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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 1,7</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 1,7, 21. Mai 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29024 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 196–202.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 1,7</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 196-202</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 326</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 1,7, 21. Mai 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1767">KBA 1304</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-05-21">21. Mai 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.7">1.Johannes 1,7</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>In der Finsternis wandern, das ertragen wir einfach nicht. Gott macht es uns unerträglich. Stellt es euch einen Augenblick vor, es könnte sich ein Mensch <hi rend="italic">in der Finsternis wohl fühlen</hi>, es könnte sich ein Mensch freuen über seine Mammonsknechtschaft, seine Lieblosigkeit, seine blinde, wilde Leidenschaftlichkeit, seine Verlogenheit. Stellt euch vor, es könnte Heiterkeit sein in einem Spital oder auf einem Friedhof, in einem Bureau oder in einem Gerichtssaal oder in einem Schützengraben oder an irgend einer anderen Stätte der Finsternis. Stellt euch vor, es könnte ein Mensch von Herzen lachen über eine Mordtat, über die Lungentuberkulose, über die schlechte Ernährung und Erziehung so vieler Kinder, über den Untergang eines Schiffes. <hi rend="italic">Warum</hi> ist keine Freude in der Sünde, warum gibt’s kein Vergnügtsein in den großen Hauptquartieren der Schuld, des Leides und des Todes, warum können wir nicht lachen über das Böse und Traurige? Nicht wahr, wir <hi rend="italic">begehren</hi> manchmal danach, es kommt uns manchmal vor, das alles sollte doch irgendwie möglich sein, wir wenden uns manchmal sogar an Gott mit dem Verlangen, er solle uns Wohlsein, Glück, Freude verschaffen mitten in unserer Finsternis drin, und murren gegen ihn, wenn es nicht geschieht, wenn es uns in der Sünde im Grunde immer hoffnungslos unwohl ist, wenn dort, wo die Fahnen des Geldes, der Gewalt und des Todes wehen, ein dumpfer, drückender, schwüler Ernst waltet, der uns den Atem nimmt und das Lachen verleidet, wenn die großen blutenden Wunden der Menschheit schlechterdings keine heitere Seite haben, die uns vergessen lassen könnte, daß es Wunden sind. <hi rend="italic">Warum</hi> hilft uns Gott nicht, uns darüber hinwegzusetzen? Warum gibt’s keine Freude in der Finsternis oder nur die Freude, hinter der sich das <pb xml:id="p197" ed="pga"/> jämmerlichste schlechte Gewissen verbirgt? Stellt euch vor, sie <hi rend="italic">wäre möglich</hi>! Wißt ihr, wo und wie? Nur an einem Ort in der Welt, nämlich in der Hölle, in der schrecklichsten Gottverlassenheit. Nur wenn Gott sich gänzlich von uns zurückgezogen hätte, könnten wir das, was wir manchmal möchten und sogar von Gott verlangen: ruhig und zufrieden und heiter leben in der Finsternis. Nur wenn Gott zu uns sagen würde: nun lasse ich euch eures Weges fahren, nun habt ihr an mir keinen Anteil mehr, nur dann könnte es uns erträglich sein, in der Finsternis zu wandern. Ich weiß nicht, ob es Geister gibt, die gänzlich und ewig verloren sind, ich kann es mir nicht denken, aber wenn es solche gibt, dann muß ich sie mir zufrieden und vergnügt vorstellen, zufrieden und vergnügt in der Finsternis. Es gibt wohl kein Bild, das furchtbar genug wäre, um dieses Elend zu schildern! Aber <hi rend="italic">Gott, wie wir ihn kennen</hi>, wie wir ihn besonders durch Jesus kennen, dieser Gott läßt es nicht so weit kommen. Er trägt und hält uns, er umgibt uns von allen