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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 10,24-33</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 10,24-33, 16. April 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29017 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 143–151.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 10,24-33</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 143-151</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 319</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 10,24-33, 16. April 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1760">KBA 1297</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-04-16">16. April 1916</date><note xml:id="n01">Eine Woche lang lag <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> krank im Bett. «Freund <persName ref="kbga-actors-763">Schild</persName> hat am <date when="1916-04-09">9.</date> für
            mich predigen müssen» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3102#p129">S. 129</ref></bibl>). <persName ref="kbga-actors-763">Paul Schild</persName> war Pfarrer im Nachbardorf
<placeName ref="kbga-places-382">Ürkheim</placeName>.</note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.24 Mt.10.33">Matthäus 10,24–33</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Von diesen Worten geht tief und mächtig <hi rend="italic">eine Kraft</hi> aus auf uns, eine ganz bestimmte Wirkung. Jesus will uns an sich ziehen, neben sich stellen, so daß wir seinen Weg mit ihm gehen. Er der Meister, wir seine Jünger, er der Herr, wir seine Knechte, er der Hausvater, wir seine Hausgenossen. Ein anderes gewaltiges Wort hat er hier nicht ausgesprochen, aber es gehört auch hieher, um uns zu erklären, was er mit uns will: er der geliebte älteste Sohn des himmlischen Vaters, wir seine Brüder und Schwestern, die jüngeren Kinder Gottes. Es besteht <hi rend="italic">ein Band</hi>, ein Zusammenhang, eine Einheit zwischen ihm und uns. Sein Auftrag, in die Welt hinein das Gottesreich zu pflanzen, soll unser Auftrag werden. Wir sollen seiner wert werden in unserem Verhältnis zu Gott und den Menschen. Er will unser Leben, Denken, Reden, unser Arbeiten und Ruhen, unser Freuen und Traurigsein hineinziehen in sein Leben und will sein Leben hinüberströmen lassen in das unsrige. Wir sollen teilhaben an seinem Kämpfen, Leiden, Untergehen, aber auch an seinem Überwinden und Siegen. Jesus ruft uns: <hi rend="italic">mein Werk</hi> ist nicht vollendet, mein Gang durch die Welt geht weiter, kommt mit! Seht an die unausrottbaren dunklen Flecken in euren Seelen und die Gewichte an euren Füßen, die ihr nachschleppt! seht an die vielen traurigen, unzufriedenen, zänkischen Gesichter um euch her! seht an die unmöglichen ungerechten Verhältnisse und Zustände, in denen ihr lebt, die ihr duldet und dulden müßt! Seht an diese eure Welt, in der ihr keinen Augenblick vergessen könnt, daß sie von der Selbstsucht, von der Gewalt, vom Tod regiert wird! Könnt ihr das alles aushalten? Mein Kampf und Sieg für das Reich Gottes geht weiter, kommt mit, ihr sollt dabei sein! Jesus ruft uns: ihr seid <hi rend="italic">meine Leute</hi>, ihr <hi rend="italic">könnt</hi> nicht abseits stehen! Jesus sagt zu einem jeden einzelnen von uns: Dir wartet eine Aufgabe an meiner Seite, dich brauche ich in einer ganz besonderen Weise, du darfst mir nicht entgehen, wenn dein Leben einen Sinn haben soll. Wir sehen Jesus an seiner einzigartigen Arbeit, den Kämpfer des Lichtes in der Finsternis, den Helden der Liebe in einer Welt <pb xml:id="p144" ed="pga"/> von Gleichgiltigkeit und