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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 2,28-29</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 2,28-29, 23. Juli 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29034 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 262–269.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 2,28-29</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 262-269</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 336</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 2,18-28, 23. Juli 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1776">KBA 1314</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1916-07-23">23. Juli 1916</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-07-23">23. Juli 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.28 1.Joh.2.29">1.Johannes 2,28–29</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Die Welt hat <hi rend="italic">ein Ziel</hi> und unser Leben auch. Alles, was ist und geschieht, strömt diesem Ziel entgegen. Alles, was in der vergangenen Woche da draußen vorgegangen ist, alles Arbeiten und Leiden und Sich-Freuen, alles Wagen und Unternehmen und Müdewerden, auch das Schießen und Stürmen im Kriege, alles waren doch nur Schritte diesem Ziel entgegen. Und auch Alles, was du in der vergangenen Woche gedacht und getrieben und geredet und vielleicht gelitten und gesündigt hast unter deinem Dach oder auf dem Feld oder in der Fabrik, auch das alles waren Schritte diesem Ziel entgegen. Und so wird es auch in der kommenden Woche wieder sein. Es wird wieder Alles, was geschehen wird in der Welt und bei dir, ein Tropfen sein in dem großen vorwärtseilenden Strome. Es wird nichts nebenabfallen, nichts gleichgiltig, unwichtig, nebensächlich sein. Es wird jede Minute ein Stück Weg sein, das zurückgelegt wird. Und alle Wege, auch die allerverschiedensten, kommen schließlich zusammen und haben das gleiche Ende. Brummt und lächelt nur übereinander, ihr Menschenkinder, seid nur recht stolz, ein jedes auf seine Meinungen und Erfolge, lauft nur recht weit auseinander mit euren verschiedenen Charaktereigenschaften und Überzeugungen, sondert euch nur schön ab von einander mit euren Bestrebungen und Interessen, – es nützt euch doch nichts, einmal kommen alle diese Menschenlebenweglein doch wieder zusammen, einmal müßt ihr euch dann doch wieder in die Augen sehen, einmal steht ihr dann doch wieder nebeneinander und müßt merken, daß ihr eigentlich alle in der gleichen Richtung gelaufen seid. <hi rend="italic">Wie</hi> ihr gelaufen seid und <hi rend="italic">was</hi> ihr unterwegs gefunden oder verloren, gesehen oder nicht gesehen, getan oder nicht getan habt, das wird sich dann am Ziel allerdings entscheiden und deutlich unterscheiden. Aber <pb xml:id="p263" ed="pga"/> daß es mit Allem und mit Allen einem Ziel entgegengeht, das ist sicher. Je älter man wird und je besser man es lernt, die Augen aufzutun, umso besser merkt man’s. Oder ist’s nicht so?</p>
          <p>In der <hi rend="italic">Bibel</hi> ist viel von diesem Ziel die Rede. Es ist sogar einer der Hauptzwecke der Bibel, uns immer wieder daran zu erinnern, daß es ein Ziel gibt, daß wir doch ja nie denken sollen, die Welt und das Leben seien ein endloses Durcheinander und es sei gleichgiltig und gleichsam nebenab vom Weg, was gestern geschehen ist und morgen geschehen wird. Nein, sagt uns die Bibel, es ist alles Weg, und alle Wege haben ein Ende, und zwar das gleiche Ende, und am Ende kommt es dann zur Entscheidung. Im Alten Testament ist das mehr eine Ahnung, eine Hoffnung für die Einen, eine Befürchtung für die Anderen, im Neuen Testament aber tritt es ganz klar hervor. In unserem Text heißt es: es kommt zuletzt zu einer <hi rend="italic">Offenbarung Jesu</hi>. Wir wollen das ganz einfach verstehen, wie es gemeint ist: zuletzt ist Jesus der, der Recht behält im Himmel und auf der Erde. Das ist das Ende aller Dinge. Dem eilt Alles entgegen, wie die Bäche und Flüsse dem Meere. Dorthin richten sich alle unsere Lebensweglein: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Jesus Christus herrscht als König,</l>
