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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 1,6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 1,6, 14. Mai 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29023 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 189–196.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 1,6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 189-196</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 325</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 1,6, 14. Mai 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1766">KBA 1303</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-05-14">14. Mai 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.6">1.Johannes 1,6</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Das ist ein wunderbarer fruchtbarer, lebendiger <hi rend="italic">Vorgang</hi>, wenn Gott mit uns in Gemeinschaft tritt. Fast möchte es uns zu groß und merkwürdig vorkommen, was das zu bedeuten hat. Gott ist ja Licht, und in ihm ist keine Finsternis [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.5">V. 5</ref>]. Gemeinschaft mit ihm! Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest, und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.5">Ps. 8,5</ref>]. Was verheißt und zeigt und schenkt er uns damit alles, wo wir ihm doch wie der verlorene Sohn noch ferne sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.20">Lk. 15,20</ref>], wo wir uns kaum erst schüchtern und zweifelnd ihm zugewandt haben! Gemeinschaft mit ihm! Ein geheimnisvolles, gewaltiges Weben und Wirken und Schaffen fängt an in uns und an uns, nachdem er seine Hand nach uns ausgestreckt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.2">Jes. 65,2</ref> u.ö.], uns mit Namen gerufen hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.43.1">Jes. 43,1</ref> u.ö.]. Er läßt uns gar keine Zeit, zu staunen, zu wundern, zu studieren<note xml:id="n01">= grübeln.</note>, ob er wirklich recht habe, ob er wirklich der allein Große sei, ob wir ihn wirklich wollen Gott, unseren Gott sein lassen. Er ruft und klopft an und fragt nicht lange und ist schon bei uns eingetreten und schafft an uns. Wir sind mit ihm in Gemeinschaft – das heißt: er hat uns in Arbeit. Wir wollen heute von <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> hören, wie Gott anfängt, an uns zu arbeiten.</p>
        <p>Vom ersten Augenblick an, liebe Freunde, wo uns Gott berührt, wo es dämmernd in unserer Seele aufgeht: Gott <hi rend="italic">ist</hi>, und Gott ist <hi rend="italic">Licht</hi>, wo die Erinnerung an ihn ihre ersten feinen Würzelchen in unseren Erdboden treibt, vom ersten Augenblick an sind wir auch in eine eigentümliche <hi rend="italic">Bewegung</hi> hineingezogen, die uns von der Finsternis scheiden will. Die Finsternis fängt an, uns zu verleiden<note xml:id="n02">= uns Überdruß zu erregen.</note>. Wir spüren, daß wir nicht zu ihr gehören, wir müssen sie hassen, es muß das dringende Verlangen in uns entstehen, von ihr loszukommen. Gott<note xml:id="n03">Der hier beginnende Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nachträglich mit Blaustift eingeklammert.</note> erreicht das durch ein sehr einfaches Mittel bei uns: er läßt uns ein wenig <hi rend="italic">ehrlich</hi> und aufrichtig werden, er gibt uns einen neuen, sechsten Sinn, den Sinn für Lüge und Wahrheit, daß uns die Lüge wehtut und die Wahrheit freut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.6">1.Kor. 13,6</ref>], mehr <pb xml:id="p190" ed="pga"/> als alles Andere. Man kann darum wohl sagen: wenn ein Mensch nur einmal ehrlich wird, dann ist’s ein sicheres Anzeichen, daß Gott mit ihm in Gemeinschaft getreten ist und seine Arbeit an ihm begonnen hat.