<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-27019">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 8,18-22</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 8,18-22, 2. Mai 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 171–181.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27019</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 8,18-22</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 171-181</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">19</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 270</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 8,18-22, 2. Mai 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1711">KBA 1248</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1915-05-02">2. Mai 1915</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
        <language ident="eng">English</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p171" ed="pga" rend="noPipe"/>
        <div type="opener">
      <head>
                        <idno>270</idno>
                    </head>
            <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1915-05-02">2. Mai 1915</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18 Röm.8.22">Römer 8,18–22</ref>
          <quote>Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Denn die Kreatur ist unterworfen der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung, daß auch sie, die Kreatur, frei werden soll von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß alle Kreatur sich mit uns sehnet und ängstet bis jetzt.</quote>
                        </cit>
        </epigraph>
          <salute>
                        <pb xml:id="p172" ed="pga" rend="noPipe"/> Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Ja, das ist etwas Herrliches: die <hi rend="italic">Freiheit</hi> der Kinder Gottes. Da ist’s aus und vorbei mit der Mühsal und dem Verdruß und der Unzufriedenheit bei der Arbeit, denn da wird unter neuen Ordnungen und mit neuen Kräften alles Wirken eine Freude. Da gibt’s keine Sorgen mehr, keine Verbitterung und Verzweiflung, denn die finsteren, fremden Mächte sind nicht mehr, die solche Gewalt über die Seelen erlangen konnten. Da hört das Dreinreden und Urteilen der Leute auf, weil man ganz fröhlich selber weiß, was recht ist, und niemand mehr Lust hat, den Anderen damit zu plagen, daß er Alles besser weiß. Aufhört auch die ewige innere Unruhe: habe ich’s denn recht gemacht, bin ich denn auch fähig zum wahren Dienst des Guten?; denn eins ist klar: daß Gott mich lieb hat gerade so, wie ich bin, und daß er mich auch gerade so brauchen kann. Und der Zank ist aus und der Krieg ist aus, denn was soll das giftige und zornige Hin- und Herreden, was sollen die Flugmaschinen und Schützengräben, wo die Menschen erkannt haben, daß Leben Gemeinschaft bedeutet und nicht Gegeneinandersein? Zu Ende sind die törichten, teuren Vergnügungen — denn Freude kann man sich doch nicht kaufen, die hat man doch —, zu Ende aber auch der falsche, steife Ernst, der nicht lachen kann, denn das ist ja ganz sicher, daß der rechte Lebensernst gerade die Freude ist, die Freude, die man hat und die nichts kostet. Das sind nur so ein paar von den vielen Freiheiten, die alle enthalten sind in der einen großen Freiheit, in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Losgebunden sind wir von allem Unwahren, Gefährlichen, Hölzernen, Krummen, Toten. Was soll uns das alles? Das gehört doch nicht zu uns! Atmen und singen und springen dürfen wir in der Welt Gottes. Denn Gott waltet und wirkt als die Kraft und der gute Wille und als der Friede von Ewigkeit zu Ewigkeit, und eine ganze Welt davon hält er bereit für seine Kinder. Und wir sind seine Kinder, und unser ist die Freiheitswelt, in der das Krumme, Tote keine Macht mehr hat, in der das Leben anfängt.</p>
