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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 2,3-6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 2,3-6, 4. Juni 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29027 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 210–217.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 2,3-6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 210-217</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 329</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 2,3-6, 4. Juni 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1769">KBA 1307</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1916-06-04">4. Juni 1916</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-06-04">4. Juni 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.3 1.Joh.2.6">1.Johannes 2,3–6</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> hat uns einen überaus kühnen und steilen Weg geführt in seinen Worten, die wir am Himmelfahrtstag und an den vorhergehenden Sonntagen hörten. Mit einem gewaltigen Riß haben sich <hi rend="italic">zwei Welten</hi> vor uns auseinander getan und sich gegeneinander gestellt: Licht und Finsternis, die Welt Gottes und unsere Welt, die so ist, wie sie ist, weil wir nicht <pb xml:id="p211" ed="pga"/> anders sind. Es wurde uns aber keinen Augenblick Zeit gelassen, diesen Gegensatz und Kampf anzustaunen und uns darüber zu entsetzen. Sondern mit größter Kraft und Bestimmtheit wurde uns sofort gesagt, wie wir selber <hi rend="italic">dabei dran</hi> sind: Es ist ganz unzweideutig die Lichtwelt Gottes unsere eigentliche Welt von Anfang her, unsere Heimat und unser Ursprung. Es ist uns eigentlich ganz unmöglich, in der Finsternis zu wandeln, und wenn wir’s noch tun, so tun wir’s wie in einem bösen, lügnerischen Traum, der nichts mit unserem wahren Leben zu tun hat. Und nun wurde uns <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> gezeigt, der die Finsternis durchbrochen hat; wir sahen, wie die Gotteswelt nicht stillesteht gegenüber den Mächten und Gewalten des Bösen und Traurigen, sondern in einem siegreichen, vordringenden Kampf begriffen ist; wir begannen zu ahnen, daß das Leben, unser Leben eine große Bewegung ist: Gott hat in diesem Jesus Christus die Welt aufs neue schöpferisch angerührt: es ist ein Segen ausgesprochen, es liegen Bausteine bereit, es ist ein Same ausgesät, es haben sich Wasser angesammelt. Und auf der anderen Seite: es ist ein Fluch weggenommen, es ist ein Bann gebrochen, es ist eine Unfruchtbarkeit beseitigt, es ist dem Feinde der Rückgrat<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-98">
              <hi rend="italic">Deutsches Wörterbuch von J. Grimm und W Grimm</hi>, Bd. VIII, Leipzig 1893, Sp. 1368f.</bibl>: «Rückgrat, n[eutrum] … das wort ist wie das einfache grat bis in die jüngste zeit durchgehends masc. … der gebrauch als n., der heute als allgemein und wol ausschließlich übliche ist, läßt sich aus den belegen nicht früher als bei <persName ref="kbga-actors-136">GÖTHE</persName> nachweisen.»