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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 17,14-20</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 17,14-20, 31. Januar 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27006 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 33–41.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 17,14-20</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 257</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 17,14-20, 31. Januar 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1698">KBA 1235</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1915-01-31">31. Januar 1915</date>
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          <epigraph>
          <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.17.14 Mt.17.20">Matthäus 17,14–20</ref>
          <quote>… Warum konnten wir ihn nicht austreiben? … Um eures Unglaubens willen. Denn ich sage euch wahrlich: So ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich von hinnen dorthin!, so wird er sich heben, und euch wird nichts unmöglich sein.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Warum konnten wir ihn nicht austreiben? — O die armen Jünger! Da stehen sie, verlegen und errötend und kopfschüttelnd vor dem epileptischen Büblein und seinem jammernden Vater. Sie hatten es nicht heilen können. Sie konnten ihm lange die Hand auflegen, sie konnten lange starke, gewichtige Worte zu ihm reden, wie sie es bei ihrem Meister gesehen und gehört hatten, es wurde doch nicht gesund. Das Vertrauen, das die Leute in sie gesetzt hatten, war getäuscht, und sie selber mußten sich gestehen, daß sie sich in ihrer Kraft getäuscht hatten. Es ging nicht. Sie richteten nichts aus. Und nun kam Jesus. Und da geschah etwas. Das Unmögliche wurde möglich. Die Kraft, die vorher nicht hatte erscheinen wollen, war auf einmal da. Jesus hatte das lösende Wort und die starke Hand, um zu helfen. Der Knabe war geheilt von Stund an. Da nahmen die Jünger Jesus auf die Seite, halb ärgerlich, halb beschämt, <pb xml:id="p034" ed="pga"/> halb ahnungsvoll ehrfürchtig vor dem Geheimnis, vor dem sie standen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben, den bösen Krankheitsgeist? O die armen Jünger!</p>
          <p>O wir armen Menschen! So stehen wir doch alle da vor den Finsternissen des Lebens, vor der Sünde und der Not und dem Tod. Wie tut es uns so herzlich leid, daß so viel grobes und feines Unrecht ist in unserem Leben. Wie tut es uns so weh, daß so viele Tränen fließen müssen alle Tage. Wie bekümmert es uns, daß Torheit und Schlechtigkeit so stark sind in der Welt, daß die Verhältnisse soviel Gutes nicht erlauben, soviel Schlechtes notwendig machen, daß so viel Schatten ist über den Menschen. Und wir würden doch so gerne helfen, daß aus der Finsternis Licht wird. Wer wollte dazu nicht helfen, wenn er kann und soweit er kann. Das versteht sich ja ganz von selbst, daß das Gute besser ist als das Böse. Das wissen wir alle, daß eigentlich Freude sein solle in der Welt statt der vielen Traurigkeit. Und die Schatten, die über der Menschheit liegen, sind für uns alle ein stiller Vorwurf, ein leiser Ruf: komm und hilf, daß es anders wird! Und wir möchten so gerne und probieren es da und dort. Wir setzen an und wünschen, daß Lüge und Gewalt weniger groß sein möchten in der Welt, und nehmen mutig den Kampf dagegen auf. Und dann merken wir erst, wie unendlich tief und zäh die Wurzeln in den Gewohnheiten und Einrichtungen und in den Menschen selbst und in unserem eigenen Herzen [sind], und wenn uns am Anfang ein kleiner Hoffnungsschimmer leuchtete, wir könnten etwas ausrichten, so merken wir bald: über winzig kleine scheinbare Erfolge kommen wir nicht hinaus, lassen früher oder später die Hände sinken, durch Erfahrung klug geworden; es ist nichts zu machen!</p>
          <p>Wieder setzen wir an, weil es uns jammert, daß soviel Irrtum und Unverstand um uns her ist. O, ich will es ihnen sagen, ich will sie aufklären, sie werden es gewiß verstehen müssen. Nein doch: sie können es nicht verstehen, sie schütteln die Köpfe, sie wollen die Wahrheit nicht haben, und wenn es zehnmal die Wahrheit wäre, und müde ziehen wir uns auf uns selbst zurück, und zum Mißerfolg kommt auch noch der Zweifel: habe ich denn selbst die Wahrheit? bin ich nicht selbst voll Irrtum und Unverstand?, und gewiß haben wir Recht, so zu zweifeln.</p>