          <p>Diese Freiheit kommt, <hi rend="italic">wenn</hi> Gott <hi rend="italic">siegt</hi>. Sein Wille muß alles das überwinden, was sich zwischen ihn und das Leben der Menschen hineingedrängt hat. Seine Klarheit muß aufdecken, was eigentlich das Wirkliche ist in der Welt. Seine Kraft muß herumbringen, was da immer sich gegen ihn stellt, ihm den Rücken kehrt, sich von ihm weg verloren hat. Er muß sein Volk, die Menschheit durch die Wüsten und dunklen <pb xml:id="p173" ed="pga"/> Täler führen in das gelobte Land, das er ihnen verheißen hat und das da heißt: Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Reinheit, Freude und Frieden. Er muß die Menschlein alle, jedes einzelne, das eine so, das andere so, das eine früher, das andere später finden in dem Getümmel und Getriebe, in das wir uns gestürzt, und in den Schlupflöchern, in die wir uns verkrochen hatten, muß uns finden, um uns teilnehmen zu lassen an einem Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Er muß sich durchsetzen als der Meister, als der, der da war im Anfang, ohne den nichts ist, was ist<note xml:id="n01">Aus <bibl corresp="kbga-songs-91" type="song">Strophe 1 des Liedes «O Gott, du frommer Gott» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName> (Nr. 32; GERS [1952] 66; EG 495):</bibl> <q rend="block">Ohn’ den nichts ist, was ist…</q>
               </note>, und außer dem nichts bestehen kann. Sein Werk, seine Schöpfung, sein Sieg, sein unbegreifliches Wunder ist unsere Freiheit.</p>
        <p>Und doch eigentlich kein Wunder, sondern fast etwas Selbstverständliches. Denn da wird ja nur offenbar, <hi rend="italic">was wir eigentlich sind</hi>. Da kommt ja nur an den Tag, was tatsächlich in uns ist: die Aufgaben, die uns gegeben sind, und die Kräfte, die wir haben, um sie zu lösen — das Wunderbare, Ewige, Unsterbliche, das in einem Jeden von uns schlummert und das nur einmal zu erwachen und aufzustehen braucht, um tatsächlich und wirksam da zu sein — das Himmelreich, das da tief inwendig in uns wartet, bis wir ihm so stark vertrauen, daß es fröhlich und machtvoll hervorbrechen und zur Geltung kommen kann als die Welt, in die wir eigentlich gehören — die Liebe des Vaters, die uns von Ewigkeit her gekannt und gesucht und gefunden hat — seine großen Friedensgedanken über uns — seine unbegreifliche Absicht, gerade in unserem kleinen Menschengeschlecht sich zu verherrlichen, in unserem Leben und in unserer Geschichte sein verborgenes hohes Wesen ans Licht treten zu lassen. Das alles wird einmal klar als die innerste Bestimmung des Menschen: auf die Seite treten muß, was sich mit ihr nicht vereinigen läßt, auflösen muß sich das falsche Gebilde, das sich Mensch nannte und doch nichts war, auflösen die Welt von Nichtigkeit, die wir uns aufgebaut hatten und in der wir doch immer Fremde waren. Wenn das Wirkliche in uns zum Vorschein kommt, wenn wir uns endlich nicht mehr dagegen wehren, daß es zum Vorschein komme, dann ist die herrliche Freiheit da.</p>