                                <l xml:space="preserve"><hi rend="italic">Alles</hi> wird ihm untertänig,</l>
                                <l xml:space="preserve"><hi rend="italic">Alles</hi> legt ihm Gott zu Fuß,</l>
                                <l xml:space="preserve">jede Zunge soll bekennen,</l>
                                <l xml:space="preserve">Jesus sei der Herr zu nennen,</l>
                                <l xml:space="preserve">dem man Ehre geben muß!<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-songs-15" type="song">Strophe 1 des Liedes 142 von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName> (GERS [1952] 336; EG 123)</bibl>.</note></l>
                            </lg>
          </q> </p>
          <p>Wenn man das erste Mal darüber nachdenkt, kommt das einem sehr seltsam vor; je länger man es sich überlegt, umso begreiflicher und natürlicher erscheint es. Wir brauchen ja nur an das Wort aus unserem Johannesbrief zu denken, das uns vor vierzehn Tagen beschäftigt hat: die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.17">1.Joh. 2,17</ref>]. Da ist also <hi rend="italic">die Welt</hi> mit ihrer Lust und mit ihrem Schmerz, da ist das Geborenwerden und Wachsen und Abnehmen und Sterben der Menschenkinder, da sind unsere gescheiten Gedanken alle mit ihrer Wahrheit und mit dem Irrtum, der ihnen allen notwendig anhaftet, da sind unsere Tugenden und Vorzüge, die samt und sonders, wie wir wohl wissen, auch ihre Schattenseiten haben, da sind unsere <pb xml:id="p264" ed="pga"/> menschlichen Unternehmungen: Politik und Industrie und Wissenschaft und Wohlfahrt und Religion, und es geht von ihnen allen ein Segen aus, aber immer auch ein Fluch, da ist Glanz, Fröhlichkeit, Weisheit, Reichtum, Fortschritt, aber, wie wir alle Tage sehen, auch Krüppelhaftigkeit, Herzeleid, Krankheit, Armut, Stillstand, Tod. In dieser Welt drin <hi rend="italic">war einmal einer</hi>, der hat etwas Anderes eröffnet und angefangen, etwas, das war gänzlich verschieden von dieser Welt. Dieser Eine war Jesus, und was er angefangen hat, das war das Tun des Willens Gottes. Ist es wohl wahr: diese Welt <hi rend="italic">vergeht</hi>? Ja, kann es etwa mit dieser Welt in Ewigkeit so weiter gehen? Weisen uns nicht alle Anzeichen darauf hin, daß diese Welt und unser Leben damit eigentlich nur ein Übergang ist, sehen wir nicht deutlich genug, wie im geistigen und natürlichen Leben Alles im ewigen Wechsel und Vergehen beständig begriffen ist, gleiten uns nicht unser Leben, unsere Gesundheit, unsere Kräfte unter den Händen dahin und fort, ja wohin eigentlich?! Unser Leben und was wir die Welt heißen, das ist eben alles in der Zeit, und die Zeit geht um. Die Zeit ist der Strom, der Alles davon trägt, Freude und Leid, Großes und Kleines. O, <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> hat nur zu recht: diese Welt vergeht, sie ist nicht ewig, sie hat nur ihre Zeit, und die läuft einmal ab.|</p>
          <p>Aber auch im Anderen hat er recht: im Tun des Willens Gottes ist <hi rend="italic">ein Bleibendes</hi>, ein Bleibendes für die Ewigkeit. Ein lebendiges Gewissen in einem Menschen, das steht gleichsam still im unruhigen Strom der Zeit, das bricht durch all den Wechsel und das Vergehen hindurch und behauptet sich als etwas Beständiges. Die Liebe hat kein Ende, die Liebe höret nimmer auf [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>], das schreibt man auf die Grabsteine, dem Tod zum Spott und zum Trotz, mit gutem Grund, wenn damit die wirkliche und nicht nur die gewöhnliche menschliche Liebe gemeint ist. Ein guter, ehrlicher Wille, das ist etwas Bleibendes, bleibender als alle Sterne des Himmels, denn die haben auch nur ihre Zeit, wenn auch eine recht lange Zeit. Gottes Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, sie steht wie die Berge [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.7">Ps. 36,7</ref>], nein, fester als sie, denn auch die Berge werden und vergehen wieder. Die Welt ist nicht ewig, aber das Tun des Willens Gottes in der Welt, das ist aus der Ewigkeit. <hi