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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 2,18-28</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 2,18-28, 16. Juli 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29033 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 254–262.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 2,18-28</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 254-262</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 335</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 2,18-28, 16. Juli 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1775">KBA 1313</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1916-07-16">16. Juli 1916</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-07-16">16. Juli 1916</date><note xml:id="n01">Seit dem <date when="1915-08-15">15. August 1915</date> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine Predigtmanuskripte in lateinischer
Handschrift geschrieben, vielleicht mit Rücksicht auf den Freund <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>,
            der Mühe hatte, <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> deutsche Buchstaben zu entziffern (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p068#p068">S. 68</ref></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2031"><hi rend="italic">Predigten 1915</hi>, <ref type="pub" target="../volume/27/pr012#pr012">S. XII</ref></bibl>). Die Predigt Nr. 335 ist – als einzige des Jahrgangs – in
deutscher Handschrift geschrieben. Das könnte damit zusammenhängen, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
in diesen Tagen mit exegetischen Forschungen im Römerbrief begonnen hatte. Das
Manuskript des 1. Römerbriefs ist in deutschen Buchstaben geschrieben. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931"> Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p146#p146">S. 146</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p148#p148">148</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="../volume/16/pr010#pr010">S. X-XIII</ref>.</bibl>
            </note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.18 1.Joh.2.27">1.Johannes 2,18–27</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Schon in der Gemeinde des <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> hat es Zweifler gegeben. Der Zweifel ist eine ganz besondere Form der <hi rend="italic">Anfechtung und Störung</hi> in der Liebe Gottes. Wir müssen es eben auf gar mannigfaltige Art erfahren, daß wir in diesem Leben noch nicht in der Vollendung sind, sondern in einem Übergang, noch nicht in der Ewigkeit, sondern in der Zeitlichkeit, noch nicht im Gottesreich, sondern in einer kranken Welt. Davon haben wir ja am letzten Sonntag gehört, haben vernommen, daß <hi rend="italic">Gott in seiner Liebe</hi> darunter leidet, daß es so ist – daß er große Geduld hat mit dieser Welt und still und heimlich daran arbeitet, eine neue, bessere Welt erscheinen zu lassen. Es ist gut, daß das so ist. Und es ist nötig, daß wir unsererseits unsere ewige Bestimmung für das Gottesreich ja nicht vergessen, ja nicht etwa diese jetzige, unvollkommene Welt lieb bekommen und uns mit ihr zufrieden geben. Sondern Gott helfen und entgegenarbeiten, in der Liebe Gottes bleiben müssen wir. Aber das heißt: Wir müssen tapfer und unverzagt <hi rend="italic">in einem Kampfe</hi> stehen. Denn es sind Anfechtungen und Störungen da, die uns aus der Liebe Gottes hinauswerfen wollen. Ich will es recht deutlich sagen: es ist der Teufel da, der uns auf dem Weg zum Himmelreich aufhalten, träg und untätig machen will. Es ist ihm ein Dorn im Auge, daß die Liebe Gottes in den Menschen so mächtig der Ewigkeit entgegendrängt und treibt über alles Zeitliche, Irdische, Vorläufige hinweg. Er weiß ganz gut: jeder Mensch, der in der Liebe Gottes bleibt, ist ein Schritt näher zum Untergang seines Reiches. Jedes Menschenkind, das sich an Gott hält im Leiden, in der Geduld und in einem festen, treuen Geiste, hilft dazu, daß diese jetzige Welt vergeht. Und davor hat der Teufel Angst, denn wenn diese Welt vergeht, gibt’s keinen Teufel mehr. In der Ewigkeit ist der Teufel nichts, gar nichts! Dagegen <pb xml:id="p255" ed="pga"/> wehrt er sich, da sucht er nun die Menschen auf seine Seite zu