        <p>Du <hi rend="italic">zweifelst und fragst</hi>, ob denn diese Freiheit auch etwas Wirkliches sei und nicht nur ein schöner Wunsch und Traum? Ja, so kannst du <pb xml:id="p174" ed="pga"/> wohl fragen, mit dem Mund und mit dem Kopf gleichsam, mit deinem äußeren Wesen. Unser Mund und Kopf muß gar Manches gefragt haben. Sieh, dein inneres Wesen fragt und zweifelt nicht, ob die Freiheitswelt Wahrheit sei. Du magst wohl schwere Erfahrungen gemacht haben, die dir das Hoffen und Glauben verleidet haben, du magst vor so großen Schwierigkeiten stehen im Leben, daß es dir unmöglich erscheint, etwas Anderes zu tun, als eben traurig zu verzichten, du magst einen scharfen Verstand haben, der dich gar gescheit und eindringlich schulmeistert über das, was möglich ist und unmöglich. Und so kommen von allen Seiten Fragezeichen, ob denn die Freiheitswelt Wahrheit sei oder nicht. Fürchte dich nicht zu sehr vor ihnen, nimm sie ja nicht zu ernst, sie kommen alle nur von außen her. Du selber zweifelst eigentlich gar nicht. In dir ist ein anderer Mensch, der wahrhaftige, der, der du wirklich bist, der weiß es viel besser, der sagt dir über alle Hindernisse und Bedenken hinweg: Natürlich ist doch die Freiheitswelt das Wirkliche, der Sieg Gottes und die Offenbarung des Menschen. Das ist das Wirkliche, und alles Andere ist ja gar nicht. Die Fragezeichen […]<note xml:id="n02">Ein Wort unleserlich.</note> und lügen. Die alten Tanten «Lebenserfahrung» und «Schwierigkeiten» und der Herr Lehrer «Verstand» mit seiner Brille, die die Sonne vom Himmel disputieren möchten — die haben Unrecht, so gescheit sie sind. Natürlich kannst du doch nur an die Freiheit glauben, und alles Andere ist ein schrecklicher Aberglaube.</p>
        <p>So sicher, als eben <hi rend="italic">Gott Gott ist</hi> und nicht etwas Anderes. Nicht eine schöne Idee der Menschen, über deren Wahrheit und Geltung man erst verhandeln müßte. Nicht ein frommer Begriff, der zu den Eigentümlichkeiten von Religion und Kirche gehört, aber auch nur innerhalb dieses heiligen Bezirkes ernst zu nehmen ist. Und nicht ein freundlicher Trost für die Unvollkommenheiten des Lebens, wo man dann doch jedesmal zuerst wieder fragen muß: ja, tröstet mich nun das in diesem Falle wirklich? Nein, Gott ist ja die Realität des Lebens, fest und klar wie gar nichts sonst, erfahren und erkannt als das Sicherste vom Sicheren. Er hat sich uns offenbart, hat uns gezeigt, wie er selber nichts Anderes ist als lauter Freiheit, er hat zu uns gesagt: sieh, das ist und gilt unbedingt! Da kannst du nichts dagegen machen, das kannst du nun nur dankbar und fröhlich annehmen, dich ganz von der Freiheit durch<pb xml:id="p175" ed="pga" break="no"/>dringen lassen, dich ganz in ihren Dienst stellen. Und wir mußten ihn anerkennen. Uns wurde klar, daß er unser Vater ist, daß wir zu ihm gehören und er zu uns. Ja, was sollen uns alle Bedenken und Hindernisse, die der Freiheitswelt entgegenstehen, die uns vorplaudern wollen, daß die Menschen nicht erlöst werden könnten, daß der alte Jammer und die alte Bosheit und Trägheit bleiben werden in Ewigkeit? Weil Gott Gott ist, bricht auch seine Welt herein und zerstört des Teufels Werke [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.8">1.Joh. 3,8</ref>].</p>
        <p>Und noch aus einem Grunde, sagt dir der andere Mensch, der innere Mensch, <hi rend="italic">der</hi> Mensch in dir, der gar nicht fragen und zweifeln <hi rend="italic">kann</hi>: darum, weil <hi rend="italic">du du bist!