Seiten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.5">Ps. 139,5</ref>], er hat und behält uns lieb, und eben darum läßt er es uns nicht wohl werden in der Finsternis, sondern er macht sie uns unerträglich. Es ist etwas in uns, das protestiert gegen die Sünde, das wehrt sich gegen den Schmerz, das widerspricht dem Tode. Es ist etwas in uns, das macht uns unruhig und heimatlos in dieser Welt. Mag der Mammon triumphieren und der Krieg seine Herrlichkeit entfalten und das Recht der Staatsgesetze seinen Lauf nehmen, unsere Seele ist nicht dabei, die Seele keines Menschen. Es ist etwas in uns, das muß böse böse, traurig traurig, schändlich schändlich nennen. Wir können nicht anders. Es läßt es nicht zu, daß wir uns zufrieden geben in der Finsternis. Und das ist eben das sichere Zeichen, daß Gott uns nicht fahren lassen will. Er setzt uns in Streit gegen die Finsternis, in Scheidungsprozeß gleichsam, wir müssen es unter Schmerzen erfahren, daß wir uns nicht mit ihr versöhnen können. O <hi rend="italic">Gott sei Dank</hi> für diese Schmerzen, sie sind ja der Beweis dafür, daß uns Leben verheißen ist und bevorsteht. Gott sei Dank, daß das Wandeln in der Finsternis eine Lüge ist und daß wir unter dieser Lüge leiden müssen. Daran wollen wir denken, wenn wir manchmal uns selber und die Wege Gottes nicht zu verstehen meinen.</p>
          <p>Aber die volle, unzweideutige Güte Gottes gegen uns erfahren wir darin, daß wir uns wirklich von der Finsternis scheiden und <hi rend="italic">ins Licht treten dürfen</hi>. Gott will sein Licht nicht für sich selber behalten, um sich seiner zu freuen und zu rühmen, wie wir Menschen uns vor einander unseres <pb xml:id="p198" ed="pga"/> Besitzes und unserer Tugenden rühmen. Es soll auch nicht dabei bleiben, daß wir uns unruhig und heimatlos fühlen in der Finsternis. Sondern das Licht will leuchten in der Dunkelheit, und die Dunkelheit will vom Lichte hell werden. Das ist das große, freudige Wunder der Erlösung, über das <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> nicht genug nachdenken und reden konnte: wir dürfen im Lichte wandeln, wie Gott im Lichte ist. Hört und versteht das wohl: <hi rend="italic">wir dürfen</hi>! O, wir verstehen Gottes Wort an uns so gar nicht, solange wir sein freundliches Angebot, daß wir bei ihm und mit ihm wirklich leben dürfen, als einen Druck und Zwang, als ein schwieriges, hohes Gebot auffassen, vor dem wir nur ratlos, mutlos dastehen: im Lichte wandeln, wie Gott im Lichte ist, wer das könnte! wer sich dazu aufzuschwingen vermöchte! Und dann denken wir über uns selber und unsere Fähigkeiten und Sünden nach und vergleichen uns sorgfältig mit Anderen, die es besser oder weniger gut können, plagen uns mit dem Gedanken, ob wir es Gott wohl je ganz recht machen werden, und haben doch im nächsten Moment schon wieder unser Stölzlein, daß er doch schon ziemlich mit uns zufrieden sein könne. O, Gott macht es so viel einfacher, viel göttlicher mit uns, und wir müssen es auch lernen, viel einfacher und göttlicher vom Wandeln im Licht zu denken. Seht, mit welcher völligen Freiheit <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> davon redet, wie schlicht er uns Beides wie zur Auswahl nebeneinander stellt: Wandeln in der Finsternis, das ist Lüge, das geht nicht, das macht uns Gott zum großen Glück innerlich unmöglich, wie können wir nur verharren und stecken bleiben wollen in dem, was unmöglich ist! Wandeln im Licht, das ist eben die Wahrheit, das ist das Natürliche, das ist das Leben, das man leben kann, da warten auf uns sofort beim ersten Schritt die großen Lebensgeschenke, nach denen wir doch alle im Grunde verlangen: Gemeinschaft untereinander und Reinheit von der Sünde, wie können wir nur nicht zugreifen! Es ist mit dem Lichte Gottes so einfach wie mit der <hi rend="italic">Sonne</hi>. Die Sonne scheint eben, sie ist da und gibt hell<note xml:id="n01">= macht hell, gibt Licht.