</note> genommen. Das alles ist geschehen; es handelt sich darum, daß es sich offenbare und vollende. Und nun trat diese <hi rend="italic">Bewegung von Gott her an uns</hi> heran und wollte uns mitnehmen. Wie feuriges Eisen brachte <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> das alles in die Nähe unserer Herzen und Gewissen: Gott will <hi rend="italic">erlösen</hi>, helfen, befreien, segnen, reich machen – o wie haltet ihr es nur noch aus in dem Leben, das ihr euch zurechtgemacht habt nach eurem Bilde!? <hi rend="italic">Gott</hi> will’s tun, denn er allein kann es – o wie ist’s möglich, daß ihr euch immer noch selber rechtfertigen und sagen wollt: wir haben keine Sünde! Gott <hi rend="italic">will’s</hi> aber tun, darum, weil er der lebendige Gott ist – o wie könnt ihr nur die Welt und euer Leben immer noch so grau und hoffnungslos ansehen, wo ihr doch wißt, wohin alle Wege gehen! Seht, das alles sind keine frommen Sprüche, um sie an die Wand zu hängen, das sind alles <hi rend="italic">Aufrufe</hi>, Proklamationen an uns: die große Bewegung von Gott her sei vor unserer Tür und wir seien verlangt dabei, es sei für uns nun an der Zeit, aus dem bösen <pb xml:id="p212" ed="pga"/> Traum aufzuwachen und das wahre Leben anzufangen, hinauszugehen aus der Finsternis, hinein ins Licht, zu rütteln an den Ketten unserer Gefangenschaft und an dem Sieg, der sich vollenden will, teilzunehmen. Was uns bis jetzt in diesem Apostelbrief entgegengetreten ist, das sind nicht schöne, erbauliche Gedanken, nicht religiöse Wahrheiten, das ist nicht «Christentum», wie wir das Christentum immer verstehen wollen, – das ist, wenn auch noch unentfaltet und unausgesprochen, ein ganzes <hi rend="italic">neues Lebensprogramm</hi>, eine andere Weltrichtung, die sich vor uns auftut, andere Kräfte, die uns in diese Richtung treiben und tragen wollen. Ein Pflug wird da angesetzt, scharf genug, um auf unserem Äckerlein das Unterste zu oberst zu kehren. Ein Sprengpulver wird da gelegt, mächtig genug, um unsere stärksten Burgen und Verschanzungen zu sprengen. Eine junge, kühne Vernunft macht sich da geltend, überlegen genug, um unsere ältesten Meinungsweisheiten zur Torheit zu machen. Denkt nur noch einmal an das letzte Wort, das wir gehört haben: <hi rend="italic">Versöhnung</hi> für unsere Sünden, ja für die Sünden der ganzen Welt! Was ist das für eine Umwälzung, die da angekündigt wird? Wer merkt etwas? Wer will aufwachen? Wer will verständig werden?</p>
          <p>Sind wir <hi rend="italic">mitgekommen</hi> bei dieser Wanderung? Mit Freuden mitgekommen? Oder ging es uns etwas zu rasch? Sind wir schwindlig geworden über dem raschen Steigen? Verblüfft uns die erreichte Höhe mehr, als daß uns die freie Aussicht und die reine Luft da oben freut? <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> heißt uns jetzt selber einen Augenblick stillstehen und nachdenken, bevor er mit uns weiter geht. Er rechnet darauf, daß er <hi rend="italic">nicht umsonst</hi> das feurige Eisen in unsere Nähe gebracht hat. Es ist etwas in uns vorgegangen. Er und die ganze Bibel wollen ja nichts Anderes, als daß das stark und laut werde, was schüchtern und leise immer in uns vorgeht, daß aus dem zaghaften Tasten und Klopfen ein Durchbruch werde durch die Mauern unseres Gefängnisses. Auf die Bewegung von Gott her antwortet in uns allen eine Bewegung der Herzen und Gewissen. Wenn wir das Gegenteil behaupten wollten, so würde es uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> einfach nicht glauben. Wenn wir z. B. jetzt sagen wollten: ich verstehe das nicht, diesen Kampf von Licht und Finsternis, in dem wir alle drin stehen sollen, so würde er uns antworten: doch, ihr versteht es, versteht es recht gut sogar. Und wenn wir ihm sagen wollten, wir seien eigentlich nicht so ganz überzeugt davon, daß der entscheidende Sieg über die bösen Mächte in der Welt schon erfochten sei und nur noch ausgenützt werden müsse, so würde er <pb xml:id="p213" ed="pga"/> uns antworten: o doch, davon <hi rend="italic">seid</hi> ihr eigentlich ganz überzeugt, und ihr müßt euch nur nicht