          <p>Und wieder setzen wir an und möchten, daß der Not und des Leids und der Sorge etwas weniger werde: trösten mit freundlichem Wort hier und greifen mit helfender Hand ein dort, möchten Mut und Zuver<pb xml:id="p035" ed="pga" break="no"/>sicht verbreiten und lassen uns keine Mühe und kein Opfer reuen. Bis das Weh der Menschen uns auf einmal so grenzenlos vorkommt, daß uns alle unsere Bemühungen wie Tropfen auf einen heißen Stein erscheinen, daß wir selber von Traurigkeit erfaßt werden über all das Traurige. Vielleicht hören wir dann überhaupt auf, vielleicht fahren wir fort, aber so gleichgiltig, so unfreudig, so hoffnungslos. Es kommt auf eins heraus. Wir wissen nur eins: es nützt doch nichts. Der Schatten ist so groß und schwer, daß alles Helfenwollen umsonst ist. Die Menschen bleiben, wie sie sind. Die Welt bleibt, wie sie ist. Und wir sind ja auch Menschen. Wir sind auch ein Stück Welt. Wir stehen selber im Schatten. Woher sollten wir die Kraft nehmen, den Menschen und der Welt Licht zu bringen?</p>
          <p>Aber halt! Nun sehen wir etwas Merkwürdiges: die Finsternis des Lebens ist nicht undurchdringlich und unbesieglich. Es gibt tatsächlich Kräfte, denen sie weichen muß<note xml:id="n01"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «müssen»; Korrektur vom Hrsg.</note>. Nur daß es nicht unsere Kräfte sind. Wir sehen Menschen den Kampf aufnehmen gegen Lüge und Vorurteil, und so gewaltig die sein mögen, sie verlieren an Boden, sie müssen sich zurückdrängen lassen. Wir sehen Menschen sich stemmen gegen das Unrecht, und so stark das ist, es gelingt ihnen, ein Stück Ordnung und Frieden aufzurichten in der Welt, allen Erfahrungen zum Trotz. Wir sehen Menschen mutig und unentwegt für die Wahrheit zeugen, unbekümmert um alle Mißerfolge, und siehe da: ihr Wort schlägt ein, es wird etwas heller um sie her, schwächer wird der Irrtum, stärker die Einsicht. Und wir sehen Menschen fröhlich den dornenvollen Weg der Liebe gehen zu den Armen und Kranken und Hintangesetzten, zu den Kindern und Unerfahrenen, und so wenig sie scheinbar ausrichten und erreichen, es verwandelt sich auf geheimnisvolle Weise in Vieles, das gute Wort, die gute Tat, sie bleiben nicht allein, es entsteht etwas wie eine Insel des Friedens und der Freude mitten im Meer des menschlichen Elends. Ihr wißt, daß solches tatsächlich geschieht.</p>
          <p>Aber woher kommen die Kräfte, die das fertig bringen? Warum konnten wir ihn nicht austreiben, den bösen, giftigen, traurigen Lebensgeist? Warum haben wir das Heil nicht, das befreit, segnet und gesund macht? Und müssen doch sehen, daß Erlösung und Heil wirklich da ist. Müssen es sehen an befreiten, fröhlichen Menschen, die wir um <pb xml:id="p036" ed="pga"/> uns wahrnehmen, an Taten der Kraft und der Barmherzigkeit, die wir nicht anzweifeln können, an tatsächlichen Veränderungen, segensreichen Wandlungen im Leben der Menschen, die wir einfach anerkennen müssen. Warum bringen wir das nicht fertig? Das ist etwas vom Wunderbarsten und zugleich vom Schmerzlichsten, sehen zu müssen, wie solche Gotteskräfte wirksam sind in den großen Führern und Weisen und Helden und Helfern unseres Geschlechts, aber auch in einfachen, schlichten, unbekannten Männern und Frauen, je und je auch einfach in der namenlosen Masse, die im dunklen Drange den rechten Weg<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, Faust I, V. 328f</bibl>. (Prolog im Himmel): 
            <q rend="block">
                                <lg>
              <l>Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange</l>