</note>, dazu ist sie die Sonne. Schließ die Augen, mach die Fensterläden zu, verkriech dich in ein finsteres Kellerloch, dann scheint sie freilich für dich nicht. Und wenn die Erde mit Bergen und Tälern und Meeren und uns allen, ohne daß wir’s merken und wollen, sich wendet und von der Sonne abkehrt, dann scheint sie freilich für Andere und nicht für uns, dann müssen wir freilich sagen: es ist Nacht! Es bleibt <pb xml:id="p199" ed="pga"/> uns auch bei geschlossenen Augen und hinter allen Fensterläden und Vorhängen und in der dunkelsten Nacht ein Schimmer, an dem wir schon merken, daß die Sonne doch da ist. Aber tappen und tasten und stolpern und uns verirren und allein sein und gegeneinanderprallen, das müssen wir freilich, das ist ganz unvermeidlich, wenn wir uns von der Sonne absperren wollen oder wenn unsere ganze Welt ihr den Rücken kehrt. Und nun öffnest du die Augen, reißest auf Türen und Fenster und Vorhänge, steigst herauf aus den Höhlen und Kellerlöchern, nun wendet sich der Boden, auf dem wir stehen, sonnenwärts, und siehe, die Sonne ist da für uns, scheint für uns, gibt hell für uns, übergießt für uns die Täler weit und Höhen<note xml:id="n02">Vgl. das Gedicht von 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2400">
                                <persName ref="kbga-actors-6916">J. von Eichendorff</persName> 
            «<hi rend="italic">Abschied</hi>» 
            in: <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, 
            hrsg. von H. Fröhlich und U. Regener, 
            Bd. I, 1, 
            Stuttgart / Berlin / Köln 
                        1993, 
            S. 34</bibl>:<q rend="block">
            <lg>
              <l>O Täler weit, o Höhen,</l>
              <l>O schöner, grüner Wald …</l>
            </lg>
            </q></note> mit zauberhafter Pracht, bringt für uns den Tautropfen am Gras zum Funkeln, als ob er ein Diamant wäre, leuchtet uns zu unserer Arbeit, macht uns und unsere Kinder frohen Mutes, ohne daß wir selbst wissen, warum, zeigt uns, daß wir’s sehen und spüren müssen, wie schön es in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ist und in der Welt.|</p>
          <p>So einfach und natürlich ist es wahrhaftig auch mit dem <hi rend="italic">Lichte Gottes</hi>, von dem die Sonne ein kleiner Teil ist. Wir brauchen mehr Licht als das Sonnenlicht. Eines der schönsten und freudigsten und reichsten Geschöpfe Gottes in der Menschenwelt, der Dichter <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, soll ja mit diesem Worte: Mehr Licht! gestorben sein.<note xml:id="n03">Zu <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> letzten Worten und deren Wirkungsgeschichte siehe <bibl corresp="kbga-bibls-2429">
                                Büchmann, S. 705f.</bibl>
          </note> Wir brauchen Licht für unsere inwendigen Augen, wir brauchen Licht, um die Wunder der unsichtbaren Welt des Herzens zu sehen, wir brauchen das Licht, in dessen Schein möglich wird, wonach wir im Tiefsten verlangen: Gemeinschaft untereinander und Reinheit von der Sünde. Denn das ist eben das wahrhaftige Leben. Und dieses Licht, das wir zum Leben brauchen, <hi rend="italic">ist da</hi>, wie die Sonne da ist. <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> redet an einer späteren Stelle davon: das wahre Licht scheinet jetzt! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.8"><choice><sic ed="pga">1.Joh. 2,7</sic><corr resp="mi" type="misprint">1.Joh. 2,8</corr></choice></ref>]. Und wir wollen dann ein anderes Mal darüber nachdenken, wie es mit diesem: jetzt! ist. Es ist da, und es scheint, und <hi rend="italic">wir wissen</hi>, daß es scheint. Wir würden uns, auch in unserer Finsternis, nicht so stark nach dem Lichte sehnen, wenn wir’s nicht wüßten: es scheint! Wir würden nicht so dankbar Sonntag feiern nach der Arbeit der Woche, wir würden nicht hieher in die Kirche gekommen sein, <pb xml:id="p200" ed="pga"/> um etwas zu suchen, wenn wir’s nicht anerkennen würden: es ist eigentlich, irgendwo Licht da, Licht zum Leben, vielleicht nicht für uns, aber es ist da. Seht, jede aufrichtige, reine Freude, die uns bewegt, jedes Stücklein Treue und Eifer, die wir an unsere Arbeit setzen, jeder Zorn in uns gegen Lüge und Unrecht, jedes aufrichtige Wort, mit dem wir etwa einmal aus dem Netz von Kleinlichkeit und Verstellung, in dem wir gewöhnlich sind, hervorbrechen, jeder kleine selbstlose Liebesdienst, den wir eins dem anderen leisten, jedes Gebetlein, das wir wie die Athener aus der Finsternis zu dem unbekannten Gott emporsteigen lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>], ist doch ein Beweis dafür, daß wir das Licht nicht verleugnen können. Es ist vielleicht auch nur so ein Schimmer wie der, den wir sehen, wenn wir die Augen schließen, aber auch der Schimmer kommt vom Licht, sowenig er uns helfen mag. Wir wissen z. B. ganz genau, daß gerade die beiden großen Lebensgeschenke, von denen <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> in unserem Text redet, die Gemeinschaft und die Reinheit, keine Träumereien sind, sondern wirkliche Tatsachen, die für uns bereit liegen.|</p>
          <p>Wir könnten <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> haben untereinander. Nichts steht dem tatsächlich im Wege. Es muß nicht sein, daß wir so fremd und mißtrauisch nebeneinander auf den gleichen Bänken sitzen, wie wir es jetzt tun. Es muß nicht sein, daß in unserem Dorf Alles so auseinanderfährt in Parteilein und Vereinlein und Verwandtschaftsgrüpplein, die sich immer gegenseitig das Schlimmste zutrauen und anwünschen und vorwerfen. Es muß nicht sein, daß die brävsten Leute sich rühmen, als ob das eine Tugend wäre: ich kümmere mich nicht um die Anderen und sehe für mich selbst<note xml:id="n04">= schaue auf meine eigenen Angelegenheiten.</note> und lasse die Leute machen! Es muß nicht sein, daß jedes so gierig auf sein Interesse spitzt<note xml:id="n05">= daß jeder auf seinem Vorteil bedacht ist.</note> und daß dabei im Grunde einfach Alle zum Narren gehalten werden. Gerade wie der Krieg nicht sein muß und wie wir uns die Lebensmittel nicht verteuern müssen und wie wir uns nicht lungenkrank und halb oder ganz geisteskrank machen müssen. Warum denn auch?, nicht wahr! Es ist uns allen ins Herz geschrieben, daß das nicht sein muß, daß das eigentlich lauter Torheit ist, mit der wir uns selbst schlagen, daß es etwas Anderes gibt und daß dieses Andere bereitliegt. Wir könnten uns verstehen und liebhaben und miteinander leben wie die Gräser und Blumen auf dem Feld. Wir könnten herzlich lachen über unsere kleinen Verschiedenheiten und daß wir sie so wichtig nehmen. <pb xml:id="p201" ed="pga"/> Wir könnten uns die Hand geben und dann erst recht jeder zu seiner Sache kommen und gemeinsam allen Teufelsmächten trotzen. Wir könnten die Schützengräben zumachen und uns alle satt essen, es ist genug da. Wir könnten die Kranken gesund machen und die Gesunden nicht krank werden lassen. O, was könnten wir nicht alles, nicht wahr, nur durch die Kraft der Gemeinschaft. Und Alles ist ja schon da, wie die Sonne scheint. Ihr denkt jetzt alle: ja, das wäre das Wahre, das ginge, das wäre sehr wohl möglich! Das Licht des Lebens, das Christus in die Welt gebracht, leuchtet rings um uns, wir spüren seine Wärme, es schimmert und blitzt etwas von dort her in unsere Seele hinein, wir wissen’s: es ist hell: o, warum ist es nicht auch für uns hell, warum diese geschlossenen Augen, warum diese schwarzen Brillen, warum leben wir als Höhlenbewohner, wo wir Sonnenkinder sein könnten?|</p>