<note xml:id="n04">Ende des eingeklammerten Passus.</note> Wir sind nicht dazu bestimmt und geschaffen, in der Finsternis zu wandern. Es ist nicht unser natürliches Los, nie dahin zu kommen, wohin wir sollten, dafür immer dahin, wohin wir nicht sollten, und zuletzt dahin, wohin wir nicht einmal wollen. Es ist keine Notwendigkeit da, daß wir, von der Sonne abgewandt, nur unseren eigenen Schatten sehen sollen.</p>
          <p>Ja, es ist wahr genug, die <hi rend="italic">Finsternis ist da:</hi> Es sind aus unseren natürlichen Trieben wüste, schimpfliche Leidenschaften geworden – aus der Kinderfreude, die in uns allen ist, die böse, unreine Lust – aus der Kraft, die uns verliehen ist, um einander zu dienen, die Gewalt, die wir an uns reißen, um einander zu unterdrücken – aus dem Stolz, den wir haben dürfen und sollen als Menschen, der Hochmut, der es Gott gleichtun will – aus dem reinen Mut für das Gute und Hohe, der uns angeboren ist, die törichte Einbildung der Gerechten gegen die Ungerechten, der Braven gegen die Bösen, der Frommen gegen die Gottlosen – es ist aus dem Befehl des ewigen Gottes, zu arbeiten und uns zu nähren von den Früchten der Erde die Knechtschaft unter dem Höllengott Mammon geworden, der die Guten und die Bösen, die Reichen und die Armen schlägt und ihrer aller spottet – aus der natürlichen freudigen, wetteifernden Betätigung unserer Kräfte und Gaben die Streberei und das Sich-Hervor- und Empordringenwollen und die Konkurrenz und der blutige Völkerkrieg – aus dem fröhlichen Selbstbewußtsein, das jedes Blümlein und jedes Vögelein und auch jedes Menschenkindlein haben darf und kraft dessen wir alle uns selber sein<note xml:id="n05">= wir selber sein.</note> dürfen, das öde, blöde, langweilige An-sich-selber-Denken, Von-sich-selber-Reden, Sich-selber-wichtig-Nehmen, an dem wir notwendig verkommen und verfaulen müssen – aus der siegreichen, friedlichen Vollendung unseres Daseins, wenn unsere Zeit um ist, das klägliche, bedauerliche Altwerden, Erkranken, Zugrundegehen, Sterben, das keinen Trost kennt als: Schick dich drein! – aus dem Erdenleben ein Jammertal, aus der Weltgeschichte ein Tummelplatz wilder, böser Mächte, aus dem menschlichen Angesicht eine teuflische Fratze.|</p>
        <p>Ja, die Finsternis ist da, die verkehrte Welt, das leblose Leben, und wir wandern darin. Sie ist da und muß da sein, und was sie am Weichen und <pb xml:id="p191" ed="pga"/> Vergehen hindert, das ist <hi rend="italic">unsere Unaufrichtigkeit</hi>. Wir wollen uns nicht gestehen, daß sie wirklich finster, d.h. unerträglich ist, daß man nicht auf dem Kopf stehen, daß man so nicht leben kann. Wir reden uns ein, das alles sei ganz gut möglich und natürlich und notwendig und vielleicht auch noch recht. Wir tun, als ob wir uns gewöhnen könnten an diesen Zustand unseres Lebens und unserer Weltordnung. Wir tun, als ob man doch auch in diesem Zustand ganz behaglich, fröhlich, frei und fromm<note xml:id="n06">Anspielung auf den Turnerwahlspruch, den <persName ref="kbga-actors-6198">Fr. L. Jahn</persName> in der Reihenfolge «Frisch, Frei, Fröhlich, Fromm» verwendete.