bringen, versucht sie, ob sie nicht seine Gesellen werden und ihm helfen wollen, die alte, böse Welt noch recht lange aufrecht zu erhalten. Und jedesmal, wenn er denkt, wieder so ein Geschöpf gewonnen zu haben, daß es so recht leichtsinnig wird oder hartherzig nach dieser alten Welt Weise, daß es böse und trotzig wird, daß es nicht mehr gern betet und wartet, jedesmal hat der Teufel einen großen Triumph, weil er denkt: jetzt geht es wieder länger bis zu dem gefürchteten Ende. So treibt der Teufel auch sein Werk in der Welt, gerade wie Gott auf der anderen Seite, und in diesem Kampf stehen wir mitten drin. Die Sünde und das Leid und der Mammon und der Tod sind seine Spießgesellen und Kameraden, die ihm helfen bei seinem Werk. Und zu diesen vieren gehört aber auch <hi rend="italic">der Zweifel</hi>. Ihr müßt das nun ja nicht etwa persönlich nehmen, als eine Anklage gegen diesen und jenen, der Zweifel hat. Ich zweifle auch alle Tage. Sogar sehr gute, gescheite, fromme Menschen haben viel mit dem Zweifel zu tun. Aber eben darum müssen wir es wissen: wo gezweifelt wird, da ist immer ein Stück von dem großen, weltbewegenden Kampf zwischen der Liebe Gottes in den Menschen und dem Teufel, der die Menschen auf diesem ihrem rechten, geraden Weg aufhalten möchte. Man kann gegen den Zweifel nicht gleichgiltig und tolerant sein, denn dieser Kampf muß doch einmal ausgefochten sein. Man braucht aber wahrhaftig auch nicht aufgeregt, nervös und ängstlich zu werden, wenn der Zweifel auftritt, denn es ist ja doch sicher, wer es in diesem Kampf gewinnen wird. Der Zweifel hat nicht weniger, aber auch um kein Härlein mehr Macht als alle die anderen Gewalten, die sich in diesem Leben und in dieser Welt dem Kommen des Reiches Gottes entgegenstemmen. Die Sünde will unseren Willen ins Gefängnis sperren, das Leid will uns das Herz zerbrechen, der Mammon will unser Gewissen knebeln, der Tod will uns die Hoffnung nehmen, uns blind machen für den Morgenglanz der Ewigkeit<note xml:id="n02">Anfang des Liedes <bibl corresp="kbga-songs-57" type="song">Nr. 43</bibl>, das <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am vorangehenden Sonntag hatte singen lassen.</note>, so <hi rend="italic">will der Zweifel</hi> unsere gesunde Vernunft krank machen, uns verleiten, zu nörgeln an der Wahrheit, ob sie nicht vielleicht auch Unwahrheit sein könnte.|</p>
          <p>Da haben zwei Menschen einander kindlich und fröhlich lieb gehabt und vertraut, nun kommt der Zweifel mit seinem Vielleicht! – Vielleicht, sagt er, verstehen wir uns doch nicht so recht und ist Manches zwischen uns, vielleicht werden wir uns nicht immer so lieb haben. Da ist Einer <pb xml:id="p256" ed="pga"/> mit frohem Mut an eine schwere Aufgabe gegangen in der Zuversicht: dem Mutigen hilft Gott!<note xml:id="n03">Vgl. 
            <bibl corresp="kbga-bibls-846">
              <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, 
              <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 
              V. 313 (1. Akt, 2. Szene)</bibl>.</note>, nun kommt der Zweifel und flüstert: vielleicht bist du doch zu schwach oder zu wenig gescheit, ich werd’s doch nicht erreichen und ausführen, vielleicht laß ich nun lieber den Kopf und die Hände hängen! Da hat Einer etwas getan oder mitgemacht mit Freude und gutem Gewissen – der Zweifel fährt hinein: hätte ich’s doch nicht tun sollen? war meine Freude keine Freude, war mein gutes ein schlechtes Gewissen, vielleicht, vielleicht sollte ich mir nun nachträglich Vorwürfe machen! Da hat ein Mensch einen guten Glauben gehabt an Gott und darum auch an sein eigenes Leben, er traute darauf, daß über ihm eine geheime, aber sichere Leitung seines Daseins sei, und wußte, wie er seinen Tritt zu setzen habe, um nicht zu straucheln und zu irren – da kommt der Zweifel und stößt ihn an: vielleicht ist’s auch anders, als du meinst, vielleicht gibt’s auch keinen Gott, vielleicht hat dein Leben auch keinen Sinn, vielleicht kannst du geradeso gut ein Narr und armer Kerl sein wie tausend andere. Da sind Menschen, die mit Begeisterung bei einer guten Sache waren mit einem rechten Helden- und Unternehmergeist – der Zweifel kommt sie an, und nun denken sie: vielleicht ist das Gute doch nicht gut, vielleicht erreichen wir doch nichts, vielleicht ist’s