Haß, den Boten des Lebens in der allgemeinen Gefangenschaft des Todes, sehen ihn leuchten, wecken, schaffen, heilen, segnen, austeilen, reich machen, Freude spenden, und eine Notwendigkeit, ein Zwang geht von ihm aus, treibt uns zu ihm hin, daß unsere teilnahmlosen Herzen sich öffnen, sich gestehen müssen: das ist unsere Sache, um die es da geht! daß unsere lässigen Hände sich rühren und zugreifen müssen: wir <hi rend="italic">können</hi> ihn nicht allein lassen! <hi rend="italic">Wir sehen aber auch</hi> den ganzen Triumph, der ihn und seine Sache umgibt. Es ist wohl Dunkel da, Anfechtung und Schwierigkeiten, Leiden, Kreuz, Sterben, <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> und <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. Aber er hat Recht und behält Recht. Seine Sache ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist das Letzte. Alles Andere vergeht, steht zuletzt klein, lächerlich, unnütz da. Die Wahrheit ist das Einzige, was zuletzt einen Sinn hat. Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>]. Und wieder ruft uns seine Stimme zum Gehorsam: Wir dürfen es doch nicht versäumen, an dem teilzunehmen, in das hineinzustehen mit Leib und Seele, was sich zuletzt bewährt. Wir dürfen doch keine andere Angst kennen als die eine, der Sieg des Gottesreiches könnte für uns umsonst sein, wir könnten zu spät kommen, daneben stehen müssen, wenn die Wahrheit den Schein überwindet, unbeteiligt sein an dem Triumph des Lichtes, der sich vorbereitet. Wir müssen uns doch bekennen zu ihm durch unseren Glauben und unsere Arbeit, damit er sich zu uns bekennen kann mit der großen Freude, die bei ihm ist.</p>
        <p>
          <hi rend="italic">Wer ist der</hi>, der mit solcher Macht an uns herantritt, uns so in Anspruch nimmt? <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> sieht ihn in seine Mauern einziehen am Palmsonntag und begrüßt ihn als den König der Ehren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7 Ps.24.10">Ps. 24,7–10</ref>]. Aber dasselbe <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> schlägt ihn fünf Tage später ans Kreuz. Es hat ihn erkannt und doch nicht erkannt. Es hat ihm gehuldigt und will ihm doch nicht gehorsam sein. Wer ist Jesus? Wir können Alles wissen über sein Leben und seine Botschaft, wir können ihn tief verehren als edlen Menschenfreund, wir können ihn anbeten als Gottessohn, wir können ihn liebhaben als den Heiland, der für uns geblutet hat, und das kann alles umsonst sein. O wir Christen haben ihn bis heute erkannt und nicht erkannt, haben ihm eine Kirche gebaut und eine ganze Religion gewidmet, und er muß doch bis heute leiden unter uns, statt daß wir auf seinen Weg treten und mit ihm arbeiten würden. Wir können uns nicht entschließen, ihm zu gehorchen, und darum steht sein Werk still, <hi rend="italic">scheint</hi> oft <pb xml:id="p145" ed="pga"/> fast stillzustehen. Darum müssen wir ein Leben haben, in dem so wenig Friede und Freude ist, eine Welt voll Krieg, ein Dasein voll Rätsel. Darum stehen wir ihm immer wieder gegenüber und können seine geheimnisvolle Gestalt nicht verstehen, nichts mit ihm anfangen. Wer ist er? und was ist seine Macht, die uns ihm gehorsam macht, wenn sie an uns kommt? Hört die Antwort: es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, was man nicht wissen werde. <hi rend="italic">Das Verborgene</hi> und Heimliche, das da ans Licht soll, ist das, was im Menschen ist, in jedem Menschen. Es trägt ein jeder Mensch einen Schatz in sich, tief vergraben ist er in Manchem, kaum daß er selber auch nur die Stelle kennt. Es ist kein Mensch nur das, was