu Gott! Was wir bitten, werden wir von ihm nehmen! Denn wir halten seine Gebote und tun, was vor ihm gefällig ist! … Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibet, an dem Geist, den <pb xml:id="p316" ed="pga"/> er uns gegeben hat! Wenn das nicht in der Bibel stünde, ich dürfte mich nicht getrauen, so zu reden, und ihr dürftet es auch nicht. Wenn wir nicht so stark spürten: diese Worte kommen aus einem lauteren, aufrichtigen Menschenherzen und es stehen gewaltige Tatsachen und unwiderlegliche Wahrheiten dahinter, die diesen Menschen gezwungen haben, so zu reden, möchten wir wohl sagen: das ist lauter Traum und Phantastik und Einbildung! Ein solches Leben in einer solchen Gemeinschaft mit Gott gibt es auf unserer armen Erde nicht, wir haben zuviel vom Gegenteil vor Augen. Und wenn nicht etwas in uns wäre, das diesen Worten antwortet und sich an sie anklammert und gleichsam schreit: das ist wahr! das muß auch für uns wahr sein und wahr werden!, so möchten wir wohl traurig und trotzig auf die Seite stehen und uns sagen: Das geht uns nichts an! So sind wir nicht, und so werden wir nie sein!</p>
        <p>Es redet aus diesen Worten ein starker Glaube. Unser aller Glaube aber ist schwach. Wir spüren darin eine große Wärme und Innigkeit und Freudigkeit gegen Gott. Wir aber stehen so kalt und fremd und freudlos da. <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> steht vor uns wie ein rechter Held, wir aber sind keine Helden, sondern Kinder und Anfänger, wenn’s gut geht.</p>
        <p>Oder wo ist, um nur eins von diesen gewaltigen, gewichtigen Worten zu nehmen, der Geist, den Gott uns gegeben haben soll? Da sieht nun ein jedes in sich hinein und muß sich gestehen: ich kenne ihn nicht oder nur ganz, ganz wenig davon in seltenen, hohen Augenblicken. Ich kann für gewöhnlich gar nicht stark, freudig, liebevoll, geduldig sein. Es ist viel zu viel Schwachheit und Leidenschaft in mir. Und wie ist doch Gott so hoch und fremd über mir. Oft fast nur wie ein Wort, ein kurioses Wort von vier Buchstaben, oft wie ein blasses, weißes Wölklein, das jeden Augenblick zerflattern kann, oft auch nur wie ein hoher, strenger Meister mit vielen Geboten, die man doch nie erfüllen kann, oder auch wie ein dunkles Schicksal, von dem man nie wissen kann: was wird es mir heute oder morgen bringen? Und wie ist mein Glaube so kümmerlich, wie wenig Licht und wie wenig Ernst bringt er eigentlich in mein Leben hinein, was ist das für ein beständiger Wechsel von Erfahrungen in mir, bald ein wenig Freude und dann doch wieder tiefe Niedergeschlagenheit, bald ein bißchen Tapferkeit und dann doch wieder die größte Angst vor dem Leben und vor den Menschen, so daß ich am liebsten der Welt und Allem entrinnen möchte! Wie muß ich immer noch suchen und suchen nach Gott und nach seiner Wahrheit und finde doch nicht, habe auch <pb xml:id="p317" ed="pga"/> keinen Frieden und keine Freude bei meinem Suchen, bin so oft wie am Verdursten und möchte die Anderen beneiden, die etwas sind und wissen und können und haben. Und all dieses Dürftige, Unzureichende da in mir, das soll nun der Geist sein, den Gott mir gegeben hat? Und da soll mir’s nun ein Trost sein, was der Apostel meint: an dem Geist, der uns gegeben ist, erkennen wir, daß Gott in uns bleibt! Ist das nicht vielmehr mein Urteil, mein Gericht? Bin ich nicht gerade ausgeschlossen durch dieses triumphierende Wort?</p>
        <p>Wir nehmen ein anderes von diesen Worten: Was wir bitten, werden wir von ihm nehmen, denn wir halten seine Gebote! Und nun können wir ja an den Bettag denken, der nächsten Sonntag wieder stattfinden soll, und wie es wäre, wenn wir alle, unser Volk, da mit diesem zuversichtlichen Glauben vor Gott treten könnte[n]. Aber das können wir doch eben nicht. Es ist etwas ganz Merkwürdiges um diese Sitte des alljährlichen Bettages. Ich wundere mich manchmal darüber, daß wir nicht selber davor erschrecken und sie lieber aufgeben. So eine große offizielle Inventaraufnahme unseres Christentums, wo durchs ganze Land der Ruf geht: wir wollen es wieder einmal