rend="italic">Jesus</hi> hat den Willen Gottes getan. Es geschah in seinem Leben und Sterben ein Durchbruch von all diesen Gotteskräften, von denen die anderen Menschen immer nur gehört und geredet und nur ganz selten ein klein wenig etwas gespürt haben. Wie ein Felsen im Meer ragte da die Ewigkeit hinein in das <pb xml:id="p265" ed="pga"/> vergängliche Wesen. Es wurde offenkundig, daß vor und hinter dieser Welt, in der nichts Bestand hat, etwas Anderes ist, etwas Größeres. Es wurde offenkundig in diesem Menschen, daß die Menschheit nicht die Bestimmung hat, mit dem Vergänglichen zu vergehen, mit dem Zeitlichen aufzuhören, mit dem Sterblichen zu sterben. Sie kann den Willen Gottes tun und bleiben in Ewigkeit. Wer bleiben möchte, der kann sich jetzt an ihn anschließen, so wird ihm geholfen. Jesus ist der Vertreter der ewigen Welt Gottes in unserer Welt.|</p>
          <p>Und nun rauscht und rauscht der <hi rend="italic">Strom der Zeit</hi> mit seinen Milliarden von Wassertröpflein, mit den stolzen Schiffen und den jämmerlichen Trümmern, die er manchmal einherträgt, bald heiter Klar mit seinen Wogen, bald trüb und schmutzig und undurchsichtig. Und es ist so, wie es der Prediger <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> einmal ergreifend beschreibt: «Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten …, abbrechen und aufbauen, weinen und lachen …, sich lieb haben und sich ferne treten …, behalten und wegwerfen …, schweigen und reden …, streiten und Frieden halten, es hat alles seine Zeit» [<ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.1 Pred.3.8">Pred. 3,1–8</ref>]<note xml:id="n02">In der Wiedergabe dieser Verse weicht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> teilweise vom Text der Luther-Bibel ab. Vorlagen für diese Abweichungen haben sich nicht finden lassen.</note>. Und wenn dann Alles, was geschieht und geschehen kann, und die Welt selbst damit ihre Zeit gehabt hat, dann <hi rend="italic">bleibt das übrig</hi> als das Letzte, das nicht aufhört, als das Ende aller Dinge, was nicht aus der Zeit ist, sondern aus der Ewigkeit. Das wird die Offenbarung Jesu sein. Er ist jetzt noch verborgen mit dem, was er in der Welt angefangen hat im Namen seines Vaters, aber was er gewirkt und geschafft hat, das wird an den Tag treten, wenn diese Welt vergeht. Es geht jetzt gleichsam Welle an Welle über ihn vom Strome der Zeit: Erfindungen und Fortschritte, Staatsumwälzungen und Kriege, Millionen von Menschenleben, ein jedes mit seinen besonderen Erfahrungen, aber zuletzt wird er als der Felsen der Ewigkeit wieder auftauchen aus den verrinnenden Fluten. Er scheint jetzt oft überwunden, widerlegt, vergessen, aber er wird dann einmal dastehen als der, der Recht hat. Seht, das wird das Ende sein, die Zukunft, das Ziel aller Weltwege und Menschenwege, dem eilen wir entgegen: Jesus wird wieder da sein als der Vertreter der Ewigkeit. Oder vielmehr: wenn alle die Wellen der Zeit sich verlaufen haben, dann wird er dastehen als der, der da war, ist und sein wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.4.8">Apk. 4,8</ref>]. Ich glaube nicht, daß man das alles <hi rend="italic">leugnen</hi> kann, wenn man <pb xml:id="p266" ed="pga"/> die Augen nicht verschließt vor dem, was ist. Denkt daran, wenn ihr in Büchern lest von dem, was früher geschehen ist. Denkt daran, wenn ihr in der Zeitung lest von dem, was heute geschieht. Denkt daran, wenn ihr nachsinnt über eure eigene Vergangenheit und Zukunft. Zuletzt wird Jesus dastehen in einer großen Klarheit, «wie der Blitz oben vom Himmel blitzet und leuchtet über Alles, was unter dem Himmel ist, also wird des Menschen Sohn an seinem Tage sein» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.24">Lk. 17,24</ref>].</p>
          <p>Und dann? Ja dann wird von Jesus die große, blendende <hi rend="italic">Klarheit</hi> ausgehen, und keine Minute der vergangenen Weltzeit wird unerleuchtet bleiben. Es wird dann das geschehen, was unsere Väter im Glaubensbekenntnis bekannt haben: er wird kommen, zu richten die Lebendigen und die Toten<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-544">Symbolum Apostolicum, BSLK 21, 17f.</bibl>