</hi> Merkst du’s? Die Erkenntnis Gottes ist eben nicht eine menschliche Meinung, die man heute hat und morgen vielleicht wieder nicht mehr hat, wie man jetzt in ein Fernrohr guckt und die Wunder der Sternenwelt sieht und jetzt wieder absetzt und gar nichts mehr sieht als ein fernes Glitzern hoch dort oben. Nein, die Erkenntnis Gottes hat dich ja bereits zu etwas ganz Anderem gemacht. Ist nicht das Licht der Ewigkeit in dir angezündet? Hast du nicht den siegreichen Kampf gekämpft mit Christus? Hast du nicht das Kreuz mit ihm getragen? Hast du nicht mit ihm gespürt die Freude des Überwindens? Sieh, da ist ja einfach etwas Neues in dir entstanden. Der Gott, der die Realität des Lebens ist, hat dich berührt. Du bist sein Kind und weißt es, daß du es bist. Die Freiheit hat schon in dir angefangen. Du kannst gar nicht mehr glauben an die krummen, toten Sachen. Du mußt dich darauf freuen, und ganz getrost und sicher freuen, daß die Freiheitswelt kommt mit all der Erlösung und dem neuen Leben, das sie bringt. Du müßtest ja dich selbst verleugnen, müßtest ein ganz Anderer sein, als du bist, wenn du’s anders denken wolltest, gerade wie Gott nicht Gott sein müßte, wenn die Freiheit nicht käme.</p>
        <p>So stehst du <hi rend="italic">ganz sicher und fest da im Leben</hi>, weil du sein herrliches Geheimnis kennst, — du siehst sicher hinein in diese Herrlichkeit, obwohl du sie erst von ferne siehst; du hast sie schon, obwohl du erst eine Knospe in der Hand hältst; du lebst schon in der Zuversicht und Freudigkeit der Erntezeit, obwohl erst Frühling ist. Nicht mutlos werden, wenn du um dich her so viele siehst, die ohne Hoffnung leben. Nicht zornig und nicht hochmütig werden, wenn du merkst, daß sie dich mißverstehen. Warten, bis auch ihr Tag kommt, der Tag aller Menschen, wo sie Gott erkennen und sich selber, wo das Geheimnis der <pb xml:id="p176" ed="pga"/> herrlichen Freiheit der Kinder Gottes sich auch ihnen auftut. Und unterdessen reif und reifer werden, du selber, unter Wachen und Beten, daß die alte Gefangenschaft es nicht wieder gewinne über dich. Sie kann es gar nicht, wenn du auf der Hut bist. So stehst du da im Leben als ein reifer Mann und kannst mit vollen Händen austeilen und hast erst noch die Anwartschaft auf viel, viel mehr, als du jetzt hast, und die stille Freude, daß alle Armen einmal reich sein werden. Bis die Freiheit hereinbricht und da ist für dich und für Alle, das Vollkommene, die Ewigkeit, Gottes Welt mit ihren Ordnungen und Kräften.</p>
        <p>Doch nun erhebt sich jäh der <hi rend="italic">Zweifel</hi> und unterbricht das Bekenntnis der Hoffnung. Das hakt ein mit seinen Fragen von einer ganz unerwarteten Seite. Wie denn? Gottes Welt eine Welt der Freiheit? Freiheit vom Krieg? Freiheit von der Verzweiflung? Freiheit von der Selbstsucht, von der Eitelkeit, vom Zwang, vom Tod? Und das soll das Ziel der Menschen sein, an das wir glauben, nach dem hin wir uns richten sollen? Und dabei ist doch das Menschlein nur ein ganz kleines Glied inmitten einer Naturwelt, in der von solcher Freiheit furchtbar wenig wahrzunehmen ist.</p>
        <p>Kein <hi rend="italic">Krieg</hi> mehr? Sieh, wie die Schöpfung Gottes voll ist vom Kampf ums Dasein<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2008"><persName ref="kbga-actors-2013">Ch. Darwin</persName>, <hi rend="italic">On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life</hi>, London 1859</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2396"><hi rend="italic">Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn</hi>, Stuttgart 1863</bibl>).</note> seit dem ersten Tag. Wozu braucht der Tiger seine Zähne, der Haifisch seinen Rachen, der Vogel seine Klauen? Was spielt sich ab da draußen beständig, bis hinunter zu den Kleinsten, zwischen den Starken und den Schwachen? Was sind die Leiden, die Verluste in den Kriegen der Menschen neben dem unsäglichen Meer von Entsetzen und Grausamkeit, von denen das Leben der Kreaturen Gottes erfüllt ist? Und muß es nicht so sein? Folgen sie nicht alle ihren Naturtrieben? Und da redet und hofft ihr Menschen von Freiheit: kein Krieg mehr?</p>