er scheint. Es ist zum Glück das Reden und Benehmen und Auftreten der meisten Menschen eine große Lüge, hinter der etwas ganz Anderes, Besseres steht. Es ist kein Mensch bloß ein Apparat zum Essen und Trinken, Verdienen und Lustigsein, Kinderhaben und Altwerden, obwohl wir oft tun, als ob wir nicht mehr wären als das. Es ist kein Mensch so oberflächlich und gemein, wie wir uns oft geben. Es kann sich kein Mensch zufrieden geben mit dem, was wir Tugend nennen, etwa mit seiner Sparsamkeit und Mäßigkeit und Berufstüchtigkeit und wie alle diese Dinge heißen, auf die wir scheinbar so stolz sind. Es kann kein Mensch satt werden von den kleinen Freudelein, die wir für den wahren Lebensgenuß halten. Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr all das, was wir für gewöhnlich zeigen und was man an uns sieht. Es hat ein jeder Mensch etwas Feines und Edles in sich. Etwas, das aus einer anderen Welt stammt. Etwas, das ganz sein eigen ist und ihm nicht nachgemacht und nicht genommen werden kann. Etwas, das er wohl arg beschmutzen und in den Winkel werfen und vergessen kann und das ihm doch bleibt, solange er lebt, das doch in ihm wartet, bis seine Stunde gekommen ist. Etwas, das aus Gott stammt. Das ist das Verborgene, Heimliche im Menschen. Es verbirgt sich hinter allen den Masken, die wir aufsetzen, hinter der Maske des eilfertigen Geschäftsmenschen, hinter der Maske der sorgenbeladenen, gleichgiltigen Alltagsleute, hinter der Maske des rohen, gierigen Genießers, hinter der Maske der zimperlichen, eitlen Eintagsfliege. Masken das alles! Und hinter allem das Geheimnis der Kinder Gottes, hinter allem ein Zug und eine Sehnsucht nach einem Leben weit hinaus über das, was sichtbar und hörbar ist, hinter allem ein stilles Lichtlein, das nur darauf wartet, in all der Dunkelheit zur hellen Flamme zu werden, hinter allem eine Kraft, die <pb xml:id="p146" ed="pga"/> nur erlöst sein will, um wirksam zu werden. Hinter allem Gott, der die Liebe ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8">1.Joh. 4,8</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.16">16</ref>]. Gott ist die geheime Wahrheit des Menschenlebens. Es ist wunderbar, selig, herrlich, daß dies Geheimnis da ist. Dieses Geheimnis ist der Sinn unseres Lebens in allem Jammer und aller Sinnlosigkeit drin. Von ihm geht ein feiner Glanz aus auf die Welt, so düster sie sonst sein mag. Wir Menschen könnten nie lachen, nie Freude haben, nie Freude machen, das Leben wäre viel zu traurig dazu, wenn wir nicht die Erinnerung an dieses Geheimnis in uns trügen. Sie hält uns eigentlich lebendig. Wie man etwa im Walde plötzlich zu seinen Füßen eine Brunnenstube rauschen hört, so steigt oft auf einmal die Erinnerung in uns auf, daß wir eigentlich etwas Anderes sind, als wir uns den Anschein geben. Das sind unsere besten, unsere göttlichen Augenblicke. Der stumpfste, schlechteste, traurigste Mensch hat leuchtende, gute, fröhliche Augenblicke. Wie können wir uns nur abfinden damit, daß es immer nur Augenblicke sind! Es brauchten nicht bloß Augenblicke zu sein. Das Verborgene, Geheime in uns ist das eigentliche Leben. Das ist die große Schuld des Menschenlebens, die Last, die wir alle tragen, der Fluch, der auf der Welt liegt, daß wir das eigentliche Leben nicht ernst nehmen, verleugnen, daß es verborgen und geheim sein muß mit Ausnahme seltener Augenblicke. Hier liegt die Ursache alles Leids und aller Sünde, in den Masken, mit denen wir uns selbst und gegenseitig anlügen. Und das Heil aller müden, betrübten, verwirrten, verirrten Seelen und die Erlösung der kranken Welt ist davon zu erwarten, daß wir wahrhaftig werden, daß das Verborgene ans Licht kommt, daß die geheime Lebenswahrheit offenbar wird.|</p>
