<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-29020">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 20,38 (Ostern)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 20,38 (Ostern), 23. April 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29020 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 168–175.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29020</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 20,38 (Ostern)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 168-175</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">20</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 322</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 20,38 (Ostern), 23. April 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1763">KBA 1300</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1916-04-23">23. April 1916</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p168" ed="pga"/>
        <div type="opener">
          <head>
                        <idno>322</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-04-23">23. April 1916</date>
                    </dateline>
          <head type="event">Ostern</head>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.20.38">Lukas 20,38</ref>
              <quote>Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Denn ihm leben sie alle.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Ostern! <hi rend="italic">Wißt ihr</hi>, was Ostern ist? Wißt ihr, was euch alle heute wieder einmal hieher geführt hat? Wißt ihr, was ihr eigentlich von diesem Festtag erwartet im Grund eurer Seelen? O ja, ihr wißt es recht gut. O, ich möchte euch alle hier willkommen heißen. Ihr seid hieher gekommen, weil ihr alle <hi rend="italic">glaubt</hi>, daß das Leben wahrer ist als der Tod, weil ihr alle glaubt, daß ihr mit getrosten, zuversichtlichen, fröhlichen Gedanken an die Gräber eurer Lieben da draußen treten dürft, weil ihr alle glaubt, daß ihr mutig und klar an die Stunde denken könnt, in der man euch selber einmal da hinauftragen wird<note xml:id="n01">
          <placeName ref="kbga-places-1044">Kirche</placeName> und Friedhof von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> liegen auf einer Anhöhe südlich des Dorfes.</note>, weil ihr alle glaubt, daß wie der Schrecken vor dem Tod so auch der Schrecken vor der Sünde, der Schrecken vor den Menschen und ihrer Macht, der Schrecken vor dem Leiden eigentlich keine Gewalt über euch haben. Ihr seid hieher gekommen, weil ihr alle glaubt, daß Gott der Herr ist über Alles und daß Gott will, daß wir leben sollen. Wundert es euch, daß ich euch sage: ihr <hi rend="italic">alle</hi> glaubt!? Könnte es denn nicht sein, daß auch Zweifler, Ungläubige, Gottlose hier sind? Weiß <pb xml:id="p169" ed="pga"/> ich denn nicht, wieviel harter, starker Unglaube in uns allen ist? Lasse ich mich etwa täuschen durch die volle Kirche, als ob das ein Beweis unseres Glaubens wäre? Seht, ich habe an das alles gedacht und sage es doch und meine es auch so, wie ich es sage: ihr alle glaubt! Ich glaube nicht an den Unglauben irgend eines Menschen, der hier ist. Ich glaube auch nicht an den Unglauben irgend eines Anderen, der nicht hier ist und der sein Osterfest vielleicht im Wirtshaus feiern wird wie alle Sonntage. Und wenn jetzt jemand aufstehen und erklären würde: ich bin nur aus altem Brauch heute in die Kirche gekommen oder weil mein Bub oder Mädchen konfirmiert worden ist<note xml:id="n02">Die am Karfreitag nachmittag konfirmierten Jugendlichen empfingen im Ostergottesdienst erstmals das Abendmahl.