</note> sein könnte. Wir leisten uns lärmende, überschäumende Freudenstunden, als ob sie nicht ein Hohn wären auf unser gewöhnliches, freudloses Leben. Wir umgeben unser Staats- und Kulturleben mit einem Glanz und einer Wichtigkeit, als ob wir tatsächlich ein freies, glückliches Volk wären. Wir bauen Kirchen und Anstalten und geben Almosen aus dem Geld, an dem Blut und Tränen und Seufzer kleben. Wir glauben an ein ewiges Leben im Jenseits und denken nicht daran, jetzt und hier etwas zu anerkennen, was ewig, was jenseits des Sichtbaren, jenseits unserer eigenen kleinen Person und ihrer Empfindlichkeit, jenseits unserer Gewohnheiten läge. Ja, das können wir, soweit bringen wir’s! Man kann ja auch auf einem untergehenden Schiff noch Musik machen und tanzen, man kann!<note xml:id="n07">Am <date when="1912-04-14">14.4.1912</date> kollidierte das damals weltgrößte Passagierschiff «Titanic» mit einem Eisberg. 20 Minuten später erkannte der Kapitän, daß das Schiff verloren war. 15 Minuten später begann die Bordkapelle zu spielen. 2 Stunden lang, während die Rettungsboote ausgesetzt wurden, kämpften die 8 tapferen Musiker mit fröhlicher Ragtime-Musik gegen die drohende Panik an. Sie gingen alle mit dem Schiff unter. Getanzt wurde auf der Titanic in jenen Stunden nicht. Vgl. 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2398">
            <persName ref="kbga-actors-6175">R. D. Ballard</persName> / <persName ref="kbga-actors-6174">R. Archbold</persName>, 
            <hi rend="italic">Das Geheimnis der Titanic 3800 Meter unter Wasser</hi>, 
            <edition rend="normal">deutsche Ausgabe</edition> Berlin / Frankfurt/M. 1987, 
            S. 24f.149.233f</bibl>.</note> Es hat ja auch der Zuchthäusler in seiner Zelle Freiheit, sechs Schritte hin und her, er hat sie. Und man kann in der Hölle beten, die Teufel glauben ja auch und zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.19">Jak. 2,19</ref>]. O das Menschenherz mit seiner ungestümen Sehnsucht nach Freiheit und Freude, das es doch nur bis zu kleinen armseligen Lügen bringt! O das Menschenherz, das ganz gut weiß, was Licht ist und sich dann doch wieder damit zufrieden gibt, die Finsternis Licht zu heißen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.5.20">Jes. 5,20</ref>]! O das Menschenherz, das einen Gott kennt und lieben und verehren möchte und dann doch nur stecken bleibt in der greulichen Verkehrtheit, zu meinen, die Finsternis sei Gottes Wille und ihm gehorchen heiße demütig und ergeben in <pb xml:id="p192" ed="pga"/> der Finsternis wandern. O armes, armes Menschenherz, das nicht aufrichtig und ehrlich sein will und eben damit immer aufs neue Fenster und Türen verschließt, daß die Finsternis bleiben muß.</p>
        <p>Seht, hier setzt die Liebe des Vaters im Himmel zu uns ein mit ihrer Arbeit. Sie macht uns zu <hi rend="italic">allererst ehrlich</hi>. Ehrlichsein, das heißt, die Tatsachen sehen und nicht verstecken wollen. Ehrlichsein, das heißt, das Leben nehmen, wie es ist, und keinen Schaum und Dampf darum machen. Ehrlichsein, das heißt, Licht Licht und Finsternis Finsternis nennen. Da ist ein Mensch <hi rend="italic">seinen Weg</hi> und den Weg der Welt gegangen lange, lange, scheinbar ganz sicher und getrost, scheinbar felsenfest in der Überzeugung: es ist recht so, und es gibt nichts Anderes. Ihr könnt an <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> denken mit seinem Eifer für das Mosegesetz, der so groß war, daß er gegen Alle, die nicht miteifern wollten, wüten mußte mit Schnauben und Morden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1">Act. 9,1</ref>]. Vielleicht habt ihr auch schon vom heiligen <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> gehört, wie er viele Jahre hindurch seinen Leidenschaften und zugleich in einem hochmütigen Bildungsstolz lebte<note xml:id="n08">Vgl. 