               </note>! Wir werden dann mit dem, was wir gedacht und geredet und getan haben, dastehen in einem offenen Licht. Es wird dann unsere Lebenszeit und die Lebenszeiten der Geschlechter, die vor uns waren und nach uns sein werden, vor ihm wie ausgebreitet sein. Es wird dann gar kein Unterschied sein zwischen Hohen und Niedrigen, Gescheiten und Dummen, Leuten mit dieser und Leuten mit jener Ansicht. Es wird aber an uns alle die eine Frage gerichtet sein: wie bist du gelaufen auf deinem Weg? Hast du etwas für die Ewigkeit gefunden und getan, so daß du nun bleiben kannst in Ewigkeit, oder kommst du mit leeren Händen, weil dein Leben, deine Gedanken, deine Tugenden, deine Erfolge vergangen sind mit dem Vergänglichen? Es werden nicht nur die einzelnen Menschen darauf Antwort geben müssen, denn wir sind eigentlich in den meisten Dingen gemeinsam und gegenseitig verantwortlich für einander. Und so wird die Frage kommen an ganze Familien, an ganze Parteien und Völker, an ganze Kirchen und Gemeinschaften; ich glaube, auch die ganze Safenwiler Gemeinde wird einmal gemeinsam Antwort geben müssen: habt ihr für die Ewigkeit gelebt oder für die Vergänglichkeit in der euch gegebenen Zeit? Ihr seid nun am Ziel, was seid ihr nun geworden? Und dann wird zweierlei möglich sein, entweder daß wir Freudigkeit haben können oder aber daß wir vor Jesus zu Schanden werden. Das ist die Entscheidung, der wir entgegen gehen.</p>
          <p>Und nun sagt uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> wieder in seiner einfachen, klaren Weise, <hi rend="italic">wie wir dran sind</hi> bei diesem Wandern dem Ziel entgegen. Wir brauchen keine Angst zu haben beim Gedanken an die Vergänglichkeit. Das Ende <pb xml:id="p267" ed="pga"/> aller Dinge braucht uns kein Schrecken zu sein. Wir brauchen nicht mit unsicheren, zaghaften Gefühlen an die Entscheidung zu denken. Ich muß wieder darauf hinweisen, daß <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> auch vom Weltgericht nicht als Bußprediger redet zu den Christen, an die er schreibt, sondern wie ein Vater, der seine Kinder durch und durch kennt und ihnen das größte Vertrauen schenkt. Sein Hinweis aufs Weltgericht ist kein Donnern und kein Trompetenblasen, sondern ein stilles, sanftes Säuseln [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.12">1.Kön. 19,12</ref>] und gerade darum so stark und eindringlich. «Kinderlein, bleibet bei ihm!», das ist eigentlich Alles. Ihr gehört zu Jesus!, will das sagen, es ist für euch Alles in Ordnung gebracht für jene Entscheidung. Jesus hat für euch den Willen Gottes getan. Jesus hat für euch die Ewigkeit anbrechen lassen in der Zeit. Jesus ist für euch so ein Anderer, Neuer gewesen in der alten Welt. Jesus hat für euch angefangen mit seinem Leben und Sterben, einen Damm zu setzen gegen Vergänglichkeit und Tod. Er ist auch für euch ein Gerechter gewesen. Solltet ihr das nicht mehr wissen? Solltet ihr nicht mehr daran denken, wie euch in ihm einmal ein Licht aufgegangen [ist], wie in euren Herzen etwas Ja gesagt hat, als ihr ihn kennen lerntet? Solltet ihr es vergessen haben, daß ihr einmal Vertrauen faßtet zu seiner Größe und daß etwas Geheimnisvolles euch trieb zum Gehorsam vor seiner Heiligkeit? O ihr Menschenkinder alle, wär’s möglich, daß ihr’s nicht mehr wüßtet, daß ihr dort zum Leben, zur Freude, zur Freiheit berufen worden seid [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.13">Gal. 5,13</ref>], daß da ein Leben vor Gott in die Menschheit eingegangen ist, das nicht untergehen, nicht vertilgt werden kann? Erkennet ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch, unter euch ist? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.5">2.Kor. 13,5</ref>]. Bleibet in ihm!|</p>