versuchen zu danken, Buße zu tun, zu beten, wir wollen uns wieder einmal daran erinnern, daß Gott ein Recht hat auf uns und daß wir bei Gott viel, ja ziemlich viel zu suchen haben! Und sogar die Regierung hilft mit, indem sie auf diesen Tag und zu dieser inneren Sammlung für ein wenig Stille sorgt. Aber was erwarten wir eigentlich davon? Kann dabei etwas Anderes herauskommen, als daß wir, wenn wir ehrlich wären, gewahr werden müßten, daß es mit dem Danken, Bußetun und Beten, mit dem Christentum, das wir da vor Gott ausbreiten, mit der Religion von uns allen eine unendlich dürftige und hohle Sache ist? Was wir bitten, werden wir von Gott nehmen, denn wir halten seine Gebote! Ja, wenn dieses Feuer in uns brennen würde, das wäre ein Bettag! Wie eine Flamme müßte dann unser Glaube zum Himmel emporsteigen, und Gott müßte sich unserem Glauben entgegen neigen und uns aus seinem Reichtum Alles schenken, was uns in Volk und Vaterland für die Gegenwart und für die Zukunft vonnöten ist. Aber dieses Feuer ist nicht in uns, oder es glimmt nur. Oder wo ist das «Halten seiner Gebote», von dem der Apostel da redet, der Glaube an Jesus, der den Zugang zu der neuen Welt Gottes gefunden hat und den gefundenen Weg geht? Wo ist die Liebe zueinander, in der sich das neue Leben aus der Höhe offenbaren und ausbreiten müßte in uns und unter uns? Wo ist <pb xml:id="p318" ed="pga"/> das Bitten, das sich an Gott herandrängt in heiligem Ernst, um seine Gedanken zu begreifen, um ihm dann aber auch zu sagen: weil du Gott bist und weil wir dein sind, um deines Namens und deiner Wahrheit willen gib dich uns zu erkennen und hilf uns, wir lassen dich nicht, du segnest uns denn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.32.27">Gen. 32,27</ref>]. Wo ist das alles? Und so gehen wir dem Bettag entgegen und müssen, gerade wenn wir ein solches großes Wort wie dieses hören, an das denken, was Jesus einmal gesagt hat: Wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.25">Mk. 4,25</ref> par.]. Und es ist uns, als könne es gar nicht anders sein, als daß Gott uns unser ganzes Christentum, unser ganzes wohlgemeintes religiöses Wesen aus der Hand schlagen wird, weil er das nicht will, oder daß er uns doch einfach stehen lassen wird mit unseren Anstrengungen, in denen doch kein Ernst und keine Tiefe ist.</p>
        <p>Ja, so kommen wir arg zu kurz, wenn wir unseren Glauben und unser Christentum mit dem des Apostels vergleichen. So kann uns die ganze Bibel ein schreckliches Buch werden, wenn wir sie lesen mit der Frage: Und wir? Wir stehen dann immer als die Schwachen da, als die Kinder einer kleinen, traurigen Zeit, als die, die sich durch die Güte Gottes noch unendlich wenig haben bewegen und beschenken lassen, als die, die mit leeren Händen vor ihm stehen müssen. Ja es ist uns, als ob uns etwas – alles Eigene, Alles, was wir machen und denken und meinen – aus der Hand geschlagen würde, wenn wir die Bibel anfangen ehrlich und natürlich zu lesen und gewahr werden, was das für ein Tagesanbruch und Sonnenaufgang war in den Propheten und Aposteln und in welcher Dämmerung oder Finsternis wir daneben stehen. Wir stehen dann ein wenig da wie in alter Zeit die Heiden neben dem Volk <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> und müssen bekennen: Der Herr hat Großes an ihnen getan [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.2">Ps. 126,2</ref>] – an ihnen!, die waren in der Freude, in der Gewißheit, in der Liebe, im Strome der Gerechtigkeit Gottes – aber das alles ist nicht bis zu uns gekommen, nicht bis in unser Dorf, nicht bis in mein Haus, nicht bis an meinen Arbeitsplatz oder mein Krankenbett. Ich bin draußen, wir alle sind draußen. Und dann verleidet uns vielleicht unser Glaube, und wir mögen nicht mehr beten und keine Predigten mehr hören, und der Klang der Kirchenglocken verbittert uns, und alles, was wir lesen und hören von christlichen Dingen, reizt uns nur noch, weil wir bei Allem denken müssen: ich kann machen, was ich will, ich komme doch nicht hinein, dorthin, wo man eine Freudigkeit hat