          <p>Und das ist die <hi rend="italic">Arbeit und der Kampf Jesu:</hi> das Offenbaren des Verborgenen. Jesus ist eine Wundererscheinung in der Menschheit, aber nur darum, weil bei ihm das Natürlichste des Menschenlebens einmal wirklich erschienen ist, während es für gewöhnlich nicht zu sehen ist. Jesus tritt unter uns wie ein Fremder, wie ein Bote aus einer anderen Welt, der hier nichts zu suchen hat, aber nur darum, weil er aus der Heimat kommt, die wir verloren haben und doch nie ganz vergessen können. Jesu Botschaft und Jesu Weg berühren uns als etwas Neues, aber nur weil bei ihm das Alte, Wohlbekannte mit einer für uns völlig neuen Klarheit und Kraft an den Tag tritt. Was Jesus uns zu sagen und zu bringen hat, ist das Allererstaunlichste, aber nur weil es das Einfachste, die Wahrheit ist. Er lebt und er gibt das eigentliche Leben, alle die <pb xml:id="p147" ed="pga"/> Masken, hinter denen wir uns verstecken, sind bei ihm gefallen, und er reißt sie auch uns ab. Es leuchtet bei ihm sofort und unmittelbar das, woran wir uns nur mühsam und selten zu erinnern vermögen – die Liebe Gottes. Es redet bei ihm die Seele und spricht: ich bin mehr wert als Geld und Gut. Es bricht hervor das unendliche Verlangen des Menschenherzens nach Gottes Vollkommenheit und läßt alle Tugenden und Satzungen hinter sich. Es offenbart sich die Kraft wirklicher Güte, deckt zu der Sünden Menge [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.8">1.Petr. 4,8</ref>], vergibt sie und schafft sie ab. Es erscheint die Gemeinschaft der Menschen und spottet über die Unterschiede von Gerechten und Ungerechten, Freunden und Feinden, Reichen und Armen, Frommen und Zöllnern, legt ihre Hände ineinander und macht sie alle zu Brüdern. Es kommt das Leben und widerlegt offenkundig die Schwachheit, die Krankheit, den Tod sogar: die Lahmen gehen, die Blinden sehen, die Teufel werden ausgetrieben, die Toten stehen auf [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.5">Mt. 11,5</ref> par.]. Es kommt die Liebe, die den Menschen los macht von sich selber, daß er froh und frei seine Art, sein Wohlergehen, seinen Verdienst, seine Tugenden, seine Schrullen zurückstellen kann um der Wahrheit willen, um der Menschen willen, um Gottes willen. Ist das alles nicht das eigentliche Leben, das wir nur zu gut kennen? Ist das nicht das Geheimnis, das tief in uns allen schlummert, nur daß es bei uns immer ein Geheimnis bleibt? Seht, darum hat Jesus <hi rend="italic">Macht</hi> über uns. Darum hat er das Recht, den Anspruch an uns zu stellen, daß wir seine Jünger werden. Dazu will und darf und muß er uns an sich ziehen: es muß an den Tag, was in uns ist, was in den Menschen ist. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und nichts heimlich, was man nicht wissen werde. Gottes Reich will kommen. Wir können gar nicht anders, als <hi rend="italic">Freude</hi> haben an Jesus. Es mag uns unendlich viel am sog. Christentum, an den christlichen Glaubenslehren, an dem, was im Namen des Christentums getan und gesagt wird, an der Persönlichkeit gerade der eifrigsten, frömmsten Christen sonderbar, kalt, fremd berühren. Jesus selber und seine Arbeit und sein Kampf können uns nicht fremd bleiben, wenn wir ihn einmal kennen gelernt haben. Es geht da zu sehr um unsere eigene Sache. Wir sind nicht im Stande, das Beste, Schönste unseres eigenen Lebens, das da herausgearbeitet wird, zu verleugnen. Wir seufzen zu sehr unter all den Lügen und Verhüllungen, in denen wir jetzt drin stecken, wir wissen zu genau, wo es eigentlich fehlt: an dem siegreichen Durchbruch der verborgenen Wahrheit, als daß es uns gleichgiltig sein <pb xml:id="p148" ed="pga"/> könnte, was da im Leben Jesu geschehen ist. Wir mögen oberflächlich, dumpf, eitel, verbittert sein, ganz gleichgiltig: es ist etwas in uns, das zu Jesus Ja sagen muß, wie die Leute von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> ihn zu ihrer eigenen Überraschung begrüßen mußten: gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.11.9">Mk. 11,9</ref> par.].|</p>