        <p>Keine <hi rend="italic">Zerstörung</hi>, keine Vernichtung mehr, hofft ihr, Leben und Kraft in Fülle? Ja, die Schöpfung Gottes zeigt uns Leben und Kraft in Fülle, aber daneben zehnmal soviel von Untergang und Tod. Die Erdbeben und die Vulkanausbrüche, die Krankheitskeime und die Mißge<pb xml:id="p177" ed="pga" break="no"/>burten, die nutzlose Verschleuderung von Milliarden und Milliarden Pflanzensämlein in jedem Frühling, sieht das aus wie Leben und Kraft?</p>
          <p>Und an eine Freiheit vom <hi rend="italic">Zwang</hi> glaubt ihr auch noch und an ein Schaffen der Menschen aus eigenem Willen und eigener Freude? Und dabei ist die ganze Natur ein einziger ungeheurer Zwang: nach ewigen, ehrnen Gesetzen müssen sie alle ihres Daseins Kreise vollenden<note xml:id="n04">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-117">6. Strophe aus <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Das Göttliche»</bibl>: 
            <q rend="block">
                                <lg>
              <l>Nach ewigen, ehrnen,</l>
              <l>Großen Gesetzen</l>
              <l>Müssen wir alle</l>
              <l>Unseres Daseins</l>
              <l>Kreise vollenden.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note>.</p>
        <p>Und einen <hi rend="italic">Sinn</hi> wollt ihr finden in eurem Leben und Dasein, Zweck und Bedeutung soll es haben und bekommen, und dabei gibt’s unter den Kreaturen Gottes unzählige so ganz sinnlose Erscheinungen: Giftschlangen, die Menschen und Tieren auflauern, Hagel und Raupen, die alle Arbeit zunichte machen können, Unkraut, das überall ist, wo es nicht sein sollte.</p>
          <p>Und ein Reich der <hi rend="italic">Liebe</hi> erwartet ihr in jener Freiheitswelt, und dabei predigt die ganze Natur bis hinunter zum kleinsten Gräslein eine fröhliche, selbstverständliche Selbstsucht: meine Wurzeln, mein Erdboden, meine Nahrung, mein Platz an der Sonne, sagt es, gerade wie die Großmächte bei den Menschen!<note xml:id="n05">Vgl. die Rede von <persName ref="kbga-actors-1347">Bernhard Graf von Bülow</persName>, Staatssekretär des Äußeren, am 6.12.1897 im deutschen Reichstag: «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne» (<bibl corresp="kbga-bibls-2429">Büchmann, S. 798</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2034"><hi rend="italic">Predigten 1914</hi>, <ref type="pub" target="../volume/05/p448#fn_n06">S. 448, Anm. 6</ref></bibl>).</note>, und was es nicht freiwillig bekommt, das nimmt es sich wie die Engländer und die Deutschen, und beständig ist Krieg zwischen den Gräslein auf der Erde und unter der Erde.</p>
        <p>Und daß eine Welt komme, in der der <hi rend="italic">Tod</hi> nicht mehr sein wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>], glaubt ihr? Sicher ist, daß in den Werken Gottes um uns her ein ewiges Werden und Vergehen herrscht. Ja, jetzt redet das zarte Grün der Blätter da draußen vom Leben, aber noch liegt das alte Laub am Boden und sagt deutlich genug, was das für ein Leben ist, ein Leben, dem einmal, in sehr kurzer Zeit, das Sterben folgt. Und so kündigt sich in jedem Anfang bereits das Ende an, in jedem Grüßen das Scheiden und Meiden. Trauernd sagt es uns die ganze Natur in ihrem Früh<pb xml:id="p178" ed="pga" break="no"/>lingsschmuck: du hast auch keinen anderen Weg vor dir, Mensch, als den Tod; alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.1.24">1.Petr. 1,24</ref>].</p>
