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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Hesekiel 13,1-16: "Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht"</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Hesekiel 13,1-16: "Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht", 6. Februar 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29008 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 44–63.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29008</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Hesekiel 13,1-16: "Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht"</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 44-63</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 310</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht. Eine Predigt gehalten in der Kirche zu Safenwil, Zofingen 1916 </bibl>
        <bibl xml:id="A1" type="source">A1 (Exemplar von A): Barth, Karl, Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht, 6. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5409">KBA 60</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Hes 13,1-16: "Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht", 6. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1751">KBA 1288</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht, 6. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5408">KBA 62</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="D" type="source">D (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht, 6. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5407">KBA 61</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1916-02-06">6. Februar 1916</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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      <div type="sermon">
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          <head>
                        <idno>310</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag den <date when="1916-02-06">6. Februar 1916</date>
                    </dateline>
          <head type="header">Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht<note xml:id="n01">Von dieser Predigt ließ <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bei der Druckerei <persName ref="kbga-actors-6538">Ringier &amp; Cie.</persName> in
<placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> einen Einzeldruck mit dieser Überschrift und dem in drei Zeilen
gesetzten Untertitel «Eine Predigt gehalten in der <placeName ref="kbga-places-1044">Kirche zu Safenwil</placeName>» anfertigen
und in alle Häuser im Dorf austeilen. Der Name des Verfassers ist nicht genannt.
Die Druckfassung mit den in der Gesamtausgabe üblichen Modernisierungen der
Orthographie und der Interpunktion liegt dem hier dargebotenen Text zugrunde.
Die Seitenzahlen werden zwischen   mitgeführt. Über spätere Abdrucke der
Predigt s. unten <ref target="../volume/29/p061#fn_n06" type="pub">S. 61f., Anm. 6</ref>. Zum – mit Buchstaben bezeichneten – textkritischen
Apparat, der die Differenzen zwischen Manuskript- und Druckfassung
belegt; siehe das Vorwort, oben <ref type="pub" target="29001#pr010">S. X</ref>.</note>
         </head>
      <!-- <ab>Text:</ab> -->
      <epigraph>
         <cit>
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.13.1 Hes.13.16">Hesekiel 13,1–16</ref><note xml:id="nα" n="α" type="digital">Im <ref corresp="B">Mskr.</ref> ist nur die Bibelstelle angegeben, der Text aber nicht ausgeschrieben.</note>
           <quote>Des Herrn Wort geschah zu mir und sprach: Du Menschenkind, weissage wider die Propheten <term ref="kbga-terms-427">Israels</term> und sprich zu denen, so aus ihrem eigenen Herzen weissagen: Höret des Herrn Wort! So spricht der Herr: Weh den tollen Propheten, die ihrem eigenen Geiste folgen und haben keine Gesichte! O <term ref="kbga-terms-427">Israel</term>, deine Propheten sind wie die Füchse in den Wüsten! Sie treten nicht <pb xml:id="p045" ed="pga"/> vor die Lücken und machen sich nicht zur Hürde um das Haus <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> und stehen nicht im Streit am Tage des Herrn. Ihr Gesicht ist nichts und ihr Weissagen ist eitel Lügen. Sie sprechen: «Der Herr hat’s gesagt!», so sie doch der Herr nicht gesandt hat, und warten, daß ihr Wort bestehe. Ist’s nicht also, daß euer Gesicht ist nichts, und euer Weissagen ist eitel Lügen? und sprechet dach: Der Herr hat’s geredet, so ich’s doch nicht geredet habe. Darum spricht der Herr also: Weil ihr das predigt, da nichts daraus wird, und Lügen weissagt, so will ich an euch, spricht der Herr. Und meine Hand soll kommen über die Propheten, die das predigen, da nichts daraus wird, und Lügen weissagen. Sie sollen in der Versammlung meines Volkes nicht sein und in die Zahl des Hauses <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> nicht geschrieben werden noch ins Land <term ref="kbga-terms-427">Israels</term> kommen, und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin. Darum daß sie mein Volk verführen und sagen: «Friede!», so doch kein Friede ist. Das Volk bauet die Wand, so tünchen sie dieselbe mit losem Kalk. Sprich zu den Tünchern, die mit losem Kalk tünchen, daß er abfallen wird; denn es wird ein Platzregen kommen, und werden große Hagel fallen. Was gilt’s! dann wird man zu euch sagen: wo ist nun das Getünchte, das ihr getüncht habt? So spricht der Herr: ich will einen Windwirbel reißen lassen in meinem Grimm und einen Platzregen in meinem Zorn und große Hagelsteine im Grimm. Also will ich die Wand umwerfen, die ihr mit losem Kalk getüncht habt, und will sie zu Boden stoßen, daß man ihren Grund sehen soll; so fällt sie, und ihr sollt drinnen auch umkommen und erfahren, daß ich der Herr sei. Also will ich meinen Grimm vollenden an der Wand und an denen, die sie mit losem Kalk tünchen, und will zu euch sagen: hier ist weder Wand noch Tüncher. Das sind die Propheten <term ref="kbga-terms-427">Israels</term>, die <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> weisagen und predigen von Frieden, so doch kein Friede ist, spricht der Herr.</quote>
                        </cit>
      </epigraph>
      </div>
        <div type="main">
          <p>
                        <hi rend="italic">Liebe Gemeinde!</hi> Ich muß euch heute Antwort geben auf einen <hi rend="italic">Wunsch</hi> an mich<note xml:id="na">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «auf eine Frage oder einen Wunsch».</note>, den ihr<note xml:id="nb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «den ihr gegen mich».</note> auf dem Herzen ⌜und fast auf den Lippen⌝ habt. Ich spüre ihn euch an<note xml:id="nc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Es haben es mir nur ganz Wenige einigermaßen angedeutet, daß dieser Wunsch in euch ist. Ich spüre es euch aber an».</note>, ohne daß ihr es mir offen ⌜und wörtlich⌝ sagt. Neun Zehntel der Gemeinde ohne Unterschied der Familie, des Standes, der Partei oder der Religion haben diesen Wunsch<note xml:id="nd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «oder der Frömmigkeit haben ihn.»</note>.</p>
          <p>
                        <pb xml:id="p046" ed="pga" rend="noPipe"/>Ihr habt den Wunsch, ich möchte <hi rend="italic">ein falscher Prophet</hi> sein. Und nun fragt ihr mich<note xml:id="ne">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ihr fragt mich».</note> im Stillen, die Einen freundlich ⌜und wohlmeinend⌝, die anderen zornig ⌜und erbittert⌝, warum ich euch diesen Wunsch<note xml:id="nf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «diesen euren Wunsch».</note> nicht erfülle.</p>
          <p>Das ist eine Angelegenheit zwischen euch und mir, aber auch zwischen uns zusammen und Gott, die einmal zur Erledigung kommen muß. Ich weiß zwar zum Voraus, daß wir sie nicht in dieser Stunde erledigen werden. Denn ich habe es nun zu oft erfahren, wie federleicht ihr Alles nehmt, was hier<note xml:id="ng">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «was schön» (ursprünglich: «was ich sage»).</note> gesagt wird. Ich muß es auch heute euch überlassen, was ihr mit dem machen wollt, was ich sage.</p>
        <p>Ich aber muß ⌜nun⌝ mein Gewissen befreien und euch die Antwort geben, die ich euch schuldig bin. Die Antwort lautet: ich kann kein falscher Prophet sein. Ich möchte es manchmal wohl. Aber Gott stellt sich mir in den Weg, und es geht nicht. Ich kann euren Wunsch nicht erfüllen. Ihr müßt etwas Anderes von mir wünschen und erwarten.</p>