          <p>Wir können aber auch gar nicht anders als <hi rend="italic">erschrecken</hi> vor dem freudigen Ereignis, wenn Jesus uns nahetritt. Wir mögen scheinbar längst in Ordnung sein mit ihm, wissen, was wir von ihm zu halten haben und was er uns ist, wir sind nie fertig mit ihm: denn wenn das Verborgene offenbar wird, wenn das Geheimnis Gottes in uns an den Tag kommt, dann zeigt es sich auch, wieviel wir gelogen haben und noch lügen, dann stehen wir beschämt da mit allen unseren Torheiten und Kleinlichkeiten und Lieblosigkeiten, mit unserer Gier und mit unserer Angst, dann fallen die Masken. Und das ist nicht angenehm. Denn die Maske ist jedesmal unser liebes Ich. Der Urheber der Lüge, die unser Elend ist, ist der stolze Menschengeist, der selber Gott sein möchte. Es fällt uns unendlich hart, von der Unwahrheit zu lassen, auch wenn wir wissen, daß sie Unwahrheit ist. Die Freude der Leute von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> über Jesus verwandelte sich rasch in Schrecken, und der Schrecken besiegte die Freude, und aus Angst haben sie Jesus getötet, den sie doch eben in den Himmel erhuben. Die <hi rend="italic">Entscheidung</hi>, ob wir der Macht und dem Anspruch Jesu nachgeben und seine Jünger werden, ist eine Frage der Aufrichtigkeit. Es fragt sich, ob die Freude an der Wahrheit die Angst vor dem Sturz der Lüge überwiegt. Die Menschen scheiden sich Jesus gegenüber nicht in Gerechte und Sünder, nicht in Gläubige und Ungläubige, das sind die Unterschiede, die es vor ihm nicht gibt, die er gerade aufhebt, wir scheiden uns aber vor ihm definitiv in Aufrichtige und Unaufrichtige, in Ehrliche und Unehrliche, in Wahrhaftige und Unwahrhaftige. Diese Entscheidung ist zugleich die Entscheidung für oder gegen Gott. Wer mich bekennet vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater. Wir sprechen unser eigenes Urteil durch unseren Gehorsam oder Ungehorsam.|</p>
        <p>Es ist <hi rend="italic">nichts Kleines</hi>, Jesu Jünger und Mitarbeiter zu werden. Denn die Offenbarung der Lebenswahrheit ist eine geistige Geburt. Und es gibt keine Geburt ohne Schmerzen. Wenn Gott an den Tag will in den Menschenherzen und im Menschenleben, dann erzittert eine ganze alte <pb xml:id="p149" ed="pga"/> Welt in ihren Fugen. Dann spüren es alle bösen Geister, die in den Menschen und die in der Luft sind, daß ein für sie sehr gefährliches Ereignis sich vollziehen will. Dann eilen sie von allen Seiten herbei, es zu verhindern. Dann kommt’s zum Kampf. Dieser Kampf tobte <hi rend="italic">um Jesus her</hi>. Als er das Verborgene, Göttliche im Menschen so gewaltig an den Tag brachte in seinem Reden und Leben, da mußte alles, was Schein und Lüge und Maske war in der Welt, sich sammeln zur Abwehr und zum Ansturm gegen ihn. Der Teufel hat das Feld nicht geräumt, sondern ist zum Streit ausgezogen. Der grimmige Haß der Frommen <term ref="kbga-terms-427">Israels</term>, die Blindheit des Volkes, die Schwachheit der Jünger, der finstere Wahnsinn des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> waren die Heerscharen, die er aufstellte. Sie kamen alle heran gegen Jesus, wie Wasserwogen gingen sie über ihn hinweg [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.42.8">Ps. 42,8</ref>]. Ein elender, zuckender, blutender Leib, eine aufs tiefste geängstigte Seele am Rand der Verzweiflung, und dann ein toter Mensch mit Schande bedeckt – das war Jesus am Ende dieses Kampfes. Der Kelch des Leidens bis auf den letzten Tropfen für ihn. Der volle Sieg für alle bösen Geister.</p>