zu Gott, und die Pfarrer und die frommen Leute <pb xml:id="p319" ed="pga"/> mögen sagen und unternehmen, was sie wollen, es kommt doch nicht dazu, daß die Menschen in Gott bleiben und einander helfen und lieb haben und Frieden halten untereinander und die Gebote Gottes halten und tun, was vor ihm gefällig ist. Das kam wohl nur damals vor in der großen Zeit der Gotteshelden, von der uns das Buch da erzählt. Und dann müßten wir die Bibel zumachen, und sie hätte uns nicht freudiger, sondern trauriger gemacht. Ich glaube, wir haben die Bibel nicht richtig verstanden, wenn wir nicht hart an den Punkt kommen, wo sie uns einfach schrecklich wird, weil ihre Worte auch gar so groß und herrlich sind, viel zu schön für uns …</p>
        <p>Aber halt, wir wollen die Bibel nicht weglegen. Und wir wollen diese großen Worte unseres Textes von der Freudigkeit und vom rechten, gesegneten Beten und vom Glauben und Sich-Liebhaben und vom Bleiben in Gott nicht zurückstoßen, weil wir uns vor ihnen zu arg schämen müssen. Es ist noch etwas darin, das wir noch nicht begriffen haben und das wir erst begreifen können, wenn wir uns so geschämt haben. Ja, das ist seltsam, und Gott ist wirklich wunderbar: Gerade wenn wir ganz scharf auf jenem Punkt stehen, daß wir schreien möchten: Nichts für mich! Nichts für uns!, dann ist er uns am allernächsten, steht dicht vor unserer Tür und wartet nur darauf, daß wir ihn hören und eintreten lassen mit dem ganzen Reichtum seiner Lichter und Kräfte, so groß wie die der Propheten- und Apostelzeiten, ja vielleicht einmal noch größer, denn Gott ist unterdessen sicher nicht kleiner geworden. Gott ist dabei, auch wenn wir vor der Bibel erschrecken, nicht nur, wenn sie uns erbaut und erfreut. Es ist gerade in diesem Erschrecken eine Bereitschaft für ihn, ohne die er uns nicht finden und nicht segnen kann. Wir werden irre an uns selbst und unserem Glauben, wir gestehen uns mit rückhaltloser Offenheit ein, daß wir uns auf unsere Religion, unser Beten, unser bißchen Liebe nicht stützen und verlassen können; o <hi rend="italic">wenn</hi> wir alle so weit wären, daß wir’s merkten: es kann kein Mensch an seinen Glauben glauben, kein Mensch durch seine Religion selig werden – seht, <hi rend="italic">wenn</hi> wir so weit wären mit uns selbst, dann könnte wirklicher Glaube anfangen, dann wäre der Raum frei zu einem Beten und Sich-Liebhaben, wie wir es vorher uns nicht träumen ließen. Und so werden wir irre an dem, was in unserem Volk Christentum heißt, sehen, wie unwahr und machtlos wir eigentlich dastehen vor Gott gerade mit so einer Bettagsfeier – o <hi rend="italic">wenn</hi> wir doch schon von Grund aus irre geworden wären an dem, was wir da tun, <pb xml:id="p320" ed="pga"/> wenn wir eingesehen hätten, daß unser Beten, Bußetun und Danken wirklich vor Gott nicht in Betracht kommen kann, daß dieser Bettag, so wie wir ihn zu feiern pflegen, eine sehr menschliche Machenschaft ist – o wenn diese scheinbar so niederdrückende Einsicht da wäre, seht, dann wäre Gott unserem Volke ganz nahe, dann könnte dieser kommende Sonntag zum ersten Mal wirklich ein Tag des Gebetes werden, der nicht umsonst sein könnte. Gott wartet auf zweierlei: auf unsere Aufrichtigkeit, daß wir uns nichts mehr einbilden auf Alles, was von uns aus geschieht, und darauf, daß dann etwas in uns erwacht, das sich von Gott nicht scheiden und abweisen läßt, wartet darauf, daß wir mit der Kraft und dem Mut der Verzweiflung zu ihm rufen: Ja Herr, wir sind ohne dich! wir sind elend, arm und bloß! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.17">Apk. 3,17</ref>]. Du könntest es ohne uns machen, du könntest uns fallen lassen und verstoßen, aber Herr Gott, das darfst du und das kannst du nicht tun, wir haben kein Verdienst und Anrecht auf deine Freundlichkeit, aber ohne daß wir es verdient haben, müssen wir dir sagen: es geht nicht ohne dich. O seht, wenn aus unserer aufrichtig erkannten Not mit Gott heraus dieser Schrei käme: wir ertragen diese Not nicht! unser Glaube ist nichtig, und unser Christentum ist eitel, aber wir lassen uns nicht zurückstoßen von der Türe des Vaters – dann könnte uns Gott helfen, darauf wartet er, das sind die leeren Hände, die uns retten würden.</p>