noch ungläubiger zeigen, als ihr ohnehin seid. Und wiederum wenn wir ihm entgegenhalten wollten, wir seien eben in unserem Herzen unwillig, Gott so bei uns anklopfen und zu uns hereintreten zu lassen, so würde er uns antworten: im Gegenteil, ihr sehnt euch ja danach, und es ist auch, ohne daß ihr’s wollt, bereits ein wenig geschehen. Aber es ist ganz recht, wenn wir uns die Frage stellen: was ist eigentlich in uns vorgegangen, während Gott mit uns redete? O, sein feuriges Eisen ist uns <hi rend="italic">oft genug nahe</hi>gekommen von unseren Jugendtagen an. Den Aufruf zum wahrhaftigen Leben, den <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> jetzt wieder an uns richtet, hören <hi rend="italic">wir</hi> nicht zum ersten Mal. Vielleicht ist das Weh über die Finsternis der Welt, die wir uns gebaut, schon recht groß in uns. Vielleicht sind wir schon hindurch zu einer rechten Aufrichtigkeit, daß wir uns nicht mehr so eifrig selbst behaupten und rechtfertigen wollen. Vielleicht ist schon sehr viel wahre Sehnsucht nach Licht in unseren Herzen und Gewissen. Vielleicht wissen wir auch schon etwas von der Freude darüber, daß Licht und Leben und Kraft tatsächlich da sind. Vielleicht sind wir schon mit Begeisterung ans Werk gegangen, unser Leben ein wenig zu putzen von den Resten des alten Wesens und sogar mitten in der alten Welt, etwa in unserem Familienleben, ein Ecklein zu pflegen, ein Gärtlein gleichsam, über dem die Inschrift winkt: hier fängt neue Welt, neues Wesen an! Vielleicht spürst du sogar ein klein wenig, daß dein Leben von Gott gebraucht wird, daß er dich an deinem bescheidenen Plätzlein einsetzt als eins seiner vielen Werkzeuge, um mit dir für das große Ziel der Befreiung und Hilfe zu schaffen, das er sich vorgenommen hat. <hi rend="italic">Vielleicht!</hi> Nicht wahr, du möchtest, wir möchten alle, möchten, daß es nicht bloß hieße: vielleicht, daß das alles nicht bloß so ein Zucken, so eine Stimmung gelegentlicher Augenblicke, so ein Geschenk besonderer, guter Stunden wäre; wir möchten, daß das alles in uns lebte und wüchse und würde, wir möchten eine rechte Sicherheit haben, daß wir in der Bewegung, in der Arbeit, in dem Kampf Gottes drin- und nicht etwa heimlich danebenstehen. Und weil bei dieser Frage etwas unruhig ist in uns, darum werden wir so schnell schwindlig, wenn wir in der Bibel so steile Wege geführt und vor so tiefe, eingreifende Erkenntnisse gestellt werden. Und nun heißt uns eben <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> einen Augenblick stillstehen und stellt uns ganz direkt und persönlich <hi rend="italic">die Frage:</hi> Bist du mitgekommen, wohin ich dich mitgenommen habe? Die Wahrheit, die der große Hebel ist, mit dem <pb xml:id="p214" ed="pga"/> Gott die Welt bewegen will, ist sie in dir? Christus, der uns das Herz Gottes erschlossen und uns eine Zukunft gegeben hat, kennst du ihn? Und wenn du denkst, daß du ihn ein wenig kennst und seinen Weg betreten hast, bist du und bleibst du darauf? Und die Liebe Gottes, die uns jetzt durch keine Mauern und Nebel mehr verschlossen ist, ist sie vollkommen, lebendig, strahlend auch in dir? Ist’s wirklich auch für dich, für dich persönlich geschehen, Alles, was geschehen ist?</p>