</note>, oder ich weiß selbst nicht warum, aber ich glaube nicht, nichts von alledem, was eben gesagt wurde!, ich würde ihm antworten: wehr dich nur, aber ich glaube doch nicht an deinen Unglauben, es ist dir nicht so ernst, wie du tust, und du weißt nicht, was du redest: Seht, ihr könnt euch stellen, wie ihr wollt, aber ihr könnt gar <hi rend="italic">nicht nicht glauben</hi>. Ihr könnt gleichgiltig, oberflächlich, weltlich sein, aber daß die <hi rend="italic">Krankheit</hi>, die den menschlichen Leib langsam oder schnell zerstört, die <hi rend="italic">Leiche</hi>, die so stumm und fahl daliegt während drei Tagen in ihrem weißen Kleid, der Sarg, der aus dem Haus getragen wird, der lange Zug der Verwandten und Bekannten in ihren schwarzen Kleidern, die Erdschollen, die das Grab zudecken, der Leichenstein mit dem unsicheren Wunsch: Auf Wiedersehen!, die Trauerkränze, die dort langsam vergilben – daß das alles nun das Letzte sei im Menschenleben, im Leben eures Vaters, eurer Mutter, eurer Frau, eurer Kinder und später einmal in eurem eigenen Leben, das letzte Wort, über das hinaus Nichts ist – das kann nicht eure Meinung sein und ist sie nicht. Ihr glaubt an etwas Anderes, ihr glaubt, daß das alles ein Schein ist, der zuletzt nicht Recht behält, der sich einmal auflösen muß. Es muß hinter dem Tod etwas sein, das nicht Tod ist, denn der Tod allein ist sinnlos und entsetzlich, und das Leben wäre sinnlos und entsetzlich, wenn der Tod, das Sterben unserer Lieben und das eigene Sterben sein letztes Wort wäre. Ihr glaubt, daß etwas Fröhliches, Helles, Gewisses zum Vorschein kommen muß, wenn all dies Vorläufige seine Zeit gehabt hat. Ihr glaubt auch, daß es schon da ist, obwohl es uns noch verborgen ist.|</p>
          <p>Und so habt ihr es nicht nur mit dem Tod, sondern auch mit <hi rend="italic">all dem Anderen</hi>, was das Leben sinnlos und entsetzlich machen will. Ihr wißt <pb xml:id="p170" ed="pga"/> recht gut, daß ihr nicht dazu auf der Welt seid, um graue Haare zu bekommen wegen der Sorge ums tägliche Brot, um einander auf die Finger zu sehen und einander zu plagen, um euch von schlechten Gewohnheiten ruinieren zu lassen, um Schulden abzuzahlen euer Lebtage, daß die Menschen das Leben nicht dazu haben, um Zinsen aufzubringen und einander abzunehmen, um Krieg zu führen ein Volk gegen das andere, ihr wißt recht gut, daß das alles so gut wie Leiche, Sarg und Grabstein nicht das Letzte sein kann, nur ein Schein, der vergehen muß – was wäre sonst das Leben für eine Narrheit, nicht wahr? Ihr glaubt, daß es für alles das einmal eine Antwort, eine Auflösung, eine Überwindung geben muß, daß auch da irgendwo und irgendwie etwas Besseres verborgen ist, das an den Tag will. Oder ist’s <hi rend="italic">nicht wahr?</hi> Wollt ihr mir noch sagen: ihr glaubet nicht? Ja, warum <hi rend="italic">erschüttert es euch denn so</hi>, wenn der Tod euch einen Menschen, der euch nahesteht, geraubt hat? Warum pflegt ihr so sorgfältig sein Grab da draußen? Warum sucht ihr so wenig als möglich an euer eigenes Sterben zu denken? Warum seufzt ihr noch unter dem Druck des Lebens? Warum ballt ihr die Faust, wenn euch Unrecht geschieht oder wenn ihr Unrecht seht? Warum findet ihr so kräftige Worte gegen den Wahnsinn des Krieges? Warum diese ganze innere Auflehnung gegen Tod und Sünde und Leid, gegen eine ganze Welt, die ihr doch nicht ändern könnt? Warum könnt ihr euch nicht damit abfinden, daß Alles nun einmal so ist, wie es ist? Warum handelt ihr mit dem allem gegen die ganze kluge Weltvernunft? Seht, ihr könnt eben nicht nicht glauben! Seht, <hi rend="italic">ihr glaubt eben</hi> tatsächlich an etwas Anderes, an eine andere Vernunft als die, die euch sagt: es ist, wie es ist!, an ein anderes Leben als das, das euch alle jene harten, bösen Tatsachen vor die Füße wirft. Ihr glaubt, daß eigentlich Frieden, Freude, Freiheit sein könnte, ihr glaubt, daß man sich eigentlich lieb haben könnte, ihr glaubt, daß das Leben eigentlich etwas ganz Wunderbares, Schönes sein könnte. Und ihr glaubt auch, daß dieses Eigentliche zuletzt sein und gelten wird, nicht der Zank, sondern die Einigkeit, nicht das Sich-Aufpassen und Sich-Ausnützen, sondern die Liebe, nicht das Traurigsein, sondern die Freude, nicht die Gefangenschaft, sondern die Freiheit, nicht das Wüste und Gemeine, sondern das Schöne und Freundliche, nicht der Tod, sondern das Leben.|</p>
