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        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Das grosse Ja</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Das grosse Ja, kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 267–270.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Das grosse Ja</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 267-270</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1959</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Das grosse Ja, in: Leben und Glauben. Evangelisches Wochenblatt (Laupen-Bern) Jg. 34, Nr. 52 (26.12.1959), S. 4 </bibl>
        <bibl xml:id="A1" type="source">A1 (Exemplar von A): Barth, Karl, Das grosse Ja, 26. Dezember 1959. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6117">KBA 801</ref>. </bibl>
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      <head type="header">DAS GROSSE JA</head>
      <p rend="center">[Advent <date when="1959">1959</date>]</p> 
     
   
        <p>Ja heißt bekanntlich: Einverstanden! Recht so! Ich hatte einen kleinen Großsohn — er ist unterdessen längst ziemlich groß geworden —, dessen erstes und damals für eine gute Zeit einziges deutliches Wort war das Wörtlein <hi rend="italic">Ja:</hi> nach dem Erwachen und vor dem Einschlafen, wenn er allein und wenn er unter Anderen war, nur eben ein eigentümlich intensives und überaus freundliches Ja. Die Möglichkeit, daß er daneben oder gar überhaupt auch Nein sagen könnte, schien ihm nicht bekannt zu sein. Er war offenbar mit dem, was er um sich sah und hörte, nur eben einverstanden. Es freut und tröstet mich noch jetzt, wenn ich daran denke: weil es mir eine kleine ferne Erinnerung an das große Ja ist.</p>
        <p>Das große Ja hat nun freilich — im Unterschied zu dem Ja jenes Bübleins — auch ein deutliches <hi rend="italic">Nein</hi> in sich: nicht neben sich, aber in sich! Nein heißt: Nicht einverstanden! Falsch, verkehrt, böse! Im großen Ja ist auch ein solches Nein enthalten. Und es gibt kein so scharfes Nein wie das, das in dem großen Ja enthalten ist. Wo das große Ja laut und gehört wird, da kommt der Hochmut, die Dummheit, der Betrug und Selbstbetrug der Welt und des Menschen ans Licht, da wird er verurteilt und gerichtet, da ist es mit aller Selbstzufriedenheit und Eitelkeit vorbei, weil diesem großen Ja gegenüber Keiner sich selbst rechtfertigen und rühmen kann. Kann Einer sich selbst noch für recht und gut halten, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, daß er das große Ja noch nicht gehört hat.</p>
        <p>Das große Ja ist ein Ja — <hi rend="italic">trotzdem!</hi> Ja, du Welt, ja, du Mensch — so lautet es — ja, du bist meine mir liebe Welt, mein mir lieber Mensch — ja, ich bin mit dir einverstanden, ja, du bist mir recht — trotzdem du das nämlich ganz und gar nicht verdienst, trotzdem ich eigentlich allen <pb xml:id="p268" ed="pga"/> Grund zum Gegenteil hätte. Ich sage Ja zu dir, indem ich selbst dem guten Grund, Nein zu dir zu sagen, den noch besseren Grund meines herrlichen, gerechten, heiligen Trotzes, des Trotzes meiner Gnade, entgegenstelle. Gerade nur in diesem meinem Trotz sage ich Ja zu dir! Höre also auch das Nein, das ich damit zu dir sage, daß ich so Ja zu dir sage! Du würdest mich nicht hören, wenn du nicht auch das Nein hören würdest, das in meinem Ja verborgen ist.</p>
        <p>Das große Ja ist ein Ja — <hi rend="italic">darum!</hi> Ja, du Welt, ja, du Mensch — so lautet es —, darum bist du trotzdem meine liebe Welt, mein lieber Mensch, darum bin ich trotz Allem mit dir einverstanden, bist du mir trotz Allem recht: Weil ich zuallererst und zuallerletzt Erbarmen mit dir habe. Und ich erbarme mich deiner darum, weil ich dir treu bin und bleibe. Ich bin und bleibe dir aber darum treu, weil ich dessen gedenke, daß ich dein Schöpfer war und dein Erlöser und Vollender sein werde, weil ich mir selber treu bleiben will. Dieser Grund meines Ja — mein Erbarmen, meine Treue, mein Gedenken — ist noch tiefer und stärker als der tiefste und stärkste Grund, den ich habe, Nein zu dir zu sagen. Aus diesem Grund stelle ich ihm meinen herrlichen, gerechten und heiligen Trotz entgegen. Aus diesem Grund zürne ich dir wohl, aber im Zorn der großen Liebe, in der ich dich heimsuche, — sage ich wohl Nein zu dir, aber das Nein, das nicht irgendwo neben meinem Ja, sondern nur enthalten, eingeschlossen und verborgen in ihm laut wird und zu hören ist.</p>