        <p>Seht, so sind wir rings umgeben von einer Welt, die voll ist von <hi rend="italic">Unfreiheit</hi>, und schwer will es sich auf die Kinder Gottes legen: wo bleibt da unsere herrliche Freiheit? O, die Gefangenschaft ist größer, viel größer, als wir dachten. Da sind nicht nur die Menschen, die so unerlöst in Leid und Unrecht auf ihren Weglein gehen, in ihren Höhlen sich verkriechen, da ist ein ganzer, undenkbar weiter Zusammenhang: Pflanzen und Tiere und Steine, die Luft über uns und die Erde unter uns gehören auch dazu, da ist überall Leid und Unrecht und Tod. Da ist überall Gefangenschaft, unerlöstes Wesen. Was ist der Mensch Anderes als ein kleines Stücklein Natur mit all der Unvollkommenheit, die der Natur anhaftet? Und was ist die Natur Anderes als ein ungeheures Spiegelbild des Menschen, ein Spiegelbild, das überall mit furchtbarer Deutlichkeit nicht von Freiheit, sondern von Gefangenschaft redet? Das bin ich!, sagt dir die Natur — und das bist auch du!, setzt sie hinzu, Kampf und Selbstsucht und Verkehrtheit und Leid und Tod!</p>
        <p>So, nun gib <hi rend="italic">Antwort</hi> als ein rechtes <hi rend="italic">Kind Gottes</hi> auf die lange Zweifelsrede. Ich sage das nicht nur so zum Wortemachen: als Kinder Gottes müßten wir antworten. Wir können eben die rechte Antwort nur geben, wenn wir wieder fest daran denken, wer Gott ist und wer wir sind. Und wenn wirs vielleicht vergessen haben, dann müssen wir uns durch den Blick auf Christus wieder recht darin fest machen. Sonst erdrücken uns diese Fragen, denn sie sind viel zu schwer. Mancher <hi rend="italic">Glaube, der nicht fest ist</hi>, manche Hoffnung, die noch menschlich-unrein ist, muß einfach unter ihrem Gewicht zerbrechen oder doch zusammenknicken. Gott ist ein Anderer, als wir uns gedacht, sagt sich dann der geknickte Glaube. Gott will wohl die Freiheit und das ewige Leben der Menschen. Aber niemand weiß, wie es dazu kommen soll. Denn in seiner unerforschlichen Weisheit will er beständig auch noch ganz andere Dinge, die von Freiheit und Leben das Gegenteil sind, will Streit und Gift und Schmerz und Tod bei Tieren und Pflanzen und darum wohl auch Krieg und Torheit und Vergänglichkeit bei den Menschen. Er zeigt uns ein Ziel, aber er legt uns auch Stein um Stein in den Weg, damit wir es nicht erreichen, und wie wir es doch erreichen sollen, das <hi rend="italic">können</hi> wir nicht wissen, das ist wiederum sein unerforschlicher Ratschluß. Seht, so muß <pb xml:id="p179" ed="pga"/> der geknickte Glaube antworten. Wir haben wohl alle schon so geantwortet und gedacht.</p>
        <p>Aber jetzt laßt das Kind Gottes reden, das es besser weiß. Was weiß es? Es weiß, wer <hi rend="italic">Gott ist und bleibt</hi> durch Alles hindurch. Es schaut hin auf seine väterliche Güte und weiß, daß es damit in sein Herz hineinschaut und daß in diesem Herzen Gottes keine anderen Gedanken sind als Friedensgedanken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.11">Jer. 29,11</ref>]. Es weiß: nein, in Gott ist nichts Unerforschliches außer der wunderbaren Tiefe und Höhe seiner Liebe zu uns. Aber keine verborgenen Abgründe, keine Fußangeln, keine Steine, die Gott auf unsere Wege legte. In ihm ist nur Licht und keine Finsternis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.5">1.Joh. 1,5</ref>]. Oder wissen wir etwas Anderes von Gott, wenn uns Christus seinen Vater gezeigt hat?</p>