          <bibl corresp="kbga-bibls-1312">
            <persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, 
            <hi rend="italic">Confessiones</hi> 
            II, 1-4; 
            III, 1; 
            IV, 1-2, 
            CChr. SL 
            27, 18, 1-19, 44; 27, 1-20; 40, 1-41, 15.</bibl>
        </note>, oder von <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName>, wie er vermeintlich seine Jugend genießen und ein berühmter Mann werden wollte<note xml:id="n09">Vgl. 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2347">
            <persName ref="kbga-actors-3719">P. Sabatier</persName> / <persName ref="kbga-actors-6210">Fr. Renner</persName>, 
            <hi rend="italic">Leben des heiligen Franz von Assisi</hi>, 
            St. Ottilien, 1979, 
            S. 25 - 31</bibl>.</note>, und sicher von den Anfängen der Reformation, wie sie alle zuerst sich bemühten, Christen zu sein in den Mauern der alten Kirche, oder aus unserer Zeit, wie der russische Graf und Dichter <persName ref="kbga-actors-1412">Leo Tolstoj</persName> während eines langen Teils seines Lebens die Anschauungen und Gewohnheiten der vornehmen Gesellschaft, in der er geboren und aufgewachsen war, anerkannte und mitmachte<note xml:id="n10">Vgl. z. B. 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2399">
            L. Müller, 
            <hi rend="italic">Leo Tolstojs religiöse Entwicklung</hi> in: 
            Quatember, 
            Jg. 42 (1978), 
            S. 215</bibl>: «Je mehr der Knabe zum Jüngling wurde, um so mehr wurde sein wirkliches Leben von einem Einfluß bestimmt, … von der Verhaltensweise und dem Ehrenkodex, dem ‹comme il faut› der Gesellschaftsschicht, der er entstammte.»</note>. Ihr könnt auch aus der Bibel an <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> denken, wie er es gut hatte und sich Wohlsein ließ im Palaste der Königstochter, während seine Brüder um ihn her Unrecht litten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.2.10 Ex.2.11">Ex. 2,10f.</ref>], oder an die Kranken, Blinden und Besessenen, von denen wir im Neuen Testament lesen, wie sie 10, 20, 30 Jahre lang ihr Übel trugen, als ob es nichts Anderes gebe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.5.25">Mk. 5,25</ref> par.; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.5">Joh. 5,5</ref>; 
            <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.9.1 Joh.9.2">9,1f</ref>], oder an die Zöllner <persName ref="kbga-actors-6202">Levi</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.14">Mk. 2,14</ref> par.] und <persName ref="kbga-actors-6227">Zachäus</persName> <pb xml:id="p193" ed="pga"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.2">Lk.19,2</ref>], wie sie so sicher ihr einträgliches Geschäft trieben, oder an die Jünger Jesu, wie sie sich nach seinem Kreuzestod niederdrücken ließen von der weltlichen, menschlich finsteren Meinung: er ist gestorben und uns verloren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.19 Lk.24.21">Lk. 24,19–21</ref>]. So wanderten sie alle in der Finsternis und täuschten alle sich selbst und meinten: es geht, man kann auch in der Finsternis leben, und suchten nach Kräften sich zu trösten und zu beruhigen. Bis <hi rend="italic">ein Augenblick</hi> kam, für jeden auf seine besondere Weise, wo ihnen die Augen aufgingen, wo sie ehrlich wurden und sich gestanden: nein, es geht eben nicht! man kann so nicht leben, es geht unter keinem Vorwand und keiner Entschuldigung so weiter. Unsere Gerechtigkeit ist ja Ungerechtigkeit, die gen Himmel schreit, unsere Freude ist ja ein verderblicher Wahnsinn, unser Christentum ist ja Gottlosigkeit, unsere Höflichkeit und Wohlanständigkeit und Sparsamkeit und alle unsere bürgerlichen Tugenden sind ja Heuchelei, unser harmloser Lebensgenuß ist ja ein beständiges Unrecht, unsere Ergebung in den unerforschlichen Willen Gottes ist ja die schändlichste Auflehnung gegen ihn. Unser Leben ist Finsternis, und Licht ist nicht das, was wir jetzt denken und tun, sondern das Gegenteil davon. Es war die Liebe Gottes, die ihnen allen diesen