        <p>In diesen selben Kampf <hi rend="italic">muß mit hinein</hi>, wer mit Jesus gehen will. Die Welt der Lüge steht nicht umsonst so natürlich, so breit, so sicher da. Sie will nicht nur Schein sein. Sie will nicht vergehen. Sie wehrt sich. Es <hi rend="italic">braucht etwas</hi>, bis wir es wirklich anerkennen und verstehen: ja, sie wehrt sich, und gegen ihren Widerstand gilt es zu kämpfen, und unter ihrem Ansturm gilt es zu leiden. Es brauchte etwas, bis die ersten Jünger Jesu es gemerkt hatten, daß sie lieber kämpfen und leiden als selber unter der Herrschaft der Lügengeister sein wollten. Am Karfreitag standen sie mit ihrer Furcht noch ganz auf der anderen Seite. Es braucht etwas, bis wir es uns ehrlich gestanden haben: Bis jetzt war ich mit meinem ganzen Wesen und Denken in diesem großen Kampf auch noch auf der Seite der Lügenwelt, die Jesus ans Kreuz gebracht hat; nun aber kann ich nicht mehr, nun muß ich hinübergehen auf die andere Seite und muß auch leiden. Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben! Es braucht etwas, bis die Freude über die Wahrheit den Schrecken vor ihr so überwindet in uns, daß wir Jesus und seiner Sache wirklich Treue halten. Jesus bewundern, verehren, anbeten kostet nicht viel. Jesus gehorsam sein <hi rend="italic">kostet etwas</hi>. Da kommt’s zu einem schmerzlichen Sichlosreißen von lieben alten Gedanken und Gewohnheiten. Da stehen wir auf einmal erschreckend allein da in der guten Gesellschaft. Da ist’s vorbei mit der Anerkennung, der Ruhe, dem Frieden, dem glatten Verkehr mit den Leuten. Da werden liebe <pb xml:id="p150" ed="pga"/> Freunde und Verwandte uns innerlich fremd und feindlich. Da müssen wir es uns gefallen lassen, daß man uns <hi rend="italic">jetzt</hi> mit dem Fluch einer gewissen leisen Lächerlichkeit belegt und uns <hi rend="italic">jetzt</hi> offen und kräftig zurückweist und angreift. Da erwachen alle bösen Teufelein in uns selbst und in unseren lieben Mitmenschen und wollen uns plagen und necken und aufhalten. Da stellt sich der Gott dieser Welt, des Mammons heilige Majestät, breit vor uns hin und spricht die goldenen Worte: Was wären wir, wenn wir unseren Verdienst nicht hätten! Ohne mich könnt ihr nichts tun! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.5">Joh. 15,5</ref>]. Da ist kein breiter gebahnter Weg mehr vor unseren Füßen, sondern ein Urwald mit Disteln und Dornen und wilden Tieren, durch den es unter Blut und Tränen Bahn zu brechen gilt. Das alles und noch viel mehr kostet es, Jesus gehorsam zu sein. O kehret lieber wieder um, wenn ihr das alles fürchtet! O kehret lieber wieder zurück, wenn ihr könnt, hinter die Masken und Lügen, zurück in die ganze Unwahrheit des Lebens ohne Gott, wenn ihr Bedenken habt vor solchen Folgen der Offenbarung der Wahrheit. O verzichtet auf die Offenbarung Gottes in eurem Leben und laßt Gott wieder zu dem Geheimnis werden, das er euch vorher war, begnügt euch wieder, wie vorher, dann und wann mit einem lichten Augenblick, wo ihr euch wehmütig erinnert an das eigentliche Leben. Laßt ab von Gott und seinen Gaben, wenn es euch zuviel kostet, ihm gehorsam zu sein!</p>