              <l>Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> zur Wahrheit und zum Leben fand, wo die Weisen und Klugen dastanden, probierten und disputierten und keinen Schritt vorwärts kamen. Woher diese Gotteskräfte, die die einen haben und die anderen nicht, obwohl sie auch fromm und klug und guten Willens zu sein meinen? Woher das Rätsel, daß oft gerade der Verstand der Verständigen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.19">1.Kor. 1,19</ref>], der Eifer der Eifrigen, die Frömmigkeit der Frommen, das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> der Christen tausend Schritte weit zurückbleibt hinter dem, was einfältige Gemüter ohne viel Kraft und sogar ohne viel christliche Gedanken einfach entdeckt haben und üben, als ob es nicht anders sein könnte? Sind denn nicht alle Menschen die Gleichen, ausgerüstet mit einem gewissen Maß von Tugenden und Fähigkeiten und beschwert durch eine ziemliche Menge von Fehlern? Woher diese ungeheuren Verschiedenheiten der Wirkung: hier Mißerfolg und Enttäuschung, dort Kraft und Sieg?</p>
          <p>O ja, die Menschen sind im Großen und Ganzen die Gleichen. Was der Eine vor dem Anderen voraus hat, das ist in dieser Frage nicht der Rede wert. Aber in dem Einen ist Christusliebe, in dem Anderen nicht, das ist das Geheimnis des Unterschiedes. Die Einen sind erfaßt von jenem Sinn und Geist, der in Christus war. Sie sind erlöst worden von sich selbst; ihre kleinen Wünsche und Begehren für ihre eigene Person sind zur Ruhe gekommen in dem einen großen Wunsch für Gottes Sache. Sie glauben an Gottes Herrschaft über die Welt, sie wissen von allem Bösen und Schmerzlichen im Leben nur noch das, daß es ja nicht bestehen kann vor Gottes Majestät, daß Gott in wahrer Sorge ist über Alles, was nicht er und nicht von ihm ist. Und nun sind sie auch von <pb xml:id="p037" ed="pga"/> vornherein fröhlich, weil sie wissen, daß nur eins ihnen bevorstehen kann, nämlich die Teilnahme an Gottes Herrschaft und Sieg. Ihr Weg mag durch Kreuz und Leiden, durch Frage und Enttäuschung hindurchgehen, aber er geht hindurch, sein Ziel ist Herrlichkeit. Und diese Herrlichkeit heißt leuchten, wie Gott Licht ist. Segen spenden, wie Gott segnet. Freude und Kraft verbreiten, wie in Gott nichts als Freude und Kraft ist. Das Reich dieses herrlichen Gottes ist in ihnen, sie können nicht mehr anders. Daneben sind sie auch Menschen wie die anderen, haben ihre schwachen Kräfte wie die anderen und ihre großen Fehler wie die anderen. Sie sind keine Engel. Das Geheimnis ihres Wesens und ihrer Wirkung besteht nicht darin, daß sie außerordentliche Menschen sind, sondern darin<note xml:id="n03">
                            <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «das»; Korrektur vom Hrsg.</note>, daß sie als ganz gewöhnliche Menschen innerlich in Gottes Reich stehen, in diesem Reich der Wahrheit und der Liebe. Wir wollen sie recht verstehen, diese Menschen mit den merkwürdigen Wirkungen: sie sind gerade, was wir sind, nur daß in ihnen zum Vorschein gekommen ist aus dem Nebel und Schutt alles menschlichen Wesens, was wir alle eigentlich im Verborgenen sind: die Kindschaft des ewigen Vaters, vor dem es keine Finsternis und kein Hindernis gibt.</p>
          <p>So war Jesus. Das ist das Geheimnis seiner Person. Darum sind außerordentliche Wirkungen von ihm ausgegangen. Es war kein Zauber. Es waren Wunder nur für die Anderen, nicht für ihn selbst. Es war einfach das Wirken Gottes des Herrn durch einen Menschen, der sich ihm völlig geöffnet und ergeben hatte. Und wo wir im Leben und in der Welt etwas wahrnehmen von Gotteswerken und Gottestaten, deren wir uns unfähig fühlten, und da wollen wir nicht träumen und fabulieren von besonderen Naturanlagen, die gewissen Menschen einen Vorzug geben vor anderen, da wollen wir nicht kindisch Menschen rühmen und verherrlichen, als ob an ihnen etwas Besonderes wäre, da wollen wir uns auch nicht in falscher Scham zurückziehen und denken: solches Leben und Wirken sei nichts für uns. Nein, da ist einfach das Gottesreich in Wirksamkeit und Kraft. Da ist Christusliebe im Geist und in der Wahrheit. Da ist Glaube, der lebendiger Glaube ist. Wo die sind, da können freilich die Menschen mehr als wir. Da tun sie freilich Dinge, die uns wie Wunder vorkommen. Obwohl sie auch arme, sündige Menschen sind. Obwohl sie vielleicht törichter und schlechter sind als wir. Ob<pb xml:id="p038" ed="pga" break="no"/>wohl wir vielleicht gerechte Bedenken und Vorwürfe gegen sie erheben mögen. Es ist einfach Tatsache, daß erlösende, heilende Wirkungen von ihnen ausgehen, die uns fehlen. Und diese Tatsache hat ihren guten Grund.</p>