          <p>Ihr habt vorhin gehört, wie ein falscher Prophet aussieht: Er folgt seinem eigenen Geist und hat keine Gesichte. Er tritt nicht vor die Lücken und macht sich nicht zur Hürde um das Haus <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> und steht nicht im Streit am Tage des Herrn. Er spricht: der Herr hat’s gesagt, wo ihn doch der Herr nicht gesandt hat. Er weissagt Lügen ⌜und predigt das, da nichts daraus wird⌝. Er sagt: Friede!, wo doch kein Friede ist. Er tüncht die Wand<note xml:id="nh">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: tüncht nur die Wand».</note>, die das Volk sich gebaut hat, mit losem Kalk. ⌜Und so verführt er das Volk Gottes.⌝</p>
          <p>Ich will euch das alles in unsere Sprache<note xml:id="ni">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Sprache und Ausdrucksweise».</note> übersezten: Der falsche<note xml:id="nj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ein falscher».</note> Prophet ist <hi rend="italic">der Pfarrer, der es den Leuten recht</hi> <pb n="6" ed="A"/> <hi rend="italic">macht</hi><note xml:id="nk">Der später als Titel verwendete Nebensatz ist im <ref corresp="B">Mskr.</ref> ein Nachtrag zwischen den Zeilen.</note>. Er ist dafür da, um von Gott zu zeugen<note xml:id="nl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «macht, der eigentlich dazu da ist, Zeugnis von Gott abzulegen.»</note>⌜, aber er sieht Gott nicht und will ihn nicht sehen, weil er zu viel Anderes sieht⌝. Er<note xml:id="nm">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Dafür geht er hin und».</note> folgt seinen eigenen mensch<pb xml:id="p047" ed="pga" break="no"/>lichen Gedanken, bleibt innerlich ein ruhiger, bequemer und sicherer Mann, vermeidet gewandt allen Anstoß, hofft und erwartet wenig oder nichts von Gott.<note xml:id="nn">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… Gedanken unter lauter Rücksichtnahme auf seine eigene innere Ruhe und Bequemlichkeit und unter Vermeidung alles dessen, was Anstoß und Ärgernis erregen könnte. Er hütet sich peinlich davor, allzuviel von Gott zu hoffen und zu erwarten.»</note> Er kann schweigen und sich stille halten, ⌜auch⌝ wenn er ⌜noch so deutlich⌝ sieht, wie die Menschen sich selber im Lichte stehen mit verkehrtem Denken, Meinen, Rechnen und Träumen, weil sie es ohne Gott machen wollen.<note xml:id="no">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… wie die Menschen sich selber zugrunde richten, weil sie es ohne Gott machen wollen und darum in der Lüge und im Unrecht leben müssen.»</note> Er zieht sich immer gerade dann zurück, wenn es darauf ankäme, hervorzutreten<note xml:id="np">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «offen hervorzutreten».</note>. Er läßt sich nennen: einen Prediger des Evangeliums, einen Seelsorger, einen Diener Gottes, aber er ist ja doch nur ein Angestellter der Menschen. Er träumt davon, er rede im Namen Gottes, aber er redet ja doch nur im Namen der Kirche, im Namen der öffentlichen Meinung, im Namen der «anständigen Leute», im Namen seiner eigenen kleinen Person.<note xml:id="nq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… Diener Gottes, während er in Wirklichkeit nur ein Angestellter des Staates und der Kirche ist, der seine vorgeschriebenen Pflichten abwickelt, während er in Wirklichkeit im Namen menschlicher Gesetze, im Namen der öffentlichen Meinung, im Namen seiner eigenen kleinen Person dasteht.»</note> Er <hi rend="italic">weiß</hi><note xml:id="nr">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Er <hi rend="italic">weiß</hi> kraft seines Gewissens».</note>, daß jetzt und in alle Zukunft alle Wege, die nicht mit Gott anfangen, keine Wege sind. Aber er will sich<note xml:id="ns">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sind, aber kraft seines Pfarrerrockes will er sich».</note> und die Anderen nicht zu stark stören ⌜und denkt⌝ und sagt<note xml:id="nt">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und sagt zu ihnen».</note>: wir wollen recht vorsichtig und ⌜immer⌝ «zufrieden» unsere jetzigen Wege weiter gehen, es wird dann schon einmal irgendwie gut kommen. Er <hi rend="italic">weiß</hi><note xml:id="nu">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Er weiß kraft seines Gewissens».</note>, daß Gott den Menschen helfen will aus ihrer Gottlosigkeit und daß der Kampf ⌜der Geister⌝, den das bedeutet, einmal durchgekämpft sein muß. Aber er predigt<note xml:id="nv">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «muß, aber kraft seines Pfarrerrockes predigt er».</note> den «Frieden», ja<note xml:id="nw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ach ja,».</note> den Frieden zwischen Gott und der unerlösten Welt, die in uns und um uns ist, ⌜als ob daraus etwas werden,⌝ als ob es einen solchen Frieden geben könnte. Er <hi rend="italic">weiß</hi>, daß es seine Pflicht ist, den neuen Willen, das neue Leben, die Gott schaffen <pb xml:id="p048" ed="pga"/> will, auszurufen, daß man es hört. Aber er läßt<note xml:id="nx">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Er <hi rend="italic">weiß</hi> kraft seines Gewissens, daß er dazu da ist, von dem neuen Willen und neuen Leben zu reden, die Gott in uns schaffen will, aber kraft seines Pfarrerrockes läßt er».</note> das Furchtwesen, das Lügenwesen, das Eitelkeitswesen, das Mammonswesen, das Gewaltswesen ruhig stehen – das ist die Mauer, die das Volk sich gebaut hat⌜, die lottrige, brüchige, schiefe Mauer⌝ – und tüncht sie vielmehr noch mit dem losen, sanften, tröstenden Kalk der Religion<note xml:id="ny">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und breitet vielmehr noch das sanfte, tröstende Öl der Religion darüber aus».</note> zu seiner eigenen und jedermanns Erbauung und Befriedigung.<note xml:id="nz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… Befriedigung – das ist der lose Kalk, mit dem er die Mauer tüncht.»</note>
            <hi rend="italic">So</hi> sieht ein <hi rend="italic">falscher Prophet</hi> aus, und ich weiß, daß ich eure Gedanken ausspreche, wenn ich euch sage: ihr habt den Wunsch an mich, ein solcher falscher Prophet möchte ich sein<note xml:id="naa">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ich möchte doch ein solcher falscher Prophet sein».</note>.</p>
          <p>Ich will euch diesen euren Wunsch noch genauer zu <hi rend="italic">erklären</hi> suchen.
                    </p>
          <p> <pb n="7" ed="A"/> Das <hi rend="italic">Christentum</hi>, die Religion ist<note xml:id="nab">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Christentum als <hi rend="italic">Religion</hi> ist wenigstens».</note> den Meisten von euch lieb und wichtig, nämlich als ein schöner Schmuck des Lebens, den ihr nicht vermissen möchtet. Ihr habt Freude an eurem <hi rend="italic">Kirchlein</hi> da auf dem Berg, das euch schon von weitem an die Heimat und an viel Liebes und auch ein klein wenig an den lieben Gott erinnert; aber ihr möchtet, daß dieses ⌜Kirchen⌝haus schön ruhig und harmonisch neben den anderen ⌜großen und wichtigen⌝ Häusern stehe, die sonst in der Gemeinde sind, z. B. neben dem Schulhaus, neben den Wirtshäusern<note xml:id="nac">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wirtschaften».</note>, vor Allem neben den Fabriken; ihr möchtet mit<note xml:id="nad">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «in».</note> schönem inneren Gleichgewicht von einem dieser Häuser ins andere hinübergehen<note xml:id="nae">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «hinübergehen können».</note> und mit ruhigstem Gewissen hier und da und dort dabei sein können; es ist euer dringendster Wunsch an die Kirche, ⌜auch wenn ihr sonst <hi rend="italic">gar nichts</hi> von ihr wünscht,⌝ daß durch sie dieses Gleichgewicht⌜, das ihr «Frieden» nennt,⌝ nicht gestört<note xml:id="naf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gestört werde».</note> [werde], daß trotz der Kirche alle «zufrieden» sein können. Ihr wollt ⌜auch recht⌝ gerne einen <hi rend="italic">Pfarrer</hi> im Dorfe haben und habt euch ja<note xml:id="nag">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und eure Eltern haben sich ja vor 50 Jahren».</note> große <pb xml:id="p049" ed="pga"/> Mühe gegeben, bis <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ⌜vor 50 Jahren⌝ eine eigene Kirchgemeinde wurde<note xml:id="nah">