          <p>Es ist dringend <hi rend="italic">nötig</hi>, daß wir von Zeit zu Zeit einen Ruhepunkt machen in unserem Nachdenken und in unserem Beten, in unserem Glauben und bei unserer Arbeit, und uns gerade diese persönlichen Fragen stellen. Freilich nicht, um dabei stecken zu bleiben, sondern um dann gleich wieder weiterzugehen an Gottes Hand. Ich habe diese Woche ein schreckliches Buch gelesen von einem frommen Mann, der es sich zur Lebensaufgabe machte, sich selbst zu beobachten und jeden Abend gleichsam mit Gott abzurechnen, wieviel er nun geleistet und wieviel er schuldig geblieben sei.<note xml:id="n02">Es war <persName ref="kbga-actors-2393">Benjamin Franklin</persName>, welcher «den kühnen und ernsten Vorsatz» faßte, «nach sittlicher Vervollkommnung zu streben». Er lebte jahrelang mit einem kleinen Buch, in dem er jeder der von ihm ausgewählten 13 Tugenden eine Seite zuwies, die er mit einem karierten Felde versah, um dort «durch ein schwarzes Kreuzchen jeden Fehler vorzumerken, welchen ich mir, nach genauer Prüfung meinerseits, an jenem Tag hinsichtlich der betreffenden Tugend hatte zu Schulden kommen lassen».. <bibl corresp="kbga-bibls-2402">
                                <hi rend="italic">Benjamin Franklins Leben, von ihm selbst beschrieben</hi>. Deutsch von K. Müller, Leipzig o.J. (um 1890), S. 114–122; Zitate S. 114. 117f.</bibl>
                        </note> Das ist ein offenkundiger Holzweg: wir sind dazu da, um mit Gott zu leben, nicht um mit ihm zu rechnen über unser Leben. Aber es ist auch wahr, daß uns ein rascher Blick auf uns selbst von Zeit zu Zeit: wie stehst <hi rend="italic">du</hi> eigentlich? Lebst du oder lebst du nicht? Bist du an Gottes Sache beteiligt oder stehst du daneben? eine Menge von Enttäuschung und Verirrung ersparen kann. Es sollte uns nicht schwindeln, auch wenn Gott uns steil in die Höhe führt mit neuen Gedanken, freudigen oder schmerzlichen Erfahrungen. Wir sollten nicht verblüfft sein über das, was die Bibel uns über unser Leben und über die Welt und über Gott sagt, und wenn uns das doch geschieht und wir das Gefühl haben, wir kommen nicht recht mit, dann wird’s an der Zeit sein, so einen Ruhepunkt eintreten zu lassen und uns schnell wieder darüber klar zu werden: die Wahrheit und Christus und die Liebe Gottes, das ist alles nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher auch für mich, und es geht in mir und mit mir das vor, was vorgehen muß, wenn ich aus der Finsternis <pb xml:id="p215" ed="pga"/> heraus und ins Licht will, und ich bin wahrhaftig bei der großen Bewegung von Gott her zur Erneuerung der Welt auch beteiligt.</p>
          <p>Aber wie können wir darüber klar werden? – Nun erinnert uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> daran, daß Christus uns <hi rend="italic">Gebote gegeben</hi> hat. Wir erfahren da etwas Neues über unsere Versöhnung mit Gott, die Christus uns gebracht hat. Er tut uns nicht nur die <hi rend="italic">Herzen</hi> auf und zieht unsere Seelen, daß wir uns wieder zu Gott hinwenden müssen, sondern damit wir uns ja nicht irren und selber betrügen, hat er auch gleich einige ganz bestimmte Dinge gesagt, wie sich nun die mit Kopf und Mund und Händen verhalten, die sich wirklich von ihm zu Gott ziehen lassen. Er hat nicht nur das <hi rend="italic">Himmelreich</hi> anbrechen lassen für Alle, die sich danach sehnen, sondern er hat mit Wort und Beispiel an drei, vier Punkten unmißverständlich gezeigt und bewiesen, wie es ist, wenn’s nun das Himmelreich bei einem Menschen oder unter Leuten über das Weltreich gewonnen hat. Er hat nicht nur das <hi rend="italic">Licht</hi> leuchten lassen in unserer Dunkelheit so im Allgemeinen, sondern vor unseren Augen fällt dies Licht auf die Welt, und da und dort leuchtet etwas, was uns vorher fahl und nichtig war, kommt etwas zu Ehren, was wir bis jetzt verachteten, wird etwas groß und schön, was wir bis jetzt ganz übersahen. Er hat nicht