        <p>Woher dann die Finsternisse des Lebens, das Krumme und Tote in unserem Dasein, die Steine und Fußangeln auf unserem Weg? Ja woher? Weil wir von Gott uns weggewandt, weil die Menschheit seit <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Tagen und in jedem einzelnen Menschlein wieder Gott den Rücken gekehrt und es ohne ihn hat machen wollen. Wo man sich vom Lichte wegkehrt und auf seine eigenen Füße sieht, da muß freilich Schatten sein. Aber daran ist doch das Licht nicht schuld! Daß wir Gott nicht haben, das ist unsere Not; weil wir aus abgeleiteten Brunnen lieber trinken als aus der Quelle [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.2.13">Jer. 2,13</ref>], weil uns das geschaffene Leben lieber ist als der Schöpfer, weil wir unseres Grundes und Wesens vergessen haben, darum muß es dunkel sein um uns, darum müssen Gewalt und Tränen und Vergänglichkeit, Krieg und Elend und Unruhe und Gegensatz auf unserem Wege sein. Gott ist nicht ein finsterer Gott! Und Gott hält uns nicht absichtlich ferne von seinem Licht. Wohl aber trennt uns unsere Schuld von ihm. Oder wissen wir etwas Anderes von ihm, frage ich noch einmal, wenn wir daran denken, was Christus uns erschlossen hat?</p>
        <p>Und darum können wir doch gar nicht anders denken an die Finsternisse des Lebens als mit der festen Gewißheit: das alles <hi rend="italic">muß doch gar nicht so sein</hi>, eben weil es ja doch nicht von Gott ist. Ja, ohne Gott, da wären wir nun freilich ratlos, da könnten wir nur sagen: das kann wohl nicht anders sein; aber nun sehen wir auf Gott hin, und sofort wird unser Blick Sehnsucht und Glaube und Gewißheit: meine Not und aller Menschen Not hebt Gott auf, wendet sie durch seines Armes Kraft in Freude und Gerechtigkeit, wenn der Bann gebrochen ist, der uns von <pb xml:id="p180" ed="pga"/> ihm trennt, wenn wir ihn wieder gefunden haben als den Herrn unseres Lebens. Er ist dann eben auch der Herr der Welt und bringt Alles zurecht. Darum hat Jesus gesagt: wenn dein Auge licht ist, so wird dein ganzer Leib Licht sein, wenn aber das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird die Finsternis sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.22 Mt.6.23">Mt. 6,22f.</ref>]. Darum hat er kurzerhand die Armen und Elenden selig gesprochen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref> par.] und mit den schlechtesten Menschen freundlich verkehrt, weil er ihnen Gott wieder gebracht und damit ihre tiefste Not aufgehoben hat. Darum hat er den Menschen ihre Sünde vergeben und sie dann auch gesund gemacht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.1 Mk.2.11">Mk. 2,1–11</ref> par.], zum Zeichen, daß, wo Gott wieder einkehrt, Alles wieder göttlich wird, auch der arme Leib, auch das äußere Leben. Im Leben Jesu brach die Freiheit der Kinder Gottes leuchtend hervor. Weil er die Schuld zerbrochen, die Entfernung zwischen den Menschen und Gott aufgehoben hat.</p>
        <p>Ich meine, das ist ein Vorgang von so überwältigender Klarheit, daß wir gar nicht anders können, als nun von da aus auch auf jenes Spiegelbild der Naturwelt mit ihrer Unvollkommenheit und Vergänglichkeit <hi rend="italic">mit diesen Gedanken hinblicken</hi>. So hat es auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gemacht. Da ist alles <hi rend="italic">Schreckliche</hi> und Traurige und Widergöttliche in der Naturwelt da draußen, zu der wir ja auch gehören. Wir müssen es ja sehen, wir leiden ja mit darunter. Und auch das ist wahr, daß Gift und Streit und Zwang und Tod da draußen gleichsam in einer Schlachtlinie steht mit dem Bösen in unserem Menschenleben. Das ist die Schlachtlinie unserer Feinde, die