                              <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «daß <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>… werde»<note xml:id="n03">Der <orgName ref="kbga-actors-9071">Kirchengemeinde Safenwil</orgName> wurde im Jahre <date when="1866">1866</date> eine eigene Pfarrstelle zugestanden. Bis dahin gehörte das Dorf kirchlich zur Nachbargemeinde <placeName ref="kbga-places-243">Kölliken</placeName>. <date when="1867">1867</date> wurde die neu erbaute <placeName ref="kbga-places-1044">Kirche</placeName> eingeweiht.</note>
          </note>. Aber nun soll der Pfarrer der Mann sein, der es euch recht macht, mit dem man leben kann, ⌜gerade⌝ so wie man <hi rend="italic">ist</hi>, dessen Predigten zuletzt immer auf das herauskommen, was man bei gesundem Menschenverstand ohnehin auch<note xml:id="nai">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «der so predigt, wie man auch».</note> sonst denkt und sagt<note xml:id="naj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «redet».</note>⌜, etwa wie die Zeitung⌝. Ihr respektiert die <hi rend="italic">Bibel</hi>, aber<note xml:id="nak">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «die <hi rend="italic">Bibel</hi> oder doch die Meisten von euch, wenigstens von Weitem und von außen, aber».</note> ihr denkt: wenn die Bibel aufgeht, dann sollen da schöne Geschichten und Sprüche zum Vorschein kommen: vom Lande <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaan</placeName> und vom König <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> und vom Heiland. So<note xml:id="nal">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «vom Heiland, Geschichten und Sprüche, die man so».</note> behaglich und mit Genuß ⌜kann man sie⌝ anhören, so ruhig dabei innerlich weiter schlummern<note xml:id="nam">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «weiterschlummern kann».</note>, weil das alles ja vor unendlich langer Zeit unendlich weit weg von hier ⌜gesagt und⌝ passiert ist und uns im Grunde ⌜–⌝ nichts angeht. Ihr hört gerne etwas <hi rend="italic">Anderes</hi> neben dem, was ihr gewöhnlich hört, und darum kommt ihr ⌜ja⌝ trotz Allem von Zeit zu Zeit immer wieder hieher. Aber das Andere soll nun so fein und hoch schweben über dem Gewöhnlichen wie ein rosenrotes Abendwölklein und beileibe ihm nicht zu nahe kommen, weil es sonst Unruhe geben könnte. Ihr seid ganz einverstanden damit, daß es einen <hi rend="italic">Himmel</hi> und eine <hi rend="italic">Hölle</hi> gibt, und laßt euch gerne den Himmel golden und die Hölle schwarz malen unter der Bedingung, daß beide weit weg und nicht im wirklichen Leben sind. Denn daß<note xml:id="nan">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «weit weg sind und uns im Grunde wiederum nichts angehen, aber daß».</note> der Himmel und die Hölle, beide! etwas Gegenwärtiges sind, daß der Himmel und die Hölle, beide! in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> sind, auf der Straße, in den Häusern <pb n="8" ed="A"/> ⌜und oft unter dem gleichen Dach⌝, in den Fabriken, in<note xml:id="nao">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «hier in».</note> der Kirche, ⌜auch hier beide!⌝ in euren Herzen, daß es jetzt und hier<note xml:id="nap">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «hier und jetzt».</note> zu wählen gilt zwischen beiden, <hi rend="italic">das</hi> wollt ihr nicht hören, <hi rend="italic">das</hi> soll nicht gesagt werden dürfen. – ⌜Und an alle diese Gebote und Verbote <pb xml:id="p050" ed="pga"/> soll sich nun euer Pfarrer halten, um es euch recht zu machen.⌝ Das wünscht ihr von mir. Und ⌜seht,⌝ das ⌜eben⌝ meine ich, wenn ich eurem Wunsch einen Namen gebe und sage: ihr wünscht euch einen falschen Propheten. Denn gerade so und nicht anders werden<note xml:id="naq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «werden eben».</note> in der Bibel die falschen Propheten beschrieben.</p>
          <p>Und nun erfüllt es euch mit Unruhe, daß ihr immer deutlicher sehen<note xml:id="nar">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sehen und merken».</note> müßt, <hi rend="italic">wie es anders geht</hi>, als ihr es euch denkt<note xml:id="nas">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wünscht».</note>. Ihr fangt an, zu merken, daß das <hi rend="italic">Christentum</hi> sich weigert, unser Leben zu schmücken, daß es unserem Leben gegenübertritt und uns vor die Frage stellt: Entweder – Oder? Du oder ich? Ihr fangt an, zu merken, daß die <hi rend="italic">Kirche</hi> kein Haus ist ⌜still⌝ <hi rend="italic">neben</hi> den anderen Häusern<note xml:id="nat">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wichtigen und großen Häusern».</note>. Man kann nicht so ⌜ganz⌝ ruhig hin- und hergehen<note xml:id="nau">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Häusern, daß man da nicht nur so ruhig hin- und hergehen kann».</note> von da nach dort. Durch das, was hier geschieht und zum Vorschein kommt, wird das sonstige Dasein und Treiben bedenklich aus dem Gleichgewicht gebracht, unser ruhiges Gewissen in fataler Weise gestört.<note xml:id="nav">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «dort, daß durch das, was hier …, unser sonstiges Dasein …, unser ruhiges Gewissen … gestört wird.»</note> ⌜Der Geist, der sich hier regen möchte, will sich in keiner Weise mehr verwechseln lassen mit dem Geist in den anderen Häusern.⌝ Ihr fangt an, zu merken: einen <hi rend="italic">Pfarrer</hi> im Dorf haben, das heißt ja eine ewige Unruhe im Dorfe haben, einen Menschen, der in der unangenehmsten Weise immer wieder Alles in Frage stellen und auf alle Fragen unvermutete<note xml:id="naw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und auf Alles neue, unvermutete».</note> Antworten geben muß, einen Menschen, von dem man eigentlich nie weiß, wie man mit ihm dran ist, etwa wie mit einer Sternschnuppe, von der man auch nicht weiß: woher? und wohin?<note xml:id="nax">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… wie man mit ihm dran ist, weil er beständig anders denken und reden muß, als man’s gewohnt ist.»</note> Ihr fangt an, zu merken, daß es eine große und gefährliche Sache ist, wenn die <hi rend="italic">Bibel</hi> wirklich aufgeht, und nun wollen nicht nur Genuß und Erbauung sich einstellen, nun wollen die<note xml:id="nay">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Erbauung daraus hervorgehen, sondern die».</note> lebendigen Gotteskräfte, die darin schlummern, sich nicht in die Vergangenheit und nicht ins Land <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaan</placeName> verban<pb xml:id="p051" ed="pga" break="no"/>nen lassen, fragen nicht lange, treten wie ein Strom über ihre Ufer<note xml:id="naz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «schlummern, treten wie ein Strom über ihre Ufer, wollen sich nicht in die Vergangenheit und ins Land <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaan</placeName> verbannen lassen, fragen nicht lange, sondern».</note>, tragen überall hin Zerstörung, aber auch Fruchtbarkeit, stürzen überall ein Altes und wollen überall ein Neues schaffen, wie es von den Tagen <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> an immer gewesen ist. Ihr fangt an, zu merken, daß «<hi rend="italic">das Andere</hi>» neben dem Gewöhnlichen, Alltäglichen – ihr sehnt euch ja danach! – nicht nur so ein bißchen da sein und schweben<note xml:id="nba">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Alltäglichen, nach dem ihr euch ja eigentlich sehnt, nicht nur so dasein und ein bißchen schweben».</note> und leuchten will, daß es eben über dem Gewöhnlichen das <pb n="9" ed="A"/> Eigentliche, Wahre ist, daß es zu uns sagt: Alles oder nichts! Im Ernst oder gar nicht!⌜, daß <hi rend="italic">es</hi> gerade das Gewöhnliche, Alltägliche werden will.⌝ Und ihr fangt an, zu merken, daß der <hi rend="italic">Himmel</hi> und die <hi rend="italic">Hölle</hi> nicht über den Wolken und unter der Erde zu suchen sind am Ende der Zeiten, sondern daß der<note xml:id="nbb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Zeiten, daß der Himmel und die Hölle beide der».</note> große Trost, mit dem wir getröstet werden können, <hi rend="italic">und</hi> der große Fluch, der auf uns liegen kann, ⌜herrlich und⌝ unheimlich nahe, gegenwärtige Mächte sind, daß ein jedes von uns in seinem Herzen ⌜und mit seinem Leben⌝ jetzt schon im Himmel oder in der Hölle ist.</p>