          <p>Aber, meine Freunde, was sie können, das könnten wir eigentlich auch. Jesus wollte nicht als ein einsamer, einzigartiger Mensch seine Wunder tun, sondern er wollte den Menschen zeigen, was sie eigentlich alle auch zu tun vermöchten. Sie sollten von seinen Taten eine Ahnung und einen Eindruck bekommen von der Kraft Gottes, die uns allen zugänglich ist, über die wir alle verfügen könnten. Und darum antwortete er dort seinen beschämten Jüngern, die ihn frugen: warum konnten wir ihn nicht austreiben?, nicht etwa damit, daß er ihnen sagte: weil ihr nicht seid, was ich bin!, sondern: um eures Unglaubens willen! Ihr könntet noch viel Größeres, ihr könntet das Größte tun, wenn ihr glauben würdet. Wenn ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: heb dich von hinnen dorthin!, so wird er sich heben, und nichts wird euch unmöglich sein! Das war ein Gleichniswort. Der Berg ist das Ungeheure, das Klotzige, das Unbewegliche. Wie könnte man die Welt mit ihrem Schmerz, ihrem Greuel, ihren Unbegreiflichkeiten besser abbilden: ein Berg. Der steht da. Der ist nun einmal so — der war immer so und wird immer so bleiben. Da kann man lange dagegen anrennen, da kann man lange hier einen Stein lossprengen und dort einen Weg machen und dort ein Schutzmäuerlein bauen, der bleibt doch der Berg, der er immer war. Die Menschen kommen und gehen, die Welt und das Leben sind ewig und unwandelbar, was sie sind.</p>
          <p>Nein, sagt Jesus, das ist nicht wahr. Dieselbe Kraft, die den Stein heben und wegschleudern kann, kann auch den ganzen Berg bewegen. Dieselbe Kraft, die das arme Büblein gesund machen konnte, kann auch der ganzen Welt Heil und Frieden und Freude bringen. Der <hi rend="italic">ganzen</hi> Welt! Ihr sollt die Dinge auch tun, die ihr mich habt tun sehen, und ihr sollt Größeres tun denn diese [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.12">Joh. 14,12</ref>). Es gibt eben gar nichts, vor dem der Mensch einfach die Waffen strecken müßte: das ist nun ungeheuer, das ist klotzig, das ist ein Berg, da ist nichts zu wollen und zu machen. Der Mensch, der im Gottesreich steht, hat Macht über Alles. Denn Alles, was ist, ist ja doch durch den Willen Gottes. Und wenn Gott anders will, dann werden auch alle Dinge anders. Ist jetzt die Welt <pb xml:id="p039" ed="pga"/> voll Trauer und Herzeleid, voll Krieg und Elend, voll Unrecht und Lüge, so ist das wohl Gottes Wille, denn er will, daß die Verkehrtheit der Menschen reif werde. Und so entstand und entsteht immer wieder die Welt und das Leben, die wir jetzt kennen und haben. Aber damit ist’s nicht zu Ende: Gott wartet, ob uns nun die Einsicht komme in die Verkehrtheit unseres Sinnes. Und aus der Einsicht die Freude, ihm wieder recht zu geben, von dem wir uns entfernt haben. Wo diese Einsicht und diese Freude da ist, wo das verborgene, lang verkannte Gottesreich hervorbricht in den Menschen, die Christusliebe, der lebendige Glaube, da wird auch die Welt anders, weil Gott sie nun anders haben will. Da bewegt sich der unbewegliche Berg, weil nach langen Zeiten der Sünde und Schuld und Strafe nun die Zeit des Heils gekommen ist von dem her, der der Herr ist über Alles.</p>
          <p>Meine Freunde, Alles, was die Welt finster macht, alle Ursachen von Zorn und Tränen und Sorgen, alle bösen Menschen, alle traurigen Verhältnisse, alles grobe Unrecht und alle feinen Lügen in der Welt warten eigentlich nur darauf, daß wir kommen und Taten an ihnen tun, wie Jesus sie getan hat, als er noch auf Erden ging, und noch viel größere. Das Böse lebt nicht in sich selbst, und darum ist es auch nicht so unerschütterlich, wie es oft aussieht. Es ist eigentlich nur ein Schatten, laß es hell werden, dann verschwindet er. Es ist überhaupt nur da, weil das Gottesreich, die Christusliebe, der lebendige Glaube noch nicht in uns sind. Wenn etwas davon, nur etwas in uns sein wird, dann wird’s anders, dann wendet sich der Wille Gottes und drängt das Böse zurück. Dann muß der Berg weichen, und die Welt tritt wieder hervor, wie Gott sie erschaffen hat, wie sie eigentlich ist. Seht, überall, wo Finsternis ist, wartet ein Licht, dem wir rufen können. Überall, wo wir Traurigkeit sehen, wartet eine Freude, die wir nur erwecken müssen. Überall, wo die Ungerechtigkeit herrscht, wartet das Recht, wartet nur darauf, ob wir es endlich anerkennen wollen. So wartet jetzt im Krieg der Friede, wartet darauf, daß die arme, aus tausend Wunden blutende Menschheit aufstehe und einmal sage: nun soll Friede sein für immer. Es gibt gar nichts Böses, weder im Großen noch im Kleinen, das nicht gewendet werden könnte. Und Gott will es wenden.</p>