gerade so gescheit und so nützlich, wenn wir uns zurückziehen und stillhalten. Da war eins, das probierte es, anzufangen zu beten für sich, und während seine Gedanken zum ersten Mal den steilen Weg suchten zum lieben Gott, war der Zweifel da, ob der Weg nicht zu steil sein könnte, ob der liebe Gott auch wirklich ein <hi rend="italic">lieber</hi> Gott sei, ob es etwas abtrage zu beten, ob es überhaupt beten könne, und der Zweifel gewann es: vielleicht kann ich ja auch nicht beten! So kommt der Zweifel über uns! <hi rend="italic">Manchmal</hi> macht der Zweifel die Menschen betrübt, verwirrt, aufgeregt, innerlich zerrissen und gepeinigt, weil sie spüren, daß sie etwas verloren haben. Manchmal sind die Zweifler aber auch umgekehrt sehr sicher, bestimmt auftretende Leute, die sich viel darauf zu Gute tun, daß sie nicht Alles glauben und daß sie so gut kritisieren können. Aber eins ist sicher: immer ist der Zweifel etwas, was uns aufhält, bremst, hindert, ein Stein, der uns auf den Weg gelegt wird. Es ist etwas tief innen in uns gebrochen. Statt daß wir einfach und direkt leben, geradeaus, so wie wir müssen von innen heraus, haben wir halt gemacht und machen uns Gedanken, vielleicht sehr kluge <pb xml:id="p257" ed="pga"/> und schöne Gedanken, aber wir studieren<note xml:id="n04">= grübeln.</note>, statt daß wir mit der Kraft, die uns gegeben ist, leben von Stunde zu Stunde. Die Leuchte der Vernunft in uns flackert, hin und her fährt ihr Schein, und nirgends wird’s doch hell. Der Zweifel ist auch ein Stück von der großen <hi rend="italic">allgemeinen Not</hi> der Menschen in dieser Welt. Wir haben alle schon gezweifelt. Wir zweifeln alle Tage, gerade wie die Sünde und der Mammon auch alle Tage wieder mächtig sind über uns.|</p>
          <p>Zweifler hat es schon in der Gemeinde des <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> gegeben. Er nennt sie in unserem Text <hi rend="italic">Widerchristen</hi>, nicht um ihnen persönlich etwas Böses anzuhängen, aber um recht deutlich zu machen, daß der Zweifel immer wider Christus, gegen die Erlösung, gegen das Gottesreich geht. Und außerdem haben die Leute, die er meint, auch ausdrücklich gerade an Christus gezweifelt. Sie hatten allerlei gegen den Heiland einzuwenden: vielleicht habe sich doch noch nicht die ganze Gotteswahrheit in ihm erschlossen, vielleicht gebe es doch noch andere Wege zum Vater als den, den Jesus gegangen, vielleicht sei es doch ein wenig einseitig und schwärmerisch, da so viel und so Großes zu erwarten. Und zwar sagten sie das nicht etwa als verwirrte, betrübte, suchende Zweifler, sondern sie waren von der Sorte der Sicheren, Bestimmten, ein wenig Hochmütigen und meinten mit ihrer Kritik etwas sehr Gescheites und sogar Frommes vorzubringen gegenüber den gewöhnlichen Leuten, die sich einfach am Heiland freuten und an ihn glaubten. Und es scheint, daß das die Anderen in Verwunderung und in einen gewissen Schrecken versetzt hat, weil sie es mit Recht gar nicht fassen konnten, daß jemand so zweifeln könne. Wie es ja uns auch nicht wohl ist, wenn wir mit einem solchen Zweifler, besonders mit einem sicheren, hochmütigen Zweifler zusammen sind. Wir spüren eben deutlich, daß da etwas Krankes, Gottwidriges, Teuflisches im Spiel ist, und fürchten mit Recht die Ansteckung, denn wir sind alle von Natur Zweifler.</p>
          <p>Was wird <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> seinen Freunden sagen über diese Zweifler in ihrer Mitte? Erstens einmal: er verurteilt und <hi rend="italic">verdammt sie nicht</hi>, das kann er schon gar nicht, er, der so gut weiß: Gott hat die Welt lieb! Gehören die Zweifler nicht auch zur Welt? Sollte Gott sie nicht auch lieb haben? Zweitens: er schreibt ihnen <hi rend="italic">nicht: nehmt euch in Acht</hi> vor diesen, er stellt diese Zweifler und Irrlehrer nicht als etwas Schreckliches hin vor den <pb xml:id="p258" ed="pga"/> Augen der Anderen. Dazu hat er zu viel Zutrauen zu Gott, der mit Sünde und Tod fertig wird, warum nicht auch mit dem Zweifel, und auch zu viel Zutrauen zu denen, die Gottes Wort einmal wirklich gehört haben und die sich vor dem Zweifel wahrhaftig nicht zu fürchten brauchen. Drittens: er sagt <hi rend="italic">nicht: schließt diese Leute</hi> aus der christlichen Gemeinde aus, wenn