nur den neuen <hi rend="italic">Weg</hi> aufgetan für das Menschengeschlecht und für jeden Einzelnen, sondern er hat da und dort ein paar Wegmarken und Wegweiser gesetzt, nach denen die wandern, die er auf diesen Weg gestellt hat. Das sind die Gebote Christi. Es sind die gleichen Gebote, die wir z. B. aus der <hi rend="italic">Bergpredigt</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5 Mt.7">Mt. 5–7</ref>] oder aus der Aussendungsrede an die Jünger [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10">Mt. 10</ref>] kennen, vom willigen, schrankenlosen Geben, von der Bruderliebe bis zu den Feinden, vom Nicht-Sorgen und Nicht-dem-Mammon-Dienen, von der Reinheit des Herzens und der vollkommenen Gottesliebe, von der kindlichen Einfalt und der Verleugnung seiner selbst, die Gebote, über die sich die Leute entsetzten, weil es ihnen mit Recht vorkam, das gehe über Alles hinaus, was sie schon gehört hatten, das sei die Beschreibung einer ganzen neuen Welt. Ja, das sind die Gebote Christi. Sie sind die <hi rend="italic">Naturgeschichte</hi> des Himmels. So geht’s eben zu oder fängt an zuzugehen, wo die Bewegung von Gott her auf der Erde wirkt. In Jesu eigenem Leben ist es so zugegangen. Er ist nach diesen Wegmarken gewandert bis zum Tod am Kreuz, und das war eben der Beweis und die Bewährung, daß mit ihm wirklich etwas Neues angefangen hat zwischen Himmel und Erde. Und unter seinen Jüngern sah es zuerst aus, wie wenn es nun wirklich nur noch [so] <pb xml:id="p216" ed="pga"/> zugehen wolle, und das war eben die glorreiche Pfingstzeit, wo die Liebe Gottes so stark war in ihnen, daß sie einmütig auf dem neuen Weg weitergingen. Und noch immer, wenn die Menschen wieder ein wenig stärker die Liebe Gottes verspürten, dann fingen sie an, auch wieder stärker auf diese Wegmarken zu achten, und so fehlt es nicht an Beispielen zu dieser Naturgeschichte des Himmelreichs aus all den Jahrhunderten, die vergangen sind, seit Jesus damit angefangen. Und das wird eben die Vollendung sein, der wir entgegengehen, daß einmal diese Beispiele für diese neue Naturgeschichte häufiger und häufiger werden in unserer alten Welt und Natur drin, bis zuletzt durch Gottes Macht und Willen sie allein Geltung und Kraft hat.</p>
          <p>Und nun sagt uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>: an dem merken wir, daß wir Christus kennen, so wir seine Gebote halten. Sie sind uns dazu gegeben, daß <hi rend="italic">Gott uns nicht umsonst berührt</hi> und erweckt habe, daß seine Wahrheit in uns fruchtbar werde, daß seine Liebe sich in uns bewähren und betätigen und vollenden könne. Sie geben die Richtung an, in der wir wachsen, nachdem wir in Gott gewurzelt sind. Und nun will uns <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> als <hi rend="italic">Antwort</hi> auf unsere innere persönliche Frage das zur Antwort geben: Daran können wir’s immer wieder merken, daß wir von Gott angenommen und in seiner Hand sind, daß Christi Gebote uns vor Augen stehen. Wenn es dich zieht inwendig, daß du diesen Geboten Gehorsam leisten mußt, dann merk’s: dann zieht dich Gott. Wenn’s da und dort leuchten will in deinem Reden und Tun von der Freudigkeit und Tapferkeit der Brüderlichkeit des Himmelreichs, dann nimm’s als Anzeichen, daß du dem Himmelreich nicht ferne bist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>]. Wenn etwas von dem neuen Licht die Welt um dich her erhellt, daß du Aufgaben, Sorgen, Pflichten, Freuden siehst, wo du vorher nichts sahst oder das Gegenteil, dann freu dich: das neue Licht muß auch in dir selber sein. Wenn die