entscheidenden Augenblick der Ehrlichkeit schenkte, wo es ihnen klar wurde: ich kann so nicht mehr! Jawohl, die Liebe Gottes, das sollen alle die hören, die wohl von der Liebe Gottes möchten predigen hören, aber nicht von der Ehrlichkeit. Die Liebe Gottes erlöst uns von der Macht der Finsternis, und sie erlöst uns, indem sie uns zu allererst ehrlich macht. Selig sind nicht die Schlummernden, nicht die Geruhigen, nicht die Zufriedenen, nicht die immer weiter machen können, heute wie gestern, selig sind, die ehrlich werden, die einmal merken, daß es so nicht geht, wie es jetzt geht, die es einmal wagen, sich selber und der Welt zum Trotz Finsternis Finsternis zu nennen, Gefangenschaft Gefangenschaft, Mammon Mammon, Tod Tod, die den Mut und den Entschluß fassen, zu scheiden, was nicht zu verwischen und zu verbinden ist, die verkehrte Welt, die nur unser eigener Schatten ist, und die andere, die reale Welt, die im Lichte Gottes steht. Damit, daß Gott uns ehrlich macht, erreicht uns seine Liebe, die nicht will, daß wir verloren gehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.9">2.Petr. 3,9</ref>]. Damit, daß wir ehrlich werden, fangen wir an, an ihn zu glauben, uns ihm hinzugeben. Damit, daß wir ehrlich bleiben, legen wir uns als Werkzeuge in seine Hand, und sein Reich ist in uns.</p>
          <p>Ja, es ist wahr, dieser Augenblick oder diese Zeit in unserem Leben, wo <pb xml:id="p194" ed="pga"/> wir ehrlich werden, stürzt uns in eine tiefe <hi rend="italic">Unruhe</hi> hinein. Wir spüren’s wohl im Innersten, wie <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> sagt; «wir lügen und tun nicht die Wahrheit». O wenn wir nun ehrlich dabei <hi rend="italic">bleiben</hi> wollten: wir lügen, wir Menschen, ich lüge, <hi rend="italic">ich</hi> anerkenne und rechtfertige die Finsternis, als ob sie Licht wäre, <hi rend="italic">ich</hi> mache ein Leben mit, das eigentlich kein Leben ist, <hi rend="italic">ich</hi> wende mich von der Sonne ab und sehe darum nur meinen Schatten, die verkehrte Welt des Mammons, der Gewalt, der bösen Lust, des Todes, <hi rend="italic">ich</hi> bin’s, in mir ist das Leid und die Sünde und der Tod, der Teufel und die Hölle. Wenn wir’s auf uns nehmen, dann kann Gott uns helfen, dann schenkt uns seine Liebe das Licht, das bei ihm ist. Wenn wir’s auf uns nehmen, dann kann er sich unser annehmen und uns brauchen. O, es ist einfach Alles gewonnen für uns, wenn wir’s ganz festhalten: ich bin die Ursache der Finsternis, und nur Gott ist’s, der helfen kann, sonst gar nichts. Von diesem Augenblick an ist das Licht, das bei Gott immer ist, auch für uns da. Die Sonne steigt über unserem Haupt, und der Schatten weicht unter unsere Füße, die mißbrauchten, verkrümmten Triebe und Kräfte unserer Natur bekommen ihr Recht und ihren Sinn wieder, den sie eigentlich haben, das Leid und die Sünde und der Tod erweisen sich als das, was sie eigentlich sind, als Mächte, die gegen Gott ohnmächtig sind und nur ohne ihn Geltung haben, das Leben, das reale Leben fängt an, – wenn wir ehrlich <hi rend="italic">bleiben</hi>, nicht nur ehrlich <hi rend="italic">werden</hi> wollten, dann wäre keine Unruhe nötig, dann könnten wir auf geradem Weg zu Gott in das Licht hinein gehen. Aber nicht wahr, es <hi rend="italic">graut uns</hi> davor, die Finsternis, in der wir wandern, auf uns zu nehmen, wir sind zu stolz dazu, es uns einzugestehen: ich bin’s, der dem Lichte Tür und Fenster verrammelt, es graut uns davor, nichts mehr unser eigen zu nennen, dessen wir uns rühmen könnten, gleichsam nackt dazustehen vor Gott mit dem Bekenntnis: wir tun nicht die Wahrheit. O, wir klammern uns an unsere Tugend und Frömmigkeit und wollen sie uns nicht nehmen lassen. Wir möchten Gott entgegenhalten: es ist ja wahr, ich wandere in der Finsternis, aber ich glaube doch an dich, und ich tue doch das Rechte, so gut ich kann, ist’s denn nicht genug, soll ich denn wirklich das Letzte, was in mir ist an Stolz und Eigenliebe, preisgeben? Darf ich mir nicht helfen und annehmen, daß die Finsternis zum größeren Teil die Anderen angeht oder vielleicht ein düsteres, unlösbares