          <p>⌜Seht,⌝ das alles fangt ihr nun an zu merken, und es versetzt euch in <hi rend="italic">Unruhe</hi>. Und ihr vergleicht damit <hi rend="italic">das</hi> Bild von Pfarrer, Kirche, Bibel und Religion, das <hi rend="italic">ihr</hi> euch gemacht habt, und so kommt ihr auf den Wunsch, ich möchte doch anders sein, ich möchte doch eurem Bilde entsprechen<note xml:id="nbc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «diesem Bilde entsprechen».</note>.</p>
          <p>⌜Aber eben:⌝ darauf muß ich euch leider die<note xml:id="nbd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Darauf möchte ich euch die».</note> Antwort geben, daß dieses euer Bild genau dem Bilde des falschen Propheten entspricht und daß es mir darum unmöglich ist, eurem Wunsche zu entsprechen. Ich möchte euch gerne auch das<note xml:id="nbe">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ich kann nicht, ich will nicht, ich darf nicht. Ich möchte euch nun auch das».</note> etwas näher erklären.</p>
          <p>Laßt mich euch zuerst das sagen, daß ich <hi rend="italic">eure Unruhe sehr wohl verstehe</hi>. Ich bin wahrhaftig selber genug davon beunruhigt, daß ich so denken und reden muß; es ist mir selber von Monat zu Monat wieder <pb xml:id="p052" ed="pga"/> etwas Neues und Unerhörtes, ⌜daß Gott in solcher Weise allein recht haben und gerecht sein will.⌝ Ich möchte dieser Einsicht oft am liebsten entrinnen, weil sie mir viel zu hoch und zu schwer ist. ⌜Alles das, was ihr jetzt als «gegen» <hi rend="italic">euch</hi> gerichtet empfindet in meiner Stellung und in meinen Worten,⌝ das richtet sich wahrhaftig «gegen» <hi rend="italic">mich</hi> und <hi rend="italic">mein</hi> Leben, lange bevor es sich «gegen» euch und euer Leben richtet.<note xml:id="nbf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Unerhörtes, dem ich oft am liebsten entrinnen möchte, weil es mir zu schwer wird; es richtet sich gegen mich und mein Leben, lange bevor es sich gegen euch und euer Leben richtet.»</note> Gerade was euch jetzt so plagt ⌜an mir⌝, das plagt mich zuerst, daß Gottes Wort unser Leben und unsere Welt, unsere Gedanken und Gewohnheiten, unser Tun und Lassen, unsere Gerechtigkeit und unsere Ungerechtigkeit in ihrem<note xml:id="nbg">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «seinem».</note> ganzen Zusammenhang einfach nicht so gelten lassen kann, wie sie sind, daß es auch nicht nur so ein wenig ⌜erbauliches⌝ Öl tröpfeln will in unser altes Wesen hinein⌜, daß es bedeutet: ein neuer Weg und ein neues Ziel, ein neuer Geist und eine neue Kraft, eine neue Freudigkeit und ein neues Wollen, die verborgene Wahrheit des Herzens, die ans Licht will, der Sieg von <pb n="10" ed="A"/> Gott her im Menschen⌝. Es stellt uns vor die Entscheidung<note xml:id="nbh">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref> «Wesen hinein, sondern uns vor die Entscheidung stellt».</note>: entweder mit Gott⌜, mit dem lebendigen Gott,⌝ zu einem wirklichen Leben oder ohne Gott⌜, mit unseren Götzen,⌝ in das Sinnlose, Tote hinein<note xml:id="nbi">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zu völliger Torheit und Sinnlosigkeit».</note>. Meint ihr<note xml:id="nbj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Meint ihr wirklich».</note>, daß ich nicht <hi rend="italic">auch</hi> darunter leide, wenn ich es ⌜nun einmal⌝ so ansehen muß, daß mich das nicht <hi rend="italic">auch</hi> plagt, verurteilt, beschämt, je mehr ⌜und je tiefer⌝ es mir klar wird<note xml:id="nbk">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «je mehr ich es mir klar mache».</note>, daß es wirklich so ist? Ja, ich darf nun die Sache schon einmal<note xml:id="nbl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ich möchte die Sache nun einmal».</note> umkehren und <hi rend="italic">euch</hi> ⌜einmal⌝ allen Ernstes fragen, ob es euch wohl auch schon<note xml:id="nbm">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ob es euch jemals schon».</note>
               <hi rend="italic">so</hi> geplagt hat, wie es mich manchmal plagt?</p>
          <p>Ich kann euch auch ⌜<hi rend="italic">das</hi>⌝ sagen, daß ich mich ⌜auch⌝ schon danach <hi rend="italic">gesehnt</hi> habe, ich könnte der Pfarrer sein, wie ihr mich gerne haben möchtet. Ihr braucht es mir nicht erst vorzuhalten, was ich in eurem schönen Pfarrhaus für ein<note xml:id="nbn">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «vorzuhalten, ich weiß es selber, was ich in meiner Stellung als Pfarrer doch für ein».</note> ruhiges, «zufriedenes», harmloses, glückliches <pb xml:id="p053" ed="pga"/> Leben führen könnte ⌜mit meiner Familie⌝. Es wäre doch<note xml:id="nbo">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «mir doch».</note> nichts leichter als das, die Dinge ein bißchen gemütlicher<note xml:id="nbp">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «leichter und gemütlicher».</note> zu nehmen, schlecht und recht meine gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen, mich mit allerlei einzelnen Erfolgen im Unterricht, in der Seelsorge, in christlichen Vereinen zu begnügen und mich daneben etwa mit Tieren<note xml:id="nbq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «nehmen, mich damit zu begnügen, schlecht und recht mein Pflichtenheft zu absolvieren und mich daneben mit Tieren».</note>, Pflanzen und Büchern abzugeben. ⌜Warum denn nicht?⌝ Dann hätte ich keine Unruhe mehr und wäre keine Unruhe mehr für euch. Ich sage euch das nur, damit ihr seht: ich verstehe ⌜wirklich⌝ euren Wunsch nach Ruhe, ⌜denn⌝ ich habe ihn manchmal auch.</p>
          <p>Ich verstehe es auch durchaus, daß ihr euch auf allerlei<note xml:id="nbr">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «alle».</note> Weise bemüht, die ⌜gewisse⌝ Beunruhigung⌜, die nun einmal da zu sein scheint,⌝ <hi rend="italic">los zu werden</hi><note xml:id="nbs">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Beunruhigung <hi rend="italic">loszuwerden</hi>, die ich nun einmal für euch geworden bin».</note>. Ich verstehe euch besser, als ihr meint, aber ich muß euch auch sagen, daß ihr sie⌜, wenn Gott mich nicht verläßt,⌝ nicht los werden könnt, solange ihr mich haben müßt. ⌜Ihr könnt nicht. Seht,⌝ ihr möchtet euch nun z. B. damit beruhigen, daß ihr Alles auf meinen <hi rend="italic">Charakter</hi> schiebt.<note xml:id="nbt">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ihr wollt die Unruhe, die jetzt einmal da ist, damit los werden, daß ihr sie auf meinen <hi rend="italic">Charakter</hi> schiebt.»</note> ⌜Ich weiß schon, was ihr von mir sagt.⌝ Ihr sagt<note xml:id="nbu">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ihr sagt von mir».</note>: Der Pfarrer hat eben ⌜auch⌝ einen harten Kopf! oder: er regt sich leicht auf!<note xml:id="nbv">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… sich eben leicht auf!, und damit soll dann die Sache abgetan sein, nicht wahr?»</note> Die Gelehrten nennen das Psychologie, und es hilft sich mancher feine Kopf in ähnlicher Lage damit, daß er schnell etwas Psychologisches vorbringt. Aber ihr werdet sehen, es geht nicht. Ich könnte einen noch viel schlimmeren Charakter haben, und es wäre darum um kein Haar weniger wahr, daß Gott allein recht hat und Meister sein will. <hi rend="italic">Das</hi> beunruhigt euch und nicht mein schlimmer Charakter. <hi rend="italic">Mich</hi> könnt ihr <pb n="11" ed="A"/> loswerden, diese Unruhe nicht, denn die kommt nicht aus mir.<note xml:id="nbw">Anstelle der letzten 5 Sätze («Die Gelehrten …») heißt es im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ich muß euch darauf sagen: und wenn ich noch einen viel unglücklicheren Charakter hätte, die Sache wäre damit nicht abgetan, denn ich könnte auf keinen Fall der Pfarrer sein, wie ihr mich haben möchtet.»</note> Ihr könnt auch auf <pb xml:id="p054" ed="pga"/> Entdeckungen ausgehen<note xml:id="nbx">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ihr wollt die Unruhe loswerden dadurch, daß ihr auf Entdeckungen ausgeht».