Wegmarken und Wegweiser Jesu auftauchen links und rechts an deinem Weg, wenn auch vielleicht zu deinem Schrecken, weil du Angst hast vor dem Großen, was von dir verlangt wird, wenn du sie siehst und dir Mühe gibst, dich danach zu richten, gut, dann erkennst du daran, daß du unterwegs bist mit ihm zu den Zielen Gottes, und nichts soll dich daran irre machen. Seht, das ist die Frage, die auf die andere Frage Antwort gibt: <hi rend="italic">wonach leben wir</hi>, reden wir, denken wir, politisieren wir, erziehen wir, arbeiten und verdienen wir, wonach? Nach Geboten, die wir uns selbst ausgedacht, oder nach den Geboten der Weltklugheit oder nach denen <pb xml:id="p217" ed="pga"/> der guten Gesellschaft oder nach denen von Gott Mammon? Dann müßten wir uns die Antwort geben: ich war doch ein Lügner bis jetzt mit meinem vermeintlichen christlichen Leben und muß von vorne anfangen. Oder stehen uns die Gebote Christi vor Augen als die natürlichen Lichter des Gottesreiches, die uns hell geben<note xml:id="n03">= Licht geben.</note> – dann können wir denken, und wenn wir auch noch arge Gesellen und tief im alten Wesen wären: ich habe die ersten Schritte getan auf dem Weg, wo Gott sicher mit mir ist, er helfe mir weiter! Laß dich <hi rend="italic">nicht faul machen</hi> durch die Meinung, Christi Gebote seien zu schwer, um gehalten zu werden. In <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> nicht dem Mammon dienen. Als jung<note xml:id="n04">= als junger Mensch.</note> rein bleiben. In schweren Zeiten sorgenfrei zu sein. Neben einem bösen Nachbarn seine Feinde zu lieben. Es wird mit dem Halten besser, völliger, herrlicher werden, je näher du und wir alle dem Ziel der Vollendung kommen. Es wird nicht mehr von uns verlangt, als daß wir auf der Stufe, auf der wir sind, so treu sind, als wir können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.2">1.Kor. 4,2</ref>], und daß wir unruhig nach der nächsten Stufe aussehen. Sieh dein Herz und Gewissen an, wie du dazu stehst! Ob du bewegt bist von den Kräften, die Christus bewegt haben? Antworte nicht zu rasch. Wir müssen in eine tiefe Scham und Demut hinein bei dieser Antwort, wir alle. Und im besten Fall werden wir schließlich antworten dürfen: ich möchte gehorsam sein, lieber Herr, hilf meinem Ungehorsam! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.24">Mk. 9,24</ref>]. Aber wenn wir diese zaghafte Antwort geben können, dann liegt darin alle frohe Sicherheit, die wir brauchen.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lieder:</head> 
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            <bibl corresp="kbga-songs-20" type="song">Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 48,1-3; EG 325,1-3; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-144" type="song">Nr. 294 «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 317,1.2; EG 385,1.2. Strophe 3 im GERS [1891] fehlt in den neueren Gesangbüchern)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-gesd" target="b0003">Nr. 3</ref> «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 (<bibl>GERS [1952] 48, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 325, 1-3</bibl>; jeweils mit Textabweichungen)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1934" target="b0294">Nr. 294</ref> «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 317, 1. 2</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 385, 1. 2</bibl>. Strophe 3 im <bibl><title level="m">GERS</title> [1891]</bibl> fehlt in den neueren Gesangbüchern)</item>
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