        <p>Und es ist mit der <hi rend="italic">Reinheit</hi> von der Sünde nicht anders. Wir können uns von dem Lichte Gottes nicht etwa zurückziehen und entschuldigen und sagen: ja, aber wir sind eben schwach und unrein von Natur, und darum bringen wir’s nicht über uns, Gemeinschaft zu halten untereinander und frei und froh zu leben, darum kann’s in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> keine Liebe und kein Zusammenhalten und keinen wirklichen Fortschritt geben. Die Sünde! Ja, da bleiben wir dann eben stehen und denken viel über uns selbst nach und über die Anderen und kommen immer tiefer in die Zerknirschung und in den Hochmut hinein, und nichts, gar nichts kann geschehen, solange die Sünde, die eigene und die der Anderen, so groß und wichtig vor uns steht. Aber wir wissen auch da, daß eigentlich das Licht da ist und scheint. Es ist wohl wahr, daß wir alle gesündigt haben und noch tausendfach sündigen, aber es glaubt auch kein Einziges von uns, daß es sündigen muß. Dafür ist der unbekannte Gott uns doch allen zu nahe, auch wenn wir noch nicht so weit sind wie der Apostel <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>, der nur an Christi Bluten und Sterben zu denken brauchte, um ganz sicher zu sein: Gott will mich ganz frei und rein machen von Schwachheit und Torheit. So weit sind wir alle, daß, wenn wir uns jetzt fragen: muß ich schwach sein? muß ich falsch und verräterisch sein? muß ich feig und charakterlos sein? muß ich lieblos und brutal sein?, daß wir darauf kopfschüttelnd und wie erstaunt über uns selbst antworten müssen: nein, ich muß eigentlich nicht! Wir wissen wiederum: da draußen scheint die Sonne, da ist’s hell, ich muß nicht sein, wie ich bin, ich könnte anders werden! ich muß die Gemeinschaft nicht stören durch meine Sünde, ich <pb xml:id="p202" ed="pga"/> könnte sie bauen durch die Kraft, die mir gegeben ist! O fort mit unseren Entschuldigungen und Ausreden! Wir wissen zu gut, daß Christus nicht umsonst dagewesen ist. Oh unsere Augen, noch einmal! oh unsere Fensterläden! oh unsere Keller und Höhlen! oh unsere sonnenabgewandte Welt! Daran liegt’s, daß wir seufzen müssen: wir könnten!, statt daß wir jauchzen dürfen: wir können!</p>
        <p>So legt uns Gottes Wort wieder Beides vor zur <hi rend="italic">freien Entscheidung:</hi> die Finsternis und das Licht. Was braucht’s nun? Daß wir dem Leid und Elend der Finsternis uns entreißen, daß wir die Lebensgeschenke des Lichtes annehmen. Ist uns die Finsternis noch nicht stark genug verleidet? Ist uns das Licht Gottes noch nicht nahe genug gekommen?</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lieder:</head> 
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            <bibl corresp="kbga-songs-53" type="song">Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erden» von <persName ref="kbga-actors-8754">H. Albert</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 76,1-3; EG 445,1-3; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-160" type="song">Nr. 177 «Jehovah, Jehovah» von <persName ref="kbga-actors-8814">G. K. Pfeffel</persName> (1736–1809), Strophen 1.2</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0040">Nr. 40</ref> «Gott des Himmels und der Erden» von H. Albert, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 76, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 445, 1-3</bibl>; jeweils mit Textabweichungen)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1927" target="b0177">Nr. 177</ref> «Jehovah, Jehovah» von G. K. Pfeffel (1736–1809), Strophen 1. 2</item>
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