          <p>Aber nein doch! So redet nicht Jesus. So redet der Versucher. Jesus sagt uns etwas Anderes. Jesus sagt uns: <hi rend="italic">Fürchtet euch nicht!</hi> Jesus führt uns hinein in den Kampf und verspricht uns den Sieg. Jesus nimmt uns mit sich zum Leiden und zeigt uns die Herrlichkeit, deren alle Leiden nicht wert sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">Röm. 8,18</ref>]. Bei Jesus kam es an den Tag, was zuletzt ist. Er war zuletzt nicht ein toter Mensch, sondern der Lebendige, an dem Teufel und Tod zum Spott wurden<note xml:id="n02">Vgl. die Zeile aus der <bibl corresp="kbga-songs-39" type="song">
                                4. Strophe von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> Osterlied «Christ lag in Todesbanden» (GERS [1952] 159; EG 101)</bibl>: 
                                <q rend="block">
                                    <l>… ein Spott aus dem Tod ist worden.</l>
                                </q></note>. 
          Er war zuletzt kein Geschlagener, sondern der Überwinder. Der Karfreitag war sein Weg zur Auferstehung. Er sagt es auch uns, wenn wir mit ihm eins sein wollen: fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten. Er sagt uns, wenn wir mit ihm gehen wollen: ihr seid auf dem Wege, den Gott mit euch gehen will, er kann nicht in der Nacht endigen! Er sagt uns, daß uns auf diesem Weg nichts widerfahren kann ohne den Vater. Unsere Haare <pb xml:id="p151" ed="pga"/> auf dem Haupt sind alle gezählt. Es wird einen Sinn und Zweck haben, das Kleine und das Große, was da etwa durchzumachen ist. Es wird dafür gesorgt sein, daß ihr die Versuchung ertragen könnt und daß sie ein Ende nimmt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.13">1.Kor. 10,13</ref>]. Der Kampf für Gottes Reich ist nicht gefährlich. Wir wissen sein Ende. Gefährlich ist es, nicht mitzukämpfen, gefährlich ist es, dem Leiden aus dem Wege zu gehen und in der Lügenwelt zu bleiben. Fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele verderben mag in die Hölle. Für Gott etwas durchzumachen ist nicht schrecklich, denn da geschieht etwas. Schrecklich aber ist es, in der Hölle der Unwahrheit zu bleiben, denn da geschieht nichts, da verrinnt das Leben, leicht vielleicht, angenehm vielleicht, zufrieden vielleicht, aber auch sinnlos, verloren, tot. Fürchtet euch nicht! Wer will das hören? Wer will sich trösten, aufrichten, begeistern lassen? Wer will den Helden in seiner Seele nicht wegwerfen? Das Sterben Jesu war keine Leidensgeschichte, sondern eine Siegesgeschichte. Und das entscheidende Wort, das sie uns zu sagen hat, heißt nicht Traurigkeit, sondern Mut. Weiß Gott, wir brauchen diesen Mut, den Mut, es mit Gott zu wagen. Wir haben lange genug hinter der Maske gelebt und den Göttern gedient, die keine sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.8">Gal. 4,8</ref>].</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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        <div type="songs">
          <head>Lied:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-129" type="song">Nr. 93 
              «Dein König kommt in niedern Hüllen» von <persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>, Strophen 1-3; nach der Predigt 4-6 (GERS [1952] 108,1-3.4–6; EG 14,1-3.4–6)</bibl>
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          <ref type="pub" subtype="bib1-ein1916" target="b0093">Nr. 93</ref> «Dein König kommt in niedern Hüllen» von Fr. Rückert, Strophen 1-3; nach der Predigt 4-6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 108, 1-3.4–6;</bibl> 
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