sie noch nicht selbst ausgetreten sind! So hat man es später in der christlichen Kirche leider oft genug gemacht, aber <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> steht dem Heiland noch nahe genug, um zu wissen, daß es die Wahrheit auf diese äußerliche Weise nicht gewinnen kann. Aber viertens: <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> läßt sich auch <hi rend="italic">nicht darauf ein, mit den Zweiflern zu disputieren</hi>, ihre Meinungen zu widerlegen, einen großen Streit um den rechten Glauben aufzuführen. Auch das hat man später oft gemacht und macht es leider bis auf unsere Tage oft so. <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> hat zuviel Respekt vor Gott und vor dem Heiland und vor der Wahrheit. Er weiß: die Wahrheit rechtfertigt sich selbst, wie die Sonne durch ihr Scheinen und Wärmen schon dafür sorgt, daß wir’s merken, daß sie da ist. Es liegt über diesem Text von den Zweiflern, wo es so leicht zum Schelten und Streiten und zu theoretischen Erklärungen hätte kommen können, eine wunderbare Ruhe, der stille Friede Gottes. Seht, das allein, daß <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> so friedlich und sicher und klar reden kann, ist eigentlich schon <hi rend="italic">die beste Antwort</hi> auf den Zweifel. Mit dieser Art wird der Zweifel überwunden und mit keiner anderen Art. Es gäbe wahrscheinlich längst keinen Zweifel mehr in der Welt, wenn die Gottesgläubigen sich immer in dieser Weise zum Zweifel und zu den Zweiflern gestellt hätten. Die Zweifler, die traurigen und die hochmütigen Zweifler, müßten sich schämen und schweigen und aufhören zu zweifeln, wenn Menschen da wären, die einfach aus der Liebe des Vaters heraus leben und reden würden. Da fehlt’s! Denkt daran, ihr alle, die ihr in eurer Familie und Umgebung mit Zweiflern zu tun habt, ob’s nun gewöhnliche Lebenszweifler sind, die immer wieder über ihre vielen «wenn und aber» stolpern, oder religiöse Zweifler, die mit allerlei «vielleicht» Gott und dem Heiland zu nahe treten. <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> konnte ihnen nur auf die stille, friedliche, feste Weise antworten. Wenn ihr das nicht könnt, könnt ihr überhaupt nicht antworten. Wenn wir’s anders machen wollen, behalten immer die Zweifler recht. Der Teufel kann immer triumphieren, wenn man die Zweifler verachtet, anschreit, ausschließt oder wenn man sie mit Disputieren widerlegen will. Da ist dann das Reich Gottes immer für lange Zeit stillgestellt.</p>       
          <p>
                        <pb xml:id="p259" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber nun wollen wir doch noch hören, was denn <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> über die Zweifler zu sagen hat. Er sieht zunächst gar nicht auf sie, sie sind ihm gar nicht so wichtig mit ihren Meinungen und Einwänden, er sieht gleichsam über sie hinweg auf die Hände Gottes, der an der Arbeit ist. Es ist <hi rend="italic">die letzte Stunde!</hi>, verkündigt er feierlich. Das will nicht etwa sagen: morgen oder übermorgen geht die Welt unter! Wohl aber: Es geht vorwärts mit der Welt, Gott hat Großes an der Menschheit getan, er ist ihr ganz nahe gekommen mit seiner Wahrheit und Güte, es ist in ihr etwas reif geworden für sein Reich, es fängt an, wahr zu werden: die alte Welt vergeht, eine neue ist am Kommen – wir leben in einer wunderbaren Gotteszeit. Was Christus auf der Erde begonnen hat, ist jetzt auf dem Wege zur Vollendung, freut euch darüber und macht, daß ihr mit Freuden dabeisein könnt, ihr Kinder Gottes, ihr Getreuen des Heilands, wenn die Vollendung nun kommt, heute oder morgen oder wann immer der Tag Gottes sein wird. Zu dieser entscheidungsvollen Stunde <hi rend="italic">gehören auch die Zweifler</hi>. Es ist kein schlechtes Zeichen für eine Zeit und eine Gemeinde, wenn solche Leute kommen: wenn die Wahrheit mächtig und eindringlich wird, dann regen sich eben auch die Bedenken und Fragen. Wenn eine Gewißheit entsteht mit schwerem Gewicht in den Menschen, dann schnellen auf der anderen Seite der Waage die Meinungen und Ansichten und interessanten Behauptungen hoch empor. Wenn in der Tiefe eine Klarheit entsteht, dann schwimmt alle Unklarheit empor auf die Oberfläche. Wo gezweifelt wird, da muß immer eine Entscheidung in der Nähe sein, am Zweifel kann man erkennen, daß Gott an der Arbeit ist. Nicht der Zweifel ist gefährlich, sondern die tote Ruhe, wo Alles mit den Köpfen nickt wie im Schlaf und niemand etwas zu fragen hat. Nicht die Zweifler sind die eigentlich unheimlichen Leute, sondern die, die scheinbar Alles schon wissen und glauben. Wollte Gott, es wäre mehr offenes Fragen und Suchen unter uns statt der großen scheinbaren Sicherheit, mit der wir Alles hinnehmen können. Wir dürften den Zweifel dann als ein Zeichen nehmen, daß wir nicht mehr ferne sind vom Reiche Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>].</p>