</note> nach <hi rend="italic">Fehlern</hi> und <hi rend="italic">Irrtümern</hi> in meinem Benehmen und Verhalten. ⌜Nicht wahr,⌝ ihr fühlt euch wie gerettet, wenn ihr von mir ⌜oder von meiner <persName ref="kbga-actors-26">Frau</persName>⌝ sagen könnt: sie haben auch manchmal Unrecht! sie könnten<note xml:id="nby">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «er hat … er könnte».</note> auch Manches besser machen! O ja, da läßt sich in der Tat Vieles sagen<note xml:id="nbz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «viel sagen, das weiß ich am besten.»</note>⌜, und ihr dürft es auch getrost sagen, wenn’s wahr ist;⌝ und wer den Trieb fühlt, noch mehr Ungünstiges über mich zu erfahren, der soll eben seinem Trieb folgen und Entdeckungen machen.<note xml:id="nca">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wer da Entdeckungen machen will, dem sage ich zum Vornherein, daß er viel, viel findet.»</note> Aber das frage ich euch<note xml:id="ncb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Aber ich frage euch».</note>: was hilft euch das, daß ich ⌜natürlich⌝ auch meine Fehler habe, ⌜schwere, grobe Fehler,⌝ daß ich auch ⌜oft,⌝ sehr oft Unrecht habe? Es ist ja <hi rend="italic">wahr</hi>, aber es hilft euch gar nichts.<note xml:id="ncc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… aber was hilft es euch?»</note> Es ist ein ganz unnützer Trost, wenn ihr denkt, damit könnet ihr die Unruhe, die Gott euch bereitet, loswerden.<note xml:id="ncd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ist es nicht ein unnützer Trost, … loswerden?»</note> Gott behält eben Recht, auch wenn der Pfarrer Unrecht hat, ja dann erst recht! Und es ist geradezu nötig, daß der Pfarrer manchmal Unrecht hat, damit es ihm und Allen ganz klar werde: es geht nicht um seine, sondern um Gottes Sache.<note xml:id="nce">Anstelle der letzten beiden Sätze ( «Gott behält …») heißt es im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ist es etwa darum weniger wahr, was ich euch sagen muß, daß Gott etwas Anderes will, als was wir wollen?» Der folgende Passus bis zum Zitat <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref> fehlt im <ref corresp="B">Mskr.</ref> vollständig.</note> ⌜Ich weiß auch das, daß Viele von euch geneigt sind, die verschiedenen Gegensätze, die im Lauf der Zeit um das Pfarrhaus her entstanden sind und ab und zu zum Vorschein kommen, einfach als «<hi rend="italic">Streitigkeiten</hi>» aufzufassen. Da will ich nun gar nicht ableugnen, daß ich auch schon persönlich «gestritten» habe in der Gemeinde. Ich bin auch nur ein Mensch. Und andererseits ist es gar nicht anders möglich, als daß sich dann und wann jemand persönlich betroffen fühlen muß, auch wenn ich es nicht will. Ich kann euch nur das sagen von mir, daß das persönliche «Streiten», was ihr so nennt, nicht meine Absicht ist und daß ich persönlich von Herzen gern mit Jedermann im Frieden lebe. Euch aber muß ich sagen, daß ihr es euch zu bequem macht, wenn ihr alle Gegensätze, die nun einmal da sind in der Gemein<pb xml:id="p055" ed="pga" break="no"/>de, einfach «Streitigkeiten» nennt, wenn ihr überall mit gekreuzten Armen zusehen wollt, wenn ihr schließlich überall nur nach dem lieben «Frieden» rufen wollt. Zwischen den verschiedenen <hi rend="italic">Persönlichkeiten</hi> kann’s «Frieden» geben, warum nicht?, aber zwischen <hi rend="italic">Gottesgeist</hi> und <hi rend="italic">Mammonsgeist</hi> gibt’s keinen Frieden. <hi rend="italic">Diesen</hi> Frieden euch zu geben, steht nicht in meiner Macht, weil hier nach Gottes Willen Krieg sein muß. Sondern da werdet auch <hi rend="italic">ihr</hi>, statt zuzusehen und nach Frieden zu verlangen, früher oder später einmal <hi rend="italic">wählen</hi> müssen: Ihr <pb n="12" ed="A"/> könnt nicht Gott dienen <hi rend="italic">und</hi> dem Mammon [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>].⌝ Aber da sind noch Andere, die suchen Beruhigung<note xml:id="ncf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wieder andere suchen die Beruhigung».</note> damit, daß sie mich <hi rend="italic">bedauern</hi>⌜, wenn ich einmal ein wenig zerzaust werde⌝. Sie sagen mir<note xml:id="ncg">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «bedauern, daß sie mir sagen».</note>, ich habe eine schwere Stellung und ich tue ihnen leid. Ich weiß nicht, soll ich nun dankbar sein für solche freundliche Teilnahme, oder soll ich nicht auch denen vor Allem antworten: ⌜aber⌝ bitte, bitte, darum handelt es sich nun wirklich nicht, daß ihr mir ⌜so⌝ zuseht und mich bedauert. «Ihr Töchter von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch und eure Kinder!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.28">Lk. 23,28</ref>]. Ihr könnt Gott nicht loswerden damit, daß ihr<note xml:id="nch">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ihr nun».</note> von mir sagt: der arme Herr Pfarrer! Ihr sollt mich nicht bemitleiden, ⌜ihr sollt es merken, daß <hi rend="italic">meine</hi> Last <hi rend="italic">eure</hi> Last ist,⌝ ihr sollt mir tragen helfen. Das allein bringt Erlösung<note xml:id="nci">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «helfen, das allein erlöst euch und mich».</note>. ⌜Wer bloß zusehen und die Hände ringen will, der flieht! Wird nicht erlöst, und die Unruhe bleibt in ihm.⌝ Ich muß endlich noch ein besonderes Wort zu denen sagen, die ⌜so freundlich sind,⌝ es «<hi rend="italic">mit mir</hi>
            ⌜<hi rend="italic">zu</hi>⌝
            <hi rend="italic">halten</hi>». Ich muß ihnen sagen, daß das vielleicht die feinste und ⌜darum⌝ gefährlichste Form von Beruhigung ist, wenn ihr es mit mir haltet. Ich muß ihnen sagen, daß es niemand mit mir halten kann. Ich selbst möchte es auch nicht mit mir halten.<note xml:id="ncj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Denn ich selbst halte es auch nicht [mit] mir, möchte es wenigstens auch nicht mit mir halten.»</note> Es handelt sich ⌜in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>⌝ <hi rend="italic">nicht</hi> darum, auf die Seite des Pfarrers und seiner Freunde zu treten, sondern es handelt sich darum, auf die Seite Gottes zu treten.<note xml:id="nck">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… darum, ob der Pfarrer oder sonst jemand recht hat, sondern es handelt sich darum, ob der lebendige Gott recht hat oder wir Menschen, und da stehen wir eben zunächst alle auf der gleichen Seite.»</note> Ihr <pb xml:id="p056" ed="pga"/> sollt mir auch nicht mehr sagen, was ich ⌜so⌝ oft höre: ein Pfarrer habe<note xml:id="ncl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «hat».</note> es schwer, es <hi rend="italic">allen</hi> Leuten recht zu machen. Die Sache verhält sich anders: ein Pfarrer kann es überhaupt <hi rend="italic">niemand</hi> recht machen. Er kann und darf es nicht: ein Pfarrer, der es irgend jemandem recht machen<note xml:id="ncm">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «machen würde».</note>, ein Pfarrer, der irgend jemand beruhigen und zufrieden stellen würde, ein solcher Pfarrer wäre ein falscher Prophet. Erst dann, wenn auch meine besten Freunde sagen: er macht es mir <hi rend="italic">nicht</hi> recht, erst dann ist Wahrheit<note xml:id="ncn">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Klarheit».</note> da zwischen uns.</p>
          <p>Ja glaubt es mir, ich verstehe euren Wunsch, ich möchte ein falscher Prophet sein, weil ihr eben damit alle Unruhe loswerden könntet. Ihr würdet es gerne sehen, wenn meine Sache so recht meine <hi rend="italic">eigene</hi> Sache wäre. Ihr könntet mich dann erledigen, wie man eben einen Menschen erledigt, so mir<note xml:id="nco">Der Absatz beginnt im <ref corresp="B">Mskr.</ref> so: «Ich sage es euch noch einmal, daß ich euch gut verstehe, wenn ihr die Unruhe los werden möchtet dadurch, daß ihr mich innerlich bittet, ich möchte doch ein falscher Prophet sein, der seine eigene Sache vertritt, zu dem ihr euch dann stellen könnt, wie man sich eben zu einem Menschen stellt, so mit».</note> ein bißchen Kritik und ein bißchen Beifall, ⌜mit ein wenig Freundlichkeit oder ein wenig Feindschaft,⌝ je nachdem. ⌜Dann würde ich es euch recht machen, denn dann wäre ich im Grunde tot für euch.⌝ Aber das geht ⌜nun⌝ eben nicht, so bequem es für mich und euch wäre.<note xml:id="ncp">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… nicht, ich kann diese Stellung, die für euch und für mich sehr bequem wäre, nicht einnehmen.»</note> Ich werde mir <pb n="13" ed="A"/> im Gegenteil⌜, wenn Gott mich nicht verläßt,⌝ alle<note xml:id="ncq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «auch in Zukunft alle».</note> Mühe geben, so dazustehen, daß euch all das <hi rend="italic">persönlich-menschliche</hi> Für oder Gegen mit der Zeit einfach langweilig, nebensächlich, überflüssig vorkommt<note xml:id="ncr">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «daß ehrlicherweise und im Grunde niemand für mich sein kann».</note>, daß aber die andere Frage euch verfolgt und brennt immer mehr<note xml:id="ncs">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «euch plagt und plagt auch fernerhin, wie sie mich plagt: Die Frage».</note>: <hi rend="italic">gegen oder für Gott!</hi>