          <p>Ja, das alles glaubt ihr, das alles glauben auch die Ungläubigen, die Zweifler, die Gottlosen. Das ist gerade das Wunderbare, daß wir eigent<pb xml:id="p171" ed="pga" break="no"/>lich alle glauben müssen. Oder glaubt ihr es <hi rend="italic">noch immer nicht</hi>, daß ihr glaubt? Ich will euch noch etwas fragen: Warum habt ihr alle so ein Gefühl von Wehmut und Rührung, wenn ihr ein <hi rend="italic">kleines Kind</hi> lachen und spielen seht? Weil es noch so unschuldig ist, sagt ihr. Ja, nicht wahr, seine Seele hat noch nichts oder erst ganz wenig von den Runzeln und Furchen und Finsternissen, die in unseren Seelen sind. Das ergreift euch, das freut euch, fast möchtet ihr es beneiden. Seht da, wie ihr glaubt, glaubt, daß es etwas Anderes, Besseres gibt als den Käfig, in dem wir drin sind! Und warum freut ihr euch über all die Zeichen da draußen, die euch sagen, daß der <hi rend="italic">Frühling</hi> nun kommen will? Warum ist das Eine oder Andere heute vielleicht in die Kirche gekommen, um wenigstens das Wiedererwachen der Natur zu feiern, weil es doch mit der Auferstehung Jesu von den Toten nicht mehr allzuviel anzufangen weiß? Warum bringt auch die dümmste Zeitung auf Ostern alljährlich einen Artikel, der von den Blumen und Vögeln und doch auch ein wenig von dem neuen Leben wenigstens in den Herzen der Menschen handelt? Was hat das alles für einen Sinn? Ist nicht der Herbst ebensogut wie der Frühling? Es ist ja Alles eins, es ist ja alles Natur! Seht da, wie wir alle glauben, glauben müssen ans Leben, an das Lebendige, ans Wachsen und Werden, an eine Zukunft. O, Winter, Frost und Kälte und Leblosigkeit werden uns nie natürlich sein, und wenn die Weltvernunft uns tausendmal erklären würde, daß Alles natürlich ist. Natürlich ist uns nur das, was im Frühling in der Natur geschieht, <hi rend="italic">das</hi> ist unsere Natur, das ist die eigentliche, die wahre Natur, und an sie glauben wir eben, ob wir’s wollen oder nicht.|</p>
        <p>Und noch etwas möchte ich euch fragen: ihr <hi rend="italic">Väter und Mütter</hi>, die ihr heute eure Konfirmanden zum ersten Gang zum Abendmahl begleitet – ich weiß von vielen von euch nicht genau, wie ihr euch eigentlich stellt zu dem, was sie in der Unterweisung gehört haben, ich weiß nicht, ob eure Gedanken und Hoffnungen für die Zukunft dieser Kinder mit den meinigen übereinstimmen. Aber eins weiß ich sicher, daß ihr jetzt mit innerer Bewegung und Liebe an eure Kinder denkt, die nun groß geworden sind und bald auf eigenen Füßen ins Leben treten sollen. Ihr spürt, daß es etwas Wichtiges und Großes ist, so anzufangen, ihr wünscht ihnen alles Gute dazu, ihr möchtet sie noch lange leiten und unterstützen können, ihr zittert bei dem Gedanken an die Gefahren, die ihrer warten könnten, ihr möchtet ihnen die Enttäuschungen und peinlichen Erfahrungen ersparen können, die ihr selbst habt machen müssen. Seht da, wie ihr <pb xml:id="p172" ed="pga"/> glaubt, vielleicht nicht für euch selbst, aber für eure Kinder, glaubt, daß es etwas Anderes gibt als Traurigkeit und Gemeinheit und böse Leute, glaubt, daß es für sie etwas Anderes geben muß.</p>
        <p>O nein, wir können eben nicht nicht glauben. Wir glauben <hi rend="italic">vielleicht sehr kurios</hi>. Wir zeigen vielleicht unseren Glauben auf eine krankhafte, verdrehte, unheilvolle Weise. Wir suchen vielleicht das Andere, das bessere Leben, die schönere Welt, an die wir eigentlich glauben, auf eine Art, mit der wir es sicher nicht finden werden. Davon redet mehr als einer von den Grabsteinen da draußen eine deutliche, schmerzliche Sprache. Es gibt Menschen, die sich eigentlich nur aus unbefriedigter Sehnsucht nach diesem Anderen dem Alkohol ergeben haben. Es gibt Menschen, deren Schimpfen, Fluchen und Wüsttun<note xml:id="n03">= sich ungebärdig aufführen.