        <p>Das große Ja ist ein Ja — <hi rend="italic">dazu!</hi> —: zu einem bestimmten Ziel und Zweck nämlich. Ja, du Welt, ja, du Mensch — so lautet es —, dazu erbarme ich mich deiner, dazu bin ich dir treu, dazu gedenke ich meiner Güte als dein Schöpfer und Erlöser, dazu trotze ich dem Grund, den ich wohl hätte, es ganz anders mit dir zu halten: um dir zu rufen, um dich zu mir umzukehren und hinzuziehen, um dich also aus deiner Verkehrtheit herauszureißen, um dich umzuschaffen zu einer neuen Welt, zu einem neuen Menschen. Dieser mein Wille macht freilich mein Urteil und mein Gericht über dich und also mein Nein unvermeidlich. In diesem meinem guten Willen kann ich aber mein Nein nur einschließen in mein Ja. Wegen dieses meines guten Willens kann mein Nein wie nicht mein erstes, so auch nicht mein letztes Wort sein, kann es auch nicht neben dem Wort meiner Gnade, nicht als Widerspruch dagegen laut und gehört werden, kann es nur klar machen, daß meine Gnade wirkliche, freie Gnade ist. Mein Wille ist, dich zu erleuchten, dir zu helfen, dich <pb xml:id="p269" ed="pga"/> zu erretten. Was Anderes als mein überlegenes Ja könnte dir Licht, Hilfe, Errettung sein?</p>
        <p>Wir reden von dem Ja <hi rend="italic">Gottes</hi>. Als das seine ist es das <hi rend="italic">trotzdem</hi> und <hi rend="italic">darum</hi> und <hi rend="italic">dazu</hi> gesprochene, das <hi rend="italic">große</hi> Ja, das sich von jedem <hi rend="italic">kleinen</hi> dadurch unterscheidet, daß das Nein wohl in ihm eingeschlossen, aber auch überwunden ist. Es ist «in keines Menschen Herz emporgestiegen» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>). So kann auch kein Mensch von sich aus dieses große Ja sagen: zur Welt nicht, zu sich selbst nicht und zu seinem Mitmenschen auch nicht! Gott aber hat es gesagt und sagt es. Es ist als sein Gnadenwort zu uns Menschen herabgestiegen. Es ist das große Ja der Weihnacht, des Karfreitags, des Ostermorgens, des Pfingsttages. <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> ist das große Ja. In Jesus Christus ist Gottes Nein zur Welt und zum Menschen, sein Urteil und Gericht über sie erschreckend sichtbar, aber auch eingeschlossen in sein Erbarmen, seine Treue, sein Gedenken an seine eigene Güte, ist es gefangen in seinen guten Willen, uns zu erleuchten, zu helfen, zu erretten. In Jesus Christus ist Gott eindeutig mit uns einverstanden, sind wir ihm eindeutig recht. Noch einmal Paulus: «Gottes Sohn, Christus Jesus … war nicht Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein, sondern Ja ist in ihm gewesen; denn soviel Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, daher durch ihn auch das Amen, Gott zur Ehre durch uns» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.1.19 2.Kor.1.20">2.Kor. 1,19–20</ref>).</p>
        <p>Durch <hi rend="italic">uns?</hi> Ja, durch uns: wenn und indem und sofern wir uns bitten, einladen, auffordern lassen, das große in Jesus Christus gesprochene Ja als zu <hi rend="italic">uns</hi> gesagt anzunehmen und gelten zu lassen, von ihm als von unserem täglichen Brot, den Hungrigen gereicht, zu leben. Als eine von uns erfundene und vorgebrachte Meinung, Lehre und Theorie könnten wir es ehrlicherweise nicht aussprechen, könnte es auch bei Anderen nur Kopfschütteln erregen: zu schön, um wahr, zu triumphal, um brauchbar zu sein, eine Sache für Kleinkinder wie damals mein Enkel, oder eine Sache für christliche und andere Optimisten — keine Sache für reife und nüchterne Menschen, die im Kampf des Lebens stehen und also wissen, daß es kein Ja gibt ohne nebenher oder hinterdrein schleichendes, manchmal auch mit seinem Gebrüll den ganzen Raum erfüllendes Nein. Sicher, sicher! Unseren und allen menschlichen, auch unseren christlichen Meinungen, Lehren und Theorien zu mißtrauen besteht aller Anlaß. Gegen das große Ja aber, das Jesus Christus heißt und ist, gibt es kein Bedenken, keinen Zweifel, keine Einwände. In der <pb xml:id="p270" ed="pga"/> Wahrheit und Kraft dieses großen Ja wird alles Nein, das sich mit nur zu gutem Grund gegen die Welt und gegen Jeden von uns erheben mag und tatsächlich erhebt, zu einem <hi rend="italic">kleinen</hi> Nein. In diesem großen Ja darf sich die Welt, darf sich jeder Mensch mitten in dem Keinem ersparten Kampf schlicht, aber sicher geborgen und zugleich zu rüstigem Widerstand gegen Sünde, Tod und Teufel ermächtigt finden. In diesem großen Ja ist uns allen ein unwiderstehliches Vorwärts! (der Freiheit der Kinder Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.21">Röm. 8,21</ref>] entgegen) zugerufen. Von diesem großen Ja kann und darf man gerade als reifer und nüchterner Mensch <hi rend="italic">leben</hi> — nur von ihm!</p>
        <p>Wenn ich nun doch mit einem gewissen adventlichen Seufzer schließen möchte, so kann es nur der sein: Ach, wenn sich doch die Stimme der Kirche in der Welt (die Theologie ihrer Theologen, die Predigt ihrer Prediger, das praktische Wort der Christen unter sich und zu Anderen) viel, viel mehr als die Stimme der Zeugen dieses einen Notwendigen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], des großen, alles (in ihm klein gewordene!) Nein in sich schließenden, aber auch überwindenden Ja erweisen würde!</p>
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