            </p>
          <p>Es geht nicht anders, weil <hi rend="italic">Gott</hi> sich mir in den Weg stellt, sobald ich versuchen wollte, es anders zu machen. Ich kann euch keinen anderen Grund sagen als diesen und muß es nun darauf ankommen lassen, ob ihr <pb xml:id="p057" ed="pga"/> ihn versteht oder nicht. Das ist meine <hi rend="italic">Last</hi>, daß Religion, Kirche, Bibel, Pfarramt mich bedrängt als eine Gottessache und daß ich sie weder mir selbst noch euch zuliebe als eine Menschensache behandeln kann. <hi rend="italic">Darum</hi><note xml:id="nct">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Das ist die Last, die auf mir liegt, daß es sich bei Religion, … um Gott handelt und nicht um eine Menschensache. Ich kann sie nicht in eine Menschensache verwandeln mir und euch zuliebe, und darum».</note> kann ich es euch allen nicht recht machen. Ich möchte, daß ihr mit mir hart anstoßen würdet an diesen letzten, tiefsten Grund unserer gemeinsamen Unruhe: Gott verbietet ⌜es⌝ mir, ein falscher Prophet zu werden, und Gott verbietet es im Grunde auch euch, euch einen solchen an diese<note xml:id="ncu">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «dieser».</note> Stelle zu wünschen.</p>
          <p>Wenn ihr mich fragt, woher ich denn wisse, was Gott will, so antworte ich euch: aus den gleichen Quellen, aus denen <hi rend="italic">ihr</hi> es sofort auch wissen könnt: aus meinem Gewissen und aus der Bibel. Es wird mir<note xml:id="ncv">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Da wird es mir».</note> ganz klar und immer klarer, je besser ich Achtung gebe auf diese Quellen<note xml:id="ncw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «darauf».</note>, daß der Wille Gottes ein <hi rend="italic">neues Leben</hi> ist⌜, nicht ein verschönertes und verbessertes altes Leben,⌝ sondern ein<note xml:id="ncx">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und d.h. eben ein».</note> Leben auf neuen Grundlagen. Diese Grundlagen ⌜sind uns allen wohlbekannt, sie⌝ heißen: Recht, Treue, Gemeinschaft, Wahrheit. Unser <hi rend="italic">jetziges Leben</hi> hat andere Grundlagen, ich brauche sie nicht zu nennen. ⌜Oder hat der Krieg uns noch nicht deutlich genug gesagt, von welchen Kräften und Mächten unser altes Leben lebt? Oder muß ich erst noch den Finger legen auf bestimmte Erscheinungen im Leben unserer Gemeinde, an denen es zum Vorschein kommt, daß unsere inneren Grundlagen andere sind als die wohlbekannten Grundlagen Gottes?<note xml:id="ncy">Anstelle der letzten beiden Sätze («Oder hat der Krieg …») heißt es im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Unser jetziges Leben ist nicht der Wille Gottes.»</note> Das neue Leben ist uns jetzt verborgen ⌜wie die Saat im winterlichen Acker⌝. Wir sind auf einem großen Irrweg. Und der Irrweg ist uns das Natürliche und Selbstverständliche geworden. Unser tagtägliches gewöhnliches Denken, Reden und Tun offenbart beständig den großen Irrweg.<note xml:id="ncz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «In unserem gewöhnlichen tagtäglichen Denken, Reden und Tun kommt’s aber an den Tag, daß wir auf dem Irrweg sind.»</note> ⌜Wir können ja gar nicht anders.⌝ Ein ganzer <placeName ref="kbga-places-1046">Turm von Babel</placeName> ohne Gott, das ist unser jetziges Leben. Das neue Leben <pb n="14" ed="A"/> will aber <pb xml:id="p058" ed="pga"/>
            <hi rend="italic">offenbar werden</hi> ⌜aus der Verborgenheit⌝. Wir sehnen uns danach, nach Hause zu kommen<note xml:id="nda">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zu Hause zu sein».</note>. ⌜Wir halten es eigentlich nicht aus in diesem finsteren Wald. Das kleinste, fernste Lichtlein, das uns von etwas Anderem Kunde gibt, freut uns ja.⌝ Und unser Gewissen erinnert uns unablässig daran, daß das Andere eigentlich das Wahre ist.<note xml:id="ndb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Das Gewissen ruft uns auf heimzukommen.»</note> Und nun zeigt uns die Bibel von Anfang bis zu Ende das neue Leben im Kommen und Durchbrechen.<note xml:id="ndc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Die Bibel von den ersten Blättern bis zu den letzten zeigt uns das neue Leben mitten im Durchbruch und Kommen.»</note> Jesus Christus ⌜vor Allem⌝ steht vor uns als der Sieger, der die alte Welt überwunden hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.33">Joh. 16,33</ref>]. «Und ich sah die heilige Stadt, das neue <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, aus dem Himmel herabfahren und hörte eine große Stimme, die sprach: siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2 Apk.21.3">Apk. 21,2f.</ref>]. ⌜Seht,⌝ das ist der <hi rend="italic">Wille Gottes</hi>, wie<note xml:id="ndd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «so wie».</note> ich ihn verstehen muß und wie ihr ihn im Grunde auch nicht anders verstehen könnt: das neue Leben, die neue Welt<note xml:id="nde">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «die neue Welt, von Grund aus neu, von Gott her neu.»</note>⌜, da «Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>] … und es wird keine Nacht da sein und werden nicht bedürfen einer Leuchte oder des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.5">Apk. 22,5</ref>]. Und das alles nicht nur als ein schöner, tröstlicher Glaube, nicht nur als eine feine, leise Himmelshoffnung, sondern als das Sicherste vom Sicheren, als das, was wirklich kommt und geschieht, als der Wille Gottes, der sich auf Erden wie im Himmel erfüllen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>], indem er Besitz ergreift von unserem Willen!⌝</p>
          <p>⌜Ja,⌝ darf und kann denn<note xml:id="ndf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «da».</note> ein armer, sündiger <hi rend="italic">Mensch</hi> ⌜da⌝ überhaupt <hi rend="italic">mitreden</hi>? Darf und kann sich unsereiner<note xml:id="ndg">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Darf und kann er sich».</note> anmaßen, Anderen als Führer zu dienen zum Willen Gottes? Soll’s überhaupt so etwas geben wie Pfarrer?<note xml:id="ndh">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wie Pfarrer geben?»</note> ⌜Ja, <hi rend="italic">das</hi> kann man freilich im Ernst fragen.⌝ Ich möchte <hi rend="italic">darauf</hi> die Antwort geben, daß Gott es ganz sicher einmal ohne Pfarrer wird machen können, und er könnte es jetzt schon. Aber wenn und solange es <pb xml:id="p059" ed="pga"/>