</note>, deren ganze böse Leidenschaftlichkeit würde man verstehen, wenn man’s wüßte: sie suchen eben auch und finden nicht, und nun zeigt es sich eben so. Es gibt Andere, die sich mit blindem Heißhunger in die Arbeit und in die Geschäfte stürzen, ob sie so vielleicht das bessere, schönere Leben, das immer noch verborgen ist, erobern könnten. Es gibt junge Menschen, die irgend eine Tollheit begehen, die ihnen vielleicht ihr ganzes Leben verdirbt, es gibt Eltern, die zu Narren ihrer Kinder werden, es gibt einzelstehende Personen, deren Leben zuletzt eine einzige wunderliche Laune ist. O, man darf nicht hart sein mit den Menschen, so kurios und traurig und schlecht sie sich oft benehmen mögen. Das sind nicht nur die bösen Teufelein, von denen wir alle besessen sind. Das ist eben so oft der tiefverborgene Glaube in uns, der nicht aus noch ein weiß, der keine Wurzel und keinen Grund hat, der wie ein Irrlichtlein hin und her flackert. Das ist das arme Kind, das den Heimweg sucht und alle Augenblicke stolpert und fällt. O, es darf und soll gerade heute kein Einziger meinen: Ich glaube nicht, kann nicht glauben, will nicht glauben!, auch wenn er sich auf sehr seltsamen und gefährlichen Wegen befinden sollte. Wir glauben tatsächlich alle.</p>
        <p>Und <hi rend="italic">weil ihr alle glaubt</hi> an das Leben und nicht an den Tod, an die Freude und nicht an die Traurigkeit, an die Liebe und nicht an den Haß, darum seid ihr heute hiehergekommen. Ihr wolltet euch wieder einmal bestärken in dem, was da in euch verborgen ist. Ihr wolltet es wieder einmal ausgesprochen hören, was ihr glaubt und wißt. Ihr wißt, daß das, wovon gerade am Ostertag hier geredet wird, in besonders starker Weise <pb xml:id="p173" ed="pga"/> Leben heißt, und ihr wißt, wie nötig ihr es habt, vom Leben zu hören. Und ich weiß, daß ihr froh seid über das, was ich soeben gesagt habe: ihr glaubt! ihr alle glaubt! ihr könnt nicht anders als glauben! Ich weiß, daß etwas in Jedem von euch ist, das dazu laut: Ja! sagt. Nicht wahr: da draußen die Gräber, die einem so viel sagen können, wenn man ihnen zuhört, da drunten im Dorf die Häuser alle, die so viel Leid und Sünde und Unfrieden bergen unter ihren Dächern, drüben über den Bergen der endlose Krieg, der uns immer aufs neue offenbart, wie es mit den Menschen und mit der Menschheit steht, aber da drinnen in uns der Glaube, daß hinter diesem allem etwas Anderes, Besseres verborgen ist, über all diesem Vorläufigen, Zeitlichen eine Ewigkeit, daß nach diesem allem ein Reich kommt, das nicht von dieser Welt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>], in uns der Glaube, der sich nach dem Anderen ausstreckt, es ergreift, dafür arbeitet und kämpft, es schon jetzt hat und besitzt – nicht wahr, ihr spürt: das ist etwas wert, wenn es da ist! da hat man etwas davon, wenn man es hat! damit kann man leben, wenn man damit leben will. O, ihr wißt alle ganz gut, was Ostern ist!</p>
          <p>Und nun möchte ich euch zu dem, was ihr so gut wißt, nur noch einmal in Erinnerung rufen, was Jesus über Leben und Tod gesagt hat: Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen, denn ihm leben sie alle. <hi rend="italic">Gott ist’s</hi>, der auf der Lebensseite unseres Daseins steht, nach der wir uns hungernd und dürstend hinneigen. Gott ist der Herr und Schöpfer des Anderen, Besseren, nach dem wir so hilflos und ungeschickt verlangen. Gott ist die Liebe, die nimmer aufhören will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>], auch an den Gräbern nicht. Gott ist der Haß gegen das Unrecht und die Sehnsucht nach der Gerechtigkeit. Gott ist die Freiheit, die sich nicht vom Druck dieser Welt will gefangen nehmen lassen. Gott ist die Unschuld eurer Kinder und die Pracht des Frühlings und die Zukunft unserer jungen Leute. Gott ist das Leben selber, das nicht sterben will. Gott ist alles das, was wir mit unserem oft so kuriosen, verdrehten Glauben eigentlich meinen. Er ist wirklich <hi rend="italic">nicht ein Gott der Toten</hi>. Er hat mit dem Tod nichts zu schaffen. Ihn darf man nicht im gleichen Atemzug mit Krankheit, Leichenbegängnis, Lebensmittelteuerung, Bodenspekulation und Krieg nennen. Gott ist nicht ein Gott des Scheins, sondern der Wahrheit. Gott ist nicht in dem, was jetzt vorläufig sichtbar ist, sondern in dem, was verborgen ist und an den Tag kommen will. Gott ist <hi rend="italic">ein Gott der Lebendigen</hi>. An ihn glauben wir und ihm gehorchen <pb xml:id="p174" ed="pga"/> wir, wenn wir uns vom Leben erfassen und erfüllen lassen, wenn wir an Trennung und Abschied und Ende nicht glauben beim Sterben unserer Lieben und bei unserem eigenen Sterben, wenn wir das Böse in uns und in der Welt für nicht notwendig halten, sondern tapfer und im Ernst dagegen kämpfen, wenn wir das Leid, das uns treffen mag, nicht als ein dumpfes Schicksal auffassen, sondern als ein Kreuz, das getragen sein will, damit wir siegen und Gott bei uns zu Ehren komme, wenn wir überall da zu finden sind nicht nur als Zuschauer und Hörer, sondern als Täter, als Leute, die sich verantwortlich fühlen, wo das Licht es gewinnen will über die Finsternis.|</p>