          <p>Aber er will auch haben, daß wir zuerst ihn wieder als unseren Vater erkennen. Das hat Jesus getan. Das haben alle die getan, die Außerordentliches und Erstaunliches vollbracht haben in der Wahrheit und in <pb xml:id="p040" ed="pga"/> der Liebe. Aber was sie können, können wir auch tun. Unser Herz und unser Gewissen und unser Wille sind bestimmt für Gottes Reich so gut wie sie. Gott freut sich darauf, uns seine lieben Kinder zu nennen und [sich von uns] «unser Vater!» rufen zu hören, so gut wie von jenen. Sind wir nun seine Kinder, so sind wir auch seine Erben und Miterben Christi [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.17">Röm. 8,17</ref>] wie jene und haben Anwartschaft auf Teilnahme an ihrer Herrlichkeit. Ihr Beispiel soll uns nicht bloß eine Rührung und Erbauung sein. Es soll uns auch nicht bloß beschämen und demütigen. Es soll uns hinreißen aus unserer Selbstsucht und Schwachheit zu dem Gott, der alle Wunder tut und auch durch uns tun will.</p>
          <p>Das ist der Glaube, meine Freunde, wenn wir von Christus und seinen lebendigen Nachfolgern hingerissen werden zu dem Gott, der der Herr der Welt ist, der Berge versetzt, der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.46.10">Ps. 46,10</ref>], der alles Unheil wendet durch seines Armes Kraft, wenn er unser Herr geworden ist. Glauben heißt nicht schlafen. Und Glauben heißt nicht weiterdenken und weiterträumen, wie wir’s von Jugend an gewöhnt sind. Glauben heißt auch nicht gemächlich denken und tun, was uns unser Menschenverstand gerade eingibt. Glaube ist ein kühnes Aufstehen und Zugreifen, ein Wagnis, ein Sprung ins Dunkle. Wir meinen es nicht verstehen zu können, was Gott uns vorhält. Wir meinen nicht tragen zu können, was er uns auferlegt. Wir meinen nicht tun zu dürfen, was er von uns verlangt.</p>
          <p>Aber der Glaube sieht nur auf eins: Es ist Gott, der es haben will, und darum muß es sein. Und darum wagt er fröhlich das Unbegreifliche. Darum tritt er hinüber in die geheimnisvolle Gotteswelt, wo dem Menschenauge jeder Schritt dunkel scheint und wo doch der Geist weiß: es ist gut so! Wo es kein: Ich weiß nicht! gibt und kein: Ich kann nicht!, sondern nur Freudigkeit und Sieg, wenn auch vielleicht unter Seufzen und Tränen. Der Glaube ist der fröhliche Gehorsam gegen den ewigen Vater, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.9">1.Petr. 2,9</ref>]. Und eben darum ist der Glaube die Macht, die die Finsternis vertreibt. Alle Finsternis. Es gibt nichts, das ihm widerstehen könnte. Gott befreie uns von unserem Unglauben, dann können wir das kranke Büblein gesund machen und Berge versetzen und der Welt den Frieden geben.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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            <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-66" type="song">Nr. 33: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName>, Strophen 1-3 (= Reichs-Lieder 513,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-67" type="song">Nr. 9: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName>, Strophen 4.5.8 (= GERS [1952] 49,4.5.8; EG 326,4.5.8)</bibl>
            <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0033">Nr. 33</ref>: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von J. Neander, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">Reichs-Lieder</title>
513, 1-3</bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-gesd" target="b0009">Nr. 9</ref>: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 4.5.8
(<bibl><title level="m">GERS [1952]</title> 49, 4.5.8</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 326, 4.5.8</bibl>)</item>-->
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