            <hi rend="italic">nun</hi> einmal ein Pfarramt gibt, muß es <hi rend="italic">den</hi> Zweck und Inhalt haben, daß da ungebrochen und unverwässert Zeugnis abgelegt wird vom Willen <hi rend="italic">Gottes</hi> über und gegen allen Menschenwillen, daß da das <hi rend="italic">neue</hi> Leben angekündigt wird über und gegen das jetzige Leben. <hi rend="italic">Damit</hi> kann ich in aller Torheit und Schwachheit Gott und euch dienen. <hi rend="italic">Das</hi> hat einen Sinn. Dagegen den Frieden predigen zwischen Gotteswillen und Menschenwillen, das<note xml:id="ndi">Der Passus lautet im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ich möchte darauf von mir aus nur das sagen: <hi rend="italic">wenn’s</hi> denn Pfarrer geben, wenn dieses Amt irgendeinen Sinn haben soll, dann muß es der sein, daß da rein und unverfälscht vom Willen Gottes Zeugnis abgelegt wird über und gegen allen Menschenwillen, dann muß es der sein, daß da das neue Leben angekündigt wird über und gegen das jetzige Leben. Damit kann ich Gott in aller Schwachheit und Torheit dienen. Ganz sicher wird es Gott einmal ohne uns Pfarrer machen können und könnte es jetzt schon, wenn es sein müßte. Aber ebenso sicher ist ein falscher Prophet der Pfarrer, der den Frieden verkündigt zwischen Gotteswillen und Menschenwillen, der das».</note> jetzige Leben und das neue Leben sanft und klug miteinander <pb n="15" ed="A"/> verbinden, die lottrige Mauer<note xml:id="ndj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sanft ineinander verfließen läßt, der die Mauer».</note>, die das Volk sich baut, mit losem ⌜Religions⌝kalk übertünchen, es den Leuten recht machen zu wollen, ⌜das hat sicher keinen Sinn.⌝ Ein solcher Pfarrer ist so ziemlich das Gottloseste<note xml:id="ndk">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «mit losen Kalk übertüncht, der es den Leuten recht macht, ganz sicher ist ein solcher Pfarrer einfach das Sinnloseste und Gottloseste».</note>, was man sich denken kann. Er hilft Gott nicht, sondern er legt Gott ein Hindernis in den Weg, das schwerste, mit dem ein Mensch Gott hindern kann.<note xml:id="ndl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Nicht nur dient er Gott nicht, sondern er legt Gott Hindernisse in den Weg, die schwersten, mit denen ein Mensch Gott hindern kann, indem er im Namen Gottes beruhigt und Frieden predigt da, wo er im Namen Gottes das Gegenteil tun müßte.»</note> Es wäre ihm besser, er würde wenigstens schweigen, wenn er denn nicht mit Gott gehen will. «Also will ich meinen Grimm vollenden an der Wand und an denen, die sie mit losem Kalk tünchen, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch Tüncher!»<note xml:id="ndm">Anstelle des Hesekielwortes steht im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Durch sein Reden und Pfarrer-Sein aber versündigt er sich doppelt an der Wahrheit Gottes, die die Welt erleuchten, und an der Liebe Gottes, die die Welt erlösen will.»</note>
            </p>
          <p>Ich kann <hi rend="italic">diese</hi> Last nicht auf mich nehmen. Die <hi rend="italic">andere</hi> versuche ich zu tragen, weil Gott sie mir tragen hilft. Den Weg, den ihr mich heimlich möchtet gehen sehen, kann ich nicht gehen, denn dort würde ich Gott nicht mit mir, sondern gegen mich haben.<note xml:id="ndn">Hier folgt im <ref corresp="B">Mskr.</ref> noch der Satz: «Und darum kann ich eurem Wunsch nicht entsprechen.»</note>
            </p>
          <p>
                        <pb xml:id="p060" ed="pga" rend="noPipe"/>Und nun wird es sich<note xml:id="ndo">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Sondern es wird sich eben».</note> auch für euch darum handeln müssen, eine <hi rend="italic">Entscheidung</hi>, eine Wahl zu treffen.</p>
          <p>Ihr könnt, das ist <hi rend="italic">die eine Möglichkeit</hi>, den Willen Gottes einmal resolut von euch weisen. Das hätte einen Sinn. Das würde ich gut begreifen.<note xml:id="ndp">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Das hat einen Sinn. Das begreife ich gut.»</note> Warum sollt⌜et⌝ ihr euch nicht einmal ehrlich gestehen: ich will eben gerade das, was Gott will, <hi rend="italic">nicht!</hi><note xml:id="ndq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ich will das nicht, was Gott will».</note>, ich will nicht das neue, sondern das jetzige Leben. Warum sollen<note xml:id="ndr">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sollten»,</note> nicht noch viel mehr von euch, vielleicht von heute an, den Entschluß fassen: jetzt habe ich aber genug, jetzt gehe ich nie mehr in die Kirche! ⌜Ja,⌝ warum sollte nicht die Gemeinde einmal einfach beschließen: wir schaffen ⌜nun⌝ das Pfarramt ab und machen aus der Kirche einen Turnsaal oder noch eine Fabrik, denn wir haben die Erfahrung gemacht, daß es sich da um eine von Grund aus unangenehme und widrige Sache für uns handelt! Das alles wäre klug und verständig<note xml:id="nds">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «verständig gehandelt».</note>. Ihr würdet damit zeigen, daß ihr verstanden habt, daß es hier wirklich um ein Entweder – Oder! zu tun ist.<note xml:id="ndt">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… verstanden habt: Es ist bei Religion, Kirche, Bibel, Pfarramt um ein Entweder – Oder zu tun.»</note>
            </p>
          <p>Ihr könnt ⌜euch⌝ aber auch, und das ist <hi rend="italic">die andere Möglichkeit</hi>, vom<note xml:id="ndu">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «euch vom».</note> Willen Gottes einmal überwinden und gefangen nehmen lassen. Ihr könnt mit mir hineinkommen in die große Unruhe, die unvermeidlich ist<note xml:id="ndv">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «die über uns kommt».</note>, wenn Gott mit uns redet. ⌜Das hat auch einen Sinn.⌝ Ihr könnt mir helfen, die Last zu tragen, daß Gott allein gelten und recht haben will. Ihr könnt mir helfen, zu Gott zu rufen, mich um Gott zu mühen, mich seiner zu freuen, von <pb n="16" ed="A"/> ihm zu zeugen<note xml:id="ndw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «von Gott Zeugnis zu geben».</note>. Ihr helft ja dann nicht mir, sondern Gott und euch selbst<note xml:id="ndx">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sondern ihr helft Gott und helft euch selber».</note>. Ich lade euch auch heute wieder ein, diesen Weg mit mir zu gehen. Lasset euch versöhnen mit Gott! [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.20">2.Kor. 5,20</ref>]. Glaubet an das Licht, dieweil ihr es habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.36">Joh. 12,36</ref>]. Das wäre auch wieder klug und verständig<note xml:id="ndy">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: verständig gehandelt».</note>. <pb xml:id="p061" ed="pga"/> Auch damit würdet ihr zeigen, daß ihr das Entweder – Oder! begriffen habt.</p>
          <p>Nur den <hi rend="italic">Mittelweg</hi>, den goldenen Mittelweg<note xml:id="n04">Der Ausdruck geht lt. <bibl corresp="kbga-bibls-2429">
                                Büchmann, S. 547</bibl>, zurück auf <persName ref="kbga-actors-1525">Ciceros</persName> «aurea mediocritas» (<bibl corresp="kbga-bibls-1783">
                                <hi rend="italic">
                                    <hi rend="italic">De officiis</hi></hi> I, 25</bibl>).</note>, könnt ihr <hi rend="italic">nicht</hi> gehen. Da widersteht euch nicht euer Pfarrer<note xml:id="ndz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Da widersetzt sich euch nicht der Pfarrer».</note>, aber Gott mit aller Kraft. Ihr könnt nicht verlangen, daß man euch von Gott rede <hi rend="italic">und</hi> daß man es euch recht mache. Das gibt es nicht.<note xml:id="nea">Im <ref corresp="B">Mskr.</ref> folgt hier noch der Satz: «von diesem Wunsch müßt ihr abstehen.»</note> Ihr werdet einmal eins von Beiden wählen müssen. Eins von Beiden, aber nicht Beides. Entscheidet euch!<note xml:id="neb">Der letzte Satz der Predigt lautete ursprünglich: «Liebe Freunde, habe ich es euch nun deutlich genug gesagt? Amen.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat ihn gestrichen zugunsten des jetzt folgenden Satzes.</note> Und wenn ich denken dürfte, daß ich es heute ⌜einmal⌝ deutlich genug<note xml:id="n05">Diese Wendung bezieht sich auf die Predigt
            <ref type="pub" target="29005#p020">Nr. 307</ref>, in der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Dienst in Frage stellte, weil er «nicht stark und deutlich genug» geredet habe. Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/29/p024#p024">S. 24</ref>.</note> gesagt habe und daß ihr mich heute gehört habt, so würde ich jetzt sagen: Entscheidet euch <hi rend="italic">heute!</hi>
            </p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>[Amen.]<note xml:id="n06"><p>Ein Exemplar der gedruckten Predigt schickte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName> nach <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-966">
            <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> / <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic"><hi rend="italic">Ein Briefwechsel</hi></hi>, hrsg. von Chr. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 137</bibl>). <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> schrieb am <date when="1916-03-29">29.3.1916</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Dank auch für die Predigt, die mich ganz lebendig mit Dir in Zusammenhang setzte. … In Nr. 14 der CW wirst Du eine Überraschung haben» (<bibl corresp="kbga-bibls-966">a.a.O., S. 138</bibl>). Diese bestand darin, daß <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> die Predigt abdruckte mit dem Untertitel «Eine religiös-soziale Predigt», ohne den Namen des Verfassers anzugeben und unter Tilgung des Ortsnamens. Eine entsprechende redaktionelle Bemerkung stellte er voran: «Diese Predigt, als Manuskript gedruckt für die Gemeinde, geben wir hier ohne Wissen des Verfassers wieder» (