        <p>Und das ist unser Trost und unsere Sicherheit: Bei Gott und für <hi rend="italic">Gott leben die Toten alle</hi>: Die Toten <hi rend="italic">da draußen</hi>, sie sind für ihn nicht tot, sie sind für ihn nicht abgeschieden, nicht hinweggegangen, nicht auf einen fernen Stern versetzt, es braucht für ihn kein: auf Wiedersehen!, ihm leben sie alle, wie sie vor einem Jahr, vor dreißig, fünfzig Jahren gelebt haben, sie sind von ihm, sie sind von seiner Liebe umgeben, sie dürfen schaffen und denken für ihn, wie wenn sie noch da wären, denn bei ihm ist zwischen gestern und heute, zwischen Zeit und Ewigkeit kein Unterschied. Und ihm leben, ihm sei Dank, auch <hi rend="italic">wir Toten hier</hi> drinnen, die Toten in den Häusern und Dörfern ringsum. Er sieht nicht auf unsere Sünden und Dummheiten, er hat uns nicht verurteilt, ewig Ketten zu tragen, er will nicht, daß wir sterben, sondern daß wir leben. Er glaubt nie und nimmer an unseren Unglauben. Sondern er sieht auf das in uns, was von ihm kommt, auf das Lebendige, das in uns schlummert und an den Tag will. Er will unserem Glauben recht geben, daß wir nicht immer nur glauben sollen, sondern daß etwas geschieht, daß wir nicht nur die Aussicht auf eine bessere Welt in uns tragen, sondern daß sie tatsächlich und sichtbar zum Vorschein komme, daß sein Wille nicht nur im Himmel geschehe, nach dem wir uns sehnen, sondern auf Erden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]. Er will uns die Hand geben, daß wir auferstehen von den Toten. Er hat uns lieb, meine Freunde.</p>
        <p>Wenn ich euch sagte: ihr <hi rend="italic">glaubt</hi> ja! und wenn Jesus uns nun vor den <hi rend="italic">Gott</hi> stellt, der die Toten lebendig macht – dann ist das zweierlei. Merkt ihr den Unterschied? Mit unserem Glauben sehen wir das Leben, nach dem wir dürsten, von weitem, mit Gott fängt es tatsächlich an. Es <hi rend="italic">hat</hi> auf Erden angefangen mit dem Leben und Sterben Jesu selber. Dort ist die bessere Welt begründet worden. Es braucht nun für uns nicht dabei zu <pb xml:id="p175" ed="pga"/> bleiben, daß wir <hi rend="italic">wissen</hi>, was Ostern ist. Das ist wenig. Es will Ostern <hi rend="italic">werden</hi> bei uns Menschen. Das ist unendlich viel mehr. Das hängt davon ab, ob wir dazu kommen, nicht nur zu glauben, sondern an den Gott der Lebendigen zu glauben. Selig sind die, in denen auch da etwas: Ja! sagt.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-145" type="song">Nr. 330 «Mag auch die Liebe weinen, es kommt ein Tag des Herrn» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen 1-3</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-10" type="song">Nr. 129 «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von <persName ref="kbga-actors-8761">L. Lorenzen</persName>, Strophen 1.6 Strophen 1.7 (GERS [1952] 167,1.6.9; EG 114,1.7.10, jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <!-- alt
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1935" target="b0330">Nr. 330</ref> «Mag auch die Liebe weinen, es kommt ein Tag des Herrn» von Fr. A. Krummacher, Strophen 1-3</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1923" target="b0129">Nr. 129</ref> «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von L. Lorenzen, Strophen 1.6 Strophen 1.7 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 167, 1.6.9</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 114, 1.7.10</bibl>, jeweils mit Textabweichungen)</item>
            -->
          </listBibl>
        </div>
       </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