        <p>Meine Freunde! Seht, da ist wieder der Erlösungsjubel, das große Freiheitslied, das Jauchzen der Kinder Gottes, die mit dem Heiland hindurchgebrochen sind durch das alte ins neue Wesen hinein. Die Sünden sind euch vergeben! Ihr seid stark! Ihr wisset Alles! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.12 1.Joh.2.20">1.Joh. 2,12.14.20</ref>]. Das geht eben durch diesen ganzen Brief hindurch. Es braucht nur ein Bleiben bei Jesus, so wird auch das Weltgericht, vor dem wir meinten zittern zu müssen, zu etwas ganz Natürlichem, so können wir freudig laufen auf dem Weg, der zum Ziele führt. Wer bei Jesus bleibt, an ihn sich hält, zu seinem Geschlechte gleichsam gehört, der wird eben auch das Rechte tun, vielleicht nicht immer, nein sicher nicht immer, es wird ihm auch viel Unrechtes und Dummes anhaften, es wird auch bei den <pb xml:id="p268" ed="pga"/> Menschen, in den Familien, in der Gemeinde, wo man bei Jesus bleibt und in der Erlösung, viel, viel sein, was nicht bestehen kann, was mit der alten Welt vergehen muß, aber es wird da auch immer etwas von Rechttun sein, in dem es sich zeigt: da hat Jesus reden und wirken können, für den und für die ist er nicht umsonst dagewesen. Das Bleiben bei Jesus kann gar nicht fruchtlos sein für die Ewigkeit. Es kommt da immer etwas Ewiges in unser Leben hinein. Das wird zwar sehr wahrscheinlich nicht etwa das sein, worauf jedes von uns bei sich stolz ist, sondern vielleicht etwas, was wir gar nicht wissen, oder was wir uns sogar als Fehler anrechnen. Wahrscheinlich werden wir beim Weltgericht alle ganz ratlos dastehen müssen: ja was soll nur in meinem Leben ein wirkliches Rechttun gewesen sein?, aber wir brauchen nicht Angst zu haben, das kommt dann schon an den Tag, es wird dann schon etwas dasein, wenn wir nur jetzt die Freude, das Zutrauen, den Gehorsam gegen den Heiland, das Bleiben in ihm nicht fahren lassen. Dann wird er sich zu uns bekennen können: die kenne ich, wird er sagen, die sind meine Kreaturen, die haben sich von mir aufwecken, auf die Füße stellen, führen lassen. Recht arm kommen sie daher, recht viele Stunden und Jahre haben sie auch in Eitelkeit und für nichts gelebt, recht viel Torheiten haben sie gedacht und gesagt und getan, und das ist nun alles dahin mit der Zeit, das war nicht für die Ewigkeit. Aber da im tiefsten Grund in ihnen war ein Anfang von Rechttun, da war ein bißchen Tapferkeit und Ehrlichkeit und Güte, da war ein freies Wort, eine liebe Tat, da war ein kindliches Lachen und da eine Träne der Barmherzigkeit – fort Alles sonst und dahin, vergangen und vergessen mit der Zeit – aber um dessen willen, was sie sich da haben geben lassen von mir, anerkenne ich sie als die meinen und sollen sie bei mir sein in der Ewigkeit.</p>
          <p>Nicht wahr, <hi rend="italic">wir möchten</hi>, daß einmal so etwas gefunden wird bei uns? Viel wird es ja sicher nicht sein, aber wenn’s doch nur etwas ist, an dem Jesus uns wiedererkennen kann, ein kleines Geschenk von ihm, an dem man’s merken kann: dieser war auch mit Jesus von Nazareth! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.67">Mk. 14,67</ref> par.]. Also! Bleibet bei ihm!, dann wird etwas bei uns gefunden werden. Dann können wir Freudigkeit haben. Wenn wir nicht bleiben, wird auch ganz sicher nichts gefunden. Wenn wir dem Ruf Jesu, der jetzt in der Zeit an uns ergeht, untreu sind, dann kann er sich auch in der Ewigkeit nicht zu uns bekennen, findet nur Nichts bei uns, lauter Vergangenes, Totes, muß uns in Schanden stehen lassen. Das kann ja gar nicht <pb xml:id="p269" ed="pga"/> sein. Dazu haben wir schon viel zu viel von seiner Freundlichkeit erfahren.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-94" type="song">Nr. 39 «Aus meines Herzens Grunde» von <persName ref="kbga-actors-8801">G. Niege</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 75,1.2.5; EG 443,1.2.6, jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-154" type="song">Nr. 166 «Der du in Todesnächten» von <persName ref="kbga-actors-468">Chr. G. Barth</persName>, Strophen 1.2.5 (GERS [1952] 362,1.2.5; EG 257,1.2.4)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0039">Nr. 39</ref> «Aus meines Herzens Grunde» von G. Niege, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 75, 1.2.5</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 443, 1.2.6</bibl>, jeweils mit Textabweichungen)</item>
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