            <bibl corresp="kbga-bibls-3994">CW, Jg. 30 [1916], Sp. 262–267, Zitat Sp. 262</bibl>).<lb/><lb/></p>
<p>Über diese Versendung restlicher «Exemplare dieses christlichen Traktätleins» und ein unerwartet positives Echo auf eine solche äußerte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Brief vom <date when="1916-03-06">6.3.1916</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3098#p125">S. 125f.</ref></bibl>).<lb/><lb/></p>
<p>Die Predigt wurde ein weiteres Mal abgedruckt in: 
            <bibl corresp="kbga-bibls-3995">Christentum und Wirklichkeit,  Jg. 10 (1932), S. 86–97</bibl>. In seinem Brief an den Herausgeber, Pfarrer <persName ref="kbga-actors-7224">G. Merkel</persName>, vom <date when="1932-01-19">19.1.1932</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Die Predigt über Hesek. 13 dürfen Sie wohl abdrucken. Es würde mir aber … wichtig sein, daß Sie in einer Anmerkung darauf hinweisen, daß es sich um ein Produkt aus dem Jahre <date when="1916">1916</date> (nicht <date when="1919">1919</date>) handelt, damit auch hier sichtbar wird, daß die Sache mindestens auch historice zu würdigen ist. – Vielleicht interessiert es Sie zu hören, daß die Safenwiler bei der vor zwei Jahren erfolgten Kirchenrenovation ein Exemplar dieser Predigt in einer Kugel auf der Spitze des Kirchturms unmittelbar unter dem goldenen Gockelhahn für alle Zeiten oder doch für die nächsten hundert Jahre ehrenvoll untergebracht haben!» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat dann aber die Anmerkung nicht den Herausgebern Überlassen, sondern selber eine «Retraktation» geschrieben, die im Kleindruck dem Text der Predigt (S. 96f.) angefügt ist: «<hi rend="italic">Anmerkung des Verfassers</hi>: Ich habe dem Wunsch der Schriftleitung von ‹Christenrum und Wirklichkeit›, diese vor 16 Jahren gehaltene und gedruckte Predigt noch einmal zu veröffentlichen, nicht widersprochen, weil ich sie noch immer für geeignet halten kann, eine wichtige biblische Wahrheit: den Gegensatz von Kirche und Welt oder vielmehr: den Gegensatz von Gott und Welt in der Kirche unter dem bestimmten Gesichtspunkt ‹Pfarrer und Gemeinde› in ihrer Art deutlich und kräftig ans Licht zu stellen. Daß ‹der Pfarrer, der es den Leuten recht macht› ein falscher Prophet ist, das ist auch heute noch eine für Pfarrer und Gemeinden hörenswerte Eröffnung. – Die Predigt enthält aber, und darauf muß ich die Leser warnend aufmerksam machen, eine Reihe von Fehlern und Irrtümern, die ich damals leider nicht als solche erkannt habe, die aber heute als solche preiszugeben sind. Ich erwähne nur das Gröbste:<lb/><lb/></p>
<p>Diese Predigt ist nicht, wie es unbedingt sein sollte, eine Auslegung, sondern trotz der Anlehnung an einen biblischen Text und gerade diesem Text aufs Höchste zuwider eine eigenmächtige Aussprache dessen, wessen passender oder unpassender Weise mein eigenes Herz damals voll war. Sie ist keine evangelische, sondern eine gesetzliche und zwar nicht göttlich-gesetzliche, sondern eine menschlich-gesetzliche Predigt. Sie tut gerade das, was sie bekämpft: sie stellt nämlich die menschliche Situation zwischen Pfarrer und Gemeinde nicht unter das Wort Gottes, sondern sie bedient sich des Wortes Gottes, um diese menschliche Situation zu bewegen. Sie predigt darum eine Unruhe, die die umschließende Ruhe Gottes überhört und übertäubt und die darum auch nicht eine rechte Unruhe heißen darf. Es ist weiter nicht zu billigen, daß ich mich in dieser Weise mit dem Propheten identifiziert habe. Und es war ein grober Unfug, daß ich mich nicht scheute, das Wort Jesu <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.28">Luk. 23,28</ref> in diesem Zusammenhang anzuführen. Daß ich als ‹Quellen› meines Wissens um das, was ich sagte, ‹mein Gewissen› und (!) die Bibel angegeben habe, war ehrlich genug und erklärt Manches. Es ist aber sehr bedauerlich, daß ich damals ehrlicherweise diese Angaben machen mußte. Die am Schluß vorgetragene Lehre von der ‹Entscheidung› und von den beiden ‹Möglichkeiten› endlich ist, so wie sie dasteht, offene Irrlehre.<lb/><lb/></p>
<p>Ohne diese ‹Retraktationen› dürfte ich die Predigt heute nicht wieder ausgehen lassen. Es besteht Anlaß, diesem oder jenem jüngeren Pfarrer, der sich aus verständlichem Grund an dieser Predigt freuen sollte, zugleich sehr ernstlich zuzurufen: «Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!» [<bibl corresp="kbga-bibls-2360"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Gedichte</hi>, «Du beweinst, du liebst ihn, liebe Seele», Aus dem Nachlaß. Zu den Leiden des jungen Werthers (1775)</bibl>.]<choice><sic ed="pga"/>
            <corr type="misprint">»</corr>
        </choice>
    </p>
<p><lb/><lb/>Im Jahre <date when="1967">1967</date> wurde die Predigt «mit freundlicher Bewilligung des Verfassers» ein weiteres Mal abgedruckt in der Reihe <bibl corresp="kbga-bibls-5050">«Predigt im Gespräch», hrsg. von R. Bohren und H. G. Geyer, Neukirchen-Vluyn Nr. 3, 1967, und auf S. 17–24 mit einer Besprechung <persName ref="kbga-actors-2002">R. Bohrens</persName> versehen</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Retraktation von <date when="1932">1932</date> wurde nicht aufgenommen. Dagegen erhob <persName ref="kbga-actors-408">Hellmut Traub</persName> Einspruch, veröffentlicht unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-2382">
            <hi rend="italic">Kleine Anfrage</hi> in: Reformierte Kirchenzeitung, Jg. 108 (1967), S. 201</bibl>. Im Anschluß an <persName ref="kbga-actors-408">Traubs</persName> Artikel ist (ebd.) <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Retraktation wieder abgedruckt. Das provozierte eine Antwort von <persName ref="kbga-actors-2002">R. Bohren</persName>, in der er die Predigt von <date when="1916">1916</date> gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Selbstkritik von <date when="1932">1932</date> in Schutz nahm (in: <bibl corresp="kbga-bibls-2383">
            Reformierte Kirchenzeitung, Jg. 108, S. 230–232</bibl>). <date>1968</date> erschien die 
            <bibl corresp="kbga-bibls-5050">Nr. 3 von «Predigt im Gespräch» in einer erweiterten zweiten Auflage</bibl>. Darin sind <persName ref="kbga-actors-408">Traubs</persName> Anfrage (S. 25f.), <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Retraktation (S. 26f.) und <persName ref="kbga-actors-2002">Bohrens</persName> Replik (s. 28-33) aufgenommen.</p>
</note></salute>
</div>
<div type="songs">
              <head>Lieder:</head>
              <listBibl type="songs">
                <bibl corresp="kbga-songs-112" type="song">Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit und deine Wahrheit reicht so weit» von <persName ref="kbga-actors-5724">M. Jorissen</persName> nach Ps. 36, Strophen 1.3 (GERS [1952] 10,1.3);</bibl>
                <bibl corresp="kbga-songs-36" type="song">Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von <persName ref="kbga-actors-1356">I. Franz</persName> nach dem «Te deum laudamus», 4. Jh., Strophe 7-9 (GERS [1952] 59,6-8; EG 331,9-11 mit Textabweichungen).</bibl>
</listBibl>
                <!-- alt
                <ref type="pub" subtype="bib1-gesj" target="b0023">Nr. 23</ref> «O Höchster, deine Gütigkeit und deine Wahrheit reicht so weit» von M. Jorissen nach <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.63">Ps. 36</ref>, Strophen 1.3 (<ref type="pub" subtype="ges29-abk"><bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 10, 1.3</bibl></ref>);
                <ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0025">Nr. 25</ref> «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz nach dem «Te deum laudamus», 4. Jh., Strophe 7-9 (<ref type="pub" subtype="ges29-abk"><bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 59, 6-8</bibl></ref>; <ref type="pub" subtype="ges29-abk"><bibl><title level="m">EG</title> 331, 9-11</bibl></ref> mit Textabweichungen).
              -->

            
          </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