          <p>Aber nicht nur ein Zeichen des nahen Gottesreiches nennt <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> den Zweifel. Er muß geradezu <hi rend="italic">helfen, Gottes Werk zu treiben</hi>. Das ist ja Gottes Art, daß er es versteht, auch die bösen Plagegeister und Mächte dieser Welt, die ihn aufhalten wollen, schließlich in seinen Dienst zu stellen. Auch der Zweifel ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse <pb xml:id="p260" ed="pga"/> will und stets das Gute schafft<note xml:id="n05">
          <bibl corresp="kbga-bibls-647">
            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, 
            <hi rend="italic">Faust I</hi>, 
            V. 1335f. (Studierzimmer)</bibl>.</note>. Müssen nicht auch die Sünde und der Mammon und der Tod Gott dienen, wenn es sein muß? So auch der Zweifel. Wie eine Eiterbeule das Schlechte im Blut des ganzen Körpers an sich zieht, so müssen sich manchmal alle Unklarheiten und Unsicherheiten in uns gleichsam zusammenballen. Alle die nörgelnden «Vielleicht», die wir gegen die Wahrheit, gegen Gott und den Heiland auf dem Herzen haben, ohne es recht zu wissen, müssen offenbar werden, sich zu einem Klumpen vereinigen. Das ist nichts Schreckliches, wenn wir uns recht dazu stellen. Es scheidet sich etwas in uns, oft auch unter den Menschen, unter den Christen. Wir können von allen Zweifeln und von den bösesten Zweiflern ganz ruhig denken, was <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> da sagt: Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, daß sie nicht alle von uns sind! Die Wahrheit kann nur wahrer werden, die Klarheit nur klarer, die Sicherheit nur sicherer auf der einen Seite, wenn der Zweifel sich einmal in einer Ecke unserer Seele oder auch in bestimmten Menschen gleichsam absondert und deutlich auf seine Seite stellt. Der Zweifel plagt und erschreckt uns, der Zweifel ist aber auch ein wahres [?] Stück Not aus dieser Übergangswelt, in der Ewigkeit gibt es keinen Zweifel mehr, wie auch keine Tränen, kein Geschrei, keinen Tod [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>], der Zweifel reißt Menschliches und Göttliches, Oberflächliches und Tiefes, Wahrheit und Halbwahrheit in einer für uns sehr schmerzlichen Weise auseinander, aber in der Ökonomie des himmlischen Vaters, in der großen Welt- und Lebensrechnung Gottes hat er darum nicht weniger seinen Platz. Er kann die Kraft Gottes nicht kleiner, sondern nur größer machen.</p>
          <p>Zur Überwindung des Zweifels gibt es nur einen Weg. Dieser Weg heißt: Sei, was du bist<note xml:id="n06">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/29/p013#fn_n03">S. 13, Anm. 3</ref>.</note>, und halte, was du hast! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.11">Apk. 3,11</ref>]. Der Zweifel muß erkannt werden als etwas, was <hi rend="italic">nicht zu uns gehört</hi>, als ein fremder Feind und Angreifer. Der Zweifel kommt gleichsam aus einer ganz anderen Welt zu uns, nicht aus der Welt des Vaters, sondern aus der alten, traurigen Welt, die vergehen will. Der Zweifel kann sehr vernünftig sein, er ist die Vernunft dieser alten, vergehenden Welt und hat als solche auch immer recht. Es heißt in unserem Brief an einer späteren Stelle von den Zweiflern: Sie sind von der Welt, und darum reden sie aus der Welt <pb xml:id="p261" ed="pga"/> heraus, und die Welt höret sie [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.5">1.Joh. 4,5</ref>]. Eben darum kann man auch gegen den Zweifel niemals disputieren. <hi rend="italic">Ihr aber</hi>, sagt uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>, seid nicht von der Welt, sondern aus Gott geboren! [vgl. 