Weltgeheimnis ist? Darf ich mich nicht wieder flüchten zu der alten Auskunft: du, Gott selber, hast die Finsternis über die Welt verhängt in einer unbegreiflichen Absicht? Darf ich nicht <pb xml:id="p195" ed="pga"/> mit den Achseln zucken und von einem Schicksal reden, das größer ist als Gott und die Menschen und das an der Finsternis schuld wäre? O, wir möchten uns drehen und winden wie gefangene Fische, uns von der Einsicht und dem Bekenntnis zu trennen: in mir ist die Finsternis! Lieber erheben wir uns lästernd gegen Gott und machen ihn selber und sein Wort zum Lügner: du hast den Krieg gemacht und Armut und Reichtum und die Krankheit und den bleichen Tod, du bist’s, der die Verantwortung trägt, es ist der Herr, er tue, was ihm wohlgefällt [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.3.18">1.Sam. 3,18</ref>]. Ja, wenn wir dieser unserer Angst und unserem Stolz nun nachgeben, dann werden wir eben doch wieder unehrlich, und Gott kann uns nicht helfen: dann nehmen wir’s wieder zurück, das Geständnis: ich habe gelogen, und es geht so nicht weiter! Als ob wir uns nicht zu ändern brauchten, pochen wir darauf, daß man uns nicht viel vorhalten könne; als ob die Finsternis recht und notwendig sei, reden wir von einem Schicksal oder von den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes. Dann bleibt eben die Finsternis. Für die Unehrlichen ist Gottes Licht nicht da. Und das wissen wir auch; weil es uns doch so schwer wird, Gottes alleinige Größe und Gerechtigkeit zu anerkennen, darum sind wir in der Unruhe, hin und hergetrieben von der Sehnsucht, frei zu werden, und von dem Hochmut und der Angst, die uns verbieten, wirklich frei zu werden.</p>
        <p>Ist eines unter uns, das nichts von dieser <hi rend="italic">Unruhe weiß?</hi> Ist nicht diese Unruhe jetzt in unserer Gemeinde, in unserem Volk, ja in der ganzen Menschheit? Wie wird sie enden? Sie kann enden in einem großen Erwachen aus der Finsternis, in der wir jetzt wandern. Sie kann aber auch enden in einem ebenso großen neuen Einschlafen in der Finsternis. Es kann dazu kommen, daß wir alle oder doch Viele von uns, die, auf die es ankommt, ehrlich werden, dann bricht das Licht an für uns, das bei Gott ist. Es kann aber auch so kommen, daß wir alle nun aufs neue unehrlich werden, dann wird eben die Finsternis umso dicker und schrecklicher werden.</p>
        <p>Gott läßt es wahrhaftig nicht an der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> mit uns fehlen. Es ist in uns allen etwas lebendig, das möchte der Ehrlichkeit entgegen. Jesus Christus möchte mit uns allen der Ehrlichkeit entgegen. Die eigentümliche Bewegung, die uns von der Finsternis scheiden will, hat für uns alle längst angefangen. Warum stehen wir und warten und starren, als ob sie uns nichts anginge?</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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          <pb xml:id="p196" ed="pga"/>
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
          <bibl corresp="kbga-songs-52" type="song"> Nr. 35 «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 56,1-3; EG 328,1-3 «Dir, dir, o Höchster, will ich singen»; Textabweichungen jeweils in der 3. Strophe)</bibl>
          <bibl corresp="kbga-songs-115" type="song"> Nr. 168 «O daß doch bald dein Feuer brennte» von <persName ref="kbga-actors-1353">G. Fr. Fickert</persName>, Strophen 1.6.7 (GERS [1952] 337,1.6.7; EG 255,1.6.7)</bibl>
          </listBibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0035">Nr. 35</ref> «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 56, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 328, 1-3</bibl> «Dir, dir, o Höchster, will ich singen»; Textabweichungen jeweils in der 3. Strophe)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1926" target="b0168">Nr. 168</ref> «O daß doch bald dein Feuer brennte» von G. Fr. Fickert, Strophen 1.6.7 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 337, 1.6.7</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 255, 1.6.7</bibl>)</item>
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