          <p>Kommen wir in dieser Verfassung vor Gott, dann redet die Bibel auf einmal eine andere Sprache mit uns. Auch die großen Worte unseres <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>. Ja, wir kommen arg zu kurz, wenn wir uns mit ihm vergleichen. Er steht mit seinem Glauben und Christentum hoch über uns. Aber er redet gerade nicht zu den Vollen, sondern zu den Leeren, nicht zu den Gesättigten, sondern zu den Hungernden und Dürstenden. Er breitet seinen hohen Besitz nicht vor uns aus, um damit zu prahlen und uns zu erniedrigen, sondern er tritt eigentlich mit jedem Wort neben uns unsichere und schwache Leute und sagt uns: seht, so dürft ihr auch reden, Gott will es euch geben, daß ihr könnt. Von euch selber aus geht’s freilich nicht, aber von Gott aus geht’s. Mit euren Meinungen und Machenschaften werdet ihr es nicht erobern, Gott aber will es uns schenken. <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> will sich nicht rühmen mit all dem Schönen, das er in seinem Leben mit Gott erfahren hat. Er will aber Gott rühmen und uns sagen: seht, das kann Gott an seinen<note xml:id="n01">Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> scheint ein ursprüngliches «den» in «seinen«» korrigiert zu sein – oder umgekehrt. Beide Worte sind ineinander geschrieben.</note> Menschen tun, so wird’s anders, wenn <pb xml:id="p321" ed="pga"/> Gott reden und sich zeigen kann bei uns. Wenn uns die Bibel ganz gedemütigt hat, indem sie uns neben Menschen stellt, an denen wir nur emporblicken können, fängt sie an, die andere Sprache zu reden, und sagt uns, daß es auf die Menschen da gar nicht ankommt. Nicht sie sind’s, die Propheten und Apostel, die etwas sind und tun in der merkwürdigen Geschichte der Bibel, sondern Gott ist’s, der etwas ist in ihnen und etwas tut in ihnen. Sie sind uns nicht vorgestellt als ein Vorbild frommer Leute, dazu haben sie alle selber viel zu viel schwache und böse Stunden gehabt neben ihren großen und göttlichen Augenblicken. Sondern <hi rend="italic">das</hi> ist wichtig, daß Gott solche Leute wie <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> geschaffen hat und hat leben lassen auf der alten, unvollkommenen Erde zum Zeichen für alle Zeiten und Geschlechter, daß Freude und Liebe und Leben in Gott möglich ist für uns arme Menschen. Sie rufen uns nicht zu: Macht’s wie wir! Werdet, wie wir waren! Das können wir gar nicht; – sie sagen uns aber: werdet nur recht stille mit euren eigenen Meinungen und erzwinget und ersorget nichts mehr. Gott will euch zu etwas Rechtem machen, auch wenn ihr jetzt gar nichts Rechtes seid. Gott will euch nahe kommen, auch wenn ihr euch ganz fremd und ausgeschlossen fühlt. Gott hat euch lieb, lange bevor euch nur der Gedanke gekommen ist, daß ihr ihn auch lieb haben solltet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>].</p>
        <p>Woher weiß ich das alles? Weil hinter <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> und allen Gotteshelden ein viel Größerer steht. Hier Unmöglichkeit des Vergleichens. Hier nur Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Er erklärt uns die Anderen. Die beredte Sprache des Abendmahls: Nehmet!<note xml:id="n02">Am Vorsonntag des Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettages wie an diesem selbst wurde in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> das Abendmahl gefeiert.</note>
            </p>
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            <bibl corresp="kbga-songs-161" type="song">Nr. 262 «Wie nach einer Wasserquelle» von unbekanntem Verfasser nach Ps. 42, Strophen 1-3 (GERS [1952] 12,1-3 mit Textveränderungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-112" type="song">Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Zürich 1886 nach älteren Übertragungen von Ps. 36, Strophen 1.3 (GERS [1952] 10,1.3)</bibl>
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