            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.6 1.Joh.4.7">1.Joh. 4,6f.</ref>]. Wie er uns früher gesagt hat: Die Sünden sind euch vergeben! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.12">1.Joh. 2,12</ref>]. Er will uns gegen die Not tapfer und fest machen immer dadurch, daß er uns erinnert an das, was ist. Ihr habt die Salbung, sagt er ihnen, und meint damit: ihr habt von dem Gesalbten Gottes, von Christus, sein Wort gehört und seinen Geist empfangen. Gott hat sich euch erschlossen: ihr seid geweckt worden aus dem Sündenschlaf, ihr seid stark gemacht worden gegen eure Schwachheit und gegen die Schmerzen des Lebens, ihr habt Freude empfangen gegen alle Anfechtung und eine große Hoffnung sogar über den Tod, – die Liebe Gottes ist ausgegossen in eure Herzen durch den heiligen Geist [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">Röm. 5,5</ref>] – <hi rend="italic">ist das wahr, oder ist das nicht wahr?</hi> O rüttelt doch nicht an dem, was ihr seid und habt. Es ist ganz unmöglich, daß auch der gescheiteste und gefährlichste Zweifel euch herausreißen könnte aus dem, was ihr erfahren und gesehen habt, wenn ihr euch nicht selber wollt herausreißen lassen. Es gibt keine größere Wahrheit, die die Wahrheit, die ihr kennt und habt, verdrängen könnte. Ihr habt es aber auch gar nicht nötig, euch von Pfarrern und Gelehrten helfen zu lassen gegen den Zweifel und die Zweifler, nur erinnern kann man euch, daß ihr im Stande seid, selbst euch zu helfen. Ihr habt die Wahrheit in euch, die wehrt sich schon selbst, wenn ihr nur nicht feige und schwach nachgeben wollt. <hi rend="italic">Ihr wisset Alles!</hi> Ihr könnt den Zweifeln ganz ruhig und ohne Scheuklappen ins Gesicht sehen, ihr könnt auch die Zweifler ganz getrost und offen reden lassen. Ihr habt etwas in euch von Gott, das ist stärker als sie, das verteidigt euch gegen ihren Angriff, das bringt sie aber auch zum Schweigen, wenn nicht sofort, so doch sicher auf die Länge. Es ist noch gar nie ein Mensch, an dem die Liebe des Vaters wirken und walten konnte, den Lebenszweifeln und den sogenannten religiösen Zweifeln unterlegen. Noch gar nie! Es handelt sich nur darum, zu bleiben in dem, was wir sind und haben. Wir <hi rend="italic">sind</hi> aber Gottes, und wir <hi rend="italic">haben</hi> die gerade<note xml:id="n07">Das Wort ist zwischen den Zeilen eingefügt, vielleicht versehentlich nach statt vor dem Artikel.</note> Vernunft Christi empfangen. So sei denn, was du bist, und brauche, was du hast. Du kannst laufen und nicht matt werden, wandeln und nicht müde werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.31">Jes. 40,31</ref>].</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <pb xml:id="p262" ed="pga"/>
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="song">
            <bibl corresp="kbga-songs-153" type="song">Nr. 187 «Wort aus Gottes Munde» von <persName ref="kbga-actors-5711">H. C. Hecker</persName> (1699–1743), Strophen 1.2.6 (GERS [1952] 253,1.2.6 mit abweichendem Text)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-22" type="song">Nr. 31 «Ach bleib mit deiner Gnade» von <persName ref="kbga-actors-1409">J. Stegmann</persName>, Strophen 1.2.3.6 (GERS [1952] 208,1.2.3.6; EG 347,1.2.3.6)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1928" target="b0187">Nr. 187</ref> «Wort aus Gottes Munde» von H. C. Hecker (1699–1743), Strophen 1.2.6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 253, 1.2.6</bibl> mit abweichendem Text)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0031">Nr. 31</ref> «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann, Strophen 1.2.3.6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 208, 1.2.3.6</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 347, 1.2.3.6</bibl>)</item>
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