auch die Feinde Gottes sind. Aber nun hat Paulus etwas Gutes gesehen und ausgesprochen: es ist auch da draußen: in den Tierlein und Pflanzen, in der Luft und in der Erde ein <hi rend="italic">ängstliches Harren;</hi> es ist auch dort noch nicht erschienen, was da sein wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.2">1.Joh. 3,2</ref>], es liegt auch dort über Allem ein Schein, der die Wirklichkeit verhüllt. Der Schein ist all das Böse, das wir sehen müssen, gerade wie wir’s in unserem eigenen Leben sehen. Der Schein ist all das Entsetzliche, Sinnlose, von dem die Schöpfung voll ist. Was sollen wir davon denken? Sollte die Naturwelt sich mit uns von Gott entfernt haben? Sollten ihre Rätsel und Schauer Anzeichen sein dafür, daß Alles, was da ist, Himmel und Erde, wartet auf ein Neuwerden? Daß die wirkliche Welt auch da draußen erst kommen muß? Und nun sehnt sich alle Kreatur nach dem Eigentlichen. Sie seufzt und ängstet sich im Dienst der Eitelkeit und Verkehrtheit. Sie blickt aus nach einem realen Leben, nach der herrlichen <pb xml:id="p181" ed="pga"/> Freiheit der Kinder Gottes gerade wie wir Menschenkinder. Sie soll frei werden. Sie ist so wenig für die Finsternis bestimmt wie wir. Sie zeigt in ihrer unendlichen Schönheit und Mannigfaltigkeit und Fruchtbarkeit deutlich genug, daß freies, göttliches Leben ihr eigentliches Wesen ist. Aber dies Wesen muß erst offenbar werden.</p>
        <p>Liebe Freunde, ist das nicht ein freudiger, großer Gedanke, daß da draußen eine ganze unermeßliche Welt gleichsam mit uns im Kampf steht gegen denselben Feind, daß auch da draußen Alles einer neuen Welt, einer Erlösung entgegengeht? Nein, das soll uns nicht niederdrücken, die Tatsache, daß auch die Tierlein und die Pflanzen mit uns in der Gefangenschaft des alten Wesens sind, sondern die Augen öffnen muß uns das, daß wir sehen, wie groß die Freiheit eigentlich ist, die hereinbrechen will, Mut machen muß uns das zu einem ganz großen Glauben, der Alles umfaßt und überwindet; verklären und vertiefen muß das unsere Hoffnung, daß wir wissen: Gott will Alles neu machen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>].</p>
        <p>Und eins ist nun besonders wichtig: <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> meint, daß die Kreatur <hi rend="italic">warte auf die Offenbarung der Kinder Gottes</hi>. Sie wartet auf uns, meine Freunde. Die Naturwelt wartet auf die Menschenwelt. Mit unserer Erlösung bricht auch die Erlösung da draußen an. Merkst du’s? Die Naturwelt ist nichts für sich. Sie ist unser Spiegel. Ihr Fall und ihre Auferstehung sind das Abbild der unsrigen. Nicht wahr, das weißt du, Kind Gottes, und siehst schon jetzt im Blühen und Grünen des Frühlings das Leben und nicht den Tod. Du hast ganz recht. Und wenn die Herrlichkeit der Gotteskinder völlig sein wird in uns, dann sehen wir gar nichts Anderes mehr da draußen. Dann sind auch die Kreaturen erlöst, die Unkräuter, die Giftschlangen, die Haifische, die vulkanischen Berge, die Hagelwolken. Sie singen dann alle ihr Lied in der großen Harmonie des Lebens, zur Ehre Gottes. Wer feine Ohren hat, kann es jetzt schon hören.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
            <head>Lied:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-48" type="song">Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName>, Strophen 1.3.4 und (nach der Predigt) 6 und 7 (= GERS [1952] 255; EG 70, mit teilweise abweichendem Text)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
       </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
